Anne Hartmann, Inka Zahn, Phasen der Russlandfaszination von 1917 bis 1937: Die deutschen und französischen „Pilger zum Roten Stern“ in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (Ed.)

"Auf nach Moskau!", page 15 - 30

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-15

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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15 Anne Hartmann, Inka Zahn Phasen der Russlandfaszination von 1917 bis 1937: Die deutschen und französischen „Pilger zum Roten Stern“ I. Einleitung: Retour de l’U.R.S.S. / Zurück aus Sowjetrussland – Russlandreiseberichte als besonderer Werktypus Reiseberichte sind hybride Gebilde, bei denen Fakten und Fiktionalisierung, Anschauung und Absicht ein kompliziertes Amalgam eingehen. Aus der Rückschau geschrieben, akzentuieren sie, was für den heimischen Leser der Fall sein soll. Für die Reiseberichte über die frühe Sowjetunion gilt das in besonderer Weise. Denn die Texte wurden durch die ideologischen Umstände determiniert, ja überdeterminiert, so dass das Selbstverständnis und die politische Entwicklung des kommunistischen Staates ‚raison d’être‘ aller Stellungnahmen waren. Sämtliche Beobachtungen erhielten ihre Perspektive durch das Urteil über Gelingen oder Scheitern des sozialistischen Gesellschaftsexperiments, das zwar subjektiv war, aber mit dem Anspruch auf Gültigkeit vorgetragen wurde. Jacques Derrida hat auf die Gefahr des Rationalisierens hingewiesen und damit „jene aktive Überinterpretation“ gemeint, „die nachträglich Ordnung schafft, wo keine war, um irgendwas dabei herauszuschlagen, und sei’s nur Verständlichkeit 16 Anne Hartmann, Inka Zahn oder einfach Sinnhaftigkeit“.1 „Prophetische Tonlagen und lehrerhafte Anwandlungen“ waren, wie Michail Ryklin ergänzt, nur allzu oft die Folge.2 Fast alle Beiträge versuchen sich an einer Art Gesellschaftsdiagnose und tendieren zur Verallgemeinerung: Es wird erläutert, begründet, gerechtfertigt, das Irritierende dabei gern ausgeblendet oder wegerklärt. Dabei änderten sich in den 20 Jahren 1917–1937 die Paradigmen erheblich – sowohl der Selbstdarstellung der UdSSR als auch ihrer literarischen Repräsentation. Im Folgenden wollen wir im Blick auf die französischen und deutschsprachigen Reiseberichte über die frühe Sowjetunion knapp skizzieren, wie sich das „Potenzial ihrer Anziehungskraft“ im Übergang vom Leninschen zum Stalinschen Kommunismus veränderte,3 wobei es uns zunächst um typische Themen und Deutungsmuster geht, um abschließend noch kurz auf das Verhältnis von Mainstream und Ausnahmen einzugehen. II. Phasen der Russlandfaszination 1. Auf den Spuren der Revolution 1917–1921/22 Schon kurz nach der Oktoberrevolution begann die frühe Reisewelle ins ‚rote’ Moskau. Zu der Zeit hatte sich Russland gegenüber westlichen Reisenden noch nicht geöffnet, man konnte demnach nur auf Einladung oder illegal nach Russland einreisen. Zudem war die Reise ins damalige Russland lebensgefährlich aufgrund des Bürgerkriegs und mühsam, da es noch keine stabilen fahrplanmäßigen Verbindungen für den Zivilverkehr gab und Reisewillige oft wochenlang in den Nachbarländern auf ein Einreisevisum warten mussten. 1 Jacques Derrida, „Back from Moscow, in the USSR“, in: Jutta Georg-Lauer (Hrsg.), Postmoderne und Politik, Tübingen 1992, S. 10. 2 Michail Ryklin, Im Mekka des Proletariats, in: Ders., Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution, Frankfurt a.M. – Leipzig 2008, S. 76. 3 Michael Rohrwasser, Der Kommunismus. Verführung, Massenwirksamkeit, Entzauberung, in: Hans Maier (Hrsg.), Wege in die Gewalt. Die modernen politischen Religionen, Frankfurt a.M. 2000, S. 125. Dort ausführlich zur „Chronologie der Faszination“. 17 Phasen der Russlandfaszination Russlandreisen in dieser ersten Phase waren in der Regel beruflich bedingt: die Reisenden waren vor allem Teilnehmer an den Kominternkongressen der Jahre 1919 oder 1920 oder aber Journalisten im Auftrag ihrer Zeitung. Die Berichte dieser Augenzeugen der ersten Stunde hatten damals Neuigkeits-, ja Sensationswert. Zu den bekanntesten französischen Journalisten der ersten Stunde zählt Louise Weiss. In ihrer Reportage von 1921, in der sie auf Hunger und Not in Russland aufmerksam macht, bringt sie die polarisierende Rolle, die Moskau von Beginn an in französischen Reiseberichten der Zwischenkriegszeit einnimmt, auf den Punkt: „Moskau, verehrte Zitadelle für die einen, verfluchte Zitadelle für die anderen.“4 In der Tat figuriert Moskau in einem Großteil der damaligen französischen Reiseberichte je nach politischem Standpunkt des Betrachters als Ort real werdender politischer Utopie, einer zukunftsweisenden, nicht materialistisch ausgerichteten Kultur und künstlerisch-politischen Avantgarde oder aber als Gefährdung der westlichen Zivilisation und Hort des ‚roten Terrors’. Vielfach sind in den französischen Russlandberichten bei der Darstellung des sowjetischen Gesellschaftsexperiments spezifisch französische Bezugspunkte präsent. Zum einen begegnen dem Leser häufig antirussische Stereotype, die auf den Russlandreisenden Astolphe de Custine aus dem 19. Jahrhundert zurückgehen. Bereits in den frühen 1920er Jahren wurde seine Metapher gebraucht von Russland als Rätsel, das man lösen/enthüllen müsse, um den wahren Zustand des sogenannten „Königreichs der Fassaden“5 zu erkennen. Besonders erkennbar wird dies im Russlandbericht des Schriftstellers und Reporters Henri Béraud, der 1925 den Grenz- übertritt nach Sowjetrussland wie folgt kommentierte: „Wir sind an der Tür des Rätsels. Ist es […] Eldorado oder Gomorrha?“6 Direkt hinter der Grenze gibt Béraud vor, das Rätsel Russland zu lüften, indem er dortige Barackenbauten mit Gefangenenlagern und Lazaretten vergleicht und den 4 Louise Weiss, Cinq semaines à Moscou, in: Le Petit Parisien, 2.11.1921. 5 Claude de Grève (Hrsg.), Le voyage en Russie: anthologie des voyageurs français aux VIIIe et XIXe siècles, Paris 1990, S. 1222. 6 Henri Béraud, Ce que j‘ai vu à Moscou, Paris 1925, S.13f. 18 Anne Hartmann, Inka Zahn Ort dadurch einem Kriegsschauplatz ähneln lässt7, um den Leser von seinem stark negativen Ersteindruck des Landes zu überzeugen. Neben Custines Russlandbild ist die Französische Revolution als Vergleichsparameter in den französischen Moskauberichten allgegenwärtig. So appellierte z.B. Béraud an die Sowjetrussen als „Söhne von 1789“.8 Die historische Rückbindung an die eigene Geschichte erleichterte den Autoren die Vermittlung des ,Neuen’ der Oktoberrevolution. Letztere wurde von Reisenden entweder als Erbin und Vervollständigung der eigenen Revolution beurteilt oder aber sie betrachteten sie, gemessen an der Französischen Revolution, als gescheitert bzw. gingen davon aus, Russland habe noch von Frankreich zu ,lernen’, um einen ähnlichen Stand hoher Zivilisation wie in Frankreich zu erreichen. Auch die deutschen Autoren waren fasziniert von der Chance, das „Revolutionsbabel“9 zu besichtigen und voller Bewunderung, dass ausgerechnet das „rückständige“ Russland das große Experiment gewagt hatte. Bereitwillig wurden die Verheißungen von der Befreiung der Arbeiter und der neuen, gerechten Gesellschaft übernommen, auch die Feindbilder vom burshui bis zu den Sozialrevolutionären und Menschewiki. Viele Beiträge verweisen auf die „brennende Notlage des Landes“10 infolge des Ersten Weltkriegs und damit auf die besondere Rolle und Schuld Deutschlands. Solidaritäts- und Verantwortungsgefühl waren das Eine – sie kamen auch in der Gründung der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) 1921 und dem Kampf gegen den „Hunger an der Wolga“ zum Ausdruck, für den sich etwa Franz Jung und Arthur Holitscher engagierten.11 Das Andere war die Erwartung, dass der Oktoberumsturz nur der Auftakt zu einer Revolution auch in Deutschland und dann weltweit wäre. Noch 1929 sah Hans Lorbeer die „Verbrüderung Sowjetrußlands mit Sowjetdeutschland“ 7 Ebd., S. 14. 8 Ebd., Vorwort, S. VII. 9 Alfons Goldschmidt, Moskau 1920. Tagebuchblätter, Berlin 1987, S. 104. 10 Arthur Holitscher, Drei Monate in Sowjet-Rußland, Berlin 1921, S. 148. 11 Vgl. Arthur Holitscher, Stromab die Hungerwolga, Berlin 1922; Franz Jung, Hunger an der Wolga, Berlin 1922. 19 Phasen der Russlandfaszination kommen als Beginn des „donnernden Marsches des Weltproletariats über den eroberten Erdball“.12 Neben den politischen Aktivisten gab es die Träumer, denen die Oktoberrevolution Erlösung, Völkerverbrüderung, höchste Menschheitsideale verhieß und die mit Armin T. Wegner „den fünfzackigen Stern durch das Dunkel strahlen“ sahen „wie den Stern Betlehems“.13 „Hier wird der neue klassenlose Mensch geboren, der sich selbst erlöst durch seine Tat, die zeugend und gestaltend zurückfließt an die Menschheit“,14 feierte der Jugendstilmaler Heinrich Vogeler die „Geburt des neuen Menschen“.15 Für ihn und manch andere standen nicht Marx und Lenin Pate, sondern vorrevolutionäre Russlandschwärmer wie Thomas Mann und Rilke. Diese hatten, da sie die eigene Zivilisation als verbraucht und die Moderne als bedrohlich empfanden, den Osten bereits zum Hort eines tieferen geistigen Lebens und einer ursprünglichen Lebensform stilisiert. Zwar hatte mit der Oktoberrevolution das Sehnsuchtskonzept „ewiges, heiliges Russland“ ausgedient, doch blieben seine wesentlichen Komponenten in Kraft, denn auch die politischen Pilger hofften, in der Sowjetunion mit ihrer vitalen Kraft zur Erneuerung ein Gegenmodell zu westlicher Dekadenz und politischer Stagnation zu finden. Oft vermochten sie das ungeheure Geschehen nur biblisch-heilsgeschichtlich zu fassen. Arthur Holitscher beschrieb die „Ergriffenheit“, die ihn 1920 beim Grenzübertritt überwältigte: „Als ich zum erstenmal, hinter Narwa in Estland, Sowjetrußlands Boden betrat, als der Zug durch den Wald von Jamburg langsam über die Böschung dahinfuhr, an deren Fuß man die ersten Roten Soldaten Wache stehen sah, da schoß mir diese Vorstellung von der Heiligkeit des Beginnens der neuen 12 Hans Lorbeer, Moskauer Skizzen, in: Manfred Jendryschik (Hrsg.), Unterwegs nach Eriwan. Reisen in die Sowjetunion 1918 bis 1934, Halle – Leipzig 1988, S. 357. 13 Armin T. Wegner, Fünf Finger über Dir. Aufzeichnungen einer Reise durch Rußland, den Kaukasus und Persien 1927/28, Wuppertal 1979, S. 15. 14 Heinrich Vogeler, Reise durch Rußland. Die Geburt des neuen Menschen, Dresden 1925, S. 29. 15 Siehe auch sein gleichnamiges Bild, ebd., S. 4. 20 Anne Hartmann, Inka Zahn Menschheitsapostel durch die Sinn, und mir war, als ob ich auf diesem langsam fahrenden Zug in eine neue heilige Welt führe.“16 2. Leistungsschau der Errungenschaften (und Defizite) – die Zeit der Neuen Ökonomischen Politik 1921–1927/28 In den 20er Jahren strömten die Besucher dann in großer Zahl nach Sowjetrussland, besonders 1927, zum 10. Jahrestag der Revolution: Sportler-, Arbeiter-, Gewerkschaftsdelegationen kamen, aber auch Sozialarbeiter, Lehrer und Wissenschaftler. Für Intellektuelle, Journalisten und Künstler, die etwas auf sich hielten, war eine „russische Berichterstattung“, wie Joseph Roth sie nannte, geradezu Pflicht.17 Freundschaftsgesellschaften wurden gegründet, in Moskau entstand die Allunionsgesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland WOKS, die einen „Wochenbericht“ in russischer, deutscher, französischer und englischer Sprache veröffentlichte. Zeitschriften vermittelten eine Fülle an Berichten und zunehmend auch Bildern aus dem unbekannten Riesenreich. „Das neue Rußland“ – Name der deutschen Freundschaftsgesellschaft und ihrer Zeitschrift18 – war ein Schlüsselbegriff der Ära. Die Reisenden machten sich auf die Suche nach den Spuren erster Erfolge bzw., um noch einmal Vogeler zu zitieren, den „gesunden Keime[n] eines ganz neuen Werdens“.19 Moskau sei kaum wiederzuerkennen, berichteten diejenigen, die die Stadt ein zweites Mal besuchten, überall werde gebaut und renoviert und hätten sich die vor kurzem noch leeren Läden wieder gefüllt. Alles sei auf Zukunft gestellt: „Was gestern war, ist heute nicht mehr, und 16 Arthur Holitscher, Lebensgeschichte eines Rebellen, Bd. 2: Mein Leben in dieser Zeit (1907– 1925), Potsdam 1928, S. 191. 17 Zit. nach Burkhard Dücker, „Nur eine russische Berichterstattung kann meinen guten Ruf retten.“ Rußlandorientierungen deutscher Künstler und Schriftsteller im 20. Jahrhundert, in: Dietrich Harth (Hrsg.), Fiktion des Fremden. Erkundung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik, Frankfurt a.M. 1994, S. 144. 18 Inhaltsverzeichnisse aller Jahrgänge von 1923 bis 1932 in: Rolf Elias, Die Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland, Köln 1985, S. 172–219. 19 Vogeler, Reise nach Rußland, S. 58. 21 Phasen der Russlandfaszination morgen wird das Heutige überholt sein“, fasste Bruno Frei zusammen.20 Die 1921 eingeleitete Neue Ökonomische Politik, mit der Lenin angesichts des drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs die Rückkehr zu einem begrenzten Privathandel genehmigt hatte, wird von vielen Autoren zwar als Rückschlag bewertet, doch zugleich als notwendiger Schritt zur Stabilisierung gerechtfertigt. Die meisten wollten sich den Blick auf die Errungenschaften nicht trüben lassen, wobei sich dieser in jenen Jahren vor allem auf die sozialen Einrichtungen und Erziehungsinstitutionen richtete. Ausgerechnet die Gefängnisse und Besserungskolonien gerieten zum Trumpf und Erfolgsklassiker bis in die 30er Jahre hinein. Herwarth Walden, Ernst Toller, Gustav Regler, ja selbst André Gide lobten sie als Orte der Umschmiedung, in denen, so Oskar Maria Graf, „ehemalige Diebe, Raubmörder, Einbrecher und Betrüger […] völlig frei und neuartig zu brauchbaren Menschen erzogen wurden“.21 Hier ließ sich Ideologie in Aktion beobachten, um so überzeugender und anschaulicher, da der neue Mensch gleichsam im Zeitraffer aus altem Material gewonnen wurde. Das galt vergleichbar auch für die Erfolge der Zivilisierung, die an der südlichen Peripherie des Landes im Kampf gegen das „düstere Mittelalter“, wie Clara Zetkin sich ausdrückte, erzielt wurden.22 Jedenfalls übernahmen die Besucher, die bis hierhin vordrangen, in der Regel bereitwillig die ihnen präsentierten Versionen von der Befreiung der Frau, dem Sieg über Unterdrückung und Aberglauben und der Beglückung durch Fortschritt. Dass sie hier orientalistischen Denkmustern der europäischen Russen aufsaßen, wurde nicht reflektiert, geschweige denn, dass die eigene, gar nicht seltene Überheblichkeit gegenüber der „absoluten Primitivität der Russen“ – so Erich Kästner – in Frage gestellt worden wäre.23 20 Bruno Frei, Im Land der Gegensätze, in: Jendryschik (Hrsg.), Unterwegs nach Eriwan, S. 323. 21 Oskar Maria Graf, Reise nach Sowjetrussland 1934. Hrsg. von Rolf Recknagel, Berlin 1977, S. 63. 22 Clara Zetkin, Im befreiten Kaukasus, Berlin – Wien 1926. Vgl. Egon Erwin Kisch, Asien, gründlich verändert. Berlin 1932. 23 Erich Kästner, Auf einen Sprung nach Rußland, in: Das neue Rußland (1930), 3–4, S. 52. 22 Anne Hartmann, Inka Zahn Auch die Franzosen begaben sich auf eine Suche nach Zeichen, die sie über das Neuartige in Russland, über Erfolg oder Scheitern der Revolution, aufklären sollen. Dies zeigt sich besonders bei der Beschreibung des Erstkontakts mit Russland, dem Grenzübergang, der in der Regel als Schwelle in eine neue, andere Welt dargestellt wird. Reisende Gegner des Kommunismus suchten hingegen oft nach Zeichen der Vergangenheit, um so Widersprüche aufzudecken und das kommunistische System zu kritisieren. Dies lässt sich vor allem an der Beurteilung der Neuen Ökonomischen Politik verdeutlichen, welche von Reisenden oft als althergebrachtes kapitalistisches Element betrachtet und von politisch Rechten daher als Scheitern des sozialistischen Experiments gewertet wurde. Bei den französischen Moskaureisenden nimmt die Begutachtung des Aufbaus einer spezifisch sowjetischen Kultur großen Raum ein. Gerade in der Kultur schien sich ihnen das revolutionär Neue des Anderen zu offenbaren. Einen Eindruck der Alltagskultur im weitesten Sinne gewannen sie, wie die deutschen Reisenden, durch den Besuch sowjetischer Erziehungsund Bildungsinstitutionen wie Kinderkrippen, (Modell-)Schulen und Arbeiterfakultäten. Als positiv erschienen vor allem die Demokratisierung der Bildung sowie deren Ausrichtung auf die Arbeitswelt. Auch die Moskauer Theater wurden von den Reisenden gern frequentiert, vor allem das 1920 gegründete Meyerhold-Theater. Die Journalistin Andrée Viollis äußerte in ihrem Bericht von 1928 enthusiastisch: „Den stärksten Eindruck hatte ich bei Meyerhold, einem mutigen Meister des revolutionären Theaters.“24 Der Großteil der Reisenden erkannte im Theater das Beispiel des Aufbaus einer neuen Kultur und Gesellschaft par excellence. Zeichen des revolutionär Neuen waren für sie der Zugang der Massen zur Kultur, die Vereinfachung künstlerischer Inhalte, um eben diese Massen zu erreichen, experimentelle Inszenierungen, sowie die Politisierung des Theaters. 24 Andrée Viollis, Seule en Russie, de la Baltique à la Caspienne, Paris 1927, S. 231. 23 Phasen der Russlandfaszination 3. „Zukunft im Rohbau“ (F.C. Weiskopf) – der Erste Fünfjahrplan (1928 – 1932) Das „rote und grandiose Schauspiel der aktiven Revolution“ sei vorbei, konstatierte Joseph Roth schon 1926, stattdessen greife Verflachung, Verbürgerlichung, „neurussische, frische, rotbackige Banalität“ um sich.25 Auch weniger kritische Geister konnten nicht umhin, den allmählichen Utopieverschleiß zu konstatieren. Umso größeren Eindruck machte es, dass Stalin Ende der 20er Jahre erneut die „Flucht nach vorn“26 antrat und mit Zwangskollektivierung, forcierter Industrialisierung und Planwirtschaft die Schubkräfte einer neuen, konträren Utopie mobilisierte, welche unbegrenzten Fortschritt im Zeichen ökonomischer Gesetzmäßigkeit verhieß. Allerdings ging es nun nicht mehr um die Befreiung von allen Fesseln, sondern im Gegenteil um Zucht, Ordnung und Disziplin. Die neuen Losungen – Tempo, Größe und Planmäßigkeit des Aufbaus – verdrängten auch bei den ausländischen Besuchern die Erlösungserwartungen der Revolutionszeit, wobei der positiven Wahrnehmung erneut eine Defiziterfahrung in der heimischen Gesellschaft zugrunde lag, hatte doch die Weltwirtschaftskrise die westlichen Märkte und Gesellschaften in den Grundfesten erschüttert. (Hochglanz-)Magazine wie SSSR na stroike27, L‘Appel des Soviets oder Vu und auch die Arbeiter-Illustrierte Zeitung (AIZ) sollten mit großformatigen Fotomontagen und Reportagen die Erfolge des Fünfjahrplans visuell belegen. Schon der Titel von Ernst Glaesers und F.C. Weiskopfs „Buchfilm“ Der Staat ohne Arbeitslose (1931) lässt diesen Zusammenhang von Krisenerfahrung und Wunschprojektion erkennen. Die Herausgeber zeigten sich fasziniert von dem „Tempo des sozialistischen Aufbaus“, das 25 Joseph Roth, Reise nach Rußland. Feuilletons, Reportagen, Tagebuchnotizen 1919–1930. Hrsg. von Klaus Westermann, Köln 1995, S. 177 u. 178. 26 Karl Schlögel, Utopie als Notstandsdenken – einige Überlegungen zur Diskussion über Utopie und Sowjetkommunismus, in: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Utopie und politische Herrschaft im Europa der Zwischenkriegszeit, München 2003, S. 79. 27 Die Zeitschrift erschien auch in einer deutschen, englischen und französischen Ausgabe. 24 Anne Hartmann, Inka Zahn „jede noch so aktuelle Reportage über den Stand der Fünfjahresplanarbeiten zu einer historischen Chronik macht, bevor noch die Druckerschwärze trocken geworden ist.“28 Bertolt Brecht kam in einem lakonischen Gedicht über die „Schnelligkeit des sozialistischen Aufbaus“ (1937) zu demselben Ergebnis: „Ein Mann, der im Jahre 1930 aus Nikolajewsk am Amur kam / Sagte, in Moskau befragt, wie es dort oben sei: / Wie soll ich das wissen? Meine Reise / Dauerte sechs Wochen, und in sechs Wochen / Ändert sich dort alles.“29 Die Euphorie über den ersten Fünfjahrplan verstärkte ab Ende 1928 erneut das Interesse auch der Franzosen an der UdSSR und lockte Neugierige dorthin. Der Schriftsteller Philip Soupault, Dichter und Mitbegründer des Surrealismus, titulierte Moskau 1931 als „Stadt der Zukunft“30 und beschrieb das Fieber des Fünfjahrplans, von dem die Bevölkerung ergriffen sei: Es genügt, ein paar Stunden in Moskau zu verbringen, um zu verstehen, dass es für alle Russen nur eine Frage gibt, ob sie die Prognosen des Plans übertreffen werden. […]. Überall, wo über den Plan berichtet wird, an jeder Wand, in Museen oder in Fabriken, werden große Plakate mit riesigen Grafiken ausgestellt und zwingen zum Nachdenken über „Piatiletka“.31 Auch die im Bau befindliche Metro wurde als Zeichen der Zukunft und des industriellen Fortschritts gewertet. In den 1930er Jahren, als Moskau innerhalb kürzester Zeit von einer Stadt mit ehemals dörflichem Charakter in eine große Metropole transformiert wurde, wurde die omnipräsente urbane Dynamik vor allem mit dem unglaublichen Tempo des Aufbaus assoziiert. Ähnlich wie Brecht beschreibt der Journalist und Schriftsteller Vaillant-Couturier die Veränderung in Moskau nicht als Prozess, sondern als einen Umschlag, der geradezu im Zeitraffer geschehe: „In Moskau än- 28 Ernst Glaeser / F. C. Weiskopf, Vorwort, in: Dies., Der Staat ohne Arbeitslose. Drei Jahre „Fünfjahresplan“. 265 Abbildungen, Berlin 1931, S. V. 29 Bertolt Brecht, Gesammelte Werke, Bd. 9: Lieder, Gedichte, Chöre, Frankfurt a.M. 1967, S. 675. 30 Philippe Soupault, Trois villes, in : Vu 192, Spezialausgabe Au pays des Soviets, Paris, 18.11.1931, S. 2549. 31 Ebd., S. 2548. 25 Phasen der Russlandfaszination dert sich übrigens von Woche zu Woche alles. Sie gehen zu einer Genossenschaft, Sie machen eine Reise, Sie kommen zurück: Keine Genossenschaften mehr! Das Haus, in dem sie war, existiert nicht mehr. An der Stelle wird nun ein neues Viertel gebaut.“32 Doch suchten viele französische Reisende auch Ende der 1920er und in den 1930er Jahren in Moskau noch die Wahrheit über politische Systeme und nahmen dementsprechend politisch-ideologische Symbole und Zeichen der Stadt, die „von oben dirigierte […] Neukodierung“ des sowjetischen öffentlichen Raumes33, in den Blick. Und auch die Revolution selbst blieb zumindest bei manchen noch als Wahrnehmungsparameter präsent, so suchte z.B. Antoine de Saint-Exupéry 1935 in Moskau „wie ein Kind nach den Spuren einer Revolution“.34 4. Bündnispolitik; Schriftsteller als Staatsgäste Für die französischen Moskaureisen setzte erst ab 1932/1933 die Hauptphase ein, die meisten Franzosen reisten erstaunlicherweise in den Jahren 1933–37. Das lag zum einen an der Entwicklung des Tourismus und der Reiseorganisation Intourist sowie der Aufnahme neuer Zielgruppen bei Delegationsreisen. Der andere entscheidende Faktor waren die veränderten politischen Rahmenbedingungen. Angesichts der Machtergreifung Hitlers intensivierte sich das Interesse an der UdSSR als einer Alternative zum Faschismus. Eine Russlandreise, verbunden mit einer anschließenden Stellungnahme gegenüber dem vor Ort begutachteten Sowjetstaat, wurde für Angehörige sowohl der französischen Linken als auch der Rechten nun geradezu obligatorisch. Hinzu kam, dass sich die Sowjetunion im Zeichen der Volksfront öffnete, zunächst – gleichsam testweise – im kulturellen Bereich. Der erste 32 Paul Vaillant-Couturier, Moscou-la-Neuve, in: Russie d’aujourd’hui 1 (1933), 6, S. 12. 33 Karl Schlögel, Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, 2. Aufl., München 2018, S.179. Siehe auch ebd., S. 180–182. 34 Antoine de Saint-Exupéry, U.R.S.S. 1935. Moscou! Mais où est la Révolution?, in: Paris-Soir, 16.5.1935, S. 3. 26 Anne Hartmann, Inka Zahn sowjetische Schriftstellerkongress in Moskau 1934 mit seinen 43 ausländischen Gästen und der Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur 1935 waren die glanzvollsten Manifestationen dieser Bündnispolitik. Französische Teilnehmer des Moskauer Schriftstellerkongresses waren Jean-Richard Bloch, André Malraux und Louis Aragon. Wie seine Frau berichtet, war Bloch angetan von den unzähligen Arbeiterdelegationen, die täglich zum Schriftstellkongress anreisten35, und dem – auch in anderem Kontext erlebten – Interesse der Arbeiter an ausländischer Literatur36: „Nichts ist für einen Schriftsteller fruchtbarer“, schrieb er, „als dieser enge Kontakt mit der Masse.“37 Für ihn, der in der UdSSR die Realisierung der Utopie suchte, schien sich diese im Kleinen – in Form der engen Verbindung zwischen Schriftstellern und ihrem Publikum – bereits anzudeuten. Im Jahr 1936 entstand vor dem Hintergrund des Wahlerfolgs der französischen Volksfront, des sowjetischen Engagements im Spanischen Bürgerkrieg, des ersten Moskauer Schauprozesses und André Gides Russlandbericht Zurück aus Sowjetrussland eine erneute kurzfristige Welle französischer Russlandreisen und -Berichte, bevor diese dann ab 1937 abebbte. Für die Deutschen hatte der Aufstieg Hitlers noch viel dramatischere Konsequenzen als für die Franzosen. Er nötigte viele jüdische und linke Intellektuelle in die Emigration und damit zu existentiellen Entscheidungen. Auf wen sollte man hoffen, auf wen setzen? Die Zahl derjenigen, die aus „der Verlogenheit der westlichen Zivilisation“ in die „bessere Welt“ der Sowjetunion flüchteten38, blieb – aus verschiedenen Gründen – begrenzt; doch sahen auch in Prag, Paris und anderen Exilstationen viele Emigranten in Stalin den einzig potenten Widersacher Hitlers. Die „Zusammen- 35 Vgl. Marguerite Bloch an ihre Kinder, 22.8.1934, in: Marguerite Bloch, Journal du voyage en URSS, à l’occasion du Congrès organisé par l’Association des Ecrivains de l’Union Soviétique. Fonds Jean-Richard Bloch, Bibliothèque Nationale de France, Paris, NAF, don 28448, 1934, S. 27. Vgl. Wolfgang Klein, „Zug von Abenteuer. Ständig Unerwartetes.“ Marguerite und Jean- Richard Blochs Reise in die Sowjetunion von August bis Oktober 1934, in: Wolfgang Asholt / Claude Leroy (Hrsg.), Die Blicke der Anderen. Paris – Berlin – Moskau, Bielefeld 2006, S. 125. 36 Vgl. Marguerite Bloch an ihre Kinder, 13.8.1934, in: Bloch, Journal du voyage en URSS, S. 13. 37 Jean-Richard Bloch, Au congrès des écrivains soviétiques, in: Humanité, 29.8.1934, Zeitungsartikel (als unpaginierte Kopie) in: Bloch, Journal du voyage en URSS. 38 Kurt Kläber, Fahrt nach Moskau, in: Die Linkskurve 3 (1931), 5, S. 4. 27 Phasen der Russlandfaszination arbeit mit Rußland“ sei die einzige Möglichkeit, „den Frieden zu retten“, kommentierte etwa Klaus Mann.39 Attraktiv war auch die neue bündnisorientierte Kulturpolitik, die von klassenkämpferischen Positionen abrückte, und mit ihrer Betonung des „Erbes“, von Humanismus, Klassik und Realismus des 19. Jahrhunderts für breitere Kreise im Westen anschlussfähig war. Die Neuausrichtung blieb nicht ohne Wirkung – gerade bei den deutschen Autoren, die ihr heimisches Publikum verloren hatten. Die Literatur hat in diesem Land „eine große Situation“, bestätigte Klaus Mann 1934 anlässlich des Moskauer Schriftstellerkongresses, ähnlich wie Bloch, hier sei sie „nicht eine Arabeske am Rand der Gesellschaft“, sondern wirkender Teil des öffentlichen Lebens“.40 Einzelne prominente westliche Intellektuelle wurden in diesen Jahren gezielt in die UdSSR eingeladen und dort mit großem, auch finanziellem Aufwand, verwöhnt, zumal sich die Verantwortlichen von den „berühmten Ausländern“ werbewirksame Unterstützung versprachen. Freilich vertrauten die Gastgeber nicht allein auf die Kunst der Vorführung und Verführung. Auch die Kontrolle wurde massiv verstärkt; die WOKS ging Mitte der 30er Jahre eine enge Symbiose mit Staat, Partei und Geheimdienst ein. Welche – durchaus konträre – Wirkung die Techniken der Gastfreundschaft und Überwachung hatten, lässt sich am Beispiel von André Gide und Lion Feuchtwanger genauer verfolgen. 5. Mainstream und Ausnahmen Die weitaus meisten Reiseberichte der Zwischenkriegszeit, ob von deutschen oder französischen Autoren, zeichnen sich durch einen stark stereotypen, polarisierten und polemisierenden Diskurs über Moskau bzw. die Sowjetunion aus. Dichotomische Raum- und Identitätskonzeptionen sind gängig, und Alterität wird in der Regel politisch instrumentalisiert. Umso 39 Klaus Mann, Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, Reinbek 1991, S. 328. 40 Klaus Mann, Notizen in Moskau, in: Hans-Jürgen Schmitt / Godehard Schramm (Hrsg.): Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller, Frankfurt a.M. 1974, S. 407. 28 Anne Hartmann, Inka Zahn bemerkenswerter sind jene Reisende, die diese Dichotomien aufbrechen, eigene Wertmaßstäbe hinterfragen und das in Russland beobachtete Disparate aushalten, anstatt es in eine für sie lesbare Einheit zu zwängen. So insbesondere Luc Durtain. Zu Beginn seines Reiseberichts Das andere Europa (1928), als das er Sowjetrussland bezeichnet, schreibt er: Wenn es in Russland eine allem auferlegte Markierung gibt, so ist es eben gerade die des Disparaten. An der Kreuzung von Asien und Europa gelegen, wird diese gewaltige Gruppe unterschiedlicher Rassen, heterogener Verhältnisse und zusammengesetzter Regionen durch eine Revolution herausgefordert. […] Und wir möchten, dass das Ergebnis all dessen einfach ist und positiv oder streng bewertet wird?“41 Interessant an den Reiseberichten ist, ob und wie die sowjetischen Gesprächspartner zu Wort kommen. Im stereotypisierten Diskurs werden die Russen oft weniger als Individuen, sondern eher als Typen dargestellt: als der Fremdenführer, der Apparatschik, der Proletarier, der ,alte‘ russische Bauer und der ,neue’ Sowjetbürger. Zudem folgen auf die eingebauten Stimmen russischer Gesprächspartner oftmals eigene Reflexionen bzw. ironische Kommentare, um Widersprüche aufzudecken oder den Anderen lächerlich zu machen. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Reisende, die sich, so gut das sprachlich möglich war, auf den Anderen einließen und ihn als Gesprächspartner ernstnahmen. Stellvertretend sei hier der Theaterund Filmkritiker Léon Moussinac genannt, den Begegnungen mit Menschen in der UdSSR beeindruckten und seine Sicht auf das sowjetische Gesellschaftsexperiment nachhaltig prägten. So führte er mit Eisenstein, den er 1927 in Moskau kennenlernte, einen über Jahre dauernden, freundschaftlichen Briefwechsel. „Der einzige Glaube, den ich an das Kino habe, kommt von Ihnen und Ihren Kameraden,“ schrieb er ihm 1928.42 Eisenstein war für Moussinac ein Gegenüber, dem er Lob und Kritik mitteilte. Und auch in Moussinacs Reisenotizen des Jahres 1933/34, als er für eine 41 Luc Durtain, L’autre Europe. Moscou et sa foi, Paris 1928, S. 8. 42 Moussinac an Eisenstein, 5.6.1928, in: Wolfgang Klein (Hrsg.), Briefwechsel zwischen Sergej Eisenstein und Léon Moussinac, in: Sinn und Form 32 (1980), 5, S. 926. 29 Phasen der Russlandfaszination Theaterinszenierung mit sowjetischen Kollegen durch die UdSSR reiste, ging es ihm genau darum: den Ideenaustausch und eine Begegnung auf Augenhöhe, wie man sie sonst allzu oft vermisst. Das skizzierte Bild ist zweifellos auch in politischer Hinsicht schematisch, vereinfacht. Es gibt auch in den wohlwollenden Russlandberichten durchaus scharfsinnige Beobachtungen und deutliche Kritik, etwa von Toller am Leninkult, der die Selbstverantwortung lähme43, oder von Wegner an dem „Fluch und Zwang einer kalten Verzückung“ der Massen.44 Und doch wird sie meist relativiert. KPD-Mitglieder besaßen die „elastischen Stoßdämpfer“ der Parteiausbildung, wie Arthur Koestler rückblikkend analysierte, und waren geschult, negative Eindrücke als „Erbschaft der Vergangenheit“ und positive als „Saat der Zukunft“ zu klassifizieren.45 Doch auch bei den Parteilosen generierte die Sympathie zur Sowjetunion, sollte sie aufrecht erhalten werden, bestimmte Erklärungsmuster: etwa die Zweiteilung in hüben und drüben, „hier eine Welt des Niedergangs“, „dort eine neue Welt im Aufbau für neue Menschen“, wie Manès Sperber schrieb,46 oder das Navigieren in der Zeit: Die Verheißung des schnellen Wandels – siehe Brecht – tröstete ebenso über Mängel der Gegenwart hinweg wie die Gewissheit einer glänzenden Zukunft: Sie liege, so Feuchtwanger, vor den Menschen „wie eine gebahnte Straße durch eine schöne Landschaft“.47 Erst abweichende Beschreibungen machen deutlich, was im Gros der Texte stört oder fehlt: etwa wie selten sie erlebnisgesättigt und bildstark sind, aber auch, wie sehr es ihnen an Humor oder gar Selbstironie mangelt. Eine Ausnahme wie Koestlers Reportage Von weißen Nächten und roten Tagen (1933) bestätigt nur die Regel. Die Rückkehrtexte zeichnen sich zumeist durch ihren „heiligen Ernst“, ihre politische Urteilsfreudigkeit 43 Ernst Toller, Quer durch. Reisebilder und Reden, München – Wien 1978, S. 107. 44 Wegner, Fünf Finger über Dir, S. 30. 45 Arthur Koestler, Autobiographische Schriften. Bd. 1: Frühe Empörung. Aus dem Engl. von Franziska Becker und Eduard Thorsch, Frankfurt a.M. [u. a.] 1993, S. 320 u. 322. 46 Manès Sperber, Die vergebliche Warnung, in: Ders., All das Vergangene, Wien [u. a.] 1983, S. 503. 47 Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde, Amsterdam 1937, S. 25. 30 Anne Hartmann, Inka Zahn und Nähe zum Pamphlet aus. Umso bemerkenswerter sind jene Texte, wie Roths Feuilletons und Walter Benjamins Essay „Moskau“, die – wie Durtain – Widersprüchliches stehenlassen, statt die Eindrücke einer Vision unterzuordnen. „Sehen kann gerade in Moskau nur der Entschiedene“, 48 konstatierte Benjamin und ließ doch selber genau diese Entschiedenheit vermissen. „Bewerten kann ich das alles nicht“, schrieb er vielmehr aus Moskau, „von außen kann man sie [die Verhältnisse] nur beobachten.“49 Seinem Text kommt dies zugute. Benjamin reflektierte beispielhaft die Bedingungen des Sehens in Moskau und die „neue Optik“, die er von dort aus auf Berlin gewann. Solche Reflexion bleibt als Aufgabe auch für uns. 48 Walter Benjamin, Moskau, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. IV.1. Hrsg. von Tillman Rexroth, Frankfurt a.M. 1972, S. 317. 49 Benjamin an Jula Radt, zit. nach ebd., S. 988.

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References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.