Reinhard Müller, „Freunde der Sowjetunion“: Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (ed.)

"Auf nach Moskau!", page 189 - 218

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-189

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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189 Reinhard Müller „Freunde der Sowjetunion“: Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung Wenige Tage vor Beginn des Schauprozesses im August 1936 schrieb Leo Trotzki im Blick auf Reiseberichte über die Sowjetunion: Dem Typus nach zerfallen die Publikationen der „Freunde der Sowjetunion“ in drei Hauptkategorien. Dilettantischer Journalismus beschreibenden Genres, mehr oder weniger „linke“ Reportagen bilden die Hauptmasse der Artikel und Bücher. Danebenstehen, wenn auch mit größeren Prätentionen, die Publikationen des humanitären, pazifistischen und lyrischen „Kommunismus“. An dritter Stelle findet sich die ökonomische Schematisierung im Geiste des alten „Kathedersozialismus“.1 Die „wohlmeinenden ‚linken‘ Philister“ würden den „Nimbus einer gewissen moralischen Festigkeit“ erhalten, „ohne dass sie dabei doch zu ir- 1 Einen Überblick bietet eine von Klaus Mehnert bearbeitete Bibliographie: Die Sovet-Union 1917–1932. Systematische mit Kommentaren versehene Bibliographie der 1917–1932 in deutscher Sprache veröffentlichten 1900 Bücher und Aufsätze über den Bolschewismus und die Sovet-Union im Auftrag der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas, Königsberg/Berlin 1933. Bio-bibliographische Hinweise zu 90 deutschsprachigen Reiseberichten finden sich bei Matthias Heeke, Reisen zu den Sowjets. Der ausländische Tourismus in Russland 1921–1941, Münster 2003; Wolfgang Metzger, Bibliographie deutschsprachiger Sowjetunion-Reiseberichte, -Reportagen und -Bildbände 1917–1990, Wiesbaden 1990; Eva Oberloskamp, Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939, München 2011. 190 Reinhard Müller gendetwas verpflichtet wären“. Diese Art „beschaulicher, optimistischer, keineswegs destruktiver Literatur, die alles Ungemach hinter sich zu lassen scheint, wirkt sehr beruhigend auf die Nerven des Lesers und findet wohlwollende Aufnahme.“ Es hätte sich eine „internationale Schule“ herausgebildet, die man ‚Bolschewismus fürs aufgeklärte Bürgertum‘ oder, im engeren Sinne, Sozialismus für radikale Touristen nennen könne.“2 Bereits vor ihrer Reise ins gelobte „Vaterland der Weltrevolution“ konnten in den zwanziger Jahren sowohl wohlmeinende „Revolutionstouristen“ (Hans Magnus Enzensberger) wie auch gläubige Moskaupilger3 durchaus kritische Berichte über die Sowjetunion in der liberalen, sozialdemokratischen und anarchistisch-syndikalistischen Öffentlichkeit finden. Über Verfolgung und Terror von Tscheka und GPU4, über Schauprozesse, Zwangsarbeit, Konzentrationslager und das GULAG-System5 erschienen distanzierte und empörte Artikel in Zeitschriften wie Das Tagebuch, in Zeitungen wie im sozialdemokratischen Vorwärts, in Ossietzkys Weltbühne6, in der liberalen Frankfurter Zeitung, in Büchern und Broschüren der russischen Emigration. Andererseits wurde der „Rote Terror“7 in der KPD-Zeitung Die Rote Fahne als revolutionäre Gewalt legitimiert und im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ auch lyrisch verklärt und besungen.8 2 Leo Trotzki, Schriften I, Sowjetgesellschaft und stalinistische Literatur, Band 1.2 (1936–1940), hrsg. von Helmut Dahmer, Rudolf Segall und Reiner Tosstorff, Hamburg 1988, S. 688f.. 3 Vgl. Ludmila Stern, Western Intellectuals and the Soviet Union 1920–1940: From Red Square to the Left Bank, London 2007; Michael David-Fox, “Opiate of the Intellectuals?” Pilgrims, Partisans and Political Tourists, in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History (2011), 3, S. 721–738. 4 Die 1917 gegründete Geheimpolizei Tscheka wurde 1922 in OGPU umbenannt, meist abgekürzt als GPU, 1934 umbenannt in NKWD. 5 Vgl. Arsenij Roginskij / Nikita Ochotin (Red.), Sistema ispravitel’no-trudovych lagerej v SSSR 1923–1960. Spravočnik, Moskau 1998; Anne Applebaum, Der Gulag, Berlin 2003. 6 Aus dem Reisebericht von Hans Siemsen „Russland. Ja und Nein“ (Berlin 1931) erschienen in der „Weltbühne“ zwei Kapitel über die GPU und ein Kapitel über den Schauprozess gegen die „Industriepartei“. Siemsen war 1931 Mitbegründer der linksoppositionellen SAPD. 7 Vgl. Jörg Baberowski, Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2003; ders., Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012. 8 Über „verklärte“ und „wirkliche“ Darstellungen der Sowjetunion vgl. Hans-Albert Walter, Deutsche Exilliteratur 1933–1945. Band 1: Die Vorgeschichte des Exils und seine erste Phase, 191 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung Allenfalls eine Ahnung von Überwachung und Terror vermitteln die vereinzelten Beobachtungen Arthur Holitschers, der auf Einladung Karl Radeks und im Auftrag einer amerikanischen Nachrichtenagentur im Oktober 1920 für drei Monate nach Moskau reiste. Holitscher empfand bereits beim Betreten des Landes, dass „eine gewissermaßen atmosphärische Last der Unfreiheit und des Misstrauens sich drückend auf die Seele“ niedersenke. Als ausländischer Journalist wohne man in „Häusern mit militärischer Bewachung“, und „um das Schlüsselloch“ sammelt sich der fettige Abdruck ungewaschener Ohren.9 Erfüllt vom „Glauben an die Weltrevolution“ hält er nach der Rückkehr im Vorwort seines Reiseberichts fest: „Mein seelisch gerichteter Kommunismus ist durch die russische Prüfung unversehrt mit mir nach Deutschland zurückgekommen.“10 Alfons Goldschmidt, Mitherausgeber der Berliner Rätezeitung11 und offizieller Gast der Regierung, beantwortet in seinem Reisebericht Moskau 1920 die selbstgestellte Frage nach der Existenz einer terroristischen Diktatur mit dem ergreifenden Erlebnis der Maifeiern: „Nein, eine terroristische Diktatur gibt es in Moskau nicht. Gäbe es eine terroristische Diktatur in Moskau, so gäbe es keinen Maiboulevard mit einem lustigen Frühlingsleben wie im Mai 1920.“12 Alfons Goldschmidt war 1921 an der Gründung des „Auslandskomitees zur Organisierung der Arbeiterhilfe für die Hungernden in Russland“ beteiligt und zeitweilig auch Vorsitzender der deutschen Sektion der „Internationalen Arbeiterhilfe“ (IAH).13 Seine Band 1.2: Weimarische Intellektuelle im Spannungsfeld von Aktionen und Repressionen, Stuttgart 2017, S. 72–131. 9 Arthur Holitscher, Drei Monate in Sowjet-Russland, Berlin 1921, S. 14. 10 Ebd., S. 16f. 11 Die „Rätezeitung“ erschien ab September 1920 als Organ der „Interessengemeinschaft der Auswandererorganisationen nach Sowjet-Russland“. 12 Alfons Goldschmidt, Moskau 1920, Berlin 1920, S. 33. Goldschmidt feierte den 1. Mai 1920 im Haus der Kommunistischen Internationale. Das Erleben der Maifeiern und des Oktoberjubiläums trug zur Hochstimmung im ritualisierten Besuchsprogramm der Moskaupilger bei. Nach den Schauprozessen 1936 und 1937 folgten jedoch nur wenige Schriftsteller einer Einladung zur Oktoberfeier 1937. Der Einladungsplan der Komintern umfasste nahezu fünfzig Schriftsteller. Einladungsliste und Bewertungen (1.6.1937) abgedruckt in: Hermann Weber / Jakov Drabkin / Bernhard H Bayerlein, Deutschland, Russland, Komintern, Berlin 2014, Bd. 2, S. 1368–1377. 13 Im August 1921 konstituierte sich die „Künstlerhilfe für die Hungernden in Russland“. Zu dem geschäftsführenden Ausschuss gehörten neben Arthur Holitscher auch George Grosz , Wieland 192 Reinhard Müller Beiträge erschienen in der Weltbühne und in Münzenbergs Arbeiter-Illustrierte-Zeitung. Er unternahm 1925, 1927, 1931, 1932 weitere Reisen in die Sowjetunion und gehörte 1923 zu den Initiatoren der „Gesellschaft der Freunde des neuen Russland“. 1925 besuchte er auch das Marx-Engels- Institut, einen „Sammeltempel“, in dem „textkritische Arbeit“ als „reine Priesterarbeit“ geleistet werde.14 Bei seiner dreimonatigen Russlandreise registrierte der amerikanische Schriftsteller Theodore Dreiser 1928 die allgegenwärtige „Atmosphäre des Argwohns, stellenweise sogar des Terrors“, die Praxis der Überwachung und Kontrolle, der Moskaureisende durch Übersetzer, Reiseführer und Hotelpersonal ausgesetzt waren: „Denn ganz gewiss gibt es von dem Augenblick an, da man das Land betritt, bis zu dem, da man es wieder verlässt, eine nie versagende Überwachung in der einen oder anderen Form, begleitet von Beweisen für die Tatsache, dass das gegenwärtige russische Regime die meisten seiner Besucher und eine sehr große Anzahl von Russen ebenso fürchtet, wie misstraut, ja, dass es eigentlich niemandem traut.“15 Ähnlich beschrieb Arthur Feiler – Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Zeitung und Finanzexperte – eine „Atmosphäre der Furcht und Einschüchterung“ durch den „gewaltigen und gewalttätigen Apparat“ der Geheimpolizei GPU. In seinem häufig rezensierten Buch Das Experiment des Bolschewismus charakterisierte Feiler die GPU als „geheimen Polizeidienst mit einem fürchterlichen Spitzelsystem, mit der schrankenlosen Befugnis zu Verhaftungen, zu langen Einkerkerungen, zu administrativen Verurteilungen, mit Gefängnissen, mit Verschickungen, mit schnell vollstreckten Erschießungen.“16 Für die Frankfurter Zeitung berichtete auch Joseph Roth 1926 in einer siebzehnteiligen Serie über seine dreimonatige Reise durch Herzfelde und Käthe Kollwitz. Sekretär war Erwin Piscator. 14 Alfons Goldschmidt, Wie ich Moskau wiederfand, Berlin 1925, S. 28. Gemeint ist die Herausgabe der kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe durch David Rjasanow. Der Gründer des Marx- Engels-Archivs Rjasanow und zahlreiche Mitarbeiter der kritischen Marx-Engels-Ausgabe wurden in den dreißiger Jahren Opfer des stalinistischen Terrors. 15 Theodore Dreiser, Sowjet-Russland, Berlin, Wien, Leipzig, 1929. Dreiser erhielt 1930 den Nobelpreis für Literatur. 16 Arthur Feiler, Das Experiment des Bolschewismus, Frankfurt a.M. 1929, S.215. 193 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung die Sowjetunion. Walter Benjamin traf Joseph Roth noch vor dessen Abreise im „Grand Hotel“ und notierte in seinem Moskauer Tagebuch: „Was sich dabei ergab, das ist mit einem Wort: Roth „ist als (beinah) überzeugter Bolschewik nach Russland gekommen und verlässt es als Royalist. Wie üblich, muß das Land die Kosten für die Umfärbung der Gesinnung bei denen tragen, die als rötlich-rosa schillernde Politiker (im Zeichen einer »linken« Opposition und eines dummen Optimismus) hier einreisen.“17 Im Feuilleton der Frankfurter Zeitung erschienen Reportagen und anschauliche Erzählungen, die Angela Rohr 1928–1936 als Korrespondentin über den Moskauer Alltag, über die Eröffnung des Dnjeprkraftwerks, über Turksib und ihre Kaukasus- und Sibirienreisen schrieb.18 Obwohl Bertolt Brecht 1941 gegenüber Konstantin Fedin ihre Aufsätze wegen ihrer „Sowjetfreundlichkeit“ lobte, wurde Angela Rohr am 7. Juli 1941 verhaftet und überlebte 16 Jahre im GULAG.19 Meist waren es frühere Sozialrevolutionäre wie Isaak Steinberg20 und ehemalige Menschewiki wie Rafail Abramowitsch, die nach ihrer Flucht ins Ausland eigene Erfahrungen mit dem Terror von Tscheka/GPU und auch Haftbriefe von Gefangenen überlieferten. 21 Der Gründer der Partei der Sozialrevolutionäre Viktor Tschernow berichtete 1922 detailliert über die Verhörmethoden und Folterpraxis in der Geheimdienstzentrale Lubjanka und im Butyrka-Gefängnis: „Es ist schauderhaft zu sehen, wie die Sozialisten von gestern andere Sozialisten durch Einsperrung auf unbestimmte Zeit, durch Hunger und Kälte, durch Inquisition der Verhöre, 17 Walter Benjamin, Moskauer Tagebuch. Mit einem Vorwort von Gershom Scholem, hrsg. von Gary Smith, Frankfurt a. M. 1980, S. 43f. 18 Angela Rohr, Zehn Frauen am Amur. Feuilletons für die Frankfurter Zeitung: Reportagen und Erzählungen aus der Sowjetunion (1928–1936), mit Fotografien von Margarete Steffin und anderen, hrsg. von Gesine Bey, Berlin 2018. 19 Ebd., S. 366f. 20 Der ehemalige Sozialrevolutionär Isaak Nachman Steinberg – 1917/18 unter Lenin kurzzeitig Volkskommissar für Justiz – wurde 1923 ausgewiesen und veröffentlichte 1931 im Rowohlt- Verlag „Gewalt und Terror in der Revolution: (Oktoberrevolution und Bolschewismus)“. 21 Rafail Abramowitsch, Die politischen Gefangenen in der Sowjetunion, hrsg. von der „Kommission zur Untersuchung der Lage der Politischen Gefangenen“, Berlin 1930; ders., Der Terror gegen die sozialistischen Parteien in Russland und Georgien, Berlin 1925. Beide Broschüren erschienen im Dietz-Verlag der SPD. 194 Reinhard Müller durch physische Misshandlungen und durch Todesdrohungen quälen.“22 In Gefängnisbriefen wurde 1921 die Haft von fünfzehnjährigen Mitgliedern des menschewistischen Jugendbundes, von Anarchisten, Menschewiki, Sozialrevolutionären, Genossenschaftlern und Parteilosen geschildert.23 Über ihre Torturen in überfüllten Gefängnissen und ihre Qualen auf den Solowki-Inseln24 berichteten Häftlinge auch in verzweifelten Briefen an den Marx-Forscher David Rjasanow, der 1931 im Schauprozess gegen das „Unionsbüro der Menschewiki“ zur Verbannung verurteilt und 1938 in Saratow erschossen wurde.25 In der deutschen Öffentlichkeit wurden in den zwanziger und anfangs der dreißiger Jahre vor allem die Moskauer Schauprozesse diskutiert.26 Bereits der erste, propagandistisch inszenierte Schauprozess gegen die Sozialrevolutionäre (1922) benutzte dabei die Technik des Amalgams von in- und ausländischen Feinden. Die angeklagten Sozialrevolutionäre wurden mit dem Kadetten Miljukow, den Kronstädter Aufständischen und dem Ausland in Gestalt von Pariser Bankiers in „Verbindung gebracht“.27 Diese fiktive Verschwörungskonstruktion von in- und ausländischen Feinden wurde erneut in den frühen Schauprozessen (1928, 1930, 1931) wie auch in den drei großen Moskauer Schauprozessen28 (1936, 1937, 1938) stereotyp eingesetzt. Im Prozess gegen Sozialrevolutionäre erhielten die 22 Vorwort in: Die Tscheka. Russische Hilferufe an das Weltgewissen, Berlin 1922, S. 8. 23 Elias Hurwicz, Aus Sowjet-Gefängnissen, in: Die Weltbühne 17 (1921), S. 569f.. 24 Vgl. dazu Anne Appelbaum, Der Gulag, Berlin 2003, S. 57–78; Karl Schlögel, Solowki-Laboratorium der Extreme: Die Klosterinsel als Konzentrationslager, in: ders., Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, München 2017, S. 673–689; http://solovki. org/de/html/Artikel_Schloegel_de.html. 25 Briefe und Eingaben abgedruckt in Jakov Rokitjanskij / Rejnchard Mjuller, Krasnyj dissident: akademik Rjazanov – opponent Lenina, žertva Stalina; biografičeskij očerk; dokumenty, Moskau 1996, S. 169–310. 26 Vgl. dazu Werner Müller, Kommunisten verfolgen Kommunisten. Die frühen Schauprozesse in der Sowjetunion und die Reaktionen in der deutschen Öffentlichkeit, in: Hermann Weber/Dietrich Staritz (Hrsg.), Kommunisten verfolgen Kommunisten. Stalinistischer Terror und „Säuberungen“ in den kommunistischen Parteien Europas seit den dreißiger Jahren, Berlin 1993, S. 389–398. 27 Zur Analyse des Prozesses und der Urteile vgl. Marc Jansen, A Show Trial Under Lenin. The Trial of the Socialist Revolutionaries, Moscow 1922; Den Haag 1982. 28 Vgl. Wladislaw Hedeler, Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938: Planung, Inszenierung und Wirkung, Berlin 2003. 195 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung als Offizial-Verteidiger angereisten Sozialdemokraten und Gewerkschaftsvertreter keinen Zugang zu den Angeklagten und reisten daraufhin ab. Gegen die Todesurteile protestierten in Deutschland, Frankreich und England zahlreiche Politiker, Intellektuelle und auch Maxim Gorki. Zehn der prominenten, zum Tode verurteilten Angeklagten wurden daraufhin zu Haftstrafen begnadigt, dreißig Bauern und Matrosen wurden jedoch erschossen. Wie auch in späteren Schauprozessen setzte die Kommunistische Internationale ihre aufwendig alimentierte und international orchestrierte Propagandamaschine in Gang.29 Nicht nur Clara Zetkin, die im Prozess gegen die Sozialrevolutionäre bereits als Anklägerin fungierte, ver- öffentlichte eine Kampfschrift im Komintern-Verlag.30 Nach einem schönzeichnenden Reisebericht31 übernahm Kurt Kersten als eifriger „fellow traveller“32 – seit 1926 Feuilleton-Redakteur in der Münzenberg-Zeitung Welt am Abend – die abstrusen Moskauer Verschwörungskonstrukte.33 Gegen die Propagandawelle von Komintern und KPD-Zeitungen stellten sich jedoch anarchistisch-syndikalistische „Komitees zum Schutze der inhaftierten Revolutionäre Russlands“, die in Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion eine Chronik der Repressalien, Berichte über die Solowki-Inseln und zahlreiche Verhaftungen veröffentlichten.34 Für die Freilassung der erneut inhaftierten Sozialrevolutionärin Maria Spiridonowa setzten sich die amerikanische Anarchistin Emma Goldman und auch ein Frauenausschuss ein, dem Käthe Kollwitz, Ricarda Huch und Marianne Weber an- 29 Vgl. Reinhard Müller, Wort-Delirium. Kampagnen von Komintern und KPD gegen Kritiker der Moskauer Schauprozesse, in: Das linke Intellektuellenmilieu in Deutschland, seine Presse und Netzwerke (1890–1960). Hrsg. von Michel Grunewald in Zusammenarbeit mit Hans Manfred Bock, Bern 2002, S. 523–556. 30 An den Pranger. Zum Prozess gegen die Sozialrevolutionäre, Hamburg 1922; Clara Zetkin, Wir klagen an. Ein Beitrag zum Prozess der Sozial-Revolutionäre, Hamburg 1922; Karl Radek, Neue Enthüllungen über die Partei der Sozialrevolutionäre, Hamburg 1922; Ivan Wardin., Die sozialdemokratischen Mörder und die sozialdemokratischen Advokaten. Tatsachen und Beweise, Hamburg 1922. 31 Kurt Kersten, Moskau – Leningrad. Eine Winterfahrt, Frankfurt a. M. 1924. 32 David Caute, The Fellow-Travellers: A Postscript to the Enlightment, London 1973. 33 Kurt Kersten, Der Moskauer Prozess gegen die Sozialrevolutionäre 1922. Revolution und Konterrevolution, Berlin 1922, (Außenseiter der Revolution, hrsg. von Rudolf Leonhard, Bd.12). 34 Die Aktion 14 (1924), S. 58–62. 196 Reinhard Müller gehörten.35 Mit dieser Initiative der „um die Kultur hochverdienten Frauen“ solidarisierte sich Erich Mühsam.36 Auf die Veröffentlichung der „Notschreie von Revolutionären aus bolschewistischen Gefängnissen“ in der Aktion antwortete der Komintern- Funktionär Lajos Magyar mit einem Artikel in der Internationalen Pressekorrespondenz und mit einer Broschüre37 gegen die „Schauergeschichten“ und „Hetzkampagnen“. Hier wurde von Magyar kolportiert, dass es in der Sowjetunion nur fünfhundert politische Gefangene gäbe und dass die Gefängnisordnung eine „einzig dastehende milde“ sei. Auf beigefügte, gestellte Fotos von „Wohnzimmern“ und vom „Gefängnisgarten“ antwortete Franz Pfemfert durch Originalbriefe, die ihm auf „illegalem Wege von den auf Solowetzki gequälten Sowjetkämpfern“ zugegangen waren.38 Über einen Hungerstreik der Gefangenen auf den Solowki-Inseln, über bestialische Foltern durch Mückenschwärme, Stehfolter und über Massenverhaftungen von Anarchisten und Sozialrevolutionären berichtete das Bulletin des „Vereinigten Komitees zum Schutze der in Russland inhaftierten Revolutionäre“.39 Eine Liste von 129 Anarchisten und Syndikalisten, die sich im Gefängnis oder in der sibirischen Verbannung befanden, wurde in der Zeitschrift Der Syndikalist abgedruckt. Genannt werden hier auch vierzig Anarchisten, die gewaltsam und durch Gefängnisqualen getötet wurden.40 Ein Bulletin41 über das Schicksal der in Russland inhaftierten Anarchisten erreichte wohl allenfalls einen eingeschränkten Leserkreis. Die von der Komintern ausgestreuten Legenden über den „milden“ Strafvollzug in der Sowjetunion wurden bereitwillig von Arthur Holitscher42 und 35 Die Weltbühne 26 (1930), 28, S. 75. 36 Erich Mühsam, An den Frauenausschuss für Maria Spiridonowa, in: Fanal. Anarchistische Monatsschrift 4 (1930), 12, S. 283f. 37 Lajos Magyar, Die „Rote Hölle“. Die Wahrheit über die bolschewistischen Gefängnisse, Berlin 1924. Lajos Magyar (d.i. Milgdorf) wurde 1934 als Sinowjew-Anhänger in Moskau verhaftet und 1937 erschossen. 38 Die Aktion 14 (1924), S. 499–502. 39 Ebd., S. 503–506. 1925 erschienen in New York „Letters from Russian prisons“. 40 Der Syndikalist: Organ der Freien Arbeiter-Union, 15. Nov. 1930. 41 Alexander Berkman (Hrsg.), Bulletin of the Relief Fund of the International Working Men’s Association for Anarchist and Anarcho-Syndicalists Imprisoned in Russia, Paris/Berlin 1928. 42 Arthur Holitscher, Gefängnis, in: Das neue Rußland (1928), 3, S. 21. 197 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung von Egon Erwin Kisch in seinem Reisebericht Zaren, Popen, Bolschewiken übernommen. In seiner Rezension vermerkte Kurt Hiller, dass in Lefortowo, dem „strengsten Gefängnis Moskaus“, der Gefangene bei achtstündiger Arbeitszeit vierzig Rubel Monatslohn erhalte. Der Gefangene könne „sprechen und singen, so viel er Lust hat, sich in gewissen Grenzen die Arbeit aussuchen; sogar Urlaube gibt’s. Und: man beginnt in Russland das Sexualleben der Gefangenen zu studieren.“43 Nach einem Besuch im Vorzeigetrakt des GPU-Gefängnisses Lefortowo verbreitete auch Herwarth Walden die Fabel vom „humanen Strafvollzug“. 44 Walden, der als Vorsitzender des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“ die Sowjetunion elfmal bereiste und nach eigenen Angaben in Deutschland für den militärischen Nachrichtendienst der Sowjetunion arbeitete, veröffentlichte 1927 zahlreiche Artikel in seiner Zeitschrift Der Sturm.45 Walden war mit Ausstellungen seiner „Sturm-Galerie“ Wegbereiter der russischen Avantgarde in Deutschland46 und übersiedelte 1932 nach Moskau. Er wurde am 8. März 1941 verhaftet, als angeblicher „deutscher Spion“ angeklagt und verstarb am 31. Oktober im NKWD-Gefängnis von Saratow.47 Im „Bund der Freunde der Sowjetunion“ und auch im „Bund Freier Balkan“ fungierte Walden mit dem Salon der „Sturm-Galerie“ als Vorzeige-Intellektueller und „bürgerliches“ Aushängeschild. Der „Bund der Freunde der Sowjetunion“48 wurde 1928 in Berlin gegründet und gehörte zu einem von Willi Münzenberg geschaffenen Netz von „Massenorganisationen“, die mit klandestinen kommunistischen 43 Kurt Hiller, Kisch über Russland, in: Die Weltbühne 24 (1928), 16, S. 589. 44 Herwarth Walden, Strafvollzug in der UDSSR, in: Der Sturm 20 (1927), 5/6, S. 49f.; ders., Sowjet-Rußland. Verbrecher Kolonie. Die Kommune der OGPU, in: ebd., S. 106f. Walden war seit 1921 KPD-Mitglied. 45 Berichte u.a. über Odessa, über Inguschetien, über Kulaken, über Kurorte und ein Krankenhaus für Geschlechtskrankheiten. 46 Vgl. Antje Birthälmer/Gerhard Finck (Hrsg.), Der Sturm. Zentrum der Avantgarde, 2 Bde., Wuppertal 2012. 47 In einem verzweifelten Gefängnisbrief bat Walden um einen deutschsprechenden Richter und um ein Wörterbuch, abgedruckt in: Reinhard Müller, „Schrecken ohne Ende“. Eingaben deutscher NKWD-Häftlinge und ihrer Verwandten an Stalin, Jeshow u.a., in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 17 (1997), 2, S. 82f. 48 Bericht über den Reichskongress des Bundes der Freunde der Sowjetunion, in: Stiftung der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR im Bundesarchiv (SAPMO/BA), RY 1/14/7/3, Bl. 7–41. 198 Reinhard Müller Fraktionen die politische „Linie“ der KPD umsetzten.49 Durch eine inszenierte Unabhängigkeit von der KPD-Politik gewann Münzenberg als „Schutzpatron der fellow traveller“ (Babette Gross) auch zahlreiche unabhängige Linke. Während eines „Mitteldeutschen Kongresses“ des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“ traten neben Münzenberg als Hauptredner Ernst Toller, Max Hodann, Georg Ledebour und Emil Julius Gumbel gegen die „drohende Intervention“ der Westmächte England und Frankreich auf. Mit Delegationsreisen von Sozialdemokraten, von Arbeiterinnen und Katholiken, durch Versammlungen und Ausstellungen versuchte der „Bund der Freunde der Sowjetunion“ als „Massenorganisation“ zu erscheinen. Ein Reichskomitee, eine Reichsfraktionsleitung, Bezirks- und Betriebsgruppen, Kampagnen gegen die drohende Intervention, „revolutionäre Wettbewerbe“ und „Stoßbrigaden“ erzeugten zumindest papierene Betriebsamkeit und sicherten somit die Finanzierung des „Apparats“ durch das von sowjetischen Gewerkschaften alimentierte „Internationale Komitee des Bundes der Freunde“.50 Nach einem Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD (1930) sollte ein öffentlich kaum wirksamer „Klub der Freunde Sowjet-Russlands“ alle „Russland- und friedensfreundlichen Menschen“ vereinigen, die „aktiv an der Erhaltung und Verteidigung Sowjet-Russlands“ mitarbeiten. Über die Tätigkeit der 1931 in Berlin gegründeten, öffentlich aktiven und klandestin instrumentalisierten „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Planwirtschaft in der Sowjetunion“ berichtete 1941 Georg Lukács51 49 Zur klandestinen Politik der Komintern vgl. Reinhard Müller, „Das macht das stärkste Ross kaputt.“ Willi Münzenbergs Abrechnung mit dem Apparat der Komintern und ein Moskauer Drehbuch für den Amsterdamer Kongress 1932, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, Berlin 2010, S. 243–265. 50 1931 lag die Geschäftsleitung des „Bundes“ bei Otto Kühne, Sekretär der KPD-Reichstagsfraktion. Am 2. März 1933 wurden die Räume des „Bundes“ durchsucht und geschlossen. 51 Am 29. Juni 1941 wurde Georg Lukács in seiner Wohnung verhaftet. Zur zweimonatigen Haftzeit und zu den Verhören in der Lubjanka vgl. Reinhard Müller, „Glück in dieser Katastrophenzeit“. Georg Lukács in der Lubjanka, in: Mittelweg 36, 9 (2000), 4, S. 28–48. 199 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung nach einer Anforderung des Chefs der Auslandsspionage Pawel Fitin an die Kaderabteilung der Komintern: „Die Organisation Arbplan (Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Planwirtschaft in der Sowjetunion) ist im Spätherbst 1931 begründet worden, um eine Reihe hochqualifizierter Intellektueller, die vorwiegend politisch rechts organisiert waren, die aber aus verschiedenen Gründen Anhänger einer prosowjetischen Orientierung der deutschen Politik waren, in dieser Richtung zu bestärken und einzelne, wenn möglich, unseren Ideen näher zu bringen. Die Begründung ging von Prof. F[riedrich] Lenz aus. Führende Mitglieder waren die Universitätsprofessoren [Otto] Hoetzsch, C[arl] Schmitt, der Prof. an der Hochschule für Politik [Adolph] Grabowsky52, die rechtsradikalen Publizisten E[rnst] Jünger, [Friedrich] Hielscher, [Ernst] Niekisch53 usw. Im Sekretariat des Arbplan nahmen zwei Vertrauensleute von Hoetzsch (ich erinnere mich nur an Klaus Mehnert), die Kommunisten Arwid Harnack und Paul Massing teil. Die Aufgabe der kommunistischen Fraktion ([Karl August] Wittfogel, [Georg] Lukács, H[ans] Jäger, A[lexander] Bolgár)54 bestand in einer unauffälligen Leitung der Thematik und der Führung der Debatten, um das erstrebte ideologische Ziel möglichst zu verwirklichen.“55 Neben kurzen Beschreibungen von Arvid Harnack, der laut Lukács bereits vor 1933 als „geheimes KPD-Mitglied geführt“ wurde, des „ehrlichen, wahrheitssuchenden Intellektuellen“ Adam Kuckhoff und von Paul Massing, Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, KPD-Mitglied, der wie seine Frau Hede Massing56 vor und nach 1933 für verschiedene sowjetische Spionageapparate arbeitete, lieferte Lukács über Ernst 52 Der Friedrich-List-Anhänger Lenz und Adolph Grabowsky fallen unter Trotzkis Begriff des „Kathedersozialisten“. Vgl. Adolph Grabowsky, Planwirtschaft und Kapitalismus, in: Der rote Aufbau 5 (1932), 22, S. 1033–1036. 53 Friedrich Hielscher war nationalrevolutionärer Publizist, Ernst Niekisch führender „Nationalbolschewist“. 54 Der Ungar Alexander Bolgár war Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Berlin, Hans Jäger Mitarbeiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe. 55 Vollständig abgedruckt und nähere Personenangaben im Anhang zu Reinhard Müller, Rezension von François Furet, Das Ende einer Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, in: Mittelweg 36, (1996), S. 71–72. 56 Vgl. Hede Massing, Die große Täuschung. Geschichte einer Sowjetagentin, Freiburg [u.a.] 1967. 200 Reinhard Müller Jünger eine kurze Charakteristik: „Bekannter rechtsradikaler Schriftsteller. Stand gewissen Reichswehrkreisen nahe. Seine bizarre Konzeption des Sozialismus, auf welcher sich damalige Sympathie zur Sowjetunion gründete, ist aus seinem 1932 erschienen Buch ‚Der Arbeiter‘ klar ersichtlich. Er war damals tief verstrickt in faschistischen Gedankengängen, aber die Nazi hat er als Partei tief verachtet, er nahm an den Arbeiten des Arbplan teil.“ Die ideologische Querfront zwischen linken und rechten Intellektuellen entsprach sowohl der nationalistischen Programmatik der KPD mit ihrem gegen Versailles gerichteten „Programm der nationalen und sozialen Befreiung“ wie auch der Rapallo-Politik, der langjährigen militärischen Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee und den intensiven Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland. Nicht nur unter Intellektuellen suchte die KPD „rechte Leute von links“57 zu rekrutieren, sondern auch unter NSDAP-Anhängern und in der Reichswehr.58 Bereits 1923 hatte Georg Lukács registriert, dass die Planwirtschaft „ins Bewusstsein wenigstens der fortgeschrittensten Elemente der Bourgeoisie“59 getreten sei. Die sowjetische Planwirtschaft wie auch der erste Fünfjahresplan waren während der Weimarer Republik Gegenstand zahlreicher propagandistischer und wissenschaftlicher Publikationen60. Nach einem längeren Moskau-Aufenthalt verfasste Friedrich Pollock für das Frankfurter Institut für Sozialforschung eine umfangreiche Studie über die „planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion“. Internationale Neuerscheinungen wurden in der Zeitschrift für Sozialforschung ausführlich 57 Vgl. Otto-Ernst Schüddekopf, Nationalbolschewismus in Deutschland 1918–1933, Frankfurt a. M. [u.a.] 1973; Louis Dupeux, „Nationalbolschewismus“ in Deutschland 1919–1933. Kommunistische Strategie und konservative Dynamik, München 1985; Michael David-Fox, Annäherung der Extreme. Die UdSSR und die Rechtsintellektuellen vor 1933, in: Osteuropa (2009), 7/8, S. 115–124. 58 Als Paradebeispiele dienten Richard Scheringer und Beppo Römer, die mit der von der KPD finanzierten Zeitschrift „Der Aufbruch“ Überläufer aus der NSDAP und frühere Freikorpsmitglieder gewinnen wollten. 59 Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein (Werke, Bd.2, Frühschriften II). Neuwied – Berlin 1968, S. 241f. 60 Vgl. Die Sovet-Union 1917–1932, S. 67–71. 201 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung vorgestellt.61 Die Berliner sowjetische Botschaft schmückte sich in einem internen Bericht an das ZK der WKP (b) mit der Existenz der „Arplan“, wie sie meist abgekürzt wurde, da sie „auf Initiative der Botschaft und unter Führung der Botschaft“ gegründet worden sei.62 Wie auch andere Pilgerreisen westlicher Prominenz sollte eine dreiwöchige Delegationsreise von 24 Arbplan-Mitgliedern sorgfältig in Moskau vorbereitet werden. Dies schlug der Berliner Botschafter Chintschuk auf höchster Ebene, nämlich in einem Schreiben an den ZK-Sekretär Kaganowitsch63 vor. Ende 1932 verzeichnete man in Moskau sorgfältig die publizistischen Auftritte der Delegationsteilnehmer. Die geplante Ausweitung der Tätigkeit, u.a. die Gründung einer deutschen Zeitschrift nach dem Vorbild der französischen Zeitschrift plan kam jedoch mit Hitlers Machtantritt nicht mehr zustande. Viele Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler, Ärzte und Rechtsanwälte, die Willi Münzenberg für seine Organisationen und Kampagnen gewinnen konnte, waren „gläubigen Geistes und reinen Herzens“ und überzeugt, dass nur der Kommunismus mit allen Mitteln für eine bessere Welt, für Fortschritt und Emanzipation kämpfe. Wie Münzenbergs Lebensgefährtin Babette Gross weiter im Rückblick festhielt, fühlten sich „selbst die Edelsten unter den sympathisierenden Intellektuellen“ verpflichtet, um der „großen Ziele willen hin und wieder ein Auge zuzudrücken.“64 Neben „idealistischen Motiven“ sei aber auch „beträchtliche intellektuelle Eitelkeit, ja Bestechlichkeit“ im Spiel gewesen. „Man ließ sich durch Ehrungen und reichlich Honorare verlocken, fuhr nur zu gern nach Rußland, um sich stürmisch feiern zu lassen, während ähnlicher Ruhm in der Heimat 61 Friedrich Pollock, Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917–1927, Leipzig 1929; ders., Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus und die Aussichten einer planwirtschaftliche Neuordnung, in: Zeitschrift für Sozialforschung 1 (1932), S. 8–27. 62 Vgl. dazu auch Matthias Bürgel, Als trotzkistischer Verschwörer an der sowjetischen Botschaft in Berlin: Der „Bucharinist“ Sergej Bessonov und der dritte Moskauer Schauprozess, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, Berlin 2016, S. 67. 63 Vgl. Christoph Mick, Sowjetische Propaganda, Fünfjahrplan und deutsche Rußlandpolitik 1928–1932, Stuttgart 1995, S. 238f. 64 Babette Gross, Willi Münzenberg. Eine politische Biographie. Mit einem Vorwort von Arthur Koestler, Stuttgart 1967 (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Nr. 14/15), S. 232f. 202 Reinhard Müller nicht zu erreichen war.“65 Der Sozialrevolutionär Isaak Steinberg charakterisierte die organisierte und freiwillige Blindheit westlicher Intellektueller: Der Terror hat sich also keineswegs in der Sowjetunion „gemildert“. Im Gegenteil: er hat sich in Sowjetrussland noch gründlicher, systematischer und mannigfaltiger festgesetzt. Aber nicht nur in der Sowjetunion allein; er hat längst auf die kommunistischen und bürgerlich-radikalen Schichten in Westeuropa übergegriffen. Diese Schichten haben noch nicht die Gelegenheit, selbst revolutionären Terror auszuüben, aber sie schwelgen in einer terroristischen Psychologie und Phraseologie. Unter dem Deckmantel der „Sympathien“ für Sowjetrussland oder der „Verteidigung“ Sowjetrusslands vor den imperialistischen Gefahren zuliebe sind heute gewisse radikal-bürgerliche Schichten in Europa bereit, die schlimmsten Taten des bolschewistischen Terrors zu billigen, zu entschuldigen oder gar abzuleugnen. Man begeistert sich für den „Fünfjahrplan“ oder für die Hebung der russischen Volkswirtschaft, ohne sich über das Leben und Empfinden des Experimentvolks von 150 Millionen Gedanken zu machen.66 Zu den „radikal-bürgerlichen Schichten“, die auf vielen Gebieten das „Hosianna der eingeladenen Reklamebürger“67 anstimmten, gehörten auch Martha Rubens-Wolf und Lothar Wolf. Das kommunistische Ärzte-Ehepaar, das in Berlin in ihrer Praxis zahlreiche Abtreibungen durchführte, unternahm auf „eigene Kosten“ mehrere Reisen in die Sowjetunion.68 In hochgestimmten Reiseberichten schilderten sie ihre Eindrücke von St. Petersburg, Moskau, der Krim, dem Kaukasus und Mittelasien, von Krankenhäusern und Museen, durch die man sie fürsorglich geführt hatte. Als Mitglieder der „Internationalen Arbeiterhilfe“ (IAH) und des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“ priesen sie in Versammlungen, in der AIZ 65 Ebd., S. 233. 66 Isaak Steinberg, Gewalt und Terror in der Revolution: (Oktoberrevolution oder Bolschewismus), Berlin 1931, (Nachdruck Berlin 1974), S. 337. 67 Erich Mühsam, Polemische Literatur, in: Das Fanal 5 (1930), 3, S. 67. 68 Vgl. dazu Reinhard Müller, „Menschenopfer unerhört“. Martha Ruben-Wolf und Lothar Wolf, in: Sonja Friedmann-Wolf, Im Roten Eis. Schicksalswege meiner Familie, Hrsg. von Reinhard Müller und Ingo Way, Berlin 2013, S. 399–424. 203 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung und in Das neue Rußland die bespielhafte Geburtenregelung69 und Abtreibungspraxis, die angebliche Abschaffung der Prostitution, die Fürsorge für verwahrloste Kinder und auch den vorbildlichen „Strafvollzug in Räterussland“. Nach einem Besuch im Moskauer GPU-Zuchthaus Lefortowo schrieben sie ins Gästebuch: „Diese Anstalt beweist für sich allein bereits, dass Räte-Russland der führende Kulturstaat ist.“70 Im Kampf gegen das Abtreibungsverbot in Deutschland diente Martha Ruben-Wolf die gesetzliche Freigabe der Abtreibung in der Sowjetunion und die Moskauer Praxis der „Abortarien“ als leuchtendes Beispiel. Ihre überschwängliche Faszination schlug jedoch in ihrem Exil in der Sowjetunion in tiefste Desillusion um. Martha Ruben-Wolf wurde 1936 aus der Moskauer Abtreibungsklinik entlassen, Lothar Wolf wurde 1937 verhaftet und 1938 als angebliches Mitglied einer fiktiven „trotzkistischen Spionageorganisation“ der jüdischen, deutschen Ärzte in Moskau zum Tode verurteilt und erschossen. Nach einer Bitte von Martha Ruben-Wolf schrieb Lion Feuchtwanger 1939 an den Staatsanwalt Wyschinski, dass ihm Lothar Wolf „als einer der ersten glühenden Propagatoren der Sowjetunion“ bekannt und dessen „Enthusiasmus und seine Schriften über die Sowjet-Union“ zu den „ersten Hinweisen gehörten“, die ihm „die Größe der Sowjet-Union erschlossen.“ Martha Ruben-Wolf wurde nach der Verhaftung ihres Mannes aus der KPD ausgeschlossen und beging 1940 Selbstmord. Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung verdrängten während und nach der Russlandreise jene durchaus in Deutschland erreichbaren Informationen und Berichte über Terror und Verfolgung, über Gefängnisse und Zwangsarbeit, die in der KPD-Propaganda kurzerhand als „Ammenmärchen über den angeblichen roten Terror, die Schrecken der Tscheka u.a.m.“71 abgetan wurden. In der DDR-Literaturwissenschaft wurde diese Ausblendung und Zuschreibung im Parteijargon fortgeführt: „Wahrheitsgetreue Reiseberichte über die Sowjetunion konnten 69 Vgl. Martha Ruben-Wolf, Geburtenregelung in Sowjet-Russland, in: Das neue Rußland (1925), 7/8, S. 19. 70 Martha Ruben-Wolf / Lothar Wolf, Russische Skizzen zweier Ärzte, Berlin 1927, S. 70. 71 Frida Rubiner, Sowjetussland von heute. Einige Kapitel für Jedermann, Berlin 1925, S. 23. 204 Reinhard Müller viel dazu beitragen, den Antikommunismus als eine Hauptwaffe der Reaktion bei der Niederschlagung der Arbeiterbewegung zurückzudrängen und die Klassenhilfe der revolutionären Proletarier für Sowjetrussland zu verstärken.“72 Ausgewählt wurden dabei einige Autoren, die mit ihrer „literarischen Kundschaftertätigkeit dazu beitrugen, das Lügengespinst vor Sowjetrussland zu zerreißen.“73 Besuche von Gefängnissen, Gerichtsverhandlungen, Industriebetrieben, Krankenhäusern und auch der Roten Armee gehörten sowohl zum wohlorganisierten Programm von Arbeiter-Delegationen wie auch von Rundreisen eingeladener Schriftsteller.74 Nach dem Vorbild einer englischen Gewerkschaftsdelegation stellte die IAH in Deutschland seit 1925 Arbeiter-Delegationen zusammen, deren angeblich parteilose oder sozialdemokratische Teilnehmer nach der Rückkehr in die KPD eintraten und für eine neue „einheitliche“ Gewerkschaftsinternationale warben.75 In öffentlichen Versammlungen, in der Roten Fahne und in Broschüren wurden die durchweg positiven Eindrücke propagiert. Über diese schönzeichnenden Reportagen hielt Hans Siemsen in der Weltbühne fest, dass es „Freunde der Sowjetunion“ gäbe, die es „allen Ernstes für notwendig halten, nicht immer der Wahrheit, sondern unter Umständen auch der Unwahrheit die Ehre zu geben ad majorem Sowjetrussiae gloriam.“76 Zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution wurde 1927 in Moskau zusammen mit der „Gesellschaft für kulturellen Austausch mit dem Ausland“ (WOKS) ein eigenes Komitee unter Leitung der IAH-Vorsitzenden Clara Zetkin und des Gewerkschaftsvorsitzenden Alexander Losowski ge- 72 Waltraud Engelberg, Die Sowjetunion im Spiegel literarischer Berichte und Reportagen in der Zeit der Weimarer Republik, in: Literatur der Arbeiterklasse: Aufsätze über die Herausbildung der deutschen sozialistischen Literatur (1918–1933), Berlin 1986, S. 318. 73 Ebd., , S. 331. Der Autor erscheint nicht mehr wie bei Walter Benjamin als Produzent, sondern als „Kundschafter“ wie bei Erich Mielke. 74 Was sahen 58 deutsche Arbeiter in Rußland? Bericht der deutschen Arbeiter-Delegation über ihren Aufenthalt in Rußland vom 14. Juli bis 28. August 1925, hrsg. vom Einheitskomitee für Arbeiterdelegationen, Berlin 1925. 75 Vgl. Warum Arbeiterdelegationen nach Rußland?, Berlin 1925. 76 Hans Siemsen, GPU, in: Die Weltbühne 27 (1931), S. 797. Diese Passage über die „Freunde der Sowjetunion“ fehlt in der Buchausgabe: Russland. Ja und Nein, Berlin 1931. 205 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung gründet, das ausgewählte kommunistische Autoren wie Johannes R. Becher, Berta Lask, Andor Gábor, Frida Rubiner, F.C. Weiskopf, aber auch sympathisierende Reiseschriftsteller wie Arthur Holitscher, Alfons Goldschmidt und u.a., die Frauenrechtlerin Helene Stöcker und Käthe Kollwitz zu kostenlosen und betreuten Aufenthalten einlud. Auch der Arzt und Sexualreformer Max Hodann, Mitglied im Reichsvorstand der IAH und Vorstandsmitglied im „Bund der Freunde der Sowjetunion“ gehörte zu dieser Delegation. Als unabhängiger Sozialist unternahm er mehrere Reisen durch die Sowjetunion und wertete zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und auch Reiseberichte aus.77 Sein mit 70 Fotografien ausgestattetes Buch Sowjetunion. Gestern, heute, morgen erschien 1930 und 1931 in zwei Auflagen und wurde von Erich Mühsam dafür gelobt, dass es „mit viel Liebe und ohne jede Liebedienerei“ geschrieben wurde. Mühsam hebt hervor, dass Hodanns Buch sich „eigentlich nur gegen die Tendenzverlogenheit der europäischen Russlandfahrer, besonders der Parteikommunisten“ richten würde: Wenn die bürgerlich-radikalen Intellektuellen in Deutschland, aus denen sich bei uns zumeist die Wortführerschaft der KPD rekrutiert, in ihren byzantinischen Paroxysmen zum Beispiel bestreiten, dass in Moskau lange Schlangen armer Menschen vor den Lebensmittelläden anstehen oder gar, dass die furchtbare Geisel der Massenverwahrlosung vagabundierender Kinder überhaupt vorhanden sei, so begegnet er solchen knechtischen Irreführungen mit einwandfreien Zahlen und überzeugenden Berichten, denen er durch Photographien unerschütterlichen Halt gibt. Das Hodannsche Werk kann jedem, der ein Bild vom wirklichen Geschehen in Russland gewinnen will, nur empfohlen werden, obwohl wichtige Gegenstände, wie das Gefängniswesen, übergangen sind. Da Hodann jedoch nur von Dingen schreibt, in die er selbst Einblick erhalten hat, sind diese Art Mängel Beweise seiner Ehrlichkeit, die es vorzieht zu schweigen, statt Gehörtes weiterzutragen. Leider fehlt alles Material über die Verfolgung der revolutionären Oktoberkämpfer, aber offenbar 77 Max Hodann gab ebenfalls die Zeitschrift „Der drohende Krieg. Politisch-wirtschaftliches Bulletin der Freunde der Sowjetunion“ (1928–1930) heraus. Ein politisch-literarisches Denkmal für Hodann setzte Peter Weiss in der „Ästhetik des Widerstands“. 206 Reinhard Müller ebenfalls nur, weil es dem Berichterstatter nicht zur Verfügung stand. Gegen die politische Geheimjustiz der GPU im allgemeinen und gegen die Diffamierung Trotzkis wendet er sich mit erstaunlicher Freimütigkeit. 78 Diese „Freimütigkeit“ gegenüber dem verfemten und aus der Sowjetunion ausgewiesenen Trotzki führte in der vom „Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller“ herausgegebenen Zeitschrift Die Linkskurve zu einer vernichtenden Notiz: „Vor diesem Machwerk muss man dringend warnen. Ein Renegat versteht unter der ‚Objektivität‘ und ‚Sachlichkeit‘, die Errungenschaften des Arbeiterstaates zu diskreditieren.“79 Hodann legte nach dieser parteioffiziellen Warnung seine Funktionen im „Bund der Freunde der Sowjetunion“ und in der IAH nieder. Daraufhin nahm Alfred Kurella sogar den Vorwurf des Renegaten zurück, da „der Autor tatsächlich niemals auf dem Standpunkt des revolutionären Marxismus gestanden und die russische Revolution niemals wirklich verstanden hat.“ Die „Standpunktlosigkeit“ Hodanns habe ihre Wurzeln in der „trotzkistischen Auffassung der russischen Revolution“.80 Hodann gehörte in der Weimarer Republik wie andere parteilose Intellektuelle, Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler zu den literarisch-politischen „Weggenossen“, die mit der Oktoberrevolution und der Sowjetunion sympathisierten. Als „fellow traveller“ versuchte sie Willi Münzenberg mit dem „Bund der Freunde der Sowjetunion“, durch Solidaritätsaktionen und Kampagnen der IAH81, mit Kongressen der „Liga gegen den Imperialismus“, und nicht zuletzt durch Moskaureisen in sein 78 Erich Mühsam, Das russische Rätsel, in: Das Fanal 5 (1931), 7, S. 153. 79 Die Linkskurve 3 (1931), 1, S. 28. 80 Alfred Kurella, „Renegat“ Max Hodann, in: Die Linkskurve 3 (1931), 3, S. 8–13. Kurellas Verriss wurde von der DDR-Literaturgeschichtsschreibung mit einer „objektiven“ Funktionsbestimmung übernommen. Die proletarisch-revolutionären Schriftsteller hätten nicht mehr widerspruchslos zugelassen, dass „halbe Wahrheiten über die Sowjetunion im Endeffekt zur ganzen Lüge werden und objektiv den Kräften der Reaktion nützen.“ Engelberg, Die Sowjetunion im Spiegel literarischer Berichte, S. 366. 81 Vgl. Willi Münzenberg, Solidarität. Zehn Jahre Internationale Arbeiterhilfe 1921–1931, Berlin 1931; Im Zeichen der Solidarität. Bibliographie von Veröffentlichungen der Internationalen Arbeiterhilfe in Deutschland 1921–1933, zusammengestellt u. eingeleitet von Heinz Sommer, Berlin 1986. 207 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung weitgespanntes Medienimperium mit Verlagen wie dem „Neuen Deutschen Verlag“, Zeitungen wie Die Welt am Abend und Arbeiter-Illustrierte- Zeitung, Zeitschriften wie „Der Rote Aufbau“ und in die Produktion der IAH-Filmfirma Meshrabpom 82 einzubinden. Während der „Bund der Freunde der Sowjetunion“ mit seinem bebilderten Mitteilungsblatt Freund der Sowjets auf Arbeiter als Adressaten zielte, richteten sich die Beiträge in der Zeitschrift Das Neue Rußland (1923–1932) über Kultur, Wissenschaft und Politik an das linksgestimmte Bildungsbürgertum.83 Herausgegeben wurde die opulente, mit Fotos und mit Fotomontagen Heartfields ausgestattete Zeitschrift von der 1923 gegründeten „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“.84 Mit Delegationsreisen, Vorträgen in zahlreichen deutschen Städten, mit Kunst- und Fotoausstellungen beförderte die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ nicht nur den kulturellen Austausch, sondern entwarf auch ein ästhetisch und politisch überhöhtes Bild der Sowjetunion.85 Vorträge des Volkskommissars für Volksbildung Anatoli Lunatscharski, Theatergastspiele von Wsewolod Meyerhold86, Auftritte von Wladimir Majakowski, die vielfältige Unterstützung durch die Moskauer „Gesellschaft für kulturellen Austausch mit dem Ausland“ (WOKS)87 projizierten den schönen Schein der Sowjetunion 82 Vgl. Günter Agde (Hrsg.), Die rote Traumfabrik: Meshrabpom-Film und Prometheus 1921– 1936, Berlin 2012. 83 Zur Konkurrenz der beiden Freundschaftsgesellschaften und zu den Rivalitäten zwischen Willi Münzenberg und Eduard Fuchs vgl. Ulrich Weitz, Eduard Fuchs. Der Mann im Schatten. Sitten-Fuchs, Sozialist, Konspirateur, Sammler, Mäzen, Berlin 2014, S. 304–306. 84 Die Zeitschrift „Das neue Rußland“ (1923–1932) erschien bis 1929 im „Neuen Deutschen Verlag“ der IAH, ab 1929 im Verlag Literatur und Politik, einem Komintern-Verlag. 85 Vgl. dazu Irina Antonowa/Jörn Merkert (Hrsg.) Berlin – Moskau 1900–1950, München 1995; Fritz Mierau, Russen in Berlin: Literatur, Malerei, Theater, Film 1918–1933, Leipzig 1987; Klaus Kändler/Helga Karolewski/Ilse Siebert (Hrsg.), Berliner Begegnungen. Ausländische Künstler in Berlin 1918 bis 1933, Berlin 1987. 86 Vgl. dazu Wladimir Koljazin, Meyerhold und Deutschland, Ausstellungskatalog, Moskau 2004. 87 Als Informationsbulletin von„VOKS erschien die Zeitschrift „Sowjetkultur im Aufbau“, Moskau 1931–1934. 208 Reinhard Müller als einer antipodischen, neuen Welt.88 „Russenfilme“ von Sergej Eisenstein (Panzerkreuzer Potemkin) und Wsewolod Pudowkin (Die Mutter, Sturm über Asien) lieferten für ein breites Publikum faszinierende Bilderwelten der Oktoberrevolution und des „russischen Wunders“.89 Die Fotoreportagen in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ) und die Fotomontagen in der Zeitschrift UdSSR im Bau über die „Großbauten des Kommunismus“ (Kraftwerk Dnjeprostroj, Stahlwerk Magnitogorsk) und die angeführten Erfolgsziffern des Fünfjahresplans entwarfen ein Kontrastbild zur Krise des Kapitalismus und zu der massenhaften Arbeitslosigkeit.90 Für die AIZ, für die Zeitschrift Der Arbeiterfotograf, für Ausstellungen und für aufwendige Fotobände stellte die Fotoagentur „Sojus-Foto“ mit ihrem Berliner Ableger „Union-Bild“ eine Fülle von faszinierenden Fotos über den industriellen Aufbau und den veränderten Alltag zur Verfügung. Mit ihrer bildlichen Verheißung der Authentizität sollten Fotobände wie der Der Staat ohne Arbeitslose 91 und Fünfzehn Eiserne Schritte92 die augenscheinliche Beglaubigung des „russischen Wunders“ liefern. Karl Schlögel notierte über die Attraktion dieser Bilderwelt: Gegen die Wucht dieser Bilder kommt der Betrachter auch heute noch schwer an: die Staumauer des Kraftwerkes Dnjeproges, die Hochöfen von Magnitogorsk, die Schleusenkammern des Weißmeer-Ostseekanals, benannt nach Stalin, der Rhythmus der Werkhallen des Traktorenwerks in Charkow – sie prägen bis heute das Bild vom sozialistischen Aufbau, wurden grenzüber- 88 Vgl. dazu Michael David-Fox, Showcasing the Great Experiment. Cultural Diplomacy and Western Visitors to the Soviet Union, 1921–1941, New York 2012, S. 28–40. 89 Die Erzählung vom „russischen Wunder“ verwandten in der DDR Annelie und Andrew Thorndike für einen Dokumentarfilm und ein auflagestarkes Fotobuch. 90 Nach dem Zwei-Welten-Schema wurde auch das opulent ausgestattete, 1935 in russischer Sprache erschienene Buch „Hubert im Wunderland“ von Maria Osten konzipiert. Vgl. dazu Reinhard Müller, Exil im „Wunderland“ Sowjetunion. Maria Osten (1908–1942), in: Exil. Forschungen, Erkenntnisse, Ergebnisse 27 (2007), 2, S. 73–95. 91 Ernst Glaeser / F.C. Weiskopf, Der Staat ohne Arbeitslose: drei Jahre Fünfjahresplan, Berlin 1931 (enthält 265 Abbildungen und ein Nachwort von Alfred Kurella). 92 15 eiserne Schritte: ein Buch der Tatsachen aus der Sowjetunion, Berlin (Universum-Bücherei) 1932. Zum Kollektiv von Bildredakteuren und Schriftstellern gehörte u.a. auch Otto Katz, Geschäftsführer der „Universum-Bücherei“ und einer der wichtigsten Propagandisten Münzenbergs. 209 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung schreitende Symbole der Moderne und des Sprungs eines rückständigen Agrarlandes ins 20. Jahrhundert.93 Eine großangelegte Fotoreportage über die glückliche Moskauer Familie des Metallarbeiters Filipow dienten in der AIZ (1931, Nr. 38) als propagandistisches Beispiel für die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Sowjetunion.94 Hohe russische Funktionäre kritisierten diese Reportage als allzu plumpe Propaganda, und „wie bei Filipows“ wurde zum Synonym für Potemkinsche Dörfer.95 So zumindest in der Erinnerung von Babette Gross .96 Ähnlich inszenierte und ausgesuchte Schaubilder wurden Arbeiterdelegationen und ausgesuchten Schriftstellern, Intellektuellen und Wissenschaftlern in Fabriken, in der Landwirtschaft, in Krankenhäusern, Schulen und Gefängnissen vorgeführt. In seinem Reisebericht hinterfragte Hans Siemsen den angemeldeten, offiziellen Besuch in einem Moskauer Gefängnis: „Einem Ausländer, oder gar einem ausländischen Journalisten, der ein Gefängnis sehen will, wird man nicht gerade das schlechteste Gefängnis zeigen, sondern eine Musteranstalt oder das, was man dafür hält.“97 Die naive Ausblendung der Realität und vorsätzliche Immunisierungsstrategien wurden von Trotzki 1936 beschrieben: „Die Zugehörigkeit zu Freimaurerlogen oder pazifistischen Klubs hat mit der Mitgliedschaft zur Gesellschaft der ‚Freunde der Sowjetunion‘ vieles gemein, denn sie gestattet, gleichzeitig zwei Leben zu führen: ein Werktagsleben inmitten der alltäglichen Interessen, und ein sonntägliches zur Erbauung der Seele. Von Zeit zu Zeit besuchen die ‚Freunde‘ Moskau. Ihrer Erinnerung prägen sich 93 Schlögel, Das sowjetische Jahrhundert, S.96. 94 Kontrastiert wurde dies mit einer Fotoreportage über eine Berliner Familie: „Hier in der ‚roten‘ Gasse wohnt die Arbeiterfamilie Fournes“ (AIZ, 1931, Nr. 48). 95 Vgl. dazu Michael David-Fox, The Potemkin Village Dilemma, in: Showcasing the Great Experiment, S. 98–141. 96 Babette Gross, Willi Münzenberg, S. 165. Eine abweichende Interpretation bei Katerina Clark, Moscow, the Fourth Rome: Stalinism, Cosmopolitanism, and the Evolution of Soviet Culture, 1931–1941, Cambridge 2011, S. 67–70. 97 Hans Siemsen, Russland. Ja und Nein, Berlin 1931, S. 63. In das Gefängnistagebuch hatten sich bereits Theodore Dreiser und der Autor und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore eingeschrieben. 210 Reinhard Müller Traktoren, Kinderkrippen, Pioniere, Paraden, Fallschirmspringer ein, mit einem Wort alles außer der neuen Aristokratie. Die Besten von ihnen schlie- ßen davor die Augen aus Feindschaft gegen die kapitalistische Reaktion“.98 Als „Klub der Harmlosen“ bezeichnete Münzenberg die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“. Zum repräsentierenden „Zentralkomitee“ gehörten 1923 bei der Gründung: Albert Einstein, die Verleger Samuel Fischer und Ernst Rowohlt, der Präsident des Reichstags Paul Löbe (SPD), der Historiker Carl Grünberg, der Intendant des Schauspielhauses Leopold Jessner, der Kunst- und Kulturhistoriker Eduard Fuchs u.a. In der Zeitschrift Das neue Rußland bestimmte das KPD-Mitglied Erich Baron99 als Herausgeber und verantwortlicher Redakteur die Auswahl der Themen und der Beiträger. Als erstem Vorsitzenden gelang es Eduard Fuchs100, seit 1919 KPD-Mitglied, zahlreiche Wissenschaftler wie auch links gestimmte und liberale Bildungsbürger für die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ zu gewinnen. Allein in der Berliner Ortsgruppe fanden sich 300 Mitglieder zusammen. 1927 reiste Eduard Fuchs zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution und zum Weltkongress der Freunde der Sowjetunion mit 173 Teilnehmern einer Delegation nach Moskau. Seine emphatische Begeisterung für den „Roten Oktober“101 schwand jedoch zusehends mit der Stalinisierung von Komintern und KPD.102 Zum Zerwürfnis mit der KPD trug sicherlich auch das mehrjährige Ausreiseverbot von Heinrich Brandler und August Thalheimer bei, die als rechtsoppositionelle Kritiker der Komintern- und KPD-Politik in Moskau bis 1928 „kominterniert“ waren. 98 Leo Trotzki, Verratene Revolution. Anhang II: Die „Freunde“ der UdSSR, in: ders.: Schriften 1.2, S. 1006. 99 Erich Baron, 1920 KPD-Mitglied und Redakteur im Pressebüro der KPD-Zentrale, seit 1924 Generalsekretär der „Gesellschaft der Freunde der Sowjetunion“, wurde 1933 in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet, nach schweren Foltern beging er in der Haft wahrscheinlich Selbstmord. 100 Zur Biographie vgl. Weitz, Eduard Fuchs. 101 Eduard Fuchs, Die Sonne der Menschheit ging im Osten auf, in: Das neue Rußland (1927), 9/10, S. 6–14. 102 Nach seinem Austritt wurde Eduard Fuchs 1929 Mitglied und Finanzier der antistalinistischen KPD (Opposition). 211 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung Im Sommer 1928 wurde in Moskau von dem Sonderkollegium des Obersten Gerichts ein Schauprozess gegen zahlreiche Techniker und Ingenieure inszeniert, denen Sabotage und „Schädlingsarbeit“ im Kohlebergbau des Donezbeckens und in der Industrie der Ukraine vorgeworfen wurde. Wie auch in den anderen Schauprozessen wurden den Angeklagten im „Schachty-Prozess“ Verbindungen zum ausländischen Kapital vorgeworfen. Während eines Plenums des ZK der KPdSU legte Stalin bereits im April 1928 vor Prozessbeginn das Szenario und die tödlichen Folgen fest: „Wir haben die Schachty-Affäre, die wir bereits liquidieren und die zweifellos liquidiert wird. Die Schachty-Affäre bedeutet einen neuen ernsten Vorstoß des internationalen Kapitals und seiner Agenten in unserem Lande gegen die Sowjetmacht.“103 Die Anklage des Staatsanwalts Krylenko konstruierte mit erfolterten Geständnissen und reumütigen Selbstbezichtigungen – ohne jeglichen materiellen Beweis – ein Netz von Sabotage- Zentren. Die Mehrheit der Angeklagten erhielt langjährige Haftstrafen, von 11 Todesstrafen wurden 6 vollstreckt, zwei deutsche Angeklagte freigesprochen. Die Weltbühne sah sich „verpflichtet“, die Anklageschrift Krylenkos mit der Überschrift Wir müssen erbarmungslos sein! abzudrucken.104 Im gleichen Heft meinte jedoch Richard Lewinsohn, dass man „in einem so gefestigten und ruhigen Staat wie der Sowjet-Union ein Dutzend Menschen, wenn es gnädig abgeht, ein halbes Dutzend, an die Wand stellt, ist kannibalisch.“105 In seinem Reisebuch fasste der Weltbühnen-Autor Hans Siemsen seine Eindrücke von den „sogenannten Schädling-Prozessen“ zusammen: „Diese ‚Prozesse‘ und Erschießungen sind politische ‚Maßnahmen‘, weiter nichts. Das hat mit Recht und Gerechtigkeit nichts mehr zu tun, nicht einmal mit Justiz. Das ist Kampf, legalisierter Bürgerkrieg, Terror.“106 Als einer der wenigen zeitgenössischen Beobachter registrierte Siemsen die Methoden zur Erpressung der „Geständnisse“ und den „eigentlichen Sinn dieser Erschießungen“: „Stalin wollte mit dieser Erschie- 103 J. W. Stalin, Werke, Berlin 1954, Bd. 11, S. 57. 104 Die Weltbühne 24 (1928), S.42–46. 105 Ebd., S. 40. 106 Siemsen, Russland. Ja und Nein, S. 100 212 Reinhard Müller ßung zweierlei. Er brauchte ‚Schuldige“ für das Versagen der Lebensmittelversorgung, und er wollte der Rechtsopposition, die bekanntlich Gegner des Fünfjahrplans sind oder doch seines überstürzten Tempos ist, eine böse Warnung erteilen.“107 Da der Fünfjahrplan, die Partei, die Regierung und Stalin über jeder Kritik stehen, werden Schuldige gesucht: „Und die GPU schafft sie herbei.“108 Bei Beginn des nächsten Schauprozesses gegen die sog. „Industriepartei“ (1930)109 erschienen als „proletarisches Echo“ in der Roten Fahne eine Reihe von Leserbriefen mit Forderungen: „Erschießen! Erschießen! Erschießen!“ und „Köpfe ab! Hut ab vor der GPU!“ „Hoffentlich können wir auch bald die Drahtzieher vor ein Volksgericht ziehen und dann wird russisch geredet!“110 Der führende Moskauer Jurist Jewgeni Paschukanis stimmte diesem gewaltbereiten Chor zu: Am 25. November begann vor dem Obersten Gerichtshof der Sowjetunion der Prozess gegen die konterrevolutionäre Organisation der „Industriepartei“, die mit Hilfe ausländischer Kapitalisten, insbesondere Briands und Poincarés, durch Sabotage eine Krise anzetteln und die militärische Intervention durchführen wollten. Die Millionen Werktätigen der Sowjetunion und die Arbeiterklasse der ganzen Welt erwarten vom Obersten Gerichtshof nur ein einziges Urteil: Erschießen!111 Münzenberg initiierte ein „Internationales Verteidigungskomitee für die Sowjetunion“ – gegen die imperialistischen Kriegstreiber, und die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ rief zu Kundgebungen auf.112 107 Ebd., S. 110. 108 Ebd., S.102. 109 Vgl. dazu Roy Medwedew, Das Urteil der Geschichte. Stalin und Stalinismus, Berlin 1992, S. 273f. 110 Die Rote Fahne, 25. Nov. 1930. Eine RFB-Abteilung bot sich zur Vollstreckung der Todesurteile an. 111 E. Paschukanis, Die Brandstifter haben sich verrechnet, in: Die Rote Fahne, 22. 11. 1930. Der führende Rechtstheoretiker Jewgeni Paschukanis wurde 1936 zum stellvertretenden Volkskommissar ernannt. 1937 wurde er verhaftet, als Mitglied einer „terroristischen Vereinigung“ zum Tode verurteilt und am 4. September 1937 erschossen. 112 Vgl. Justiz und Wissenschaft in der Sowjetunion (Kundgebung der Freunde des neuen Rußlands), in: Das neue Rußland, 1931, S. 37–40. 213 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung Während einer Versammlung des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller sprachen als „Augenzeugen“ u.a. Egon Erwin Kisch, F. C. Weiskopf und Anna Seghers113, die sowohl in Charkow an einer Konferenz der proletarisch-revolutionären Schriftsteller wie auch in Moskau am Schauprozess gegen die „Industriepartei“ teilgenommen hatten.114 Als Zuschauer wurde Johannes R. Becher bereits in Moskau von der Internationalen Pressekorrespondenz befragt. Becher übernahm in seine Antwort die Gewaltsprache von Maxim Gorki und des Staatsanwalts Krylenko. Als „proletarischer Dichter“ begrüßte er „den Vernichtungswillen des ersten proletarischen Staates der Welt, der Sowjetunion, gegenüber den Schädlingen und Saboteuren. Wer sich der sozialistischen Aufbauarbeit, die im Fünfjahrplan ihren großartigen Ausdruck gefunden hat, entgegenstellt, muss unschädlich gemacht werden.“115 In seinem lyrisch-pathetischen Epos Der Große Plan116 besang Becher die Auslöschung der „Schädlinge“ als Agenten des Klassenfeindes: „Ihre Reue/Ist nichts wert/Wenn man die hier/An die Wand stellt/Ist es, um/Einen Dreck abzutun/Eine schmierige Sache.“ Auch das Alter eines Angeklagten stimmt Becher nicht milde. Als „Schädling“ müsse der „alte Mann“ ausgelöscht werden: „Ein Schädling/ Ist der alte Mann/Und das hat wiederum nichts damit zu tun/Dass der Mann alt ist//Also/muss man ihn auslöschen“. 117 Zum Kehrreim wird „Erschießen“ als „Forderung der Massen“, und auch das Interieur des Moskauer Kolonnensaals stimmt diesem Becherschen Vernichtungschor zu. Angesichts der überbordenden und „schussbereiten“ Gewaltpropaganda in der KPD-Presse unterzeichneten Heinrich Mann, Albert Einstein und zahlreiche Professoren einen Protestaufruf, dem sich auch Arnold Zweig anschloss. In der Weltbühne wandte sich Zweig gegen die „Moskauer Hinrichtungen“, gegen die „widerliche Phraseologie von Kriegsbe- 113 Seghers’ Reportage aus dem Moskauer Kolonnensaal „Der Prozess“, erschien in: Die Linkskurve (1931), 1, S. 1f. 114 Die Rote Fahne, 11. Dez. 1930. 115 Johannes R. Becher, Publizistik I, 1912–1938 (Gesammelte Werke, Bd. 15), Berlin 1977, S. 231. 116 Bechers „Der große Plan: Epos des sozialistischen Aufbaus“ erschien 1931 im Berliner Agis- Verlag. Der Moskauer Staatsverlag kündigte Ausgaben in sechs Sprachen an. 117 Johannes R. Becher, Dramatische Dichtungen (Gesammelte Werke, Bd. 8), Berlin 1971, S. 368f. 214 Reinhard Müller richterstattern“ wie auch gegen die „widerlichen Märchen“, die man „über die Verfahren der GPU seit zwölf Jahren verbreitet.“118 Die internationale Verbreitung dieser „widerlichen Märchen“ wurde persönlich von Stalin angeordnet. Neben einer wochenlangen Artikelserie in der Roten Fahne ver- öffentlichte die KPD eine Massenbroschüre. Hier findet sich auch Maxim Gorkis häufig zitiertes Diktum: „Wenn der Feind sich nicht ergibt, wird er vernichtet.“119 Die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ gab ein Sonderheft der Zeitschrift Das neue Rußland mit dem Urteil und Beiträgen von Karl Radek, Jewgeni Paschukanis, Ernst Glaeser und Maxim Gorkis Aufruf zur „Vernichtung der Feinde“ heraus. Abgedruckt wurde hier auch der Artikel „Geständnisse, Geständnisse und – Poincaré“ des Moskauer Prawda-Journalisten Michael Kolzow.120 Alfred Kurella veröffentlichte im Verlag „Der drohende Krieg“ eine Agitationsbroschüre.121 Im März 1931 folgte der nächste Schauprozess gegen 14 Angeklagte, die durch das „Unionsbüro der Menschewiki“ in zahlreichen Institutionen angeblich „Schädlingsarbeit“ geleistet und die „Intervention“ durch Frankreich und England vorbereitet hätten. Ossietzky schrieb dazu in der Weltbühne: Die moskauer Götter dürsten wieder. Diesmal sind es nicht gelehrte Ingenieure und gelehrte Techniker, die Staatsanwalt Krylenko zusammengetrieben und unter Anklage gestellt hat, sondern Intellektuelle, die der alten Menschewikenpartei angehören, seit Jahren ihren Frieden mit den neuen Herren gemacht haben und bei ihnen in Lohn und Brot stehen. Das erste Opfer 118 Arnold Zweig, Moskauer Hinrichtungen, in: Die Weltbühne 26 (1930), S. 707–709. 119 Wir klagen an. Die Anklage gegen die konterrevolutionäre „Industriepartei“, Hamburg 1930. Der Herausgeber Paul Dietrich wurde 1937 als „Rechtstrotzkist“ 1937 in Leningrad verhaftet, zum Tode verurteilt und erschossen. 120 Michael Kolzow besuchte vor 1933 mehrmals Deutschland. Er wurde 1938 in Moskau verhaftet und zu erfolterten „Geständnissen“ gezwungen. Für den deutschen und französischen Nachrichtendienst sollte er „Spionage“ geleistet haben. Michael Kolzow wurde am 1. Februar 1940 erschossen. 121 Alfred Kurella (Hrsg), … das Urteil wurde vollstreckt!: die Erschießung der „48“ in Sowjetrußland und ihre Hintergründe, Berlin 1931. 215 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung des Verfahrens ist Rjasanow122 vom Marx-Engels-Institut, ein sozialistischer Forscher von internationalem Ansehen. Er ist abgesägt worden, weil unter ihm Rubin arbeitete, gleichfalls ein berühmter Theoretiker. Parteigänger und Freunde des russischen Kommunismus sind es, die über Krylenko den Kopf schütteln.123 Von der Komintern und der KPD-Führung wurde der Moskauer Schauprozess für die „Parteigänger und Freunde des russischen Kommunismus“ auf vielfältige Weise mit einer orchestrierten Medienkampagne begleitet. Stalin befahl 1930 in einem Brief124 dem OGPU-Chef Menshinski, die Angeklagten zu foltern, um dann die erhaltenen „Geständnisse“ zum „Eigentum der Sektionen der Komintern und der Arbeiter in allen Ländern zu machen“. Die kommunistischen Parteien sollten eine „aktive Kampagne gegen die Interventionisten“, d. h. gegen England und Frankreich durchführen. Entsprechende Beschlüsse der kommunistischen Parteien Hollands, Schwedens, Österreichs, Dänemarks, der Tschechoslowakei, Englands, Mexikos und der USA wurden 1930 in der Internationalen Pressekorrespondenz, dem Amtsblatt der Komintern, veröffentlicht. Wilhelm Pieck, KPD-Vertreter in Moskau, forderte: „Dieses Material muss dem gesamten internationalen Proletariat in allen Sprachen der Welt zugänglich gemacht werden. In allen Betrieben und Organisationen, vor der breitesten Öffentlichkeit der werktätigen Massen muss dieser Prozess seine Fortsetzung finden. Die Isolierung von den Massen, in die die 14 menschewistischen Verbrecher durch das proletarische Gericht in Moskau verbannt wurden, muss bis zur Isolierung der gesamten Zweiten Internationale, bis zur völligen Loslösung der proletarischen Massen von dieser Verbrecherbande gesteigert werden“.125 In einem internen Brief an den KPD-Vor- 122 Zu Rjasanows Biographie vgl. Jakov G. Rokitjanskij, Gumanist oktjabr’skoj ėpochi akademik D. B. Rjazanov – social-demokrat, pravozaščitnik, učenyj, Moskau 2009. 123 Carl von Ossietzky, Menschewiken, in: Die Weltbühne 27 (1931), 10, S. 348f. 124 Untersuchungsakten Rjasanow, Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes Rußlands, Nr. N-7824, Bd. 50, Bl. 27–28. 125 Wilhelm Pieck, Ein welthistorischer Prozeß, in: Internationale Pressekorrespondenz 11 (1931), S. 607. 216 Reinhard Müller sitzenden Thälmann hielt Pieck fest, dass die „Agitpropabteilung der KI noch entsprechende Anweisungen erteilen werde“.126 Drei Broschüren127 sollten publiziert werden, und in Deutschland sollte man die Kampagne „mindestens 3 bis 4 Monate“ in der Presse fortführen. Die ausführliche Berichterstattung der Internationalen Pressekorrespondenz wurde in die Rote Fahne, aber auch in die AIZ transportiert, um der Berichterstattung des sozialdemokratischen Vorwärts zu begegnen.128 Der Tenor der Roten Fahne richtete sich gegen die „sozialfaschistische“ SPD-Führung, die im „Bunde mit dem französischen Generalstab die menschewistischen Verbrecher“ finanziere: „Die Anklagebank, die in Moskau in diesen Tagen für die Kapitalsknechte unter Führung der II. Internationale errichtet wurde, wird dem Weltproletariat die ganze Schmach und Verkommenheit der sozialfaschistischen Führerschaft zeigen.“129 Mit Hilfe von erpressten und erfolterten „Geständnissen“ entwarf die Anklageschrift ein monströses Verschwörungskonstrukt. Der „Block“ des „Unionsbüros der Menschewiki“ wurde in der Anklageschrift „verbunden“ mit der „Industriepartei Ramsins und der Kulakenpartei Kondratjews“, mit der „Emigrantengruppe der ehemaligen Großgrundbesitzer, dem Promtorg in Paris“, mit dem „französischen Generalstab und der Regierung Poincarés“, schließlich mit den „sozialdemokratischen Drahtziehern“ und „Finanziers“ der II. Internationale. Erich Mühsam hinterfragte die Moskauer Justizfarce und die Geständnisse: „Glaubt jemand, die Leute, die jetzt das üble Theater des Menschewistenprozesses inszeniert haben, die vor einem naiven Volk mit verteilten Rollen eine Schuldkomödie aufgeführt haben, der man die wochenlangen Proben zwischen Ankläger und zerknirschtem Angeklagten von weitem anmerkte – 126 Russisches Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte, f. 495, op. 292, d. 58, Bl. 27–28. 127 Die Sozialdemokratie auf der Anklagebank. Die Interventions- und Schädlingsarbeit der Menschewiki vor dem Gericht des Proletariats. Hrsg. von Hermann Remmele, Hamburg – Berlin 1931; Du musst es wissen. Die Menschewiki auf der Anklagebank des Proletariats, Hrsg. August Creutzburg, Hamburg – Berlin 1931. Im sowjetischen Exil wurde Hermann Remmele 1939, August Creutzburg 1941 erschossen. 128 Vgl. dazu Peter Lübbe, Kommunisten und Sozialdemokraten: eine Streitschrift, Berlin 1978 (Internationale Bibliothek 113). 129 Die Rote Fahne, 1. März 1931. 217 Freiwillige Blindheit und organisierte Verblendung diese Leute hätten auch nur einen oberflächlichen Begriff vom Sozialismus? Stümperhafte Machiavellisten, die mit dem reinen Glauben ihrer von revolutionärem Verlangen heilig bewegten Bauern und Arbeiter Schindluder treiben. Inquisition und Sozialismus sind unvereinbare Dinge.“130 130 Erich Mühsam, Das russische Rätsel, in: Das Fanal 5 (1931), 7, S. 156.

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References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.