Falko Schmieder, “Dreams of a better life”: Ernst Blochs Weltflucht im Exil in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (ed.)

"Auf nach Moskau!", page 87 - 102

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-87

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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87 Falko Schmieder “Dreams of a better life”: Ernst Blochs Weltflucht im Exil Am 7. April 1949, nach knapp elf Jahren im amerikanischen Exil, schreibt Ernst Bloch kurz vor seiner Rückkehr nach Europa in einem Brief an den Schriftsteller Hermann Broch: „Das neue Buchmanuskript habe ich S. 681 sozusagen mitten im Satz unterbrochen und werde am neuen Schreibtisch fortfahren, als wäre nichts geschehen.“1 Fortfahren, als wäre nichts geschehen – dieser Satz könnte auch als Motto zur Charakterisierung von Blochs Arbeitsweise nach seiner Emigration in die USA und nach seiner Rückkehr nach Deutschland stehen. Ebenso passend wäre der Satz aber auch in Bezug auf sein philosophisches Gesamtwerk. Hat doch Bloch selbst zeitlebens die Kontinuität seiner theoretischen Anschauungen wie seines politischen Engagements hervorgehoben.2 Dieses Insistieren auf Kontinuität verwundert um so mehr, als das theoretische Denken anderer politischer Intellektueller durch die Erfahrung des Nationalsozialismus eine grundsätzliche Neuausrichtung erfuhr. Walter Benjamins Neufundierung des Geschichtsbegriffs, Hannah Arendts Totalitarismustheorie, Günther Anders’ Konzept der Antiquiert- 1 Ernst Bloch, Brief an Hermann Broch vom 7.4. 1949, in: Ernst Bloch, Briefe 1903–1975. Hrsg. von Karola Bloch u.a., Frankfurt a.M. 1985, S. 846. 2 Vgl. Bruno Schoch, „Ernst Bloch: Hoffnung − aus Verzweiflung“, in: Dan Diner (Hrsg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a.M. 1988, S. 69–87, hier S. 71. 88 Falko Schmieder heit des Menschen, Theodor W. Adornos Negative Dialektik – um nur einige zu nennen – alle diese Ansätze dokumentieren das Bewusstsein eines fundamentalen Bruchs in der Erfahrung von Geschichte, durch den überkommene Kategorien wie Freiheit, Fortschritt oder Sinn der Geschichte nachhaltig erschüttert wurden. „Das Staunen darüber, dass die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert ,noch‘ möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“3 So heißt es in Walter Benjamins Thesen Über den Begriff der Geschichte. Herbert Marcuse hat im Nachwort zur Neuauflage jener Thesen Benjamins epistemologischen Einsatz noch zugespitzt: „Das Denken erfährt den Schock, der es unfähig macht, in den überlieferten Bahnen weiter zu denken.“4 Blochs Denken dagegen scheint von den katastrophalen Verwerfungen der Geschichte, die auch in seiner Biografie ihre Spuren hinterlassen haben, auffällig unberührt geblieben zu sein. „Es ist ja auch nichts geschehen.“ – So geht der oben zitierte Passus aus dem Brief an Hermann Broch weiter. Die Kontinuität seines Denkens gründet sachlich in einem Thema, das wir heute mit seinem Namen unmittelbar assoziieren: dem Thema der Utopie. Bereits im Jahre 1918 ist mit dem Buch Vom Geist der Utopie Blochs erste Veröffentlichung hierzu erschienen – da war er 33 Jahre alt. Bloch, der zu den wenigen deutschen Intellektuellen gehörte, die den Ersten Weltkrieg nicht begeistert herbeigesehnt hatten, erlebte die Veröffentlichung seines Buches in der Schweiz, in die sich der Kriegsgegner zurückgezogen hatte. Unschwer lässt sich erkennen, dass Blochs Auseinandersetzung mit dem utopischen Denken auch als Reaktion auf diesen Krieg zu verstehen ist, der die Leitvorstellung der Fortschrittsphilosophie des 19. Jahrhunderts von einer sukzessiven Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände in eine 3 Walter Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“, in: ders.: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1974, Bd. I.2., S. 693– 704, hier S. 697. 4 Herbert Marcuse, „Nachwort“, in: Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze, Frankfurt a.M. 1965, S. 97–107, hier S.105f. 89 “Dreams of a better life” fundamentale Krise gebracht hat. In der marxistischen Theorietradition, der Bloch sich zugehörig fühlte, war der Glaube an den Fortschritt der Gesellschaft mit einer Abwertung des utopischen Denkens verbunden, wie exemplarisch an Friedrich Engels’ Buchtitel Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft deutlich wurde. Blochs Rehabilitierung und Neudefinition des Utopiebegriffs erfolgte im Interesse der Erschließung der subjektiven Dimension, der Wünsche, Träume, Triebe und Bedürfnisse der Menschen, die sich gerade in gesellschaftlichen Umbruchzeiten als eminent bedeutender politischer Faktor erwiesen hatten. In der Weimarer Republik hatte Bloch allen Grund, gegenüber der Fortschrittsphilosophie skeptisch zu seien. Der Erste Weltkrieg und dann die Entstehung faschistischer Bewegungen ließen deutlich werden, dass die Krise der bürgerlichen Gesellschaft nicht zwangsläufig nur emanzipatorische Potenziale entbindet, sondern auch regressive und destruktive Energien entfesseln kann. In der Weimarer Zeit war Bloch einer der ersten, der die Gefahr faschistischer Massenbewegungen erkannte, die er kritisch analysierte und publizistisch bekämpfte. In dem erstmals 1935 in einem Züricher Verlag erschienenen Buch Erbschaft dieser Zeit sah er den Erfolg der Nationalsozialisten gerade darin begründet, dass sie an den Gefühlen und Bedürfnissen der Menschen ansetzten, die von der Linken sträflich vernachlässigt worden seien. Der an Marx geschulten Theoriebildung macht Bloch den Vorwurf, „die Massenphantasie unterernährt“ und „die Welt der Phantasie fast preisgegeben“5 zu haben. „Nazis“, so lautet eine berühmte Passage, „sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“6 Seine Beschäftigung mit der utopischen Dimension dient auch dazu, der Linken diese verschütteten Dimensionen der Phantasie und des Begehrens wieder zugänglich zu machen. Als die Nazis die Macht übernahmen, war Blochs Leben unmittelbar bedroht. Sein Name wurde auf die Liste der verbotenen Autoren gesetzt, er 5 Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt a.M. 1973, S. 149. 6 Ebd., S. 153. 90 Falko Schmieder musste emigrieren. Seine erste Zufluchtsstätte war Zürich, die Stadt, in die er schon zur Zeit des Ersten Weltkrieges ausgewichen war. Allerdings galten in der Schweiz die europaweit härtesten Vorschriften gegen Emigranten. Bloch, der weiterhin politisch aktiv blieb, wurde nach anderthalb Jahren der Tolerierung durch die eidgenössische Fremdenpolizei ausgewiesen.7 Er emigrierte weiter nach Wien, dann nach Paris, schließlich nach Prag. Buchstäblich in letzter Minute, kurz vor dem Münchner Abkommen im September 1938, gelang ihm gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn die Flucht in die USA. Während der Überfahrt reifte der Plan zu einem Werk, das den Arbeitstitel Dreams of a better life trug. Es sollte sich dabei um eine Enzyklopädie der Wünsche und der vom sozialutopischen Denken hervorgebrachten Wunschbilder handeln.8 Kurz nach der Ankunft in den USA schrieb Ernst Bloch an Klaus Mann, dass das Buch „den Vorzug haben dürfte, recht amerikanisch zu sein und mich dennoch nicht einen Zoll aus dem Zentrum der wichtigsten Angelegenheiten zu entfernen“.9 Die Kontinuität zu seinem bisherigen Schaffen konnte Bloch so stark betonen, weil das geplante Werk seine Auseinandersetzung mit dem utopischen Denken fortsetzte, die er 1918 mit Geist der Utopie begonnen hatte. Dass es zugleich ein ,recht amerikanisches‘ Buch werden sollte, hat mit seiner durch das Exil begünstigten Sensibilisierung für die Potenziale des American Dream zu tun. Deutlich wird das an dem Vortrag Zerstörte Sprache – Zerstörte Kultur, den er im Januar 1939 vor der von Oskar Maria Graf geleiteten German-American Writers Association in New York gehalten hat. Verschiedene Motive des geplanten Werkes werden in diesem Vortrag direkt auf die amerikanische Geschichte bezogen. Bloch hebt den Status von Amerika als Einwanderungsland hervor, in dem der alte Grundsatz gilt: Wer hier ist, ist hier und hat gleiche Rechte. Amerika wird als ein kapitalistisches Pionierland bezeichnet, in dem die humanistische Tradition 7 Vgl. Karlheinz Weigand, Ernst Bloch, in: John S. Spalek / Konrad Feilchenfeldt / Sandra H. Hawrylchak (Hrsg.), Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, Bd. 3: USA, Bern/München 2000, S. 15–48, hier S. 15f. 8 Vgl. Arno Münster, Ernst Bloch. Eine politische Biographie, Berlin/Wien 2001, S. 220. 9 Bloch, Briefe, S. 646. 91 “Dreams of a better life” lebendig geblieben ist, die von den faschistischen Regimes in Europa, allen voran das nationalsozialistische Deutschland, verraten worden sei. Besonders hebt Bloch die Erziehungsidee hervor, den Glauben an das Projekt der „education“, das im amerikanischen Bürgertum so wichtig genommen werde wie kaum irgendwo. Dabei sieht er den amerikanischen Freiheitsgedanken und die Bewahrung der Humanität im Zusammenhang der antikischen Gründungsideologie der Washington- und Jeffersonzeit. Die große Bedeutung der Menschenrechte für die amerikanische Politik speist sich für ihn aus der stolzen Erinnerung der Amerikaner an die Unabhängigkeitserklärung im Zusammenhang der bürgerlichen Revolution, die, so bedauert Bloch, in Deutschland ausgeblieben ist. In den Schlusspassagen seines Vortrags heißt es dazu: Aber wir verstehen auch, daß Amerika, zum Unterschied von Deutschland, eine bürgerliche Revolution im Leib hat; seine Nationalhelden sind Washington und Lincoln, nicht der Große Kurfürst und Bismarck. Man spricht hier, wie formalistisch immer, eine Art Nationalsprache, wenn man Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sagt. Und die Politik Roosevelts kann man ohne Schamröte anständig und zur Zeit betreibenswert finden. […] Dreams of a better life: das überhaupt ist das amerikanische Grundthema; und es ist uns Europäern verwandt geworden wie kaum ein anderes. Mehr Genies als es Musen gibt, hätten derart am amerikanischen Stoff zu tun, am manifesten von heute, am latenten von morgen.10 Bloch verbindet in dieser Passage sein eigenes Projekt einer Enzyklopädie utopischer Konzepte direkt mit der amerikanischen Geschichte, den American Dreams, die, so legt er nahe, ergiebiges Material für sein Projekt zu liefern versprechen. In diesem Sinne ist auch die abschließende enthusia- 10 Ernst Bloch, Zerstörte Sprache – Zerstörte Kultur, in: Internationale Literatur (Moskau) 9 (1939), 6, S. 132–141, hier S. 140. Von dem Vortrag existieren verschiedene – in interessanten Details voneinander abweichende – Fassungen. Die amerikanische Übersetzung des Vortrags wurde unter dem Titel „Disrupted Language – Disrupted Culture“ veröffentlicht in: Direction II (1939), 8: Exiled German Writers, S. 16–17, 36; die Fassung letzter Hand findet sich in Ernst Bloch, Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz, Frankfurt a.M. 1970, S. 277–299. 92 Falko Schmieder stische Äußerung zu verstehen, dass Amerika „the generous land ever-ready for Utopias“11 sei. Das Schicksal dieses Landes sieht Bloch, schon in Antizipation des Eingreifens von Roosevelts Amerika in das Kampfgeschehen des Zweiten Weltkrieges, weiterhin eng mit dem Europas verbunden. „In Europa ist das Feld, worauf über viele amerikanische Probleme mitentschieden wird, in Europa war der Ausgangspunkt der vergangenen, ist der Experiment- Ort der künftigen amerikanischen Ideologie.“12 In diesem Zusammenhang erörtert Bloch auch die Frage nach den Wirkungsmöglichkeiten der Emigranten in Amerika. Von besonderer Bedeutung erscheint ihm das Problem der Sprache, dem er einen Großteil seines Vortrags widmet. Er unterscheidet zwei Grundtypen von Immigranten. Der erste Typ, den Bloch auch als „Schnellamerikaner“ bezeichnet, will sich von drüben völlig abwenden, seine Vergangenheit hinter sich lassen und verschmähe es sogar, deutsch zu sprechen; bis zum Selbsthass sei sein Deutschlandhass gediehen. Der zweite Typ wolle sein altes Sein und Bewusstsein behalten, als wäre mit der Einreise in die USA nichts geschehen. Beim Versuch der Beantwortung der Frage, wie man sich vom falschen Radikalismus dieser beiden Haltungen befreien kann, kommt Bloch wieder auf das Thema Sprache zurück. Jeder Einwanderer bringe seine Sprache mit, die seine Lebensgeschichte und Identität bestimme. Im amerikanischen Exil sieht Bloch diese Sprache in doppelter Weise bedroht: in Deutschland drohe sie zu ersticken, in den USA zu erfrieren. Besonders Schriftsteller seien so an ihre Sprache gebunden, dass sie sich im neuen Gastland fast stärker in der Emigration fühlten als wie zuvor. Hier, wo die Emigration objektiv ende, beginne sie für manchen subjektiv im größeren Umfang. Diese Schwierigkeit konfrontiert Bloch mit der seiner Auffassung nach berechtigten Erwartung der Amerikaner, dass seine Immigranten sich auch als solche fühlen sollten und nicht nur als „Visitors und Überwinterer“. 11 Bloch, „Disrupted Language“, S. 17. 12 Bloch, Politische Messungen, S. 299. 93 “Dreams of a better life” Amerika hat sich seit alters als Schmelztiegel installiert. Mögen die Wände und die überwiegende Masse in diesem Schmelztiegel noch so angelsächsisch sein: der gesamte Inhalt bleibt gärend und bereit, sich zu legieren. Amerika will kein bloßes Gemenge aus verschiedenen europäischen Nationen sein; diese Eigenschaft muß akzeptiert werden. Sie setzt aber voraus, daß jeder Einwanderer etwas mitbringt, das sich zu schmelzen lohnt, und das schmelzbar ist.13 Seine leitende Frage lautet daher: „Wie können wir als deutsche Schriftsteller in einem anderssprachigen Land das Unsere tun, uns bei der Arbeit erhaltend. Oder, was dasselbe ist (dasselbe sein sollte): Wie könnten wir hier unseren Mann stellen, unseren Ort finden, unsere Aufgabe erfüllen?“14 Bloch votiert in seinem Vortrag für eine Vermittlung europäischer und amerikanischer Ideen. Der deutsche Intellektuelle soll als lernender Lehrer in Amerika fungieren und seine Erfahrungen in den Erfahrungsschatz des Gastlandes einschmelzen. In einer Umfrage zu den Konsequenzen der historisch beispiellosen intellektuellen Emigration aus Europa für Amerika greift Bloch 1942 Motive seines New Yorker Vortrags wieder auf, wenn er betont, dass der Einwanderer dem Gastland Mitarbeit schulde, damit „die jetzige intellektuelle Emigration einmal mit der nach 1848 halbwegs verglichen werden kann“.15 Amerika könne aus dem neuen europäischen Kulturimport durchaus Gewinn ziehen, so wie etwa Florenz von der Einwanderung byzantinischer Gelehrter nach dem Fall von Konstantinopel profitierte.16 Für Bloch selber gestaltete sich die Integration allerdings sehr schwierig, wofür es viele Gründe gab. Ein erster, zentraler Grund dafür war das Sprachproblem, das im Mittelpunkt seines New Yorker Vortrags stand. So war Bloch schon über 50 Jahre alt, als er als Emigrant amerikanischen Boden betrat. Als Absolvent eines altsprachlichen Gymnasiums hatte er Latein und Griechisch sowie Französisch gelernt; das Englische hatte seinerzeit noch nicht den 13 Ebd., S. 298. 14 Ebd., S. 293. 15 Bloch zitiert nach Weigand, Ernst Bloch, S. 21. 16 Vgl. ebd., S. 21f. 94 Falko Schmieder Status einer weltweit verbreiteten Verkehrssprache, die als erste Fremdsprache gelernt wird.17 Wer es aber als Emigrant in Amerika zu etwas bringen wollte, der musste das Englische sehr gut beherrschen. Bloch tat sich umso schwerer mit dieser Sprache, als er überzeugt davon war, seine philosophischen Gedanken nur in der deutschen Sprache angemessen artikulieren zu können. Sein Deutsch aber wurde von amerikanischen Verlegern als zu schwierig („cryptic“) und „unübersetzbar“ bewertet.18 Ihre Bitten um erhebliche Kürzungen und leserfreundlichere Formulierungen wiederum wurden von Bloch als Zumutung empfunden. Dass es Bloch nicht gelang, im akademischen Betrieb Fuß zu fassen, hing aber auch mit unüberbrückbaren politischen und theoretischen Differenzen zu den Mitgliedern des von Max Horkheimer geleiteten Instituts für Sozialforschung zusammen, das gerade in der Anfangsphase des Exils vielen deutschen Emigranten, darunter Franz Neumann, Otto Kirchheimer und Leo Löwenthal, Aufträge oder Arbeitsmöglichkeiten verschaffte. Die Erfahrung des Nationalsozialismus hatte die Linke in zwei Lager gespalten, zwischen denen eine theoretische Verständigung kaum mehr möglich war.19 Auf der einen Seite standen Vertreter wie Bertolt Brecht, Georg Lukács oder eben Bloch, die den Faschismus im wesentlichen als Betrug an den Massen und als ein Zeichen des Zerfalls der kapitalistischen Ordnung auffassten. Auf der anderen Seite standen die Vertreter der Frankfurter Schule, insbesondere Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die aus der Erfahrung des Faschismus die Konsequenz einer Absage an die kollektivistische Ideologie des Marxismus zogen und fortan die Aufklärung über den Antisemitismus und die Verteidigung der Rechte des Einzelnen zu ihrer Sache machten. In einem Brief an Horkheimer schreibt Adorno im August 1940: 17 Vgl. ebd., S. 22. 18 Vgl. ebd., S. 24. 19 Vgl. Hans-Martin Lohmann, „Stalinismus und Linksintelligenz. Anmerkungen zur politischen Biographie Ernst Blochs während der Emigration“, in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 4 (1984), 1, S. 71–74. 95 “Dreams of a better life” Mir geht es allmählich so, auch unter dem Eindruck der letzten Nachrichten aus Deutschland, daß ich mich von dem Gedanken an das Schicksal der Juden überhaupt nicht mehr losmachen kann. Oftmals kommt es mir vor, als wäre das, was wir unterm Aspekt des Proletariats zu sehen gewohnt waren, heute in furchtbarer Konzentration auf die Juden übergegangen. Ich frage mich, ob wir nicht […] die Dinge, die wir eigentlich sagen wollen, im Zusammenhang mit den Juden sagen sollten, die den Gegenpunkt zur Konzentration der Macht darstellen.20 Vor allem Ernst Blochs Parteinahme für das stalinistische Regime in der Sowjetunion sowie seine Verteidigung der Moskauer Prozesse im Jahre 1937 wurde von Horkheimer und Adorno mit Entsetzen aufgenommen, so dass sich beide eine Zusammenarbeit mit Bloch nicht mehr vorstellen konnten. Schließlich war es nicht zuletzt auch Blochs Abneigung gegen den amerikanischen Lebensstil und die herrschende materialistische Denkart, die seine Assimilation wesentlich erschwerte. In einem Brief an Thomas Mann vom 27. Mai 1940 heißt es einmal in Bezug auf Amerika: „Das Land ißt nicht von der metaphysischen Konfitüre“21. Dem an den überschießenden, das Gegebene transzendierenden Ideen und Entwürfen interessierten Bloch waren der amerikanische Pragmatismus und die Beschränkung auf die vorfindliche Ordnung ein Graus. Die dreams of a better life, denen er nachspürte, entpuppten sich ihm häufig nur als Treibstoff der Reklame. Dass Bloch andererseits selbst Probleme damit hatte, seine neue Umgebung unvoreingenommen und im konkreten Detail zu erfassen, zeigt sein Versuch einer Beschreibung des New Yorker Alltagslebens, den er nach kurzer Zeit wieder abgebrochen hat. Sein Amerikabild blieb häufig in Stereotypien der Kulturkritik stecken und war stark geprägt von den Romanen eines Karl May, Zane Grey oder Friedrich Gerstäcker. Wie sein Sohn Jan Robert Bloch später mitteilte, hielt Ernst Bloch beispielsweise hartnäckig daran fest, dass die Sioux-Indianer „Siuks“ hießen, 20 Max Horkheimer, Gesammelte Schriften. Hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt a.M. 1987–1996, Bd. 16, S. 764. 21 Bloch, Briefe, S. 701. 96 Falko Schmieder auch wenn sie in ihrem eigenen Land als „Suh“-Indianer angesprochen werden.22 Blochs Weltfremdheit gegenüber seiner neuen Umgebung hat der Literaturwissenschaftler und enge Freund Hans Mayer einmal in die treffende Formulierung gebracht: „Ob er jemals in Massachusetts realisiert hat, daß man im Lande nicht deutsch sprach, ist mir immer zweifelhaft geblieben.“23 So lastete die ökonomische Versorgung der Familie wesentlich auf den Schultern seiner Frau, der Bauhaus-Schülerin und Architektin Karola Bloch, die jahrelang Aushilfsjobs als Kellnerin, Versicherungsagentin oder Verkäuferin annehmen musste. Gerade in den ersten Jahren des Exils lebten die Blochs häufig am Rande des Existenzminimums und waren von finanziellen Zuwendungen einiger Freunde abhängig. Bloch hat diese Situation im Rückblick häufig verklärt, etwa wenn er schreibt, dass die Arbeit an seinem großen Werk ihm friedvolle Jahre bescherte. „Ich war glücklich, ungestört auf deutsch schreiben zu können, in einer Sprache, die rundum nicht gesprochen und banalisiert wurde, einer wissenschaftlichen und einer philosophischen Sprache.“24 Dass Blochs Freiheitsdenken im Exil auf der Reproduktion von Herrschaft bis ins Privateste beruhte, bleibt in dieser ätherischen Rückerinnerung außer Betracht. Dennoch trifft diese Selbsteinschätzung einen wichtigen Punkt, denn Bloch sah in der verzweifelten Lage gesellschaftlicher Isolation auch eine Chance, kompromisslos ganz für sein Werk leben zu können. Trotz der widrigen Umstände hat seine eigene Arbeitsweise etwas von der Utopie nicht entfremdeter, selbstbestimmter Arbeit. Adornos Satz, Ernst Bloch sei einer, der sich an seinen eigenen Gedanken wärmen könne, setzt dieses Moment der Selbstbegeisterung im Schaffen treffend ins Bild. Blochs unerschütterlicher Optimismus war auch von der sicheren Erwartung getragen, dass seine Zeit noch 22 Jan Robert Bloch, „Dreams of a better Life. Zum Exil Ernst Blochs in den USA“, in: Karlheinz Weigand (Hrsg.), Bloch Almanach 18/1999, Ludwigshafen 1999, S. 109–131, hier S. 124. 23 Hans Mayer, Ernst Bloch, Utopie, Literatur, in: Ernst Blochs Wirkung, Ein Arbeitsbuch zum 90. Geburtstag, Frankfurt a.M. 1975, S. 237–250, hier S. 245. 24 Ernst Bloch im Gespräch mit José Marchand (1974), in: Arno Münster (Hrsg.), Tagträume vom aufrechten Gang. Sechs Interviews, Frankfurt a.M. 1977, S. 20–100, hier S. 70. 97 “Dreams of a better life” kommen werde. Auch war er immer der festen Überzeugung gewesen, dass der Nationalsozialismus nicht von langer Dauer sein würde. Die Exilzeit betrachtete er als einen Interimszustand. Seine ganze Arbeit hatte er, wie es schon in der New Yorker Rede hieß, „um eines anderen Deutschlands willen und um der stark zu verändernden Verhältnisse willen“, also immer auch im Hinblick auf eine Rückkehr nach Deutschland unternommen. Seine Erkundungen der „dreams of a better world“, diesem Schatzhaus historischer Utopien, waren ganz diesem Zweck gewidmet. Der Zusammenhang von Utopismus und American Dream ist vielleicht am innigsten in Bezug auf die kollektiven Fantasien, die sich an die Entdeckungen und den Expansionsdrang knüpften. Illustrieren lässt sich das an der Figur des Kolumbus, die für Ernst Blochs Buch eine gewisse Schlüsselstellung innehat.25 Als der Entdecker der Neuen Welt ist Kolumbus ein Archetyp utopischer Unternehmungen. Bloch zufolge war Kolumbus wie kaum ein anderer vom Glauben an das irdische Paradies beseelt. Er war eine Figur der Grenzüberschreitung und hat sich als Werkzeug der Vorsehung begriffen. Dieses Motiv ermöglicht eine Verbindung zur Hegelschen Philosophie, die für das Denken von Ernst Bloch eine zentrale Bedeutung hatte. Bloch verbindet das Motiv des Entdeckungsdrangs mit dem Motiv der Befreiung durch tätige Arbeit. Kolumbus erscheint ihm als eine prometheische Gestalt, als ein faustischer Charakter, der ganz vom Gedanken der universellen Befreiung beseelt war und vorangetrieben wurde. Den wissenschaftlichen Durchbruch zu Neuem, nie Dagewesenem als eine Art Vorschein eines anderen Lebens zu sehen – dieser Blochschen Konstruktion unterliegt die traditionelle marxistische Vorstellung, dass die Produktivkräfte ein utopisches Potenzial bergen, das nur aufgrund ihrer Bindung an die kapitalistischen Formen des Eigentums nicht verwirklicht werden kann. 25 Vgl. Manfred Riedel, Friedhof und Gedenkfest der Utopie. Ernst Bloch und Amerika, in: Neue Deutsche Literatur 42 (1994), S. 100–106; Beat Dietschy, Die Tücken des Entdeckens. Ernst Bloch, Kolumbus und die Neue Welt, in: Francesca Vidal (Hrsg.): Jahrbuch der Ernst-Bloch- Gesellschaft, Ludwigshafen 1994, S. 234–250. 98 Falko Schmieder Die auffälligsten Spuren des Exils bilden die amerikanischen Redewendungen und Zitate, die Bloch in seinem in deutscher Sprache verfassten Text in der Originalsprache wiedergegeben hat. “there are no limitations in what you can do; think you can”. “Once you learn a few simple secrets, you will be amazed to find how ideas begin fairly pouring into your brain”.26 Diese Zitate verweisen wie andere unübersetzte Passagen auf Lektüren, die auf den Zufällen des Schicksals in der Emigration beruhen, ohne die sie schwerlich zustande gekommen wären. Im Nebeneinander von lateinischen Zitaten, an Hegel gemahnenden Wendungen und Slogans aus amerikanischen Erfolgsbüchern hat Bloch nicht nur einen atmosphärischen Eindruck seines Daseins im Exil festgehalten. Hinter der Entscheidung, einige Passagen aus dem amerikanischen Kontext unassimiliert stehen zu lassen, steht auch seine Anerkennung eines besonderen Ausdruckspotenzials, das bei der Übertragung in eine andere Sprache verloren zu gehen droht. Die Originalzitate dokumentieren Blochs Sensibilität für den Zusammenhang von Sprache und Welt-Anschauung, mit der er im Exil auch sein Festhalten an der eigenen Sprache gerechtfertigt hat. So verdichten sich für Bloch in den oben wiedergegebenen Passagen missionarische Elemente mit solchen der Reklamesprache und Motiven psychotechnischen Selbstmanagements zu Anfeuerungsformeln, die dem amerikanischen Pioniergeist ein unnachahmliches, d.h. nicht ohne Verlust übersetzbares Gepräge geben. Bloch hat viele Jahre an seinem Opus Magnum gearbeitet, das schließlich den Titel Das Prinzip Hoffnung tragen wird. Als sich einige Jahre nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus die Möglichkeit bot, nach Deutschland zurückzukehren, hat er tatsächlich, als wäre nichts gewesen, an der Fertigstellung seines Hauptwerkes aus der Exilzeit weiter gearbeitet. Liest man das Buch im Zusammenhang seiner brieflichen Äußerung aus der Entstehungsphase, in der Bloch das Buch als ein durchaus amerikanisches konzipierte, so lassen sich viele Elemente des American Dream darin fassen, die Bloch in seiner New Yorker Rede aus dem Jahre 1939 so 26 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Zweiter Band, Frankfurt a.M. 1973, S. 795. 99 “Dreams of a better life” emphatisch herausgestellt hat. Andererseits ist nicht zu verkennen, dass das Buch ganz in der Tradition deutscher Philosophie verwurzelt ist und insbesondere den Geist von Hegel atmet. Darüber hinaus ist zu bemerken, dass Bloch die enthusiastischen Passagen über die Pionierrolle der amerikanischen Demokratie und die besondere Affinität von amerikanischer Geschichte und Utopie später gestrichen hat; in seiner Werkausgabe taucht etwa der Satz, dass Amerika „the generous land ever-ready for Utopias“ sei, nicht mehr auf. Als Bloch diesen Satz formuliert hatte, war es gerade einmal zwei Jahre her gewesen, seit er in der Exilzeitschrift Die Neue Weltbühne die Moskauer Prozesse öffentlich verteidigt hat. Der scharfe Kontrast zwischen seiner Hoffnung auf die Entwicklungen in der Sowjetunion und seiner Einschätzung Amerikas als Fixpunkt für das utopische Denken ist offenkundig, von Bloch jedoch nie einer Reflexion unterzogen worden – ebensowenig wie der Widerspruch, dass Bloch nach Amerika und nicht in die Sowjetunion emigriert war, der er sich politisch verbunden fühlte. Dass er recht daran tat, ließe sich an zahllosen Schicksalen linker Intellektueller zeigen, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen waren und dann in den stalinschen Lagern umgekommen sind. Blochs Rückkehr aus dem Exil wurde vorbereitet in der Korrespondenz der beiden Romanisten Erich Auerbach und Werner Krauss. Dieser zeigt sich in einem Brief an Auerbach „aufs stärkste“27 berührt von der Erwähnung Blochs, den Krauss für die Besetzung eines Lehrstuhls an der Leipziger Universität gewinnen möchte. Belehrt durch die Erfahrung mit Herbert Marcuse, der ein solches Angebot rasch abgelehnt hatte,28 hält Krauss eine solche Offerte nun „dringend einer vorigen Sondierung bedürftig“. Auerbach, der wie Bloch und Marcuse vor den Nationalsozialisten geflohen und 1947 in die Vereinigten Staaten gekommen war, deutete in seinem Antwortbrief auf mögliche Schwierigkeiten hin („Nichts zwingt 27 Brief von Werner Krauss an Erich Auerbach vom 25. November 1947, in: Werner Krauss, Briefe 1922–1976. Hrsg. von Peter Jehle, Frankfurt a.M. 2002, S. 389. 28 Vgl. Brief von Herbert Marcuse an Werner Krauss vom 28. November 1947, in: Krauss, Briefe, S. 390f. 100 Falko Schmieder ihn hier fortzugehen“) und rät dazu, „die Berufung in der Form etwas menschlich [zu] gestalten, dass er sich herzlich eingeladen fühlt – er ist voll von Wäme und sehr empfindlich für menschliche Herzlichkeit.“29 Der Brief, den Krauss an Bloch geschrieben hat, muss wohl als verloren gelten; Auszüge daraus sind uns aber durch einen Brief von Bloch an seinen Freund Joachim Schumacher überliefert. Darin wird das Ersuchen von Werner Krauss mit folgenden Worten wiedergegeben: Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wieviele Gedanken in Deutschland um Sie kreisen. Jedenfalls habe ich mich zum Interpret dieser Wünsche gemacht, die sich auf Sie mit einer ungeheuren Zumutung richten. Wir sind nämlich alle davon überzeugt, daß der verwaiste philosophische Lehrstuhl von Ihnen besetzt werden müßte. Die uralte Feindschaft zwischen schöpferischem Geist und Akademikertum ist durch die besondere Situation der hiesigen Universitäten vollständig aufgehoben … Es wäre Ihnen natürlich unbegrenzte Freiheit gelassen. Denn das einzige, was Sie zum Erwägen dieses Projekt überhaupt bestimmen könnte, ist die gemeinsame Aufgabe und die bisher wohl nie gefundene Gelegenheit, in eigener Sache zu wirken. Hinter mir stehen also zwei Fakultäten mit ihrer Bitte: die philosophische und die gesellschaftswissenschaftliche, die je einen Lehrstuhl für Sie freihalten, wobei Sie sich aber nicht zerteilen müßten. Die gesellschaftswissenschaftliche ist als Kristallisationspunkt der neuen Universität gebildet… Alle Ihre denkbaren Forderungen sind sozusagen im Voraus bewilligt.30 „Eine Kugel kam geflogen aus der Heimat für mich her“31 – mit diesen Worten beschreibt Bloch den Empfang dieser unerwarteten Botschaft. In seinem Antwortbrief an Krauss gibt Bloch gleich zu Beginn sein grundsätzliches Einverständnis, die Professur zu übernehmen. Dass diese Antwort keineswegs alternativlos war, dokumentiert ein Brief, den er ein dreiviertel Jahr vorher an Schumacher abgesandt hat. „Vielleicht muß ich zum Korrekturlesen nächstes Frühjahr und Sommer in Europa sein. Ich sage: 29 Brief von Erich Auerbach an Werner Krauss vom 2. Januar 1948, in: Krauss, Briefe, S. 403. 30 Brief von Ernst Bloch an Joachim Schumacher vom 15. Februar 1948, in: Ernst Bloch, Briefe 1903–1975. Hrsg. von Karola Bloch u.a., Frankfurt a.M. 1985, Bd. 2, S. 591. 31 Ebd. 101 “Dreams of a better life” Europa, nicht Deutschland. Ich sage genauer: Paris. Bis jetzt kann ich das Grauen vor meinem Geburtsland nicht aus den Knochen kriegen; vor dem Land, wo meine Sprache nicht mehr klingt (um mich euphemistisch auszudrücken).“32 In seiner Antwort an Krauss tauchen solcher Art Bedenken nicht auf. Erst am Ende des Briefes kommt Bloch auf die politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland zu sprechen. In diesem Zusammenhang berührt Bloch auch das Thema des Antisemitismus, aber in bestimmter Hinsicht liefert er die Antwort auf die Frage sogleich mit: „Bei Arbeiterstudenten kommt so etwas nicht in Frage, aber wie ist es mit den anderen und mit dem Milieu darum herum?“33 Bloch hat den Nationalsozialismus, vor dem er nach Amerika geflüchtet war, immer als Manipulation der Arbeiterklasse verstanden. Diese instrumentalistische Sichtweise hat ihm die Entscheidung einer Rückkehr wesentlich leichter gemacht als anderen politischen Intellektuellen, die die Arbeiterklasse als integralen Teil der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft sahen. Dem entspricht auch Blochs weitgehend ungebrochene Anknüpfung an die sozialistischen Theorietraditionen. Im Prinzip Hoffnung schreibt er: „Alles an den Hoffnungsbildern Nicht-Illusionäre, Real-Mögliche geht zu Marx, arbeitet – […] in der sozialistischen Weltveränderung.“34 An diesem Projekt wollte er mitwirken, also folgte er dem Ruf, siedelte in die Sowjetische Besatzungszone über und wurde mit 64 Jahren Professor für Philosophie an der Universität Leipzig. Die Staatsbürokratie des Ostblocks freilich hat die Aufnahmebereitschaft und Offenheit, die Bloch während seiner Exilzeit an den Vereinigten Staaten gerühmt hatte, recht bald vermissen lassen. Als er, beflügelt durch Chruschtschows Anti-Stalin- Rede, 1956 auf der Berliner ,Fortschrittskonferenz‘ die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn durch sowjetische Truppen kritisierte und mit der Losung ,Jetzt muss statt Mühle endlich Schach gespielt werden‘ die Freiheit für die Wissenschaft forderte, die ihm von Krauss versprochen 32 Ebd., S. 587. 33 Brief von Ernst Bloch an Werner Krauss vom 20. Februar 1948, in: Krauss, Briefe, S. 422f. 34 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, S. 16. 102 Falko Schmieder worden war, fiel er in Ungnade. Ungeachtet der von ihm weiterhin bekundeten „selbstverständlichen Treue zur Sowjetunion“, die er, wie er in einem offenen Brief an die SED-Parteileitung vom Januar 1957 beteuerte, „auch zur Zeit der Moskauer Prozesse gehalten“35 habe, wurde er zwangsemeritiert und geriet zunehmend in die Isolation. Als er, in Westdeutschland weilend, vom Bau der Berliner Mauer erfuhr, beschloss er, im Westen zu bleiben. Dort nahm er, als mittlerweile 76-jähriger, eine Gastprofessur an der Universität Tübingen an. Das Vermächtnis seiner Philosophie gründet sich wesentlich auf sein umfangreiches Buch Prinzip Hoffnung, das er im amerikanischen Exil geschrieben hatte. Aus der historischen Distanz wird unabweisbar, was schon kritische Zeitgenossen festgehalten hatten: dass das Prinzip Hoffnung auch ein Dokument der Verzweiflung an der Geschichte und einer Flucht vor ihr war – ein historischer Materialismus mit geschlossenen Augen. Von den Katastrophen der Geschichte, von der Erschütterung der traditionellen philosophischen Kategorien, wie sie etwa Hannah Arendt oder Theodor W. Adorno registriert und zum Thema ihrer Philosophie nach Auschwitz gemacht hatten, ist darin nichts zu spüren. „Ich werde fortfahren, als wäre nichts geschehen“ – in diesem Satz aus dem Brief an Hermann Broch dokumentiert sich Blochs politischer Wille, sich die Möglichkeit einer anderen Einrichtung der Gesellschaft nicht ausreden zu lassen, zugleich aber auch seine Sturheit, mit der er zeitlebens an einer philosophischen Konzeption festgehalten hat, die ihre erhellende und kritische Kraft verloren hatte. 35 Ernst Bloch, Offener Brief. Protest gegen Anwürfe der Parteileitung der SED am Institut für Philosophie der Karl-Marx-Universität Leipzig vom 22.1.1957, in: Ernst Bloch Archiv (Hrsg.), Bloch Almanach, 3. Folge, Ludwigshafen 1983, S. 21–32. hier S. 24.

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References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.