Anne Hartmann, Im Dickicht der Wertungen – Lion Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (Ed.)

"Auf nach Moskau!", page 141 - 160

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-141

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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141 Anne Hartmann Im Dickicht der Wertungen – Lion Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 Wer sich mit der Kontroverse zwischen André Gide und Lion Feuchtwanger befasst, gerät unweigerlich ins Dickicht der Wertungen. Gide, auf den die Sowjetunion so große Hoffnungen als westlichen Bundesgenossen von Rang gesetzt hatte, wurde nach Erscheinen seines Reiseberichts Retour de l’U.R.S.S. im November 1936 umgehend aus der Gemeinschaft der fortschrittlichen Kräfte ausgestoßen. Feuchtwanger, der skeptische bürgerliche Intellektuelle, gewann im Gegenzug mit seinem Buch Moskau 1937 (Amsterdam 1937) das Ansehen eines Freunds und Verbündeten der Sowjetunion. Beide Bücher und ihre zeitgenössische Rezeption spiegeln die damalige ideologische Konstellation, in der – zumal in linken Kreisen und bei Sympathisanten – die Loyalität zur Sowjetunion als Prüfstein dafür galt, wie es die Intellektuellen mit dem Faschismus hielten. Heute hingegen werden die beiden Reiseberichte in erster Linie als Stellungnahmen für oder wider Stalin gelesen, weshalb die Beurteilung seines Regimes Grundlage aller Wertungen ist. Während Gide inzwischen glänzend gerechtfertigt ist und in der westlichen, aber auch der heutigen russischen Forschungsliteratur als einer der wenigen hellsichtigen Sowjetunionbesucher jener Jahre gefeiert wird, scheint Feuchtwanger jeden Kre- 142 Anne Hartmann dit verspielt zu haben: Er gilt als „berühmteste[r] Lobredner des Terrors“1 und „willfährige[r] Apologet[ ] der stalinistischen Diktatur“2, der Reisebericht als Zeugnis „schrecklicher Blindheit“3 oder „überschäumende[r] Dummheit“4. Moskau 1937 wird als vielleicht markantestes Dokument der politischen Verblendung und des moralischen Versagens westlicher Intellektueller in der Zwischenkriegszeit bezeichnet.5 Was wäre dem hinzuzufügen oder gar entgegenzusetzen? Es kann weder um Beschönigung oder Rechtfertigung gehen noch darum, den zahlreichen polemischen Urteilen ein weiteres hinzuzufügen, wohl aber um den Versuch, zu differenzieren, was bedeutet, Feuchtwangers Moskaureise und –buch historisch einzuordnen6 und auch den Reisebericht nicht vorschnell als „erledigt“ abzutun. I. Kontexte Push- und Pull-Faktoren // Geht man der Frage nach, wie es überhaupt zu der Reise kam, scheinen mir zwei Faktoren besonders wichtig zu sein, die in der Forschung bislang vernachlässigt wurden: zum einen der Hintergrund des Exils und – damit zusammenhängend – berufliche Kontakte zur Sowjetunion und Projekte, die sich für Feuchtwanger in dieser prekären Situation ergaben. Prekär war sie in doppelter Hinsicht: Ausgebürgert, 1 Mario Keßler, Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895–1961), Köln [u.a.] 2013, S. 343. 2 Andreas Heusler, Lion Feuchtwanger. Münchner – Emigrant – Weltbürger, St. Pölten [u.a.] 2014, S. 254. 3 Wolfgang Geier, Wahrnehmungen des Terrors. Der Fall Gide – Feuchtwanger, in: Moskau 1938. Szenarien des großen Terrors, Leipzig 1999, S. 183. 4 Robert Conquest, Stalin. Der totale Wille zur Macht, München 1991, S. 241. 5 Zur ,Abrechnung‘ mit Feuchtwanger vgl. weiter besonders Karl Kröhnke, Lion Feuchtwanger – Der Ästhet in der Sowjetunion. Ein Buch nicht nur für seine Freunde, Stuttgart 1991; Wolfgang Geier, Wahrnehmungen des Terrors. Berichte aus Sowjetrussland und der Sowjetunion, 1918–1938, Wiesbaden 2009; Siegfried Kohlhammer, Der Haß auf die eigene Gesellschaft. Vom Verrat der Intellektuellen, in: Kein Wille zur Macht. Dekadenz. Sonderheft Merkur (2007), 8–9, S. 668–680; Martin Mauthner, ‚I came, I Saw, I Shall Write’: Feuchtwanger’s Misguided Mission to Moscow, in: Ders., German Writers in French Exile 1933–1940, London – Portland 2007, S. 165–181. 6 Ausführlich siehe Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.“ Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation (akte exil, neue folge. Hrsg. von Hermann Haarmann), Göttingen 2017. 143 Im Dickicht der Wertungen seiner Rechte und seiner Habe beraubt, war der Autor nach Hitlers Machtergreifung Anfang 1933 über Nacht heimatlos geworden, ein Flüchtling. Zwar fand er im südfranzösischen Sanary-sur-Mer Zuflucht und ein komfortables Umfeld, doch konnte er in Frankreich nie beruflich Fuß fassen. Vor allem aber wuchs – nicht nur bei Feuchtwanger – die Enttäuschung über die westlichen Demokratien, die Hitler keineswegs, wie erhofft, entschlossenen Widerstand entgegensetzten. Wer, wenn nicht Stalin, konnte und wollte es mit ihm aufnehmen? Die Sowjetunion wiederum vollzog seit 1932 eine radikale Kehrtwende ihrer Kulturpolitik. Proletarisch-klassenkämpferische (aber auch avantgardistische) Positionen wurden nun aufgegeben und die militante Russische Assoziation proletarischer Schriftsteller RAPP zusammen mit den anderen künstlerischen Gruppen aufgelöst; stattdessen wurden im Zuge der neuen Bündnispolitik gezielt bürgerliche Intellektuelle aus dem Westen umworben. Auch Feuchtwanger gehörte dazu. Seit dem Ersten Moskauer Schriftstellerkongress von 1934 wurde er wiederholt in die Sowjetunion eingeladen.7 Bis die Reise dann stattfand, sollte es noch gut zwei Jahre (bis Dezember 1936) dauern, doch intensivierten sich in dieser Zeit die geschäftlichen Beziehungen – für den Emigranten von existentieller Bedeutung: Erstmals erreichten ihn nun Honorarzahlungen aus Russland, seine Werke erschienen jetzt in großer Auflage, die sowjetische Presse brachte Artikel über ihn und von ihm, es konkretisierte sich die Idee einer russischen Verfilmung von Feuchtwangers Erfolgsbuch Die Geschwister Oppenheim, und der Autor ließ sich, zusammen mit Bertolt Brecht (in Dänemark) und Willi Bredel (in Moskau) dafür gewinnen, in die Redaktion der 1936 in Moskau gegründeten deutschsprachigen Exilzeitschrift Das Wort einzutreten. 7 Im gemeinsamen „Haß gegen den Faschismus“ sollte, wie Johannes R. Becher dort zum „Großen Bündnis“ ausführte, „den humanistischen Schriftstellern, den literarischen Vertretern der realistischen Vernunft, allen Suchern der Wahrheit“ die Hand entgegengestreckt werden. Johannes R. Becher: Das große Bündnis. In: Hans-Jürgen Schmitt / Godehard Schramm (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller, Frankfurt a.M. 1974, S. 245, 257. 144 Anne Hartmann Der Schatten Gides // Feuchtwangers Moskauaufenthalt lässt sich nur nachvollziehen, wenn man zugleich André Gides Russlandreise im Sommer 1936 in den Blick nimmt. Nach Gides „Bekehrung zum Kommunismus“, wie er es selbst nannte,8 hatten ihn die sowjetischen Kulturpolitiker mit Einladungen, Ämtern und Ehrungen überhäuft: Er ist derjenige, „der jetzt aktiv die internationale, der UdSSR ergebene Intelligenz“ anführt, heißt es noch im Juli 1936 in einem Brief Michail Kolzows, des Leiters der Auslandskommission des Sowjetischen Schriftstellerverbands, an Stalin.9 Umso größer war die Enttäuschung, ja das Entsetzen, als der gefeierte Autor sich als undankbar erwies. Jedenfalls wurde Gides verhalten kritischer Reisebericht Retour de l’U.R.S.S. als Verrat aufgefasst, Gide fortan als Faschistenknecht verdammt. Diejenigen, die den französischen Autor gerade noch gefeiert hatten, mussten sich nun schleunigst von ihm distanzieren. „Mit dem Gide ist es aus“, berichtete Asja Lacis Walter Benjamin knapp und lakonisch.10 Umso präsenter war sein Schatten für Feuchtwanger und Gefährten: „Er war allgegenwärtig, in allen unseren Gesprächen“,11 schrieb Marcuse rückblickend. Dass Feuchtwanger eingeladen worden sei, um ein Gegenbuch zu schreiben, gehört zwar ins Reich der vielfach kolportierten Legenden. Er nahm den Reisebericht druckfrisch mit, als er Ende November 1936 in Paris den Zug bestieg. Doch drängte der Fall Gide zur Stellungnahme. Anlässlich eines Besuchs in der Prawda-Redaktion am 14. Dezember bezeichnete Feuchtwanger den französischen Autor als selbstverliebten Ästheten, der nie ein wirklicher Antifaschist gewesen sei.12 Ob auf Wunsch 8 André Gide, Tagebuch 1923–1939. Hrsg. von Peter Schnyder. Aus dem Franz. von Maria Schäfer-Rümelin. Gesammelte Werke. Bd. 3, Stuttgart 1991, S. 527 [Eintrag Juni 1933]. 9 Kolzow an Stalin, 8.7.1936, in: Leonid Maksimenkov (Hrsg.), Bol’šaja cenzura. Pisateli i žurnalisty v strane sovetov 1917–1956, Moskva 2005, S. 422. In dem Brief bat Kolzow – vergeblich – darum, Stalin möge Gide empfangen. 10 Asja Lacis an Walter Benjamin, 4.12.1936. Akademie der Künste (AdK, Berlin): Walter-Benjamin-Archiv 79. Vorher hatte sie Benjamin mehrfach nahegelegt, Gide um eine Empfehlung für die Übersiedlung in die Sowjetunion zu bitten. 11 Ludwig Marcuse, Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie, Zürich 1975, S. 234. 12 Lion Fejchtvanger v redakcii „Pravdy“, in: Pravda, 15.12.1936. 145 Im Dickicht der Wertungen der sowjetischen Kulturoffiziellen oder aus eigenem Antrieb – Feuchtwanger holte zwei Wochen später noch zu weiterer, grundsätzlicherer Kritik aus. In seinem polemischen Artikel Der Ästhet in der Sowjetunion, der am 30. Dezember in der Prawda erschien, kam Feuchtwanger zu dem Urteil, Gide habe sich mit seinem Reisebericht „des Rechtes begeben, sich weiter einen sozialistischen Schriftsteller zu nennen“; das Buch sei eine „Hilfeleistung für die Gegner, […] ein Schlag gegen den Sozialismus und gegen den Fortschritt der Welt“.13 Die Gastgeber waren erleichtert, aber keineswegs gänzlich beruhigt. Denn pikanterweise hatte Feuchtwanger bei dem Hin und Her um seinen Artikel – die Redaktion hatte noch Änderungen verlangt – mehrfach Verständnis für Gide geäußert. Fürsorge und Kontrolle der Gastgeber // Die Polemik Feuchtwangers galt also noch keineswegs als Garantie für seine loyale Haltung, zumal, wie es hieß, auch Gide während seines Besuchs alles gelobt habe, um es hinterher zu schmähen. Die Angst vor einem erneuten Debakel prägte jedenfalls alle Anstrengungen der sowjetischen Kulturoffiziellen. Der französische Autor, so hieß es nun, sei bei seiner Reise (die ihn auch in den Kaukasus und auf die Krim geführt hatte) sträflich „ohne Aufsicht“ geblieben.14 Überhaupt sei sie nicht sorgfältig genug vorbereitet gewesen und Gide gar „feindlichen Leuten“ in die Hände gefallen.15 Daher wurde die Hülle aus Ehrungen, Fürsorge und Kontrolle, die bei Gides Reise noch halbwegs durchlässig war, jetzt sehr viel enger gezurrt. Die überwältigende Gastfreundschaft war grundiert von innerer Distanz und gleichzeitiger Unsicherheit. Zum einen versuchte man nun gezielt, ,gefährliche‘ Besucher aus Feuchtwangers Umgebung zu entfernen oder von ihm fernzuhalten. Boris Pasternak und Boris Pilnjak etwa, denen man einen schädlichen 13 Hier zitiert nach der deutschen Fassung. Lion Feuchtwanger, Der Ästhet in der Sowjetunion, in: Das Wort 2 (1937), 2, S. 88. 14 Elsa Triolet an Wsewolod Wischnewski, 10.11.[1936], in: In: T. V. Balašova (Hrsg.), Dialog pisatelej. Iz istorii russko-francuzskich kul’turnych svjazej XX veka 1920–1970, Moskva 2002, S. 761. 15 Boris Tal an die Sekretäre des ZK der WKP(b), Stalin, Kaganowitsch, Andrejew, Shdanow, Jeshow, 7.12.1936. Russisches Staatsarchiv für die neueste Geschichte (RGANI, Moskau), 3/34/232, Bl. 4. 146 Anne Hartmann Einfluss auf Gide unterstellte,16 wurden in letzter Minute von der Gästeliste eines Festbanketts gestrichen, damit sie Feuchtwanger nicht begegnen konnten.17 Zum anderen wurde er mit Personen umgeben, die ihn praktisch permanent beobachteten und melden sollten, wie er gestimmt war. Eine zentrale Funktion kam dabei seiner Dolmetscherin Dora Karawkina zu;18 sie hielt für ihre Vorgesetzten bei der Allunionsgesellschaft für kulturelle Verbindung mit dem Ausland (WOKS) anfangs nahezu täglich fest, was Feuchtwanger an jenem Tag unternommen, wen er getroffen und wie er Ereignisse und Eindrücke kommentiert hatte. Ihre Rapporte gingen ebenso wie die Berichte, die andere Gesprächspartner Feuchtwangers über ihre vermeintlich privaten Unterredungen mit ihm anfertigten, in geheimdienstliche Berichte ein; diese wurden in der Regel über Geheimdienstchef Jeshow an Stalin persönlich weitergeleitet: Der in dieser Hinsicht sicherlich ahnungslose Schriftsteller wurde zum Objekt eines hochrangigen operativen Vorgangs. Eitelkeiten, Empfindlichkeiten, Äußerungen – alles wurde „nach oben“ weitergemeldet. Neben der Kontrolle gab es die Anreize. Obwohl oder gerade weil bei Gide die Verführung durch Ehrungen und Privilegien nicht den ge- 16 So der WOKS-Vorsitzende Alexander Arossew in einem Schreiben an Stalin, Molotow und Jeshow, 13.12.1936. Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF, Moskau) 5283/1a/308, Bl. 135. Zur Bedeutung Pasternaks für Gide siehe Leonid Maximenkov / Christopher Barnes, Boris Pasternak in August 1936 – An NKVD Memorandum, in: Toronto Slavic Quarterly Nr. 6 (Herbst 2003) ; Martine Sagaert / Peter Schnyder, André Gide. L’écriture vive, Bordeaux 2008, S. 56–60. Pilnjak wurde nach seiner Verhaftung vorgehalten, im Verlauf „konspirative[r] Treffen“ mit Gide „tendenziöse Mitteilungen über die Verhältnisse in der Sowjetunion“ gemacht zu haben. Witali Schentalinski, Das auferstandene Wort. Verfolgte russische Schriftsteller in ihren letzten Briefen, Gedichten und Aufzeichnungen. Aus den Archiven sowjetischer Geheimdienste, Bergisch Gladbach 1996, S. 286. 17 Geheimauskunft [Wladimir] Kurskis, Hauptverwaltung für Staatssicherheit, über den Aufenthalt Feuchtwangers in Moskau, 9.1.1937. Russisches Staatsarchiv für die neueste Geschichte (RGANI, Moskau) 3/34/232, Bl. 17. Dt. in Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 271. 18 Im WOKS-Bestand (er befindet sich im GARF) ließen sich 17 Berichte ermitteln; Übersetzung und Kommentar in Anne Hartmann, Lion Feuchtwangers Dolmetscherin. Die Rapporte der Dora Karawkina, in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 30 (2010), 1, S. 28–51. 147 Im Dickicht der Wertungen wünschten, sondern einen eher gegenteiligen Effekt gehabt hatte,19 wurden bei Feuchtwangers Visite die „techniques of hospitality“20 nur noch intensiviert. Empfänge, Festbankette, Ovationen, lukrative Verträge – die sowjetische Seite scheute weder Kosten noch Mühen. Diesmal durchaus mit Erfolg. Die Reaktionen des Gasts // „Großartiger Empfang an der Bahn“, berichtete Feuchtwanger am 2. Dezember seiner Frau: „Hunderte von Menschen. Interviews, Pelzmantel, Reden, Photographen“.21 Es sollte so bleiben: Der Kulturbetrieb riss sich förmlich um den Stargast und seine Werke; wo er auch auftauchte, stand er im Mittelpunkt. Es muss für den Exilautor überwältigend gewesen sein, nach den Jahren der Isolation plötzlich mit so viel Aufmerksamkeit und Komplimenten überschüttet zu werden und wieder ein Publikum zu finden. „[B]egierigere, dankbarere leser kann man sich nicht wünschen“, schwärmte Feuchtwanger.22 Die „Ego-Massage“, wie Paul Hollander sie bezeichnete,23 war zweifellos effektvoll, vor allem die Komplimente, die seinen Rang als Schriftsteller bekräftigten: In Russland gelte er „unbestritten als der größte ausländische Schriftsteller“, hatte man ihm schon vor der Reise suggeriert;24 und Gorki habe gesagt, „er könne jetzt ruhig sterben, da ein neuer Balzac in der Welt sei“.25 Gar nicht leicht, angesichts all der Triumphe nicht größenwahnsinnig zu werden, wie Feuchtwanger selbst gestand. 19 Später resümierte Gide: „Voller Überzeugung und Begeisterung war ich gekommen, eine neue Welt zu bewundern; und um mich zu verführen, bot man mir alle Vorrechte, die ich in der alten verabscheute. André Gide, Retuschen zu meinem Russlandbuch. Aus dem Franz. von Ferdinand Hardekopf, Zürich 1937, S. 66. 20 Dazu grundlegend Paul Hollander, Political Pilgrims. Travels of Western Intellectuals to the Soviet Union, China and Cuba 1928–1978, New York – Oxford 1981, S. 347–399. 21 Lion Feuchtwanger – Marta Feuchtwanger correspondence, 1920s–1940s. Lion Feuchtwanger papers, Collection no. 0204. Feuchtwanger Memorial Library (FML). Special Collections, USC Libraries, University of Southern California (Los Angeles), Box C 14a. 22 Lion Feuchtwanger - Marta Feuchtwanger correspondence, 8.12.1936. 23 Vgl. Hollander, Political Pilgrims, S. 355–372. 24 Dies vermerkt Lion Feuchtwanger am 20.5.1936 in seinem Tagebuch zu einem Brief von Michail Kolzow. Diaries transcriptions 1906–1940. FML: Lion Feuchtwanger papers, Box A 19b. 25 Diese Botschaft wurde Feuchtwanger, wie er seiner Frau am 25.12.1936 berichtete, von Gorkis Witwe bei einem Festbankett übermittelt. Lion Feuchtwanger – Marta Feuchtwanger correspondence. 148 Anne Hartmann Und doch halten seine Briefe und Tagebuchnotizen auch eine gewisse Reserve fest – gegenüber dem Mangel an Komfort und all den Unbequemlichkeiten, die ihm zu schaffen machten, aber nicht nur: Immer wieder kritisierte er auch Missstände des öffentlichen Lebens, etwa die Normierung der Presse und des Kulturbetriebs sowie den Stalinkult. Außerdem war er mit großen politischen Sorgen gekommen; der erste Schauprozess im August 1936 habe „Europa erschüttert und die Sowjetunion zwei Drittel ihrer Anhänger gekostet“, notierte Karawkina seine Worte: „Deshalb müsse man jetzt unbedingt Aufklärung betreiben, um die Situation zu retten.“26 Hohe politische Funktionäre bis hin zu Außenminister Maxim Litwinow und Kominternchef Georgi Dimitroff wurden aufgeboten, um ihm die ,richtige‘ Sichtweise zu vermitteln, doch offenbar ohne großen Erfolg. „Ihre Argumente überzeugen mich nicht. Sie wiederholen alle ein und dasselbe“, soll er geäußert haben, ebenso, dass es in der Sowjetunion „keine Meinungs- und Pressefreiheit“ gebe.27 Feuchtwanger kündigte zwar an, dass er seine negativen Ansichten im Westen nicht publik machen wolle, doch blieb der Eindruck, es mit einem „westliche[n] Bazillenträger des Skeptizismus“ zu tun zu haben, den man „fast auf eine Stufe mit André Gide“ stellte. Er habe sich in Moskau unbeliebt gemacht, resümierte der österreichische Emigrant Hugo Huppert, „er wird hier wenig Freunde zurücklassen“.28 Und dann gab es offenbar doch noch einen Gesprächspartner, dessen Antworten den Skeptiker zufriedenstellten. Nachdem bis dahin alle Überredungskünste versagt hatten, war die Unterredung, die Stalin am 8. Januar 1937 Feuchtwanger gewährte, eine Art ultimative Maßnahme, die wirkte: Feuchtwanger zeigte sich anschließend „ungemein beeindruckt“29 26 Bericht Karawkina, 17.12.1936, in: Hartmann, Lion Feuchtwangers Dolmetscherin, S. 42. 27 [Wladimir] Kurski: Geheimauskunft der 4. Abteilung der Hauptverwaltung für Staatssicherheit: Feuchtwanger über sein Gespräch mit Gen. Stalin, 9.1.1937. RGANI 3/34/232, Bl. 13–16. Dt. in: Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 268. 28 Huppert, Tagebucheintrag vom 30.1.1037. AdK: Hugo-Huppert-Archiv 196. 29 Die Bedeutung des Interviews für Feuchtwangers Sinneswandel betont Ludmila Stern, Moscow 1937: the Interpreter’s Story, in: Australian Slavonic and East European Studies 21 (2007), 1–2, S. 88; Dies., Western Intellectuals and the Soviet Union, 1920–40. From Red Square to the Left Bank, London – New York 2007, S. 17. 149 Im Dickicht der Wertungen von dem Gespräch und nahm viele Äußerungen Stalins in seinen Reisebericht auf. Auch von der Inszenierung des zweiten Schauprozesses Ende Januar 1937, an dem er als Beobachter teilnahm, ließ er sich überzeugen. Wie auch die anderen westlichen Besucher unterlag er der „fürchterlichen Macht des Augenscheins“, nicht obwohl, sondern weil sie dabei waren, wie Ernst Fischer im Rückblick festhielt.30 Der sowjetischen Presse gegenüber bestätigte Feuchtwanger, dass „die Schuld der Angeklagten eindeutig bewiesen“ sei, auch wenn er zu bedenken gab, dass ihm die „letzten Ursachen“ der verhandelten Taten und „die letzten Gründe ihres Verhaltens vor Gericht“ nicht ganz klar geworden seien.31 Es bedürfe „eines großen Sowjetdichters“, um ihre „Schuld und ihre Sühne westlichen Menschen klar zu machen“ – statt über das Gerichtsverfahren und dessen Rechtmäßigkeit zu urteilen, weicht Feuchtwanger mit dieser Bemerkung in die Literatur aus, eine für ihn charakteristische Reaktion auf die fremdartigen sowjetischen Verhältnisse.32 II. Der Text Selbstzensur // Als Feuchtwanger nach Paris zurückkam, wurden ihm seine lobenden Worte zum Prozess und über Stalin ebenso wie seine harsche Gide-Kritik von vielen Emigranten vorgehalten. Feuchtwanger fühlte sich „ungeheuer angepöbelt“, und es war wohl nicht zuletzt eine Art Trotzreaktion, dass er sich zu dem Reisebericht entschloss. Er schrieb ihn sehr schnell, wobei viele seiner Moskauer Zeitungsartikel in den Text Eingang fanden. Ende Mai 1937 lagen bereits die Druckfahnen vor, als Kolzow auf dem Weg nach Spanien, wo er als Sonderkorrespondent der Prawda und 30 Ernst Fischer, Erinnerungen und Reflexionen, Frankfurt a.M. 1994, S. 422. 31 Zit. nach: Eine neue Barriere gegen den Krieg. Zum Moskauer Prozes gegen die Trotzkisten: Lion Feuchtwanger, Martin Andersen-Nexø, Willi Bredel. Bredel in: Das Wort 2 (1937), 3, S. 100. Feuchtwangers Eindrücke von dem Prozess waren zuerst in der russischen Tagespresse erschienen: Pravda, Izvestija und Deutsche Zentral-Zeitung vom 30.1.1937. 32 Bezeichnenderweise beschrieb er den Schauprozess als theatralisches Spektakel und meinte nach dem Interview im Kreml, nun könne er ein „literarisches Porträt“ des Genossen Stalin verfassen. 150 Anne Hartmann Emissär Stalins tätig war,33 in Sanary Station machte. Da Kolzow schon die Einladung Gides nach Moskau betrieben hatte und anschließend persönlich für den Fehlschlag verantwortlich gemacht worden war,34 hatte er ein vitales Interesse daran, Einblick in das Manuskript zu nehmen und womöglich korrigierend einzugreifen. Unter seinem Einfluss überarbeitete Feuchtwanger vor allem das Kapitel Stalin und Trotzki grundlegend,35 wenn auch „mit nicht ganz gutem Gewissen“, wie sein Tagebuch ausweist.36 Konnte man in den Druckfahnen noch lesen, dass sich „Lenin abfällig über Stalin“ geäußert habe oder dass dieser gegen Trotzki „immerzu ekelhafte kleine Intrigen gesponnen“ habe, so sind solche Bemerkungen ebenso entfallen oder entschärft wie die Würdigung Trotzkis als Revolutionär, dem der ,Stalinstaat’ „als lächerliche, scheußliche Fratze des Sozialismus erscheinen“ musste. Die Attribute „genial“, „blendend“, „großartig“ werden jetzt Trotzki entzogen, seine Verdienste systematisch herabgesetzt, während Stalins Meriten aufgewertet und die positiven Eigenschaften auf ihn übertragen werden. Eine Passage wurde von Feuchtwanger im Zuge der Überarbeitung ersatzlos gestrichen, und diese Korrektur ist besonders bedrückend, denn der Randtitel „gegen die historie hilft kein radiergummi“ formulierte ein Ethos des historischen Schriftstellers, gegen das der Autor mit der Tilgung selbst verstieß: Dieser Mann Leo Trotzki ist heute in der Sowjet-Union verfemt, und man möchte dort am liebsten die Seiten, die er beschrieben, aus der Geschichte 33 Zu Kolzows Aktivitäten in Spanien und deren Wahrnehmung durch Zeitgenossen vgl. besonders Paul Preston, Stalin’s Eyes and Ears in Madrid? The Rise and Fall of Mikhail Kol’cov, in: Ders., We Saw Spain Die. Foreign Correspondents in the Spanish Civil War, London 2009, S. 203–248. 34 Kolzow und Maria Osten hatten Gide während seiner Reise durch die Sowjetunion begleitet. In einem geheimdienstlichen Bericht Jeshows und Berijas an Stalin vom 27.9.1938 hieß es sogar, womöglich habe Kolzow dem französischen Autor die „antisowjetische“ Kritik suggeriert. Vgl. V. N. Chaustov [u. a.] (Hrsg.), Lubjanka: Stalin i glavnoe upravlenie gosbezopasnosti NKVD 1937–1938, Moskva 2004, S. 558; ferner Viktor Fradkin, Delo Kol’cova, Moskva 2002, S. 210– 218. 35 Vgl. dazu im Einzelnen Anne Hartmann, Zurück aus Sowjetrussland. Selbstzensur eines Reiseberichts, in: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 29 (2009), 1, S. 16–33; Beginn des Kapitels Stalin und Trotzki: Variantenvergleich, ebd., S. 34–40. 36 27.5.1937. Diaries transcriptions. 151 Im Dickicht der Wertungen streichen. Aber das ist unmöglich, und der Fall Trotzki wird auch für die Gemüter der Sowjetbürger erst dann erledigt sein, wenn man wieder die Gerechtigkeit aufbringen wird, Trotzki historisch zu betrachten.“37 „Das Buch ist durchaus freundschaftlich, tritt aktiv für die Sowjetunion und ihre Politik ein und gegen Trotzki auf“, berichtete Kolzow nach seinem Besuch in Südfrankreich erleichtert Stalins persönlichem Sekretär.38 Diese Bewertung bezieht sich nicht nur auf die geänderten Seiten, sondern meint die pro-bolschewistische Grundtendenz des gesamten Reiseberichts. Positiv waren aus Kolzows Perspektive zweifellos gerade die Passagen, die aus heutiger Sicht anstößig wirken, da sie polemisch einseitig, oberflächlich, in der Sache falsch oder ungerecht, im Beschwören des glücklichen Lebens in der Sowjetunion peinlich und im Hinweggehen über die Opfer fatal sind. Etwa wenn es über die Angeklagten des 2. Moskauer Schauprozesses heißt: „die Männer, die da vor Gericht standen, waren keineswegs gemarterte, verzweifelte Menschen vor ihrem Henker“.39 Auch Feuchtwangers Würdigung Stalins als neuer „Augustus“ und großer Organisator sowie die Schlusspasssage mit ihrem dreifachen emphatischen Ja zur Sowjetunion können den Leser nur befremden: Es tut wohl, nach all der Halbheit des Westens ein solches Werk zu sehen, zu dem man von Herzen ja, ja, ja sagen kann. Und weil es mir unanständig schien, dieses Ja im Busen zu bewahren, darum schrieb ich dieses Buch. (S. 153) Es lassen sich in der Tat nicht wenige solcher Textstellen finden, Material genug für die Kritiker Feuchtwangers und des Reiseberichts. Doch gerät über der Skandalisierung des Buchs aus dem Blick, dass es – so meine These – durchaus mehr zu bieten hat, jedenfalls hintergründiger, abgründiger ist, als es die apologetische Oberfläche vermuten lässt. 37 Moskau 1937. Ein Reisebuch [sic!] für meine Freunde. Typed ms. with Lion Feuchtwanger’s handwritten corrections. FML: Lion Feuchtwanger papers, Box D 12. 38 Kolzow an Alexander Poskrjobyschew. RGANI 3/34/232, Bl. 60. Dt. in: Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“, S. 206. 39 Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde, Amsterdam 1937, S. 127. Seitenzahlen (nach dieser Ausgabe) im Folgenden direkt im Text. 152 Anne Hartmann Kritik // So enthält der Reisebericht etliche Beispiele deutlicher Kritik, die Missstände des sowjetischen Alltags benennt und Gide überraschend nahekommt.40 Beider Beobachtungen sind im Grunde sehr ähnlich; allerdings sieht Gide aufgrund der von ihm beobachteten Defizite das sozialistische Experiment im Kern bedroht, während Feuchtwanger vorübergehende, leicht erklärbare Mängel registriert, die bald behoben sein werden. Doch auch wenn er immer wieder den „consensus omnium“ (S. 51) und das „Vertrauen der Sowjetbürger in ihre Zukunft“ (S. 19) hervorhebt, ist sein Blick auf den Ist-Zustand durchaus nüchtern. Er beschreibt den Mangel an Dingen des täglichen Gebrauchs, die Geschmacklosigkeit vieler Waren, die unansehnliche Kleidung und die Schlangen vor den Läden, den niedrigen Lebensstandard und die drükkende Wohnungsnot, so dass viele Moskauer „primitiver“ lebten „als im Westen mancher Kleinbürger“ (S. 18). Dazu komme ein „Bürokratismus“, der den Menschen „das Leben sauer“ mache (S. 17). Sogar in Bezug auf die „naive patriotische Eitelkeit der Sowjetleute“ (S. 49) und den Konformismus des Lebensstils und der Meinungen – für Gide ein zentrales Übel – muss Feuchtwanger dem Franzosen, wenn auch widerwillig, Recht geben. In dessen Behauptungen stecke „ein Körnchen Wahrheit“ (S. 48). Das „ganze öffentliche Leben der Sowjetbürger“ sei tatsächlich weitgehend normiert. „Versammlungen, politische Reden, Diskussionen, Klubabende ähneln einander wie Eier, und die politische Terminologie ist überall in dem weiten Reich über einen Leisten geschlagen.“ (Ebd.) So wirke der unisono verkündete Enthusiasmus, „besonders durch die offizielle Schallverstärkung, auf die Dauer krampfig“ (S. 53), der „einmütige Optimismus der Sowjetleute […] durch seine Gleichförmigkeit rasch banal“ und der Patriotismus „recht gemeinplätzig“ (S. 52). 40 Über die verkappte Nähe zu Gide vgl. auch Wulf Köpke, Das dreifache Ja zur Sowjetunion. Lion Feuchtwangers Antwort an die Enttäuschten und Zweifelnden, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch. Bd. 1, München 1983, S. 61–72; Mark-Christian von Busse, Faszination und Desillusionierung. Stalinismusbilder von sympathisierenden und abtrünnigen Intellektuellen, Pfaffenweiler 2000, S. 250; Anne Hartmann, Un anti-Gide allemand: Lion Feuchtwanger, in: Cahiers du Monde russe (2011), 1, bes. S. 123–125. 153 Im Dickicht der Wertungen Wo sein eigenes Metier, der Kunstbetrieb, betroffen ist, findet Feuchtwanger besonders klare Worte, in diesem Fall ohne jedes Wenn und Aber. Die „Gängelei und Bevormundung der Künstler durch den Staat“ (S. 65) würden Literatur und Theater ernstlich beeinträchtigen. Gerade die zeitgenössische Literatur habe es schwer, zumal jene, die „von der Generallinie des heroischen Optimismus“ (S. 62) abweicht. „Hier greifen überall die politischen Kontrollstellen in die Produktion ein, suchen die politischen Tendenzen der Werke auf Kosten ihrer künstlerischen Qualität zurechtzubiegen, sie zu verstärken, zu vergröbern.“ (Ebd.) Der Preis sei bei vielen Kunstwerken eine „zu dick aufgetragene Tendenz“ und die „grobe Schwarzweißzeichnung der Charaktere“ (S. 63). Das Fazit fällt denn auch schroff aus: „das Repertoire des Sowjettheaters und des Sowjetfilms“ sei „dürftig“ (S. 64); in der Architektur herrsche „Eklektizismus und Klassizismus“ (S. 31). In politischer Hinsicht sind Feuchtwangers Beanstandungen deutlich zurückhaltender, auch wenn er die Sowjetunion als „Diktaturstaat“ (S. 9) bezeichnet, den „zuweilen geschmacklos übertriebenen Kult Stalins“ (S. 11) und die „Intoleranz auf gewissen Gebieten“ (S. 50) beklagt oder davon spricht, dass in der Bevölkerung eine „richtige Schädlingspsychose entstanden“ (S. 47) sei. Untergründige Zweifel // Aufschlussreich ist jedoch eine zweite, untergründige Textebene der Kritik. Hier kommen die Skeptiker, Zweifler, Gegner der stalinistischen Sowjetunion zu Wort, die Feuchtwanger zwar regelmäßig zu widerlegen sucht, denen er aber durch seine erörternde Schreibweise immer wieder Gehör verschafft. Sogar für Trotzki, dem Feuchtwanger ansonsten blinden Hass unterstellt, äußert er – noch in der gestutzten Fassung – zugleich gewisses Verständnis. Der Revolutionär habe zusehen müssen, wie das mit Lenin begonnene „großartige Experiment […] in eine Art gigantischen kleinbürgerlichen Schrebergarten verwandelt wurde“, so dass ihm der Stalinstaat „als läppisches Zerrbild dessen [erschien], was ihm ursprünglich vorgeschwebt war“ (S. 120). In Bezug auf die Schauprozesse, besonders den ersten im August 1936, ist davon die Rede, dass sie „die Welt durch ihre ‚Wildheit und Willkür‘ gegen die 154 Anne Hartmann Sowjet-Union“ erregt (S. 117), ja „sehr üble Wirkung getan“ und „viele der Freunde wankend gemacht“ hätten (S. 140f.). In deren Augen hätten „die Kugeln, welche die Sinowjew und Kamenew getroffen, nicht nur diese, sondern die ganze neue Welt erschossen“ (S. 118f.) – eine durchaus häretische Bemerkung.41 Im Westen habe es geheißen, referiert der Autor weiter, die „Geständnisse seien den Angeklagten durch Folterungen und durch die Drohung mit noch schlimmeren Folterungen abgepreßt worden“ oder man „habe sie hypnotisiert und unter Drogen gesetzt“ (S. 125f.). Feuchtwanger weist all dies ab, und führt doch diese Versionen (und damit letztlich auch seine eigenen Zweifel) an. Derartiges zu lesen muss für Sowjetbürger, die keinen Zugang zu den westlichen Debatten hatten, sensationell gewesen sein, als der Reisebericht im November 1937 auch in russischer Übersetzung erschien. Für Moskauer Leser Ungeheuerliches kommt in dem Text zur Sprache: So ist, wenn auch als Meinung der Gegner, von „Stalins wüste[r] Despotie, seine[r] Freude am Terror“ die Rede. „Klar“ heißt es weiter, „dieser Mensch Stalin, voll von Minderwertigkeitsgefühlen, von Herrschsucht und maßloser Rachgier, will sich an allen denjenigen rächen, die ihn irgendwann kränkten, und alle diejenigen beseitigen, die auf irgend eine Art gefährlich werden können.“ (S. 141) Bei allem Lob für den Kremlherrn spricht der Autor auch vom „einfachen, immer verdeckten, dunkeln Stalin“ (S. 114), der „ein leises, dumpfiges, verschlagenes Lachen“ habe und dessen Humor „gefährlich“ werden könne (S. 112). Die „Stalin-Eloge“ ist also keineswegs so „hemmungslos“,42 wie die Kritiker Feuchtwangers dem Reisebericht entnehmen. Abgründig – Ausweichstrategien // Und schließlich zeigt sich – auf einer dritten, tatsächlich abgründigen Textebene –, dass Feuchtwanger keineswegs so meinungsstark und urteilssicher war, wie der Reisebericht auf den ersten Blick suggeriert. Statistiken und lange Zitate aus der gerade ver- 41 Vgl. Stephen Kotkin, Stalin. Vol. II: Waiting for Hitler, 1928–1941, New York 2017, S. 417. 42 Vgl. Claus Leggewie, Zurück aus Sowjetrußland? Die Reiseberichte der radikalen Touristen André Gide und Lion Feuchtwanger 1936/37, in: Sinn und Form 44 (1992), 1, S. 33. 155 Im Dickicht der Wertungen abschiedeten Verfassung geben den offiziellen Versionen Vorrang vor dem selbst Beobachteten. Statt für den Vorwurf von Trotzkis Verrat justitiable Fakten beizubringen, flüchtet sich der Autor in historische und literarische Analogien: „Wenn Alkibiades zu den Persern ging, warum nicht Trotzki zu den Faschisten?“ (S. 121) Dass Shakespeare seinen Dramenhelden Coriolan zu Roms Gegnern überlaufen ließ, lässt Feuchtwanger schließen: „So urteilt Shakespeare über die Möglichkeit, ob Trotzki mit den Faschisten paktiert hat“. (S. 122) Es ist ebenso absurd wie als Textverfahren aufschlussreich, dass das Verhalten eines athenischen Staatsmanns bzw. ein Shakespeare-Drama als Beleg für Trotzkis mutmaßliches Bündnis mit dem Feind bemüht werden. Überhaupt müssen historische Assoziationen oder literarische Anspielungen da aushelfen, wo dem Autor die eigene Rede und die Argumente ausgehen. Zu der Prozessführung und ihren Ergebnissen zitiert Feuchtwanger „nach dem Vorbild des gescheiten Essayisten Ernst Bloch“, was Sokrates über „gewisse Dunkelheiten des Heraklit“ geäußert haben soll: „,Was ich verstanden habe, ist vortrefflich. Daraus schließe ich, dass das andere, was ich nicht verstanden habe, auch vortrefflich ist.’“ (S. 134) Die Grenzen bzw. das Versagen der eigenen Urteilskraft gesteht Feuchtwanger auch in Bezug auf das gesamte sowjetische Staatswesen ein, diesmal unter Berufung auf Goethe: „,Ein Bedeutendes weiß uns immer für sich einzunehmen, und wenn wir seine Vorzüge anerkennen, so lassen wir das, was wir an ihm problematisch finden, auf sich beruhen.’“ (S. 152) Belegen die vielen und durchaus kontroversen fremden Stimmen in Feuchtwangers Text nicht hinreichend, dass seine Haltung keineswegs gefestigt war? War das Misstrauen der sowjetischen Gastgeber gegenüber Feuchtwanger also doch berechtigt? Feuchtwanger unterdrückte seine Bedenken, die in den Geheimdienstberichten und Beobachtungen seiner Zeitgenossen so manifest sind, um „Zeugnis“ abzulegen und die Sowjetunion zu unterstützen „im Kampf mit vielen Feinden“ (S. 13), und doch sind sie zumindest indirekt präsent. Sogar Stichworte für eine Kritik seiner eigenen Wahrnehmung und Reflexion bietet der Verfasser in der Einleitung zu seinem Reisebericht: Von der „Brille der Eitelkeit“ (S. 9) ist da die Rede, der Trübung des Blicks „durch Gefühle und vorgefaßte Mei- 156 Anne Hartmann nungen“ (S. 8); auch der Sorge, dass man dem Gast „nur das Geglückte“ (S. 9) zeigen werde und affirmative Bekundungen „Ausfluß von Furcht“ sein könnten. Überhaupt müsse es dem Sprachunkundigen, „schwer fallen, durch die Oberfläche und die allenfalls arrangierte Hülle ins Innere hineinzuschauen“ (S. 10). Auch wenn sich der Autor dagegen gefeit sieht, den Einflüsterungen und Täuschungsmanövern zu erliegen, sind dies doch erstaunliche Einsichten über den besonderen Werktypus der damaligen Reiseberichte über die Sowjetunion.43 III. Feuchtwangers Schreibprogramm Aber warum hat sich ausgerechnet der gut- und großbürgerliche Autor Feuchtwanger zu diesem Bekenntnisbuch hinreißen lassen, das tatsächlich seinesgleichen sucht? Und warum hielt er der Sowjetunion die Treue, auch noch nach den Enthüllungen des XX. Parteitags, indem er bis zu seinem Tod 1958 zahllose Grußbotschaften nach Moskau schickte? Der Grund liegt meines Erachtens in seiner idealistischen Geschichtskonzeption, die sich in dem Satz zusammenfassen lässt: Die Sowjetunion hat das einzigartige Experiment unternommen, einen Staat auf der Basis der Vernunft zu errichten. Was hier als Überzeugung formuliert ist, war als Idee bereits vor der Moskaureise angelegt. In diesem Sinne hatte sich Feuchtwanger schon 1935 geäußert, mit dieser Voreinstellung trat er seine Reise an und bescheinigte anschließend den Erfolg. Feuchtwanger kümmerte sich wenig um das, was er in Moskau sah und erlebte – dies erklärt, warum der Reisebericht so überraschend unsinnlich ist –, und vertraute in der Regel nicht einmal dem, was man ihm „vorsagte“,44 sondern leitend war für ihn, was er sich vorgenommen hatte. Das Russlandbuch ist in ideologischer Hinsicht 43 Zu diesem spezifischen Werktypus der „Rückkehr“-Texte vgl. besonders Jacques Derrida, „Back from Moscow, in the USSR“, in: Jutta Georg-Lauer (Hrsg.), Postmoderne und Politik, Tübingen 1992, S. 9–55; Michail Ryklin, Im Mekka des Proletariats, in: Ders., Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution, Frankfurt a.M. – Leipzig 2008, S. 53–82. 44 Vgl. Michail Ryklin, Verbotene Stadt, in: Ders., Räume des Jubels. Totalitarismus und Differenz, Frankfurt a.M. 2003, S. 149. 157 Im Dickicht der Wertungen geradezu das Substrat seiner Überzeugungen. Er rettete sie auch späterhin, indem er – nun Stalin nicht mehr erwähnend – den Oktoberumsturz in einen großen Bogen der weltgeschichtlich bedeutsamen Revolutionen einreihte, die den gesellschaftlichen Fortschritt befördert hätten. Ein Leben in kollektiver Übereinstimmung, „einleuchtende Planmä- ßigkeit“ von Wirtschaft und Staatswesen, Vernunft – dies sind die Kernbegriffe seiner in Moskau 1937 dargelegten Vision, wobei die Konzepthaftigkeit den Reisebericht ganz in die Nähe von Feuchtwangers historischen Romanen rückt, nur dass jetzt der Gang und Sinn der Geschichte nicht retrospektiv, sondern in die Zukunft verlängert gedeutet wird. Hier wie dort ging es ihm um den großen Bogen und die subjektive Wahrheit, „nicht verzerrt von Akten, von minutiösen Daten der Realität“.45 Ein Unterschied ist jedoch gravierend: Feuchtwangers Romane werden in der Regel von Spannungen getragen, die nicht aufhebbar sind: zwischen Betrachten und Handeln oder Geist und Macht, zwischen Ratio und Gefühl (bzw. – in seiner Diktion – Hirn und Herz) sowie zwischen geschichtlichem Fortschritt und Wiederkehr des Gleichen. Sonst eine Grundkonstellation seiner Werke, sind diese Widersprüche im Reisebericht sämtlich gelöst. Der Gegensatz zwischen Handeln und Betrachten ist aufgehoben zugunsten von Machtsicherung und Machtgebrauch, wobei Feuchtwanger Stalin als Mann der Tat und großen Anführer des Aufbauwerks gegen den „zänkischen Doktrinär“ und „Schriftsteller“ Trotzki ausspielt. Der Konflikt zwischen Ratio und Gefühl und die Gewaltfrage sind im Reisebericht zugunsten einer radikalen „Verantwortungsethik“ bereinigt,46 bei der der Zweck die Mittel heiligt und damit auch den Einsatz von Gewalt rechtfertigt. Die Vernunft darf hier triumphieren, ohne dass Einsprüche des „Herzens“ Geltung beanspruchen dürfen. Auch Gegenkräfte wie Irrationalismus, Triebhaftigkeit oder Machtgier fallen argumentativ nicht ins Gewicht – sie werden allein dem Faschismus zugeschrieben. Und schließlich ist der 45 Lion Feuchtwanger, Der Teufel in Frankreich. Erlebnisse. Tagebuch 1940. Briefe, Berlin – Weimar 21992, S. 15. 46 Zum Gegensatz von „Verantwortungsethik“ und „Gesinnungsethik“ vgl. Max Weber, Politik als Beruf [1919], Berlin 1958, S. 57–67. 158 Anne Hartmann Fortschritt nicht bedroht durch die „unveränderten und unveränderlichen Gesetze“ der Geschichte47 und damit die Wiederkehr des Immer-Gleichen. Der Kampf einer vernünftigen Minorität gegen die Majorität der Dummen,48 mag er eingangs auch als stetig und fortdauernd bezeichnet werden, ist hier fraglos entschieden, selbst wenn noch ein „Restchen Weg“ bis zur „Erfüllung des sozialistischen Staates“ zurückzulegen ist (S. 73). Die mit guten Argumenten ausgestattete Rede der Widersacher, auf der die Streitkultur der Romane basiert,49 ist zwar noch vernehmbar, wurde aber, wie gezeigt, unter die glatte Oberfläche des Texts abgedrängt. Ist Moskau 1937 also im Grunde das Ergebnis eines großen Irrtums, indem sich Feuchtwanger mit seiner Sowjetunionreise und seinem Reisebericht auf ein Terrain begab, das er nicht beherrschte und das ihm literarisch wie politisch nicht gemäß war? Vermutlich ja, denn man kann zeigen, dass ihn das politische Urteil und das Schreiben über die sowjetische Wirklichkeit des Winters 1936/37 überforderte. Wie viele seiner literarischen Helden befand er selbst sich in der Spannung von Geist und Macht, Kontemplation und Aktion, Engagement und Rückzug. Wie manche von ihnen entschloss er sich – zeitbedingt, umständehalber – zum Handeln, um jedoch schon bald zu einer Haltung der teilnehmenden Beobachtung und seinem literarischen Metier zurückzukehren.50 Dass er sich mit dem 47 Lion Feuchtwanger, Nachwort des Autors, in: Ders., Die Füchse im Weinberg. Roman, Berlin 1952, S. 932. 48 Dies war für Feuchtwanger ein zentrales Thema, wie auch seine Rede auf dem Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935 ausweist: Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans, in: Internationale Literatur 5 (1935), 9, S. 23. Der Abstand zwischen der „vernünftigen“ Elite (einschließlich Feuchtwangers) und der Majorität der Dummen bleibt dabei stets gewahrt. 49 Zu dieser Streitkultur vgl. besonders Martina Winkler, Das Dilemma intellektuellen Engagements oder Der Fluch erfüllter Wünsche: Lion Feuchtwangers „Moskau 1937“, in: Dies. (Hrsg.), WortEnde. Intellektuelle im 21. Jahrhundert?, Leipzig 2001, S. 90 und 93; Wolfgang Müller- Funk, Literatur als geschichtliches Argument. Zur ästhetischen Konzeption und Geschichtsverarbeitung in Lion Feuchtwangers Romantrilogie „Der Wartesaal“, Frankfurt a.M. – Bern 1981, S. 261 u. 334. 50 Er sei „an Politik durchaus nicht interessiert“, formulierte Feuchtwanger mitten im Krieg: „Ich bin kein aktiver Mensch, Geschäftigkeit, Betriebsamkeit, ohne die doch nun einmal Politik nicht zu denken ist, widert mich an. Was mir Freude macht, ist Betrachtung, Darstellung.“ Feuchtwanger, Der Teufel in Frankreich, S. 185f. 159 Im Dickicht der Wertungen Russlandbuch „mit hörbarem plump zwischen sämtliche stühle setzen“ werde,51 war ihm wohl bewusst, und er ging dies Risiko mit Lust an der Provokation und „Bekennermut“ ein, doch wie stark das Nachbeben noch 80 Jahre später sein würde, hatte er wohl nicht geahnt. 51 Lion Feuchtwanger an Eva van Hoboken, [April/Mai 1937], in: Lion Feuchtwanger, Briefe an Eva van Hoboken. Hrsg. von Nortrud Gomringer, Wien 1996, S. 170.

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References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.