Ian Wallace, Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 in:

Hermann Haarmann, Anne Hartmann (Ed.)

"Auf nach Moskau!", page 119 - 126

Reiseberichte aus dem Exil

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4115-4, ISBN online: 978-3-8288-7066-6, https://doi.org/10.5771/9783828870666-119

Series: kommunikation & kultur, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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119 Ian Wallace Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 Ich habe 3 Thesen. Es kann sein, dass sie sich widersprechen, es kann aber auch sein, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Ich habe sie bewusst etwas überspitzt formuliert in der Hoffnung, auf diese Weise eine lebhafte, alles zurechtrückende Diskussion ins Leben zu rufen. Die Thesen lauten: 1. Der blauäugige und von seinem Thema völlig überforderte Feuchtwanger, ein deutscher Simplex neuester Prägung, ist in politischer Hinsicht erschreckend naiv; 2. Der im Umgang mit seinem kontroversen Stoff sorgfältig arbeitende Feuchtwanger ist ein politisch kluger Taktiker; 3. Der politisch allzu verführbare Feuchtwanger begeht Verrat am eigenen Text. Die Geschichte ist bekannt. Ende November 1936 reist der Schriftsteller Lion Feuchtwanger in die Sowjetunion, wo er zehn Wochen verbringt (hauptsächlich in Moskau) und die Gelegenheit hat, nicht nur dem zweiten der berüchtigten Trotzkistenprozesse beizuwohnen sondern auch ein mehrstündiges Gespräch mit Stalin zu führen. Wenige Wochen nach seiner Rückkehr nach Frankreich legt er sein Buch Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde (Amsterdam: Querido Verlag 1937) vor. Es handelt sich um ein schmales Bändchen mit 153 Seiten. Einen Umfang von 142 Seiten hat die im Aufbau Verlag erschienene Taschenbuchausgabe von 1993. Das Buch entspricht keineswegs den normalen Erwartungen, die man mit einem Reisebericht verbindet. Es fehlt an ausreichenden Details, was die Orte und auch die Personen betrifft, die Feuchtwanger besucht 120 Ian Wallace hat, wann und in welcher Reihenfolge. Das Buch ist keine Chronik der Ereignisse, hat auch nichts Tagebuchartiges an sich. Es handelt sich – dies sei vorausgeschickt – um einen klug gestalteten Text, der seinen Stoff sehr genau strukturiert mit dem Ehrgeiz, mehr als nur sachlich zu berichten. Er will auch und vor allem überzeugen. Tatsache ist nichtsdestotrotz, dass er seinen Autor sofort in eine heftige Kontroverse stürzen sollte, an der nicht zuletzt manche der im Untertitel apostrophierten Freunde mit ihrer durchaus negativen Kritik teilnehmen sollten und die heute noch als gewaltiger Störfaktor in den sonst eher friedlichen Gefilden der Feuchtwanger-Rezeption behandelt wird. Der inzwischen zweiundfünfzigjährige Feuchtwanger hatte sich bislang immer gescheut, im politischen Rampenlicht zu stehen, damit er sich möglichst ungestört mit seiner eigentlichen Arbeit – dem Schreiben von Romanen – beschäftigen konnte. Wie ist es also zu erklären, dass er sich nach anfänglichem Zögern gezwungen fühlte, über seine Erfahrungen in der Sowjetunion auf eine Weise Zeugnis abzulegen, die in breiten Kreisen der deutschen und auch der internationalen Öffentlichkeit für Aufsehen und auch Entsetzen sorgen sollte? These 1: Feuchtwanger ist eine erschreckende Naivität und Blauäugigkeit vorzuwerfen. Mit diesem politisch unerfahrenen Unschuldslämmchen hatten seine in politischen Intrigen viel versierteren sowjetischen Gastgeber leichtes Spiel. Sie konnten ihn an der Nase herumführen, denn er war der russischen Sprache nicht mächtig und somit im Umgang mit der sowjetischen Wirklichkeit völlig auf sie angewiesen. Schon vor seiner Reise war er als Sympathisant bekannt, was das politische Experiment in der Sowjetunion anbetraf, so dass er – um den Begriff von George Orwell zu verwenden, der in dessen Augen auf so viele westliche Intellektuelle in der Sowjetunion zutrifft – im höchsten Grade verführbar war. So zitiert Feuchtwanger fortlaufend und ohne eine Spur Skepsis sowjetische Statistiken, die beispielsweise beweisen wollen, „daß auf den Kopf der Bevölkerung mehr Nahrungsmittel und bessere treffen als etwa im Deutschen Reich und in Italien, und soweit der Augenschein während einer kurzen Reise ein Urteil erlaubt, lügt diese Statistik nicht“. Der Hinweis 121 Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 auf die Kürze der Reise reicht natürlich nicht aus als entschuldigende Erklärung für seine Bereitschaft, solche positiven Urteile allzu unkritisch zu formulieren. Sein Optimismus scheint in der Tat keine Grenzen zu kennen, denn die sowjetische Wirtschaftsplanung hätte (so schreibt er) alle ernsthaften Miseren (wie Mangel an Brot, Wasser und Licht) aus der Welt geschafft – und „eine nahe Zukunft wird auch die kleinen Miseren verschwinden machen, die noch stören.“ Die Zukunft ist vorprogrammiert, der Erfolg garantiert, denn die vernünftige sozialistische Planung ist Bürgschaft dafür, dass es „von Monat zu Monat besser gehen wird. So genau die Moskauer wissen: der Zug nach Leningrad geht um soundso viel Uhr, so genau wissen sie: in zwei Jahren werden wir Kleider haben, welche und soviel wir wollen, und in zehn Jahren Wohnungen, welche und soviel wir wollen“. Die Moskauer wissen auch, dass ihre neugebaute Stadt – „von Grund auf nach den Regeln der Vernunft“ konzipiert – nicht bloß eine utopische Fantasie bleibt, sondern „in acht Jahren Wirklichkeit sein wird“. Feuchtwanger fasst zusammen: „Wer einmal in Moskau war, weiß: er [der Plan, I. W.] wird durchgeführt werden.“ Mehr noch: „Die sozialistische Planwirtschaft garantiert jedem Einzelnen vernünftige Arbeit zu jeder Zeit und ein sorgloses Alter. Die Arbeitslosigkeit ist in Wahrheit liquidiert und ebenso, im Wortsinn, die Ausbeutung.“ Im Unterschied zu „den üblichen Verfassungen demokratischer Länder [Feuchtwanger denkt offenkundig an Demokratien westlicher Prägung, I. W.] werden in der UdSSR die Mittel zur Verfügung gestellt, die fraglos gewährleisten, daß die verkündeten Rechte und Freiheiten nicht bloß schöne Phrasen und papierene Sätze bleiben sondern eine Realität werden“ (er denkt besonders an Artikel 118 bis 121: das Recht auf Arbeit, das Recht auf Erholung, das Recht auf materielle Versorgung im Alter wie im Krankheitsfalle, und das Recht auf Bildung, I. W.). Bei solchen geradezu paradiesischen Voraussetzungen kann es kaum mehr überraschen, dass Feuchtwanger beim sowjetischen Volk ein unbedingtes Vertrauen zur politischen Führung des Landes feststellt, „wie ich es nirgendwo sonst habe wahrnehmen können“. Die Beobachtung mag seine Erfahrungen in Moskau durchaus getreu widerspiegeln und deshalb an sich berechtigt sein, aber verblüffend bleibt die Tatsache, dass sich 122 Ian Wallace Feuchtwanger kaum geneigt zeigt, die tiefere politische Bedeutung solch unbedingten Vertrauens zu hinterfragen. Ich komme damit zur 2. These und beginne mit Feuchtwangers Vorwort zu seinem Reisebericht. Obwohl der Vorwurf der politischen Naivität offensichtlich nicht einfach von der Hand zu weisen ist, kann das Vorwort als Beweis dafür gelesen werden, dass er keineswegs so politisch ahnungslos war, wie seine schärfsten Kritiker es gerne glauben möchten. Ganz im Gegenteil, er ist sich der Probleme durchaus bewusst, mit denen er sich als Berichterstatter konfrontiert sieht. Mit anderen Worten: Der oft gehörte Vorwurf der politischen Naivität bleibt zu oberflächlich, denn er unterschätzt sowohl Feuchtwangers Wissen um die Gefahr, die er als westlicher Berichterstatter in der UdSSR lief, wie auch seine Fähigkeit, trotz solcher Gefahr und „in erregter Zeit“ in seinem Text eine genau durchdachte literarische Strategie zu verfolgen. Diese Strategie hatte zwei Hauptziele: Erstens sollte die zu antizipierende Kritik von vornherein blockiert oder wenigstens entschärft werden; und zweitens sollte dem Leser ein grundsätzlich positives Bild des im Westen umstrittenen Stalin vermittelt werden. Zum ersten Ziel: Feuchtwanger gibt gleich am Anfang zu, dass der Titel seines Buches eigentlich Moskau Januar 1937 lauten müsste: „Denn es fließt in der Stadt Moskau alles so schnell, daß manche Feststellungen schon nach wenigen Monaten nicht mehr wahr sind.“ Um welche Feststellungen es sich dabei handeln könnte, wird zwar nicht präzisiert, aber die elastische Bedingtheit, mit der er zu seinem eigenen Text steht, stellt offensichtlich den Versuch dar, seine sonst um Sorgfalt in Detailfragen sehr besorgten Kritiker im voraus zu entwaffnen. Die gleiche Absicht steht hinter dem Insistieren, dass es gar nicht seine Absicht gewesen wäre, „ein genaues, objektives Bild“ der Sowjetunion zu liefern. Ein solcher Wunsch wäre nach nur 10 Wochen in der Sowjetunion völlig absurd gewesen, und deshalb hätte er es als Aufgabe angesehen, lediglich für seine sich dafür interessierenden Freunde persönliche Eindrücke niederzuschreiben. Mit dem in diesem Zusammenhang vielsagenden Wort „lediglich“ will Feuchtwanger andeuten, dass sein Text keinen besonderen Status außerhalb seines engeren Freundeskreises beansprucht. Kurz: Es handelt sich im Grunde um Privates. 123 Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 Zugegeben: Feuchtwangers Absicht bleibt hier sehr leicht durchschaubar, nicht zuletzt weil der angeblich private Text schnell veröffentlicht wurde und zwar nicht nur in deutscher Sprache, aber sie zeugt noch einmal auch von dem Wunsch, seinen Kritikern vorzugreifen und sie in die Defensive zu treiben. Ähnliches lässt sich über sein offenes Bekenntnis sagen, dass er „als ein Sympathisierender“ und mit vorgefassten Meinungen in die Sowjetunion gefahren wäre. Die Gefahr, damit der Kritik eine mögliche Angriffsfläche zu bieten, wird auf zweierlei Weise sofort abgebaut: Er fügt erstens hinzu, er betrachte die UdSSR als „das Experiment, ein riesiges Reich einzig und allein auf [der] Basis der Vernunft aufzubauen“ – ein Experiment, dem er nur vollen Erfolg wünschen würde, denn man könne die Macht der Vernunft in der Weltgeschichte nur restlos befürworten; und zweitens gibt er zu, dass seine Sympathie – unter dem Einfluss von früheren Berichterstattern westlicher Provenienz, zum Beispiel André Gides – „von Anfang an gemischt mit Zweifeln“ gewesen wäre, so dass er sich der Gefahr bewusst geworden wäre, wegen seiner „ehrenvollen Aufnahme“ in der UdSSR verführt zu werden, alles „durch die Brille der Eitelkeit“ zu sehen, und dass er imstande gewesen wäre, nur die Oberfläche der sowjetischen Gesellschaft wahrzunehmen und nicht deren Probleme. Problematisch wären auch „der naive Stolz und der Eifer der Sowjetleute“ gewesen, die es erschwert hätten, „das rechte, abgewogene Urteil zu finden“. Schließlich ist er auch bereit, zuzugeben, dass er unter normalen Umständen mit dem Verfassen seines Berichtes gewartet hätte, „bis meine Erlebnisse sich zu Gestaltetem verdichtet hätten“, aber angesichts der um sich greifenden ungerechten Kritik an der Sowjetunion und deren großen Leistungen hätte ihn sein Gewissen dazu gezwungen, schneller als geplant, für das gefährdete Land einzuspringen, auch auf die Gefahr hin, damit sofort ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten – mit anderen Worten: sein Text ist aus guten Gründen schneller erschienen, als ursprünglich geplant, hat aber auch deshalb nicht die darstellerische Reife, die Feuchtwanger sonst immer anstrebt. Mit solchen Bekenntnissen und selbstkritischen Einschätzungen hofft der Schriftsteller offensichtlich, bei seinen Lesern auf ein gerüttelt Maß an Verständnis, Nachsicht und Milde zu stoßen. 124 Ian Wallace Was die Struktur des Bandes betrifft, so wird der Bericht bewusst so aufgebaut, dass (wie schon gezeigt) Feuchtwanger sich zunächst um das Ausgewogenheit eines durch Fairness geleiteten Kritikers bemüht, um dann sein sehr positives Bild der heutigen Sowjetunion und ihrer auf die im Lande gemachten epochemachenden Fortschritte überaus stolzen Bürger zu entwerfen. Nicht zufällig wird der umstrittene Stalin erst nach fünfzig Seiten – das heißt, erst in der zweiten Hälfte des Buches – eingeführt, zu einem Zeitpunkt also, an dem der vernünftige Leser in Feuchtwangers Augen eher geneigt sein müsste, Stalins historische Leistungen voll anzuerkennen und möglicherweise sogar gutzuheißen. Die auf diese Weise gelenkten Sympathien des Lesers sollen gewährleisten, dass der im Schlüsselkapitel sechs nun folgende ausführliche Vergleich Stalins mit Trotzki, der sehr zugunsten Stalins ausfällt, keinen mehr überraschen kann. Die klaren Fronten, die damit geschaffen werden, sind so eindeutig, dass Feuchtwangers Bericht über die berüchtigten Trotzkistenprozesse auf Stalin nicht mehr Bezug zu nehmen braucht. Eindeutig soll damit suggeriert werden, dass der nicht anwesende Stalin den Verlauf des Prozesses nicht gelenkt hätte, dass er als weitblickender Staatsmann zu den Ereignissen im Gerichtssaal klugerweise Distanz gehalten hätte. Als 3. These hatte ich von Feuchtwangers Verrat am eigenen Text gesprochen. Unmöglich, dieses brenzlige Thema anzuschneiden, ohne die in der Rezeption gelegentlich auftauchende Verschwörungstheorie zu erwähnen, nach der Feuchtwanger – um den gemeinsamen Kampf gegen Hitler voranzutreiben – mit Stalin eine geheime Allianz eingegangen wäre. Feuchtwanger wusste auch von der „Klatscherei, ich sei von Russland bestochen“, und nach Ludmila Stern deckt sich tatsächlich fast gar nichts in den Berichten seiner Dolmetscherin in Moskau mit den im Buch geäu- ßerten Meinungen (die Dolmetscherin hat ihn als durchweg schwierigen, kritischen, mit allem unzufriedenen Gast erlebt). Es fehlt bis heute der alles entscheidende Beweis, aber wie so oft bei Verschwörungstheorien bleibt der Verdacht in der Luft hängen. Was als sicher gelten darf, ist, dass es für Feuchtwanger von größter Bedeutung war, Stalin und die Sowjetunion im Kampf gegen den Faschismus zu unterstützen. Trotz seines wiederholten 125 Thesen zu Feuchtwanger Moskau 1937 Insistierens auf die nach Edward Said unbedingte Ehrlichkeit und moralische Unbeugsamkeit, die für Intellektuelle charakteristisch sein sollen, war er darüber hinaus in diesem besonderen Fall durchaus bereit, seinen eigenen Text zu ändern und insbesondere das in diesem Text projizierte Stalinbild zu verschönern und zwar unter Druck von Stalins Vertreter, M. Kolzow, dem Mann, der schon im Mai 1935 an Feuchtwanger die erste offizielle Einladung gerichtet hatte, nach Moskau zu reisen. Es muss gefragt werden, ob sich Feuchtwanger hier als nicht nur verführbar, sondern auch – und noch schlimmer – als korrumpierbar entpuppt, denn es handelt sich keineswegs um Nebensächlichkeiten, wie aus einer vergleichenden Betrachtung der in der Feuchtwanger Memorial Library in Los Angeles zugänglichen Fahnen und Korrekturbögen ersichtlich wird. Er wirkt in der Tat als sein eigener Zensor, als er am 26. Mai 1937 – allerdings „mit nicht ganz gutem Gewissen“, wie er zugibt – an der „Überfeilung“ des Buches zu arbeiten begann, das er wenige Wochen vorher als „endgültig vollendet“ bezeichnet und sogar zum Druck freigegeben hatte. Sein schlechtes Gewissen rührt offensichtlich daher, dass er das bei aller Kritik grundsätzlich positive, ja bewundernde Trotzkibild des Textes systematisch unterminiert. Wenn er die Gegensätze zwischen Trotzki und Stalin in Erwägung zieht, findet eine klare Urteilsverschiebung zugunsten Stalins statt. Feuchtwanger weist jetzt auch explizit auf „die Überlegenheit Stalins über Trotzki“. Durch Hinzufügung eines neuen, die beiden Bolschewiken vergleichenden Satzes wird diese Überlegenheit unterstrichen: „Trotzki ist eine schnell verlöschende Rakete, Stalin das wärmende, dauernde Feuer.“ Stalins direkte Verantwortung für die Verurteilung und Erschießung seiner trotzkistischen Gegner, die in der ersten Fassung des Textes angesprochen wird, wird in der veröffentlichten Fassung stillschweigend übergangen. Das Lob Trotzkis als „derjenige, der die Sowjetrepublik durch seine großartige strategische Leistung aus der schlimmsten Gefahr gerettet hat“, dem der Stalinstaat als „lächerliche, scheußliche Fratze des Sozialismus“ erscheinen musste, und der „den groben, vierschrötigen, plumpen, bauernschlauen“ Stalin ablehnte, weil er dabei war, Trotzkis Verdienste „umzulügen und vollends auszuradieren“, wird einfach fallengelassen. 126 Ian Wallace Problematisch an solchen Änderungen – und es wäre ein Leichtes, weitere Beispiele zu nennen – ist vor allem der eklatante Widerspruch zwischen Feuchtwangers Selbstbildnis als unerschrockener Berichterstatter, der sich nur der Wahrheit verpflichtet fühlt und in dessen Namen er alle Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen bereit ist, und seiner beschämenden Bereitschaft, seinen sorgfältig verfassten Moskau-Text unter Druck aus dem Kreml einer weitgehenden, entstellenden Revision zu unterziehen, die an entscheidenden Stellen den Sinn des Textes radikal ändert. Es sei daran erinnert, dass er sich auch noch in der letzten, veröffentlichten Fassung als jemanden bezeichnet, der lange prüft, bevor er sein Urteil fixiert: „[…] als Schriftsteller setze ich meinen Ehrgeiz darein, unverfälscht zu sagen, was ich denke, eine Neigung, die mir schon manche Ungelegenheit verursacht hat.“ Dass diese schmeichelhafte Selbstbeschreibung auf das Moskau- Buch zutreffen sollte, scheint ausgeschlossen. Ironischerweise reichten die durchaus als Appeasement-Angebot in Richtung Moskau zu betrachtenden Änderungen nicht dazu aus, Stalin und seine Anhänger für das Buch langfristig zu gewinnen. Bald nach ihrem Erscheinen wurde die russische Ausgabe ohne jedwede Erklärung sang- und klanglos aus dem Verkehr gezogen. Es bleibt die Frage, was Feuchtwanger motiviert haben könnte, seinen Text so radikal umzuschreiben. War ganz einfach seine Naivität daran schuld, dass der von den Stalinisten unter Druck gesetzte Autor die Rolle des nützlichen Idioten übernommen hat? Oder seine moralische Feigheit? Oder – wie beispielsweise Schostakowitsch unmissverständlich behauptet hat – seine perfide Bereitschaft zu lügen? Mit anderen, milderen Augen gesehen lässt sich der veröffentlichte Text letztendlich als der im Prinzip lobenswerte, in seiner Ausführung aber völlig missratene Versuch bezeichnen, im Interesse des antifaschistischen Kampfes in gefährlichen Zeiten – und wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen und gegen besseres Wissen – den Frieden in Europa bewahren zu helfen.

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References

Zusammenfassung

2017 wurde des hundertsten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution gedacht, und vor 80 Jahren erschien Lion Feuchtwangers kontrovers aufgenommener „Reisebericht Moskau 1937“. Um das Pro und Kontra in den intellektuellen Debatten zum sowjetischen Experiment in der Weimarer Republik und im Exil nachzuzeichnen, fand im Berliner LiteraturHaus ein international besetztes Symposion statt, das dieser Band dokumentiert.