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1 Einleitung in:

Karin Riedl

Liebe Freiheit!, page 1 - 12

Eine ethnographische Szenestudie zum Verhältnis von Nichtmonogamie und Neoliberalismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4184-0, ISBN online: 978-3-8288-7074-1, https://doi.org/10.5771/9783828870741-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Ethnologie, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Anfänge, Gründe Lande du: geschwächter vogel gehetzt von böen und wind getrieben, getrieben möchtest du nisten greift es dich weht dich fort fort von wärme und rast fein durchäderte flügel durchbohrt dir die sonne keine rinde hält dich keiner blüte bleibst du nah alles ist weit du, deine seele: rastlos, verloren und dünn wer lenkt dich vorbei an den nischen? wessen schnabel zerhackt dir das nest? deinen käfig, sagst du? „willst du noch fliegen?“ „doch, doch! nichts lieber als das!“ „du kannst es nicht wollen. denn fliegen musst du, weil es dich weht.“ Anfang 2013 begann mir etwas aufzufallen. Oder genauer: Es begann, mir unangenehm aufzufallen. Obiges Gedicht war der erste Text, den ich darüber schrieb. Das Motiv war persönlich, wie sich erahnen lässt, und meine spätere Forschungshypothese noch kaum mehr als eine Ahnung. Ich hatte das Gefühl, die Menschen um mich herum seien mit zerrupf‐ tem Gefieder auf rastloser Flucht voreinander. Aus meinem Leben war jemand verschwunden, der ‚frei‘ sein wollte, den ich mir deshalb ge‐ sucht und den ich vielleicht auch deshalb verstoßen hatte. Er habe ein Problem mit Exklusivität, er sei beziehungsgestört, er habe jetzt eine 1 1.1 1 neue Freundin, oder jedenfalls noch eine, hatte er mir eröffnet. Auch im weiteren Umfeld schien es zu grassieren: „Ihr habt doch nicht etwa eine Beziehung?“ und „Wenn ich merke, dass jemand was von mir erwartet, dann lauf ich weg“ drangen nächtliche Gesprächsfetzen an mein Ohr. Eine Frau erklärte mir, sich für einen Mann zu entscheiden, bedeute, alle anderen auszuschließen – „Und das sind Millionen! Ich könnte niemals einem treu sein. Das muss ich ja auch vor mir verantworten, was ich da alles versäume!“. Ein Freund erzählte mir, er habe seine Affäre beendet, damit sie nicht zur Beziehung würde, und ein dritter attestierte sich selbst einen „Zwang zur Freiheit“. Was sollte das sein? Die sechziger Jahre hatten immer so gut gerochen, in den Filmen, der Musik, den Liedtexten, nach voll gelebtem Leben, Abenteuer und Ent‐ deckung, nach einer brodelnden Mischung aus Weisheit und Rausch. Nach Freiheit. Flogen sie uns nun um die Ohren? Ich ging auf die Suche nach dem Schnabel, der die Nester zerhackte. Ich lief mit einer Brille von Schmerz durch die Stadt. Werbeplakate schrien mich an: Nicht pausieren, Blick riskieren! Keep moving. Grab it now, tomorrow it might be gone forever. Flexibel wie das Leben selbst! Möchtest Du dich auch jeden Tag neu entscheiden? Ich will alle. Mach dich neu! Und natürlich: Liberté toujours.2 Das war der Gärgrund, aus dem eines Tages auf sehr plötzliche Weise meine Hypothese entsprang. Als ich sie zum ersten Mal notierte, stand darunter: „Vorsicht: Wut! Eiskalte WUT!“. Ich will und sollte diese anfängliche Färbung – und auch spätere Änderungen des Farbtons – nicht verbergen, denn meine persönliche Involvierung in die Thematik ist ein wesentliches Charakteristikum dieser Studie. Ohne persönliche Faktoren gäbe es sie nicht, und gäbe es sie doch – sie wäre eine andere. Wie ich damit umgehe und warum ich bestimmte stilistische Mittel für die Erfassung dieses autoethnographischen Elements verwende, wird in Kapitel 3.1.2 dargelegt. 2 Werbeslogans folgender Unternehmen (in Reihenfolge der Aufzählung): Blackberry, H&M, MVG, Tassimo, 1&1, Tom Taylor, Gauloises. 1 Einleitung 2 Gegenstand und Hypothese Nun aber zur Hypothesenbildung. Was mir zunächst besonders auffiel, war – um es nun in wissenschaftliche Begriffe zu bringen – Folgendes: In dem Personenkreis, in dem ich mich bewege – der ‚alternativen Szene‘, der künstlerisch-akademischen Bohème Münchens, einem sich selbst als liberal und antikommerziell verstehenden und lose an bestimmte Treffpunkte geknüpften Netzwerk mit Mitgliedern relativ hohen Bildungsgrades im Alter von etwa 20 bis 40 Jahren – herrschte die Tendenz, keine Liebesbeziehungen nach dem herkömmlichen Modell der romantischen Zweierbeziehung mehr zu führen. Vielmehr waren diese Verhältnisse recht flüchtiger und meist nicht exklusiver Natur: Sie wurden absichtlich gar nicht oder als ‚Affäre‘ definiert, waren oft inoffiziell (also nicht vor Dritten deklariert oder sogar heimlich) und verwehrten sich gegen jede Form wechselseitiger Verantwortung und Bindung. Im Falle des Entstehens einer emotionalen Bindung wurden sie meist von einer Seite abgebrochen oder einvernehmlich beendet. Zudem waren diese sexuellen Beziehungen in den wenigsten Fällen exklusiv – was manchmal vereinbart war, manchmal aufflog und die Verhältnisse ins Chaos stürzte, und manchmal beides zugleich. Für diese Art der Beziehungsführung – oder besser: Beziehungsverweigerung – nannten die Menschen in den meisten Fällen einen zentralen Grund: Sie wollten „frei“ sein. Nach nur wenigen Wochen im Feld musste ich dieser Beschreibung meines Forschungsgegenstandes etwas hinzufügen: Es stimmte nicht, dass das Ideal der ‚Bindungslosigkeit‘ derart prominent vertreten war, wie mir eingangs schien – bei dieser Einschätzung hatte vermutlich mein eigener bias eine Rolle gespielt. „Frei“ sein zu wollen, bewegte nicht nur viele Menschen dazu, keine Bindung eingehen zu wollen, sondern auch mindestens ebenso viele, zwar eine Bindung einzugehen, aber voneinander keine Ausschließlichkeit zu fordern: Sprich, man führte mehrere Beziehungen parallel. Die Grundthemen der ‚Freiheit‘, des Verweigerns von Entscheidungen, des Nutzens von Möglichkeiten und der Betonung individueller Entwicklung durch Beziehungen bleiben allerdings auch in diesem Falle bestehen, weshalb ich folgende Ausgangshypothese uneingeschränkt auf den gesamten Phä- 1.2 1.2 Gegenstand und Hypothese 3 nomenkomplex nichtmonogamer Beziehungsformen in meinem Forschungsfeld beziehe und sie daran überprüfe: Es gibt in unserer Gesellschaft einen wirkmächtigen Diskurs – genauer, es gibt derlei viele, doch ich meine den vielleicht massivsten: den des Neoliberalismus. Die Hypothese, die ich in dieser Arbeit diskutieren und überprüfen werde, lautet, dass die Logiken, die diesem Diskurs innewohnen und ihn konstituieren, nicht nur im (im herkömmlichen Sinne) ‚ökonomischen‘ Bereich greifen oder lediglich das Verhältnis des Bürgers zu Staat und Wirtschaftssystem bestimmen, sondern dass sie auf sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens durchschlagen; dass bestimmte Prinzipien und Mechanismen zu einem solchen Grade im Subjekt verankert sind, dass sie als naturgegeben erscheinen und in Ebenen vordringen, die augenscheinlich kaum eine Verbindung zum Wirtschafts- und Arbeitsleben haben. Bestimmte Züge des skizzierten ‚Liebeslebens‘ und die damit verbundenen Ideen, Ideale und ontologischen Grundannahmen reproduzieren den neoliberalen Diskurs. In völlig disparaten Lebensbereichen reproduzieren sich analoge Grundmuster: Individualismus und Eigenverantwortung, Flexibilität, Dynamik und Mobilität, Optimierung, Wettbewerb, Kreativität und Originalität, Konsumorientierung und Wahlfreiheit, Unmittelbarkeit und Augenblicksfokussierung sowie der neoliberale Grundmechanismus der Schaffung immer neuer und – aufgrund ihrer sofortigen Verschiebung im Moment der Befriedigung – strukturell unbefriedigbarer Bedürfnisse. Korrespondierende Selbstentwürfe verfestigen diese Prinzipien: Sie zu befolgen, gilt als Charakteristikum eines ‚freien‘ Subjektes – wer daran scheitert, ist nicht frei. Als griffiges Beispiel sei auf die Analogien zwischen dem ‚freien Mitarbeiter‘ und dem ‚inoffiziellen Geliebten‘ hingewiesen: Beide kommen, leisten und gehen wieder; man behandelt sie fair, ist aber von jeder Verantwortung für sie entbunden. Ihr Wirklichkeitsstatus bleibt aufgrund bewusst vermiedener Definition stets ein zweifelhafter. Sie sind Provisorien und ihre ‚Verträge‘, wenn überhaupt vorhanden, befristet. Bei ersten Recherchen stieß ich auf ein belletristisches Werk, Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit von Sven Hillenkamp, von der Kritik hoch gelobt und mit dem Clemens-Brentano- Preis ausgezeichnet. Ich plante zu Beginn meiner Arbeit, Hillenkamps Kernaussage, die mit meiner Ausgangshypothese weitgehend kompati- 1 Einleitung 4 bel ist, sozialkonstruktivistisch zu überarbeiten. Sie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Mitglieder unserer Gesellschaft sehen sich einer als unendlich empfundenen Zahl an Möglichkeiten der Partnerwahl gegenüber, wobei sich zugleich durch das scheinbare Verschwinden äußerer Zwänge die alleinige Verantwortung für das eigene Leben in das Individuum hineinverlagert. Da nun jede Festlegung einen kaum zu rechtfertigenden Verzicht auf die Unendlichkeit an Möglichkeiten und auf die Freiheit, diese zu nutzen, darstellt, gewinnt genau diese ‚Freiheit‘ eine Macht über die Menschen, die sie entweder zum steten Abbruch und Neubeginn von Beziehungen oder zum antizipierenden Nicht-Eingehen von Bindungen zwingt. Die ‚Freiheit‘, so Hillenkamp, bestehe also letztlich nur darin, zu gehen, jedoch nie darin, zu bleiben. In seinen Worten klingt dies so: „Die Menschen glauben, Entschlüsse zu fassen. Sie glauben, Möglichkeiten wahrzunehmen. Tatsächlich aber fallen sie auf ihre Möglichkeiten zu wie Steine zu Boden. Die Freiheit, jemanden zu küssen, ist zugleich der Zwang, jemanden zu küssen. Die Menschen, die ihre Freiheit nutzen, müssen sie nutzen. Sie müssen trinken und müssen küssen. Die Geschwindigkeit der Menschen in der Freiheit ist die Geschwindigkeit des freien Falls. Die Menschen tun alles beim ersten Mal. Wie auch der Stein beim ersten Mal zu Boden fällt. Auch er kann nicht warten in der Luft. […] Die Liebe kann nicht nur an ihren Unmöglichkeiten scheitern, sondern auch an ihren Möglichkeiten […], nicht nur an höheren Gewalten, auch an der Gewalt eines sich als frei und originell verstehenden Bewusstseins. […] Der Mensch scheint frei, sich selbst zu wählen […]. Er scheint unbegrenzte Möglichkeiten zu haben. Doch jeder Mensch versagt vor seinen unbegrenzten Möglichkeiten. […] Die unbegrenzten Möglichkeiten sind unendlich mächtig. Sie sind Mauern und Wächter. Sie beherrschen die Menschen.“3 Das Phänomen, das Sven Hillenkamp ohne weitere Definition als ‚Freiheit‘ bezeichnet, betrachtet meine Hypothese als ein Konstrukt namens ‚Freiheit‘, das zentrales Element eines neoliberalen Diskurses ist und dessen Funktionsweise und Einflussnahme auf ein anderes Konstrukt, nämlich jenes namens ‚Liebe‘, mein Forschungsgegenstand ist. Mein Forschungsfeld aber versteht sich nun seinerseits als „sehr klar gegen den Neoliberalismus gestellt“, um einen meiner Interviewpartner zu zitieren. Können sich in einem solchen Umfeld neoliberale 3 Hillenkamp 2012: 26 ff. 1.2 Gegenstand und Hypothese 5 Prinzipien ungebrochen fortschreiben? Und wenn ja, warum? Womöglich sind die durch die gesellschaftskritischen Jugendbewegungen der 60er Jahren formulierten Ideale – die eng mit der Idee der ‚freien Liebe‘ zusammenhängen – durch den dominanten neoliberalen Diskurs ‚aufgesogen‘ und im Zuge eines erstaunlichen Zusammenspiels wirtschaftlicher Entwicklungen und ideologischer Veränderungen vom peripheren Phänomen zum annähernd gesamtgesellschaftlichen Imperativ geworden. Vielleicht sind die damals erkämpften Freiheiten als Befehle zurückgekehrt. Provokant verkürzt behauptet meine Hypothese also Folgendes: Wir stehen unter einem diskursiv etablierten und konsolidierten Diktat einer historisch gewachsenen Vorstellung von Freiheit. Eine zentrale Frage, die sowohl auf die Selbstdefinition meines Forschungsfeldes als ‚alternativ‘ als auch – in theoretischer Hinsicht – auf das Verhältnis von diskursiver Macht und Widerstand zielt, folgt auf dem Fuß: Ist es denn überhaupt möglich, unter diesen Umständen ‚alternativ‘ oder ‚subversiv‘ zu sein? Der Befehl zur Freiheit enthält auch einen Befehl zum Man-Selbst-Sein, zum Anders- und Individuell-Sein, zum Kreativ- und Originell-Sein. Wenn die Macht den Widerstand befiehlt, kann dieser dann überhaupt existieren? Gibt es ein ‚Außen‘? Gerade wegen dieser Frage ist es auch besonders brisant, in einer Szene zu forschen, die sich als ‚alternativ‘ versteht: Systemkritik ist hier wichtiger Wert, ererbte Praxis und praktische Schwierigkeit, weshalb sich an diesem sozialen setting die Dynamik von Kapitalismus und Kapitalismuskritik am deutlichsten ablesen lässt und Rückschlüsse auf die Interdependenzen und Kräfteverteilungen zwischen Macht und Widerstand gezogen werden können. Ich ging also mit der Absicht in dieses Feld, meine Hypothese zu überprüfen und das Verhältnis dieses Gesellschaftsteils, seiner Ideale, Muster und Praktiken zum neoliberalen Diskurs zu untersuchen. Dieses Vorhaben ist – trotz aller persönlichen Motivation – insofern von Anfang an politisch, als es darum geht, anhand einer Ethnographie der Liebesbeziehungen und damit assoziierter Konzepte in meinem Feld die Koppelung von neoliberalem System und Kritik, diskursiver Macht, Subjekt und Widerstand zu erkunden. Auf diese Weise beleuchte ich subtil wirkende Machtmechanismen und ermögliche mir und anderen eine kritische Positionierung zu denselben. Eines möchte ich hier noch 1 Einleitung 6 vorwegnehmen: Von Hillenkamps Aussagen und seiner leidenschaftlichen Verachtung der Idee der ‚Freiheit‘ bin ich inzwischen sehr weit abgerückt. Ich finde sie geradezu gefährlich. Aufbau der Arbeit Warum und wie ich durch meine Feldforschung zu dieser Ansicht gekommen bin, davon erzählt diese Studie, indem sie eine Reihe von Fragen beantwortet, andere aufwirft, in jedem Falle aber Themenkomplexe beleuchtet. Um jede dieser Fragen dreht sich ein Kapitel, und jedes empirische Kapitel setzt abschließend in einem Zwischenfazit die darin geschilderten Realitäten zu meiner Hypothese in Bezug. Zuallererst war es für mich notwendig, mein Feld soziologisch einzuordnen – auch wenn ich Teil desselben war –, und für den Leser ist es nötig, dieses Feld kennenzulernen: Wie leben die Menschen, um die es hier geht, wie ist ihr soziales Umfeld strukturiert, welchen Bildungshintergrund haben sie? Was sind wichtige Themen dieser Szene und wie kann man diese überhaupt fassen? Kurz: Von wem spreche ich, und auch: Wer spricht hier? Dieser Frage widmet sich gleich nach der Einleitung Kapitel 2 in einer ausführlichen Szenestudie, die es ermöglichen soll, mit mir in die soziale Wirklichkeit jener Menschen einzutauchen. Eine Reflexion meiner Methodik und meiner Rolle im Feld sowie die Darstellung der statistischen Daten zu meinem Forschungssample schließt sich in Kapitel 3 an. Ebenso wichtig ist zu Beginn jeder wissenschaftlichen Arbeit die Frage nach den eigenen Grundbegriffen. Die Begriffe Diskurs, Macht und Neoliberalismus (einschließlich der Rolle des Begriffs ‚Freiheit‘ in diesem Konstrukt sowie der Theoreme ‚Gouvernementalität‘ und ‚neoliberales Subjekt‘) klärt Kapitel 4. Anders verhält es sich mit dem Begriff ‚Liebe‘, den meine Ausgangshypothese aus gegebenem Anlass untertheoretisiert hatte: Erst die Feldforschung selbst hielt mich dazu an, Liebe – insbesondere die romantische Zweierbeziehung – als Konstrukt zu untersuchen, weshalb wir uns damit erst in Kapitel 5.1 beschäftigen werden, das in diesem Sinne bereits zum empirischen Teil der Arbeit gehört. 1.3 1.3 Aufbau der Arbeit 7 Kapitel 5, das Kernstück dieser Studie, widmet sich der Empirie und ist folgendermaßen gegliedert: Auf die schon erwähnte Nachjustierung des Begriffes ‚Liebe‘, die den fließenden Übergang zwischen Theorie und Feldforschung illustriert, folgt in Kapitel 5.2 eine Schilderung der Praxis. Wie gestalten diese Menschen ihre Beziehungen? Welche Normen und Regeln finden dabei Anwendung? Lassen sich verschiedene Typen von Beziehungen beschreiben? Wie werden diese konkret gelebt und welche Konflikte treten dabei auf? In den beiden darauffolgenden Kapiteln begibt sich die Analyse auf die Ebene des inneren Erlebens: Kapitel 5.3 untersucht, welche Rolle Sexualität spielt, wie sie eingeordnet und bewertet wird. Welchen Einfluss haben kollektive Konstrukte und Diskurse auf diesen Bereich subjektiven Erlebens? Parallel dazu fragt Kapitel 5.4: Wie gehen die Menschen mit den eigenen Emotionen und Gefühlen um? Welche Selbsttechnologien werden dabei angewandt und was verrät dies über ihre Vorstellung vom Selbst? Und schließlich wende ich mich der konzeptuellen Ebene zu: Was eigentlich verstehen die Menschen in meinem Feld unter ‚Liebe‘? Kapitel 5.5 widmet sich dieser Frage und geht der Einbettung verschiedener Liebeskonzepte in breitere Diskurse auf den Grund. Und Kapitel 5.6 fragt: Was bedeutet für sie ‚Freiheit‘? Geht diese Idee mit dem neoliberalen Diskurs konform oder widerspricht sie ihm? Wenn letzteres, geschieht dies explizit? Diese Diskussion mündet in die Frage, wie meine Forschungsteilnehmer das Verhältnis ihres persönlichen Lebens zum neoliberalen Diskurs reflektieren. Dass diese Reflexion stattfindet, war mir von Beginn an klar, weshalb ich den Forschungsprozess von vorneherein interaktiv gestaltete: Er war ganz wesentlich eine kollektive Reflexion zu den Fragen, die ich gerade formuliert habe. Die Selbstreflexion der Akteure, die ich durch meine Forschung weiter verstärkt habe, speist sich in den Prozess der Theoriebildung und der Überprüfung meiner Hypothese zurück, was insbesondere in diesem letzten empirischen Kapitel deutlich spürbar werden wird. Der Schlussteil, Kapitel 6, zieht aus den geschilderten Ideen, Praktiken und Selbstinterpretationen sowie dem fortlaufenden Abgleich meiner Hypothese mit der sozialen Realität ein Fazit, das mich zu einer Neueinordnung des Begriffes Freiheit auffordert und grundsätz- 1 Einleitung 8 liche Fragen zur politischen Positionierung der Sozialwissenschaften zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen aufwirft. Drei Anmerkungen Bevor wir uns nun direkt ins Feld begeben, drei Anmerkungen, um Verwirrung vorzubeugen: (1) Die Namen der Menschen, die ich aus dem Feld zitiere, sind meist von diesen selbst vorgeschlagene Pseudonyme und man darf daher gerne versuchen, sie als Daten zu lesen. Manchmal aber sind sie vielleicht auch einfach nur ein Witz, ein Insider, oder sie wurden in Ermangelung ‚besserer‘ Einfälle gewählt. Hätte ich jedem Vorschlag sofort zugestimmt, hießen sechs Frauen Kunigunde. In einigen Fällen, in denen meine Gesprächspartner nicht mehr kontaktierbar waren, habe ich die Pseudonyme ausgewählt. Zwei Personen hätten gerne ihre wirklichen Namen beibehalten; ich konnte diese Wünsche aber nicht erfüllen, da ich sonst die Anonymität von Menschen, die mit ihnen in Verbindung stehen, zumindest vor einem bestimmten Münchener Leserkreis nicht mehr hätte gewährleisten können. Eine Ausnahme von der Anonymisierung mache ich nur bei Adelheid Opfermann und Rainer Langhans, beide Aktivistinnen aus den 60er Jahren, die nicht über aktuelle oder konkrete Beziehungen sprechen, und bei Tuncay Acar, der als Lokalbetreiber und Kulturveranstalter in der Rolle eines ‚Szeneexperten‘ auftritt. (2) Ich habe selbstverständlich den Anspruch, gendersensibel zu formulieren, lege aber auch Wert auf gute Lesbarkeit, welche Formulierungen wie „Musikerinnen und Musiker“ oder notorisch von Word rot unterringelte „MusikerInnen“ nicht fördern (bei letzterem geht es eher um „Schreibbarkeit“ und mein persönliches ästhetisches Empfinden). Dem Problem, dass sämtliche Geschlechter durch Gebrauch der männlichen grammatikalischen Form unter diese subsummiert werden und sich so ein Unterdrückungsmuster in der Sprache manifestiert und perpetuiert, versuche ich dadurch beizukommen, dass ich in etwa der Hälfte aller Fälle sämtliche Geschlechter unter die weibliche gram- 1.4 1.4 Drei Anmerkungen 9 matikalische Form subsummiere. Wenn also im Folgenden manchmal von Wissenschaftlerinnen, Forschungsteilnehmerinnen oder Künstlerinnen die Rede ist, meine ich damit auch Männer. (3) Obwohl es naheliegend scheinen mag, in einer Arbeit über geschlechtliche Beziehungen Geschlechterdifferenz in den Fokus zu nehmen, verorte ich meine Studie nicht im Bereich der Genderforschung. Dies hat mehrere Gründe, darunter auch den, dass sich aus meinen Daten kaum geschlechtsspezifische Haltungen ablesen lassen, was aber meiner Fragestellung geschuldet sein kann, welche der eigentliche Grund ist: mir geht es um diskursive Muster, Werte, Einstellungen, Menschen- und Weltbilder, die am Thema Liebesbeziehungem sichtbar werden, jedoch keineswegs auf dieses beschränkt sind. Mein Forschungsinteresse gilt nicht dem Verhältnis von Männern und Frauen, sondern dem von Subjekt und neoliberalem Diskurs. Die Genderthematik in diese Arbeit aufzunehmen, würde den Rahmen sprengen. Die Wahl meiner Perspektive hängt dabei auch mit einer kritischen Sicht auf eine Richtung der Gender Studies zusammen, welche Differenz kritisiert, sie aber zugleich überbetont und dadurch perpetuiert. Es ist zwar wichtig, vorliegende Differenzen, Ungerechtigkeiten und Machtverhältnisse zu thematisieren – dahingehend sei der Wert der Geschlechterforschung unbenommen. Wenn der Blick sich aber so sehr verengt, dass er nur noch diese Differenz wahrnimmt und sowohl andere relevante Machtverhältnisse als auch Widerständiges übersieht, kehrt sich der Effekt der Analyse um: Sie fängt an, dem zuzuspielen, was sie kritisieren wollte, und untergräbt beobachtbare Widerstände, Nischen und Besserungstendenzen. Ich halte es daher für sehr wichtig, dass die Sozialwissenschaften theoretische Engführungen vermeiden und aus verschiedenen Theorierichtungen – deren Gegenstände in aller Regel interagieren – auf ein Phänomen blicken. In diesem Sinne würden eine genderorientierte Analyse meiner Thematik und die vorliegende Arbeit einander sicherlich wertvoll ergänzen. Mein persönlicher Ansatz zum Umgang mit der Geschlechterfrage aber ist es, nicht die gesellschaftlich konstruierte Weiblichkeit oder Männlichkeit in den Blick zu nehmen, sondern die Vielfalt dessen hervorzuheben, was als weiblich oder männlich gelten kann, und auch die Punkte, an denen beides konvergieren kann. Dies tue ich, indem ich 1 Einleitung 10 von Menschen erzähle, die Männer, Frauen, manchmal auch ein wenig beides sind, und auch, indem ich als Frau schreibe – jedoch schreibe ich nicht aus einer Perspektive, die ein kollektiver Konstruktionsvorgang als ‚feminin‘ bestimmt hat. Denn darum geht es ja gerade: diese Konstruktion zu entmachten oder ihr zumindest eine andere entgegenzusetzen. Ich bin eine Frau, und deshalb ist meine Perspektive weiblich. Ich und jede andere Autorin sind fähig, durch ihr Schreiben das Feminine zu etwas zu machen, was es vorher nicht war. Ein paar Vorschläge zur Veranschaulichung: Mein Text ist feminin, weil er sich nicht um Geschlechter dreht. Er ist feminin, weil er akribisch und ausführlich ist. Er ist feminin, weil er zum Denken anregt. Er ist feminin, weil er einen Hauch von Revolte in sich trägt. Er ist feminin, weil er exzessiv Foucault zitiert. Er ist feminin, weil er Lücken hat. Er ist feminin, weil er zugehört hat. An manchen Stellen ist er auch auf geradezu männliche Weise einfühlsam, emotional oder idersprüchlich. Er enthält sogar Gedichte! Die sind wahrscheinlich an einem dieser Tage geschrieben, an denen ich mich ganz nach Art der modernen Frau ein wenig männlich fühle. Eines jedenfalls steht fest: Mein Text ist feminin, weil ich nach Einschätzung aller kompetenten Stimmen weitgehend eine Frau bin. 1.4 Drei Anmerkungen 11

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Zusammenfassung

Freiheit als Befehl – diesem Paradox widmet sich die vorliegende Studie. „Freie Liebe“, wenn auch als Idee nicht ganz neu, steht heute in einem allumspannenden Zusammenhang, den es früher nicht gab: dem des Neoliberalismus. Wie verhält sich die Freiheit, die Menschen in nichtmonogamen erotischen Beziehungen suchen, zu der Freiheit, die der neoliberale Diskurs propagiert? Das „freie“, ungebundene, stets verfügbare, flexible, dynamische, konsumfreudige Subjekt ist das systemdienliche Persönlichkeitsideal unserer Zeit. „Offen sein für Neues“ gilt als Idealzustand. Ist es nicht so, als folge das Liebesleben so mancher Menschen genau diesem Prinzip, einem versteckten „Befehl zur Freiheit“? Sind sie also wirklich so frei, wie sie meinen? Die Studie sucht mithilfe diverser Theoreme nach Antworten auf diese Kernfragen, wobei sie auf Beziehungs- und Sexualpraxis, Emotionsskripte und Konzepte von Liebe und Freiheit sowie deren Genealogie eingeht. Wesentliche Grundlage ist empirisches Material aus einer ausgedehnten Feldforschung, die sich durch eine große soziale Nähe der Forscherin zu den Protagonisten, ein starkes autoethnographisches Moment und einen partizipatorischen Forschungsprozess auszeichnet. Ort der Forschung, den man in lebhafter Schilderung kennenlernt, ist die „alternative Szene“ einer deutschen Großstadt, was der Fragestellung besondere Brisanz verleiht – denn in dieser Szene ist ein expliziter Wunsch nach Selbstabgrenzung vom neoliberalen Diskurs zu beobachten. Doch gelingt diese auch? Kann sie überhaupt gelingen, und wenn ja, wie?