Inka Zahn, André Gides Zurück aus Sowjetrussland (1936) – Bericht einer Desillusionierung in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (Ed.)

"Auf nach Moskau!", page 127 - 140

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-127

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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127 Inka Zahn André Gides Zurück aus Sowjetrussland (1936) – Bericht einer Desillusionierung André Gide, einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller und Intellektuellen der Zwischenkriegszeit, reiste 1936 als Sympathisant des Sowjetregimes in die UdSSR. Wider Erwarten und zum Entsetzen der französischen Kommunisten sowie der Sowjetunion veröffentlichte er nach seiner Rückkehr mit Zurück aus Sowjetrussland einen kritischen Bericht. Dieser bekannteste Russlandbericht des 20. Jahrhunderts entfesselte eine Kontroverse, die bis heute nachwirkt. Mit dem Ziel, die Besonderheit des Gide-Buches deutlicher erkennbar zu machen, sollen an dieser Stelle die folgenden Aspekte knapp skizziert werden: Gides Erwartungen gegenüber der Sowjetunion im Vorfeld der Reise, die Umstände der Reise, Gides Eindrücke und seine Kritik an der UdSSR, Faktoren, die seine Urteilsbildung beeinflussten, sowie die Intention seines Berichts und die zeitgenössischen Reaktionen. I. Im Vorfeld der Reise Für Gide, der sich seit 1932 politisch für den Kommunismus engagiert hatte, ohne der KPF beizutreten, war die UdSSR vor der Reise nach eigener Aussage „ein Land, wo die Utopie im Begriff war, Wirklichkeit zu 128 Inka Zahn werden“.1 In seinen Augen stand die Sowjetunion der forcierten Industrialisierung und des 1. Fünfjahrplans für Fortschritt, Bildung und Kultur.2 Für den Individualisten und Homosexuellen Gide bedeutete der Kommunismus zudem „den Segen der Aussöhnung mit der Gemeinschaft“ und zugleich „die Gewähr für Antibürgerlichkeit“3. Er erhoffte sich von der Reise, „dort […] eine gesellschaftliche Ordnung anzutreffen, die in allem, von der Familie bis zur Nation, der bürgerlichen widersprach“.4 Auf einer generelleren Ebene ist die Faszination, die die Sowjetunion auf viele westliche Intellektuelle wie Gide vor allem ab Ende der 1920er Jahre/Anfang der 1930er Jahre ausübte, im Kontext der Weltwirtschaftskrise der westlichen, kapitalistischen Demokratien sowie insbesondere vor dem Hintergrund des Anstiegs des Faschismus zu sehen, der die Bildung einer antifaschistischen Kultur zur Folge hatte. Die UdSSR erschien in diesem Kontext als attraktives politisch-wirtschaftliches Gegenmodell zu den krisengeschüttelten westlichen Gesellschaften und als Bollwerk gegen den Faschismus.5 Dies war auch für Gide ein Grund für sein politisches Engagement für die Sowjetunion, im Rahmen dessen er, um nur ein Beispiel zu nennen, 1935 in Paris gemeinsam mit André Malraux den Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur leitete. Für westliche Schriftsteller wirkte die Sowjetunion darüber hinaus aufgrund des hohen Ansehens, das der Literatur vor allem seit Anfang / Mitte der 30er Jahre zugesprochen wurde, sehr anziehend.6 Dies machte sich die UdSSR zunutze: Sie versuchte, westliche Schriftsteller als Sympathisanten 1 Seitenzahlen direkt im Text beziehen sich auf die Ausgabe: André Gide, Retour de l‘U.R.S.S., Paris 1936; auf den Band André Gide, Retouches à mon retour de l‘U.R.S.S., Paris 1937 wird ebenfalls direkt im Text verwiesen mit der Angabe: Retouches plus Seitenzahl. Übersetzung der Zitate von der Verfasserin. 2 Vgl. François Furet, Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München – Zürich 1998, S. 367. 3 Ebd. 4 Wolfgang Klein, Schriftsteller in der französischen Volksfront. Die Zeitschrift ,Commune‘, Berlin 1978, S. 134. 5 Vgl. Michael David-Fox, The ‚Heroic Life‘ of a Friend of Stalinism: Romain Rolland and Soviet Culture, in: Slavonica 11 (2005), 1, S. 8. 6 Vgl. Anne Hartmann, Un anti-Gide allemand, in: Cahiers du Monde russe, 52 (2011), 1, S.115– 132, hier S. 118. 129 André Gides Zurück aus Sowjetrussland des Kommunismus zu gewinnen, indem sie ihnen innerhalb der Sowjetunion vielfache Möglichkeiten für die Publikation und die Übersetzung ihrer Werke in Aussicht stellte.7 So war auch im Falle Gides eine Werkausgabe in der UdSSR geplant, doch wurde diese nach der Publikation seines Russlandbuches abgebrochen.8 Jedoch war schon vor der Reise die UdSSR für Gide keine ideale Welt, erfuhr er doch seit 1934 über Repressionen in dem Land und erreichten ihn noch kurz vor seiner Abreise desillusionierende Informationen über den sowjetischen Alltag und Kulturbetrieb. Hatte so gesehen bereits vor der Reise bei Gide eine gewisse Ernüchterung in Bezug auf die Sowjetunion begonnen,9 so war Letztere für Gide zu dem Zeitpunkt doch nach wie vor eine geistig-politische Heimat: „Mehr als ein auserwähltes Vaterland: ein Vorbild, ein Leitbild.“10 (S. 15). II. Die Reiseumstände und der politische Kontext der Reise Vom sowjetischen Schriftstellerverband eingeladen, reiste Gide im Sommer für neuneinhalb Wochen durch die UdSSR, wo er außer Moskau auch Leningrad, den Kaukasus und die Krim besuchte. Begleitet wurde er von fünf Freunden: dem Journalisten Pierre Herbart, der kurz vorher einige Monate in Moskau gelebt hatte, den Schriftstellern Louis Guilloux und Eugène Dabit, dem niederländischen Romancier und Journalisten Jef Last sowie dem Verleger und Übersetzer Jacques Schiffrin. Last und Schiffrin waren des Russischen mächtig und konnten für Gide dolmetschen. Gide und seine Begleiter erwarteten in der UdSSR ein königlicher Empfang, ein komfortabler Lebensstil in den besten Hotels und ein aufwendiges Be- 7 Vgl. David-Fox, The ‚Heroic Life‘ of a Friend of Stalinism, S. 8. 8 Vgl. Anne Hartmann, Literarische Staatsbesuche, Prominente Autoren des Westens zu Gast in Stalins Sowjetunion (1931–1937), in: Sigfried Ulbrecht, Helegena Ulbrechtová (Hrsg.), Die Ost-West-Problematik in den europäischen Kulturen und Literaturen. Ausgewählte Aspekte. Problematika Východ – Západ v evroských kulturách a literaturách. Vybrané aspekty, Prag – Dresden 2009, S. 229–275. 9 Vgl. Rudolf Maurer, André Gide et l’URSS, Bern 1983, S. 83–85. 130 Inka Zahn suchsprogramm. Allerdings wich das Programm in einem entscheidenden Punkt von dem ab, was damals einigen anderen berühmten westlichen Literaten wie 1935 Romain Rolland oder 1937 Lion Feuchtwanger ermöglicht wurde: Ein Interview mit Stalin blieb Gide aus bisher unbekannten Gründen verwehrt. Was den politischen Kontext der Reise betrifft, so war das Jahr 1936 durch den Wahlsieg der französischen Volksfront und den Ausbruch des Spanienkriegs, an dem sich die Sowjetunion auf Seiten der Republikaner beteiligen sollte, gekennzeichnet sowie, in der UdSSR, durch den ersten Moskauer Schauprozess. Letzterer bildet eine historische Zäsur, wurden hier doch erstmals nicht etwa Gegner des Kommunismus angeklagt und zum Tode verurteilt, sondern ehemaliges politisches Führungspersonal, dem man unterstellte, konterrevolutionär zu sein.11 Dieser Prozess bildete gewissermaßen den Auftakt zu dem 1937 einsetzenden „Großen Terror“ in der Sowjetunion, bei dem allein in dem einen Jahr „an die zwei Millionen Menschen verhaftet, an die 700 000 ermordet, fast 1,3 Millionen in Lager und Arbeitskolonien geschickt [wurden]“.12 III. Gides Eindrücke sowie seine Kritik an der UdSSR Gide interessierte sich in der UdSSR nach eigener Aussage vor allem für „den Menschen, die Menschen und das, was man aus den Menschen machen kann und bereits gemacht hat.“ (S. 32) Anhand seiner Darstellung des sowjetischen Volkes lässt sich Gides Erfahrung der Diskrepanz zwischen seinen Hoffnungen und der in der Sowjetunion vorgefundenen Realität besonders gut verdeutlichen. Auf der einen Seite beschreibt er die Russen sehr positiv: die Kinder der von ihm besuchten Pionierlager würden „blühende Freude“ versprühen (S. 21). Bei den im Moskauer Kulturpark flanierenden Menschen fällt ihm deren „Würde“ (S. 22) auf; auch bezeichnet er die auf dem Roten Platz beobachtete Moskauer Jugend als „wunderbar“ 11 Vgl. Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008, S. 104. 12 Ebd., S. 21. 131 André Gides Zurück aus Sowjetrussland (S.  26). Hierbei betont Gide, seinen Utopievorstellungen entsprechend, eine enge Verbundenheit zum sowjetischen Volk, und es kommt hier zu einer imaginierten Transgression sprachlicher wie sozialer Grenzen: „Trotz der Sprachunterschiede hatte ich mich noch nie zuvor und nirgendwo so sehr Kamerad und Bruder gefühlt […]“ (S. 28). „In dieser Menge, in der ich mich versenke, nehme ich ein Bad der Menschheit.“ (S. 37) Diese Utopie konnte unter besonderen Umständen bis in die Wirklichkeit reichen. So erlebte Gide während seiner Reise außerhalb Moskaus eine intensive Begegnung mit Menschen aus dem Volk, was die Gastgeber sonst bei solchen Reisen zu verhindern suchten. Gide ließ die Türen öffnen, die ihren Spezialwaggon von dem Zugabteil abschotteten, in dem die sowjetische Bevölkerung reiste, und konnte daraufhin dank seines dolmetschenden Reisegefährten Jef Last mit mitreisenden jugendlichen Komsomolzen in ausgelassenen Kontakt treten. Diese Begegnung wurde für ihn und seine Begleiter zu „einer der besten Erinnerungen an die Reise.“ (S. 31) Jedoch rückt mit zunehmender Desillusionierung meist die Distanz zu den Russen in den Vordergrund. Dies zeigt sich insbesondere, wenn Gide sich beim Anblick der sowjetischen Menschenmenge im Kulturpark befremdet fühlt, da er den auffälligen Ernst der Leute als Zeichen des Uniformitätsdrucks interpretiert: „Ich habe nirgendwo den geringsten Spott gesehen. […] Ein Kind, das unfähig ist zu verspotten, wird der leichtgläubige und unterwürfige Jugendliche.“ (S. 24) Oder, wenn er die Russen als ihrer Individualität beraubt beschreibt („Jeder sieht aus wie alle“, S. 26) und als indoktriniert: „jedes Mal, wenn man mit einem Russen spricht, ist es, als würde man mit allen sprechen. […] Alles ist so arrangiert, dass er [von der offiziellen Meinung, I.Z.] nicht abweichen kann.“ (S. 49) Der Mensch, der sich ihm hier zeigte, war nicht der „neue Mensch“, den Gide sich erhofft hatte. Gide erlebte, dass der Sowjetkommunismus stalinistischer Prägung die Menschen ihrer Freiheit beraubte.13 So erkannte er z.B. in der Kampagne 13 Vgl. Wulf Köpke, Das dreifache Ja zur Sowjetunion. Lion Feuchtwangers Antwort an die Enttäuschten und Zweifelnden, in: Thomas Koebner (Hrsg.), Exilforschung. Ein internationales 132 Inka Zahn gegen die sog. „Formalisten“ eine Beschneidung geistiger Unabhängigkeit der Kunstschaffenden und kritisierte die Verfolgung angeblicher Trotzkisten und generell des sog. „konterrevolutionären Geistes“ als gezielte Ausschaltung jeglicher Opposition gegen Stalin. Die dadurch entstandene Allmacht Stalins bringt er wie folgt auf den Punkt: Diktatur des Proletariats hatte man uns versprochen. Wir sind weit vom Ziel. Ja, Diktatur zweifellos, aber die eines Mannes […]. […] das ist nicht das, was man gewollt hat. Noch ein Schritt weiter, und wir müssen sagen: das ist genau das, was man nicht gewollt hat. (S. 76f) Auch erschreckten ihn die repressiven Sexualgesetze, vor allem die Gesetzgebung gegen Homosexualität, die ihn persönlich traf, aber auch das kurz zuvor erlassene Gesetz gegen Abtreibung, in welchem Gide ein Anzeichen einer wieder bürgerlich werdenden Gesellschaft sah, während es „in [sowjetischen, I.Z.] Zeitungen als revolutionäre Errungenschaft gefeiert“ wurde.14 Neben dem Mangel an Freiheit beobachtete Gide einen der Bevölkerung auferlegten Zwang zum Konformismus15: Was man heute wünscht, ist: Mitmachen, Konformismus. Was man will und fordert, ist: eine Zustimmung zu allem, was in der UdSSR geschieht. Was man zu erreichen sucht, ist: dass diese Zustimmung keine resignierte sei, sondern eine aufrichtige, sogar enthusiastische. Das Erstaunlichste ist, dass man dies wirklich zustande bringt. Andererseits ist der geringste Protest, die geringste Kritik mit den schwersten Strafen bedroht und wird übrigens sofort erstickt. (S. 67) Gide, der zudem die allgemeine gesellschaftlich-politische Stimmung als eine der Gedrücktheit und der Angst beschreibt16, benennt somit glasklar Jahrbuch Bd. 1: Stalin und die Intellektuellen und andere Themen, München 1983, S. 61–71, hier S. 63f u. 68f. 14 Peter Schnyder, Vorwort, in: André Gide, Gesammelte Werke VI: Reisen und Politik. Hrsg. von Raimund Theis und Peter Schnyder , Stuttgart 1996, S. 9–39, hier S. 29. 15 Vgl. Köpke, Das dreifache Ja zur Sowjetunion, S. 69. 16 Vgl. Rudolf Maurer, Zu „Zurück aus Sowjetrussland“ und „Retuschen zu meinem Russlandbuch“, in: Gide, Gesammelte Werke VI, S. 395–412, hier S. 406. 133 André Gides Zurück aus Sowjetrussland die fatalen Auswirkungen des stalinistischen repressiven Staates auf das Verhalten der Bevölkerung. Hier kollidierte die sowjetische Realität mit Gides auf die UdSSR ursprünglich projizierten individualistischen Hoffnungen. So schreibt auch François Furet, Gides Enttäuschung „ist im Grunde nicht so sehr auf wirtschaftliche, soziale oder ästhetische Aspekte zurückzuführen; sie hängt vielmehr mit dem Verschwinden von Freiheit zusammen“.17 Der Schlüsselsatz desjenigen, der als Sympathisant in die Sowjetunion aufgebrochen war, lautet: Und ich bezweifle, dass heute in irgendeinem Land, und wäre es Hitler- Deutschland, der Geist weniger frei ist, mehr gebeugt wird, mehr verängstigt ist, mehr terrorisiert und unterjocht. (S. 67) IV. Faktoren der Urteilsbildung Für seine Urteilsbildung verließ sich Gide ausschließlich auf seine eigenen Eindrücke. Dies hing damit zusammen, dass er nach eigener Aussage offiziellen Auskünften grundsätzlich misstraute. (S. 46f) Diese kritische Distanz lässt sich auf zweierlei Weise auf Gides Biographie zurückführen. Zum einen hatte Gide durch seine Reisen in die französischen Kolonien Kongo und Tschad in den 1920er Jahren, wo er Zeuge der dortigen Unterdrückung und Ausbeutung der Kolonisierten wurde – was er nach seiner Rückkehr öffentlich scharf anprangerte –, gelernt, offiziellen Auskünften mit Skepsis zu begegnen. (S. 21) Oder, wie Peter Schnyder es ausdrückt: In Russland wendete Gide an, was er zehn Jahre zuvor im Kongo und Tschad gelernt hat: nicht wegzublicken von ,systembedingten‘ Ungerechtigkeiten, sich nicht mit vagen Versprechungen auf bessere Zeiten abspeisen zu lassen, den Behauptungen von offizieller Seite nicht ungeprüft Glauben zu schenken, und, vor allem, sich nicht einschüchtern zu lassen […].18 17 Furet, Das Ende der Illusion, S. 368. 18 Schnyder, Vorwort, S. 38. 134 Inka Zahn So gesehen bildeten seine Afrikareisen die Vorbedingung für die kritische Wahrnehmung der sowjetischen Realität.19 Zum anderen ließen Gides Individualismus, seine antibürgerliche Einstellung und hier vor allem seine Homosexualität ihn äußerst kritisch gegenüber dem in der UdSSR Beobachteten, insbesondere gegenüber dem dortigen Mangel an persönlicher Freiheit – sei es geistiger, politischer oder sexueller Freiheit –, werden.20 Neben dem biographischen Kontext waren jedoch auch die Reiseumstände entscheidend. Denn Gide genoss im Vergleich zu anderen Sowjetunionreisenden der Zwischenkriegszeit den Vorteil, dass, wie bereits erwähnt, zwei seiner Begleiter Russisch sprachen. Dadurch war er nicht ausschließlich auf die manipulative Vermittlung durch seine sowjetische Dolmetscherin angewiesen, und seine Freunde konnten gelegentlich auf eigene Faust Erkundigungen einholen.21 So schrieb Gide rückblickend in seinen Retuschen zu seinem Bericht, dass die Wahrnehmung der Realität nur durch den Ausbruch aus dem offiziellen Besuchsprogramm und den Kontakt mit der Bevölkerung erfolgen konnte. Erst während ihrer Rundreise, als sie z.B. öfter spontan soziale Einrichtungen anschauten, deren Besuch im Programm nicht vorgesehen gewesen sei, hätten sie wirklich „gesehen“. (Retouches, S. 13 u. 75f) Auch dies war eine Erfahrung, die er, wie er schreibt, bereits bei seinen Afrikareisen gemacht hatte, wo er erst zu „sehen“ begann, nachdem er das „Automobil der Gouverneure“ verlassen hatte und selbständig weiterreiste. (Ebd., S. 13) Zudem hatte Last, der bereits mehrfach in der Sowjetunion gewesen und daher mit dem sowjetischen Leben sehr vertraut war, seinen zukünftigen Reisekompagnon Gide in einem Brief vom September 1935 vor der gelenkten Wahrnehmung der Touristen in der UdSSR gewarnt. Er selbst hatte während seiner vorherigen Sowjetunion-Reise zum Allunionskongress Sowjetischer Schriftsteller 1934 erfahren, dass man durch die ständige Begleitung durch sowjetische 19 Vgl. Hans Christoph Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. Über André Gide und seine Reise in die Sowjetunion (1936), in: Die Zeit, 20 Vgl. Schnyder, Vorwort, S. 29. 21 Vgl. Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. 135 André Gides Zurück aus Sowjetrussland Autoritäten „nichts von der UdSSR sieht, wie sie ist“ und hatte Gide daher dringend nahegelegt, sich davon frei zu machen, um – ohne manipuliert zu werden –, „über das, was du gesehen oder erlebt hast, schreiben“ zu können.22 In Bezug auf die Reiseumstände war ferner von Bedeutung, dass Gides Freund Pierre Herbart, der dank seiner mehrmonatigen Arbeit in Moskau bestens informiert war über das dortige kulturpolitische Klima, ihn, so Gide, über viele Dinge aufgeklärt habe, die er sonst wahrscheinlich nicht verstanden hätte. (Retouches, S. 72–74) Daneben erfuhr Gide bei Begegnungen mit bekannten Kulturschaffenden wie vor allem Boris Pasternak, Sergej Eisenstein und Isaak Babel über Missstände im Land.23 Ein weiterer Faktor für Gides Urteilsbildung war die übertriebene Gastfreundschaft von sowjetischer Seite, welche nicht die gewünschte, sondern die gegenteilige Wirkung erzielte. So empfand Gide beispielsweise „Unbehagen, als er immer wieder zu teuren Mahlzeiten eingeladen [wurde]“, wissend, „wie wenig in diesem Land ein Arbeiter verdient[e].“24 Diese Privilegien, die ihn zur positiven Stellungnahme gegenüber der Sowjetunion hätten verführen sollen, machten ihn erst recht kritisch und auf die in seinem Gastland vorhandene soziale Ungleichheit aufmerksam. Rückblickend schrieb er hierzu: „[…] diese Gefälligkeiten waren eine ständige Erinnerung an Unterschiede, dort, wo ich dachte, ich würde Gleichheit finden.“ (Retouches, S. 58) Für Gides Ernüchterung spielte zudem eine Rolle, dass seine Reisebegleiter „häufig die gleichen Eindrücke teilte[n]“.25 Auch sie stellten fest, dass ihre Hoffnungen auf den Sozialismus in der Sowjetunion nicht Wirklichkeit geworden waren.26 Doch sollten seine Freunde sich nach der Reise 22 Brief von Jef Last an André Gide vom 25. September 1935, in: André Gide – Jef Last, Correspondance 1934–1950. Hrsg. von C. J. Greshoff, Lyon 1985, S. 26. 23 Vgl. Anne Hartmann, Ordnungen des Zeigens und des Sehens. Westliche Intellektuelle und ihre sowjetischen Guides Mitte der 1930er Jahre, in: Stefan Lampadius / Elmar Schenkel (Hrsg.), Under Western and Eastern Eyes. Ost und West in der Reiseliteratur des 20. Jahrhunderts, Leipzig 2012, S.91–108, hier S. 100f. 24 Schnyder, Vorwort, S. 28. 25 Ebd., S. 27. 26 Ausführlich siehe Inka Zahn: Retour de l’U.R.S.S. André Gides Reisegefährten, in: Wolfgang Klein, Walter Fähnders, Andrea Grewe (Hrsg.), Dazwischen. Reisen – Metropolen – Avantgar- 136 Inka Zahn zunächst dazu entscheiden, die UdSSR nicht öffentlich zu kritisieren. So werteten sie es als nicht opportun, zur Zeit des sowjetischen Engagements im Spanienkrieg Kritik an der Sowjetunion zu veröffentlichen27, da dies die Leser ihrer Berichte davon abhalten könnte, sich im Spanienkrieg gegen die Faschisten zu engagieren und auch die Sowjetunion zu unterstützen. Herbart revidierte seine Haltung jedoch sehr schnell: Er veröffentlichte 1937 seinen kritischen Bericht En U.R.S.S. 1936. Carnet de voyage und trat aus der KPF aus. Bei Last mündete die Angst davor, die UdSSR zu kompromittieren, in eine Schreibkrise und in eine Fluchtbewegung in die Aktion28: Er nahm als aktiver Kämpfer auf Seiten der Republikaner am Spanischen Bürgerkrieg teil und trennte sich erst 1938 von der kommunistischen Bewegung. Von Dabit, der während der Reise verstarb, ist nur ein privates Tagebuch überliefert, das postum 1939 veröffentlicht wurde; es enthält sehr zurückhaltende Notate, die jedoch auf eine Enttäuschung schließen lassen.29 Die zu vermutende Desillusionierung Dabits wird, wie auch Fred Kupferman schreibt,30 zudem in einem Eintrag in dem Bericht seines Reisegefährten Pierre Herbart angedeutet: Die Reise in die UdSSR war für Dabit eine harte Lektion und eine bittere Ernüchterung. Seine natürliche Bescheidenheit, sein schlichter Geschmack wurden täglich durch die Selbstgefälligkeit der sowjetischen Beamten, durch die absurden Zeremonien der offiziellen Empfänge verletzt. Er wurde durch das Fehlen einer echten Kameradschaft mit unseren Gastgebern gekränkt.31 Im Falle von Schiffrin und Guilloux gibt ein Eintrag in Gides Tagebuch vom 3. September 1936 Aufschluss darüber, dass auch sie beide „entden. Festschrift für Wolfgang Asholt, Bielefeld 2009, S. 173–184. 27 Vgl. Furet, Das Ende der Illusion, S. 675 sowie Maurer, Zu Zurück aus Sowjetrussland, S. 404f. 28 Vgl. André Gide – Jef Last, Correspondance, S. 5 und S. 30. 29 Vgl. Eugène Dabit, Journal intime 1928–1936, Paris 1939, hier vor allem S. 342. 30 Vgl. Fred Kupferman, Au pays des Soviets: le voyage français en Union soviétique, 1917–1939, Paris 1979, S. 114. 31 Pierre Herbart, En U.R.S.S. 1936. Carnets de voyage, Paris 1937, S. 113. 137 André Gides Zurück aus Sowjetrussland täuscht“ waren von dem, was sie während ihrer Reise in der Sowjetunion erlebt hatten.32 Anders als seine Reisebegleiter, ließ Gide das „Opportunitätskalkül“33 nicht gelten und veröffentlichte seine Kritik.34 Für ihn war, neben dem erwähnten biographischen Kontext und den Reiseumständen, der konkrete politische Kontext innerhalb der UdSSR wahrscheinlich ebenfalls ein Grund, seine Einstellung dem Gastland gegenüber zu ändern. Zwar werden in Zurück aus Sowjetrussland Verhaftungen, Lager und Terror in der Sowjetunion nicht (direkt) erwähnt, doch ist anzunehmen, dass für Gide, der nach seiner Rundreise wieder nach Moskau kam, wo in jenen Augusttagen der erste Moskauer Schauprozess stattfand, „dieser Prozess“, wie Karl Schlögel schreibt, „einer der Gründe [war] , auf Distanz zu gehen .“35 Dies legen seine späteren Retuschen zu seinem Bericht nahe, auf die weiter unten kurz eingegangen wird. V. Die Intention seines Berichts und die zeitgenössischen Reaktionen Trotz seiner deutlichen Worte schloss sich Gide jedoch nicht dem konventionellen Schwarz-Weiß-Schema der damaligen UdSSR-Darstellungen an. Nicht nur, indem er auch Vieles zu loben wusste. Gides Bericht sticht vor allem durch den Ton und den Beweggrund seiner Kritik hervor. Denn Gide betrieb nicht etwa Hetze gegen die UdSSR,36 wie der zeitgleich dorthin Reisende Roland Dorgelès mit seinem Bericht Vive la liberté! (1937). Auch wenn Gide die stalinistische Pervertierung des Kommunismus attackierte, fühlte er sich damals der Sowjetunion grundsätzlich weiterhin freundschaftlich verbunden, entsprang seine Kritik doch, wie er schrieb, „meiner Bewunderung für die UdSSR und für das Erstaunliche, was sie 32 Vgl. André Gide, Journal II, 1926–1950. Hrsg. von Martine Sagaert, Paris 1997, S. 540. 33 Maurer, André Gide et l‘URSS, S. 225. 34 Vgl. ebd. 35 Schlögel, Terror und Traum, S. 104. 36 Vgl. Furet, Das Ende der Illusion, S. 368. 138 Inka Zahn schon vollbracht hat“. (Retour, S.15) Gide wollte der Sowjetunion demnach wieder auf den rechten Weg (der Menschlichkeit) verhelfen, sie nach eigenen Worten durch die Wahrheit „heilen“ (S.17). Die Sowjetunion und die Kommunisten in Frankreich erklärten Gide, nachdem dessen Bericht im Herbst 1936 in hoher Auflage erschienen war, zur Unperson und griffen ihn an, hierbei unterstützt von antifaschistischen Sympathisanten. Gides Buch wurde für viele Linke, die – wie Feuchtwanger – Gides Sicht entschieden widersprachen, zum negativ konnotierten Bezugspunkt. Gides Gegner warfen ihm vor allem die ihrer Meinung nach oberflächliche Darstellung des in der UdSSR Beobachteten und die Inopportunität des Berichts zum Zeitpunkt der sowjetischen Beteiligung am Spanienkrieg vor, wodurch Gide in ihren Augen den Faschisten in die Hände spielte. Bei anderen linken Gruppierungen in Frankreich, wie Sympathisanten des Trotzkismus, Sozialisten oder Liberalen, traf Gides Bericht hingegen durchaus auf Zustimmung oder zumindest auf mehr Wohlwollen.37 Auch führte sein Bericht zu einem Anstieg kritischer UdSSR-Berichte.38 Auf die gegen ihn von kommunistischer Seite aus organisierte Hetzkampagne antwortete Gide, seine bisherige Kritik verschärfend, im Juni 1937 mit seinen Retuschen zu meinen Russlandbuch, in denen er erstmals auf die politischen Schauprozesse und die Deportationen eingeht. Hatte Gide am Schluss von Zurück aus Sowjetrussland trotz der erlebten Ernüchterung noch Hoffnung in Bezug auf einen Wandel in der UdSSR geäu- ßert39 („Die UdSSR hat noch nicht aufgehört, uns zu unterrichten und zu verblüffen.“ S. 92), so lautet das Fazit seiner Retuschen hingegen: Die UdSSR ist nicht das, was wir hofften, dass sie sein würde, was zu sein sie versprochen hatte und noch zu scheinen sucht – : sie hat all unsere Hoffnungen verraten. […] Ach, nachdem du uns zuerst als Muster und Vorbild gedient 37 Vgl. Maurer, André Gide et l‘URSS, S. 137–144. 38 Vgl. Bernard Furler, Augen-Schein: deutschsprachige Reportagen über Sowjetrussland 1917– 1939, Frankfurt a.M. 1987, S. 149. 39 Vgl. Köpke, Das dreifache Ja zur Sowjetunion, S. 63. 139 André Gides Zurück aus Sowjetrussland hast, zeigst du uns jetzt, in welchem Triebsand eine Revolution versinken kann! (Retouches, S. 68) Abschließend sei folgendes gesagt: Gide gehört zu den wenigen UdSSR- Reisenden der Zwischenkriegszeit, die durch die Reise und die dort gemachten Erfahrungen und Beobachtungen ihren Blick auf den Sowjetkommunismus stark veränderten. Entscheidende Faktoren dafür, dass Gide vor Ort die sowjetische Realität auf so luzide Art erkannte, waren insbesondere seine biographisch bedingte kritische Distanz gegenüber dem in der UdSSR Vorgefundenen sowie die Reiseumstände, hierbei vor allem die Begleitung durch persönliche Dolmetscher und Kenner des sowjetischen Lebens. Doch Gide beließ es nicht beim Erkennen der sowjetischen Zustände. Vielmehr ist vor allem seine Bereitschaft hervorzuheben, die Diskrepanz zwischen seiner Utopie und der sowjetischen Wirklichkeit öffentlich zu benennen. In dieser Hinsicht ist Zurück aus Sowjetrussland ein Einzelfall, da es Gides Zweifel in deutliche und doch freundschaftlich gemeinte Worte fasst und da sich sein Autor, unabhängig von dem, was zu dem Zeitpunkt als inopportun galt, nicht von seiner öffentlichen Kritik am Sowjetkommunismus abhalten ließ. Gerade dadurch wurde das Buch bedeutend.

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References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.