Christoph Hesse, Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur: Ervin Sinkó in Moskau in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (Ed.)

"Auf nach Moskau!", page 51 - 74

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-51

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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51 Christoph Hesse Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur: Ervin Sinkó in Moskau Anderthalb Jahre früher als Lion Feuchtwanger, im Mai 1935, trifft er in Moskau ein. Auch er ist Gast der Allunionsgesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland, kurz WOKS; ein von ferne verheißungsvoller, doch längst kein berühmter Schriftsteller, den man darum zwar für nicht nur sowjetische Verhältnisse sehr komfortabel empfängt, jedoch weder mit Ehrbezeugungen zu beeindrucken sucht, noch mit gespannter Erwartung auf Schritt und Tritt verfolgt. Übrigens reist er nicht allein. Eingeladen ist, wenngleich eher zufällig, auch seine Frau, Ärztin von Beruf, mit der gemeinsam er sich von Frankreich auf den Weg macht. Acht Tage dauert die Überfahrt auf einem sowjetischen Kohlendampfer von Rouen nach Leningrad. Ob die beiden nach ihren letzten Exilstationen Wien und Paris in Moskau eine neue finden werden, ist ungewiss, ihre Hoffnung fast so groß wie die Neugierde. Die Einladung erstreckt sich auf nur einen Monat. In dieser Zeit soll sich entscheiden, ob er von seiner Arbeit als Schriftsteller in der Sowjetunion leben kann. Ihre zunächst ganz unbeachteten Kenntnisse der Röntgenologie, stellt sich dort heraus, werden dringend benötigt. Seine Pläne scheitern allesamt. Als die beiden die Sowjetunion nach schließlich bald zwei Jahren verlassen müssen, versammelt sich keine Delegation am Weißrussischen Bahnhof, um sie zu verabschieden; Gäste sind sie schon lange 52 Christoph Hesse nicht mehr. Noch unauffälliger verschwindet unterdessen ein Tagebuch, das er auf der Überfahrt im Frühjahr 1935 beginnt und bis zum Winter 1936 in Moskau fortführt. Publiziert wird es, von ihm selbst ergänzt und kommentiert – und aus dem Ungarischen ins Serbokroatische übertragen –, erst zwei Jahrzehnte später, und zwar in Jugoslawien, wo der seit 1919 Umhergeschubste sich schließlich niederlässt.1 Bald darauf erscheint, mit einem Vorwort von Alfred Kantorowicz, eine Übersetzung jener Übersetzung des Moskauer Tagebuchs: Ervin Sinkós bisher einzige Veröffentlichung in deutscher Sprache; und ein Zeugnis des sowjetischen Exils, dem in dieser Sprache nichts Ebenbürtiges zur Seite zu stellen ist.2 * Als er im Januar 1935 auf einem Pariser Postamt einen Expressbrief aus der Schweiz entgegennehmen will, gelingt ihm das nur nach einiger Überredung, denn in den Papieren, mit denen er sich zu diesem Zweck ausweisen muss, steht ein anderer Name als auf dem Briefumschlag. Der weitaus klangvollere Name des Absenders, Romain Rolland, wird ihm bald ganz andere Türen öffnen. Geboren wird er 1898 als Franz Spitzer in einem Provinzstädtchen in der Vojvodina, die damals zu Österreich-Ungarn und heute zu Serbien gehört. Sein Lebensweg, der ihn aus einer bürgerlichen Familie durch einen nie dagewesenen Weltkrieg hinein in einen noch reichlich abenteuerlichen Kommunismus führt, ist keineswegs außergewöhnlich in jenen Jahren, da die Ordnung mindestens eines Zeitalters über den Haufen geworfen wird. Wer auch keinen nom de plume benötigt, legt sich einen nom de guerre zu. Nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution, die ihm 1919 für kurze Zeit eine Anstellung im Volkskommissariat für Unterrichtswesen verschafft, muss er Budapest verlassen, lebt fortan in Novi Sad, in Wien, ab 1 Ervin Šinko, Roman jednog romana. Bilješke iz moskovskog dnevnika od 1935 do 1937 godine, Zagreb 1955. 2 Ervin Sinkó, Roman eines Romans. Moskauer Tagebuch 1935–1937, Köln 1962 (Neuauflage: Berlin 1990). 53 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur 1932 in Paris. Dorthin kehrt er nach dem Aufenthalt in Moskau noch einmal zurück, ehe er nach Zagreb übersiedelt. Im Zweiten Weltkrieg schließt er sich Titos Partisanen an. Danach, im nunmehr sozialistischen Jugoslawien, das diese Errungenschaft jedoch nicht dem Durchmarsch der Roten Armee verdankt und sich der von der Sowjetunion beanspruchten Oberhoheit über die sozialistischen Staaten widersetzt, beruft man ihn auf eine Professur für ungarische Literatur. Das unsichere Leben ist damit endlich vorbei, mithin allerdings auch die lange gehegte Hoffnung, als Schriftsteller leben zu können. In Deutschland, wo man sein Pseudonym kaum einmal richtig ausspricht, ist Ervin Sinkó bis heute weithin unbekannt; obschon zumindest eines seiner sonst nur auf ungarisch und serbokroatisch publizierten Werke, vielleicht das unverhofft bedeutendste, in deutscher Übersetzung vorliegt. Weder in Frankreich noch in Russland erscheint je ein Buch von ihm, von der angelsächsischen Welt, die er selbst nie kennenlernt, gar nicht zu reden. Auch über ihn schreibt man nichts. Und es lässt sich nicht einmal behaupten, dass er in Vergessenheit geraten wäre. Der vielversprechende Ruf, der dem zuvor namenlosen Schriftsteller im Frühjahr 1935 dank der Fürsprache des weltberühmten und zumal in der Sowjetunion hochgeschätzten Romain Rolland plötzlich von Paris bis Moskau vorausschallt, ehe er ebenso rasch wieder verklingt, bezieht sich auf einen Roman, den fast niemand gelesen hat – und den in einer da noch fernen Zukunft auch nur wenige lesen werden. Optimisták, ein historischer Roman über die ungarische Revolution am Ende des Ersten Weltkriegs, den Sinkó 1934 in Paris abschließt, ist außerhalb Ungarns und der Länder des einstigen Jugoslawiens allenfalls vom Hörensagen bekannt, da exklusiv in zwei Sprachen publiziert, die fast nur als Muttersprachen gesprochen und von kaum einem Fremden gelesen 54 Christoph Hesse werden.3 Eine Übersetzung ins Deutsche4, die M. (so nennt er seine ansonsten geheimnisumwitterte Frau) damals anfertigt, gelangt über die bloße Aussicht auf Verhandlungen mit Schweizer Verlegern nicht hinaus; sofern nicht unterwegs verlorengegangen, mag auch dieses Manuskript noch heute irgendwo in Zagreb liegen, wo der Autor 1967 stirbt (einen unter seinem Namen archivierten Nachlass gibt es dort nicht). Zur selben Zeit überträgt ein Freund, der mit einer Französin verheiratete Maler László Ney, probeweise einige Kapitel ins Französische. Ein paar Seiten erscheinen im April 1935 sogar als Vorabdruck in der Zeitschrift Europe. Viel wichtiger aber ist, dass durch die Vermittlung des Grafen Mihály Károlyi, eines Sympathisanten der ungarischen Revolution, der nun in recht bescheidenen Verhältnissen im Pariser Exil lebt, der da beinahe siebzig Jahre alte Romain Rolland jene Kapitel zu lesen bekommt und auch tatsächlich liest. Wenngleich er Sinkó unter den gegenwärtigen Umständen nur wenig Hoffnung machen kann, dass selbst mit besten Empfehlungen ein französischer Verlag sich auf die Veröffentlichung eines Romans von tausend Seiten einlassen würde, so bereitet er ihm statt dessen, völlig unerwartet, einen Weg nach Moskau. Rolland seinerseits besucht die Sowjetunion 1935 auf Einladung Maxim Gorkis und wird dort auch von Stalin persönlich empfangen.5 Die Reputation, die er als ein international renommierter Freund der Sowjetunion genießt, mag man kaum überschätzen. Er also arrangiert ein Treffen zwischen Sinkó und Alexander Arossew, dem Leiter der WOKS, der sich 3 Der Roman erscheint zuerst in serbokroatischer Übersetzung 1954 in Zagreb (Optimisti. Roman jedne revolucije), im ungarischen Original 1965 in Budapest (Optimisták. Történelmi regény 1918/19-ből). 4 „Ins Deutsche? Im Jahre 1934, als man in Deutschland selbst bereits gedruckte Werke, falls sie etwas taugten, auf den Scheiterhaufen warf? Einen ungarischen Roman ins Deutsche übersetzen, als ein Heer von deutschen Schriftstellern mit in ganz Europa bekannten Namen, in die Emigration getrieben, nicht einmal mit Originalmanuskripten etwas anfangen konnte? […] Meine Frau beantwortete diese Argumente schlicht damit, daß es auf jeden Fall leichter wäre, auf der großen Welt jemanden zu finden, der Deutsch lesen konnte, als einen, der auch Ungarisch verstand.“ (Sinkó, Roman eines Romans, S. 13. Die Einleitung, aus der hier zitiert wird, fügt Sinkó erst später hinzu, als er sich entschließt, parallel zur Publikation des Romans auch diesen Roman eines Romans zu veröffentlichen.) 5 Dazu in den Nachträgen zu Sinkó, Roman eines Romans, S. 429–434. 55 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur zufällig gerade in Paris aufhält. Dieser wiederum bittet Sinkó zu einem Gespräch in die sowjetische Botschaft und versichert ihm, der Roman, den er selbst nicht gelesen habe, werde auf Grund der „Empfehlung Romain Rollands im Moskauer Staatsverlag auf russisch und gleichzeitig in der Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR in mehreren europäischen Sprachen erscheinen.“6 Zu diesem Zweck solle Sinkó, gemeinsam mit seiner Frau, die bei dem Gespräch ebenfalls zugegen ist, am besten selbst nach Moskau fahren und alles Nötige dort besprechen. Eine Einladung, deren überwältigende Wirkung auf in ständiger Sorge lebende Exilanten man vielleicht nur erahnen mag.7 Die Optimisten, diesen Titel findet Rolland, der von der aufrichtigen Darstellung der Menschen und Ereignisse so hingerissen ist, dass er sich gar durch die bisher nur ins Deutsche übertragenen Kapitel hindurchquält, unpassend. Doch Sinkó hält daran fest: entscheidend nicht das niederschmetternde Resultat der Geschichte, sondern die einst hochfliegenden Erwartungen derer, die unversehens in sie hineingezogen werden. Eine andere Empfehlung nimmt er sich indes zu Herzen. In der Sowjetunion, so schreibt ihm Rolland in einem letzten Brief kurz vor der Abreise, müsse man „gemeinsam mit den Arbeitern arbeiten, mit den Baumeistern aufbauen – und, für lange Zeit, die verneinende Kritik beiseite lassen.“8 An 6 Ebd., S. 32 (Einleitung). 7 „Wir haben beide das gleiche Gefühl“, notiert Sinkó nach der Ankunft in einem Leningrader Hotel, „ein Gefühl der Ergriffenheit und Verwunderung darüber, daß das alles Wirklichkeit ist, wahrhaftige Wirklichkeit, daß es ein Land auf der Erde gibt, wo wir so aufgenommen werden wie hier.“ (Ebd., S. 73.) Das Entzücken währt jedoch nicht lange. Vier Monate später schreibt er: „Ausgerechnet ich muß dauernd in der Fremde leben, als wäre ich ein Tourist, ich, der ich nur als Tourist nirgendwo leben kann. Ist es nicht paradox, dieses Schicksal? Ist es nicht die Paradoxie selbst, die mir seit 1919 wie ein Schicksal über den Kopf gewachsen ist?“ (Ebd. S. 282.) 8 Romain Rolland an Ervin Sinkó, 1. Mai 1935, zitiert ebd., S. 48. – Panait Istrati, der voller Zuversicht 1927 in die Sowjetunion reist, ist von den politischen Umgangsformen sogar der Kommunisten untereinander schon damals so abgeschreckt, dass er zur Warnung seiner Freunde und Genossen ein Buch schreibt: Vers l’autre flamme (Auf falscher Bahn, 1929). Rolland, seit Jahren ein Förderer des aus Rumänien nach Paris gekommenen Schriftstellers, wendet sich daraufhin von ihm ab. 1936 attackiert Rolland auch André Gide wegen dessen Büchlein über die Sowjetunion., worauf dieser gleich zu Eingang seiner darauf folgenden Retuschen bemerkt, der Autor von „Au-dessus de la mêlée“ (Über den Schlachten, 1915) würde wohl über den gealterten Rolland recht streng urteilen (André Gide, Retour de l’U.R.S.S. suivi de Retouches à mon Retour de l’U.R.S.S., Paris 1978, S. 95). 56 Christoph Hesse dieses Gebot wird Sinkó sich noch bis 1948 halten, wie er später erklärt,9 nicht aus strategischer Überlegung, sondern aus Respekt vor Rolland, der seinen Glauben an das Werk der sowjetischen Baumeister erst verliert, als der größte unter ihnen mit Hitler handelseinig wird. Insgeheim aber schreibt Sinkó ohne solche Rücksicht Tag für Tag oder vielmehr Nacht für Nacht auf, was ihm in Moskau begegnet.10 * Du lieber Gott! Es gibt unter den 200 Millionen Einwohnern der Sowjetunion keinen zweiten Idioten, der Tagebuch führen würde!“ sagte damals in Moskau verblüfft ein ungarischer Genosse, als er von der Existenz des Tagebuchs erfuhr. Er fügte sofort hinzu: „Ich möchte Sie nur darum bitten, meinen Namen weder zu meinen Lebzeiten noch nach meinem Tode irgendwie im Zusammenhang mit Ihrem Moskauer Aufenthalt zu erwähnen.11 Samuel Pepys, der dadurch als Chronist postum berühmt gewordene Sekretär der Königlichen Marine, verfasst seine Tagebücher im London des 17. Jahrhunderts nicht nur im Stil nüchterner Überlegenheit, gleichviel, ob von Politik oder Sex die Rede ist, sondern auch in einer von ihm selbst erfundenen Geheimschrift, die erst im 19. Jahrhundert vollständig entziffert werden kann, als seine Enthüllungen nur mehr historisches Interesse beanspruchen. Solche Vorsichtsmaßregeln kommen Sinkó nicht in den Sinn. Auch die ziemlich rare Sprache, in der er sein Tagebuch führt, böte ihm keinen Schutz, denn die Genossen aus Budapest, so sie noch leben und in der Partei etwas zu melden haben, residieren bereits alle in Moskau. Die Unbefangenheit, mit der er ausführlich genau und in bisweilen höchster Erregung beschreibt, was er tagaus, tagein beobachtet und was er darüber denkt, verleiht seinen Aufzeichnungen eine Qualität, wie sie später nie- 9 Sinkó, Roman eines Romans, S. 48. 10 Denn „man sollte die Schreibhefte mit solchen Aufzeichnungen rechtens ‚Nachtbücher‘ nennen“, bemerkt Kantorowicz in seinem Vorwort (S. VI). 11 Ebd., S. 12. 57 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur dergeschriebene Erinnerungen, ungeachtet ihrer sonstigen Qualität, nicht erreichen können. Als literarisches Genre kommt das Tagebuch in der Sowjetunion jener Jahre fast so selten vor wie der Kriminalroman. Ein ungeschriebenes Gesetz schreibt vor, nichts aufzuschreiben, was mit einem eigenen Gedanken auch nur verwechselt werden könnte. Was immer einer publiziert, gestaltet er in vorgefertigtem Kanzleistil nach Maßgabe dessen, was in der Zeitung als richtig verkündet wird. Briefe, die unvermeidlich mal geschrieben werden müssen, verfasst man in möglichst unverfänglicher Diktion. Wer auf Privates zu sprechen kommt, beschränkt sich auf Banales, jeder weiß: das Postgeheimnis hütet die Polizei. Ein Tagebuch, in dem jemand sich selbst Rechenschaft ablegt über Beobachtungen und Erlebnisse, die er so zu verarbeiten sucht oder nur festhält, um später einmal darauf zurückzukommen, brächte den Autor entweder in Gefahr, da es bei einer jederzeit möglichen Durchsuchung entdeckt werden kann, oder ergäbe, wenn er sich an die Regeln der Briefkorrespondenz hielte, keinen Sinn. Gleiches gilt damals für die Memoirenliteratur, die seit der Revolution ohnehin im Ruch bürgerlicher Sentimentalität steht. Ausgerechnet der als linker Abenteurer angesehene Trotzki entdeckt dieses Genre wieder, als man ihn aus der Partei und damit aus der in der Sowjetunion einzig legitimen Form der Politik ausschließt. „Unsere Zeit ist reich an Memoiren, vielleicht reicher als jede frühere“, erklärt er eingangs seiner Autobiographie, die er 1928 in Alma-Ata zu schreiben beginnt und im folgenden Jahr auf der Insel Prinkipo abschließt. „Das kommt daher, daß es viel zu erzählen gibt.“12 Was sicherlich auch für das Land gilt, aus dem man ihn soeben 12 Leo Trotzki, Mein Leben. Versuch einer Autobiographie, Frankfurt a. M. 1961, S. 5. – Bei S. Fischer, damals noch in Berlin, erscheint 1929 auch die deutsche Erstausgabe. So findet sich der von Stalins Partei verleumdete, in der übrigen Welt jedoch noch immer gefürchtete und gleichermaßen bewunderte Revolutionär als Schriftsteller in einem respektablen bürgerlichen Verlag wieder. Wie um diese Ironie zu verdeutlichen, bringt er im selben Jahr einen Traktat über die permanente Revolution heraus. „Und doch glaube ich“, notiert er später, am 23. März 1935, in sein Tagebuch, „daß meine gegenwärtige Arbeit, so ungenügend und fragmentarisch sie auch sein mag, die bedeutendste Leistung meines Lebens darstellt, wichtiger als meine Tätigkeit im Jahre 1917, wichtiger als die Arbeit in der Zeit des Bürgerkriegs usw.“ (Leo Trotzki, Tagebuch im Exil, München 1983, S. 52.) 58 Christoph Hesse hinausgeworfen hat, nur käme dort niemand auf die Idee, es unverblümt zu sagen, geschweige denn aufzuschreiben. „Wer Altes aufrührt, ist ein schlechter Geselle“, dieses russische Sprichwort zitiert Stalin um dieselbe Zeit, da Sinkó nach Moskau kommt.13 Vergangenes, lehrt man ihn dort, und zwar mit besonderem Hinweis auf den historischen Roman, den er veröffentlichen möchte, muss entlang der gegenwärtig gültigen Parteilinie sortiert werden, von der man aber schlechterdings nicht weiß, in welche Richtung sie morgen abbiegt. „War es vielleicht mein Fehler, nicht begreifen zu können, daß in einem Land, in dem die Revolution bereits gesiegt hatte, […] sich auch der Typus des Revolutionärs ändern mußte?“14 Die im sowjetischen Exil auf unbestimmte Zeit festsitzen, üben sich in einer Disziplin, die dem Neuankömmling, so er sich noch einen Rest geistiger Autonomie bewahrt hat, ebenso unbegreiflich bleibt wie der Unterschied zwischen Kritik und „Selbstkritik“, die nämlich nichts anderes bedeutet, als sich einer immer unangreifbareren Macht zu unterwerfen, die ihrerseits keine Kritik duldet. In der Sowjetunion, stellt Sinkó nach kaum einem Monat fest, „besteht die Aufgabe des Revolutionärs in weitestgehendem Konformismus. Ob ich zu dieser inneren Wandlung jemals fähig sein werde?“15 In den vor einigen Jahren erst publizierten Tagebüchern Georgi Dimitroffs werden solche naiven Fragen nicht gestellt. Erstaunlich genug, dass jemand in so gefährlich hoher Position überhaupt Tagebuch führt. Wo Sinkó rastlos beschreibt, was er hört und sieht, und darin zugleich einen Sinn zu entdecken sucht, geben Dimitroffs kaum schon prosaisch zu nennende Notizen in knappen Worten streng Vertrauliches aus Unterredungen mit Stalin wieder.16 Zeugen jene Aufzeichnungen von Kühn- 13 Josef Stalin, Rede im Kremlpalast vor den Absolventen der Akademie der Roten Armee, in: Ders., Fragen des Leninismus, Berlin 1951, S. S. 591. 14 Sinkó, Roman eines Romans, S. 93. 15 Ebd., S. 116. 16 Am 11. Februar 1937 z.B. habe Stalin ihm, dem Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale, ins Gesicht gesagt: „Ihr alle dort in der Komintern arbeitet dem Feind in die Hände…“ (Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933–1943, 2 Bände, hrsg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000, Band 1, S. 149.) 59 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur heit und Rechtschaffenheit ebenso wie von unvorsichtigem Leichtsinn, so diese von einer nicht minder beeindruckenden Selbstsicherheit. Die Unsicherheit aber, die Sinkó umtreibt, resultiert aus Neugierde, Irritation und aufrichtiger Überlegung, nicht aus Angst, die durch desto entschlossenere Identifikation mit der Macht gebannt werden müsste. Die wundersamen Wandlungen der Wirklichkeit lassen sich erst aus einer Distanz wirklich beobachten, wie er sie mit Stift, Papier und Schreibtisch zwischen sich und ihr stets aufs neue aufbaut. Ein solches, wie aus alter Gewohnheit herrührendes und übrigens originär künstlerisches Verhalten ist den meisten Schriftstellern im sowjetischen Exil abhanden gekommen. Wie um sich selbst zu diesem Verlust zu beglückwünschen, weisen sie es als bürgerliche Marotte weit von sich. Auch wenn sich bald herausstellt, dass es nicht einmal eines noch so dürftigen Beweises bedarf, um als Volksfeind überführt zu werden, so möchte doch niemand den geringsten Grund dazu liefern. Was damals ahnungsvoll beschwiegen oder verdrängt werden muss, offenbaren einige der Davongekommenen etliche Jahre später. Im Unterschied aber zu Memoiren, die einem Gelegenheit geben, die Wucht der Ereignisse zu mildern und auch den eigenen Anteil daran neu zu justieren, vermittelt das Tagebuch einen nahezu unmittelbaren Eindruck des augenblicklichen Geschehens. Denn in Wirklichkeit ist die sagenhafte Eule der Minerva in der Dämmerung selten schon imstande, die Beobachtungen eines Tages zu begreifen. In einem Tagebuch legt jemand Zeugnis ab von objektiv kaum Vergangenem, das er auch subjektiv längst nicht bewältigt hat. Neben aller gebotenen Vorsicht mag die Ratlosigkeit ein Grund dafür sein, dass einer es vermeidet oder bald aufgibt, die eigene Lage Tag für Tag zu beschreiben; diesen Eindruck gewinnt man etwa bei der Lektüre der Tagebücher, die der Sinkó noch aus dem Budapester „Sonntagskreis“ um Georg Lukács bekannte Béla Balázs im sowjetischen Exil zu schreiben beginnt und jedesmal wieder abbricht.17 17 Die beiden kleinen Tagebücher, die Balázs in der Sowjetunion schreibt, das erste im Jahr 1932, das zweite 1940, sind bisher nicht veröffentlicht. Ersteres ist in der Handschriftenabteilung der Ungarischen Nationalbibliothek in Budapest überliefert, letzteres im Nachlaß Béla Balázs in der Ungarischem Akademie der Wissenschaften, ebenfalls in Budapest. 60 Christoph Hesse Die Frage, warum auch Sinkó sein da bereits sehr umfangreiches Tagebuch gegen Ende November 1936 abbricht, viereinhalb Monate vor seiner Abreise, beantwortet er selbst: In diesen letzten Monaten in Moskau begriff ich sehr wohl, weshalb seinerzeit mein ungarischer Freund die Hände über dem Kopf zusammenschlug und mich so erstaunt ansah, als er erfahren hatte, daß ich meiner begnadeten oder verdammten Einfalt – in Moskau! – Tagebuch führte. In der letzten Zeit brachte ich es nicht fertig, im Tagebuch weiter zu notieren, was ich sah und hörte – von dem, was ich dachte, ganz zu schweigen.18 Angst habe ihm jedoch nicht so sehr die allgegenwärtige politische Polizei, vielmehr die schon aus dem Wiener und Pariser Exil bekannte Armut bereitet, die dem Schriftsteller ebenso in Moskau droht, wenn nirgends mehr eine Zeile von ihm gedruckt wird. Ob sich alles, was Sinkó in seinem Tagebuch beschreibt, wirklich und wahrhaftig so zugetragen hat, mag dahinstehen; glaubwürdig ist seine Darstellung allemal. Dass er die Aufzeichnungen aus Moskau, als er sie zur Publikation vorbereitet, nicht nur ergänzt und kommentiert (und wo er dies tut, nachträgliche Erläuterungen als solche ausweist), sondern sie selbst auch redigiert, verheimlicht er nicht. Manchmal müsse er als Herausgeber „das Wort auch deshalb übernehmen, weil im Tagebuch einiges nur in Stichworten festgehalten ist“, zudem „jene Einzelheiten weglassen, die heute noch lebende Personen, die eine öffentliche Funktion ausüben, gefährden könnten.“19 Auf der Überfahrt nach Leningrad schreibt er, seine Frau sei wegen seiner „impressionablen Natur“20 um ihn besorgt. Vielleicht ist es genau diese von ihr diagnostizierte Natur, die ihn zum Verfasser eines solchen Tagebuchs bestimmt. Einige technische Schwierigkeiten des Unterfangens sieht er da schon voraus: „Der Versuch, intensive Erlebnisse unmittelbar im 18 Sinkó, Roman eines Romans, S. 396. 19 Ebd., S. 84 f. 20 Ebd., S. 68. 61 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur Erleben in Worten festzuhalten, gehört zu jenen Vorhaben, die am schwersten zu verwirklichen sind“, notiert er an Bord der Witebsk am 10. Mai 1935. „Weiter zurückliegende Ereignisse zu beschreiben, ist eine Sache; die lebendige Wirklichkeit zu fixieren, wenn einen das Leben so sehr gefangennimmt wie mich hier und sich sozusagen zwischen das Schreiben und die lebendige Wirklichkeit stellt, ist eine andere Sache.“21 Am nächsten Tag, nunmehr an Bord der Tschapajew, denn dasselbe Schiff hat soeben den Namen eines Helden des Bürgerkriegs bekommen, überzeugt er sich „immer mehr davon, wie hoffnungslos mein Wettlauf ist. Meine Aufzeichnungen können mit dem Aufzuzeichnenden nicht mehr Schritt halten.“22 * „Während seiner Moskauer Laufbahn“, urteilt Sinkó rückblickend, habe das Manuskript des Romans „seinem Verfasser einen Allgemeinzustand, einen Mechanismus sichtbar [gemacht], der damals noch – auch das gehört mit zum Wesen des Systems – eifersüchtig und ängstlich verheimlicht wurde.“ Er selbst habe lange Zeit nicht erkennen können, „was seine Erfahrungen bedeuteten, die er dank dem Manuskript machte und die weit interessanter und wichtiger waren als das Schicksal des Manuskripts selbst.“23 Bei seinem als Roman eines Romans betitelten Tagebuch handle es sich, wie er betont, um den „Moskauer Roman eines Romans. Heute schon läßt sich feststellen, daß das Manuskript der ‚Optimisten‘ in einem historischen Augenblick nach Moskau gelangte: Tiefgreifende Umwälzungen beginnen das gesamte innere Leben der Sowjetunion zu erfassen.“24 Selbst scheinbar „rein autobiographische Mitteilungen“ seien „darüber hinaus Spiegelungen eines weit allgemeineren Zustandes. Insofern können sie als persönliche und als Zeitdokumente gelten.“25 21 Ebd., S. 65. 22 Ebd., S. 69. 23 Ebd., S. 78 f. 24 Ebd., S. 79. 25 Ebd., S. 80. 62 Christoph Hesse In Brechts Flüchtlingsgesprächen erklärt Ziffel: „Die schärfsten Dialektiker sind die Flüchtlinge. Sie sind Flüchtlinge infolge von Veränderungen und sie studieren nichts als Veränderungen. Aus den kleinsten Anzeichen schließen sie auf die größten Vorkommnisse, das heißt, wenn sie Verstand haben.“26 Den allerdings kann man infolge schier unbegreiflicher Veränderungen schnell verlieren, zumal in der Sowjetunion, die Brecht lieber zügig durchquert. Dort, erinnert sich Sinkó, folgte in den Jahren von 1935 bis 1937 eine „Überraschung“ der anderen. Wer diese Jahre in Moskau verbrachte, mußte sehen, konnte mit eigenen Augen verfolgen, wie von dem, was man ihm bei seiner Ankunft 1935 noch als organischen Bestandteil des Sowjetlebens präsentiert hatte, fast täglich etwas abbröckelte und wie sich etwas gänzlich anderes herausbildete und Gestalt annahm als das, was gestern noch von Amts wegen als Ideal angepriesen wurde.27 Einer der wenigen Freunde, die Sinkó in Moskau findet, ist kurioserweise Alfred Kurella, ebenfalls ein Exilant, der aber im Unterschied zu ihm als fest etabliert gelten darf; bis zum Frühjahr 1935 ist er als Dimitroffs persönlicher Sekretär angestellt. Im Gegensatz zu Sinkó bringt er jeder Maßnahme der sowjetischen Regierung größtes Verständnis entgegen und sucht ihn darum ein ums andremal von der Richtigkeit noch des widersinnigsten Manövers zu überzeugen.28 Kurella verbürgt sich sogar in den de- 26 Bertolt Brecht, Gesammelte Werke in 20 Bänden, Frankfurt a. M. 1967, Band 14, S. 1462. 27 Sinkó, Roman eines Romans, S. 79. 28 Ein Beispiel: „Seitdem wir hier sind, wird die Restauration der Familie, der Ehe, propagiert. […] Ich finde die Art, wie jetzt hier die Mutterheldinnen – eigentlich Mütter beziehungsweise Frauen als Zuchttiere – gepflegt werden, ich finde diese ganze moralische Atmosphäre des Familienkultes, ich kann nicht dafür, geradezu abstoßend.“ Kurella, der soeben ein Buch über „die scheußliche und verlogene Heuchelei des faschistischen Familien- und Kinderkultes“ geschrieben hat, erklärt ihm: „Die drastischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Kinderkriminalität einschließlich der Todesstrafe, der Kampf um einen dauerhaften Bestand der Ehe und der Bekämpfung der Abtreibung seien durch ein und dieselbe Krise notwendig geworden, die sich drohend verschärfe. Die gleiche Propaganda also, die in den kapitalistischen und faschistischen Staaten konterrevolutionären Interessen diene, richte sich hier auf den Schutz und die Konsolidierung der sozialistischen Gesellschaft.“ (Ebd., S. 134 f.) „Möglicherweise sind alle meine Überlegungen falsch“, schreibt Sinkó weniger Tage später. „In einem aber habe ich bestimmt recht, nämlich in der Frage, warum man in der Presse und in der Literatur nicht einmal die Spur 63 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur mütigenden Geheimsitzungen der deutschen Schriftsteller im September 1936 für ihn, der „ein guter Genosse und ein sehr guter Schriftsteller“ sei und auch „sehr gut deutsch“ spreche; allein seine Frau, „eine ewige Meckerin“, habe bisweilen einen schlechten Einfluss auf ihn.29 Die „Laufbahn“ des Romanmanuskripts, das Sinkó überhaupt erst nach Moskau führt, mögen wenige exemplarische Stationen illustrieren. Arossew, der ihn im Namen der WOKS in die Sowjetunion eingeladen hat, gibt ihm gleich beim ersten Treffen dort zu verstehen, dass er ihm bei den weiteren Verhandlungen nicht behilflich sein könne. Über den einen Monat hinaus, den seine Einladung zunächst währt, wird Sinkó bald zwei Jahre lang bei allerlei Personen und Institutionen antichambrieren. Als erstes benötigt er das Placet Béla Kuns, einst Führer der ungarischen Revolution und nunmehr Chef der ungarischen Sektion im Moskauer Exil, der es ihm nach der Lektüre des Manuskripts sogar ohne einen einzigen Vorbehalt erteilt.30 In einem obligatorischen Gutachten des Staatsverlags, noch im Jahr 1935, wird empfohlen, die historische Richtigkeit der Darstellung von Personen zu prüfen und jedenfalls einige der im Roman erwähnten Namen zu streichen: Trotzki, Sinowjew und Kamenew.31 Im Frühjahr 1936, als man in Moskau den ersten großen Prozess gegen das „trotzkistisch-sinowjewistische terroristische Zentrum“ vorbereitet, heißt es plötzlich, der Roman mache Propaganda für Sinowjew, dessen Name, wie Sinkó versichert, im Roman nur ein einziges Mal vorkommt.32 Bei ihrem letzten Gespräch eröffnet ihm Ilja Jonow, der Leiter des Staatsvereiner ernsten, erwachsenen und denkenden Menschen würdigen Aussprache über diese lebenswichtigen Probleme entdeckt. Weshalb gibt es statt dieser Aussprache nur Massenaufnahmen und Fotos zufrieden grinsender Gesichter? Warum liest man in den Zeitungen lauter Phrasen, die sich mit liturgischer Eintönigkeit wiederholen?“ (Ebd., S. 148.) „Aber vergeblich strenge ich meine Intelligenz an, um zu entdecken, nach welchen dialektischen Purzelbäumen aus dieser heutigen Wirklichkeit die andere, die morgige hervorgehen wird. Ich sehe immer wieder und jedesmal klarer, wie anders die heutige Wirklichkeit ist als jene, die sie vorbereiten und erschaffen muß.“ (Ebd., S. 195.) 29 Reinhard Müller (Hrsg.), Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, Reinbek 1991, S. 505. 30 Sinkó, Roman eines Romans, S. 111–118. 31 Ebd., S. 221. 32 Ebd., S. 349–351. 64 Christoph Hesse lags für schöne Literatur, der Sinkós Manuskript da offenbar mit einem anderen verwechselt, Kriminalromane dürften in der Sowjetunion grundsätzlich nicht erscheinen. Schließlich erweist sich selbst die Zustimmung des eben noch mächtigen Béla Kun, den Sinkó inzwischen „derart abgemagert“ findet, „daß alles an ihm schlottert“, als zusätzliches Hindernis.33 Während der zusehends grotesken und ansonsten ganz vergeblichen Verhandlungen erfährt Sinkó vor allem zweierlei: einerseits, „daß hier die Redakteure nicht wie Menschen, sondern wie Fortsätze eines unsichtbaren, überaus komplizierten Monstrums wirken; sie sind für sich genommen so unnahbar, als wären sie keine wirklichen, zu spontanen Reaktionen fähigen Lebewesen“; andererseits, wie weit er selbst „von jenem jubelnden, sicheren Glauben entfernt ist, der hier als oberstes Gesetz jeden verpflichtet, der Anspruch darauf erhebt, nicht als Feind angesehen zu werden.“34 Die Tatsache allein, dass die von ihm produzierte Art Literatur in der Sowjetunion nicht erwünscht ist, weil dort niemand mehr nach so etwas verlangt, würde ihn keineswegs kränken, im Gegenteil: Hier interessieren meine Novellen in ihrer Problematik nicht einmal mich. Das ist in Ordnung, diese Novellen sind ja auch nicht auf sowjetischem Boden gewachsen. Aber wie kommt es, daß das, was ich hier bis jetzt an künstlerischer Produktion gesehen habe, mit Ausnahme der einen Oper Schostakowitschs verblüffend dürftig, seelisch und geistig arm, steril, gespenstisch blutlos, öde und hohl ist?35 „Vor acht Tagen“, notiert Sinkó kurz vor der Ankunft seines Schiffes, „lebte ich in einer Welt, in der die drohenden Schatten von Konzentrationslagern sich erheben, in der man sich hoffnungslos und ohnmächtig dahinquält, während es hier nur Selbstvertrauen und siegreich regierende Wahrheit 33 Ebd., S. 331, dazu auch S. 397 f. (Béla Kun wird im Sommer 1937 verhaftet und ein Jahr später erschossen. Auch Alexander Arossew und Ilja Jonow fallen dem Terror zum Opfer.) 34 Ebd., S. 248, 241. 35 Ebd., S. 99. Dies schreibt er im Mai 1935. Im Januar 1936 wird Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ plötzlich diffamiert und verboten, darauf folgt eine Kampagne gegen den „Formalismus“; dazu S. 297–310. 65 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur gibt.“36 Was dies in Wahrheit bedeutet, wird ihn noch über mehrere hundert Seiten des soeben begonnenen Tagebuchs beschäftigen. Als Sinkó in der Sowjetunion ankommt, ist der als siegreich ausgewiesene Sozialismus schon im Begriff, sich seine eigene Klassik zu schaffen. Die sich als revolutionäre Avantgarde wähnen, bleiben hinter einer Revolution zurück, die längst die Restauration überwunden geglaubter Stilepochen einleitet. Nach dem ersten Fünfjahrplan, der selbst ein viel gewagteres Experiment darstellt als sämtliche Werke der Futuristen, Konstruktivisten und Suprematisten zusammengenommen, soll die Kunst sich auch in der Sowjetunion auf ihre traditionellen ideologischen Aufgaben besinnen: in diesem Fall nicht Opium, sondern Koks fürs Volk bereitstellen, denn die Leute sollen mitanpacken und nicht einschlummern. Der auf dem Ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller im August 1934 ausgerufene Sozialistische Realismus soll das Kunststück fertigbringen, eine Wirklichkeit zu beschreiben, die selbst noch gar nicht existiert. Darstellung der Wirklichkeit bedeutet keineswegs künstlerische Gestaltung der gesellschaftlichen Totalität, wie Lukács es am Modell des bürgerlichen Romans illustriert, sondern die vorwegnehmende Verherrlichung einer erst im Entstehen begriffenen Welt, und zwar im Stil eines präparierten Realismus aus dem 19. Jahrhundert, der nun als ein unverzichtbares Erbe reklamiert wird, das man sich, wie die Dampfmaschinen der Bourgeoisie auch, auf proletarische Weise anzueignen habe; wobei man die kostbaren Erbstücke so hoch hängt, dass keine Faust sie mehr zerschmettert. Geschaffen werden sollen nach diesem unerreichbaren, nach eigenem Dafürhalten freilich fast schon übertroffenen Vorbild Werke, aus denen die Menschen Zuversicht, Mut und Kraft schöpfen können. Jedoch verlässt sich der Stalinsche pursuit of happiness nicht auf individuelle Bedürfnisse und Wünsche, wenngleich gerade die miesesten Instinkte jedem einzelnen beim persönlichen Fortkommen auch in der Sowjetunion unschätzbare Dienste leisten, sondern auf „das zentral gelenkte und registrier- 36 Ebd., S. 69. 66 Christoph Hesse te Geistesleben“,37 in welchem man mit Schlagworten wie kul‘turnost‘ (was etwa als Kultiviertheit zu übersetzen wäre) eine Art Renaissance einleitet, die von vornherein zu einer gespenstischen Farce gerät. Eine der obersten Forderungen an Kunst und Literatur – und selbstverständlich an den Film, nach dem die meisten ein ohnehin viel dringenderes Verlangen haben als nach den höchsten Gütern des Bildungsbürgertums – ist die Volkstümlichkeit (narodnost‘), eine andere der von Stalin selbst verordnete Frohsinn. „Wer nicht fröhlich ist, wie zum Beispiel ich, muß sich hier, wo Presse, Theater und Film davon künden, wie froh das Leben ist, fast schuldbewußt fühlen.“38 Eine ähnliche Erfahrung macht der Schriftsteller zur selben Zeit als Autor von Filmszenarien.39 * Neben dem Manuskript seines Romans bringt Sinkó ein Drehbuch des Titels La Doctoresse du village mit nach Moskau, das er, wie er später in einem Brief an die Prawda erläutert, „in Paris im Auftrage linksstehender Filmleute und Schauspieler geschrieben hatte, das aber damals von den Auftraggebern aus Geldmangel nicht realisiert werden konnte.“40 Schon wenige Tage nach seiner Ankunft trifft er mit Fritz Krejcsi zusammen, einem ungarischen Funktionär des Internationalen Revolutionären Thea- 37 Ebd., S. 131. 38 Ebd., S. 168. – „Es lebt sich jetzt besser, Genossen. Es lebt sich jetzt froher“, verkündet Stalin in einer Rede bei der ersten Unionsberatung der Stachanowleute im Jahr 1935. „Und wenn es sich froh lebt, dann geht die Arbeit gut vonstatten.“ (Stalin, Fragen des Leninismus, S. 603 f.) „Es ist tragisch, aber wahr,“ bemerkt Sinkó, „daß Mussolini und in einem noch stärkeren Maße Hitler viel von den heutigen Regierungs- und Propagandamethoden der Sowjets gelernt und übernommen haben. Ebenso tragisch, aber wahr ist es auch, daß die heutige Sowjetunion im Kampf gegen Hitler und bei der Vorbereitung für diesen Kampf wiederum vom Nationalsozialismus Methoden der geistigen Lenkung und des Regierens übernahm. Die Infektion ist gegenseitig.“ (Sinkó, Roman eines Romans, S. 200.) 39 Dazu ausführlicher Christoph Hesse, Filmexil Sowjetunion. Deutsche Emigranten in der sowjetischen Filmproduktion der 1930er und 1940er Jahre, München 2017, S. 454–471. 40 Sinkó, Roman eines Romans, S. 383. In Moskau ist bisher keines der hier erwähnten Drehbücher entdeckt worden. Ob Sinkó auch diese Manuskripte später nach Zagreb mitgenommen hat, bliebe noch herauszufinden. 67 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur terbundes, dem er das Drehbuch übergibt und ihm zudem „Pläne für zwei weitere Filme in großen Zügen“ vorstellt: „Er begrüßte die Pläne begeistert und freute sich, daß ich auch für den sowjetischen Film arbeiten wollte. Er sagte, ich könne mir gar nicht vorstellen, wie groß der Mangel an guten Drehbüchern sei.“41 Durch dessen Vermittlung tritt Sinkó in Verhandlungen mit Meschrabpom-Film.42 Worum es in seinem Drehbuch geht, berichtet er an einer Stelle gelegentlich eines Gesprächs mit Kurella, der es „für ausgezeichnet hält“.43 Im Juli 1935 empfängt ihn Dmitri Feldman, der Leiter der Drehbuchabteilung von Meschrabpom-Film. Nur wenige Tage später unterzeichnet Sinkó einen Vertrag und erhält sogleich auch den vereinbarten Vorschuss auf sein Honorar. Die „endgültige Fassung des Drehbuchs“ erwartet man im Oktober. Es solle übrigens, wie Feldman ihm mitteilt, nicht mehr Die Dorfärztin, sondern Ein Optimist heißen. Da Sinkós Romanmanuskript „von Béla Kun persönlich genehmigt ist, mag sich Feldman im letzten Augenblick gesagt haben, daß dieser Titel auf alle Fälle einer Art Schutz bedeutet. Es ist, als hätten alle Angst; die Sonne scheint – und man sucht nach einem Unterschlupf vor dem Gewitter.“44 Bald erfährt Sinkó, dass das vermeintlich längst akzeptierte Sujet seines Drehbuchs noch einiger Erörterung bedürfe. Die sowjetischen Zuschauer, erklärt ihm Feldman, „wollen individuelle Komplikationen, Familien, 41 Ebd., S. 126. (Krejcsi wird im November 1937 verhaftet und im Jahr darauf erschossen.) 42 Das 1924 gegründete Filmstudio der Internationalen Arbeiterhilfe (russisch Meždunarodnaja rabočaja pomošč‘, kurz Meschrabpom) ist ein zunächst halb privatwirtschaftlich betriebenes deutsch-sowjetisches Unternehmen, das aber inzwischen ganz der Komintern untersteht. Auf Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wird es im Juni 1936 aufgelöst. 43 „Thematisch behandelt es ein Mädchen, das aus privaten – nicht aus politischen – Gründen Rumänien verläßt und in die Sowjetunion flüchtet. In Rumänien lebt es als Prostituierte in einer Kaschemme, und dieses Leben möchte es auch in Rußland fortsetzen. Damit beginnt ein Erlebnis, das sich nach der Landung in der Sowjetunion fortsetzt… Dieses Thema hatte noch vor Beginn der Kampagne zur Restauration der Familie in meinen Gedanken Gestalt gewonnen. Jetzt gefällt es Kurella mehr als mir, weil ich heute nicht mehr zu so optimistischen Schlußfolgerungen im Hinblick auf die weiteren Geschicke meiner Heldin kommen könnte wie Kurella, dem ich das auch sage.“ (Ebd., S. 135.) 44 Ebd., S. 258. (Feldman, der den Terror überlebt, arbeitet später u.a. für das Studio Mosfilm, das auch Sinkó noch kennenlernt.) 68 Christoph Hesse Liebe und Abenteuer, alles lustig aufgemacht; sie wollen nach Möglichkeit lustige und erheiternde leichte Sachen.“45 Diese Einsicht, wenn er daraus auch keine Richtschnur der eigenen künstlerischen Produktion entwickeln mag, hat Sinkó selbst schon gewonnen. „Beim feierlichen Abschluß von Kongressen im Kreml wird in Gegenwart der Regierung und Stalins immer häufiger der Operettenmarsch ‚Wessolije rebjata‘ als Hymne gesungen“, bemerkt er. „Hier tut man so, als wäre die Revolution vorbei und beendet“, als habe „bereits die Zeit nach dem Sieg begonnen […], in der anstelle der ‚Internationale‘ eben ‚Wessolije rebjata‘ gesungen wird.“46 Tatsächlich ist Grigori Alexandrows Musikkomödie Vesëlye rebjata (Lustige Burschen, 1934), in welcher der gleichnamige Operettenmarsch fortwährend erklingt, einer der erfolgreichsten sowjetischen Filme jener Zeit. Dem Bedürfnis, das er mustergültig bedient, wenn nicht maßgeblich erst hervorbringt, kann Die Dorfärztin nicht entsprechen. Und da es aussichtslos erscheint, sein Drehbuch solcherart umzugestalten, lässt Sinkó sich darauf ein, statt dessen eine im Entwurf bereits vorhandene Komödie mit dem einladenden Titel Reklame zu schreiben: „eine Satire auf Intellektuelle und hauptsächlich auf Künstler […], die sich unter den westlichen Verhältnissen vor die Alternative gestellt sehen, entweder zum Mittelpunkt einer Sensation zu werden […] oder inmitten einer allgemeinen Gleichgültigkeit mehr und mehr zu verarmen.“47 Unterdessen gehen bei Meschrabpom-Film Veränderungen vor, die das eben Vereinbarte wieder zunichte machen. Im Januar 1936 sitzt Sinkó an selber Stelle nicht mehr Feldman gegenüber, sondern einem „Ungarn mit Namen Gold, den ich vorher nie gesehen hatte.“48 – „Ihr Drehbuch ‚Reklame‘ ist als solches völlig zufriedenstellend. An und für sich ist es ideologisch und sogar vielleicht auch künstlerisch und filmtechnisch gut“, erklärt er Sinkó, doch teile er nicht „die Auffassung seines Vorgängers darüber, welche Filme man dem heutigen sowjetischen Publikum bieten müsse […]. 45 Ebd., S. 271. 46 Ebd., S. 272. 47 Ebd., S. 288. 48 Ebd. (Géza Gold, Dramaturg bei Meschrabpom-Film, wird 1938 verhaftet und erschossen.) 69 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur Das heißt, es sei nicht so, daß er diese Auffasung nicht teile – nein, das Tempo der Entwicklung sei bei uns schwindelerregend, und diese Auffassung als solche habe sich in der Zwischenzeit […] geändert, das heißt, sie sei geändert worden.“ Da das Drehbuch insgesamt gut sei, möchte er ihn „lediglich um eine Kleinigkeit“ bitten: Ich sollte unter Berücksichtigung der inzwischen veränderten Auffassung und des Kontrastes halber in das Drehbuch noch eine Geschichte „mit hineinweben“, in der ich das schwere Leben und den Kampf der westlichen Bergarbeiter gestalte, damit das sowjetische Publikum auch das kennenlernen könne. […] Mit der gleichen Logik hätte er von mir auch verlangen können, ein Batschkaer Schlachtfest oder Episoden aus dem Leben der Robbenjäger in meine Filmsatire „Reklame“ über das Leben der Pariser Intellektuellen „mit hineinzuweben“.49 Dem Verlangen, eine Komödie zu schreiben, hat Sinkó nachgegeben. Auf den Vorschlag aber, in die heiteren Szenen aus dem Pariser Intellektuellenmilieu nun solche eines Bergarbeiterstreiks „hineinzuweben“, will er sich nicht einlassen und beendet daraufhin die Zusammenarbeit mit Meshrabpom-Film. Er habe damit zugleich seine „Laufbahn als Drehbuchautor auf jeden Fall für eine lange, sehr lange Zeit beendet.“50 Die eben prognostizierte lange Zeit währt nur wenige Monate. Schon im Mai 1936 scheint es, „als wendete sich das Blatt tatsächlich“ und „ohne Fragezeichen“,51 nachdem Sinkó nämlich durch Vermittlung seines Freundes Isaak Babel die Bekanntschaft Sofia Sokolowskajas gemacht hat, der stellvertretenden Direktorin des Studios Mosfilm, deren freundliche Erscheinung ihn augenblicklich verzückt.52 Ihr legt er ein Exposé seines nun- 49 Ebd., S. 289. 50 Ebd., S. 290. 51 Ebd., S. 352. 52 „Ich denke schon jetzt voller Dankbarkeit an sie […]: Schon ihr bloßes Dasein, schon das Wissen darum, daß es sie gibt, macht das Leben für mich weniger scheußlich. Nach so vielen unangenehmen und deprimierenden Begegnungen und Zusammenkünften trifft man plötzlich eine stille, intelligente, in ihrem ganzen Wesen vornehme Frau, die trotz ihrer Verschlossenheit eine ernsthafte, solide Menschlichkeit ausstrahlt.“ (Ebd.) 70 Christoph Hesse mehr dritten Drehbuchs vor. Katja, so der Titel, ist zugleich der Name der Protagonistin des Films: „Ein verkommenes Mädchen, das in anderen Umständen ist…“53 Sokolowskaja, die den Entwurf „verheißungsvoll“ findet, lässt Sinkó einen Vertrag unterzeichnen, das fertige Drehbuch soll er im Oktober vorlegen. Gemeinsam mit Babel arbeitet er „manchmal täglich mehrere Stunden an einzelnen Details des Filmes“54 und reicht das Szenarium bereits im Sommer ein, ehe er in den Urlaub fährt. Babel, den er unterwegs in Odessa wiedersieht, versichert ihm, das Drehbuch sei sehr gut und er solle nichts mehr daran ändern, bis der Regisseur mit seiner Arbeit begonnen habe. Zurück in Moskau, schließen sich jedoch plötzlich alle Türen. Bei Mosfilm ist für Sinkó niemand mehr zu sprechen. Sokolowskaja, sagt ihm deren Sekretärin am Telephon immer wieder, habe keine Zeit, er solle sich an ihren Vertreter wenden, der jedoch ebensowenig erreichbar ist. Sokolowskaja bekommt er noch ein letztes Mal zufällig im Hof des Gebäudes von Mosfilm zu sprechen. Freundlich zwar, doch in Eile verweist sie ihn an wiederum jemand anderen. Schließlich speist ihn einer ihrer Vertreter mit den Worten ab, das Drehbuch sei Schund und werde nicht verfilmt; mit dem Vorschuss, den er schon erhalten habe, solle er sich gefälligst zufriedengeben. Was Sinkó jedoch nicht tut, er zieht sogar vor Gericht: nicht um sein persönliches Recht zu erstreiten, sondern um dem sowjetischen Staat eine Lektion zu erteilen. Das Gebaren der bei Mosfilm Verantwortlichen sei „eines Kulturmenschen unwürdig“, und er wolle sich nicht damit abfinden, „daß ein sowjetisches Unternehmen mit dem Geld des proletarischen Staates und mit der Arbeit eines Schriftstellers in dieser Weise wirtschaftet.“55 Als wichtigster Zeuge tritt Babel auf. Der aber stellt sich vor Gericht ganz ahnungslos und behauptet, sich an nichts von alledem zu erinnern. Nach der Verhandlung geht er auf Sinkó zu und verspricht, ihm die Sache zu 53 Ebd., S. 383. 54 Ebd., S. 384. 55 Ebd., S. 386. 71 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur erklären, was dieser auf Anhieb ablehnt. Seinen Freund wird er nicht mehr wiedersehen. Eine Erklärung für dessen Verhalten im Zeugenstand findet Sinkó selbst erst viel später: Sokolowskaja, vermutet er, sei damals schon in Ungnade gefallen, weshalb Babel jedwede Verbindung mit ihr habe leugnen müssen.56 * Sinkós Tagebuch bricht am 30. November 1936 ab. Anderntags, am 1. Dezember, trifft Feuchtwanger in Moskau ein. Dazu heißt es in einem dem Tagebuch nachträglich hinzugefügten Kapitel: Nach dem Besuch André Gides, dessen Epilog jenes bewußte Buch „Retour de l’U.R.S.S.“ war, kam als erster berühmter europäischer Gast Lion Feuchtwanger nach Moskau. Im Gegensatz zu Gide, der während seines Aufenthalts in der Sowjetunion in seinen Erklärungen ziemlich wortkarg blieb, liest man von Feuchtwanger, der jetzt gefeiert wird, Erklärungen aus den verschiedensten Anlässen in der sowjetischen Presse, die ausnahmslos davon zeugen, wie entzückt und begeistert Feuchtwanger von der Sowjetunion ist.57 Was auch daran liegen mag, dass Feuchtwanger in der Sowjetunion kaum anderes kennenlernt als den Komfort, den Sinkó nur im ersten Monat seines Aufenthalts als Gast der WOKS genießt.58 Beschreibungen von Land und Leuten sind darum in seiner als Reisebericht ausgewiesenen Stellungnahme zur Sowjetunion so gut wie nicht zu finden. Erfahrungen, wie sie 56 Ebd., S. 387 f., 405–409. (Sokolowskaja wird im Oktober 1937 verhaftet und im August 1938 erschossen.) 57 Ebd., S. 403. 58 „Wer sich überall im Kraftwagen der WOKS hinfahren läßt, huscht an einem sehr wesentlichen Teil der russischen Wirklichkeit mit geschlossenen Augen vorüber“, stellt Sinkó fest (ebd., S. 105); wer „in einem Luxushotel wohnt und sich von befrackten Kellnern Speisen servieren läßt“, bewege sich „auf einem exterritorialen Gebiet“ fernab vom „wirklichen Leben in der Stadt […] in einer sozusagen irrealen Welt.“ (S. 141.) Feuchtwanger seinerseits notiert dazu in Moskau am 2. Dezember 1936 in sein Tagebuch: „Viel Ehre und wenig Komfort.“ (Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.“ Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation, Göttingen 2017, S. 141.) 72 Christoph Hesse Sinkó in seinem Tagebuch schildert, bleiben Feuchtwanger in Moskau erspart. „Eisenstein machte ein geistreiches Verslein auf Feuchtwangers Rolle, das auf einem Wortspiel (shid = Jude, Shid = russische Schreibweise von Gide) basiert: Feuchtwanger u dwerej stoit s umilnym widom; o kak bi sej Jewrej ne pokasalsja – Shidom.“59 Zweifelhaft, ob tatsächlich Eisenstein, der sich mit Feuchtwanger in Moskau anfreundet, ihm sogar seinen da noch nicht freigegebenen und schließlich verbotenen Film Bežin lug (Die Beshinwiese, 1935–37) vorführt,60 den Spottvers gedichtet hat. In einer aktuellen Studie ist von einem anonymen Epigramm Moskauer Witzbolde die Rede, das damals die Runde macht.61 Auch im Wortlaut unterscheidet sich der dort wiedergegebene Text von dem bei Sinkó zitierten: Стоит Фейхтвангер у дверей С ужасно умным видом, И я боюсь, чтоб сей еврей Не оказался Жидом. Auf deutsch etwa: Feuchtwanger steht vor den Toren / mit mächtig gescheitem Blick; / und mir bangt, dass dieser Jude / sich nicht entpuppt als Jidd (Gide). Übrigens ist es Babel, der Sinkó „dieses lustige Verslein pfiffig, 59 Sinkó, Roman eines Romans, S. 403. 60 Dazu die Dokumente in Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 175, 184, 231. Feuchtwanger seinerseits preist Eisensteins „großartige[n], wahrhaft poetische[n] Film“ als ein „Meisterwerk, voll von innerem, legitimem Sowjetpatriotismus.“ (Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde, Berlin 1993, S. 44.) Die Negative der verschiedenen Fassungen des Films werden bei einem deutschen Bombenangriff auf Moskau 1941 zerstört. 61 Galina B. Kulikova, Novij mir glazami starogo. Sovetskaja Rossija 1920–1930-ch godov glazami zapadnych intellektualov [Die neue Welt in den Augen der alten. Das sowjetische Russland der 1920er und 1930er Jahre in den Augen westlicher Intellektueller], Moskau 2013, S. 116. Das Epigramm, heißt es in einer Anmerkung dazu, sei 1937 bereits in Trotzkis „Bulletin der Opposition“ veröffentlicht worden. 73 Aus dem Tagebuch einer impressionablen Natur langsam, geheimnisvoll flüsternd“ vorträgt.62 Ihm selbst wiederum sagt er die durchaus liebevollen Worte: Aber Erwin Isidorowitsch! Wie kann man bloß Attribute – eines unmöglicher als das andere! – so häufen wie Sie! Ungar sein ist an sich schon ein Unglück, aber das geht ja irgendwie noch, aber Ungar und Jude sein – das geht auf keine Kuhhaut! Ungar und Jude und kommunistischer ungarischer Schriftsteller – das grenzt schon an Perversität. Aber Ungar, Jude, kommunistischer ungarischer Schriftsteller und dazu noch jugoslawischer Staatsbürger – und das heute –, dagegen nimmt sich die Phantasie von Sacher-Masoch selig einfach wie ein unschuldiger kleiner Pinscher aus!63 Der so Gezeichnete kann die Sowjetunion 1937 gemeinsam mit seiner Frau verlassen. Isaak Babel wird 1940, nach dem Sturz des NKWD-Chefs Nikolai Jeschow, in dem er zuvor „einen allmächtigen Gönner fand“,64 verhaftet und erschossen. * Es entsprach dem Stil des Romans eines Romans, daß das letzte zu bewältigende Hindernis meine –Manuskripte waren. Als das französische Einreisevisum bereits in unsere Pässe gestempelt war, erfuhr ich nämlich, daß ich meine Manuskripte nur mitnehmen durfte, wenn eine bestimmte Sonderabteilung des Volkskommissariats für „Volksbildung“ nach vorheriger Prüfung die Ausfuhr genehmigt hatte. An einem ungewöhnlich warmen Apriltag luden wir zwei Koffer voller Manuskripte in die Taxe. Als wir das Kommissariat erreichten, fiel unser erster Blick auf ein großes graues Schild mit der schwarzen Inschrift „Lift nje robotajet“ [Aufzug außer Betrieb] an der Gittertür des Aufzugs. Es gibt Augenblicke, da winzige Zufälle wie Symbole wirken, die die Summe des ganzen Lebens eines Menschen aufdecken und mit überraschender Eindringlichkeit zeigen: M. und ich schleppten uns mit denselben 62 Sinkó, Roman eines Romans, S. 304. Babel wiederum begleitet auch Feuchtwanger im Januar 1937 zu Eisenstein, so jedenfalls steht es in einem Bericht der sowjetischen Geheimpolizei, siehe Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 274. 63 Sinkó, Roman eines Romans, S. 296. 64 Ebd., S. 409. 74 Christoph Hesse Vulkanfiberkoffern, die wir vor zwei Jahren in Rouen qualvoll die steile Eisentreppe des Frachters „Witebsk“ hochgeschleppt hatten, um mit ihnen nach Moskau zu fahren, jetzt die Treppe zur dritten Etage des Volkskommissariats für Volksbildung hinauf. […] Und das alles nur, um die Genehmigung zu erwirken, diesen verdammten großen Manuskripthaufen, der sich seit fünfzehn Jahren nur vermehrt und mir immer mehr zu einem dummen Fluch wurde, dorthin zurückzuschleppen, woher wir gekommen waren. […] Am Vortag unserer Abreise erhielten wir die Koffer zurück. Die Manuskripte waren einzeln gebündelt und plombiert. […] Mein Moskauer Tagebuch befand sich allerdings nicht unter diesen Manuskripten. M. hatte es eingepackt, an einen Pariser Freund adressiert und unmittelbar vor unserer Abreise unserer alten, des Lesens und Schreibens unkundigen Köchin Marija Nikolajewna mit der Bitte in die Hand gedrückt, es am nächsten Tag als Luftpostsendung aufzugeben. Wir mußten es dem Glück überlassen, ob es ankam oder nicht.65 65 Ebd., S. 425–427.

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References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.