Content

Quintus Immisch, Chambre d'echos. Mythische Anfangslosigkeit bei Ovid und Barthes in:

Kristin Rudersdorf, Saskia Schomber, Florian Sommerkorn (ed.)

Der Mythos vom Mythos, page 87 - 110

Interdisziplinäre Perspektiven auf das Mythische in Künsten und Wissenschaften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4108-6, ISBN online: 978-3-8288-7067-3, https://doi.org/10.5771/9783828870673-87

Series: Beiträge des Gießener Studierendenkolloquiums, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Chambre d'echos. Mythische Anfangslosigkeit bei Ovid und Barthes Q u in t u s I m m is c h (T ü b in g e n ) ... oublier, oublier,faire silence, etre un echo parfait. Paul Cezanne1 1 Echokammer Die Theorien des Poststrukturalismus sind Theorien der Intertextualität. Wenn, wie Jacques Derrida argumentiert, jedes Zei chen nur auf andere Zeichen verweist, weicht die Vorstellung ei nes abgeschlossenen Texts der Auffassung vom unendlichen Text, und was zuvor als distinkte Fügung von Wörtern gefasst wurde, eben Text hieß, ist mit Julia Kristeva nur noch „als Mosaik von Zitaten" zu denken.2 Auch Roland Barthes folgt dem dekonstruktiven Verständ nis ewig weiterverweisender Zeichen: ,,[L]es mots ne peuvent s'expliquer qu'ä travers d'autres mots, et ceci indefiniment [...]" .3 Und seine Theorie findet ein Bild für die fragmentarische Zusammensetzung von Texten, das Kristevas Mosaik sehr ähn lich ist: „Le texte est un tissu de citations, issues des mille foyers de la culture."4 Die sich hier in den foyer de la culture schon an deutende Verräumlichung wird aber noch eine entschiedenere 1 „II [le peintre] doit faire taire en lui toutes les voix des prejuges, oublier, oublier, faire silence, etre un echo parfait." (G a SOUET 1978,109) Dt.: „Er soll in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit, vergessen, vergessen, Stille machen, ein vollkommenes Echo sein." (C e z a n n e 1980, 12) 2 K r is t e v a 1972 , 348. 3 BARTHES 2002a, 44 : „[V]oudrait-il s'exprimer, du moins devrait-il savoir que la ,chose' interieure qu'il a la pretention de ,traduire', n 'est ellememe qu'un dictionnaire tout compose, dont les mots ne peuvent s'ex pliquer qu'ä travers d'autres mots, et ceci indefiniment [...]. " Dt.: „W ollte er sich ausdrücken, sollte er wenigstens wissen, dass das innere ,Etwas', das er ,übersetzen' möchte, selbst nur ein zusammengesetztes W örterbuch ist, dessen W örter sich immer nur durch andere Wörter erklären lassen [...] ." ( B a r t h e s 2000, 190) 4 BARTHES 2002a, 43 . Dt.: „Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus un zähligen Stätten der Kultur." ( B a r t h e s 2000,190) 88 Q u i n t u s I m m is c h Form annehmen. Barthes bringt seine Theorie des Textes näm lich auch auf die Formel einer Echokammer: „Par rapport aux systemes qui l'entourent, qu'est-il ? Plutöt une chambre d'echos [...] ."s Die begriffliche Bewegung, die Barthes dabei vornimmt, führt in die antike Mythologie. Von Echo, der Nymphe des Wi derhalls, und ihrer vergeblichen Liebe zu Narziss erzählen Ovids Metamorphosen. Barthes' Begriff forciert dabei Echo vor Narziss und gesteht ihr also einen oft verwehrten6 kulturgeschichtlichen Rang zu. Dabei ist Echo genau derjenige „literarische Resonanz raum ",7 in dem die mögliche Individualität der Sprache ausge handelt wird. Narziss und Echo zeigen auch den Umgang mit Grenzziehungen und Begrenzungen: Echos Redeweisen werden durch göttliche Intervention eingeschränkt, während Narziss durch Grenzziehungen gerade Vielfalt gewinnen möchte. Echo steht in diesem Sinne auch für die beklemmende Befürchtung, dass alles schon gesagt sein könnte; sie wirft die Frage auf, ob ein von Altem sich abhebendes Neues überhaupt gedacht oder ge sagt werden kann.8 Doch Barthes hat seine Textualitätsauffassung nicht immer mit Echo bebildert: Der Mythos der Nymphe verabschiedet auch eine psychoanalytische Literaturauffassung. 5 B a r t h e s 1975, 78. 6 Aber nicht bei S p iv a k 1993. Dort 22-23: „Indeed, as I look into the mass of learned literature on both the Narcissus tradition and narcissism, not only do I notice a singulär absence of independent attention to the narrativization of Echo [...]." 7 K ie n in g 2009, 92. 8 In Le Degre zero de l'ecriture (1953) entwickelt Barthes eine sprachlichsemiotische Trias, um die schriftstellerische Aktivität in Bezug zur Ge sellschaft zu setzen: Sprache, Stil, Schreibweise. Die Sprache sei die ge schichtlich-epochale Begrenzung, „ein allen Schriftstellern einer Epo che gemeinsamer [sic!] Corpus aus Vorschriften und Gewohnheiten", „ein Horizont", „eine äußerste Grenze" (B a r t h e s 2006, 15); der Stil er gebe sich hingegen aus „der Vergangenheit des Schriftstellers" (BARTHES 2006, 16). Sprache und Stil sind also Figuren der Außerungsdetermination und -einschränkung, die durch die Schreibweise aufge brochen werden: In der Schreibweise „individualisiert sich ein Schrift steller eindeutig, denn hier engagiert er sich. Sprache und Stil sind das natürliche Produkt der Zeit und der biologischen Person." (BARTHES 2006, 18) Die sprachliche Individualität ergibt sich hier also aus dem politischen Engagement. M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 89 2 Abschied von Ödipus In seinen Essays über Die Lust am Text (frz. Le Plaisir du Texte, 1973) formuliert Roland Barthes seine Texttheorie noch ausge hend vom für die Psychoanalyse so wichtigen Mythos des Ödi pus: La mort du Pere enlevera a la litterature beaucoup de ses plaisirs. S'il n 'y a plus de Pere, a quoi bon raconter des histoires ? Tout recit ne se ramene-t-il pas a l'ffidipe ? Raconter, n'est-ce pas toujours chercher son origine, dire ses demeles avec la Loi, entrer dans la dialectique de l'attendrissement et de la haine ? Aujourd'hui on balance d 'un meme coup l'ffidipe et le r e c it : on n'aim e plus, on ne craint plus, on ne raconte plus. Comme fiction, l'ffidipe servait au moins a quelque chose : a faire de bons romans, a bien raconter [ ...] .9 Barthes erblickt im Zeitalter der Erzählungen von Hass und Liebe eine ödipale Ara, deren Genealogie den Ursprung des Er zählens in Ödipus selbst erkennt. Er bezieht sich dabei auf Freuds Interpretation des Ödipus-Stoffes, die er erstmals im be rühmten fünften Kapitel der Traumdeutung vorgelegt hatte. Dort liest Freud den Mythos als Erzählung der „schrittweise gestei gerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung [...], daß Ödipus selbst der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten und der Jokaste ist."10 In der Traumdeutung sind Mord am Vater und Inzest mit der Mutter Elemente eines „uralten Traumstoff[es]"n und damit Formen der Wunscherfüllung,12 deren Un terdrückung den Menschen - zwar neurotisch - in die Kultur eingliedert. Wer einen solchen Traum träumt, kann ihn daher nur „empört und verwundert erzählen" und folgerichtig ist der Mythos von Ödipus „die Reaktion der Phantasie auf diese 9 B a r t h e s 1 9 7 3 , 7 5 -7 6 . Dt.: „Der Tod des VATERS wird der Literatur viele ihrer Lüste nehmen. W enn es keinen VATER mehr gibt, wozu dann noch Geschichten erzählen? Führt denn nicht jede Erzählung auf den Ödipus zurück? Heißt erzählen denn nicht stets, nach seinem Ur sprung zu suchen, seine Händel mit dem GESETZ zu sagen, in die Di alektik von Rührung und Haß einzutreten? Heute w irft man auf einen Schlag den Ödipus und die Erzählung weg: Niemand liebt mehr, nie mand fürchtet mehr, niemand erzählt mehr. Als Fiktion war der Ödi pus zumindest zu etwas nütze: gute Romane zu verfassen, gut zu er zählen [...] ." (B a r t h e s 2 0 1 0 ,6 1 ) 10 F r e u d 1948 , 268. 11 F r e u d 1948 , 270. 12 F r e u d 1948 , 1 2 7 -1 3 8 . 90 Q u i n t u s I m m is c h beiden typischen Träume" des Vatermords und Mutterinzests.13 Es wird erzählt. Die Bindung der Narrativität an die Ödipalität weitet sich in Totem und Tabu (1912/1913) zur Kulturtheorie aus.14 „Die Reli gion des Totem umfaßt", schreibt Freud, „nicht nur die Äuße rungen der Reue und die Versuche der Versöhnung, sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph über den Vater."15 Äußerungen der Reue und Erinnerung an den Triumph sind als Re sultat des Ödipus-Komplexes also auch Vertextungen: ihnen ent springen Erzählungen. Keinen Vater zu haben, bedeutet in die sem Sinne Verzicht auf die emotionale Struktur des Knaben, der sich mit seinem Vater auseinanderzusetzen hat: Der aus der Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgerufene Haß kann sich im Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung für dieselbe Person zu kämpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -a m b iv a le n te r - Gefühlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseli gen und ängstlichen Gefühle auf ein Vatersurrogat verschiebt.16 Eben diese Polarität, die Barthes auf die Formel einer „Dialektik von Rührung und Haß" (s.o.) bringt, stellt die Kategorien der anthropologischen Narrativik, die für Barthes zunächst offen sichtlich der väterlichen Stimulanz bedarf, „s'il est vrai que tout recit (tout devoilement de la verite) est une mise en scene du Pere (absent, cache ou hypostasie)".17 Eine solchermaßen ödipale Er zähltheorie formuliert Barthes auch in seiner Introduction a l'analyse structurale des recits, deren letztes Wort bezeichnenderweise Ödipus ist und hat: Bien qu'on n'en sache guere plus sur l'origine du recit que sur celle du langage, on peut raisonnablement avancer que le recit est contemporain 13 F r e u d 1948, 270. 14 Nicht zu übersehen ist dabei die Historizität der Abhandlung. „Die Thesen sind schließlich nicht nur überkommen, sondern auch in hohem Maße problematisch, da eine Analogie von individuellem Kindesalter und ,primitiven' Völkern ebenso unhaltbar wie diskriminierend ist." (K im m ic h 2017,112) 15 F r e u d 1961, 175. 16 F r e u d 1961, 157. 17 BARTHES 1973, 20. Dt.: „Wenn es wahr ist, daß jede Erzählung (jede Ent hüllung der W ahrheit) eine Inszenierung des (abwesenden, verborge nen oder hypostasierten) VATERS ist." ( B a r t h e s 2010,17) M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 91 du monologue, creation, semble-t-il, posterieure a celle du d ialogue; en tout cas, sans vouloir forcer l'hypothese phylogenetique, il peut etre significatif que ce soit au meme moment (vers l'äge de trois ans) que le petit de l'homm e « invente » a la fois la phrase, le recit et l'ffidipe.18 Was also, s'il n'y a plus de Pere, a quoi bon raconter des histoires ? Der ,Tod des Vaters' beschreibt daher auch den Abschied von einer Literatur, deren innerer Zusammenhalt sozial geprägt und emotional strukturiert war. Literatur nach dem Vater bringt da gegen kein erzählendes Subjekt mehr in Position und ist auch kein (illusionärer) Persönlichkeitsentwurf mehr, sondern gestal tet sich eher, wie etwa die Werke im Umfeld des Oulipo-Kreises, als Formexperiment. In Texten wie Perecs Disparition (1969), ei nem Roman, der ohne ,e' auskommt, weicht das ödipale Erzäh len der formalen contrainte. Das Ungenügen an einer Literatur, die in ihre väterliche Origo verstrickt bleibt, wirft daher noch eine weitere Frage auf: Für eine mögliche Theorie des Textes thematisiert Barthes näm lich auch die Möglichkeit einer Sprache des sich vom Alten ab hebenden Neuen. In den Essays über Die Lust am Text artikuliert sich die Reflexion der eigenen Möglichkeit als Überdruss am Überlieferten: „J'ecris parce que je ne veux pas des mots que je trouve : par soustraction."19 Gegenwart muss sich am „Gegen satz zwischen dem Alten und dem Neuen" abarbeiten und ihren Verfall aushalten: ,,[T]out langage ancien est immediatement compromis, et tout langage devient ancien des qu'il est repete."20 Diese Alterung mache die Sprache zum „langage de repetition", dem jede Lust abhanden gekommen sei, weil er nicht dem Be dürfnis nach Neuem entsprechen könne.21 Seine wesentliche 18 BARTHES 19 6 6 , 27 . Dt.: „Obgleich man über den Ursprung der Erzäh lung kaum mehr weiß als über den der Sprache, kann man mit gutem Grund annehmen, daß die Erzählung ein Zeitgenosse des Monologs ist, einer Schöpfung, die, so scheint es, zeitlich nach der des Dialogs anzu setzen ist; ohne die phylogenetische Hypothese überfordern zu wollen, kann es jedenfalls signifikant sein, daß das Kleinkind zum selben Zeit punkt (im Alter von etwa drei Jahren) sowohl den Satz als auch die Erzählung und den Ödipus ,erfindet'." (BARTHES 1 9 8 8 ,1 3 6 -1 3 7 ) 19 BARTHES 1973 , 65 . Dt.: „Ich schreibe, weil ich von den Wörtern, auf die ich stoße, keine will: mich entziehend." (BARTHES 20 1 0 , 53) 20 BARTHES 1973 , 66 . Dt.: „Jede alte Sprache wird unverzüglich in Mitlei denschaft gezogen, und jede Sprache wird alt, sobald sie wiederholt w ird." (B a r t h e s 2 0 1 0 , 53 ) 21 B a r t h e s 19 7 3 , 62. 92 Q u i n t u s I m m is c h Opposition bestehe „entre l'exception et la regle. La regle, c'est l'abus, l'exception, c'est la jouissance."22 Barthes konzipiert sei nen Text der Lust als Ausbruch und Normverstoß, als , Störung' einer traditionellen Ordnung. Totale Restriktion und vollstän dige Expressivität stehen sich hier als Pole gegenüber und mit ihnen auch eine jeweilige Subjekttheorie: Die Sprache purer Wie derholung ist das System eines dezentrierten Subjekts, während die individuelle, ,neue' Sprache gerade die Ausdrucksweise ei nes sich selbst bestimmenden Subjekts ist: „l'erotique du Nou veau a commence des le XVIIIe siede",23 also der Zeit des sich behauptenden Subjekts der Aufklärung. Barthes' Theorie speist sich aber gerade auch aus einem kategorialen Entzug. Es geht gar nicht so sehr darum, im antitheti schen Paradigma der Sprachen eine eindeutige Auswahl zu tref fen. Deux bords sont traces : un bord sage, conforme, plagiaire (s'il s'agit de copier la langue dans son etat canonique, tel qu'il a ete fixe par l'ecole, le bon usage, la litterature, la culture), et un autre bord, mobile, vide (apte a prendre n'im porte quels contours), qui n 'est jam ais que lieu de son e ffe t : lä ou s'entrevoit la mort du langage. Ces deux bords, Ze compromis qu'ils mettent en scene, sont necessaires. La culture ni sa destruction ne sont erotiques ; c'est la faille de l'une et de l'autre qui le devient. Le plaisir du texte est semblable a cet instant intenable, impossible, purement romanesque, que le libertin goüte au terme d'une machination hardie, faisant couper la corde qui le pend, au moment ou il jouit.24 22 B a r t h e s 1973, 67. Dt.: „zwischen der Ausnahme -und der Regel. Der Miß brauch ist die Regel, die W ollust ist die Ausnahme." (B a r t h e s 2010,62) 23 BARTHES 1973, 65. Dt.: „die Erotik des NEUEN hat mit dem 18. Jahrhun dert begonnen" (B a r t h e s 2010, 53). 24 B a r t h e s 1973, 14-15. Dt.: „Zwei Seiten werden abgegrenzt: eine brave, konforme, plagiatorische Seite (es geht darum, die Sprache in ihrem ka nonischen Zustand zu kopieren, so wie sie von der Schule, dem guten Gebrauch, der Literatur, der Kultur fixiert wurde), und eine andere Seite, die mobil, leer ist (fähig, beliebige Konturen anzunehmen), immer nur der Ort ihres Effekts: dort, wo der Tod der Sprache absehbar wird. Diese beiden Seiten, der Kompromiß, den sie in Szene setzen, sind notwen dig. W eder die Kultur noch ihre Zerstörung sind erotisch; dies wird erst die Spalte zwischen der einen und der anderen. Die Lust am Text gleicht jenem unhaltbaren, unmöglichen, rein romanhaften Augenblick, den der Libertin am Höhepunkt einer gewagten Maschinerie genießt, wenn er das Seil, an dem er hängt, im Augenblick seiner W ollust kap pen läßt." (B a r t h e s 2010,15) M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 93 Es ist ein begrifflicher Sprung in die Mitte, der die Überwindung der Oppositionen erlaubt. Auch hier geht Barthes von zwei Hal tungen gegenüber Sprache, zwei ,Verwendungsweisen' von Sprache aus, doch mit der begrifflichen Unbestimmtheit des Dritten verliert auch an Reiz, was als dichotome Option galt: ,,[w]eder die Kultur noch ihre Zerstörung". Dieses atopische Neutrum25 ist als Kluft zwischen beiden der narrative, romanhafte Raum, in dem „sich die Differenz von Ungeschiedenheit und Differenzierung, von Nicht-Code und Code auffaltet".26 Die be griffliche Arbeit fällt der Literatur zu. Texttheorie jenseits ödipaler Erdrückung hat also die para doxe Spannung auszuhalten, einerseits neu sein zu müssen, es andererseits nicht zu können, begriffliche Arbeit ohne Innovati onsillusionen verrichten zu müssen. A quoi bon raconter des histoires ? - Das ist also gar keine rhetorische Frage, sondern eine ernste Überlegung, deren Zweifel schließlich jenseits von Ödi pus nach einem anderen Mythos verlangt. Der disziplinäre Aus weg, den Barthes eröffnet, liegt in der Fiktionalisierung der The orie: (Le monument psychanalytique doit etre traverse - non contoume, comme les voies admirables d'une tres grande ville, voies a travers lesquelles on peut jouer, rever, etc. : c'est une fiction.)27 Die Psychoanalyse wird also in Barthes' literaturtheoretischem Essay buchstäblich ein- und ausgeklammert. Sie als Fiktion zu betrachten, die gleichwohl durchschritten, aber nicht umgangen werden darf, dann jedoch zum Träumen einlädt, lässt die Psycho analyse die theoretische Ebene wechseln. Wie Freud durch das imaginäre Rom schreitet und die Stadt zum Ebenbild der Psyche erklärt,28 schreitet Barthes durch das Monument der 25 Der Begriff wird dann auch im Zentrum seiner zweiten Vorlesung am College de France stehen (B a r t h e s 20 0 2 b ). 26 K o s c h o r k e 2 0 0 4 , 179. 27 B a r t h e s 1973 , 9 2 -9 3 . Dt.: „(Das Monument der Psychoanalyse muß durchquert werden - nicht umgangen, wie die prachtvollen Alleen ei ner sehr großen Stadt, Allen, auf denen man spielen, träumen kann usw.: Das ist eine Fiktion.)" (B a r t h e s 2 0 1 0 , 74) 28 Rom dient Freud in Das Unbehagen in der Kultur zur Illustration der nichts vergessenden Psyche: „Es bedarf kaum noch einer besonderen Erwähnung, daß alle diese Überreste des alten Roms als Einsprengun gen in das Gewirre der Großstadt aus den letzten Jahrhunderten seit der Renaissance erscheinen. Manches Alte ist gewiß noch im Boden der 94 Q u i n t u s I m m is c h Psychoanalyse. Doch während die Psychoanalyse bei Freud noch die Methode des Hindurchgelangens und Orientierens war, ist sie bei Barthes im theoretischen Irgendwo längst ,Teil von Rom' geworden: nicht mehr der Weg, der durch Rom hin durchführt. Der theoretische Parcours führt nicht in ihre Verwei gerung, sondern gerade mitten durch die Psychoanalyse hin durch und liest sie literarisch. Sie ist jetzt nicht mehr Methode, sondern ideengeschichtliches Substrat. Und wo Ödipus wieder Literatur wird, öffnet sich seine theoretische Position der Umbe setzung. 3 Anfangslosigkeit Die Suche nach einer Literatur, s'il n'y a plus de Pere, führt Barthes abermals in die Mythologie. Die beim Wort genommene Vater losigkeit macht mythologisches Personal notwendig, dessen El tern schlicht unbekannt sind. In der autobiographischen Schrift Roland Barthes par Roland Barthes wird die Frage, was nun Text sei, daher nicht mehr mit Ödipus, sondern der Nymphe Echo be antwortet: Par rapport aux systemes qui l'entourent, qu'est-il ? Plutöt une cham bre d'echos : il reproduit mal les pensees, il suit les mots ; il rend visite, c'est-a-dire hommage, aux vocabulaires, il invoque les notions, il les repete sous un nom [.. .].29 Die Verschiebung besitzt ihre strikte genealogische Motivierung in der Abwesenheit des Vaters, denn Echos Eltern sind unbe kannt. Die Substitution geschieht dabei in der subtilsten, beiläu figsten Form, indem die mythische Nymphe, die ja ihren Körper verliert, durch die Materialität des Signifikanten nur verdeckt besprochen und kaum mehr als Person wahrgenommen wird. Der Mythos verschwindet hinter der Minuskel, löst sich im Plu ral auf. Eine solche Verwischung wird nötig, weil Barthes den Signifikanten jetzt als Sirene auffasst: „le signifiant comme sirene".30 Wenn der Signifikant zur mythologischen Stadt oder unter ihren modernen Bauwerken begraben. Dies ist die Art der Erhaltung des Vergangenen, die uns an historischen Stätten wie Rom entgegentritt." (F r e u d 1968 , 4 2 7 ) 29 B a r t h e s 19 7 5 , 78. Dt. s ie h e Fußnote 60. 30 B a r t h e s 1 9 7 5 , 174 . Barthes bezieht sich dabei auf eine von ihm selbst vorgenommene Einteilung seiner intellektuellen Biographie in M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 95 Meerjungfrau wird, die mit ihrem Gesang die Vorbeiziehenden anlockt, um sie zu töten, entwirft Barthes damit ein Komplement zur Denkfigur des Alten und Neuen. Die Entscheidung zwischen Kultur und ihrer Zerstörung, der Barthes mit dem Sprung in die dazwischenliegende Kluft ausgewichen war, stellte noch ein sprechendes Autorsubjekt vor die Wahl einer eigenen Sprache. Die Subjekthaftigkeit hat jetzt die Seiten gewechselt: Als Sirene ist der Signifikant, der Text selbst aktiv, das frühere Subjekt nur noch passiv der Verführung und Tötung ausgesetzt. Indem der Mythos der Echo durch die Arbeit an seinem Signifikanten nur noch ,unscharf' in den Blick kommt, gewinnt er einen doppelten Raum: Die Echokammer wird nicht nur zur begehrten Kluft, zum Nirgendwo zwischen tradiertem Code und dessen Vernichtung, sondern auch zu dem Ort, an dem Rettung vor der Tötung, also Absorption des Subjekts durch den sirenenhaften Signifikanten möglich ist. Die Rede von einer Echokammer - chambre d'echos - ist performativ: Sie betreibt auf der Ebene des Signifikanten, was ihr Signifikat ,weiß'. Denn der Mythos von Narziss und Echo macht sich in seiner prominentesten Erzählung bei Ovid die Fragen von Tradition und Neuheit, Kultur und Zerstörung, textueller Kon formität und Individualität, dann auch von anthropologischem und formrestriktivem Erzählen zum Thema.31 Im dritten Buch der Metamorphosen ist Echo die uocalis nymphe, quae nec reticere loquenti / nec prior ipsa loqui didicit.32 Ihre Biographie beschreibt den Übergang von einer Erzählerin zu einer Leserin (Hörerin) durch die Bestrafung der Juno: Echo deam longo prudens sermone Schaffensphasen, denen er jeweils einen „Intertexte" zuordnet. Diese Intertexte (früh Sartre, Marx und Brecht, dann Saussure, schließlich Söl lers, Kristeva, Lacan und zuletzt Nietzsche) seien, präzisiert Barthes, „pas forcement un champ d'influences ; c'est plutöt une musique de figures, de metaphores, de pensees-mots ; c'est le signifiant comme sirene [ . . . ] " (BARTHES 1975, 174). Dt.: „nicht unbedingt ein Feld von Einflüs sen; vielmehr eine Musik von Figuren, Metaphern, W ort-Gedanken; es ist der Signifikant als Sirene" (B a r t h e s 1978,158). 31 Bei Ovid sind nach aktueller Überlieferung die beiden Mythen erstmals verbunden, vgl. R o s a t i 1983, 21-23; C a n c ik 1967, 45; D Ö r r ie 1967, 56; H a m il t o n 2009,18-19; H a r d ie 2002,154; M ä n n l e in -R o b e r t 2007, 321. 32 V. 358. Dt.: „ [...] die plaudernde Nymphe, die weder schweigen kann, w enn man spricht, noch selbst gelernt hat als erste zu sprechen [ ...]" (Übersetzung hier und im Folgenden: OviDIUS NASO 2004a). 96 Q u i n t u s I m m is c h tenebat.33 Sie habe die Göttin durch Erzählungen davon abgehal ten, rechtzeitig zum ehebrechenden Zeus zu gelangen, wodurch die Nymphen entwischten. Ihr Frevel liegt auch im Versuch ihrer eigenen Ubersteigung: Als doch sterbliche Göttin steht die Nym phe zwischen Menschen und Göttern. Sich durch das Erzählen zu den Göttern aufzuschwingen (die Verhältnisse zwischen ihnen beeinflussen zu wollen), Partei zu ergreifen fü r und gegen eine Gottheit - dies muss sanktioniert werden. Junos Bestrafung fällt daher auf eine Einschränkung der Erzählbarkeit: 'huius' ait ‘linguae, qua sum delusa, potestas / parua tibi dabitur'.34 Hier wird auch eine strikte Grenze gezogen und aus der Potentialität alles Sagbaren eine nur mehr kleine Menge herausgeschnitten. Der Mythos straft sich selbst und schafft das Bild seiner Begrenzung, insofern die in ihm steckende Energie der Ursprungserzählung sich gegen ihn selbst richtet: Er erzählt sich in eine literarische Anfangslosigkeit. Denn Echo in fine loquendi / ingeminat uoces.35 Sie verdoppelt nicht nur, wo zu Ende gesprochen wurde, son dern sie wiederholt auch in fine loquendi: am Ende des Sprechens überhaupt. Der Mythos von Echo ist also auch eine Ursprungs erzählung,36 die paradox gerade den Ursprung verweigert und stattdessen den Anfang immer aufschiebt: Literarische Anfangs losigkeit ist nicht schlicht der Mut, auf Ursprünge zu verzichten, sondern differance: Aufschub ohne Ursprünglichkeitsbedürfnis. Der Mythos zieht seine eigene Grenze, die schon keine mehr ist. Gerade deswegen muss sich Narziss vor Echo fürchten: ille fugit [...].37 In seiner Ablehnung artikuliert sich nicht allein die Eitelkeit eines einsamen Schönlings,38 sondern auch die Angst 33 V. 364. Dt.: „ [...] hielt jene schlau die Göttin mit langem Geschwätz auf 34 V. 366-367. Dt.: „Uber diese Zunge, die mich zum besten hielt, soll w e nig Macht dir bleiben; ganz kurz nur wirst du die Stimme gebrauchen!" 35 V. 368-369. Dt.: „[S]eitdem wiederholt Echo nur das Ende der Rede und spricht nur nach, was sie gehört hat." 36 Aus diesem Aspekt konstituiert sich der Text auch: Er thematisiert nicht nur das Echo als Phänomen der W iederholung, sondern ist selbst Echo vieler anderer Texte, zeichnet sich also durch „Echo-Effekte" (H a m i l t o n 2009, 25) aus; vgl. auch K ru p p 2009, 90-91. Ausführlich zu intertextuellen Bezügen: H a r d ie 2002,150-163 und -passim. 37 V. 390. Dt.: „Narziß aber flieht [...]." 38 sed (fuit in tenera tarn dura superbia form a) I nulli illum iuuenes, nullae tetigere puellae. (V. 354-355) Dt.: „[D]och bei seiner zarten Schönheit besaß er einen so spröden Stolz: Ihn hat kein Jüngling gerührt und keines der Mädchen." M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 97 vor einer Bedrohung seiner Originalität. Er windet sich daher aus der räumlichen Begrenzung durch Echos Umarmung, doch sein Schicksal ist durch den Fluch eines enttäuschten Verehrers längst besiegelt.39 Ironischerweise wird daher gerade ihm, der Echos Wiederholungsfiguren so strikt ablehnt, die Verdoppe lung der Welt zum Verhängnis.40 Er kennt schlicht keine Strate gien für den Umgang mit Wiederholungen und Verdopplungen und muss daher sterben. Narziss ist nämlich der erste, der über haupt in den Spiegel blickt: fon s erat inlimis, nitidis argenteus undis, quem neque pastores neque pastae monte capellae contigerant aliudue pecus, quem nulla uolucris necfera turbarat nec lapsus ab arbore ramus [ . . . ] .41 Sein erster Blick auf die Wasseroberfläche markiert den Anfangs punkt einer langen Kulturgeschichte der Spiegel, die ihn mit den anthropologischen Kulturtechniken der Selbstbeobachtung und der Weltverdoppelung assoziieren wird.42 Weil es sich aber um das erste Bild handelt, gibt es noch keine Topik für Narziss: Was ihm ,neu' scheint, hat daher keinen Ort in einer räumlich konzi pierten Vorstellung der Auffindbarkeit der Stoffe, sein Spiegel bild liegt in der Ortlosigkeit des Spiegels, est nusquam.43 Ihn als den schönen Inbegriff der Originalität erblickt Echo daher auch per deuia rura uagantem .44 Sein eigenes Spiegelbild ist wegen seiner Neuheit in der Topik nicht zu verorten, die Objekte in dieser Entstehungsszene der 34 sic amet ipse licet, sic non potiatur amato (V. 405). Dt.: „So soll er selbst auch lieben, so nicht den Geliebten gewinnen!" 40 Zur Ironie der Episode sind HARDIE 2 0 0 2 und KRUPP 2 0 0 9 maßgeblich. 41 V. 4 0 7 -4 1 0 . Dt.: „Da war eine lautere Quelle, wie Silber glänzte ihr W as ser; bis zu ihr waren weder Hirten noch auf Bergen weidende Ziegen noch anderes Herdenvieh vorgedrungen. Kein Vogel, kein Wild hatte sie je getrübt, kein Ast, vom Baume gefallen." 42 Z . B. F o u c a u l t 19 9 4 ; M a c h o 2002 . 43 quod petis est nusquam [...]. (V. 433) Dt.: „Was du ersehnst, ist nirgends 44 V. 370 . Dt.: „ [...] den Narziß entlegene Fluren durchstreifen sah [...] ." Vgl. daher auch HAMILTON 20 0 9 , 20 : „Bei Ovid wird das Problem [der Spiegelung] zu einem der Ursprünglichkeit, was durch die Tatsache unterstrichen und verkompliziert wird, dass Echo jeglicher Herkunft beraubt ist." 98 Q u i n t u s I m m is c h Kunst sind nicht auffindbar: non tarnen inuenio,45 muss der sich selbst bespiegelnde Narziss klagen. Als er aber feststellt, dass er selbst Objekt seiner Kunst ist, sich notwendigerweise auf der Spiegelfläche wiederholt, sehnt er sich nach Differenz und damit einer neuen Andersartigkeit, die die Wiederholung negierte: o utinam a nostro secedere corpo possem! / uotum in amante nouum: uellem quod amamus abesset!46 Einer von beiden muss, weil sie nur aufeinander verweisen, sich ändern: entweder der Narziss, der sich über das Wasser beugt, oder - ein neuer Wunsch - das Spie gelbild. Echos Möglichkeiten werden durch eine Grenzziehung eingeschränkt; Narziss will durch diese Operation zu Vielfältig keit gelangen. Weil sein Wunsch ein Irrealis bleibt (uellem ... ab esset), muss er letztlich sterben; die Kopräsenz des Doppelten provoziert seinen Selbstmord. Dass er sich die Brust durch schlägt, erfüllt daher auch eine im Anblick der Gefahr ausge sprochene Drohung, die Abstand und Differenz zu Echo gewin nen sollte: illefugitfugiensque 'manus complexibus aufer; ante’ ait 'emoriar, quam sit tibi copia nostri'.47 Tod statt Wiederholung: Sein Tod ist mythisch im emphatischen Sinne. Er stirbt in und mit seiner Erzählung, an der Nähe seiner Erzählung: [...] nunc duo concordes anima moriemur in una.4S 4 Kontexte und Systeme Doch damit ist noch nicht die ganze Episode von Narziss und Echo erzählt. Die von Juno bestrafte Nymphe ist nicht einfach resonabilis. Stattdessen liegt ihren Redeweisen eine feine Ökono mie der Bedeutungen zugrunde. Es handelt sich gerade nicht um 45 '[ ...] et placet et uideo, sed quod uideoque placetque, I non tarnen inuenio.' (tantus tenet error amantem!) (V. 446-447) Dt.: „Es gefällt mir, ich sehe es, doch was mir gefällt, was ich sehe, finde ich trotzdem nicht. Solcher W ahn betört den Verliebten!" 46 V. 467-468. Dt.: „O könnte ich doch diesen meinen Körper verlassen! Könnte doch - ein unerhörter W unsch für einen Liebenden - mein Ge liebter fern von mir sein!" 47 V. 390-391. Dt.: „Narziß aber flieht, und im Fliehen ruft er: ,Laß von der Umarmung! Eher sterbe ich, als daß ich dir verfiele!'" 48 V. 473. Dt.: „Nun aber sterben wir beide und hauchen gemeinsam eine Seele aus." M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 99 eine „Unsprache", deren einzige Logik in der Spiegelung läge.49 Echo, quae [...] nec prior ipsa loqui didicit,50 kann zwar nur wieder holen, was zunächst gesagt worden sein muss; doch anstatt nur zu „vervielfältigen, ohne ein tatsächlich Anderes hervorzubrin gen",51 liegt in Echos Rede ein geschicktes System subtiler Ver änderungen, in denen die Wiederholungen des Gesagten die Be deutungen verschieben. dixerat ‘ecquis adest?’ et 'adest' responderat Echo, hic stupet, utque aciem -partes dimittit in omnes, uoce 'ueni’ magna clam at;uocat illa uocantem. respicit et rursus nullo ueniente 'quid' inquit 'mefugis?' et totidem quot dixit uerba recepit. perstat et alternae deceptus imagine uocis 'huc coeamus'ait, nullique libentius umquam responsura sono 'coeamus' rettulit Echo et uerbisfauet ipsa suis egressaque silua ibat ut iniceret sperato bracchia collo. illefugitfugiensque ‘manus complexibus aufer; ante' ait ‘emoriar, quam sit tibi copia nostri.' rettulit illa nihil nisi 'sit tibi copia nostri.’52 Schon Echos erste Antwort macht die Verselbstständigung offen sichtlich. Echo antwortet Narziss auf eine Frage, die er seinen Gefährten gestellt hat, weil sie muss, und so „ist es die Sprache, die spricht, nicht der Autor."53 Dass hier die Sprache, nicht das Autorsubjekt spricht, wird an der Verschiebung ins Impersonelle deutlich: Echo muss von sich in der dritten Person sprechen 45 K r u p p 2 0 0 9 , 95. 50 V . 358 . Dt.: „ [...] noch selbst als erste zu sprechen vermag [...]" . 51 K ie n in g 20 0 9 , 89. 52 V . 3 8 0 -3 9 1 . Dt.: „ [...] und schrie: ,Ist jemand hier?' - ,Hier!' antwortete Echo. Er stutzt, läßt seinen Blick in die Runde schweifen und ruft mit lauter Stimme: ,Komm her!' Sie ruft dem Rufenden wieder. Er sieht sich um, und als auch jetzt niemand auftaucht, fragt er: ,W as fliehst du vor mir?' Und ebenso viele Worte, wie er gesprochen hat, vernimmt er. Er gibt nicht nach, so getäuscht durch den Schein einer Antwort, sagt er: ,Hier vereinen wir uns!' Echo, die nie auf irgendeinen Ruf mit mehr W onne antworten wird, verläßt den Wald und nähert sich schon, daß sie um den Nacken die Arme, um den ersehnten, ihm schlinge. Narziß aber flieht, und im Fliehen ruft er: ,Laß von der Umarmung! Eher sterbe ich, als daß ich dir verfiele' Jene gab nichts zurück als: ,Daß ich dir ver fiele!'" 53 B a r t h e s 2 0 0 2 a , 187. 100 Q u i n t u s I m m is c h (adest)5i, und genau in dieser Operation entsteht eine Kluft zwi schen Sprache und Subjekt, die Narziss nicht kennt. „Der Aus druck einer Anwesenheit durch jemanden, der abwesend ist."55 Echos Abwesenheit liegt also darin, sich nicht als Subjekt be haupten - nicht ich sagen zu können - , weil sich im Prozess ihrer täuschenden Erzählungen eine Distanz zwischen sie und ihre Sprache geschoben hat und sie in ihrer Anfangslosigkeit keinen vergewissernden Ursprung erzählen kann. Echos Abwesenheit steht damit konträr zum Versuch zunehmender Anwesenheit durch körperliche Vereinigung. Was sie sagt, reduziert die Kon texte,56 indem das Gesagte widerhallt, aber seine situative Spezi fik verliert. Narziss möchte hervortreten, um wieder zu seinen Gefährten aufzuschließen (huc coeamus); Echo verzichtet auf das Deiktikon und überantwortet die Semantik des Verbes damit der Ambiguität: Ihr coeamus ist nicht mehr auf das Hervortreten aus den Wäldern beschränkt, sondern trägt die Semantik sexueller Vereinigung mit.57 Hier verkehrt sich die Ökonomie des begren zenden Mythos ins Gegenteil: Der Verlust an Kontextualität entgrenzt die Semantik und öffnet sie der Ambiguität. Die Katastro phe erfolgt in dieser Logik, weil Echo hervortritt, ein letztes Mal konkret zu sein versucht, Kontexte erzeugt: Ihr In-Erscheinung- Treten ist das Bedürfnis nach Präsenz und leibhaftem Sinn,5S das nicht mehr erfüllt werden kann. Deswegen empfindet sie, von Narziss verschmäht, auch Scham, bedeckt die Körperpartie des Sprechens, ihr Gesicht, mit Laub, versteckt sich in Wäldern und Höhlen und verliert allmählich ihren Körper, bis nur noch das widerhallende Echo übrigbleibt: inde latet siluis nulloque in monte uidetur, / omnibus auditur; sonus est qui uiuit in illa.59 54 Vgl. HAMILTON 2 0 0 9 , 21 . Hamilton ist aber auch der Meinung, dass „Echo in der Tat geschickt vorgeht" und „Antworten geben kann, die passend und als Ausdruck ihrer Subjektivität erschienen" (HAMILTON 2 0 0 9 , 21). Insofern versucht seine Lektüre auch für Echo Subjekthaftigkeit aufrechtzuerhalten. 55 H a m i l t o n 2 0 0 9 , 22 . 56 Zur Diskussion um die Kontexte des Sprechens D e r r id a 198 8 in Aus einandersetzung mit der kontextuell gebundenen Sprechakttheorie. 57 Vgl. auch K ie n in g 2 0 0 9 , 88 und R a v a l 2 0 0 3 , 2 1 2 -2 1 3 . 58 Vgl. BRAUNGART 1995 , wo allerdings die Literatur der Moderne unter sucht wird. 59 V. 4 0 0 -4 0 1 . Dt.: „Seitdem hält sie sich im W alde verborgen, man sieht sie auf keinem Berg, doch es hören sie alle. Der Ton ist's, was von ihr noch lebt." M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 101 Die Reduktion der Kontexte wehrt sich gegen die Idee des Ursprungs. In ihr konvergiert, was ovidischer Mythos und Barthes' Theorie aus unterschiedlicher Richtung beleuchten, denn auch bei Barthes ist die Loslösung entscheidend: L a ch a m b re d 'e c h o s P a r ra p p o rt a u x s y s te m e s q u i l 'e n to u re n t, q u 'e s t- i l ? P lu tö t u n e c h a m b r e d 'e c h o s : il re p ro d u it m a l le s p e n se e s , il su it le s m o ts ; il re n d v is ite , c 'e s t -a -d ir e h o m m a g e , a u x v o c a b u la ire s , il invoque le s n o tio n s , il le s re p e te s o u s u n n o m ; il se se r t d e ce n o m c o m m e d 'u n e m b le m e (p ra t iq u a n t a in s i u n e Sorte d 'id e o g r a p h ie p h ilo s o p h iq u e ) e t c e t e m b le m e le d is p e n s e d 'a p p ro fo n d ir le S y stem e d o n t il e s t le s ig n ifia n t (q u i s im p le m e n t lu i fa it s ig n e). V e n u d e la p s y ch a n a ly se e t se m b la n t y re ster , « transfert », c e p e n d a n t , q u itte a lle g r e m e n t la S itu a tio n re d ip e e n n e . L a ca n ie n , « imaginaire » s 'e te n d ju s q u 'a u x c o n fin s d e 1' « a m o u r-p ro p re » c la ss iq u e . L a « m auvaisefoi » so rt d u S y stem e s a r tr ie n p o u r re jo in d re la c r it iq u e m y th o lo g iq u e . « Bourgeois » reg o it to u te la ch a rg e m a rx is te , m a is d e b o rd e sa n s c e sse v e rs l 'e s th e tiq u e e t l 'e th iq u e . D e la so rte , sa n s d o u te , le s m o ts se tra n s p o rte n t , le s s y s te m e s co m m u n iq u e n t , la m o d e r n ite e s t e ssa y e e (co m m e o n e ssa y e to u s les b o u to n s d 'u n p o s te d e ra d io d o n t o n n e c o n n a it p a s le m a n ie m e n t), m a is l 'in te r te x te q u i es t a in s i c re e e s t a la le ttre superficiel : o n a d h e re liberalem ent : le n o m (p h ilo so p h iq u e , p sy ch a n a ly tiq u e , p o litiq u e , sc ie n tifiq u e ) g a rd e a v e c so n S y stem e d 'o r ig in e u n c o rd o n q u i n 'e s t p a s c o u p e m a is q u i re s te : te n a c e e t flo tta n t. L a ra iso n d e c e la e s t sa n s d o u te q u 'o n n e p e u t e n m e m e te m p s a p p r o fo n d ir e t d e s ire r u n m o t : ch e z lu i, le d e s ir d u m o t l 'e m p o rte , m a is d e ce p la is ir fa it p a rt ie u n e so rte d e V ib ra tio n d o c tr in a le .60 60 BARTHES 1975, 78. Dt.: „Der W iderhallraum. W as ist er im Verhältnis zu den Systemen, die ihn umgeben? Eher ein W iderhallraum: er gibt schlecht Gedanken wieder, er folgt den Worten; er stattet Besuch ab, d.h. erweist seine Ehre den Vokabularien, er ruft Begriffe an und w ie derholt sie unter einem Namen; er bedient sich dieses Namens wie ei nes Sinnbilds (und praktiziert so eine Art philosophische Ideographie), und dieses Emblem entbindet ihn davon, das System vertiefen zu müs sen, dessen Signifikant es ist (ein Signifikant, der ihm einfach nur einen W ink gibt). Aus der Psychoanalyse kommend und dort, wie es scheint, verbleibend, verläßt d ie , Übertragung' unbekümmert die ödipale Situa tion. Das Lacansche ,Imaginäre' reicht bis hin zu der klassischen E ig en liebe'. D ie , Unredlichkeit' kommt aus dem Sartreschen System und geht zur mythologischen Kritik über. ,Bourgeois' erhält das ganze marxisti sche Gewicht, geht jedoch immerfort zum Ästhetischen und zum Ethi schen über. Auf diese W eise werden sicherlich die W örter hin- und her bewegt, die Systeme kommunizieren miteinander, die M odernität wird ausprobiert (so wie man alle Knöpfe eines Radios ausprobiert, dessen Bedienung man nicht kennt), doch der Zwischen-Text, der hier 102 Q u i n t u s I m m is c h In der Echokammer hallen die Begriffe wieder, doch die Bindung an ihre ursprünglichen Systeme ist unsicher geworden: zwar vorhanden, aber nur noch superficiel. Die Kontexte sind redu ziert. 5 defigurer - refigurer Narziss stirbt. Seine Flucht vor Echo treibt ihn zur Quelle, wo er seinem Spiegelbild verfällt und sich schließlich tötet. Im Moment seines Todes taucht das inzwischen körperlose Echo noch einmal auf: Narziss verabschiedet sich von seinem Spiegelbild, dictoque 'vale' 'vale' inquit et Echo.61 Diesmal folgen die Äußerungen un vermittelt aufeinander und dieses „Maximum an Identität und Nähe, das eine Sprache der Zweiheit zu bieten hat" ,62 markiert die Ablösung der Originalität durch das verschiebende Echo. Doch die Ablösung verbirgt sich: Die kontextuelle Reduktion hat hier überhaupt keine Auswirkungen auf die letzten Abschieds worte, deren Differenz in illusionärer Identität verschwindet. Echo ist schon nicht mehr sichtbar, ihr Echo schiebt sich an die Stelle des ,Urtextes' von Narziss und vollzieht seine eigene Na turalisierung. Dennoch geschieht dies nicht als Ursprungserzäh lung; Echo ist vielmehr ,einfach da'. So endet der Mythos in der Körperlosigkeit seines Personals. Für seinen Ort in der Theorie Barthes' ist diese Auflösung des wegen relevant, weil er in seinen Essays über Die Lust am Text an die Körperlichkeit der Rhetorik erinnert: Dans l'antiquite, la rhetorique comprenait une partie oubliee, censuree par les commentateurs classiques : Vactio, ensemble de recettes propres a permettre l'exteriorisation corporelle du discours : il s'agissait d'un geschaffen wird, ist buchstäblich oberflächlich: es wird liberal zuge stimmt: der (philosophische, psychoanalytische, politische, wissen schaftliche) Name behält mit dem Herkunftssystem ein Bindeglied, das nicht abgeschnitten wird, sondern verbleibt: hartnäckig und auf- und abwiegend. Der Grund dafür ist sicherlich, daß man nicht zugleich ein W ort vertiefen und begehren kann: bei ihm ist das Verlangen nach dem W ort stärker, doch zu dieser Lust gehört eine Art doktrinale Vibration." (B a r t h e s 1978, 81-82; leider macht die Übersetzung Barthes' Theorie bewegung unkenntlich.) 61 V. 501. Dt.: „Er setzte noch hinzu: ,Lebe wohl!' - ,Lebe w ohl!' erwiderte Echo." 62 K ie n in g 2009, 90. M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 103 theätre de l'expression, l'orateur-comedien « exprimant » son indigna tion, sa compassion, etc.63 Zentral für diese Form der Körperlichkeit ist der Begriff der figure, den Barthes 1977 in seinen Fragments d'un discours amoureux aus den ganz körperlichen Bewegungen Liebender gewinnt: Dis-cursus, c'est originellement, l'action de courir ga et la, ce sont des allees et venues, des « demarches », des « intrigues ». L'amoureux ne cesse en effet de courir dans sa tete, d'entreprendre de nouvelles de marches et d'intriguer conter lui-meme. Son discours n'existe jamais que par bouffees de langage, qui lui viennent au gre de circonstances intimes, aleatoires. On peut appeler ces bris de discours des figures. Le mot ne doit pas s'entendre au sens rhetorique, mais plutöt au sens gymnastique ou choregraphique ; bref, au sens grec : CTXqpa, ce n 'est pas le « Schema » ; c'est, d'une fagon bien plus vivante, le geste du corps saisi en action, et non pas contemple au repos : le corps des athletes, des orateurs, des statues : ce qu'il est possible d'immobiliser du corps tendu.64 Barthes entwickelt eine ,Topik', die aber nicht mehr nur sprach lich organisiert ist, sondern den Körper formt. Rhetorische actio und lebensweltlich-physische action treffen sich in den figures dieser Topik und sind nicht nur sprachliche Stilfiguren und Per mutationen, sondern auch Bewegungen des Körpers. „Une figure est fondee", schreibt Barthes, „si au moins quelqu'un peut 63 B a r t h e s 1973,104. Dt.: „In der Antike umfaßte die Rhetorik einen heute vergessenen, von den klassischen Kommentatoren zensierten Teil: die actio, eine Gesamtheit von Leitlinien zur körperlichen Veräußerlichung des Diskurses: Es handelte sich um ein Theater des Ausdrucks, in dem der Redner-Schauspieler seine Entrüstung, sein Mitleid usw. ,ausdrückte'." ( B a r t h e s 2010, 83) 64 B a r t h e s 1977, 7-8. Dt.: „Dis-cursus - das meint ursprünglich die Bew e gung des Hin-und-Her-Laufens, das ist Kommen und Gehen, das sind ,Schritte', ,Verwicklungen'. Der Liebende hört in der Tat nicht auf, in seinem Kopf hin und her zu laufen, neue Schritte zu unternehmen und gegen sich selbst zu intrigieren. Sein Diskurs existiert immer nur in Ge stalt von Sprach-,Anwandlungen', die ihm nach Maßgabe geringster, aleatorischer Umstände zustoßen. Man kann diese Redebruchstücke Fi guren nennen. Das W ort darf aber nicht im rhetorischen Sinne verstan den werden, sondern eher im gymnastischen oder choreographischen, kurz: im griechischen - o xq p a , das ist nicht das ,Schema', das ist, in einem sehr viel lebendigeren Sinne, die Gebärde des in Bewegung er faßten und nicht des im Ruhezustand betrachteten Körpers, des Kör pers der Athleten, der Redner, der Statuen: das, was sich vom ange spannten, gestrafften Körper stillstellen läßt." ( B a r t h e s 2012,15-16) 104 Q u i n t u s I m m is c h dire : » Comme c'est vrai, ga ! Je reconnais cette scene de langage. « "6S Die Sprache ist hier ,Szene', die Materialität des Kör pers und die Topik des Sprechens münden in eine semiotische Inventarisierung des Lebens: On dit que seuls les mots ont des emplois, non les phrases; mais au fond de chaque figure git une phrase, souvent inconnue (inconsciente ?), qui a son emploi dans l'economie signifiante du sujet amoureux.“ Die figure oszilliert also zwischen Intersubjektivität und Indivi dualität, Konvention und Innovation; sie ist eine kleine Anthro pologie des Bedeutens, die auch die körperlichen Einprägungen semiotischer Prozesse im Blick hat - eine Intertextualität des Kör pers. In Sade, Fourier, Loyola stellt Barthes einen Zusammenhang her zwischen dem Konzept der figure und der Möglichkeit, Neues zu sagen: „La meilleure des subversions ne consiste-t-elle pas ä defigurer les codes, plutöt qu'ä les detruire ?"67 Auch hier weicht Barthes der Zerstörung des Codes aus und begibt sich in die dekonstruktive ,Kluft' zwischen Kultur und deren Aufgabe, arbeitet sie nun aber aus dem Konzept der figure heraus. Defigu rer als „Aus-der-Figur-Bringen"68 verschiebt die figure und ver ändert sie. Der Mythos der Echo steht für diese Operation in pa radigmatischer Weise, weil er die Figur zunächst aufgibt, wenn von Echo nur die ewig widerhallende Stimme übrigbleibt, sie mit ihrem Körper auch ihre ,Gymnastik' und ,Choreographie' ver liert. Doch die Körperlichkeit der Essays über Die Lust am Text steht schon ein für einen Prozess, der refigurer genannt werden könnte: Wie in Barthes' Theorie der Tod des Autors die Geburt des Lesenden ermöglicht, bleibt von Echo nur die Stimme, damit der lesende Körper sich materialisieren kann. Die figure geht in einen neuen Körper über; die Schreibweise verschiebt sich. [C]'est le langage tapisse de peau, un texte ou l'on puisse entendre le grain du gosier, la patine des consonnes, la volupte des voyelles, toute 65 B a r t h e s 19 7 7 , 8. “ B a r t h e s 1977, 9. 67 B a r t h e s 1971, 127. Dt.: „Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen statt sie zu zerstören?" ( B a r t h e s 1974b, 141) Ottmar Ette be zieht diesen Passus auf Barthes' Haltung zum Mai 1968 ( B a r t h e s 2010, 127). 68 B a r t h e s 2010,127. M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 105 u n e S te re o p h o n ie d e la ch a ir p r o f o n d e : l 'a r t ic u la t io n d u co rp s , d e la la n g u e , n o n ce lle d u sen s, d u la n g a g e .69 [ . . . ] p o u r q u 'i l re u ss isse a d e p o rte r le s ig n ifie tre s lo in e t a je te r , p o u r a in s i d ire , le c o rp s a n o n y m e d e l 'a c te u r d a n s m o n o re ille : ga g ra n u le , ga g re s ille , ga c a re ss e , ga rä p e , ga c o u p e : ga jo u it .70 Der Signifikant bleibt jetzt im lesenden Körper materiell und zeichnet sich durch seine Fühlbarkeit und zumal durch seinen Klang aus. sonus est qui uiuit in illa. 6 Mythos in der Theorie Der Mythos der Echo bildet in Barthes' Theorie also den Schnitt punkt verschiedener Diskurse: Erstens verliert in ihm das mäch tige, männlich imaginierte Autorsubjekt seinen umworbenen, abgeschlossenen Körper. Doch dieser Verlust und Tod des Au tors geht mit einer Geburt der Leserin einher; nicht nur das La chen der Medusa, auch das Hallen der Echo ist ecriture feminine.71 ,,[N]ous savons", hält Barthes schon 1968 im Aufsatz über den Tod des Autors fest, „que, pour rendre ä l'ecriture son avenir, il faut en renverser le mythe : la naissance du lecteur doit se payer de la mort de l'Auteur."72 Renverser le mythe, ihn umdrehen: Der Mythos in der Theorie ist auch eine späte Antwort auf diese frühe Frage. Indem Barthes sich dem lesenden Körper zuwendet, 69 BARTHES 1973, 105. Dt.: ,,[E]s sucht vielmehr [...] nach von Haut über zogener Sprache, nach einem Text, in dem man das Korn der Kehle, die Patina der Konsonanten, die Lüsternheit der Vokale, eine ganze Stere ophonie, die tief ins Fleisch reicht, hören kann: das Artikulieren von Körper und Sprache, nicht von Sinn, von Sprachweise." (BARTHES 2010, 83-84) 70 BARTHES 1973, 105. Dt.: „und schon gelingt es ihm, das Signifikat in w eite Ferne zu rücken und den anonymen Körper des Schauspielers sozusagen in mein Ohr zu werfen: Das körnt, das knistert, das strei chelt, das schabt, das schneidet: das lüstet." (BARTHES 2010, 84) 71 Pointiert gesprochen - Barthes macht dieses feministische Programm noch nicht explizit, es zeichnet sich in seinem Aufsatz über den Tod des Autors aber ab und schlägt sich nicht minder im Auftreten Echos über haupt nieder. Im Sinne Blumenbergs weiß die poetische Sprache (die Metapher) hier bereits mehr als die theoretische Begrifflichkeit. 72 BARTHES 2002a, 45 . Dt.: „Wir wissen, dass der Mythos umgekehrt wer den muss, um der Schrift eine Zukunft zu geben. Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors." ( B a r t h e s 2000, 193) 106 Q u i n t u s I m m is c h dessen Bewegungen immer schon durch Sätze codiert sind, ge langt er auch zu einer entschiedeneren Anthropologie: Wo die Intertextualitätstheorie die Zitathaftigkeit der Texte behauptet, behauptet Barthes die Zitathaftigkeit des Lebens. Die Aktualität des Mythos liegt also auch darin, dass er nicht nur Text, sondern auch ,Leben' schildert. A ufond de chaquefigure git une phrase. Zweitens ist der Mythos der Echo auch Kommentar zu und Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit eines sich von Altem abgrenzenden, zuvor nie gedachten Neuen. Echo, die ,nur' zitie ren kann, ermöglicht eine Revision der Textualitätstheorie, inso fern sie als ,alter' Stoff ein nicht mehr ganz so Neues erlaubt: Mit ihr wird eine feine Theorie möglich, die sich den Binarismen äs thetischer Fragen des 18. Jahrhunderts entzieht; der wiederkeh rende Mythos löst die Widersprüchlichkeit einer sich vom Bishe rigen abhebenden Theorie auf. Barthes' Lektüre des Mythos ver schiebt ihn daher, wie er es formuliert, in die Kluft zwischen die Kultur und ihre Zerstörung, ist in diesem Sinne ,lustvoll' und dekonstruktiv. Diese Transformation der Texttheorie wird, drittens, möglich durch die Anfangslosigkeit des Mythos. Echo, deren Eltern un bekannt sind, tritt in Barthes Theorie an die Stelle des Ödipus, der aus psychoanalytischer Sicht am Anbeginn der Erzählung stand; und Echo, die nicht die Initiative zum Sprechen ergreifen kann, entzieht sich der Vorstellung vom Ursprung und Anfang. Der Echo-Mythos ist als Mythos deswegen paradox, weil er ge rade keine Ursprungserzählung ist, sondern sich immer in Dis tanz zum Anfang bringt. Fiktionen des Anfangs leben von ihrer Tendenz zu Konkretionen und Kontexten; Echo hingegen bleibt unscharf und allein. Literarische Anfangslosigkeit ist daher der Mut, auf Ursprünge zu verzichten, Verankerungen zu lockern und narrative Feststellungen zu missachten. Der Mythos von Echo und Narziss bei Ovid, dann aber auch sein Auftauchen in der poststrukturalistischen Theorie bei Barthes zeigt noch einmal diese Vorstellung vom Ursprung und Anfang - und ihr Ende. Literaturverzeichnis B a r t h e s , R o l a n d 1966, „Introduction ä l'analyse structurale des r e c its " , Communications 8 ,1 - 2 7 . B a r t h e s , R o l a n d 19 7 1 , Sade, Fourier, Loyola, P a ris . M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 107 B a r t h e s , R o l a n d 1 9 7 3 , Le plaisir du texte, P a ris . B a r t h e s , R o l a n d 1974a, Die Lust am 'Text, übers, v. Traugott Kö nig, Frankfurt am Main. B a r t h e s , R o l a n d 1974b, Sade, Fourier, Loyola, übers, v. Maren Seil u. Jürgen Hoch, Frankfurt am Main. B a r t h e s , R o l a n d 1 9 7 5 , Roland Barthes par Roland Barthes, P a ris . B a r t h e s , R o l a n d 1 9 7 7 , Fragments d'un discours amoureux, P a ris . B a r t h e s , R o l a n d 1978, Über mich selbst, aus dem Französischen von Jürgen Hoch, München. B a r t h e s , R o l a n d 1988, „Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen", in: ders., Das semiologische Abenteuer, aus dem Französischen von Dieter Hornig, Frankfurt am Main. B a r t h e s , R o l a n d 2000, „Der Tod des Autors", in: Fotis Jannidis (Hrsg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart, 185-193. B a r t h e s , R o l a n d 2002a, „La mort de l'auteur", in: ders., ttuvres completes 3. 1968-1971, hg. v. Eric Marty, Paris, 40-45. B a r t h e s , R o l a n d 2 0 0 2 b , Le neutre. Cours au College de France (1977-1978), hg. v. Thomas Clerc, Paris. B a r t h e s , R o l a n d 2 0 0 6 , Am Nullpunkt der Literatur. Literatur oder Geschichte. Kritik und Wahrheit, übers, v. Helmut Scheffel, Frankfurt am Main. B a r t h e s , R o l a n d 2010, Die Lust am Text, komm. v. Ottmar Ette, Frankfurt am Main. B a r t h e s , R o l a n d 1S2012, Fragmente einer Sprache der Liebe, übers, v. Hans-Horst Henschen, Frankfurt am Main. B r a u n g a r t , G e o r g 19 9 5 , Leibhafter Sinn. Der andere Diskurs der Moderne, Tübingen. C a n c ik , H u b e r t 1967, „Spiegel der Erkenntnis (Zu Ovid, Met. III, 339-510)", Der altsprachliche Unterricht 10/1,42-53. C e z a n n e , P a u l 1980, Über die Kunst. Gespräche mit Gasquet. Briefe, hg. v. Walter Hess, Mittenwald. D e r r id a , J a c q u e s 1988, „Signatur Ereignis Kontext", in: ders., Randgänge der Philosophie, hg. v. Peter Engelmann, übers, v. Gerhard Ahrens, Wien, 325-351. 108 Q u i n t u s I m m is c h D ö r r ie , H e in r ic h 1967, „Echo und Narcissus (Ovid, Met. 3,341 510). Psychologische Fiktion in Spiel und Ernst", Der alt sprachliche Unterricht 10/1, 54-75. F o u c a u l t , M ic h e l 1994, „Des espaces autres", in: ders., Dits et Ecrits 1954-1988 4. 1980-1988, hg. v. Daniel Defert und Franois Ewald, Paris, 752-762. F r e u d , S ig m u n d 1948, Gesammelte Werke 2. Die Traumdeutung. Uber den Traum, hg. v. Anna Freud et al., Ndr. Franfurt am Main. F r e u d , S ig m u n d 31961, Gesammelte Werke 9. Totem und Tabu. Ei nige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neu rotiker, hg. v. Anna Freud et al., Ndr. Frankfurt am Main. F r e u d , S ig m u n d 41968, „Das Unbehagen in der Kultur", in: ders., Gesammelte Werke 14, hg. v. Anna Freud et al., Ndr. Frankfurt am Main, 419-506. G a s q u e t , J o a c h im 1978, „'Ce qu'il m 'a d it ... ' (extrait de Paul Ce zanne)", in: Michael Doran (Hrsg.), Conversations avec Ce zanne, Paris, 106-161. H a m il t o n , J o h n T. 2009, „Ovids Echographie", in: Eckart Goebel/Elisabeth Bronfen (Hrsg.), Narziss und Eros. Bild oder Text?, Göttingen, 18-40. H a r d ie , P h il ip 2002, Ovid's Poetics oflllusion, Cambridge. K ie n in g , C h r is t ia n 2 0 0 9 , „Narcissus und Echo. Medialität von Fiebe und Tod", Antike und Abendland 55, 8 0 -9 8 . K im m ic h , D o r o t h e e 2017, „Kulturtheorie", in: Frauke Berndt/Eckart Goebel (Hrsg.), Handbuch Literatur & Psycho analyse, Berlin/Boston, 110-126. K o s c h o r k e , A l b r e c h t 2004, „Codes und Narrative. Überlegun gen zur Poetik der funktionalen Differenzierung", in: Walter Erhart (Hrsg.), Grenzen der Germanistik. Rephilologisierung oder Erweiterung? DFG-Symposion 2003, Stuttgart, 174-185. K r is t e v a , J u l ia 1972, „Bachtin, das Wort, der Dialog und der Ro man", übers, v. Michael Korinman und Heiner Stück, in: Jens Ihwe (Hrsg.), Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven 3. Zur linguistischen Basis der Literaturwissen schaft II, Frankfurt am Main, 345-375. M ythische Anfangslosigkeit 'bei Ovid -und Barthes 109 K ru p p , J ö z s e f 2 0 0 9 , Distanz und Bedeutung. Ovids Metamorphosen und die Frage der Ironie, Heidelberg. M a c h o , T h o m a s 2 0 0 2 , „Narziß und der Spiegel. Selbstrepräsen tation in der Geschichte der Optik", in: Almut-Barbara Renger (Hrsg.), Narcissus. Ein Mythos von der Antike bis zum Cy berspace, Stuttgart/Weimar, 1 3 -2 5 . M ä n n l e in -R o b e r t , Ir m g a r d 2 0 0 7 , Stimme, Schrift und Bild. Zum Verhältnis der Künste in der hellenistischen Dichtung, Heidel berg. O v id iu s N a s o , P u b l iu s 2004a, Metamorphosen, hg. u. übers, v. Gerhard Fink, Düsseldorf/Zürich. O v id iu s N a s o , P u b l iu s 2004b, Metamorphoses, hg. v. Richard J. Tarrant, Oxford. R a v a l , S h il p a 2 0 0 3 , „Stealing the Language: Echo in ,Metamorphoses' 3 " , in: Philip Thibodeau/Harry Haskell (Hrsg.), Being There Together. Essays in Honor o f Michael C. J. Putnam on the Occasion ofH is Seventieth Birthday, Afton, Minnesota, 2 0 4 -2 2 1 . R o s a t i, G ia n p ie r o 19 8 3 , Narciso e Pigmalione. Illusione e spettacolo nelle Metamorfosi di Ovidio. Con un saggio di Antonio La Penna, Firenze. S p iv a k , G a y a t r i C h a k r a v o r t y 19 9 3 , „Echo", New Literary History 2 4 / 1 ,1 7 -4 3 .

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Weltentstehungen, Götter und Heroen – unter dem Begriff ‚Mythos‘ verstehen wir heutzutage verschiedene Dinge. Mit ihm verbinden wir sowohl Erzählungen über das Werden und Vergehen urzeitlicher Welten als auch Geschichten über alltägliche Ereignisse und Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart. Obwohl ‚Mythos‘ seit Jahrhunderten als ein zentrales Konzept in kultur- und literaturtheoretischen wie auch philosophischen Diskursen fungiert, ist die semantische Vielfalt des Begriffes erst seit wenigen Jahrzehnten in den Debatten der Geisteswissenschaften präsent. Der Mythos – ein Mythos?

Der vorliegende Sammelband widmet sich dem Mythos in interdisziplinärer Perspektive. Dabei problematisieren die Autor*innen das Mythische epochenübergreifend in all seinen Facetten, indem sie grundlegende Fragen stellen: Was bezeichnen wir als ‚Mythos‘? Wozu benötigen wir Mythen? In welcher Beziehung stehen sie zu unserer Lebenswelt? Und: Gibt es eine Zeit ohne Mythos?