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3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld in:

Karin Riedl

Liebe Freiheit!, page 81 - 104

Eine ethnographische Szenestudie zum Verhältnis von Nichtmonogamie und Neoliberalismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4184-0, ISBN online: 978-3-8288-7074-1, https://doi.org/10.5771/9783828870741-81

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Ethnologie, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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Zur Methodik und meiner Rolle im Feld Was heißt es nun genau, eine ethnologische Feldforschung zu machen? Diese Frage soll das folgende Kapitel beantworten, das die Methoden der Forschung und Datenauswertung, die Auswahl des Forschungssamples sowie meine Rolle im Feld schildert, reflektiert und theoretisch rückbindet. Teilnehmende Beobachtung und dichte Teilnahme Geschichte und Konzeption der Methode Trotz so mancher Versuche, ethnologische Forschung effektiver, kürzer und planbarer zu machen, hat sich ihre Kernmethode, die teilnehmende Beobachtung, seit den Zeiten Bronislaw Malinowskis, des Gründervaters der britischen Social Anthropology, nicht grundlegend verändert. Malinowski prägte in den 1920er Jahren den Begriff participant observation – ein Autorität verleihendes Hybrid, das die ‚harte wissenschaftliche Methode‘ mit der Konnotation des Erfahrungswissens aus erster Hand aufwertet. Seine Forschung präsentierte er dabei als abenteuerliches Unterfangen: „Versetzen Sie sich in die Situation, allein an einem tropischen Strand, umgeben von allen Ausrüstungsgegenständen, nahe bei einem Eingeborenendorf abgesetzt zu sein, während die Barkasse oder das Beiboot, das Sie brachte, dem Blick entschwindet.“103 Ist das Boot einmal verschwunden, besteht die Aufgabe des Ethnographen nach Malinowski darin, die „Methode statistischer Dokumentation durch konkrete Zeugnisse“104 auf kulturelle Normen und Sozialstruktur anzuwenden, und sie mit dem Erfassen der „Imponderabilien 3 3.1 3.1.1 103 Malinowski 1979 [1922]: 26 104 Ebd.: 41, i.O. kursiv 81 des wirklichen Lebens“105, also der nonverbalen Vorgänge, alltäglichen Abläufe sowie der „Geisteshaltung“106, zu verbinden. Auch ohne tropischen Strand und ohne einen heroisch inszenierten Autor (dessen Schwierigkeiten im Feld in Malinowskis Fall erst viel später publik wurden) läuft die teilnehmende Beobachtung immer ähnlich ab: Die Ethnologin geht ins Feld, schaut zu, wartet, versteht wenig, muss eventuell eine Sprache lernen, versucht Fragen zu formulieren, wartet noch mehr, führt Gespräche, die manchmal erhellend sind, manchmal nicht, macht eine große Menge von Aufzeichnungen, wird ob ihrer seltsamen Fragen, Fragebögen, Notizbücher und Aufnahmegeräte beäugt und belächelt und selbst befragt, sie hängt herum, trinkt örtliche Getränke, isst örtliches Essen, nimmt an sozialen Ereignissen und dem Alltagsleben teil, beginnt Kontakte zu knüpfen, Bedeutungen und Themen zu erkennen, modifiziert ihre Fragen, findet neue, lebt sich allmählich in den sozialen Zusammenhang ein und wird langsam zu einem – wenn auch immer noch besonderen – Teil des Sozialgefüges, wodurch erst ein tatsächlicher Zugang zu relevanten kulturellen Inhalten möglich wird. Nicht alle ins Auge gefassten Methoden können umgesetzt werden, dafür aber ergeben sich andere Zugänge, drängen bestimmte Gesprächspartner und Subthemen sich geradezu auf. Die Herausforderung besteht nun darin, eine angemessene Balance zwischen einer wenig reflektierten, sozial und emotional intensiven Teilnehmerrolle und einer distanzierten Beobachterrolle zu finden: beide gleichermaßen unabdingbar für eine solide Ethnographie. Hatte die Forscherin zu Beginn eine theoriebegründete Hypothese, wird diese meist von der Realität überrollt – ein unbequemer, aber für eine valide, empirisch fundierte Theoriebildung und -modifikation unumgänglicher Vorgang. Wir sehen also: Teilnehmende Beobachtung ist langwierig und zeitaufwändig, wenig strukturiert, von geringem Effektivitätsgrad, verunsichernd und höchst subjektiv, erlaubt aber zugleich einen tieferen und umfassenderen Zugang zum Forschungsfeld als jede andere, stärker formalisierte Methode der Sozialforschung. Zudem ist sie explorativ, kann also Fragen und Themen im Feld auffinden, nach denen zu Beginn gar nicht gesucht wurde – was etwa vorformulierte Fragebögen 105 Malinowski 1979 [1922], i.O. kursiv 106 Ebd. 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 82 und Statistiken nicht leisten können (obwohl sie eine wichtige Ergänzung darstellen). Das im Konzept der teilnehmenden Beobachtung bereits angelegte Element der emotionalen Teilhabe, der Empathie und Resonanz mit den Menschen, deren Welt man zu verstehen sucht, arbeitet der Bayreuther Ethnologe Gerd Spittler in seinem durch langjährige Forschungen begründeten Entwurf der dichten Teilnahme weiter heraus. Trotz berechtigter Kritikpunkte an der teilnehmenden Beobachtung – zu diesen zählen neben den bereits genannten auch geringe Repräsentativität und mangelnde Erfassbarkeit breiterer politischer und historischer Zusammenhänge – gibt es, so Spittler, gute Gründe, diese Forschungsmethode sogar in ihrer radikalisierten Form, eben der dichten Teilnahme, zu praktizieren – denn sprachliche Erfassbarkeit, systematische Beobachtung und vorgefasste Theorie stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn man es mit Redetabus und tacit knowledge, also nicht verbalisiertem, verkörperlichtem Wissen, mit zwar beobachtbaren, aber interpretationsoffenen Situationen und mit heterogener, komplexer sozialer Realität zu tun bekommt, gegenüber welcher jede Theorie reduktionistisch ist107. Von zentraler Bedeutung ist es für Spittler, die fragliche Lebensrealität durch enge Teilnahme, womöglich gar durch Übernahme einer vorhandenen sozialen Rolle wie etwa der eines Lehrlings, mit allen Sinnen zu erleben – also auf körperlicher wie seelischer Ebene zu fühlen, wie die Anderen fühlen. Idealerweise ergänzen sich hierbei Sehen, informelle Gespräche und aktive Teilhabe. Erst durch geteilte Erfahrung und Empathie sieht Spittler ein fundiertes Verständnis für soziale Wirklichkeit gegeben, und hierin liegt auch die besondere Qualität dichter Teilnahme: Sie ermöglicht es, nonverbales Wissen, das sich in Handlungen transportiert, zu erfassen, sowie Atmosphären, kulturspezifische Gefühlsmuster und komplexe soziale Situationen, Konstellationen und Abläufe richtig und im Geertzschen Sinne ‚dicht‘ zu interpretieren108 – ein Ansatz also, der den ganzen Menschen als geeignetes ‚Forschungsinstrument‘ betrachtet, um Menschliches zu erfassen. Spittler verweist auf eine Studie von Keller und Keller (1982), die nach mehrjähriger Praxis im Schmiedehandwerk feststell- 107 Vgl. Spittler 2001: 5 ff. 108 Vgl. ebd.: 19 f. 3.1 Teilnehmende Beobachtung und dichte Teilnahme 83 ten, dass das ihnen vermittelte taktile und sensorische Wissen weder verbal ausdrück- noch erfassbar sei109. Auch Bourdieu-Schüler Loïc Wacquant eröffnet seine literarisch beeindruckende Ethnographie Body & Soul über einen Boxclub in Chicago mit der – von der Bourdieuschen Praxisbetonung herrührenden – Forderung, die Sozialwissenschaften sollten die „fleischliche Dimension der Existenz“110 erfassen und das unmittelbare Erleben ernst nehmen. Die Grenzen dieser Methode liegen, wie Spittler ebenfalls ausführt, auf der Hand: Wie das seit langem diskutierte Problem des going native illustriert, besteht die Gefahr, dass der Forscher aus seiner Teilnehmerrolle nicht mehr zurückkehrt und den ‚wissenschaftlichen‘ – also distanzierten, abwägenden, einordnenden, multiperspektivischen – Blick auf sein Feld völlig verliert. Auch die Einschränkung auf eine bestimmte soziale Rolle kann, obwohl sie eine genauere Kenntnis derselben ermöglicht, den Zugang zu anderen Rollen und damit eine breitere Perspektive verstellen111. Der immer gegebene Einfluss der Subjektivität des Forschers auf die Auswahl des Feldes, auf Fragestellungen und Theoriebildung, auf den Zugang zum und die Rolle im Feld, letztlich auf den gesamten intersubjektiv ablaufenden Forschungsprozess, potenziert sich mit der bewussten Abwendung von quantifizierenden Methoden und der Betonung empathischen Miterlebens – die Notwendigkeit bestmöglicher Selbstreflexion, die das Fallenlassen des aus den Naturwissenschaften abgeleiteten Objektivitätsanspruches angesichts seiner Unerfüllbarkeit ohnehin nach sich zieht, tritt im Kontext der dichten Teilnahme umso deutlicher hervor. Meine Forschung lässt sich also in weiten Teilen als teilnehmende Beobachtung beziehungsweise dichte Teilnahme fassen, da sie sich auf extensive Anwesenheit an Szeneorten, viele Stunden von Zusammenleben, freundschaftliche Unternehmungen, abendliche Treffen, Feiern, gemeinsame Urlaube und auf immer wieder aufgenommene, wiederholte, sich wandelnde, Probleme und Meinungen von allen Seiten sondierende, reflektierende, prüfende, assoziierende und dabei kaum formalisierte Gespräche stützt (auf ergänzende ‚härtere‘ Methoden gehe 109 Vgl. Spittler 2001: 13 110 Wacquant 2004: vii; i.O. „the carnal dimension of existence“ 111 Vgl. Spittler 2001: 18 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 84 ich später ein). Darüber hinaus aber weist sie einige Besonderheiten auf, die ihre eigenen Herausforderungen bergen. Das autoethnographische Element Nun habe ich doch tatsächlich diesen Mann mit nach Hause gebracht. Ich kenne ihn ein wenig, ja, aber eigentlich sollte das nur ein Interview werden, bei einem Bier in der Glockenbachwerkstatt. Er hat es drauf an‐ gelegt, keine Frage, ziemlich frech und dabei so umhüllend warmherzig, dass ich mitgemacht habe, auch das keine Frage. Jetzt sitzt er einfach da an meinem Schreibtisch, liest in Der neue Geist des Kapitalismus und meint, das ähnle doch alles in allem der Subsumption des Kapitals, einem Begriff von Marx. Er macht keinen Hehl daraus, dass er von ex‐ klusiven Beziehungen nichts hält. Ich bin mir nicht sicher, was ich hier tue. Das ist doch schon mehrfach schiefgegangen. Aber irgendetwas zieht mich magisch an. Es muss an seiner rechten Augenbraue liegen. Vielleicht muss ich auch irgendjemanden umstimmen, irgendjeman‐ dem beweisen, dass meine Hypothese stimmt? – „Weißt du“, er spielt mit einer meiner Locken, „wenn du einfach behauptest, dass ich neoli‐ beral bin, dann behaupte ich einfach, dass du aus dem 19. Jahrhundert kommst“. Soll ich mir das als Forschung verkaufen? Und in welche Datei schreibe ich das nun? Ich habe eine Datei für ihn als Teil meines Samples. Ich ha‐ be diese Datei hier, in der ich mein selbstreflexives Tagebuch schreibe. Ich habe mehrere Theoriedateien. Gehört nun er in die eine, ich in die andere, Marx und das 19. Jahrhundert in die dritten? Hier sitzen wir alle in einem Zimmer. Alles kollabiert ineinander. (Forschungstagebuch, Anfang 2014) Die grundlegende Besonderheit meiner Forschung: Sie fand in meinem eigenen Umfeld statt. Es gab währenddessen in meinem Leben keine Trennung zwischen ‚Arbeit‘ und ‚Privatem‘. Die Distanz zum Feld war von allem Anfang an sehr klein, und sie ist es bis heute – es sei denn, ich vergrößere sie willentlich, wie es zur Datenauswertung und zum Schreiben dieses Textes notwendig war. Die Ethnologie suchte einst ihren Gegenstand in der Ferne – je weiter weg, desto legitimer. Als ‚Wissenschaft vom kulturell Fremden‘ stellte sie sich jedoch immer häufiger die selbstkritische und bisweilen selbstzerstörerische Frage nach der Legitimität des eigenen Unterfangens. Reproduziert es nicht einen kolonialen Diskurs, die ‚Anderen‘ als ‚fremd‘ und damit erklä- 3.1.2 3.1 Teilnehmende Beobachtung und dichte Teilnahme 85 rungsbedürftig zu konzipieren, während das Eigene als zu normal erscheint, um untersucht zu werden? Ich würde dies nicht uneingeschränkt bejahen, doch auf jeden Fall gibt es, um den in dieser Frage enthaltenen Vorwurf zu entkräften, den einfachen Weg, das Eigene in die Kategorie des Erklärungsbedürftigen einzureihen. Ethnologische Methodik und Theoriewerkzeuge auf die eigene Kultur und Gesellschaft anzuwenden, erscheint mir zudem als das denkbar fruchtbarste Instrument der Verfremdung, das dem Eigenen die so häufig unterstellte Natürlichkeit entzieht und es so einem kritischen Blick preisgeben kann, um dominante Deutungen der Wirklichkeit zu relativieren und einen wertvollen Beitrag zu relevanten Themen unserer Gegenwart zu liefern. Auch im Laufe der Fachgeschichte fiel der selbstkritische Blick in der Erkenntnis der Relationalität jeder Fremdheit immer häufiger in den Rückspiegel, richtete sich auf das eigene Tun, die eigene Kultur und Gesellschaft. Der Gegenstand rückte tatsächlich immer näher heran – und so ist er hier ein ‚wir‘, das mich unmittelbar umgibt, und zudem ein Aspekt dieser Umgebung, der buchstäblich näher kaum sein könnte. Es geht um die Liebe – und damit um einen Bereich menschlichen Daseins, der sich unglaublich anfällig für ‚Fremdheit‘ zeigt: In Sekundenschnelle bricht sie ein und hinterlässt uns (günstigstenfalls) im Urzustand ethnologischen Forschens – dem ratlosen Staunen über das absurd erscheinende Denken, Fühlen und Tun unseres Gegenübers und bisweilen auch unserer selbst. In diesem Sinne: Fremde sind wir uns selbst. Das theoretische Durchdringen des eigenen Lebenskontextes, das mit Forschungen wie der meinen einhergeht, unterscheidet sich vom Konzept der teilnehmenden Beobachtung wie auch der dichten Teilnahme zunächst darin, dass der Zugang zum Feld von vorneherein gegeben ist und nicht erst mühsam erarbeitet werden muss. Leon Anderson von der Ohio University nennt volle Gruppenmitgliedschaft, die dem Forschungsinteresse zeitlich vorausgeht, als erstes Kriterium in seinem Artikel Analytic Autoethnography (2006), dessen Grundideen ich im Folgenden im Hinblick auf meine Forschung diskutieren möchte. Meine Forschungsfrage entsprang Ereignissen im engen persönlichen Umfeld, die Forschung bezog zunächst Freunde ein und weitete sich auf von diesen empfohlene und von mir aus bestimmten Gründen für das Sample ausgewählte Personen aus (zur Sampleauswahl später 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 86 mehr). Sie bewegte sich generell in einer Szene, als deren Mitglied ich mich seit einigen Jahren bezeichnen kann, deren Themen und Aktivitäten mir vertraut sind und deren bereits ausführlich geschilderte Zugehörigkeitsmerkmale im Hinblick auf Bildung, Lebensumstände, Habitus und politische Einstellung weitgehend auf mich zutreffen. Diese von Vorneherein gegebene soziale Nähe ermöglichte einerseits einen privilegierten Zugang zum Feld: Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, Kontakte herzustellen, Gesprächspartnerinnen zu finden und Interesse für meine Fragen zu wecken – zumal diese ja in Gesprächen im Feld aufgeworfen worden waren und, wie kürzlich jemand zu mir sagte, genau das sind, „was alle irgendwie umtreibt“. Ich musste keine Sprache lernen, übertrat keine mir unbekannten Regeln und schloss die Forschung vorläufig mit über hundert Stunden aufgenommener Gespräche und etwa siebenhundert Seiten Feldnotizen ab. Bedeutsamer noch als dieser praktische Vorteil aber scheint mir, dass, wie auch Spittler ausführt, ohne emotionales und sinnliches Miterleben und soziale Nähe Erkenntniswege verschlossen bleiben, die nichts mehr mit verbalem, intellektuellem Verständnis zu tun haben (auch wenn sie durch dieses nachbereitet und analysiert werden können und sollten). Es gibt in dieser Studie einige zentrale Aspekte, die ich nicht oder vielleicht erst sehr viel später, jedenfalls aber nie auf ihren mehreren Ebenen verstanden hätte, hätte ich sie nicht auch selbst erlebt. Andererseits aber spannt ebendiese soziale Nähe auch einige Fallstricke: Angesichts der empfundenen Selbstverständlichkeit des Geschehens besteht die fortlaufende Herausforderung, nicht zu wenig nachzufragen und sich nicht zu wenige Notizen zu machen. Auch läuft man Gefahr, wichtige kulturelle Semantiken – wie zum Beispiel das eingangs von mir durchaus vernachlässigte Konstrukt der romantischen Zweierbeziehung – nicht oder erst mit einiger Mühe als solche zu erkennen112. Der Drahtseilakt zwischen empathischer Nähe und analytischer Distanz, der jeder gelungenen Ethnographie zugrunde liegt, begann in meinem Falle also auf der anderen Seite als gewöhnlich: Als ‚native anthropologist‘ musste ich mich phasenweise absichtlich ‚entfremden‘, eine Distanz zum Geschehen herstellen, wobei mir vor allem das kontinuierliche Schreiben von Feldnotizen half, in denen 112 Vgl. auch Anderson 2006: 389 3.1 Teilnehmende Beobachtung und dichte Teilnahme 87 ich auch meine persönliche Position im ‚Feld‘ bestmöglich zu reflektieren versuchte. All dies trifft allerdings vor allem auf das breitere soziale Setting zu, auf die ‚Szenekultur‘. Im Umgang mit dem engeren Thema, dem Aufbruch des Monogamieideals, kannte ich zwar zu Forschungsbeginn einige Werte, Interpretationsmuster, Gefühls- und Problemlagen, teilte sie aber nur in gewissem Maße: Sie lagen mir ferner, obwohl Menschen in meiner (zunehmenden) Nähe sie teilten. Was diesen – ja durchaus zentralen – Aspekt meiner Forschung betrifft, vollzog sich in gewissem Sinne also ein gegenläufiger Prozess, der dem einer herkömmlichen Feldforschung ähnelt: Mein erster Besuch beim Polyamoren Stammtisch etwa glich emotional einer Landung auf dem Mars; inzwischen fühle ich mich dort und in den dort (wie auch im restlichen Feld) verhandelten Sinnzusammenhängen durchaus zuhause – und das nicht nur aufgrund theoretischer, sondern sehr persönlicher Auseinandersetzung. Das Bemühen um Distanz bei gegebener Nähe oder um Nähe bei gegebener Distanz zieht, je erfolgreicher es wird, eine weitere Schwierigkeit nach sich, nämlich eine professionelle Dissoziation, eine innere Aufspaltung in einen erlebenden und einen analysierenden Anteil – mit den beiden Gefahren, einerseits vom Erleben der Anderen durch ein analytisches Bewusstsein abgetrennt zu sein, das einen steten Metakommentar von sich gibt, und andererseits bei der Analyse emotional beeinflusste Schlüsse zu ziehen. Und auch auf intellektueller Ebene ist es eine gewisse Herausforderung – um mit Alfred Schütz zu sprechen – Konstrukte erster Ordnung, also im Feld gängige Interpretationsmuster, die obendrein einer hohen interpersonellen Varianz unterliegen, und Konstrukte zweiter Ordnung, also sozialwissenschaftliche Theoreme, gleichzeitig im Kopf zu haben113: Denn nicht selten widersprechen sie sich, entziehen letztere den ersteren ihren Absolutheitsanspruch – was verstörend sein kann, wenn man erstere teilt – oder aber sie vermengen sich. Wie alle bisher identifizierten Schwierigkeiten eignen auch diese aber eigentlich jeder Feldforschung, treten in Fällen wie meinem nur sichtbarer zu Tage – was eine Chance sein kann, denn der einzige Weg, ihnen zu begegnen, ist ein möglichst hohes Risikobe- 113 Vgl. Schütz 1932 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 88 wusstsein114. Nichtsdestotrotz kann dieser salopp gerne als ‚schizophren‘ titulierte Zustand extrem zermürbend sein und auf dem Weg zur Fertigstellung der Arbeit ein nicht zu unterschätzendes Hindernis darstellen. Angemerkt sei noch: Die ‚Kontamination‘ des unmittelbaren Erlebens durch ein hypertrophes theoretisches Bewusstsein ist ein Problem, das ich in gewissem Maße mit vielen meiner Forschungsteilnehmer teile – weshalb, wird später deutlich werden; festzuhalten ist hier, dass mich dieser Zustand nicht so stark von den Anderen entfremdete, wie man vermuten könnte oder wie es in anderen Forschungsfeldern der Fall wäre. Auch die bei Schütz noch sauber zu erkennende Grenze zwischen Konstrukten erster und zweiter Ordnung verschwimmt in meinem Forschungskontext – nicht selten erklärt man sich und andere mit Heidegger oder Latour –, und auch die Grenze zwischen Empirie und Theorie verwischt (bisweilen auf äußerst produktive Weise) in einem Feld, das ständig theoretisiert. Der nächste Effekt der großen Nähe zum Feld ist, wie zu vermuten stand, ein hoher Grad an wechselseitiger Beeinflussung von Forschungsfeld, persönlichem Leben der Forscherin und Theoriebildung und -modifikation – auch dies allerdings Vorgänge, die in jeder Forschung ablaufen, gerne übergangen werden und hier nur mehr auffallen. Ich bin der Meinung, dass es keine Forschungsfragen gibt, die nicht auf irgendeine Weise persönlich motiviert sind – und dies sehe ich nicht als Mangel. Ganz im Gegenteil: Persönliches Interesse ist die stärkste Triebfeder, die es gibt, und in Verbindung mit einer fundierten theoretischen Position die Grundlage für viele wichtige Werke. Der viel öfter begangene Fehler besteht darin, das persönliche Interesse als ‚neutrale Wissenschaft‘ zu maskieren. Doch weit über die Wahl des Themas hinaus beeinflusst das Forschungsfeld den Forscher und umgekehrt. Wie jede soziale Interaktion löst der Forschungsprozess auf beiden Seiten einiges aus; keine Erkenntnis bleibt auf eine Seite beschränkt, sondern wirft immer auch ein Licht auf die andere, oder, wie Michael Schwalbe es schön formuliert: „Every insight was both a doorway and a mirror.“115 Und auch die Theoriebildung bleibt von persön- 114 Vgl. auch Anderson 2006: 380 115 Schwalbe 1996: 58 3.1 Teilnehmende Beobachtung und dichte Teilnahme 89 lichen Erfahrungen und Haltungen nicht unbeeinflusst – auch dies kein Fehler, solange man sich dessen bewusst ist. Ich wählte für meine Forschung einen offensiven Umgang mit dieser Verwobenheit und entschied mich für die Rolle eines ‚Katalysators‘: Durch gezieltes Nachfragen löste ich einen gemeinsamen Reflexionsprozess aus, da ich nicht eine von mir allein kontrollierte Beschreibung und Analyse nach naturalistischem Ansatz anstrebte, sondern einen partizipativen und interaktiven Prozess, einen Dialog, der unweigerlich auch auf die Forschungsteilnehmer einen Einfluss ausübte. Aber auch meine Forschungshypothese machte ich ab einem gewissen Zeitpunkt zum Reflexionsgegenstand. Es war zwar wichtig, die Thematik zu Beginn der Forschung offen zu halten, um die Teilnehmer nicht in eine Position zu zwingen, in der sie nur noch auf meine These reagieren können (was andere Denkansätze ersticken kann), aber andererseits erschien mir das Offenlegen derselben sowohl als positive Provokation methodisch sinnvoll als auch ethisch notwendig. Der bisweilen anzutreffende Gedanke, dies verfälsche das Ergebnis und verhindere es, das ‚eigentliche‘ Denken der Akteure zu erfassen, scheint mir obsolet – denn ein von medial vermittelten oder in den Wissenschaften diskutierten Diskursen und kollektiven Sinnkonstruktionen unabhängiges Subjekt gibt es nicht. Das Selbst ist von alledem durchwirkt und konstituiert sich darüber, sich zu etwas verhalten zu müssen. Und in diesem Falle musste es sich eben zu meinen Aussagen verhalten – schien dadurch auf und hatte die Möglichkeit, Stellung zu nehmen, bevor ich etwas niederschrieb. In dieselbe Kerbe schlägt eine weitere relativ frühe Notiz aus meinem Feldtagebuch – wenn auch aus dem Versuch entstanden, Ordnung ins beginnende Chaos zu bringen: Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich selbst verdächtige, als ‚Privatperson‘ irgendetwas getan zu haben, was ich ohne die Forschung nicht getan hätte – die ethischen Folgefragen inbegriffen –, oder aber ich tue irgendetwas oder tue es gerade nicht, weil ich mich eines Selbstverdachtes entheben will. Habe ich mir zum Beispiel gerade ge‐ dacht, die Leute hier agierten gerne nach dem Grundsatz ‚Just do it‘, finde ich diesen Grundsatz gerne in meinen eigenen Handlungen reali‐ siert – ob ich das aber auch so gesehen hätte, wenn ich die Forschung nie begonnen hätte, lässt sich nicht mehr feststellen. Diese meine ‚Hy‐ perreflexion‘ führt zeitweilig auch zu einer reflexartigen Umkehrung meiner Prinzipien (in meinem Beispiel wäre das also der Grundsatz ‚Just don´t‘), oder aber zu ihrer bewussten Nicht-Umkehrung, da zumindest 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 90 ein Teil meines Selbst nicht zulassen will, dass meine Forschung mein Privatleben verändert (ein naives und unhaltbares Ziel, versteht sich). Auf jeden Fall aber führt dies zu langwierigen Spekulationen, was ich denn eigentlich sei und wolle. Je näher ich diese Zusammenhänge in den Blick nehme und versuche, sie zu entflechten, desto mehr ziehen sie sich in einen Unschärfebereich zurück. Das ist nicht gerade ein Ho‐ niglecken. Aber aus theoretischer Perspektive ist es ein schöner Beweis dafür, dass es nichts ‚Eigentliches‘ gibt: Wir erschaffen uns aus dem, wo‐ zu wir uns verhalten müssen. Über etwas anderes als die Relationen der Dinge zueinander lässt sich keine Aussage machen. So stellt auch Anderson fest, dass das zitierte Konzept von Konstrukten erster Ordnung, die die Forscherin erfassen muss, den Verhältnissen im diskutierten Fall nicht mehr gerecht wird: „A better heuristic image is probably that of a member as someone who is considered a legitimate participant in the group´s conversations (and activities) through which (potentially multiple and contradictory) first-order constructs are developed, contested, and sustained. […] The autoethnographer is a more analytic and self-consciuos participant […], but [her] understandings, both as a member and as a researcher, emerge not from detached discovery but from engaged dialouge.“ 116 Eine stark involvierte Position im Feld und ein entsprechend hochgradig reaktiver Forschungsprozess potenziert die Bedeutung einiger der für eine gelungene Ethnographie eigentlich immer vorhandenen Erfordernisse. Anderson nennt als Kriterium für eine ‚analytische Autoethnographie‘ neben der vollen Teilnehmerrolle ein erhöhtes Maß an Selbstreflexivität, einen im Text sichtbaren Forscher, einen weit über das Forscherselbst hinausgehenden Dialog mit Anderen sowie das explizite Bestreben, das theoretische Verständnis breiterer sozialer Phänomene zu verbessern117. Autoethnographische Ansätze stehen fachgeschichtlich vor allem seit der Writing Culture-Debatte in einem engen Zusammenhang mit extremen postmodernen Positionen, die Realität als verhandelbar, jede Erkenntnis als rein subjektiv und die Ideen von Objektivität und Rationalität als obsolete Konstrukte betrachten. Sie proklamieren daher einen radikalen evokativen Subjektivismus, der vor allem emotionale Resonanz beim Leser anstrebt, als einzig gangba- 116 Anderson 2006: 381 f. 117 Vgl. ebd.: 375 3.1 Teilnehmende Beobachtung und dichte Teilnahme 91 ren Weg der ethnographischen Repräsentation118. Anderson dagegen schlägt anstatt der Fortführung des wohlbekannten paradigmatischen Grabenkampfes eine Synthese autoethnographischer Elemente mit einer analytischen Agenda vor119: Eine aktive, reflexive Handhabung der eigenen Rolle im Feld schließt eine Tiefenstudie desselben sowie eine theoretische Aufarbeitung aller gesammelten Daten – inklusive derer über sich selbst – keineswegs aus, sondern kann diese aufgrund der genannten Vorzüge entscheidend bereichern. Im Fokus der Ethnographie steht in Andersons Entwurf – worin ich ihm folgen möchte – allerdings keineswegs der Forscher selbst, sondern das soziale Umfeld, das durch seine Teilhabe zusätzlich erhellt wird, da er sich selbst mit darin relevanten Belangen auseinandersetzen muss und in vielfältigen und wandelbaren Beziehungen steht. Selbstthematisierung soll aber weder zur Verzierung noch zur vielzitierten Nabelschau verkommen, sondern nur in dem Maße stattfinden, in dem sie essentielle, für literarisch dichte Beschreibungen und die Verfeinerung, Revision und Ausarbeitung von Theorie wertvolle Daten bereitstellt, beziehungsweise notwendig ist, um eine selbstreflexive Einordnung theoretischer Aussagen, die auf der Grundlage perspektivengebundenen Wissens und eines interaktiven Forschungsprozesses gemacht wurden, vorzunehmen120. Die Reflexion über die Entwicklung der Zusammenhänge zwischen mir, dem Feld, der Theoriebildung und der Proliferation wissenschaftlicher Konzepte in den populären Diskurs, welche in meiner Forschung überdeutlich spürbar wird – was ich hier als letzte Besonderheit erwähnen möchte –, ist sowohl eine methodische Erfordernis als auch Konsequenz daraus und zugleich Beweis dafür, dass es dieses ‚Eigentliche‘ (jenseits von Materie) nicht gibt; da ist nichts unbeeinflusstes, das ich unter all den populären und wissenschaftlichen Diskursen zu Tage fördern könnte. All diese Prozesse, Zusammenhänge und Verhältnisse verdecken nicht die Realität, sondern sie sind die Realität. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Vorgänge nachzuzeichnen und nicht ein an einem Punkt ‚eingefrorenes‘ Zeugnis zu liefern. 118 Vgl. z.B. Ellis/Bochner 2000 119 Vgl. Anderson 2006: 374 120 Vgl. ebd.: 388 f. 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 92 Wenn ich nun den Feldforschungsprozess schildere und daraus Antworten auf meine theoretischen Fragen und Modifikationen meiner Hypothese ableite, dann erzähle ich dabei zugleich etwas über mich, über die Wege, die mein Denken und Fühlen in den letzten Jahren genommen hat. Es stellt sich also die Frage, in welcher Form ich selbst in diesem Text erscheine. Erste Kostproben waren bereits in der Einleitung und am Anfang dieses Unterkapitels zu lesen – ich schreibe seit Jahren Gedichte und freie literarische Texte, so auch während der Promotionsphase, und ich werde, wenn auch sparsam, auf diese zurückgreifen. Auch aus meinem reflexiven Forschungstagebuch entnehme ich relevante Stellen. Diese Einschübe sind als Hinweisschild zu lesen, das anzeigt: Wer schreibt hier, wo steht sie, wer ist sie gerade? So eröffnet sich mir und auch dem Leser die Möglichkeit, den Einfluss meines subjektiven Erlebens auf die Theoriebildung angemessen zu reflektieren oder auch zu kritisieren. Die literarische Form bietet sich an diesen Stellen einerseits an, weil sie es – ganz nach dem Konzept der Evokation – ermöglicht, in wenigen Zeilen Gefühle und Stimmungslagen als das zu transportieren, was sie sind: Eine eigene Dimension menschlichen Erlebens, die zwar analysiert werden kann und soll, aber – wie wir es in den Überlegungen zur dichten Teilnahme, zum nonverbalen Wissen, zu Resonanz und sinnlichem Miterleben in der Ethnologie erkenntnistheoretisch begründet finden – durch die Ratio nicht gänzlich erschließbar ist. Andererseits grenze ich durch die literarische Form auch stilistisch ein fühlendes, ‚nicht-wissenschaftliches‘ Autorenselbst von der analytischen Stimme ab, die über dieses Selbst und vor allem über das Forschungsfeld nach den Regeln des wissenschaftlichen Diskurses spricht. Meine subjektive Stimme erzählt einerseits von persönlichen Lagen, Erkenntnissen und Entwicklungen, die für mein Feld und dessen Vorstellungen von Freiheit, Liebe und Selbst durchaus illustrativ sind, andererseits von der Interaktion dieser subjektiven Elemente mit der Entwicklung meines theoretischen Standpunktes. Au- ßerdem schildert sie die autotherapeutische Wirkung einer anthropologischen Promotion. Darüber hinaus erlaube ich mir, was meine Person angeht, einen Kunstgriff: Ich spalte mich im Text auf. Die literarische Form bleibt der Schilderung von Stimmungen und ‚Großwetterlagen‘ vorbehalten, von denen ich vermute, dass sie meine Interpretationsrichtung beeinflusst haben. Der jeweils nachfolgende Text nimmt 3.1 Teilnehmende Beobachtung und dichte Teilnahme 93 an den fraglichen Stellen auf die Interaktion zwischen persönlicher Lage und Theoriebildung oder auf empirisch erhellende Aspekte meines subjektiven Erlebens analytisch Bezug. Konkrete Geschehnisse in meinem Leben dagegen werden in anonymisierter Form behandelt, genau wie bei allen anderen Akteuren auch. Dies ist einerseits nötig, um die Anonymität von Forschungsteilnehmern zu schützen, die mit mir interagieren, und andererseits sehe ich mich dazu aus Gründen des Privatsphärenschutzes berechtigt. Mir ist dabei bewusst, dass ich in diesem Feld nicht ‚Gleiche unter Gleichen‘ bin – die vorliegende Analyse ist meine und dies verleiht mir eine Autorität, die die Anderen nicht haben. Dennoch ist es, was mein Handeln oder Denken betrifft, bis zu einem gewissen Punkt egal, wer so gehandelt oder gedacht hat – das Entscheidende ist, dass so gehandelt oder gedacht wurde und dass das soziale Umfeld dies deuten und in seine Sinnzusammenhänge einfügen konnte. Ganz nach Andersons Konzept liefert auch mein Leben Daten. Zudem zieht mein Feld im Hinblick auf das Theorieniveau, wie schon erwähnt, nahezu mit mir gleich: Die meisten Akteure klinken sich mühelos in meinen Diskurs ein und beeinflussen ihn aktiv. In diesen beiden Punkten sind wir uns tatsächlich gleich, das Feld und ich. Wo ich dies nicht mehr bin, spreche ich als jenes ich, das das einleitende Gedicht geschrieben hat, und werfe dadurch ein Schlaglicht auf die Person, die hinter den theoretischen Erkenntnissen steht. Das Sample Kommen wir nun zur Sampleauswahl und den weiteren angewandten Methoden. Während sich die bisher geschilderte Feldforschung auf weite Teile der Szene erstreckte, führte ich mit den Personen aus meinem Sample strukturiertere Gespräche, erhob einen ethnographischen Zensus und verteilte Notizbücher. Ein weiteres forschungstechnisches Experiment war eine Kunstausstellung, die sich mit meinem Forschungsthema befasste. Die 35 Personen meines Samples haben sich zum Teil selbst ausgewählt – sie wollten dringend mit mir reden, nachdem das ‚Gerücht‘ von meiner Forschung die Runde gemacht hatte –, wurden mir per ‚Schneeballsystem‘ von anderen als Gesprächspartner empfohlen, oder 3.2 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 94 ich wählte sie auf der Grundlage von mir bekannten oder zugetragenen Informationen selbst aus. Kriterien für die Auswahl des Samples waren also einerseits eine gewisse Zielgerichtetheit – die Personen hatten Erfahrungen oder Gedanken zum Thema beizutragen –, andererseits eine maximale Variation, die ich durch ein jeweils ausgewogenes Verhältnis bzw. eine breite Streuung in folgenden Bereichen zu erreichen versuchte: Geschlecht, Alter, Bildungshintergrund, Nationalität und Migrationsgeschichte, Beziehungssituation und subjektive Bewertung derselben. Hinzu kamen Vertreter verschiedener Subszenen (beispielsweise südamerikanische, spirituell interessierte oder schwule Szenegänger) sowie einige Personen, die eine ‚Expertenrolle‘ für bestimmte Themen innehatten (zum Beispiel Lokalbetreiber sowie Aktivisten aus den 1960er Jahren). Ich selbst bin Teil des Samples. Hintergedanke dieser Auswahl ist nicht Repräsentativität im klassischen Sinne, die in einer qualitativen Mikrostudie ohnehin nicht erreicht werden kann, sondern die Möglichkeit, eine größtmögliche Zahl verschiedener Perspektiven auf die Thematik einzufangen, die einander ergänzen oder widersprechen, wodurch ein facettenreiches Bild entsteht. Jede Einzelne spricht zunächst natürlich für sich, greift dabei aber auf ein bestimmtes kulturelles Repertoire von Sinnangeboten zurück oder setzt sich damit auseinander: Sie fungiert dadurch als eine Art Linse, durch die man aus einer determinierten Perspektive auf einen größeren Zusammenhang blickt, der sich allmählich mosaikartig zusammensetzt. Im Laufe der Forschung erhob ich per Fragebogen einige statistische Daten der Samplemitglieder, die ich im Folgenden kurz vorstellen möchte: Es handelt sich um 14 Frauen und 21 Männer (von denen zwei aber die Frage nach dem Geschlecht nur widerwillig beantworteten); das Durchschnittsalter beträgt 32,8 Jahre (wenn man die Über- Siebzigjährige außer Acht lässt; mit ihr wären es 35,1 Jahre). Bis auf einen Geschiedenen sind alle im juristischen Sinne ledig. 24 Forschungsteilnehmer sind in Deutschland geboren, 16 davon in München. Im Ausland geboren sind neun, sechs davon erst als Jugendliche oder Erwachsene migriert. Seit über zehn Jahren in München leben 29; nur vier wohnen aktuell nicht in München, haben aber früher hier gewohnt, pflegen Kontakte zu dieser Stadt und besuchen sie regelmäßig. 3.2 Das Sample 95 Ein Samplemitglied hat keinen Schulabschluss, drei haben mittlere Reife, 31 Abitur, drei ein abgebrochenes und 23 ein abgeschlossenes Universitätsstudium. Davon haben fünf Natur- oder Wirtschaftswissenschaften, sechs Kunst oder Musik und 16 Geistes-, Sozial- oder Kulturwissenschaften studiert. Vor dem Studium beziehungsweise von den nicht studierten Personen erlernte Ausbildungsberufe sind Schreiner, Koch, Hausmeister, Heilpraktikerin und Kaufmann (insgesamt sechs Personen). Was den aktuellen Broterwerb betrifft, besetzen vier Personen akademische Stellen, und nur zwei leben ganz von Kunst oder Musik. Die meisten kombinieren ein Studium, akademische Arbeit, ehrenamtliche Tätigkeit (zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe), Musik oder Kunst mit sogenannten ‚Brotjobs‘ oder (meist fachfremden) Festanstellungen, zum Beispiel in der Pflege oder Gastronomie. Temporäre Jobs (zum Beispiel Messebau, Rikschafahren, Oktoberfest) haben dabei elf Personen, Festanstellungen zwölf. Drei Samplemitglieder sind selbstständig, davon zwei im Nachtleben; weitere zwei kombinieren eine Tätigkeit als Veranstalter mit den schon genannten Jobs. Einer arbeitet als Schreiner; drei sind erwerbslos und beziehen entweder Arbeitslosengeld oder familiäre Hilfe. Es lässt sich also ablesen, dass, wie schon in der Szenestudie erörtert, im Sample bei tendenziell hohen Bildungsabschlüssen der Broterwerb prekär, aber auch subjektiv von sekundärer Bedeutung ist. Die Haushalte, in denen die Forschungsteilnehmer leben, zählen durchschnittlich 2,3 Personen, wobei die meisten Haushalte Wohngemeinschaften sind. Sieben Samplemitglieder leben mit ihren Partnern zusammen (wobei bei zwei Paaren beide Partner zum Sample gehören); alleine leben fünf. Zehn Samplemitglieder haben ein Kind (in zwei Fällen zwei Kinder), wobei allerdings drei Väter nicht mit ihren Kindern zusammenleben und vier Kinder erst gegen Ende der Forschung geboren wurden. Kinder sind folglich ein zwar vorhandener, aber nicht zentraler Aspekt meiner Forschung (das Forschungsthema Kinder, Elternschaft und Nichtmonogamie würde sich in einigen Jahren anbieten…). Was lebenspraktische Veränderungen betrifft, erweist sich das Sample mit 3,3 Umzügen im ganzen Leben (4,5 unter Einbeziehung eines Extremfalles), 2,3 verschiedenen Arbeitsstellen (wobei ich temporäre, aber im selben Bereich ausgeübte Arbeit nicht als Wechsel rechne) 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 96 und einer beziehungsweise keiner Neuorientierung in Studium und Ausbildung als relativ stabil. Schließlich erhob ich einige Daten über das Sexual- und Beziehungsleben meiner Forschungsteilnehmer: Die durchschnittliche Zahl der bisherigen Sexualpartner (da sich die Zahl der im Jugendalter Geküssten meist im Dunkeln verläuft, wurde hier nur ‚mindestens Oralsex‘ erfasst) beläuft sich unter Einbezug eines Extremfalls mit rund 400 Partnern und Partnerinnen auf 57,28, ohne diese Frau auf 40; unter Abzug weiterer dreier Highscores von Männern mit jeweils über 100 Partnern beziehungsweise Partnerinnen auf 20 – ein Mittel, um das sich die meisten Samplemitglieder (mit Ausnahme von drei Personen mit unter 10 und drei anderen mit 40-60 Partnern) weitgehend unabhängig vom Geschlecht tatsächlich bewegen. Nichtsdestotrotz befanden sich während der gesamten Forschungsdauer oder weiten Teilen davon 20 Personen in mehrjährigen, auch öffentlich gezeigten Beziehungen; über die letzten zehn Jahre gerechnet sind es sogar 26 (davon 14 Männer und 12 Frauen; es gibt auch in diesem Punkt also keine geschlechtsspezifische Abweichung vom Mittel). Fünfzehn Personen pflegten während meiner Forschung mit mehreren (in der Regel zwei) Personen gleichzeitig eine Art von nicht-platonischer Beziehung (über reine One Night Stands hinausgehend). Zwei dieser Konstellationen lassen sich als klassisches ‚Fremdgehen‘ ohne Wissen des Partners interpretieren, sieben oder acht ereigneten sich auf der Grundlage einvernehmlich offener Beziehungen; in den restlichen Fällen handelte es sich um parallele, als unverbindlich deklarierte Affären. In grundsätzlich als exklusiv deklarierten Beziehungen leben oder lebten zu Beginn der Forschung 13 der Forschungsteilnehmer (wobei in zwei Fällen beide Partner im Sample sind); tatsächlich über mehrere Jahre von beiden Partnern erfüllt wurde dieser Anspruch aber nur in drei dieser Beziehungen (wie bereits erwähnt, wurden die Außenbeziehungen aber nur in zwei Fällen vor dem Partner geheim gehalten). Drei Samplemitglieder lebten in zumindest über mehrere Monate stabilen polyamoren Beziehungen (ich berufe mich hier auf die emische Definition; zum polyamoren Modell später mehr) und eine Frau lebt seit über zehn Jahren in einer stabilen Dreiecksbeziehung, hörte den Begriff ‚Polyamorie‘ aber von mir zum ersten Mal. 3.2 Das Sample 97 Bei diesen Daten sollte nicht unerwähnt bleiben, dass manche Leute große Schwierigkeiten hatten, die Zahl ihrer bisherigen Partner genau zu erinnern oder den Status ihrer aktuellen Beziehungen zu beschreiben; fünf konnten mir diesbezüglich gar keine Information geben (in diesen Fällen habe ich anhand dessen, was sie sonst erzählt haben, geschätzt oder sie nicht in die Statistik einbezogen). Wie sich schon andeutet, kann es höchst verwirrend sein, solche in steter Ver- änderung begriffenen Beziehungskonstellationen Kategorien zuzuordnen, die ihrerseits im Auflösen begriffen sind. Was zu einem bestimmten Zeitpunkt als ‚Affäre‘ bezeichnet wird, kann im Nachhinein als ‚Beziehung‘ interpretiert werden, exklusive Beziehungen können einvernehmlich oder im Alleingang geöffnet werden, unerlaubte Seitensprünge können nachträglich legitimiert werden – ganz zu schweigen von On-Off-Beziehungen und den absichtlich undefinierten Beziehungen der Leute, die sich darin versuchen, „das Schubladendenken abzulegen“, wie Sascha einmal sagte. Es lässt sich aus den Zahlen in Verbindung mit den Kommentaren der Forschungsteilnehmer lediglich ableiten, dass in den meisten Fällen grob die Hälfte aller eingegangen Verhältnisse in eine längerfristige Bindung mündet, während die andere Hälfte eher als „nicht so ernst“ beschrieben wird. Zu dieser auf sehr charakteristische Weise vagen Sachlage und der Müßigkeit des Unterfangens, einem fluiden Geschehen von außen eine Form zuzuschreiben, gibt es einen treffenden Kommentar von Lisa und Peter, dem vorläufig nichts mehr hinzugefügt werden muss: Lisa: „Es ist deswegen schwer, weil es nicht möglich ist, dass man das so einschränkt. Wenn ich einen ein paar Mal getroffen habe, ist das dann eine Affäre oder ein erweiterter One Night Stand? Und wenn ich wem erzähle, was ich gemacht hab, ist das dann eine offene Beziehung, wenn mich der nicht gleich rausschmeißt?“ – Peter: „Haben wir eine offene Beziehung, eigentlich?“ – Lisa: „Das kannst jetzt nur du beantworten, ne?“ – Peter: „Naja, monogam und offen schließt sich ja nicht aus… es kann ja im Augenblick monogam sein, und wenn es keine Vereinbarung gibt, kann es anders werden…“ 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 98 Gespräche und weitere Methoden Mit diesen Leuten verbrachte ich, wie schon gesagt, eine Menge unstrukturierter oder jedenfalls nicht durch mich strukturierter Zeit, in der sich vielfältige Möglichkeiten des Austauschs und der Interaktion ergaben. Darüber hinaus führte ich 58 Gespräche von einer bis drei Stunden Dauer, die zum Großteil mit einem Aufnahmegerät (in einem Fall auch auf Video) mitgeschnitten wurden; darunter waren auch acht Gruppengespräche mit 2-3 Personen. Wenn mein Gegenüber sich mit dem Aufnahmegerät unwohl fühlte, verschriftlichte ich die Gespräche nachträglich, so früh ich konnte. Es handelte sich stets um offene, grob an zwei oder drei Leitfragen (‚grand tour questions‘ wie zum Beispiel „Wie bist du zu deiner jetzigen Einstellung gekommen?“) orientierte Gespräche, die ich explizit als solche anberaumte. Meine Gesprächspartner übernahmen in einigen Fällen ungeplant die leitende Rolle und befragten mich, weshalb ich mit dem Begriff ‚Interview‘ eher vorsichtig bin. Neben konkreten Ereignissen und Geschichten aus dem Leben der Samplemitglieder hatten die Gespräche auch abstrakte Inhalte und bewegten sich auf der Metaebene einer Reflexion, die das eigene Handeln und Denken an Ideale und Modelle anbindet, kritisch und philosophisch hinterfragt und ‚emische‘ Definitionen (etwa von ‚Liebe‘ oder ‚Freiheit‘) artikuliert. In rund zwanzig Fällen wurde auch meine eingangs formulierte Forschungshypothese Gegenstand der Gespräche. Bei manchen Personen waren diese strukturierten Gespräche ertragreicher, bei anderen die (zahllosen) informellen, mit manchen Personen führte ich nur ein einziges Gespräch, mit anderen bis zu sechs; mit fünf Samplemitgliedern ergab sich zwar kein strukturiertes Gespräch, dafür aber viele aufschlussreiche kurze. Ganz allgemein unterscheiden sich meine Gesprächspartnerinnen in Bezug auf ihre Gesprächigkeit und ihre Bereitschaft, mir Einblicke zu gewähren, weshalb im Endergebnis einige Personen stärker vertreten sind als andere. Manche Gespräche lieferten eher Hintergrundinformationen und werden daher nicht wörtlich zitiert, manche bauen so aufeinander auf, dass das letzte die Aussage der vorherigen derart zuspitzt, dass ich nur das letzte zitiere. Ferner dienten einige Gespräche eher meiner Selbstreflexion 3.3 3.3 Gespräche und weitere Methoden 99 und fließen ohne wörtliche Zitate in die entsprechenden Textpassagen ein121. Etwa ein Drittel der Samplemitglieder zeichnete zudem kognitive Karten und Mindmaps, in denen die Verknüpfung ihres ‚Liebeslebens‘ mit der Münchner Topographie und der Zugehörigkeit zum Sozialgefüge der Szene deutlich wird. Außerdem verteilte ich Notizbücher, in denen spontane Gedanken zum Thema festgehalten werden konnten; allerdings nutzten diese nur vier Samplemitglieder intensiv, während die Anderen es bevorzugten, mich anzurufen oder zu treffen. Ergänzend wertete ich Print- und Online-Material wie das bereits zitierte Gaudiblatt, verschiedene Flugzettel von Initiativen und Veranstaltungen sowie Blogs und Facebook-Posts aus. Mein Material wird zudem durch Stimmen aus dem Feld ergänzt, die ich zwar nicht zum Sample, auf jeden Fall aber zur Szene rechnen kann und die ebenfalls Pseudonyme tragen. Auch berichteten meine Samplemitglieder oft über andere Personen, in aller Regel Partnerinnen, die ebenfalls Pseudonyme erhielten – weshalb letztendlich mehr als 35 Namen durch den Text schwirren. Einen kleinen, aber besonderen Teil der Forschung stellt außerdem die Kunstausstellung Liebe Freiheit! dar, die ich vom 16. bis 19. Oktober 2014 im Leonrodhaus organisierte (und die diesem Text den Namen vererbte). Acht bildende Künstlerinnen stellten Werke aus, die die Verknüpfung von Liebe und Freiheit in der zeitgenössischen Kultur auf vielfältige und assoziative Weise beleuchten; ergänzt wurde die Ausstellung durch eine Lesung, einen Vortrag über mein Forschungsprojekt und eine Aktion, bei der ein ebenfalls im Leonrodhaus ansässiger Tattoo-Künstler drei Personen mit dem Schriftzug „Amor libre“ bzw. „Freie Liebe“ tätowierte. Die gemeinsame Ausarbeitung des Konzeptes, das Kuratieren der Arbeiten und die damit verbundenen Diskussionen flossen in den Forschungsprozess ebenso ein wie die Gespräche und Kommentare, zu denen die Ausstellung die Besucher (insgesamt etwa 100) anregte. Zu diesen zählte auch ein großer Teil der Samplemitglieder. Wir werden die Ausstellung im weiteren Text noch näher kennenlernen. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass ich Szenekultur aktiv mitgestaltet und mein Forschungsfeld – in diesem Falle mit künstlerisch- 121 Eine Liste der Gespräche und weiterer Daten findet sich im Anhang. 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 100 assoziativen Methoden – zum Reflektieren angestiftet habe, aber auch dafür, dass der Forschungsprozess hochgradig interaktiv war und wichtige Ideen von anderen Menschen miteinbezog. Polyamorer Stammtisch Einen forschungstechnischen Außenposten stellt der Polyamore Stammtisch München dar. Polyamorie ist ein Beziehungsmodell, bei dem jeder Partner mehrere verbindliche Liebesbeziehungen gleichzeitig führen kann, wobei alle Beteiligten informiert und einverstanden sind. Grundwerte dieses Modells sind vor allem Transparenz, ehrliche Kommunikation und Rücksichtnahme – dazu im entsprechenden Kapitel mehr. Den Stammtisch besuchen zwar einige Szenemitglieder regelmä- ßig und andere sporadisch, er ist aber dennoch nicht zur beschriebenen Szene zu rechnen. Nach sieben Besuchen schätze ich seinen Einzugskreis auf etwa 300 Personen; die Besucherzahl beläuft sich – bei hoher Fluktuation und etwa fünfzehn Stammgästen – auf jeweils etwa vierzig. Der Stammtisch ist von privat organisiert und lose dem PAN (Polyamores Netzwerk e.V.) angegliedert, das eine Homepage unterhält, über die Termine aller polyamoren Stammtische in Deutschland, der Schweiz und Österreich informiert sowie überregionale Treffen organisiert. Auf dem Münchener Stammtisch werden in einer moderierten Diskussion Teilaspekte und typische Problemlagen des polyamoren Modells besprochen, gefolgt von einem informellen Beisammensein, bei dem Themen aus der Diskussion vertieft oder andere Aspekte erörtert werden können. Der Ansicht der Teilnehmer nach geht es vor allem darum, Erfahrungen auszutauschen, einander in problematischen Situationen zu unterstützen und, wie es eine Besucherin ausdrückte, „es zu genießen, dass ich hier nicht ständig erklären muss, was ich da Komisches mache“. Angesichts der trotz wachsenden Medieninteresses immer noch relativ großen Normabweichung dieses Beziehungsstils geht es also auch darum, einen sozialen Raum zu schaffen, der den Besuchern die ‚Normalität‘ des eigenen Fühlens, Denkens und Handelns bestätigt und eine Gruppenidentität stiftet: Der Stammtisch ist in den Worten von Berger und Luckmann eine klassische Sinnprovinz. Zu- 3.4 3.4 Polyamorer Stammtisch 101 dem dient er auf unauffällige und zwanglose Weise als Partnerbörse, ohne dass ich unterstellen möchte, dies sei sein Hauptzweck (ich kenne einige Leute, die ihn allein zu diesem Zweck aufgesucht haben und ihn enttäuscht wieder verließen). Anders als die alternative Szene hat dieser Stammtisch nur ein einziges Thema und vereint im Interesse an diesem Thema Menschen, die keine anderen Bereiche ihres Lebens miteinander teilen – ein semantischer und lebenspraktischer Konnex, wie ich ihn für die alternative Szene beschrieben habe, ist hier nicht vorhanden. Zwar überschneidet sich die Klientel des Stammtisches sowohl mit der alternativen Szene als auch anderen, vor allem der BDSM-Szene (der Zusammenhang ergibt sich durch die dortige Gepflogenheit, mehrere ‚Spielpartner‘ zu haben122), für viele Besucherinnen steht aber entweder die Selbstidentifikation ‚polyamor‘ im Vordergrund, oder sie rechnen sich überhaupt keiner besonderen gesellschaftlichen Gruppe zu. Soweit ich es erfassen konnte, sind auch hier die Bildungsabschlüsse hoch – Erzählungen aus dem Berufsleben wie auch die Ausdrucksweise belegen dies –, im Unterschied zur alternativen Szene aber handelt es sich zu einem großen Teil um Personen von über 35 Jahren Alter und mit gesichertem Erwerbsleben. So ist der Organisator des Stammtisches Psychologe und unter den Stammgästen gibt es viele IT-Spezialisten und Computeringenieure, einen Nanophysiker, Kaufleute, drei Universitätsangestellte im kulturwissenschaftlichen Bereich, seltener Berufe wie Erzieherin, Polizist oder Friseurmeisterin. Das Lokal, das der Organisator über Beziehungen aufgetan und wegen der günstigen Bedingungen (großer Nebenraum und kein geforderter Mindestumsatz) ausgewählt hat, befindet sich in einem Einkaufszentrum, bietet bürgerliche Küche und ein zurückhaltend dekoriertes, eher neutrales Ambiente – kein Ort der prekären Bohème. Ich konnte in diesem Umfeld – da es mir angesichts der hohen Fluktuation und relativen Anonymität nicht gelang, die nötige Vertrauensbasis herzustellen – keine der Szenestudie vergleichbare Erhebung über die Lebensumstände der Besucher machen. Zwar führte ich nach den moderierten Diskussionen tiefergehende Gespräche, die sich aber überwiegend auf philosophischer und konzeptueller Ebene be- 122 Vgl. hierzu Klyk 2014 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 102 wegten. Insbesondere war es schwierig, ein direktes Gespräch mit Frauen zu führen, da sich, sobald der informelle Teil des Abends begann, in der Regel irgendein Mann zu mir gesellte. Allerdings bestätigten zwei mündliche Umfragen, die ich durchführen konnte, dass ein Großteil der Anwesenden tatsächlich Erfahrung mit mehrjährigen Mehrfachbeziehungen hat. Meine eigentliche Forschungsaktivität aber bestand vor allem darin, die Stammtischdiskussionen, nachdem ich in der Vorstellungsrunde mein Forschungsinteresse offengelegt hatte, zu protokollieren – eine denkbar traumhafte Situation, in der es nicht nötig war, irgendeine Frage zu stellen. Ich beteiligte mich allerdings gelegentlich an der Diskussion, und bei einem meiner letzten Besuche stellte ich auch meine Hypothese in den Raum. Darüber hinaus stehe ich auf einer Polyamorie-Mailingliste, die ein Forschungsteilnehmer ins Leben gerufen hat und die sich einer eher theoretischen, gesellschafts-, aber auch selbstkritischen Diskussion der Thematik widmet. Obwohl also nur manche Besucher des Stammtisches, darunter drei Samplemitglieder, sich der alternativen Szene zurechnen, und meine Verbindung zu diesem zweiten kleinen Forschungsfeld weniger ‚dicht‘ ist, stellen die dort und durch die Mailingliste erhobenen Daten eine wichtige Ergänzung dar: Denn auch wenn die meisten Samplemitglieder sich selbst nicht als dezidiert polyamor einordnen, sind dieses Beziehungsmodell, seine Werte und Semantiken in den Szenediskursen präsent und bieten ein Orientierungsmuster, auf das in problematischen Situationen häufig zurückgegriffen wird. Bisweilen wird der Begriff auch verwendet, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen oder positiv zu etikettieren, auch wenn es nicht voll den in zunehmendem Maße institutionalisierten ‚Poly‘-Normen entspricht, sondern eher einzelne Elemente entleiht. Auch die inzwischen recht umfassende Polyamorie-Ratgeberliteratur macht die Runde, und zumindest auf theoretischer Ebene gehört das Konzept zum Wissenskanon. Zudem ermöglicht mir die Diskussion des polyamoren Entwurfs – sei es durch Kontrastierung oder Intensivierung – eine Präzision von Aspekten, die ich auch in meinem zentralen Forschungsfeld identifizieren konnte. Es bestehen also sowohl empirische Verbindungen zwischen den beiden ‚Feldern‘ als auch die argumentativen Verknüpfungen, die ich kraft meines Amtes herstellen werde. 3.4 Polyamorer Stammtisch 103 Auswertung Zur Datenauswertung verwendete ich das Computerprogramm Max- QDA, das es ermöglicht, Text-, Audio- und Videodateien zu codieren, Häufigkeitsverteilungen der verschiedenen Themenkomplexe zu identifizieren und Zusammenhänge zwischen den Codes ausfindig zu machen. Das Codesystem habe ich der Aufteilung ethnologischer Analysebereiche in eine Wert-, eine Norm- und eine Praxisebene entsprechend angelegt und um die Hypothesenschwerpunkte ergänzt. Es umfasst daher die jeweils in Subcodes aufgespaltenen Bereiche ‚Szenespezifika‘, ‚Handeln‘, ‚Gefühle‘, ‚Prinzipien der Beziehungsgestaltung‘, ‚Liebeskonzepte‘, ‚Freiheitsbegriffe‘, ‚Sexualität‘ und ‚Neoliberalismus‘. Die Analyse des Polyamorie-Konstruktes und der am Stammtisch erhobenen Daten erfolgte in einem eigenen MaxQDA-Projekt, dessen Codesystem die Kategorien ‚Werte‘, ‚Prinzipien und Normen‘ und ‚Gefühle‘ sowie eine Kategorie für im polyamoren Umfeld gängige gesellschaftsphilosophische Argumentationslinien enthält. Eine weitere Analysekategorie, die sich durch beide Felder zieht, ist Gender, sei es als nicht theoretisierte Mann-Frau-Zuschreibung oder als von Samplemitgliedern geäußerte kritische Gendertheorie. Ein weiteres separates MaxQ- DA-Projekt befasst sich mit der Analyse meiner Position im Feld und der Interaktion zwischen meiner Teilnehmer- und meiner Forscherrolle sowie der Theoriebildung. 3.5 3 Zur Methodik und meiner Rolle im Feld 104

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References

Zusammenfassung

Freiheit als Befehl – diesem Paradox widmet sich die vorliegende Studie. „Freie Liebe“, wenn auch als Idee nicht ganz neu, steht heute in einem allumspannenden Zusammenhang, den es früher nicht gab: dem des Neoliberalismus. Wie verhält sich die Freiheit, die Menschen in nichtmonogamen erotischen Beziehungen suchen, zu der Freiheit, die der neoliberale Diskurs propagiert? Das „freie“, ungebundene, stets verfügbare, flexible, dynamische, konsumfreudige Subjekt ist das systemdienliche Persönlichkeitsideal unserer Zeit. „Offen sein für Neues“ gilt als Idealzustand. Ist es nicht so, als folge das Liebesleben so mancher Menschen genau diesem Prinzip, einem versteckten „Befehl zur Freiheit“? Sind sie also wirklich so frei, wie sie meinen? Die Studie sucht mithilfe diverser Theoreme nach Antworten auf diese Kernfragen, wobei sie auf Beziehungs- und Sexualpraxis, Emotionsskripte und Konzepte von Liebe und Freiheit sowie deren Genealogie eingeht. Wesentliche Grundlage ist empirisches Material aus einer ausgedehnten Feldforschung, die sich durch eine große soziale Nähe der Forscherin zu den Protagonisten, ein starkes autoethnographisches Moment und einen partizipatorischen Forschungsprozess auszeichnet. Ort der Forschung, den man in lebhafter Schilderung kennenlernt, ist die „alternative Szene“ einer deutschen Großstadt, was der Fragestellung besondere Brisanz verleiht – denn in dieser Szene ist ein expliziter Wunsch nach Selbstabgrenzung vom neoliberalen Diskurs zu beobachten. Doch gelingt diese auch? Kann sie überhaupt gelingen, und wenn ja, wie?