Michael David-Fox, Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht: Die fellow-traveler und Stalin als Philosophenkönig in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (Ed.)

"Auf nach Moskau!", page 31 - 50

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-31

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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31 Michael David-Fox Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht: Die fellow-traveler und Stalin als Philosophenkönig1 Der vorliegende Beitrag basiert auf einer Analyse von Texten führender fellow-traveler der 1930er Jahre sowie von Archivdokumenten über deren Reisen in die Sowjetunion. Dabei geht es vor allem um das Geflecht von konkreten Kontakten, das sie mit sowjetischen intellektuellen Mittelspersonen und kulturellen Institutionen verband. Im Folgenden möchte ich einige miteinander verknüpfte Thesen entwickeln, die die seit langem geführte Debatte zum Thema westliche Intellektuelle und der Kommunismus aufgreifen.2 1 Englische Erstveröffentlichung des Beitrags in: Vladimir  Tismaneanu /  Bogdan  C. Iacob (Hrsg.), Ideological Storms:  Intellectuals, Dictators,  and  the Totalitarian Temptation, Budapest/New  York  2018. Wir danken den Herausgebern für die freundliche Genehmigung zur Publikation der deutschen Fassung. 2 Wichtige englischsprachige Werke zu diesem Thema sind – als allgemeiner Überblick – Mark Lilla, The Reckless Mind: Intellectuals and Politics, New York 2001 – und länderspezifisch – Tony Judt, Past Imperfect: French Intellectuals, 1944–1956, Berkeley 1992; Lee Congdon, Seeing Red: Hungarian Intellectuals in Exile and the Challenges of Communism, DeKalb 2001; Bradley F. Abrams, The Struggle for the Soul of the Nation: Czech Culture and the Rise of Communism, Lanham 2004; David Engerman, Modernization from the Other Shore: American Intellectuals and the Romance of Russian Development, Cambridge 2003. 32 Michael David-Fox Zunächst ist nach der Flexibilität dessen zu fragen, was François Furet den „Mythos des Kommunismus“ nannte und als den politischen Mythos des 20. Jahrhunderts schlechthin bezeichnete.3 Sogar Intellektuelle aus demselben Land und mit der gleichen politischen Orientierung fühlten sich oft von völlig unterschiedlichen Merkmalen der sowjetischen Gesellschaftsordnung angezogen. Weiter ist jedoch zu zeigen, dass die Beurteilung des gesamten sowjetischen Experiments durch führende fellow-traveler oftmals auf einer Bewertung der bolschewistischen Intellektuellen – in den 30er Jahren vor allem Stalins – als Persönlichkeiten beruhte, gefiltert durch die alte europäische Kontroverse über den Gegensatz von Geistesversus Tatmenschen. Stalin wurde oft als ein Intellektueller an der Macht gesehen oder als intellektueller Mann der Tat, eine Art Philosophenkönig. Solche Ansichten hätten jedoch kaum Konsequenzen gehabt, wenn sowjetische Intellektuelle, Kulturoffizielle und andere Mittelspersonen nicht für eine Beziehung gesorgt hätten, die für beide Seiten von Bedeutung war. Vor allem entwickelten sie beide ein fast vertragliches Verständnis des Status eines „Freunds der Sowjetunion“, das Ansehen als Gegenleistung für die öffentliche Verteidigung der UdSSR versprach. Als Teil dieser wechselseitigen Beziehung nährte schließlich der enorme Aufwand, mit dem die Sowjetunion die ausländischen „Freunde“ feierte, bei diesen die Illusion, Stalin und den Verlauf der Revolution beeinflussen zu können. Viele der führenden intellektuellen „Freunde der Sowjetunion“ rühmten den sowjetischen Sozialismus als überlegene Gesellschaft auch weil sie die Phantasie hegten, durch solche Verbindungen ein gewisses Maß an Macht darüber beanspruchen zu können. Der skizzierte Interpretationsrahmen wendet sich gegen monokausale Deutungen der Stalinismusapologien von Intellektuellen in der Zwischenkriegszeit, die zumeist die Bedeutung der Reisen und der konkreten Beziehungen zu sowjetischen Partnern vernachlässigen. 3 François Furet, The Passing of an Illusion: The Idea of Communism in the Twentieth Century, aus dem Franz. von Deborah Furet, Chicago 1999; Ders., Inventaires du communisme, Paris 2006. 33 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Die Koinzidenz von westlicher Begeisterung für das sowjetische Experiment mit dem Aufkommen der repressivsten und mörderischsten Phase des Sowjetkommunismus unter Stalin in den 1930er Jahren hat dazu geführt, dass das Verhalten der fellow-traveler zu den meistdiskutierten Themen der politischen, intellektuellen und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts gehört. Indes entstand die klassische Literatur über diese Sympathisanten ohne Mitwirkung russischer Historiker, die sich erst jetzt mit den Besuchen westlicher Intellektueller befassen und dafür die sowjetischen Quellen auswerten können, die seit den 1990er Jahren freigegeben wurden.4 Meine Sicht der Dinge ist das Ergebnis von fast zehn Jahren Forschung zur sowjetischen Aufnahme und Wahrnehmung westlicher Besucher und der sowjetischen Kulturdiplomatie der 1920er und 30er Jahre, speziell der sowjetischen Beziehungen zu Mittel- und Westeuropa bzw. den USA.5 Was ich, kurz gesagt, als sinnvoll erachte und vorschlagen möchte, ist eine Geschichte der transnationalen Kontakte und der beidseitigen Verflechtungen an Stelle einer Ideengeschichte oder einer Soziologie 4 Das bekannteste englischsprachige Werk liegt inzwischen bereits in vierter Auflage vor: Paul Hollander, Political Pilgrims: Western Intellectuals in Search of the Good Society, New Brunswick 41998. Vgl. auch David Caute, The Fellow-Travelers: Intellectual Friends of Communism, überarb. und erg. Aufl. New Haven, Conn. [u.a.] 1988. 5 Michael David-Fox, Showcasing the Great Experiment: Cultural Diplomacy and Western Visitors to the Soviet Union, 1921–1941, New York 2012; Ders., Intellectuals and Communism, in: Steve Smith / Silvio Pons (Hrsg.), Cambridge History of Communism, Bd. 1: World Revolution and Socialism in One Country, Cambridge 2017, S. 526–550. Einschlägige Arbeiten, die auch russischsprachige Quellen berücksichtigen, sind u. a. Sophie Coeuré, La grande lueur à l’Est: Les Français et l’Union soviétique, 1917–1939, Paris 1999; Rachel Mazuy, Croire plutôt que voir? Voyages en Russie soviétique (1919–1939), Paris 2002; A. V. Golubev, „… vzgljad na zemlju obetovannuju…“ Iz istorii sovetskoj kul’turnoj diplomatii 1920-1930-ch godov, Moskva 2004; Sophie Coeuré / Rachel Mazuy (Hrsg.), Cousu de fil rouge: Voyages des intellectuels français en Union soviètique, Paris 2012; Jean-François Fayet, VOKS: Le laboratoire helvétique. Histoire de la diplomatie culturelle soviétique durant l’entre-deux-guerres, Chêne-Bourg 2014; Matthias Heeke, Reisen zu den Sowjets: Der ausländische Tourismus in Russland 1921–1941, Münster 2003; Eva Oberloskamp, Fremde neue Welten: Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939, München 2011; Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.“ Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation, Göttingen 2017. 34 Michael David-Fox der Intellektuellen, die ausschließlich auf deren prosowjetischen Schriften basiert.6 Dabei stehen für mich nicht die Reisenden oder auch die Intellektuellen im Allgemeinen im Mittelunkt, sondern die exklusive und profilierte Gruppe führender intellektueller Sympathisanten. Der Begriff „fellowtraveler“ wurde weder von der sowjetischen Seite für sympathisierende ausländische Intellektuelle verwendet noch von diesen häufiger zur Selbstbezeichnung gewählt. Es handelt sich um eine Übersetzung des russischen Worts „poputčik“ (Mitläufer), ein alter Begriff aus der russischen Sozialdemokratie, den Trotzki mit negativer Bedeutung 1923 für die nichtproletarischen, parteilosen Schriftsteller benutzte, die mit dem Sowjetregime kooperierten.7 Die Sowjets sprachen lieber von „Freunden der Sowjetunion“, ein Status, der sich mit den Freundschaftsgesellschaften (eine erste wurde 1923 in Berlin gegründet) und aufgrund des 1927 anlässlich des 10. Jahrestags der Oktoberrevolution in Moskau abgehaltenen „Kongresses der Freunde“ herausbildete. Dabei handelt es sich um mehr als eine bloße Frage der Terminologie, zumal es zahlreiche Belege dafür gibt, dass der Status als „Freund“ in vielfacher Hinsicht für sowjetische wie westliche Intellektuelle gleichermaßen bedeutsam war. Für die sowjetischen Kulturoffiziellen wurde der Begriff „Freund“ im Zusammenhang mit der internen Klassifizierung parteiloser ausländischer Besucher wichtig. So machten es die „Freunde“ z. B. erforderlich, dass Gelder für Einladungen und die Übersetzung und Publikation ihrer Werke bereitgestellt wurden, ferner für individuell abgestimmte Besuchstouren samt der Besichtigung von sowjetischen Vorzeigeeinrichtungen sowie für Treffen mit hochrangigen sowjetischen Politikern und Vertretern des Kulturbetriebs. Die Sowjets legten ihren Einschätzungen in erster Linie die schriftlichen und mündlichen Äußerungen der ausländischen Intellek- 6 Eine vergleichbare Herangehensweise praktiziert, bezogen auf die Komintern, Brigitte Studer, The Transnational World of the Cominternians, aus dem Dt. von Dafydd Rees Roberts, Houndmills [u. a.] 2015. 7 Lev Trockij, Literaturnye poputčiki revoljucii, in: Ders., Literatura i revoljucija, Moskva 1923, S. 40–83. 35 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht tuellen über die UdSSR zugrunde; als Freunde galten diejenigen, die die Sowjetunion öffentlich verteidigten und sich jeder substantiellen Kritik ihrer Gesellschaftsordnung enthielten. Es ist bemerkenswert, dass derselbe Freundschaftsdiskurs, mit dem die Bewunderung seitens des Auslands hinausposaunt wurde, auch bei parteiinternen Diskussionen über westliche Fremde üblich war, vor allem wenn es um die Vergabe von Ressourcen und die Organisation von Gastfreundschaft ging.8 Dieser Status hatte fast etwas von einem Vertragsverhältnis. So stießen die Fabier Sidney und Beatrice Webb zum Klub der illustren fellow-traveler, nachdem ihr zweibändiges Werk Soviet Communism: A New Civilization? 1935 zu einem Propaganda-Coup für die Sowjetunion geworden war. Das Tagebuch von Beatrice Webb zeigt, wie weitgehend sie ihren Status als Freundin der Sowjetunion verinnerlichte. Sie hielt sogar fest, in welchem Maße diese Freundschaft ihr gesellschaftliches Leben (das immer eine Verlängerung ihrer politischen Aktivitäten gewesen war) bestimmte, seitdem der „enge Kreis derjenigen, die uns sehen wollen“, überwiegend „aus Freunden Russlands“ bestand.9 Romain Rolland, der hochgesinnte Nobelpreisträger und fellow-traveler, war vielleicht der glänzendste Gewinn der sowjetischen Kulturdiplomatie. In seiner Unterredung mit Stalin am 28. Juni 1935 bezog er sich auf die Kategorie „Freund“, um seiner Bitte um privilegierten Zugang zu Informationen über die UdSSR Nachdruck zu verleihen, die er in europäischen Debatten über den Kommunismus nutzen wolle. Bei den Anliegen, die er unmittelbar im Gespräch mit Stalin vorbrachte, rangierte der Status des „treuesten Freunds der UdSSR“, womit Rolland natürlich sich selbst meinte, sogar an vorderster Stelle. Rolland verlangte eine „Erläuterungskampagne“ für Sympathisanten und privilegierte Informationen für sich selbst, übermittelt etwa durch die WOKS (die Allunionsgesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland), die führende Organisation der sowjetischen Kulturdiplomatie, wenn es darum ging, die Verbindung zu den Ausländern, die der „Intelligenzija“ 8 Siehe beispielsweise GARF f. 5283, op. 1a, ed. chr. 118, l. 46. 9 The Diary of Beatrice Webb, 4 Bände, Cambridge 1982–1985, Bd. 4, S. 302; siehe auch S. 444. 36 Michael David-Fox zugerechnet wurden, aufrecht zu erhalten. In seiner Antwort räumte Stalin ein, dass die Sowjetunion ihre Freunde nicht hinreicht „informiert und gewappnet“ habe, setzte aber hinterlistig hinzu, Grund dafür sei schlicht der Respekt für die Autonomie von Menschen gewesen, die in einem völlig anderen Milieu lebten. „Diese Menschen von Moskau aus lenken zu wollen, wäre unsererseits allzu dreist.“10 Da die führenden Freunde eine vergleichsweise kleine Gruppe bildeten, darunter überwiegend Schriftsteller, die innerhalb der stalinistischen Kultur der 1930er Jahre in wahrhaft großem Stil gefeiert, gelesen und zitiert wurden und deren Reisen in das Land des siegreichen Sozialismus aufwendig inszenierten und auf höchster Ebene vorbereiteten Staatsbesuchen gleichkamen, wurde ihnen mit aller Deutlichkeit klar gemacht, dass die öffentliche Verteidigung der UdSSR eine conditio sine qua non der Freundschaft sei. Dies ist einer der Gründe, so meine These, dass so viele dieser Personen, die privat zahlreiche Zweifel äußerten, sich in der Öffentlichkeit selbst zensierten. Rolland blieb während des Großen Terrors stumm, quälte sich aber in seinen Briefen und im Tagebuch.11 Allerdings ist in Betracht zu ziehen, dass die hier diskutierte Illusion, Einfluss nehmen zu können, angesichts der extremen Glorifizierung dieser Freunde der Sowjetunion in der stalinistischen Kultur und ihrer Begegnungen mit Stalin nicht völlig abwegig war. Hier wie auf anderen Gebieten gab es jedoch genügend Hinweise für jene, die sehen wollten. Nicht nur, dass Rolland nie der privilegierte Zugang zu Informationen gewährt wurde, von dem er sich Hilfe bei Debatten in Westeuropa versprochen hatte. Auch sollte er, obwohl er der 10 Im Archiv befindet sich folgende Mitschrift des Interviews: Beseda t. Stalina s Romen Rollanom. Perevodil razgovor t. A. Arosev. 28. VI. [1935]; Handschriftlicher Zusatz: ne dlja pečati [nicht zur Veröffentlichung bestimmt]. RGASPI f. 558, op. 11, ed. chr. 775, l. 1–16, hier Blatt 2, 3, 4, 8. Russisch veröffentlicht wurde es 1996: Tysjači ljudej vidjat v SSSR voploščenie svoich nadežd. Zapis’ besedy Romena Rollana i I. V. Stalina 28 ijunja 1935 goda, in: Istočnik / Vestnik Archiva Prezidenta Rossijskoi Federacii (1996), 1, S. 140–149. Zu Rollands Sowjetunionreise und dem Interview siehe ausführlich Michael David-Fox, The ‘Heroic Life’ of a Friend of Stalinism: Romain Rolland and Soviet Culture, in: Slavonica 11 (2005), 1, S. 3–29. 11 Zur Biographie Rollands siehe besonders Bernard Duchatelet, Romain Rolland, tel qu‘en luimême, Paris 2002. 37 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht sowjetischen Presse buchstäblich Hunderte von Statements und Artikeln gab, nie eine klare Antwort auf die Frage erhalten, warum seine scharfe Kritik an nationalistischen sowjetischen Deklarationen der eigenen Überlegenheit über den Rest der Welt in der UdSSR nicht veröffentlicht wurde. Die sowjetische Ikone und der real existierende Mensch Rolland waren zwei sehr verschiedene Dinge.12 Was die Sache weiter verkompliziert, ist der Umstand, dass die westlichen intellektuellen Freunde von führenden sowjetischen Intellektuellen und Kulturoffiziellen, die diese Kontakte intensiv pflegten, oft insgeheim bewundert wurden. Der sowjetische Botschafter in London, Iwan Maiski (ein früherer Menschewik, der später ein wichtiger intellektueller Protagonist des Tauwetters wurde) war häufig in Webbs Landhaus in Passfield Corner zu Gast, wo bei seinen Wochenendbesuchen eine seiner wichtigsten Missionen war, die Zweifel von Beatrice zu zerstreuen. Maiski war bei der Beschaffung von Materialien behilflich und unterzog die berühmtberüchtigte tausendseitige Apologie der Webbs einer gründlichen Prüfung. Drei Jahre lang sorgte Maiski „systematisch“ dafür, dass „Berge von Materialien“ auf dem Diplomatenweg an die Webbs geliefert wurden.13 Zugleich äußerte Maiski in seinem Tagebuch größten Respekt für die Webbs als crème de la crème der westlichen Intelligenzija; er verehrte sie, weil sie ein reines und gelehrtes geistiges Leben führten – wie diese ihrerseits die Bolschewiki als kühne intellektuelle Kämpfer und kraftvolle soziale Ingenieure verehrten. Sidney und Beatrice mögen wenig Gespür für das sowjetische System gehabt haben, doch waren sie scharfsinnige Beobachter von Personen und Trends der britischen Politik und Außenbeziehungen. Für Maiski wurden die Webbs in der Tat zur wichtigsten Verbindung zwischen der hohen Politik des Außenministeriums und der öffentlichen Meinung 12 Romain Rolland an Galja and Nataša Isaevaja (Novgorod), 26.11.1937; Marija Rollan [Kudaševa] an Michail Apletin, 27.11.1937 und 29.12.1937, RGALI f. 631, op. 14, d. 74, ll. 97–99, 104. 13 I. M. Majskij, Vospominanija sovetskogo diplomata 1925–1945 gg., Moskva 1971, S. 193; The Diary of Beatrice Webb, Bd. 4, S. 314f. 38 Michael David-Fox einer Elite.14 Überhaupt scheint Beatrice Webb seine engste Freundin in Großbritannien gewesen zu sein. Sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht hatte Maiski den Webbs viel zu verdanken. Um Maiskis Bewunderung für die Webbs und ihre enge persönliche Beziehung näher zu beleuchten, lohnt es sich darauf hinzuweisen, dass das monumentale prosowjetische Opus dieser loyalen „Freunde“ als zu gefährlich galt, um im sozialistischen Heimatland größere Verbreitung zu finden. In sowjetischen Publikationen wurde Webbs Soviet Communism kritisiert, weil es im fabianischen Geist die gewaltsame Revolution ablehnte und zudem die Partei als eine Kombination aus „religiösem Orden“ und Körperschaft oder Fachverband beschrieb. Auf den über 1100 Seiten gab es reichlich heikle Stellen und Unterschiede zu sowjetischen Lehrmeinungen, etwa Anspielungen auf die „Verfolgung der Intelligenzija“, die Praxis des Terrors und „sorgfältig inszenierte“ Schauprozesse, sodass das 1936 eilig ins Russische übersetzte Werk einer breiteren sowjetischen Leserschaft vorenthalten wurde.15 Das Politbüro prüfte im Mai 1936 die russische Version und diskutierte über seine fabianischen Abweichungen mit dem Ergebnis, dass nur eine kleine Auflage von zwei- bis dreitausend Exemplaren publiziert und an vorab genehmigte Empfänger – sie waren in einer Liste aufgeführt – verteilt werden durfte (der von Karl Radek vorgeschlagene Trick, die Veröffentlichung in der Presse anzukündigen, aber nur einige wenige Exemplare zum Schein in den Schaufenstern der Buchhandlungen auszulegen, wurde abgelehnt).16 14 Ivan Michajlovič Majskij, Dnevnik diplomata: London 1934–1943, 2 Bände, Moskva 2006, Bd. 1, S. 6, 93, 202f., 410. Vgl. die englische Übersetzung mit ausführlichem Kommentar und Annotationen Gabriel Gorodetsky (Hrsg.), The Maisky Diaries: Red Ambassador to the Court of St James’s 1932–1943, aus dem Russ. von Tatiana Sorokina und Oliver Ready, New Haven 2015. 15 Sidney und Beatrice Webb, Soviet Communism: A New Civilization?, 2 Bände, London 1935, Bd. 1, S. 415; Bd. 2, S. 550–552, 554, 557, 573, 600. 16 RGASPI f. 17, op. 163, d. 1109, ll. 120–21. Siehe dazu G. B. Kulikova, Pod kontrolem gosudarstva: Prebyvanie v SSSR inostrannych pisatelej v 1920-1930-ch godach, in: Otečestvennaja istorija (2003), 4, S. 49; Leonid Maksimenkov, Očerki nomenklaturnoj istorii sovetskoj literatury: Zapadnye pilgrimy u stalinskogo prestola (Fejchtvanger i drugie), in: Voprosy literatury (2004), 2, S. 322–327. 39 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Eine andere Schlüsselfigur der sowjetischen Kulturpolitik, die von intellektuellen „Freunden“ des Westens tief beeinflusst wurde, und das sogar noch, als er nach 1934 im Auftrag der stalinistischen Kulturdiplomatie tätig war, war Alexander Arossew, Altbolschewik, Literat, Intellektueller und früherer Botschafter in Prag. Als Vorsitzender der WOKS verkehrte Arossew während der Volksfrontära mit führenden prosowjetischen westlichen Intellektuellen. In seinem privaten Tagebuch äußerte er größte Bewunderung für etliche der westeuropäischen Intellektuellen, mit denen er in den 1930er Jahren in Kontakt kam, insbesondere die ganze Skala der literarisch bedeutenden fellow-traveler. Nach seinem Dafürhalten unternahm die UdSSR nicht genug, um sie zu unterstützen: „Wenn sie zu uns kommen, so nicht ohne ideelle Qualen und Schwankungen… Der Wechsel auf unsere Seite bedeutet für sie ein großes Risiko.“ Er hatte das Gefühl, dass seine häufigen Kontakte zu Persönlichkeiten wie Gide, Barbusse und anderen seiner eigenen Kreativität zugutekamen und – entscheidender noch – dass die sowjetische Kultur erheblich von ihnen profitieren könne. Von den Schriftstellersympathisanten bewunderte er Romain Rolland zweifellos am meisten. Als er sich 1935 in Rollands Villa in Villeneuve, nahe Genf, aufhielt, notierte Arossew in seinem Tagebuch, dass ihn die „Unterhaltungen mit diesem großen Mann tief bewegt hätten… Man wünschte sich zu arbeiten, wie die Vögel singen, d. h. wie er. Einfach. Nein, ich habe noch nie eine solche Atmosphäre des Arbeitens, Denkens und der Literatur empfunden, wie hier, bei ihm.“17 Aufgrund des bisher Gesagten lassen sich zwei Zwischenergebnisse festhalten. Erstens waren die sowjetischen Mittelsleute, die in der Sekundärliteratur genannt werden, keine Apparatschiks (obwohl es auch davon 17 Arossew, Tagebucheinträge Dezember 1934 und 7.1.1935, in Ol’ga Aroseva / V. A. Maksimova, Bez grima, Moskva 1999, S. 65, 68. Wie sein Tagebucheintrag vom 18.6.1935 zeigt (ebd., S. 70), empfand er nach einem Treffen in London ähnliche Sympathien für Shaw und andere britische Intellektuelle. Eine erweiterte Ausgabe von Arossews Tagebuch ist enthalten in O. A. Aroseva, Proživšaja dvaždy, Moskva 2014, S. 55–356. Ausführlich zu Arossew vgl. Michael David-Fox, Stalinist Westernizer? Aleksandr Arosev’s Literary and Political Depictions of Europe, in: Slavic Review 62 (2003), 4, S. 733–759; Yuri Slezkine, The House of Government: A Saga of the Russian Revolution, Princeton 2017, S. 28–31, 138–141, 513–528, 596–599, 817–819 et passim. 40 Michael David-Fox reichlich gab), sondern überaus fähige, kulturell und politisch versierte Moskauer Intellektuelle aus der Zeit vor dem Großen Terror, eine sprachgewandte, international erfahrene Elite. Diese „stalinistischen Westler“, wie ich sie mit einem bewussten Paradox bezeichnen möchte, hegten ihre eigene Illusion, eine hegemoniale sowjetische Kultur schaffen zu können, was nur möglich war, wenn diese auch für Westeuropa attraktiv war.18 Zweitens: Wie Maiski von den Webbs so war Arossew fasziniert von dem „großen Künstler“ und „großen Mann“ Rolland (wie er ihn nannte) – wie der Franzose gleichermaßen von Altbolschewiken wie Arossew und durch ihn von Stalin fasziniert war. Als Arossew sich 1935 in Rollands Villa aufhielt, notierte er in seinem Tagebuch: „Er [Rolland] interessierte sich erneut dafür, wer Stalin und Molotow waren; wie das Leben von Revolutionären im Untergrund aussah.“19 Arossew, von Kindheit an lebenslang mit Molotow befreundet, gehörte schon früh dem stalinistischen Flügel der Partei an. 1937 wurde er verhaftet und hingerichtet. Die Nähe der „Freunde“ zu den führenden stalinistischen Westlern schürte ihre Erwartung, Einfluss nehmen zu können. Die Verlockung der Macht mag unter Intellektuellen verbreitet sein, doch ist sie keine gegebene, unveränderliche Größe, sondern abhängig von der historischen Konjunktur. Die Zwischenkriegszeit brachte Debatten über die genuine Rolle der Intellektuellen gegenüber der Staatsmacht und Politik in Gang – sie hallen bis heute nach. Caute kam zu dem Ergebnis, dass „keiner der prominenten französischen oder deutschen Humanisten, die im fortgeschrittenen Alter die Sowjetunion umarmten, die verinnerlichte Trennung von „Geist und Macht“ oder von „pensée und action“ je ganz überwunden habe und damit den Glauben, dass „die wahre Berufung von Kunst und Intelligenz mit Politik unvereinbar sei“.20 Dieser Gegensatz hatte sich eingeprägt, bevor er von den Fluten des totalen Kriegs und der Revolution überschwemmt wurde; der Drang nach politischer Aktion in der Zwischenkriegszeit rief eine 18 Vgl. dazu Katerina Clark, Moscow, the Fourth Rome: Stalinism, Cosmopolitanism, and the Evolution of Soviet Culture, 1931–1941, Cambridge 2011. 19 Arossew, Tagebucheintrag vom 7.1.1935, in: Aroseva / Maksimova, Bez grima, S. 67–69. 20 Caute, The Fellow-Travellers, S. 154. 41 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Gegenbewegung hervor, und die Intellektuellen Europas und der USA fanden sich nun hin- und hergerissen. Gerade weil viele der „Freunde“ die inhärente Dichotomie nie ganz überwinden konnten, fühlten sie sich umso mehr von der revolutionären bolschewistischen Intelligenzija und Stalin als eine Art Intellektuellem an der Macht angezogen. Prominente Intellektuelle wie Rolland und André Gide, die in den 1920er Jahren wenig Interesse an der Sowjetunion gezeigt hatten, wurden just während der „sozialistischen Offensive“ des ersten Fünfjahrplans, also der Anfangsphase des Stalinismus, zu deren „Freunden“. Aufschlussreich ist ein Blick auf das „Triumvirat der Fabier“ (die Webbs und George Bernard Shaw, sämtlich führende Mitglieder der Fabian Society seit ihrer Gründung 1884), da jeder von ihnen zu den bekanntesten Unterstützern von Stalin und des Stalinismus in den 1930er Jahren gehörte, doch interessanterweise aus ganz unterschiedlichen Gründen. Wie schon erwähnt, kamen sowohl bei Shaw als auch den Webbs, die erstmals 1931 bzw. 1932 eine Reise in die Sowjetunion unternahmen, Pull-Faktoren der sowjetischen Öffentlichkeitsarbeit zur Anwendung, wozu auch die Bemühungen zentraler Vermittler gehörten, sie als namhafte ausländische Besucher zu rekrutieren. Darüber hinaus waren jedoch die drei individuell von Merkmalen des sowjetischen Systems beeinflusst, die ihr je unterschiedliches intellektuelles Profil ansprachen. Shaw, der auch mit dem Faschismus sympathisierte, fühlte sich vor allem vom Personenkult angezogen; Sidney Webb als vollendeter Staatsdiener lobte die effiziente Maschinerie des sowjetischen Staatswesens; Beatrice Webb, Theoretikerin der früheren Genossenschaftsbewegung, verlangte es nach Gleichheit und Gerechtigkeit.21 Der Mythos des Kommunismus war in der Tat flexibel. Allein unter den Fabiern waren die Motive, die sie zur Freundschaft mit der UdSSR tendieren ließen, vielfältig und heterogen. Zugleich gab es wesentliche Über- 21 Vgl. u. a. Mark Bevir, Sidney Webb: Utilitarianism, Positivism, and Social Democracy, in: Journal of Modern History 74 (2002), 2, S. 217–52; ferner Gertrude Himmelfarb, The Intellectual in Politics: The Case of the Webbs, in: Journal of Contemporary History 6 (1971), 3, S. 3–11; Kevin Morgan, Bolshevism and the British Left, Bd. 2: The Webbs and Soviet Communism, London 2006. 42 Michael David-Fox einstimmungen: Sie favorisierten alle ein Elitedenken und das Prinzip des „social engineering“, was es Shaw und den Webbs ermöglichte, andere Fabianische Grundsätze außer Acht zu lassen, wenn sie den Blick nach Osten richteten. Letztlich waren sie alle, wenn auch unterschiedlich, von den bolschewistischen Tatmenschen fasziniert. So zog Beatrice Webb besonders der tollkühne bolschewistische Untergrund mit seinem Ethos der Selbstverleugnung und Opferbereitschaft an; nachdem sie die Schriften von Lenin und der Krupskaja gelesen hatte, hielt sie in ihrem Tagebuch fest: „eine erstaunliche Konzentration und Intensität des intellektuellen Lebens… und das in Armut und im Exil, bespitzelt von Polizeiagenten, immer in Gefahr, verhaftet, gefoltert und umgebracht zu werden, umgeben von Kameraden in vergleichbaren Lebensumständen.“ Demgegenüber würden der Komfort und die gesellschaftliche Wertschätzung britischer Labor-Führer die „Quintessenz der britisch-bourgeoisen Moral“ darstellen.22 Ironisch mokierte sich Beatrice darüber, dass diese Leute inzwischen die „erfolgreichsten Exponenten und Verteidiger“ des Sowjetkommunismus seien – zum Ausgleich für ihren früheren Mangel an revolutionärem Opfermut. Während sie ein Gefühl für die eigene Unzulänglichkeit hatte, spielte ihr schwülstiger Fabier-Kollege Shaw, der irische Dramatiker mit dem scharfen Verstand, gern seine Rolle als großer alter Mann des Sozialismus und Zeitgenosse von Marx aus und warf sich als Lehrer von Lenin und Stalin in Positur. Nachdem er 1931 die Sowjetunion besucht und Stalin getroffen hatte23, bezeichnete er sich selbst als fabianischen Kommunisten, titulierte Stalin als Fabier und meinte hinterlistig, die Sowjets hätten angefangen, „wie Fabier zu klingen und seien dabei, völlige Shawianer zu werden“. Solcher Provokation lag ein ernsthaftes ideologisches und persönliches Problem zugrunde. Der Shaw- Spezialist H. M. Geduld trifft es genau, wenn er schreibt, dass Shaw zwar als „Spaßvogel und Literat Triumphe feierte…, doch niemals als Politiker 22 The Diary of Beatrice Webb, Bd. 4, S. 304, 355f. 23 Am genauesten hat Harry M. Geduld die Reise rekonstruiert. Vgl. seine Einleitung zu George Bernard Shaw, The Rationalization of Russia. Hrsg. von Harry M. Geduld, Bloomington 1964, S. 9–32. 43 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht und einflussreicher ,Weltverbesserer‘“. Shaws Verehrung des Führers und seiner frechen Vereinnahmung des Kommunismus als Fabianismus lag ein „tiefes Gefühl persönlichen Versagens zugrunde“.24 Ähnlich wie Sidney Webb stellte er sich die sowjetischen Führungskräfte als „state-builder“ vor, die einige der von ihm seit langem geschätzten und verfochtenen Anliegen verwirklicht hätten. Im WOKS-Dossier über Sidney Webb ist 1934 festgehalten, dass das Buch der Webbs ursprünglich The Constitution of Soviet Communism heißen sollte – der Titel erinnert an den phantasievollen Entwurf eines „social engineering“, wie ihn die Webbs in den 20er Jahren in der Studie A Constitution for a Socialist Commonwealth of Great Britain dargelegt hatten. Während Shaw lauthals verkündete, dass Stalin ein Fabier sei, deutete Sidney Webb diskret an, dass das Sowjetsystem eine praktische Umsetzung seiner eigenen früheren Konzeption einer demokratischen und genossenschaftlichen Gesellschaft sei. Nur so lässt sich erklären, warum in Webbs 1935 erschienenem Buch der Stalinismus mit solcher Emphase als maximale Verwirklichung einer Zusammenarbeit der Konsumenten und der – in Webbs Diktion – „gemeinschaftlichen Konsumption“ (community consumption) gefeiert wird.25 Die 1930er Jahre waren nicht nur die Hochphase der westlichen Sympathie für die Sowjetunion, sondern auch von Stalins Interesse an westlichen Intellektuellen, von denen er einige auch im Kreml empfing. Am bedeutsamsten waren die Unterredungen mit Shaw und Emil Ludwig 1931, H. G. Wells 1934, Henri Barbusse (mehrfach zwischen 1927 und 1934), Romain Rolland 1935 und Lion Feuchtwanger 1937. Obwohl schon damals eine Trennlinie zwischen Stalin und den europäisierten Altbolschewiken gezogen wurde, war der Diktator vorzüglich 24 Paul A. Hummert, Bernard Shaw’s Marxian Romance, Lincoln 1969, S. 164; H. M. Geduld, Bernard Shaw and Adolf Hitler, in: The Shaw Review 4 (1961), 1, S. 11–20, hier S. 11. Vgl. auch T. F. Evans, Introduction: The Political Shaw, in: Ders. (Hrsg.), Shaw and Politics, University Park 1991, S. 1–21; Ders., Shaw as a Political Thinker, or the Dogs that Did Not Bark, in: ebd., S. 21–26. 25 Otčet o poseščenii S. Vebba, 19.9.1934, abgedruckt in Golubev, „…vzgljad na zemlju obetovanuju…“, S. 228; A. Ja. Arosev an Lazar’ Kaganovič, 17.9.1934, GARF f. 5283, op. 1a, d. 255, ll. 205–6; Webb, Soviet Communism, Bd. 1, Kap. 4, 2, Kap. 8, Fazit, S. 1123–1125. 44 Michael David-Fox geeignet, als so etwas wie ein Intellektueller an der Macht wahrgenommen zu werden. Für ausländische Literaten, die selbst keine marxistischen Theoretiker waren, wurde er zu einer Autorität für den Marxismus-Leninismus; zudem kannte er sich bei den Klassikern der russischen und westeuropäischen Literatur überdurchschnittlich gut aus. Außerdem hatte Stalin ein exzellentes Gedächtnis und ließ sich im vorhinein intensiv über die Ansichten und Vorlieben seiner intellektuellen Gäste informieren.26 Der Boden war bereitet für die Intellektuellen, deren Meinungen darüber auseinandergingen, ob er ein bescheidener Mann des Volkes oder eine Art Philosophenkönig sei. Rolland neigte stark zur zweiten Position. Der grand écrivain war ein Mann der Überzeugungen: Während des Ersten Weltkriegs gehörte er, als er für diese Haltung geschmäht wurde, zu den bekanntesten Pazifisten; anschließend war er ein prominenter Fürsprecher einer kulturellen Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich und später ein führender Verfechter des Antifaschismus und Ost-West-Dialogs. Ganz im Unterschied zu dem extravaganten Shaw oder – zumindest in dieser Hinsicht – dem Nonkonformisten Gide erinnerte Rolland viele Beobachter an einen Geistlichen: dünn, gebrechlich, ernst und puritanisch war er ein didaktischer und geradezu obsessiver Briefschreiber. Rollands Sowjetophilie war weder simpel noch labil; robust genug, dass sie von dem Terror und dem Nichtangriffspakt zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion zwar ramponiert, aber nicht zerstört wurde, erhielt sie vielmehr aus erstaunlich vielen und verschiedenen Quellen neue Nahrung.27 Einige der stärkenden Faktoren waren ideologischer oder kultureller Art wie seine dauerhaften sozialistischen Überzeugungen und seine Kenntnis der Französischen Revolution, sein Antifaschismus und Enthusiasmus für die Volksaufklärung. 26 Roy Medvedev, European Writers on their Meetings with Stalin, in: Russian Politics and Law 42 ( 2004), 5, S. 78–92. Zum weiteren Zusammenhang vgl. Erik van Ree, The Political Thought of Joseph Stalin: A Study in Twentieth-Century Revolutionary Patriotism, London 2002. 27 Siehe hierzu Michael David-Fox, Crossing Borders: Modernity, Ideology, and Culture in Russia and the Soviet Union, Pittsburgh 2015, Kap. 6: Understanding and Loving the New Russia: Mariia Kudasheva as Romain Rolland’s Cultural Mediator, S. 163–184. 45 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Der vielleicht hervorstechendste und wohl auch irritierendste Faktor war jedoch, dass es sich bei Rolland um einen „eingefleischten Heldenverehrer“ handelte.28 Rollands Verehrung politisch engagierter Kulturschöpfer hilft vielleicht, die sonst grotesk wirkende Verschiebung von der Feier Gandhis in den 1920er Jahren zur Huldigung Stalins in den 30er Jahren zu erklären. Als er am 28. Juni 1935 im Kreml mit Stalin spricht, würdigt er diesen eingangs als ersten Repräsentanten und Quelle dessen, was er als „neuen Humanismus“ bezeichnet. Millionen Menschen im Westen würden auf die UdSSR mit der Erwartung schauen, dass sie die gegenwärtige wirtschaftliche und moralische Krise lösen könne. Man dürfe sich nicht damit begnügen, Beethovens Worte „Oh Mensch, hilf Dir selbst!“ zu wiederholen, sondern müsse ihnen helfen und Rat geben.29 Nun hatte Rolland bekanntlich seinem berühmtestem Werk, dem monumentalen Bildungsroman Jean- Christophe das Leben Beethovens zugrunde gelegt. Doch scheint der Autor des Jean-Christophe in der angeführten Äußerung Stalin sogar noch höher einzuschätzen als das künstlerische Genie seines Helden. Wie für die Fabier repräsentierten die Bolschewiki auch für Rolland eine mögliche Vereinigung des Intellektuellen mit dem Mann der Tat. Rolland deutete dies bei dem Gespräch im Kreml an, als er auf Stalins Rolle bei der Schaffung eines „neuen Menschen“ durch den „proletarischen Humanismus“ einging. Die Idee einer solchen Verschmelzung wird in Rollands Buch von 1935 Compagnons de route sogar noch deutlicher entwickelt, wo Kapitel über seine literarischen „Gefährten“ Shakespeare und Goethe durch ein Kapitel über Lenin ergänzt werden im Sinne einer möglichen Synthese der russisch-revolutionären Tradition mit der europäischen Kultur. „Zwei Maximen, die 28 David James Fisher, Romain Rolland and the Politics of Intellectual Engagement, Berkeley 1988, S. 27–29. 29 Romain Rolland, Voyage à Moscou (juin-juillet 1935). Hrsg. von Bernard Duchatelet, Paris 1992, S. 237. 46 Michael David-Fox einander ergänzen: ,Wir müssen träumen‘, sagt der Mann der Tat [Lenin]. Und der Mann des Traums [Goethe]: ,Wir müssen handeln!’“30 Der Fall des französischen Schriftstellers und kommunistischen Organisators Henri Barbusse, der Stalin 1927, 1932, 1933 und 1934 persönlich begegnete, zeigt eine völlig andere Beziehung und Einstellung zu Stalin. Wie auch bei dem Surrealisten und Kommunisten Louis Aragon, verwischt sich bei Barbusse die sonst strikte Trennung von Parteimitglied und – in der Regel parteilosem – fellow-traveler. Barbusse hatte Rolland Anfang der 1920er Jahre in einer viel beachteten Debatte von der Position eines Parteisoldaten aus öffentlich angegriffen.31 Sein Status als Kommunist erlaubte ihm, in der Komintern und in sowjetisch gelenkten Frontorganisationen der 20er Jahre heikle Aufgaben zu erfüllen. Zur gleichen Zeit wurde Barbusse scharf kritisiert, und zwar sowohl von militanten französischen Kommunisten als auch von Schriftstellern und Kulturleuten in der Komintern, von denen viele als Emigranten in Moskau lebten. Ihre Feindschaft und der in der Kommunistischen Partei Frankreichs zur damaligen Zeit verbreitete Anti-Intellektualismus hinderten ihn daran, ein voll akzeptierter Partei-Insider zu werden; gleichzeitig, was wahrscheinlich eine Folge davon war, behandelte ihn die WOKS nicht so sehr als ausländischen Kommunisten, sondern gemäß der Kategorie der parteilosen westlichen Freunde. Dies wiederum unterstrich nur Barbusses ziemlich ungewöhnliche Position, denn die WOKS, die die Fiktion aufrechterhielt, eine vom Staat unabhängige „Gesellschaft“ zu sein, vermied gewöhnlich mit großer Sorgfalt öffentliche Verbindungen zum internationalen Kommunismus.32 30 Zit. nach Fisher, Romain Rolland, S. 255; Goethe war eine zentrale Symbolfigur für die deutsche antifaschistische Kultur der damaligen Zeit. 31 Vgl. ebd., Kap. 5. 32 VOKS-Bericht über Barbusse, 26.6.1928, GARF f. 5283, op. 8, ed. chr. 62, ll. 155–156; Henri Barbusse an O. D. Kameneva, GARF f. 5283, op. 1a, ed. chr. 118, l. 175. Ludmila Stern, Western Intellectuals and the Soviet Union, 1920–1940: From Red Square to the Left Bank, London 2007, Kap. 3, bes. S. 56–65, 149–153. Die Angriffe auf Barbusse kulminierten Anfang/ Mitte 1932; vgl. z. B. Zadači Sojuza revoljucionnych pisatelej Francii, in: Literatura mirovoj revoljucii (1932), 2, S. 59–65; Bruno Jasenskij, Monde. Directeur: Henri Barbusse, in: ebd., S. 66f. 47 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht Aber Barbusse hatte einen Verbündeten, der ihn vor den heftigsten Attacken seiner militanten Gegner schützen konnte: Stalin. Barbusse hatte seine Gefolgschaft und Treue zu Stalin schon ausgebildet, bevor dieser Ende der 20er Jahre seine Macht als Alleinherrscher konsolidiert hatte und noch bevor sich die ersten Anzeichen des Stalinkults bemerkbar machten, zu dem er später einen erheblichen Beitrag leisten sollte. Er war somit der einzige Intellektuelle von Rang, der Stalin sowohl in den 1920er als auch in den 30er Jahren traf. Besonders interessant ist das zweieinhalbstündige Gespräch, das Barbusse 1927 mit Stalin führte (es stimmt keineswegs, was Medwedjew behauptet, dass Shaw 1931 der erste europäische Schriftsteller gewesen sei, der von Stalin empfangen wurde).33 1927 sprach Barbusse mit Stalin am Vorabend einer Reise nach Georgien und in den Südkaukasus. Barbusse wandte sich mit einem konkreten Problem an den Generalsekretär: Er fragte, wie die sowjetische politische Gewalt, die etwa auch bei der „Integration“ des unabhängigen Georgien 1920 zum Einsatz kam, von der faschistischen Gewalt zu unterscheiden sei, gegen die er Intellektuelle in Westeuropa zu mobilisieren suche. Wie sollte er den Europäern den Unterschied zwischen faschistischem („weißem“) und rotem Terror deutlich machen? Stalin erklärte, dass es nach 1918 keinen roten Terror mehr gegeben habe, „die Erschießungen haben sich nicht wiederholt“. Wären nicht die Schonungslosigkeit und Zähigkeit der Kapitalisten gewesen, hätte die Sowjetunion vielmehr die Todesstrafe abschaffen können. „Natürlich“, fuhr Stalin fort, „ist die Todesstrafe eine unerfreuliche Sache. Wer findet es schon angenehm, Menschen umzubringen?“ An dieser Stelle hätte man fragen können: ja wer? Statt dessen gab Barbusse zu verstehen, dass er Stalins Argumentation akzeptiere: „Das ist völlig richtig. Unter den gegenwärtigen Bedingungen die Todesstrafe abzuschaffen, käme für die Sowjetmacht einem Selbstmord gleich.“34 Hier war jemand, auf den sich Stalin verlassen konnte; ein Weg war vorgezeichnet, der 1935 in Barbusses 33 Medvedev, European Writers, S. 78. 34 Kratkoe izloženie Besedy s tov. Barbjussom ot 16.IX.27, RGASPI f. 558, op. 11, ed. chr. 699, ll. 2–10, Zitate, Blatt 6. 48 Michael David-Fox Biographie Staline: Un monde nouveau vu à travers un homme mündete. Das Buch, das ein Jahr später in einer minutiös überprüften russischen Übersetzung erschien, versuchte nachzuweisen, dass die öffentliche Begeisterung für Stalin authentisch und dieser keinesfalls ein Diktator sei.35 Barbusses Stalin-Biographie spielte eine prominente Rolle bei der offiziellen Schaffung des Personenkults innerhalb der UdSSR wie auch außerhalb, wobei die internationalen Dimensionen weit weniger bekannt sind. Dabei schlug der Autor hinsichtlich der Beschreibung Stalins einen ganz anderen Weg ein, als dies die Fabier und Rolland taten. Er porträtierte den Kremlherrn nicht als Intellektuellen an der Macht, vielmehr legte Barbusse größte Betonung auf Stalin als Empiriker, und marxistischer Praktiker mit common sense – mit anderen Worten, als Mann der Tat.36 Das lief nun deutlich den Intentionen seines sowjetischen Betreuers und persönlichen Zensors, des Ideologen Alexej Stezki zuwider, der Barbusse dazu bewegen wollte, Stalin als „größten Theoretiker des Marxismus nach Lenin“ zu porträtieren. Sogar noch nach Stezkis editorischen Eingriffen in Barbusses Text, wurde Stalin dort als „einfacher Mann“ und „Mann der Tat“ tituliert. Barbusses Trotzki repräsentiert einen völlig anderen Typus: Die Begriffe „Theoretiker“ und „Intellektueller“ kommen in seiner Beschreibung nicht vor – Barbusse brauchte sie nicht; sein Trotzki hat eine blühende Phantasie, spricht gern zu viel, ist rechthaberisch und weitschweifig, während der Generalsekretär als „Herr der Lage“ (l’homme de la situation) mit 35 Henri Barbusse, Staline. Un monde nouveau vu à travers un homme, Paris 1935. 36 Die meisten westlichen Wissenschaftler schließen sich der traditionellen Auffassung an, der gemäß Stalin eher als Parteiarbeiter und Praktiker denn als Theoretiker oder Vertreter der Partei-Intelligenzija anzusehen ist; demgegenüber nimmt van Rees Studie über den jungen Stalin wichtige Klärungen und Differenzierungen vor und stellt letztlich sowohl in historischer als auch historiographischer Hinsicht diese überkommene Dichotomie in Frage. Van Ree argumentiert, dass der junge Stalin „sich nicht nur offenkundig als Intellektuellen verstand, sondern dass er auch die gesamte fragliche Periode hindurch daran festhielt, die führende Rolle in den Parteikomitees den intelligenty zuzuweisen.“ Aber als praxiserprobter Lehrer und Propagandist unter den Arbeitern identifizierte er sich mit einem Teil der Partei-Intelligenzija, der sich in Opposition zu dem Flügel der „Literaten“ befand. Erik van Ree, The Stalinist Self: The Case of Ioseb Jughashvili (1898–1907), in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 11 (2010), 2, S. 257–282, Zitat S. 257 und bes. S. 279f. 49 Illusion der Einflussnahme und Nimbus der Macht „praktischem Sinn“ geschildert wird.“37 Während einige der fellow-traveler wie Shaw und die Webbs von Stalin als marxistisch-leninistischem „social engineer“ angezogen waren, der Macht ausübte, um die Gesellschaft umzugestalten, war Barbusses Stalin gleichermaßen ein Anti-Intellektueller wie ein Anti-Trotzki, dessen Verständnis des wahren Wesens des Leninismus nahezu instinkthaft war. Aber natürlich repräsentierte sogar Barbusses Umkehrung den Anti-Intellektualismus der Intellektuellen. In diesem Beitrag habe ich mich vor allem mit den pro-stalinistischen Fabiern befasst, weil ihr Beispiel belegt, auf welch unterschiedlichen Wegen sogar Intellektuelle derselben politischen Richtung zur „Freundschaft“ mit der Sowjetunion kamen, was die in der Literatur vorherrschenden monokausalen Erklärungen für die Sowjetophilie in Frage stellt. Die Webbs waren wohl kaum die entfremdeten Intellektuellen, die Paul Hollanders soziologischer Erklärung in seinem Buch Political Pilgrims entsprechen würden.38 Im britischen Kontext waren sie gut vernetzte und wohletablierte politische und intellektuelle Persönlichkeiten. Die Schwäche von Liberalismus, Parlamentarismus und Konstitutionalismus, Kernbegriffe von Tony Judts Anklageschrift Past Imperfect gegen die französische intellektuelle Tradition, treffen auf England und die Fabier ebenfalls nicht zu.39 Überdies gab es in den 1930er Jahren sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in England einen beträchtlichen Anteil an prosowjetischen intellektuellen Freunden des Sowjetkommunismus. Gleichzeitig demonstriert das Beispiel von Sidney und Beatrice Webb – die beiden stammten aus demselben Land, hatten die gleiche politische Einstellung, waren sogar ein Ehepaar und wurden doch, wie gezeigt, aus deutlich unterschiedlichen Gründen vom Sowjetsystem angezogen –, dass das Image des Kommunismus als dehnbarer und geschmeidiger Mythos aufzufassen ist, worauf 37 A. I. Steckij an Henri Barbusse, 29.9.1934, RGASPI f. 558, op. 11, ed. chr. 699, ll. 124–125; Henri Barbusse, Staline. Un monde nouveau vu à travers un homme, Paris 1936, S. 21, 36, 43, 189, 192, 201. Russische Ausgabe: Anri Barbjus [Barbusse], Stalin: Čelovek, čerez kotorogo raskryvaetsja novyj mir. Hrsg. und übers. von A. Steckij, Moskva 1936. Vgl. auch Coeuré, La grande lueur a l’Est, S. 233–235. 38 Hollander, Political Pilgrims. 39 Judt, Past Imperfect, S. 149, 205–226. 50 Michael David-Fox Furet aufmerksam machte.40 Mir lag daran zu zeigen, dass dieser umfassende und mächtige Mythos nicht allein von Ideen lebte. Vieles kam zusammen, um intellektuelle Orientierungen zu prägen und zu bestärken: die Schlüsselrolle der Mediatoren und der Nimbus der Macht sowie weitreichende Verbindungen zu den Sowjets und der Status als „Freund der Sowjetunion“. Ideen und Umstände mussten zusammenkommen, um die Intellektuellen an das Objekt ihrer Wünsche zu binden. Aus dem Amerikanischen von Anne Hartmann 40 Furet, The Passing of an Illusion.

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References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.