Michael Rohrwasser, Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 im Blick der deutschen Gäste in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (ed.)

"Auf nach Moskau!", page 75 - 86

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-75

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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75 Michael Rohrwasser Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 im Blick der deutschen Gäste Im August 1934 trafen sich in Moskau 600 sowjetische Delegierte, in der Hauptsache Schriftsteller, und als Gäste rund 40 ausländische Autoren, darunter 17 deutschsprachige, zum Ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller. In den Tagen vom 17. August bis zum 1. September fanden im Säulensaal des Dom Sojusa, des Moskauer Gewerkschaftsgebäudes, 26 Sitzungen statt, auf denen über 80 Schriftsteller und einige Parteifunktionäre wie Karl Radek, Nikolai Bucharin oder Andrej Shdanow Reden hielten und diskutierten. Maxim Gorki war der Präsident des Kongresses – und mehr als das. Klaus Mann schreibt: „Gorki ist der Patriarch, der ehrwürdige Liebling, die hohe Instanz“; an anderer Stelle nennt Mann ihn den „Literaturkönig“.1 Sein Porträt hing überlebensgroß im Saal, neben dem von Stalin – die Beschwörung der Hochzeit von Geist und Macht; an den Seitenwänden hingen die Porträts großer Dichter wie Shakespeare und Cervantes. 1 Klaus Mann, Briefe. Hrsg. von Friedrich Albrecht, Berlin und Weimar 1988, S. 188; vgl. Hans- Jürgen Schmitt / Godehard Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum I. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller.,Frankfurt a. M. 1974, S. 411. Mein Vortrag greift zurück auf meinen früheren Aufsatz über den Moskauer Kongress: Michael Rohrwasser, „Die Deutschen in Verzückung“. Der Moskauer Schriftstellerkongreß 1934 und seine deutschen Gäste, in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 10 (1990), 2, S. 45–48. 76 Michael Rohrwasser Die Begeisterung unter den deutschen Gästen für diesen Schriftstellerkongress, obwohl es ein sowjetischer, kein internationaler war, war gewaltig – und mir geht es (immer noch) darum, diese Euphorie zu verstehen. Ich habe einige Vorschläge, keine endgültigen Antworten dazu, wie die Begeisterung zu erklären ist. Das Problem lässt sich verschärfen, wenn wir uns auf die Berichte von Nichtparteimitgliedern konzentrieren, und wenn wir zuvor noch Kommentare von linken Zeitgenossen anschauen, die nicht nach Moskau gefahren waren. Kurt Tucholsky schreibt beispielsweise seiner Freundin in Zürich: Die Berichte hatten alle etwas Rosenrotes, das mir sehr zuwider ist – und so lillill – ich nicht. Und: „Hat man je einen Schriftsteller so geehrt wie Gorki, dessen Werke in 19 Millionen Exemplaren …“ Hm. […] Gorki … mein Gott, das ist ein ganz braver naturalistischer Schriftsteller, aber doch nicht mehr! […] Mir ist nicht wohl bei alledem. Ich käme mir so dämlich vor, wenn ich da mitmachte.2 Und George Grosz, der in New York angekommen ist, spottet gegenüber seinen Freunden Bertolt Brecht, Wieland Herzfelde und Hermann Borchardt, auch über den im Jahr darauf stattfindenden Kongress zur Verteidigung der Kultur in Paris. Er schreibt an Borchardt: Nun, unsere großen Bewunderer des ‚gewaltigsten Experiments der Kulturmenschheit‘ sind voller Stolz und Lob & Preisen über Euren herrlichen Kongreß der Elite der Schriftsteller. Selbst der ältere feine Ästhet Gide fühlt zum ersten Mal, daß er zu etwas nützlich ist […]. Schön solche Feiern und was so nebenbei da dann noch geklärt wird; schade, wir haben das ja noch nicht – wir sehnen uns alle, ich meine der entschiedene Vortrupp unter uns, ‚an der Kulturfront‘ nach Ausrichten und Programmen.3 2 Kurt Tucholsky, Briefe aus dem Schweigen. 1932–1935. Briefe an Nuuna. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky, Reinbek bei Hamburg 1977. 3 George Grosz, Briefe. 1913–1959. Hrsg. von Herbert Knust, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 204 (Brief vom 13.X.1934). 77 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 Besonders weitsichtig ist sein Kommentar über Franz Kafka, wieder an die Adresse von Hermann Borchardt: Und den neuen proletarischen Realisten mit ihrem Hurraoptimismus und Technikgesinge darf man’s kaum in die Hand geben. Kafka hätte sicherlich, wäre er gelesener und Repräsentant westlicher Schreibkunst gewesen, auf jenem herrlichen Literaturkongreß die Note „unbrauchbar für den Aufbau“ bekommen […]. Naja, ein Lokomotivführer war ja nun der gute Kafka nicht.4 Eine naheliegende Antwort wäre, dass Klaus Mann, Oskar Maria Graf etc. vor Ort waren, während die anderen, Grosz und Tucholsky, aus der Ferne urteilten – George Grosz spottet beispielsweise im August 1934 über Brechts Gedicht New York, in dem der Untergang der Stadt vorausgesagt wird. Er schreibt Brecht: „Mit dem Gedicht New York hast du begreiflicherweise – weil du es ja nur vom Hörensagen kennst – ein bißchen daneben gehauen“.5 Demnach hätten die Moskauer Gäste den Vorteil, alle Auftritte und Debatten selbst wahrzunehmen, sie müssen sich nicht aufs Hörensagen verlassen. Tatsächlich wird sich aber zeigen, dass im Falle des Moskauer Schriftstellerkongresses die Draußenstehenden weitsichtiger waren. Wir haben eine ganze Fülle von Briefen, Aufzeichnungen, Kongressberichten und späten Erinnerungen, deren Tendenz sich mit der Zeit teilweise gewaltig verändert. Während bei Klaus Mann der Tenor auch in Der Wendepunkt von 1950 noch ziemlich derselbe ist wie 1934 im Kongressbericht in der Sammlung, finden sich bei Gustav Regler so verschiedene Schilderungen im Kongressbericht von 1934 und in seiner Autobiographie von 1958, dass sie eigentlich nur durch den Autorennamen verbunden bleiben. Während er 1934 ein blühendes Land beschreibt, sieht er in Das Ohr des Malchus beim Kongress schon das Wetterleuchten der Moskauer 4 Ebd., S. 219 f. (Brief vom 19.VIII.1935). 5 Ebd., S. 219 f. (Brief vom 13.VIII.1934). 78 Michael Rohrwasser Schauprozesse. Aber die bekannte Gabe der nachträglichen Prophezeiung braucht uns hier nicht zu interessieren. Natürlich ist auch die noch recht frische Parole der Volksfront für die Euphorie verantwortlich, der Anlauf zu einer antifaschistischen Bündnispolitik, die Klaus Mann bewegt, seinem Vater zu schreiben, dass ihn hier ein glorreicher Empfang erwarten würde; „man ist sehr aus auf Sympathisierende“.6 Noch im März-Heft der Internationalen Literatur war zu lesen, Thomas Mann sei „Geist vom Geiste der Henker Deutschlands“, dem man wünsche, dass er zur Hölle fahre. Auf dem Kongress wurden dann vor allem Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann umworben. Becher wirbt „für ein Bündnis aller ehrlichen Hasser des Faschismus und der Kulturbarbarei“.7 Gleichzeitig ist auf der Konferenz aber doch viel die Rede vom „verfaulenden Bürgertum“; die literarische „Dekadenz“ wird attackiert – ein Vorbote, was dann in die sogenannte „Expressionismusdebatte“ mündete. Karl Radek dozierte: In Prousts Werk liegt die alte Welt wie ein räudiger Hund, der keiner Bewegung mehr fähig ist, in der Sonne und leckt sich unablässig seine Wunden […]. Prousts Salonhelden […] schreien einem förmlich ins Gesicht, daß keine Analyse auch nur das geringste Resultat bringen könne.8 Er spottet darüber, daß einige Literaturkritiker, auch sowjetische, rühmten, dass Proust sieben Gerüche gleichzeitig voneinander unterscheiden könne. In Arbeiterwohnungen – so Radek – gebe es meistens nur einen Geruch, den nach Kohl. Man täte besser daran, helle saubere Wohnungen für Arbeiter zu bauen.9 Und über James Joyce befand Radek: „Das Bemerkenswerteste an ihm ist die Überzeugung, daß es im Leben nichts 6 Klaus Mann, Briefe, S. 189. 7 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 254. 8 Ebd., S. 204. 9 Ebd., S. 412. 79 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 Großes gibt […]. Ein von Würmern wimmelnder Misthaufen mit einer Filmkamera durch ein Mikroskop aufgenommen – das ist Joyces Werk.“10 Tretjakow weist immerhin darauf hin, daß der Streit um Joyce etwas von der Situation jener Harems-Ärzte beschwöre, die die kranken Sultansfrauen nur durch Mittelsmänner untersuchen durften, aus lauter Angst vor Verführung. Schließlich sei Joyce in Sowjetrussland nicht einmal übersetzt, geschweige denn gedruckt. Dasselbe gilt für Proust. Auch andere widersprechen Radeks Rede, manche nur im inneren Monolog. Klaus Mann schreibt in Der Wendepunkt, dass, wenn er seine Kritik auf dem Kongress vorgetragen hätte, es „zum peinlichsten Skandal“ gekommen wäre.11 Ich beginne gleich mit der kritischsten Stimme, der von Oskar Maria Graf, der sich in seinem postum publizierten Reisebericht kokett fragt, warum man ihm die Ehre einer Einladung hat zuteil werden lassen, so vornehm sei er noch nie in seinem Leben gereist (aber natürlich ist ihm klar, dass er als Herausgeber der Neuen Deutschen Blätter eingeladen worden ist). Das große Ereignis ist das Kapitel überschrieben, in dem er vom Kongress berichtet.12 Zuletzt unterscheidet er sich wenig vom Chor der anderen, von Gustav Regler, F. C. Weiskopf oder Klaus Mann, die in Moskau vor allem sich selbst wahrnehmen. Die vom Exil Versprengten und Degradierten fanden sich wieder und beobachten sich aufmerksam. Graf schreibt: Da sahen wir uns also alle wieder wir ehemaligen Bohemiens, wir intellektuellen Revolutionäre aller Schattierungen, wir verschwiegenen Romantiker, wir Abenteurer im Geist und heimlichen Spießbürger im Leben, wir versprengten, verfemten, emigrierten Schriftsteller, die der Hitlerismus in alle Windrichtungen der Welt verschlagen hatte.13 10 Ebd., S. 205. 11 Klaus Mann, Der Wendepunkt. Frankfurt a. M. 1953, S. 352. 12 Oskar Maria Graf, Reise in die Sowjetunion 1934. Mit Briefen von Sergej Tretjakow. Hrsg. von Hans-Albert Walter, Darmstadt und Neuwied 1974, S. 34. 13 Ebd., S. 42. 80 Michael Rohrwasser Aus der Heimat vertrieben – zur Bedeutungslosigkeit verurteilt, konnte man hier in Moskau Militärparaden von der Bühne aus erleben – die Rote Armee marschierte auf für den Schriftstellerkongress – , und erfuhr man die eminente Bedeutung, die Schriftsteller im siegesbewussten Fortschreiten der Geschichte zugeschrieben wurde, und war bereit, auf die Verhei- ßung einer diktatorischen Durchsetzung von Vernunft zu setzen. Diese Hoffnung färbte die Reisebilder. Grafs Freund Sergej Tretjakow sorgte in diesen Tagen nebenbei dafür, dass man Graf die Tantiemen ins Ausland überwies. Und Tretjakow forderte in seiner Rede, dass den sowjetischen Schriftstellern nicht gleichgültig sein dürfe, was mit anderen Schriftstellern geschehe: „In Erschrecken muß es jeden versetzen, wenn er hört, daß sich die Arbeitsbedingungen für Brecht oder die Seghers verschlechtern“14 – gewiss war das eine süße Melodie in den Ohren jener, die sich von der Geschichte überrollt wussten. Vor dem Hintergrund der eigenen Entwertung nahm sich für die Emigranten der sowjetische Literaturbetrieb ungeheuerlich aus: Zehntausende begeisterte Leser erwarteten ihre Autoren, man sprach mit den Massen, diese stellten Forderungen, alle kümmerten sich um literarische Belange; der Staat war Organisator und durch die höchsten Funktionäre repräsentiert. Klaus Mann: „Die ganze Regierung kam, außer Stalin himself, es ging hoch her, in jeder Beziehung“.15 Lion Feuchtwanger schreibt ein paar Jahre später, 1937, bei seiner Ankunft in Moskau an seinen Freund Arnold Zweig, „daß es schwer hält, nicht größenwahnsinnig zu werden“.16 Majakowskis Forderung, dass die Parteipolitiker auch Experten für die Produktion von Romanen und Skulpturen werden müssten, schien in Moskau 1934 ebenso eingelöst wie seine Forderung, die Regierung sollte 14 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 227. 15 Klaus Mann, Briefe, S. 188. 16 Lion Feuchtwanger — Arnold Zweig, Briefwechsel 1933–1958. Hrsg. von Harold von Hofe, Berlin und Weimar 1984. Bd. I, S. 122 (Brief vom 9.XII.1936). 81 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 seine Verse neben den anderen Leistungen an der „Arbeitsfront“ prüfen und „die Feder dem Bajonett gleichsetzen“.17 Es geht hier nicht um den Vorwurf einer naiven Wahrnehmung, sondern der seiner Leser beraubte Autor nimmt eine bessere Welt wahr, in der die Kluft zur Leserschaft aufgehoben und die Gefahr der Bedeutungslosigkeit gebannt schien. Wieland Herzfelde begeistert sich in seinem Kongressbericht: Man muss das alles miterlebt haben […] um zu verstehen, daß dieser Kongress ohnegleichen in der Geschichte ist. […] Die Verfasser von Büchern, deren enorme Auflagen wenige Wochen nach Erscheinen in der Regel vergriffen waren, legen hier voreinander und vor den Lesern eines Erdteils Rechenschaft ab über ihre Tätigkeit, ihre Schwierigkeiten und Pläne. 18 Klaus Mann notiert am Tag der Ankunft in seinem Tagebuch: „Das ungeheure Interesse für Literatur […]. Goethe-Heft. Stendhal. Trambahnschaffnerin, die Proust liest“.19 In seiner Zeitschrift Die Sammlung ist es dann eine schlichtgekleidete Frau auf der Gartenbank, die Proust liest.20 Später notiert er dann die Forderungen der Masse an die Literaten: „Literarische Wünsche der Armee […]. Matrosen-Deputationen […] verlangen heftig neue Seemanns-Lieder“.21 Die Begeisterung hält auch noch an in Der Wendepunkt, seinen Erinnerungen von 1950: „Eine Bäuerin bestellte sich vaterländische Balladen für die Kinder. Eine junge Trambahnschaffnerin wollte mehr über die Liebe lesen, wie sie wirklich ist.“22 Manns Kongress-Bericht in der Sammlung ist ein Stück weit schon Analyse dessen, was die deutschen Gäste in Moskau faszinierte: 17 Vgl. Boris Groys, Gesamtkunstwerk Stalin. Die gespaltene Kultur in der Sowjetunion, München 1988, S. 40. 18 Wieland Herzfelde, Geist und Macht. Zum ersten Unionskongreß der Sowjetschriftsteller, in: Neue Deutsche Blätter 1 (1933/34), 12, S. 713 f. 19 Klaus Mann, Tagebücher 1934–1935. Hrsg. von Joachim Heimannsberg, München 1989, S. 55 (16.VIII.1934). 20 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 410. 21 Klaus Mann, Tagebücher, 21.8.1934. 22 Klaus Mann, Der Wendepunkt, S. 349. 82 Michael Rohrwasser Der Schriftsteller-Kongreß demonstriert vor allem eins: den vitalen Zusammenhang, der hier besteht zwischen dem literarischen Produzenten und seinen Abnehmern, den Lesern; zwischen Schriftsteller und Publikum, zwischen Leser und Volk […]. Die Frage, die den Schriftsteller im Westen immer be- ängstigt, oft lähmt, die bittere Frage: Für wen arbeitest du eigentlich – sie beantwortet sich hier mit der schönsten Selbstverständlichkeit. Denn hier arbeitet der Schriftsteller buchstäblich für alle […]. Der Schriftsteller hat eine große Situation. […] Uns fehlt es an Lesern; diesen nur an Papier.23 Oskar Maria Grafs Bericht klingt hier naiver, und es ist bezeichnend, dass sein Spott hier verstummt und der Blick sich schwärmerisch verschleiert. Er, der für seinen neuen Roman, Der Abgrund, keinen Verleger mehr findet, schildert seinen Kollegen André Malraux in der Diskussion mit „ehemaligen Dieben, Raubmördern, Einbrechern und Betrügern“, die alle Malraux‘ jüngstes Buch gelesen haben, auf französisch mit ihm disputieren und ihm eine schriftliche Antwort auf seine Thesen mitgeben.24 Graf schildert auch die Schimpfkanonade einer Bäuerin, die die Sowjetschriftsteller kritisiert, weil sie beim Schreiben ihrer Bücher nur kokette Weiber auftreten ließen.25 Aber ähnlich wie Mann umreißt er den Unterschied zwischen sowjetischem und dem westlichen Schriftsteller: die Schriftsteller im Kapitalismus bleiben […] Vereinzelte und Vereinsamte inmitten eines planlosen Systems. Der Sowjetschriftsteller aber steht mitten im Leben, mitten in der Masse seiner Genossen und kann seine Wirkung jederzeit überprüfen. Er lernt im Schaffen, er kann das kühnste literarische Experiment wagen und wird dennoch nie ein weltfremder Snobist, denn seine immer bereiten, ungewöhnlich interessierten Lesermassen kontrollieren ihn, kritisieren und helfen ihm weiter in seiner Ar- 23 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 409. 24 Graf, Reise in die Sowjetunion, S. 56. 25 Ebd., S. 40. 83 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 beit. Sie sind mit ihm verbunden wie eine große Familie. Immer war es die Sehnsucht des Dichters, so tiefe Wurzeln zu fassen im Allgemeinleben.26 Der Kongress verhieß die Erfüllung romantischer und elitärer Sehnsüchte. In der Beschwörung der anwesenden und eingreifenden Leserschaft wird nicht nur der anonyme literarische Markt wieder aufgehoben, sondern dem Autor wird um den Preis der nachprüfbaren Nützlichkeit seiner Arbeit der geistig-moralische Führungsanspruch zurückerstattet, den er schon längst verloren geglaubt hat. Freilich darf er nicht mehr „Dichter für Dichter“ sein, sondern danach trachten, sich mit dem Volk zu vereinen, so Graf.27 Das Proletariat wird auch für Graf zum wahren Kunstrichter, ausgestattet mit „sicherem Instinkt“, und er erinnert sich bei dieser Gelegenheit mit Widerwillen an die expressionistischen Holzschnitte, die zur Zeit der Münchner Räterepublik das amtliche Mitteilungsblatt des Zentralrates schmückten und auch dort von der Arbeiterschaft abgelehnt worden seien – eine beklemmende Verwandtschaft mit der völkischen Literaturkritik. Es ist erstaunlich, dass diese regressive, romantische Idee einer Literatur, die ihre Leser als Auftraggeber hat und von einem Staat kontrolliert wird, hier als wahre, wünschenswerte Gegenwelt gefeiert wird. Zurück zu einer Literatur ohne literarischen Markt, vergleichbar vielleicht einer frühen Utopie des jungen Lessing, der sich, gequält von der existentiellen Not eines freien Schriftstellers, wieder Bardendichter wünschte, Barden, die mit dem Heer ins Feld ziehen und für die tapferen Krieger Kampfeslieder schreiben, die ihren Heldenmut förderten. Statt den frühen Lessing kann man auch den alten Ernst Bloch zitieren, der in Prinzip Hoffnung dieses Moskauer Tableau gefeiert hat: „Kultur verliert das Beliebige und Ziellose, sie gewinnt den scharf orientierenden Hintergrund eines Wozu; neue Heilsordnung, nämlich für den Menschenstoff, zieht auf“ – am Ende steht 26 Deutsche Zentralzeitung (Moskau), 4.9.1934, zit. nach Rudolf Recknagel, Ein Bayer in Amerika. Oskar Maria Graf: Leben und Werk. Berlin 1974, S. 215. 27 Graf, Reise in die Sowjetunion 1934, S. 87. 84 Michael Rohrwasser bei Bloch die Beschwörung von „Disziplin, Autorität, zentrale[r] Planung, Generallinie, Orthodoxie“.28 Von der Kehrseite, der Funktionalisierung, Reglementierung, Indienstnahme der Literatur durch den Staat ist in den Kongressberichten nur wenig die Rede. Denn es ist die Verheißung von Nützlichkeit, Anerkennung, Erfolg, die den Moskauer Kongress so faszinierend machte und die Einschwörung auf ein Regelsystem ermöglichte, das der eigenen Schreibproduktion häufig widersprach. Dass auf dem Kongress der literarischen Moderne der Kampf angesagt wurde, dass in den Reden von Gorki, Bucharin und Shdanow der Sozialistische Realismus gefordert wurde, hat kaum einen Niederschlag in den zeitgenössischen Kongressberichten gefunden. Der im Nachhinein berühmteste Satz des Kongresses, den Andrej Shdanow verkündete, dass nämlich der Schriftsteller „Ingenieur der menschlichen Seele“ sei (und dem er die höchste Autorität verleiht, indem er Stalin als Autor nennt)29, taucht in den Kongress-Berichten von Klaus Mann, Wieland Herzfelde und Oskar Maria Graf gar nicht auf. Dafür stoßen wir auf den Satz später in Feuchtwangers Roman Waffen für Amerika (1947/48), wo es über Benjamin Franklin heißt: „Ein Ingenieur der Seelen zu sein, das war sein Beruf“30 (eine offensichtliche Reverenz vor Stalin, denn der Begriff des Ingenieurs war zu Franklins Zeiten noch unbekannt). Bei Graf heißt es, diesmal wieder mit ironischem Unterton: „Die Sowjetdichter hatten die Begriffe ‚sozialistischer Realismus‘ und ‚revolutionärer Romantizismus‘ als Losung für das künftige Kunstwerk ausgegeben. Bei richtiger Anwendung und Mischung, folgerten sie, muß Bleibendes entstehen. Es war nicht recht einzusehen, wieso, immerhin aber war es unterhaltend und anregend […].“31 Aber auch Graf verwandelt sich in Moskau in einen Literaturfunktionär und schlägt eine „Kontrollkommission“ vor „für die Überwachung 28 Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung. Bd. II., Frankfurt a. M. 1973, S. 618–620. 29 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 47. 30 Lion Feuchtwanger, Waffen für Amerika. Roman. 2 Bde, Amsterdam 1947/48. 31 Graf, Reise in die Sowjetunion 1934, S. 41. 85 Der Schriftstellerkongress in Moskau 1934 von Übersetzungen“ der neueren Sowjetliteratur, weil diese bislang gar zu schlecht seien.32 Dass die Rote Armee für die Kongressteilnehmer aufmarschierte, scheint so absurd nicht mehr, liest man, wie auf dem Kongress die Rolle des Sowjetschriftstellers in militärischen Metaphern gefasst wurden, „eine Literatur des Kampfes“ und „des Sieges“, eine Literatur „vor der Endschlacht“, eine Literatur, die „das Banner hochhält“. Gustav Regler bekennt 1934: „Ich wurde von der größten Begeisterung erfaßt, als die Moskauer Garnison der Roten Armee den Saal betrat […] weil ich plötzlich vor mir auf der Tribüne die Armee des Proletariats erblickte“. Und er verkündet: „Ich werde ihnen [den Saarländern] sagen, daß hier die Arbeiter die literarischen Probleme lösen helfen […], daß die Rote Armee eine künstlerische Analyse gab.33 Am ausführlichsten werden in den Kongressberichten die eigenen Kollegen gewürdigt und kritisiert (auch ein Thema, das ich hier ausspare). Von dem, was den Kongress im Nachhinein bedeutsam macht, wird kaum etwas gesagt, die Vorträge, sie seien wenig interessant gewesen, heißt es nicht selten in den Tagebüchern und Briefen. Die Attacken, die Karl Radek gegen die literarische Moderne ritt, werden, wenn überhaupt, dann als Kuriosum geschildert (und Klaus Mann setzt, wie wir gesehen haben, die Vision seiner Proust-lesenden Trambahnschaffnerin dagegen). Vom Alltagsleben in Moskau 1934 wird wenig berichtet, vom politischen Hintergrund war nichts wahrzunehmen – die Kennzeichen vom Ausbau der Stalinschen Diktatur gingen, nach einem Wort Klaus Manns, unter „im riesigen Geräusch des Aufbaus“.34 Der Terror war unsichtbar; deutlicher zeichnete sich im August 1934 dagegen schon der Personenkult Stalins aus – aber auch er bleibt (fast) unkommentiert. Dass die Autoren nichts 32 Brief an Isabella Grünberg (4.XII.1934), in: Oskar Maria Graf in seinen Briefen. Hrsg. von Gerhard Bauer und Helmut F. Pfanner, München 1984, S. 89 f. 33 Gustav Regler, zit. nach Ralph Schock: Gustav Regler. Literatur und Politik (1933–1940), Frankfurt a. M. 1984, S. 73. 34 Schmitt / Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 407. 86 Michael Rohrwasser mitbekommen, spiegelt sich schon in der anachronistischen Form des Reiseberichts, der auch jenseits des Kongresses eine Konjunktur erfährt – ob Gide, Graf, Feuchtwanger, Mann oder Regler: sie nahmen die Rolle des alten Reiseschriftstellers ein, der sich auf seine Sinne und seine Menschenkenntnis verließ. In den Berichten ist auch ein Gran Skepsis und Distanz zu finden, vor allem dort, wo die Literaturfunktionäre beschrieben werden. Aber einer Inszenierung wird von allen Glauben geschenkt: dem Traum der Teilhabe an historischer Größe, der Feier der eigenen Bedeutsamkeit, der Verkündung vom Ende des anonymen literarischen Markts. Die paradiesischen Versprechungen des Kongresses hießen Vereinigung mit dem Leser, politische Wirksamkeit des Schriftstellers und, last not least: gewaltige Auflagen. Dafür war man bereit, dem altmodisch-schulmeisterlichen Konzept des sozialistischen Realismus wie der Unterwerfung der Literatur unter das Prinzip der Nützlichkeit zu applaudieren und den Gastgeber Stalin zu feiern. Dass Stalin dabei über die Leichen nicht nur der unangepassten Autoren gehen würde, zeigte sich in den folgenden Jahren (einige Autoren waren schon verhaftet worden, darunter Victor Serge – dagegen wird ein Jahr später auf dem Pariser Kongress dann Protest erhoben, und an der Bekämpfung dieses Protests ließ sich schon erkennen, dass kritische Stimmen erfolgreich unterdrückt wurden). Grafs Kongreßbericht trägt den Titel „Die innige Verbindung des Schriftstellers mit der Masse“, der von Wieland Herzfelde heißt „Geist und Macht“. 1934 war es die Verbindung von Stalin und Gorki, in der die friedlich-romantische Einheit von Geist und Macht verkörpert schien, Stalin als Schirmherr nicht nur des Antifaschismus, sondern auch der Literatur.

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References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.