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Mihail-George Häncu, Die Terminologie der vorsokratischen Schöpfungsmythen in:

Kristin Rudersdorf, Saskia Schomber, Florian Sommerkorn (Ed.)

Der Mythos vom Mythos, page 75 - 86

Interdisziplinäre Perspektiven auf das Mythische in Künsten und Wissenschaften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4108-6, ISBN online: 978-3-8288-7067-3, https://doi.org/10.5771/9783828870673-75

Series: Beiträge des Gießener Studierendenkolloquiums, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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Die Terminologie der vorsokratischen Schöpfungsmythen M ih a il -G e o r g e H ä n c u (B u k a re st/ H a m b u rg ) In der Encyclopedia o f Religion von Mircea Eliade findet man die folgende Definition des Mythos: „A myth is an expression of the sacred in words: it reports realities and events from the origin of the world that remain valid for the basis and purpose of all there is ."1 Wegen solcher Definitionen würde man denken, dass die Schöpfungsmythen die essentiellen Mythen sind. Allerdings werden „Kosmogonien" eher selten dargestellt: Ovid widmet nur 84 Verse in den fünfzehn Büchern seiner Metamorphosen die sem Thema.2 Andererseits hat man gemerkt, dass, obwohl es schwer ist, eine Kosmogonie transkulturell zu definieren (z. B. weil „Kos mos" ein philosophisches Konzept ist oder weil mehrere antike Sprachen kein genaues Wort für „Welt" haben), es doch möglich ist, ein gemeinsames Konzept des „Universums" zu finden, weil man es zumindest allgemein beschreiben bzw. konzeptualisieren konnte. W a l t e r B u r k e r t 3 ist der Meinung, dass das Konzept des „Universums" nicht von der mythischen Intuition, sondern von der Logik ausgeht. Wenn man es mit dem Begriff des „Be ginns" oder des „Ersten" verbindet, entsteht ein Hybrid zwi schen einem logischen Postulat und einer mythischen Determinierung. In anderen Worten bedeutet dies, dass eine Kosmogonie die logische Antwort auf die Frage „Was gab es am Beginn?" ist. Wenn dem so ist, dann könnte man zwei Arten von Antworten erwarten: entweder eine konkrete Erklärung (z. B. „unsere Welt stammt vom Samen des Chronos") oder ein neues und abstrak tes Konzept (z. B. „das Unendliche", der Urstoff, wie er von Anaximandros postuliert wird). Man könnte glauben, dass nur die Philosophen eigene, spe zifische Begriffe etablierten. Es ist naheliegend, zu denken, dass es zuerst nur konkrete Mythen gab, und dass danach eine W is senschaft entstand. Allerdings ist es möglich, dass auch die 1 E l ia d e 1987 , 261. 2 B u r k e r t 1 9 9 9 , 87. 3 B u r k e r t 1 9 9 9 , 88. 76 M i h a i l - G e o r g e H ä n c u älteren griechischen Schöpfungsmythen (und zwar die, die noch Götter als Urwesen benutzen) schon eine Art Terminologie be sitzen. Außer den Werken Hesiods sind die meisten Kosmogonien nur fragmentarisch oder paraphrasiert erhalten geblieben. Das heißt, dass sie oft von Vermittlern interpretiert und adaptiert wurden. Platons Methode dafür wurde in der folgenden Weise beschrieben: The philosopher read into the theological poems a philosophical meaning which could never have been in the mind of the writer. If we see this process at its best in Plato, we see it at its worst in the Neo-platonists, his commentators.4 Zudem ist es möglich, dass es eine semantische Entwicklung bei solchen Begriffen für die Urstoffe gibt - es wäre dann unvorsich tig, einen älteren Text mit Hilfe eines neueren zu interpretieren und zu übersetzen. Deshalb sollte man das hesiodische Chaos nicht durch Ovids Darstellung desselben definieren. Wenn es also Spuren eines terminologischen Vokabulars gibt, dann könnte man die Entwicklung solcher Begriffe von drei semantischen Standpunkten her analysieren: als Determinologisierung, als Hypokognition oder als kognitive Metapher. Die vorliegende Arbeit wird sich mit drei Kosmogonien beschäfti gen: jener aus Hesiods Theogonie, der orphischen Theogonie, die von einem gewissen Hieronymos und Hellanikos erzählt wird, und die Theogonie des sogenannten Lehrers des Pythagoras, Pherekydes von Syros. Das Chaos Hesiods ist problematisch, weil es nur in Vers 814 mit einem Adjektiv (nxQpv \deoc, Co^eqolo5) beschrieben wird. Die Natur dieses Urstoffes war nach einigen Jahrhunderten auch antiken Lesern nicht mehr verständlich: Nach einer Anekdote hatte Epikur seinen Schullehrer gefragt, was das Chaos des Hesiod sei und wovon es abstamme. Da der Lehrer nicht antworten konnte, sei Epikur von den Grammatikern enttäuscht gewesen.6 Die meisten Übersetzungen, die \aoQ nicht einfach mit „Chaos" (als Name) übersetzen, meinen, dass es „Riss" oder „Hölle" bedeutet. Das stammt von dem möglichen etymologi schen Bezug zwischen \aoQ und yaupa. Dies scheint auch durch 4 G u t h r ie 19 5 2 , 70. 5 „Jenseits des düsteren Chaos" (übers. S c h ir n d in g ). h M o n d i 1989 , 1. Die Terminologie der vorsokratischen Schöpfungsmythen 77 Hesiod belegt zu sein, denn es gibt zwei Stellen, die fast wörtlich wiederholt werden: In der einen (V. 736-740) benutzt er xh^pa, in der anderen (V. 807-810) \doQ. Diese zwei Stellen beschreiben aber nur, wo (oder wie) das Chaos im späteren Zustand des Universums zu verorten war (und zwar während der Titanomachie). Es könnte von den ande ren und neueren Elementen begrenzt worden sein. Aber warum hätte Hesiod am Beginn nur einen Riss annehmen sollen? Auch in den altnordischen Mythen, die von Grimm als Parallele zitiert wurden, befindet sich der Ginnungagap zwischen zwei schon existierenden Räumen: Muspellheim und Niflheim.7 Eine zweite Etymologie verbindet \aoQ mit \avvoQ, „schwammig, ohne Substanz". A r is t o p h a n e s schreibt eine Pa rodie der Sophisten und des Sokrates und behauptet, dass sie die göttliche Triade des Chaos, der Wolken und der Zunge verehrten (Wolken 423f.). Auch an anderen Stellen seiner Komödien benutzt er Synonyme der x«Cwo<;-Familie um substanzlose Reden zu be schreiben: Jene Bürger, die demagogischen Reden glauben, hei ßen xauvorcoAi/tau; (Acharner 635). Es ist möglich, dass Chaos etwas Grenzenloses, Substanzlo ses und Formloses ist, weil die Theogonie selbst als eine gespie gelte Genealogie strukturiert ist: Einerseits gibt es die Familie des Chaos, andererseits die der Gaia, der Erde. Chaos Gaia Kinder werden nur von einem Kinder haben zwei Elternteile Elternteil geboren Die Nacht und der Tag stammen Der Mond und die Sonne stamvom Chaos, weil ihre Grenzen men von Gaia, weil sie klar sicht unsichtbar sind bare Grenzen haben Übel wie Tod und Krankheit stammen vom Chaos, weil sie keine zeitlichen und räumlichen Grenzen haben Die Monster sind die Kinder von Gaia. Sie wohnen an bestimmten Orten und können sterben Das Chaos der Theogonie ist etwas, das mit dem angeordneten und begrenzten Universum kontrastiert wird. Dort wo Ovid dar stellt, was es noch nicht gab, verwendet Hesiod nur einen Begriff, 7 M o n d i 1989 , 8 (F n . 22). 78 M i h a i l - G e o r g e H ä n c u der wahrscheinlich im Kontext seinen Zeitgenossen verständlich war. Damaskios (6. Jh. n. Chr.), der letzte Leiter der Platonischen Akademie in Athen, behauptete, dass es drei Versionen der orphischen Theogonie gäbe:8 Die Üblichste sei die von den Rhapso dien, in denen Phanes, der aus einem Ei geboren wird, der Schöp fer des Universums ist. Die anderen Varianten hatte er in indi rekten Quellen gefunden: Die eine wurde von Eudemos, einem Schüler des Aristoteles erzählt, aber die andere gehörte zu Hieronymos und/oder Hellanikos, die ihm unbekannt waren. Ob wohl man über jede Version Kommentare zur kosmogonischen Terminologie machen könnte, wird sich die vorliegende Arbeit nur mit der letzten beschäftigen: q > p v , ^ q o t v , t £ Ü Q X n? KaL u Y q , t £ 0 9 p Y T b ü ° T a ü x a i ; ä.QXÜ<; üram Otpxvoi; npwxov, v b u iQ K a i yqv ... xpv 5 t xqlxt| v Ö.QX0V p x x ä xä<; ö ü o y x v v r| 0f|vaL p t v e k x o ü x u jv , v b a x ö c , 9 0 pL K a i y p i ; , < ö p ä K o v x a > 5 t x iv a L K x ^ a A ä i ; t y o v x a n p o a n x ^ u K U L a i; x a b p o u K a i A to v x o i ; , t v p to rn L 5 t 0 x o ü n p o o r n n o v , tyxLV 5 t K a i t n i x ü v n x c p ä , d > v o p ä a 0 a L 5 t < X q o v o v ä y q p a o v > K a i < H p a K A f| a > x ö v a ü x ö v .9 (D a m a s c iu s , De principiis 1, 317,15) Die ersten zwei Elemente sind Wasser (ü&wp) und Materie (üAp). Damaskios glaubte, es gäbe noch ein unaussprechliches Element vor diesen beiden. Man muss beachten, dass der Neuplatoniker lediglich seine eigene Theorie der Triaden demonstrieren wollte. West10 ersetzt üAp mit LAu<;, „Schlamm", wegen eines Textes von Athenagoras (2. Jh. n. Chr.), in dem ein sehr ähnlicher My thos dem Orpheus zugeschrieben wird: p v y a q v b u iQ Ü Q X0 a ü x ö v xol<; ö A o li;, ä n o 5 t x o ü v b a x o c , iAü<; K a x t a x p , tK 5 t t K a x t p m v t y x v v q h p C ü o v ö q ö k w v n p o a n x ^ u K u i a v 8 D a m a s c iu s , De principiis 1, 316 ,10-317 ,14 . 9 „Im Anfang war W asser und Materie, aus der die Erde sich fest zusam menballte. Diese beiden Prinzipien setzt er als erste: W asser und Erde. [...] Das dritte sei nach diesen beiden aus ihnen hervorgegangen, ein Drache, der die Köpfe eines Stieres und eines Löwen, in der Mitte aber das Antlitz eines Gottes hatte, und an den Schultern hatte er Flügel; genannt aber wurde er „nie alternder Chronos" oder auch Herakles." (Übers. C a p e l l e 1940) 10 W e s t 1983,183. Die Terminologie der vorsokratischen Schöpfungsmythen 79 tx m v K x^ aA p v A to v x o i;, ö iä ö t aü x m v 0 x o ü n p o o rn n o v , ö v o p a 'H paK A pi; K a t X q ö vo^.11 (K e r n 1 9 2 2 , fr. 57) Diese Variante ist mit dem Bild des Chronos12 übereinstimmend. Im Vergleich zu dem sehr detaillierten und eklektischen Gott ist der Urstoff ziemlich formlos und substanzlos. Wenn es sich nicht um einen Uberlieferungsfehler handelt, dann hatte Damaskios „Dreck" mit einem abstrakteren Konzept ersetzt. Pherekydes von Syros (6. Jh. v. Chr.) war, laut einigen Quel len, der Lehrer des Pythagoras. Die Antiken meinten, dass er selbst von den „geheimen Bücher der Phönizier" gelernt hatte.13 Gerade weil wir nur wenige Informationen über sein Leben ha ben, wurden die meisten seiner orakelhaften Taten auch dem Py thagoras zugeschrieben. Zäc, p t v K a i X q öv o i; p o a v ä x i K a i X0ovtr| ' X 0 o v rq 5 t ö v o p a ty tv x x o Tf| trcxLÖp a ü x ^ Zac, y q v y t p a i ; ö lö o l.14 (DIOGENES LAERTIUS 1 ,1 1 9 ) < a t» x ä > L n o io ü o x v x ä o iK L a n o A A ä x x K a i p x y ä A a . t n x i 5 t x a ü x a t U x x A x a a v n ä v x a K a i X Q ^ p a x a K a i 0 X Q ä n o v x a i ; K a i O x p a n a iv a i ; K a i x a A A a ö o a ö x l n ä v x a , t n x i ö p n ä v x a t x o i p a y iy v x x a L , x ö v y ä p o v ra n x ü o x v . Kä'nxLÖp XQLxp p p tp r| y iy v x x a L x w i y ä p W L , x o x x Z ä y noLXL ^ ä p o i ; p t y a xx K a i K a A ö v K a i t v aüxW L noLKiAAxL T q v K a i ’Q y p v ö v K a i x ä ’Q y p v o ü 5 w p a x a > .15 (DlELS 1934, fr. B2) Durch seine Kosmogonie wollte Pherekydes eine bessere Alter native zur Tradition Hesiods und Homers bieten, weil die Götter zu menschenähnlich und unmoralisch aussahen. Deshalb wollte 11 „Nach seiner Meinung war nämlich das W asser der Urgrund aller Dinge. Aus dem Wasser aber lagerte sich der Schlamm ab, und aus bei den entstand ein Drache, der den Kopf eines Löwen hatte, in der Mitte von ihnen war das Angesicht eines Gottes. Er hieß Herakles und Chro nos." (Übers. C a p e l l e 1 940 ) 12 Zur Zweideutigkeit des Kronos/Chronos, s. LÖp e z -R u iz 2 0 1 0 ,1 5 5 -1 5 7 . 13 S c h ib l i 1990 , 140. 14 „Zas und Chronos waren ewig wie auch Chthonie; Chthonie aber er hielt den Namen „Erde", da ihr Zas die Erde als Ehrengeschenk über gab." (Übers. C a p e l l e 1 940 ) 15 „Ihm (Zas) machen sie die Häuser viel und groß. Als sie aber dies alles vollendet hatten, auch Sachen und Diener und Dienerinnen, und alles andere, was nötig ist - als nun alles bereit ist, da machen sie Hochzeit. Als der dritte Tag der Hochzeit kommt, da macht Zas ein großes und schönes Tuch und auf diesem stellt er in bunter W eberei die Erde und Ogenos und das Haus des Ogenos dar." (Übers. C a p e l l e 1 940 ) 80 M i h a i l - G e o r g e H ä n c u er die Natur der Götter neu beurteilen16 und das hieß, dass seine Urgötter ungewöhnliche Namen trugen: Zeus - Zas, Gaia - Chthonie und Okeanos - Ogenos. Die Form Zag, Zavxog ist ziemlich unähnlich den anderen Varianten des Namens Zeus. Man hat versucht es mit dem be kannteren Zpv, Zpvög oder zum zypriotischen Namen der Ge, Zä, zu verbinden, aber es ist ziemlich klar, dass die zwei Namen unterschiedliche Wurzeln haben. Laut West17 kann diese Form in Beziehung mit dem luwischen Namen des Gottes Santa gestellt werden. Außer der pho netischen Ähnlichkeit gibt es auch die überlieferte Geschichte, dass der Vater des Pherekydes Babys hieß: Solche Namen kannte man nur in jener orientalischen Region, in der Santa verehrt wurde. Auch wenn diese Filiation falsch ist, kann man doch an nehmen, dass man die orientalisierenden Elemente auch in der Antike erkannt hatte. Chthonie (X0ovip) stammt von \Qccv, einem anderen Na men der Erde. Pherekydes behauptet, dass sie ihren traditionel len Namen, Tp, von Zas erhielt. Ogenos (Oypvog) ist sehr ähn lich einer der vermuteten Etymologien für Okeanos (ßKeavög), und zwar dem aramäischen dgäna („Bassin") und dgen („der Rand eines Brunnens"). Dies ist Wests zweites Argument für den Synkretismus des Pherekydes.18 Man kann diese Begriffe der altgriechischen Kosmogonien durch drei semantische Theorien interpretieren: Einerseits gibt es die Theorie der Determinologisierung und der Terminologisierung. Diese zwei Konzepte wurden von Ingrid Meyer und Kristen Mackintosh in einer Untersuchung der sogenannten „Er weiterung" des terminologischen Sinnes im Falle gegenwärtiger Wörter wie bandwidth und recycle stark gemacht. Laut den zwei Wissenschaftlerinnen ist die Determinologisierung jene Verbrei tung des Wortsinns in einem allgemeineren Kontext (im Ver gleich zum spezialisierten Kontext).19 Die spezialisierten Semen (die kleinste Komponente einer Wortbedeutung) des hesiodeischen Chaos sind die folgenden: „entsteht am Beginn des Universums", „ist grenzenlos, gestaltlos und substanzlos" und „hat Kinder, die unnatürlich (d. h. nicht 16 G r a n g e r 2 0 0 7 , 140. 17 W e s t 19 7 1 , 51 . 18 W e s t 19 7 1 , 50 . 18 M e y e r /Ma c k in t o s h 20 0 0 , 199. Die Terminologie der vorsokratischen Schöpfungsmythen 81 aus einem Paar) geboren werden". Wenn es so ist, dann bietet Akousilaos, ein Autor des 5. Jh. v. Chr., eine teilweise determinologisierte Version des hesiodischen Konzeptes. Akousilaos behauptete, dass sein Schöpfungs-mythos ent hüllt wurde, indem sein Vater jene Texte zufällig gefunden hatte, als er im Hof grub. Andere antike Schriftsteller glaubten, Akousilaos habe nur eine Prosa-Version der Theogonie gehabt. Akousilaos konstruiert eine einzige Familie, die aus dem Chaos geboren ist, ohne den Unterschied zwischen begrenzten und grenzenlosen Göttern/Elementen. Es ist sehr merkwürdig, dass, laut Akousilaos, Erebos das männliche Prinzip sei, obwohl das Wort ein Neutrum ist. Das heißt, dass in seiner Version der hesiodischen Theogonie das Wort „Chaos" mindestens eine Seme verloren hat: Alle seine Kinder haben ihre eigenen Kinder als Paare. Man könnte meinen, dass Damaskios absichtlich LAb<; durch üAp ersetzt hatte, damit es abstrakter und „terminologischer" aussieht. Es ist aber so, dass üAp möglicherweise auch „Schlamm" bedeuten könnte. Es ist auch möglich, dass Pherekydes seine Götternamen „terminologisiert" hat, indem alle unterschiedliche Namen im Gegensatz zur Tradition erhalten. Chthonie bekommt ihren „ge wöhnlichen" Namen später, während die anderen drei Urgötter „authentischere" Namen haben, die aus der orientalischen Über lieferung stammen. Es ist möglich, diese Schöpfungsmythen auch vom Standpunkt der Frame-Semantik und der Hypokogni tion her zu analysieren: You can talk about it, but it takes some doing because there is no established frame, no fixed idea already out there. In cognitive Science there is a name for this phenomenon. It's called hy pocognition - the lack of the ideas you need, the lack of a relatively simple fixed frame that can be evoked by a word or two.20 Es würde bedeuten, dass Hesiod nie das Chaos beschreibt, weil sein Publikum mit ähnlichen Urstoffen bekannt war. Zum Bei spiel hatten die altägyptischen Kosmogonien einen Urstoff, der Nun hieß und der so beschrieben wird: „unsichtbar (dunkel), ge staltlos, räumlich und zeitlich ohne Abgrenzungen".21 20 L a k o f f 20 0 4 , 24. 21 M o n d i 1989 , 26f. 82 M i h a i l - G e o r g e H ä n c u Andererseits hat man schon bewiesen, dass der hethitische Mythos des Königtums im Himmel sehr ähnlich zur Theogonie ist. Laut S t r a u s s C l a y und G il a n 22 sei der Titel dieses Textes Gesang des Aufganges gewesen. Da Kumarbi seinen Vater, Anu, entmannt, wird er alleine schwanger und muss seinen Sohn ir gendwie gebären. Es ist interessant, dass diese Geschichte zwei unterschiedliche Verben für die natürliche („Geburt", im Fall der Erdgöttin) und die unnatürliche Geburt („Aufgang", im Fall des Kumarbis) verwendet. Die Idee des Aufganges als Geburt findet man auch in der Theogonie, wo die Rückkehr des Zeus aus dem Bauch seines Vaters durch ein ähnliches Verbum beschrieben wurde. Es ist möglich, dass Damaskios die Materie als Urelement der Orphiker zitiert hat, weil sein Publikum an solche abstrakten und unerkennbaren Prinzipien gewöhnt war. Von seinem Stand punkt aus wäre der Schlamm die Folge der Hypokognition sei ner Quellen: Sie hatten keine passenderen Begriffe. Die orientalisierenden Namen, die von Pherekydes verwen det werden, konnten den Einwohnern der kykladischen Insel Syros authentisch erschienen sein, da sie schon mit den orientali schen Ländern Kontakt hatten. L a k o f f u n d J o h n s o n s c h r e ib e n 19 8 0 : „ th e e ss e n c e o f m e ta p h o r is u n d e rs ta n d in g a n d e x p e r ie n c in g o n e k in d o f th in g in te rm s o f a n o th e r " .23 O l a f J ä k e l g ib t e in e fo rm a lis ie r te D e fin itio n d er k o n z e p tu e lle n M e ta p h e rn : Konzeptuelle M etaphern bestehen in der systematischen Verbindung zwischen zwei verschiedenen konzeptuellen Domänen, von denen die eine (X) als Zielbereich (target domairi) und die andere (Y) als Ur sprungsbereich (source domain) der metaphorischen Übertragung (metaphorical mapping) fungiert. Auf diese W eise wird X als Y verstanden, die eine konzeptuelle Domäne durch Rückgriff auf einen anderen Er fahrungsbereich kognitiv verfügbar macht.24 Es scheint ziemlich klar zu sein, dass Metaphern eine sehr wich tige Rolle in den vorsokratischen Kosmogonien spielten. Wenn \aoQ kein ad hoc Begriff ist, dann bedeutet es zumindest, dass Hesiod das Unbegrenzte/Formlose/Substanzlose eher im Sinne vom „nebeligen Etwas" beschrieben hat. Wie es vom 22 S t r a u s s C l a y /Gil a n 2 0 1 4 ,4f. 23 L a k o f f /Jo h n s o n 1980 , 5. 24 JÄKEL 2 0 0 3 , 24. Die Terminologie der vorsokratischen Schöpfungsmythen 83 phonetischen/etymologischen Standpunkt bewiesen wurde, wa ren \aoQ und x«Cwo<; verwandt und dadurch konnte diese Me tapher verständlich werden. Andererseits gibt es die allgemeinere Metapher der Kosmogonie als Gebären. Dadurch kann man auch die Variante des Akousilaos erklären, sowie die der Orphiker. Man muss aller dings einige Punkte betonen: Hesiods Kosmogonie bietet zwei Genealogien. Die eine entsteht aus natürlichen Geburten, die an dere aus unnatürlichen. Diese Metapher erklärt dann, warum es zwei Arten von Entitäten gibt. Die Geburt wird noch stärker betont, wenn es auch künstli che Schöpfung gibt. Damaskios bemerkt es, als er die Herstel lung (exeu^e) des Eis kommentiert. Bei Pherekydes stellt Zas das hochzeitliche Tuch für Chthonie her. Schließlich ist die Wieder geburt des Universums nach der Verschluckung des Phanes (meistens in den orphischen Rhapsodien) eine ziemlich kreative Nutzung der Geburtsmetapher. Wenn alle Kosmogonien auf dieselbe, logische Frage - Wie entstand das Universum? - antworten, dann ist es verständlich, dass sogar die frühsten Quellen versuchen, spezifische Prinzi pien zu postulieren. Auch wenn es nicht die konzeptuelle Kom plexität der späteren philosophischen Schöpfungsmythen gibt, kann man doch auch in diesen Fällen eine Terminologie identifi zieren und einige Uberlieferungsprobleme erklären. Wenn es uns möglich wird, die Kontexte jeder Kosmogonie gut zu verstehen, können wir auch Übersetzungsfehler und so gar Anachronismen korrigieren. Zumindest im Feld der Kosmo gonien wäre es falsch, einen apriorischen Unterschied zwischen Mythos und Wissenschaft zu machen. Literaturverzeichnis Primärliteratur A r is t o p h a n e s I 9 6 0 , The Acharnians. The Knights. The Clouds. The Wasps, hg. u. übers, v. Benjamin Bickley Rogers, London. A r is t o p h a n e s 1927, The Peace. The Birds. The Trogs, hg. u. übers, v. Benjamin Bickley Rogers, London. C a p e l l e , W il h e l m (Hrsg.) 1940, Die Vorsokratiker, Stuttgart. 84 M i h a i l - G e o r g e H ä n c u D ie ls , H e r m a n n (Hrsg.) 1934, Die Fragmente der Vorsokratiker 1, Berlin. D io g e n e s L a e r t iu s 1925, Lives o f Eminent Philosophers 2, h g . u . übers, v. Robert Drew Hicks, London. H e sio d , 2006, Theogonie, Werke und Tage, hg. u. übers, v. Albert von Schirnding, München. K e r n , O t t o (Hrsg.) 1922, Orphicorumfragmenta, Berlin. Sekundärliteratur B ic k e l , S u s a n n e 19 9 4 , La cosmogonie egyptienne avant le Nouvel Empire, Göttingen. 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References

Zusammenfassung

Weltentstehungen, Götter und Heroen – unter dem Begriff ‚Mythos‘ verstehen wir heutzutage verschiedene Dinge. Mit ihm verbinden wir sowohl Erzählungen über das Werden und Vergehen urzeitlicher Welten als auch Geschichten über alltägliche Ereignisse und Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart. Obwohl ‚Mythos‘ seit Jahrhunderten als ein zentrales Konzept in kultur- und literaturtheoretischen wie auch philosophischen Diskursen fungiert, ist die semantische Vielfalt des Begriffes erst seit wenigen Jahrzehnten in den Debatten der Geisteswissenschaften präsent. Der Mythos – ein Mythos?

Der vorliegende Sammelband widmet sich dem Mythos in interdisziplinärer Perspektive. Dabei problematisieren die Autor*innen das Mythische epochenübergreifend in all seinen Facetten, indem sie grundlegende Fragen stellen: Was bezeichnen wir als ‚Mythos‘? Wozu benötigen wir Mythen? In welcher Beziehung stehen sie zu unserer Lebenswelt? Und: Gibt es eine Zeit ohne Mythos?