Vorwort in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (Ed.)

"Auf nach Moskau!", page 7 - 14

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-7

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
7 Vorwort 2017 war der hundertste Jahrestag der russischen Oktoberrevolution, Anlass genug, um dieses Ereignis, seine Ursachen und nationalen wie weltweiten Auswirkungen erneut in den Blick zu nehmen und zu reflektieren. Ein anderer runder Jahrestag des vergangenen Jahres nimmt sich neben diesem epochalen Umsturz eher unscheinbar aus: 80 Jahre zuvor war Lion Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 erstmals erschienen. Beide Jubiläen haben indes mehr miteinander zu tun, als es zunächst scheinen mag. Denn die Machtergreifung der Bolschewiki löste Erschütterungen aus, die in ganz Europa zur Stellungnahme nötigten. „Russland war durch das bolschewistische Experiment für alle geistigen Menschen das faszinierendste Land des Nachkrieges geworden“, wie Stefan Zweig 1944 resümierte, „ohne genaue Kenntnis gleich enthusiastisch bewundert wie fanatisch befeindet.“1 Feuchtwangers Russlandbuch schließt – noch einmal bewundernd und daher heute höchst umstritten – die Literatur dieser Faszinationsphase ab; damit endete eine ganze Ära, in der das Bild Sowjetrusslands und der Revolution maßgeblich von den „politischen Touristen“ geprägt worden war. Nach der Revolution dominierte im Westen zunächst die Hoffnung, ja Euphorie, wie folgende Antworten auf eine Umfrage der Zeitschrift Kras- 1 Stefan Zweig, Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers [1944]. Frankfurt a. M. 1952, S. 299. 8 naja Niwa vom November 1924 exemplarisch zeigen.2 So antwortete der französische Schriftsteller Jean-Richard Bloch: „Für alles, was lebt, für alles, was leben will, gilt seit dem Oktober ein neues Weltbild. Menschliches Denken, Kunst, Wissenschaft und Poesie haben nur eine Hoffnung. Diese richtet sich auf das System junger, auferstandener Kräfte, welches zum allgemeinen Wohl all dessen errichtet worden ist, das würdig ist, uns, in uns selbst und außerhalb von uns zu überleben.“ Von der niederländischen Schriftstellerin Henriette Roland Holst lesen wir über die russische Revolution: „Diese Revolution hat zum ersten Mal den breiten Volksmassen die Möglichkeit eröffnet, ihre eigenen kulturellen und schöpferischen Kräfte zu entfalten. Die neue Kultur wird nicht auf Genuss und Konsum aufbauen, sondern auf Produktion und Arbeit.“ Die Erwartungen der Künstler und Literaten richteten sich auf eine zukünftige bessere Weltordnung dank der revolutionären Erfahrungen des russischen Volkes, der Arbeiter und Bauer, die Intelligenzija nicht zu vergessen. „Es steht außer Zweifel, daß sie die Avantgarde der Kultur sein werden“, so der Publizist Arthur Holitscher, der „nach jahrhundertelanger Unterdrückung“ ein neues Zeitalter aufsteigen sah. Einer solchen Bewertung würde auch der Däne Martin Andersen Nexø zustimmen, der das Verdienst der Oktoberrevolution so beschrieb: „Die Weltkultur ist durch sie auf ihre Zeithöhe gekommen, die Entwicklung wird durch sie – eine Zeitlang – ihr natürliches, ruhiges Tempo einschlagen können.“ Für viele der Zeitgenossen, der westeuropäischen zumal, waren die erkämpften Errungenschaften damals zukunftsweisend. Nicht nur, was Politik oder Kultur betrifft, sondern auch, was die mentalitätsgeschichtliche Wirkung angeht. Es sei, davon zeigte sich Heinrich Mann überzeugt, die „seelische Auswirkung der russischen Revolution, daß hier im Westen nichts mehr selbstverständlich und gesichert fortlebt, und daß es keine geduldigen Gemüter, auch auf der Seite der Verteidiger keine, mehr gibt“. Mann zielte damit auf einen durchaus erwähnenswerten 2 Im Folgenden zitiert nach: „Das Bürgertum selbst weiß sich ausgezeichnet“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. November 2001. 9 Vorwort Mehrwert an romantischer, fast sentimentalischer Zustimmung, die den zentral politischen ein wenig in den Hintergrund zu drängen versuchte. Im Laufe der Zeit allerdings verblasste der Oktoberglanz. Schon die von Lenin eingeführte Neue Ökonomische Politik dämpfte den Überschwang merklich. Die Besucher waren genötigt, von den Höhen der gro- ßen Menschheitsversprechen herabzusteigen und den Fortschritt in den Niederungen des Alltags zu suchen. Sie fanden ihn zunächst vor allem im Wiederaufbau Moskaus und in der sozialen Fürsorge, die die Sowjetunion ihren Bürgern angedeihen ließ. Besonders zur Zeit der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre wurde die Sowjetunion noch einmal als leuchtendes Beispiel und Gegenmodell zum strauchelnden Kapitalismus wahrgenommen und von westlichen Beobachtern gefeiert, doch war dies schon eine ganz andere Utopie als die der Frühzeit. Bei Zwangskollektivierung, forcierter Industrialisierung und Planwirtschaft ging es nicht mehr um die Befreiung von alten Fesseln, sondern im Gegenteil um Zucht, Ordnung und Disziplin. Hinzu kamen der wachsende Konformitätsdruck und Terror, so dass sich zunehmend kritische Stimmen in den Chor der Bewunderer mischten. André Gide mit seinem Moskaubericht ist das prominestete Beispiel einer Revision des in linken Kreisen obligatorischen Beifalls. Was er vor Ort sah und erlebte, führte bei ihm zu einer Ernüchterung, die darzustellen er Freunden und Feinden nicht ersparen wollte. Seine Abrechnung mit der Sowjetunion schlug in der Sowjetunion, in Frankreich und bei den deutschen Exilanten dort hohe Wellen. Als Lion Feuchtwanger dann nach Moskau eingeladen wurde, war die Spannung groß. Feuchtwanger lieferte, was die Gastgeber erhofften – und provozierte einen Skandal, der bis heute nachwirkt. Der Kontrast zwischen diesem „pro-bolschewistischen“ Buch, wie Feuchtwanger es selbst bezeichnete, und der Wahrnehmung des Gasts als eines durchaus skeptischen Beobachters durch seine Dolmetscherin und andere Moskauer Gesprächspartner gab den Anstoß zu einer umfangreichen Dokumentation über die Reise und die Entstehung des Reiseberichts, 10 die der Göttinger Wallstein Verlag im vergangenen Jahr publizierte.3 Dieser Band wiederum war Auslöser und Anregung zu einem internationalen Symposium, das am 8. und 9. Dezember im Berliner LiteraturHaus stattfand und dessen Beiträge hier versammelt sind. Die Konferenz war sehr ertragreich, weil sie ganz unterschiedliche Perspektiven eröffnete und sich die Redner mit dem so ideologiebelasteten Thema der Reiseberichte und ihrer politischen bzw. moralischen Bewertung sachlich, auch kontrovers, in jedem Fall kenntnisreich auseinandersetzten. Auch erwies sich das Konzept der Veranstaltung als tragfähig, ausgehend von der Kontroverse Gide – Feuchtwanger auch die Vorgeschichte(n) und Alternativen bis zurück in die 20er Jahre einzubeziehen. Das punktuelle Ereignis und der einzelne Text erhielten ihren Ort im großen Bogen von 1917 bis 1937. Zur Einführung in das Thema des Symposiums skizzierten Anne Hartmann und Inka Zahn die wichtigsten „Phasen der Russlandfaszination“ in diesem Zeitraum und arbeiteten dabei die Unterschiede zwischen den deutschen und französischen „Pilgern zum Roten Stern“ heraus. Bemerkenswert ist nicht nur, wie sich die Anziehungskraft der Sowjetunion wandelte, sondern auch, wie stark bei allen länderübergreifenden Gemeinsamkeiten des linken oder rechten Lagers die eigene geschichtliche Tradition, etwa der Hintergrund der Französischen Revolution, die Wahrnehmung lenkte. Michael David-Fox brachte einen anderen, oft vernachlässigten Aspekt in die Diskussion ein: Er befasste sich mit den „Soviet approaches to intellectuals“, d.h. den Instrumenten der sowjetischen Kulturdiplomatie und den „Stalinist Westernizers“, die als Vermittler zwischen der Sowjetunion und dem Westen fungierten. Anstelle des Vortrags, der uns als Text nicht zur Verfügung stand, konnten wir einen alternativen Beitrag von David-Fox in den vorliegenden Band aufnehmen, der sich ebenfalls mit den sowjetischen Demarchen und Kulturvermittlern befasst und zudem 3 Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.“ Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation (akte exil. neue folge. Hrsg. von Hermann Haarmann), Göttingen 2017. 11 Vorwort auf die höchst unterschiedliche Sicht auf Stalin bei westlichen Intellektuellen abhebt. Wie verändert sich die Perspektive, wenn sich der Besucher, wenn auch unfreiwillig, als Emigrant wiederfindet, und das im Moskau der 1930er Jahre? Dieser Frage geht Christoph Hesse am Beispiel von Ervin Sinkós „Moskauer Tagebuch“ nach, das ein ebenso seltenes wie sensationelles Zeitdokument ist. Mit seinen Buch- und Filmprojekten blieb Sinkó in der UdSSR erfolglos – umso glücklicher der Umstand, dass er das Land noch verlassen und uns seinen Roman eines Romans hinterlassen konnte. Der Moskauer Schriftstellerkongress von 1934 war neben dem Pariser Kongress von 1935 die wohl letzte große Werbemaßnahme, mit der die Sowjetunion Sympathisanten für ihre neue Bündnispolitik im Zeichen der Volksfront gewinnen wollte; durchaus mit Erfolg. Welche Attraktion die Verheißungen des Kongresses für die deutschen Autoren hatte, ja mit welcher Euphorie die meisten reagierten, rekonstruiert Michael Rohrwasser in seinem Beitrag: In dieser Gesellschaft schien ein „ungeheures Interesse für Literatur zu herrschen“ (Klaus Mann) und die Gefahr der eigenen Bedeutungslosigkeit gebannt zu sein. Falko Schmieder geht den ”Dreams of a better life“ nach, denen Ernst Bloch anhing. Erstaunlicherweise verband er sie lebenspraktisch nicht mit der Sowjetunion. Bloch emigrierte nach Westen. Das kapitalistische Exilland Amerika diente ihm als Fixpunkt für sein utopisches Denken. Bloch folgte 1949 einem Ruf in die DDR, wo er jedoch 1957 in Ungnade fiel. Wie die DDR mit ihren Kritikern umsprang und mit welchen Tabus sie ihr heikles, sprich stalinistisches Erbteil sicherte, beschreibt Manfred Jendryschik in seinem sehr persönlichen Essay – aufgrund eigener Erfahrung als Leser, Zeitgenosse, Autor, Verlagslektor und Herausgeber. Für die Veröffentlichung von Trude Richters Bericht über ihre Odyssee durch Stalins Gulag, eine Herzensangelegenheit von Jendryschik, war die Zeit über Jahrzehnte „noch nicht reif“, wie Kurt Hager entsprechende Anfragen beschied. Er erschien erst 1990. Am zweiten Tag des Kongresses standen mit André Gide und Lion Feuchtwanger die beiden prominententesten Sowjetunionbesucher Mitte der 1930er Jahre und ihre Reiseberichte im Mittelpunkt. Inka Zahn stellt 12 André Gides Retour de l’U.R.S.S. als „Bericht einer Desillusionierung“ vor und untersucht die Faktoren, die zu seiner Enttäuschung führten. Im Falle Feuchtwangers ist hingegen zu fragen, warum er an seiner Voreinstellung, seiner Vision der Sowjetunion festhielt, trotz besserer Einsicht vor Ort, wie die Berichte seiner Dolmetscherin belegen. Damit befasst sich der Beitrag von Anne Hartmann, die zudem vorschlägt, Moskau 1937 erneut zu lesen als Text, der abgründiger ist, als es die oft polemischen Verrisse nahelegen. Ian Wallace spitzte, am Anfang des Abschlusspanels, die Problematik dieses berühmt-berüchtigten Reiseberichts auf erfrischende, die Diskussion herausfordernde, einander ebenso widersprechende wie ergänzende Thesen zu. Die anschließende Debatte über die Vorträge wie auch die folgende Podiumsdiskussion (mit Michael David-Fox, Reinhard Müller und Wilfried Schoeller; Moderation: Michael Rohrwasser), die im Anhang zum vorliegenden Bandes dokumentiert ist, waren überaus lebhaft und erkenntnisreich. Noch einmal ging es – viele Aspekte der Vorträge aufnehmend – um das Verhältnis von Text und Kontexten, den Wunsch nach Versöhnung von Geist und Macht, den „Verrat der Intellektuellen“ und ihre Beweggründe, sowjetische Kulturdiplomatie, ihre Akteure und Instrumente und schließlich um uns und die Fragen, die sich künftige Forschung stellen müsste und sollte. Reden und Widerreden gaben Reinhard Müller den Anstoß, sich noch einmal grundsätzlich mit dem Zusammenhang von „freiwilliger Blindheit und organisierter Verblendung“ bei den „Freunden der Sowjetunion“ zu befassen. Sein gewichtiger Nachtrag zur Konferenz ist ebenfalls im Anhang dieses Bandes wiedergegeben. * Wir, die Initiatoren der Tagung Auf nach Moskau!, wollen nicht schließen, ohne Dank zu sagen für die Unterstützung, die uns bei deren Durchführung zuteil wurde. Zu nennen sind die Stiftung Preußische Seehandlung, der Verein Villa Aurora and Thomas Mann House, das LiteraturHaus Berlin und nicht zuletzt die Freie Universität Berlin. Ein besonderes Dankeschön geht an den Berliner Schauspieler Hermann Beyer, der am er- 13 Vorwort sten Abend aus Moskau-Texten las unter großem Zuspruch des zahlreich versammelten Publikums. In unseren Dank eingeschlossen sind darüber hinaus Lukas Laier für Transkription, Christoph Rosenthal und Patrick Vosen für technischen Support bei der Herstellung der Druckvorlage. Hermann Haarmann, Anne Hartmann

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Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.