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Thomas Robak, Über den mythologischen Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache in:

Kristin Rudersdorf, Saskia Schomber, Florian Sommerkorn (Ed.)

Der Mythos vom Mythos, page 183 - 204

Interdisziplinäre Perspektiven auf das Mythische in Künsten und Wissenschaften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4108-6, ISBN online: 978-3-8288-7067-3, https://doi.org/10.5771/9783828870673-183

Series: Beiträge des Gießener Studierendenkolloquiums, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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Über den mythologischen Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache T h o m a s R o b a k (E rfu rt) 1 Einleitung Anlässlich des Terroranschlags auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo vom 7. Januar 2015 diagnostiziert der französische Soziologe Bruno Latour für die westliche Zivilisation: er Säkularismus selbst zu einer Art „Zivilreligion" gemacht <...>, die mit rechtlichen Mitteln als einzige unstrittige Verhaltensweise in der Öffentlichkeit durchgesetzt werden soll - eine ziemlich intole rante Form von Toleranz, da sie alle Religionen als gleich absurd erach tet. Hier geht die Idee der Trennung von Kirche und Staat <...> unmerk lich in eine Religion der Religionslosigkeit über. Sie wirkt wie ein Plu ralismus, der nur eine einzige Möglichkeit zulässt, pluralistisch zu sein.1 Die so genannte westliche Zivilisation lebt größtenteils in säku laren Gesellschaften, die eine Trennung von Kirche und Staat vo raussetzen sowie gewährleisten. So selbstverständlich man ge meinhin im Alltag diese Unterscheidung zwischen religiös (oder: kirchlich, geistlich) und profan (oder: weltlich, nicht-religiös) auch vornimmt, so problematisch kann sie allerdings in wissenschaft lichen Kontexten werden. Wo genau die Grenze zwischen religiös und profan liegt, was eigentlich überhaupt Religion - und der Mythos, hier verstanden als ein Modus des Religiösen - ist, lässt sich nämlich gar nicht adäquat empirisch bestimmen und ist Ge genstand beständiger kulturwissenschaftlicher Forschung. Erschwerend kommt einerseits hinzu, dass sich Religiöses und Profanes oftmals erkenntnisfördernd miteinander verglei chen lassen, wenn z .B . Popkonzerte, Sportereignisse und wis senschaftliche Kongresse mit ihren ritualisierten Abläufen und sozialen Funktionen in vielerlei Hinsicht an Gottesdienste oder andere religiöse Zusammenkünfte erinnern.2 Auch auf sprachli cher Ebene findet diese Verbindung statt, wenn z. B. 1 L a t o u r 2015 . 2 B a y e r 2 0 0 4 , 8. 184 T h o m a s R o b a k metaphorisch von „Fußballgöttern" und „Göttern in W eiß" ge sprochen wird. Andererseits müssen religiöse Texte wie etwa biblische Gleichnisse nicht unbedingt religiöse Wörter gebrauchen: Einsei tige Annahmen, nach denen sich religiöse Sprache von profaner aufgrund ihrer D unkelheit', Irrationalität, logische Unkorrekt heit, Bezugnahme auf Außerempirisches oder Ähnliches unter scheide, sind nicht haltbar.3 Denn in Börsennachrichten wird „der Markt" personifiziert und muss „beschwichtigt" werden, während Fußballspieler wie Heilige verehrt werden und man bei entscheidenden Spielen den „Fußballgott" anruft. Daraus folgt, dass sich Merkmale religiösen Sprachgebrauchs im profanen be obachten lassen. „Allerdings haben Götter und Riten sich heute weitgehend in Wissenschaft, Medien und Alltag verborgen, so daß sie für moderne Menschen weniger erkennbar sind als noch für die religiösen Menschen vergangener Jahrhunderte."4 Das Anliegen, sie wieder sichtbar zu machen, teile ich im Folgenden mit den Kulturwissenschaften. All diese Überlegungen lassen sich auf die Ebene der Mythos-Logos-Unterscheidung übertragen. Götter und Riten ent sprechen demnach einem mythologischen, vorrationalen Welt bild des modernen Menschen, das als überholt und überwunden gilt. Dennoch kennen wir das zeitgenössische Phänomen der Ur ban Legends, also anekdotische Geschichten meist unbekannter Quellen, die mündlich oder vorzugsweise im Internet ihre Ver breitung finden und die nicht wahr sein müssen, um ihre soziale, diskursive Funktion zu erfüllen, nämlich - ganz allgemein ge sprochen - bestimmte Werte und Normen narrativ zu konstruie ren, zu verarbeiten und zu verbreiten, und zwar im Fall der Ur ban Legends auf Grundlage der Lust am Unerklärlichen, Über- o der Widernatürlichen. Nur zwei der zahllosen Beispiele sind die spontane menschliche Selbstentzündung oder die Rasierklinge im Apfel zu Halloween. Von diesem engen Begriff der Urban Legends, die im Wesent lichen durch ihre faktische Unzulänglichkeit oder Unwahrheit definiert sind, möchte ich zu einem umfassenderen Begriff der Mythen als wertevermittelnde und werteproduzierende gesell schaftliche Narrativa kommen. Dabei gehe ich vom antiken My thenbegriff aus und folge lose Roland Barthes’ modernem 3 B a y e r 2 0 0 4 ,7 ;1 1 . 4 B a y e r 2 0 0 4 , 9. Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache 185 Klassiker Mythen des Alltags, demnach der Mythos in toto eine Aussage oder Botschaft und daher immer sprachlich kodiert ist.5 Allerdings möchte ich mich aus pragmatischen Gründen in die sem Beitrag auf die zeitgenössische Schriftsprache in der Presse landschaft, hier sogar nur auf die Lexik beschränken und somit andere linguistische Beschreibungsebenen (wie Phonologie und Syntax) sowie Zeichenarten (wie Bild und Ton) außen vor lassen. Freilich stehen solche kleinteiligen, eher empirischen Ergebnisse nicht für sich alleine, sondern bedürfen einer philosophisch-kul turwissenschaftlichen Einbettung und Elaboration, um wirklich eine Erkenntnis zu befördern; daher werde ich mich darum stets anschließend bemühen. Ziel der gesamten Untersuchung ist neben der Überlegung, was religiöse und mythologische Lexik überhaupt ausmacht, vor allem das bessere Verständnis des profanen, ,normalen', alltägli chen Sprachgebrauchs, der ordinary language, indem ich einen m. E. trotz der neueren kulturwissenschaftlichen Forschung oft mals noch immer blinden Fleck beleuchte und gemeinsame Me chanismen im religiösen sowie profanen Sprechen aufzeige.6 Ich strebe zwar nicht dezidiert an, Dichotomien wie religiös und pro fan, Mythos und Logos, Antike und Moderne oder - letzten Endes wohl die Mutter aller Dichotomien - Natur und Kultur fallen zu lassen. Jenseits ihres zugegebenermaßen heuristischen Nutzens sind sie aber produktiv zu hinterdenken. Latour etwa spricht in seiner bekannt provokativen Art der religiösen Rede jeden Be zug zu Gott ab, führt sie dagegen rein funktional auf Affirmation und Wiederholung des Wortes an sich zurück: Religiöse Rede erstrebe nicht die Entdeckung neuer Wahrheiten, sondern Wie derentdeckung und Erneuerung des Alten; damit sei sie der Sprache verliebter und liebender Menschen verwandt.7 Diese Di agnose auf profane Mediensprache gerichtet erscheint mir eini gen Erkenntnisgewinn zu versprechen: Geht es etwa bei der me dialen Verlesung von Arbeitslosenstatistiken oder Fußballergeb nissen wirklich nur um die Weitergabe objektiver Informationen oder handelt es sich nicht darüber hinaus auch um Rituale der Selbstvergewisserung? Zunächst werde ich in Abschnitt 2.1 eine Rechtfertigung leis ten, wie ich für diese Arbeit die Begriffe Religion und Mythos 5 B a r t h e s 1964 , 85. 6 V gl. B a y e r 20 0 4 , 8. 7 L a t o u r 2011 . 186 T h o m a s R o b a k gemeinsam verorte. In Abschnitt 2.2 werde ich die Grundidee der Kognitiven Metapherntheorie von George Lakoff und Mark Johnson referieren, die mir den wesentlichen kognitionslinguis tischen Erklärungsansatz liefert für die empirischen Phänomene von Abschnitt 3: religiöse Lexik in gegenwärtiger profaner Me diensprache. Nach einigen theoretischen und methodischen Vor bemerkungen (3.1) werde ich mich zwei Ressorts widmen, die mir auf den ersten Blick als lohnenswerteste erschienen: die Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Finanzmarkt (3.2) und der Sport mit dem Schwerpunkt Fußball (3.3). Als eine mir wesentli che Schlussfolgerung aus dem Gesagten skizziere ich in Ab schnitt 4 eine mögliche Perspektive auf die Rolle der Medien bei der Erschaffung moderner Mythen, aus aktuellem Anlass am Beispiel des Anschlags auf das französische Satiremagazin Char lie Hebdo, um daraufhin in Abschnitt 5 mit einer Zusammenfas sung und Diskussion8 zu enden. 2 Begriffsklärungen 2.1 Religion und Mythos Gehen wir einmal von einem naiven Vorverständnis aus: Reli gion - so könnte man beginnen - bezieht sich im Allgemeinen auf Entitäten (Personen, Ereignisse, Kräfte), deren Existenz einen anderen erkenntnistheoretischen Status hat als die Existenz ma terieller Gegenstände oder bestimmter Menschen. Die Existenz eines göttlichen Wesens kann weder rational begründet noch empirisch wahrgenommen werden, weshalb an sie geglaubt werden muss, im Sinne eines Postulates. Diese Unterscheidung halte ich für sehr wichtig, weil sie u. a. Wissenschaft und Dis kurse zwischen Anhängern verschiedener Weltbilder erst er möglicht, doch geht sie nicht mit einer Bewertung einher: Beim Für viele der Diskussionspunkte, Denkanregungen und nicht zuletzt den modifizierten Titel danke ich ganz herzlich den teilnehmenden Kommilitoninnen und Kommilitonen; und diesen Anlass des Dankes nutze ich auch, um allen Beteiligten und Verantwortlichen für die ge samte Tagung zu danken. Der Text beruht auf einer Hausarbeit, die ich im Sommersemester 2011 für ein Seminar zur M edienlinguistik bei Dr. Klaus Geyer, dem als Betreuer last but not least ebenfalls gedankt sei, geschrieben habe. Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache 187 Glauben an Gott handelt es sich nicht um bloßen Glauben, dies wird jeder religiöse Mensch bestätigen, sondern um eine quali tativ andersartige, nämlich als außerordentlich unmittelbar er lebte intentionale Einstellung. Ebenso sehr ist auch der Mythos kein bloßer Gegensatz zum Logos, wie traditionelle Darstellungen antiken Denkens (etwa bei Wilhelm Nestle) suggerieren: Der Mythos ist nicht unwahre, irrationale und der Logos wahre, rationale Rede; diese Denkfi gur ist m. E. selbst ein Mythos, aber den Nachweis kann ich hier nicht erbringen.9 Vielmehr möchte ich auf die Denkalternativen mit evtl. erkenntnisfördernden Konsequenzen hinweisen und das chinesische Yin-Yang-Zeichen zum Vergleich anbringen. Der Mythos mag zum Großteil unwahre, irrationale Rede sein, doch beinhaltet sie einen Funken Logos; ebenso mag der Logos zum Großteil wahre, rationale Rede sein, doch beinhaltet er im mer einen Funken Mythos. Beide Denkweisen suchen Erklärun gen für Phänomene der menschlichen Lebenswelt: die logische mithilfe möglichst objektiver Methoden, die mythische mithilfe oftmals historisierender Narrationen.10 Wenn der Mythos ursprünglich aus der Religion entwachsen ist und beide untrennbar miteinander verbunden waren, d. h. ein areligiöser Mythos in der Antike undenkbar scheint, dann wäre dies eine genealogische Rechtfertigung für meinen Fokus auf religiöse Lexik. Doch seit der Moderne gab es Bestrebungen einerseits einer natürlichen, rationalen (sprich: mythenlosen) Re ligion etwa ganz stark im Christentum oder in Form der zivilre ligiösen Revolutionskulte der Französischen Revolution; ande rerseits benötigt eine mythische Erzählung keinen religiösen Kontext mehr, sondern kann für sich selbst stehen (etwa als Kunstmärchen) oder überlebt unbewusst im kollektiven Ge dächtnis. Letztendlich scheinen mir bei Religion und Mythos die Schnittmengen zu groß und die Grenzen zu unscharf, als dass sie sich befriedigend definieren ließen. Für meine Arbeit möchte ich vereinfachend den Mythos als einen Modus des Religiösen auf fassen. Religiöse Lexik ist dann entweder gleichzeitig auch 9 Vgl. JAMME 2011, 1552f. und 1557f.; diese Erkenntnis haben wir nicht zuletzt Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung zu verdan ken. 10 J a m m e 2011; hier wäre auch der Anschluss derjenigen Theorien zu verorten, nach denen der M ythos aus dem Ritual heraus entstanden ist, denn Rituale strukturieren die Lebenswelt durch Handlungen wie My then durch Sprache. 188 T h o m a s R o b a k mythische oder erfüllt dieselbe Funktion, nämlich Irrationales, Übernatürliches kognitiv handhabbar zu machen. Deshalb sind es auch die ästhetisch-epistemologischen Funktionen und Me chanismen, die mich am modernen Mythos interessieren, unab hängig vom Grad der Bewusstheit im Sprecher oder in der Ge sellschaft. Meist enthalten religiöse und mythische Konzeptionen eine von der menschlichen, erlebbaren Welt unterschiedene Teilwelt, die größtenteils Eigenschaften der sinnlich erfassbaren Welt pro jiziert.11 Gleichzeitig postuliert Religion häufig etwas Unsagba res, also nicht-propositionales Wissen, besondere Erfahrungen o der Dinge, die eben wegen ihres besonderen erkenntnistheoreti schen Status nicht mit ,normaler', profaner Sprache, sondern nur literarisch oder durch Neologismen erfasst werden können. Me taphorische Prozesse sind also fundamental für den religiösen Sprachgebrauch. Allerdings unterscheidet ihn das nicht von an deren Domänen mit abstrakten Phänomenen, wie am Ende mei nes Beitrags deutlich werden sollte. Dieser Punkt führt nun zur Kognitiven Metapherntheorie. 2.2 Kognitive Metapherntheorie Wo entsteht der Humor in folgender Newsticker-Meldung vom 8.11.2011 des Satiremagazins Titanic? So gewinnt die Politik das Vertrauen der Märkte: <1.> Den anderen ernstnehmen: Die Märkte immer mal wieder auf ein Eis einladen, sich ihre Sorgen anhören und sie auch mal ausreden lassen. <2.> Das Ver antwortungsgefühl stärken: Die Märkte dürfen selbständig Lebensmit telpreise festlegen, die Renten absichern oder die Zeitung austragen. <3.> Nicht nur an sich denken: Kleine Geschenke wie Blumen, Pralinen oder Steuererleichterungen stärken das Vertrauen. <4.> Bei Fehlern nicht gleich ausrasten: In den Arm nehmen und mit Taschengeld beru higen, wenn ein Markt mal wieder versagt.12 Die Metapher vom „Vertrauen der Märkte" wird wörtlich ver standen. Dies ist Muster vieler, auch simpelster Fritzchen-Witze. Damit enttarnt die Titanic eine spezifische, metaphorische Funk tionsweise unserer Sprache - die Personifikation - und steht, ob nun bewusst oder unbewusst, in der Tradition der Kognitiven 11 B a y e r 2 0 0 4 ,1 6 . 12 URL 1. Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache 189 Metapherntheorie von George Lakoff sowie Mark Johnson und ihren Erkenntnissen über die Allgegenwärtigkeit von Meta phern, die sie in ihrem Buch Metaphors we live by von 1980 be schreiben und nach der es sich bei Metaphorik nicht - wie All tagssprachgebrauch oder Deutschunterricht suggerieren können - um ein besonderes rhetorisches Mittel handelt, sondern um ein kognitives Grundprinzip. Unser Alltagsleben, sowohl in der Sprache als auch im Denken und Handeln, ist von metaphori schen Konzepten durchdrungen. Zumeist sind es tote Meta phern, die wir erst mit einem zweiten oder dritten Blick als sol che erkennen können. „The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind of thing in terms o f another."13 Die metaphorischen Konzepte sind keineswegs zufälliger Natur, sondern lassen eine bestimmte Systematik erkennen. Ein beson ders fruchtbares Beispiel ist die konzeptuelle Metapher Argu mentieren ist Krieg, wie sie in folgenden Äußerungen zutage tritt14: Your claims are indefensible. - He attacked every weak point in my argu ment. - His criticisms were right on target. - I demolished his argument. - I've never won an argument with him. - You disagree? Okay, shootl - If you use that strategy, he'll wipe you out. - He shot down all of my arguments.15 Wir reden nicht nur so, sondern wir handeln auch, als wäre Ar gumentieren Krieg. Dies sei allerdings kulturrelativ, denn ge nauso gut ließe sich Argumentieren als Tanz konzeptualisieren: So wie wir gegeneinander debattieren, uns Strategien zurecht le gen und Argumente wie Kanonenkugeln an den Kopf werfen, könnte eine andere Kultur wie in einem Tanz gemeinsam, auf harmonische und ästhetisch wertvolle Art und Weise miteinan der Argumente austauschen und sich einander mit guten Gedan ken befruchten.16 Insofern hat die (freilich unbewusste) Wahl ei ner bestimmten Metapher Auswirkungen auf die Bedeutung: Sie betont und versteckt gewisse Aspekte des Konzepts. Die Kriegs metapher ließe demnach auf eine aggressive Streitkultur schlie ßen, die Tanzmetapher auf eine kooperative, sympathetische. 13 L a k o f f/Jo h n so n 1980, 5; eigene Kursivierung. 14 An meinem eigenen „Zutagetreten" merkt man übrigens, wie sich auch wissenschaftliche Sprache der Allgegenwärtigkeit von Metaphern nicht entziehen kann. 15 LAKOFF/JOHNSON 1980, 4; Kursivierung im Original. 16 L a k o f f/Jo h n so n 1980,4. 190 T h o m a s R o b a k Formalisierter und operationalisierter als Lakoff und John son fasst Olaf Jäkel diesen Mechanismus folgendermaßen zu sammen: Konzeptuelle M etaphern bestehen in der systematischen Verbindung zwischen zwei verschiedenen konzeptuellen Domänen, von denen die eine (X) als Zielbereich (target domairi) und die andere (Y) als Ur sprungsbereich (source domain) der metaphorischen Übertragung (metaphorical mapping) fungiert. Auf diese W eise wird X als Y verstanden, die eine konzeptuelle Domäne durch Rückgriff auf einen anderen Er fahrungsbereich kognitiv verfügbar g e m a c h to 17 Die kognitive Metapherntheorie beschreibt mit der Unidirektionalitätsthese eine grundsätzliche Tendenz, wie die „konzeptuell metaphorische Domänenverbindung" funktioniert: Ein abstrak ter und komplexer Zielbereich wird mit einem konkreteren und einfacheren Ursprungsbereich verknüpft.18 So lassen sich Meta phernkomplexe wie GELD IST EINE FLÜSSIGKEIT („Geld fließt", „liquide sein oder auf dem Trockenen sitzen", „den Geld hahn zudrehen") oder WIRTSCHAFT IST EIN ORGANISMUS („die Wirtschaft krankt", „die Wirtschaft blüht auf") besser er klären, als wenn man sie lediglich als Exemplifizierungen eines jeweils abstrakten Oberkonzepts oder Homonymen deklariert.19 Sie sind zwar konventionalisiert und werden daher problemlos verstanden, allerdings müssen sie nicht unbedingt im Lexikon festgehalten werden; außerdem ist es jederzeit möglich, neue Metaphern zu kreieren, was etwa in literarischen Texten beson ders prominent passiert (und in etwa der Alltagsbedeutung des Ausdrucks Metapher entspricht). Systematische Metaphern stif ten Kohärenz und machen uns Phänomene der Welt erklärlicher, wenn wir uns ihre Gemeinsamkeiten anschauen und somit Kom plexitätsreduktion betreiben können.20 Sie entziehen sich jedoch auch einem naiven Wahrheitsrea lismus: Der Satz Die Erde ist eine Kugel mag wahr sein im Kontrast zu Die Erde ist eine Scheibe, doch im wissenschaftlichen Kontext, etwa bei der Flugbahnberechnung von Satelliten, wird ein ge naueres Konzept der Erde verlangt, das die durch die Fliehkraft verursachte Abflachung an den Polkappen und Wölbung am Äquator berücksichtigt, also eben keine Kugel mit konstantem 17 JÄKEL 2 0 0 3 , 2 3 ; Kursivierung im Original. 18 J ä k e l 2 0 0 3 , 28. 18 L a k o f f /Jo h n so n 19 8 0 , 1 0 6 -1 1 4 . 20 L a k o f f /Jo h n so n 19 8 0 , 1 1 5 -1 2 5 . Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache 191 Durchmesser.21 Zum Problem wird dies etwa, wenn die Meta phorik des Konzepts nicht mehr durchschaut und eine Bedeu tung für wörtlich genommen wird, sodass plötzlich zwar nicht empirisch, aber religiös fassbare Entitäten entstehen: Religionen konzeptualisieren z. B. den Kosmos als Baum, Ei oder Tier und den Menschen als Werk eines göttlichen Töpfers.22 ährend im profanen Bereich jemand, der sein Fahrrad als „Draht esel" bezeichnet, kaum auf den Gedanken käme, deshalb stets Wasser und Hafer mitzunehmen, interpretieren Religionsanhänger den Kos mos z. B. als Familie, ohne diese Interpretation überhaupt noch als me taphorisch zu empfinden: Sie halten die Existenz eines Vatergottes für gegeben, weihen ihm Opfergaben und fordern im Rahmen des Gehor sams, der traditionell einem Vater gebührt, die Einhaltung bestimmter Verhaltensnormen.23 Begriffe aus dem Ursprungsbereich Religiosität - um von diesem allgemeinen Referat zur Anwendung auf das Thema überzulei ten - sind jedoch meist bereits abstrakt. Hier wird vielmehr auf beim Rezipienten als bekannt vorausgesetzte Konzepte zurück gegriffen, die genauso abstrakt sein können wie der Zielbereich. In jedem Fall kommt der Metaphorik eine kognitive Erschlie ßungsfunktion zu, die bei der Erklärung komplexer Sachverhalte hilft, indem sie Bekanntes auf Unbekanntes projiziert.24 Dabei kann diese Erklärung immer nur partiell erfolgen, da eine Meta pher laut Fokussierungsthese bestimmte Aspekte des Zielbe reichs hervorhebt und andere ausblendet.25 Religiöse Metaphern fokussieren ganz allgemein auf Sakralität als Gegensatz zur Profanität und stellen einen Vergleich zwischen religiösen und pro fanen Sachverhalten an, wobei dieselben Lexeme als unter schiedliche Metaphern funktionieren können, weil sie auf ver schiedene konkrete Eigenschaften fokussieren. Es werden religi öse Konnotationen ausgelöst, die unterschiedlich rezipiert wer den können. Gebrauchen profane Medientexte religiöse Lexik, zeigt dies, dass Religiosität und religiöse Konzepte auch heute noch in einer sich säkular nennenden Gesellschaft allgegenwär tig sind. 21 L a k o f f/Jo h n so n 1980 , 1 5 9 -1 8 4 . 22 B a y e r 2 0 0 4 ,15f. 23 B a y e r 2 0 0 4 , 50 . 24 J ä k e l 2 0 0 3 , 3 1 -3 3 . 25 J ä k e l 2 0 0 3 , 3 6 -3 9 . 192 T h o m a s R o b a k Für die Domäne der Religion bedeutet dies, dass sie - als eine von vielen wohlbemerkt - unterschiedliche Konzepte bereitstellt und in den Medien auch bei profanen Themen kognitiv voraus gesetzt wird. Religiosität, und zwar aufgrund des kulturellen Er bes v. a. christliche, lässt sich nicht einfach aus der gegenwärti gen deutschen Mediensprache herausdenken, da sie als Allge meinwissen zum Weltwissen gehört. Wieviel konzeptuelles und auch konkretes Wissen vorausgesetzt wird oder werden kann, hängt von sehr vielen Faktoren wie medialem Kontext, Autorin tention oder Medienaneignung ab. Medien können bei einem christlich geprägten Zielpublikum beispielsweise mehr Wissen über zentrale Lehren voraussetzen als bei völlig anderen Kultur kreisen. 3 Qualitative lexikologisch-kulturwissenschaftliche Analyse 3.1 Vorbemerkungen zur religiösen Sprache Um eine Unterscheidung ad 'hoc zwischen religiösen und profa nen Lexemen zu rechtfertigen, ließen sich einige Beispiele an bringen: Religiöse und profane Lexik könnte sich im Idealfall durch ein einzelnes Sem RELIGIÖS unterscheiden, wie es viel leicht bei dem Wortpaar Konfirmation und Jugendweihe der Fall ist: Beides sind soziale Initiationsriten, die in etwa demselben Al ter abgehalten werden und in einigen Teilen Deutschlands ne beneinander existieren. Sieht man von der konkreten Ausfüh rung ab und betrachtet nur die ideelle Bedeutsamkeit und gesell schaftliche Funktion, lässt sich zumindest vorläufig die Konfir mation als christlich-evangelische, also religiöse, und die Ju gendweihe der DDR als staatliche, also profane Zeremonie und Institution beschreiben.26 Ähnlich verhält es sich mit einer Ob late, die nach der Konsekration durch einen katholischen Pastor zu einer Hostie wird; der Ausdruck Hostie hat dieselbe Bedeu tung wie der Ausdruck Oblate, nur dass jenem das Merkmal RE LIGIÖS beigefügt wird, während sich ansonsten am Gegenstand selbst und somit auch an der Bedeutung nichts ändert. Die 26 Interessanterweise ist das Lexem 'Weihe nichtsdestotrotz ein religiöses, auch wenn die Alltagssprache eine Übertragung auf profane Sachver halte („dem Untergang gew eiht") kennt. Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache 193 Beispiele müssen nicht selbst schon in religiösen Kontexten verortet sein: Die vorübergehende Niederlegung innenpolitischer Auseinandersetzungen zugunsten einer geschlossenen Außen politik im Ersten Weltkrieg wird in Frankreich L'Union sacree ge nannt, in Deutschland allerdings Burgfrieden. Doch m. E. hilft hier eine traditionell strukturalistische Sem antik nicht weiter, da Religiosität nicht einfach nur eines von vie len binären Merkmalen vom Lexemen ist, sondern graduell zu beschreiben ist und je nach Kontext vom Sprachrezipienten ak tualisiert wird oder nicht. Hilfreicher mag eine Vorstellung dreier konzentrischer Kreise sein: Explizit bzw. vollständig reli giöse Lexeme im Zentrum, dann implizit bzw. teilweise religiöse Lexeme und dann nicht-religiöse Lexeme, die natürlich dennoch in religiösen Kontexten eine religiöse Bedeutung erhalten kön nen. Zur Veranschaulichung könnte man beispielsweise sagen, dass Gott ein zentral religiöses Lexem ist, während Herr neben einem religiösen auch ein profanes Semem inne hat. Brot dage gen ist kein inhärent religiöses Lexem, kann aber in einem religi ösen Kontext durchaus religiöse Bedeutung bekommen.27 Die Bedeutung von Religiosität in profanen Medientexten ist nicht zu unterschätzen, und selbst wenn man der These der fort schreitenden gesellschaftlichen Säkularisierung zustimmte, wird religiöse Lexik nicht einfach aus profaner Sprache verschwin den. Denn entweder sind aus der Religion stammende Lexeme so konventionalisiert, dass ihre Herkunft nicht jedem Sprachbe nutzer bekannt ist,28 oder man vergleicht mehr oder weniger be wusst profane mit religiösen Sachverhalten und bedient sich da her religiöser kognitiver Konzepte. 3.2 Wirtschaft Das Wirtschaftsressort bietet sich als Paradebeispiel für metaphorologische Untersuchungen an. Die Sprache über Wirtschaft ist durchtränkt von Metaphern, einige Beispiele für nicht-religi öse wären Gebirgstopologe („Talfahrt der Konjunktur"), Medi zin („Ansteckungsgefahr", „kränkelnde Wirtschaft"), Bewegung als Fahrzeug („Vollbremsung"), Personifikation („Unterneh menshochzeiten", „die Märkte ziehen klare Verhältnisse vor").29 27 Vgl. K a e m p fe r t 1974, 68 und D u b e 2004, 57f. 28 KAEMPFERT 1974, 78 nennt dies „sprachliche Säkularisation". 29 B e is p ie le a u s J ä k e l 2003 . 194 T h o m a s R o b a k Hier sehen sich Journalisten mit vielen abstrakten und komple xen Sachverhalten konfrontiert, die sie einfacher oder aus schließlich durch Metaphern ausdrücken können. Explizit religi öse Lexik ist als eine Unterkategorie dieser Metaphern aufzufas sen: Leviathan als Metapher für die „Übermacht des modernen Beamtenstaates"30 oder Steuersünder31. Ökonomie ist wie Politik, Sport oder Popkultur ein System, in dem Ideologien - vergleichbar mit religiösen Weltbildern der sozialen Gruppenbildung und normativen Orientierung die nen.32 Diese These lässt sich vom linguistischen Standpunkt aus z. B. durch den Gebrauch des Lexems Glaube in Wirtschaftstex ten nachweisen: Entweder herrscht ein „Wachtumsglaube"33 o der jemand kann „vom Glauben abfallen"34. Die Gemeinsamkeit liegt in dem Pür-wahr-Halten eines sinnlich nicht wahrnehmba ren und nicht vorhersehbaren Sachverhaltes. Ein Problem in der Ökonomie besteht darin, dass zukünftige Ereignisse und Verläufe nur sehr schwierig vorherzusehen sind. Interessanterweise hat sie dazu Instrumente und Institutionen geschaffen, sodass sie darin der Religion ähnelt.35 Infolgedessen bedienen sich Wirtschaftsjournalisten Lexemen wie „orakeln"36 oder sprechen von „Gesundbeterei"37 bei wenig erfolgverspre chenden Methoden. Diese beiden Beispiele verdeutlichen, dass religiöse Lexik stark abwertend benutzt werden kann. Das bereits erwähnte Beispiel der Personifikation kann auch religiöse Züge annehmen, insofern Abstrakta wie die Wirtschaft oder der Markt analog zu anthropomorphen Göttern und Mäch ten personifiziert werden. Wenn davon die Rede ist, dass man „Märkte beruhigen"38 muss, erinnert diese Konstellation an die religiöse Vorstellung eines Gottes, der mit Opfern besänftigt werden muss. Ein seit der Finanzmarktkrise 2008 wieder in den Fokus des gesellschaftlichen Diskurses gerückter Teilbereich der Wirt schaft, die Börse, muss als zentraler Topos moderner Mythen 30 G r ü s k e /Re c k t e n w a l d 1995 , 376. 31 FAZ 1.8.2011,10. 32 B a y e r 2004, 73f. 33 FAZ 5.8.2011,11. 34 FAZ 5.8.2011,13. 35 Vgl. B ayer 2004,14. 36 W elt 6.8.2011,17. 37 FAZ 5.8.2011,13. 38 W elt 6.8.2011, 9. Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache 195 gelten. Sie versinnbildlicht die Paradoxie (oder besser: Oszilla tion) der modernen Gesellschaft zwischen Rationalität (siehe Ar beitsteilung, Quantifizierbarkeit) und Irrationalität-Affektivität (siehe Hysterie, Euphorie). Die ökonomische Theorie bestätigt dies: Während die neoklassische Finanztheorie vom homo oeconomicus und Ökonomen wie Hayek von einer größtmöglichen Ra tionalität des Marktes ausgehen, stellt die verhaltenspsychologi sche Finanzmarktforschung die affektiven, uninformierten Nachahmungshandlungen in den Fokus. Als Kampf gegen das irrationale Moment in der Finanzwirtschaft ist seit dem 19. Jahr hundert eine zunehmende Institutionalisierung und Professionalisierung zu beobachten, sowohl an Universitäten in der wis senschaftlichen Forschung als auch in der freien Wirtschaft selbst in Form von Investment-Banken und Anlageberatung. Man ver sucht sich vom Bild der Börse als Kasino abzugrenzen. Aber noch viel weiter gehend steht die Börse als Versprechen der de mokratischen Teilhabe an der kapitalistischen Moderne: Es brau che nur financial literacy und schon könne jeder Bürger nicht nur Geld verdienen, sondern Einfluss auf wirtschaftliche Verhält nisse nehmen.39 3.3 Sport In der Domäne des Sports ist sowohl bei Journalisten als auch Fans eine Stilisierung einzelner Personen oder Gruppen auffäl lig, die häufig religiösen Charakter hat; rituelle Fan-Gesänge und Hymnen sind erste Hinweise dafür.40 Der Febenslauf eines Fußballers etwa „klingt <...> wie eine Offenbarung"41, auch wenn er keine „Ikone"42 ist. Beide Beispiele sind religiöse Fexeme, die sowohl in übertragenen Bedeutungen als auch im profanen Kontext gebräuchlich sind. Eine besonders vielseitige Verwendung findet das Fexem Fußballgott, das wie z. B. Schriftstellergott dem produktiven Muster eines Determina tivkompositums bestehend aus einem profanen und einem reli giösen Fexem folgt. Für gewöhnlich referiert es auf besonders er folgreiche Fußballspieler; an anderer Stelle wird es für den 39 L a n g en o h l 2014. 40 B a y e r 2004, 73f. 41 W elt 5.8.2011,18. 42 Ebd . 196 T h o m a s R o b a k Präsidenten des Fußballverbandes FIFA genutzt.43 Hierbei wer den mit der Metapher nur bestimmte Eigenschaften übertragen: Die Personen werden als machtvoll, überdurchschnittlich talen tiert oder begabt und Ziel einer anbetungsähnlichen Handlung gekennzeichnet, jedoch weder als nicht empirisch wahrnehmbar noch als allmächtig. Ein solcher Gebrauch des Lexems Gott ist ziemlich weit ent fernt von der Konzeption eines transzendenten Wesens in den Religionen. Ihr näher steht das Lexem Fußballgott in folgendem Beispiel: „Rudi Assauer schwört dem Fußballgott ab: ,Wenn er gerecht wäre, wäre Schalke Meister geworden.'"44 Hier wird das Bild einer über Sieg und Niederlage im Fußball entscheidenden, göttlichen Instanz gezeichnet, die personifiziert wird und ange sprochen werden kann. Dieser für religiöse Rede charakteristi sche, scheinbare Verstoß gegen die Konversationsmaximen kann auch in profaner Sprache beobachtet werden. Das religiöse Lexem predigen besitzt ebenfalls eine übertra gene Bedeutung, die in profanem Kontext jedoch eher abwer tend gebraucht wird. Dabei wird auf eine Situation abgezielt, die der eines Pastors vor seiner Gemeinde ähnelt. Im vorliegenden Beispiel45 wird sie auf den Trainer einer Fußballmannschaft pro jiziert. Ebenso werden Vergleiche mit anderen religiösen Hand lungen aufgestellt, z .B . wenn Leute ein Autorennen miterleben wollen, dann heißt es, sie „pilgerten zum Rennen"46; ähnlich ver hält es sich mit dem teil-religiösen Lexem „Sendungsbewusst sein"47. So wie Roland Barthes den Citroen DS bezeichnet John Bale das Fußballstadion als modernes Äquivalent der gotischen Ka thedralen; in den Flutlichtmasten etwa erkennt er Kirchtürme.48 Fußball verkörpert bestimmte Werte recht eindeutig (Jugend lichkeit, Männlichkeit, Fitness), andere wiederum mehrdeutig (Kooperation innerhalb der eigenen Gruppe, aber Konkurrenz gegebenüber der fremden Gruppe; dennoch im Rahmen eines geregelten Spieles, d. h. soll im weiteren Sinne der Völkerver ständigung dienen). Dabei ist dieser Sport sowohl Spiegelbild 43 W e lt 2 5 .7 .2 0 1 1 . 44 W e lt 19 .5 .2 0 1 1 . 45 F A Z 1 .8 .2 0 1 1 ,1 8 . 46 F A Z 1 .8 .2 0 1 1 , 22. 47 F A Z 1 .8 .2 0 1 1 ,1 7 . 48 M a r s c h ik 2014 . Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache 197 der Gesellschaft als auch eigenständiger Produzent dieser und anderer Werte. Das einzelne Spiel (je größer und wirkmächtiger die Teams, desto mehr) unterliegt einer strikten Ritualisierung und Inszenierung einer quasisakralen Erlebnisqualität beim Zu schauen vor Ort sowie der medialen Rezeption. Auch begegnet hier wieder eine Art Rationalitäts- oder genauer: Quantifizierbarkeitskult, denn Spielanalysen und Statistiken gerade im digi talen Zeitalter mit seinen nie dagewesenen technischen Möglich keiten behaupten eine universale Messbarkeit jedes Moments ei nes Fußballspieles.49 Aber nicht nur die Fußballtheorie, sondern auch die empiri sche Wirklichkeit ist ein produktiver Ansatzpunkt. Einzelne Spiele oder Ereignisse werden zum Mythos und müssen immer wieder für Vergleiche herhalten: das Wembley-Tor 1966 etwa o der Diego Maradonas eigentlich irreguläres, aber gezähltes Tor 1986 mit der „Hand Gottes" oder die Niederlage Bayern Mün chens gegen Manchester United 1999, als sie in den letzten Spiel minuten die Führung durch zwei schnelle Gegentreffer hinterei nander und somit das Spiel verloren. Dazu gehören auch Spiele, die vor dem Hintergrund des zeitpolitischen Geschehens im kol lektiven Gedächtnis geblieben sind: allen voran das so genannte Wunder von Bern 1954, das mit dem Auftakt des so genannten Wirtschaftswunders in Verbindung gebracht worden ist, oder die so genannte Schande von Cordoba 1978, eine unerwartete Niederlage Deutschlands gegen Österreich. Dies widerlegt übri gens - ebenso wie die Gegenwart von Politikern bei wichtigen Spielen - den Mythos des unpolitischen Fußballsports. Be stimmte mythisch-religiös anmutende Praktiken können eine ausschlaggebende Wirkmächtigkeit entfalten: etwa Englands Schwäche im Elfmeterschießen oder die so genannte Rapidvier telstunde - Fans von Rapid Wien klatschen seit 1911 die letzten 15 Minuten eines Spiels an, die oftmals spielentscheidend waren; zudem bezeichnen sie sich sogar selbst als Religion und ihr Hei matstadion als „Sankt Hanappi" nach dem Architekten und Fuß baller; dennoch wurde die Rapidviertelstunde als immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO abgelehnt.50 Vielleicht lassen sich diese beiden Phänomene als selbsterfüllende Prophezeiung psy chologisch erklären. 44 M a r s c h ik 2014 . 50 E b d . 198 T h o m a s R o b a k 4 Medien und moderne Mythenbildung Medien spielen eine unerlässliche Rolle bei der Schöpfung mo derner Mythen. Die Omnipräsenz von Medieninhalten in Form von Journalismus, Werbung und Kommunikation über soziale Netzwerke führt zu einer Intensivierung und Verinnerlichung der Inhalte, die in der Menschheitsgeschichte erstmalig sind: „Das, was wir über die Welt und Umwelt wissen, wissen wir aus den Medien." Dieses Zitat gilt heute noch viel mehr als 1922 aus dem Mund des Journalisten Walter Lippmann.51 Globalisierung realisiert sich per Medialisierung. Schlussendlich ist eine wir kungsmächtige Stellung der Medien als vierte Gewalt im Staate die Voraussetzung für eines der demokratischen Grundprinzi pien, den Meinungspluralismus. Der moderne Mythos nimmt eine Doppelfunktion ein: Er bil det vorherrschende Meinungen im Volk ab (Repräsentation) und bringt selber Meinungen im Volk unter der Einflussnahme poli tischer und wirtschaftlicher Akteure hervor (Manipulation). An unseren Mythen lesen wir also unsere kulturellen Werte und Normen ab, um sie bestenfalls kritisch zu reflektieren und in po litisches Handeln umzusetzen. Diese hermeneutische Leistung ist alles andere als unkompliziert, sondern als eine gesamtgesell schaftliche Aufgabe im Diskurs zu bewältigen.52 In einem sol chen Diskurs stecken wir momentan wieder seit dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo. Es gehe laut einigen Kommentatoren um nichts weniger als die Behauptung eines der wichtigsten Werte der so genannten westlichen Zivili sation, der Meinungs- und Pressefreiheit, angesichts einer als Be drohung empfundenen Konsequenz der Globalisierung, näm lich der Möglichkeit islamistischer Terroranschläge in Europa. Hierbei spielen viele ideologische Versatzstücke eine Rolle, die ich als Mythen zu hinterfragen versucht bin: erstens der prokla mierte Kampf der Kulturen zwischen der westlich-freiheitlichen, säkularen und der nahöstlichen religiösen, obwohl die Politik im Westen sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene durchdrungen ist von religiösen Elementen53; zweitens über haupt die Homogenität der westlichen Gesellschaft und die Spannung zwischen Faktizität und Geltung hinsichtlich der 51 V g l. Pr o m m e r 2014 . 52 Ebd. 53 V g l. A u g s t e in 2 0 1 5 u n d L a t o u r 2015 . Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache 199 Pressefreiheit angesichts z .B . rechtspopulistischer Positionen, aber auch die Homogenität einer nahöstlich-islamischen Gesell schaft; drittens die ständige Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus in Europa angesichts der faktischen Todesopferzah len durch z. B. Autounfälle oder Krankenhauskeime. Mich interessiert nun allerdings nur die Stilisierung dieses Ereignisses in den Medien zu einem „französischen Nineeleven"54. Die Anschläge auf das World Trade Center von 2001 kön nen wohl ohne weitere Rechtfertigung als Metapher und moder ner Mythos aufgefasst werden: Die weltweite Rezeption dieses Ereignisses ist einmalig, kaum einem mit der globalen Kommu nikation vernetzten Menschen auf der Welt sollte es entgangen sein. Allein die Nennung bestimmter Ausdrücke, die als Namen geprägt worden sind (Nineeleven, elfter September, World Trade Center), oder die Ikonografie (etwa die Fotos der brennen den Hochhäuser oder vom so genannten falling man, der den Sturz aus dem Fenster dem Feuer vorgezogen hat) lösen vielfäl tige Assoziationen aus. Auch die große Zahl an Verschwörungs theorien hat zur Mythisierung beigetragen.55 Aber vom objekti ven Standpunkt aus spricht einiges gegen die Konzeptualisierung CHARLIE HEBDO IST NINEELEVEN: Fast 3000 Tote des World Trade Center stehen weniger als 20 Toten in Paris gegen über. Die Organisation und Durchführung des Anschlag in den USA war um ein Vielfaches komplexer und aufwändiger. Die Symbolik der Angriffsziele ist zudem unterschiedlich: zum einen kapitalistischer Freihandel, zum anderen satirischer Journalis mus, obwohl sich beides freilich unter den einen Mythos der westlichen Werte fassen lässt. Die Funktion einer solchen Stilisierung ist sehr wirkungsvoll: Der Mythos vom Kampf der Kulturen oder Kampf gegen den Terror bekommt eine neue Etappe in seinem Narrativ seit dem 11. September 2001. Assoziationen des damaligen einschneiden den Erlebnisses (solidarische Trauer, Rachegefühle, historischer Moment) werden auf den 7. Januar übertragen, sodass gesell schaftliche und mediale Rituale wiederholt worden sind und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum kommenden Jahrestag am 7. Januar 2016 wiederholt werden. Weitere Folgen für die französische Innen- und Außenpolitik sind noch nicht ab sehbar; die spontanen Solidaritätskundgebungen in weiten 54 Vgl. The Independent 9.1.2015 (URL 2) und CNN 11.1.2015 (URL 3). 55 S e il e r 2015 . 200 T h o m a s R o b a k Teilen der Welt mit dem Slogan „Je suis Charlie" hatten jeden falls auf der rein formalen Ebene einen religiösen Charakter, der im Unterschied zu Nineeleven auch wegen der unmittelbaren Relevanz des Themas Religion sehr nahe liegt, und zwar auf der inhaltlichen Ebene, weil dem Satiremagazin die Verletzung reli giöser Gefühle vorgeworfen wird. Die Verzahnung von Religion und Politik und die Rolle der Medien bei der Erzeugung neuer moderner Mythen wird hier besonders deutlich. 5 Zusammenfassung, Schlussfolgerungen, Diskussionspunkte Abschließend möchte ich an die Eindrücklichkeit der Beispiele appellieren: Sie zeigen die tiefe Sedimentierung religiöser und mythischer Konzepte in unserer profanen Gegenwartssprache, die sich ganz wesentlich in der Mediensprache manifestiert. Die Zahl der Beispiele ließe sich problemlos durch quantitative Un tersuchungen erhöhen. Die Kognitive Metapherntheorie von Lakoff und Johnson erklärt diese Phänomene als ganz normale, omnipräsente kognitive Prozesse des Verstehens und Erlebens: Eine als bekannt vorauszusetzende Domäne wird auf eine an dere unbekannte oder abstraktere projiziert, sodass Eigenschaf ten der ersten als Eigenschaften der zweiten verstanden und er fahren werden können. Die ständige Bewegung von Geld zwi schen verschiedenen Besitzern in Form von Transaktionen bei spielsweise kann mit der Flüssigkeitsmetapher vereinfachend konzeptualisiert werden: Geld fließt von einem Ort zum ande ren; eine Person ist flüssig oder liquide. Wenn religiöse oder mythische Lexik verwendet wird, dann überträgt dies entsprechende Eigenschaften wie den erkenntnis theoretischen Status von Glaubenspostulaten oder einen wider vernünftigen Fanatismus auf profane gesellschaftliche Phäno mene. Die Börse postuliert ein aus sich selbst heraus tätiges We sen wie den Markt und handelt mit immateriellen Werten. Der Fußball schafft als Religionsersatz sehr intensiv erfahrene Grup penidentitäten und stilisiert einzelne Akteure zu Helden oder Heiligen. Ein Mordanschlag auf exponierte Satiriker wird als islamistisch-terroristischer Angriff auf den Wert der Meinungs freiheit verstanden und analog zu Nineeleven als traumatisches Erlebnis einer personifizierten Nation gedeutet, um in letzter Gebrauch religiöser Metaphern in profaner Mediensprache 201 Konsequenz einen Kampf gegen den (islamistischen) Terror zu rechtfertigen. Was genau bringt diese Beschreibung und was folgt aus ihr? Sie ist freilich nur ein Angebot unter vielen; doch ihr Vorteil ist, dass sie bereits vorhandene und wissenschaftlich untersuchte kulturelle Phänomene, nämlich solche der Religion, nutzt, um neuartige und in den Augen vieler erklärungsbedürftige kultu relle Phänomene wie terroristische Anschläge zu beleuchten. Kritisiert man die Prämisse unserer modernen säkularen Gesell schaft und begreift sie stattdessen als eine von religiösen und mythischen Elementen durchtränkte, achtet also anthropolo gisch eher auf die Kontinuitäten als auf die Brüche, erscheinen einige Phänomene etwas weniger erklärungsbedürftig. Denn der Mensch war wohl immer ein religiöser und bedarf offenbar der Mythen; eine kulturwissenschaftliche Betrachtung der Sprache scheint dies zu offenbaren. Doch sicherlich müssen die hiesigen Ausführungen bei einem Erklärungsangebot verbleiben, das von anderen ergänzt, korrigiert und widerlegt werden kann, darf und soll. Und wie mein Beitrag mit einem Pressetext startete, so soll er auch enden, und zwar mit den Worten Jakob Augsteins, nur wenige Tage nach dem Charlie-Hebdo-Anschlag: Der Anschlag von Paris war kein „Angriff auf den W esten". W enn der W esten die Ursachen des Terrors in der Religion sucht und nicht in der Politik, wird er den Terror nie besiegen können. Und schließlich: Es gibt diesen Gegner nicht, den wir zu sehen glauben - wir erzeugen uns den „Islam ", vor dem wir uns fürchten, selbst.56 Literaturverzeichnis Primärliteratur Die Welt (Ausgaben von: 19.5.2011, 25.7.2011, 5.8.2011, 6.8.2011). Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgaben von: 1.8.2011,5.8.2011). URL 1 = http://www.titanic-magazin.de/news/so-gewinnt-diepolitik-das-vertrauen-der-maerkte-4561 (o. A.: „So gewinnt die Politik das Vertrauen der Märkte"; abgerufen am 1.10.2015). 56 A u g s t e in 2 015 . 202 T h o m a s R o b a k URL 2 = http://www.independent.co.uk/voices/comment/charlie-hebdo-after-france-s-911-this-land-will-never-be-thesame-again-9969165.html (John Lichfield: „Charlie Hebdo: After France's 9/11, this land will never be the same again", in: The Independent 9.1.2015; abgerufen am 1.10.2015). URL 3 = http://edition.cnn.com/videos/world/2015/01/ll/newday-million-marchers-join-paris-unity-rally-suzan-cook.cnn (o. A.: „Is the Charlie Hebdo attack France's 9/11?"; abgeru fen am 1.10.2015). Sekundärliteratur A u g s t e in , J a k o b 2015, „Das Islam-Missverständnis", in: Spiegel Online (15.1.2015), unter http://www.spiegel.de/politik/ausland/jakob-augstein-ueber-anschlaege-in-paris-und-unserverhaeltnis-zum-terror-a-1013013.html (abgerufen am 1.10.2015). B a r t h e s , R o l a n d 1 9 6 4 , Mythen des Alltags, F r a n k fu r t a m M a in . B a y e r , K l a u s 2004, Religiöse Sprache. Thesen zur Einführung, Münster. D u b e , C h r is t ia n 2 0 0 4 , Religiöse Sprache in Reden A dolf Hitlers, Norderstedt. G r ü s k e , K a r l -D ie t e r /Re c k t e n w a l d , H o r s t C l a u s 1 9 9 5 , Wörter buch der Wirtschaft, Stuttgart. Ja m m e , C h r is t o p h 2011, „Mythos", in: Petra Kolmer/Armin G. Wildfeuer (Hrsg.), Neues Wörterbuch philosophischer Grundbe griffe 2, Freiburg im Breisgau, 1552-1559. J ä k e l , O l a f 2003, Wie Metaphern Wissen schaffen, Hamburg. 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References

Zusammenfassung

Weltentstehungen, Götter und Heroen – unter dem Begriff ‚Mythos‘ verstehen wir heutzutage verschiedene Dinge. Mit ihm verbinden wir sowohl Erzählungen über das Werden und Vergehen urzeitlicher Welten als auch Geschichten über alltägliche Ereignisse und Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart. Obwohl ‚Mythos‘ seit Jahrhunderten als ein zentrales Konzept in kultur- und literaturtheoretischen wie auch philosophischen Diskursen fungiert, ist die semantische Vielfalt des Begriffes erst seit wenigen Jahrzehnten in den Debatten der Geisteswissenschaften präsent. Der Mythos – ein Mythos?

Der vorliegende Sammelband widmet sich dem Mythos in interdisziplinärer Perspektive. Dabei problematisieren die Autor*innen das Mythische epochenübergreifend in all seinen Facetten, indem sie grundlegende Fragen stellen: Was bezeichnen wir als ‚Mythos‘? Wozu benötigen wir Mythen? In welcher Beziehung stehen sie zu unserer Lebenswelt? Und: Gibt es eine Zeit ohne Mythos?