Content

Nazim Diehl, Kampf um, durch und mit Symbolen. Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP in:

Kristin Rudersdorf, Saskia Schomber, Florian Sommerkorn (Ed.)

Der Mythos vom Mythos, page 139 - 160

Interdisziplinäre Perspektiven auf das Mythische in Künsten und Wissenschaften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4108-6, ISBN online: 978-3-8288-7067-3, https://doi.org/10.5771/9783828870673-139

Series: Beiträge des Gießener Studierendenkolloquiums, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Kampf um, durch und mit Symbolen. Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP N a z im D ie h l (G ie ß e n ) 1 Einleitung Zwei zentrale Ereignisse im Jahr 1928 führten zum Anstieg der Kontakt- und Berührungspunkte der SPD, KPD und der NSDAP auf Reichsebene, die die Forcierung und Verschärfung der Wahl werbung maßgeblich beeinflussten:1 Ernst Thälmanns Entschei dung, den Ausbruch der Wirtschaftskrise 1928 zum Anlass für die Radikalisierung des Parteikurses der KPD zu nehmen, und der erdrutschartige Wahlerfolg der NSDAP von 107 Sitzen im Reichstag, der eine veränderte Parteienlandschaft im Deutschen Reich hinterließ.2 Die daraus resultierende Polarisierung des Wahlkampfes schlug sich auf den Wahlplakaten nieder. In den Wahlkämpfen genossen aus propagandistischen Gründen Bild-Text-Wahlplakate3 eine enorme parteiübergreifende Beliebtheit. Diese bestanden aus großen Abbildungen, die mit Schlagwörtern sowie Parolen unterfüttert wurden. Solche Plakate waren für den Wahlkampf auf der Straße und somit für ein heterogenes Publikum konzipiert, dem die zentralen Werbe inhalte in Sekundenschnelle übermittelt werden sollte.4 Dies for derte die Plakatkünstler und Parteien zur eindeutigen Kommu nikation von Werbebotschaften durch bekannte oder eindeutige Symbole auf. So stützten sich alle drei Parteien bei der bildlichen Gestaltung ihrer Plakate auf die damals bereits etablierte 1 JANUSCH 19 8 9 , 81 . 2 G r a f 2 0 0 8 , 314. 3 Kämpfer teilt in fünf formale Plakattypen ein: Ein reines Schriftplakat (1), ein Schriftplakat, das durch zusätzliche Zeichen und Elemente ge staltet wurde (2), das Bildplakat, das lediglich aus einem Bild besteht (3), das narrative Bildplakat, das aus mindestens zwei Bildeinheiten be steht und das Bild-Text-Plakat, auf dem sich Schrift und Text gegensei tig durchdringen und ergänzen (KÄMPFER 1 9 8 5 , 4 8 -7 8 ) . Einfachheits halber wird fortlaufend nur noch von „Plakaten" gesprochen, obgleich sich dieser Artikel ausschließlich mit Bild-Text-W ahlplakaten beschäf tigt. 4 K ä m p f e r 19 8 5 , 53. 140 N a z i m D ie h l Ikonografie der Arbeiterbewegung, woraus schließlich ein Kampf um, durch und mit (ähnlichen) Symbolen resultierte. Doch wie stellten sich die Parteien unter Hinzuziehung ähn licher oder gleicher Symbole und Motive auf ihren Plakaten dar und wie versuchten sie sich voneinander abzugrenzen?5 Diese Fragen sollen durch eine quantitative ikonografische-ikonologische Symbol- und Motivanalyse untersucht werden.6 So bilden die jeweiligen Parteisymbole und Repräsentanten sowie ihre grafischen Umsetzungen den Untersuchungsgegenstand der Selbstdarstellung, wohingegen die Analyse der Fremddarstel lung durch die Auswertung der auf den Plakaten abgebildeten negativen Figuren erfolgt.7 Dies mündet abschließend in die kri tische Reflektion des politischen Mythos der vermeintlich über legenen NS-Wahlwerbung und dessen Verbindung zu den nati onalsozialistischen Wahlplakaten der 1930er Jahre: Zahlreiche NS-Autoren interpretierten den Siegeszug der NSDAP als Resultat ihrer vermeintlich überlegenen Wahlwer bung.8 Diese zeitgenössische Bewertung ist wenig verwunder lich, weil sie sich mit dem NS-Verständnis eines sozialdarwinistischen Kampfes um die (politische) Macht im Staat und mit der NS-Mythologisierung der sogenannten Machtergreifung deckte, an deren Ende sich die überlegene Partei durchgesetzt habe.9 Von dieser zeitgenössischen primär nationalsozialistischen 5 Aus der historischen Stereotypen-Forschung ist die Selbst- und Fremdwahrnehmung im Kontext von Auto- und Heterostereotype be kannt. Da Parteien die W ahlplakate jedoch bewusst zu propagandisti schen Zwecken einsetzten, lässt sich diese bildliche Inszenierung eher als Selbst- und Fremd-Darstellung der eigenen und fremden Parteien definieren (H a h n 2007, 15ff.). 6 Dafür wird der historische Kontext der Plakatentstehung hinzugezo gen, ihr symbolischer Gehalt quantifiziert sowie die dadurch kommu nizierten Einstellungen und W erte historisierend hinterfragt. 7 Diese vergleichende Symbol- und M otivanalyse ist möglich, da die NSDAP auch noch nach ihrer Abkehr von den Arbeitern als Hauptziel gruppe seit 1928 weiterhin mit der Ikonografie der Arbeiterbewegung sowie mit den Themen Sozialismus und Antikapitalismus warb ( S t a c h u r a 1978, 66ff.). 8 M e d e b a c h 1 9 4 1 ; B a l i s t i e r 1996,31. 8 Medebach untersucht in seiner Dissertation 1941 ebenfalls die W ahl plakatwerbung der SPD, KPD und NSDAP und kommt - wie auch zeit genössische Autoren - zu dem Schluss, dass die NSDAP gegenüber den anderen Parteien über eine überlegene Wahlpropaganda verfüge (M e d e b a c h 1941). Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 141 Interpretation in den Quellen scheinbar beeinflusst, übernehmen einige Autoren10 dieses Geschichtsbild und tradieren es als poli tischen Mythos so (ungewollt) bis an die Jahrtausendwende.11 In diesem Aufsatz wird der politische Mythos als eine sinn stiftende Erzählung der Vergangenheit bzw. ein „stereotypisier tes, verfestigtes Geschichtsbild"12 verstanden, das sich auf eine „politische Gemeinschaft bezieht und ihre Entwicklung und ihr Wesen definiert."13 Folglich kann das Erklärungsmuster der ver meintlich überlegenen NS-Wahlwerbung als politischer Mythos klassifiziert werden, weil es - wie jeder politische Mythos - zur Erklärung gesellschaftlicher Probleme und Entwicklungen be nutzt wird, während die Vergangenheit infolgedessen selektiv und idealisiert abgebildet wird. Dies erfolgt, indem aus einem retrospektiven Blickwinkel der Vergangenheit eine scheinbar plausible monokausale Erklärung aufgedrückt wird, die jedoch die Komplexität der Wahlkämpfe und gleichzeitig verlaufenden historischen Entwicklungen übergeht.14 Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit liegt also darin, durch die Hinterfragung des politischen Mythos der überlegenen NSDAP-Wahlplakatwerbung, die Selbst- und Fremddarstellung der NSDAP, SPD und der KPD trilateral quantifiziert zu verglei chen. Des Weiteren soll durch den Einbezug der französischen Section frangaise de l'Internationale ouvriere (SFIO) die Intensität der deutschen Selbst- und Fremddarstellung in einen überregio nalen Kontext eingeordnet werden. Die SFIO eignet sich dafür nicht nur, weil sie ebenfalls die Ikonografie der Arbeiterbewe gung verwendete, sondern auch weil die SFIO der SPD und ihrer Politik große Aufmerksamkeit schenkte.15 10 Zu diesen Autoren gehören u. a. P a u l 1 9 9 0 , 12 ; W e s t p h a l 2 0 0 2 ; G r ie s / Id g e n / S c h in d e lb e c k 1995 , 45 ff. 11 B a l is t ie r 1996 , 31 ; B e h r e n b e c k 1996 ; K ä m p f e r 1 9 9 7 ,1 3 5 . 12 H e in -K ir c h e r 2 0 1 3 , 33 . 13 E b d . 33f. 14 H e in -K ir c h e r 2 0 0 8 ,4 2 4 . 15 W i n k l e r 19 9 9 , 16. Die SFIO wurde beispielsweise 19 0 5 nach dem Vor bild der SPD in Frankreich gegründet und zwischen den beiden Par teien bestanden auch nach 192 8 noch mannigfaltige Kontakte (ALBERt i n i 1961 , 58 6 ). Ferner besaßen beide Parteien eine vergleichbare Posi tion im jeweiligen nationalen Parteienspektrum (NERI-ULTSCH 2 0 0 5 , 2). Es ergeben sich aber auch Unterschiede zwischen den beiden Parteien und Gemeinsamkeiten zwischen der SFIO und der KPD wie beispiels weise das Selbstverständnis der SFIO, eine Oppositionspartei zu sein (vgl. W i n k l e r 1 9 9 9 ,1 4 ; A l b e r t i n i 1 9 6 1 , 58 9 ). Diese Parallelen zur SPD 142 N a z i m D ie h l Der Analysezeitraum beginnt 1928, da die NSDAP auf Reichsebene zuvor nur eine marginale Rolle gespielt hat und der trilaterale Vergleich ansonsten ein ungleichmäßiges Parteienver hältnis beinhalten würde. Das Ende des Untersuchungszeit raums bildet das Jahr 1932, da die KPD 1933 verboten wurde und somit einer der verglichenen Parteien die Möglichkeit verwehrt wurde, Wahlplakate einzusetzen.16 Das für die vergleichende Analyse herangezogene Quellen korpus besteht zum Großteil aus Affichen aus den drei größten deutschen Plakatsammlungen der Zwischenkriegszeit und ein schlägigen Ausstellungskatalogen.17 Folglich erhebt diese Unter suchung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, obgleich die Größe der Fallzahl18 die grundsätzlichen Unterschiede der Selbst- und Fremddarstellung in den kommunalen sowie reichs weiten Wahlkämpfen zu skizzieren verspricht. Aufgrund des Fokus auf die Symbol- und Motivanalyse stehen weniger die Pla katschaffenden im Zentrum, sondern vielmehr geht es um die Herausarbeitung der strukturellen Unterschiede der bildlichen Wahlplakatwerbung der drei Parteien. 2 Nationalsozialistische Symboladaption Die NSDAP brachte keine neuartigen Symbole hervor, sondern griff auf den zeitgenössischen und gesellschaftlich verbreiteten Kulturspeicher zu, indem sie bekannte Stile, Motive und Vorstel lungen nachahmte, geringfügig abänderte, neu definierte und aber auch zur KPD lassen den Einbezug der SFIO zur Bewertung der deutschen W ahlplakatwerbung in diese vergleichende Analyse ge winnbringend erscheinen. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede be züglich W ähler- und M itgliederstruktur, Parteiorganisation und Par teizielen wurden von folgenden Autoren näher ausgeführt: NEUMANN 1986, 107f.; N e r i-U l t s c h 2005, 50ff. Für genaue M itgliederzahlen der SFIO oder einen Überblick über die französischen Parteien vgl. ALBERt in i 1961, 586ff. 16 Die Reichspräsidentschaftswahl 1932 wurde aus der Untersuchung ausgeklammert, weil die SPD bei diesem Wahlgang durch die Koope ration mit Hindenburg nicht dazu in der Lage war, ihre gängigen Sym bole und Motive abzubilden, was wiederum die Verfälschung der Er gebnisse zur Folge hätte. 17 Für genaue Angaben vgl. das Quellenverzeichnis dieses Aufsatzes. 18 Es handelt sich um insgesamt 245 Bild-Text-W ahlplakate der Jahre 1928-1932. Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 143 daraus die nationalsozialistische Symbolsprache erschuf. Mit der Absicht, sich u. a. als sozialistische und antikapitalistische Partei zu profilieren, adaptierte sie insbesondere die Ikonographie der Arbeiterbewegung, um den Kampf der Sozialdemokraten und Kommunisten gegen das Großkapital in einen Kampf gegen die linken Parteien umzuwandeln.19 So bediente sich die NSDAP der traditionellen Argumente und der etablierten Bildsprache der KPD, um die SPD zu denunzieren: Die Sozialdemokraten hätten die Arbeiterbewegung verraten und an die Kapitalisten ver kauft, Schuld an Not und Elend seien demnach die Sozialdemo kraten. Des Weiteren übernahm die NSDAP die bildliche Kritik am Kommunismus von den bürgerlichen Parteien, Freikorps und insbesondere von der SPD: Die Kommunisten bringen Un heil, Terror und Chaos über das Deutsche Reich und seien somit verantwortlich für die gegenwärtige Situation Deutschlands ge wesen.20 Sie kopierte beispielsweise die von der SPD und der KPD gemeinsam benutzte Figur des Arbeiter-Riesens, der einen übergroßen Arbeiter von athletischer Statur darstellte und die Gesamtheit aller Arbeiter und ihre Stärke repräsentierte.21 Der NS-Plakatgestalter Hans Schweiter (Pseudonym: Mjölnir) verän derte diese Figur so, dass sie im Unterschied zu ihrer Darstellung bei den anderen beiden Parteien mit einem oder mehreren Ha kenkreuzen versehen das Sinnbild eines SA-Mannes repräsentie ren sollte, dessen proletarische Abstammung durch seine blon den Haare und seine blauen Augen zusätzlich „germanisiert" wurde.22 Sogar das Markenzeichen der KPD, die geballte Faust, wurde für propagandistische Zwecke auf den NS-Plakaten abge bildet.23 So verband die NSDAP sowohl konservative Elemente wie beispielsweise das Vorbild der SA als opferbereiter, mutiger und für das Deutschtum kämpfender Märtyrer als auch sozialis tische Elemente auf ihren Wahlplakaten nach 1928.24 Der erd rutschartige Wahlerfolg der NSDAP 1928 sowie ihre Symbol adaption gehen mit einer zunehmenden Konkurrenz um Sym bole zwischen der SPD, KPD und der NSDAP einher, die in der 19 J a n u s c h 19 8 9 , 9 2 ; K ä m p f e r 1997 , 140. 20 H e n n in g 1988 , 215 . 21 J a n u s c h 19 9 8 , 91 . 22 P a u l 2 0 0 9 a , 1 6 1 ff., 427 . 23 P a u l 2 0 0 9 b , 426 . 24 G r a f 2 0 0 8 , 324. 144 N a z i m D ie h l Radikalisierung des Wahlkampfs und der Wahlplakate Aus druck findet. 3 Selbstdarstellung Selbst bei der Konzeption des nationalsozialistischen Parteizei chens orientierte man sich an Symbolen der KPD. So waren die Farben und Beschaffenheit des Hakenkreuzes nicht nur bewusst als Parteisymbol der nationalsozialistischen Bewegung der kom munistischen Internationalen entgegenstellt, sondern knüpften auch an die Kulturgeschichte sowie die zeitgenössische Konnotation verschiedener Farben an25: Das Rot, aus der Arbeiterbewe gung entlehnt, verwies auf Sozialismus und eine klassenlose Ge sellschaft, das Weiß auf den Nationalismus der Bewegung und das Schwarz des Hakenkreuzes auf deren antisemitische Ausprä gung. Zusammengenommen entstand daraus die Farbkombination Schwarz-Weiß-Rot, die Farben der rechten Freikorps.26 In der Frühphase nationalsozialistischer Wahlwerbung ver wendete die NSDAP das Hakenkreuz primär zur Dekoration an Plakaträndern. Im Laufe der Jahre und mit dem wachsenden Be kanntheitsgrad der Partei und des Zeichens rückte das Haken kreuz immer weiter in das Zentrum der Wahlplakatwerbung, bis es letztlich auf den nationalsozialistischen Wahlplakaten der 30er-Jahre übergroß abgedruckt wurde.27 So war es mit einer Er scheinungshäufigkeit von 63%2S signifikant häufiger als die Par teisymbole der SPD und der KPD zu sehen.29 Die KPD warb ebenfalls intensiv mit ihren Parteisymbolen: dem Roten Stern, der die internationale Solidarität der Arbeiter symbolisierte und ihnen sinnbildlich den Weg in eine Welt ohne Klassenunter schiede leitete, sowie mit Hammer und Sichel, die für die Einheit von Bauern und Arbeitern standen. Insgesamt war eines oder beide Symbole auf 29% ihrer Wahlplakate vorzufinden.30 Die 25 P a u l 1990 , 166f. 20 WEIßMANN 1 9 9 1 ,1 3 1 ,1 4 4 . 27 E b d . 166. 28 Auf zahlreichen NS-W ahlplakaten wurde nicht nur ein Hakenkreuz, sondern gleich mehrere abgedruckt. 20 Vgl. Tabelle 1. 30 Die Parteisymbole der KPD traten auf Plakaten nicht nur als eigenstän dige Symbole in Erscheinung, sondern wurden auch als berufsanzei gende W erkzeuge in den Händen der arbeitenden Arbeiter und Bauern Positive Symbole und Motive SPD (100) KPD (73) NSDAP (72) Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 145 Parteisymbol 5 (5%) 21 (29%) 45 (63%) Parteisymbol am Horizont bzw. Himmel 0 (0%)‘ 2 (3%) 9 (13%) Parteifahne 0 (0%) 2 (3%) 12 (17%) Rote Fahne 3 (3%) 13 (18%) 0 (0%) Parteiführer/Autoritätsperson 2 (2%) 4 (5%) 302 (42%) Kampfbund-Angehöriger 0 (0%) 2 (3%) 4 (6%) Menschenmassen/ Ansammlung verschiedener Bevölkerungsschichten 11 (11%) 11 (15%) 9 (13%) Unbedeckter Oberkörper des 8 (8%) 0 (0%) 2 (3%) Arbeiter-Riesen 1 Die SPD bildete die drei Eisernen Pfeile zwar nie am Himmel ab, jedoch zweimal ihre Listenzahl als Utopie anzeigendes Zeichen auf eine der KPD und der NSDAP identische Art und Weise. 2 Davon wurde Hitler 5-mal abgebildet, 15-mal namentlich allein stehend genannt und 10-mal trat sein Name im W ort „Hitler-Bewe gung" auf. Tabelle 1: Symbole und Motive SPD warb seltener mit ihrem Parteisymbol (5%), den drei Eiser nen Pfeilen. Dies hing aber erstens mit ihrem vergleichbar späten Entwurf durch Chakotin 1932 zusammen; zweitens wurde das Parteisymbol als negatives Zeichen in erster Linie zur Bekämp fung des Hakenkreuzes entwickelt; drittens wurden die drei Ei sernen Pfeile aufgrund von Bedenken des SPD-Parteivorstandes noch 1932 nicht durchgängig reichsweit eingesetzt.31 Die im Ver gleich zu den anderen beiden Parteien intensive NS-Symbolwerbung im Wahlkampf zeigte sich ebenfalls in der Häufigkeit der am Himmel bzw. Horizont stehenden Parteisymbole auf NSDAP-Plakaten (13%). So bildete die NSDAP ihr Parteisymbol signifikant häufiger am Himmel bzw. Horizont ab als die SPD abgebildet, sodass sie das eigentliche Parteisymbol nicht repräsentier ten und daher nicht mit in die quantitative Auswertung eingeflossen sind. 31 P a u l 19 9 0 ,178f. 146 N a z i m D ie h l (0%) oder die KPD (3%). Gemäß der Ikonografie der Arbeiterbe wegung stellte die aufgehende oder am Himmel bzw. Horizont stehende Sonne ein Zeichen für die anbrechende oder im Plakat bereits angebrochene Utopie dar.32 Die NSDAP benutzte zwar nicht die rote Fahne, stattdessen aber die Hakenkreuzfahne, die sich aus der roten Fahne und dem Hakenkreuzsymbol zusammensetzte. Gemäß des NS-Ziels der Einigung des „Volkes" und der darauffolgenden nationalen Er neuerung ließen sie ihre Parteifahne von den verschiedenen Fi guren wie beispielsweise Arbeitern oder SA-Männern i.d.R. als Triumph- und Herrschaftszeichen auf rund 17% ihrer Wahlpla kate hoch halten.33 Dabei verwendeten die Nationalsozialisten die Fahne wie auch das Hakenkreuz lediglich auf solchen Wahl plakaten, die positive Ziele formulierten und nicht die gegen wärtige Not und das Elend anklagten. Die Einigung des Proletariats bildete auch eine zentrale kom munistische Parteimaxime, deren Realisierung als Grundvoraus setzung für die nachfolgende Revolution angesehen wurde.34 Dementsprechend wurde die rote Fahne auf 18% der KPD-Plakate verwendet, insbesondere auf solchen Affichen, die die Schlagkraft der Partei präsentierten oder auf der sich die KPD durch das Motiv der Einheitsfront oder des gemeinsamen Mar sches der verschiedenen arbeitenden Schichten (Menschenmas sen) als anhängerstarke Partei darstellte. Vermutlich daher lässt sich die Darstellung des gemeinsamen Kampfes auf KPD-Affichen (15%), der von allen drei Parteien benutzt, jedoch unter schiedlich akzentuiert wurde35, öfter als auf SPD- (11%) oder auf NSDAP-Plakaten (13%) auffinden.36 Ihrer Wähler- und Mitgliederstruktur37 entsprechend berief sich die NSDAP auf Militanz und bildete einen SA-Mann oder 32 T id l 1993 , 242 f. 33 K ä m p f e r 1985 , 109. 34 G r a f 2 0 0 8 , 319. 35 Auf SPD-Plakaten entspricht dieses M otiv i.d.R. Menschenmassen, der Versammlung mehrerer Bevölkerungsgruppen, die sich beispielsweise zur Wahl der SPD versammeln oder in wenigen Fällen Demonstranten unterschiedlicher Schichten zeigt. Auf NSDAP-Plakaten entspricht die ses Motiv in fast allen Fällen Volksversammlungen oder Demonstrati onen. 36 Vgl. Tabelle 1. 37 P a t i n 2014 . Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 147 einen uniformierten Arbeiter auf 6% ihrer Wahlplakate ab.38 Auf KPD-Plakaten hingegen traten dem Rezipienten uniformierte Arbeiter bzw. Rotfrontkämpfer auf lediglich 3% der Wahlplakate entgegen. Den demokratischen und weniger militanten Grund werten der SPD 1928-32 entsprechend wurden Uniformierte ausschließlich in einem negativen Kontext abgebildet. Dement sprechend wiesen die SPD-Plakate, die sich nicht mit den ande ren beiden Parteien auseinandersetzten, eine weniger kämpferi sche Bildsprache auf. Die SPD warb in der direkten Auseinan dersetzung mit den anderen beiden Parteien insbesondere mit ihrer Parteistärke, indem sie auf 8% ihrer Wahlplakate den un bedeckten athletischen Oberkörper eines idealtypischen sozial demokratischen Arbeiter-Riesens zeigte, der am Arbeiten ist o der insbesondere auf den Plakaten der frühen 30er-Jahre nicht selten auf seine politischen Rivalen einschlug, sie wegfegte oder die bereits überwältigten Konkurrenten präsentierte.39 Zweifellos existierten Ähnlichkeiten zwischen der kommu nistischen und nationalsozialistischen Selbstdarstellung, obwohl der Abgleich mit der NSDAP das extreme Ausmaß der national sozialistischen Verherrlichung von Parteisymbolen und Partei autoritäten40 zeigt; denn Hitlers Gesicht, alleinstehender oder in der personalisierten Bezeichnung „Hitler-Bewegung" vorkom mender Name ist auf knapp 42% und das Hakenkreuz auf knapp 63% der NS-Plakate zu sehen.41 4 Fremddarstellung Alle drei Parteien haben für spezifische Bevölkerungsgruppen und ihre politischen Kontrahenten negative Figuren entwickelt oder auf bestehende zurückgegriffen, um die betroffene Gruppe auf diese Weise zu diffamieren. Bei solchen Figuren nahm die jeweilige Kleidung eine zentrale Rolle ein, da erst durch sie in vielen Fällen auf den ersten Blick ersichtlich wurde, welche 38 Neben dem SA-Mann wurde die uniformierte Figur des Frontsoldaten auf drei Plakaten abgebildet, die aber nicht in die Auswertung miteingeflossen ist. 35 Vgl. Tabelle 1. 40 Mit Autoritäten sind im Falle der NSDAP Hitler, im Falle der KPD Thälmann, Stalin oder Lenin und im Falle der SPD die jeweilig amtie renden Parteichefs gemeint. 41 Vgl. Tabelle 1. 148 N a z i m D ie h l Bevölkerungsgruppe die negative Figur repräsentieren sollte, wie beispielsweise das Hakenkreuzsymbol an der Kleidung des „NS-Militaristen", die rote Ballonmütze des „SPD-Bonzen" und die Schiebermütze oder der Rotarmistenhelm des „Rotfrontver brechers".42 Grundsätzlich gleiche Methoden, Argumente und Bilder wurden benutzt, um sich gegenseitig zu denunzieren und die Schuld an der gegenwärtigen Misere zuzuschreiben, doch die Art und Weise der Darstellung sowie die Erscheinungs menge der jeweiligen Figuren unterschied sich voneinander. Es handelte sich also auf den Wahlplakaten um keine real existie renden Personengruppen, sondern um negative karikierte Figu ren, die von den rivalisierenden Parteien verwendet wurden, um die entsprechende Personengruppe zu diffamieren. So wurde die Ballonmütze nicht von SPD-Mitgliedern getragen, aber den noch etablierte sie sich im Laufe der Zeit zahlreicher Diffamie rungen als Symbol der angeblichen sozialdemokratischen Korrumpierung. Im Falle des „Rotfrontverbrechers" und des „NS- Militaristen" knüpften die bildlichen Inszenierungen der negati ven Figuren rivalisierender Parteien stärker an die Lebenswelten der Zeitgenossen an: Für Zeitgenossen ist beispielsweise der „Rotfrontverbrecher" durch das Parteisymbol Hammer und Si chel oder den Rotarmistenhelm eindeutig zur KPD zuordenbar gewesen ist. Die negative Figur des „NS-Militaristen" basierte auf dem SA-Mann und ähnelte seinem Bezugsobjekt von allen drei negativen Figuren am meisten, da er oft in einer SA-Uniform oder vereinzelt in einer mit Hakenkreuzen bestückten Militär uniform abgebildet wurde. Die SPD bot durch ihre bis 1930 regelmäßige Regierungsbe teiligung und aufgrund des Mythos der Dolchstoßlegende sowie der Beschuldigung des Arbeiterverrates seit 1919 nicht nur die größten propagandistischen Angriffsflächen für die KPD und die NSDAP, sondern litt zeitgleich - als anhängerstärkste der drei Parteien - auf Reichsebene ab 1928 an kontinuierlichem Wählerschwund. Ihre Wähler wanderten vermehrt zur extremen Linken oder Rechten ab. Daher war es sowohl für die KPD als auch für die NSDAP aussichtsvoll, den Sozialdemokraten als ih ren Kontrahenten auf den Wahlplakaten eine verhältnismäßig hohe Aufmerksamkeit zu schenken. Die Figur des „NS-Militaristen" oder die Karikierung von Hitler nahmen sowohl auf den Wahlplakaten der KPD als auch 42 P r o s s 1 9 7 4 ,4 0 . Negative Figuren SPD (100) KPD (73) NSDAP (72) Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 149 „NS-M ilitarist" 15 (15%) 10 (14%) 0 (0%) Adolf Hitler 6 (6%) 1 (1%) 0 (0%) „Rotfrontverbrecher" 8 (8%) 0 (0%) 4 (6%) „SPD-Bonze" 0 (0%) 7 (10%) 13 (18%) Kapitalist 5 (5%) 12 (16%) 11 (15%) Militarist 4 (4%) 5 (7%) 0 (0%) Junker 3 (3%) 3 (4%) 0 (0%) Geistlicher 2 (2%) 4 (5%) 0 (0%) Jude/"jüdische" 0 (0%) 0 (0%) 9 (12%) Attribute Tabelle 2: Negative Figuren der SPD einen hohen Stellenwert ein, sodass sie gemeinsam auf knapp 15% der KPD-Plakaten und 21% der SPD-Plakaten die Nationalsozialisten diffamierten. Die SPD (8%) und die NSDAP (6%) bildeten die Figur des „Rotfrontverbrechers" hingegen sig nifikant seltener auf ihren Wahlplakate ab.43 Ferner ist im Kon text der negativen Figur des „Rotfrontverbrechers" anzumerken, dass dieser nur selten alleine abgebildet und stattdessen jeweils einem politischen Gegner zur Seite gestellt wurde, um diesen durch seinen vermeintlich zwielichtigen Komplizen zu denun zieren. Genauso handhabten es die Nationalsozialisten auch mit der negativen Figur des Juden, indem für sie alles Volksfremde als „jüdisch" galt und somit u. a. auch der Kommunismus eine Entität des Judentums darstellte.44 Auf vielen NSDAP-Plakaten wurden nicht nur die 1928 gän gige Variante der negativen Figuren verwendet, sondern ihre vermeintlichen Interessen wurden noch optisch expliziert, 43 Vgl. Tabelle 2. 44 S c h la g e n d h a u f f e n - M a i k a 2009, 298. Diese Verteuflung des „Juden" lässt sich bereits sowohl in den frühen Schriften und Reden Goebbels als auch Hitlers wiederfinden (BUCHBENDER 1989, S. 19). Letztlich war der Antisemitismus ein zentrales Bindeglied der verschiedenen Strö mungen innerhalb der NSDAP, das neben Nationalismus ihren Mas senparteicharakter erst ermöglichte ( K i t t e l 2000, 600). 150 N a z i m D ie h l indem sie entweder als zusätzlich dick, entstellt, „jüdisch"45 (12%) oder überaus gefährlich dargestellt wurden. Die national sozialistische Version der Figur des „SPD-Bonzen" war bei spielsweise entweder selbst Jude, erkennbar an seiner „jüdi schen" Physiognomie und/oder dem Geld unter seiner Ballon mütze, oder hinter ihm stand ein „jüdischer" Kapitalist, der ihm etwas ins Ohr flüsterte und ihn somit lenkte.46 Den „Rotfrontver brecher" stellte die NSDAP abgemagert dar und gab ihm entwe der eine Brandfackel, einen Dolch oder ein anderes Zeichen für Tücke, Gefahr und Chaos in die Hand, dass sich auf den SPD- Wahlplakaten nur vergleichsweise selten auffinden lässt.47 Auch wenn sich auf den NSDAP-Plakaten durch die Vereinheitlichung von verschiedenen Feindbildern besonders drastische Negativfi guren auffinden lassen, so blieb die Kernbotschaft bei allen drei Parteien dennoch die gleiche: Den gegnerischen Parteien wurde unterstellt, den Arbeiter zu hintergehen und sich als Helfer der Kapitalisten auf seine Kosten zu bereichern.48 Die KPD und die SPD ähnelten sich darin, dass sie auf die Abbildung von Juden auf ihren Wahlplakaten gänzlich verzich teten (0%) und nur in vereinzelten Fällen die stigmatisierten ne gativen Figuren („Rotfrontverbrecher" und „SPD-Bonze") ande rer Parteien in einem mit der NSDAP vergleichbar hohem Maße entstellt abbildeten. Auf den Wahlplakaten der KPD ist nur eine einzige negative Figur auf einem der NSDAP vergleichbarem Niveau drastischer Denunzierung abgebildet - ihr postulierter Hauptfeind, der Kapitalist. Auf SPD- und KPD-Plakaten wurden die Nationalsozialisten oftmals lediglich als gefährliche Milita risten oder als todbringendes Skelett dargestellt und nur verein zelt mit anderen Feindbildern identifiziert. Die 1932 einsetzende, verstärkte Konzentration der sozialdemokratischen Wahlwer bung gegen die NSDAP, die im gleichen Jahr in die Entwicklung der drei Eisernen Pfeile mündete, spiegelt sich in der Häufigkeit der negativen Figur des „NS-Militaristen" (15%) und die Karikierung Hitlers (6%) auf SPD-Plakaten im Vergleich zu KPD- 45 Das gängigste stilistische Mittel zur optischen Darstellung bzw. Karikierung einer Person oder Figur als „jüdisch" war eine krumme Nase, die ein Anzeichen für die angeblich „jüdische" Herkunft der Figur dar stellen sollte. 46 Vgl. Tabelle 2. 47 H a g e n 1978, 421. 48 B u c h b e n d e r 1989, 17ff. Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 151 Plakaten (14%) wider.49 Obwohl beide Parteien die Nationalsozi alisten auf ihren Wahlplakaten relativ häufig denunzierten, ist es jedoch ein Unterschied, dass sich die Verwendung der verschie denen negativen Figuren auf den KPD-Wahlplakaten ungefähr die Waage hält, während der eindeutige Hauptfeind der SPD die Nationalsozialisten waren.50 Trotz der sich ab 1928 verschärfenden Rivalität der drei Par teien konzentrierten sich die KPD-Plakate nach wie vor darauf, den Kapitalisten auf 16% ihrer Wahlplakate als Grundübel dar zustellen. Die NSDAP hingegen fokussierte gleich alle drei ihrer erklärten Rivalen, indem sie die negativen Figuren des „SPD- Bonzen" (18%), des Kapitalisten (15%) und des „Juden" (12%) einzeln oder gemeinsam auf ihren Wahlplakaten von 1928 bis 1932 im Vergleich zur SPD und der KPD verhältnismäßig häufig denunzierte. Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die KPD auf ihren Wahlplakaten häufiger (57%) als die NSDAP (51%) mit ne gativen Figuren operierte, sich aber die Nationalsozialisten in puncto ihrer optischen Darstellung, der Vereinheitlichung ver schiedener Feindbilder sowie der gezielten und gehäuften An griffe auf ausgewählte Bevölkerungsgruppen auf ihren Wahlpla katen deutlich absetzten.51 So verteilen sich der Großteil der De nunzierungen auf NSDAP-Plakaten auf ihre Hauptfeinde, die Fi guren der SPD und „jüdische" Kapitalisten, während kein einzi ges Mal die negative Figur eines Junkers oder Geistlichen zu se hen war. Im Gegensatz dazu wurden Junker und Geistliche auf 5% der SPD-Plakate und 9% der KPD-Plakate denunziert. Dies hing mit der nationalsozialistischen Wähler- und Mitglieder struktur sowie der nach 1928 einsetzenden Fokussierung der NSDAP auf Nationalismus und Antisemitismus zusammen.52 Zu diesem Zeitpunkt fand die Loslösung von den Arbeitern als pri märer Zielgruppe der NS-Wahlwerbung statt. Die Denunzierun gen der NSDAP konzentrierten sich somit zielgerichtet auf ihre politischen Rivalen - die SPD und die KPD - sowie auf negative „jüdische" Figuren, die durch Abgrenzung die angestrebte nati onalistische „Volksgemeinschaft" akzentuieren sollten. 45 P a u l 1 9 9 0 ,178f. 50 Vgl. Tabelle 2. 51 Vgl. Tabelle 2. 52 S t a c h u r a 1978 , 66ff. 152 N a z i m D ie h l 5 Wahlwerbung der SFIO Im Frankreich der 1928er- bis 1932er-Jahre waren die parteipoli tischen Fronten nicht so verhärtet wie in der späten Weimarer Republik. Das linke Lager war zwar auch in Sozialisten und Kommunisten geteilt, aber die SFIO und die Parti radicale hatten in der Französischen Revolution eine gemeinsame positive Ver gangenheit. Dies ermöglichte ein Linksbündnis, das „Cartel des gauches", im Wahlkampf 1924 und 1932 mitunter überhaupt erst.53 So überging die SFIO sogar ihre in der Resolution Kautsky festgelegte Leitlinie der Nichtregierungsbeteiligung, indem sie mit der Parti radicale koalierte, um den Wahlsieg konservativer Kräfte zu verhindern.54 Gleichwohl sahen sich die Kommunisten und Sozialisten dennoch als Konkurrenten im Kampf um die po litische Macht an, sodass sich der SFIO-Vorstand 1929/30 auf eine Nichtbeteiligung an der Regierungsbildung mit den bürgerli chen Kräften verständigte, weil er befürchtete, dass die Parti radiaux dadurch profitieren würde.55 Im Unterschied zum rechten Parteienspektrum in der Weimarer Republik hingegen agierte die politische Rechte in Frankreich bis 1932 in einem republika nischen Rahmen und vertrat somit systemkonforme Inhalte. In ihrer Wahlplakatwerbung griff die SFIO auch auf die Iko nographie der Arbeiterbewegung zurück. So begegneten dem Betrachter der Plakate Arbeiter-Riesen, die rote Fahne und die negativen Stereotype von Adligen, Geistlichen und Kapitalisten. Ihre Kleidung und Accessoires zeigten ihre gesellschaftliche Stel lung an, während vereinzelt auch Vertreter anderer Parteien durch die Karikierung ihrer Gesichtszüge lächerlich gemacht wurden.56 An dieser Stelle lassen sich die grundsätzlichen Unterschiede zwischen der deutschen und französischen Plakatwerbung an ei nem Beispiel demonstrieren: Auf dem Plakat „Le coup de balai" war im Vordergrund der die eigene Partei repräsentierende, mit einem Besen ausgestattete Arbeiter-Riese mit freiem Oberkörper zu sehen. Der Arbeiter-Riese wurde jedoch nicht im Akt des Kämpfens, mit einer offensiven Körpersprache oder einem 53 N e r i-U l t s c h 2 0 0 5 , 2, 37. 54 Ebd . 5 f., 251. 55 W i n k l e r 1999 , 22. 56 P r o s s 1 9 7 4 ,4 0 . W ahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 153 selbstherrlichen Gesichtsausdruck abgebildet57; stattdessen fegt er scheinbar lächelnd die Symbole von Geistlichen (Pinsel, Kreuz), Adligen (Palast, Silber) und Militär (Schiff, Säbel, Schirmmütze) aus dem Bild. Sowohl die Fremd- als auch die Selbstdarstellung wurde nicht weiter symbolisch aufgeladen. Eine Besonderheit der Fremddarstellung der SFIO war jedoch, dass sie ihre antiklerikale Haltung - u. a. ihrer programmati schen Forderung nach Laizismus entsprechend - durch die ver einzelte Verwendung der negativen Figur des Geistlichen hoch hielt.58 Abbildung 1: Le coup de Balai 1932, SFIO, Bibliotheque de documentation internationale contemporaine Paris. So fällt bei der vergleichenden Betrachtung der SFIO-Plakate auch ohne eine quantitative Auswertung recht schnell auf, dass sowohl negative Symbole wie beispielsweise Totenköpfe, Dolche und Brandfackeln in den Händen von negativen Figuren sowie negative Stereotype anderer Parteien nur selten abgebildet wur den und auch die als positives Ziel dargestellte Zerschlagung des politischen Gegners, die Vereinheitlichung von Feindbildern 57 Vgl. Abbildung 1. 58 K i t t e l 2000, 217ff.; N e r i - U l t s c h 2005, 53. 154 N a z i m D ie h l und die drastische Denunzierung dieser weitaus seltener zu se hen waren. 6 Fazit Die Selbstdarstellung auf den NSDAP-Plakaten unterschied sich von den anderen beiden Parteien, indem sich die Nationalsozia listen in erster Linie als ausgesprochen siegessicher, offen mili tant und selbstherrlich präsentierten. So strotzten ihre Wahlpla kate von einem exzessiven Gebrauch eigener Parteisymbolik so wie relativ häufiger Abbildung von Uniformen als positive Sym bole. Die Abbildung von Uniformen und Parteisymbolen auf KPD-Plakaten 1928-1932 hingegen ist von ihrer Häufigkeit zwi schen dem exzessiven Gebrauch von Parteisymbolik der NSDAP und der zögerlichen symbolischen Aufladung der sozialdemo kratischen Wahlplakate zu verorten. Dies wurde jedoch dadurch bedingt, dass die SPD über nur wenige positive, parteieigene Symbole verfügte. Die NSDAP verfolgte die gezielte Denunzierung einzelner Rivalen, indem sie ihre Konkurrenten zu einem zusammenhän genden Feindbild vereinheitlichte. Auf SPD-Plakaten hingegen wurde zwar ein klarer Fokus auf die Wahlwerbung gegen die Nationalsozialisten gelegt, jedoch wurden ebenso Geistliche und Junker - wenn auch signifikant seltener - diffamiert. Die Häufigkeitsverteilung der kommunistischen Denunzie rungen gegenüber negativen Figuren der beiden anderen Par teien, Geistlichen sowie Junker blieb ungefähr im Gleichgewicht, obwohl laut Parteidoktrin und der Heftigkeit der Auseinander setzungen auf der Straße eigentlich die Nationalsozialisten ne ben dem Kapitalismus der erklärte Hauptfeind gewesen sind. Die französische SFIO setzte ihre Plakatwerbung zwar mit den gleichen Symbolen aus der Ikonografie der Arbeiterbewe gung um, jedoch in einem weniger erbarmungslosen Konkur renzkampf mit den anderen Parteien. Dies äußert sich darin, dass ein exzessiver Einsatz von negativen Figuren anderer Par teien im Zeitraum von 1928-1932 nicht stattgefunden hat. Die an dersartige historische Situation in Frankreich, die weniger ver härteten Fronten zwischen den beiden linken Parteien und die Abwesenheit einer system-nonkonformen Rechten hatten einen Einfluss darauf, dass die politische Auseinandersetzung der SFIO trotz einer vergleichbaren Positionierung im Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 155 Parteienspektrum und einer ähnlichen Grundstruktur der ge stalterischen Werbemethoden einen geringeren Grad an Intensi tät erreichte als die Wahlwerbung der drei deutschen Parteien. Nach der sogenannten Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 deuteten zahlreiche NS-Anhänger diese als logisches Resultat ei ner angeblich überlegenen nationalsozialistischen Wahlwer bung und konstruierten somit einen politischen Mythos, der auf grund seiner gesamtgesellschaftlichen Verbreitung lange Deu tungsmacht behielt sowie bis in die Nachkriegszeit hinein repro duziert wurde. Die Ursprünge dieses politischen Mythos liegen nicht nur in der sozialdarwinistischen NS-Ideologie, sondern las sen sich bereits bis zu den selbstverherrlichenden und siegessi cheren NSDAP-Wahlplakaten der 30er Jahre zurückverfolgen. So adaptierte die NSDAP nicht nur die Symbole und Werbeme thoden der konkurrierenden Parteien, sondern etablierte auch den politischen Mythos ihrer vermeintlich überlegenen Wahl werbung. Sie lässt sich letztlich auf die Faktoren der exzessiven Selbstverherrlichung, den Personenkult um Hitler, die Militanz der Bewegung, die (drastische) Vereinheitlichung und die syste matische Denunzierung von Feindbildern komprimieren. Alle diese Faktoren lassen sich aber ebenso auf den Wahlplakaten der KPD und/oder der SPD wiederfinden, sodass die NSDAP über keine grundsätzlich einzigartige Wahlwerbung verfügte, son dern etablierte Werbemethoden der beiden Arbeiterparteien adaptierte. So reicht die Glorifizierung eigener Symbole sowie die Radikalisierung von Feindbildern wohl kaum aus, um die auf weitaus vielfältigeren wie auch komplexeren sozioökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen basierenden Ereig nisse bis zur Machtergreifung 1933 monokausal zu erklären. Während ihrer Herrschaft etablierte die NSDAP jedoch bereits den politischen Mythos erfolgreich, der aufgrund seiner schein baren Plausibilität aus retrospektiver Perspektive bis zur Jahr tausendwende nur vereinzelt kritisch hinterfragt wurde. Quellen- und Literaturverzeichnis Archivalien Bibliotheque de documentation internationale contemporaine Paris, Plakatsammlung 156 N a z i m D ie h l Bundesarchiv Koblenz, Plakatsammlung Deutsches Historisches Museum Berlin, Plakatsammlung Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn, Plakatsammlung Reunion des Musees Nationaux Paris, Plakatsammlung Quellen L ie s s , A l b r e c h t /W e n is c h , S ie g f r ie d (Hrsg.) 1996, Plakate als Spiegel der politischen Parteien in der Weimarer Republik. Eine Ausstellung des Bayerischen Hauptstaatsarchiv, München. L u x -A l t h o f f , S t e f a n ie 2 0 0 0 , Die Plakatpropaganda der Weimarer Parteien zu den Wahlen und Volksabstimmungen von 1924 bis 1933. Dargestellt am Plakatbestand des Landesverbandes Lippe, Lemgo. S c h o c h , R a in e r (Hrsg.) 1 9 8 0 , Politische Plakate der Weimarer Re publik 1918-1933, Darmstadt. Darstellungen A l b e r t in i , R u d o l f v o n 1961, „Parteiorganisation und Parteibe griff in Frankreich 1789-1940", Historische Zeitschrift 193, 529-600. B a l is t ie r , T h o m a s 19 9 6 , „Die Tatpropaganda der S A . Erfolg und Mythos", in: Gerald Diesener/Rainer Gries (Hrsg.), Propa ganda in Deutschland. Zur Geschichte der politischen Massenbe einflussung im 20. Jahrhundert, Darmstadt, 23-34. B e h r e n b e c k , S a b in e 19 9 6 , „Der Führer. Die Einführung eines po litischen Markenartikels", in: Gerald Diesener/Rainer Gries (Hrsg.), Propaganda in Deutschland. Zur Geschichte der politi schen Massenbeeinflussung im 20. Jahrhundert, Darmstadt, 5 1 -7 8 . B u c h b e n d e r , O r t w in 1989, „Zentrum des Bösen - Zur Genesis nationalsozialistischer Feindbilder", in: Günther Wagenlehner (Hrsg.), Feindbild. Geschichte, Dokumentation, Problematik, Frankfurt am Main, 17-37. D ie d e r ic h , R a in e r /Gr Üb l in g , R ic h a r d 1973, „Zur Umfunktio nierung von Symbolen der Arbeiterbewegung in der Bildagi tation bürgerlicher Parteien", tendenzen 14, 27-33. Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 157 H a g e n , M a n f r e d 1 9 7 8 , „Das politische Plakat als zeitgeschicht liche Quelle", Geschichte und Gesellschaft 4 0 , 4 1 2 -4 3 6 . D u v e r g e r , M a u r ic e 1958, Les Partis politiques, Paris. H e n n in g , E ik e 1988, „Anmerkung zur Propaganda der NSDAP gegenüber SPD und KPD in der Endphase der Weimarer Re publik", Jahrbuch des Instituts fü r Deutsche Geschichte 17, 209 240. H a h n , H a n s H e n n in g 2 0 0 7 , „ 1 2 Thesen zur Stereotypenfor schung", in: Hans Henning Hahn/Elena Mannova (Hrsg.), Nationale Wahrnehmung und ihre Stereotypisierung. Beiträge zur historischen Stereotypenforschung, Frankfurt am Main, 15-21. H e in -K ir c h e r , H e id i 2 0 0 8 , „Überlegungen zum Verhältnis von « Erinnerungsorten » und politischen Mythen. Eine Annähe rung an zwei Modebegriffe", in: Heidi Hein-Kircher/Jaroslaw Suchoples/Hans Henning Hahn (Hrsg.), Erinnerungs orte, Mythen und Stereotypen in Europa, Warschau, 1 1 -2 4 . H e in -K ir c h e r , H e id i 2013, „« Deutsche Mythen » und ihre Wir kung", Aus Politik und Zeitgeschichte 63, 33-38. J a n u s c h , D a n ie l a 1989 , Die plakative Propaganda der Sozialdemo kratischen Partei Deutschlands zu den Reichstagswahlen 1928 "bis 1932, Bochum. K ä m p f e r , F r a n k 19 8 5 , « Der rote Keil ». Das politische Plakat. The orie und Geschichte, Berlin. K ä m p f e r , F r a n k 1 9 9 7 , Propaganda. Politische Bilder im 20. Jahrhun dert, bildkundliche Essays, Hamburg. K it t e l , M a n f r e d 2 0 0 0 , Provinz zwischen Reich und Republik. Poli tische Mentalitäten in Deutschland und Frankreich 1918-1933/36, München. M e d e b a c h , F r ie d r ic h 1 9 4 1 , Das Kampfplakat. Aufgabe, Wesen und Gesetzmäßigkeit des politischen Plakats, nachgewiesen an den Pla katen der Kampfjahre von 1918-1933, Limburg. N e r i-U l t s c h , D a n ie l a 2005, Sozialisten und Radicaux - eine schwierige Allianz, München. N e u m a n n , S ig m u n d 19 8 6 , Die Parteien der Weimarer Republik, Stuttgart. P a t in , N ic o l a s 2 0 1 4 , La catastrophe allemande. 1914-1945, P a ris . 158 N a z i m D ie h l P a t in , N ic o l a s 2014, „L'antiparlementarisme des deputes communistes allemands", in: ANR PAPRIK@2F. Online verfügbar unter: http://anrpaprika.hypotheses.org/1625. Zuletzt zuge griffen am 31.08.2016. P a u l , G e r h a r d 1990, Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933, Bonn. P a u l , G e r h a r d (Hrsg.) 2009a, Das Jahrhundert der Bilder. 1900 bis 1949, Göttingen. P a u l , G e r h a r d 2009b, „Kampf um Symbole. Symbolpublizisti scher Bürgerkrieg 1932", in: Gerhard Paul (Hrsg.), Das Jahr hundert der Bilder. 1900 bis 1949, Göttingen, 420-427. PROSS, H a r r y 19 7 4 , Politische Symbolik. Theorie und Praxis der öf fentlichen Kommunikation, Stuttgart. R a d e m a c h e r , H e l l m u t 1 9 7 0 , Künstlerische Ausdrucksmittel im po litischen Plakatschaffen in Deutschland von der Novemberrevolu tion bis zur Errichtung der faschistischen Diktatur (1918-1933). Ein Beitrag zur Ästhetik des politischen Plakates, Halle. S c h l a g e n d h a u f f e n -M a ik a , R e g is 2009, „Innerer Feind oder existenzieller Außenseiter. Die Figur des Juden, des « Zigeu ners » und des Homosexuellen", in: Reinhard Johler (Hrsg.), Zwischen Krieg und Frieden - Die Konstruktion des Feindes. Eine deutsch-französische Tagung, Tübingen, 297-308. S t a c h u r a , P e t e r D. 1978, „Der Kritische Wendepunkt? Die NSDAP und die Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928", Vierteljahresheftefür Zeitgeschichte 26, 66-99. T id l , G e o r g 1 9 9 3 , „Abzeichen und Symbole der Sozialdemokra tie - bis zum Zweiten Weltkrieg und ihr Mißbrauch durch die Nationalsozialisten", in: Wolfgang Bandhauer/Jeff Bernard/Gloria Withalm (Hrsg.), Sozialdemokratie. Zeichen, Spu ren, Bilder. Akten eines interdisziplinären Symposiums der Öster reichischen Gesellschaftfür Semiotik, Wien, 2 3 9 -2 6 0 . W e ir m a n n , K a r l h e in z 19 9 1 , Schwarze Fahnen, Runenzeichen. Die Entwicklung der politischen Symbolik der deutschen Rechten zwi schen 1890 und 1945, Düsseldorf. W e s t p h a l , U w e 2002, Werbung im Dritten Reich, Berlin. W in k l e r , H e in r ic h A u g u s t 1999, „Demokratie oder Bürger krieg. Die russische Oktoberrevolution, als Problem der Wahlplakatwerbung der SPD, KPD und der NSDAP 159 deutschen Sozialdemokraten und der französischen Sozialis ten", VierteljahresheftefürZeitgeschichte 47 ,1-24.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Weltentstehungen, Götter und Heroen – unter dem Begriff ‚Mythos‘ verstehen wir heutzutage verschiedene Dinge. Mit ihm verbinden wir sowohl Erzählungen über das Werden und Vergehen urzeitlicher Welten als auch Geschichten über alltägliche Ereignisse und Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart. Obwohl ‚Mythos‘ seit Jahrhunderten als ein zentrales Konzept in kultur- und literaturtheoretischen wie auch philosophischen Diskursen fungiert, ist die semantische Vielfalt des Begriffes erst seit wenigen Jahrzehnten in den Debatten der Geisteswissenschaften präsent. Der Mythos – ein Mythos?

Der vorliegende Sammelband widmet sich dem Mythos in interdisziplinärer Perspektive. Dabei problematisieren die Autor*innen das Mythische epochenübergreifend in all seinen Facetten, indem sie grundlegende Fragen stellen: Was bezeichnen wir als ‚Mythos‘? Wozu benötigen wir Mythen? In welcher Beziehung stehen sie zu unserer Lebenswelt? Und: Gibt es eine Zeit ohne Mythos?