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Sascha Prostka

Implodierte Weltlichkeit

Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4177-2, ISBN online: 978-3-8288-7056-7, https://doi.org/10.5771/9783828870567

Series: Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Sascha Prostka Implodierte Weltlichkeit Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik Band 4 Sascha Prostka Implodierte Weltlichkeit Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung Tectum Verlag Sascha Prostka Implodierte Weltlichkeit. Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik Band 4 Herausgegeben von apl. Prof. Dr. Helga Arend, apl. Prof. Dr. Hajo Diekmannshenke, Prof. Dr. Wolf-Andreas Liebert, Prof. Dr. Stefan Neuhaus, Prof. Dr. Uta Schaffers, Prof. Dr. Helmut Schmiedt, Prof. Dr. Eva L. Wyss © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 Zugl. Diss. Göteborgs universitet, Schweden 2017 E-Book: 978-3-8288-7056-7 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4177-2 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 2365-3043 Umschlaggabbildung: shutterstock.com © Liu zishan Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Vorwort »Gäbe es nur ein wenig mehr Sinnier-Existenz und etwas weniger Konferenz-Intelligenz! Zu beklagen ist der große Mangel an Stubenhockern und die Überzahl von weltfahrenden, an ihr vorbeifahrenden Akademikern …« schreibt Botho Strauß in einem seiner Texte … und irgendwo hörte ich einmal, dass das Schreiben einer Dissertation lediglich zu fünf Prozent aus Inspiration besteht, der Rest in veränderlicher Gewichtung aus Fleiß, Ausdauer, Präzision, Verdruss, Bücherstaub und einsamen Stunden mit Zitaten, Notizen und der Suche nach verlorenen Dateien. Ich möchte ergänzen, dass die eigene Arbeit nur durch andere Menschen entstehen kann. Sie holen einen aus der Schreibstube, hören zu, ertragen Marotten, Monologe und Redundanzen und geben jene weiterführenden Ratschläge, die das Vorhaben, eine Dissertation innerhalb der vorgegebenen Zeit zu schreiben, erträglich machen und voranbringen. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine minimal überarbeitete Form jener Dissertation, die ich im Dezember 2017 an der Göteborgs universitet, Schweden, verteidigt habe. Möglich wurde die Promotion durch eine Anstellung als Doktorand am dortigen Institut für Sprachen und Literaturen und der damit verbundenen materiellen wie immateriellen Unterstützung. Stipendien des Paul och Marie Berghaus donationsfond, der Adlerbertska Stipendiestiftelsen sowie des Kungliga Vetenskaps- och Vitterhets-Samhället i Göteborg finanzierten die Teilnahme an Konferenzen in Slowenien, Irland, Tschechien und eine Forschungsreise nach Russland. Diesen Institutionen bin ich zu großem Dank verpflichtet. Auch sei einigen Personen namentlich gedankt, allen voran Prof. Søren Fauth, Peter Wasmus, Prof. Gunhild Vidén, Linda Karlsson Hammarfelt, Magnus P. Ängsal, Michelle Waldispühl, Christine Fredriksson, André Menke, Prof. Christiane Andersen, Katrin Krems und vielen anderen Kollegen und Kolleginnen an der Göteborgs universitet. Auch danke ich mehr als herzlich Prof. Stefan Neuhaus und der Universität Koblenz-Landau für die Einladung zu einer Konferenz, ohne die ich Prof. Helga Arend nicht kennengelernt hätte. Ihr wiederum gebührt herzlichster Dank für die gründliche Opposition im Dezember 2017 und die Aufnahme in die Reihe Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik. Sascha Prostka, Hamburg, Oktober 2018 I Inhalt Siglenverzeichnis 1 Wegweiser 3 1: Distinguiertes Beobachten implodierter Weltlichkeit 5 1.1 Globale Grenzüberschreitungen 5 1.2 Erste Exemplifizierungen des Globalen 12 1.3 Positionierung im Forschungsfeld 14 1.4 Globalisierungsbezüge & Einordnungen 21 1.5 Inhaltliche Merkmale der Globalisierungskonzeption 23 1.6 Globalisierung fixieren: Methodische Möglichkeiten 27 Exkurs: Von historischen Dimensionen der Globalisierung & der hyperkomplexen Gesellschaft 37 Die Abgrenzung gegen die Ökonomie 37 Die Prozess- & Begriffsgeschichte der Globalisierung 39 Das Verhältnis von Globalisierung & Literatur 44 Gesellschaftsentwicklungen & Hyperkomplexität 46 Teil I: Verbindungslinien 53 2: Dilatationen in Grenzbereichen: ›Die narrative Drift‹ der Essays 55 2.1 Positionierungen zum Theater: Der Versuch, Ästhetik & Weltspiegelung zusammenzudenken 55 2.2 Beobachtungen der Bühne: Versuche zur Einheit der Differenz von Theorie & Prosa 61 2.3 Die Bühne als Weltersatz I: Innen/Außen-Differenzen 62 2.4 Die Bühne als Weltersatz II: Ein geschlossenes System? 70 2.5 Seitenwechsel: Die Eröffnung der Innenwelt gegen die Masse & den Niedergang der Außenwelt 74 2.6 Sich neu beheimaten im Angesicht der Globalisierung: Rückbindung an Vergessene(s) und Heldenverehrung 77 2.7 Weltbild-Designer, Hybridisierungen & gläserne Welten 84 II 2.8 Das Anwesenheitsparadox: Exklusion aus den Sphären bei gleichzeitiger Vernetzung 90 2.9 Die Welt als Systemganzes. Oder: Untergangsszenarien? 96 2.10 Kunst & Medien als Generatoren einer »Weltworld« 101 2.11 Der Ausweg aus der Globalität: Exitstrategien 104 2.12 Was kommt nach der »Großen Fusion«? 115 2.13 Kultur- & Heimatverluste: Politische Aussichten 127 2.14 Lähmende Unzugehörigkeit & Befreiungsschläge 148 2.15 Zwischenfazit: Engführung von Ästhetik & Weltspiegelung 161 3: Deduktionen & »Sprünge, Interdependenzen, Übergänge, Auflösungen, Reichtümer des überschwenglichen Zerfalls aller Grenzen«: Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie 163 3.1 Annäherungsversuche an eine beginnlose Form 163 3.2 Mythische Anfänge & naturwissenschaftliche Genesis 169 3.3 Sich von innen der Grenze zur Umwelt nähern. Oder: Die Wahrnehmung der Außenwelt 177 3.4 Innenwelten: Komplexe Strukturen aus Zeit, Kommunikation & künstlerischer Weltwahrnehmung 185 3.5 Netz(werk)e. Die Außenwelt ist ein Netz in der Zeit 197 3.6 Die Einheit der Differenz I: Systemtheoretische Perspektiven 207 3.7 Die Einheit der Differenz II: Kunst & Idiotie als Grenzüberwindungen 217 3.8 Zwischenfazit: Das globale Formenexperiment 223 Teil II: Grenzziehungen & Entgrenzungen 225 4: Desidentifikation & die globalisierte Gesellschaft: Wege & Umwege von Welt zu Innenwelt in Die Unbeholfenen 227 4.1 Die gemeinsame Isolation 227 4.2 Gemeinschaftsbildung: Konfrontation & Kommunikation 233 4.3 Beobachten & Systembildung 241 4.4 Festigung der Innenwelt im Verhältnis zur Außenwelt 249 4.5 Reflexionen über die globalisierte Gesellschaft 251 4.6 Die unerhörte Begebenheit: Hereinbrechen von Umwelt 276 III 4.7 Zwischenfazit: Hinter den Mauern eine eigene Welt 279 5: Digressionen & Gesellschaftsentwicklungen: Der Untenstehende auf Zehenspitzen 281 5.1 Stand der Dinge: Distinktionen, Exklusion & Weltfremde 281 5.2 Veränderungen des Menschen & Komplexitätsreduktionen durch Rückzugsräume 286 5.3 Die archivisch-zyklische Funktion literarischer & philosophischer Filterfolien 294 5.4 Von Epochenwechseln zur Globalität der Literatur 300 5.5 Versagen von Sprache & Bild? Dingwerdung im Technischen 311 5.6 Übergangssphären: Die Lage des globalen Menschen 325 5.7 Bindungen & Außenseiter: Nahperspektiven auf die globalisierte Gesellschaft: Die Zeit des untenstehenden Außenseiters 349 5.8 Zwischenfazit: Differenzen & Membranstrukturen 366 Teil III: Widerstand & Aufgabe 369 6: Dissolving characters & die Konsequenzen der Globalisierung: »Alleinsein, das die Welt wiederum in lauter Isolationen und Einzelheiten zerlegt, Detailvergrößerungen« 371 6.1 Interludium – Ein imaginäres Gespräch über die Globalisierung & das Zusammenspiel von Gesellschaftstheorie und Literatur 371 6.2 Neue Gesellschaftsformen & die Identitäten des Subjekts 374 6.3 Von Partnersuchen, ›pornografischen Chimären‹ & Intimsystemen 381 6.4 Das Intime drängt nach draußen – Deprivation & Hyperkomplexität 403 6.5 Das Komplexitätsgefälle zwischen Gesellschaft & Individuum 417 6.6 Innenperspektiven des Subjekts: Von Diskontinuitäten, Zukunftsverlust & dem Problem der Epochendiffusion 433 6.7 Auflösungen in Gesellschaft – Konterbewusstseine 454 6.8 Gesellschaftliche (Gegen-)Praktiken I: Von neuen Arbeitswelten & Schaltkreismenschen 462 IV 6.9 Gesellschaftliche (Gegen-)Praktiken II: Die Angst vor der neuen Welt, von Subkulturen & anderen Randbereichen der Gesellschaft 478 6.10 Gesellschaftliche (Gegen-)Praktiken III: Flüchtige Vernetzungen, soziale Rhythmen 481 6.11 Flüchtige Passantenwelt. Oder: Nichtvernetzung 497 6.12 Vernetzt/unvernetzt: Von Cyberwelten & Außensphären 501 6.13 Die deterritorialisierte Gegen-Gesellschaft: Kampf um Raum? 514 6.14 Weiterführendes Zwischenfazit: Das verletzte Subjekt 527 7: Diffusion: Idiotie & Wahn als Exitstrategien aus der Globalität. Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit 541 7.1 Positionen: Wer & was ist der Idiot? 541 7.2 Der idiotische Dichter, der Außenseiter & die Gegenöffentlichkeit 547 7.3 Synästhetische Sonderfunktionen & die Kapitulation vor der Technik 554 7.4 Von Narren & Idioten, Öffentlichkeit & Privatheit. Oder: Hyperkomplexität bewältigen 560 8: Schlussbetrachtungen: Der Aufstand gegen die Welt? 573 Literaturverzeichnis 581 Primärliteratur 581 Sekundärliteratur zu Botho Strauß 587 Sonstige Literatur 594 Tonträger 604 1 Siglenverzeichnis AB »Anschwellender Bocksgesang« HYP Die Hypochonder (1972) (1993) JM Der junge Mann (1984) AMA Allein mit Allen: Gedankenbuch KKD Kongreß – Die Kette der Demütigungen (2014) (1989) ASW »Der Aufstand gegen die sekun- LDT Lichter des Toren. Der Idiot und seine däre Welt. Bemerkungen zu einer Zeit (2013) Ästhetik der Anwesenheit« (1990) MDW »Das Maß der Wörtlichkeit. Über Peter AUF Der Aufstand gegen die sekundäre Stein« (1997) Welt. Aufsätze. 3. Auflage (2012) MIK Mikado (2006) B Beginnlosigkeit. Reflexionen über NA Niemand anderes (1987) Fleck und Linie (1992) NLG Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte BIB »Der Bibliothekar in der weib- (2005) lichen Hauptrolle. Rede zum OH Oniritti Höhlenbilder (2016) Lessing-Preis« (2001) PAR Das Partikular (2000) DBG Das blinde Geschehen (2011) PP Paare, Passanten (1981) DFB Die Fabeln von der Begegnung RDI »Reform der Intelligenz« (2017) (2013) RU Rumor (1980) DIS »Die Distanz ertragen. Über SCH Schändung. Nach dem ›Titus Andronicus‹ Rudolf Borchardt« (1987) von Shakespeare (2005) DK »Der Konflikt« (2006) SIG Sigé (1989) DLD »Der letzte Deutsche« (2015) SP »Spengler persönlich« DNA Die Nacht mit Alice, als Julia TDW Trilogie des Wiedersehens (1976) ums Haus schlich (2003) UAZ Der Untenstehende auf Zehenspitzen DS »Der Schlag« (2001) (2004) DU Die Unbeholfenen – VA Vom Aufenthalt (2009) Bewußtseinsnovelle (2007) VIZ »Lichter des Toren. Variationen über den ERD »Die Erde – ein Kopf« (1989) Idioten und seine Zeit« (2012) EUA Die eine und die andere (2005) VÄP Versuch, ästhetische und politische Er- FDK Die Fehler des Kopisten (1997) eignisse zusammenzudenken: Texte über GUK Groß und klein (1978) Theater, 1967-1986 (1987) HER »Herrschen und nicht beherrschen. WDL Wohnen Dämmern Lügen (1994) Stilfragen der Krise« (2008) WTE »Wollt ihr das totale Engineering?« (2000) HK Herkunft (2014) ZOV »Zeit ohne Vorboten« (1999) 3 Wegweiser »Was die Welt im Innersten zusammenhält, ist Raserei« Botho Strauß, Niemand anderes »Meistens sehe ich die Welt in verschiedenen Schattierungen von Schwarz. Und wenn mir dann was Blödes passiert, kein Problem, ich erwart’s. Wenn draußen im Postfach nur Rechnungen liegen und die Spaßgesellschaft vor der Türe steht. Am besten, ich setz mich allein in mein Zimmer und warte, dass der Sommer vergeht. Dann bin ich plötzlich der kleine Beobachter draußen am Fenster und schau zu mir rein. Winke mir zu, steht drinnen auf und bitt mich von draußen hinein. Und ich biet mir 'nen Platz an und ich setz mich hin und ich frag mich, warum ich so griesgrämig bin. Sag mir, woraus sind die Farben? Sind sie aus Licht und wo sind sie bei Nacht? Es sei doch nur, wie wir die Welt sehen, hat er gesagt und dann hab’n wir gelacht und dann hab’n wir gelacht. Und wir kommen ins Gespräch, der kleine Beobachter und ich. Wir spiel’n ich seh was nicht, was du auch nicht siehst und es steht 1 zu 0 gegen mich. Und der kleine Beobachter fragt mich, warum siehst du alles nur so grau, ich sag, das stimmt nicht, ich seh es schwarz oder doch mindestens dunkelblau. Und ich biet mir’n Bier an und ich setz mich hin und ich frag mich, warum ich so persönlichkeitsgespalten bin. Sag mir, woraus sind die Farben? … Immer positiv bleiben, sagt er als ich mich wieder beim Fluchen erwisch’. Und ich merke allmählich, der kleine Beobachter trinkt mich hier unter den Tisch. Und ich sag, ich glaube es wird Zeit, dass du gehst, denn du gehst mir auf die Nerven und deine ganzen gut gemeinten Sprüche, werden mir auch langsam zu bunt. Er geht nicht, ich sag, weißt du was, dann geh ich halt noch aus, es ist noch nicht spät. Und der kleine Beobachter sitzt auf dem Sofa und wartet, dass der Sommer vergeht.« Dota Kehr, »Der kleine Beobachter« »Draw a distinction« Geoge Spencer Brown, Laws of Form 5 1: Distinguiertes Beobachten implodierter Weltlichkeit 1.1 Globale Grenzüberschreitungen »Die Imbezillen kommen, die Raubmenschen in Horden und Heerscharen, die sich gegenseitig vom Globus schubsen, und es wird grad so sein, wie wenn mit eins am Langen Samstag es Doomsday läutet und im Kaufhaus die Auferstandenen sich auch noch ins Gedränge drücken, zu kaufen in größter Gier, die Enthaltsamen!« In dieser Phantasie einer Zombieapokalypse im plündernd-kapitalistischen Kaufrausch verbirgt sich hinter den evozierten Bildern eines Monsterangriffs (wie er sich eher in der Fantasyliteratur ereignet) ein weiterer, deutlich leiserer und zugleich verstörender Gedankenansatz: »[S]ich gegenseitig vom Globus schubsen« lässt einerseits an vom Weltenrand stürzende Sünder in frühmittelalterlichen Darstellungen denken, die, um sich einen Platz auf der Scheibe zu sichern, andere herabstürzen (lassen) und das Szenario in Barbarei umschlagen lassen. Andererseits hält dieses Bild nicht stand, weil auch das Wort Globus Verwendung findet und das angestimmte Bild der Welt als Scheibe revidiert. Es nimmt jedoch dem Schrecken, auch selbst aus der Welt fallen zu können, nicht die Wucht. Eine außer Kontrolle geratene Horde, egal ob aus Zombies oder den Mitgliedern einer konsumhungrigen westlichen Gesellschaft bestehend, droht sich in dieser nur wenige Zeilen langen Episode selbst zu kannibalisieren. Der Starke gewinnt, der Schwache verliert. Und mit dem Hereinbrechen der Horden eröffnet sich eine weitere Perspektive, die einen noch unbeteiligten Beobachter zu überrennen droht. Da ist jemand, der nicht näher beschrieben wird, der das Treiben vom Rande aus beobachtet, je nach Intensität der Attacke dem Trubel noch rechtzeitig entkommen kann und lange genug im Bild verharrt, um die gesamte Szene überblicken zu können und der in der Lage ist, die Geschehnisse in der Welt, beziehungsweise genauer: in der gesellschaftlichen Umwelt, einordnen und mit literarischen Mitteln schildern zu können. Auffallend ist zudem die angedeutete Differenz zwischen einer Innenwelt (hier: jene auf dem Globus) und einer Außenwelt (alles, was nicht mehr Globus ist), metaphorisch verstanden Hölle oder Weltraum, ein dunkles, hungriges Nichts, an das die Raubmenschen denken 6 lassen. Diese kurze Episode, in der die bekannten Verhältnisse überspitzt und pervertiert werden, stammt aus dem 1980 erschienenen Roman Rumor von Botho Strauß.1 Sie ist zugleich richtungsweisend für die vorliegende Arbeit, denn sie enthält eine Vielzahl jener Elemente und Beobachtungsansätze, die auch an anderen Stellen Strauß’ Werk prägen, in Auswahl sind dies Enthemmung, Verzweiflung, Angst, Grenzüberschreitungen, aber auch der Globus und das Globale. Die Begebenheit schneidet mit wenigen Worten einen Teil dessen an, was in den folgenden Werkanalysen unter dem Oberbegriff Globalisierungskonzeption näher untersucht wird. Bereits ein flüchtiger Blick in eine willkürliche Auswahl der Texte von Botho Strauß lässt erkennen, dass dieser Autor in den kulturellen und politischen Veränderungsprozessen der (west-)deutschen Gesellschaft, die hier vor allem auf noch näher zu erläuternde Globalisierungsaspekte hin perspektiviert werden, ein so variantenreiches wie dauerhaftes Thema gefunden hat. Strauß debütierte nach Abbruch des Studiums der Germanistik und Soziologie und einer kurzen Redakteurstätigkeit 1972 mit dem Theaterstück Die Hypochonder und zählt zu den produktivsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart.2 Literaturgeschichtlich kann Strauß den kulturund gesellschaftskritischen Autoren hinzugerechnet werden und veröffentlicht insbesondere Theaterstücke und aphoristische, minimalistische Prosatexte und nur relativ selten längere Erzähltexte; zum bisherigen Gesamtwerk gehören lediglich zwei Romane und eine Novelle. Die Literaturwissenschaft tendiert dazu, das Werk als postmodern zu charakterisieren oder sich den Kommunikationsproblemen oder spezifischen Themen wie beispielsweise einer postmodernen Poetik, der Rezeption der Naturwissenschaften oder von mythischen Stoffen zu widmen. Darüber hinaus ist Strauß ein Autor, der früh begann, die fortschreitenden Veränderungs- und 1 Botho Strauß: Rumor. S. 66. Im Folgenden werden die Primärtexte – mit wenigen Ausnahmen – mit Siglen nachgewiesen. Hervorhebungen in Zitaten aus Primärund Sekundärquellen sind, sofern nicht gesondert vermerkt, Hervorhebungen im Original. Die Theaterstücke aus den Jahren 1972 bis 2005 werden aus den vier Sammelbänden, die bei Hanser und seitenidentisch bei DTV erschienen sind, zitiert. Ein Siglenverzeichnis findet sich vor der Einleitung. Wörtliche Zitate werden mit doppelten, Paraphrasen und eigene Übersetzungen mit einfachen Anführungszeichen gekennzeichnet. An Stellen, wo es das Verständnis nicht beeinflusst, werden längere Titel von Strauß’ Texten lediglich gekürzt genannt. 2 Strauß wurde 1944 in Naumburg an der Saale geboren und lebt heute in der Uckermark und Berlin. Zu weiteren biographischen Daten siehe: Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. Und Helga Arend: Literatur Kompakt – Botho Strauß. 7 Globalisierungsprozesse literarisch zu verarbeiten. Anfangs noch ohne einen konkreten Terminus, denn erst in der Folgezeit (seit den 1990er Jahren) konnte sich Globalisierung in ihrer heutigen Ausformung und der heutigen Begrifflichkeit als Motiv oder Thema, das ebenso von Strauß prominent verarbeitet wird, in der Literatur etablieren. Seine Texte widmen sich einer veränderten Wahrnehmung von Zeit, Raum, Erinnerung und Verhaltensweisen sowie Kommunikation und greifen die erlebte Zerrissenheit auf. Die Figuren schreiben, denken, reden gegen ein gesellschaftliches oder privates Trennungsgefühl an, greifen es auf, diskutieren es mit anderen Figuren oder äußern es in den Raum der Literatur hinein. Und Einordnungsversuche werden durch die Vielseitigkeit anfangs erschwert. Aufgrund der Aussagen wird Botho Strauß häufig als kritischer Störenfried angesehen und insbesondere im Feuilleton und gelegentlich auch innerhalb der Germanistik werden Autor und Werk bisweilen gar als altmodischreaktionär bis rechts-konservativ betrachtet und der Autor löst Stellungnahmen aus anderen Wissenschafts- und Gesellschaftsbereichen wie beispielsweise der Politik aus. Die Provokation des Feuilletons fand ihren Höhepunkt 1993 mit der Veröffentlichung des Essays »Anschwellender Bocksgesang« und dem auf diese folgenden Eklat. Zeitgleich zog Strauß sich noch weiter aus der Öffentlichkeit zurück, als es zuvor bereits der Fall war. Die politische Einordnung des streitbaren Literaten ist (sofern relevant) ungleich schwerer zu vollziehen, da Strauß sich – anders als beispielsweise Günter Grass oder Juli Zeh – nicht politisch engagiert und sich auf Kommentierungen beschränkt, deren Ausbreitung und Auswirkungen er nach der Veröffentlichung nicht weiter diskursiviert.3 Problematisch ist in diesem Kontext, dass Strauß’ Konservatismusbegriff ein frühmoderner und ›ästhetisch fundamentalistischer‹4 ist und nicht mit dem alltagssprachli- 3 Vgl. zum Themenkomplex der politischen Autorschaft: Sabrina Wagner: Aufklärer der Gegenwart. Politische Autorschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts – Juli Zeh, Ilija Trojanow, Uwe Tellkamp. 4 Strauß äußert im Gespräch mit Ulrich Greiner: »ZEIT: Mit wachsendem Alter wird man konservativer, findet alles im Niedergang begriffen. Strauß: Niedergang war immer, das ist ein ständiger Topos des Geistes, seit der Antike. Das geht gar nicht anders. Letztlich ist doch die ganze Epik aus dem Gedanken entstanden: Die große Zeit liegt zurück. Ich denke nicht, dass man das konservativ nennen kann. Wir haben ja nichts, aber auch gar nichts, was wir in unserem persönlichen Lebens- und Zeitraum als besonders erhaltenswert ansehen könnten. Ich kann mit 8 chen und stark gewandelten Verständnis von konservativ erklärt werden kann.5 Michael Wiesberg nennt Strauß einen »Dichter der Gegen- Aufklärung«6 und Christoph Rauen erläutert die von Strauß eingenommene Position als Anschluss an »Stichwortgeber rechtskonservativen Denkens des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (z.B. Martin Heidegger, Carl Schmidt [sic], Ernst Jünger)«, der »Begriffe wie ›Pathos‹, ›Autorität‹, ›Tradition‹ und ›Metaphysik‹ auf[wertet]«7. Diese Form des konservativen Denkens kritisiert insbesondere den »Ausbau des Wohlfahrtsstaates« und, welches relevanter für die Rezeption von Strauß ist, die von »medientechnische[n] Neuerungen bedingte Enthierarchisierung von ›hoher‹ und ›niederer‹ Kultur zu Gleichmacherei und Verflachung«8. Andrzej Denka spricht abmildernd von »der Heterogenität der möglichen Traditionsbezüge«9, die in der Diskussion von Strauß’ Sicht auf den Konservatismus relevant sind dem Wort konservativ nichts anfangen, weil es als ein politisch vollkommen platter Begriff verhunzt ist. Ich halte es für wichtig, sich zu einem geistigen, ästhetischen Fundamentalismus zu bekennen, der weiß, wie es in einem Vers von Gunnar Ekelöf heißt, dass in jedem Augenblick ›der Schleier der Zeit‹ zerreißen kann und man vor dem nackten Beginn steht« (Greiner: »Am Rand. Wo sonst. Ein ZEIT-Gespräch mit Botho Strauß«). 5 Es reicht ein Blick auf die sich verschiebende Parteienlandschaft in westlichen Demokratieländern, in der neue, zumeist nationalkonservative Parteien gegründet werden und etablierte ihre Ausrichtung ändern. 6 Vgl. Michael Wiesberg: Botho Strauß: Dichter der Gegen-Aufklärung: »Daß mit diesem bürgerlichen Subjekt eben eine bestimmte Weltsicht verbunden war, hat vor allem der Philosoph Panajotis Kondylis aufgezeigt. Dieser sieht das ›bürgerliche Subjekt‹ ganz wesentlich durch eine Denkfigur bestimmt, die er als ›synthetischharmonisierend‹ bezeichnet hat. Nach Auffassung von Kondylis ist mit der Ablösung der ›synthetisch-harmonisierenden Denkfigur‹ auch der Niedergang und schließlich die Auflösung der bürgerlichen Denk- und Lebensform verbunden. Zu einem guten Teil reflektiert Strauß die Konsequenzen dieser Ablösung«. Wiesberg führt weiter aus, dass es Strauß »am Ende des Auflösungsprozesses, das wir heute erreicht haben, auch um eine ›Restitution des Subjekts‹ geht« (S. 38). Als problematisch kann erachtet werden, dass Wiesbergs Studie in Götz Kubitscheks Verlag Antaios erschienen ist. Kubitschek positioniert sich im Feld der so genannten Neuen Rechten. 7 Vgl. Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 104. 8 Vgl. Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 105. 9 Andrzej Denka: »Konservative Denkfiguren in der essayistischen Prosa von Peter Handke und Botho Strauß nach 1989«. S. 246. 9 und stellt fest, dass »[i]nsbesondere die Orientierungslosigkeit der frühen 90er Jahre des 20. Jahrhunderts [...] den literarischen Konservatismus beflügelt«10 hat. Bleibt also festzuhalten, dass Strauß auf konservative Vordenker rekurriert und sich auf diese Weise gegen die Gegenwart positioniert, während er die Gegenwart und die Veränderungen in ihr bespricht. Mit anderen Worten synthetisiert Strauß alte Denkansätze mit neuen Geschehnissen und konserviert auf diese Weise das Alte und versucht das Neue, das er als Entwertung durch Technisierung und Medialisierung wahrnimmt, durch Perspektivierung zu verändern und geeignete Gegenpositionen zu setzen. Dem ist hinzuzufügen, dass Strauß diesen informatorischen Entwertungsprozess, den er seit mehreren Jahrzehnten anmahnt, 2013 mit dem Begriff »Plurimi-Faktor« beschrieb und in einen neuen Kontext setzte, dessen Dimension im letzten Kapitel aufgegriffen und in Bezug zur Differenz zwischen Idiotes und Idiot gesetzt wird. Rauens Verdienst ist es, das unweigerlich auftretende Verständnisproblem in Verbindung mit den Begriffen Moderne und Konservatismus bei Strauß zu antizipieren und eine anwendbare Erklärung zu geben. Er schreibt, dass »Strauß’ weltanschaulich[e], radikalkonservativ[e] Frontstellung gegen gesellschaftliche Modernisierungsphänomene wie die Erosion traditioneller Bindungen, Massenmedialisierung, Rationalisierung«11 zu kontextualisieren ist, denn es handelt sich »um eine Kritik, nicht aber [eine] gänzliche Verwerfung der Moderne«, der wiederum eine »Wertschätzung sozialer, technologischer und wissenschaftlicher Errungenschaften der Moderne gegenüber« stehen, maßgeblich ist auch, dass die in der Rezeption von konservativen Thesen bedacht wird, dass diese Teil einer »künstlerische[n] Kommunikation« ist.12 Damit wird verankert, dass zwei Bereiche zu beachten sind und auf der künstlerisch-kommunikativen Textebene wird die literarische und kulturelle Beschäftigung mit der Zuordnung zur Moderne oder Postmoderne insbesondere durch eine stetige Reflexion über Schrift, Sprache, Überinformation, Medialisierung und Technisierung, räumliche und kulturelle Ent- 10 Andrzej Denka: »Konservative Denkfiguren«. S. 246. 11 Vgl. Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 107. 12 Vgl. Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 107. Die politische Denkweise von Strauß bleibt darüber hinaus in dieser Arbeit weitestgehend unbeachtet – einerseits aus platzökonomischen Gründen und andererseits ist es der Komplexitätsreduktion und Relevanz geschuldet, dass diese Perspektive zumeist nicht weiter beachtet wird. 10 wurzelung und Isolation unterstützt und vorangetrieben. Eine Zuordnungsdiskussion wird fortlaufend in den Analysen geführt und die Beziehungsverhältnisse zur Globalisierung herausgearbeitet. In den 1970er und 1980er Jahren widmete Strauß sich in Erzählungen wie Theorie der Drohung und Marlenes Schwester (beide 1975), Die Widmung (1977) oder in absurden Stücken wie Die Hypochonder, Trilogie des Wiedersehens (1976) oder Kalldewey, Farce (1981) den Zerfallstendenzen innerhalb menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen. In diesen Texten werden zudem gesellschaftliche Öffnungs- und Schließungsprozesse eruiert und thematisiert. Auf der gesellschaftlichen Ebene erweiterte Strauß nach dem Mauerfall und den daraus resultierenden politischen Veränderungen durch den Wegfall des Ost-West-Konfliktes seine thematische und literarische Zielrichtung auf ein globaleres Gesamtgefüge, indem er vermehrt mit kulturkritisch-konservativen Essays wie »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« (1990) oder »Anschwellender Bocksgesang« Aufsehen erregte. In den Prosatexten wie Paare, Passanten (1981), Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie (1992) oder Die Unbeholfenen (2007) nimmt er Gegenpositionen zur nun schneller voranschreitenden Gesellschaftsentwicklung oder -veränderung ein. In seinen »Denk-Erzähl-Werke[n]«13, wie Volker Hage Strauß’ genreüberschreitende Texte umschreibt, vollzieht sich die literarische und theoretische Auseinandersetzung in vielfältiger Weise und beeinflusst die Figuren- sowie Erzählungsgestaltung maßgeblich, untermauert die kommunikativen Theorien und schafft die Grundlagen für literarische und essayistische Selbst- und Weltreflexionen. Herwig Gottwald fasst die verschiedenen Elemente in Strauß’ Gesellschaftsbeschreibung wie folgt zusammen: »Strauß’ Kulturkritik besteht vor allem aus wahrnehmungs- und sexualpsychologischen, kommunikationstheoretischen, medienkritischen, mentalitätsgeschichtlichen, sprachkritischen, poetologischen, anthropologischen und politischen Beobachtungen, Analysen und Thesen. Diese sind keine wissenschaftlichen Theorien, sondern unterschiedlichen literarischen Gattungen und Aussagemodi zuzuordnen. Avantgardistische, moderne ästhetische Mittel wie Verfremdungen, Montagetechniken, innere Monologe, die Auflösung konventioneller Erzähltechniken (wie er sie z.B. in den frühen Erzählungen und Romanen wie Der junge Mann, Rumor, Marlenes Schwester, Theorie der Drohung entwickelt hat) stehen in den Prosasammlungen von 13 Volker Hage: »Das Ende vom Anfang«. 11 Paare, Passanten bis Vom Aufenthalt (2009) neben essayistischen und tagebuchartigen Reflexionen, die immer wieder in unterschiedlichen bis gegensätzlichen modalen Feldern präsentiert werden. Das erschwert einerseits die Lektüre, verhindert aber andererseits voreilige Urteile bzw. Vorurteile.«14 Mit dieser konzisen wie thematisch umfassenden Bemerkung zum Werk von Botho Strauß sind die charakteristischen Richtungen, aus denen man sich Werk und Autor annähern kann, angesprochen und für weitere Untersuchungen eröffnet. Die Aussage zur Kulturkritik trifft zu, droht jedoch zügig im Alltagsbetrieb der Akademie zu verhallen, sofern sie nicht mit Beispielen untermauert wird. Gottwald schneidet zugleich für die Untersuchung der Globalisierungskonzeption wichtige Themen und Aspekte an, die in den folgenden Kapiteln ausgebaut werden. Gerhard Stadelmaier beschreibt das Paradox Botho Strauß folgendermaßen: »Seine Stücke und Texte sind der fortgesetzte Versuch, auf den luftigen Plattformhöhen des Turmes von Babel die unstimmigsten Stimmen zu komischen Paaren zu treiben. Insofern ist Strauß auch einer der größten Verzweiflungsharmoniker, die wir haben: Seine dramatischen Partituren, in denen das zusammenklingt, was nicht zusammengehört, bilden zusammen eine einzige große klingende Komödie der deutschen Chaos-Gesellschaft. Je wirrer, abstruser, ungeheuerlicher, abseitiger aber diese Gesellschaft ihr Chaos beschwätzt, desto realistischer scheint sie von Strauß besungen. Ihre Basis aber ist die Pfütze über der dünnen Erdkruste, durch die man tief hinunterfallen oder umgekehrt: durch die tief Inneres, wie Lava Fließendes und wuchtend Sprühendes die dünne Erdoberfläche zersprengen kann. Diese Büchnersche Schreckens- und Wunderpfütze gehört ebenfalls ganz und gar zu Botho Strauß. Und das öffentliche Ärgernis, das er gelegentlich gerne gibt, der nie in Gesellschaft geht, aber dauernd in Gesellschaft wirkt, keine öffentlichen Reden hält, aber dauernd öffentlich spricht, keine Premieren besucht, aber jede seiner Premieren zum großen, lange zuvor umraunten Ereignis werden läßt, der keine Literaturpreise entgegennimmt, aber alle wichtigen Literaturpreise erhalten hat, überall dabei ist, ohne dabeizusein, dieses phantomhaft Skandalisierende der Figur Botho Strauß hat ja auch mit der Pfütze zu tun. Er geht ja einerseits über diese Pfütze ganz leicht und lässig und im besten Fall schwerelos, im schlechteren Fall kapriziös hinweg, als gehe sie 14 Herwig Gottwald: »Botho Strauß – eine kurze Einführung in Haupttendenzen seines Werks«. S. 4. 12 ihn nichts an. Und spiegelt und beguckt sich auch nicht in ihrer trüb schlierigen oder glänzend sanft gekräuselten Oberfläche (je nachdem, woher der Wind gerade weht) wie der Rest der literarischen oder theatergängerischen oder auch nur lesenden Bildungs- oder auch Unbildungsnation, die so tut, als sei dies stille Oberflächenwasser schon tief und abgründig genug.«15 Stadelmaiers Beschreibung deutet in der Wahl der Bilder an, dass Strauß gegenüber der Gesellschaft eine Haltung einnimmt, in der ein dialektisches Wechselspiel von ›luftiger Höhe‹ und ›erdiger Tiefe‹, von Nähe, An- und Abwesenheit, Distanz und gesellschaftlicher Exklusion, von Rückzug und Angriff, von Erhabenheit und Detailwahn auszumachen ist. Strauß versucht demnach in den Texten, die Brüche aufzuzeigen und zugleich zu kitten, während er außerhalb des Werkes den Abstand erhält. Das ist sein Dilemma, den Pol »Aufstand gegen die sekundäre Welt« mit jenem Pol zu vereinen, der sich am besten als »Distanz ertragen« ausdrücken lässt und der ihm den Ruf eingebracht hat, ein rechter Denker oder ein Gegen- Aufklärer zu sein.16 1.2 Erste Exemplifizierungen des Globalen Wenn nun die bisher angestellten Überlegungen auf das Werk von Botho Strauß projiziert werden und mit den eingangs besprochenen Werkmerkmalen zusammengeführt werden, fällt bei intensivierter Betrachtung auf, dass ein, wenn nicht sogar das, Hauptthema seiner Literatur die Beschreibung einer Gegenwartsgesellschaft ist, die von den globalen Veränderungen herausgefordert wird. Seien es Personenverhältnisse, Zustände, Konfrontationen oder (im Fokus dieser Arbeit) die Mechanismen und Auswirkungen der Globalisierung. Jedoch fließen die Mechanismen und Abläufe der Globalisierung in Form einer impliziten und diskursiven Globalisierungsskepsis in die Texte ein, statt explizite Analysen der Globalisierung vorzunehmen. Beinahe sämtliche Texte sind in der Gegenwart ihres Entstehens verankert, die wenigen Ausnahmen, die nicht vor einer unmittelbaren Gegenwart spielen, verfügen dennoch über Bezüge zur Gegenwart der Rezipienten und werden dadurch aus dieser Wahrnehmung heraus aktualisiert.17 Die kritische Distanz zur Öffentlichkeit bestärkt diese Entwicklung 15 Gerhard Stadelmaier: »Botho Strauß – Orpheus in der Bundesrepublik«. 16 Es handelt sich hierbei um Essay-Titel von Strauß. 17 Zu nennen sind einige der Bearbeitungen aus dem Fundus der Literatur: Ithaka. Schauspiel nach den Heimkehr-Gesängen der Odyssee (1996), Der Park (1983), Schändung 13 noch und eine Bemerkung in einem Porträt über Strauß verschafft weitere Klarheit in diesem Punkt: »Wer ist Botho Strauß? Wer ist dieser Mann, der in der Wirklichkeit jede technische Entwicklung, jede biochemische Forschungsneuheit mit größtem Interesse verfolgt und gleichzeitig in seinen Büchern sich weiter und weiter in die Vergangenheit fortschreibt. [...] Botho Strauß ist der größte Freund der Vergangenheit, der Verteidiger der Traditionen, ein Kämpfer gegen Gegenwart und Zukunft, die er jedoch, wie man es immer wieder in seinen Büchern lesen kann, so gut kennt wie kaum einer aus der großen Zahl der Gegenwarts- und Zukunftsfreunde. Das ist die große Kunst des Botho Strauß.«18 Konkreter heißt das, dass die Motivation seines Schreibens darauf basiert, gegen den Verlust der kulturellen und privaten Vergangenheit anzuschreiben, der in Die Fehler des Kopisten (1997) als entwurzelndes »Einstweh bis zur Qual« (FDK 133) wahrgenommen wird. Es scheint angesichts der Ver- änderungen hin zur Informationsgesellschaft »unmöglich, das löchrige Faß des Gewesenen mit Erinnerung zu füllen« (FDK 133), wie Strauß schreibt. Zum anderen tritt das besagte Verzagen an der Gegenwart ein, deren Ver- änderungen durch den Menschen im Licht der Vergangenheit als schwerwiegend ausgemacht und vorauseilend affirmativ hingenommen werden. Diese Zerrissenheit des Individuums in den Zeiten der Globalisierung spiegeln die folgenden drei Fundstellen aus »Wollt ihr das totale Engineering?« (2000), Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit (2013) beziehungsweise Vom Aufenthalt (2009) detailliert wider: »Das Globale ist uns längst vertrauter als das Häusliche. Im herdlosen Raum wächst nun das Fernweh nach vertrauten Verhältnissen. Wenn aber der Globus ein Dorf, dann bitte auch die Kirche darin lassen. Fortschritte machen beim Sichern der eigenen Begrenzung.« (WTE) »Ohne Weltenkenntnis fehlt's an Herdverständnis. Ohne Globus auch kein Heimatbonus. Das Globale ist ihnen näher als das Häusliche. In herdloser (2005) oder eigene Texte oder Stücke wie Jeffers-Akt I & II (1998) oder Die Hypochonder (1972), deren Handlungen zeitlich außerhalb der Gegenwart ihrer jeweiligen Entstehung positioniert sind. 18 Volker Weidermann: »Der abwesende Herr Strauß. Ein Treffen mit dem unbekanntesten Schriftsteller der deutschen Literatur«. 14 Weite entsteht dann ein Heimweh nach vertrauten Verhältnissen. Was im Überfluß zur Verfügung steht, führt zurück zu den Quellen des Bedürfens. Der allseitige Schein erregt einen Wolfshunger nach freßbarem Geist. Das Umwälzendste nach dem Ende der Revolutionsepoche ist die Erfindung der Umwälzanlage, die das Verbrauchte nicht aus der Geschichte jagt, sondern es wiederaufbereitet, reinigt und neuer Verwendung zuführt. Wenn also der Globus ein Dorf, dann auch die Kirche darin lassen!« (LDT 18) »Wen berührt schon die Idee des Untergangs – ohne persönliche Zugehörigkeit, ohne geschichtliche Stimmung? Es droht ja kein erlebter Bezirk zu verderben, sondern etwas so Heimatloses wie der Globus, den niemand lieben kann. Endzeit für Gefühlsarme, des Schauderns Entwöhnte.« (VA 269) An derartigen Passagen, die sich vielfach im Werk finden lassen, wird deutlich, dass Strauß Globus und Heimat in einem Abhängigkeitsverhältnis verhandelt und über die semantischen Dimensionen beider Größen reflektiert. Einerseits bedingt der Globus eine Heimat, andererseits erzeugt er Heimatlosigkeit als Negativfolge der Globalisierung. Die Zusammenführung zeigt auch, dass Strauß’ Sicht uneinheitlich ist, wodurch verschiedene Perspektiven eingenommen, erprobt und überdacht werden (können), zum Beispiel demonstriert die Wahl der Begriffe den Standpunkt oder -ort des Beobachters: »Heimweh« oder »Fernweh nach vertrauten Verhältnissen«, »herdlose[r] Raum« gegen »herdlos[e] Weite«. Ein betroffenes Subjekt steht im Zwiespalt zwischen einem »Sichern der eigenen Begrenzung« und der »Endzeit für Gefühlsarme«. Demnach flankieren Untergang und Revolution den Eintritt ins Globale und jede Auseinandersetzung ist laut Strauß in ihrem Kontext zu verstehen, wie er es auch in »Zeit ohne Vorboten« (1999) hervorhebt, denn »[i]n der Sprache können wir Tag für Tag weniger Welt bewältigen. Je großspuriger (›globaler‹) man redet und rechnet und denkt, um so gewisser findet die letzte Ritzung, die das Wort vermag, in einer sehr entlegenen Provinz statt« (ZOV 97, vgl. LDT 82). 1.3 Positionierung im Forschungsfeld Die vorliegende Arbeit widmet sich dem genannten Wechselspiel von Individual- und Weltperspektive und kombiniert es mit einem neuen Deutungsansatz für einen Großteil des Werkes von Botho Strauß. Die hier zu verfolgende These lautet, dass in Strauß’ Gesellschaftskritik neben den offensichtlichen Themen wie Entfremdung oder Individualisierung ein im 15 Hintergrund verborgener, rhizomatisch verbundener Globalisierungsdiskurs geführt wird, in dem die verschiedenen Einwirkungen der Globalisierung auf das Individuum geschildert und ästhetisch-literarisch verarbeitet werden. Ästhetisch ist im Fall der folgenden Analysen vor allem als Gegenbegriff zu faktisch, soziologisch oder naturwissenschaftlich zu verstehen. Ästhetisch impliziert künstlerische Freiheiten, die beispielsweise ein Soziologe oder Politikwissenschaftler nicht hat, wenn es darum geht, gesellschaftliche Phänomene und Veränderungen zu beschreiben oder zu verarbeiten. Die Tendenz zur Verbindung mit den Veränderungen der sozialen Umwelt klingt verstreut in der Forschung an, jedoch bedarf es einer näheren Untersuchung, um die Tragweite dieses Ansatzes einerseits zu ergründen und andererseits seine generelle Tragfähigkeit zu beweisen. Die bisherige Forschung wird durch den hier gesetzten Schwerpunkt auf die Diskussion der Globalisierung nicht entwertet, das Gegenteil ist der Fall, denn es besteht vielmehr die Absicht, eine Ergänzung und Bereicherung des Forschungsdialoges zu fördern. Die umfassende Herausarbeitung der so genannten Globalisierungskonzeption systematisiert die unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit Globalisierung und arbeitet in den Analysen die Funktion von Globalisierung in den Reflexionen der Figuren oder in der eingenommenen Sicht auf Zeit, Raum oder Gesellschaft heraus. Das übergeordnete Vorhaben dieser Arbeit ist es, die direkten und indirekten Bezugnahmen auf die Globalisierung, adaptierte Globalisierungsprozesse und Globalisierungskonsequenzen in den Texten von Botho Strauß zu beobachten und zu beschreiben und diese Ergebnisse in einen größeren Kontext zu stellen. 1975 rezensiert Günter Blöcker Strauß’ frühe Dramen und Prosatexte unter der Überschrift »Innenweltspiele« und sieht in diesen eine »Krise der Identität« und eine »Grenzerweiterung, die sich – je nach Standort – ebenso gut als kosmisches wie als soziales Ereignis interpretieren läßt«19, thematisiert werden und bereits zu diesem äußerst frühen Zeitpunkt »den Eindruck der Diskontinuität«20 vermitteln. Der Begriff »Innenweltspiele« konkretisiert zugleich die Einstellung in der Frühphase, dass die Texte insbesondere die Innenwelten der Protagonisten aufgreifen und verarbeiten und dass die Außenwelt wenig bis gar keine Beachtung erfährt. In Walter Rügerts Studie Die Vermessung des Innenraumes. Zur Prosa von Botho Strauß (1991) werden die Prosatexte der 1970er und 1980er Jahre (Marlenes Schwester, Die 19 Günter Blöcker: »Innenweltspiele. Botho Strauß als Erzähler«. S. 682. 20 Günter Blöcker: »Innenweltspiele. Botho Strauß als Erzähler«. S. 682. 16 Widmung, Theorie der Drohung, Paare, Passanten, Rumor und Der junge Mann) untersucht und Rügert arbeitet in ihnen die Hinwendung zum Inneren der Protagonisten sowie ihre Individualisierung heraus und perspektiviert lediglich im vorletzten Kapitel seine Ergebnisse kursorisch zur Außenwelt. Herbert Grieshop unternimmt in Rhetorik des Augenblicks: Studien zu Thomas Bernhard, Heiner Müller, Peter Handke und Botho Strauß (1998) eine Untersuchung der Augenblickswahrnehmung und -schilderung in Werken dieser Autoren, er greift insbesondere die Fragmentierung und die unterschiedlichen Dimensionen der Wahrnehmung und Undeutlichkeit auf, die er in Strauß’ Fall mit den Texten Schlußchor und Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie exemplifiziert, das heißt in Texten, die in zeitlicher Nähe des Mauerfalls veröffentlicht wurden. Der Kulturjournalist Thomas Assheuer hält in Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß aus dem Jahr 2014 lediglich an einer Stelle, die den Essay »Anschwellender Bocksgesang« aus dem Jahr 1993 behandelt, fest, dass »man anführen könnte, Strauß nehme in seinem Essay unbewusst und gleichsam unterhalb der eigenen Begrifflichkeit die Konflikte einer globalisierten Moderne vorweg«21. Dass Assheuer das Themenfeld Globalisierung ausblendet, bedeutet jedoch nur, dass die explizite Zuweisung nicht in seinem Fokusbereich liegt, obgleich er vielfache tatsächliche und negierte Weltbezüge und Weltschilderungen bei Strauß ausmacht. Eine übergeordnete Rahmung oder Zuweisung bleibt aus, was unter anderem daran liegt, dass die Welt in der Darstellung als relativ gesehen stabile Gegensphäre zum Subjekt aufgefasst wird, wodurch Kontingenz und Komplexität reduziert werden: »Um die futuristische Welt der übermoderne symbolisch zu schließen und zu verhindern, dass darin – wie in der verachteten Aufklärungsmoderne – ein eigenständiger Raum von Autonomie und Kritik entsteht, nimmt Strauß das reflektierte Ich aus dem Spiel«22. Assheuer erkennt, dass Kommunikation insbesondere im Frühwerk eine maßgebliche Methode der Welterzeugung darstellt. Sprache »verleiht dem frühen Werk sein melancholisches Timbre, entwirft eine Welt, die nur aus Kommunikationen besteht und doch sprachlicher Erschließung nicht mehr zugänglich ist«23. Ein Blick in die Dramen nach 2000 offenbart, dass Strauß sich von diesem Prinzip nicht weit entfernt hat, dass allerdings die Schilderung der 21 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. S. 209. 22 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. S. 240. 23 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. S. 8. 17 veränderten Welt nun als zusätzliche Ebene in die Dialoge einzieht. Dirk Michael Becker widmet sich in Botho Strauß: Dissipation (2004) der, wie es im Untertitel heißt, Auflösung von Wort und Objekt. Die Stichworte Globus und Welt finden sich zuvorderst in von Becker aufgegriffenen beziehungsweise zitierten Passagen wiedergegeben, ohne dass Becker diese Termini explizit kommentiert; allerdings findet eine Perspektivierung der herangezogenen Texte der 1980er und 1990er Jahre zur gesellschaftlichen Ausdifferenzierung statt. Beckers Ansatz besteht in dem Versuch, die (nicht nur theoretische) Dezentralisierung der Themen in Strauß’ Autorschaft über sprachliche Veränderungen nachzuweisen. In der Forschung zu Botho Strauß kondensiert sich ab dem Jahr 2000 allmählich, wie dieser kurze Überblick andeutet, eine Hinwendung zur Diskussion der Außenweltbezüge. Neutral festgehalten entwickeln sich Werk und Werkbetrachtung parallel. Becker sieht die Grenzen verwischen und Franziska Regner legt in 2008 mit »Horchendes Verlauten«. Globale Resonanzräume in den Prosatexten von Botho Strauß eine Dissertation vor, die sich im Umfeld der oben stehenden Beiträge positioniert und erstmals globale Zusammenhänge im Titel andeutet. Regner widmet sich jedoch vorrangig dem kommunikativen Versagen und Subjekt-Objekt-Welt-Konstellationen, indem sie eine breit angelegte Globalperspektive (und eben nicht Globalisierungsperspektive) einnimmt, die sich insbesondere auf die Zwischenräume in jenen Prosatexten konzentriert, die sich aus Episoden, Fragmenten und Aphorismen zusammensetzen. Regner nimmt als erstes die Existenz eines – wenn auch statischen – Globalbegriffs als Bestandteil der Prosatexte bei Strauß wahr und versteht diesen als Bezugnahme auf eine Welt, in der »globale Verständigung und globale[r] Handel« vorherrschen, »[g]leichzeitig erweisen sie sich in ihrer hybriden Form als vielschichtige Texturen, die sich von der phänomenalen Gegenwart abwenden und Zuflucht in den Traditionen der abendländischen ›Hochkultur‹ suchen«24. Regners Fokus liegt auf den Leerräumen und Vernetzungen zwischen den Fragmenten, während die vorliegende Arbeit die Spiegelung und ästhetische Verarbeitung der Globalisierung innerhalb der Textaussagen in den Blick nimmt. Es handelt sich somit um unterschiedliche Herangehensweisen und Fragen, denen die Texte von Botho Strauß aus der Sicht der Globalisierungsdiskussion unterworfen werden. Helga Arend konzentriert sich in Mythischer Realismus: Botho Strauß' Werk von 1963 bis 1994 (2009) auf die 24 Franziska Regner: »Horchendes Verlauten«. Globale Resonanzräume in den Prosatexten von Botho Strauß. S. 8. 18 Herausarbeitung des mythischen Fundamentes bei Strauß, aber konstatiert bereits zu Beginn, dass Strauß seine Wahrnehmung der Realität beziehungsweise der Außenwelt dahingehend verändert, dass er Außenwelt und die so genannte »sekundäre Welt« als getrennte Entitäten auffasst. Es handelt sich laut Arend um einen Gegensatz zwischen einer »tieferen Realität«25 der Kunst und der ›sekundären Welt des Medialen und des Sprachverlustes‹26. In den Texten zeigt sich diese Diskrepanz darin, dass »das Individuum immer mehr auf seine Innenwelt zurückgeworfen [wird], dass Innenwelt und Außenwelt als zwei Welten einander gegenüber stehen, die nicht mehr miteinander in Einklang gebracht werden können«27. Andrzej Denkas Studie Skandal oder Engagement? (2013) sieht in einigen Texten, hierunter dem Essay »Zeit ohne Vorboten«, Verbindungen zur weltweiten Vernetzung und sieht das Internet als »eine Metapher der Globalität«28. Denka macht in Strauß’ Werk weitere essayistische Texte aus, die konkret »zivilisatorische Probleme der Globalisierung-Epoche«29 [sic] verhandeln, ohne im Detail auf diese oder ihre Spiegelung einzugehen. Die vorliegende Arbeit greift Denkas systemtheoretisches Fundament auf, um werkinterne Strukturen und Umweltbezüge herauszuarbeiten, wenngleich sich die Durchführungen im Detail unterscheiden, da Denka vor allem auf die kommunikativen Vorgänge unter den Stichworten Skandal und Engagement in und außerhalb der Texte von Strauß und Peter Handke eingeht. Als Folgeüberlegung zu diesem kursorischen Überblick bleibt festzuhalten, dass die Verbindungen von Werk und Gesellschaftsgrenzen nicht ausführlich als die primären und konstruktiven Reizfaktoren erkannt und verbalisiert werden. Das Vorhandensein einer ästhetisch-literarischen Verarbeitung der Globalisierung bei Strauß wurde bisher, wie soeben gezeigt, mit Ausnahme von Regners Darstellung, nur als rudimentärer Nebenaspekt untersucht. Für weite Teile anderer Strauß-Kommentare, die ebenfalls von 25 Helga Arend: Mythischer Realismus: Botho Strauß' Werk von 1963 bis 1994. S. 4. 26 Vgl. Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 184. 27 Helga Arend: Mythischer Realismus. Arend verweist an dieser Stelle darauf, dass darin »ein erkenntnistheoretisches Kernproblem, das Parallelen hat mit dem Denken der Romantiker und der Literatur des Fin de siecle« aufweist, liegt (S. 220). Insbesondere die Diskussion der Bezugnahmen auf frühmoderne Literatur wird dies weiter ausführen. 28 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement? Eine systemtheoretische Untersuchung zu Peter Handke und Botho Strauß nach 1989. S. 288. 29 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement?. S. 165. 19 Innenwelten, Grenzen und Auflösung sprechen, gilt ebenfalls, dass diese Aspekte nicht auf die gesellschaftlichen Veränderungen im Zeitalter der Globalisierung und Globalität zurückgeführt werden. Die initiale Beobachtung, dass Strauß auf fruchtbare Weise Auflösungen, Grenzannäherungen, Grenzziehungen diskutiert, die in einem Zusammenhang mit der Globalisierung stehen, bildet die Grundannahme dieser Arbeit. Und es gilt darüber hinaus zu unterscheiden, ob derartige Veränderungen die inhaltliche oder die formelle Ausgestaltung von Strauß’ Texten betreffen. Es wird ein Analysezugang geschaffen, aus dem heraus dafür argumentiert wird, dass Botho Strauß subtile – und manchmal mit grellplakativen Ausnahmen – aber dennoch deutlich erkennbar eine Auseinandersetzung mit der Globalisierung in die Texte einwebt. Die Breite der Globalisierungskonzeption legt es nahe, sie in drei übergeordneten Themenkomplexen zu erkunden und die verschiedenen Aspekte aufzuschlüsseln. Aus diesem Grund wurde ein dreiteiliger Aufbau für die vorliegende Studie gewählt. Teil I wird eingeleitet von einem Kapitel über Strauß’ Essayistik, das Zeit- und Inhaltslinien nachzeichnet und so zeigt, dass die frühe Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Veränderungen bereits eine Form der Globalisierungsdiskussion darstellt, lange bevor Globalisierung zu einem Schlagwort wird. Das zweite Kapitel widmet sich dem Fragmenttext Beginnlosigkeit und beschreibt unter anderem Strauß’ Zeitverständnis, indem es sich dem Fleck und der Linie aus verschiedenen Richtungen nähert. Betrachtungen zur Bedeutung der Grenze ergänzen das Kapitel. Teil II besteht aus dem dritten und vierten Kapitel, von denen das erste sich auf Strauß’ Novelle Die Unbeholfenen konzentriert und die Tragweite und Bedeutung privater Isolation angesichts einer überkomplexen Gegenwart analysiert. Das vierte Kapitel befasst sich von einer Analyse von Der Untenstehende auf Zehenspitzen ausgehend mit den Gefühlen der Weltfremdheit, tatsächlichen oder wahrgenommenen Epochenwechseln und Übergangssphären. Teil III beginnt mit einer umfassenden Analyse zu den Konsequenzen der Globalisierung auf dem Individualniveau. Es zeichnet ähnlich wie das erste Kapitel Inhaltslinien nach. Eine kurze Betrachtung zur Weltfluchtoption durch Idiotie, vor allem in Lichter des Toren, schließt die Untersuchung der literarisch-ästhetischen Verarbeitung der Globalisierung ab. Bereits jetzt lässt sich feststellen, dass das Themenfeld Globalisierung über ihre literarisch-ästhetische Verarbeitung abgesteckt wird. Anhand textnaher Analysen werden eine neue Lesart und ein neues Erklärungsmodell für 20 große Teile des Strauß’schen Werkes etabliert, die zudem zeigen, dass die von Strauß geschilderten gesellschaftlichen Verfallstendenzen in vielen Fällen auf die Globalisierung zurückzuführen sind und dass seine ästhetisierte Auseinandersetzung mit der Globalisierung und vor allem ihren Konsequenzen für die Individuen in der westlichen Gesellschaft das Gesamtwerk als Inhaltslinie durchzieht. Die Kritik an den Auswirkungen der Globalisierung findet häufig im Subtext statt und lässt sich nicht allein an der Quantität des Wortes Welt oder ähnlichen Begriffen wie Globus oder Globalität festmachen, weil sie auf verschiedenen Ebenen verläuft. Neben den offensichtlicheren Verweisen auf den Zustand der Welt gibt es eine weitere Form der Globalisierungsdiskussion bei Strauß, die nicht auf den ersten Blick als Gegenstand der Globalisierung zu erkennen ist. Grenzziehungen, Herantasten an Innen- oder Außenwelten, Rückzüge in die Innenwelt und dergleichen lassen sich ebenfalls als Verarbeitung von Globalisierung interpretieren, weil in diesen Situationen globalisierende Mechanismen oder Prozesse ablaufen. Übergeordnet ließen sich diese Vorgänge vielleicht, um einen Terminus einzuführen, als metaphorische oder metaphorisierte Globalisierung bezeichnen. Ein Beispiel soll diese Spreizung verdeutlichen; in seinem Prosaband Die Fehler des Kopisten schreibt Strauß: »Wenn ich mit Menschen verkehre, steht die Zeit kopf. Wende ich mich ab, so liegt sie träge und üppig, unschlüssig, sogar ein wenig lasziv über den Hängen. Nur mit den Vögeln vorm Fenster, den Balken über dem Kopf höre ich nichts als leere Zimmer und das leise Brummen von Adaptern, die Ladegeräusche einiger elektronischer Geräte, Anschluß der stillen Warte an die heftige Welt.« (FDK 8) An dieser Stelle thematisiert Strauß Zeit als sehr variabel erlebte Größe, mal rasch, mal »unschlüssig«, dann plötzlich Stille, ›gehörte Leere‹ als Ästhetisierung dessen, was nicht greifbar ist, dann doch ein Brummen und folglich keine Stille mehr. Strauß spielt mit den Eindrücken, schärft die Sinne nach und benennt die Unterschiede zur vorherigen Sekunde, lauscht in das Zimmer hinein, nimmt die atmosphärische Gestimmtheit des Raumes wahr, konfrontiert Natur und Technik, um wie zufällig die Kette der Beobachtungen »an die heftige Welt« zu binden, die im Anschluss nicht näher beschrieben wird. Solche kreisenden, taumelnden, gelegentlich ziellos erscheinenden Bewegungen ereignen sich immer wieder und färben und formen den Strauß’schen Schwebestil (im Übrigen nicht nur der Prosa). Idyllisches wird unvermittelt gebrochen, invertiert oder sogar perver- 21 tiert. Es sind solche Episoden und Fragmente, in denen häufig und nicht zwangsläufig explizit ausformulierte Globalisierungsverweise auszumachen sind, wenn Bilder einer veränderten Welt kurz als eigentümlich schreckliche Gegenwelt aufblitzen. 1.4 Globalisierungsbezüge & Einordnungen Angesichts der Deutlichkeit von Strauß’ Verarbeitung von Globalisierung liegt es nahe, dass eine äußerst selektive Einordnung in das Spektrum der literarischen Postmoderne, wie sie teils in den letzten Dekaden vorgenommen wurde, nicht mehr zweckmäßig ist, vor allem weil Strauß’ Œuvre einerseits die Veränderungen der Welt bespricht und andererseits den Übergang in die nächste Gesellschaftsform antizipiert, obgleich der Autor diesen Übergang mehr als zwiespältig aufnimmt. Diese Nähe resultiert in einer diffusen Gemengelage, denn die angesprochenen Themen können sowohl dem Diskurs der Postmoderne als auch der Debatte über die Globalisierung zugerechnet werden können, Bernadetta Matuszak-Loose äu- ßert in diesem Zusammenhang sogar, dass »Globalisierung, Moderne, Postmoderne [...] nur relationale Begriffe eben der unterschiedlichen zeitlichen Verhaftung des Menschen in Realität und Phantasie«30 sind. Trennende Unterscheidungen sind somit zwingend notwendig. Aus diesem Grund werden die Spannungsverhältnisse zwischen der Globalisierung und den verschiedenen Formen der Postmoderne (literarisch vs. sozialgeschichtlich) in den jeweiligen Analysen näher betrachtet. Eventuelle Verständnisprobleme entstehen auch daraus, dass Strauß ein Anhänger der romantischen und frühmodernen Literatur ist, was sich unter anderem durch eine fortlaufende und zyklische Gegenüberstellung der Ideen und Weltanschauungen der Texte von beispielsweise Georg Büchner, Rudolf Borchardt, Oswald Spengler, Ernst Jünger mit der Gegenwart abzeichnet und dass er diese auf die Gegenwartsverhältnisse überträgt. Strauß bewertet diese als kulturelles Archiv, das für die Deutung der Gegenwart herangezogen und selektiv interpretiert wird und das dazu beiträgt, Erzählformen jenseits chronologischer Ketten zu finden. Die Herausarbeitung der Globalisierungskonzeption in Strauß’ Werk offenbart unter anderem, dass die Thematisierung gesellschaftlicher Veränderungen grundlegend nicht als ausschließliche Kritik dieser zu verstehen ist, 30 Bernadetta Matuszak-Loose: »Die Angst vor der Moderne. Literatur als virtuelle Evaluierung sozialer Umbrüche und Krisenphänomene«. S. 63f. 22 sondern sich vielmehr mit der stetig fortschreitenden Globalisierung auseinandersetzt und ihre Prozesse und Auswirkungen literarisch verarbeitet. Jene Veränderung, die als Gesellschaftsentwicklung und Bruch zwischen erster und zweiter Moderne wahrgenommen wird, ist letztlich die Übergangsphase zwischen Moderne und Globalität. Strauß beobachtet und beschreibt Gesellschaft und ihre Veränderungen sowohl in essayistischen Betrachtungen als auch den Dramen und Prosatexten, indem er beispielsweise die konkreten Veränderungen der Gesellschaft durch die Technisierung oder Epochenübergänge heranzieht. In anderen Konstellationen verarbeitet Strauß die Veränderungen der Gegenwart, ohne diese explizit an literarische Vorbilder zu knüpfen. Das Verfahren ist mit anderen Worten vielseitig und erschwert dadurch eine eindeutige Zuweisung des Autors. In der Literatur wird ersichtlich, dass eine Vielzahl der Erzähler oder Figuren bereits derart von den gesellschaftlichen Veränderungen der Welt beeinflusst ist, dass sie zum Beispiel nicht mehr in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren (dies trifft vor allem auf die Dramen zu), nur noch vom Digitalen bedroht dahinvegetieren oder Angriffe auf ihre Grenzen erleben. Andere Figuren indes bemerken die Entwicklung und setzen sich gegen die in ihre Innenwelten eindringende Globalisierung zur Wehr. Das Erleben einer diffusen, opaken, indifferenten (Um-)Welt prägt ihr Sinnieren, Denken und Handeln, was insbesondere das vorletzte Kapitel zu den Konsequenzen der Globalisierung ausarbeiten wird. Strauß verarbeitet Globalisierung auf verschiedenen Ebenen – einerseits als Beschreibungen der veränderten Welt und andererseits durch Beschreibungen von Auflösungsprozessen innerhalb der Figuren und ihrer sozialen Kontexte. Der Terminus Globalisierung ist aus diesem Grund nicht ausschließlich an Weltbezüge gebunden. Bei der Globalisierung von Individuen könnte aus Gründen der Differenzierung sogar von einer metaphorischen Globalisierung gesprochen werden. Um die kommunikative Unfähigkeit seiner Figuren und die gesellschaftlichen Veränderungen freizulegen, arbeitet Strauß in den Dramen, Prosatexten und Essays mit Genre Hybridität und Intertextualität, fragmentarischem Erzählen und szenischer Freiheit. Stilverschiebungen, Genrevermischungen, Metafiktionen sowie Zitate und Anspielungen verrücken oder zerstören etablierte Grenzen zugunsten neuer Sinnzusammenhänge und machen verschiedene Genre einander zugänglich. Es handelt sich hierbei um Darstellungsweisen, die typisch für den Stil der literarischen Postmoderne sind und die sich zugleich kritisch mit den poetologischen Bedingungen auseinandersetzen. 23 1.5 Inhaltliche Merkmale der Globalisierungskonzeption Die Globalisierungskonzeption greift jene Beschreibungen und Diskussionen der stattfindenden gesellschaftlichen Globalisierungsbedingungen, -prozesse sowie -auswirkungen auf, die im medial-öffentlichen Globalisierungsdiskurs oftmals unterrepräsentierte Merkmale der Globalisierung sind; aus diesem Grund folgen im Anschluss an die einleitenden Überlegungen vier kurze Abrisse zur Abgrenzung gegen das Ökonomische, zur Begriffsgeschichte der Globalisierung, zum Verhältnis von Globalisierung und Literatur im Allgemeinen sowie eine Besprechung der Veränderungen hin zur hyperkomplexen Gesellschaft. Sie sollen für die Analysen relevante Aspekte vorbereiten und bilden in gewisser Weise das gedankliche Fundament für die Annäherung an Strauß’ werkübergreifende Auseinandersetzung mit den zuvor angesprochenen Themen der Globalisierung. Mit anderen Worten handelt es sich um eine übergeordnete Herangehensweise an sowohl konkrete als auch abstrakte Verarbeitungen von Globalisierung, zum Beispiel anhand von Grenzen, Grenzübertritten oder Grenzauflösungen, durch Fragmentierung oder Vernetzungen sowie durch sich auflösende Kommunikationen oder Figuren. Vor allem durch ein fragmentarisches Erzählen gelingt es Strauß, eine Netzstruktur fast aller Texte zu erzeugen. Es kreuzen sich Inhaltslinien und Motive. Erzählungen und Aphorismen tauchen in ähnlicher oder beinahe gleich lautender Form Jahre später erneut auf und so scheint die Antwort auf die Frage, »[o]b er manchmal in seinen alten Büchern lese« nur mit Ironie erklärbar zu sein. »Er sagt nein, denn er schreibe ja im Grunde immer am selben Buch. Die neuen seien nur Verbesserungsversuche der schon geschriebenen. Der hinter ihm liegenden«31. Strauß’ sphärisches Schreiben erinnert insofern auch an jene sphärische und freie Erzählweise, die Thomas Düllo »die narrative Drift«32 nennt. Ein bewusstes Abschweifen in die Randbereiche der Erzählung, der Sprache, des Erzählens im Allgemeinen. Das ist die Methode des »fleißige[n] Adnoten-Schreiber[s], der Menschen, Büchern, Zeitgeschehen, Bäumen sein Zeilchen anhängt, der Untenstehende auf Zehenspitzen, der über Mauern in fremde Gärten späht, der leise Immerverirrte, der nur auf Umwegen und Randpfaden sich fortbewegen kann, blödsinnig streunt in 31 Volker Weidermann: »Der abwesende Herr Strauß. Ein Treffen mit dem unbekanntesten Schriftsteller der deutschen Literatur«. 32 Thomas Düllo: Abwegen und Abschweifen: Versuch über die narrative Drift. 24 fremden Städten, auf Reisen allein, nichts sehend in Bordeaux oder Madrid, herumläuft bis zum Umfallen, bis eine Farbe, ein unverhofftes Sepia nach kurzer Berührung mit einem Fremden das ganze Gesicht überschwemmt …« (UAZ 99) Dieser driftenden, forschenden und forcierenden Erzählweise stellt sich die vorliegende Arbeit gegenüber und will die Fundstellen zur literarisch- ästhetischen Verarbeitung von Globalisierung bündeln und ihre Aussagen herausarbeiten. Wie Düllo erläutert, beruht die Poetologie des Driftens auf dem Problem der Ununterscheidbarkeit und in diesem Sinne auch auf der Überkomplexität der Moderne: »Wenn also die Welt alles ist, was der Fall ist, dann muss man alles erzählen. Die totale Tatsache. Die ganze Vielheit. Das komplette Verknüpfungsensemble. Nicht Bedeutungen also (zumindest nicht in hermeneutischer Tiefe), keine Ordnung der Dinge (zumindest keine natürliche, metaphysische oder ideologische Vor-Ordnung), kein Plot (zumindest nicht im vertrauten Sinn), sondern Bewegungen und Abweichungen, die die Vielheit und ihre Beziehbarkeit zeigen, ähnlich und divers zugleich. Erzählen bedeutet auch, Schnitte zu machen (nicht nur im Film). Schnitte ins Kontinuum. Erzählen heißt, stopp zu sagen, zu unterbrechen, neu anzufangen, andere Geschichten, aber auch Diskurse mit dem Erzählten zu koppeln. Die Antwort auf die Herausforderung des Clinamen, der abgelenkten Bewegungen, und auf die Herausforderung der Vielheitserfahrung lautet: narratives Driften und so etwas wie archivisches Erzählen.«33 Die Drift – ein scheinbar loses Aneinandereihen und Erzählen der Vielheit, das Abgleiten und Abschweifen – prägt Strauß’ Stil und den Aufbau der Dramen und Prosatexte, die wie oben angedeutet von der Abwesenheit eines Narrativs gezeichnet sind. Analog lässt sich die Drift ebenso mit den essayistischen, fließenden »Denk-Erzähl-Werke[n]« (Volker Hage) verbinden. Düllo führt die Bedeutung der Drift (an der Frage der Spannung) weiter aus und seine Überlegungen zur Drift können ohne große Umschweife auf die zu untersuchenden Texte von Botho Strauß übertragen werden: »Denn zunächst drängt sich der Verdacht auf, ob diese Art zu erzählen, nicht grottenlangweilig sei. Und die monströsen Romane [...] haben [...] so ihre Längen. Aber sie sind mitnichten langweilig. Deshalb liest sie auch der 33 Thomas Düllo: Abwegen und Abschweifen. S. 12. 25 Filmemacher Lars von Trier: ›Mich inspirieren Dostojewski, Proust und Mann, weil mir an ihren Büchern auffällt, was mir an Filmen zunehmend fehlt. Ein großer Roman entfernt sich immer wieder weit von seiner Storyline und kehrt nur gelegentlich zu ihr zurück. In Filmen sind Umwege heutzutage fast verboten. Sie sollen effizient sein und werden dadurch extrem langweilig. Wen interessiert es, ob der Butler es getan hat oder nicht? Die Umwege sind doch viel interessanter.‹ Man kann folglich sagen: der Plot wird überschätzt.«34 Auch der »Adnoten-Schreiber« (UAZ 99) Strauß geht diese Umwege und stellt sich den Veränderungen der Gegenwart, wie er in Der Untenstehende auf Zehenspitzen (2004) schreibt – »Vor dem undeutlich Neuen und beim endgültigen Abschied sind anzeigende Vorgänge und Zwischenfälle bedeutsamer als zeitdiagnostische Stenogramme« (UAZ 73) – und vermag es, diese Stenogramme und den Finger in der Wunde zu vereinen. Strauß’ Literatur will Zeitdiagnosen wagen, und so gibt dem Leser das, »[w]as geschieht, ohne sich zu fügen, und doch zusammenhängend, [...] weitaus mehr zu verstehen, als zum gleichen Zeitpunkt politische oder sozialkritische Befunde erwischen können« (UAZ 73). Die Texte treten vor den Autor Strauß: »Auch sind es nicht mehr Subjekte, ›Autoren‹, die etwas früher und empfindlicher erfahren als andere, sondern die Gebilde selbst, Ereignisse samt ihren Reaktionen, Stimmungen und Übereinstimmungen, erzählen und deuten die Zeit. Freilich kennen sie nur Gegenwartsschichten und Zukunftswitterung. Ein Vergangenheitsorgan besitzen sie nicht, oder es ist verstümmelt und verwachsen.« (UAZ 73) Angedeutet sind damit auch die grundlegende Skepsis, Traurigkeit und der Verdruss der Texte, die aus der Erkenntnis der unaufhaltbaren Veränderung entwachsen. Die Globalisierung dient Strauß (neben anderen) als eines der verbindenden Themen und ihr zu folgen, führt auf die vom Autor gegangenen Umwege, die trotz aller Wirrungen immer wieder zum Grundmotiv des jeweiligen Textes zurückführen. Die Benennung der Analysekapitel versucht, diese Bewegung aufzugreifen und ihr gerecht zu werden. Die Kritikerin Iris Radisch bringt Strauß’ Ansatz auf den Punkt und positioniert den Autor literatur- und sozialgeschichtlich: 34 Thomas Düllo: Abwegen und Abschweifen. S. 12f. 26 »Die Minima Moralia, an der Strauß seit Jahren in vielen Fortsetzungen schreibt, ist kein Weltrettungsunternehmen […]. Das Endlosbuch des Botho Strauß ist Untergangsmusik, Klage, Leiden an der Gegenwart, Verklärung einer unbefleckten Vergangenheit, wie sie von Walther von der Vogelweide über Hölderlin bis Handke zum Sonderweg deutscher Literatur geworden ist.«35 Die Stellungnahme zur gesellschaftlichen Umwelt verändert sich Laufe der Jahrzehnte und es ist notwendig hervorzuheben, dass die »Untergangsmusik« nur in Verbindung mit dem »Weltrettungsunternehmen« funktioniert. Die Literatur von Botho Strauß benötigt Welt als Gegenpol. Und nicht nur aus Sicht der zitierten Feuilleton-Stimmen ist zu unterscheiden, wer sich in den Texten äußert. Führt ein Erzähler das Wort oder ist es eine authentische Aussage des Menschen Botho Strauß? Trotz der angesprochenen Zurückhaltung findet eine Selbstinszenierung statt. Es wird daher an vielen Stellen von einer Exklusion der Figuren und gelegentlich auch von einer Exklusion des Autors Strauß gesprochen werden, der sich auf ähnliche Weise der Gesellschaft entzieht. Diese Vermischung lässt sich, so fahrlässig sie mitunter erscheinen mag, bei Strauß nicht vermeiden. Vor allem die Essayistik, der das erste Kapitel gewidmet ist, weist flexible und zeitweise transparente Grenzen zwischen einer literarischen Erzählstimme und dem Autor Strauß auf, der vorgibt, authentisch zu sprechen. Indem eine Großperspektive auf weite Teile des Werkes appliziert wird, wird deutlich, dass einige literarische Texte sehr viel von der Person des Autors preisgeben, ohne ein autobiographischer Schlüssel zu sein, auch wenn eindeutige biographische Situationen bis hin zu Namen von Orten oder Straßen, in denen Strauß wohnte, in den Texten erwähnt werden. Zu verstehen sind diese realen Referenzen als eine persönliche Offenheit, die das Werk durchzieht und innere Bezüge zwischen den Texten über Genregrenzen hinweg erzeugt, aber sie kann keineswegs als konkrete Identifizierung oder Selbstoffenbarung gelten. Das Werk prägt ein gemeinsamer Stil und vor allem eine übereinstimmende Weltsicht hinter den Texten. Jene Weltsicht spricht für sich und ihre Stringenz ist überraschend deutlich, wie die Präperation der Globalisierungskonzeption aus dem Werkkorpus zeigen wird. Ein solches Vorgehen benötigt zur Bestätigung, wie die Analysen zeigen, nicht zwingend belegende Aussagen zur globalisierten Gegenwartsgesellschaft aus Talkshowinterviews oder Radiogesprächen mit dem Menschen Botho 35 Iris Radisch: »Der große Kommentator«. 27 Strauß, auch wenn in langen Intervallen stark gefilterte Zeitungsportraits publiziert werden.36 1.6 Globalisierung fixieren: Methodische Möglichkeiten Weil Globalisierung unter anderem räumliche und soziale Verzweigung, Erweiterung und Vergrößerung bedeutet, registriert der Mensch in der modernen Gesellschaft jeden Tag und weit stärker als in früheren Zeiten eine Spaltung zwischen seiner Innenwelt und der gesellschaftlichen Au- ßenwelt. Wahrgenommen wird häufig auch eine gewisse Fragmentierung der Gesellschaft in Gegensätze, die selbstverständlich nicht dafür steht, dass der einzelne Mensch den Anschluss an die Menschen in seinem Nahbereich verliert. Vielmehr handelt es sich um eine erlebte Schwierigkeit, sich gegen oder für manche der Entwicklungen in der Gesellschaft zu positionieren. Zu viele Wahlmöglichkeiten und Folgen von Folgen wirken auf das Individuum als gefühlte Orientierungslosigkeit und Grenzauflösungen – nach Odo Marquard Überdeterminierung – ein. Im Zuge der Textlektüre (und auch durch eigene Gesellschaftsbeobachtungen) wird deutlich, dass die erlebte Trennung eher als eine Distinktion zwischen einem Innen und Außen gesehen werden sollte. Es existiert folglich eine Grenze zwischen Individuum und dem, was das Individuum umgibt. Man kann es Umwelt oder Gesellschaft nennen und mit dieser Dichotomie, Distinktion oder auch – möglicherweise der ergiebigste Begriff – Differenz arbeiten, um das Problem der Grenze und der Grenzauflösungen konstruktiv zu lösen. Dazu bedarf es einer bestimmten Optik (oder eines Werkzeugs oder Methode), die gleichermaßen aber nicht initial gleichzeitig das Innen wie das Au- ßen beachtet und durch Beobachtung für eine Bearbeitung zugänglich macht. Eine relativ klare Differenz findet sich in Niklas Luhmanns kommunikationsbasierter Systemtheorie, die unterschiedliche Phänomene anderer (system-)theoretischer Ansätze synthetisiert. Ausgehend von einer initialen Unterscheidung zwischen zwei Entitäten entwickelt Luhmann operative Distinktionen (nach George Spencer Brown: »draw a distinction«) und geht nicht mehr nur ausschließlich von biologischer Selbstreproduktion (nach Humberto Maturana und Francisco Varela) und kom- 36 Vgl. Volker Hage: »Schreiben ist eine Séance«, Ulrich Greiner: »Am Rand. Wo sonst«, Gerhard Stadelmaier: »Botho Strauß – Orpheus in der Bundesrepublik« und Volker Weidermann: »Der abwesende Herr Strauß. Ein Treffen mit dem unbekanntesten Schriftsteller der deutschen Literatur«. 28 munikativer Handlung (Talcott Parsons) aus.37 Die Ansichten zu Differenzen zwischen einem so genannten sozialen oder kommunikativen System und dessen so genannter Umwelt können, wie im Verlauf dieser Arbeit durch weiterführende Anwendungen sichtbar wird, ergiebig auf die Texte von Botho Strauß adaptiert werden und finden sich zuweilen bereits dort eingeflochten; beispielsweise in Form von Abgrenzungen, stiller Befolgung und Anwendung systemtheoretischer Prinzipien, aber auch durch konkrete Verweise auf die Systemtheorie oder ihre Theoretiker wie Niklas Luhmann, dessen Systemtheorie eine »Theorie der funktional differenzierten Gesellschaft« und »zugleich eine Theorie der Moderne«38 ist. Sie bietet einen methodischen Zugang, indem sie Vorgehensweisen und Vokabular für eine Aufarbeitung der in den literarischen Texten gegebenen und vorzufindenden Gesellschaftsbedingungen und Individualverhältnisse zur Verfügung stellt. In der Anwendung zielt sie auf Reduktion von Irrwegen und Strukturierung von Kommunikation und Handeln ab. Systeme agieren komplex und in einer kurzen Erklärung benennt Jochen Hörisch die systemtheoretischen Funktions- und Vorgehensweisen: »Systeme funktionieren so großartig oder erschreckend, weil sie sich auf eine binäre (also zweiwertige) Leitunterscheidung festlegen – und das heißt: weil sie gnadenlos die Komplexität der Welt auf nur zwei Begriffe reduzieren. […] Man kann sich über die Armut solcher nur zweiwertigen Leitcodierungen empören […] Man kann aber auch die Funktionalität dieser Codes und ihre schlichte Existenz anerkennen und bewundern – reduzieren sie doch eine Komplexität, an der wir ansonsten scheitern würden.«39 Hörischs Beschreibung der internen Differenzsuche lässt sich Peter Fuchs’ grundlegende Systembeschreibung zur Seite stellen. Somit sind mit der binären Unterscheidung sowie der abstrakten Luzidität und Ungreifbarkeit von Systemen zwei der elementaren Prinzipien der Systemtheorie skizziert: »Es ist schließlich eine der zentralen Abstraktionen der Theorie, daß man Systeme – jedenfalls dann, wenn sie als sinnbasiert begriffen werden – nicht auffassen kann als Lagen, Räume, Dinge, als Gegeben- und Vor- 37 Siehe auch: Niklas Luhmann: Einführung in die Systemtheorie. 38 Harro Müller: »Luhmanns Systemtheorie als Theorie der Moderne«. S. 91. 39 Jochen Hörisch: Theorie-Apotheke. Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahre, einschließlich ihrer Risiken und Nebenwirkungen. S. 290f. 29 handenheiten, sondern immer nur: als Differenzen eigentümlicher Art. Ein System ist das, was es ist, durch das, was es nicht ist, und das, was es nicht ist, ist das, was es ist: durch das System. Weder System noch Umwelt sind ohne einander irgendetwas.«40 Die Systemtheorie widmet sich den gesellschaftlichen Bedingungen aus einer äußerst selektiven Beobachtungsperspektive, indem sie die Verhältnisse nach spezifischen Unterscheidungen beobachtet und ebenso spezifischen Teilbereichen der Gesellschaft zuordnet.41 Konkret bedeutet das, dass die Komplexität – das heißt Unübersichtlichkeit und zu viele Entscheidungsfaktoren – außerhalb eines imaginären Systems reduziert wird. Systeme helfen, die beobachteten Verhältnisse einzuteilen. Sie schaffen Bezugsrahmen und ihr binärer Charakter macht sie in höchstem Maße flexibel in der Ausrichtung und stabil in der Anwendung. Systemtheorie für die Analyse von Literatur heranzuziehen, ermöglicht es beispielsweise, die Abgrenzungsmechanismen von Literatur oder ihre Gesellschaftsbezüge genauer herauszuarbeiten. Eine für dieses Vorgehen exemplarische Analyse hat Gerhard Plumpe anhand von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers vorgenommen, in der er Werthers Liebesleid und Suizid von der reinen Handlungsebene löst und jene Grenze zwischen System (Werther) und Umwelt (Gesellschaft) beleuchtet, aus der die verhandelten Probleme resultieren. Für Werther wird zum Verhängnis, dass »[d]ie alteuropäische Tradition [...] den Personen in der Gesellschaft den Ort ihrer Biographie 40 Peter Fuchs: Die Psyche: Studien zur Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. S. 9. 41 Harro Müller erläutert folgendermaßen: Systemtheorie »behauptet nicht, die richtige Beschreibung der heutigen Welt, der heutigen Weltgesellschaft zu liefern, sie reklamiert nicht für sich Widerspiegelung der kompletten Realität des Gegenstandes, ebenfalls nicht Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Erkenntnis des Gegenstandes, ›wohl aber: Universalität der Gegenstandserfassung in dem Sinne, daß sie als soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte‹. Als selbsttragende Konstruktion gebaut, ist sie in ihrer Selbstbeschreibung ›eine besonders eindrucksvolle Supertheorie‹, die von vornherein interdisziplinär angelegt ist, Anregungen aus unterschiedlichen Disziplinen aufnimmt und den Anspruch erhebt, für die Welt, für die heutige Weltgesellschaft eine brauchbare, eine passende Beschreibung zu liefern, die sich durch großes Auflöse- und Rekombinationsvermögen auszeichnet. Ihre begrifflich weit ausgelegte Konstruktionsarbeit stellt sich nicht unter korrespondenztheoretisch orientierte Kriterien, sie erhebt einen rekonstruktiven Anspruch, der auf wirkliche Welt, wirkliche Gesellschaft verweist« (Müller: »Luhmanns Systemtheorie als Theorie der Moderne«. S. 93). 30 vor[gab]; die funktional-differenzierte Gesellschaft facettiert sie und wirft damit die Frage auf, ob sie mehr und anderes sei als die Summe ihrer sozialen Engagements«42. In der Folge gerät Werthers Weltbild ins Wanken und eine Abgrenzung »zwischen Individuum und allen sozialen Kommunikationspotentialen«43 wird ihm erstmals bewusst: »Die moderne, im 18. Jahrhundert wahrgenommene und reflektierte Gesellschaft ist es, die in Folge ihrer Struktur funktionaler Differenzierung die Unterscheidung von individuell und generell, von authentisch und stereotyp, von intim und öffentlich ins Spiel bringt. Diese Unterscheidungen gehen dann in die Selbstbeobachtung der Person prägend ein. Werden sie radikalisiert, dann tritt jener dramatische Effekt ein, der es gestattet, die Gesellschaft schlechthin als ein Gegenüber zu erleben, das mit allen Insignien der Bedrohung ausgestattet werden kann.« 44 Werther beginnt, wie Plumpe schlussfolgert, »die soziale Existenz als fremd oder oktroyiert zu erleben und nach Möglichkeiten einer authentischen Existenz jenseits aller gesellschaftlichen Vermittlung Ausschau zu halten, in der das Individuum permanent ›individuell‹ bleibt«45. Goethes Protagonist »sieht sich in Differenz zur Gesellschaft«46 und es gelingt ihm »mit der selbst-gewählten Leitdifferenz sinnvoll zu operieren; paradox und aporetisch wird es erst, wenn das Individuum – wie Werther – im Außen der Gesellschaft kommunizieren will – und dann potentielle Medien wie Kunst, Natur und Glaube rasch überstrapaziert«47. Die Ergebnisse aus Plumpes Analyse sind auch auf Botho Strauß’ Texte übertragbar. Über den Werther sagt Plumpe, dieser nähme plötzlich wahr, »daß auch intime Kommunikation, ja die Unterscheidung von Individuum und Gesellschaft selbst, soziale Entscheidungen sind, die die Systemdifferenz von Bewußtsein und Kommunikation in der prekären Figur des exzentrischen Subjekts überspielen möchten«48. Just diese Diagnose gilt auch für eine Vielzahl der Strauß’schen Figuren, beispielsweise für Richard Schroubek – in gewisser 42 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 43 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 44 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 45 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 46 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 47 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 48 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 31 Weise sogar ein Gegenwarts-Werther – aus Die Widmung (1977), Lotte aus Groß und klein (1978) oder die Charaktere John Porto und Freya Genetrix aus Strauß’ bis dato letztem Stück Das blinde Geschehen aus dem Jahr 2011, die außerdem einen Bogen zurück zum Werther-Dilemma und den veränderten Gegenwartsbedingungen mit neuen Problemfeldern spannen: »FREYA GENETRIX Gut. Themenwechsel. Es heißt, gegen 1770 habe man in Europa ein allgemeines Nachlassen der Heiterkeit bemerkt: Haben Sie je davon gehört? JOHN PORTO (räuspert sich) Ich begehre dich. FREYA GENETRIX Ist Ihnen was? Damals begann das Zeitalter der Kritik, das Zeitalter von Problemen, die sich nicht mit derselben Vernunft lösen ließen, die sie vorher erkannt hatte. Wissen Sie etwas Näheres darüber? JOHN PORTO Ich glaube nicht, daß Sie imstande sind, die Gefahr zu wittern, die ich für Sie bin.« (DBG 52) Hierin zeigt sich zugleich ein wichtiger Sachverhalt: Ein literarisches Subjekt ist vor seiner jeweiligen Gegenwartskulisse mit zeitgenössischen Bedingungen konfrontiert und bewegt sich in einem spezifischen setting. Die Abgrenzungsmechanismen von Individuen sind im 21. Jahrhundert feingliedriger und wesentlich stärker ausdifferenziert als Ende des 18. Jahrhunderts, auch ist die gesellschaftliche Umwelt durch die stattfindenden Globalisierungsprozesse unübersichtlicher geworden, wodurch die Erfassung der Abgrenzungsmechanismen mit nur einer Beobachtung erschwert wird. Zu den Abgrenzungsmechanismen gehören schriftliche Selbstreflexionen, aus denen sich Gattungen wie Autobiographie, Briefroman oder neue Formen der Erzählung oder Lyrik entwickelten. Sowohl im Inneren des Systems, in der Umwelt als auch in der Beobachtung der Einzelelemente und ihrer jeweiligen Einheiten werden zur vollständigen Erfassung der Kommunikation sich alternierende und ergänzende Leitdifferenzen benötigt. Und trotz der Metaperspektive der Autoren kann Gesellschaft nur von innen beobachtet und beschrieben werden49; Positionen am Rand sind al- 49 Peter Fuchs schreibt: »Die Gesellschaft ist mithin das soziale System, dessen Besonderheit darin sich in seiner Umwelt keine Kommunikationen finden. Drinnen ja, draußen nein! Aber das bedeutet auch, daß sie nolens volens das System ist, das alle anderen sozialen Systeme umgreift. Sie müßte, wenn wir noch einmal die räumliche Metapher nehmen, das größte System sein, das Mega-System der Sozialität. Genau so wollen wir, auf Luhmann zurückgreifend, die Gesellschaft definieren: als das System, jenseits dessen es keine Sozialsysteme mehr gibt. [...] Unter 32 lerdings möglich. Dies gilt für Soziologen und Literaten gleichermaßen, wie Oliver Sill betont: »Auch Literatur gibt nicht vor, eine Zentralperspektive ›oberhalb‹ der gesellschaftlichen Systeme einnehmen zu können – mag ein textimmanenter Erzähler sich auch noch so sehr darum bemühen. Literatur jedoch integriert in der Gesellschaft vorhandene Beobachterverhältnisse in die Textwelt, um sie in einen Zustand der Gleichzeitigkeit zu versetzen – mit dem Effekt, die Multizentrizität von Welt vorzuführen.«50 Die Prämisse lautet, dass System- und Globalisierungstheorie die Realität analysieren, besprechen, definieren und dass Literatur als Kunstgattung dies ebenso vermag, auch wenn der Analyse- und Beschreibungsmodus ein gänzlich anderer, nämlich künstlerisch-ästhetischer, ist. Gemeinsam ist ihnen, dass soziologische Forschung und Literatur im ersten Schritt Beobachtungen der Realität beziehungsweise der sozialen Wirklichkeit vornehmen und im zweiten Schritt Beschreibungen dieser forcieren. Dabei operieren sie mit unterschiedlichen Codes, beanspruchen unterschiedliche Funktionsbereiche für sich, aber weil sie Funktionssysteme (wie Wissenschaft und Kunst) und Beschreibungsformen innerhalb einer Gesellschaft sind, können sie gleichberechtigt in dieser Untersuchung Verwendung finden, um zu einem erweiterten Erkenntnisgewinn beizutragen. Der literarische Blick auf die Gesellschaft unterscheidet sich wegen der unterschiedlichen Kodierungen von dem der Medien oder der Wissenschaft. Literatur arbeitet unter anderen Voraussetzungen und kann Gesellschaft deshalb auf andere Weisen wahrnehmen und beschreiben, ihr Umgang mit der sozialen Wirklichkeit ist nicht unbedingt freier, aber spielerischer in der Vorgehensweise. Die Sprache der Literatur darf und kann mit Analogien, Parabeln, Metaphern und Allegorien arbeiten, während die Wissenschaft sich nachvollziehbaren Fakten und Interpretationen verpflichtet hat. Medien Gesellschaft verstehen wir das Sozialsystem, jenseits dessen keine Kommunikationen betrieben werden. Alle Kommunikationen sind Operationen des Gesellschaftssystems, und wenn wir das sagen, entdecken wir gleich noch einen weiteren Umstand, der für uns von Bedeutung ist: Alle sozialen Differenzierungen sind gesellschaftsimmanente Differenzierungen. Nichts könnte sich als etwas Soziales aus der Gesellschaft sozusagen herausdifferenzieren, neben ihr sein als ein nichtgesellschaftliches Sozialphänomen« (Fuchs: Das seltsame Problem der Weltgesellschaft. S. 41f.). 50 Oliver Sill: »Literatur als Beobachtung zweiter Ordnung«. S. 84. 33 hingegen sind auf andere Weise ungebunden, je nach Ausrichtung geschieht die Informationsvermittlung von sachlich bis reißerisch. Aufgrund er Ähnlichkeiten fragen Thomas Kron und Uwe Schimank, ob die Literatur nicht auch »[e]in weiterer Konkurrent für die Soziologie in der Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst«51 ist. Sie führen diesen Gedanken weiter aus: »Literarische Interpretationen der Gesellschaft sind weder – wie die Massenmedien – an Aktualität, noch an wissenschaftliche Wahrheit gebunden. Und doch schaffen es literarische Texte immer wieder, Aktualität und Wahrheit nicht nur zusammenzuführen, sondern sogar präziser auf den Punkt zu bringen, als dies Soziologen oder Journalisten gelingt [...] Angesichts dessen lässt sich die Idee [...] auf die Frage bringen: Liefert Literatur vielleicht sogar bessere (genauere, tiefgreifendere, differenziertere …) Diagnosen der Gegenwartsgesellschaft als die Soziologie?«52 Texte, vor allem literarische, sind – wie in den folgenden Kapiteln mehrfach deutlich werden wird – kompakte, komprimierte und in diesem Sinne gleichzeitige, multilokale oder multiperspektivische Kommunikationen. Und sie besitzen einen anderen Fokus als beispielsweise philosophische Ratgeber oder wissenschaftliche Anthologien.53 Jedoch gilt unabhängig von der Gattung, dass Schrift Kommunikation verbindlich und über zeitliche und/oder räumliche Abstände festhält, während mündliche Kommunikation flüchtig ist.54 Das gilt für das Gesamtbild wie für die einzelnen Kommunikationsbestrebungen und kommunikative Anschlüsse. Schriftliche Kommunikation wird so als »immer wieder reaktivierbare Möglichkeit aufbewahrt«55 und so »fungieren literarische Texte als Speicher- und Verbreitungsmedien und damit zugleich als Bezugsgrößen für anschließendes systeminternes, literarisches oder literaturbezogenes Handeln und Kommunizieren, aber auch für Anschlußhandeln außerhalb des Sozialsystems Litera- 51 Thomas Kron & Uwe Schimank: »Die Gesellschaft der Literatur - Vorwort«. S. 11. 52 Thomas Kron & Uwe Schimank: »Die Gesellschaft der Literatur - Vorwort«. S. 11. 53 Vgl. Jürgen Fohrmann: »Einleitung«. S. 12. 54 Vgl. Georg Stanitzek: »Was ist Kommunikation?«. S. 23, 25. Und: Gerhard Plumpe & Niels Werber: »Systemtheorie in der Literaturwissenschaft. Oder: ›Herr Meier wird Schriftsteller‹«. S. 175. 55 Niklas Luhmann: »Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst«. S. 152. 34 tur«56. Eines der Bindeglieder zwischen systemtheoretischer Methodik und Literatur besteht nun darin, dass Strauß im Anwachsen des Globalen zugleich die stetig anwachsende Komplexität der Gesellschaft erkennt. Der Terminus Komplexität, welcher grundlegend für die Systemtheorie ist, begegnet dem Leser überraschend häufig in Strauß’ Werk, zumeist wird der Begriff jedoch negativ konnotiert (und in eine binäre Unterscheidung gepresst).57 Die Krise, in der er die Menschheit im Schwellenbereich der Jahrtausendwende wähnt, verstärkt das Empfinden von Verlust, Zerrissenheit und Überdeterminierung, auch weil sich die Moderne im Sinne der im nachfolgenden Exkurs herangezogenen Theoretiker im Übergang in die nächste Gesellschaftsform befindet. Ihr konstituierendes Element ist das Setzen von Differenzen, dem Strauß eine eigene Deutung entgegenwirft und ihre kühl anmutenden Methoden und Begriffe mit literarischen Wahrnehmungen und Schilderungen erweitert. Für Strauß impliziert jede Zeit einen unaufhaltsamen Wandel – »irgendwann zerbricht jede Form [...] und die Zeit läuft aus. Und man wird anschließend wiederum alles aufklären und nachträglich die trügerischen Vorhersehbarkeiten, die trügerischen Gesetzmäßigkeiten bloßlegen bzw. konstruieren« (AMA 195). In Allein mit 56 Claus-Michael Ort: »Systemtheorie und Hermeneutik? Kritische Anmerkungen zu einer Theorieoption aus literaturwissenschaftlicher Sicht«. S. 149. Die Bedingungen eines Literatursystems werden an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt, allerdings sei auf ein Bonmot von Christian Schärf hingewiesen: »Grundsätzlich gilt: was im Literaturbetrieb geschieht, hat Relevanz allein für den Betrieb selbst« (Schärf: Literatur in der Wissensgesellschaft. S. 23). 57 Drei Beispiele zur Verdeutlichung dieser Aussage: 1) »Zur Andeutung der verschlungensten Zusammenhänge benutzen wir einzig diese vage Sammel-Vokabel: Komplexität. Nichtssagender geht es kaum. Was soll mir das Wort, wenn jedes Shakespeare-Sonett, das ich lese, den Begriff sofort überflüssig macht? Kunstwerke beginnen jenseits von Komplexität. Solche Wörter sind uns nur im Weg. Sie haben geradezu inhibitorische Wirkung. Sie hemmen sogar den Geist darin, seiner Technik auf die Schliche zu kommen. Man unterschätze daher nicht die ›Botenstoffe‹ der Sprache. Es gibt geisthemmende und geiststimulierende Begriffe« (UAZ 65f.). 2) »Es gibt für den Geist des Menschen keinen Grund, immer komplexer zu werden, nur weil die Entwicklung natürlicher Formen, die Evolution, diesen Weg einschlug. Die hohe Komplexität des Denkens und der sozialen Organisationsformen – entspricht sie nicht jener plumpen Übergröße, die am Ende der Kreidezeit sich am wenigsten als überlebensfähig erwies?« (VA 92). 3) »Ein gewisser Bedarf, Komplexität zu kappen, galoppierende Differenzierungen zu stoppen, steckt dahinter« (LDT 170). 35 allen (2014), das Passagen aus Strauß’ Gesamtwerk mit bisher unveröffentlichten (und leider undatierten) Texten zusammenführt, heißt es weiter, dass sich die Verhältnisse verändern und in weiterer Ausdifferenzierung münden: »Daß das hohe Differenzieren und die ›Komplexität der Verhältnisse‹ nur im Übergang, in der Krise etwas bedeuten, in der Zerstörung selbst aber die Archetypen gültig sind. Wohlstand, Schamlosigkeit, Komplexität, Liberalität bis zur Libertinage – das immergleiche Sodom-Schema. Sodom ist immer. Ein ganz kleiner Teil von uns ist vielleicht nicht Sodom. Der Rest ist immer Sodom. Aber man wird sich, wenn schon die Mauern wanken, bis zuletzt herauszureden versuchen mit dem heiligen Eifer des Differenzierens. Man wird nie akzeptieren, daß es in Untergründen so gut wie keine Vergangenheit gibt, wird sich nie zu fundamentalen Bedingungen verstehen, ohne deshalb einem Fundamentalismus anzuhängen.« (AMA 196) Die Passage betont eine Entwicklung, die Strauß als Niedergangsspirale der Verderbtheit deutet – »Wohlstand, Schamlosigkeit, Komplexität, Liberalität« –, in der sich dennoch Zwischenräume gegen die dialektische Trennung und die Verästelung finden lassen. In den Analysen wird mehrfach diskutiert, dass Strauß Formen und Anzeichen des Epochenwechsels sieht. Hierin liegt nur von außen betrachtet eine Gemeinsamkeit mit den im nachfolgenden Exkurs herangezogenen Theoretikern; der Unterschied liegt jedoch darin, dass diese einen fließenden Übergang sehen, während Strauß den Übergang unterbrechen will, um neue Formen des Innehaltens zu ermöglichen, in dem sich die Komplexität der veränderten Welt für einen Moment radikal auf handhabbare Größen reduziert: »Niemand kann sich heute das Einfache und wie es geartet sein wird, überhaupt vorstellen, und doch wird es eines Tages wieder einmal und wieder einmal nur für kurze Zeit uns dazwischenfahren, wird es die Beladenen und die Überladenen von ihrer Last, aus ihren allzu komplexen Verhältnissen befreien. Ob es nun die schrecklichen Vereinfacher sind oder der panhaft jähe Einbruch des Schrecklich-Einfachen selbst – es wird sich der Zeitpunkt finden, und er wird außerhalb der gegenwärtigen Konzepte menschlicher Selbstbeschreibung liegen.« (AMA 196f.) Gegen diese Sicht ist einzuwenden, dass die Moderne und mit ihr die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft keineswegs seit ihrem Entstehen in 36 einer dauerhaften Krise stecken. Viel mehr ist es so, dass Ausdifferenzierungsprozesse Anpassungsprozesse von innen heraus sind (während Globalisierung von außen einwirkt). Globalisierung vollzieht sich – wie eingangs gezeigt – über Verzweigung und Auflösung, Verfeinerung und Vergrößerung. Oder anders ausgedrückt: Globalisierung steht für eine komplexe, womöglich sogar über- oder hyperkomplexe Ausdifferenzierung in unterschiedliche Richtungen; aus diesem Grund ergänzen sich Globalisierungstheorien und Systemtheorie auf fruchtbare Weise, weil ihre Elemente eng verzahnt sind. Soziale Systeme und Globalisierung sind Metaphern, welche den Bedingungen der gegenwärtigen Gesellschaft Sichtbarkeit verleihen.58 58 Vgl. Jörg Lau: »Welt ohne Drüben. Globalisierung als Metapher« und Peter Fuchs: Die Metapher des Systems: Studien zu der allgemein leitenden Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse. Fuchs diagnostiziert: »Die Metapher für diesen Unterscheider ist: System. Und das Metaphorische der Metapher liegt darin, daß das System als Differenz (als ›/‹) sozusagen verschoben, verrückt, hinübergeführt wird in eine Seite der Differenz als Vollständigkeit einer unterscheidenden Aktivität, eben als das Plenum des Unterscheiders, der, woran zu erinnern ist, keinen Rand hat, keine Grenze, deren er von außen innewerden oder die er von innen her überschreiten könnte. [...] Jede Sicht, die das System haben kann, ist seine Sicht, und dennoch trennt es – sei es bewußt, sei es kommunikativ verfaßt – sich vom Nicht-sich, ohne daß irgendein Moment dieses Nicht-sich von ihm anders als in interner Konstruktion erreichbar wäre« (Fuchs: Die Metapher des Systems. S. 79). 37 Exkurs: Von historischen Dimensionen der Globalisierung & der hyperkomplexen Gesellschaft Die Abgrenzung gegen die Ökonomie Bei der Globalisierungskonzeption von Botho Strauß geht es um einen sehr eng abgesteckten Bereich von Globalisierung, der nur äußerst rudimentär mit der allgemeinen Wahrnehmung der hauptsächlich ökonomischen Dimension der Globalisierung in Berührung kommt.59 Seine Literatur handelt nicht vom Überangebot chinesisch produzierter Elektronikartikel, der Verfügbarkeit vollreifer Ananas an allen Tagen des Jahres oder der Ausbeutung von Menschen auf Schiffsfriedhöfen oder der Produktionsindustrie in Indien oder Bangladesch.60 Der literarisch-ästhetische Zugang zum Themenkomplex Globalisierung wird stattdessen mittels Metabeobachtungen erschlossen; auch um dem folgenden Dilemma auszuweichen, das Jörg Lau aus der Breite der Globalisierungsliteratur ableitet: »Wer sich in der längst unüberschaubaren Literatur zum Thema Globalisierung umtut, findet sich bald in einem Double-bind gefangen: Alles, was so nicht mehr weitergehen kann – Sozialstaat, Bildungssystem, Arbeitsgesellschaft –, muß sich ändern, weil der Prozeß der Globalisierung es verlangt; alles, was heutzutage im großen Stil schiefläuft – Massenarbeitslosigkeit, Schuldenkrise, Treibhauseffekt –, wird zugleich auf eben diesen Prozeß zurückgeführt. 59 Vgl. Botho Strauß: »Herrschen und nicht beherrschen«. Dort heißt es: »Das Volk interessiert sich nicht für Ökonomie. (Wir benutzen hier für den Schriftsteller gewöhnlich unerträgliche – begriffliche Großformate: der Staat, die Politik, die Märkte, der Souverän, also auch: das Volk.) Geld ist, über die persönlichen Zuflüsse hinaus, kaum der näheren Erkundigung wert« (HER 165). 60 In der sozialen Wirklichkeit gibt es neben den Globalisierungsgewinnern auch eine Reihe Globalisierungsverlierer: »Die große Frage nach der sozialen Gerechtigkeit muss im Zeitalter der Globalisierung theoretisch und politisch neu verhandelt werden« (Ulrich Beck: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus, Antworten auf Globalisierung. S. 18). 38 Globalisierung – das ist heute jedermanns allgemeinste Kausalformel für das Unbehagen am Weltzustand. Sie ist gleichermaßen unwiderstehlich für Linke wie Rechte, für Modernisierer wie Nostalgiker, für Marktliberale wie Etatisten, für Integrierte wie Apokalyptiker. Entgrenzungsenthusiasten versprechen sich vom wachsenden globalen Wettbewerbsdruck ein Ende des deutschen ›Modernisierungsstaus‹ (Roman Herzog). Globalisierungsgegner hingegen sehen die ökonomisch vollends entgrenzte Welt schon als leichte Beute antimodernistischer Bewegungen zwischen Wohlstandschauvinismus, Fundamentalismus und Neofaschismus.«61 Auch bei Botho Strauß ist »das Unbehagen am Weltzustand« zu spüren und äußert sich in konservativen Positionen. Das reale Elend hingegen, das die ökonomische Globalisierung verursacht, wird in der vorliegenden Untersuchung ausgeblendet, weil es in der untersuchten Literatur nur selten angesprochen wird, obgleich Strauß im Essay »Der letzte Deutsche« (2015) auf globalisierungsdiskursive Wirtschaftswissenschaftler wie Joseph Stiglitz oder Thomas Piketty verweist. Eines der wenigen Beispiele in der Prosa ist das Erzählfragment »Die Verletzung« (NA 61-65) in Niemand anderes (1987), in dem Strauß die Initialen »JNC« als weltumspannendes Etwas – Netzwerk, Unternehmen, Konglomerat? – über Vergleiche, Analogien und Metaphern beschreibt, ohne »JNC« genau zu definieren: »Um JNC zu packen, legte sie sich folgendes zurecht: Jahwe Nemo Caesar. Ja, das mußte es sein: Herr Niemand Kaiser. Oder weiter gedacht: Ewig Nie Zeit. Wiederum der Dreifaltige. Nach wie vor. Zufrieden mit der Lösung? Die Abkürzung JNC hatte alle übrigen Initialen der Erde getilgt, aufgelöst, in sich einbezogen. JNC war allgegenwärtig und einzig. Wie das Markenzeichen eines allesherstellenden, alle versorgenden Universalkonzerns. Wie der Reklamesticker für eine erdumspannende Festveranstaltung. In Schwärmen, in bakteriellen Dimensionen breitete er sich aus und überdeckte alle Wände und Straßen. In diese drei Buchstaben zog sich die Schrift von der Erde zurück und verschwand. Sie waren ihr letztes, reines, absolutes Symbol. Jedenfalls war das ihre These. Man kann das Ganze als einen Vorgang der höchsten Masseverdichtung beschreiben, sagte sie. Die Masse wäre in diesem Fall die Summe aller Dif- 61 Jörg Lau: »Welt ohne Drüben. Globalisierung als Metapher«. S. 877. 39 ferenzen, aller nur denkbaren Unterschiede, das Vielfältige schlechthin.« (NA 61f.) Diese Beschreibung einer weltumspannenden Merkantilisierung und Ökonomisierung stellt sich in der Folge als Phantasie einer eingesperrten Frau heraus. Von der persönlichen Charakterisierung wechselt sie zu einer globalen ökonomischen, sozialen oder biologischen Wirkkraft. Die »Masseverdichtung« greift Strauß in Mikado (2006) in Form einer kurzen Nebenbemerkung auf: »Der Sonnenkönig selbst käme niemals heraus aus seinem prachtvollen Reich, weil ein Sackgassenfächer ihm jede freie Ausfahrt verwehrt. Ebenso müssen Sie sich die dicken Kapitalpfropfen vorstellen, welche die Kanäle der freien Handelsbeziehungen auf der Welt verstopfen. Weitgefächert, strahlenförmig, reich – aber total verstopft!« (MIK 137) An beiden Überlegungen ist dennoch deutlich zu erkennen, dass das Globale in Verbindung mit der ökonomischen Perspektive negativ interpretiert wird. Strauß geht dabei allerdings nicht über sprachliche Bilder hinaus; eine Auseinandersetzung mit realen Begebenheiten, Protest und Reformation bleiben im Fragment ausgespart und er schließt, trotz der konservativen Grundhaltung nicht an Laus negative Visionen – »Wohlstandschauvinismus, Fundamentalismus und Neofaschismus« – an, obwohl die in Allein mit allen benannte Kette – »Wohlstand, Schamlosigkeit, Komplexität, Liberalität« (AMA 196) inhaltliche Ähnlichkeiten aufweist.62 Die Prozess- & Begriffsgeschichte der Globalisierung In allgemeinen Positionen außerhalb der hier angelegten Perspektive spezifischen Beschäftigung wird Globalisierung überwiegend als ökonomisches, politisches oder soziologisches Phänomen wahrgenommen und nur selten an erster Stelle in einen Kunst-Kontext gesetzt. Globalisierung resultiert aus einer unbestimmten Menge paradoxer Prozesse. Auf der einen Seite verschmelzen neue Kommunikationsmodi63, neue Warenströme, veränder- 62 Vgl. jedoch PP 165-170, wo Strauß im Duktus der 1968er-Generation die konkreten Folgen eines Atomkrieges in einem Atemzug mit der Gier der Weltwirtschaft nennt. 63 Miriam Meckel: »Globalisierung und Kommunikation«. S. 126. 40 te Nationalbegriffe oder neue Grenzdefinitionen die bisher etablierten Strukturen zu größeren Einheiten, während auf der anderen Seite die Welt dem einzelnen Menschen verkleinert vorkommt, weil beispielsweise dank neuer Medien wie dem Internet Kommunikation und Information über große Abstände in Echtzeit stattfinden kann. Dem gegenüber steht das Aufkeimen einer neuen Besinnung auf das Lokale beziehungsweise Regionale, das mit dem Hybridbegriff ›Glokalisierung‹ betitelt die Bewegung vom Universalen und Globalen hin zum Partikulären und Lokalen (und vice versa) beschreibt, welche wiederum sowohl verbundene sind als auch voneinander abhängige Größen sind, die als alleinige Bestimmung nicht ausreichen.64 Eine aufmerksame Betrachtung fördert zu Tage, dass Globalisierung als Prozess(begriff) in weit mehr Bereichen als unmittelbar angenommen eine treibende Kraft darstellt. Fredric Jameson äußert zugespitzt, dass Globalisierung ein »communicational concept«65 sei, das sehr breite Bereiche abdeckt. Globalisierung wird in Verlängerung verschiedener Ansätze als gesamt-gesellschaftliche Ausdifferenzierung gedeutet. Sie verläuft zudem in Phasen, Stadien oder Zyklen. Doch vor welchem Hintergrund verläuft der gegenwärtige Zyklus der Globalisierung? Schon anhand der Geschichte lässt sich die Bedeutung der Globalisierung für die Entwicklung der modernen Gesellschaft erkennen. So kann der Aufstieg Roms zur Weltherrschaft in der Antike als eine der ersten dokumentierten Globalisierungsphasen gesehen werden. Karten aus der Antike belegen einerseits, dass die Ausdehnung große Teile der bekannten Welt umfasste, und andererseits die bekannte Kugelform der Erde. Jedoch verblieb das Unbekannte hinter dem Bekannten terra incognita. Man wusste, dass dort etwas ist, nur nicht genau, was das sein könnte. Die Vorstellung war Triebkraft genug, um die Welt zu erkunden. Zum Verständnis der Welt als Kugel trug maßgeblich bei, dass mehrdimensionale Bilder der Welt eine größere Verbreitung erfuhren. Handel, Kriege, Gesellschaftsbildungen setzten sich fort. 1492 erfolgte die Entdeckung Amerikas und vermittelte erstmals das Bild der Welt als vollständig befahrbare Kugel. In dieser Übergangsepoche wuchs der lokal begrenzte Raum langsam zu einer zweidimensionalen Sphäre innerhalb einer gigantischen ›differenzierbaren Mannigfaltigkeit‹. Angela Oster führt die Popularität von Globen auf das 64 Vgl. Roland Robertson: Globalization: Social Theory and Global Culture. S. 174. Und: Roland Robertson: »Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit«. 65 Fredric Jameson: »Notes on Globalization as a Philosophical Issue«. S. 55. 41 »faszinierend[e] Bildpotentia[l]« zurück, das sowohl der »Imagination« als auch der »Ideologie« konkret-haptische Bezugspunkte gibt.66 Der älteste erhaltene und äußerst künstlerisch gestaltete Globus, der so genannte Behaim-Globus, ist auf 1492 datiert und er symbolisiert neben Hieronymus Boschs Abbildung Die Schöpfung der Welt (ca. 1500), welche die Welt als Halbkugel in einer transparenten Kugelhülle zeigt, anschaulich wie kein anderes Asservat aus dieser Zeit die verwirrenden Veränderungen, welche die Globalisierung den Menschen brachte. Exotische über die Handelsrouten importierte Genussmittel, Gewürze und Materialien aller Art vermittelten ein Bewusstsein für eine größere Dimension der Welt, jedoch wird diese den meisten Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit eher unheimlich gewesen sein, auch wenn die Menschen dieser Zeit schon seit mehreren Jahrhunderten die Vorstellung einer Erdscheibe und Sturzfluten an deren Rändern für eine historia hielten. Strauß’ Beschreibung der Imbezillen am Weltenrand aktualisiert aus gegebener Distanz das Weltbild ein weiteres Mal. Globen und detaillierte Karten machten die Welt (be)greifbar, vermittelten jedoch auch neue Schreckensbilder von Seeungeheuern oder Barbaren.67 Jürgen Osterhammel und Niels P. Petterson diagnostizieren dieser Phase der Globalisierung eine stabilisierende Wirkung.68 Etab- 66 Angela Oster: »Globalität und Globus. Technikfaszination und Kunsthandwerk der Globographie in der frühen Neuzeit«. S. 536. 67 Vgl. Judyth McLeod: The Atlas of Legendary Lands: Fabled Kingdoms, Phantom Islands, Lost Continents and Other Mythical Worlds. 68 Vgl. Jürgen Osterhammel & Niels P. Petterson: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen: »Wir halten es für problematisch, wie selbstverständlich anzunehmen, daß Globalisierung sich über Tausende von Jahren erstreckt habe. Auf der anderen Seite ist die Idee, vormoderne Gesellschaften seien nur kleinräumig organisiert gewesen und sie hätten allein auf Selbstversorgungswirtschaft im Rahmen des Haushalts, des Dorfes oder bestenfalls einer Stadt-Umland- Beziehung beruht, heute nicht länger haltbar. Es gab in der älteren Geschichte immer wieder Globalisierungsanläufe, die aber stets irgendwann einmal abbrachen. Daher kann man sie als Vorgeschichte der Globalisierung betrachten. Wir folgen Immanuel Wallerstein, indem wir einen neuerlichen Globalisierungsanlauf, der mit dem Aufbau der portugiesischen und spanischen Kolonialreiche seit der Zeit um 1500 begann, als den Anfang einer im Prinzip irreversiblen weltweiten Vernetzung verstehen. Entdeckungsreisen und regelmäßige Handelsbeziehungen setzten erstmals Europa, Afrika, Asien und Amerika in einen direkten Kontakt, aus dem bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eine stabile multilaterale Interdependenz geworden war. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren zumindest wirtschaftlich stabile und potentiell wirkungsmächtige transkontinentale Vernetzungen etabliert« (S. 25). 42 lierte Handelsverbindungen schufen wiederum einen Bedarf an Verlässlichkeit zwischen den handelnden Partnern: verlässliche Maße, Gewichte, Wechselkurse, Warenqualitäten, Handelsrechte und Zollregelungen trugen auf direkte Weise zum reibungsloseren Ablauf eines Welthandels und zur Modernisierung unterschiedlichster Gesellschaftsbereiche bei. Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen wie Reformation, Aufweichung der Standesgrenzen, gesteigerter Mobilität, Kolonialisierung, wissenschaftlichem Erkenntniszuwachs et cetera erfolgte auch der Übergang von segmentärer zu stratifikatorischer und letztlich ab Mitte des 18. Jahrhunderts zu den frühen Stadien einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft. Dieser Übergangsprozess wurde von der Globalisierung überschattet. »Globalisierung ist nichts Neues«, konstatiert der Philosoph und Gesellschaftstheoretiker Peter Sloterdijk, »die Europäer [sind] seit 500 Jahren unentwegt in das Abenteuer der Globalisierung verwickelt. Aber dies festzustellen nötigt auch schon, hinzuzufügen, daß die terrestrische Globalisierung und die Flucht vor ihren Folgen gleich alt sind – nämlich ein volles halbes Jahrtausend«69. Die Industrialisierung beschleunigte den Gesellschaftstakt vergleichsweise plötzlich, wie Osterhammel und Pettersson veranschaulichen: Taschenuhren wurden Alltagsgegenstand, 1884 wurden die Weltzeit und Zeitzonen eingeführt, in dieser Periode wurden zudem zahlreiche global operierende Dampfschiffsgesellschaften gegründet, einige Jahrzehnte darauf die ersten Fluggeräte gebaut und zu verlässlicheren Flugzeugen weiterentwickelt, ebenso ausgebaut wurde die Möglichkeit der Telekommunikation durch Unterseekabel. Die letzten Winkel der Erde wurden von Expeditionen erobert, vermessen, kolonialisiert, erreichbar gemacht und in vielen Fällen ausgebeutet. Es war eine Periode der umfassenden Modernisierung, in der die Welt und davon abhängig auch die Zeit sukzessive anders wahrgenommen wurden. Die Autoren sprechen von »Globalitätserfahrungen«70, die unter anderem aus einer Gewahrwerdung des schwindenden Weltumfangs bestand und besteht, denn die »Beherrschung von Raum und Entfernung wirkte auf die Denk- und Gefühlslage der Epoche zurück. Die Gegenwart wurde nun von vielen als ein Zusammenhang weltweit simultan stattfindender Ereignisse verstanden, als 69 Peter Sloterdijk: »Die synchronisierte Welt. Philosophische Aspekte der Globalisierung«. S. 77. 70 Jürgen Osterhammel & Niels P. Petterson: Geschichte der Globalisierung: Dimensionen, Prozesse, Epochen. S. 63. 43 globale Gleichzeitigkeit statt als das im Augenblick unmittelbar Präsente. In Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst bestand weitgehende Einigkeit darüber, daß Beherrschbarkeit des Raumes und globale Gleichzeitigkeit fundamentale Veränderungen des menschlichen Zusammenlebens mit sich bringen würden. [...] Spätestens seit den 1880er Jahren war alltagssprachlich von einer Weltwirtschaft als zusammenhängendem Gebilde die Rede.«71 Die veränderte Welt fließt als Wahrnehmung nun auch vermehrt in kulturelle Kontexte ein. Doch festzuhalten bleibt, dass erst globalisierende Prozesse den gesellschaftlichen Umbruch überhaupt ermöglichen. Globalisierung betrifft vor allem Gesellschaft und weniger den Globus an sich; vom Raubbau an den vorhandenen Ressourcen oder der Umweltzerstörung abgesehen. Die jetzige Form der Globalisierung und die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft sind korrelierende Phänomene der Moderne, genauer noch formuliert es Anthony Giddens: »Das Globalisierende liegt im Wesen der Moderne, und die beunruhigenden Konsequenzen dieses Phänomens verbinden sich mit der Zirkularität ihrer reflexiven Beschaffenheit, um einen Ereignisbereich zu bilden, in dem Risiko und Gefahr einen neuen Charakter annehmen. Die Globalisierungstendenzen der Moderne sind zugleich extensional und intensional: die Individuen werden dadurch mit umfassenden Systemen verknüpft und so zu Bestandteilen komplexer dialektischer Veränderungsprozesse, die sich am lokalen ebenso wie am globalen Pol zutragen. Viele der häufig als postmodern bezeichneten Phänomene betreffen in Wirklichkeit die Erfahrung des Lebens in einer Welt, in der Anwesenheit und Abwesenheit in historisch neuartiger Weise miteinander verschmelzen. Während sich die Zirkularität der Moderne durchsetzt, verliert der Fortschrittsbegriff seinen Inhalt; und auf der lateralen Ebene kann das Quantum des infolge des Lebens in ›einer einzigen Welt‹ täglich nach innen fließenden Informationsstroms überwältigend wirken. Dabei handelt es sich jedoch nicht in erster Linie um eine Äußerung kultureller Fragmentierung oder der Auflösung des Subjekts in eine ›Welt der Zeichen‹ ohne Zentrum, sondern dies ist ein Prozeß der gleichzeitigen Umgestaltung der Subjektivitität und der globalen Gesellschaftsorganisation, der sich vor dem beängstigenden Hintergrund folgenreicher Risiken abspielt.«72 71 Jürgen Osterhammel & Niels P. Petterson: Geschichte der Globalisierung. S. 65. 72 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 217f. 44 An dieser Aussage ist neben der gleichzeitigen Einbindung und Herauslösung unter anderem das Verhältnis von Zirkularität und Fortschritt hervorzuheben, das in vergleichbarer Form Strauß’ Argumentation über »Fleck und Linie« in Beginnlosigkeit beeinflusst, wie im entsprechenden Kapitel verdeutlicht wird. Das Verhältnis von Globalisierung & Literatur Die Erkundung der Welt(kugel) in der Literatur zu verhandeln, hat eine lange Tradition und intensiviert sich während der Industrialisierung. Im weitesten Sinn deckt der Globalisierungsbegriff im Rückblick auch Berichte über Reisen an entfernte Orte ab, wenn diese Reisen der Erschließung neuer Bereiche oder Gegenden dienen und daran anknüpfend die Verbindung zweier bis dahin nicht verbundener Orte gewährleisten. Literarische Berichte stricken mit an der Globalisierungsmetapher. Exemplarisch sei auf die Idee einer Vermessung der Welt in Zeit- statt Raumeinheiten hingewiesen, die in Jules Vernes Abenteuerroman Le Tour du monde en quatrevingts jours (1873, dt. In 80 Tagen um die Welt) eine literarische Schilderung findet, die vollends dem zeitgenössischen Geschwindigkeitsrausch der frühen Industriegesellschaft entspricht. Ein weiteres Romanvorhaben Vernes, Voyage au centre de la terre (1864, dt. Die Reise zum Mittelpunkt der Erde), nimmt eine Vermessung der Tiefe der Welt vor. Jules Vernes Werk greift die Veränderungen der Zeit auf und ist somit in hohem Maße kontemporär. Der sich intensivierende Glaube an Fortschritt und Wissenschaft mündet trotz geäußerter Skepsis in der Erkundung und Beschreibung verschiedener topographischer Ebenen (Berge, Höhlen, Unterwasserbereiche).73 Bemerkenswert an den Texten ist, dass die Transport-, Existenzund Wissenschaftsbedingungen dieser Zeit wie selbstverständlich Eingang finden und dass die Narrationen um die Vermessung der Oberfläche und Tiefe der Welt aus heutiger Sicht wie ein Diorama des Fortschritts wirken. Aber sie schildern in diesem Sinne keine einheitliche Welt, denn das Narrativ wird über Differenzen und Differenzerfahrungen entwickelt. Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt (2005) knüpft nahtlos an diese Weltgestaltung an. Die Nennung Vernes und Kehlmanns erfolgt exemplarisch und die Literaturgeschichte weist selbstverständlich weitere Entdeckungs- und Reiseliteratur auf, welche, wie Angela Oster betont, nicht »auf 73 Mit Oniritti Höhlenbilder (2016) geht Botho Strauß einen vergleichbaren Weg, doch unter anderen Vorzeichen. Ich komme im letzten Kapitel darauf zurück. 45 Konfigurationen des Globus verzichten« kann, wenngleich sie nicht »zum Leitpoetologem« dieser Literatur wird.74 Die Fortschritts-schilderungen greifen die wesentlichen technischen und sozialen Merkmale der Modernisierung auf. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzt sich der Prozess fort und führt sukzessive zu einer Verschärfung der Daseinsbedingungen, die in der Literatur aufgegriffen und verarbeitet werden. Es zeigt sich nun, wie kolossal zwei Weltkriege das politische und soziale Gefüge veränderten. Neben der Zweiteilung Europas beschleunigten sie die allgemeine Technisierung der Gesellschaft, beispielsweise durch die Weiterentwicklung von Ton- und Bildmedien. Auf sie folgte eine physische wie psychische Beschleunigung der Lebensverhältnisse. Erst in der Gegenwart entwickelt sich die als solche erkannte und benannte Globalisierung (trotz aller zuvor literarisch beschriebenen technischen und gesellschaftlichen Veränderungen) zu einem festen Thema in der Literatur.75 Eine Untersuchung des Phänomens Globalisierung beansprucht daher sowohl in den Sozialwissenschaften als auch in einem kulturwissenschaftlichen Kontext eine Daseinsberechtigung. Die Erörterung fällt gegenwärtig jedoch anders als in früheren Zeiten aus und wird nun zum Beispiel durch kulturelle (Grenzen, Nation, Heimat) oder soziale Fragen (Biographien und Identität, Gesellschaft, Kommunikation) thematisiert. Globalisierung wird in letzterem beispielsweise durch Themen wie ›Globalisierung und Regionalisierung in der Gegenwartsliteratur‹ oder post-koloniale Problemstellungen untersucht.76 Und an dieser Stelle setzt auch die Literatur von Strauß an. Die breite theoretische Beschäftigung in unterschiedlichsten Bereichen verhindert jedoch nicht, dass die Diskussion gelegentlich ins Dogmatische kippt, wie Jörg Lau konstatiert: »Unter den Teilnehmern am Diskurs der Globalisierung halten sich Visionäre und Verschwörungstheoretiker die Waage. Ihr Reden irrlichtert zwischen Euphorie und Paranoia, abhängig davon, ob man sich eher auf der Gewinner- oder Verliererseite wähnt. Die Selbstbeschreibungen sämtlicher 74 Angela Oster: »Globalität und Globus. Technikfaszination und Kunsthandwerk der Globographie in der frühen Neuzeit«. S. 536. 75 Zur Perspektivierung lediglich zwei weitere Beispiele: Ilija Trojanow: Der Weltensammler (2006), Michelle Houellebecq: La carte et le territoire (2011, dt. Karte und Gebiet). 76 Vgl. Wilhelm Amann, Georg Mein & Rolf Parr: Globalisierung und Gegenwartsliteratur: Konstellationen, Konzepte, Perspektiven. Und: Christian Moser & Linda Simonis: Figuren des Globalen: Weltbezug und Welterzeugung in Literatur, Kunst und Medien. 46 gesellschaftlicher Bereiche werden nach und nach im Hinblick auf Folgen der Globalisierung revidiert: Die Kultur grübelt über den Multikulturalismus, die Wissenschaft über die weltweit vernetzte Wissensgesellschaft, die Wirtschaft über die Währungsunion, die Politik über das Ende des Nationalstaats. Und selbst das Urbild aller multinationalen Unternehmen reklamiert seinen festen Sitz im Leben heute mit Bezug auf jenen zauberischen Begriff […].«77 Lau verweist auf mögliche Formen der Auseinandersetzung mit der Globalisierung, ohne dass generelle Merkmale aus der zitierten Passage hervorgehen. Ein erneuter Blick auf die Globalität verschafft etwas mehr Klarheit. Gesellschaftsentwicklungen & Hyperkomplexität Wie Osterhammel und Petterson bezeichnet auch Ulrich Beck die Simultanität der globalen Gesellschaft als Globalität und sieht diese als Teil einer Begriffstrias aus Globalisierung, Globalität und Globalismus. Die Termini bezeichnen den Prozess der Globalisierung, den durch sie erreichten und irreversiblen Zustand und die hinter ihr liegende Ideologie. Globalisierung ist demnach ein Prozessbegriff und macht Globalität erst möglich. Im Zuge der Globalisierung verändern sich Raumgrenzen durch Ausdehnung, Zeit wird anders aufgefasst und letztlich wandelt sich ebenso die »(soziale) Dichte der transnationalen Netzwerke, Bindungen und Bilderströme«78. Globalisierung erzeugt einen komplexeren Bezugsrahmen um die Grenzen und Ausbreitung von Raum, Zeit und Interaktion. Globalität hingegen bezeichnet nichts anderes als das Erreichen und die Etablierung einer Weltgesellschaft, welches bedeutet, dass nationale Grenzziehungen vordergründig obsolet werden. Die Herausbildung einer grenzüberschreitenden reflexiven Weltgesellschaft hat eine wahrgenommene Offenheit zur Folge und es geht nicht um die Etablierung eines Weltstaates.79 Kurzum lautet Becks vorläufige Definition: »›Welt‹ in der Wortkombination ›Welt-Gesellschaft‹ meint demnach Differenz, Vielheit, und ›Gesellschaft‹ meint Nicht-lntegriertheit, so daß man 77 Jörg Lau: »Welt ohne Drüben. Globalisierung als Metapher«. S. 879. 78 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 30. 79 Vgl. Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 31. 47 […] Weltgesellschaft als Vielheit ohne Einheit begreifen kann. Dies setzt […] sehr Unterschiedliches voraus: transnationale Produktionsformen und Arbeitsmarktkonkurrenz, globale Berichterstattung in den Medien, transnationale Käuferboykotts, transnationale Lebensformen, als ›global‹ wahrgenommene Krisen und Kriege, militärische und friedliche Nutzung von Atomkraft, Naturzerstörung usw.«80 Globalität erodiert den althergebrachten Raumbegriff und beleuchtet die Konsequenz, dass – im Sinn der Glokalität81 – lokale Ereignisse globale Auswirkungen mit sich führen können. »Globalisierung meint das erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns in den verschiedenen Dimensionen der Wirtschaft, der Information, der Ökologie, der Technik, der transkulturellen Konflikte und Zivilgesellschaft«82, wie Beck festhält. An schönen Dingen wie Flugreisen und Telekommunikation und an schlimmen Dingen wie Drogen und Menschenhandel wird deutlich, dass Globalisierung auch »das Töten der Entfernung; das Hineingeworfensein in oft ungewollte, unbegriffene transnationale Lebensformen«83 meinen kann. Die Wahrnehmung der Globalisierung bleibt dennoch für viele Menschen diffus und selbst erfahrene Theoretiker hadern damit, dass »der Globalisierungsbegriff und -diskurs so schwammig ist« – Beck schließt an: »Ihn zu bestimmen gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln«84. Der Terminus Globalismus wiederum beschreibt, »daß der Weltmarkt politisches Handeln verdrängt oder ersetzt«.85 Er steht für eine »wirtschaftliche Dimension« und ist somit das Gerüst hinter dem gegenwärtig gesellschaftsprägenden Neoliberalismus, der »unentrinnbaren Dominanz des Weltmarktes«86 – er ist stattdessen ein wirtschaftliches und bzw. oder politisches Konzept.87 Besonders angesichts der fortschreitenden Globalisierung wird deutlich, dass die Möglichkeitssteigerung in den Globalitätsfaktoren wie beispielsweise »hohe interne Mobilität, Veränder- 80 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 28. 81 Vgl. insbesondere Kapitel 10 in Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft: Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. 82 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 44. 83 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 45. 84 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?: S. 44. 85 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 26. 86 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 27. 87 Das Themenfeld des Globalismus wird aus den zuvor genannten Gründen, das heißt der fehlenden Auseinandersetzung in der vorliegenden Arbeit, ausgeblendet. 48 lichkeit und Zeitknappheit in der Gesellschaft«88 nicht bloß hypothetische Reaktionen sind. Über den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft ist bereits eine Vielzahl an Beobachtungen und Beschreibungen publiziert worden, deren gemeinsames Merkmal darin besteht, einen Übergang der Moderne in eine neue Phase zu diagnostizieren, in der die funktionale Ausdifferenzierung ungehemmter und schneller voranzuschreiten scheint und weitere Umwälzungen ausgelöst werden. Die folgenden Termini mögen im ersten Augenblick übermächtig wirken, aber durch die nachfolgenden Analysen wird der Bezug zwischen ihnen und den Texten von Botho Strauß detailliert betrachtet. Zu nennen sind Bezeichnungen, Beschreibungen oder Einteilungen wie Ulrich Becks Risikogesellschaft und Weltrisikogesellschaft und daran gekoppelt die zweite oder reflexive Moderne, Vilém Flussers Theorie einer kodifizierten und vernetzten telematischen Gesellschaft, Peter Sloterdijks spontan entstehende und zerfallende Schaumcluster oder Niklas Luhmanns Theorie einer funktional ausdifferenzierten Weltgesellschaft. Der dänische Soziologe Lars Qvortrup entwickelt unter anderem auf Grundlage der Systemtheorie Luhmanns die These, dass die gegenwärtige Gesellschaft eine ›hyperkomplexe Gesellschaft‹ sei, die polyzentrisch, möglicherweise subjektlos, informationsgesättigt, nicht-hierarchisch, vernetzt und eben auch funktional ausdifferenziert ist.89 In Det hyperkomplekse samfund: 14 fortællinger om informationssamfundet90, auf Deutsch ›Die hyperkomplexe Gesellschaft: 14 Erzählungen über die Informationsgesellschaft‹, erarbeitet er Stand- und Aussichtspunkte, von denen sich Einzelbereiche und Zusammenhänge der Gesellschaft überblicken und erkunden lassen. Insbesondere Qvortrups Synthese lässt sich als relevante theoretische Ausgangspunkte für Botho Strauß’ 88 Niklas Luhmann: »Die Weltgesellschaft«. S. 62. 89 Diesen Terminus verwendet auch Niels Werber in einer Analyse eines futuristischen Romans von Stanislaw Lem. Werber schreibt: »Die Gesellschaft besteht aus Kommunikationen, in ihrer Umwelt herrscht das Chaos des Rauschens all jener Molekülbewegungen, die Lems ›Selektor‹ nicht als Information dekodiert. Wenn man in der Systemtheorie versucht, sich einen perspektivenlosen, beobachterunabhängigen Blick auf die Gesellschaft vorzustellen, dann könnte sie sich so darstellen, wie Mäuler sie erlebt: als ein undifferenziertes, endloses, hyperkomplexes, kontingentes Universum von unspezifischen Kommunikationen, die alle potentiell sinnvoll, aber kontextlos ohne Anschlußfähigkeit sind« (Werber: »Neue Medien, alte Hoffnungen«. S. 888). 90 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund: 14 fortællinger om informationssamfundet. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor. Zitierte Passagen sind eigene Übersetzungen und stehen aus diesem Grund in einfachen Anführungszeichen. 49 Globalisierungskonzeption heranziehen. Dies in der Hinsicht, dass das Modell einer hyperkomplexen Gesellschaft annähernd das beschreibt, was auch Strauß in seinem Werk beobachtet und reflektiert. Sowohl die hyperkomplexe Gesellschaft als auch der literarische Blick sind (Folge-)Beobachtungen von gesellschaftsinternen Selbstbeobachtungen. Jedoch sieht Qvortrups Ansatz nicht länger originäre Beobachtungen und Beschreibungen der Gesellschaft vor, sondern bezieht sich auf die dominanteren Beobachtungen zweiter Ordnung aus multiplen Perspektiven, denn nur so könne man veränderten vielfältig komplexen Gesellschaftsbedingungen Herr werden. Beispielsweise lässt Strauß in einem Dialogfragment der Novelle Die Unbeholfenen zwei Figuren in Form der Beobachtung von Beobachtungen eben jene Entwicklungen innerhalb der Moderne und somit indirekt auch ihre »technische[n] Erneuerungen und politische[n] Gräben«91 Revue passieren: »Vergessen wir nicht die großen Gestimmtheiten des Zwanzigsten Jahrhunderts. Sie sind es doch, in die wir uns zuweilen prüfend zurückversetzen, wenn wir in den Büchern der Moderne lesen. Denn es beherrscht uns eine unstillbare Sehnsucht nach der frühen Moderne. Zu ihnen zählen unter anderem: die Angst, der Ekel, der Wahn, die Langeweile, das Absurde. Sie bildeten die intuitive Voraussetzung für die Krisenfähigkeit des damaligen Bewußtseins. Welche wäre denn für uns heute die beherrschende kollektive Gestimmtheit […]?« (DU 64) Die Frage nach den unterschiedlichen Formen der damaligen und gegenwärtig dominierenden ›Gestimmtheiten‹ könnte mit dem Schlagwort der Hyperkomplexität beantwortet werden. Die Merkmale der hyperkomplexen Gesellschaft als Deutungsoptik anzuwenden, macht frühe wie aktuelle Eigenheiten gesellschaftlicher Veränderungen sichtbar, die ansonsten verborgen geblieben wären. Diese Verschränkung von Theorie und Literatur erlaubt die hypothetische Annahme, dass eine Hinwendung zur – oder zumindest ein Schritthalten mit der – hyperkomplexen Gesellschaft in Strauß’ Texten aufgedeckt werden kann. Den Begriff der Hyperkomplexität definiert Qvortrup als ›Komplexität der 2. Ordnung, das heißt als Komplexität, die auf sich selbst verweist‹92. Dementsprechend ist die hyperkomplexe Gesellschaft als eine Gesellschaft definiert, die sich dessen 91 Jürgen Osterhammel & Niels P. Petterson: Geschichte der Globalisierung. S. 100. 92 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 30. 50 bewusst ist, hyperkomplex zu sein. Ein vollständiges Bild der Gesellschaft lässt sich folglich nur erzeugen, wenn alle Teilbereichsanalysen nebeneinander gestellt oder aufeinander bezogen werden; ein schier unmögliches Unterfangen. Sie ›kann nicht von einem einzelnen Observationspunkt aus (unwichtig ob intern oder extern) überblickt werden, sondern muss von einer Vielzahl von Observationspunkten mit ihrem jeweiligen Code beobachtet werden. Ein Großteil dieser Beobachtungen sind Beobachtungen von Beobachtungen von fremden und/oder eigenen Beobachtungsoperationen. Dies charakterisiert, was ich als das polyzentrische Zeitalter bezeichne.‹93 Weiter gedacht bedeutet es, dass die hyperkomplexe Gesellschaft nicht mehr als Gesamtbild beschrieben werden kann, ohne eine allzu radikale Komplexitätsreduktion zu vollziehen. In der Notwendigkeit einer Vielzahl von Beobachtungsoptiken94 spiegelt sich auch der Verlust eines eindeutigen Selbstbeobachtungsprinzips der Gesellschaft95 wider, woraus Qvortrup ableitet, dass hyperkomplexe Selbstbeobachtungen Beobachtungen von Selbstbeobachtungen von (Selbst-)Beobachtungen sind. Mit anderen Worten (und aus Mangel an Visualisierungsmetaphern) handelt es sich um eine in sich geschlossene hyperkomplexe Beobachtungsspirale oder ein hyperkomplexes Beobachtungsnetzwerk. Die Reflexionen über die Bedeutung und Ausformung von Fleck und Linie, die Strauß in Beginnlosigkeit oder in Oniritti Höhlenbilder im Kapitel „Oniritti Treppauf Treppab“ (OH 249-269) vorstellt, ließen sich (mit Einschränkungen) heranziehen, um Vexierbilder der Hyperkomplexität hervorzurufen. Aufgrund ihres polyzentrischen Aufbaus ist die Hyperkomplexitätstheorie zugleich eine global ausgerichtete Selbstbeschreibungsform.96 ›Hyperkomplexe Gesellschaftssysteme organisieren sich durch selbstgenerierte Ordnungsprinzipien‹97, wobei zu bedenken ist, dass Vernetzung ein lineares und kausales Verweisprinzip außer Kraft setzt.98 Den Beginn der hyperkomplexen Gesellschaft sieht Qvortrup dort, wo die Thesen der Postmodernisten keinen weiteren Anschluss fin- 93 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 30. 94 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 43. 95 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 50. 96 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 52. 97 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 92. 98 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 92. 51 den, also Komplexität ins Unermessliche gesteigert wird.99 Die einzelnen Bereiche der Gesellschaft verselbstständigen sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, verästeln sich feiner, stabilisieren sich. Da sie dabei den einzelnen Menschen in gewisser Weise ausschließen, steigt auch der Druck auf das Individuum, sich in der Gesellschaft zu behaupten. 99 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 193. 53 Teil I: Verbindungslinien »Wir müssen viel systematischer suchen. Die ganze Bibliothek, alles absuchen, überall Spuren vom Thema…« Botho Strauß, Groß und klein Your House is my World, Once I said, Keep me out of your head To wait it out, A thousand years, Didn’t work Still, You would house my world, Within yours Scattered mind, Let me out, Wave goodbye Still, You would house my world, Within yours Apparat, »The Devil’s Walk« »Andere können fabulieren aus anderen Geschichten und Zeiten heraus, oder sie haben eine Methode gefunden, mit gesellschaftlichen Phänomenen umzugehen. Ich habe nur eine Methode: die sich immer verändernde psychologische Geschichte von Menschen. Die psychologischen Verkehrsformen, in denen man sich ausdrückt, sind auch an Veränderungen gebunden.« Botho Strauß, »Zeit ohne Vorboten« »Als Ausgangspunkt jeder systemtheoretischen Analyse hat [...] die Differenz von System und Umwelt zu dienen. Systeme sind nicht nur gelegentlich und nicht nur adaptiv, sie sind strukturell an ihrer Umwelt orientiert und könnten ohne Umwelt nicht bestehen. Sie konstituieren und sie erhalten sich durch Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt, und sie benutzen ihre Grenzen zur Regulierung dieser Differenz. Ohne Differenz zur Umwelt gäbe es nicht einmal Selbstreferenz, denn Differenz ist Funktionsprämisse selbstreferentieller Operationen. In diesem Sinne ist Grenzerhaltung (boundary maintenance) Systemerhaltung.« Niklas Luhmann, Soziale Systeme 55 2: Dilatationen in Grenzbereichen: ›Die narrative Drift‹ der Essays »Mitunter aber will es ihm scheinen, als hörte er jetzt ein letztes knisterndes Sich-Fügen, als sähe er gerade noch die Letzten, denen die Flucht in ein Heim gelang, vernähme ein leises Einschnappen, wie ein Schloß, ins Gleichgewicht. Danach: nur noch das Reißen von Strängen, gegebenen Händen, Nerven, Kontrakten, Netzen und Träumen.« Botho Strauß, »Anschwellender Bocksgesang«100 2.1 Positionierungen zum Theater: Der Versuch, Ästhetik & Weltspiegelung zusammenzudenken Botho Strauß verortet seine Texte in einem hoch angesiedelten, nicht leicht einzunehmenden Geäst aus Rückblick auf Hohes, Herabblick auf Niederes und Vorausblick auf Kommendes. Seine in jüngster Zeit zumeist im Spiegel, in der Zeit oder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Essays nehmen Anlass im aktuellen Zeitgeschehen oder in Personenereignissen. Vielen von ihnen fehlt der Verschleierungsduktus der Prosatexte, während andere, vor allem der Essay »Anschwellender Bocksgesang«, sich gezielt der sprachlichen Barrikade bedienen. Strauß’ Stil, Vorgehensweisen und Positionen sind bewusst vieldeutig und erlauben vielschichtige Interpretationen. »Der Erzähler Strauß ist keiner, der es sich und seinem Publikum leicht macht«, schreibt Volker Hage über Strauß, der als Autor »sowohl kulturelles Gedächtnis wie auch Neugier auf sprachlichen Reichtum sowie auf überraschende Konfrontationen zwischen heute und gestern, Alltag und Mythos voraus[setzt]«101. Peter Bürger formuliert das Schaffensprinzip als »Mittel der Irritation«102 und Stefan Willer spricht von 100 Botho Strauß: »Anschwellender Bocksgesang«, Spiegel-Fassung vom 8.2.1993. 101 Volker Hage: Letzte Tänze, erste Schritte. Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 140. 102 Peter Bürger: »Das Verschwinden der Bedeutung. Versuch einer postmodernen Lektüre von Michel Tournier, Botho Strauß und Peter Handke«. S. 305. Die Aussage fiel im Kontext einer Diskussion, inwieweit der Titel Theorie der Drohung auf einen literarischen oder wissenschaftlichen Text hindeute, dessen Resümee tref- 56 »einer philosophisch-literarischen Ästhetik der Diskontinuität« sowie von »Inszenierungen gedanklicher Flüchtigkeit«103, die die Essays präge. Ungeachtet dieser äußerst treffenden Feststellungen scheinen die Essays neben der Möglichkeit der Thesendiskussion auch für ein Provokationsgebaren in Richtung der Medien zu stehen, denn es lässt sich in der Veröffentlichungspraxis ein experimenteller Ansatz der gezielten Publikumssteuerung erkennen, die erfahren will, welche Reaktionen auf die als eigenständige Essays veröffentlichten Vorstudien späterer Textbände folgen. Und sie erscheinen fast immer dort, wo sie die Stammleserschaft am stärksten zum Diskurs und Disput herausfordern, wodurch sie auch Teil eines größeren, nach Düllo driftenden und nach außen orientierten entwicklungskritischen Werk- und Wertediskurses werden, der in der Phase nach 1990 an Deutlichkeit gewinnt, wenngleich Strauß’ Auseinandersetzung mit Themen wie Gesellschaft, Globalisierung und Individualisierung bereits die frühen Texte prägt. Auffallend ist die Intensivierung – vor allem durch den »Bocksgesang« – nach dem Mauerfall, welche mit einem Verweis auf Helga Arend vielleicht auch als unverhofftes »Erlösungskonzept« gegen »festgefahrene politische Denkraster« gesehen werden kann.104 Frühe Tendenzen einer schonungslosen Zeitaktualität sieht Rolf Michaelis bereits 1975 in der Zeit und resümiert in seiner Besprechung der Erzählung Marlenes Schwester über den Autor, dass dieser »Kritikerkollegen durch Analysen von einer ästhetischen Empfindlichkeit, zeitkritischen Reizbarkeit und sprachlichgedanklichen Subtilität, die sich oft auch wiederholtem Lesen kaum erschließen«105, verwirrt. Thomas Oberender konstatiert das in seinem Vorwort zum Gebärdensammler ähnlich, jedoch ohne negative Konnotation. Wichtig ist ihm, die Vielseitigkeit und gedankliche sowie poetische Intertextualität des Rezensenten und Dramaturgen hervorzuheben: »Eine geschlossene Theorie der Theaterkunst oder Literatur ist daraus [d.h. aus den Theaterkritiken, S.P.] nie entstanden, vielmehr wurden die Gedanken selbst ein Teil seiner Dichtung – Bücher wie Paare, Passanten, Niemand anderes oder Beginnlosigkeit, aber auch die Dramen, Gedichte, Erzählungen und Romane des Autors sind geprägt von der ›Sucht der Ideen‹, sind ›Refend lautet: »vielmehr benutzt [Strauß] die Theoriesprache als einen Diskurstyp neben anderen, d.h. als künstlerisches Material« (ebd.). 103 Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. S. 95f. 104 Helga Arend: Mythischer Realismus: Botho Strauß’ Werk von 1963 bis 1994. S. 223. 105 Rolf Michaelis: »Stimmen-Meer im Kopf«. 57 flexionspoesie‹ selbst dort, wo sich der Dichter in der argumentativen Form der Rede oder des Essays äußert. Innerhalb seiner Reflexionen verbinden sich die unterschiedlichsten Bereiche seiner Überlegungen immer wieder übersprungsartig und bilden zwischen Anekdote und Studie, Gespräch und Beschreibung ein dichtes Feld. Im Grunde ist dieses Gewebe nicht ordnend aufzulösen […]. Aus den inneren Korrespondenzen und äu- ßeren Bezügen dieses verzweigten und beweglich gebliebenen Denkens entsteht kein Theoriegebäude, wohl aber eine dynamische Kontur, die den Autor und seine Poetik überaus kenntlich werden läßt.«106 Oberender, der ein fundierter Kenner des Strauß’schen Werkes ist, beachtet in seinem Vorwort jedoch nicht die anwachsende Diskussion globaler Zusammenhänge. Sein Verweis auf die Existenz eines größeren Zusammenhanges im Werk deutet zwar in diese Richtung, allerdings werden weder Globalisierung noch Globalität als zentrale Kategorien oder werkexterne Trigger ausgemacht. Wenn Oberender an einer Stelle anmerkt, dass »[d]ie Struktur der Grenzüberschreitung und Auflösung, welche die Werke von Botho Strauß von Beginn an prägt, [...] unhintergehbar« erscheint, verfolgt er den richtigen Ansatz, denkt ihn aber nicht zu Ende, denn er verweist lediglich auf »Themenkreis[e]« und »übergreifende Zusammenhänge«, auf »Passagen, die sich durch die Nachbarschaft zu anderen Überlegungen scheinbar lose zu Themenkreisen fügen«107, welche nicht exemplifiziert werden. Die Essays stellen Mahnbilder mit einer Gegenwartsverankerung dar, die sich ebenso um Themen wie Digitalisierung, Vernetzung und Exklusion108, die Welt als Systemganzes, Krisen oder Heimat und Verlust 106 Thomas Oberender: »Vorwort« zu Botho Strauß: Der Gebärdensammler. Texte zum Theater (S. 9f.). 107 Thomas Oberender: »Vorwort« zu Botho Strauß: Der Gebärdensammler. Texte zum Theater. S. 11. 108 Im Verlauf der Gesellschaftsentwicklung änderte sich die Tragweite von Exklusion dahingehend, dass ihr lebensbedrohliches Ausmaß, das sie in segmentären Gesellschaften innehatte, schwand. In stratifizierten Gesellschaften war das Individuum nach wie vor davon abhängig, Teil einer Einheit zu sein. Im Mittelalter bildeten sich in den wachsenden Städten jedoch allmählich Zünfte heraus, damit verbunden fand eine Binnendifferenzierung der Stände statt. Durch Organisation, Kooperation und Wissensaustausch entstanden räumlich verstreute und somit größere gesellschaftliche Einheiten. Mit der Urbanisierung wuchs die Zahl derer, die nicht in direkter Weise in eine größere Einheit inkludiert waren, jedoch in Abhängigkeit von ihr existieren. In dieser Übergangsphase gab es, wie Niklas Luhmann feststellt, »auch schon eine sehr große Zahl von haus- und herrenlosen 58 Menschen, von Vaganten, Bettlern, entlaufenen oder ausgewiesenen Jugendlichen, desertierten oder entlassenen Soldaten, amtslosen Klerikern, die ein Rekrutierungsreservoir für gelegentlichen Arbeitsbedarf, später auch für Handels- oder Kriegsmarine und schließlich, bei erneuter Exklusion, für die Piratenschiffe der Frühmoderne darstellten. Die Exklusion ist unter anderem daran zu erkennen, daß Reziprozität unterbrochen wird. Mönche, Bettler etc. empfangen Almosen, aber entgelten sie nicht. Der Ausgleich wird übers Jenseits, über Gott geleitet. Er erfolgt fiktiv. Auch zum Exklusionsbereich wird also immer noch eine Art Sozialbeziehung unterhalten – in der Form eines Sonderstatus der Mönche, in der Form von Mildtätigkeit, in der Form der territorialstaatlichen Versuche der Wiedereingliederung über Arbeitsbeschaffung. Auch bedeutet das Unterwegssein, Umherziehen, Wanderschaft schon im Mittelalter keineswegs eo ipso Ausschluß aus der Gesellschaft. Aber die Inklusion bleibt doch, weil sie reguläre, erwartungsbildende Interaktion erfordert, an Seßhaftigkeit gebunden« (Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 244). Ohne diese Ausgeschlossenen wäre die gegenwärtige Globalisierung undenkbar, denn just diese Menschen, die nichts außer dem Leben zu verlieren hatten, heuerten auf den Handels- und Expeditionsschiffen an und trugen zur Etablierung eines weltumspannenden Handels bei (vgl. auch Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals). Mit Eintritt in die Moderne und der Entstehung der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft ändert sich erneut die Bedeutung gesellschaftlicher Exklusion und Inklusion. Sie wird vielschichtiger in ihren Möglichkeiten und findet durch Einbindung in Funktionssysteme statt: »Aus strukturellen Gründen muß die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft auf eine gesellschaftseinheitliche Regelung von Inklusion verzichten. Sie überläßt diese Frage ihren Funktionssystemen« (Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 246). Die Teilnahmemöglichkeiten an Funktionssystemen sind – solange die Codes beherrscht werden – unbegrenzt und in funktional ausdifferenzierten Gesellschaften ist es leicht, die »Exklusion, aus den Augen« (Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 249) zu verlieren. Luhmanns Ergänzung gilt uneingeschränkt auch für das auf Selbstexklusion bauende Schreiben von Botho Strauß: »Was hier auffällt, ist zunächst einmal eine Art semantisches und ästhetisches Wiedereinbringen der Exklusion in den Inklusionsbereich: eine Ästhetik der Langsamkeit und des Zurückbleibens […]; die bewußte Provokation von Abweisung als Kunst der Entlarvung von Gesellschaft« (Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 249). Hieraus leitet sich auch die Unmöglichkeit ab, Dinge ohne Anknüpfung/isoliert zu betrachten. Nicht-Vernetztes ist dennoch verknüpft, weil es durch die Unterscheidung mitgedacht wird. Nichts und niemand kann gegenwärtig vollständig gesellschaftlich exkludiert sein, ohne nicht zu existieren. Das gilt für das Beobachtete wie auch für den Beobachter, der durch die Beobachtung zur Umwelt des Systems wird. Auf den Untersuchungsgegenstand bezogen wird somit klar, dass Beobachter der einzelnen Funktionssysteme nicht vom System losgelöst ihre Beobachtungen vornehmen können. Beobachter wie Botho Strauß können sich also nicht aus dem Bezug zum System, das sie beobachten, herauslösen. 59 drehen oder über das Mittel einer Heldenverehrung Projektionen auf frühere Gesellschaftsphasen (und vice versa) vornehmen. Strauß formuliert es in Die Fehler des Kopisten als erfahrungsprägenden wie nachhallenden »Heroenkult der Moderne« (FDK 78), ohne zu einer definitiven Antwort darauf zu kommen, »wie so unterschiedliche, scheinbar unvereinbare Werke zu gleicher Zeit miteinander konkurrieren können und in ihrer Heterogenität nichts Verläßliches über ihre Zeit aussagen. Je intoleranter sich der einzelne Künstler gegen das Werk des anderen verhält, um so marktgerechter wird, was er herstellt: es überragt den anderen nicht, es vereinzelt ihn nicht. Daß die Werke sich in ihrer individuellen Stilgebärde untereinander ausschließen und doch jederzeit miteinander in Erscheinung treten und nebeneinander bestehen können, zeugt von ihrer eingewurzelten Toleranz, einer tieferen, als sie der radikale Künstler besitzt, der seine Subjektivität überbetont und gleichwohl keine tonangebende Wirkung erzielt.« (FDK 78) Diese Thematik wird über Zeit- und Inhaltslinien und somit über die Grenzen der einzelnen Texte hinweg besprochen. Die Gattung des Essays besteht im Wortsinn aus Versuchen und unabhängigen Betrachtungen, wie Christian Schärf in seiner Studie zur (Gattungs-)Geschichte des Essays erläutert: »Essay bezeichnet auf diesem Terrain den immer wieder offenen, immerfort schwierigen Raum, in dem das Subjekt und der Wille zum Ausdruck aufeinanderstoßen. Das ist ein Konstellationsrahmen, der ständig neu ausgefüllt werden muß und dessen Problemstellungen nach originären und originellen Lösungen verlangen. Es geht also darum, die offene Struktur der Produktivität, die sich im Verlauf der Neuzeit unter stets neuen Vorzeichen dem Subjekt immer wieder darbietet, durch den variablen Begriff des Essays auszuleuchten.«109 Den Essay als Versuchsraum zu betrachten, unterstützt indirekt auch die Wahrnehmungsform, dass Texte in ein Gewebe aus vielen Texten eingehen. In Anlehnung an Strauß und Schärf können Essays in Verhältnisse gesetzt werden – Themen, Personen, Orte und so weiter – und eine derartige Vorstellung profitiert von einer räumlichen Wahrnehmung, die sich durch Vernetzungsmetaphern bebildern lässt. 109 Christian Schärf: Geschichte des Essays: Von Montaigne bis Adorno. S. 9. 60 In Essays kann der Schreibende die Wirklichkeit anders thematisieren als in Prosa oder wissenschaftlichen Analysen, denn der Essay repräsentiert eine selektive und höchst subjektive Beschreibungsform, die Stil oder Leitdifferenzen aus verschiedensten Bereichen adaptieren kann. Strauß beobachtet in den frühen essayistischen Theaterkritiken und eigenständigen Essays die Veränderungen der Gesellschaft geringfügig anders als in seinen Prosatexten, er abstrahiert dort häufig von einem konkreten Gesehenen und bleibt näher an der Wirklichkeit, in etwa durch die Weise, wie Gesellschaft verarbeitet wird oder Personen beschrieben werden. Das bedeutet indes nicht, dass Strauß’ Essays leichter zugänglich wären, wie insbesondere sein »Anschwellender Bocksgesang« gezeigt hat, in dem sich Sprache und Struktur einer vorschnellen Vereinnahmung widersetzen. In diesem Sinne versuchen die Essays bisweilen so widerspenstig zu sein, dass sie nicht unmittelbar und einstimmig auflösbar sind; ihre Hermetik schützt sie vor vollständiger Vereinnahmung.110 Kommunikative Anschlüsse und Vernetzungen unter einer spezifischen Sicht sind dennoch, wie dieses Kapitel zeigt, möglich. Was nun die Integration der Essays in das Gesamtwerk von Botho Strauß betrifft, stehen diese an einer Schnittstelle, da sie Verbindungen mit dem Prosawerk ermöglichen und zugleich Erklärungen für dahinter liegende Denkmuster liefern, wie es beispielsweise am Ausbau des Essays »Wollt ihr das totale Engineering?« zum Prosatext Der Untenstehende auf Zehenspitzen ersichtlich wird. Intertextuelle Bezüge zwischen einerseits Arbeitsskizzen, Vorstufen und selbstständigen Essays und andererseits Essay-Fragmenten in den Prosatexten intensivieren die kommunikativen Anschlüsse und stilistischen Wechselbeziehungen zwischen ihnen und bestärken den Eindruck, man habe es bei Strauß mit einem Autor zu tun, der eine Kommunikationsbestrebung in verschiedene Gattungen kodiert, und dass Genrevermischungen innerhalb dieses Verfahrens sowohl intertextuelle Spielereien als auch fortlaufende Positionsbestimmungen sind.111 Inhaltlich vermitteln die Texte eine konservative und zuweilen fühlbar anti-liberale Geistes- 110 Der Briefwechsel zwischen Strauß und Franz Wille, Redakteur von Theater heute, im Anschluss an den Nachdruck des Essays in der Anthologie Die selbstbewußte Nation verdeutlicht den Konflikt zwischen literarischer Äußerung und Diskursvereinnahmung. Vgl. Franz Wille & Peter von Becker: »Bekenntnisse eines Unpolitischen? Ein Briefwechsel mit Botho Strauß«. 111 Vgl. hierzu auch Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. Willer konzentriert sich auf die Gattung der »essayistischen Reflexionsprosa« (S. 94) wie Paare, Passanten oder Niemand anderes und weniger auf die kürzeren Essays, bei denen es sich zumeist um Beiträge in nicht von Strauß herausgegeben Publikationen handelt. 61 haltung, der es darum geht, die Reste eines schwindenden hochkulturellaufrichtigen Weltbildes zu bewahren, ohne jedoch übertrieben verbissen und dogmatisch zu sein, hier und da schimmern Strauß’ Ironie und Larmoyanz hindurch. Für sich betrachtet und unter der Prämisse der angenommenen Autorauthentizität gelesen, ist es als eine Art Lektürespiel möglich, die Essays als zusammenhängendes Kapitel einer Strauß’schen Geistes-Monographie zu rezipieren und diese ad hoc thematisch unter dem Aspekt Globalisierung neu zu ordnen. Dieses Kapitel konzentriert sich vorrangig auf die kürzeren, eigenständig publizierten Essays, hierunter die besagten Theaterkritiken. Die für die Globalisierungskonzeption wichtigen, essayistisch aufgebauten längeren Prosatexte werden in Teil II und III gesondert untersucht. 2.2 Beobachtungen der Bühne: Versuche zur Einheit der Differenz von Theorie & Prosa Am Beginn seiner schreibenden und schriftstellerischen Tätigkeit verfasste Strauß als Redakteur bei Theater heute vor allem Kurztexte und Rezensionen, in denen er die auf der Theaterbühne dargestellten gesellschaftlichen Zustände reflektierte. Der Band Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken beinhaltet eine Auswahl dieser Arbeiten aus den Jahren 1967 bis 1986, der Band Der Gebärdensammler setzt die Dokumentation der Texte von 1967 bis 1999 fort. Strauß führte als Rezensent (und führt sie gelegentlich immer noch) eine Paralleldiskussion bestehend aus theoretischen Betrachtungen zur eigenen Stückeproduktion und dem beobachteten Bühnengeschehen, auf die jenes Credo anwendbar erscheint, das der Soziologe Dirk Baecker äußerte: »Die gesellschaftliche Funktion, die das Theater erfüllt, erfüllt es als Kunst«112. Strauß verwebt in seiner Theater- Theorie – oder doch eher die Einheit der Differenz von Theater/Theorie113 – die Ereignisse auf der Bühne mit ihren Schaffensbedin- 112 Dirk Baecker: »Vorwort« zu Wozu Theater?. S. 7. 113 Diese Alternative stellt sich in Anlehnung an eine englischsprachige Einführung in die Theatertheorie, der auch das Wortspiel entliehen ist. In theory/theater: an introduction geht Mark Fortier der Frage nach, in welchem Schaffenszusammenhang Überlegungen zur Ästhetik und Politik gegenwärtig angestellt werden können (vgl. S. 173 – 181). Fortier betont das Unverbindliche in der Auseinandersetzung: »[P]ostmodern performances do not contain explicit commentary or take political positions, but raise uncertainties by representing our own compromises, without taking a clear position« (S. 181). 62 gungen und konfrontiert (wie es der Anthologie-Titel ausdrückt) Ästhetik mit Politik und synthetisiert diese Themen mit gesellschaftlichen Fragen. Und er konzentriert sich auf einen eng abgesteckten Teilbereich der Gesellschaft und bewertet das Theater als Ort der Reflexion gesellschaftlicher Fragen. In den frühen Texten können sich (wie es in der Natur der Sache liegt) nur schwer konkrete Bezugnahmen auf gegenwärtige Ausformungen der Globalisierung finden, jedoch fällt in der folgenden Retrospektive vor allem Strauß’ feines Gespür für die Veränderungen der Gesellschaft auf, welche wiederum aus heutiger Sicht als die hypersensible Wahrnehmung der (und von der Nachkriegsgesellschaft unbemerkt) erst aufkommenden und dann an Geschwindigkeit zunehmenden Globalisierung interpretiert werden können. Eine Annäherung ist aus den genannten Gründen durchaus lohnenswert, um jene zaghaften Ansätze von Grenzauflösungen und gesellschaftlicher Ausdifferenzierung herauszuarbeiten, die sich im Rückblick als Merkmale der Globalisierung herausstellen. Sie ermöglicht es auch, den gedanklichen und thematischen Gär- beziehungsweise Entwicklungsprozess der nachfolgenden fünf Dekaden intensiver verfolgen und freilegen zu können, zugleich schafft sie auf diese Weise einen behutsamen Einstieg in die zuweilen thematisch überwältigende Globalisierungskonzeption von Botho Strauß, dessen Theater-Beobachtungen, wie sich im Anschluss zeigen wird, darüber hinaus den Nährboden für das spätere Schreiben als Dramaturg, Dramatiker, Essayist und Prosaist bilden. Seine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Politik und Kunst in den turbulenten Umbruchjahren nach 1967 bestimmt die weiterführende Beschäftigung mit politischen und gesellschaftlichen Fragen. 2.3 Die Bühne als Weltersatz I: Innen/Außen-Differenzen In einem Gedanken zur Modernisierung des Bühnengeschehens in den politisch aufgeladenen 1960er und 1970er Jahren formuliert Strauß unter dem Titel »Die neuen Grenzen« Ansichten zu den theaterinternen Grenzverschiebungen, Grenzüberprüfungen und Genrevermischungen, die er als »Grenzgänge, Grenzüberschreitungen im Sinne des intermedialen Verkehrs zwischen darstellenden, filmischen, bildnerischen und musikalischen Mitteln« als Erweiterung der »Form des Gesamtkunstwerks […] unter technokratischen Verhältnissen und Einflüssen, gleichsam als Symbol für deren hochdifferenzierten Funktionalismus« versteht – und dieser Erweiterung »liegt weniger daran, die Selbständigkeit der einberaumten Bereiche zu fördern als vielmehr das funktionierende Ganze im Auge zu behalten, und 63 daher rührt, in Mixed-media-Veranstaltungen, die prinzipielle Primitivität der einzelnen Kunstdisziplinen.«114 Und Strauß schließt an: »Diese Phase scheint heute bereits durchschritten. Der expansive Zug, welcher die Bereicherung an ästhetischen Reizen schleunig antreibt, hat das Gefüge der traditionellen und der technischen Medien verlassen und sich die Wirklichkeit selber zum ›Objekt‹ gewählt. Damit einher geht eine totale Entgrenzung der ästhetischen Erfahrung, welche zwischen künstlerischer Aktivität und gesellschaftlichem Leben alle Distanzen beseitigt sieht, die konkrete Umwelt, die Konflikte der bestehenden Verhältnisse auf gänzlich entzweckte, formalisierte Weise erlebt.«115 Unterhalb des zeittypischen und heute abgehackt wirkenden Duktus der Rezension klingt die Entwicklung hin zur späteren, umfassenden Gesellschafts- und Medienkritik an. Die beschriebene Grenzüberschreitung impliziert die Existenz mehrerer voneinander abgegrenzter Bereiche, die nach Möglichkeit in einem Ganzen münden sollten, was anfangs noch durch Technik beziehungsweise technische Verflachung oder Ziellosigkeit erschwert wird, später hingegen scheint dieses Problem durch eine nach innen gewandte Selbstreferenz und Landnahme einer neuen Beobachtungsposition auf die Welt überwunden. Doch ist es zulässig, diese Passage so zu verstehen, dass eine Abkehr vom Medialen zugleich eine legitime Problemlösung ist? Die Bedingungen hierfür scheinen mit und in der Grenzziehung geschaffen, die über deutlich markierte Grenz- und Wirkungsbereiche der Kunst auf dem Feld des Gesellschaftlichen vollzogen wird; auffallend ist auch der Neologismus »Mixed-media-Veranstaltungen«, der später von Strauß in ähnlicher Form als »Mixed-Media-Welt« (WTE) wieder aufgegriffen wird. Die Kritik am Politischen ist nur vordergründig, denn Strauß weist »der linken wie der rechten künstlerischen Avantgarde«116 dieselben Mechanismen zu, wodurch die politischen Inhalte indifferent werden und zwischen aufklärerischen und aktivistischen Tendenzen verlaufen. 114 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen«. In: Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. S. 37. Die Rezensionen werden im Folgenden mit ihrem jeweiligen Titel genannt. Die Angabe der Seitenzahlen erfolgt bei jenen Essays, denen keine eigene Sigle zugewiesen wurde, zur Verdeutlichung der Publikation zusätzlich mit der Sigle VÄP beziehungsweise AUF für die Anthologie Der Aufstand gegen die sekundäre Welt; es wird die dritte Auflage aus 2012 benutzt. 115 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 37). 116 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 37). 64 Auf Strauß’ Betrachtungen folgen kurze Detailanalysen zu einigen zeitgenössischen Stücken und ihren Aufführungen, die in einem gemeinsamen Fazit münden. »[D]er einfache Widerspruch«117 zwischen zwei Positionen ist aus ästhetisch-politischer Sicht nicht ausreichend, nicht befriedigend, und begründet sich laut Strauß aus der Spannung einer Zwangsanpassung des »ästhetische[n] Konzept[es]«118 oder einer bewussten Ausblendung desselben. Insofern ist die Abkehr von allzu plakativer Medienfokussierung und -einbindung tatsächlich eine adäquate Lösung, sofern mit ihr eine Auseinandersetzung mit Gesellschaft abseits ebenso plakativ-greller Inszenierungen und »polarisierende[r] Differenzen und Widersprüche«119 einhergeht. Derlei Widersprüche bestehen auch in der Suche nach einer neuen Form im Spannungsfeld »der Auseinandersetzung [...] mit den eigenen Traditionen«120. In Überlegungen zu Peter Handkes frühen Theaterproduktionen sowie zu zwei theoretischen Dramaturgie-Aufsätzen, die Handke für die Zeit schrieb, baut Strauß diesen Ansatz aus. Aus den Zeit-Aufsätzen geht laut Strauß hervor, dass Handke den Zuschauern eine aktive Rezipientenrolle zuteile, nach der auch »Zuschauen Kunst sei, zumindest Arbeit«121. Die Aussage ist für die hier angelegte Perspektive dahingehend relevant, dass die frühen Stücke von Botho Strauß eine vergleichbare Ästhetik und Herangehensweise an die Verbindung (um nicht Unterscheidung zu sagen) von Bühne und Publikum aufweisen. Es geht ihm insbesondere um die Methode der genauen Beobachtung des Bühnengeschehens und der anschließenden Überführung in die soziale Realität. Das Theater wird, so Strauß über Handke, »in seine Guckkastenbeschränkung verwiesen«; aus dieser Sicht ist »jede aktive Wechselseitigkeit zwischen Bühne und Publikum« als »obszön« verschrien und das Publikum hat das Gesehene aktiv und ohne Interaktion zu verarbeiten, das heißt »diese Abstrakta auf seine eigene Situation draußen konkretisieren«122. Somit wird durch die Bühnen- Beobachtung des Publikums eine Differenz vorangetrieben und konstruktiv genutzt. Beobachten ist Arbeit und erzeugt eine Wechselbeziehung zwi- 117 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 48). 118 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 48). 119 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 51f.). 120 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 59f.). 121 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177). 122 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177). 65 schen der Bühnendarstellung der Gesellschaft und der wirklichen Gesellschaft, so wie das Publikum sie draußen erlebt und mitgestaltet. Der Briefdialog zwischen dem Systemtheoretiker Peter Fuchs und dem Lyriker Ferdinand Schmatz beschreibt eine derartige Decodierung als »Entschlüsselungsarbeit«123, der wiederum eine Art Verschlüsselungsarbeit vorausgeht, was jedoch nicht nicht-entkodierbar heißen soll, sondern so verstanden werden soll, dass in der Kommunikation die Kontingenz und treffender noch die doppelte Kontingenz bedacht werden muss: Wie sieht verlustfrei gesteuerte Kommunikation aus, wenn selbst der Dichter nicht weiß, wie kontingent ein Text ist? Ein Problem, das Strauß bis in die Gegenwart hinein verfolgt (vgl. LDT 22f.). Zur ›Arbeit‹ gehört auch, dass die Reaktion auf den Text abhängig von der Vorprägung des Lesenden beziehungsweise des Zuschauers erfolgt. Die Interpenetration zwischen Texten und psychischen Systemen (das heißt: der durch Bewusstsein sozial kommunizierende Mensch) ist in jedem stattfindenden Fall individuell und schafft Raum für sowohl Anschlüsse wie für Fehlinterpretationen.124 Im Zusammenhang mit der Hyperkomplexität bietet sich ein weiterer Verweis auf Baeckers Theaterbetrachtungen an, in denen er betont, »dass das Theater wie keine andere soziale Form zur Beobachtung zweiter Ordnung herausfordert und die Beobachtung zweiter Ordnung vorführt«125. Insbesondere das neue Theater der 1960er und 1970er fordert, wie Strauß in dieser Schaffensphase betont, ein waches und politisch interessiertes Publikum, dem Herausforderungen durchaus zugemutet werden (können). Strauß führt in seiner Kritik weiter aus, dass »[d]as im Theater, ›drinnen‹, Gezeigte [...] nach Möglichkeit einen Doppelpunkt nach ›draußen‹ hin setzen [soll]: in der Außenwelt sollen die Erfahrungen des Theaters anwendbar gemacht werden«126. Strauß bezieht bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Stellung gegen Handkes Sicht auf die Differenz von Innenwelt und Außenwelt.127 Die Kritik an diesem Ansatz begründet sich darin, dass die vorgenommene Trennung und Gegenüberstellung von konträren Welten nur eine »totale Ästhetik«128 und 123 Peter Fuchs & Ferdinand Schmatz: ›Lieber Herr Fuchs, lieber Herr Schmatz!‹: eine Korrespondenz zwischen Dichtung und Systemtheorie. S. 32. 124 Vgl. Piotr Sadowski: From interaction to symbol: a systems view of the evolution of signs and communication. S. 69. 125 Dirk Baecker: »Vorwort« zu Wozu Theater?. S. 7. 126 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177f.). 127 Vgl. Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177f.). 128 So die Zwischenüberschrift in der Rezension, vgl.: Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177). 66 somit nicht authentisch ist, die folglich in dieser Form laut Strauß ein »Denkfehler«129 sei, so lange die »kunsttheoretischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen«130 nicht verstanden werden. In Anlehnung an das zuvor Geschriebene verlangt Strauß einen kompli-zierteren, gar komplexeren Widerspruch jenseits eines (zu) einfachen Schemas. Ein Ansatz ist es, die Handlung in das Bewusstsein zu verlagern.131 Weil dies jedoch auf der Bühne schwer zu realisieren ist – wenn überhaupt, dann am ehesten noch über sprachliche Äußerungen wie Monologe, Bühnen-kommentare aus dem Off oder durch Übertitel –, müssen andere Strategien entwickelt werden. Beispielsweise jene, die in einer Inszenierung von Thomas Bernhards Stück Ein Fest für Boris als »hilflos grotesk[e] Befreiungsversuch[e]« ausgeführt werden, »um der mörderischen Klausur, der Inwendigkeit des Denkens zu entkommen« und zugleich »›gesellschaftliche Realität‹«132 darstellen zu können. Strauß betont die Notwendigkeit einer Transformation: Das Innere kann nur über Anpassungen und Vermittlung – also kommunikative Verfahren – in das Äußere übertragen werden, nie direkt.133 Die selbstreferentielle Innenperspektive ›Kopf‹ (zweitrangig mit welcher Darstellungsform sie verdeutlicht wird) ist Strauß ein Haltepunkt und Gegenort zur offenen Bühne, trotz aller vagen Bewusstseinsbedingungen, die dies impliziert. In »Die neuen Grenzen« zitiert er das Stück Paradise now der so genannten ›Living Theatre‹-Gruppe: »›What is the prison you are in now?‹, fragen die Lebenden die Toten, Antwort: ›The Head‹«134. Einer Betrachtung über Martin Walser stellt er die Überschrift »Die Gegenwart unter der Schädeldecke«135 voran. In Verbindung mit dem Welt/Kopf-Schema kann darin ein vorsichtiges Anschlagen eines nachhallenden und anwachsenden Leitmotivs gesehen werden, das er 20 Jahre später in der Büchner-Preis- Rede »Die Erde – ein Kopf« in umfassenderer Weise zur Geltung bringt 129 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 178). 130 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 178). 131 Vgl. zu diesem Aspekt auch Helga Arend: Mythischer Realismus. Arend betont, dass für Strauß »das Theater für die soziale Realität am Ende folgenlos bleibt«, weshalb Strauß sich hauptsächlich der »Drinnenwelt« zuwende (S. 25). Die ersten Prosatexte von Strauß sind, wie Günter Blöcker es zusammenfasst, Innenweltspiele. 132 Botho Strauß: »Komödie aus Todesangst« (VÄP 235). 133 Vgl. Botho Strauß: »Inszenierte Erinnerung«. 51f. 134 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 47). 135 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 60). 67 und im Anschluss in weitere Texte einfließen lässt, unter anderem auch in Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte. All zu starke Selbstreferenz deutet Strauß – in der Frühphase noch kryptisch formulierend – als »introspektiv[e] Erlebnisweise gesellschaftlicher Umwelt«136, die es beinahe ausschließt, politisch geprägte Stücke schreiben zu können. Thomas Assheuer verweist rückblickend darauf, dass Strauß jedoch schnell erkennen würde, dass »die Bilanz ernüchternd aus[fäll], denn sowohl das revolutionäre Desillusions- wie auch das bürgerliche Dekorationstheater beseitigen die kritische Spannung zwischen Kunst und Leben, zwischen Ästhetischem und Außerästhetischem«137. Nivellierung scheint ein generelles Problem des Theaters zu sein und als Rezensent sieht Strauß die Gegenüberstellung aus Innenperspektive und Außenwelt als eine Diskussion der konfliktgeladenen politischen Auflösungserscheinungen im Spannungsfeld hoher und neuer (aber nicht unbedingt niederer) Theaterkultur und formuliert eine entsprechende Kritik über Fassbinders Theaterstücke und Bearbeitungen: »Was in diesen Stücken verhandelt wird – Geldgeschäft und Zärtlichkeit (Kaffeehaus), Minderheitenhaß, Brutalität und sexuelle Perversion (Katzelmacher, Pre-Paradise-Sorry-Now) – umkreist jeweils eine Wundzone sozialpsychologischer Desintegration, ohne nur im mindesten auf die Ursprünge der Konflikte einzugehen, um nur ja nicht die Oberflächen-Sinnlichkeit, die manieristische Lakonik der Sprache, die schmerzlich-schöne Ansicht der Misere zu gefährden. Diese Poesie ist bereits so flach wie die Münze, die sich aus ihr schlagen läßt. Und das ist absolut nicht kulturpessimistisch gemeint.«138 Es handelt sich um etablierte Topoi und die Themenvielfalt ließe sich ebenfalls durch spätere Strauß-Stücke exemplifizieren und auf ähnliche, aber nicht abgeklatschte, Schlussfolgerungen oder Bezüge verdichten – Geldgeschäft und Zärtlichkeit bilden die Grundmotive in Groß und Klein und Der Narr und seine Frau), Minderheitenhaß, Brutalität und sexuelle Perversion in Schändung und mit Einschränkungen auch in Die Hypochonder. Dahinter liegt der genannte Konflikt, der in eine Etablierung neuer Theaterformen mündet, und ein grundlegendes Problem der Umbruchphase 136 Botho Strauß: »Albee, der Broadway und der Tod« (VÄP 156). 137 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. S. 18. 138 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 67f.). 68 Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre verdeutlicht: Die Provokation benötigt neue Foren, was immer dann erkennbar wird, wenn Intention und Inhalt nicht vereinbar sind und sich dies in einer misslungenen Überführung zeigt. Vielleicht ist es diese Erkenntnis, die Strauß motivierte, die Seiten zu wechseln. Die Rezensionsschau »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« vereint weitere Aussagen zu den Versuchen einer »Nachahmung der realistischen Außenwelt« gegenüber »einer psychedelischen Innerlichkeit«139. Strauß orientiert sich an der bürgerlichen Bühne mit ihren etablierten Spielstätten und Kontexten, worin die Strategie liegt, die Gesellschaftskritik dort stattfinden zu lassen, wo sie sich am leichtesten an das gewünschte Publikum adressieren lässt. In Anlehnung an das zuvor Geschriebene ›ist Zuschauen Arbeit‹140. Grelle, laute oder allzu plakative141 Bühnendarstellungen – egal ob im dezidiert anti-bürgerlichen142 oder im so gesehen etabliert kulturellen Theater – können ein Publikum schnell brüskieren und erzielen dadurch lediglich Ablehnung, aber kein Umdenken; exemplarisch zeigt dies ein Querschnittsbild aus verschiedenen Aufführungen, die Strauß 1970 besuchte. In 139 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 64). 140 Vgl. Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177). 141 Vgl. hierzu auch die Negativ-Besprechungen verschiedener Aufführungen einiger gesellschaftskritischer Subversionsstücke, in dem die Bühnendekoration teilweise aus echtem Wohlstandsmüll und realem Erbrochenen bestand und die statt auf der etablierten Bühne in dunklen Kellern gespielt wurden. Botho Strauß: »Was heißt Frustration?« (VÄP 215-221). 142 Vgl. hierzu auch Botho Strauß: »Ein Traum von einem Stück und böse kleine Leute« (VÄP 194). Dort heißt es – vielleicht nur zufällig entlang der Luhmann’schen Leitdifferenz für Kunst, gut/schlecht, – die Gegensätze bündelnd: »Natürlich führte das ›Antitheater‹ zunächst mit ›schlechter Kunst‹ eine aggressive Parole gegen die verdorbene wahre-schöne-gute Kunst im Munde, die einfach nicht verenden wollte. Aber mittlerweile gehört das ›anti‹-Pronomen gestrichen, weil man mit den alten Stücken nun anders umzugehen weiß, als sie nur zu verhöhnen, weil man gelernt hat, sie nutzbar zu machen, sie auf SCHÖNE Stellen zu reduzieren und weil man eine Spielweise erarbeitet hat, die es erlaubt, Zufälliges neben Geregeltem, Unfertiges neben Gelungenem, Lockerheit neben Anspannung miteinander auskommen zu lassen. Diejenigen, denen das Ganze ZWAR, ABER im einzelnen manches nicht gefällt, beurteilen diese Theaterarbeit eigentlich ungerecht. Darin ist nämlich die Freiheit, auch etwas Schlechtes machen zu dürfen, eine nichtige Instanz, um die Relativität von gut und schlecht erst einmal bewußt zu machen«. 69 Schillers Wallenstein dominiert das Brüllen143, In Hans Hollmanns Titus, Titus führt »eine Schar artiger, endsilbenartikulierender Schauspieler wilde Jugend« auf und die Beschreibung der »volksverdummende[n] Methode, mit der sie ihre wirklich verblüffende These abhandeln, daß Machtrausch und Brutalität allüberall und immerdar am Werke sind, wo Menschen miteinander…« verschlägt Strauß mitten im Satz die Sprache.144 Diese harsche Kritik an etablierten wie an neuen Theaterformen streift viele jener Aspekte, die Strauß im Verlauf der eigenen Dramen- und Prosaproduktion immer wieder aufgreifen wird, vielleicht auch, um zu zeigen, dass diese Themen auch subtiler dargestellt werden können? Zudem lässt es auch einen Rückschluss auf eine biedere, eventuell sogar antiquierte, aber dennoch nicht reaktionäre Sicht eines erst 26-jährigen Botho Strauß auf die Institution Theater zu, der zugleich linke Gegenpositionen einnimmt. Es zeigt sich bereits zu diesem Zeitpunkt in vielfacher Hinsicht eine dialektische Beobachtungsfähigkeit innerhalb der künstlerisch-ästhetischen Weltspiegelung und Weltbespielung. 143 Botho Strauß: »Die schönen und die schlechten Szenenbilder: Sie hängen alle schief. Aufzeichnungen nach einer längeren Theaterreise« (VÄP 199). 144 Botho Strauß: »Die schönen und die schlechten Szenenbilder: Sie hängen alle schief. Aufzeichnungen nach einer längeren Theaterreise« (VÄP 202f.). Den Eklat nach der Premiere seines Stückes Schändung, das wie Hollmanns Stück ebenfalls eine Bearbeitung von Shakespeares Titus Andronicus ist, kommentierte Strauß in einer gemischten Presseschau und Rezension im Spiegel wie folgt: »Ist das Stück dadurch auf die falsche Bahn geraten? In Deutschland wären Proteste wie jetzt in Paris kaum denkbar gewesen, glaubt Strauß, denn am deutschen Stadttheater sei jeder Trash möglich, inklusive Kloszenen oder Geschlechtsverkehr auf der Bühne. ›Da gibt es kein Tabu mehr‹, im Gegenteil, man sucht verzweifelt nach neuen Tabus, die man noch brechen könnte. [...] Kultur gilt in Frankreich als Bastion gegen die Rohheit der Realität, nicht als deren Spiegel. Kultur soll Ordnung stiften, nicht Chaos zeigen. Wenn tragisches Unglück inszeniert wird, dann angedeutet, in sprachlich schöner Form. Man will auf der Bühne nicht die Wirklichkeit sehen, die überall lauert. Denn in den Vorstädten der französischen Metropolen ist ja längst Realität geworden, was Strauß über das fiktive Rom des 4. Jahrhunderts nach Christus sagt: ›Jetzt herrscht die Angst in Rom, und jeder fürchtet sich vor seinem eigenen Schatten. Rachegeister schwirren durch die Nacht, Vergeltung lauert hinter jeder Säule ... Zu viele tückische Tiger schleichen jetzt in dieser Wüstenei: Rom!‹« (Romain Leick: »Die Hölle leuchtet rosafarben«. S. 147f.). 70 2.4 Die Bühne als Weltersatz II: Ein geschlossenes System? Strauß’ doppelte Abwehrhaltung gegen das angestaubt Bürgerliche aber auch gegen die Effekthascherei des neuen Theaters untermauert die heranreifende Haltung des jungen Kritikers in Bezug auf die Gesellschaftsanalyse und Weltgestaltung auf der Bühne. Der für das Publikum stellvertretend gestellte Anspruch will herausgefordert werden, wie eine Rezension über Ödön von Horváths Sladek aus dem Jahr 1967 zeigt, in der Strauß Indifferenz und Fragmentierung, Übertreibung und Verflachung in der Inszenierung ausmacht. Die auf der Bühne dargestellte »Welt [...] ist überall mit Trivial-Axiomen vernagelt«145. An anderer Stelle kritisiert Strauß eine »aus Erinnerung und Fiktion zusammenbramarbasierte Welt […]. Die Bochumer Aufführung sucht keinen Zugang zu irgendwelchen Gründen, Konsequenzen, Veranlagungen der krausen, vielgestaltig perversen Spielhaltungen zu verschaffen«146. Das Stück Kaspar von Peter Handke hingegen erfüllt den Wunsch nach Herausforderung und Tiefe besser und Strauß nimmt Darstellungsweisen wahr, die später auch in seine Texte einfließen werden: »Anstelle von Dialogverknüpfungen entstehen also Widersprüche, Angleichungen, Überschneidungen, Variationen zweier nicht gleichwertig aufeinander replizierender Sprechpartner. Daher ist grundsätzlich die Bewegungsform des Stücks nicht dialektisch, sondern deduktiv, in der seriellen Abfolge-Logik Wittgensteinscher Aussagesätze. Ich lerne, daß die Verdoppelung eine formale Grundfigur des Stücks ist, Wiederaufnahme der gleichen Wörter in ungleiche Sätze, symmetrische Anordnung gleicher Sätze mit ungleichen Wörtern, und höre, daß diese Verdoppelung für Kaspar selbst eine wichtige erkenntniskritische Eselsbrücke hergab: Wenn ich ein Wort nicht verstand, verdoppelte ich es und verdoppelte es noch einmal, damit es mir nicht mehr lästig fiel.«147 Strauß hebt den formal strengen Aufbau hervor, in dem über Differenzierungen Anpassungen vorgenommen werden. Die Rolle des Theaters, ihrer Figuren und ihrer Darsteller resümiert Strauß dementsprechend aus einer sehr weiten Perspektive und erkennt eine Bezugnahme auf gesellschaftstheoretische Perspektiven, indem er das Theater als »Institution« benennt 145 Botho Strauß: »Die vertierte Vernunft und ihre Zeit« (VÄP 81). 146 Botho Strauß: »Arrabal und Arrabaleskes« (VÄP 100). 147 Botho Strauß: »Anläßlich ›Kaspar‹« (VÄP 126). 71 und damit die »Schutz- und Ordnungsfunktionen für das Individuum«148 meint. Es »wird nun erkannt als System von Leistungs- und Normzwängen, von Abhängigkeiten und Unterdrückungen«149. Den Gedanken, dass das Theater ein geschlossenes System ist, das in die Gesellschaft hineinreicht, vertieft Strauß in weiteren Rezensionen.150 Die realen Erfahrungen einer geschlossenen Theaterwelt, die von Schauspielern, Dramaturgen, Regisseuren und am Rande auch einem Publikum mit begrenztem Einblick in die Mechanismen hinter den Kulissen bevölkert wird und eigenen Regeln zwischen Authentizität und Illusion gehorcht, spiegeln sich hier in einer breiteren Reflexionsperspektive, die am ehesten der Kritiker einnehmen kann. Nur er kann sich zwischen der Innenwelt des Theaters und der Au- ßenwelt bewegen und somit das Theater als geschlossenes, »interpretierbares System von materiellen Prozessen, Denkweisen, gesellschaftlichen Regeln, Sprachhaltungen und Ideologien«151 wahrnehmen und aus verschiedenen Perspektiven beobachten, »in dessen Wandel wir uns selbst als Subjekte begreifen, d.h. nicht als Konsumenten abgeschlossener ästhetischer Symbole, sondern als komplettierende, teilnehmende, verursachende Zeitgenossen eben dieses andauernden Systems«152. Das Theater verhandelt gesellschaftliche Entwicklungen wie »Selbstentfremdung, Krise, Verfall und Untergang des bürgerlichen Individuums«, was Strauß an zwei Aufführungen exemplarisch beleuchtet (Pioniere von Marieluise Fleißer und Hochzeit von Elias Canetti).«153 Strauß’ Rezensionen verfügen verständlicherweise nicht über exakte Trennschärfe zwischen Kommunikation und Handlung, wie die Systemtheorie sie später etablieren wird, geschweige denn über eine genaue Schilderung der Reproduktionsmechanismen des Theaters – es fehlt unter anderem noch eine für Operationen taugende Leitdifferenz oder Definition der Selbstreproduktion. Aber die Beobachtungen charakterisieren das 148 Botho Strauß: »Versammlungsverbot« (VÄP 171). 149 Botho Strauß: »Versammlungsverbot« (VÄP 171). 150 Vgl. auch Botho Strauß: »Ein Stück ist System« (VÄP 111-123). Es handelt sich hierbei nicht um eine explizit systemtheoretische Betrachtungsweise, jedoch schneidet Strauß Merkmale an, die systemtheoretischen Charakter haben (Kommunikation, Bühne vs. Publikum, Funktion für die Gesellschaft). 151 Botho Strauß: »Bürgerdämmerung auf der Bühne« (VÄP 221). 152 Botho Strauß: »Bürgerdämmerung auf der Bühne« (VÄP 221). 153 Botho Strauß: »Bürgerdämmerung auf der Bühne« (VÄP 221). 72 Theater bereits jetzt als ›interpretierbares System‹154. Folglich handelt es sich um ein System, das dabei beobachtet werden will, wie es Gesellschaft verarbeitet, und an dem sich aktiv nach bestimmten und hier eben nicht näher benannten Regeln beteiligt werden kann und letztlich am wichtigsten: das einen gesellschaftlichen Bezug hat, der es ermöglicht, das Theater als Erfahrungskonglomerat auf Gesellschaft zu projizieren und anzuwenden und so der Gesellschaft eine Art von kultureller, politischer oder moralischer Leistung zur Lösung gesamtgesellschaftlicher oder individueller Probleme anzubieten. Kurz: Was das Publikum aus dem »Welt-Kasten«155 Theater und der »schauspielerische[n] Innenwelt [...] davonträgt«156. Dass die Rezensionen den Essays hinzugerechnet werden, verfolgt die Absicht, nachzuweisen, dass Strauß in dieser Phase bereits Themen, Darstellungsformen und vor allem Weltbezüge behandelt, die er später in eigenen Stücken einsetzten wird, um gesellschaftliche Veränderungen treffender verarbeiten zu können. Die frühe (und noch nicht explizite) Anknüpfung an die Globalisierung findet statt, weil Strauß sich unbewusst ein entsprechendes Fundament bereitet hat. In den bisher angeführten Rezensionsauszügen thematisiert Strauß das Alter der Stoffe nicht, da es vordergründig nicht von Belang ist, wann ein Stück geschrieben wurde, sondern wie es aktualisiert und vor welchen ge- 154 Vgl. hierzu auch Gerd Brenner: Der poetische Text als System: Ein Beitrag kritischer Systemtheorie zur Begründung des Poetischen. Anmerkungen zu Kafka. 155 Botho Strauß: »Inszenierte Erinnerung« (VÄP 62). 156 Botho Strauß: »Inszenierte Erinnerung« (VÄP 59). Vgl. hierzu auch das Erzählfragment um die Figur Veit Billing in Die Nacht mit Alice. Strauß schildert einen Schauspieler, der seine »Stimme von außen« hört und darum bittet, sich diese »Fremd-Stimme einfürallemal [...] exorzieren« (DNA 77) zu lassen. Schließlich gelingt es; für Außenstehende klingt Billings Stimme nun gequält, für Billing selbst bedeutet der Stimmverlust eine Befreiung aus der Umwelt. Die Wahrnehmung der Grenze zur Welt verläuft entlang der eigenen Stimmfühlung: »Wie sehr aber gefiel ihm jetzt seine eigene Stimme – von innen! Endlich, von innen! Schön schartig klang sie, manchmal ein wenig nuschelig, schartig hier, nuschelig dort, undeutlich und klirrend, je nachdem. Genau wie es sich für einen ausdrucksfähigen und labilen Menschen gehört. Ja, nun hatte er seine Eintönigkeit überwunden, endgültig, wie er hoffte, immer« (DNA 91). Vgl. zudem Botho Strauß: Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau: »Mach dich nicht lächerlich. Du hast keine eigene Stimme. Du hast nur ein mittönendes Organ. Ein paar Bänder, die von den Stimmen anderer zum Schwingen gebracht werden. Nimm das an. Krieche mit deinem Mund. Verkneif dir das Lachen nicht, wenn deine Mitwelt lacht. Du tönst nur mit, du tönst nur wieder« (S. 105). 73 sellschaftlichen Hintergrund es gestellt wird, was es zeigt und welche Überführungen möglich sind, ob die Figuren satirisch oder realistisch ausgefüllt werden, ob ihre »Entstellungen«, ihre »Obsessionen«, ihre »Entfremdungsgeschichte[n]« oder ihre Emotionen (»Haß, Gier, Brutalität und Zynismus«), wie es Strauß mit großen Lettern ausdrückt, »BEOBACHTBAR«157 sind. Kondensiert ausgedrückt: welche Bedeutung das Stück durch die Inszenierung für die Gegenwart erhält. Aus diesem Grund sind die rezensierten Stücke zeitlos im Sinne einer Synchronizität zur Gegenwart. In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises blickt Strauß zurück und formuliert den Zeitaspekt weitaus konkreter: »Das Theater ist der Ort, wo die Gegenwart am durchlässigsten wird, wo Fremdzeit einschlägt und gefunden – und nicht wo Fremdsein mit den billigen Tricks der Vergegenwärtigung getilgt oder überzogen wird. Es ist altmodisch und lächerlich, sich sogenannter Modernisierungen zu bedienen, den Jeep in Wallensteins Lager vorfahren zu lassen. Viel anwesender ist das Theater dort, wo es zum Schauplatz seines eigenen Gedächtnisses, seiner originalen Mehrzeitigkeit wird.«158 Für die Überlegungen im Rahmen der Globalisierungskonzeption ist es von sekundärer Bedeutung, ob das Bühnenbild den Entstehens- oder den Beobachtungszeitpunkt visuell aufgreift und verarbeitet; konkreter verstanden ob Strauß’ ›Titus‹ Tunika oder wie in der Pariser Inszenierung von Schändung (2005) einen Anzug trägt. Das Bühnengeschehen stellt immer eine Projektion dar. Die Bühne beziehungsweise das Theater als eigenständige Welt zu betrachten, mag auf den ersten Blick ein Klischee darstellen, doch lässt sich schnell erkennen, dass das Theater ein Ort ist, der mehrere Orte vereint. Es liegt nahe, an Foucaults Heterotopien159 anzuschließen, insbesondere, weil auch im Theater, so wie Strauß es in seinen Rezensionen präsentiert, »immer ein System von Öffnungen und Schließungen [...], das sie gleichzeitig isoliert und durchdringlich macht«160, vorliegt. Diese 157 Botho Strauß: »Bürgerdämmerung auf der Bühne« (VÄP 226). 158 Botho Strauß: »Die Erde – ein Kopf. Dankrede zum Georg-Büchner-Preis«, insbesondere S. 34f. Die Rede wurde von Luc Bondy vorgetragen, da Strauß öffentliche Veranstaltungen, hierunter Preisverleihungen oder Premieren, meidet. 159 »Die Heterotopie vermag an einen einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Plazierungen zusammenzulegen, die an sich unvereinbar sind« schreibt Michel Foucault in seinem Aufsatz »Andere Räume« (S. 42). 160 Michel Foucault: »Andere Räume«. S. 43. 74 Sichtweise öffnet das Theater und die Rezensionen verdeutlichen die Auffassung getrennter Welten und Systeme, die sich gegenseitig beeinflussen und spiegeln. Die Grenzziehung impliziert zudem die Möglichkeit, die Grenze bewusst zu durchbrechen, wenn es dem zu vermittelnden Sachverhalt dient. An vergangene Orte oder »Fremdzeit« (s.o.) durch Aktualisierung der Stoffe (oder einfacher: Nachspielen) anzuschließen, entzieht Ensemble und Publikum für den Zeitraum der Darbietung der realen Welt und zieht sie in eine grenzenlose virtuelle Welt hinein. Theater ist ein Versuchsraum und bereits Aristoteles’ Gedanken über das Theater verweisen auf die Katharsis durch Übernahme des Gesehenen in den Alltag des Publikums. 2.5 Seitenwechsel: Die Eröffnung der Innenwelt gegen die Masse & den Niedergang der Außenwelt Mit dem Weggang von der Zeitschrift Theater heute und dem Beginn des eigenen Theaterschaffens wechselte Strauß 1970 nun auch von außen erkennbar Position und Betätigungsfeld und verschaffte sich neue Ausdrucksmöglichkeiten; bildlich ausgedrückt bewegte er sich weg aus dem Publikum und an den Seitenrand der Bühne. Dementsprechend erlischt auch die Produktion theaterreflexiver Rezensionen aus der äußeren Beobachterperspektive des Kritikers nahezu vollständig zu Gunsten einer Stückeproduktion, die sich den Bedingungen des Theaters und den Gesellschaftsbezügen aus einer neuen Richtung nähert. Es liegt eine deutliche Fokusverschiebung von der Beobachtung anderer Produktionen hin zur Beobachtung eigener Arbeiten vor, aus der werkbegleitende Texte entstehen, die Theatertheorie, Prosapoetik und Gesellschaftskritik verbinden. Fremdreflexive Texte zum Theater und zur Literatur im Allgemeinen heben nun die Menschen hinter den Bühnenfiguren hervor. Laudationen und Nachrufe für Weggefährten konzentrieren sich auf konkrete Personen und weniger auf die Gesellschaft, können jedoch einen Ort schaffen, an dem an außenliegende Kontexte angeknüpft wird. Ein Beispiel hierfür ist ein Text über den Regisseur und Freund Peter Stein, auf den später in diesem Kapitel eingegangen wird. Eine solche Anknüpfung findet sich auch in einem Text über die Schauspielerin Jutta Lampe, in dem die Globalisierung in das Theater überführt beziehungsweise auf das Theater und die Leistung des Theaters für die Gesellschaft projiziert wird. Strauß definiert hier indirekt einen sich auflösenden beziehungsweise aufgelösten, identitätslosen, dissoziierten Bühnenmenschen, wenn er beschreibt, wie »durch viele Filter und 75 Barrieren jede Spielfigur langwierig von innen nach außen befördert«161 wird. Das Innere der Rollenfigur befindet sich im Zustand einer Diffusion und entsprechend dieser Zersetzungstendenzen führt (exemplarisch hervorgehoben) Jutta Lampe »ihre Figuren aus einer vibrierenden, leicht erschütterbaren Mitte den Grenzen und Gefährdungen zu«162. Jene Verwandlungen und Mechanismen, die Schauspieler und Figuren durchleben oder erfahren, können auch (metaphorisch) mit dem Terminus Globalisierung beschrieben werden, weil sich etablierte Zustände, Verhaltensnormen und Referenzrahmen verändern und Schauspieler und Figur der Außenwelt öffnen. Allerdings setzt das voraus, dass der gute Schauspieler die Gesellschaft im Blick behält; der schlechte tut es nicht, wie eine der Figuren im Roman Der junge Mann (1984) spöttisch äußert.163 Die globalisierte, grenzerforschende Spielweise ist jedoch mehr als ein spezifisches Stilmittel einer Schauspielerin, denn es prägt auch eine Vielzahl der Stücke Strauß’ (und ihre Inszenierungen mit sehr unterschiedlichen Schauspielern), wie dieser mit rhetorischer Distanz äußert: »Dieser Autor hat sich nie eingebildet, ein gestandener Dramatiker zu sein. Immer an den Jahren entlang, in den wechselnden Zeit-Fenstern lehnend, den wechselnden Oberflächen, Belangen, Interessen hörig, hat er im selben Zeitraum, da die Miniaturisierungsprogramme der Halbleiterindustrie fortschritten, in seinen Stücken eine vergleichbare Miniaturisierung dramatischer Konflikte verfolgt. Dazu hat er sehr unterschiedliche szenische Anordnungen entworfen, deren Personal sich untereinander verfing und ver- 161 Botho Strauß: »Was macht ihr denn da? Über Jutta Lampe und unser Theater« (AUF 101). 162 Botho Strauß: »Was macht ihr denn da? Über Jutta Lampe und unser Theater« (AUF 101). 163 »Heute sind ja die ungeschicktesten Schauspieler stets die eifrigsten Affen irgendwelcher ›Bewegungen‹ oder irgendeines sogenannten ›Bewußtseins‹. Nichts ist mehr in ihnen selbst begründet, sie hecheln herum und schnüffeln überall nach Legitimation, nach äußeren Absicherungen ihres Gewissens. Dabei kennen sie die Menschen draußen gar nicht. Sie sind alles andere als aufmerksame Zeitgenossen und aus der nachdenklichen Beobachtung ihrer Umwelt haben sie am allerwenigsten ihr Talent gebildet. Aber das mag auch für einen Schauspieler nicht unbedingt erforderlich sein, er ahmt ja Menschen nicht von außen nach. Nur daß die meisten längst vergessen haben, weshalb sie einmal diesen Beruf ergreifen wollten: eine gesteigerte Person zu sein! Das macht sie nun so leer und abgelenkt« (JM 53). 76 wickelte, sich vor und zurück, auf und nieder bewegte, ohne dabei je eine solche Fallhöhe zu erreichen, die notwendig zum Drama gehört.«164 Mit dieser Selbstaussage wird auch deutlich, dass die in den Dramen, Essays und Prosatexten stattfindende Ausdifferenzierung sowie die immer feiner werdenden Beobachtungen nicht zufällig geschehen, sondern zu einem poetologischen Prinzip erhoben werden. Die eigenen Erlebnisse beim Eintritt in die »gemeinschaftlich[e] Welt des Schauspieltheaters« (JM 23) beschreibt Strauß in einer literarischen Bearbeitung im Eingangskapitel des zuvor genannten Der junge Mann.165 Abschließend ist festzuhalten, dass die theaterreflexiven Texte den um die Aufführungen herum stattfindenden Gesellschaftsdiskurs aufgreifen und die Wechselbeziehung zwischen Bühne und Umwelt konstruktiv weiterführen. Strauß’ – wie Stefan Willer anmerkt166 – frühe Verweise auf Foucault oder Erneuerungsbewegungen in der nordamerikanischen Theaterwelt sind in erster Linie nicht als absolute Fremdreferenz zu verstehen, sondern sollen dem Theaterpublikum und somit Zielgruppe von Theater heute über das Mittel der Rezension die Augen öffnen für das, was in der Welt geschieht. Bemerkenswert an diesem Vorhaben ist auch, dass Strauß unbewusst eine Einheit der Differenz Theater/Welt vollzieht, indem Theater nicht ohne Weltreferenz und vom Credo des Zusammendenkens zweier konträrer Ereignisse ausgehend die Welt nicht ohne Theater auskommt. Dieser Gedanke findet sich neben weiteren Punkten nochmals im Essay »Maß der Wörtlichkeit« aus 1997 (MDW) ausformuliert. 164 Botho Strauß: »Was macht ihr denn da? Über Jutta Lampe und unser Theater« (AUF 102). 165 Strauß führt seine Vorstellung der idealen Inszenierung folgendermaßen aus: »Ich wußte also genau, wie es auszusehen hatte, mein Theater, meine Zofen, mein ekstatisches Spiel. Ich nannte es nicht mit geringen Namen. Die Gegen-Welt, die Mythenwanderung, die Überschreitung, die Bühne als Eingangspforte zur Gro- ßen Erinnerung, Tanz der Reflexionen mit den Geistern, das Gebärden- Zeremoniell, die Lupe hinhalten, auf die Jagd gehen, den Zuschauer in den ›Hinteren Raum‹ locken, Zustände auslösen… Ach, die Begriffe türmten sich und schwankten. In meiner Konzeption spielte das Stück in einer nicht allzu fernen Zukunft. Eigentlich nach dem Zusammenbruch aller menschlichen Kommunikation. Die Menschen haben sich in ihre Zeremonien zurückgezogen, verkrochen, verkapselt. Die Spiele sind ihre seelischen Überlebensnischen. Der Ort: eine Höhle in der Zeit…« (JM 32). 166 Vgl. Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. S. 16. 77 Der Stellenwert des Theaters in der sich globalisierenden Gesellschaft hat sich verändert und somit auch einen Perspektivenwechsel erfordert. Der Essay als Gattung ist in der Strauß’schen Ideenlandschaft ist an einer anderen Stelle als die Theaterrezensionen positioniert. Die Einbindung geschieht daher an späterer Stelle in diesem Kapitel, insbesondere weil in den Essays seit etwa 1987 eine erneute Veränderung in der Ausrichtung zu erkennen ist. Es erweckt den Anschein, als habe der Mauerfall die Kulissenfragmente seiner Aggressionsbühne maßgeblich neu sortiert und damit ermöglicht (oder erforderlich gemacht), neue Themen einfließen zu lassen. Die Enge der bundesdeutschen Gesellschaft ist einer turbulenten Phase der Öffnung gewichen, die in den 1990er Jahren Strauß’ Werk in allen Gattungen beeinflusst. Die Produktion neuer Stücke nimmt, gemessen an der Quantität der anderen Publikationen, weniger Platz ein.167 Die veröffentlichten Essays entspinnen sich nun hauptsächlich aus früheren und aktuellen Gegenwartsthemen und kaum noch dem Theater und dessen Bedingungen. Strauß öffnet und verändert sein Schreiben für einen direkteren Zugang zu tagesaktuellen Themen und auch für eine Auseinandersetzung mit Globalisierungsprozessen. Die nachfolgenden Analysen der zwischen 1987 und 2015 erschienenen Essays beleuchtet dies näher und orientieren sich – auch der Übersichtlichkeit wegen – vorrangig an Inhalts- und weniger an Zeitlinien. 2.6 Sich neu beheimaten im Angesicht der Globalisierung: Rückbindung an Vergessene(s) und Heldenverehrung Der 1987 publizierte Essay »Die Distanz ertragen – über Rudolf Borchardt« (DIS) nimmt einen Rückblick auf die Literatur der Jahrhundertwende vor. Das Verhältnis des Dichters Borchardt zur Gegenwart wird von Strauß neu gelesen und in einer Diskussion über Tradition und Moderne kontextualisiert. Strauß’ elitäre Selbstpositionierung ist deutlich 167 Oder anders gewendet: Die Taktung der veröffentlichten Prosatexte ist dichter, die dramatischen Texte haben in etwa denselben Publikationsumfang. Die zwischen 1972 und 1991 als Theaterstücke I und II veröffentlichten Stücke umfassen 1016 Druckseiten. Theaterstücke III und IV (1993-1999, 2001-2005) sowie Leichtes Spiel und Das blinde Geschehen zusammen 903 Seiten. 78 Wahrnehmbar in dieser Sichtweise168, er zelebriert die Außenseiterpose Borchardts und projiziert sie auf die eigene Situation: »Wir nehmen die Verluste hin, einen nach dem anderen, und sind allesamt ernsthaft überzeugt, daß Rationalität uns besser tut als jenes schöne Wissen und daß jede Methode der Anpassung an Gegenwart wertvoller ist als die Lehre der Erinnerung.« (DIS 19f.)169 Hieran angelehnt formuliert Strauß zehn Jahre danach in Die Fehler des Kopisten, dass Montaigne seine alltägliche Erfahrung mit Erlebnissen aus der 168 Vgl. auch Helga Arend: Mythischer Realismus: »[D]ie Auswahl dieses formal streng ausgerichteten und auf die Vergangenheit hin orientierten Schriftstellers, der zugleich eine kulturkonservative Richtung vertritt, [charakterisiert] sein eigenes Schreiben«. Dass Strauß dies bewusst als Eigenpositionierung versteht, verdeutlicht sich in der beinah heiteren Aussage: »Gewiß, sagt er, ich bin von gestern, aber gestern war ich von heute«, die in Oniritti Höhlenbilder (2016) zu finden ist (OH 273). Vgl. zudem Paare, Passanten: »Man kann auch Stile und Gesten clonen. Man kann dieser oder jener werden wollen, doch nichts ist zurückzugewinnen. Schnell wird die literarische Leidenschaft solch ein Gerät: ein Gestenspender. Die Geste Goethe wandert schon seit über hundert Jahren durch deutsche Dichter. Die Geste Hölderlin, die Geste Artaud bieten ebenfalls heute einen Schutz. Das will sagen: wir Außenseiter, wir Schizos – du Hölderlin und ich, der dich erkennt. Es gibt eine Form von Verehrung, die jede Scheu vor der unverwandten Größe verloren hat. Dann nimmt das Verlangen von uns Sozialversicherten überhand, sich eine Heroik für das eigene unansehnliche Leid auszuborgen« (PP 133). 169 Vgl. hierzu wie zu allen weiteren Anschlüssen an und Rückbesinnungen oder Bezugnahmen auf zuvor geschriebene Literatur auch Die Fehler des Kopisten: »Der Außenseiter-Heros war die einzige literarische Chiffre, zu der sich seine politisch übermotivierte, doch im Grunde kunstfeindliche Generation bekannte. In ihr erschöpfte sich im wesentlichen das ästhetische Interesse. Diese Hölderlin- Nietzsche-Artaud wurden nicht von Liebenden, sie wurden von genuin Unbelesenen heiliggesprochen. Zu durchschaubar war die Funktion, der sie dienten: Ersatzaufständische zu sein in diesem erbärmlichen deutschen Trauerspiel um die versäumte Revolution, dieser hartnäckigen Geschichtsverkennung, durch die sich das Zweite Junge Deutschland nach dem Krieg künstlich und stagnierend immer aufs neue verjüngte, als hätte Hitler den Deutschen nicht alles geliefert, was zu einer wahren Revolution gehörte, Gleichschritt und Ausschaltung aller Gegner, Anbetung der Jugend, Gemeinschaftsrausch, Blutopfer und Untergang. Nur eben keinen Dichter. Wir Leser-Autoren sind dagegen gemäßigte Naturen. Keine Rigoristen jedenfalls. Wir kennen zuviel Einzigartiges aus vielen Zeiten, als daß wir irgendeiner zeitgenössischen Exzentrizität erhöhte Bedeutung beimäßen« (FDK 77). 79 Literatur verbinden konnte, während dem heutigen Menschen, sofern dieser seinen Erfahrungsraum erweitern möchte, nur eine »Ausdehnung in die vernetzte Fläche« bleibt, wobei dieser »jedoch die Perspektive« verliert (FDK 26). Rigoros stellt Strauß als Reaktion auf dieses Dilemma fest: »Jeder gelebte Augenblick hat einen Vorfahren in der Literatur« (FDK 26) und »Mann und Frau bilden Raum genug für das ganze Gewesene« (FDK 62). Eine Dekade später glimmt der Halt zum Zwecke der Gesellschaftswahrnehmung erneut in einem Text von Strauß auf. In Vom Aufenthalt (2009) referiert und verarbeitet er unter Bezugnahme auf das Gedicht »East Coker« von T.S. Eliot die Aussage »Old men ought to be explorers« und verweist auf das physische Erkunden der Welt durch eigene Beobachtungen und durch literaturcodierte Fremderfahrungen. Beides sind langsame Prozesse nahe am Stillstand, die über die besagten »Verluste« und die »Lehre der Erinnerung« sowie vor allem Abgrenzung und Isolation verlaufen. So schreibt Strauß über die bewusst herbeigeführte Einsamkeitserfahrung: »Zu lesen, allein, Abend für Abend, zu sammeln und zu ordnen, ohne sich daran zu berauschen, weder unterhalten noch entlastet oder abgelenkt, nur um: dahinterzukommen, als Ermittler, Endlos-Ermittler in der Sprache, aber auch in ihrem zarten Jenseits forschend, jenseits der Sprache das Gehabe, der Nimbus, Wellen und Stöße des Ungeahnten, fremde Frequenzen, überschlägige Berechnung von Existenz, die man vornimmt, innerhalb einer Frist, die nur aus Büchern besteht. Entziffern ohne das geringste Beschleunigungs- oder Vergrößerungsmittel, abgesehen von jenem perfekten Alleinsein, das die Welt wiederum in lauter Isolationen und Einzelheiten zerlegt, Detailvergrößerungen. Was ist das für ein Verstehen? Ein abirrendes, vagabundierendes, hinausziehendes ... vielleicht schon alles Fugue, die Flucht hinaus, seinem Bewußtsein zu entfliehen, weil aus gestrüppigem Versteck, da draußen irgendwo, der äußerst Auswärtige dich rief? Old men ought to be explorers.«170 170 Botho Strauß: Vom Aufenthalt. S. 14f. Schon in Kongreß – Die Kette der Demütigungen heißt es zum Beobachtungsmodus der Literatur: »Es scheint sogar, daß jenes Organ für früher und damals, welches gewöhnlich die Biographie eines Menschen ordnen hilft, bei uns ein seltsam zurückgebildetes, fast schon verkümmertes ist. Und doch weiß ich es nur zu genau und niemand als der Leser könnte es besser bezeugen: ohne dieses Organ, ohne die Erfahrung von alter Welt und ihrem Untergang wäre nie ein großer Roman geschrieben worden. Ohne Enden, als Roman, wäre der Mensch um einen lebensnötigen Trost gebracht. Alle großen Er- 80 Lesen beschreibt an dieser Stelle ein Erschließen der Welt und die gewählten Beispiele zeigen zudem, dass die Verbindung von Literatur und Gesellschaft fließend über lange Zeitabstände geschieht. Der Bezug zu einer breiten Wahrnehmung von Globalisierung besteht in dieser Passage darin, dass Strauß die Komplexität der Welt durch Verkleinerung und Trennung reduziert. Problematisch an einer derartigen Weltsicht ist jedoch die Verfügbarkeit von Literatur und das Vorhandensein sehr breiter Kenntnisse dieser. Indem es eine Unterscheidung zwischen Lesern und Nicht-Lesern etabliert, stellt es ein Ausschlusskriterium dar. Zu berücksichtigen ist auch, dass Strauß wiederholt Erzähler auf langsam voranschreitende, nur mühsam Formen annehmende Schreibprozesse verweisen lässt. Jedoch ist das nicht die hauptsächliche Motivation für die vorgebrachte Kritik an der Gegenwart. Aus einem verzweifelt wie phlegmatisch akzeptierten Dilemma einer entglittenen Vergangenheit und nicht einsehbaren (das heißt auch komplexen) Zukunft folgert Strauß – hier am Beispiel Borchardts –, dass es gegenwärtig, wenn überhaupt jemals wieder, unmöglich ist, den Urzustand erneut herzustellen. Borchardt wusste das und auch Strauß weiß es. Die Fortentwicklung der Gesellschaft ist stärker als der Wunsch der Wenigen zur Restitution. Strauß führt in »Distanz ertragen« weiter aus: »Gäbe es einen Borchardt unserer Tage, der noch einmal eine restitutio in integrum heraufführen wollte, er würde nicht einmal mehr als der großartige Don Quichote angesehen, wäre nicht mehr der Mittebildner auf verlorenem Posten, sondern von vornherein ›auch nur ein Exot‹, der seinen ausgefallenen Tic unter tausend anderen Ticverkäufern anböte.« (DIS 20)171 Der Mahner wird von der Mehrheit exkludiert, findet keinen Anschluss mehr und es beschleicht einen das Gefühl, dass Strauß nur schlecht verbirgt, selbst ein Dichter des Borchardt-Typs zu sein, der am Einfachen verzagt und sich nach mehr Komplexität zu sehnen scheint: »Das Allgemeine drängt zu nichts Allgemeinem mehr. Es geht über in ein offenes Schema von Sektionen und Disjunktionen. Und das Viele, je ›verhebungen des Herzens ereignen sich im geschauten Vergehen. Und nimmt man uns den Sinn fürs Vergehen, so versetzt man uns in eine immergrelle Komödie ohne Zeit und Raum« (KKD 44f.). 171 Vgl. hierzu auch den Verweis auf Borchardt, George, Hofmannsthal in Lichter des Toren (LDT 99). 81 netzter‹ es geschieht, um so unvermittelter zueinander. Denn es gibt keine Vermittlung zwischen Geheimnis und Meinung.« (DIS 20) Beachtenswert ist, dass bereits zu diesem Zeitpunkt Vernetzung mit Formen der Auflösung in Verbindung gebracht wird, dass »Sektionen und Disjunktionen« ein erlebbares, wiederholbares, variierbares »Schema« bilden. Zwischen Geheimnis und Meinung existiert eine Schwelle wie zwischen innen und außen, wie zwischen Reden und Schweigen. Die Trennung zwischen Tradition oder Vergangenheit auf der einen und Zukunft auf der anderen Seite hat Norbert Bolz als das »Orientierungsdefizit«172 der Gegenwart beschrieben, dessen Ausgleich kontinuierliche Entscheidungsprozesse verlangt.173 Sowohl Borchardt als auch Strauß erkennen, dass die Rolle des Außenseiters den Blick schärft und zugleich ein Bewahren (das heißt ein Weltgedächtnis der Kunst (vgl. DIS 13) und Transport der Kultur174) ermöglicht, ohne sich mit ihr zu verbünden. Strauß stellt Borchardt als Außenseiter unter Außenseitern dar, dessen Worte keinen passenden Wirkungsort finden: »Um das abgetrennte Singuläre genau zu bestimmen, fehlt uns das Organ und die Methode« (DIS 21). »Distanz ertragen« lässt sich daher als Distanz erzeugen und somit als bewusste Entscheidung für Distanz zur gegenwärtigen Kultur und sich globalisierenden Gesellschaft auslegen. Des Weiteren liefern die Positionen und Standpunkte Borchardts übergeordnet globalere Reflexions- und Relationspunkte für Strauß. Die Bezugnahme auf die Gegenwart wird – aus erhabener Position – gepaart mit den Betrachtungen der Vernetzung sowie zur Dichtersprache, die Gegenentwürfe oder Kontrapositionen zu einer verflachten Allgemeinsprache liefert175, wodurch der Essay eine starke inhaltliche Zeitlosigkeit und asyn- 172 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 19. 173 Bei Norbert Bolz heißt es: »Das Auseinanderbrechen von Herkunft und Zukunft hat zu einem Orientierungsdefizit geführt, das nur durch permanentes Entscheiden kompensiert werden kann. Je mehr aber Entscheidungen die Zukunft bestimmen, desto weniger kann man sie voraussagen« (Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 19). 174 Vgl. Botho Strauß: »Der Plurimi-Faktor. Anmerkungen zum Außenseiter«. S. 108, beziehungsweise LDT 32. Strauß führt exemplarisch das Beherrschen des antiken Griechisch an, das seiner Meinung nach nur wenigen Menschen ermöglicht werden sollte, um diese Fähigkeit nicht zu verwässern. 175 Diesen Aspekt greift Strauß erneut in »Zeit ohne Vorboten« auf. Dort heißt es zum Ende der Epoche: »Die Moderne geht keineswegs mit Parodie oder Postmoderne zu Ende, sondern sie verschwindet im Bruch mit der Poesie unseres Denkens insgesamt. Mit der Ablösung der Reflexion durch ein technisch- 82 chrone Verankerung vermittelt und dabei Brücken in die Vergangenheit und »gegen den Mythos der Jetztlebigkeit« (DIS 22) spannt. Diese Methode ist von hoher Relevanz, da sie eine zyklische Bewegung »zwischen dem Einst und dem Jetzt« ermöglicht.176 Ähnlich resümiert es auch Robert Weninger in seiner Analyse zum »Bocksgesang«: »Die Alternative zur Utopie ist Strauß zufolge Zeitlosigkeit, die zur Aufklärung Religion, die zum Konsum Metaphysik und Mythos. Strauß setzt gegen die Oberflächlichkeit und Medienversessenheit des modernen ›Medienmenschen‹ das Tiefe und Profunde einer zyklischen Geschichtsbewußtheit.«177 Strauß’ ausgewiesenes Gegen-Programm entspringt seiner rückwärtsgewandten Perspektive. Einen ähnlichen Standpunkt nimmt der Essay »Spengler persönlich« (SP) ein, der auf vergleichbare Weise eine Art Heldenverehrung »eines romantischen-sensiblen Künstlers, der sich in seiner Jugend als ein Verstoßener, als Träumer und Einzelgänger erlebt« (SP 137), vornimmt. Gemeinsames Element ist auch der nur geringfügig verschleierte Bezug zwischen der Selbstinszenierung des Autors Strauß und der Beschreibung Spenglers, wie er in folgender Aussage sichtbar wird: »Wir lesen den Subtext eines Autors, den wir bisher nur in gebietender Sprache kannten. Wir studieren das Betriebssystem eines geistigen Machtmenschen, das im wesentlichen aus Schwächen besteht: Ekel und Phobien, Gegenwartsverachtung und Menschenscheu, Verzagtheit und Wirklichkeitsflucht.« (SP 137) Die doppelte Autorinszenierung verläuft auf mehreren Ebenen. Die erste ist die Selbstbeobachtung Spenglers, die auf der Textebene der Autobioinformatorisches Wissen, dem Wissen mit der geringsten geschichtlichen Ekstatik und dem universellsten Anspruch« (ZOV 100). 176 Wenn nicht sogar Schaltungen zwischen diesen beiden Stadien, wie Strauß sie im Roman Der junge Mann einfordert: »Wir brauchen Schaltkreise, die zwischen dem Einst und Jetzt geschlossen sind, wir brauchen schließlich die lebendige Eintracht von Tag und Traum, von adlergleichem Sachverstand und gefügigem Schlafwandel« (JM 11). 177 Robert Weninger: Streitbare Literaten: Kontroversen und Eklats in der deutschen Literatur von Adorno bis Walser. S. 151. 83 graphie beschrieben wird; die zweite ist die Aussage über Spengler (»wir lesen«, das heißt, dass das ›wir‹ auch beobachtet), die dritte betrifft die erzeugte inhaltliche Verwandtschaft zwischen Spengler und Strauß (›jeder romantisch-sensible Künstler‹) und die vierte bezieht sich auf die von Strauß verdeutlichte Gegenposition zur Gesellschaft und Gegenwart mit Hilfe eines breiten Gefühlsregisters. Ein weiteres Parallelmerkmal ist die Spiegelung der Gegenwart (hier des Jahres 2007) in der frühen Moderne, die einen Anschluss an die Gegenwart Spenglers aber auch an die von Strauß darstellt; zeitliche Bezüge werden gedehnt und den jeweiligen Verhältnissen angepasst. Das Verfahren ist identisch mit einer Beobachtung zweiter Ordnung, wie sie in »Distanz ertragen« Verwendung findet, mit der Ergänzung, dass in »Spengler persönlich« die jeweilige Umwelt- (besch)reibung konkreter definiert wird. Das Erzählverfahren streckt sich durch den Anschluss an ein Früher in der Zeit aus, während zeitgleich eine komplexe Beobachterkette etabliert wird. Strauß beobachtet im Falle des Spengler-Textes einen Beobachter und beobachtet sich selbst beim Beobachten. Dies versinnbildlicht auf plastische Weise die hyperkomplexe Dimension dieses (und vergleichbarer) Essays. Die Beobachter- und Beobachtungsreihe erzeugt ein »Prägwerk für etliche kulturanalytische Universalbetrachtungen bis in unsere Tage«, an die sich zum Beispiel »Sloterdijk [...], Fukuyama, Huntington oder mindere Weltbild-Designer« (SP 142) angliedern. Während Spengler behauptet, eine Reihe abzuschließen, schafft Strauß einen Anschluss. Entscheidend in der beschriebenen Beobachtungskette ist, dass sie für Strauß nur aus der Metaposition Spenglers zugänglich ist und einen Zugang für die Deutung der Gegenwart eröffnet, der ansonsten verschlossen bliebe. Das drückt auch die Epiker-Position Spenglers aus, dennoch ist auch hier die Möglichkeit der doppelten Gegenwartsverankerung und verachtung inhärent. Wenn zur Deutung des Essays die Unterscheidung Subjekt/Umwelt als textinterne Motivation(en) herangezogen wird, erschließt sich die genannte Umweltreibung (im Sinne einer Irritation) leichter: »Weltsichten, Modelle der Spenglerschen Art, verfertigt der Mensch nicht, um auch nur annähernd recht zu haben gegenüber der Welt. Im Gegenteil ist der Geist darauf angewiesen, jeweils aufs neue von der Welt widerlegt zu werden. Schon allein, um diese Projektionsmaschinerie, die der Spezies zur Orientierung vererbt ist, stetig zu verbessern und neu anzupassen. Es wäre daher verhängnisvoll, das Denken in groben Zügen zu verlernen und Bilder von der Welt nur noch in hoher Auflösung zu besitzen.« (SP 143) 84 Strauß fordert einen Nahblick und ein Erforschen als »explorer«. Wie zum Beispiel in den Analysen von Beginnlosigkeit oder Der Untenstehende auf Zehenspitzen deutlicher werden wird, entspringt der Beobachtung der Außenseite der oben genannten Differenz ein Rückbezug auf die Innenseite. Beide Seiten beeinflussen einander und bilden unter bestimmten Bedingungen eine Einheit mit einer aufrechterhaltenen Differenzmarkierung. Strauß plädiert dafür, sich der fortlaufenden Vereinfachung zu widersetzen, welche gerade nicht als Verfallen in ›grobe Züge‹ verstanden wird, sondern durch Ausblenden störender Irritationsfaktoren erreicht wird: »Stets dominiert der große Entwurf die Fakten, die Welt begreift man nur in groben Zügen, nicht in Detailansichten« (SP 143). Notwendig ist ein kontinuierliches Wechseln zwischen Weitwinkel- und Makroperspektive, um die vorgefundene Komplexität178 zu reduzieren. In diesem Wechselverhältnis entsteht »eine günstige Überlebensnische für modifizierten Kulturpessimismus und Untergangszauber. Das Enden bleibt als mythisches Depot erhalten und stimuliert sogar den nüchternen Forschungsstatistiker«179. Dass beide Perspektiven vereinbar sind, wird der nächste Abschnitt genauer beleuchten. 2.7 Weltbild-Designer, Hybridisierungen & gläserne Welten Um genauer zu erhellen, in welchem Kontext Strauß Aussagen dieser Art tätigt, hilft ein Blick auf »Der Bibliothekar in der weiblichen Hauptrolle. Rede zum Lessing Preis« (BIB). In der Preisrede aus dem Jahr 2001 wird neben der vorgenommenen Neu-Kontextualisierung Lessings die Hinwen- 178 Auch wenn Strauß den Begriffen der Systemtheorie skeptisch gegenübersteht, wie verstreute Kommentare zum Ausdruck bringen, ist es dennoch gangbar, der geäußerten Skepsis zu begegnen und das Werk mit Hilfe der Systemtheorie zu beobachten. Eine dieser Bemerkungen lautet: »Wir sprechen von den komplexen Abläufen im Hirn, im Gemüt, im endokrinologischen Bereich – zum Erfassen der intimsten Zusammenhänge haben wir einzig diese vage Sammelvokabel: Komplexität. Nichtssagender geht es kaum. Solche Wörter sind uns nur im Weg. Sie haben geradezu inhibitorische Wirkung. Sie hemmen den Geist darin, seiner Technik auf die Schliche zu kommen. Man unterschätze nicht die ›Botenstoffe‹ der Sprache. Es gibt geisthemmende und geiststimulierende Begriffe« (WTE, ähnlich lautend auch UAZ 65f.). Zur Perspektivierung dieser Aussage vergleiche LDT 168: In der Zukunft sei der Zweck des Lesens nicht mehr »Weltverarbeitung« oder »Weltersatz«, sondern geschehe in der Absicht, »die hirneigene Produktion wohltuender Botenstoffe anzuregen«. 179 Botho Strauß: »Spengler persönlich« (AUF 143). 85 dung zu Themen wie Vernetzung, Außen/Innen-Grenzen oder Metaphysik und Mystik verstärkt. Die im Essay benannten »Weltbild-Designer« entfremden sich zunehmend von den aufklärerischen Idealen der frühen Denker. Die Ursachen können – das liegt zumindest nach 250-jähriger Entwicklungsgeschichte der Funktionssysteme nahe – in der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, die sich in der Globalisierung manifestiert, liegen. Strauß bezieht sich auch darauf, dass in gewisser Weise der Rückweg zu den alten Gesellschaftsmodellen versperrt ist. Es steht nunmehr, wie er im Kontext der Rückbetrachtung auf die Aufklärung betont, die Zeit seltsam still: »Wir brauchen nur einen Blick auf die beeindruckenden Errungenschaften und noch beeindruckenderen Phantasmen der gegenwärtigen Technologien zu werfen. In Wahrheit hat eine Grundgestimmtheit des abendländischen Menschen sich aufgelöst, die Fernerwartung. An ihre Stelle ist der private und zunehmend auch kulturelle Hedonismus getreten, ja die Vertreter eines sozioökonomischen Posthistoire haben sogar eine Art von Jetzt- Eschatologie entwickelt: das ›Es-ist-erreicht‹ der liberalen Demokratie, welche nach ihrer Meinung den Endzustand der ideologischen Geschichte der Menschheit darstellt. (Jedesmal, wenn wir ›Menschheit‹ sagen, dies als Anmerkung, sprechen wir von weniger als zwanzig Prozent der Erdbevölkerung, die aufgrund glücklicher Umstände befähigt sind, sich selbst als Menschheit zu begreifen.)« (BIB 121) Der hier anklingende Rückzug ins Private treibt die Trennung voran. Indem die Geschichte an Relevanz verliert, der Detailreichtum der zur Verfügung stehenden Daten über die Welt den Zugang zur Welt erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht, verliert auch die Zeit an Bedeutung. Der Mensch lebt »[n]ach dem Verlöschen der geschichtlichen Fernerwartung [...] in einer Art Zeithybride, einer Gegenwartszukunft. In ihr wird jedes Ding zum Hype, zur Reklame an sich, zum Erlebnis des Vorausgriffs, und jede technische Neuerung muß mindestens als kopernikanische Wende ausgerufen werden, um ihren Markt zu machen.« (BIB 121) Ökonomische Interessen gewinnen an Bedeutung und Konsum und Märkte stehen laut Strauß im Mittelpunkt, nicht mehr die Menschen, doch es handelt sich bei seiner Kritik nicht um die Sehnsucht nach einer Sozialro- 86 mantik.180 Die plakative Moral lautet, dass Geld eine zentrale Motivationskategorie ist, die zugleich den Fortbestand des Individuums sichert. Die Lessing-Rede geht diese Annahme differenzierter an. Die Kernthesen des Nachgeschichtsdiskurses, wie ihn der vorherige Abschnitt anspricht, und der medialen Weltbilder nimmt Strauß zum Anlass, die Auslagerung des Bewusstseins in einen »Zerebralanhang«, »in lauter abgeteilt[e] Konventionen oder Bewusstseinsmodul[e]« (BIB 122) zu beklagen. Die bewusstseinsgesteuerte Innenwelt sieht sich ›förmlichen Diskursen‹ (vgl. BIB 122) gegenübergestellt, in denen »Erkennen nur als technisches Modell« (BIB 122) stattfindet. In Strauß’ Beschreibung lässt sich indirekt auch ein Zusammenfall mit Bolz’ und Qvortrups Hyperkomplexitätsbegriffen wahrnehmen.181 180 Die Tendenz zur Ökonomisierung greift Strauß schon 1977 in der Erzählung Die Widmung auf, in der die Figur Richard Schroubek einsam in seiner Wohnung verkümmert und verwahrlost; erst als das Geld langsam verbraucht ist, rafft er sich wieder auf und tritt erneut in die Gesellschaft ein. Auf ähnliche Weise vermittelt die Figur Susanne in Trilogie des Wiedersehens das Gespür für die eigentliche Tragik und Größe des Daseins, das vom Materialismus abgelöst ist. Strauß kritisiert an zahlreichen Stellen den vorherrschenden Ökonomismus, nicht zuletzt in der Eingangssequenz vom »Bocksgesang«. Auch in den literarischen Texten klingt hie und da an, dass die größte Katastrophe, die sich ereignen kann, darin besteht, kein Geld zu besitzen oder wie Zacharias Werner (Protagonist in Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia) Menschen in der Geldbeschaffung gegen einander auszuspielen. Besitzstandswahrung führt dann zu so eigenartigen Handlungen wie einbetonierten Gartenmöbeln in der Sylt-Szene von Groß und klein (vgl. GUK 473). 181 Ausgehend von der Informationsgesellschaft entwickelt Qvortrup seine Argumentation, die in einer Merkmalsbeschreibung der hyperkomplexen Gesellschaft mündet. Die positiven Merkmale der Informationsgesellschaft sind laut Qvortrups Forschungsüberblick unter anderem ›ein wachsender Individualismus und Steigerung der Meinungs- und Gedankenfreiheit, die Entstehung eines globalen Bewusstseins und einer globalen Wirtschaft, die Harmonisierung von Ökonomie und Technologie, die Wahlmöglichkeiten sind nun unbegrenzt und eine Expansion der Informationsströme‹. Ihnen stehen einige negative Merkmale oder Nachteile gegenüber, hierunter ›die vorherrschende Absurdität und Unvernunft einer im Blindflug navigierenden Gesellschaft, die Menschlichkeit und Moralvorstellungen werden untergraben, der Kontakt zur wirklichen Welt wird undeutlich und der kritische Diskurs wird eingeschränkt, eine Reduzierung der Lesefähigkeit und Kreativität inklusive einer (ver)schwindenden Buchkultur ist auszumachen, in der Folge reduzieren sich Aufnahmevermögen und sprachliche Variationsvielfalt, die sozialen Gemeinschaften werden angegriffen und letztlich erreicht das Ich einen Sättigungspunkt‹ (Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 20f.). Qvortrup kommentiert und interpretiert den Technikdeterminismus hinter dieser 87 Die Selbstbeobachtung auf mehreren Ebenen und mit verschiedenen Ausgangspositionen führt einerseits zu der schon genannten Auslagerung, andererseits auch zu einer globalisierenden Auflösung in das »Netz der Netze« hinein. Strauß schreibt: »Alles ist nach draußen geschafft. [...] Er denkt und forscht nun, wie er denkt. Bald ist er damit fertig, sein Innerstes nach draußen zu tragen, und eines Tages liegt es vor ihm, das graue Hirn, das Netz der Netze, und fast beziehungslos zu seinem Leben. In diesem nahen und kalten Draußensein wird er nichts mehr davon spüren, keinen Schmerz, keine Furcht, gar nichts Erlebbares mehr. Wir müßten auf eine unbekannte Sprache stoßen, die erst wieder uns eröffnet.« (BIB 122) Strauß führt aus, dass das Bewusstsein (›das Innerste‹) seine Schutzhülle und Autonomie verliert, wenn die Grenze zwischen Innenwelt und Au- ßenwelt übertreten wird. Gefühlskälte und Selbstentfremdung prägen das Außen und trotz der reflexiven Selbstbeobachtung (beobachten wie) ist der Wiedereintritt in die eigene Innensphäre nahezu unmöglich. Zudem ist die aus Netzknoten bestehende Außenwelt globalisiert, weil sich ihre klaren Verhältnisse in eben diese Netzstruktur zerfasert haben. Sie ist, wie Strauß feststellt, zu einer »Bastelwelt der Neuro- und der Info-, der Bio- und der Pharma-Technik« (BIB 122f.) verkommen, in die das Individuum hineingesogen wird. Strauß knüpft hier auch an jenen hybriden und entfähigten Technikhomunkulus an, den er zwei Jahre zuvor in »Zeit ohne Vorboten« beschrieb: »Halb Chip, halb Tiefe, bleibt ihnen kein Zwischenraum, zu ›reflektieren‹« (ZOV 95, vgl. LDT 124). Wie schon in den Texten über Spengler und Borchardt finden sich hier nahezu identische Schlüsse. Die Gesellschaft entwickelt sich fort und sowohl Individuen als auch die Gesellschaft an sich verlieren dabei den Kontakt zu den Fundamenten: »Die klugen Utopien großer Menschenfreunde« verlieren zusehends »gegen die Auflistung zugleich als richtig und als falsch, bestätigt den Gegnern eine größere Fantasie als den Befürwortern und konkludiert, dass die Begriffe und Vorstellungen, die man sich von der Informationsgesellschaft macht, die ›tickende Komplexitätsbombe‹ (ebd. S. 21) berücksichtigen müssen. Die Informationsgesellschaft ist die hyperkomplexe Gesellschaft, weil es zu viel Information und zu viele Verbindungen gibt. Die schiere Menge der Schnittpunkte kann nicht mehr von nur einem Punkt aus beobachtet werden, sondern verlangt multiple Beobachtungspunkte, daher auch die anhängige Benennung als ›polyzentrisches Zeitalter‹. (ebd. S. 30). 88 dunkle Anziehungskraft einer von ihrem alten Schützling evakuierten Erde« (BIB 123). Diese Inhaltslinie lässt sich auch zur Büchner-Preis-Rede »Die Erde – ein Kopf« (ERD) aus 1989 zurückführen. Hervorhebenswert ist insbesondere, dass Strauß über einen Zeitraum von 20 Jahren, vom Spengler-Text 1987 bis zur Lessing-Rede 2007, diese Linie thematisch intensiviert und verzweigt. In »Die Erde – ein Kopf« bedient sich Strauß der Spiegelung und Neu-Kontextualisierung, sodass Georg Büchners Relevanz für das Gegenwartsverstehen deutlich wird, vor allem für das Verstehen der an Geschwindigkeit und Gewicht zunehmenden Globalisierung. Die Differenz zwischen Innen und Außen benennt Strauß als »Leonce-Prinzip« (ERD 25) und meint damit »vertieftes Leer-Empfinden bei allgemein erhöhter Irrealität« (ERD 25), das aus der Gegenüberstellung von der Welt als »weitläufige[m] Gebäude« (ERD 25) beziehungsweise als einem »enge[n] Spiegelzimmer« (ERD 25) entsteht. Neben dem Kranken an der Globalität ist die Unsicherheit über den Gegenstand festzustellen. Die Wahrnehmungsposition fasst Strauß folgerichtig mit wenigen Fragen zusammen und führt von diesen ausgehend die Reflexionen fort: »Was ist Glashaus, was ist Welt? Was innen, was außen? Was Automat und was Organ? Nicht mehr zu unterscheiden. Wir fühlen unseren Kopf Globus werden und gehen auf einer Erde, die sich anschickt, ein einziger Kopf zu werden. Die verschaltete Welt ist das komplette artificium, die künstliche Kunst nur ihr oberster Verdichtungsgrad. Das hermetische Lustspiel ist kein satirisches Gleichnis mehr, sondern inzwischen ein Gestaltteil, Modul einer radikal erfundenen Wirklichkeit. Wir haben im Höchstkünstlichen noch einmal die ganze Welt. Kein Einlaß, kein Auslaß: nach Schließung des Kunstwerks.« (ERD 25f.) Strauß beschreibt hier mehrere Aspekte, die für das Verständnis der Globalisierungskonzeption von immenser Signifikanz sind. Zum einen fallen unmittelbar die verstörenden Gegenüberstellungen auf. Die Differenz innen/außen ist naheliegend, Automat/Organ stellt Artifizielles gegen Natürliches und ist verständlich, während das Begriffspaar Glashaus/Welt durchaus problematisch zu nennen ist, weil sich bildlich verstanden das Glashaus optisch nur wenig von Welt abhebt und sich bereits aus mittlerer Entfernung nicht mehr von der Umwelt trennen lässt. Dies erklärt auch den doppelten Auflösungsprozess von Kopf in Welt in Kopf. Strauß erzeugt so eine Vorstellung eines flüssigen Übergangs, in dem eben noch Getrenntes nun indifferent wird und zu ineinanderfließenden Sphären 89 wird. Arend nähert sich – wieder unter dem Schlaglicht des Mythischen – dem Titel des Essays an und formuliert dazu: »Die Hypothese, dass die Erde ein Kopf sei, lässt sich wohl so verstehen, dass die vernunftgeleitete technische Wirklichkeit nur noch empfunden wird als Irrealität, die Wirklichkeit wird bloßer Schein«182. Dirk M. Becker widmet sich ebenfalls der Indifferenz von Sein und Wirklichkeit in der Rede und führt sie auf den technischen Fortschritt, der die Verhältnisse neu strukturiert, zurück: »Hatte Leonces Handschuh in der Vergangenheit noch als Metapher dienen können, um zu verdeutlichen, wie das Netzwerk Mensch sein Inneres nach außen stülpt, herrscht jetzt im Zeitalter des Data-Glove die totale Indifferenz von Mensch und Technik. Data-Glove ist ›die künstliche Hand, ausgestattet mit den empfindlichsten Sensoren, die lesende Haut‹. Die Metapher, welche einst der Unterscheidung zwischen der Welt und dem Ich, dem Betrachteten und dem Betrachter, dem Innen und dem Außen diente, verliert heute in ihrer begrifflichen Umsetzung das distale Objekt, ebenso wie dessen Subjekt einer fragwürdig gewordenen Wirklichkeit. [...] Und so stellt sich für Strauß die Frage, welche Konsequenz dies für den Menschen hätte, wenn tatsächlich eine Unschärfe bestünde zwischen dem, was aus dem Kopf und dem, was aus der Welt kommt? Welche Konsequenzen hätte dies für die Realität des Menschen und für die Materialität einer Welt, in der er sich selbst befindet, wenn es darum geht, diese zu begreifen, eine Realität zu erfassen, die sich selbst stets erst im Erkenntnisakt orientiert?«183 Laut Strauß ist die Welt eben nur Ergebnis einer Wahrnehmungsform und er baut diesen Gedanken kurz darauf in Beginnlosigkeit sehr umfangreich und radikal aus und strukturiert seinen Text um die Frage nach der Wahrnehmung und der Tatsächlichkeit der Welt. Aufgrund der kurzen Zeitspanne ist ein gegenseitiger Beeinflussungsprozess von Rede und Beginnlosigkeit naheliegend. Ferner referiert die von Strauß in »Die Erde – ein Kopf« angelegte Perspektive neben der Neubetrachtung Büchners auch auf die Exklusion, wodurch über die thematisch-metaphorische Titelspielerei eine sehr konkrete Perspektive auf die Globalisierung ersichtlich wird. 182 Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 179. 183 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. Die Auflösung von Wort und Objekt. S. 101. 90 2.8 Das Anwesenheitsparadox: Exklusion aus den Sphären bei gleichzeitiger Vernetzung Die politisch-gesellschaftliche Ausdifferenzierung schreitet voran (zum Beispiel ist, was früher der Hofstaat war, nun Gesellschaft) und mündet in einer materiellen und technischen Dystopie, an deren Endpunkt »nach der bürgerlichen Demokratie« (ERD 27) eine kommunikative Exklusion der Masse aus der Gesellschaft droht. Hierzu heißt es dialektisch: »Bunte Welt der Demokratie, wahrer Materialismus, Blütezeit der Dinge. Harte Rhythmen, schnelle Schnitte. Daneben Todesängste wie vordem, Unheils-Witterung, Degouts und überdüngte Träume, Gelüsteschwund, auch Überdruß und Langeweile sind gründlich demokratisiert. [...] Spraysprüche auf restauriertem Jugendstil: ›Science = Death‹, ›Isolationshaft ist Folter‹. Verstehen wir es richtig herum: Isolationen sind die Zellbausteine des Gemeinwesens. Aus Isolationen erhält es sich rätselhaft. Millionen Eingeschlossene lassen sich eine Welt der Kommunikation vorspielen.« (ERD 26) Die individuelle Grenze zur Gesellschaft aufrechterhalten und mit der Au- ßenwelt kommunizieren zu können, ist nur eine Illusion. Die Isolation auf Zellniveau sichert das Überleben des Organismus, die Psyche hingegen benötigt Vermischung und Input, um überleben zu können, da sie ansonsten nicht viel mehr als »ein überfülltes Bewußtsein, allein in der Kälte der Sphären« (ERD 28) wäre. Diese Forderung, der Illusion entkommen zu können, deckt sich insofern auch mit der eingangs beschriebenen Zusammenführung von Ästhetik und Politik, die Strauß in den Theaterrezensionen vertritt. Der Verweis auf die künstlerische Praxis ist daher nur folgerichtig für seine Argumentation. Um der kritisierten Globalität, welche den Zustand des absoluten Glashauses, der »verschaltete[n] Welt« (ERD 25), der weit vorangeschrittenen Globalisierung meint, dennoch einen Sinn verleihen zu können, muss der Dichter Widerstand leisten (vgl. ERD 28). Er »hat das letzte Wort« (NA 151) und muss seinen Standpunkt in der Welt und seine Sichtweise über diese mit Nachdruck vertreten. Kurz vor der Jahrtausendwende werden die Verweise auf Globalisierungsprozesse konkreter, wenn Strauß den Wandel der Gegenwart diskutiert und reflektiert. Die »Terrapolis« (ERD 28), wie Strauß den Globalitätszustand an dieser Stelle noch nennt, ist nichts anderes als die Weltgesellschaft. Als wörtlich genommene ›Erd-Stadt‹ umspannt sie den Globus. Vilém Flussers Vor- 91 schlag, man solle ein derartiges Konzept von Stadt »topologisch statt geographisch denken lernen« und sie nicht mehr »als einen geographischen Ort, sondern als Krümmung in einem Feld ansehen«184, öffnet Strauß’ Formulierung für eine Interpretation. Die Terrapolis als Metapher der Weltgesellschaft kann, wenn überhaupt, nur vom Rande aus erfasst werden; doch wo ist der Rand einer Kugel? Peter Sloterdijk geht ebenfalls der topographischen Dimension nach und betont, dass »die dritte Welle der Globalisierung [...] den realen Globus enträumlicht und an die Stelle der gewölbten Erdkugel einen nahezu ausdehnungslosen Punkt setzt beziehungsweise ein Netzwerk aus Schnittpunkten und Linien, die nichts anderes bedeuten als Verknüpfungen zwischen beliebig weit auseinanderliegenden Rechnern. Wenn die zweite Welle bei geringen und mittleren Geschwindigkeiten die immense Ausdehnung des Planeten in die menschliche Anschauung gehoben hatte, so bringt die dritte das Weitegefühl der Neuzeit bei hohen Geschwindigkeiten wieder zum Verschwinden. Hierauf antwortet heute ein diffuses Unbehagen an der überkommunikativen Verfaßtheit des Weltsystems – ein berechtigtes Empfinden, wie wir meinen, denn was man heute als die Wohltaten der Telekommunikation feiert, erleben Unzählige als eine suspekte Errungenschaft, mit deren Hilfe wir uns jetzt auch aus der Ferne gegenseitig so unglücklich machen können, wie dies früher direkten Nachbarn vorbehalten war. Wo die Würde der Abstände negiert wird, schrumpft die Erde mitsamt ihren lokalen Ekstasen auf ein Beinahe-Nichts zusammen, bis von ihrer königlichen Ausgedehntheit nicht mehr als ein abgegriffenes Logo übrigbleibt.«185 Sloterdijk deutet die Globalisierung an dieser Stelle als Verdichtung und Enträumlichung. Strauß’ »Terrapolis« entspricht einer solchen und in der Zusammenführung der Positionen Flussers und Sloterdijks mit denen von Botho Strauß eröffnet sich eine Sichtweise, die es Strauß erlaubt, dank zwischengeschalteter Netzpunkte, schlicht: Koordinaten und Zeitstempel, verschiedene Funktionen zu besetzen – zweitrangig ist, ob dieser wie Lessing, Büchner, Spengler, Borchardt oder Strauß selbst im Spektrum eines sachten Provokateurs bis zum schmerzhaften Stachel im Fleisch der Gesellschaft agiert. Der Dichter ist ein Störer der Kommunikation, der Irritation anstrebt. Ein ›Gegen-Aufklärer‹ (Wiesberg), der versucht, sich sprachlich dem Unsagbaren doch irgendwie anzunähern. Es geht, wie das folgende 184 Vilém Flusser: »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut«. S. 175. 185 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 92 Zitat vermitteln soll, um das Finden eines soliden und dezentralen Standpunktes, von dem aus verlässliche Beobachtungen und Beschreibungen ohne direkte Anbindung an die Gesellschaft möglich sind: »Am Rand der einzigen allgewaltigen Terrapolis bietet er den verborgenen Auslaß für solche, die tiefer in die Zeiten wollen; aus der Stadt gelangt man nur durch ihn. Inmitten der Kommunikation bleibt er allein zuständig für das Unvermittelte, den Einschlag, den unterbrochenen Kontakt, die Dunkelphase, die Pause. Die Fremdheit. Gegen das grenzenlos Sagbare setzt er die poetische Limitation. Auch ist ihm wie vormals dem ruhlosen Lenz die Welt ein Grund zur Flucht; ein Grund, niemand zu sein oder sehr viele. Seine Stellung, sein Ort vor der Allgemeinheit: unbekannt. Er fände kaum mehr Spuren einer solchen Kultur, in der er zu irgendeiner Repräsentation befähigt oder berufen wäre. Er sieht sich weder in eine Aufbruchs- noch in eine Untergangsgesellschaft versetzt, sondern zwischen die Konstruktionen des Unaufhörlichen und des Vorübergehenden an sich. Dort trifft er nicht mehr Bürger an, sondern eine seltsame Spezies von Bürgerähnlichen, einen klassenlosen Mischtyp aus historisch reißfestem Synthetikmaterial. Was diese Population zusammenhält, ist im wesentlichen ihre kritische Öffentlichkeit, eine komplizierte Gemengelage von versprengten Interessen, Aufsichten, Gereiztheiten, Gesinnungs- und Sorgestimuli. Hier überlebt das Wort Kultur nur noch in kurioser Bedeutung, als Emphasezusatz im öffentlichen Jargon: ›Die verkehrspolitische Kultur unseres Landes droht im Streit um das Tempolimit Schaden zu nehmen.‹ Zweifellos wird man demnächst auch die Poesie heckenbildender Maßnahmen an gemeindeeigenen Parkräumen einfloskeln, damit auch dieses schöne Wort endlich Bürgernähe erlangt. Der bittere Verdacht kommt auf: der Dichter habe letztlich nichts, aber auch gar nichts mit seinem Volk, mit den glasigen Millionen, die sich fortwährend selbst durchleuchten, zu tun. Ja, sie sind ihm die wahrhaft Fremden. Die Unberührbaren, in ihrer Wohlgelauntheit, in ihrer künstlichen Helle und in ihren stickigen Ressentiments, in ihrem Bordell der ewig schiefgehenden Lüste.« (ERD 28f.) Die längere Passage verdeutlicht erneut die Exklusionsbestrebungen des Autors Strauß, der sich und den Typus des Dichters als Gegenbildner der Gesellschaft darstellt, der »die Kommunikation aufkündig[t]« wie beispielsweise der »Dandy«, »Mönch«, »Radikal-Subversiv[e]«, der Typus des »esoterischen Formalisten«, kurz: der »Anti Künstler« (FDK 79). Die »glasigen Millionen« dienen Strauß als Opposition zur eigenen Position 93 und ›glasig‹ kann eben auch als ›grenzenlos‹ beziehungsweise ›aufgelöst‹ verstanden werden. Kurz nach den Rückverweisen auf die modernen Literaten in Die Fehler des Kopisten (1997) liefert Strauß ein Zwischenfazit über den exkludierten wie anschlusserschwerten Literaten: »Am Ende des 20. Jahrhunderts ist der Typus des Unpassenden, des Widersachers, des Wahnbesessenen aus der deutschen Literatur verschwunden. In der vollkommen ironischen oder der virtuellen Welt kann durch Spiel und Anpassung der Geist ein höheres Risiko der Entfaltung wie der Verödung eingehen als durch irgendeine Form des Widerstands. In den Krisen dieser Zweiten Welt entscheidet allein der Anpassungserfolg und nicht der Leidensschatz des Subjekts. Der passable Künstler mag sich noch so ungebärdig geben, er zerbricht nicht mehr an seiner Zeit, sondern allenfalls an Drogen. Vielleicht auch, weil er von ihr gleichermaßen begünstigt wie deklassiert wird.« (ZOV 101) Es begegnen einem Anklänge zweier Inhaltslinien oder Motive aus Strauß’ Autorschaft – das Aufkommen des Idioten und die sekundäre Welt. Das erstgenannte Motiv wird im letzten Kapitel dieser Studie ausführlicher behandelt und der nachfolgende Unterabschnitt widmet sich näher der sekundären Welt. Die trennscharfe Linie zur Gesellschaft zieht der Autor Strauß auch in anderen Texten, zum Beispiel jüngst in den Essays »Der letzte Deutsche« (2015) und »Die Reform der Intelligenz« (2017), die sich in ihrer Referenzstruktur – das kulturelle Erbe ist die Literatur – kommunikativ an »Die Erde – ein Kopf« sowie die zuvor besprochenen Dichter- Essays anlehnen. Sie können unter Erzeugung einer Inhaltslinie auch in direktem Anschluss an »Anschwellender Bocksgesang« und »Der Plurimi- Faktor. Anmerkungen zum Außenseiter« beziehungsweise Lichter des Toren (2013) gelesen werden. Die Verortung zwischen entgegengesetzten Gesellschaftsentwürfen erschafft eine binäre Sphäre des Dazwischen, aus der heraus der Dichter gleichzeitig einen Ausblick auf die zeitlich beständige wie unbeständige Gesellschaft hat, er kann sich so für die eine oder die andere Sichtweise entscheiden. Der Dichter greift auf, was ihm relevant erscheint und verarbeitet es anhand entsprechend gewählter Leitdifferenzen, zum Beispiel Vergänglichkeit/Beständigkeit oder der Betrachtungsperspektive eines popkulturellen high/low, ohne dabei die Bewusstseinsprozesse im Inneren auszublenden. Diese Selbstreferenz oder auch, wie Strauß schreibt, Selbstbezüglichkeit ist nur auf den ersten Blick eine Gefährdung für die Literatur, weil sie dazu beiträgt, ein Komplexitätsgleich- 94 gewicht zwischen Innen- und Außenwelt zu erlangen und so die Innenwelt gegen ein Eindringen der Umwelt zu stärken und sie zu dieser zu positionieren, was Strauß eingehend reflektiert: »Ist es aber wirklich eine Gefahr? Nur was auf sich selbst bezogen ist, lehrt heute eine kybernetische Biologie, kann seine komplexe Umwelt meistern. Warum soll nicht, was für das Leben gilt, auch der Literatur und ihrem Fortbestehen von Nutzen sein: eine solche Autonomie, bei der jeder Schaffensakt Überlieferung, jede Progression Rückbindung wäre? Der Autor reagiert weniger auf eine Welt als vielmehr auf sein eignes Weltverständnis; und dies ist vor allem aus Literatur entstanden. Er ist zuerst und zuletzt ein marginales Vorkommnis eines längst gefüllten Buchs. Sein Werk begleitet randabwärts eine Weile jene immerwährende Schrift, aus der er hervorging und in die er wieder einmünden wird.« (ERD 29f.) Der Rückgriff auf frühere Literatur ist in der von Strauß angelegten Verstehensweise sowohl Fremd- als auch Selbstreferenz, jedoch mit der Modifizierung, dass das Bewusstsein des Autors (das heißt das eigene Weltverständnis) noch vor der Welt angeordnet ist und eine Art zweite Beobachtungsebene zwischen Autor und Welt offenbart. Die räumliche Darstellung ist genau wie der angesprochene ewige Text186 (systemtheoretisch betrachtet: Kommunikation im Literatursystem) metaphorisch zu verstehen. Der vorgenommene Bezug auf die biologische Kybernetik fließt, ähnlich wie auch die schon genannte Weltwahrnehmungsform, als elementarer Theorieaspekt in Beginnlosigkeit ein. Bleibt deutend festzuhalten, dass Literatur ein Beobachtungsmodus ist, mit dem die Gesellschaft beschrieben werden kann, und der ebenso das übergeordnete Weltverständnis bestimmt, obwohl es zwischen Literatur und Gesellschaft nur wenige direkte Berührungspunkte gibt, wie Strauß betont. Die indirekte Unvereinbarkeit ist auf die strukturellen Unterschiede ihrer Leitdifferenzen zurückzuführen; konkreter formuliert: Literarische Publikationen wie beispielsweise die Poesie erschweren aufgrund ihrer Hermetik die Anschlussfähigkeit und ihr Leis- 186 George Steiner, auf den später in diesem Kapitel noch eingegangen wird, schreibt: »Kommentierung kommt niemals zu einem Ende. In den Welten des interpretatorischen und kritischen Diskurses zeugt, wie wir gesehen haben, ein Buch das andere, bringt ein Essay den anderen hervor, setzt ein Artikel den anderen in die Welt. Die Mechanik der Unaufhörlichkeit ist die der Schwärme der Wanderheuschrecke. Monographie zehrt von Monographie, Vision von Revision« (George Steiner: Von realer Gegenwart: Hat unser Sprechen Inhalt?. S. 60). 95 tungspotential für die Gesellschaft. Ein derartiges Dilemma lässt sich nur über die Einführung situationsspezifischer Codes lösen. Irritation nach außen und Komplexitätssteigerung sowie Aufrüstung nach innen sind die Funktionen der Literatur, weshalb auch »[d]ie Unübersetzbarkeit eines poetischen Textes in die Welt der Kommunikation [...] bereits zu dessen Voraussetzung geworden« (ERD 30) ist. Ein Rückblick auf die Literatur Büchners widmet sich der literaturbezogenen Gefühlslage und schildert eine Gesellschaft, die damals wie heute weitreichende Veränderungsprozesse durchlebt. Gefühle als (non-verbale) Ausdrucksformen der eigenen Positionierung zur Gesellschaft sind aus diesem Grund mehrfachkodiert; Strauß hinterfragt ihre Funktion und ihren Verbleib in Situationen, in denen die Veränderungen gefühlsdämpfend auf Individuen einwirken: »Wo ist der Zorn? Was ist aus ihm geworden? Abgründige Melancholie. Was ist geworden aus der Idee des großen Formenzusammenhangs? Furchtbare Zerrissenheit und Isolationen. Was seinen Grund hatte, verliert ihn im Werk« (ERD 31). Die Fragmentierung durch Außeneinwirkung führt zu einem sezierenden Innenblick, der die Veränderungen herauszuarbeiten versucht. Der Formenzusammenhang, das heißt das Bild eines großen Zusammenhanges, stellt sich als irrelevant oder überlebt heraus und verkommt zur Illusion, wie Strauß anhand einer Schilderung der Übergänge aufzeigt: »[A]m Anfang steht die Autopsie, am Anfang der verhängnisvollen Suche nach dem Inneren und Allerinnersten. Sie führt über die Schädelnerven der Barben und die Bewußtseinsklüfte des Lenz geradewegs bis in die Moderne, bis in das Bennsche Gehirnleben, und von dort weiter bis zu den heutigen, neuesten Begriffen von der neuronalen Maschine ›Mensch‹, vom Netzwerk ›Mensch‹, das sein Inneres nach außen stülpt. [...] Irrealität gehört zum Gewöhnlichsten unserer nüchternen, technisch-ästhetischen Alltagserfahrung. Der Wunsch, auf dem Kopf zu gehen, um sich selbst und das Äu- ßere ins Lot zu bringen, ist nicht mehr symbolkräftig genug, wo beide zu einer einzigen untrennbaren Gewebefläche verwachsen sind; und wo zwischen Wille und Welle, als den Systemen des Ich und der Physik, eine Unschärfe besteht und sich nicht sicher sagen läßt, was aus dem eigenen und was aus dem Welt-Schädel kommt.« (ERD 31f.) Strauß’ Kopfmetaphorik schildert so auch die Wahrnehmungsunschärfe zwischen dem eigenen und dem »Welt-Schädel«, welche sich demnach auch mit der Unschärfe einer von beiden Seiten angegriffenen Systemgrenze deckt. Die Eingangsfrage, was Welt, was Glashaus sei, mündet an dieser 96 Stelle in einer scheinbaren Ununterscheidbarkeit. Strauß formuliert aus diesem Grund seine Gedanken entlang einer geistesgeschichtlichen Entwicklungslinie, an dessen Ende (oder besser: derzeitigem Netzpunkt) die Menschen und der Mainstream, die in diesem Glashaus hausen, durchlässig und – wie oben anklang – gläsern sind. Ohne Subjektkern sind sie entgrenzt und sie kennen den Rückzugsort der Literatur nicht. Trotz der permanenten Anbindung an das soziale Datennetz, wie Strauß sie auch in Lichter des Toren thematisiert, ist der Mensch in vielen Fällen nicht mehr zur authentischen Kommunikation fähig.187 Doch verhält es sich wirklich so, wie Strauß zu vermitteln versucht? Welcher Teil der Wahrnehmung ist globalisiert und geht in der Welt auf? Betrifft dies nur die Außenseite oder auch die Innenseite der Unterscheidung Subjekt/Welt? 2.9 Die Welt als Systemganzes. Oder: Untergangsszenarien? Inwieweit in den von Strauß geschilderten Ereignissen eine Eskalation der Globalisierung und der Globalitätserfahrung liegt, lässt sich am ehesten über eine Betrachtung dieser Inhaltslinie, die Strauß im Essay »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« (1990) fortführt, vornehmen. Dieser Text bildet das Nachwort zur deutschsprachigen Übersetzung von George Steiners Studie Real Presences, die 1990 unter dem Titel Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? in deutscher Übersetzung erschien. Eine Passage aus dieser nimmt die Gedanken des Nachwortes vorweg und lässt sich zugleich als Anschluss an den Kunst/Welt-Diskurs verstehen. Steiner schreibt zu diesem Verhältnis: »Sei es realistisch, phantastisch, utopisch oder satirisch, das Gebilde des Künstlers ist eine Gegenaussage zur Welt. In ästhetischen Mitteln verkörpern sich konzentrierte, selektive Interaktionen zwischen den Beschrän- 187 Insofern hat Strauß seine Ansichten bezüglich der Kommunikationsunfähigkeit des Gegenwartsmenschen seit den ersten Dramen nicht stark variieren müssen. Dies bestärkt aber auch die Aussage, dass das Thema Kommunikation bei Strauß einen hohen Stellenwert besitzt. Kommunikation ist, und hier kommt erneut eine systemtheoretische Definition zum Tragen, erst dann effektiv, wenn sie eine Verhaltensveränderung beim Angesprochenen bewirkt. Dies trifft bei Strauß’ Figuren in den seltensten Fällen zu, wodurch die Kommunikationsunfähigkeit auch auf einer Ebene jenseits der bewusst floskelhaften Sprache deutlich wird. 97 kungen des Beobachteten und den grenzenlosen Möglichkeiten des Vorgestellten. Eine solche durchgestaltete Intensität von Sicht und spekulativer Anordnung ist immer eine Kritik. Sie spricht davon, daß die Dinge anders sein könnten (gewesen sind, sein werden).«188 Laut Steiner positioniert sich der Künstler antipodisch und ästhetischerhaben zur Umwelt. Und er steht, wie eine weitere These Steiners proklamiert, in Konkurrenz zur journalistisch-medialen Weltspiegelung. Strauß sieht bei Steiner eine Kritik der Medien und ihren Bemühungen, die Gesellschaft durch ihr Programm umzuformen. Aus Strauß’ Perspektive nicht zum Besseren. Bevor er zur Synthese seiner und der Steiner’schen Medienkritik kommt, widmet er sich den zeitaktuellen politischen Geschehnissen, die er auch als mediale Entwicklung bewertet, die zwischen Vorhersehbarkeit und Plötzlichkeit hin- und hergerissen ist. »Das Unvorhersehbare«, wie Strauß artikuliert, »zerschnitt das scheinbar undurchdringliche Geflecht von Programmen und Prognosen, Gewöhnungen und Folgerichtigkeiten« (ASW 39) und er benennt es »das Unerwartete« (ASW 41). Gemeint sind Mauerfall und Wiedervereinigung, in deren unberechenbarem Fahrwasser der Text entstand und welche das »›Systemganze‹, in diesem Fall: die Welt« (ASW 39) unerwartet veränderten, als eine bis dahin unüberwindlich erscheinende Grenze zwischen zwei Gesellschaftsformen fiel. »Das Unvorhersehbare« steht nun sowohl für die notwendige Komplexitätssteigerung auf der östlichen Seite des in Beton und Stacheldraht manifestierten Differenzmarkers als auch für die Entstehung einer »nötige[n] Ersatzspannung« (ASW 40) auf der kurzfristig in die Orientierungslosigkeit versetzten Westseite, welche sich alternativ mit dem Terminus Hyperkomplexität benennen ließe. Strauß’ Anschlusskommentar thematisiert die politischen Ereignisse, während Steiners Essay Transzendenz und Immanenz in einem dialektisch fließenden Gedankenstrom positioniert. Steiner operiert dabei, wenn auch expliziter aus monotheistisch-religiöser Warte, mit den Begriffen ›innen‹, ›Denken‹, ›Empfindung‹ und ›Außenwelt‹, ›außen‹ und dergleichen und kontrastiert diese mit dem Verhältnis zwischen (Gottes) Wort und Welt. Ähnlich geht auch Strauß vor. Dass dieser sich Steiners Thesen zirkulär annähert, erschwert zu Beginn die Rezeption, bis die Gedankenbahnen der gespiegelten Revolution erkennbar sind. Strauß als Verfasser des Nachwortes zu gewinnen, kann aufgrund der Verlags- und Gedankenverwandtschaft als publizistisch kluge Entscheidung bewertet werden. Doch welche Aspekte betont Strauß in seinem Nachwort, wenn die Globa- 188 Georg Steiner: Von realer Gegenwart. S. 24. 98 lisierung als Filterfolie eingezogen wird? Wie verändert sich die Wahrnehmung des Essays, wenn die Weltbezüge in den Vordergrund rücken? Die Nähe des poetologischen Verfahrens zu den bisher besprochenen Texten ist auffallend. Strauß mäandert zwischen Verweisen auf Vordenker und Gegenwart und befindet sich dabei stets auf der Suche nach der von Steiner als Hauptthese vorangestellten »Erfahrung von Sinn« (ASW 41), die sich zum Beispiel in der Arbeit eines von Steiner besprochenen Ikonenmalers zeigt, der mit der Ikone »die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt« (ASW 43) erschafft. Die Beschäftigung mit Kunst dient in diesem Wahrnehmungsmodus dem Verstehen durch Partizipation, das heißt »sich einzuverleiben (statt bloß zu konsumieren), was geschrieben steht« (ASW 45). Der reine Konsum hingegen wird durch Medien erzwungen. Steiner sieht im Journalismus einen kulturellen Wert, der sich in seiner Ausrichtung fortlaufend an der Gesellschaft entlang ausdifferenziert – und doch nutzt Strauß Steiners Urteil als erneuten Anlass einer Schelte gegen oberflächliche Medien, indem er unterstreicht, dass die Sprache der Medien oberflächlich wirkt, Scheinhaftes aufdeckt und dadurch zum Entfremdungsgefühl des Medienkonsumenten beiträgt.189 Das auch, weil die Medien, wie es an anderer Stelle heißt, ähnlich jener »Künste, die vom Müll der Welt erzählen«, diesen »vermehren« (ZOV 100): »Der uns beherrschende Text, die tagtägliche Zeitung, entlarvt indessen überall das scheinhafte Wort, er macht das Gewebe der Welt fadenscheinig. Nichts anderes ist freilich ihre Aufgabe, und man brauchte kein Wort dar- über zu verlieren, wären die Dienstleistungen des Durchschauens und des Mißtrauens nicht beinahe das alleingültige, konkurrenzlose Angebot, das heute allem öffentlichen und privaten Verstehen der Welt aufgenötigt wird, in und vermittels der Sprache.« (ASW 45) Fast unhörbar klingt die in »Die Erde – ein Kopf« eingeforderte Authentizität des literarischen Textes an dieser Stelle erneut an (vgl. ERD 32-35). Und selbstverständlich könnte Strauß in seinem Kommentar die alles, was nicht Neuigkeit ist, verneinende Aktualitätsbestrebung beziehungsweise formbedingte Oberflächlichkeit der Medien hervorheben, doch das ist 189 Vgl. hierzu auch Jochen Hörischs Kurzbesprechung von Steiners Text, die auch das Nachwort einbezieht, in der er die antimodernen Bestrebungen Steiners zu dem vorherrschenden Klima der Vielgeschwätzigkeit positioniert und den publizistischen Trugschluss der Publikation gegen das Zuviel an Sprache freilegt (Jochen Hörisch: Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes, hier S. 272-275). 99 nicht seine Intention. Angesichts der generellen ›Auslegungsbedürftigkeit‹ (vgl. ASW 45) von Texten ist eine Verarbeitung innerhalb der Medien nur eine von vielfach möglichen Annäherungsarten an Texte. Als Gegenpol sieht Strauß die wissenschaftliche Beschäftigung trotz des kritisch beargwöhnten Zwangs zum Kommentar (vgl. ASW 46). Strauß vermengt, ohne es explizit zu formulieren, Literaturwissenschaft und angewandte Poetik und positioniert somit auch sich selbst zu (aber nicht gegen!) Steiners Text. Dass das Nachwort auch als selbständiger Essay publiziert wurde, ermöglicht es, ihn als Kommentar zu Von realer Gegenwart und als eigenständige These zur Veränderung der Welt zu lesen. Das Verständnis beeinflusst diese Doppelung dahingehend, dass die letztgenannte Lesart einen weiteren Abstraktionsschritt bedingt, weil unterschiedliche Beobachtungen synthetisiert werden. Entscheidend für beide Lesarten ist jedoch auch, dass der (poetische) Text vor einer Interpretation geschützt wird, indem eine Grenze zwischen Text und Leser erzeugt wird, die ein sofortiges Eindringen in den Text verhindert. Hierin liegt zugleich eine Parallele zu der von Handke eingeforderten Arbeitsleistung des Rezipienten. Strauß wählt jedoch deutlich drastischere Bilder für die Kritik: »Die Schutzhülle des Textes ist zur Flechte des Parasiten geworden, der seinen Wirt zersetzt und überwuchert. Diese Poetik hat den esoterischen Poetisten hervorgebracht, dessen familiäres Mitreden am Werk den Poeten von seiner Poesie trennt und in minutiösen Schnitten Zeit, Ort, Sinn, Autorschaft vom Werk abspaltet, um es zu einer autonomen Textualität zu verarbeiten. Die Metapher vom Parasiten ist altgedient, und sie wiegt nicht mehr als ein umwelt-, ein ›logos-bewußter‹ Protest gegen die Übermacht der sekundären, medialen, indirekten Sprechweisen, die die atmende Sprache ebenso erstickend bedecken wie die Flächenversiegelung den fruchtbaren Boden.« (ASW 46) Die »Schutzhülle« ist auch Schutzbarriere zwischen Text oder Kunstwerk und Umwelt, sie schützt den poetischen Text gegen die sekundäre Sprache. Soll eine Annäherung geschehen, muss der Text mit einem relevanten Code erschlossen werden, damit sinnvolle Kommentare und Anschlüsse möglich werden. Und zudem muss eine geeignete Position für die Beobachtung gefunden werden, welches nicht gänzlich problemfrei ist, wie Sebastian Reus feststellt: »Die Unmöglichkeit, einen festen Ort in ihr [der Sprache, S.P.] zu beziehen, von dem aus das Sehen eine sichere Perspekti- 100 ve gewinnen könnte, ist wiederum oft genug angezeigt worden«190. Vorab fällt auf, dass Sprache eine Barriere bilden kann, die verhindert, treffsicher zu beschreiben, was zuvor beobachtet wurde. Das auch von Steiner angesprochene Gotteswort und die Differenz zwischen diesem und der menschlichen Perspektive bedeutet, dass unterschiedliche Beobachtungsweisen miteinander konkurrieren – einerseits menschengemachte, künstliche, andererseits eine göttliche Perspektive, die wiederum auch durch Schrift und Wort verbreitet wird. Diese Sicht vermittelt das Auseinanderdriften der beiden Sehens- und Verstehensarten als eine (kurzfristige?) Flucht in die Transzendenz einer Übersinnlichkeit, zu der sich als Alternative die Flucht in die Wissenschaft hinzugesellt: »Sinnlichkeit wird als Übersinnlichkeit übersetzt in ein Lesen des Bewußtseins, das die Souveränität und Gleichzeitigkeit des eigenen Denkens und des Denkens des Eigenen ersetzt. Dieses Lesen ist keine Sinnlichkeit mehr, aber gleichzeitig bindet es die Operationen des Denkens an die Bedingtheit des Sinnlichen, den ständigen Fluss sinnlicher Daten, die niemals zu einem statischen Komplex von Gegenwart innehalten.«191 Wie Strauß in Beginnlosigkeit zu zeigen bemüht ist, stehen die religiösmythische Übersinnlichkeit und das neuronale Dauerfeuer des Datenflusses in einem beständigen Oppositionsverhältnis, woraus nur unter erschwerten Bedingungen eine Einheit der Differenz von religiöser und naturwissenschaftlicher Urknalltheorie zu erzeugen ist. Man kann es auch so formulieren, dass in diesem Fall der Versuch, die Entstehung der Welt zu erklären, zu einer überkomplexen Glaubenskrise von Religion und Wissenschaft führen wird. Sich aus Gründen der Komplexitätsreduktion für eine Seite der Differenz zu entscheiden und die andere Seite auszublenden, ermöglicht es dem Beobachter, dennoch eine sichere Position für die gewählte Beobachtung auf die Welt zu finden. Die jeweils ausgeblendete Seite fungiert dann als (insgeheim abgelehnte, aber zur Kenntnis genommene) Alternativnarration, die mit dem eigenen Weltbild nicht vereinbar ist. Es ist dann möglich, diese als Kunst zu deklarieren und sie somit aus der Tatsächlichkeit des eigenen Standpunktes auszugliedern.192 Wie die folgenden 190 Sebastian Reus: Unglückliches Bewusstsein: Denken ohne Dialektik bei Botho Strauß. S. 245. 191 Sebastian Reus: Unglückliches Bewusstsein: Denken ohne Dialektik bei Botho Strauß. S. 245. 192 Das erklärt auch, warum sich Naturwissenschaftler dennoch kirchlich trauen oder bestatten lassen. Und warum auch Pastoren sich für paläontologische Steinformationen interessieren können, obwohl es diese Opposition zu ihrem Weltbild ei- 101 Überlegungen aufzeigen, werden neue Konträrstandpunkte zugänglich, die Strauß im Verlauf seiner Argumentation in »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« anführt. 2.10 Kunst & Medien als Generatoren einer »Weltworld« Besonders eng mit der Strauß’schen Sichtweise ist die dichotomische Argumentation verbunden, die Strauß bei Steiner ausmacht; sowohl die »natürliche, biologische« als auch die »geistige« Welt seien »beschädigt und bedroht«« (ASW 46). Die Bedrohungssituation entsteht durch die Einwirkung einer medialen und indifferenten Umwelt. Steiners Text will laut Strauß eine »›Remythologisierung‹« (ASW 47) vornehmen, jedoch die öffnenden (das heißt globalisierenden) Prozesse nicht rückgängig machen, sondern ihre Auswirkung abschwächen, indem das Kunstwerk aufgewertet wird, vor allem wegen des »Kontaktbruch[s] zwischen Wort und Welt« (ASW 50), den Steiner am Beginn der Moderne eintreten sieht, wie Strauß im Nachwort verdeutlicht: »Von realer Gegenwart ist ein Schneisenschlag, ein rigoroser Entwurf gegen die philosophischen Journalisten, die Mitverfertiger einer Weltworld, die Realisten der Entropie und der überfüllten Leere, die Rhetoriker der Simulationen und des unendlichen ludibriums. Der Autor weiß selbstverständlich, daß ihm gegenwärtig noch die Seminare und Redaktionen in Reih und Glied entgegenstehen. Er weiß aber ebenso sicher, daß die ideelle Macht der Abwesenheit und der Leugnung verbraucht ist, so wie die große Subversion und Selbstherrlichkeit Nietzsches ihr Jahrhundert gehabt hat und nur einen zerstreuten Haufen ›kraftloser Empörer‹ (Dostojewski) übrigließ. [...] Doch all dies enthält keinen Funken Aussicht, keine Kraft zur Erneuerung und Veränderung mehr.« (ASW 47) ›Abwesenheit‹ ist auch als Distanz und Entfremdung zwischen der Tradition der »Zeitfremdling[e]« (ASW 48) und einer Gegenwart, wie sie auch der Essay über Borchardt beschreibt, zu verstehen. Sie ist negative Folge aus dem Verblassen der Kontur, vor allem auch, weil »der gesellschaftliche Außenseiter, der kritische Nonkonformist« (ASW 48) an Einfluss verloren hat. Als Antagonist jedweder Innenwelt – zum Beispiel dem Denken bei Steiner oder Figuren in Texten – sieht Strauß die mediale »Weltworld«, degentlich gar nicht geben kann und darf. Sich nicht in Gedankenschleifen des ›als ob‹ zu begeben, dient einzig der Komplexitätsreduktion. 102 ren globalisierte Oberfläche vorrangig Simulation ist. Der beschriebene Perspektivenwechsel zwischen der mühsamen Bearbeitung der Schutzhülle von außen und der Innenperspektive auf die paradoxe »überfüllt[e] Leere« der Umwelt verdeutlicht die Funktion der Trennlinie zwischen Kunst und Umwelt. Sowohl Steiner als auch Strauß wollen sie erhalten, weil das »Systemganze« trotz der ›modernen Sprachlosigkeit‹ (vgl. ASW 50) bestehen bleiben muss, um sowohl die Innen- beziehungsweise Außengrenze als auch das System im Verhältnis zur jeweiligen Umwelt stabilisieren zu können. Dies ist kein Selbstzweck, denn das Innere wird durch Kommunikation aufrechterhalten und stemmt sich so gegen die Globalität, die alles aufzulösen droht. Strauß’ Fazit zu Steiners Thesen bestätigt diese Sicht ein weiteres Mal und zeigt indes auch, warum die globalisierungsorientierte Lektüre fruchtbar ist: »Die Kunstwerke sind da. Ihre Heterophanie ist unabweislich, unwandelbar. Verborgen, verhindert, verlegen ist allein der Empfänger, der Beschenkte, der Angesprochene. Er hat sich aus der Verantwortung gestohlen und in ein methodisches Drumherumreden geflüchtet. Nichts ist unmittelbarer mit dem Schicksal der Erde verbunden als die Sprache.« (ASW 51) Kunst hat demnach Bestand und ragt – wenn auch richtungsunschlüssig (vgl. ASW 51) als Fremderscheinung – aus dem System heraus, während der Beobachter (»der Empfänger«) sprachlos versucht, eine Sprache, die es mit dem Kunstwerk aufnehmen kann, zu finden. Diese paradoxe Situation beeinflusst in der Folge die gesamte Gegenwart, die zwischen einem »vollkommenen Vergesse[n]« (ASW 51) und einer »technologischen Mutation unserer gesamten Kultur« (ASW 51) auf der einen und einem »Ausbruch eines religiösen Fundamentalismus« (ASW 51) auf der anderen Seite schwankt. Die Folgeprobleme eines solchen Fundamentalismus thematisieren vermehrt jene essayistischen Gegenwartsanalysen, die Strauß nach 2001 schreibt. Er nennt jene, die Wissenschaft und Religion vereinen, »Fulguristen« (ASW 52) und bezeichnet sich im Essay »Wollt Ihr das totale Engineering?« (2000) selbst als solchen. Steiners Kontaktbrüche zwischen Kunst, Welt und (religiösem) Wort ergänzt Strauß um eine angestrebte Einheit der Differenzteile, aus der ihm ein Rückweg erkennbar wird, der die ursprünglichen Verhältnisse wiederherstellt. Strauß’ Interpretation bekommt durch den Typus »Fulgurist« eine konkrete Rahmung: »weltklug abgeklärt, verblendungsfrei, ernüchtert« (ASW 53) und zugleich ›begeistert und manisch, unvernünftig‹ (vgl. ASW 53). Das ist nichts anderes als einer- 103 seits die beschriebe »Ästhetik der Anwesenheit«, die der Titel des Essays und der Anthologie anschlägt, und andererseits eine Vorwegnahme des religiös-politischen Sprengstoffs in den Essays »Der Schlag« (2001) und »Der Konflikt« (2006), der noch zu besprechen sein wird. Ungeachtet der Verschiebungen auf der individuellen Ebene sind es die epochalen Irritationen der Gesellschaft, welche die Veränderungen von festen Strukturen ermöglichen. Der eingangs aufgegriffene Fall der DDR und ihrer politischen Ideologie war solch eine radikalplötzliche Einwirkung auf das »Systemganze« und Gefährdung von dessen Gleichgewicht: »Kein noch so komplexes, hochentwickeltes, gleichgültiges, liberales und strapazierfähiges Gemeinsames vermag sich gegen den Blitz zu schützen, der es umordnet. Wenn der Schein wild wird nach Gestalt, wird er den Spiegel zum Bersten bringen« (ASW 52). Nur derart kräftige Einschläge vermögen es, der Gesellschaftsentwicklung spontan eine neue Richtung zu geben. Dass dies geschehen kann, ist Merkmal einer auf Komplexität bauenden Gesellschaft. In einer starren vormodernen und unvernetzten Gesellschaft besitzen derartige Ereignisse keine globale Durchschlagskraft, sofern sich das Ereignis wie beispielsweise die Pest in der frühen Neuzeit nicht selbst über den Globus verbreitet. Das Dilemma liegt nun darin, dass die Globalisierung mit ihrer gesellschaftlichen Ausdifferenzierung ein langsam voranschreitender Prozess ist, der auf spontane Irritationen reagieren und so vom inhärenten Programm der Welterweiterung abweichen muss, ohne sich davon aufhalten zu lassen. Der Übergang von der stratifizierten vormodernen Gesellschaft bis zur funktional ausdifferenzierten verlief über 200 Jahre. Die DDR war soziologisch betrachtet ein Rückfall in die stratifikatorische Vormoderne im Sinne einer streng gegliederten und zentralgesteuerten Klassengesellschaft.193 Auf Ebene der Weltgesellschaft gehören gewichtige Einschläge zum Voranschreiten der Globalisierung dazu und sind zugleich Zäsuren in der Entwicklung. Mit dem Mauerfall – nach Strauß »das sinnfälligste Zeichen für das tote Ende von Geschichte überhaupt« (WDL 20) – begann, wie er schreibt, »[d]as kritisch-soziale Zeitalter« (ASW 44), das so unterschiedliche Abläufe und Ereignisse wie Digitalisierung, Vernetzung, Krisen oder Verlust von Kultur und Heimat umfasst. Die Auflistung liefert auch Schlüsselbegriffe, welche für das weitere 193 Vgl. Frank Becker & Elke Reinhardt-Becker: Systemtheorie: eine Einführung für die Geschichts- und Kulturwissenschaften: »In der Moderne gibt es zwar Diktaturen, aber Diktaturen sind paradoxerweise nicht modern; sie führen eine Re-Stratifizierung der Gesellschaft herbei« (S. 96). 104 Verständnis der Essays als Teil der Globalisierungskonzeption relevant sind. Vom fortgeführten Gedanken der »Weltworld« und der Systeme bewegt sich Strauß entlang der genannten Inhaltslinien tiefer und tiefer in den Gedankenkosmos hinein. 2.11 Der Ausweg aus der Globalität: Exitstrategien Zwischen 1997 und 2000 entstanden drei Essays, die ergiebig und zentral für das Verständnis der Strauß’schen Globalisierungsdiskussion und -konzeption sind. Es handelt sich hierbei um »Das Maß der Wörtlichkeit. Über Peter Stein« (1997, MDW), »Zeit ohne Vorboten« (1998, ZOV) sowie »Wollt ihr das totale Engineering?«194 (2000, WTE). Der Essay über Peter Stein unterscheidet sich maßgeblich von den Texten über Spengler, Borchardt oder Büchner, aber auch von den frühen ästhetisch-politischen Theaterrezensionen, da der Text seinen Fokus auf rezeptionsästhetische Fragen und Aspekte, die über Einzelstücke hinausgehen, richtet. Er greift die in »Aufstand gegen die sekundäre Welt« geäußerte Kritik am akademischen Blick und dessen »Akademismus der Deformationskünste« (MDW 83) sowie an der zeitgenössischen (Bühnen-)Kunst auf und erweitert sie: »Die Kunst, die alltäglicher als der Alltag werden wollte, widerspiegelt bestenfalls noch Kulturtheorie: Wir alle stecken bis zur Schädeldecke im Müll, und unser Leben ist nur erlebte Entropie« (MDW 83). Strauß wendet sich erneut von der sekundären Beobachtung ab und richtet den Blick auf das Quellenmaterial, anstatt über die Beschreibung des Textes aus »zweiter zittriger Hand durch Netze und Medien« zum Gedächtnis und »Speicherplätze« (MDW 83) zu gelangen. Der Archivierungsraum des Textes ist Stein wie Strauß näher als jedweder Kommentar über den Text. Diese Art Textkonservatismus durchzieht Strauß’ Werk als Konstante, daher verwundert es nicht, dass Strauß ihn als didaktische Eigenschaft bei Stein hervorhebt, jedoch nicht ohne die dazugehörige Kontextualisierung vorzunehmen: »Er überzeugte sein Publikum, nicht indem er interessant aus der Vergangenheit erzählte, sondern er überzeugte ganz offensichtlich als ein von Herkunftsbewußtsein durchdrungener und erhellter Mensch, wie man ihn heute, in welchem Berufszweig auch immer, nur selten noch finden kann. 194 Der Essay ist zugleich eine Vorstudie zum Prosatext Der Untenstehende auf Zehenspitzen von 2004. 105 Dabei [...] mußte schließlich seine ganze um Einsicht und Unterscheidung werbende Intelligenz befremdlich genug auf seine Zuhörer wirken und ihn zuweilen als ein wunderliches Fabelwesen erscheinen lassen, das aus versunkenen deutschen Bildungsgeschichten aufgetaucht war und das die Jungen eher bestaunen als begreifen mochten, die diffus-neugierigen, die späten, mageren und übersättigten Eleven, die nicht wissen, wie einen guten Anfang machen. Ihnen gegenüber jemand, von dem man sagen könnte, daß brennendes Interesse beinahe die Hälfte seiner Begabung ausmacht. Ist brennendes Interesse aber lehrbar?« (MDW 84) Die Essenz der Stein-Laudatio geht über die reine Verehrung hinaus, was auch daran liegen mag, dass Strauß und Stein frühere Weggefährten sind, ähnlich denken und fühlen; im Gegensatz zur Beschäftigung mit Borchardt oder Spengler besteht eine persönliche Vertrautheit. Gemeinsame Züge hervorzuheben als Strategie der Verehrung, ist ein verständliches Prinzip, doch Strauß unterfüttert es durch die Betonung des Herkunftsbewusstseins und der Bewusstseinssteigerung, die dadurch erreicht werden können. Der Kontrast zur jungen Generation ist dabei mehr als nur ein rhetorischmoralischer Topos. Strauß’ leitmotivischer Groll gegen Verflachung trifft sowohl die Übersättigung und Orientierungslosigkeit der Jungen als auch die Kultur des Theaters. Er kündigt sich, wie eingangs gezeigt, in den frühen Rezensionen an und kulminiert in den letzten Jahren. »Der ästhetische Urfehler ist der Plurimi-Faktor« resümierte Strauß 2013 in Lichter des Toren die Entwicklung und meint damit »das Hohe zugunsten des Breiten abzuwerten. Das Untere zur obersten Interessensphäre zu machen. Das Breite zur Spitze zu erklären. Inzwischen paktiert auch die Kunst liebedienerisch mit Quote und breitem Publikum« (LDT 32). Strauß wird 1997 mit »Maß der Wörtlichkeit« nach 25-jähriger Pause erneut zum Beobachter des Theaters und aktualisiert seine Sicht darauf, wie die Überführung und Umwandlung der Außenwelt in den Innenraum der Theaterwelt erfolgt. Das Theater weist laut Strauß »erstaunlich[e] Erfindungen im chorischen, musikalisch-choreographischen Bereich« (MDW 85) auf, dennoch beherrscht Übertreibung die Inszenierungen, um vom Störfaktor Text abzulenken, der ein »verdammte[r] Fremdkörper« (MDW 85) ist und der mit seiner »leidige[n] Sprache« (MDW 85) einen Gegenpol zum visuellen Ansatz repräsentiert. Sprache irritiert, da sie nur »schwer zu bewältigen [ist], weil sie dauernd Sinn macht, Sinn aber nur weiteren Müll produziert, weshalb man Texte unverzüglich bebildern, mit Comic-Soundtrack unterlegen, singen oder durch Chat-Kanäle schütten muß« (MDW 85). Die Kontrastierung von Sprache, Theater, Text, Sinn und Medialisierung, wie Strauß sie an- 106 stimmt, steht für den Blick auf die Innenseite, wo eine Vertiefung gegen die Verflachung einer Außenseite ausgehoben wird; auf diese Weise werden auch die Grenze und Abgrenzung zur Welt verstärkt. Für diese Herangehensweise ist jedoch entscheidend, dass das jeweilige Kunstwerk nicht ›bewältigt‹ (vgl. MDW 85), sondern mit ihm umgegangen – und das heißt auch durch Anschlussversuche mit ihm kommuniziert – wird. Der konstruktive Umgang mit dem Text steht im Zentrum der geschilderten Dramaturgie. Eine quellenorientierte Inszenierung widmet sich dem »Drama und seine[r] Zeit. Eine[r] Zeit, die so geschlossen und verfugt, so bindend und lösend nirgends sonst auf der Welt verstreicht. In ihrer Ordnung wird der Buchstabe [...] ein Atemzug« (MDW 86). Mit anderen Worten überblendet die Inszenierung die reale Welt, das Theater kulminiert zu einem eigenen Kosmos, der nur noch über Abgrenzung von der Welt mit ihr verbunden ist, in manchen Inszenierungen »mehr [...] von der Welttrostlosigkeit, von der Tragödie vor jeder Tragödie« (NA 206) vermittelt als es anderen Kunstformen gelingt, wie Strauß in Niemand anderes (1987) schreibt.195 Es geht darum, die Distanz zu ertragen, da das textnahe Theater von Stein nur noch einen verschlüsselten Außenbezug besitzt. Strauß betont, wie sehr eine Stein-Inszenierung für die Innenwelt lebt und wie sie die Text- Interpretation durch das Ensemble beeinflusst. Die Akteure unterwerfen sich ihren Rollen und steuern damit auch die Aufnahme der Inszenierung durch das Publikum, denn der Schauspieler gestaltet den Text erlebbar und aktualisiert ihn. Die Inszenierung erzeugt einen Sog durch die »Zeit- Entsagung« (MDW 92) und Strauß verweist in diesem Zusammenhang verstärkt darauf, dass Steins Rückbesinnung eine Zusammenführung ehemals zersplitterter Fragmente vornehmen will. Angesichts einer desorientierten und – wenn man zusätzlich Strauß’ spätere Aussagen berücksichtigt – kulturlosen Gesellschaft ein schwieriges, aber dennoch Sinn stiftendes Verfahren. Daneben steht die Zielsetzung, der Gesellschaft eine Gegenebene und -position zur Selbstbeobachtung aufzuzeigen, von der aus das Bühnengeschehen in der Gesellschaft reflektiert werden kann, um der Gesellschaft einen Zugang zu einer längst vergessenen Deutungsweise zu er- öffnen. Diese Art des künstlerischen Rückblicks propagiert zugleich einen »Aufbruch aus den Niederungen der erschöpften Befindlich- und Beliebigkeiten« (MDW 92) sowie eine »Abkehr vom Kult des Fragmentarischen« (MDW 92), wohl wissend, dass damit auch kulturrezeptive Veränderungen verbunden sind. Weil Medien zu kulturellen Leitfäden der Gesellschaft ge- 195 Vgl. NA 208, wo Strauß die Theaterbühne streng von der wirklichen Welt trennt. 107 worden sind und die traditionelle, authentische und hohe Kultur ihre Bedeutung für die breite Masse verloren hat, leitet Strauß aus der Rückbesinnung eine weitere Schwächung der Theaterwelt ab. Das Theater ist eine Institution des Authentischen für die Wenigen, die noch nicht vollständig globalisiert sind. Und es bietet letzte Haltepunkte, weil es sich noch nicht vollends von der Gesellschaft hat lösen können. Ein Anschluss ist nach wie vor möglich, verlangt jedoch Engagement und, um in der Metapher der Systeme zu bleiben, kommunikative Offenheit bei struktureller Geschlossenheit auf Seiten der Umwelt, das heißt: sich als Zuschauer der rezipierenden, nicht am Stück beteiligten Zuschauerrolle bewusst zu sein und die Botschaft des Theaters kathartisch auf sich selbst zu beziehen. Das Publikum muss sich, wie von Strauß schon in der Handke-Rezension hervorgehoben, auf die Inszenierung einlassen und in der Illusion wiederum das Handfeste erkennen. Aus der Vereinigung der Fragmente resultiert in der Folge solcher Einlassungen eine »Abkehr [...] von einem Theater, das, obschon am Rand des öffentlichen Interesses angelangt, immer noch den Affen der ›Gesellschaft‹ spielt, anstatt sich zum Herrn einer fabelhaften Unzeitgemäßheit zu bestimmen, frei, wie es ist, und nur den Mächten seiner Phantasie unterworfen« (MDW 92). Aus diesen Betrachtungen lässt sich ableiten, dass Strauß im Theater, sofern es sich den authentischen Texten und nicht der Gesellschaft zuwendet, einen Ausweg aus der Orientierungslosigkeit sieht. Diese Perspektive lässt sich bei Strauß bis in die 1960er Jahre zurückverfolgen und setzt bereits zu jener Zeit voraus, dass die Autonomie des Theaters als ein geschlossenes System gewahrt, das nicht von Politik, Wirtschaft oder einem anderen System vereinnahmt wird. Der Doppelsinn des Terminus System kommt erst später hinzu. Der Essay über Stein ist in seiner Aussage auch deswegen relevant, weil in ihm die Strauß’sche Exitstrategie aus der Globalität anklingt, die aus einer Rückbesinnung auf Gewesenes, auf (geistige) Heimat und Herkunft besteht. Das was war, kann nicht mehr globalisiert werden, da es bereits seine Gegenwartsirritationen und Ausdifferenzierungen hinter sich hat und hierdurch in sich gefestigt beziehungsweise gesichert ist. Der Anschluss an Vergangenes verleiht dem Handeln und Denken somit einen Rückhalt, welchen die bewegliche und hyperkomplexe Gegenwart nicht mehr bieten kann. Strauß betont bewusst, dass »[m]an [...] das Gewesene so groß wie etwas Niedagewesenes anschauen« muss, um sich der gesamten Aussage bewusst zu werden, wie es im Essay »Wollt Ihr das totale Engineering?« heißt. In Lichter des Toren fällt das Fazit prägnant wie resignierend kürzer aus: »Die schmerzliche Lehre lautet: daß das Vergangene reicher, das Ge- 108 genwärtige aber komplexer ist« (LDT 140). Dieser Strategie folgt subtil und in Dramen wie Ithaka (1996) oder Schändung (2005) konkreter die thematisierte Remythisierung. »Mythische Gestalten sind Durchschlagende aus vorgeschichtlicher Zeit« (WTE), sagt Strauß. Die Remythisierung dient einer Spiegelung in »verdeckten Figurationen«, die »durchschlagen bis in unseren Alltag, aber ihr Personal ist komplett, sie sind grundsätzlich nicht erneuer- oder ergänzbar« (WTE). Mythen halten der dargestellten Sicht nach die Zeit an und erzwingen Reflexionen. Auch figurieren sie in Form der angesprochenen Remythisierung als poetologische Spielwiesen für Gesellschaftsexperimente.196 In ihrer Unangreifbarkeit vermögen sie zu irritieren, denn sie sind zugleich ein Gegenstandpunkt zur langsam aber stetig voranschreitenden und im folgenden Auszug negativ konnotierten unumkehrbaren Ausdifferenzierung: »Jemand fragt, was ich an Bahnbrechendem im Bereich der Kommunikationskultur(!) fürs neue Jahrhundert für möglich halte. Eine Remythisierung? Nun, was die Entwicklung der Techniken betrifft, glaube ich, daß alles den eingeschlagenen, unzählige Male prognostizierten Weg nehmen wird: Prolongationen, Vorgabeerfüllungen, resultierende Prozesse, Sättigungen. Nichts ist zäher als die Substanzbewegung einer Massenkultur. Die rastlose Erweiterung aller Technik tendiert dahin, unseren Status unwandelbar zu machen. Umkehr und Abbruch des Unternehmens scheinen aus eigenen (menschlichen) Kräften nicht mehr möglich. Eine gewaltige Industrie der Korrekturen und Verschonungen sondiert, verbessert, immunisiert das sich bildende Gebilde und richtet es nach dem alten vermessenen Ziel der Aufklärung: Furcht und Zittern aus der menschlichen Existenz für immer zu verbannen.« (WTE) Die Beschreibungen früherer Gesellschaftsformen hallen nach und scheinen in dieser Phase Strauß’ Schreiben und Denken stark zu prägen. Die Nachzeichnung der Veränderungen ermöglicht es, Literatur, die in historischen Gesellschaften spielt, mit einer dem Zeitkontext entsprechenden 196 Verwiesen sei neben Schändung von Strauß nur am Rande auf den Roman Die letzte Welt von Christoph Ransmayr, der als Beschreibung einer dystopischen, nachgeschichtlichen Welt nach Vilém Flusser gelesen werden kann, in der erst die Merkmale einer spätrömischen Gesellschaft mit der Gegenwart vermischt werden, um sie anschließend ihrer Zeitlichkeit zu berauben und so die Synthese der beiden konträren Welten zu ermöglichen. 109 Gesellschaftsnorm zu beleuchten oder sie unter Berücksichtigung aktueller Verhältnisse zu aktualisieren. Umgekehrt ergibt es in den meisten Fällen indes wenig Sinn, die Gegenwartsgesellschaft mit überholten Sichtweisen zu untersuchen.197 Ithaka wurde 1996 (als erstes Stück nach dem »Bocksgesang«) uraufgeführt und dementsprechend kritisch betrachtet, Schändung 2005, dazwischen findet sich im Prosatext Der Untenstehende auf Zehenspitzen eine direkte Bezugnahme auf Shakespeares Pseudomythos Titus Andronicus und das »Endstadium jedes Gemeinschaftszerfalls«, die als Arbeitseinblick in die Auseinandersetzung mit dem Shakespeare-Stoff verstanden werden kann (vgl. UAZ 78). Ob nun die Restitution mythischer Stoffe eine Reaktion auf die Wogen des »Bocksgesangs« oder die konsequente Fortsetzung dieser Denkbewegung sind, bleibt Spekulation. Auffallend ist jedoch, dass die rückwärtsgewandten Betrachtungen dieser Art mit den sehr direkten Beschreibungen der globalisierten Gegenwart zusammenfallen. Strauß verwendet die Darstellungen antiker Gesellschaften, um die Gegenwart zu decodieren, indem eine wenig-komplexe Gesellschaft zur Projektionsfläche einer hyperkomplexen Gesellschaft gestaltet wird, was wiederum die Komplexität der Gegenwart reduziert. Doch wie geschieht dies? Strauß stellt nach einem Besuch der Proben zum Faust im Rahmen von Peter Steins Volltextinszenierung und der Expo die symbolschwangere Theaterkunst gegen »die neue, großzügig alle Bedeutungen verschleudernde Mixed-Media-Welt« (WTE, vgl. UAZ 66). Die Zusammenführung von Kunst und Technik ist Ergebnis einer dualen Beobachtung der Welt, auf der einen Seite die schon angesprochene authentische Kunst, auf der anderen der technische und kommunikative Fortschritt. Der Essay widmet sich eingängig der Feststellung einer plötzlich hereinbrechenden Unfähigkeit, die Welt zu verstehen, kurz: dem »Hereinbrechen von Weltfremde« (WTE). Zuvor hieß es in »Zeit ohne Vorboten« noch ausführlicher, dass »[d]er Geist [...] auf der Höhe seines Könnensbewußtseins« (ZOV 95) arbeitet, bevor eine Form der inneren Ausdifferenzierung einsetzt, in der sich »die unendlich vielen Fertigkeiten zu Hyperfertigkeiten« (ZOV 95) vereinen werden, an deren Ende ein »Übergang in ein Zeitalter der Trance« (ZOV 95) stehen wird. Ein Welt-Ganzes zerbricht in der Wahrnehmung in »[d]ie unzähligen Verknüpfungen zusammenhangloser Einzelheiten« (WTE). Das Netzwerk wird so mit seinem gesamten Variati- 197 Außer es handelt sich um sehr spezifische Fragen, die bewusst die Komplexität zu reduzieren versuchen, zum Beispiel, welche der antiken Demokratieideale auch in der Gegenwart gelten. 110 onsbereich der Verbindungsmöglichkeiten gegenwärtig und die Zusammenhänge lösen sich auf. »Hyperfertigkeiten« (ZOV 95) korrespondieren mit der Hyperkomplexität. Analog hierzu stellen zwei Männer in ihrem Dialog fest: »Wir beide sind vollkommen gegenstandslos« (WTE). Sie sind, weil sie die Struktur des Netzes in sich aufgenommen haben, globalisiert und es ist zweitrangig, ob dies freiwillig oder unter Zwang geschehen ist. Sie existieren fortan als Knotenpunkte und nicht mehr als Individuen. Ihre Gegenwehr besteht im Finden von Schutzbarrieren gegen die Vereinnahmung von außen und sie kommen zu dem Schluss, dass nur in gewohnter Weise existieren kann, wer sein Inneres gegen Außenzugriffe schützt. Der Verfall in Wahnsinn – »[d]er Schwachsinn als letztes Reservat des Menschen« (WTE) – erscheint in dieser Lage als ein naheliegender Ausweg aus der Auflösung in einen »weltumspannenden Corpus« (WTE). Dass ausgerechnet der ansonsten aus der Gesellschaft exkludierte Schwachsinnige von Strauß als deren Retter benannt wird, folgt einer an verschiedenen Stellen im Werk durchscheinenden ironisch-hellseherischen Geisteshaltung. Wahnsinn ermöglicht eine Flucht aus der Globalisierung beziehungsweise verhindert die Auflösung der Grenze zwischen Innen- und Außenwelt. Der Idiot steht über dem »Selbstzweifel der Informierten« (ZOV 105) und existiert »ohne einen Schimmer von Zukunftssorge, ohne Angst« (ZOV 105) und bewahrt sich die Fähigkeit, klare Unterscheidungen, »das Verschiedene« (ZOV 105), zu erkennen. Die Ausweglosigkeit, die der nicht-Idiot empfindet, ist der Ununterscheidbarkeit, die mit der Globalisierung Einzug hält, geschuldet. Das letzte Kapitel wird diese Entwicklung näher erläutern. Für den Moment bleibt festzuhalten, dass die gewohnte Orientierung am Horizont nicht mehr funktioniert, weil sich dem Individuum die Bezugspunkte entziehen. Die Orientierungslosigkeit ist die direkte Folge.198 Die Situation ist – in Ergänzung zu den bisher einbezogenen systemtheoretischen Perspektiven – vergleichbar mit den Gegenwartsdiagnosen, die der Kommunikations- und Medientheoretiker Vilém Flusser entwickelte. Die Orientierungslosigkeit, die aus dem Eintritt in das Netz resultiert und die Strauß beschreibt, begegnet einem als Ausweg auch ähnlich in Flussers Essay »Nomadische Überlegungen«: 198 Auch auf der textinternen Ebene spiegelt sich diese: Ein Asterisk trennt die Beobachtungen von den nachfolgenden ab, der Zusammenhang ergibt sich aus der Lektüre. Eine inhaltliche Verbindung entsteht aus umrissenen Hauptlinien wie beispielsweise der gesellschaftlichen Entwicklung, nicht aber durch eine direkte Bezugnahme der Absätze auf einander. 111 »Seßhafte sitzen und Nomaden fahren. Das heißt zuerst einmal, daß man Seßhafte im Raum lokalisieren kann (sie haben Adressen), während Nomaden erst im Raum-Zeit-Kontinuum definiert werden können. Bei Seßhaften genügt es, Ecke 4th Av./52nd Street, NY anzugeben; bei Nomaden muß April, 10th 1990, 4 pm hinzugefügt werden. Unter dem Aspekt des Raums (also vom Standpunkt der Sitzenden aus) sind Nomaden vorübergehende, flüchtige Phänomene; unter dem Aspekt des Raum-Zeit-Kontinuums (also vom Standpunkt der Fahrenden aus) sind Seßhafte um eine der Daseinsdimensionen amputierte Krüppel. Man darf jedoch diesen Widerspruch nicht auf die Spitze treiben. Auch Seßhafte haben eine Zeitdimension, weil sie leben und daher sterben müssen. Auch sie sind flüchtige, vorübergehende Phänomene, oder (um es mittelalterlich zu sagen) homines viatores im Tränental des Diesseits.«199 Diese Überlegungen stehen in einem größeren Kontext von Gesellschaftsbeobachtungen, der einen Übergang in eine neue, technische, nulldimensionale Phase nachzeichnet, in der technische Apparate die Wahrnehmung und die Bewegung in der Gesellschaft maßgeblich prägen. Im Prosatext Das Partikular aus 2000 (PAR) deutet Strauß visionär an, dass es irgendwann Fahrzeuge geben wird, die Menschen in ihrer Umwelt erkennen und über »[e]in DNS-Lesegerät, eine Art Röntgenkamera für den ›genetischen Fingerabdruck‹, vernetzt mit dem zentralen Versicherungsrechner« (PAR 140), verfügen werden. Strauß und Flusser umkreisen unabhängig voneinander Zukunftstopoi und erlauben hierdurch eine konstruktive Gegenlektüre ihrer Thesen. Die Phase nach der Gegenwart wird möglicherweise in einer Dystopie enden und Strauß regt an, zu diskutieren, wie diese Phase aussehen könnte: »Unvorstellbar das Zeitalter, das je auf das technische folgte? Unvorstellbar vielleicht. Doch es zeugt von unverantwortlichem Kleinmut, nicht davon überzeugt zu sein« (WTE). An anderer Stelle schlussfolgert Strauß pessimistisch: »Meine Generation wird niemals aus kulturellem Einstweh etwas Bedeutendes hervorbringen. An die Stelle von erschütternder Wiederkehr ist eine harmlose Recycling-Technologie getreten, an die Stelle umstürzender Romantik oder Reaktion milde Nostalgie. Kurzum, es herrscht die ewig erneuerbare Gegenwart.« (WTE) 199 Vilém Flusser: »Nomadische Überlegungen«. S. 58. 112 Zusammen betrachtet wird deutlich, dass in der nächsten Phase die Zeit eine andere Bedeutung als gegenwärtig besitzen wird. Das lineare Denken wird sich in ein koordinierendes Denken umwandeln, in dem die Position im Netz mit dem umrissenen Zeitstempel verbunden werden muss, um aussagekräftig zu sein. Die Verankerung in Raum und Zeit gewährt dem Subjekt für einen Augenblick eine neue Stabilität, die aus der Sicht von Strauß nur so lange hält, bis eine neue Version der ›ewigen Gegenwart‹ eintritt. Die daraus resultierende Auflösung der Zeit vor und nach dem Jetzt, anders ausgedrückt die Deformation oder Rekonstruktion der (Zeit )Linie zum (Zeit )Fleck, beschreibt Strauß in der Fragmentsammlung Beginnlosigkeit sehr ausführlich, wie im nächsten Kapitel gezeigt wird. Die folgende Aussage sollte demgemäß sowohl im Kontext der dezidierten Gegenwartskritik als auch des genannten Textes gesehen werden: »Ein aufregender Science-Fiction-Roman wäre sein Gegenteil: Seine Zukunftsvision spielte unter Menschen, die jegliches Interesse an Zukunft verloren haben. Technik, ›Information und Kommunikation‹, ein abgeschlossenes Kapitel. Hin und wieder in ihrer geläuterten Sphäre werden sie sich zu ›Forschungszwecken‹ die Zeugnisse eines hybriden Manierismus der Spättechnologie ansehen, bestaunen und mit einem frostigen Lächeln verabscheuen.« (WTE) In einer solchen Gesellschaft ist Fortschritt kein Ideal mehr, sondern wird ein inhärenter Selbstzweck im Sinne einer von den Individuen getrennt verlaufenden Selbstfortsetzung; die Verwandtschaft zur Ausdifferenzierung und Autopoiesis200 ist offensichtlich: 200 Autopoiesis meint die Selbststabilisierung und selbstreferentielle Reproduktion von sozialen Systemen von innen heraus: »Autopoietische Systeme sind Systeme, die nicht nur ihre Strukturen, sondern auch die Elemente, aus denen sie bestehen, im Netzwerk eben dieser Elemente selbst erzeugen. Die Elemente (und zeitlich gesehen sind das Operationen), aus denen autopoietische Systeme bestehen, haben keine unabhängige Existenz. Sie kommen nicht bloß zusammen. Sie werden nicht bloß verbunden. Sie werden vielmehr im System erst erzeugt, und zwar dadurch, daß sie (auf welcher Energie- und Materialbasis immer) als Unterschiede in Anspruch genommen werden. Elemente sind Informationen, sind Unterschiede, die im System einen Unterschied machen. Und insofern sind es Einheiten der Verwendung zur Produktion weiterer Einheiten der Verwendung, für die es in der Umwelt des Systems keinerlei Entsprechung gibt« (Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 65f.). 113 »Der Wettlauf der aggressiven Verbesserungen und Erleichterungen, die fast täglich auf irgendeinem technischen oder organisatorischen Gebiet erzielt werden, entspringt einem völlig kohärenten selbstbezüglichen Könnensbewußtsein, das weitgehend immun ist gegenüber jeder unsachgemä- ßen Fragestellung, jeder Ethik und Moral.« (WTE) Die Annäherung an die Gesellschaft muss im Bewusstsein von in diesem Sinne ›sachgemäßen‹ Fragen erfolgen. Das heißt erneut, dass ein kommunikativer Anschluss oder eine Weiterverarbeitung in einem anderen System nur dann möglich ist, wenn die richtigen Codes verwendet werden. Den bisher analysierten Essays fehlen beinahe völlig die Verweise auf äußere Faktoren, auf konkrete Menschen oder, vom Mauerfall abgesehen, ebenso konkrete Veränderungen. Auch fehlen, trotz aller Anklagen, konkrete Schuldzuweisungen. Strauß ist, anders als Essayisten wie Hans Magnus Enzensberger, Maxim Biller oder Henryk M. Broder, kein Ankläger (sozial- )politischer Missstände. Seine Methode ist die Beschreibung der Konsequenzen auf einem Sub- oder Metaniveau, wodurch die Missstands- Bestimmung in vielen Fällen schwerer ist als die Verortung der grollenden Texte der genannten Autoren. Strauß greift das nicht-Fassbare und das Fühlbare an. Fairness, soziale Gerechtigkeit oder politische Korrektheit sind aus Strauß’ Perspektive nicht von großer Bedeutung, weil er sich in der von ihm geschilderten globalisierten Welt äußerst selektiv auf die kulturellen Faktoren konzentriert. Festzustellen ist jedoch, dass nun auch – ungeachtet der spezifischen Ausrichtung in Form der Hinwendung zur Globalisierung – als Thema in die Kunst einkehrt, was in der Soziologie schon länger als Konsequenz der Globalisierung beschrieben wird.201 Die am Anfang des Textes angerissene Auflösung und Gegenstandslosigkeit, die der Mensch nun spürt, führt Strauß in der Form des »artifizielle[n] Mensch[en]« weiter, der »die Welt der Artefakte hinter sich gelassen« (WTE) hat. Dieser befreite Mensch praktiziert den Rückblick auf das Gewesene und seine Methode besteht aus der Beobachtung zweiter Ordnung, um einerseits die Komplexität der (neuen) Welt und andererseits jene der 201 Unter anderem geht Ulrich Beck in seiner Studie Weltrisikogesellschaft: auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit auf das Phänomen der globalen Abstandsverkürzung von Risiken wie Erderwärmung und Atomkraft ein. Claus Leggewie und Harald Welzer führen das Thema fort und ergänzen es um politische und wirtschaftliche Dimensionen. (vgl. Dies.: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten: Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie). 114 eigenen Psyche besser erfassen und verarbeiten zu können. Die Redundanz der Ereignisse und des »schon Bezeichnete[n]« – nun »mit der Vorsilbe ›Cyber‹ versehen« – verbindet Strauß mit der »medialen Grenzenlosigkeit«, die zugleich Bild einer totalen »Beschränktheit« ist (WTE). Gegenpol der Berieselungsstarre ist laut Strauß das »Denken«, das unentwegt weiter läuft und dazu führt, dass »[d]er Mensch, heißt es, [...] das einzige Wesen [ist], das sich beim Leben zuschauen kann« (WTE). Wie zuvor in der Positionierung des Dichters gegenüber der inhaltslosen Masse betont Strauß nun: »Es gibt wenig gegenwärtige Menschen, doch jede Menge Gestalten im Kontext einer kodifizierten Gegenwart, die nur unter ihnen besteht und geregelt wird« (WTE). Die Betrachtungen aus neuen Perspektiven treffen auf mediale Grenzenlosigkeit, wodurch neue Haltepunkte im Netz real werden, denn »[d]as Globale ist uns längst vertrauter als das Häusliche« (WTE), vielleicht auch, weil »[e]ndlich alle Glühbirnen auf Erden miteinander verbunden [sind]!« (ZOV 95) wie Strauß nur kurz zuvor in »Zeit ohne Vorboten« feststellte. Weiter heißt es dort: »Die Vorstellungswelt des Paranoikers, seit jeher beherrscht von universeller Vernetzung, liegt uns nun vor als Spielfeld. Seine Software erwies sich als die vorteilhafteste Investition in die Zukunft. Nun ist seine Welt nicht mehr vorstellbar, und wir alle befinden uns auf der Suche nach einer neuen Irrealität.« (ZOV 95) Die bisherige Weltvorstellung wird von der Vorstellung einer umfassenden Vernetzung aufgelöst. Die Irritation durch das Neue regt Strauß zu Folge- überlegungen an, wie die Globalität erfasst werden kann. Die Reflexionsversuche über die veränderte Welt eröffnen einen Standpunkt, von dem aus »die Ketten der Globalität« (WTE) zerrissen werden können und die »Sackgasse des Weltweiten« (WTE) verlassen werden kann. Innerhalb seiner, die verschiedenen Positionen abwägenden, Argumentation stellt Strauß »Sinnexistenz« (WTE) als Synonym der individuellen Innenwelt und »Systemintelligenz« (WTE), das heißt Umwelt, einander gegenüber. Ein Ausweg wäre es, sich aus den gegebenen Zusammenhängen zu exkludieren oder alternativ durch neue Verortungsversuche andere Anschlüsse vornehmen zu können. Das Innen-Außen-Schema ist für Strauß die maßgebliche Vorgehensweise, mit der die Komplexität der Globalisierungsprozesse und vor allem ihrer Konsequenzen aufgebrochen werden kann, da die Reduktion auf eine strenge binäre Unterscheidung es ermöglicht, im Perspektivenwechsel eindeutige Fokuspunkte auf einer Seite der Unterscheidung 115 zu setzen und die jeweilige Umwelt nicht be(ob)achten zu müssen. Diese Vorgehensweise ermöglicht es ihm in der Folge, die Gefährdungen der individuellen Autonomie durch die Globalisierung und den technischen Fortschritt im Wechsel beobachten und beschreiben zu können. Daraus resultiert eine Erweiterung der poetologischen Vorgehensweise parallel zu den gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Mauerfall. Sie reduziert die Komplexität der Chaossituation. 2.12 Was kommt nach der »Großen Fusion«? Vorrangig sind es die Ereignisse in der Umwelt, die auf das Individuum einwirken, indem die Unterscheidungsgrenze bedroht wird. Dies ergänzt und bearbeitet den eingangs schon erwähnten nicht ausreichenden ›einfachen Widerspruch‹202 zwischen zwei Positionen und wird so zu einem ästhetischen Konzept, auch wenn Strauß sich in einem Gespräch mit Ulrich Greiner gegen eine visionäre Dialektik ausspricht203 und sie in Paare, Passan- 202 Vgl. Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 48). 203 Das »Am Rand. Wo sonst« betitelte Gespräch zwischen Botho Strauß und Ulrich Greiner wurde am 6. Februar 2003 in der Wochenzeitung Die Zeit publiziert und wurde aus verschiedenen Gesprächen montiert, die in einem Zeitraum von 13 Jahren stattfanden. Es ist zugleich eine der wenigen Werkeinsichten, die es von Strauß gibt. Der folgende Auszug verdeutlicht Strauß’ Position genauer: »ZEIT: Sie empfinden sich eher als einen geselligen Menschen. Strauß: Ich bin ein nicht ausübender Gesellschaftsmensch. Die Arbeit des Schreibens ist ein Akt der vollkommenen Exkludierung. ZEIT: Ist das eine Last? Strauß: Wenn ich hier bin und längere Zeit allein, muss ich mich immer erst daran gewöhnen. Aber es schärft die Sinne, es schärft die Erinnerung. Außer dem Aktuellen ist alles andere lebendig. ZEIT: Sie haben einmal geschrieben, dass die Freunde in der Abwesenheit gegenwärtiger sind. Strauß: Das ist wahr. Abwesenheit war für mich immer schon ein Mikroskop, eine scharf ziehende Linse. ZEIT: Aber davor muss immer etwas gewesen sein. Strauß: War ja auch. Nur: Was neu hinzukommt, wiegt das Gewesene nicht auf. Die Gewichtung verändert sich. ZEIT: Ihre Prosa nicht. Strauß: Doch. Der Grad der Gereiztheit hat abgenommen. Und ein grundsätzliches Moment ist mir vollkommen abhanden gekommen. Ich würde niemals mehr 116 ten sehr schroff und vereinfachend abweist: »Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer; aber es muß sein: ohne sie!« (PP 115). Doch das gehört vermutlich zu den wechselnden Positionierungen, eine Festlegung scheinbar abzulehnen, denn es lässt das Ungesagte (die andere Seite der Differenz) immer auch mitgedacht sein. Diese Methode gilt, wie auch Diana Florea anführt, als provokative Geste. In Bezug auf die Thesen des »Bocksgesangs« stellt sie fest: »Diese schwankende Ausdrucksweise, bei der eine Aussage die vorhergehende umdeutet oder widerlegt, ist charakteristisch für Strauß und wirkt äußerst provokativ. Sie verkörpert aber zugleich ein Bekenntnis zu Multiperspektivismus und Mehrdeutigkeit und bezeugt somit eher Komplexität als Extremismus«204. Angesichts der im Werk auffallend präsenten und konstanten Wechselbewegung zwischen den Polen Innen- und Außenwelt, scheint die Interview- Aussage das Fragment aus Paare, Passanten ausgleichen zu wollen. Das Verständnis von Strauß’ Dialektik erweitert ein Fragment aus Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie (auf das im nächsten Kapitel detailliert eingegangen wird): »Man sieht: solange in der Kunst die Ordnung unter Menschen verhandelt wird, ist Dialektik ihre ergreifendste Bewegungsform – ergreifend wegen ihrer Nähe zum Ritus der Passage und zur Initiation, deren Gang, kleine Tode zu sterben, dann zur Negation abstrahiert wird.« (BEG 123) Strauß’ Betrachtungen widmen sich neben der Gegenwart vor allem der Vergangenheit sowie der Abwesenheit und ihrer Ästhetik. Im Gespräch kommt zum Ausdruck, dass alternative Zukunftsentwürfe kein wesentlieiner Dialektik folgen, die darin bestünde, dass aus dem Beobachten hervorginge, wie es denn anders sein solle. ZEIT: Indem man sagt, wie etwas ist, gibt man zugleich zu erkennen, dass man nicht einverstanden ist. Sie sind in einer Schärfe nicht einverstanden, die Ihnen nicht nur Gegner einbringt, sondern auch nach Änderung verlangt« (Ulrich Greiner: »Am Rand. Wo sonst. Ein ZEIT-Gespräch mit Botho Strauß«). 204 Diana Florea: »Sprechen, Schweigen, Schreiben bei Botho Strauß. Das Thema der verbalen Kommunikation als selbstreflexive Auseinandersetzung des Schriftstellers mit den Möglichkeiten der Sprache« (S. 15, Anm. 10). 117 cher Bestandteil des Schreibens sind.205 Der folgende Auszug verdeutlicht übergreifend die bisherigen Aussagen zu künstlerischen Auseinandersetzungen, zur Technikdominanz und zur Unbestimmbarkeit der Entwicklungsrichtung und Strauß konzentriert sich an dieser Stelle insbesondere auf die rasanten Veränderungen um die Jahrtausendwende: »Die große Zunahme an surrealer, mediengestützter Phantasie hat bis heute keine künstlerische Gegenwelt heraufbeschworen (die Schärfe des einen Bilds, der Tanz im streng begrenzten Bewegungsraum). Es gibt offenbar in der ästhetischen Sphäre nichts Gegnerisches mehr, sondern nur noch konsensitive Kräfte, die es drängt, sich dem Selben zu verbinden. * Noch sind wir Wesen vor der großen Fusion. Nach dem Anschluß des persönlichen Bewußtseins an den Daten-lifestream des Computers wird jeder weit über seine Verhältnisse leben. Seine indviduelle Lebenserfahrung, seine Lebensdaten werden in seinem Bewußtseins- oder Datenleben nahezu verschwinden. * Wir erleben j e t z t die Stunde, die niemals kommt. Die Entwurfserfahrung ist der eigentlich virtuelle Gehalt der neuen Technik. Früher war, was der Fall ist. Heute ist, was wird. Proponieren, propagieren, prosperieren, projektieren – nur das Unvorstellbare kann hier contra geben.« (WTE) In Der Untenstehende auf Zehenspitzen aus dem Jahr 2004 reformuliert und präzisiert Strauß die obenstehende Beschreibung. Die Aussage wurde inhaltlich erweitert und in der zeitlichen Perspektive neu ausgerichtet. Im Kern greift sie bereits auf, wie drastisch die so genannten sozialen Medien den Menschen in ihre Präsentationsoberfläche hineinziehen: »Noch sind wir Wesen vor der Großen Fusion. Noch ist der Anschluß des persönlichen Bewußtseins an den Daten-lifestream nicht geschaltet, eine Online-Anwendung, die jedermann weit über seine biografischen Verhältnisse leben ließe. Seine dünne individuelle Lebenserfahrung könnte dann in einem grandiosen syn- und diachronen Bewußtseinstheater, in einem Wust von Fremd-Leben untergehen.« (UAZ 62) 205 Es gibt Ausnahmen, so zum Beispiel einen Entwurf einer dystopischen Überwachungs- und Bespitzelungsgesellschaft in Vom Aufenthalt, vgl. VA 184-190. Die Funktion derartiger Gegengesellschaften wird im sechsten Kapitel dieser Untersuchung näher betrachtet. 118 Kombiniert mit der digitalen »Großen Fusion« wird es laut Strauß zu einer Auflösung der individuellen Grenzen kommen, in deren Folge die Individuen ihre Autonomie verlieren und sich in die Umwelt hinein auflösen werden. Die Verflachung wird die Wissensgesellschaft beziehungsweise die nach Weninger »vermeintlich technokratisch-medienbesessene Anspruchsgesellschaft«206 dahingehend verändern, dass ungefestigte Persönlichkeiten leichter in den Sog geraten als aufgeklärte, die über einen Erfahrungsfundus verfügen. Strauß nimmt eine ausgewiesen fatalistische Haltung ein, spricht davon, dass »der Mensch bereits Maschinenmensch [sei], bevor ihn die Nanoboter übernehmen. Natürlich ist er thymisch längst erledigt, bevor er genetisch mutiert. Und nur sein ausgeblasenes Innenleben ermöglichte den Einzug des Weltganzen« (WTE). Die Deutung liegt auf der Hand: Der Mensch wird im Zuge der Globalisierung und erst recht in der Globalität seine innere Autonomie verlieren, wenn die technische Entwicklung fortschreitet, und darüber hinaus in einem »Weltganzen« bis zur Unkenntlichkeit aufgehen. Im Zuge der Veränderung verliert der Mensch, nun »[h]alb Chip, halb Tiefe«, seinen ›reflexiven Zwischenraum‹ (ZOV 95). Die nicht aufhaltbare Ausdifferenzierung und Systemverselbständigung (in) der Umwelt schränken die Beobachtungsfähigkeit seiner Innenwelt ein. Wie Strauß schreibt, ist »[d]er Wettlauf der Verbesserungen [...] vollkommen immun gegenüber Skepsis oder Ethik« (ZOV 95) und er konstatiert weiter: »Fortschrittsängst[e]« irritieren den »modularen Menschen« nicht mehr, solange und weil ihn »[d]as Binnentranszendente der Systeme« (ZOV 96) ablenkt. Zugleich exkludiert die schon erwähnte Wissensgesellschaft den Menschen, vor allem den »kritischen Intellektuellen« (ZOV 96). Strauß fragt aus naheliegenden Gründen: »Welche gleichgewichtige Gegenfigur wäre hier noch vorstellbar?« (ZOV 96) und ergänzend kann gefragt werden, was also in der Umwelt und was von der Innenwelt bleibt. Den Kopf sieht Strauß eine Erde werden ohne aktive und selbstgewählte Anknüpfung an die Diskurse der Umwelt: »Kunst, Seele, Gedächtnis, sie schaffen weiterhin, doch schaffen sie schon verwaist – außerhalb der Sphäre, die über den Charakter des Zeitalters entscheidet. Die Textur ist komplett. An die Stelle des Skeptikers wird der Unverbundene treten oder der heilige Idiot. [...] Ich bin der Knoten, der nichts den- 206 Robert Weninger: Streitbare Literaten. S. 152. 119 kende Knoten ... ich bin der Mensch, in dem sich die Verständnisse seiner Zeit zu einem unlösbaren Knoten verknüpft haben. [...] Ich verstehe nicht, mich der grenzenlosen Mittel und Vermittlungen zu bedienen ... Verstehe ich aber, mich ihrer zu erwehren? Ich stand in Verbindung und wurde von Verbindungen unterbrochen. Ich, ein armes deutsches Überbleibsel, das der Wahnsinn zu berühren vergaß, bevor er sich in den Wassern der Globalität auflöste…« (ZOV 96) Aus der zitierten Stelle geht deutlich hervor, wie Strauß die Auswirkungen der Globalisierung bewertet: Der Mensch ist herausgelöst aus seinem bisherigen Aktionsbereich und wird gegen seinen Willen in ein Netz eingewebt. Dieses Geflecht wiederum ist nicht starr, sondern beweglich und ohne die vormals absichernden Grenzen; es drohen Heimatverlust oder Wahn, im schlimmsten Fall beides. Frei interpretiert lösen sich Wahn und Mensch in der Globalität auf. Andrzej Denka weist im Zusammenhang mit Strauß’ Essay darauf hin, dass eine »mediale Vernetzung und Globalität« in der Folge zu »Komplikationen im Bereich des Religiösen und der Zeitperzeption« führen kann, die »gar neue Formen des Religiösen innerhalb des säkularen Bereichs, die den Ersatz für wahre Religion bilden«, auslösen können; Strauß gilt »die laufende Epoche [...] somit als ›Zeitalter der Trance‹«207. Im Subkontext findet sich die politische Dimension angedeutet, zu der anzumerken ist, dass Joachim Güntner in der Neue Zürcher Zeitung Strauß als den »Soziologe[n] der Weltgesellschaft«208 bezeichnet, der in der Globalisierung auch einen Kampf zwischen Kulturen sieht. Güntner betont jedoch fälschlicherweise eine Diskrepanz zwischen den soziologischen Diagnosen zur Weltgesellschaft209 auf der einen Seite und den von Strauß verfolgten Ansätzen auf der anderen. Er bezieht sich hierbei insbesondere auf den Kurzessay »Der Konflikt«. Es verhält sich jedoch vielmehr so, dass die Weltgesellschaft eben auch den religiösen oder politischen Kultur- 207 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement? Eine systemtheoretische Untersuchung zu Peter Handke und Botho Strauß nach 1989. S. 289. 208 Ulrich Güntner: »Deutsche Sorgen, türkischer Nationalismus und Botho Strauß als Soziologe der Weltgesellschaft. Albträume vom Minderheitendasein im eigenen Land«. 209 Vgl. Ulrich Güntner, der »Auflösung familiärer Produktion, Abhängigkeit des Lebens von Technik, Übertragung von Erziehung und Ausbildung auf Schulen und Universitäten, Verflechtung internationaler Organisationen, Industrialisierung und Verstädterung« als einige Beispiele der soziologischen Weltgesellschaftstheorie anführt (Ulrich Güntner: »Deutsche Sorgen, türkischer Nationalismus«). 120 kampf bestärkt, da dieser als systeminterne Irritation zu betrachten ist. Aus dieser Perspektive wird die folgende Aussage verständlicher: »Wie kam es zu der törichten Einbildung von einem globalen Wir? Von einem weltweit gemeinsamen Schicksal? Das muß der letzte Täuschungseffekt der sogenannten Aufklärung gewesen sein, dort, wo sie bereits in gefährlichen Obskurantismus umschlug. Jeder verliert seine Welt an die Welt. Das mögen sich Philosophen denken, aber diesen hilflosen Informierten verdirbt man ihr Haus damit!« (ZOV 104)210 Das vereinende Schicksal besteht, wie Strauß betont, im Verlust der eigenen Wahrnehmungswelt in die Umwelt hinein. Jeder Mensch kämpft für sich allein um das Überleben in der Gesellschaft. Die Teilnahme an Gesellschaft – als Strategie der Selbsterhaltung durch Anschluss – verläuft, wie in diesem Kapitel mehrfach angedeutet, über Kommunikation. Die Vernetzung mit einhergehender Medialisierung bespricht Strauß vor allem ab 2010 in Das blinde Geschehen und Die Lichter des Toren, jedoch findet sich im aus heutiger Sicht technisch unschuldigen Jahr 1999 ein früher Hinweis auf die künftige Verschmelzung von Mensch und Netzkommunikation, die »Hypostase der allgewaltigen Kommunikation« (ZOV 100). Es lässt sich nicht vermuten, dass Strauß oder die Medienphilosophen der 1990er Jahre Friedrich Kittler, Hans Blumenberg oder Vilém Flusser social media oder gar smart phones in diesem Zusammenhang für mehr als kühne Visionen gehalten hätten, doch umso treffender sind Strauß’ Beobachtungen noch aus heutiger Sicht: »Die Geste am Ausgang der Neuzeit ist der Kontrollblick, der auf dem Display den Umsprung der Anzeige erwartet. Das Beisichsein des Lesenden wie des Knienden war die Voraussetzung seiner Teilnahme. Die Teilnahme am Netz setzt einen permeablen Nutzer voraus.« (ZOV 100) Kommunikation verkommt zu einem inhaltsleeren Selbstzweck und wer die Intimität des Zweiergesprächs211 verlässt und in die Welt kommuni- 210 Angesichts der Reaktorkatastrophe in Japan 2011 revidiert Strauß später in »Herrschen und nicht beherrschen. Stilfragen der Krise« seine Aussagen bezüglich eines ›gemeinsamen Weltschicksals‹. 211 Vgl. auch AB 68: »Wer sich bei einer privaten Unterhaltung von Millionen Unbeteiligter begaffen läßt, verletzt die Würde und das Wunder des Zwiegesprächs, 121 ziert, beherrscht nicht mehr die »Kybernetik des Gesprächs«212, wodurch es zu einer Entortung sowie einer ungewollten Kollektivisierung im globalisierten Reden kommt: »Das Aussenden beherrscht immer einseitiger die Welt, die Leistungen des Empfangens lassen nach. Der Drang sich mitzuteilen gerät meinem Nächsten schnell außer Kontrolle. Seine Rede bildet sich nicht, wie es die Kybernetik des Gesprächs verlangt, in der geheimen Rückfrage bei mir, dem Empfänger. Sie berücksichtigt mich nicht. In der Sprache können wir Tag für Tag weniger Welt bewältigen. Je großspuriger (»globaler«) man redet und rechnet und denkt, um so gewisser findet die letzte Ritzung, die das Wort vermag, in einer sehr entlegenen Provinz statt.« (ZOV 97) Die Orientierungslosigkeit in Raum und Zeit greift um sich und der Mensch sieht sich plötzlich mit einer Zeit konfrontiert, für die es keine »Vorboten«, so der Titel des Essays, gibt. Alle Veränderungen ereilen den Menschen unvorbereitet und doch routiniert: »Prolongationen, Vorgabeerfüllungen, Sättigungen. Der Mensch in seinem Hamsterrad. Das Anderswerden abgeklungen« (ZOV 98). Nach vollendeter Globalisierung, wenn der Zustand der Globalität erreicht sein wird, wird es erneut möglich sein, die Gegenwart zu beobachten und sich eine neue Orientierung zu verschaffen. Beinahe erwartungsvoll heißt es: »Endlich alles peripher!« (ZOV 98). Doch macht der Umschwung in die Antithese diese Hoffnung zunichte, weil gezeigt wird, dass der Kapitalismus kein Heilsversprechen ist: »Wenn es indessen darauf hinausläuft: vom Tod der Ideologien zum allesbefriedenden Ökonomismus zu gelangen, dann darf man sagen: es liegt ein heroisches Zeitalter des Scheiterns hinter uns« (ZOV 98).213 Weder eine der Rede von Angesicht zu Angesicht, und sollte mit einem lebenslangen Entzug der Intimsphäre bestraft werden«. 212 Hierin kann ein Verweis auf das systemtheoretische Kommunikationsmodell gesehen werden, das sich von den etablieren Sender-Empfänger-Modellen unterscheidet. Kommunikation verläuft über Leitdifferenzen und Subdifferenzen nach dem Muster Information-Mitteilung-Verstehen. In der Massenkommunikation entfällt der Rückbezug, mit den von Strauß benannten Konsequenzen. 213 Vgl. Botho Strauß: Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau: »lch nehme an, Sie thesaurieren Ihr Vermögen. Es kommt aber darauf an, das perpetuum crescens dieser Welt, das Geld, in seinem Wachstum nicht zu hemmen, das heißt: ihm freien Umlauf zu gewähren. Taler, Taler, du mußt wandern, und der Rubel, der muß rollen« (S. 51). 122 »verborgen[e] Wahrheit« (ZOV 99) noch eine »[g]länzend[e] [...] technische Aufbereitung« (ZOV 99) erlauben noch Anschluss, obgleich der Mensch in dieser Lage zum »Herr[en] der Netze« (ZOV 99) geworden ist. Für Strauß geht die Entkoppelung soweit, dass »[d]as letzte Jahrhundert des Menschen« (ZOV 99) angebrochen ist und durch zwei verheerende Weltkriege die Zeit der gravierenden Unterscheidungen vorbei zu sein scheint oder stärker denn je aufblüht, abhängig davon, welche Bedeutung man dem Terminus Hochzeit entnimmt. Die Dualität – »Hochzeiten von Weh und Wohl, Böse und Gut!« (ZOV 99) – ist für Strauß zugleich ein Schaffensprinzip, das im metaphorischen Verschwinden des Menschen resultiert: »Was folgt, gehört den Nachfolgern des Menschen. Gewissen ausführenden Organen. Die technisch wie ideell uneingeschränkte Erfahrbarkeit der Welt erforderte ein maßloses, ein Monster-Subjekt. Da dies nicht im Interesse der Evolution zu liegen scheint, tritt an die Stelle der Wahrnehmungsbeschränkung durch Idee, Ideologie oder zweckbestimmte Überzeugungen eine starke Verminderung der Erfahrungsintensität. Die Sache wird vorsichtshalber zum Spaß betrieben.« (ZOV 99) Das von Strauß geforderte »Monster-Subjekt« entspringt der beschriebenen »Großen Fusion« und wird eingeschränkt, worin eine Komplexitätsreduktion zu sehen ist, weil auf Mechanismen wie Ironie oder bewusste Ausblendung zurückgegriffen werden kann.214 ›Technische Aufbereitung und Ausblendung‹ beschleunigen dann wiederum auch die Entkoppelung von der authentischen Kunst. Den Verlust des Gewesenen anzuklagen, ist eines der Werkprinzipien Strauß’. Es zeigt sich in den frühen Theaterkritiken und es zeigt sich in den späteren generellen Betrachtungen zur Kunst, in denen die mediale Oberflächlichkeit für das Schwinden der Authentizität herangezogen wird. Eine vergleichbare Sicht auf Kunst verhandelt Strauß bereits 1977 im Stück Trilogie des Wiedersehens (TDW). Eine Gruppe Kunstinteressierter setzt sich im Rahmen einer gegenwartskritischen Ausstellung mit der Funktion und Bedeutung von Kunst auseinander. Die Metareflexion über den Ausstellungsinhalt gerät immer mehr in den Hintergrund des Zusammenspiels der Bühnencharaktere, die allesamt konturlos und indifferent bleiben, auch wenn der Titel ein Wiedererkennen suggeriert. Sie sind 214 Das »Monster-Subjekt« taucht unter anderen Bezeichnungen an weiteren Stellen in Strauß’ Werken auf und das Kapitel zum Idiotie-Diskurs wird darauf zurückkommen. 123 »menschenleere Menschen« (TDW 319) und eine Person benennt die Schwierigkeiten des Wiedererkennens mit der Formulierung »Du gibst mir kein Gefühl für mich« (TDW 319). Einzig die poetologische Regelhaftigkeit des Stückes verschafft ihm einen klaren Rahmen. Das stückinterne Sprechen über Kunst entlarvt hingegen, dass es in sich so selbstgefällig wie selbstreflexiv ist. Kunst ist an dieser Stelle nur der Impuls und nicht Handlungselement der Rede. Die anklingende Medienkritik zielt vorrangig auf eine Kritik an der Fragmentierung der Welt ab, wodurch die photorealistischen Werke in der Ausstellung ihre Weltspiegelung und Realitätsdarstellungen nicht mehr an die Mitglieder des Kunstvereins vermitteln können. Kunst wird in diesem setting zur Staffage und verliert den intendierten Gegenwartsbezug für die Figuren. Die Bühne wird dadurch zu einem formal geschlossenen Laboratorium der sich selbst überlassenen Menschen, deren Versuchsanordnung nicht zuletzt auch durch die Dialogführung gestaltet wird. In fast allen Dramen von Botho Strauß impliziert Sprache »die Unmöglichkeit der Verständigung«215, ihre Undeutlichkeit, Unbestimmbarkeit, Unzulänglichkeit, wie Marlene Faber kommentiert: »Das Prinzip, das Strauß für den Aufbau von Dialogen bzw. Szenen benutzt, besteht darin, daß er Situationen schafft, aus denen sich verschiedene personelle und dialogische Konstellationen ergeben können. Daß sich aus einer Gruppe von Personen, die sich in einem Raum befindet, in einem mehr oder weniger geselligen Rahmen, verschiedene Konstellationen herauslösen, ist banal. Und genau dieses banale Prinzip macht Strauß sich zunutze für den Aufbau seiner Szenen.«216 Aufgrund dieser vordergründigen Banalität, die im Übrigen auch gestandene Regisseure vor Herausforderungen stellt, erlangen die Stücke eine interne Komplexität, die bei strengeren Vorgaben und Szenenbeschreibungen schwerer zu erreichen wäre. Der Sachverhalt, dass Medien in Strauß’ Wahrnehmung als der Antipode des Theaters auftreten, tritt in anfangs herangezogenen Rezensionen deutlich hervor. Die hauptsächliche Gefährdung durch Medien besteht darin, dass diese, wie Strauß in »Zeit ohne Vorboten« konstatiert, Kunstwerke »unaktualisierbar« (ZOV 102) machen und eine Verflachung in Form einer gesteigerten »Beschußquote durch Reize« (ZOV 102) bedingen, damit diese überhaupt vordringen können. 215 Marlene Faber: Stilisierung und Collage. S. 30. 216 Marlene Faber: Stilisierung und Collage. S. 29f. 124 Auch in diesem Essay propagiert Strauß eine Rückkehr zu den in diesem Sinne echten Werken, denn Literatur vermittelt, in Ergänzung zu re-aktualisierten Augenblicken, ein »Reservoir der Menschenkenntnis«, das jedoch am deutlichsten und leichtesten aus der »Quelle großer Werke« und weniger aus den »seichten Ausläufer[n] auf den gegenwärtigen Bestsellerlisten« abzuleiten sei. Strauß nimmt an dieser Stelle den lesenden explorer (vgl. VA 15) vorweg: »Der Gegensatz zur leserfreundlichen Literatur ist nicht die leservergrämende, sondern der andere Leser. Dem das Lesen schwerfällt. Vielleicht aus Gründen einer höheren Legasthenie, sicher aber aus solchen der Kunst. Denn nur als Kunst wird sich das Lesen von Literatur erhalten. Die Neugier wird sich allmählich wieder aufs Entziffern umstellen. Und da unser ›Bildungswesen‹ dafür nicht mehr zuständig ist, werden es eben wieder die Mönche übernehmen: Autoren, die ihre Geheimnisse an spätere Autoren weitergeben.« (ZOV 103) Literatur ist für Strauß also in einem Zwischenbereich von Verfall und Bewahren verortet, in dem trotz aller von ihm angeführten Verflachung noch Hoffnung schimmert. Die anfangs untersuchten Essays zu literarischen Vorbildern stehen in dieser Tradition der Heldenverehrung und des Heldenanschlusses, deren Auslöser (so Strauß viel später) in einem »größere[n] zeithistorische[n] Bedrängtsein« (LDT 99) des Gegenwartsmenschen liegt. Schriftsteller sind auch der Gesellschaft entsagende Mönchswesen, in deren Abfolge sich Strauß eingliedert und aus der Kette heraus die Welt beschreibt, wenngleich den Kopisten eventuell Fehler unterlaufen mögen. Die Reflexionen im Prosaband Die Fehler des Kopisten (1997) über Zyklen und den Fortschritt münden folgerichtig in der Erkenntnis, dass der Gegensatz zwischen Paradies und Hölle auch in der Literatur Fortbestand hat. Die Auflösung erfasst neben dem Menschen auch seine Umwelt als ›fading der Dinge‹ (vgl. ZOV 103): »Vom Finger bleibt nichts als der Fingerzeig. Der Körper verflüchtigt zum Digital, der Sozialkörper zum Medial. Ein geschlossener Austausch von Täuschungen ... Was ist das Blau des Himmels anderes als eine Lichtbrechung, was der Kummer mehr als ein Mangel an Serotin ...? Die Erde mehr als ein Ort immer höher steigender Abstraktion? Der Wissenswille ist als Fluch nicht einschränkbar, der ewige Rückenwind vom Paradies ...« (ZOV 103) 125 Dieser Essayauszug kann als Anschluss an das Credo der zwei Jahre zuvor publizierten Bandes Die Fehler des Kopisten gelesen werden, das »[s]o viel Vorgeschmack auf die Hölle. So wenig Nachgeschmack vom Paradies« (FDK 107) lautet und verdeutlicht, dass das Individuum sich in einer Auflösungsbewegung befindet. Die Dinge verblassen und ebenso die Worte und Erinnerungen, was sich laut Strauß in einem Dilemma der großen Zerrissenheit äußert: »Aber die Worte entfernen sich unaufhaltsam von dem, was Gestalt ist an uns. Auf solche Weise bestehen wir aus Unveränderlichem und ständiger Verflüchtigung zugleich« (ZOV 104f.). Fatalistisch lässt sich fragen: Was bleibt? Und antworten: Nichts bleibt. Die Schlussformulierungen des Essays erinnern zudem an die halbwachen, halbtoten Sinnesimpulse von Wahnsinnigen, Träumenden oder Ertrinkenden, denen Realität und Schlafes- beziehungsweise Todesaugenblick zu einer indifferenten Übergangssphäre verschwimmen und den Strauß an dieser Stelle in eine enge Beziehung zu den Globalisierungstendenzen setzt.217 Der eine Zustand spiegelt sich in den anderen, was Strauß in Kongreß – Die Kette der Demütigungen als »Treibschlaf« (KKD 53) bezeichnet und »in dessen gemischter Sphäre schärfer als je am Tag das Profil des Vermissens hervortritt und verschollene Zeit hochtreibt und ihren ganzen bittersüßen Illusionszauber entfaltet. Der Geruch von Bakelit im warmen Zimmer, ein Hauch von ›Taft‹ übers Haar, als es noch nicht schädlich war – jede Winzigkeit gestochen scharf und lupenrein bewahrt in der äußeren, dünnsten Hülle des Schlafs, dem webenden Nicht-Mehr und Nie-Wieder.« (KKD 54) 217 Vgl. den angedeuteten Grenzübertritt im »Fiebertraum«, der in Die Hypochonder als »helle[r] Rausch« bezeichnet wird: »Wann denn, wenn nicht in diesem überreizten und zugleich äußerst willenlosen Zustand durchflutet das Hirn eine ähnliche Fülle von strahlenden Sinnbildern, rätselhaften Gedanken und nie vernommenen Stimmen. Und wer, wenn nicht der Fieberkranke, erlebt in den Augenblicken der höchsten Körpergefahr jene Ruhe der hellen Begeisterung, jene bergende Gleichgültigkeit, in der er sich allem überläßt, was im Inneren oder von außen ihm zustößt oder zustoßen könnte. An der zarten Grenze aller Grenzen gelangt dann der Kranke oft mit jedem Traumschritt zwei Fußspannen über den eigenen Tod hinaus. Er sieht sich, ja erkennt sich in dem alten Bild vom ewigen Flaneur, der zur Mittagsstunde an den Ufern seines Hirns dahinspaziert und sich zerstreut« (HYP 29). 126 Ein solches Herantasten an die Außenhülle der Innenwelt, das heißt die verborgenen Erinnerungssphären, prägt auch das vielschichtige Erzählverfahren in Herkunft und rahmt oder verbindet auf diese Weise sehr verschiedene Texte des Werkes, indem Inhaltslinien erzeugt werden, die es Strauß ermöglichen, sich zum Beispiel der Gegenwart zu entziehen oder ein intertextuelles Netz zu spannen. Auf die Essays aus der Periode 1997 bis 2000 bezogen lässt sich konkret feststellen, dass auch die Umwelt sich aufzulösen scheint, die »Netze und Systeme« (ZOV 105) drohen in einem mystischen Bild ›durchzuglühen‹, »[d]as große, freie und tiefe Abirren des Geistes« (ZOV 105) öffnet den Weg in eine indifferente Wahrnehmung, in der die Sinne beschnitten sind, »[u]nfähig, den Schatten anders als den Schatten zu erfahren« (ZOV 105). Die von Strauß beschriebene Auflösung betrifft gleichermaßen die Innen- und die Außenwelt, denn alles ›fadet‹ und entrinnt dem beobachtenden Individuum. Es handelt sich hierbei insbesondere um eine Ästhetisierung des Gefühls einer Überdeterminierung und weniger um eine tatsächlich stattfindende Auflösung. Der äußere Mensch bleibt trotz aller inneren Widerstände intakt und von Globalisierungsprozessen unberührt. Und obwohl der Titel suggeriert, dass es für den geschilderten Zustand keine Vorboten und somit auch keine Vorzeichen gegeben hat, handelt es sich keinesfalls um einen plötzlich eingetretenen Zustand, sondern viel eher um eine spezifische (lyrisch anmutende) Wahrnehmungsperspektive, die deutlich wird, wenn sehr selektiv der letzte Absatz des Textes stärker betont wird: »Ohne Erwartung auf das Ende. [...] Der Inhalt löst sich ganz in Rhythmus auf. [...] Ich träume in Inseln, ich wache in Inseln. Alle Zusammenhänge haben enttäuscht.« (ZOV 105) Von diesem Fading, das unter anderem in Paare, Passanten218 oder Vom Aufenthalt219 besprochen wird, ist es dann kein langer Weg mehr zu weiteren, 218 Vgl. PP 190: »Wie aber lassen sich das Fading, die vielfach verschränkten Codes des Unbewußten klar ausdrücken, falls die Sprache diese Botschaften nicht veruntreuen will?«. 219 Vgl. VA 259: »[…] das eigene Nachlassen zum Epochenbegriff erhebend, als Außenseiter an der Außenseite jeder ernsthaften Frage abgleitend, Alter-steilzeit lesend, wo Alters-teilzeit geschrieben steht. Schutz suchend vor dem Steinregen eines gesprengten Romans, der hier auf geräumigen Seiten niederprasselt – ein Mann in solcher Lage möchte nur noch unter die Leute, zwischen ihnen zerge- 127 dringlichen Themen des Globalisierungsgeschehens, die Strauß in der Nachwendezeit in den öffentlichen Diskurs einbringt. 2.13 Kultur- & Heimatverluste: Politische Aussichten Strauß spannt in seinen essayistischen Texten einen weiten Bogen und vereint sehr unterschiedliche Themenfelder; hier alternativ von Außenpunkten zu sprechen scheint angesichts der vollzogenen Vernetzung wenig sinnvoll. Indem er unter anderem die Anknüpfung an die Gedankenwelten frühmoderner Schriftsteller, die Einbettung des zeitgenössischen Theaters in gesellschaftliche Kontexte oder die Betrachtung der Welt als vernetzte und systemganze Einheit (die zudem den Stellenwert und die Bedeutung von Digitalisierung und Exklusion gleichermaßen verhandelt) miteinander verbindet, werden die evidenten Kernthemen und die verbindungsliniengestützten Kontouren seiner Globalisierungskonzeption erschließbar. Zwischen diesen Feldern existieren verschiedenste Verbindungswege und es wäre möglich, die Texte in ganz anderen Abfolgen in Dialoge eintreten zu lassen. Über die beschriebenen Schnittstellen und Themencluster hinaus gibt es weitere Bereiche, so zum Beispiel die Bedeutung religiöser Motive oder Mythen, welche in der vorliegenden Arbeit jedoch nur äußerst rudimentär betrachtet werden. Mit der hier angelegten Globalisierungskonzeption sind zudem jene Texte verbunden, die einen politischen Kern besitzen, allen voran der vielgerühmte und ebenso vielgescholtene Essay »Anschwellender Bocksgesang«, dessen Rezeptionsgeschichte seit Erscheinen ausführlich erforscht wurde.220 Es soll im Folgenden herausgearbeitet werden, was ihm unter Berücksichtigung der Globalisierungskonzeption Neuhen, sich auflösen in ihnen, und wenn es auch Kartenspieler sind, die ihn nicht mitspielen lassen. Der Tag fading out […]«. 220 Siehe hierzu u.a. Bernhard Greiner: »Wiedergeburt des Tragischen aus der Aktivierung des Chors? Botho Strauß' Essay ›Anschwellender Bocksgesang‹«. Ralf Havertz: Der Anstoß: Botho Strauß' Essay »Anschwellender Bocksgesang« und die Neue Rechte. Eine kritische Diskursanalyse. Strauß wurde als Teil dieser so genannten Neuen Rechten gesehen und Volker Weiß zeichnet in Deutschlands Neue Rechte. Angriff der Eliten – von Spengler bis Sarrazin in kurzer Form jene Inhalte des Essays nach, die für eine Zuordnung sprechen (vgl. S. 48-53). Im »Bocksgesang« wird jedoch wie in keinem anderen Text das Dilemma der Trennung der vielschichtigen Begriffsbedeutungen deutlich, wenn die Verständniswelt des Autors auf die Verständniswelten der Rezensenten prallen. 128 es zu entnehmen ist.221 Der Text ist ungeheuer vielschichtig und erlaubt unterschiedliche kritische Lesarten, so wie sie seit 1993 mehrfach erfolgt sind, wenngleich der feuilletonistische Diskursrumor in den Monaten nach der Veröffentlichung gehörig über das Ziel einer neutralen Begutachtung hinausgeschossen ist; die Verselbstständigung mag schlicht dem Selbsterhaltungs- und Selbstreproduktionstrieb des Mediensystems geschuldet sein und prägt bis heute die Wahrnehmung des Autors im öffentlichen Diskurs stärker als literaturwissenschaftliche Studien. Im Rückblick wird indes deutlich, dass Strauß’ Essay zu jenen Texten gezählt wird, die von etablierten, teils linken, teils konservativen Schreibenden wie Hans-Magnus Enzensberger, Martin Walser, Christa Wolf, Peter Sloterdijk, Peter Handke oder jüngst Sibylle Lewitscharoff mit der ›Dresdner Rede‹, verfasst wurden und allesamt in gleicher Weise die Diskurse der Kultur, der Literatur, der Medien, der Politik und letztlich auch der Wissenschaft polarisierten und provozierten; auch Günter Grass’ Roman Ein weites Feld löste einen vergleichbaren Literaturstreit aus.222 Andrzej Denka resümiert die Themen der geführten Debatten folgendermaßen: 221 Jedoch soll keine weitere Deutung nach dem Schema Provokation/Inhalt erfolgen. 222 Für ein besseres Verständnis sowie eine rückwirkende Einordnung sei auf Günter Sautters Studie Politische Entropie. Denken zwischen Mauerfall und dem 11. September 2001 verwiesen. Sautter untersucht die Debatten um Strauß’ »Anschwellender Bocksgesang«, Enzensbergers »Aussichten auf den Bürgerkrieg«, Walsers »Sonntagsrede« und Sloterdijks »Regeln für den Menschenpark« und generiert ein Beziehungsgeflecht zwischen ihnen, das so einerseits den Kern der jeweiligen Debatte in der Phase der politischen Neuausrichtung nach dem Mauer- und Systemfall freilegt und andererseits die Eskalations- und Skandalisierungspraktiken der verschiedenen Diskurse entlarvt. Sautters Fazit ist für die Netz-Positionierung des Strauß-Textes erhellend: »Allerdings stellt sich an diesem Wendepunkt ein neues Problem, das ich politische Entropie nenne. Auf der Landkarte politischer Kultur weisen nicht zwei Nadeln zum gleichen Pol. Nichts schränkt die Beliebigkeit jeder einzelnen Orientierung ein. Folge dieses neuen Kontingenzbewußtseins sind ein dramatischer Abbau von Komplexität und eine neue Form von Uniformität. Wenn auch unter ganz und gar anderen geschichtlichen Bedingungen, wähnen sich die Zeitgenossen vor alten Problemen. Die irritieren handfest in Wirtschaft, Politik und Kultur; ein neues Krisenbewußtsein bildet sich. Zutage tritt, daß Freiheit und Verunsicherung zwei Seiten der gleichen Münze sind. Wer das beobachtet, sieht sich vor der Chance und Herausforderung, neue Ordnungen des Zusammenlebens zu entwerfen. Zu diesem Zweck steht ihm vor allem jene Denkfigur des Widerstands zur Verfügung, die aus den Jahren der Totalitarismus-Angst stammt. Allerdings ist dieses Werkzeug unbrauchbar geworden. Angesichts politischer Entropie könnte es nur das Durcheinander vergrößern, 129 »(stichwortartig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit genannt): Bioethik, Sterbehilfe, Altern der Gesellschaft, Globalisierung, Civilisation-Clash, Terrorismus. Dieses äußerst heterogene Material braucht nicht detailliert dargestellt zu werden, sollte aber als Hintergrund der ›deutsche[n] Debattenkultur‹ nach dem Jahr 1989 zumindest mitgedacht werden.«223 Die Debatten und Eklat-Texte erhalten ihre Durchschlagskraft auch dadurch, dass sie manchmal sehr bewusst, manchmal unbeabsichtigt an die Kommunikationen weiterer Systeme anschließen; sie wandern von Diskurs zu Diskurs, verselbstständigen sich, werden skandalisiert und können, wie im Falle des »Bocksgesangs« nicht mehr eingefangen werden. Derartige Multikodierungen von Aufklärung und Unterhaltung geschehen zumeist in Form von Genredehnungen (und somit nachfolgend anderen Beobachtungsdifferenzen). Ein Essay von Strauß über die Tragweite der Medien kann Literatur und zugleich ein Teil der Massenmedien sein, wenn er unter dem Aspekt ›Information‹ im Spiegel erscheint. Entscheidend für die System-Zuordnung eines Textes sind die Fragen zu Code, Programm, Medium und Funktion, die an den Text gestellt werden. Mit anderen Worten ist Text das Medium verschiedener Systeme wie Massenmedien, Literatur und Literaturwissenschaft. Im Umkehrschluss handelt es sich um drei sich unterscheidende Beobachtungsperspektiven auf denselben Gegenstand. Zweifelsfrei ist auch, dass verkaufsstarke Unterhaltungsliteratur für mehrere Systeme Leistungen224 erbringt. Es wird deutlich, dass Literatur nicht das zu beheben wäre. So bedarf es seiner Umdeutung. Auf ganz verschiedenen Wegen experimentiert die Semantik der Zeit an diesem Projekt. Mal gebärdet sie sich konservativ, mal realistisch, mal subjektivistisch, mal ontologisch. Immer aber läßt sich diese Arbeit in die Gleichung fassen: Widerstand gegen Gleichschaltung verpuppt sich zum Widerstand gegen Durcheinander. Wie sein Vorgänger peilt er die Rückgewinnung fehlender Unterscheidungen an« (S. 303f.). Zudem ist eine Lektüre von Robert Weningers Studie Streitbare Literaten: Kontroversen und Eklats in der deutschen Literatur von Adorno bis Walser so erhellend wie unterhaltsam. 223 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement? Eine systemtheoretische Untersuchung zu Peter Handke und Botho Strauß nach 1989. S. 60. 224 Im Kunstsystem beziehungsweise Literatursystem erfüllt umsatzstarke Unterhaltungsliteratur die Funktion ›Produktion von Kunstwerken‹, in anderen Systemen kann sie als Leistungsstimulus fungieren, zum Beispiel im System Massenmedien trägt sie zur Funktion ›Unterhaltung‹ bei, im System der Wirtschaft zur Funktion ›finanzieller Erfolg, Umsatzsteigerung‹, im System des Rechts regt sie notwendige 130 ausschließlich in einem System Operationen unterzogen wird. Eine eindeutige »Zuordnung zu Kunst oder Unterhaltung«225 wird erschwert, weil die individuelle Grundhaltung des Beobachters unterschiedliche Zugänge zu Definitionen und Verankerungen schafft, woraus resultiert, dass die Zuordnung von der zur Unterscheidung herangezogenen Leitdifferenz abhängig ist. Gerhard Plumpe und Niels Werber kamen 1996 in ihrem spielerisch-theoretischen Essay über Literatur und Systemtheorie zu dem Ergebnis, dass (entgegen der Strauß’schen Auffassung) ›Unterhaltung‹ ebenfalls eine Funktion der Kunst sein kann.226 Dies ermöglicht dann auch, Filme, Serien, Comics durch Eigenschaften wie kurzweilig oder unterhaltend dem Kunstsystem zuzuschreiben. Die vorrangige Differenz des Kunstsystems ist dann nicht mehr ausschließlich jene von schön und hässlich, insbesondere dann nicht, wenn die Texte so angelegt sind, dass sie über die Grenzen des Kunstsystems hinausragen. Es ist also möglich, im Kunstsystem (zu dem auch das Literatursystem gehört) teilweise mit den Codes aus dem Funktionssystem Wissenschaft (wahr/falsch) zu operieren oder an das Schema Neuigkeit/keine Neuigkeit der Medien anzuschließen. Diese Aufweichung der starren Definition, die Strauß propagiert, ist notwendig, um weitere Dimensionen von Texten erschließen zu können (sofern die systemtheoretische Vorgehensweise beibehalten wird). Die Frage ist dann nicht mehr, ob Literatur ›schön‹ oder ›nicht-schön‹ ist, sondern ob das, was sie beschreibt, ›wahr/falsch‹, ›real/irreal‹ oder ›logisch/unlogisch‹ ist – und naheliegend in diesem Kontext: wie tragen textinterne Differenzen dazu bei, die gesellschaftliche Ausdifferenzierung aufzugreifen? Die provokanteren Essays der letzten Jahre widmen sich immer auch in einer ›Entscheidungen zum Urheberrecht, Übersetzungen, sekundärer Verbreitung‹ an, zudem kann sie je nach Ausrichtung und Qualität der Texte im Erziehungssystem zur Funktion ›Bildung‹ beitragen. Das Literatursystem trägt durch seinen Output auf vielfache Weise zur Stabiliserung der Umwelt bei. Verbreitungsmedien wie Buchdruck oder elektronische Medien erhöhen die Wahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation bei gleichzeitiger Abwesenheit anschlussfähiger psychischen Systemen (das heißt Personen, Empfänger, Partner, Debatteure, Rezensenten, Leser, Hörer und so weiter). Verbreitungsmedien garantieren Kontakt, symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wie Bücher ermöglichen die Anschlusskommunikation. (vgl. Morten Knudsen: »Metodisk overrasket – om systemteori og funktionel metode«. S. 21f. & 26). 225 Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. S. 124. 226 Gerhard Plumpe & Niels Werber: »Systemtheorie in der Literaturwissenschaft oder ›Herr Meier wird Schriftsteller‹«. S. 185. 131 Weise der Moralfrage (›ist etwas gut oder böse?‹), als wüssten die Autoren, dass ihnen durch eine provokante These mehr Aufmerksamkeit zuteilwird. Harro Müller sieht darin eine Erweiterung der internen Prozesse des Kunstsystems, denn es »können derartige Problemfelder aufgrund von System-Umweltreferenzen im Kunstsystem bequem mitbehandelt werden. Traditionell formuliert: Das Schöne wird aus seiner Bindung an das Gute und Wahre entlassen. Das bedeutet einen großen Terrainzugewinn, weil nun z.B. das häßliche Wahre und das schöne Böse ohne Schwierigkeiten zum Thema der Kunst werden können.«227 Dieser Sicht kann im spezifischen Fall der Provokations-Essays in Teilen widersprochen werden beziehungsweise sollte sie ergänzt werden, weil diese Texte über andere Kanälen veröffentlicht werden. Dadurch nehmen zumindest Essays (und Reden) eine Sonderposition im Kunstsystem ein. Die weiteren Erläuterungen Müllers gelten wiederum uneingeschränkt für die Essays. »Verfahrenstheoretisch wird viel stärker als in der alteuropäischen Vormoderne auf Selbstreferenz umgestellt, und es werden Beobachtungen zweiter Ordnung favorisiert, ohne auf Beobachtungen erster Ordnung zu verzichten. Der mit der Ausdifferenzierung des Kunstsystems verbundene Komplexitätszugewinn ist allerdings mit metaphysischem, moralischem, kognitivem und politischem Verbindlichkeitsverlust erkauft. Die Eintrittskarte in die Moderne als funktional differenzierte Gesellschaft bedeutet für das Kunstsystem, daß metaphysische, kognitive, moralische und politische Fragen auf der Programmebene behandelt werden müssen, welche die jeweiligen Codes außer Kraft setzt. So kann das Kunstsystem das politische System beobachten und Politisches im Kunstsystem thematisieren; in der Moderne gibt es aber keine politische Kunst, weil die Codes des politischen Systems und des Kunstsystems nicht identisch sind und sich nicht wechselseitig ersetzen können.«228 Der jeweils gewählte Code bestimmt die Rezeptionsweise des Essays mehr als intern angelegte Codes und geliehene Differenzen. Die Häufung von provokanten Essays seit den 1990er Jahren hängt sicherlich auch mit den 227 Harro Müller: »Luhmanns Systemtheorie als Theorie der Moderne«. S. 100. 228 Harro Müller: »Luhmanns Systemtheorie als Theorie der Moderne«. S. 100f. 132 veränderten Bedingungen der Gesellschaft und ihrer Verbreitungsmedien zusammen und sie nähern sich bewusst etablierten Tabus an, spielen mit dem Risiko des Eklats. »Wie wird man das Jahr 2015 in Erinnerung behalten?«, fragt Thomas Assheuer anlässlich eines Jahresrückblickes in der Zeit und verweist auf die Verarbeitung gesellschaftlicher Momente wie Kriegsherde und Flüchtlingsströme im Zeitalter der Globalität: »Man hat erkannt, wie verworfen die Weltgemeinschaft ist und wie rasend schnell sich liberale Staaten in autoritäre Regime zurückverwandeln, um ihren eigenen Weg zu gehen. Die Weltgesellschaft ist keine one world. Sie mag sich auf Klimaziele einigen – aber sonst ist sie unregierbar. Damit dürfen sich Schriftsteller, die nach landläufigen Maßstäben als konservativ gelten, kraftvoll bestätigt fühlen. Sie glaubten noch nie an eine Weltinnenpolitik, und über die Behauptung, das westliche Lebensmodell werde von allen Kulturen dankbar in Empfang genommen, konnten sie nur lachen. Und das übrigens schon seit je, nicht erst heute. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs richtet sich die Hauptlinie der konservativen Kulturkritik gegen die rücksichtslose Modernisierung des Erdballs; dazu gehören klassischerweise Autoren wie Curzio Malaparte oder Ernst Jünger, in der Gegenwart sind es zum Beispiel Botho Strauß, Christian Kracht oder Michel Houellebecq. Sie attackieren die liberale Moderne, denn, weltweit verbreitet, führe sie in eine historische Sackgasse und provoziere erbitterte Gegenwehr.«229 Neben der Aussage einer versagenden »one world« ist der Hinweis auf die Attacke auf die liberale Moderne aufschlussreich, weil sie den drei genannten Gegenwartsautoren ein gemeinsames Programm anheftet. Schon 2004, das heißt ein gutes Jahrzehnt vor Assheuers Studie zur Sprachkritik230 bei Botho Strauß, stellt Sebastian Kleinschmidt fest: »Strauß’ Autorschaft steht für die Suche nach geistigen Kontrapunkten in einer eben davon leergeräumten Welt, eine Suche, die auch Ächtungen nicht fürchtet. Seine Gegenmächte existieren nicht im politischen Raum, es geht um mentalen Widerstand. Strauß ist ein bekennender Unpolitischer, der geschichtlichen Heilsversprechen nie verfallen ist.«231 229 Thomas Assheuer: »In der Nacht der Götterferne«. 230 Vgl. Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. 231 Sebastian Kleinschmidt: »Gefundener Ort, gemiedene Zeit«. 133 Ob Strauß als politischer oder unpolitischer Autor zu sehen ist, soll an dieser Stelle nicht weiter besprochen werden. Doch liegt die Überlegung nahe, ob Strauß’ »Anschwellender Bocksgesang« nicht auch deshalb hervorsticht, weil er stärker politisch kontextualisiert wurde, als es der Autor möglicherweise beabsichtigt hatte.232 Dass der Essay das vor allem linke Lager aufschreckte wie ein Wespenschwarm einen Kindergeburtstag, kann im Bruch mit der bis dahin geltenden kollektiven Ausrichtung gegen ein konservatives Geistesklima erklärt werden. In das linke Selbstverständnis einiger Medien und vieler Bürger in den 1980er und frühen 1990er Jahren trieben diese Texte tiefe Stachel. Robert Weninger beschreibt die Gründe für den Aufruhr damit, dass Strauß’ Essay »das gescheiterte Projekt der Aufklärung in einem neuen Anlauf und von einer neuen Warte aus voranzutreiben 232 Strauß hat den Eklat um den »Bocksgesang« nie öffentlich kommentiert, sondern die Debatte weitestgehend sich selbst überlassen. Ein Briefwechsel zwischen Strauß und Theater heute wurde gegen den Willen Strauß’ veröffentlicht (vgl. Franz Wille & Peter von Becker: »Bekenntnisse eines Unpolitischen?«). Neben dem ›Postscriptum 1994‹ in der Essaysammlung Der Aufstand gegen die sekundäre Welt, wo es unter anderem heißt: »Vielleicht hat gerade seine Form dazu geführt, daß die Sache nicht so glatt durch den Tag rutschte wie das meiste sonst. Die kurze, schlanke Gescheitheit, die der Journalismus bevorzugt, erfaßt nichts vom Labyrinth der jetzt erlittenen Welt« (AB 77), findet sich eine Reflexion in »Zeit ohne Vorboten«: »Wie der Romantiker der beginnenden Industrieepoche Vorzeit und Frühe erinnerte, wird auch der Romantiker der barbarischen Wissensgesellschaft Vorzeit und Frühe erinnern. (Wie? Ich der einzige, ich ganz allein, in den Wiedervereinigung, das Wort, als ein Tautropfen fiel? Der einzige, der sie nach ihrem mystischen Wortsinn aufnahm und davon deutscher wurde, als es die Zeitgeschichte erlaubt. Damit habe ich mich vor meinen intelligenten Zeitgenossen ebenso lächerlich gemacht, wie sie umgekehrt mir als armselig und unbegabt für die Epoche erscheinen)« (ZOV 101). In Die Fehler des Kopisten fällt der Rückbezug spöttischer aus: »Der Bocksgesang, den ich einmal unvorsichtig berief, war vorgerückt bis an mein Haus. Ein heiteres Mecker-Konzert mit obstinaten Bässen« (FDK 36). Vgl. auch Der Untenstehende auf Zehenspitzen: Der »Maniak oder Anarchist« besitzt in der Literaturgeschichte oder Demokratie größere Akzeptanz als ein »rechtsstehende[r] Autor« (UAZ 112). Unabhängig von der ausgebliebenen Kommentierung und Selbstbezichtigung der Ereignisse im Nachgang des Essays verweist Helga Arend darauf, dass das gewählte Medium dazu führt, »dass der Text wie eine Erläuterung von aktuellen gesellschaftlichen Zuständen gelesen wird« (Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 200). Die Publikation innerhalb des Mediensystems provoziert, wie an der Debatte deutlich wird, andere Anschlüsse als sie eine Publikation an weniger öffentlicher Stelle im Literatursystem hervorrufen würde. 134 [versuchte], indem er mit seiner Tirade den wohlstandsgesättigten Bundesbürger aus seiner Selbstzufriedenheit aufzuschrecken und den an den Hebeln der Macht vermeintlich prinzipienlos gewordenen Alt-68er aus seiner Nabelschau herauszureißen«233 vermochte. Just dieser Bürger hatte erst durch den Marsch durch die Institutionen seinen Status als Bürger erreicht. War ihnen der frühe Strauß noch irgendwie genehm, weil er »den Intellektuellen seiner Generation, den so genannten ›68ern‹, und dem jeweiligen Zeitgeist einen klug-ironischen Spiegel vor[hielt]: Paare, Passanten zwischen Beziehungskitsch, Beziehungschaos und autistischer Vereinzelung«234, nahm er nun eine ihnen fremde (und ihnen unangenehme?) Position ein. Der Spiegel wurde plötzlich zu einem Zerrspiegel. Der auf den Skandal statt auf den Inhalt gerichtete Blick trägt bis in die Gegenwart dazu bei, dass der »Bocksgesang« bei zumeist oberflächlicher Lektüre als Label, Beweis oder Brandzeichen einer rechten Gesinnung außerhalb des sonstigen Werkes angesiedelt wird. Das zeigt sich vor allem daran, dass (als negativ besetzte ultima ratio?) im Feuilleton reflexartig auf den »Bocksgesang« verwiesen wird, sobald eine Zeitung einen neuen Prosatext oder ein neues Bühnenstück von Strauß ankündigt, bespricht oder einen Essay abdruckt; so zuletzt, als der Spiegel den Essay »Der letzte Deutsche« im Herbst 2015 oder Die Zeit im April 2017 Strauß’ Aufruf zur »Reform der Intelligenz« veröffentlichte. Immer wieder zeigt sich im Zusammenfall von Publikation und medialer Hysterie, dass die Reaktionen nach theatralischen Mustern ablaufen und dass die Rinnsal erweiternde Reduktion Strauß’ auf den »Bocksgesang« in etwa der Fragwürdigkeit entspricht, Leonard Cohen ausschließlich auf dessen (unsägliches) Lied »Hallelujah« zu reduzieren und damit das restliche Werk in den jeweiligen Schatten der zu Unrecht so überhöhten Ausnahme zu stellen. Der nach dem Erscheinen des »Bocksgesang« entstandene Medienfuror lässt insofern an ein vom Autor inszeniertes oder zumindest initiiertes Stück denken, das durch die Publikation im Spiegel ein Publikum erreichte, das auf diese Konfrontation nicht vorbereitet schien. Der »Bocksgesang« provozierte auch durch die Verquirlung von politischen Ereignissen mit Ästhetik und Weltanalyse in einer wenig zugänglichen Sprache vor einem überrumpelten Publikum. Wie der Briefwechsel zwischen Strauß und Theater heute zeigt, unternahm Strauß im 233 Robert Weninger: Streitbare Literaten: Kontroversen und Eklats in der deutsche Literatur von Adorno bis Walser. S. 156. 234 Matthias Kußmann: »Botho Strauß wird 60. Porträt und Hinweis auf sein neues Buch: ›Der Untenstehende auf Zehenspitzen‹«. 135 Nachgang wenig, um die Hysterie zu lenken oder gar zu beenden.235 Oliver van Essenberg stellt fest, dass Autoren wie Strauß oder Handke »die Massenmedien ganz gezielt als Teil eines kulturellen Handlungsfeldes«236 nutzen und Thomas Assheuer ergänzt den obigen Auszug um die Feststellung: »Sie blicken vom Mond auf die Erde und stellen sich vor, wie der verhasste Liberalismus sich kulturell erschöpft, wie er sich zu Tode siegt oder gleich von der Bühne verschwindet«237. Mit der Wortwahl eskaliert Assheuer seinen Standpunkt, mildert ihn jedoch umgehend wieder ab: »Erstaunlich viele Zeitgenossen können sich für die Untergangsszenarien begeistern. Denn die konservative Modernekritik trifft einen Nerv«238. Es liegt daher nahe, derartige Essays von Autorinnen und Autoren, die sich einer tagespolitischen Agenda widmen, zusätzlich nach der Leitdifferenz Skandalpotential/mediale Langeweile zu untersuchen. Vor der Lektüre des Essays »Anschwellender Bocksgesang« (AB) unter den Vorzeichen der Globalisierungskonzeption steht jedoch die Feststellung, dass zwischen der inneren Komplexität und der Komplexität der Umwelt des Textes ein ungefähres Gleichgewicht besteht, das heißt, dass die beabsichtigte Vielschichtigkeit des Textes es erlaubt, differenzierte Antworten auf gesellschaftliche Fragen an den Text zu bekommen. Die initiale Frage lautet im Kontext dieser Studie, ob Strauß’ Globalisierungsdiskussion beziehungsweise -konzeption auch die Form und den Aufbau des Textes prägt? In dieser Lesart fallen als erstes die Indefinitpronomen ›jemand‹ und ›man‹ auf, welche die ersten beiden Absätze einleiten. Von einer »freien Gesellschaft« (AB 57), von einem »Großen und Ganzen« (AB 57) oder von »ungeheuer komplizierten Abläufe[n] und Passungen« (AB 57) ist die Rede, ein »Organismus des Miteinander« (AB 57), »ein unfaßliches Kunststück« (AB 57) oder ein »schwerverständliche[s] Rumoren« (AB 57) werden als schwebende, ungreifbare Merkmale der beobachteten Welt hervorgehoben und von einem Verweis darauf flankiert, dass kein Zustand ewig währt. Bereits zu Beginn des Textes werden eine diffuse Exklusion sowie Unverständnis des Be- 235 Vgl. Franz Wille & Peter von Becker: »Bekenntnisse eines Unpolitischen? Ein Briefwechsel mit Botho Strauß«. Der Vorgang der Veröffentlichung des Briefwechsels provozierte eine juristische Auseinandersetzung zwischen Strauß und Theater heute, siehe hierzu auch die äußerst minutiöse zeitliche und sachliche Einordnung in Ralf Havertz: Der Anstoß: Botho Strauß »Essay Anschwellender Bocksgesang« und die Neue Rechte; eine kritische Diskursanalyse. 236 Oliver van Essenberg: Kulturpessimismus und Elitebewusstsein. S. 11. 237 Thomas Assheuer: »In der Nacht der Götterferne«. 238 Thomas Assheuer: »In der Nacht der Götterferne«. 136 obachters (›jemand‹, ›man‹) etabliert und zugleich ein Übergang angekündigt; der Text zieht den Leser zu sich, die Sprache erzeugt eine suggestive Kraft, die als jene heranzoomende Perspektive eines außenstehenden Beobachters ins Auge des Lesers sticht. Der Übergang wiederum zeigt sich am Wechsel zum ›wir‹ im dritten Abschnitt und ist, um in der Perspektive des Essays zu bleiben, systemimmanent und fester Bestandteil der Reproduktion einer demokratischen Gesellschaft im Verhältnis zu benachbarten Gesellschaften: »Wir sind in die Beständigkeit des sich selbst korrigierenden Systems eingelaufen. Ob das noch Demokratie ist oder schon Demokratismus: ein kybernetisches Modell, ein wissenschaftlicher Diskurs, ein politischtechnischer Selbstüberwachungsverein ...? Sicher ist, dieses Gebilde braucht immer wieder, wie ein physischer Organismus, den inneren und äußeren Druck von Gefahren, Risiken, sogar eine Periode von ernsthafter Schwächung, um seine Kräfte neu zu sammeln, die dazu tendieren, sich an tausenderlei Sekundäres zu verlieren.« (AB 58) Es scheint, als sei der Mensch, als sei die gesamte Gesellschaft gefangen in diesem »sich selbst korrigierenden Syste[m]«. Strauß spielt verschiedene Zuordnungen durch und erwähnt, dass ein gleichmäßiger Innen- und Au- ßendruck zur Stabilisierung beiträgt. Wenn man den Druck als Stimulans und Irritation versteht, dann werden die Mechanismen der Selbstkorrektur und Selbstreproduktion konkreter benannt. Identische Prozesse der Selbststabilisierung anhand interner Kodierungen sind in Luhmanns Systemtheorie zu finden. Das von Strauß beschriebene System ist dem ›Funktionssystem Wirtschaft‹ nicht unähnlich, denn auch in ihm stehen Geld und Gewinn dem Verlust und der Unterlegenheit gegenüber.239 Strauß verweist auf 239 Vgl. Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft: »Auf Wirtschaft bezogene Kommunikation ist in allen Gesellschaftsformationen nötig, weil man sich über Zugriff auf knappe Güter verständigen muß. Sie ist in entsprechend vielfältigen Formen möglich. Das Ausdifferenzieren eines besonderen Funktionssystems für wirtschaftliche Kommunikation wird jedoch erst durch das Kommunikationsmedium Geld in Gang gebracht, und zwar dadurch, daß sich mit Hilfe von Geld eine bestimmte Art kommunikativer Handlungen systematisieren läßt, nämlich Zahlungen. In dem Maße, wie wirtschaftliches Verhalten sich an Geldzahlungen orientiert, kann man deshalb von einem funktional ausdifferenzierten Wirtschaftssystem sprechen, das von den Zahlungen her dann auch nichtzahlendes Verhalten, zum Beispiel Arbeit, Übereignung von Gütern, exklusive Besitznutzungen usw., ordnet« (S. 14). 137 einen Ausgleichsprozess, der die großen Unterschiede zwischen kapitalistischen und anderen Gesellschaftsformen verringert und neue Gesellschaftsordnungen herbeiführen kann: »Es ist bislang konkurrenzlos, weder Totalitarismus noch Theokratie brächten etwas Besseres zum Wohl der größtmöglichen Zahl zustande als dieses System der abgezweckten Freiheiten. Natürlich gilt das nur so lange, als wir davon überzeugt sind, daß allein der ökonomische Erfolg die Massen formt, bindet und erhellt. Nach Lage der Dinge dämmert es manchem inzwischen, daß Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder gar Überlegenheit zeigen werden. Wenn wir Reichen nur um minimale Prozente an Reichtum verlieren, so zeitigt das in unserem reizbaren, nervösen System nicht nur innenpolitische Folgen, sondern vor allem abrupte Folgen der politischen Innerlichkeit, den impulsiven Ausbruch von Unduldsamkeit und Aggression.« (AB 58) Ein Übergang kündigt sich laut Strauß deutlich erkennbar an, in dessen Verlauf das wirtschaftliche Denken und Handeln einer Stabilitätsgefährdung ausgesetzt wird, weil andere Formen der gesellschaftlichen Regulierung in den Vordergrund rücken. Strauß’ Sicht auf ein weltgesellschaftliches Systemganzes offenbart dann auch die Nebenwirkungen der Systemfortentwicklung oder der Selbstreproduktion der Gesellschaft, die sich zwar fortentwickelt, aber auch in der Stabilität beeinträchtigt werden kann. Autopoiesisprozesse (das heißt Selbstreproduktion nach spezifischen Regeln) erscheinen dem Außenstehenden als »kompliziert[e] Abläufe«, als »Rumoren« (AB 57). Kein Zustand ist statisch und so wirft Strauß die Frage auf, wie der Einzelne mit der Unstetigkeit der Umwelt umgeht. Verneinung, Umgehungsstrategien oder Affirmation sind nur einige der möglichen Anpassungen des Individuums an diese Gesellschaftsentwicklung. Strauß fordert ein, die Verhältnisse aus größerer Distanz zu beurteilen. Der folgende Auszug drückt indirekt aus, wie die getätigten Beobachtungen erneut beobachtet werden, indem die andere Seite der Differenz Status/Option mitgedacht und vor allem mitreflektiert wird: »Es scheint undenkbar, daß jemand in den Verhältnissen, in denen er lebt, die letzte und beste Erfüllung des gesellschaftlich möglichen Zusammenle- 138 bens erfährt. Wer vermöchte schon der Apologie der Schwebe, des Gerade-eben-Noch, einen glaubwürdigen Ausdruck zu verleihen?« (AB 60) Der Versuch, in der Auflösung und gegen Apathie einen neuen Halt zu finden, beherrscht den Standpunkt der Erzählstimme. Für sie wird zum Problem, dass eine interne Anpassung stattfindet, während sich auch die Gesellschaft fortlaufend im Zuge ihrer Ausdifferenzierung verändert. Alle Zustände sind in Bewegung wie unrunde Zahnräder in einem mechanischen Werkstück und die Stimme versucht, Augenblicksbilder zu fixieren, während sich alle Räder bereits weiterdrehen und sich hierdurch stetig neue Konstellationen herausbilden. Die Grundstimmung des Textes ist nur indirekt eine realpolitische, denn Strauß konfrontiert Politik übergeordnet mit ökonomischer Ideologie, indem er »Demokratie [...] oder schon Demokratismus« (AB 58) mit einem »Ökonomismus« (AB 58) verbindet und kontrastiert, was wiederum die Frage aufwirft, wo Strauß die Gesellschaft sieht. Wichtig ist ihm, zu verdeutlichen, dass das Komplexitätsgleichgewicht – das heißt der »inner[e] und äußer[e] Druck« (AB 58) – sich nicht auf eine Gesellschaftsform beschränkt und beibehalten wird, vor allem in fragilvolatilen Gesellschaften wie der westlichen, die den Konflikt, gleichgültig ob im Inneren oder mit Kräften in der Umwelt, scheut: »Wir warnen etwas zu selbstgefällig vor den nationalistischen Strömungen in den osteuropäischen und mittelasiatischen Neu-Staaten. Daß jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu verteidigen wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr. Daß ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich. Es ziehen aber Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen; bei denen es eine nachteilige Rolle spielen könnte, daß der reiche Westeuropäer sozusagen auch sittlich über seine Verhältnisse gelebt hat, da hier das ›Machbare‹ am wenigsten an eine Grenze stieß. Es ist gleichgültig, wie wir es bewerten, es wird schwer zu bekämpfen sein: Daß die alten Dinge nicht einfach überlebt und tot sind, daß der Mensch, der einzelne wie der Volkszugehörige, nicht einfach nur von heute ist.« (AB 58f.) Die so erzeugte Unterscheidung zwischen »liberal-libertären« weichen und schroffen Gesellschaften ist grundlegend für die im Essay angelegte Sicht. Sie ist trotz der großpolitischen Dimension eng verwandt mit Strauß’ kulturell-konservativer Geisteshaltung und dem Bestreben, das Authentische 139 bewahren zu wollen. Im Eklat nach dem »Bocksgesang« wurde Strauß für seine provozierende Terminologie angegriffen, hierunter Begriffe wie »Volk«, »Sittengesetz« oder »Blutopfer«. Der Vorwurf trifft in Teilen zu, vor allem, weil Strauß die Sachverhalte mit anderen Begriffen, die weniger anstößig sind, hätte beschreiben können. Christoph Rauen interpretiert die Begriffswahl zudem als Mittel, über die Wahl »›rechte[r]‹ Diskurselemente eine Selbstentlarvung bornierter Kritiker«240 zu erreichen. Nadja Thomas verweist auf »das spezifische Opferverständnis«241, das Strauß mit der Sprachwahl vermittelt, und führt weiter aus: »Das mangelnde Verständnis führt Strauß zu der Diagnose eines moralischen Verfalls in der liberal-libertären Gesellschaft. Denn der Mangel für das Verständnis von ›Blutopfern‹ verweise auf das Fehlen eines kultischen, mystischen und religiösen Verständnis für das Opfer als solchem, das sich auf eine heilige, unaufgeklärte, ›ganz andere‹ Ordnung bezieht. Aus dem religionsgeschichtlichen Opferkult zieht Strauß eine selbstverständliche Opferforderung, die er der liberalen Errungenschaft der Befreiung vom Opferzwang entgegensetzt. Der Opferkult bekommt seine Bedeutung dadurch, dass hier der Ort der Kommunikation mit den Ahnen und das Eintauchen in eine mystische Zeit möglich ist.«242 Die mythische Dimension des Begriffs kontrastiert Thomas Assheuer mit der Feststellung, dass die problematischen Begriffe »zu Recht als moralische Provokation aufgenommen« werden konnten.243 »Strauß, so lautete der Tenor einer durchaus schockierten Kritik, hält es mit einem politischen Existenzialismus, der das ›Vorpolitische‹ gegen das politisch Gerechte ausspielt und die lebendige ›Volksgemeinschaft‹ gegen die ›Marslandschaften‹ der ›Massendemokratie‹«244, so Assheuer weiter. Andrzej Denka ergänzt, dass »die demokratieskeptische, hier hauptsächlich wertkonservative, rech- 240 Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 116. 241 Nadja Thomas: »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt«: Botho Strauß und die »Konservative Revolution«. S. 149. 242 Nadja Thomas: »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt«: Botho Strauß und die »Konservative Revolution«. S. 150. 243 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. S. 209. 244 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. S. 209. 140 te Position, der die Haltung eines unabhängigen Dichters, eines poeta vates entspricht«, nicht dem Menschen Strauß zuzuweisen ist, sondern zur Erprobung und Diskussion der Thesen von einem »Sprecher« geäußert werden, von dem kein »Identifikationspotential« ausgeht.245 Abseits des kritisierten politischen Gehaltes lässt die Herausarbeitung der Globalisierungsdimension erkennen, dass Strauß’ Blick nach innen und zurück gerichtet ist. Die Aussage, dass »wir [...] nur nach innen um das Unsere [kämpfen]« (AB 59), ist somit als eine Aussage gegen das Globale und für das Individuelle zu verstehen. Im Gegensatz zur Frühphase der religionskriegerischen oder wirtschaftlichen Globalisierung trägt die westliche Gesellschaft ihre Konflikte nicht mehr in die Welt hinaus, sondern die Konflikte dringen in die westliche Gesellschaft ein und bedrohen sie von außen. Seit 2001 verdeutlichte Strauß diese Perspektive mehrfach, insbesondere als die Bedrohung durch eine (wie auch immer geartete) religiöse Konfrontationsansage an die tradierten christlichen und ökonomischen Werte des Westens in ihrer Aussage und Vehemenz immer expliziter wurde (vgl. DS 225, auch DK). Der »Bocksgesang« konzentriert sich nicht nur auf das Eindringen, sondern bewegt sich entlang einzelner Schlaglichter und verwebt diese. Zu diesen weiteren Themen gehört auch die Kritik an der »heile[n] Welt des Schmunzel-Moderators« (AB 60), in der sich das Individuum selbst genügt, solange es Produkte oder Medienunterhaltung konsumieren kann und in der »grell ausgeleuchteten« (AB 61) Oberflächlichkeit der Medien, die zugleich für »die Flüchtigkeit und Belanglosigkeit« und ein »verändertes Geschichtsverständnis«246 steht, dahindämmert. Parry erkennt im Essay auch die Intention, Vergangenheit und Fremdes und deren »nachhaltig[e] Spuren [...] in unserer Identität« zu würdigen. Mit dem »Bocksgesang« will Strauß gemäß Parry »zum Widerstand [auffordern], und zwar nicht gegen die politische Ordnung, sondern gegen das vorherrschende geistige Milieu, das […] keinen echten Bezug zur Vergangenheit mehr« hat.247 Diesem Ansatz begegnet man wiederholt in Strauß’ Werk, jüngst im Essay »Der letzte Deutsche«, und er kann dahingehend als programmatisch angesehen werden. Wie in schon im einleitenden Exkurs erwähnt wurde, rekurriert Strauß auf ökonomische Theoretiker und in Verbindung mit den wirtschaftskritischen Ansichten und Bemerkungen eröffnet sich ein relativ verborgener 245 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement? Eine systemtheoretische Untersuchung zu Peter Handke und Botho Strauß nach 1989. S. 156f. 246 Christoph Parry: »Geschichtsbild und Mythos«. S. 99. 247 Christoph Parry: »Geschichtsbild und Mythos«. S. 99. 141 Subtext mit Realbezügen, den Strauß nicht explizit kommentiert oder ausarbeitet. Dies geschieht vor allem im »Bocksgesang«, in »Man muss wissen, wie die Sonne funktioniert« (2005) oder in dem noch zu besprechenden »Herrschen und nicht beherrschen. Stilfragen der Krise« (2008). Ebenso kennzeichnend ist, dass er in den Medien, die »Gewalten des Blödsinns« (AB 65), eine Beschleunigungsinstanz für das Vergessen sieht, die jeweils eng an ihre Zeit gebunden ist, sich jedoch in der Gegenwart »appellativer geworden« ist und »bedeutende Fortschritte an Raffinement und Plazierung gemacht hat« (AB 65). 2017 sieht Strauß es immer noch so und er verbindet es in »Die Reform der Intelligenz« mit dem Begriff »Kitsch«, um sich vom Globalisierenden und Globalen zu distanzieren: »Das kritische Bedenken der Lage erfährt seine eigene Krise. […] Nun ist seit Längerem der untergründige Strom beliebigen Geplappers so stark, dass davon auch die feineren Sondierungen weiter oben nicht unberührt bleiben, ja selbst oft in den Strudel des billigen Meinens geraten. ldeenkitsch – weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester. Kitsch der Toleranz, Kitsch des Weltweiten, Humankitsch, Kitsch der Minderheiten und der Menschenrechte, Klima-Kitsch und Quoten-Kirsch, Kitsch von Kunst und Wahn […]. Nun, es herrscht Unruhe, und jede Entwicklung kann sich überstürzen.« (RDI 41) Gravierende Veränderungen auf der einen Seite treffen auf der anderen auf bewahrenden, restituierenden Kitsch in Form abstumpfender Berieselung. Strauß’ Anliegen besteht in einer Reflexion der Bedrohungen für den ›Abgesonderten‹, die er mit dem medialen Vegetieren kontrastiert, welches seinerseits mit der Verkennung des würdevollen Kerns der Mitmenschen, der sich bei diesen erst dann freilegt, wenn die Schutzgrenze des Individuums angegriffen wird, einhergeht. Hierin liegt auch eine überaus bewusste und mehrschichtige Verarbeitung von Exklusion und Inklusion durch Strauß angesichts der am Beginn der 1990er Jahre deutlicher werdenden und in »Anschwellender Bocksgesang« diskutierten Globalisierung, die vielfache Subdifferenzen zugleich erkennbar werden lässt: Mehrheit gegen Minderheit, Liberale gegen Rechte (im eigentlichen Wortsinn), Dämmerer gegen Intellektuelle, Intellektuelle gegen die eigene Gesellschaft, gegen das »kritische Bedenken«. Strauß positioniert sich so deutlich wie es die Sprache im »Bocksgesang« zulässt gegen tumbe Deutschtümelei und gegen die in den Jahren nach dem Mauerfall erstarkten Neonazis, negiert Kategorien wie 142 Nation und propagiert stattdessen eine geistige Heimat. »Erinnerung« befällt »den Menschen […], weniger den Staatsbürger«, »vereinsamt und erschüttert [ihn] inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt« (AB 62). Seine Interpretation des Begriffs ›rechts‹ geht auf »[d]er Rechte – in der Richte: ein Außenseiter« zurück, das heißt auf jemanden, der sich der Gesellschaft entzieht, sich freiwillig aus ihr exkludiert, sich dem Gewesenen zuwendet und sich dabei mit Nachdruck der »frevelhafte[n] Selbstbezogenheit, ihre[r] ebenso lächerliche[n] wie widerwärtige[n] Vergesellschaftung« entzieht (AB 62, vgl. auch LDT 43f.). Das Provozierende ist nun, dass dieser Außenseiter-Typus nicht mehr aus der Warte des Linksintellektuellen auf die Gesellschaft blickt, sondern die Zukunftsvisionen kurzerhand negiert und sich konservativ »gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und sie ausmerzen will« (AB 62), auflehnt. Die ›rechte Phantasie‹ malt sich »kein künftiges Weltreich aus, bedarf keiner Utopie«. Die von Strauß lancierte Alternative sieht vor, dass der »Wiederanschluß an die lange Zeit [...] ihrem Wesen nach Tiefenerinnerung und insofern eine religiöse oder protopolitische Initiation« (AB 62) sei. Strauß sieht eine Tendenz zur Unterwerfung bei den Linken und argumentiert gegen sie, verabscheut aber zugleich den rechten Pöbel. In diesem Sinne ist Strauß’ Programm von der kurzfristigen Politik losgelöst und widmet sich den Entwicklungen über lange Zeiträume. Bezeichnend für diese Sichtweise ist der Blick zurück in die Vergangenheit und die Suche nach Anschlussmöglichkeiten. Eine Teilnahme und Teilhabe an den genannten Optionen »Weltreich« und »Utopie« verweigert Strauß. Die Gesellschaft nimmt er in seinem Abgrenzungsrausch nur noch als Teil eines übermächtigen und alles umschließenden Systems wahr. Das beobachtete System erfüllt die Merkmale eines sozialen Systems, denn es reproduziert, immunisiert und stabilisiert sich selbst ohne aktive Teilnahme des Menschen, denn die restlichen Menschen werden zu »Mitwirkende[n], Systemkonforme[n]« (AB 69) verkleinert.248 Es bedarf einer Irritation durch »ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen« (AB 66) für den eigenen Erhalt. Vor allem in den Unterkategorien des Mediensystems und den Bereichen zwischenmenschlicher Interaktion nährt es sich aus der 248 Vgl. AB 64f.: »Das System bringt seine eigene Verüppigung, seinen eigenen Zerfall und vielleicht seine eigene Wiederherstellung hervor. Das System hat es so gewollt. Einschneidende, wirksame Maßnahmen lassen sich schon aus Systemgründen nicht durchführen …«. 143 Kommunikation, doch unterwirft es die individuellen Belange der Teilnehmenden und entmenschlicht ihre Beiträge: »Das Regime der telekratischen Öffentlichkeit ist die unblutigste Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste Totalitarismus der Geschichte. Es braucht keine Köpfe rollen zu lassen, es macht sie überflüssig. Es kennt keine Untertanen und keine Feinde. Es kennt nur Mitwirkende, Systemkonforme. Folglich merkt niemand mehr, daß die Macht des Einverständnisses ihn mißbraucht, ausbeutet, bis zur Menschenunkenntlichkeit verstümmelt.« (AB 68f.) Das Mediensystem drängt den Menschen aus sich heraus in ein Netz, in dem »letztlich alles mit allem in Berührung gerät« (AB 69), doch statt dieses als demokratisierenden Prozess wahrzunehmen, degradiert es den Menschen zu einem Lieferanten von Neuigkeiten im »Schau-Gespräch« wie im »Schau-Prozeß« (AB 68).249 Dass der »Bocksgesang« sich dem direkten Zugang widersetzt, liegt auch daran, dass Strauß die Vernetzung und Berührung aller Elemente mit allen anderen zum formalen Prinzip dieses Essays macht: Alle Themen existieren gleichberechtigt und Strauß oszilliert in rascher Abfolge zwischen ihnen und der Essay kann insofern als hyperkomplexe, mehrschichtige Textsphäre gesehen werden. In der Folge provoziert die abwesende Hierarchie der Aspekte den Leser, denn dieser wird nicht mehr in Richtung einer Aussage geleitet, sondern wird mit unzähligen Deutungsmöglichkeiten konfrontiert, erschwerend kommt die Negation hinzu, der Strauß die etablierten Orientierungsbegriffen unterzieht. Alle sind gleich viel oder wenig wert und erzwingen eine Neuausrichtung im Werteraster. Ausschließliche Positionen sind angesichts der Globalisierung, die in die erzählte Welt eindringt, obsolet. Als ein inhaltliches Zwischenfazit für den Teilaspekt ›Medien‹ bietet sich die folgende Bemerkung an: »Die Öffentlichkeit faßt zusammen, sie moduliert die einander widrigsten Frequenzen – zu einem Verstehensgeräusch« (AB 69). Strauß fordert einen »Leitbild-Wechsel« (AB 66) ein, von dem er weiß, dass dieser dennoch nicht eintreten wird, weil die Medien zu einer neuen Art von Bedürfnisanstalt zum Absondern eines »subversiven Gemütskitsches« (AB 66, vgl. RDI) oder »inzüchtige[r] Kommunikation« (AB 66) und für die »Abfalleinleitung aus den öffentlichen Kanälen« (AB 71) geworden sind. Strauß’ Kritik richtet sich gleichermaßen gegen Medien und ihre Konsumenten, die, 249 Die Vorführ- und Verführungskraft der Medien wird in der Detailbetrachtung der Konsequenzen der Globalisierung näher eingegangen. 144 ungeachtet ihrer politischen Verortung, »durchweg dasselbe konforme Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse« (AB 66) verwenden und neuerdings eine »dumpfe aufgeklärte Masse« (AB 68) verkörpern. Die Sprache der Medien und der Konsumenten ist laut Strauß ausgehöhlt und zu einer »sprachlichen Machtlosigkeit« (AB 67) verkommen und bahnt der medialen totalvernetzten Globalität, die er später in »Zeit ohne Vorboten« ausführlicher beschreibt, den Weg. Die Entwicklung mündet in einem »elektronischen Schaugewerbe«, sogar in einem »Weltschaugewerbe« (AB 67), das den Zugang zu den Tragödien und Mythen versperrt und Strauß schlussfolgert: »[d]ie Überlieferung verendet vor den Schranken einer hybriden Überschätzung von Zeitgenossenschaft« (AB 69). Strauß’ Beobachtungen führen zur Einsicht, dass der Druck der äußeren Kommunikation, das heißt die strukturell an das Individuum gekoppelte Kommunikation aller Systeme, die Empfänger in einer Empfängerstruktur vereint, da sie die gemeinsame Umwelt des (exemplarisch hervorgehobenen) Mediensystems darstellen. Innerhalb dieser Empfängerschar findet wiederum eine Binnendifferenzierung statt in ›Masse‹ und ›Versprengte‹. Der versprengte Au- ßenseiter flüchtet sich tiefer in seine Abwesenheitssphäre hinein und weiter weg vom Lärm der Masse. Strauß’ Diagnose führt zurück in einen von der Masse überlebten Kulturbegriff und ein exkludiertes Dasein des Poeten: »Wenn man nur aufhörte, von Kultur zu sprechen, und endlich kategorisch unterschiede, was die Massen bei Laune hält, von dem, was den Versprengten (die nicht einmal eine Gemeinschaft bilden) gehört, und das beides voneinander durch den einfachen Begriff der Kloake, des TV-Kanals, für immer getrennt ist… Wenn man zumindest beachtete, daß hier nicht das gemeinsame Schicksal einer Kultur mehr vorliegt – man hätte sich einer unzählige Zeitungsseiten füllenden ›kulturkritischen‹ Sorge endlich entledigt.« (AB 71) Seinen Optimismus einer neuen und plötzlichen Mündigkeit und Fähigkeit, die Illusion als solche zu erkennen, »daß alle Welt plötzlich den Glauben an den Schein verlöre« (AB 67), revidiert Strauß in den späteren Essays im Takt der technischen Entwicklung. Mit dem Einzug des Internets in die Wahrnehmungssphäre der breiten Masse geschieht eine Revision und vor allem Stärkung des Außenseiters, aber eben nicht der Masse.250 Der 250 Vgl. die folgende Passage aus »Wollt ihr das totale Engineering?«: »Ich kann mir nicht verbergen, daß die Kommunikationsströme des Computers oder Internet sich nie mit dem heißen Untergrund, dem unruhigen Magma des Gewesenen, 145 »Bocksgesang« ist im Kontext dieser Arbeit nicht ausschließlich politik-, medien, zeitgeist- oder zivilisationskritisch zu sehen, sondern will alle Begriffe zeitgleich auf die Probe stellen. Das macht den Text zur Provokation, als die er gedeutet wurde. Die Negation aller Werte wenige Jahre nach dem Mauerfall in dichten Worten aufgegriffen entspricht einem Hinweis auf Nacktheit, die damals nicht angemessen schien. Doch wie auch in Schlußchor oder Das Gleichgewicht folgt Strauß dem Zeitgeschehen so eng es ihm möglich ist, teils mit unangenehmen Wahrheiten. Abschließend bleibt zu bemerken, dass »Anschwellender Bocksgesang« in der Form und der Aussage ungewohnt drastisch ausfällt, dass es sich aber zugleich nicht um neue Gedanken handelt, wie die Zusammenführung mit den anderen Essays von Botho Strauß in diesem Kapitel zeigt. Und wie hervorgehoben wurde, wird vor allem in den neuesten Texten die Medienkritik zunehmend konkreter und Strauß lässt erkennen, dass er mit dem Gegenstand der Kritik vertraut und in der Lage ist, präzise und zeitlich präsente Diagnosen zu treffen. Medienkritik zielt in den späteren Texten immer auch auf Vernetzungskritik ab, die Strauß ebenfalls als Bedrohung für die Autonomie des Einzelnen sieht. Wenn Strauß im »Bocksgesang« also schreibt, dass die Moderne mit einem »Kulturschock« (AB 63) enden wird, nimmt dies unbeabsichtigt die politischen Ereignisse der Jahre 2001 bis 2015 vorweg. Es wirkt zudem so, als wollten die zwischen 1987 und 2000 verfassten Essays einen solchen Kulturschock vorsichtig vorab beschreiben, ihn eventuell sogar antizipieren, dies jedoch mit der festen Gewissheit, dass dieser anders eintreffen kann. Folglich überrascht es nicht, dass Strauß eigens hervorhebt, dass »[w]ir [...] von jeder nur möglichen Katastrophe ein Bild, lange bevor sie eintritt« (AB 75) haben und als Einschub fortführt: »(heute, hörig der Abstraktion, haben wir sie sogar bereits analysiert und ihren wahrscheinlichen Umfang ermittelt). Das Weltbild im Wechsel von Dante zum Computerszenario gleicht sich doch darin, daß es im Durchschein des Künftigen leuchtet und Licht verteilt.« (AB 75) Doch die Vorhersehbarkeit ist nur ein Trugschluss. Vor allem auch, weil es bei genauerer Betrachtung statt einer großen Katastrophe zahllose kleinere Zäsuren sind, die sich verdichten, auch wenn manche von ihnen größere Auswirkungen auf die Gesellschaft und ihre Selbstwahrnehmung wie vereinigen werden. Auch wenn ich noch so oft damit umgehe und spiele, das Zeug gewinnt keine Macht über mich. Ich käme ohne es aus«. 146 Selbstfortführung hervorbringen. Fiktive Ereignisse – oder nach Beck »[d]ie Inszenierung der Drohung: Das Könnte, Müßte, das Wenn-Dann«251 – sind bildlich untermalt und der Katastrophenfall wird präsent in jenem Zustand, den Beck und Luhmann als Welt(risiko)gesellschaft definieren. Strauß verweist auf Entwicklungszyklen, die auf eine Kulmination hinsteuern: »Die Schande der modernen Welt ist nicht die Fülle ihrer Tragödien, darin unterscheidet sie sich kaum von früheren Welten, sondern allein das unerhörte Moderieren, das unmenschliche Abmäßigen der Tragödien in der Vermittlung. Aber die Sinne lassen sich nur betäuben, nicht abtöten. Irgendwann wird es zu einem gewaltigen Ausbruch gegen den Sinnenbetrug kommen.« (AB 67) In der Adaption der Globalisierungsperspektive auf Strauß’ Essay fällt auf, dass die Unumkehrbarkeit der Globalisierung (beziehungsweise deren Folgen Weltgesellschaft und Weltrisikogesellschaft) die Grundhaltung hinter dem Essay widerspiegelt. Der von Botho Strauß benannte Kulturschock entspricht dem ›Globalisierungsschock‹252 bei Beck. Am Ende der von beiden erkannten und beschriebenen Entwicklung steht der Beginn der zweiten Moderne, in der die Dynamik der Globalisierung die tradierten Verhältnisse einer Neuordnung unterwirft. In der späteren Beschreibung des Anschlags auf das World Trade Center nahm Strauß die Metaposition eines Beobachters und Kommentators ein. Im Spiegel beschrieb er die Auswirkungen als »einen neuen Zeittakt« (DS 225) und analysiert die Medienkommentierung: »Für einen Moment ist die Welt, wie sie war, bei vollem Lauf in sich zusammengesackt, als die Türme von Manhattan, die beiden Schwurfinger des Geldes, mit einem fürchterlichen Schlag abgehackt wurden. Ein Schlag, der durch alle Köpfe, Kassen und Kanäle ging; wahrscheinlich am wenigsten durch gläubige Herzen. […] Auf die Blinden des Glaubenskriegs wird kein noch so pathetisches Selbstbekenntnis der Ungläubigen Eindruck machen. Die ganze große Kommunikationsmaschine wird von diesem einen Korn der Nichtverständigung gestört – und läuft in den Teilen, die für die Verständigung unter schon Verständigten sorgen, doppelt leer und heiß.« (DS 225) 251 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 202. 252 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 217. 147 Strauß kritisierte die mediale Aufmerksamkeit und kontrastiert die Betroffenheitskultur der »Hedonisten« mit dem Schweigen des »Weltgegner[s]«, daher fragt er in Bezug auf die Bedeutung des Terminus Gesellschaft weiter: »Unsere höchsten Werte der Zivilisation? Stammen sie nicht aus einer ›Gesellschaft‹, die diesen Namen noch nicht benutzte und weit davon entfernt war, ›offen‹ zu sein?« (DS 225). Hinzukommt die Kritik an der Sensationsgier der Medien, die dem Einsturz der Türme eine Videospielästhetik überstülpt: »Die Bereitschaft zum Event ist unter medialen Verhältnissen besonders hoch entwickelt – für den Einschlag war die Welt sehr empfänglich. Er traf uns nicht aus heiterem Himmel, sondern aus einem zunehmend bedrückenden.« (DS 225) In der Erzählung Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich verwendet Strauß diese Äußerung erneut als Slogan einer kulturkritischen Zeitschrift – »Die Welt ist immer bereit für den großen Einschlag« (DNA 125) – in einem Dialog zwischen dem Erzähler Marschner und einer jungen Frau. Über den Kontrast ›alter abgeklärter Mann‹ und ›junge, ungestüme Frau‹ skizziert Strauß verschiedene Positionen und vermischt erneut politische und ästhetische Ereignisse.253 Marschner ist »zu der Überzeugung gelangt, daß in einer Welt ohne Weltanschauung auch keine weltanschauliche Rede mehr geführt werden könne« (DNA 126) und stößt auf die »Weltanschauungsanimalität« der jungen Frau, die sich als Brandstifterin den Tarnnamen Lavinia gegeben hat254 und deren »politisch[e] Ansichten [...] konfus [waren], sie ließen sich nicht ordnen. Sie wollte auf etwas ganz anderes hinaus als Politik, verfing sich aber stets in irgendeinem weltanschaulichen Gespinst und konnte dann nicht aufhören, weiterzuspinnen und sich weiter darin zu verwickeln« (DNA 123). Zu ihrer Kommunikation schlussfolgert der Erzähler: »So war aus den beiden Welterörterern ein Gespann keuscher Hysteriker geworden, die sich nicht mehr voneinander zu entfernen wagten« (DNA 129) oder wie es in Schändung heißt: »Zwei halbe Hirne ergänzten sich zum Teufelsgeist«255. In Ergänzung zur Prosa reißt der Autor in sei- 253 Einen ähnlichen Kontrast verarbeitet Strauß auch in Die Fremdenführerin (1986). 254 Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Die Nacht mit Alice wurde mit Schändung Strauß’ Bearbeitung des Titus Andronicus in Paris uraufgeführt. 255 Botho Strauß: Schändung. Nach dem ›Titus Andronicus‹ von Shakespeare. S. 59. 148 nem Kurzbeitrag ferner eine Frage zur Unvereinbarkeit der Glaubensrichtungen Islam und Christentum an, die sich – wie entfernt die strukturelle Ungleichheit der Paarteile – als zwei Seiten einer Differenz verstehen lässt, deren Teile nicht in der Lage sind, an die jeweilige Umwelt anzuschließen, und damit unüberbrückbar geschlossen sind: »Die Blindheit der Glaubenskrieger und die metaphysische Blindheit der westlichen Intelligenz scheinen einander auf verhängnisvolle Weise zu bedingen« (DS 225). Der antizipierte »Kulturschock« aus »Anschwellender Bocksgesang« und dessen Manifestation hinter den Essays »Der Schlag« und »Der Konflikt« verdeutlichen auch, dass an den Ausläufern der Moderne Ereignisse und Risiken global interferieren. 2.14 Lähmende Unzugehörigkeit & Befreiungsschläge Von der künstlerischen oder sozialen ›Postmoderne‹256 und dem Ende des Kalten Krieges ist es nicht weit zu Ulrich Becks von Globalität geprägter Weltrisikogesellschaft257 der ersten zwei Dekaden des dritten Jahrtausends. In dieser führen kapitalistische Ausbeutung und die Veränderung der Arbeitswelt zu Zerrissenheit und Unzugehörigkeitsgefühlen, die durch »individualisiert[e] Existenzformen«258 ausgelöst werden. Das bürgerliche Schutz- und Wertgerüst zerfällt und die Exklusion aus der Normalität wird mögliche Konsequenz. Die Weltrisikogesellschaft greift auch dahingehend in die Privatsphäre ein, dass Risiken eine persönliche Dimension bekommen. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen den Extremen Risiko und Gefahr. Die »Risiko-Biographie« ist noch berechenbar, während die »Gefahren-Biographie«259 dies nicht mehr ist. Der Übergang zur Gefahren- Biographie beruht auf »der Subjektivität des Meinens, Unterstellens, Erwartens, Hoffens und Unkens«260. In der Möglichkeit des Ernstfalls steckt ein Gefährdungspotential, das den Einzelnen möglicherweise bis hin zur Lähmung beeinflusst. Die Frage, die Beck wie Strauß gleichermaßen bewegt, lautet, ob Krisen grundsätzlich beherrschbar sind. Für Beck sind die 256 Zur Begriffsdiskussion siehe das fünfte Kapitel zu Der Untenstehende auf Zehenspitzen sowie das sechste zu den Konsequenzen der Globalisierung. 257 Vgl. Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft: Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. Sowie: Ders.: Die Metamorphose der Welt. 258 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 255. 259 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 256. 260 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 256. 149 Folgen einerseits eine Exklusion aus Angst, dass die Verhältnisse einen überrollen,261 andererseits eine Gesellschaftsgefährdung durch Radikalisierung des Einzelnen: »Der Zwang zur Selbsttätigkeit, Selbstorganisation kann in Verzweiflung und damit möglicherweise in stumme, brutale Wut umschlagen. Wahrgenommene Gefahren-Biographien bilden den Nährboden für Gewalt und Neonationalismus und Revolutionen«262. Auf diesen äußerst differenten Nährboden hat Strauß sich mehrfach bezogen; einen damit verwandten Bezug auf die Verkettung von Wirtschaftskrisen, Tsunami und atomarer Gefahr lieferte Strauß 2011. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte er den Essay »Uns fehlt ein Wort, ein einzig Wort. Politik des Nichtbeherrsch-baren« und stellte dort einen Zusammenhang mit der Weltrisikogesellschaft von Beck her. Der Veröffentlichungstitel in der dritten Auflage der Anthologie Aufstand gegen die sekundäre Welt, »Herrschen und nicht beherrschen. Stilfragen der Krise« (HER), fügt sich nahtlos in diese Verweisstruktur ein. Gemein ist beiden, dass es neben der Frage der Macht(verteilung) um die empfundene Machtlosigkeit und die Dominanz der medialen Vermittlung komplexer ökonomischer Sachverhalte geht. Es treffen im Falle der Wirtschaft Desinteresse und »saturiert[e] Verachtung« (HER 166) zusammen. Hinzu kommt, dass »[d]ie kurzfristigen, die Ad-hoc-Erläuterungen komplexer Marktvorgänge in den TV-Nachrichten [...] weitgehend auf ein volkswirtschaftlich unvorbereitetes Publikum« (HER 166) treffen, das, so lässt eine Bemerkung in Die Fehler des Kopisten vermuten, fahrlässig das Gehörte nachspricht und aus dem sich manche selbst zu Experten erheben. Strauß’ Aussagen lassen den Schluss zu, dass die Überkommunikation und Überkommentierung der Weltlage zu einem Stabilitätsproblem wird: »Es vermehren sich die Infoholics, die Leute werden süchtig danach, fortwährend das Große und Ganze, die Weltlage abzuschätzen wie die Börsianer und darüber jedermann Mitteilungen zu machen der Art, wie man früher vom Wetter sprach. Das Doxische, das Dafürhalten, wird toxisch, es betäubt die Intelligenz wie das Schamgefühl, jetzt und gerade jetzt nicht: etwas Allgemeines von sich zu geben.« (FDK 103) Strauß verweist in »Herrschen und nicht beherrschen« sehr konkret auf die komplexe Innenstruktur des Wirtschaftssystems, das durch prägnante 261 Vgl. Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 256. 262 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 256. 150 Vordenker ebenfalls »einen erheblichen Einfluß auf die Politik und das soziale Leben« (HER 166) ausübt, obwohl die wirtschaftlichen Zusammenhänge für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung im Kern nebulös sind. In der Darstellung wird deutlich, dass systeminterner und politischer Dogmatismus teilweise die internen Selbstreproduktionsmechanismen verdrängt hat: »Keiner weicht von seiner Linie ab, bei keinem reißt sie irgendwo oder verbindet sich mit der Gegenlinie« (HER 167), schreibt Strauß, womit gemeint ist, dass ein Differenzmarker eine Linie zwischen Gegensatzmeinungen und -einstellungen zieht und dass die Wirtschaft sich gleichzeitig in Opposition zu einer betroffenen, aber nicht einbezogenen, Allgemeinheit setzt. Aus Sicht einer systemtheoretischen Herangehensweise scheint es auf den ersten Blick problematisch, Politik und Wirtschaft zu vermischen, doch ist unter Berücksichtigung des Textes »Man muß wissen, wie die Sonne funktioniert«263 anzunehmen, dass Strauß diese Vermischung bewusst vornimmt, um die systemischen und globalen Verstrickungen zu offenbaren. Damit wird auch die Exklusion des Individuums aus der Entscheidungssphäre deutlich. Es findet mit anderen Worten eine Ausgrenzung aus der ökonomischen Globalität statt im Sinne einer umfassenden »Nichtbeherrschbarkeit« (HER 168). Der Text stellt eine der wenigen Ausnahmen dar, in denen Strauß tagespolitisch wird, die Begriffe »Eurobonds« oder »Schuldenschwemme« (HER 167) entstammen dem gängigen Jargon der Nachrichten zur Zeit des Essays und verbindet sie mit der aufkeimenden Politikverdrossenheit: »Das Volk ist verwöhnt, bequem, leicht reizbar und hypochondrisch. Auf dem Gebiet, von dem sein Wohlergehen am meisten abhängt, ist das Volk 263 Dort formuliert Strauß die Belange der Realpolitik folgendermaßen: »Während der soziale Bereich, Arbeits- und Beschäftigungspolitik, Gesundheit und Altersvorsorge, inzwischen den Jammerfall einer Politik vorstellt, die von der Wirklichkeit unablässig überholt und eines Schlimmeren, als die Planung vorsah, belehrt wird, führte hingegen die Politik der Elemente zu einigen unbestritten positiven und nachhaltigen Ergebnissen, etwa bei der Gewässersanierung, Abfallwirtschaft, Schadstoffentlastung und dem Biosphärenschutz. Das Konservative im parteilosen Wortsinn, nämlich als Erhaltung unserer Lebensgrundlage, bildete also im Gegensatz zu den gesellschaftspolitischen Verlegenheiten und Ungewißheiten ein Paradigma der erfolgreichen Verbindungen von innovativer Technologie und Verantwortungsethik. Und dem entspricht ja der Charakter der Ökologie als einer integralen, disziplinübergreifenden Wissenschaft, im Zusammenwirken von naturphilosophischer Idee, kybernetischen Regelmechanismen und Systemtheorie«. Botho Strauß: »Man muß wissen, wie die Sonne funktioniert«. 151 ein Stümper. Die Entscheidungsträger haben sich daran gewöhnt, zu ihm durch Gesetze und Regelwerke zu sprechen. Ein Wort, das vielleicht allgemein aufhorchen ließe, wurde von einem Politiker seit langem nicht vernommen. Die Autorität, die er vielleicht kraft seines Amtes noch besitzt, leidet in der Regel, sobald er den Mund aufmacht. Jedermann ist des Gewäschs überdrüssig. Man will nie wieder etwas von einem Schritt in die richtige Richtung hören. Selbst wenn er getan würde, was offenbar nur selten der Fall ist, bliebe er in solcher Sprache ungetan für den Zuhörer, die Floskel isoliert ihn hermetisch vom Tatbestand.« (HER 167) Das Zitat verdeutlicht, wie die Sprache von Politik und Wirtschaft das Individuum aus den Entscheidungsprozessen ausschließt und ein Machtgefälle erzeugt, bei einem gleichzeitigen »magisch-medialen Machtverlust« (HER 168) als Paradoxon; es schließt sich auch der Kreis zur anfangs besprochenen Besitzstandswahrung. Das Gefälle hält den Leidtragenden, zu dem das Individuum verkleinert wird, auf Distanz. Der Essay zeichnet zur Verdeutlichung verschiedene Grenzlinien zwischen verschiedenen Akteuren nach. Strauß kritisiert Ausgrenzungen ebenso wie die »Fertigteil- Sprache« oder das »Schwarmverhalten« (HER 168, vgl. PP 163) im Börsengeschäft. Die ökonomischen Vorgänge, auf die Strauß sich bezieht und zu denen er auch den Super-GAU in Fukushima hinzurechnet, sind im Sinne Becks risikoglobalisiert.264 Strauß kommt von der Wirtschaftskrise zur Atomkrise in Japan, weil dies aus einer bestimmten Perspektive Glieder einer einzigen langen »Krisenkette« (HER 166) sind. Strauß’ Argumentation unterscheidet sich nicht grundlegend von Becks Darstellungen zur Weltrisikogesellschaft und die geschilderten Vorgänge finden sich im Essay gleichermaßen wie in Becks Studie. Strauß’ Schlussformulierungen fassen (resigniert?) die Merkmale der Globalisierung, wie sie sich 2011 zeigt, zusammen: 264 Ulrich Beck stellt in Die Metamorphose der Welt fest, dass »[g]lobale Risiken [...] per se unsichtbar [sind]. Erst über medialisierte Bilder gewinnen sie die Macht, die Unsichtbarkeit zu durchbrechen. Überall geschehen Katastrophen großen Ausmaßes, aber ihr emanzipatorisches Potenzial entwickeln sie nur mit der Macht der öffentlichen Bilder, die globale Öffentlichkeit herstellen« (S. 168). Hierbei handelt es sich um einen Zustand, den Strauß bereits in »Anschwellender Bocksgesang« vertritt. 152 »So viel Neues! Vielleicht ist das Jahr 2011 so etwas wie ein zeitlicher St.- Andreas-Graben, in dem die Platte der alten Gewißheiten sich gegen die Platte neuer Ungewißheit mit Getöse verschiebt. Arabischer Tyrannensturz, Erdbeben mit Super-GAU, Schuldenexuberanz, nicht beherrschbare Kommunikationssysteme, die hier eine Volksbefreiung befördern, dort ein Monster hervorbringen, den eiskalten Massenmörder, Ausgeburt der weltweit vernetzten Isolation ... So viel Neues!« (HER 171) Die Globalisierung entwickelt sich synchron zu diesen Ereignissen und verdichtet die Umwelt; sowohl in ein undurchdringliches Gewebe als auch und zu einer Bedrohung für die Autonomie des Individuums. In den Debatten im Nachwendedeutschland findet nun auch die Neuverhandlung der Begriffe Heimat und Nation statt, die Strauß im Berliner Stadtbild der frühen 1990er Jahre als graffitimanifestierte »Kongruenz der Extreme« (FDK 70) von Nazis und Nazigegnern ausmacht. Auseinandersetzungen dieser Art sind nach Rolf Eickelpasch und Claudia Rademacher notwendiger Bestandteil einer Re-Orientierung in Zeiten von großer und plötzlicher Veränderung: »Die gesellschaftlichen Freisetzungsprozesse und die weltweiten Tendenzen der Fragmentierung, Relativierung und Durchmischung von sinnstiftenden ›Heimaten‹, Traditionen und Sinnwelten schlagen, so scheint es, unmittelbar auf die Identitätsbildungsprozesse von Individuen und Kollektiven durch. Kurz: Eine fragmentierte, aus den Fugen geratene Sozialwelt erzeugt prekäre, zerrissene Identitäten.«265 Es fällt Strauß daher schwer, solcher Art »Identitätsbildungsprozesse« adäquat zu reflektieren und dabei Heimat oder Nation so zu definieren, dass nicht sofort der mediale Gesinnungsmob einen neuen Anführer einer neuen Gegenbewegung entdeckt zu haben meint, wie dem kurzen »Postscriptum 1994« zu entnehmen ist, vor allem, weil seine Definition des Rechtsseins eher kultur- denn weltpolitisch ausfällt. Die Abgrenzung geschieht auch, indem er sich dem prekären wie zerrissenen »gegenrevolutionären Typus« (AB 77, »Postscriptum 1994«) und dem »Außenseiter-Heros« (AB 65) zurechnet und sich, wie auch die vorherigen Analysen dokumentieren, in die Entwicklungslinie von Lessing, Büchner, Borchardt und Spengler eingliedert und eben nicht eine neue Blut-und-Boden-Ideologie literarisch 265 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 14. 153 festigen möchte.266 Parry resümiert präzise die Situation, in der Strauß’ Text steckt(e): »Was im Bocksgesang zum ersten Mal, wenn nicht in solcher Deutlichkeit, so doch in solcher Öffentlichkeit deutlich wird, ist, dass Strauß, analog zu den von ihm geschätzten Romantikern, die bei den Zeitgenossen festgestellte unbewusste Göttersehnsucht und ihre große, von gleich welchem Mythos zu füllende Leerstelle mit dem gestörten Verhältnis zur deutschen Nation in Verbindung bringt.«267 An Parrys Aussage ist vor allem interessant, dass er die Diskussion um den Begriff Nation aufhellt, indem er das politische Nachwendeklima als »Leerstelle« bezeichnet. Strauß’ Text bietet durch seine Sprache verschiedene Möglichkeiten für Dehnungen und Anschlüsse an sehr unterschiedliche Geisteshaltungen, die nicht zuletzt dadurch multipliziert werden, dass, wie es in »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« heißt, »Reiche [...] binnen weniger Wochen« (ASW 39) verschwunden sind, dass »Menschen, Orte, Gesinnungen und Doktrinen, von einem Tag auf den anderen aufgegeben, gewandelt, widerrufen« (ASW 39) werden. Strauß ergänzt: »Das Unvorhersehbare hatte sich sein Recht verschafft und zerschnitt das scheinbar undurchdringliche Geflecht von Programmen und Prognosen, Gewöhnungen und Folgerichtigkeiten. Es belehrte alle, daß es der Geschichte sehr wohl beliebt, Sprünge zu machen, ebenso wie der Natur.« (ASW 39) Dass die bisher betrachteten Texte dies auch durch rhetorische Finten ermöglichen, ist unbestritten. Und daher sind die tagespolitischen Essays über ihren aktuellen Anlass hinaus als weitere Beispiele für die Drift und poetische Verbundenheit sowie »Verständigung mit vorausgegangenen 266 Jedoch kann und sollte die Veröffentlichung von »Anschwellender Bocksgesang« in der viel diskutierten und kritisierten von Heimo Schwilk und Ulrich Schacht herausgegebenen Anthologie Die selbstbewusste Nation: ›Anschwellender Bocksgesang‹ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte aus dem Jahr 1994 in diesem Zusammenhang nicht unberücksichtigt bleiben. Dass ein Text innerhalb weniger Monate mehrfach publiziert wird, erscheint im Hinblick auf die etablierte Veröffentlichungspraxis ungewöhnlich, doch werden der Spiegel und auch der Ullstein-Verlag die ökonomischen Möglichkeiten hinter der Skandalisierung erkannt haben. 267 Christoph Parry: »Geschichtsbild und Mythos«. S. 100. 154 Geistern« (AB 70) zu sehen, da sie sich gleichzeitig gegen verschiedene Gesellschaftsphänomene positionieren. Ihnen liegt in Teilen die Intention eines Befreiungsschlages gegen die von Strauß negativ bewerteten Gesellschaftsveränderungen zugrunde. Ein zweiter Blick auf den »Bocksgesang« bietet sich an, denn dort finden sich diese in kohärenter Form beschrieben. Sie sind laut Strauß neben der »Leerstelle« – das heißt dem Vakuum durch Umbruch – die schon beschriebene Medienkritik an der »Obszönität der Kommunikation« (AB 70), die Verklärung der Linken von Eliten und Minderheiten sowie die erneut aufkommende Indifferenz der Begriffe Nation und Heimat, welche einerseits durch die Anknüpfung an die »Obszönität von Militarismus und Kolonialismus« (AB 70) und andererseits durch Neonazis sowie die »schweigende Mehrheit« (AB 72) fadenscheinig kultiviert wird. Der Kunstgriff besteht nun darin, per Fingerzeig zu verdeutlichen, dass die in den Medien wiedergegebene Hetze einen direkten Einfluss auf die Wahrnehmung der Medienkonsumenten hat. Verschwände die »Diktatur des Vorübergehenden« (AB 72), verschwände auch das Gegröle der Mitläufer. Das Verständnisdilemma liegt darin begründet, dass Strauß mit mindestens zwei Bedeutungen des Begriffs ›rechts‹ operiert und sie durchaus trennt, aber dies in der Diskussion nicht verstanden wurde oder werden wollte? Strauß’ eigene Definition von ›rechts‹ ist, wie oben angesprochen, konservativ, kulturell bewahrend und unpolitisch; der zweite Begriff entspringt der Beobachtung des Mediensystems und dessen vermarkteten Tabubrüchen: »Sie lassen etwa unseren Moderator mit bleicher Entrüstung die Feststellung treffen, Deutschland drohe (wegen der Asylrechtsänderung) zum größten Deportationsland Europas zu werden. Wenn das keine Begriffsschändung ist ... Oder sie bewirken, daß der mediale Mainstream das rechte Rinnsal stetig zu vergrößern sucht, das Verpönte immer wieder und noch einmal verpönt, nur um offenbar immer neues Wasser in die Rinne zu leiten, denn man will's ja schwellen sehen, die Aufregung soll sich doch lohnen. Das vom Mainstream Mißbilligte wird von diesem großgezogen, aufgepäppelt, bisweilen sogar eingekauft und ausgehalten. Das Bleichgesicht der öffentlichen Meinung und die verzerrte Visage des Fremdenhassers bilden den politischen Januskopf – denn alles im Politischen läßt sich seitenverkehrt in einem Kopf vereinen.« (AB 73f.) Strauß positioniert sich gegen die Medien, gegen die dumpf-rechte Gesinnung und ihre mediale Darstellung und behält dies auch in den Essays 155 »Der Konflikt« und »Der letzte Deutsche« als Strategie bei. Zugleich lässt Strauß’ wiederkehrende Kritik über mehrere Jahrzehnte erkennen, dass die Medien ihr Muster beibehalten.268 Der im »Schlag« diagnostizierte neue ›Zeittakt‹ führt Strauß zu Folgeüberlegungen darüber, »[i]n welche[r] Zukunft [...] wir die alten zivilen Werte [predigen]« und auch, ob »wir mit Blindheit geschlagen [sind], oder [...] mit doppelter Zunge [reden]« (DK 120). Die Rückwendung zu den vergangenen frühmodernen Werten verbindet Strauß in seinen politischen Beobachtungen, wie hier dem Essay »Der Konflikt«, mit Überlegungen zu den Themen Dominanz, Submission und gegenseitiger Toleranz im Kontakt der Religionen. Strauß ist sich bewusst, dass das Klima von einerseits Verachtung und andererseits Furcht geprägt und dass diese Situation konfliktgeladen ist. In der Reaktion wendet er sich erneut der Metaebene zu und beschreibt, dass der »Widerwille gegen jegliche Form von religiöser Verunglimpfung« auch jene ergreift, die sich ansonsten gegen die »Köterspur des Rassismus samt seiner xenophoben Abarten« (DK 120) immun sehen, wenn sie durch einen (verbalen) Angriff auf ihre Religion, die möglicherweise im Alltag keine Rolle spielt, reduziert werden. Interessant sind die hieraus gezogenen Schlüsse wie der drohende Heimatverlust, den Strauß mit Kulturverlust gleichsetzt, der Einheimische wie Migranten gleichermaßen trifft. Die Heils- und Aufnahmeversprechungen des Islam und dessen Familienstruktur muten aus Sicht einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft archaisch an und stellen so auch eine Irritation der modernen Gesellschaft dar, weil diese den Zustand der Stratifizierung längst verlassen hat. Strauß sieht hierin auch etwas Positives, denn eine islamisch geprägte (Sub-)Gesellschaft kann der Supra- Gesellschaft, die »weitgehend eine geistlose Gesellschaft« ist, Methoden zur inneren Festigung aufzeigen.269 Wesentliches Ergebnis dieser Irritation ist, wie Strauß schreibt, die »Chance der Inspiration und der indirekten Beeinflussung, die von der unmittelbaren Nähe einer fremden und gegneri- 268 Mit Blick auf Niklas Luhmanns Die Realität der Massenmedien bleibt festzuhalten: Sie können auch nicht anders agieren, so lange das Handeln auf der Leitdifferenz von Neuigkeit und nicht-Neuigkeit beruht. Eine Änderung dieser ist auch in 2017 nicht in Sicht. 269 Strauß formuliert es folgendermaßen: »Sie lehrt uns andere, die wir von Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit abhängiger sind als von der eigenen Familie, den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleich-Gültigkeit, die Regulierung der Worte, die Hierarchien der sozialen Verantwortung, den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis. Selbstverständlich ist es für den aufgeklärten Westeuropäer der Born der Finsternis, der dies Leben in der Gemeinschaft unterhält und gut organisiert« (DK 121). 156 schen sakralen Potenz herrührt« (DK 121). Strauß hat explizit im »Bocksgesang« kritisiert, dass das Hinzukommen der fremden Kultur von Vielen als Bedrohung aufgefasst wird, statt es als Stärkung zu begreifen und er führt diesen Gedanken in »Der Konflikt« weiter aus und nimmt die Ereignisse zum Anlass, die eigenen kulturellen Wurzeln, »unser eigenes Bestes« (DK 121), wiederzubeleben. Strauß schlägt vor, »über die Annäherung und den Disput zwischen den Schriftkulturen« das geschwächte »Differenziervermögen« zu stärken, statt dies »über die Weltmärkte, technische Innovationen, Sitten und Moden« (DK 121) zu bewerkstelligen. Strauß erhofft hierdurch eine gesteigerte Autonomie gegenüber den Globalisierungsprozessen und -merkmalen, ferner nimmt er an, dass es unter diesen Bedingungen möglich ist, ein erneutes »globales Toledo, zumindest eine kurze Blütezeit west-östlicher Synergien« (DK 121) zu erreichen. Die Reibung zwischen den Kulturen kann aus dieser Sicht also zu einem friedlichen und verständigen Miteinander führen, so lautet zumindest Strauß’ hypothetische Annahme einer erneuten friedlichen Verschmelzung, die auch an eine Bemerkung aus Der Untenstehende auf Zehenspitzen von 2004 anknüpft: »Der Syrer trägt ja europäische Schönheit durch sein Syrisch wieder zu uns« (UAZ 49). Problematisch ist jedoch, dass Strauß faktische Anlässe aufgreift und von ihnen ausgehend teils sehr abstrakte Reflexionsketten entwickelt, deren Rückauswirkungen auf das politische Tagesgeschehen eher von geringerer Wirkung sind. Es überrascht daher nicht sonderlich, dass 2006 »Der Konflikt« relativ unaufgeregt verebbt, weil der Auslöser, das heißt die Proteste gegen die so genannten Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Zeitung Jyllands Posten, anfangs weitab von Europa stattfindet. Als hingegen 2015 die Zahl der sich nach Europa bewegenden Flüchtlinge stark ansteigt, reicht dasselbe Melodiefragment aus dem »Bocksgesang« und dem »Konflikt« überraschenderweise aus, um mit »Der letzte Deutsche« (DLD) nochmals das Medien-Orchester antreten und eine Neuinterpretation der ›Strauß-Hysterie‹ spielen zu lassen. Es demonstriert gleichzeitig ein weiteres Mal Strauß’ dramaturgisches Können, rechtzeitig die gesellschaftlichen Befindlichkeiten zu spiegeln und die Medien wie gewünscht auf ausgelegte falsche Fährten reagieren zu lassen. Der provokante Aufmacher, ›der letzte Deutsche‹ zu sein, suggeriert Anschlussfähigkeit im tagesaktuellen Politikdiskurs, doch entpuppt sie sich schnell als Finte in Richtung des nationalkonservativen Lagers. Man muss den Essay nicht besonders gründlich untersuchen, um zu erkennen, dass Strauß zwar erneut eine Differenz zwischen den Fremden und den Einheimischen beschreibt, aber dass es nur ein oberflächlich kalkulierter Tabubruch ist, denn er möchte, 157 wie schon in vielen der zuvor veröffentlichen Essays, auf die Notwendigkeit einer Stärkung der eigenen Kultur hinweisen, um besser an das ›Fremde‹ anschließen zu können; in gewisser Weise steigert er das Differenziervermögen, dennoch gehört eine konkrete Integration oder die Diskussion realpolitischer Fragen nicht zu den im Essay vertretenen Forderungen. Erneut lehnt Strauß, wie schon im »Bocksgesang« oder in »Herrschen und nicht beherrschen« (vgl. HER 165), die »vorwiegend ökonomischdemografischen Spekulationen« (DLD 123) als gesellschaftliche Triebkräfte ab und betont die Zusammenhänge zwischen dem kapitalistischen System auf der einen und dem Flüchtlingsstrom auf der anderen Seite. Beides sind Prozesse innerhalb der Globalisierung, die dazu führen, dass die Vertriebenen und die angestammten Europäer gleichermaßen bedroht sind, wodurch er beide Seiten der Differenz vereint. Strauß kritisiert in diesem Kontext vor allem die Kulturlosigkeit der Gegenwartsgesellschaft als die weit größere Gefährdung von Identität, Heimat und Nation: »Der letzte Deutsche, dessen Empfinden und Gedenken verwurzelt ist in der geistigen Heroengeschichte von Hamann bis Jünger, von Jakob Böhme bis Nietzsche, von Klopstock bis Celan. Wer davon frei ist, wie die meisten ansässigen Deutschen, die Sozial-Deutschen, die nicht weniger entwurzelt sind als die Millionen Entwurzelten, die sich nun zu ihnen gesellen, der weiß nicht, was kultureller Schmerz sein kann.« (DLD 123)270 Die angeführten Dichter-Essays stehen sämtlich in dieser Tradition und so wird verständlich, dass die vorgenommene Einreihung Teil der Bewegung gegen die Globalisierungskonsequenzen ist. Strauß löst sich zudem erneut aus der politischen Vereinnahmung, indem er feststellt: »Ich bin ein Subjekt der Überlieferung, und außerhalb ihrer kann ich nicht existieren« (DLD 123). Und er trennt die Literatur von der Politik, weil »Fürstenstaat, Nation, Reichsgründung, Weltkrieg und Vernichtungslager« (DLD 123) zwar in ihr vorweggenommen oder nachbesprochen, aber nicht von ihr 270 Diese Aussage lässt sich durch eine Passage aus Lichter des Toren untermauern, die zugleich die Kritik an der Kulturlosigkeit der Mehrheitsbevölkerung ist: »Ein Fremder im eigenen Land ist man dennoch nicht wegen der Ausländer und Zugewanderten, sondern angesichts der Selbstentwurzelung seiner Landsleute. Dieser Fremde ist kein Ausgestoßener, sondern jemand, der in seiner Zeit, eine Fremdsprache denkend und sprechend, umherirrt« (LDT 141). 158 realisiert werden können.271 In der Folge dieser Überlegungen betont Strauß, kein Entwurzelter zu sein, weil er sich in Richtung der verschwindenden Kultur orientiert, um sich in den »ästhetische[n] Überlieferung[en]« »neu zu beheimaten« (DLD 124). Es wird deutlich, dass Strauß nach wie vor auf den ›Kulturschock‹, verstanden als »ein langsames, vielleicht aber auch schleuniges Ausbluten« (FDK 36), hofft, auch wenn »[u]ns [...] die Souveränität [geraubt wird], dagegen zu sein. Gegen die immer herrschsüchtiger werdenden politisch-moralischen Konformitäten« (DLD 123). Hierin mag vor allem eine rhetorische Überspitzung verborgen liegen, doch verfehlt die These ihre Wirkung nicht: »Nun, was kann den Deutschen Besseres passieren, als in ihrem Land eine kräftige Minderheit zu werden? Oft bringt erst eine intolerante Fremdherrschaft ein Volk zur Selbstbesinnung. Dann erst wird Identität wirklich gebraucht.« (DLD 123) Hiermit ist ein komplexer Sachverhalt angerissen. Einerseits unterstellt Strauß den Fremden Intoleranz gegenüber der Majorität, andererseits verweist er im selben Augenblick auf die Fehlsicht der national orientierten Rechten, denen das kulturelle Fundament nicht zugänglich ist. Zur Verdeutlichung verschränkt er die Termini »sozial[e] Bestimmungen« mit dem »Raum der Überlieferung von Herder bis Musil« (DLD 123). Strauß begibt sich in eine Lage, in der er sich gegen zwei Gruppierungen und den Stillstand der Politik stellt und die eine Art Mehrfrontenverteidigung erforderlich macht. Vom herbeigesehnten Kulturschock wird auch eine kathartische Wirkung erwartet. Problematisch ist indes, dass die Situation aus zwei Perspektiven zu beobachten ist, sie ist so gesehen hyperkomplex. Aus Sicht der Migranten findet der Kulturschock erst nach der Ankunft statt, denn die Migrationsbewegung erfolgt von äußeren Faktoren abgekapselt, da der Wille zu überleben die primäre Antriebskraft ist. Aus der anderen Perspektive reagiert die aufnehmende Mehrheitsgesellschaft zwiespältig und teilt sich in jene, die helfen wollen, und jene, die Ängste entwickeln. Strauß widmet sich daher auch der Komplexität der Medien (»Was in der Zeitung steht, macht den Anteilnehmenden immer konfuser« (DLD 124)) und der durch die Politik vermittelten doppeldeutigen Position: 271 Das gilt in gleicher Weise auch für die Verarbeitung der Globalisierung. Sie bleibt in Literatur ein theoretisches Unterfangen. 159 »Es ist, als gäbe man mit jeder libertären Bekundung, jeder Weisung politischer Korrektheit Verhaltensbefehle aus, denen die meisten Einwanderer nur nachkommen können, wenn sie sich von ihrem Glauben und Sittengesetz verabschieden und also eine weitere Entwurzelung hinnehmen müssen. Die Überprofilierung von Freiheit, von Zulassen und Gewähren enthält unausgesprochen die Drohung, der Willkommene habe sich säkularisiert zu verhalten oder wenig Chancen, ein integrierter Bürger dieses Landes zu werden.« (DLD 123) Strauß tritt als Mahner am Rande der Gesellschaft auf und weiß um die Wichtigkeit festigender Faktoren und betont aus diesem Grunde auch die möglichen Selbstheilungskräfte der Gesellschaft, vielleicht auch, weil die tatsächliche Lage zu vielschichtig ist, um sie als Einzelner zu entwirren und die Komplexität reduzieren zu können. »Die Komplexität kann dekomponiert werden: nicht alles zählt« schreibt Norbert Bolz und bezieht sich damit auf etwas, das er »decomposability« nennt; weiter führt er aus, dass Komplexität durch Ausblenden von »darunterliegenden Ebenen« reduziert werden kann.272 Das »global[e] Toledo« ist, sofern die Entwurzelung revidiert beziehungsweise nicht weiter vorangetrieben wird, keine Utopie mehr. Ein eventueller Minderheitenstatus im eigenen Land wäre in diesem Sinne nicht mehr als ein Wimpernschlag in der fortschreitenden Globalisierung, der von einem »Fließgleichgewicht« abgefangen wird: »Dass Reiche untergehen, zerbrechen, ist unwahrscheinlich geworden; eine Art Fließgleichgewicht der Erde im Sinne kultureller Globalität verhindert es weitgehend; daher verstetigt sich die Doppelansicht von Zerfall und seiner Umdeutung in Vielfalt, von Verlust als Bereicherung. Auf und Nieder sind zu beweglichem Ausgleich, einem geringen Schwanken abgeflacht.« (DLD 123) Beachtenswert ist, dass diese Formulierung konträr zur schon besprochenen Aussage aus »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« (1991) steht und sie aufzuheben versucht. Es heißt dort: »Wir haben Reiche stürzen sehen binnen weniger Wochen. Menschen, Orte, Gesinnungen und Doktrinen, von einem Tag auf den anderen aufgegeben, gewandelt, widerrufen. Das Unvorhersehbare hatte sich sein Recht verschafft und zerschnitt das scheinbar undurchdringliche Geflecht von 272 Norbert Bolz: »Die Zeit der Weltkommunikation«. S. 82. 160 Programmen und Prognosen, Gewöhnungen und Folgerichtigkeiten.« (ASW 39) Daraus lässt sich schließen, dass die Gesellschaftsverhältnisse im Jahr 2015 wesentlich gefestigter anmuten als vor 1990, zumindest im direkten Vergleich beider Aussagen. Sie ›schnappt ins Gleichgewicht ein‹ wie im kurzen Auszug aus der Spiegel-Fassung des »Bocksgesang« erwähnt, der dieses Kapitel einleitet. Der Unterschied kann zudem dahingehend interpretiert werden, dass die »kulturell[e] Globalität« Orientierungspunkte erzeugt; einerseits für zukünftige Verstehensmodelle von Gesellschaft und andererseits für Prozesse in der Gegenwart, da verständlicher wird, wohin die Gesellschaft sich entwickelt. Das Wissen über dieses Verstehen wiederum fließt in die Autopoiesis ein, indem es die sozialen und teils auch die psychischen Systeme stärkt. Dass Strauß in dieser Entwicklung wieder und wieder die Wichtigkeit des kulturellen Wissens hervorhebt, ist eine Reaktion auf das Verschwinden der Nation als (so verstandene) beschützende Hülle der Kultur. Ob Strauß die Krise herbeisehnt, bleibt unklar, leichter deutbar ist jedoch, dass in der Gegenwart neben der Nation auch die Nationalliteratur ihre Alleinstellungsmerkmale verliert. Der transkulturellen Vermischung ungeachtet geschieht der Anschluss an die vergangene Dichtersprache, die in den meisten Fällen innerhalb der etablierten Grenzlinien entstand. Die Methode ist vermutlich auch auf andere sich in der Auflösung befindende Nationen übertragbar und zudem ist das territoriale Wahrnehmungsmuster in der Weltgesellschaft nicht länger anschlussfähig, weshalb es wenig sinnvoll ist, sich auf die sich gegenwärtig auflösenden Nationalgrenzen oder kulturen zu beziehen. Dass es Strauß darum geht, sich in der alten Literatur »neu zu beheimaten« (DLD 124), ist auch als etablierte Ausweichstrategie gegen die globalisierte Außenwelt zu sehen, die bereits 1981 in Paare, Passanten vorsichtig anklingt und in der Gegenwart an Brisanz wie Relevanz stark zunimmt.273 Der Rückzug geschieht keineswegs still, denn Strauß wird nicht müde, dieses Thema zu verarbeiten und zu fragen, »was [...] der Druck der Gefahr aus uns [macht] – wie verändert er langsam aber unaufhaltsam unsere Prägungen, Vorlieben, Gewohnheiten. [...] Der Innen / Außen-Streit macht universell vor keiner Lebensform halt« (DLD 124). Ferner betont er, dass kulturelle Annahme auch davon abhängt, wie das 273 Vgl. PP 103: »Man schreibt einzig im Auftrag der Literatur. Man schreibt unter Aufsicht alles bisher Geschriebenen. Man schreibt aber doch auch, um sich nach und nach eine geistige Heimat zu schaffen, wo man eine natürliche nicht mehr besitzt«. 161 Individuum konstituiert ist, dies umfasst den »Hass Radikaler« gleicherma- ßen wie die »Selbstaufgabe« der Linken oder die »Wissbegierde der Syrer« (DLD 124). Der Essay »Der letzte Deutsche« ist als Abgesang auf den kulturell offenen und gebildeten Menschen im oberflächlichen, globalisierten Medienzeitalter zu verstehen, der eine aussterbende Gattung verkörpert, die von den »Massen und Medien« in ihren Glashäusern verdrängt wird, die »das Niveau der politischen Repräsentation« prägen und »allesamt Ungelehrte in jeder Richtung sind« (DLD 124). Gleichzeitig vermittelt der Text auch Optimismus, weil nach Lösungen gesucht wird. Diese sind aus der Sicht Strauß’ jedoch nicht massentauglich. Dass Strauß durch Hinwendung zur vergangenen Literatur »ein wiedererstarktes, neu entstehendes ›Geheimes Deutschland‹« (DLD 124) für möglich hält, zeigt auch, dass der Autor auf diese Art eine Grenze ziehen oder noch vorhandene Fragmente erneut befestigen will, um sich gegen das Eindringen der Globalität zu schützen. 2.15 Zwischenfazit: Engführung von Ästhetik & Weltspiegelung Es bleibt abschließend festzuhalten, dass Strauß’ Essayistik von Anfang an eine Haltung offenbart, die sich in der jeweiligen Gegenwart von den gegebenen Reizfaktoren nährt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Waren die Theaterrezensionen noch deutlich vom Anliegen geprägt, ästhetische und politische Themen zu vereinen, das heißt die starken Grenzen zwischen Kunst und Gesellschaft konstruktiv zu überwinden und die Bereiche zu synthetisieren, geht Strauß nach und nach dazu über, die gesellschaftlichen Themen über die Hinwendung zur früheren Literatur zu verarbeiten und zeitübergreifende Bezüge herzustellen. Das poetologische Verfahren der narrativen Drift trägt an dieser Stelle zur Verdeutlichung von Botho Strauß’ zyklischem Zeitverständnis bei. Es zeigt sich, dass auch die Preisreden nahtlos in die Inhaltslinie einfließen, dass Strauß es also vermag, äu- ßerst unterschiedliche Autoren so zu lesen und zu interpretieren, dass er diese seiner zivilisationskritischen und, wie festgestellt wurde, globalisierungskritischen Geisteshaltung subsumieren kann, denn insbesondere seit der Mitte der 1980er Jahre sticht die erstarkende Bezugnahme auf die Ver- änderungen der Welt hervor. Diese erfolgt über eine stetige Auseinandersetzung mit Innen/Außen-Differenzen, in denen sich die Sichtbarkeit von Grenzen erhöht. Im Kontext der untersuchten Globalisierungskonzeption finden sich vielerorts Belege für eine stattfindende Beschäftigung mit den erwähnten Ausweich- und Auswegstrategien aus den Globalisierungspro- 162 zessen oder der Globalität. Die beschriebenen Zeit- und Inhaltslinien verdeutlichen, auf welche Weise Globalisierungsprozesse von Strauß aufgegriffen werden. Strauß’ eigene ästhetisch-literarische Haltung ist, obwohl sie sich ausdifferenziert und mit weiteren Themen vernetzt hat, über die Jahrzehnte hinweg stringent, denn ein dezidierter Richtungswechsel ist in den Essays nicht auszumachen, viel eher finden eine Schärfung und Präzisierung parallel zu den Globalisierungsentwicklungen statt. Weil die Gesellschaft vielschichtiger und komplexer wird, müssen auch die Essays sich an die veränderten Bedingungen anpassen, um die Globalisierung ästhetisch verarbeiten zu können. Dieses Kapitel zeigt, dass eine Verarbeitung der Veränderungen der Welt in einer Vielzahl der Essays von Strauß prominent geschieht. Der »Versuch, politische und ästhetische Ereignisse zusammenzudenken« wird über die anfänglichen Rezensionen hinaus beibehalten und findet in den essayistischen Beobachtungen und Beschreibungen zeitgenössischer Gesellschaftsveränderungen im Medium oder Genre des Essays eine Fortführung, welche in den meisten Fällen an einen kulturell ästhetischen Hintergrund gebunden wird. Auf einen Satz reduziert: So wie die Gesellschaft sich globalisiert und ausdifferenziert, differenziert auch Strauß sein Schreiben entlang des Themenkomplexes der Globalisierung. Die narrative Drift nimmt in diesem Vorgang die Funktion einer Methode ein. Sie verbindet nicht nur die Essays zu einer Textsphäre, sondern findet sich auch als textinternes Verfahren aufgegriffen. Anzumerken ist jedoch, dass es sich nicht um zufällige Driftbewegungen handelt, sondern um sehr gezielt vorgenommene Themensprünge, also eher gestützte Reflexion als willkürliche Assoziation. Die nachfolgenden Analysen werden zeigen, dass Strauß dieses Verfahren nicht nur in die kürzeren Essays anwendet, sondern dass es ebenfalls die Ausrichtung der längeren essayistischen Veröffentlichungen oder Prosatexte wie beispielsweise Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie, Der Untenstehende auf Zehenspitzen oder Die Unbeholfenen umfassend beeinflusst. 163 3: Deduktionen & »Sprünge, Interdependenzen, Übergänge, Auflösungen, Reichtümer des überschwenglichen Zerfalls aller Grenzen«: Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie 3.1 Annäherungsversuche an eine beginnlose Form »Es wird dem Menschen nicht leichtfallen, an die Beginnlosigkeit der Welt zu glauben. Liegt es daran, daß er sie nicht denken kann? Daß es in seinem ›System‹ einen unauslöschlichen, unersetzlichen Mythos von Anfang und Ursprung gibt und geben muß? Der Wahrheit näher käme die physikalische Imago von einem steady state, das Zeit, Raum, Leben, Ich und andere in einen einzigen konturlosen Nebel hüllt – eine bewegte Aufgelöstheit der Dinge und Benennungen, in der das Alles zu einem Etwas zerrieben, das Ganze zu einer Sämtlichkeit abgewandelt erschiene und folglich vom einzelnen Ereignis nicht zu sagen wäre, ob es vorbei ist oder ankommt oder immer da war. Hatte man nicht erst vor kurzem den Augenaufschlag der Welt bis in sein allerfrühstes Zittern nachgewiesen? Nirgends in den Wissenschaften scheint noch eine Alternative zum Werden zugelassen. Der Zeitpfeil durchbohrt das Kleinste wie das Größte. Wozu dann die philosophische Plage des Seins? Der Geist bildet offenbar eine abgeschlossene, zierliche, zusätzliche Geheimwelt heraus, Raum für einen unbändigen Sinn. Er wäre vielleicht nicht nötig gewesen. Er schafft einen Trotz-Kosmos zur Werdewelt.« (B 38f.) Erst auf der 38. Seite der 138 Druckseiten von Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie (1992) findet sich so etwas wie ein erklärender Einstieg in den Gedankenkosmos, den der schmale Band vor den Augen der Le- 164 senden entwickelt, bis dahin folgt man einem fragmentarischen Schreibprinzip, das sich vergleichbar bereits im Text Paare, Passanten von 1981 und Niemand anderes von 1987 angedeutet findet274 und von Strauß, wie Nikita Gladilin in seiner Studie zur postmodernen Literatur feststellt, insbesondere im Roman Der junge Mann erprobt wird. Dieser verkörpert damit weit mehr als nur eine »ironische Mystifikation des traditionellen ›Bildungsromans‹«, da er über »eine nicht-lineare, fragmentarische Struktur« verfügt.275 Strauß entwickelt und verfeinert dieses Erzählverfahren hin zu jener erzählerischen Radikalität, wie sie in Beginnlosigkeit vorzufinden ist, und die Dirk M. Becker einen »kybernetischen Selbstversuch«276 nennt, jedoch ohne das Thema der Kybernetik zu präzisieren oder zu definieren. Bei Hans- Christian Dany findet sich eine Erläuterung kybernetischer Prinzipien, welche auch Beckers Äußerung über Strauß’ poetologische Vorgehensweise beleuchten kann: »Durch die Erkenntnis, dass B nun nicht mehr einfach nur aus A resultiert, sondern verschiedene Wirkungen kreisförmig ineinandergreifen, werden die Zusammenhänge vielfältiger und reicher. Doch lineare Ursache- Wirkungen waren noch einfacher zu erfassen als kreiskausale Wirkungsgewebe, weshalb auch die erweiterte Weltsicht auch die Aufmerksamkeit für die Kontrolle steigt. Der kybernetische Blick auf die Welt interessiert sich weniger dafür, was die Dinge sind, als für das, was sie tun. er fragt nach Verhältnissen, Unterschieden, deren Wandel, den Möglichkeiten des Zugriffs darauf.«277 274 Vgl. hierzu auch Klaus Modicks Formenstudie, in der es über Paare, Passenten heißt: »Dennoch zeigen die ›Paare, Passanten‹, was ihr Autor ›kann‹; die Improvisation ist vorgetäuscht, das Buch ist komponiert in allen noch so kleinen Stücken. Ein vorgeblich flüchtiges Notieren mobilisiert das flanierende Denken gegen die Passagen-Welt« (Modick: »Bauprinzip: Fragment als Methode«. S. 73). Strauß’ Formenbewusstsein ist, wie aus Text und Studie hervorgeht, ausgeprägt. Die Fragmente erfüllen durch ihr Zusammenspiel eine bestimmte Funktion, wie Modick feststellt: »Die Partikularisierung des Ganzen vermag das einzelne, vereinzelte Ich sinnvoll nicht zu rekonstruieren; nur künstlich läßt sich verlorene Integrität, zersprengte Einheit, Harmonie, wieder herstellen, quasi als zweite Natur« (ebd. S. 74). 275 Vgl. Nikita Gladilin: Postmoderne deutschsprachige Literatur: Genese und Haupttendenzen der Entwicklung. S. 223. 276 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. Die Auflösung von Wort und Objekt. S. 77. 277 Hans-Christian Dany: Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft. S. 26. 165 Es handelt sich um selbst- und fremdrefenzielle, flexible Abhängigkeitsverhältnisse, in der Zustände einander auf eine Weise beeinflussen, die mit Qvortrup hyperkomplex zu nennen ist. Die Regelmechanismen folgen nicht mehr einfachen Kausalzusammenhängen, sondern sind nun verschachtelt, vernetzt, abhängig. Auf der Textebene von Beginnlosigkeit verbindet (sofern dies möglich ist) die narrative Drift die Reflexionsfragmente. Der schwebende, luzide und wechselhafte Aufbau kann ebenfalls, so eine wegen Strauß’ Vorliebe plausible, aber nicht belegbare Annahme, von T.S. Eliots The Waste Land beeinflusst sein, obgleich es sich um unterschiedliche Genre handelt. Die rhythmische, tastende Verdichtung bei gleichzeitiger Trennung ist in beiden Texten erkennbar. Vordergründig beabsichtigt Strauß mit Beginnlosigkeit, den Zustand der absoluten Beginnlosigkeit, der in den Naturwissenschaften eine umstrittene Alternative zur Urknall-Theorie darstellt, mit den Mitteln der literarischen Fragmentierung und Ästhetisierung zu spiegeln und so den Bedingungen der Zeit und Zeitwahrnehmung nachzuspüren. Der Klappentext der Taschenbuchausgabe gibt Auskunft, dass Strauß »[v]om Denken und vom immerwährenden, ungeschaffenen Kosmos [...], der ohne Anfang und Ende auskommt« schreibt. »Von der Vorstellung, daß die Welt keinen Anfang im realen Sinne habe, wird der Begriff des Anfangs überhaupt und mit ihm jede zeitliche Gliederung in Frage gestellt. Mit dem Anfang verschwindet auch die Ursache, und jedes lineare Denken wird außer Kraft gesetzt. Fleck und Linie im Untertitel symbolisieren Chaos und Vernunft«, heißt es weiter. Die Welt als Referenzrahmen umfasst sowohl die Weltkugel als auch die gesellschaftlichen Dimensionen von ›Welt‹. Strauß vermischt seine Überlegungen dazu mit weiteren Themenfeldern wie Mythen, dem Theater, der Literatur, Grenzsuchen in menschlichem Handeln oder menschlicher Kommunikation oder Systemtheorie, um nur einige zu nennen. Auch in diesem Fall greift die gebundene Reflexion statt der willkürlichen Assoziation ein. Die Kombination aus Untertitel und Themenvielfalt lässt zudem die Vermutung zu, dass Beginnlosigkeit aus einem verengten Blick betrachtet eine Metapher der Gesellschaft sein kann. Aus der Sicht des Einzelnen existiert Gesellschaft seit Menschengedenken; Religionen, Mythen, Naturwissenschaftler bieten Erklärungsmodelle an, um einerseits die Gesellschaft und andererseits ihren räumlich-topographischen Hinter- beziehungsweise Untergrund verständlich zu machen. Der Subtitel Reflexionen über Fleck und Linie spricht darüber hinaus an, was auch Niklas Luhmann als elementares Bedürfnis benennt. Dieser formuliert zum bildlichen Verstehen der Welt als Raum für Gesellschaft: »Wenn unsere Gesellschaft sich auf ein Symbol einigen müßte, so 166 würde es vermutlich nicht der Kreis, nicht das Kreuz, nicht die Linie sein, sondern die schwindelerregende Exponentialkurve«278. Den Fleck nennt diese Überlegung nicht, aber vielleicht sind Kurve und Fleck als Ergänzungen zu einander zu sehen, denn der Verweis auf eine »Exponentialkurve« suggeriert, dass mit ihr ein Anstieg von Kontingenz und Komplexität einhergeht, der mit der Metapher des Flecks beschrieben werden kann. Dieses Kapitel widmet sich nach einer einleitenden Abschweifung zum Konstruktionsprinzip und dem mythischen Kern von Beginnlosigkeit der Verarbeitung von Grenzen, Grenzannäherungen und Grenzverteidigungen zwischen Innen- und Außenwelten. Die Befundaufnahme unterscheidet sich von den anderen Detailanalysen dahingehend, dass die Spiegelung sozialer Umweltbedingungen in den Reflexionen weniger ausgeprägt ist als beispielsweise in Die Unbeholfenen und Der Untenstehende auf Zehenspitzen, die in Teil II untersucht werden, aber sich dennoch zu einer globalisierten Umwelt positioniert. Trotz – oder gerade wegen – der experimentellen äu- ßeren und provokanten inneren Ausrichtung des Textes kann Beginnlosigkeit als Teil der Strauß’schen Globalisierungskonzeption gewertet werden, auch wenn die Bezüge zuweilen subtiler ausfallen und die Sprünge im Quelltext eine Analyse erschweren. Ein vorläufiges Fazit im Schatten der zuvor behandelten Gesellschaftsveränderungen lautet nun, dass die Abkehr vom linearen und handlungsbasierten Erzählen seit 1992 immer stärker in den Vordergrund tritt. Dies mag einerseits mit dem Übergang hin zum »kritisch-soziale[n] Zeitalter« (ASW 44) nach dem Mauerfall, andererseits aber auch mit Strauß’ eingenommener Distanz zum sich nähernden Jahrtausendwechsel zusammenhängen. Ähnlich bemerkt es auch Robert Rduch in den Texten der 1980er und 1990er Jahre, hierunter Rumor, Kongreß – Die Kette der Demütigungen oder Die Fehler des Kopisten. Rduch zufolge »scheut [Strauß, S.P.] es nicht, die zu Ende gehende Zeit kritisch zu betrachten, doch Zukunftsvisionen lehnt er als ›Schwächezustand des überinformierten Verstands‹ ab und stellt damit die Futurologie der ›Beginnlosigkeit‹- Prosa in Frage«279. Abstrahiert man vom »überinformierten Verstan[d]«, dann wird ersichtlich, dass in Strauß’ Beginnlosigkeit eine über einen langen Zeitraum etablierte Wahrnehmungsweise auf eine kurzfristig eintretende radikale Richtungsänderung trifft und mit dieser verschmilzt. Die komple- 278 Niklas Luhmann: Systemtheorie der Gesellschaft. S. 300. 279 Robert Rduch: »Fleck und Linie als metaphorische Instrumente einer Bilanz des 20. Jahrhunderts in Botho Strauß' Beginnlosigkeit«. S. 210f. 167 xen Langzeitentwicklungen werden durch die chaotischen Ereignisse gleichermaßen ergänzt und beeinflussen den Text stärker als es zuvor der Fall war. Beginnlosigkeit will somit auch ein literarisches Formenexperiment sein und aufzeigen, dass es Texte gibt, die beliebig angeordnet werden können und dadurch ihre Aussage(n) variieren. Jürgen Daiber geht sogar so weit, dass er im Aufbau des Textes einen ›sprachlichen Kosmos‹ sieht, der die Steady-State-Theorie zu spiegeln versucht.280 Sich von der das Papier begrenzten (linearen) Rezeption zu lösen, erscheint fremd und ungewohnt. Das in Beginnlosigkeit gespielte Spiel mit der Form versucht trotz der physischen Begrenzungen der Buchform, eine Auflösung etablierter Rezeptionsweisen vorzunehmen, denn es besteht die Möglichkeit – auch der Umschlag der Taschenbuchausgabe281 unterbreitet diesen Vorschlag –, die Fragmente in frei gewählter Reihenfolge zu lesen und diese so in immer wieder anderen Abfolgen zu verbinden. Um das Prinzip der Beginnlosigkeit auch in der Textgestaltung und -rezeption stärker auszuführen, hätte die Publikation des Textes in Anlehnung an Experimente wie Poesieautomaten und Hypertexte (und wie es im Jahr 1992 technisch durchaus möglich war) digital in Form von fragmentiertem Hypertext mit randomisierter oder fakultativer Rezeptionsfolge beziehungsweise analog in Form eines Zettelkastens geschehen können.282 Unabhängig vom tatsächlich gewählten 280 Vgl. Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. Zur Rezeption naturwissenschaftlicher Theorien im Werk von Botho Strauß. S. 69-71. 281 Vgl. Botho Strauß: Beginnlosigkeit: Reflexionen über Fleck und Linie. Im Klappentext der Taschenbuchausgabe heißt es: »Welcher von den fast 250 Textblöcken am Anfang stehen soll, ist – fast – willkürlich. Die Überschrift jedenfalls, ›Der sterbende Anfang‹, findet sich auf Seite 35. ›Beginnlosigkeit‹ ist keine Fabel, keine Erzählung, dennoch wird der Leser vom Anfang bis zum Ende von Motiven und Teilstrukturen begleitet«. Interessanterweise findet sich eine ähnliche Form des Re-Arrangierens und der Re-Konstruktion auch in den verschiedenen Druckfassungen des Essays »Anschwellender Bocksgesang«, vgl. Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. S. 10-12. 282 Verwiesen sei auf Arno Schmidts Zettelkasten oder Vilém Flussers Vorhaben, Texte als Alternative zur Buchform auf Diskette herauszugeben (Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?, 1987 auf zwei Disketten publiziert). In den Benutzerhinweisen heißt es euphorisch: »Immatrix Publications beglückwünscht Sie zur elektronischen Ausgabe von Vilém Flussers ›Die Schrift‹. Sie haben sich zur Teilnahme an einem Experiment entschieden, das neue Dimensionen des Kommunizierens erschließen will. Vor Ihnen liegt das erste wirkliche Nichtmehrbuch«. Gilles Deleuze’ und Félix Guattaris A Thousand Plateaus bietet dem Leser ein ähnlich konzeptualisiertes Leseerlebnisse an. Das radikale Gegenteil einer solchen fragmentari- 168 Lesemodus spiegelt die Einteilung in Textfragmente die von Strauß angestrebte Auflösung der Linearzeit hin zu einer Gleichzeitigkeit, bei der jedes Fragment gleichberechtigt gewählt werden kann.283 In Oniritti Höhlenbilder (2016) kommentiert Strauß derartige hypervernetzte Erzählverfahren als »kugelrundes Buch« und sieht in ihnen Lesewege offeriert, die der linearen Rezeption weit überlegen scheinen: »Auf jeder Seite muß ein Buch beginnen können, in jeder geschilderten Begebenheit die ganze Geschichte enthalten. Es liefe darauf hinaus, ein kugelrundes Buch zu schreiben, dessen Anfang niemals auf Seite 1, sondern eher auf Seite 37 oder auf Seite 243 zu finden wäre. Ein solch vielköpfiger und versteckter Beginn streckte wie eine Nervenzelle seine Fasern, Dendriten oder Axone nach etlichen anderen Seiten aus und bildete mit anderen Neuronen schließlich ein reizbares Nervengeflecht. Dies erlaubt dann eine Lektüre in verschiedenen Richtungen, mit Ausnahme der von vorne nach hinten, der auf der Welt unergiebigsten Richtung.« (OH 134) Der Leser begegnet, wie Dirk M. Becker anführt, keinem »geschlossenen gedanklichen System«, sondern trifft auf »fraktale, stark diffundierende Strukturen«284. Becker greift Strauß’ Erzählweise eines »flicking around« auf und meint damit den nervös zuckenden Blick, der zuvor als narrative Drift aufgefasst wurde: »Er selbst nennt es eine Art flicking around des Geistes, indem er ständig das eigene Programm ändert, während er seine Gedanken in jeder Richtung versucht zu erproben, ohne dass er das Kriterium der Analytizität oder ein apriorisches Wissen voraussetzt. In ihnen sieht er nicht mehr als eine epissierten Publikation bildet Caroline Günthers Roman EinSatz, der als erzählerische Endlosschleife in Form nur eines Satzes besteht und Einstiege überall im Text zulässt wie provoziert. 283 Vgl. auch Herbert Grieshop: Rhetorik des Augenblicks: Studien zu Thomas Bernhard, Heiner Müller, Peter Handke und Botho Strauß. Behilflich sind in diesem Fall die Themenfelder des Textes: »Solche Verweisungszusammenhänge entstehen z.B. durch die sich wiederholenden und miteinander verknüpften Metaphern und Begriffe aus den Feldern von Undeutlichkeit (Fleck, Sprengung, Streuung, Chaos), Deutlichkeit (Linie, Schrift, Ordnung), Wahrnehmung (Ohr, Auge, Augenblick), Computertechnik (Code, Chip, Rückkoppelungschleife), Transzendenz (Gott, Gnade, Offenbarung), Wahnsinn und Erkenntnis (Verblödung, Schizophrenie, Gral), um nur die wichtigsten zu nennen« (S. 181). 284 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. S. 79. 169 temische Illusion, die er durch die Morphogenese der Kunst, welche er in der Beginnlosigkeit immer wieder literarisierte, überwinden will«285 Die Form bietet mit anderen Worten eine Anleitung zur inhaltlichen Erschließung. Und sie steht wie keine andere für zirkuläres Denken! Ob im formalen Aufbau des Textes bereits ein globalisiertes Schreiben auszumachen ist, kann und sollte kritisch diskutiert werden. Festzustellen ist ungeachtet des Ergebnisses dieser Diskussion eine Tendenz zur Auflösung, die allerdings eher als Metaphorisierung einer Vernetzung und weniger als reine Globalisierung des Textes gesehen werden sollte. Trotz aller formalen oder strukturellen Kühnheit von Experimenten wie Beginnlosigkeit ist die Tatsache nicht zu ignorieren, dass das narrative Verarbeiten einer naturwissenschaftlichen Annahme wie ›Beginnlosigkeit‹ als Ausdruck nichtbeginnender Zeit dennoch irgendwo beginnt, dass jede Episode durch Anfang und Ende von der anderen getrennt ist, dass es eine distinction zwischen dem chronologischen Erstelement der Erzählung und dem Letztelement der außertextuellen Umwelt gibt. Gunnar Decker formuliert analog über Die Fehler des Kopisten: »Anfang und Anfangslosigkeit sind gleichzeitig«286. In Relation zueinander entsteht ein endloses Band, das durch zwei Buchdeckel begrenzt ist und durch Intertextualität unendlich ist, so lange intertextuelle Bezüge, das heißt literarische Anschlusskommunikation, erzeugt werden. Das Korrelat von formaler und inhaltlicher Gestaltung ist in Beginnlosigkeit besonders deutlich. 3.2 Mythische Anfänge & naturwissenschaftliche Genesis Der Titel Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie erzeugt beinahe unvermeidlich als erste Assoziation einen diffusen Bezug zum diametralen Zeitbegriff der Endlosigkeit. Er lässt aufmerken, da Gedanken an einen Anfang selten präsent sind. Wann fing alles an, wenn es keinen eigentlichen Beginn gab? Die Suche nach dem Anfang konterkariert die vorherr- 285 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. S. 79. 286 Gunnar Decker: »Der Ursprungsbildner. Botho Strauß und die Macht der Anfänge«. S. 66. Nachfolgend heißt es: »Den Anfang hellt auch das Wissen nicht auf, es bleibt eine ›Anfangslücke‹. Den Anfang gibt es nicht: ›horror vacui‹ der historischen Geburt. Kunst erscheint so als ein Nachbilden des nicht abbildbaren Ursprungs – des Ur-Bildes« (S. 67). Überaus beachtenswert an Deckers Aufsatz ist jedoch, dass insbesondere Die Fehler des Kopisten untersucht wird. Beginnlosigkeit wird nicht erwähnt. 170 schenden Gedanken an das andere Ende des Zeitpfeils. Strauß weiß um dieses Paradox und formuliert als Lösungsvorschlag: »Sagen wir doch, um dem Zwiespalt zu entkommen: daß der Zeitpfeil aus unendlich vielen winzigen Kreisläufen bestehe, in deren Mitte die Leere: Raum für Emergenz« (B 40). Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit (2013) erläutert das Prinzip als »Chronoplexie«. Genauer noch als rückwirkende Erklärung der in Beginnlosigkeit geschilderten Vorgänge: »Die Wurzel ist eingespiegeltes Ge- äst. Selbstähnlichkeit, nicht Embryo der Gestalt. Ebenbildlichkeit, Spiegelscheinwürfe zwischen Anfang und Ende, früh und spät. Chronoplexie: verflochtene Zeiten halten mehr Erschütterung aus« (LDT 45). Mit anderen Worten steht bereits der Titel Beginnlosigkeit für eine ungewohnte und widersprüchliche Beobachterperspektive auf hyperkomplexe Strukturen. Johannes Bellmann ordnet den Text analog im Kontext zeitthematisierender Texte ein und sieht in ihm ausgeführt, dass eine »Zeitkrise […] zugleich Sprachkrise«287 ist. Die Zeitthematisierung schließt auch, wie neben Bellmann auch Christoph Parry und Helga Arend betonen, ein Wiederaufgreifen von Mythen ein, die es erlauben, zu den Ursprüngen des Wahrnehmens und Erzählens zurückkehren zu können.288 Das vorherige Kapitel über die Globalisierungskonzeption und Re- Orientierungsversuche in den essayistischen Texten zeigte bereits einige der nun erneut von Strauß in den Texten aktualisierten und verankerten Aktualisierungs- und Abgrenzungsbestrebungen wider den flüchtigen Zeitgeist auf. Die von Parry beschriebenen mythischen Grundmotive »in einer mythosfernen Zeit«289 stehen daher nur auf den ersten Blick in einem Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Sichtweise, die Strauß in Beginnlosigkeit einnimmt, denn im zeitlichen Umfeld des Textes findet eine »Rehabilitierung des Mythischen«290 statt, in die sich Beginnlosigkeit einerseits einreiht und andererseits von ihr unterscheidet.291 Zusammengeführt mit Parrys 287 Johannes Bellmann: »Poetologie und Zeit-Kritik in Botho Strauß’ ›Beginnlosigkeit‹«. S. 41. 288 Vgl. Johannes Bellmann: »Poetologie und Zeit-Kritik in Botho Strauß’ ›Beginnlosigkeit‹«. S. 41. Christoph Parry: »Der Aufstand gegen die Totalherrschaft der Gegenwart. Botho Strauß’ Verhältnis zu Mythos und Geschichte« und sehr ausführlich Helga Arend: Mythischer Realismus: Botho Strauß' Werk von 1963 bis 1994. 289 Christoph Parry: »Der Aufstand gegen die Totalherrschaft der Zeit«. S. 54. 290 Christoph Parry: »Geschichtsbild und Mythos – Botho Strauß und das mythische Substrat bundesdeutscher Identität«. S. 98. 291 Zu nennen sind in diesem Zusammenhang unter anderem Die Fremdenführerin (1986), Der Park (1983), Ithaka (1996) sowie Schändung (2005). 171 Diagnosen ist Bellmanns Verbindung mit dem Themenfeld der Mythen daher über die Negativdefinition erhellend. Kein Begriff will so recht passen und so verdeutlicht seine Aufzählung, was Beginnlosigkeit eben nicht ist. »Erzählungen vom absoluten Anfang, vom Ende der Zeit, Heils- und Unheilsgeschichte, von Stillstand und Ewigkeit, Beschleunigung und Dehnung, Verlust und Wiederholung der Zeit, dem Augenblick – irritierende unzeitgemäße Betrachtungen allemal. Die Zeiterzählungen des Mythos und der Literatur ermöglichen somit andere imaginative Zeiterfahrungen und konterkarieren zugleich die vorherrschende Auffassung von Zeit als Sukzession, sowohl als meßbare Zeit im quantitativen Sinne wie auch als Fortschritt im qualitativen Sinne.«292 Demnach bleibt festzustellen, dass literarische Annäherungen an naturwissenschaftliche und mythische Beschreibungen der Zeit sich an verschiedenen Stellen im Text finden und keineswegs im Widerspruch zueinander und zu folgender Aussage stehen: »Der Mythos webt sein Wissen über unseren Köpfen fort – jedem gehört eine Herkunft aus Dunkelheit. [...] Das selbstbestimmte Individuum ist die frechste Lüge der Vernunft. Alles Besondere ist Abspaltung, Ausfällung von Typen und Mustern« (B 109). Strauß’ Beschäftigung mit Mythen und dem Umgang mit ihnen durch andere lässt auch hervortreten, dass Mythen Beispiele für eine Ausdifferenzierung sind.293 Die Überlieferung verankert sie in einem kollektiven Gedächtnis und impliziert doch verschiedene Möglichkeiten der Annäherung. Strauß positioniert sich, wenn es um den Ursprung der Welt geht, gegen Genesis-Mythen und göttliche Schaffenskraft zugunsten einer naturwissenschaftlich geprägten Deutung. Die Berufung auf das Zeitphänomen Beginnlosigkeit ist nur ein Aspekt seiner Erklärungen. Die literarische Konstruktion Beginnlosigkeit bildet den Nährboden für eine grundsätzliche Kritik an der Gegenwart, indem Strauß ein neues, entrücktes Deutungsfundament herzustellen versucht. Die Welt, das heißt die Außen- oder Umwelt, verschließt sich laut Strauß gegenüber den Menschen. Sie umgibt diese, ist aber, wie in den nachfolgenden Betrachtungen gezeigt wird, nicht unmit- 292 Johannes Bellmann: »Poetologie und Zeit-Kritik«. S. 41f. 293 Hier zu verstehen als Beobachtung erster und zweiter Ordnung. 172 telbar zugänglich, sie ist eine »technische [Welt] in vollendeter Selbstbezüglichkeit« (B 43). Diese konstruktivistische Aussage legt indes nahe, sie mit Hilfe einer vergleichbar eingestellten Theorie eingehender zu untersuchen, um ihre Aussagen bezüglich der verschiedenen Formen der Globalisierungsprozesse erschließen zu können. Erneut bietet sich hierfür die Systemtheorie an. Vorerst sollen jedoch einige aus dieser Sicht resultierende Konsequenzen für den Menschen nachgezeichnet werden, bevor Detailbeobachtungen und -beschreibungen der Hauptthemen den Rahmen für weitere Analysen bilden. In der anfänglichen Weltbeobachtung, die Botho Strauß an dieser Stelle vornimmt, liegt zugleich eine Unterscheidung, ob das Entstehen der Welt als Produkt einer göttlichen Fügung angenommen wird oder auf naturwissenschaftlich belegbare Prozesse zurückgeführt wird. Strauß schreibt: »Gott schuf den Mythos des Anfangs« (B 38) und sät zugleich Zweifel an diesem Mythos: »Licht soll es ebenfalls am ersten Tag der Schöpfung nicht gegeben haben. Der Beobachter fehlte, das lichtende Auge« (B 8). Hier zeigt sich, dass der Beobachter jene Instanz ist, welche die Welt erst mit Umrissen und Bedeutung versieht. Eine durchaus vergleichbare Sicht thematisiert Niklas Luhmann, der systemtheoretisch zum Schöpfungsmythos anmerkt: »Man fängt mit einer Unterscheidung an, die aber, weil das Resultat der Unterscheidung als Einheit fungieren muss, nicht bezeichnet und benannt werden kann, nur da ist. In der Logik, in der Mathematik oder wie immer man sagen will, im Calculus von Spencer Brown wird dies in die Form einer Weisung, einer Injunktion gebracht: ›Draw a distinction.‹ Mach eine Unterscheidung, sonst geht gar nichts. Wenn du nicht bereit bist zu unterscheiden, passiert eben gar nichts. Das hat interessante theologische Aspekte, die ich hier nicht ausarbeiten will, aber ich will den Hinweis geben, dass in der avancierten Theologie etwa eines Nikolaus von Cues gesagt wird: Gott hat es nicht nötig zu unterscheiden. Offenbar ist die Schöpfung nichts anderes als die Weisung: Draw a distinction. Himmel und Erde, nachher Mensch und schließlich sogar Eva. Die Schöpfung ist also das Oktroi eines Unterscheidens, wenn Gott selbst jenseits aller Unterscheidungen ist.«294 Beginnlosigkeit anzunehmen, entspricht der Setzung einer vergleichbaren anfänglichen distinction, welche jedoch bei Strauß mit einem Zweifeln ein- 294 Niklas Luhmann: Einführung in die Systemtheorie. S. 73f. 173 hergeht. Er löst sich aus dem Strukturdilemma, indem er das Beobachten aktiv voraussetzt. Durch die getroffene Unterscheidung zwischen dem Jetzt und der Beginnlosigkeit, wird – so paradox es ist, dass ein immer schon von einem immer noch differenziert wird – sichtbar, was ist und was sein könnte: »Alle physikalischen Gesetze bedürfen des Beobachters, der sie formuliert. Ein Universum, das den Menschen nicht hervorgebracht hätte, könnte gar nicht existieren. Es wäre Chaos geblieben, universales Allerlei« (B 8). Strauß operiert mit drei sich widersprechenden Theorien (Urknall, göttlicher Schöpfung, Steady State) und entwickelt seine Darstellung über vielfältige Widersprüche, Reibungen und Gegenpositionierungen. Zweifel führt gemäß Strauß zu Verlorenheit und erzeugt ein Gefühl der Ausgrenzung. Diese Form der Exklusion aus gesellschaftlichen Zusammenhängen kann als religiöse, moralische oder ethische Übung beginnen, um in Gedankenschleifen (ähnlich der im Text anklingenden Autopoiesis) sich weiter und weiter aus der sicheren Verankerung zu lösen, um sich selbst in »Gedanken Zuflucht um Zuflucht zu verweigern« (B 74) und sich so »in den Abgrund der restlosen Zugehörigkeit alles Menschenerdenklichen zur Welt und zum Weltganzen« (B 74) zu begeben. Zweifel führt geradewegs in die Exklusion, weil die Begrenzungen das Menschenerdenkliche gering halten. Strauß betont zugleich, dass aus der Übung schnell mehr werden kann, da aus dem Gefühl eines Displacements letztlich Gewissheit wird. Die unerfüllte Sehnsucht nach einem Platz in der Gesellschaft kann zu einer Bewegung in Richtung religiöser Fragestellungen führen, welche Verortungsübungen sein können. Strauß formuliert zum Verhältnis vom »theologische[n] Zweifel« und dem Gefühl der Verlorenheit konkreter: »Der theologische Zweifel kann als Exerzitium dienen, um bis an den Nullpunkt jeder Gewißheit vorzustoßen, dem Gedanken Zuflucht um Zuflucht zu verweigern, ihn ohne Schutz in die kälteste Zone der Erkenntnis zu verwerfen, in den Abgrund der restlosen Zugehörigkeit alles Menschenerdenklichen zur Welt und zum Weltganzen: all das Heilige bloß Ordnungsbedarf, Mangelausgleich, autokatalytische Wärme, Bindungsangebot! Dieser Schock der ausweglosen Immanenz erzeugt schließlich Weltfremdheit: absolute Verlorenheit. Wer sie erfährt, steht zunächst lediglich vor dem Gesetz, von dem er sich losmachte; dann aber, eines Nachts, steht er auch nicht mehr im Blick eines anderen Menschen, sondern steht davor eisig allein. Das Davor-Sein verfolgt ihn nicht, es straft ihn nicht, es ist nur da und setzt ihn aus. Wie einen Raumfahrer, den man auf einem fremden Planeten zurückließ. Obwohl doch unter Menschen, obwohl doch scheinbar überall verständigt, hat freilich die Abtrünnigkeit in ihm keinen Halt 174 gemacht und ist er, ohne seinen Willen, weiter gefallen, aus der Welt hinaus.« (B 74) Diese Verkettung aus Zweifel und Glauben, die eine Folge des Erkennens der »absoluten Beginnlosigkeit« (B 6) ist, entreißt dem Zweifelnden den sicheren Halt und stößt ihn aus der Welt heraus. Es ist in gewisser Hinsicht eine Nacherzählung des Kampfes der Imbezillen um einen Platz auf dem Globus. Strauß schildert die totale Exklusion aus allen vormals bekannten und absichernden Verhältnissen, ohne eine Option für ein Re-Entry anzubieten. Darüber hinaus ist es innerhalb einer christlichen Tradition nicht leicht, überhaupt an die Beginnlosigkeit der Welt zu glauben trotz der ge- äußerten Glaubensrevision, dass die Schöpfung eben nicht mit einem fiat lux begann. Diese und andere Initialbeobachtungen führen zum Zweifel am religiösen Fundament, das wissenschaftlich widerlegt wird. Die Unterscheidung zwischen Licht und Dunkel ist »in Wahrheit die Fokuseinstellung des Gehirns. [...] Isolieren, Auswählen, Scharfstellen, Stabilisieren« (B 9). Die äußere Welt bekommt durch die dialektische Feinjustierung ihre neurologischen Umrisse. Die Abkehr von der Religion hin zur Wissenschaft bietet laut Strauß eine neue Interpretationsgrundlage hinter dem individuellen Handeln und kann, sofern das wissenschaftliche mit dem gleichen Ernst wie das religiöse Glauben betrieben wird, den Leerraum der verlassenen Religion ausfüllen: »Credo ut intelligam – nicht nur besteht zwischen Glaube und Wissenschaft kein letzter Widerspruch, denn Glaube und Erkennen sind im selben Menschengeist und nur in diesem angelegt; auch kann Wissenschaft niemals Geheimnisse an sich verplaudern oder gar lösen. Sie ist ihrem ganzen Bau und Streben nach in unseren zentralen, einzigen Auftrag gegeben: Zeuge des Alls zu sein, das unbeobachtet nicht existieren könnte.« (B 110) Doch bedeutet ein schlichtes Ersetzen nicht, dass sichere Positionen zurückerlangt werden, Nahblicke steigern die Komplexität. Vielmehr sind es erzwungene Standpunkte, von denen aus das Subjekt sich trotz augenscheinlich zurückgewonnener Deutungshoheit (vgl. UAZ 40) mehr und mehr in möglicherweise bereits obsolete Zukunftsvisionen verliert. Wechselbewegungen von einem Glaubensprinzip zum nächsten können ihre Ursache in der Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Außen- oder menschlicher Innenzustände haben. Die Übergänge der inneren Veränderung, 175 wenn der Mensch die Glaubensgrundlagen synthetisiert, schildert Strauß als eine Reise zum Rand des Bewusstseins: »Er war inzwischen mit seiner Sonde zu den gezackten und fetzenreichen Rändern des Bewußtseins vorgedrungen und stieß nur immer auf den einen Widerstand: alles in ihm wehrte sich gegen die von festen Dingen sprechenden Worte. In seiner Unvernunft hielt er es für das Werk des Durcheinanderwerfers, des Teufels Ritt durch alle Linien und Konturen. Beginnlosigkeit: die Tilgsaat, die das Versucher-Wort in all seine Begriffe gestreut hatte, ging auf. Katastrophe des verlorenen Gedankens an eine Unschuld, eine ursprüngliche Einheit, einen Platonschen Kugelmenschen, einen Uroboros-Grund.« (B 73) Es gibt, wie Strauß festhält, keine Einheit mehr, der Kugelmensch verliert seine Geschlossenheit und die Wiederkehr des ewig gleichen, symbolisiert durch das sich selbst vertilgende Fabelwesen, ist ebenso obsolet. Strauß begibt sich hier in einen problematischen Grenzbereich, indem (und in dem) er »das Verhältnis von fiktionaler Erzählliteratur und wissenschaftlicher Theorie« vermischt, um »auf die verwickelten Probleme aufmerksam zu machen, die ein Autor sich einhandelt, wenn er seine Poetik an szientischen Weltbildern ausrichtet«295, wie Josef Quack in Bezug auf Beginnlosigkeit feststellt und schlussfolgert, dass »Strauß [sich] bestimmter szientifischer Erkenntnisse [bedient], um zu einem Standpunkt jenseits des Wissens zu gelangen«296. Quack führt seine Kritik dahingehend aus, dass Strauß »als wißbegieriger Laie«297 übereifrig und betriebsblind an seine Untersuchung herangeht, auch wenn »die von ihm erwähnten sensationell klingenden Wissenschaftserkenntnisse doch nicht so prinzipiell neu und umstürzend sein könnten, wie es auf den ersten Blick erscheint.«298 Daher liegt die Frage nahe, was auf den Kugelmenschen zutrifft oder einwirkt, wenn die Neuronen die Wahrnehmung von Zeit dominieren? Was möchte Strauß mit seiner Untersuchung zur Zeitlichkeit und zur radikal wirkenden Beginnlosigkeit grundlegend bezwecken? Eine mögliche Antwort hat bereits Ralf Kühn gegeben, der Strauß’ Auseinandersetzung mit Fleck und Linie aus der Zeit-Perspektive mit den folgenden Worten beschreibt: 295 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens. Über Botho Strauß und Ingomar von Kieseritzky«. S. 125. 296 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens«. S. 125. 297 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens«. S. 126. 298 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens«. S. 126. 176 »Die Positionierung des Straußschen Konzepts als zeitlicher Gegenentwurf zur Moderne läßt sich vielfach belegen: So ist für ihn modernes Verständnis der Zeit als linear, wenn nicht netzwerkartig oder punktförmig defizitär, reicht aber auch Zyklizität als Widerpart nicht aus. Strauß definiert daher die Gestalt der Zeit mit Hilfe des Begriffs der Spiralität, die die Gestalt der Zeit ›unfaßlich‹ mache, aber nötig sei, weil der Mensch als linear denkendes Wesen in einer prinzipiell zyklischen Welt lebe, also den linearen Fluchtpunkt der Fortschrittsidee brauche, darin aber unerträglicherweise die Bestätigung der eigenen Vergänglichkeit finde, zugleich die Zyklizität als sicheren Hafen der Wiederholungen in der Zeit brauche, darin aber die eigene Marginalisierung in der Zeit erfahre. Einzige Möglichkeit der Synthese ist für Strauß die Kunst, der so eine Wächterfunktion gegen das Bemühen, Linearität oder Zyklizität einseitig überzubetonen oder zu marginalisieren, aber auch gegen jede Interdependenzen nicht beachtende Antithetik zugeschrieben wird. Strauß distanziert sich analog von vertakteter Zeit und fordert eine an der Natur orientierte Wiederentdeckung von Rhythmen unter Akzeptanz von Alter und Tod die romantische Fragmentarität der Texte.«299 Kühn nimmt Linearität und Zyklizität jedoch nicht als explizite Differenz wahr, sondern betrachtet sie als einander bedingend. Dies verdeutlicht dann auch, dass die Welt ein Beziehungsgeflecht beziehungsweise Beziehungskomplex ist. Der metaphorische Begriff des Flecks kann als Ergänzung zu Kühn auch als eine Exemplifizierung der postmodernen Hyperkomplexität gedeutet werden. Anschlüsse an Anschlüsse, Ergänzungen von Ergänzungen und Interpretation von Interpretationen verbinden sich zu dem besagten Fleck und tragen zum Erreichen der genannten Zyklizität bei. Dies setzt den Zugang zu den Kernthemen, um die Beginnlosigkeit kreist und die nachfolgend aus dieser Sicht analysiert werden. In Beginnlosigkeit widmet Strauß sich so unterschiedlichen Themen wie dem ex negativo definierten Verhältnis von Zeit und Raum, dem Zusammenspiel zirkulärer Erinnerungs-, Reflexions- und Reproduktionsprozesse, aber auch der Entgrenzung, Vernetzung und Fragmentierung einzelner Individuen und grö- ßerer Gesellschaften, die schließlich zu Displacement300 und Desintegration 299 Ralf Kühn: TempusRätsel zum TempusWechsel – Moderne Zeitdiskurse und Gegenwartsliteratur zwischen Berechnung und Verrätselung der Zeit. S. 1073. 300 Der Begriff des Displacement wird als Sammelbegriff einiger seiner möglichen Übersetzungen: Dislokation, Distanz( gefühl), Loslösung, Verdrängung, Verlagerung, Verrückung, Vertreibung verstanden, in geringerem Ausmaß auch als 177 führen. Strauß beleuchtet das Displacement mit Beschreibungen einer mentalen Ortlosigkeit ohne äußere Fixpunkte wie Religion oder Wissenschaft. Beginnlosigkeit ist somit mehr als nur ein Text. Durch die bewusst ermöglichte Rekombinierbarkeit der einzelnen Fragmente ergeben sich vielfältige Leseformen. Nach dieser exkursiven Annäherung verdeutlichen die folgenden Abschnitte nun diese Möglichkeiten. 3.3 Sich von innen der Grenze zur Umwelt nähern. Oder: Die Wahrnehmung der Außenwelt »Das Hirn verarbeitet Außenwelt, indem es sie erschafft. Die Poesie reagiert mit einem ähnlich autonomen Verlangen nach sich selbst. Niemals schuldet sie irgend etwas einem unmittelbaren Eindruck. Was man wie einen Hieb von draußen, aus der Anschauung empfängt, war schon als Zufallssprung aus einem ständigen Metaphernbilden vorgegeben.« (B 59) »Da wir alles und jedes unablässig in unseren Modus übertragen müssen und sonst gar keine Welt begriffen, da wir überhaupt nur als pausenlose Weltbild-Erzeuger überlebensfähig sind, ist es kaum verwunderlich, daß Erschaffen und Herstellen, Poesie und Poiesis, als Fortsetzung und Maß des kognitiven Betriebs, zur Menschennatur gehört wie der Flug zum Vogel. Daher auch behauptete einst der Poet seinen Vorrang als der leistungsstärkste unter uns Transformatoren, die wir vom ersten Pulsschlag an eine Maschine der Erfindung sind und vom ersten Gedanken an etwas Unfaßliches zu verkraften haben.« (B 10) Bereits diese beiden exemplarisch ausgewählten Textstellen verdeutlichen, dass gemäß Strauß die Außenwelt des Individuums, das impliziert auch die psychologische Verschiebung von Empfindungen oder Reflexionen aus einem Nahfeld des Individuums in ein anderes Nahfeld. All diese Begriffe vereint, dass Displacement für eine Exklusion aus den gewohnten (als normal angesehenen) Relationen und Bedingungen der Gesellschaft steht. In der Globalisierungsforschung bezieht sich Displacement häufig auf die Konsequenzen der Globalisierung, wie beispielsweise die Vertreibung aus Heimatgebieten durch Wegfall von Arbeitsmöglichkeiten oder durch Umweltzerstörung. Die Globalisierungsforschung hat den Begriff aus der Soziologie übernommen, wo er unter anderem von Eugene Kulischer im Zusammenhang mit kriegsvertriebenen- und verschleppten Personen (»displaced people«) erstmals Verwendung fand (Eugene Kulischer: The Displacement of Population in Europe). 178 Gesellschaft, ihre Umrisse vor allem durch Beobachtung bekommt. Die Außenwelt existiert nicht einfach nur, sie entsteht durch gezielte Beobachtungen und bewusste Bezeichnungen des Beobachteten, sie wird mit anderen Worten erst durch Beobachten verständlich, weil so Sinn gestiftet wird, der die Komplexität nicht gänzlich zu reduzieren vermag, sie aber auf ein erträgliches Maß reduziert. Aus diesem Grund verlangt das Beobachten eine Rahmung (den »Modus«) und ist nur durch solche Kodierungen erfahrbar und im Hinblick auf die Komplexitätsreduktion anwendbar, weil die Welt eine für den Einzelnen unfassbare Größe beziehungsweise Weite besitzt. Der Versuch, eine Vorstellung davon zu bekommen, wo die Au- ßenwelt beginnt oder endet, ist, wie Strauß hier zeigt, nahezu unmöglich und scheitert an der Begrenztheit der eigenen Vorstellungskraft. Strauß reduziert diesen Sachverhalt auf die kurze (und sich durchaus gegen Wittgenstein positionierende) Formel: »Kognition ist alles, die Welt nur ein Etwas« (B 10) und ferner ein »Ereignis eines kolossalen Überschwangs in unermeßlich[e] Enge« (B 10). Strauß nähert sich der Kognition auch in der Phantasie-Episode am Beginn des Prosatextes Kongreß – Die Kette der Demütigungen, der 1989 wenige Jahre vor Beginnlosigkeit erscheint. Dort verwendet Strauß den Begriff des »große[n] Vorstellungsraum[es]«, der sich »schließlich zum schwarzen Loch« in der »Kognition« des Protagonisten Friedrich Aminghaus, dessen Berufe professioneller Leser und Vortragshalter sind, verdichten wird (KKD 9). Der Text beginnt grenzenauflösend und wirkt auf diese Weise wie ein Nachhall des Romans Der junge Mann, vor allem, weil eine dort verhandelte Subkultur ähnlich archaisch ist.301 Die Kognitionsverdichtung setzt die etablierten Wahrnehmungsmodi außer Kraft, »so daß Ihnen nichts, gar nichts mehr lesbar sein wird und Sie endlich wieder lernen, auf Stimmen zu hören und in Bildern zu leben, ohne Trennung von nah und fern, von außen und innen, alles glaubend und allem gehorsam. Dann werden Sie Ihre Hände auf die Druckseiten legen wie auf feinstes Sägemehl und sie nicht-lesen, denn Ihr Sinn wird durch diesen Streu hindurchgehen verständnislos wie durch jede andere Materie…« (KKD 9) Strauß deutet an dieser Stelle eine der Figur aufoktroyierte Rückentwicklung aus der Schriftkultur hin zu einer oralen Bildkultur an, in der sich diese aufzulösen droht, wie die im verzweifelten Ton gehaltene Gegenrede erkennen lässt: 301 Das vorletzte Kapitel zu den Konsequenzen der Globalisierung geht in 6.13 detaillierter auf diesen Sachverhalt ein. 179 »›Ich erinnere mich an nichts und bestehe genau wie Sie selbst von innen nach außen nur aus Blättern und Geblättertwerden!‹ ›Aber ich! – Ich bin der Staubpuff des zugeschlagenen Buchs!‹ stöhnte sie den Bund entlang. ›Was sollte ich denn wohl mit einem zugeschlagenen Buch anfangen? Hinausgehen in die Welt und mich wieder unmöglich machen? [...] Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um mich von ihr blamieren zu lassen.‹« (KKD 9f.) Die wirkliche Welt wird demnach als ein feindlicher Ort wahrgenommen, dessen fiktive Gegenwelt aus der Literatur besteht. Es schimmert bereits jetzt durch, was Strauß 2009 in Vom Aufenthalt als ein Alleinsein mit der Literatur beschreiben würde und was im vorangegangenen Kapitel als aktiver Anschluss an frühere literarische Kommunikation herausgearbeitet wurde (vgl. VA 14f.). Literatur etabliert, so der Tenor im Werk, ein das Zeit- und Raumbewusstsein erweiterndes »Megagedächtnis« (KKD 17): »Literatur mag zu mancherlei nützlich sein. Gewiß dient sie auch dazu, daß sich der Mensch während seiner eigenen geringen Lebensspanne einen zweiten, größeren Zeitraum erschaffe, insofern er, was in Wirklichkeit vielleicht hundert oder mehrere hundert Jahre entfernt voneinander entstand, auf seiner Tischplatte genauso wie in seinem Geist enge zusammenrückt und in eine auffordernde, beunruhigende Nachbarschaft versetzt.« (KKD 17) Literatur und das Megagedächtnis provozieren in Aminghaus einen Wahrnehmungsmodus, der sich aus dem Anschluss an Literatur entwickelt und der sein gesamtes Weltverständnis prägt. In einer Einladung zu einem Kongress wird er gebeten, »zum Thema ›Entzauberte Welt und neue Zauberwelten‹« (KKD 22) zu sprechen. Aminghaus ist Vertreter eines gelehrten und veralteten Typus, der aus der von Strauß angelegten Sicht heraus zukünftig am stärksten unter den Veränderungen der Welt leiden wird, so wie es die eingangs angeführte Stelle ausformuliert. Seine Kognition basiert auf Signalen, die er dem alten, humanistischen Wissen entnimmt, das er in seine Gegenwart zu überführen versucht. In Beginnlosigkeit spielt diese altgelehrte Form des Weltanschlusses nur noch eine untergeordnete Rolle, jedoch lassen sich über das Kognitionsmotiv beide Texte verbinden, obwohl sich Strauß verschiedener Weltanschlüsse in der zuvor herausgearbeiteten Spannweite von Literatur bis zur Gentechnik bedient. Andrea Maria De- 180 derichs formuliert analog zur thematischen Offenheit, dass Strauß dezidiert auf ergänzende naturwissenschaftliche Theorien zurückgreift, um »[d]ie entsetzliche Kognitionsmaschine«302, die sich im Kopf austobt und »immerfort die Gedankenströme heraustreibt«303, sprachlich bändigen zu können: »Ein kognitives perpetuum mobile. Nun ist diese Maschine entlarvt und der Trieb zur Dichtung – zur Poesie und Poiesis – jetzt ein Neuronenverschaltungsprodukt, zum Menschen naturalisiert«304. Das heißt: Die Naturwissenschaft erkundet Phänomene und die Sprache macht diese Erkundungen verständlich. In Strauß’ Text dient das Naturphänomen als Startfunke für die sprachliche Verarbeitung von Naturwissenschaft – eine gewisse Unschärfe und Ungenauigkeit mag dem Transfer aus der Naturwissenschaft in die Kunst geschuldet sein, aber auch der Tatsache, dass einfache Metaphern »der ungeheuren Komplexität, deren Aufbau die Physik und Biochemie in zunehmendem Maße enthüllen«305, nicht mehr gerecht werden können. Dahinter verbirgt sich erneut eine auf Binäroppositionen gestützte Reflexion über das Dasein und mithin auch die Zukunft des Menschen, der auf die Erkenntnis der Beginnlosigkeit reagiert. Die Veränderungen führen zu dem Versuch, die eigene Selbststeuerung »unablässig« zu steigern. Dahinter verbirgt sich auch die Reaktion auf die einströmenden Impulse der Außenwelt, die eine Steigerung der Komplexität bedingt, wie Strauß in einem anderen Fragment formuliert. »[D]ie körpereigenen Stimulanzien machen aus uns einen anders erinnernden, anders gestimmten, anders sich fassenden Menschen«, dessen Reaktionen auf die Welt (»Angst und Glück, Ruhe und Zorn, schließlich auch das Empfinden für Gut und Böse« (B 90)) Teil einer Selbststeuerung oder gar Selbstoptimierung sind (›im Innersten nach eigenem Bedarf zusammengesetzt‹ (vgl. B90)). Die Reaktion auf die Technisierung und Veränderungen der Gesellschaft führt Strauß auf eine ›Vorprägung‹ zurück und registriert eine entsprechende Anpassung der Umwelt an die innere Konstitution: »Die Idee der völligen Auflösung des Ichs war schon so lange vorgeprägt, daß es kaum wundernimmt, wenn sie endlich industrielle Realität auf sich 302 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität: Eine soziologische Lektüre des Prosawerkes von Botho Strauß«. S. 305. 303 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 305. 304 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 305f. 305 Vgl. auch Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. Zur Rezeption naturwissenschaftlicher Theorien im Werk von Botho Strauß. S. 41. 181 zieht. Tatsächlich sind ja die Ideen die Rezeptoren, um im zellbiologischen Vokabular zu bleiben, welche die Moleküle des Realen an sich binden, um dann ein entsprechendes Produkt, die vielfach stimulierte Persönlichkeit, herzustellen.« (B 90) Damit ist keine Komplexitätsveränderung der Umwelt verbunden, denn Angebote seitens der Umwelt an das Individuum sind als gewöhnliche Austauschprozesse zwischen System und Umwelt zu verstehen. Aus diesem Grund führt Strauß’ Deutung dieses Geschehens und des geschilderten Mechanismus über eine Wechselbewegung zur Bildung einer Einheit der beiden Unterscheidungselemente. Außen treibt die Technik die Ausdifferenzierung voran, innen die organische und neuronale Autopoiesis des Individuums. Das Ergebnis ist laut Strauß ein allumspannendes Netz, in das das Individuum als Teil des Ganzen eingeht: »Das Leben vollzöge sich als geschlossene Veranstaltung einer unablässigen Neuropsie. Schließlich: welcher Zellverband wäre nicht stimulationswürdig, welches Organ nicht prothetisch verbesserbar? Man sehnt den doppelten Sprung herbei: den Sprung in die Technik und den der Technik aus sich selbst heraus. Es ist dem alten Verständnis nach längst nicht mehr Technik, sondern es ist Neuromania. Die Sucht, den Riesen-Komplex zu erstellen, den Neocortex zur letzten und ganzen Großveranstaltung der menschlichen Selbstnachahmung zu machen. Der Akrolog: die Rede vom überspannenden Zelt der Netze. Vom uns alle Übertreffenden. Vom Klippenvorsprung, von schwindelnder Höhe.« (B 91) Der Gedanke an ein alles »überspannendes Zelt der Netze« wird kurz nach dem Erscheinen von Beginnlosigkeit auch im Essay »Anschwellender Bocksgesang« aufgegriffen. Der Luhmann’sche Ansatz einer sich herausbildenden Weltgesellschaft oder Flussers Telepolis liegen nicht weit von Strauß’ Sicht auf diesen wachsenden Netzkörper entfernt. In ihr kommen Verbindungen vor, die zu früheren Zeiten undenkbar waren und in denen sich die Gesellschaft stetig ausdifferenziert, während sich das umgebende Netz beziehungsweise System zu einem weltumspannenden Gewebe ausdehnt. Eine solche Wechselbewegung beeinflusst neben der Außen- auch die Innenwelt. Strauß zeigt an dieser Stelle, dass dem Individuum die Unterscheidungsfähigkeit abgeht und ihm somit auch die Möglichkeit fehlt, die Welten zu beobachten und die Beobachtungen zu benennen. Als Reaktion folgt ein Sprachverlust, der auch die Auflösung des Individuums potentiell 182 möglich erscheinen lässt.306 Strauß geht in seiner Darstellung noch einen Schritt weiter und hinterfragt die Grundpfeiler jener Existenz, die durch die Erkenntnis der Beginnlosigkeit ihre Grundlage verliert. Auch an dieser Stelle zeigt sich, dass die äußeren Veränderungen eine Art mentale Mobilität oder uneingeschränkte Anpassungsfähigkeit nötig werden lassen: »Überzeugungen, Gesinnungen, ideelle Bekenntnisse, Programme und Weltbilder, all die provisorischen Abgeschlossenheiten, die aus dem Ungleichgewicht des Geistes resultieren« werden auf eine Probe gestellt und Strauß setzt fort »Uns lösen sich große, alte, ärgste Unverträglichkeiten in einer weiten Schale mit feinsten, modernsten Differenziermitteln auf« (B 44). Weiterhin wird die Notwendigkeit einer gewissen Ausgeglichenheit in der Form der Außenwelt betont. Hierin liegt eine eindeutige Analogie zu den Formen- und Reproduktionsbedingungen von Systemen. Die Stabilität des Systems sichert zugleich dessen Fortbestand, obgleich dieser gefährdet ist, wenn Beobachtungs- und Reproduktionsmechanismen herangezogen werden, die nicht auf der Verwendung von systemkonstituierenden Leitdifferenzen beruhen. Ein Wegfall der Unterscheidungsfähigkeit würde den Beginn der individuellen und gesellschaftlichen Entropie bedeuten, sofern der Einzelne sich nicht in die angeführten (oder ähnlich gelagerte) Sonderrollen flüchten kann, die Konsequenzen wären umfassend. In diesen Überlegungen liegt auch eine knappe Zusammenfassung der Erzählungen Marlenes Schwester und Theorie der Drohung (1975) verborgen, in der vor allem Sinneseindrücke der Außenwelt nach diesem Muster gedeutet werden – nicht deutlich genug für eine intertextuelle Verknüpfung, aber durchaus als Form der Umweltinterpretation wahrnehmbar. Es gilt, dass die Individuen sich auflösen, weil sie die Codes der Umwelt nicht mehr deuten können und in diesen Fällen ebenso den Kontakt zu ihren Innenwelten verlie- 306 »Zuerst hatte er nichts mehr berühren wollen, dann nichts mehr benennen können. Er war vor den Dingen zu den Wörtern geflohen, dann von den Benennungen zu den Beziehungen, die die Wörter untereinander herstellen. Was ihm begreiflich war, hatten die Wörter unter sich zusammengefügt und ihm zu verstehen gegeben. Menschen, Handlungen und Gegenstände verloren ihre festen Umrisse, er sah nur noch Flecken und Hupfer, und statt einer Gestalt oder eines Charakters, in zeitliche oder biografische Kontinuität gefaßt, bemerkte er ein Bewegungsmuster von ziellosen, sprunghaften Veränderungen sowohl seiner Umgebung wie seiner inneren Konzepte. Jede Fähigkeit, eine stetige Abfolge zu begreifen, war ihm zerstört. Aber war es eine Zerstörung? War es nicht vielmehr das Vordrängen eines anderen, unterdrückten Sinnesvermögens, das keine Erklärungen, Zusammenfassungen, Schlüsse erlaubte und das ihn zu einer Station für ein unausgesetztes Gewärtigen umrüstete?« (B 131f.). 183 ren und dabei die Auflösungsprozesse sprachlich begleiten. Strauß stellt, dies indirekt aufgreifend, in Beginnlosigkeit fest, dass zwischen Poesie, Poesis und Poiesis ein enger Zusammenhang besteht. Körper- und Gedankenauflösungen sind insofern auch als Leitmotive der Globalisierungskonzeption zu betrachten. Der erlebte Selbstverlust der Individuen geht auf sich verschiebende Wahrnehmungsprozesse zurück, welches Strauß durch Verweise auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse veranschaulicht. Diese Argumentations- und Beschreibungsform der Überführung in Verbindung mit Strauß’ fragmentarischen Texten ist laut Daiber der Versuch, »zwischen der strengen Rationalität, welche die Naturwissenschaften aufgrund ihrer Methodik erfordern, und der nicht systematisierbaren Empfindungswelt der menschlichen Natur zu vermitteln«307. Es geht um ein »Erkenntnisverfahren«, das »die vollkommene Trennung von Rationalität und Empfindung«308 aufheben kann. Ein möglicher »Widerspruch« zwischen verschiedenen Aussagen und Perspektiven, die Strauß in Beginnlosigkeit tätigt oder einnimmt, ist laut Daiber »kalkuliert und Ausdruck einer [...] Denkbewegung, die sich jeder endgültigen Festlegung auf ein System hin verweigert. Ein solches Denken ist typisch für Strauß und muß bei der herausgelösten Betrachtung einzelner Fragmente immer berücksichtigt werden. Der Autor schult sein Denken in unterschiedlichen Perspektiven«309. Daibers Analyseergebnis, dass Strauß »eine Verbindung zwischen Wissen und Dichtung herzustellen versucht« und Theorien als »Rohmaterial«310 nutzt, ist zuzustimmen und lässt überdies einen weiteren Schluss zu. Das Erproben, Verschränken und Verzahnen einzelner Thesen und Gedankenfragmente schließt sich einer dem Text eigenen Logik an. Franziska Regner interpretiert diese Form der Verschränkung ihrerseits als »Resonanzraum«: »Das Verfahren der Verknüpfung verschiedener Diskurse ist für den Text Beginnlosigkeit konstitutiv. Indem der Text wiederholt Zusammenhänge zwischen Literatur und einzelnen zeitgenössischen Wissensbereichen herstellt, diese Zusammenhänge jedoch nicht wissenschaftlich herleitet oder weiter- 307 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 42. 308 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 42. 309 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 45. 310 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 191. 184 führt, bildet er in seiner Literarizität einen Resonanzraum für eine Vielzahl verschiedener und häufig fragmentarisch angeführter Diskurse.«311 Die von Strauß immer wieder neu belebte Poetologie des Widerspruchs und Anschlusses entpuppt sich aus einiger Distanz als ein bewegliches fragiles Netz des Austarierens, das bei noch größerer Entfernung zu einem Fleck wird, der nun plötzlich starr wirkt, obwohl in ihm Chaos herrscht. Gemäß Strauß muss (gerade im Sinne des zuvor benannten flexiblen Denkens und der stetigen Perspektivwechsel) interpretiert werden, es müssen permanent die äußeren Eindrücke sortiert und rekombiniert werden und Poiesis steht nicht nur etymologisch für die Fortsetzung und Reproduktion. Die kognitive Wahrnehmung der Außen- oder Umwelt durch das ›Dauerfeuer der Neuronenverbände‹ (B 5) erlaubt Interpretation(en) dieser durch beschreibende Metaphern und Weltbilder (auch in der immanenten Doppelbedeutung des Begriffs »Welt-Bild« (B 11)). Globalisierung lässt sich nun über die Variabilität des mikroskopischen Blicks mit dieser Darstellung verbinden, weil der Nahblick die stetige Neuausrichtung im Netz für die Beobachtung öffnet. Zudem gilt Folgendes: Die Deutung der Au- ßenwelt findet auf der Innenseite des Schädels statt. Die poetischsprachlich-ästhetischen Repräsentationen von Welt verlangen Nuancierungen, um auf die oben genannte Komplexität reagieren zu können, er differenziert daher im Falle der Poesie streng zwischen früherer hoher anspruchsvoller und ›ideeller‹ (B 83) Literatur und deren erhabener Sprache und der in seinen Augen oftmals trivialen und geschwätzigen Gegenwart. Strauß sieht im »Schriftsteller ausschließlich ein[en] diätetische[n] Belletrist[en]«, der »Welt- und Menschenbild[er]« mit reduzierter Komplexität ausformt (B 83). Josef Quack äußerte eine Beobachtung, welche die dialektische Sichtweise im schriftstellerischen Schaffen einzuordnen versucht. Auch wenn er sie mit anderen Passagen aus Beginnlosigkeit begründet, lässt sie sich auf die angerissenen Umsetzungsbedingungen anwenden. Er sieht in Beginnlosigkeit »zwei Textlinien«, die unterschiedliche Zwecke erfüllen. Er unterscheidet »poetologisch-weltanschaulich[e] Reflexionen eines Sprechers und die Beispielerzählungen, an denen der Sprecher seine Gedanken illustriert«312. Diesen Beispielerzählungen können – auch über die Analogie – durchaus die Verweise auf die Naturwissenschaften hinzugezählt werden. Die Funktion besteht darüber hinaus darin, dass der ästhetische Wert aus 311 Franziska Regner: »Horchendes Verlauten«. Globale Resonanzräume in den Prosatexten von Botho Strauß. S. 98. 312 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens«. S. 125. 185 zwei Gründen eingeschränkt ist. Einerseits beobachtet Quack, dass »[d]er räsonierende Sprecher [...] sich von der Gegenwartsliteratur energisch« abgrenzt und andererseits »die neuen Erkenntnisse« ignoriert. Die Verbindung aus Daibers und Quacks Analyse und Strauß’ Literatur erleichtert die Einordnung der Thesen aus Beginnlosigkeit in die übergeordneten Zusammenhänge einer naturwissenschaftlichen Annäherung an die Bedingungen der Gesellschaft beziehungsweise Welt und die entsprechenden Reflexionen. 3.4 Innenwelten: Komplexe Strukturen aus Zeit, Kommunikation & künstlerischer Weltwahrnehmung In der Differenz zwischen dem Beobachter der Außenwelt und der Au- ßenwelt selbst verbirgt sich auch ein Deutungsmodell oder eine Erklärung des Differenzmarkers. Der Solidus ›/‹ als Kennzeichen der Differenz trennt Innen und Außen, Psyche und Welt nach dem Muster Innenwelt/Außenwelt. Die – nicht zwingend nur literarische – sprachliche Bezeichnung der Welt ist wie die ihr zugrundeliegende Beobachtung flüchtig: »[E]r sehnte sich nach dem TEXT vor der Schrift, der Botschaft vor dem Code, dem Fleck vor der Linie, er sehnte sich nach einem Verstehen von nicht absehbarem Entgleiten, auf dessen Welle das Bewußtsein dahintreiben konnte ohne Ziel und Schlußfolgerung, ohne verfrühte Figürlichkeit, nach Sätzen mit diffusem Hof und Hall und solchen, die einander sogleich in Vergessenheit senkten.« (B 18) An anderer Stelle beschreibt Strauß den Unterschied zwischen Innenwelt und Außenwelt über die Unterschiedlichkeit ihrer Ereignisse (B 75), wodurch deutlich wird, dass es sich um entgegengesetzte Zustände oder Sphären handelt. Hierin deutet sich auch ein systemtheoretischer Verständnismodus an. Beobachtungen können – so ein Grundprinzip der Systemtheorie – nur einmal originär erfolgen und die initial beobachtete Differenz besteht nur durch Beobachtung der Ursprungsbeobachtung fort.313 313 »Klar ist, daß wir unterscheiden müssen zwischen einfacher Beobachtung und komplexer Beobachtung, oder, wie man auch sagen kannte, zwischen Beobachtung erster und Beobachtung zweiter Ordnung. Im zweiten Fall liegen die Dinge anders«, schreibt Peter Fuchs in seiner als Lesedrama gestalteten Einführung in die Systemtheorie Niklas Luhmanns (Fuchs: Niklas Luhmann – beobachtet. Eine Einführung in die Systemtheorie. S. 46) und lässt eine der Figuren erwidern: »Aber ich 186 Und sie hallt, wie es verwandt in Beginnlosigkeit heißt, nach: »Etwas scheint blitzschnell auf, es erlischt blitzschnell. Wobei die Erscheinung mit dem Geräusch des Erlöschens hervortritt und ihr Sturz in den Punkt mit dem Knistern eines Beginns« (B 36). In dieser spiralförmigen Beobachtungsschleife, deren Beginn nicht erkennbar ist, verankert sich die Kette, in der »nach Identität Differenz und auf diese wiederhergestellte Identität« (B 36) folgt. Strauß exemplifiziert hier die ausgehebelte Kausalität zugunsten des kybernetischen Formenprinzips.314 Die Spirale ist zudem, und dies mag als Widerspruch gelten, von »Homöostase und Selbstregulation« (B 36) geprägt, denn sie befindet sich trotz aller internen fortlaufenden Selbstreproduktionen und ihrer »zahllose[n] zufallsgesteuerte[n] Entscheidungsprozesse[n]« (B 37) in einem Zustand äußerer Ruhe: »Was wir den Anfang nennen, ist bereits das Resultat langwieriger vor- und zurückfragender Selektionen« (B 37). Oder auch: »Nichts beginnt, alles schwebt und weilt. Steady state« (B 7). Die Ruhe ist nicht als statischer Gleichgewichtszustand zu verstehen, sondern meint eine Form des kontinuierlichen Ausgleichens von Beobachtungen und Folgebeobachtungen dessen, was für Sekundenbruchteile aufblitzt. In Folge der kontinuierlichen Anpassung reduziert sich die Komplexität der Außenwelt, indem Bilder der Welt segmentiert und selektiert werden, wie Strauß schreibt: bitte Sie! Wenn man beobachten will, wie ein Beobachter beobachtet, taucht das Problem auf, daß man mehrere Unterscheidungen machen muß. Einmal muß man unterscheiden zwischen dem Beobachter und seinem ›Objekt‹, aber im gleichen Atemzug muß auch noch unterschieden werden, wie dieses ›Objekt‹ erzeugt wird, also welche Art von Unterscheidung vom beobachteten Beobachter zur Bezeichnung seines Objektes benutzt wird« (ebd. S. 46). Die Figur Siebenschwan kontert und ergänzt, wie Systemtheorie mit Beobachtungsketten umgeht: »Die Beobachtung zweiter Ordnung muß gleichsam mit einigen Unterscheidungen jonglieren. Und dazu gehört mindestens, wie Sie es schon sagten, die Unterscheidung zwischen dem beobachteten Beobachter und seinem ›Beobachtungsobjekt‹ und, daß der Beobachtung zweiter Ordnung die Beobachtungsoperation, die er beobachtet, von anderen Vorkommnissen unterscheiden kann. [...] Jede Beobachtungsoperation ist an eine Unterscheidung gebunden, die sie mit der Bezeichnung aktualisiert. Jede Beobachtungsoperation ist immer auch eine der ersten Ordnung. Es gibt keine Beobachtung, und sei sie der hundertsten Ordnung, die nicht zugleich eine der ersten wäre. Damit wird jede Hierarchisierung aufgehoben, jedes ›besser‹ und ›schlechter‹ ausgeschaltet« (ebd. S. 47 und 49). 314 Vgl. Hans-Christian Dany: Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft. S. 26f. 187 »Die Abwehr von Buckeln und Zacken, von Knäulen und Wirbeln: der totalitäre Begradigungsdrang nicht der Vernunft, sondern des Willens, der Konstruktivismus der Sehnsucht und des Wünschens, das widernatürliche Streben nach Reinheit, Einfachheit, Klarheit – die Worte sind die schlimmsten Weißwäscher – als ginge es darum, das Heil in der Befreiung von Komplexität zu suchen, im Antiorganischen, in den Fiktionen des Ebenmaßes. Auch Werte haben Buckel und Zacken.« (B 62) Es geht Strauß an dieser Stelle auch darum, sich auf verworrene und komplexe Strukturen einzulassen und sie Analysen zu unterziehen. Der »Begradigungsdrang« weist dahingehend Ähnlichkeiten mit jener »Exponentialkurve« auf, die Luhmann als Sinnbild der Gesellschaft sieht, sowie darauf, dass eine Progression stattfindet, die bei näherer Betrachtung jedoch aus einer Vielzahl zyklischer, ausschweifender oder versiegender Mikroprozesse besteht. Den Menschen stellt er als überhöht dar, weil dieser zur Reflexion und Wissensbildung fähig ist. Die Entfremdung vom biologischen Fundament des Seins löst zugleich Sehnsucht und Heilungsversuche aus und führt den Menschen damit in ihm unbekannte Handlungsbereiche ein (es fehlt das tradierte Weltbild). Die Widersprüche sind Strauß bewusst, aber sie sind überwindbar, weil sie als solche erkannt werden, wie er in der gleichen Passage hervorhebt. Er schreibt über den Menschen »[g]leichwohl sind wir der Entwurf wider die Natur und betreiben ihn weiter und weiter«, dieser »überlebt nicht als wohlangepaßter Öko-Insasse eines ›komplexen Biotops‹, sondern er überlebt, indem er davon eine abstrakte Vorstellung gewinnt, ein präzises Wissen, schließlich eine Idee als modus operandi« (B 62). Strauß referiert auf gesellschaftliche Entwicklungsprozesse, die in der aktuellen Phase zu einem höheren Verständnis der Umwelt führen: »Die hylische Welt kann nicht länger zum Reich der Finsternis gehören. Wir sehen jetzt: das Dunkel besteht seinerseits aus feinsten Lichtrastern. Dinge, unterste Materie, besitzen ein Eigenleuchten. Die Aussaat des Lichts, die Aufteilung von Gut-Böse-Quanten ist anders, als das manichäische Schema es vorsah.« (B 62) Strauß geht an den Beginn der Wahrnehmung zurück bis zum nicht vorstellbaren Punkt vor der Zeit und weist im »Dunkel« Licht nach. Diese ästhetisierte Erforschung einer Grenze von Zeit und Welt öffnet den Fleck für eine Rezeption und Interpretation. Eine derartige Vorgehensweise bildet die elementare (nicht nur poetologische) Vorgehensweise des Textes, die aus einem Oszillieren zwischen zeitlichen oder räumlichen Mikro- und 188 Makroperspektiven besteht. Doch stößt man durch diese auch an Verständnisgrenzen. Strauß nennt im Zusammenhang seiner Überlegungen die Gegenwart die »kybernetische Welt« und grenzt diese gegen die »vorkybernetisch[e] Welt« ab (B 81) und spricht von einer »kybernetischen Epoche« (B 9), in der der Mensch in eine redundante Wahrnehmungsschleife eingebunden ist, wie anhand des Fabelwesens demonstriert wird. Sie ist die Reaktion (der Selbstbetrug?) auf die Dunkelheit, auf den Punkt vor dem Erschlossenen, vor dem Zeitpfeil315: »So stoßen wir in all unserem gegenwärtigen Wissen immer wieder auf die eine In- und Grundgestalt, allumfassendes Diagramm von Leben und Technik, Uroboros der Rückkopplungsschleife, die herrschaftliche Wahrnehmungsfigur der kybernetischen Epoche.« (B 9) Doch was sagt die Chimären-Metapher über diese Epoche aus? Norbert Bolz nähert sich der Kybernetik316 aus der Multiperspektivität der hyper- 315 Strauß kommt in Der Untenstehende auf Zehenspitzen auf dieses Dilemma zurück: »Innovationen im Religiösen sind ebenso unmöglich wie die Vermehrung des Unendlichen. [...] Die Einsicht in die Gestalt der Wiederkehr oder in Kreisläufe konnte nirgends den Flug des Zeitpfeils aussetzen, zuletzt nicht einmal mehr in der Quantenmechanik, die Gesetze irreversibler Prozesse gelten für universal. Daher sind wir auch nicht in den Grundfesten unseres Fortschrittsglaubens zu erschüttern« (UAZ 31). 316 Einen kurzen Abriss zur Spannweite des Begriffs gibt Käte Meyer-Drawe: »Ähnlich wie die Neurowissenschaften seit den 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Kybernetik etwa zwischen 1950 und 1975 ihre Hochkonjunktur. Sie führte nicht lediglich zu technischen Innovationen, sondern prägte einen Wahrnehmungs- und Denkstil, der nicht auf den wissenschaftlichen Raum beschränkt blieb. Dabei ist es in diesem Fall ausnahmsweise gerechtfertigt, von der Kybernetik zu sprechen; denn trotz der unterschiedlichen fachlichen Herkünfte und ungeachtet der Zielvorstellungen im Einzelnen herrschte Einigkeit über das gemeinsame Anliegen, die Welt dadurch zu optimieren, dass man sie dazu brachte, sich selbst zu steuern und zu kontrollieren. Indem allopoietiscbe Einflüsse wenn nicht beseitigt, so doch minimiert wurden, sollte der Wunsch nach Autonomie erfüllt werden. [...] Die Kybernetiker der Gründerzeit verfolgten deshalb von Anfang an ehrgeizige Ziele. Sie stellten in Aussicht, ein universelles Modell des Verhaltens von Menschen, Tieren und Maschinen zu entwickeln. Sie beschränkten sich demzufolge nicht allein auf Fragen der Nachrichten- sowie Regelungstechnik und deren Bedeutung für Informatik, Biologie, Politik, Ökonomie und Neuropathologie, sondern ganz im Sinne ihres Namensgebers Norbert Wiener auf die Reform des überlieferten Menschenbilds. Auf der Grundlage ihrer Forschungen verloren 189 komplexen Beobachtung an und hebt die damit verbundene Beobachtungsfähigkeit hervor: »Die Gesellschaftstheorien reduzieren die Distanz des Zuschauers auf die Beobachtung anderer Beobachter, die alle nicht trotz, sondern kraft ihres blinden Flecks sehen können, was sie sehen können«317. Der blinde Fleck ist dabei laut Bolz »die Schlüsselmetapher der sogenannten Kybernetik zweiter Ordnung. Sie macht uns mit erstaunlichen Gedanken vertraut, daß es Einsicht nur durch Blindheit gibt«318. Zu verstehen ist diese paradoxe Aussage als Sensibilitätssteigerung bei gleichzeitiger Ausblendung störender Faktoren. Kurz: »Die moderne Gesellschaft bewegt sich im Blindflug. Damit ist mehr gesagt als die Selbstverständlichkeit, daß Evolution blind verfährt. Blindflug heißt nämlich auch Instrumentenflug. Wenn man aus dem Fenster schaut, ist nichts zu sehen – aber man kann sich auf die Anzeigen der Instrumententafel verlassen«319. Der Blindflug ist Folge der polyzentrischen Beobachtungsperspektive mit ihrer Unübersichtlichkeit und Grenzenlosigkeit. Indem sich Strauß unter Berücksichtigung der Beginnlosigkeit auf selbigen begibt, kommt er zu dem Ergebnis, dass die gegenwärtige Gesellschaft durch eine gewisse Haltlosigkeit gekennzeichnet ist. Dieser Eindruck verwundert nicht, denn Beginnlosigkeit erschien 1992 und die politisch-gesellschaftliche Orientierungslosigkeit dieser Zeit fließt auf verschiedene Weisen in die Strauß’ Schaffen zwischen 1989 und ungefähr 1997 ein. Die Stücke Schlußchor oder Das Gleichgewicht sowie die Essays dieser Phase greifen beinahe tagesaktuell Wende und Annäherungsprozesse auf und ästhetisieren sie, während Beginnlosigkeit sich in weiten Teilen in abstraktere Beobachtungen flüchtet. Das vielleicht auch, weil mit anderen Worten Chaos die gegenwärtige Gesellschaftsform ist, in der die Komplexität der Gesellschaft ins Unermessliche anwächst: »Die Leute individualisieren sich ins Chaos. Sie akzeptieren nichts Gleiches, nichts Regelrechtes, nichts Doppeltes, weder im Konsum noch im Versorgungszuschnitt. Vielleicht handelt es sich um eine kollektive Überreaktion auf den Kollektivismus …« (B 66). Diese Individualisierung findet ihren Widerhall in einer eingeflochtenen Episode, in der während der Grenzen zwischen Natur und Artefakt, Zwischen Organismus und Apparat, Entscheidung und Schaltung sowie Unterschiede zwischen mentalen Akten und logischem Denken an Bedeutung« (Meyer-Drawe: »›Sich einschalten‹. Anmerkungen zum Prozess der Selbststeuerung«. S. 19f.). 317 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 8f. 318 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 8f. 319 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 8f. 190 Dämmerung allmählich alle Farben verblassen und »in eine matte graue Breite« (B 117) übergehen und, weil alles indifferent wird, den Beobachter der originalen Szenerie veranlasst, die eigene »Verfassung« (B 117) zu hinterfragen. Strauß’ Metapher schildert, dass die äußere Auflösung der Welt sich im Inneren spiegelt. Es findet aus Sicht der Globalisierungskonzeption eine innere Globalisierung statt. Es werden die Begriffe »›unendlich‹ oder ›unaufhörlich‹« (B 117) umgedeutet und durch widerstandsärmere Begriffe wie »erwiderungslos, konturlos … SELBSTEXPLIKATIV« (B 117) ersetzt. Die Selbstexplikation wird hier benutzt, um sich zu erklären, zu erläutern und so einen Standpunkt an der Grenze zur Gesellschaft zu markieren. Sie dient gleichzeitig der Selbstvergewisserung. Es klingt erneut die kybernetische Epoche – von Strauß synonym zur Informationsgesellschaft verstanden – in ihren Grundbedingungen und in der Abgrenzung zu vorherigen Epochen an. Chaos, Orientierungslosigkeit und erzwungene Neuorientierungen bestimmen die Inhaltsebene des Textes. Ein gradueller Unterschied besteht laut Strauß jedoch darin, dass nun Beobachter und Beobachtetes auf einer Stufe stehen und dass die Differenzierungslinie wegfällt: »Man darf sich eingestehen, daß man trotz aller Wissensvermehrung von seinen Mitmenschen heute keinen Deut mehr in Erfahrung bringt, als schon ein Tschechow, ein Musil oder Flaubert zu ihrer Zeit beobachtet haben. Nur daß in dieser selben Sphäre (des geselligen Menschen) der empfindliche Beobachter/Erdulder inzwischen mit seinem Gegenstand ein gemeinsames Feld der flüchtigsten Vibrationen und Schattierungen aufbaut, dessen exakte Beschreibung alle charakteristischen Grenzen einer Person auflösen muß. Doch bleibt die Menschenkenntnis der früheren Künstler unübertroffen, und jeder weiß, daß ihrem Blick nichts Helleres hinzuzufügen ist, gewisse Differenzierungen nicht feiner, gewisse Schwingungen nicht genauer erfaßt werden können, sondern daß alles noch Feinere, noch Genauere eben an ein technisches, an ein lebloses Bemerken grenzte – an das Kleinliche, das sowohl für das Wort wie den Blick des Menschen ein Unheil ist.« (B 99) Hier zeigt sich auch, wie die voranschreitende Ausdifferenzierung der Gesellschaft die Kommunikation untereinander erschwert, weil Relationen und Bedingungen nur bis zu einer bestimmten Tiefe beobachtet und beschrieben werden. Das von Strauß geschilderte gemeinsame Feld kann als Berührungs- und Interpenetrationsfläche unterschiedlicher Systeme gedeutet werden. Strauß beschreibt hier die Konsequenzen der Überkomplexität, 191 die in Unterkommunikation umschlägt beziehungsweise damit reagiert. Seine Beschreibungen verdeutlichen eine Exklusion aus der Außenwelt durch Geschwätz und Gepolter. Wer nicht mehr kommuniziert, kommunizieren kann oder will – und dies ist ein, wenn nicht das Leitmotiv bei Strauß – schließt sich selbst aus dem Kontext der Gesellschaft aus. (Mehr) Technik bedeutet nicht per se mehr Verständnis. Folgerichtig heißt es abweichend in Beginnlosigkeit daher auch: »Die Verweigerung von Verständigung kann sich eben auch darin vollziehen, daß man jemanden mit Verständlichkeiten überhäuft« (B 14). Sich im Schatten von Allgemeinplätzen abzuschotten und zu verbergen, mag ein Ausweg sein. Die Verweigerung von Anschlusskommunikation kann auch durch Hohlphrasen – das heißt »Fertigteil-Sprache« (PP 163) – erfolgen: »Wer oft vielen dasselbe mitzuteilen hat, der besitzt seine Einsichten als Wertsachen, als kommunikationsgeprüfte geistige Fertigteile, Standardbemerkungen, eine Handvoll obstinater Ideen, kleine körnige Begierderückstände« (B 15). Sprachverlust kann auch durch erhöhte Gedankenaktivität ausgeglichen und aufgegriffen werden. Die zwischenmenschliche Kommunikation und ihre schwierige Durchführbarkeit zeigt Strauß anhand der fehlenden und unmöglichen totalen Verständigung. Das Bewusstsein ist dahingehend eingeschränkt, dass das Gespräch zwischen Personen immer nur eine Annäherung und nie Vereinigung sein kann. Das Gespräch – als Gegenüber des Geschwätzes – dient neben der »Verständigung [...] der gemeinsamen Stimmfühlung und der Grenzbestimmung« (B 31). Kommunikation zwischen Menschen funktioniert aus systemtheoretischer Sicht über die Trias Information- Mitteilung-Verstehen (und die davon intendierte Verhaltensänderung als Bestätigung einer erfolgreichen Kommunikation). Sie verbindet Personen durch Bildung gemeinsamer Systeme und erhält sie im Idealfall aufrecht durch und über die erfolgende Anschlusskommunikation. Die Bildung von abgegrenzten Systemen dient dabei auch der Stabilisierung des Individuums gegen die von außen einwirkenden Veränderungsprozesse.320 Gelingt diese nicht, wird Bindung erschwert, denn »[w]as in der Hülle des anderen tatsächlich Ausstrahlung besitzt, ist wahrscheinlich weniger sein persönlich Erworbenes als vielmehr der Feinstaub des allgemeinen Formenerbes, das, was aus der Tiefe der menschlichen Zeit über ihn gestreut ist« (B 32). Hieran zeigt sich der innere Widerspruch von Kommunikation. Über die Kopplung kann eine Verbindung entstehen, die als ein kommunikationsbasiertes soziales System angesehen werden kann, auch wenn persönliche 320 Vgl. hierzu das folgende Kapitel zu Die Unbeholfenen sowie Abschnitt 6.3. 192 Innen-Erfahrungen auf gesellschaftliche Außen-Erfahrungen, das »allgemein[e] Formenerb[e]«, treffen und mit diesen um Deutungshoheit ringen, während der Kommunizierende über die Sinnhaftigkeit eines Anschlusses an die Kommunikation reflektiert: »›Warum erzählen Sie mir das alles?‹ Er hatte sich immer darüber gewundert, daß ihm die Menschen so viel von sich und anderen erzählten. […] Was sie erzählten, hatte selten eine tiefere Bedeutung. Da war er sich sicher. Aber daß sie’s ihm erzählten, darin lag wohl der Kern des Rätsels, und es hatte zu einem gewissen Zeitpunkt außerordentlich viel zu bedeuten. Er hatte es nie herausgefunden. Schließlich akzeptierte er das Spiel, das er nicht durchschaute. Er sah ein, daß man es eben so macht, um untereinander in Fühlungnahme, in eine Verbindung zu treten.« (B 32). Dieses Erzählfragment verdeutlicht Strauß’ Position und beschreibt die Stabilisierungs- und Abgrenzungsmechanismen der Kommunikation. Das Erzählte ist die in Mitteilungen kodierte Information, die in diesem Fall zu einem Nicht-Verstehen führt.321 Die Beobachtung führt hier zu Unverständnis sowie Ratlosigkeit und stößt eine Reflexion an, aus der verspätet eine Akzeptanz ungeschriebener Regeln resultiert, nachdem die Figur den kommunikativen Konsens hinterfragt hat. Es zeigt sich eine hyperkomplexe Beobachtungssituation, in der die ursprüngliche Beobachtung beobachtet und in Erkenntnis modifiziert wird. Die Figur erkennt die Differenz zwischen der inneren Reflexion und den äußeren Deutungen der Welt und gleichfalls, dass Kommunikation mit der Umwelt darüber entscheidet, ob sie selbst in der Welt existiert.322 Das kommunikative Netzwerk der Äußerungen erzwingt von der Figur eine Teilnahme und gleichzeitig legt Strauß ihr die Frage nach dem Warum der Kommunikation in die Reflexion. Der Mensch ist (in dieser Episode) nur Hülle, sein Wesen »eine Kugel von Ringbahnen […]. Nichts Inneres!« (B 31), während draußen »Einsamkeit« (B 33) und »Stimmengewirr« (B 33) vorherrschen. Sie führen zum Rauschen und dadurch ebenfalls zu einer »Stille« (B 33); in beidem ist nichts Individuelles mehr auszumachen, es zeigt sich eine innere Globalisierung, welche die Auflösungsprozesse in der Umwelt im Inneren adaptiert. Auf 321 In das Strauß gerne zurückkehren würde, vgl. SIG 50. 322 »Er sah das ein und begann sich daran zu beteiligen. Er wollte seinerseits keine Lücke bilden im fleißigen Gewebe der Mitteilungen, der unterschwelligen Verständigungen, die möglicherweise eher zum Innersten gehören, das die Welt zusammenhält, als die Weltanschauungen selber« (B 32f.). 193 diese Weise wird hintergründig ebenfalls auf eine Art soziales Rauschen angespielt, das maßgeblich zum Gefühl der Auflösung als Folge der Globalisierung beiträgt.323 Die Besonderheit dieser Szene liegt weiter in der Änderung der Perspektive. Die Figur merkt, dass die Umwelt auf Mitteilungen reagiert, versteht aber wiederum nicht, warum dies geschieht. »Was teilte er mit, aus welchen Gründen, und kannte sie selber nicht?« (B 33). So beleuchtet Strauß die andere Seite der Differenz Figur/Umwelt. Die Figur wird durch die Umwelt beobachtet und die Frage nach dem Erzählanlass gespiegelt und verdoppelt. Die Essenz der Kommunikation erkennt die Figur durch die Beobachtung der Beobachtung: Teilnahme an Kommunikation kann nicht zu völligem Verstehen führen, da sich in der Kommunikation immer Unsicherheiten einstellen und unbemerkt »das Unbewußte zum Unbewußten« (B 33) spricht. Anders formuliert ließe sich dazu mit Strauß auch sagen: »Vom Absoluten gleitet der Scharfsinn ab wie die Messerspitze auf der Glaskugel« (B 46). Die Figur wird Teil eines Spiels, bei dem besonders hervorzuheben ist, dass es sich bei dem Spieleinsatz dieser Figur nicht um authentische Kommunikation handelt. Auf der bewussten Ebene reiben sich aktive Teilnahme und passives Unverständnis an unbewussten Kommunikationsmechanismen. Die hierdurch fehlenden soliden Anknüpfungspunkte erzeugen eine von Einsamkeit geprägte Verstehenslücke und begründen die Exklusion der Figur. Die erste und zweite Beobachtungsebene beim Beobachten der Lücke beschreibt Strauß folgendermaßen: »Aber was tut man, wenn man sich in der Einsamkeit jemandes Ausdruckshülle so lebhaft vergegenwärtigt, derart erzeugend vorstellt, daß der Bestand weniger charakteristischer Impressionen, die man davontrug – eine Gebärde der Begütigung, ein gedrängtes Erstaunen, eine belehrende Darlegung -, ausreicht, um beliebige Sequenzen, Sätze, Situationen damit hervorzubringen, zu generieren, die niemals stattfanden, so daß Halluzination und tatsächliche Erinnerung nicht mehr zu unterscheiden sind?« (B 34) Wahrheit und Imagination verschwimmen und dezimieren die Anschlussmöglichkeiten an die Umwelt. Der Versuch der Figur, die Lücken des Kommunikationsnetzes durch neue Anknüpfungen zu füllen oder zu stärken, scheitert an der Unfähigkeit, die Beobachtungen und die Mitteilungen tatsächlich zu verstehen und adäquat reagieren zu können. Die Bemühun- 323 Die nachfolgenden Kapitel gehen ausführlicher auf die Funktion und Tragweite des sozialen Rauschens ein. 194 gen münden in Mutmaßungen: »Das, was ich mir merke an einem Menschen, was ihn mir besonders kenntlich macht, ist offenbar das, was ich schließlich von ihm vernommen habe, ein impact von seinem Gestirn« (B34). Kommunikation und Wahrnehmung geschehen vielschichtig, die Gesamtheit nennt Strauß die »tönenden Charakteristika« und das »Imponiergehabe der Stimme« mit dem Ziel eines »unaufhörliche[n] lautliche[n] Eindruckmachen[s], das unterschwelliger wirksam ist als Auge und Hände, mischfreudiger als Semantik oder Gebärde« (B 34) und zeigt so nochmals die un(ter)bewusste Wahrnehmung und das für diese Szene grundlegende Vernehmen. An dieser Stelle nimmt Strauß eine weitere erzählerische Wendung vor, indem er den Überlegungen über Kommunikation eine weitere Abstraktionsebene anheftet, in der es um die Positionierung zur Welt und die Erzeugung von Weltbildern geht. Als Erweiterung dient ihm das Theater und es handelt sich um eine Vertiefung jener Gedanken zum Verhältnis von Bühne, Gesellschaft und Umwelt, die er in den Rezensionen entwickelt. Die Begriffe »Ausdruckshülle« und »Gebärde« in Verbindung mit den performativen Aspekten der Stimme lassen eine Überleitung zum Typus des Schauspielers und dessen Außenwirkung zu, wie Strauß ihn in den Rezensionen einforderte. Strauß verwebt Kommunikation mit Performanz und thematisiert damit einerseits die sprachliche Verbindung zwischen Menschen und andererseits die Relevanz der Bewusstseinswahrnehmung über die künstlerische Weltwahrnehmung in der Darstellung des Schauspielers.324 Der performative Akt des Schauspielers trägt die Gebärde von der Bühne in das Publikum,325 indem zum einen eine in Schrift kodierte Wahrnehmung und Interpretation der Welt eines Künstlers in erneut Wahrnehmbares transferiert und zum anderen literarische Kommunikation vorgeführt wird, an der vom Rezipienten nicht auf auf gleiche Weise partizipiert werden kann wie bei gelesener Literatur. Zwischenrufe im Theater sind noch stärker verpönt als handschriftliche Anmerkungen in Bibliotheksbüchern. Strauß’ theoretische Perspektive sieht als Voraussetzung, dass der Künstler Weltbilder generiert, indem durch Kunstwerke Unter- 324 Vgl. hierzu auch den 18 Jahre später erschienenen Text über das Gegenwartstheater, in dem es heißt: »Da es Werktreue am Theater nicht geben kann, insofern bei jeder ernsten Regiearbeit Werk und Szene gemeinsam als ein Drittes neu entstehen, war der gute Schauspieler am Ende die verkörperte Interpretation. Man kann auch sagen: er kam nie einsam und unmittelbar mit dem Genie des Werks in Berührung, so daß es sich auf ihn hätte übertragen können« (Botho Strauß: »Was macht ihr denn da? Über Jutta Lampe und unser Theater« (AUF 99). 325 Vgl. Max Herrmann: »Das theatralische Raumerlebnis«. 195 scheidungen markiert und als dauerhaft abrufbare Beschreibungen gespeichert werden. Dieser Ansatz findet sich bereits im Roman Der junge Mann (1984) verankert, wo es heißt, dass »Schauspieler [...] unbestimmten Sonderwesen, mit denen man zwischen Gespenst und Gott beinah alles heraufbeschwören und vergegenwärtigen kann, wenn man es nur richtig anfängt« (JM 51) seien. Das Sprechen des Schauspielers ist, ähnlich dem des Exkludierten, nicht authentisch, seine Stimme »ist immer für das Publikum verlautet, mit dem er nicht spricht« (B 34). Die stimmliche Performanz des Schauspielers liefert eine an die Bühne gebundene Reproduktion der Welt, grenzt sich aber »mit bewußter Gebärde, mit Stil und Ausdruckskunst, Führung und Allüre« (B 34) vom Publikum ab. Sie schafft Differenz. In der Büchner-Preis-Rede verweist Strauß darauf, dass Theater der Ort ist, »wo die Gegenwart am durchlässigsten wird, wo Fremdzeit einschlägt und gefunden – und nicht wo Fremdsein mit den billigen Tricks der Vergegenwärtigung getilgt oder überzogen wird« (ERD 34). Über derartige künstlerische Speicherungsmechanismen kann wiederum ein Kunstprodukt wie die literarische Kommunikation »für immer verläßliche Echolote, die die Grenze des Menschen zur eisigen Stille ermitteln« (B 31), erzeugen. Vor dieser Schwelle agiert auch der Schauspieler, indem Eindrücke, Gesten und Gebärden als kommunikative Anschlusspunkte benutzt werden, um die Welt vom Geschehen abzugrenzen und sie dabei doch einem anderen Beobachter zugänglich zu machen. Die Bezüge zwischen der künstlerischen Wahrnehmung und Deutung der Welt und den Betrachtungen zur Kommunikation machen deutlich, dass »Einschläge von Werken und Menschen« (B 32) über ›Anwesenheit‹ und »Gebärde[n]« erfolgen (vgl. auch B 35). In der Kommunikation zwischen Menschen oder der Bühnenkommunikation geht es darum, dass Annäherungsbewegungen in Richtung der Umwelt vorgenommen werden, die aber die Grenze zur Umwelt nicht überschreiten können. Der Anschlusswille führt jedoch zu einer möglichst engen Annäherung an ihre jeweiligen Grenzen oder mit anderen Worten: an den Differenzmarker der Unterscheidung Individuum/Gesellschaft. Die Triebkräfte hinter diesen Versuchen sind Verstehen-Wollen und Neugierde, weil laut Strauß die »Gemeinschaft das eigentlich Mystische (zutiefst Unverständliche, Berührendste) [...] am Menschen [ist], gleich, ob es sich nun um den Stamm oder die moderne aufgeklärte Gesellschaft handelt. Zusammenhang und Bewegungsgestalt vieler dient zu mehr als bloß alltäglichen Zwecken: Organismus eines Verstehens, dessen Aufbau und Grenzen der einzelne unmöglich 196 abschätzen kann und das ihm nur in der membranhaften Nachgiebigkeit seines eigenen Verstehens bemerkbar wird. Das Selbst ist innen wie außen Abtausch und Widerhall. Wenn überhaupt jemand, so besitzt es die Gesamtheit der anderen.« (B 59) Die ausgewählte Textstelle verdeutlicht, dass der Begriff der Gemeinschaft beziehungsweise Gesellschaft beständig im sozialen Kontext verankert ist. In einer segmentären Stammesgesellschaft gewinnen, wie auch Luhmann betont326, Anschluss und Inklusion eine wesentlich größere Bedeutung für das Überleben des einzelnen Individuums als dies in der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft der Fall ist. Das vorherige Kapitel betonte bereits anhand Strauß’ Erzählung Die Widmung aus dem Jahr 1977, dass das Überleben in einer solchen Gesellschaft stark von finanziellen Mitteln und weniger von sozialer Integration reguliert wird. Übergeordnet festzuhalten ist, dass die Fortentwicklung des einzelnen Menschen von der parallelen Entwicklung der umgebenden Gesellschaft abhängt und nur soweit möglich ist, wie es der Ausdifferenzierungsstatus der Gesellschaft zulässt. Komplexe ausdifferenzierte Gesellschaften verfügen über eine größere Menge potentieller Anschlusspunkte als segmentäre oder stratifizierte. In der Gesellschaftsgeschichte ist demnach eine zeitliche Entwicklung in Richtung einer steten Verästelung in kleiner und feingliedriger werdende Strukturen und Fragmente bei gleichzeitiger Erweiterung der globalen Erreichbarkeit zu beobachten. Dementsprechend verändert sich auch die von innen stattfindende Wahrnehmung der Außenwelt hin zu einer vergrößerten Oberfläche. Die Themenmenge in Beginnlosigkeit und die fiebrigen Sprünge zwischen ihnen verleihen dem Text einen äußerst hohen Komplexitätsgrad. Daneben betonen die Reflexionen über die theoretischen Grundannahmen neben jenen Beschreibungen der chaotischen Innenzustände von Individuen zugleich den Netzwerkcharakter der Außenwelt durch Verweise auf die »Gewebe der Mitteilungen« (B 32) oder das »Gitter der Wahrnehmung« (B 129). Die Netzdimension ist wichtiger Teil der hinter dem Text liegenden Form der Globalisierungskonzeption und spiegelt sich im schnellen Wechsel der Themen wider. 326 Niklas Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 242f. 197 3.5 Netz(werk)e. Die Außenwelt ist ein Netz in der Zeit Wie zuvor herausgearbeitet wurde, tasten und fühlen sich die Figuren und Erzähler an ihre Grenzen zur Außenwelt heran und erleben wegen dieser Annäherungsversuche ein Gefühl der Auflösung im Sinne eines Verlustes. Dieses Gefühl ist einer inneren Ausdifferenzierung in Verbindung mit der Selbststabilisierung geschuldet. Die Darstellungen zur Netzstruktur möchten die Bewegung der Außenwelt in Richtung der Individuen, wie Strauß sie in Beginnlosigkeit anstrebt, verdeutlichen. Im Zentrum dieser Überlegungen stehen die Muster, Modelle und Programme der Außenwelt, die in den Figuren zu Empfindung und Wahrnehmung umkodiert werden. Die Gestalt der äußeren Welt wird, wie oben bereits geschildert wurde, über die strukturelle Kopplung zu Impulsen an Nervenbahnen verarbeitet und trägt durch konstant erfolgende Stimuli zur Herausbildung und Stabilisierung eines Bewusstseins bei. Das Verständnis der Welt geschieht daher auf Grundlage eigener wiederholter und eben nicht anhand fremdverursachter Deutungen. Hierzu heißt es am Anfang des Textes: »Die Neuronenverbände feuern im Gleichtakt, bis zu vierzigmal in der Sekunde, es entsteht eine gleichlaufende Kurve von Sehimpulsen, Wahrnehmung beginnt. Bevor ein Gegenstand sich abzeichnet, bedarf es noch unzähliger Verknüpfungen, synchronisierter Schwingungspakete zwischen den einzelnen Verbänden…« (B 5) An dieser Stelle ist besonders die innere Netzstruktur hervorzuheben, denn die Wahrnehmung hängt von Verbänden, Verknüpfungen und der Synchronizität dieses Netzes ab. Die Außenwelt wird laut Strauß von inneren Prozessen zwar aufgenommen und umkodiert, nicht aber berührt und beeinflusst, es findet sogar eine bewusste Abwendung von der Welt statt, indem nur die Innenwelt von Interesse ist. Strauß präzisiert es als »Erforschung der einbefaßten Welt, des Großen Internums« (B 11), das einer ungeheuren Komplexität entspricht.327 Die Hinwendung zur Innenwelt ändert jedoch nur wenig, daran, dass die Außenwelt dennoch wahrgenommen wird, so lange das Bewusstsein aktiv ist. Bei Strauß heißt es weiter: 327 »Man schätzt, daß wir über rund 100 Millionen Sinneszellen verfügen, unser Nervensystem aber an die 10000 Milliarden Schaltstellen oder Synapsen enthält. Mithin sind wir gegenüber Änderungen unserer Innenwelt 100000-mal empfänglicher als gegenüber Änderungen in unserer äußeren Umwelt« (B 11). 198 »Der Geist macht lauter Konstruktionen wider die Natur. Vom Ursprünglichen oder Fundamentalen z.B., einer verbohrten Einbildung, gefährlichen Erfindung, weiß die organische Welt nichts. Sie besteht aus komplizierten Wechselbeziehungen, nicht aus grundsätzlichen Gründen.« (B 67) Strauß nimmt, indem er die Wahrnehmungen von Innenwelt und Außenwelt gegeneinander stellt, eine Doppelung vor und äußert, dass dem Gehirn der konkrete »Zugang zur Welt« (B 9, vgl. auch FDK 87) fehlt, während diese »organische Welt« unberührt weiterexistiert. Im Text werden immer wieder Welten entlang einer Differenzmarkierung gespiegelt und von innen nach außen und von außen nach innen projiziert. Die Verarbeitung der Globalisierung zeigt sich in Beginnlosigkeit auch ex negativo, das heißt, dass die Innen- und Außenwelt füreinander Umwelt bleiben. Wie Strauß herausstellt, entstehen menschliche Innenwelten durch Verknüpfungen und Impulsbahnen aus einem Neuronenfeuer, während die Au- ßenwelt als ein Netz aus Projektionen328 verstanden wird. Dirk M. Becker 328 Projektionen sind, wie Vilém Flusser feststellt, Merkmale des Übergangs, in dessen Verlauf sich die Wahrnehmung der Welt massiv verändert: »Auch die gegenwärtige Revolution ist von einem Umkodieren des Denkens gekennzeichnet. Wir sind dabei, das numerische, jetzt digital kodierte Denken in Linien, Formen, Farben, Töne, bald auch Volumina umzukodieren. Zu diesem Zweck haben wir Apparate (Plotter, Synthesizer, Holographen usw.) erfunden. Wir denken nicht mehr numerisch, sondern in diesen ›synthetischen‹ Codes (für die wir noch keinen Sammelnamen haben). Dieses unser Umdenken wird von den Kulturpessimisten als Rückfall ins bildliche, magische Denken gedeutet. Aber darin sind sie im Irrtum. Soweit sie überhaupt den Namen ›Bild‹ verdienen, deuten die neuen synthetischen Bilder auf die Gegenseite der hergebrachten: die alten Bilder be-deuten die Dingwelt und/oder das Subjekt dieser Dingwelt, die neuen be-deuten Gleichungen, Kalkulationen. Die alten Bilder sind Ab-bilder von etwas, die neuen sind Projektionen, Vor-bilder für etwas, das es nicht gibt, aber geben könnte. Die alten Bilder sind ›Fiktionen‹, ›Simulationen von‹, die neuen sind Konkretisationen von Möglichkeiten. Die alten Bilder sind einer abstrahierenden, zurücktretenden ›lmagination‹, die neuen einer konkretisierenden, projizierenden ›Einbildungskraft‹ zu verdanken. Wir denken also nicht etwa imaginativ magisch, sondern im Gegenteil einbildend entwerfend« (Vilém Flusser: Vom Subjekt zum Projekt: Menschwerdung. 24f.). Die Folgen daraus bedingen einen Übertritt oder Übergang in die Vernetzung: »Wir sind an einem katastrophalen Punkt angekommen, von dem ab es nicht weiter möglich ist, sich aus der Affäre zu ziehen. In der Richtung zu immer ›höherer‹ Abstraktion, die wir bisher eingeschlagen haben, geht es nicht weiter. Wir können uns an nichts mehr halten (wie es damals die Hände nicht konnten): weder an Dinge noch an uns selber. Aus dieser verzweifelten Notlage 199 führt die von Strauß angewandte Dialektik auf »Wahrnehmungspartikel« zurück, die für die: »Turbulenz des Entgleitens in der Reflexivität von Innenwelt und Außenwelt in der Hypostase allgewaltiger Information« verantwortlich sind und Strauß vermag laut Becker nicht mehr zu differenzieren zwischen »Welt« und »Ich«, die als die besagten »Wahrnehmungspartikel neben Tausend gleichberechtigten anderen« existieren.329 Beginnlosigkeit bringt diese Sichtweise in zahlreichen weiteren Prosafragmenten zum Ausdruck und eine veränderte Empfindung und Wahrnehmung der Welt als Netz(werk) ist die Folge. Problematisch ist hieran aus der Außenperspektive jedoch, wie auch Jürgen Daiber anhand der Chaostheorie konkretisiert, »das Wechselspiel von Determinismus und Unvorhersehbarkeit«330. Was real oder was fadenscheinige Wahrnehmung ist, hängt von der Deutung der Signale ab. Strauß zeigt durch seine Deutungen, wie die Außenwelt gestaltet wird und wie grundlegend sie von der den verschiedenen Formen und Ausformungen der Netzstruktur konstituiert wird. Ihre einzelnen Knotenpunkte ent- und bestehen durch vielfältige Verbindungen und bilden über Kommunikationen unter anderem Interaktionssysteme, soziale Systeme, technische Signale, Strukturen und Verknüpfungen. Der Untertitel Reflexionen über Fleck und Linie verweist darauf, dass Fleck und Linie meta-räumliche Kategorien für gedankliche Operationen repräsentieren. Strauß schreibt: »Alles Denken beginnt (im limbischen System) mit Gefühlstönen« und er meint damit, dass »›Gedanken […] Stereotypen oder Vereinfachungen von Gefühlstönen [sind] … Sie sind wie Karikaturen der Wirklichkeit‹. Der Fleck, die verlaufende, diffuse Form ist vor der Distinktion, und sie ist ›viel mehr‹ als diese« (B 70), der Fleck ist somit auch nicht eindeutig eingrenzbar. Gedanken bilden die Wirklichkeit lediglich nach. Der Fleck existiert in diesem Nachbildungsprozess vor der initia- (aus diesem Glaubensverlust) beginnen wir also zu projizieren – wobei ›wir‹ nicht als eine Gruppe von Individuen, sondern als ein vernetzter Dialog zu verstehen ist. Da wir uns nicht mehr identifizieren können, beginnen wir uns als Knotenpunkte eines dialogischen Netzes und dieses intersubjektive Netz als ein Relationsfeld hinzunehmen, von dem aus auf andere Felder Projektionen entworfen werden, wobei sich hinterrücks diese Felder wieder mit dem projektierenden vernetzen. Also stellt sich der Glaubensverlust, aus dem heraus wir projizieren, nicht nur als der Verlust eines Glaubens an Stützpunkte heraus – etwa an Gott, an die Dinge oder an den Menschen –, sondern noch mehr als der Verlust eines Glaubens an Orientierungsmöglichkeiten« (ebd. S. 26). 329 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. S. 82. 330 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 55. 200 len Beobachtung (der ›Distinktion‹).331 Aus dieser Perspektive ist der Fleck anfangs unbeobachtet; sein gesamter Inhalt (die Menge seiner Elemente) ist unsortiert und demnach ein »nicht konturierbar[es], in mehrdeutiger Gestalt sich verlaufend[es]« (B 71) Chaos, das erst durch die Beobachtung einer initialen Differenz und nachfolgenden Bezeichnung eine Ordnung erhält. Beobachtungen strukturieren das Chaos und die vorgenommenen Bezeichnungen erzeugen Linien darin. Wie Strauß weiter ausführt, heißt das: »Die Streuung, der Fleck sind weder Zerfall noch Übergang, sie enthalten vielmehr die gesamte Virtualität einer neuen Struktur, die, sobald ihr ganzer Aufbau erkennbar und stabil wird, bereits um ihr Bestes verarmt, um ihre energetische Fülle gebracht ist. Zerfall betrifft vielmehr das, was eine oder seine Richtung beizubehalten sucht. Jeder einzelne Ort ist Zerfall.« (B 72). Der Fleck wiederum dient als Symbol für das nicht-Lineare und damit für das Komplexe, er beschreibt auch die paradoxe Grundsituation, dass die inneren Weltdeutungsmechanismen über durchgeführte Beobachtungen relativ präzise beschrieben werden können, obwohl der vollständige Innenblick nicht möglich ist. Strauß’ Darstellung verweist zugleich darauf, dass die Welt nur durch die Beobachtungen, die das jeweilige Individuum anstellt, eine Kontur bekommt. Und diese ist folglich auch nicht universal, da jedes Individuum über eine spezifische Wahrnehmungsweise verfügt.332 Im Kontext der Zeitdimension von Beginnlosigkeit können jedoch die 331 Helga Arend beschreibt dies mit einem Blick auf mythische Anfänge auf ähnliche Weise: »Um das Ganze in einem Bild auszudrücken, ist der Beginn nicht, wie es sich im modernen Denken festgesetzt hat, darstellbar als Anfangspunkt einer Linie, sondern der Beginn ist ein diffuser Fleck, der nicht klar umrissen werden kann, weil er sich ständig wieder auflöst. Dieses Auflösen aber ist das Ende des Denkens von einem Anfang aus. An dieser Stelle kommt nun das Denken des Poeten wieder überein mit einer Theorie aus der Physik, die den Anfang abstreitet« (Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 193). 332 Jürgen Daiber stellt zum inhärenten Widerspruch von Fleck und Linie fest: »[D]ie Kunst muß sich nicht entscheiden. Strauß verwendet Motive in seinen Werken, die sowohl durch Erkenntnisse euklidischer als auch fraktaler Geometrie beeinflußt sind. Er pendelt zwischen ›Fleck und Linie‹. ohne sich letztlich von einem der beiden Wahrnehmungsmodi vereinnahmen zu lassen. Die Kunst bewährt sich gegenüber den Gebilden des Chaos › in Lebensnähe … (ebenso wie) … in Lebenswidrigkeit‹« (Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 67). 201 Wahrnehmungen des Chaos und der Netze dahingehend sortiert und gedeutet werden, dass sich allgemeinere (aber nicht allgemeingültige) Aussagen über die Formen der Welt formulieren lassen. Die Form ist hier auch die Verankerung im Raum über Abgrenzung. Die zweite (beziehungsweise dritte sofern Raum und Bewegung als different angesehen werden) Kategorie ist die Zeit. Jürgen Daiber widmet Strauß’ Besprechung dieser weite Strecken seiner Untersuchung und thematisiert ein aus seiner Sicht elementares Problem im Umgang mit der Zeit, mit dem auch Botho Strauß umzugehen hat: »Der Mensch ist nicht fähig, die Beginnlosigkeit der Welt und damit die Beginnlosigkeit des Menschen zu denken. Unser Gehirn unterliegt einem zeitlich linearen Wahrnehmungsmodus. Unser Bewußtsein bedarf der logischen Filter von Identität, Differenz und Widerspruch, um die wahrgenommenen Wirklichkeitsdaten sprachlich vermitteln zu können. Unsere Sprache wiederum bewegt sich in einem semantischen Raum innerhalb dessen kein Satz ohne Vergangenheits-, Gegenwarts- oder Zukunftsform gebildet werden kann. Beides, Denken und Sprache sind somit untrennbar an das Axiom eines zeitlichen und räumlichen Beginns gekoppelt. Darüber ist sich Botho Strauß im Klaren. Er akzeptiert den ›Mythos des Anfangs‹ als notwendige Hilfskonstruktion für Seele und Geist, die unser Organismus zum (Über-)Leben benötigt.«333 Das Dilemma besteht für Daiber nun darin, dass Sprache eigentlich kein adäquates Mittel ist, um den komplexen Sachverhalt ›Zeit‹ zu beschreiben. Wie in den einleitenden Betrachtungen zum Mythos festgestellt wurde, krankt Zeitkritik daran, dass sie zugleich Sprachkritik ist. Alle Annäherungen an die Zeit vernichten sie zugleich. Für Strauß ist der Anfang (trotz oder vor allem?) mehr als das religiöse Narrativ. Zwar mag der siebentägige Schöpfungsprozess (für Glaubende) fesselnd sein, doch bewertet Strauß ihn, wie oben bereits festgestellt, lediglich als ein solches Narrativ. Es bleibt gewissermaßen die Wiederholung des Offensichtlichen und ist doch, trotz der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zum Ursprung der Welt, fest in kulturelle Riten und Alltagssprache eingebettet. Es treffen zwei Konzepte aufeinander, die beide auf Einbildungskraft beruhen. Nicht zu ignorieren ist jedoch, dass das Narrativ für Irritation sorgt, da es an ein 333 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 77. 202 vergangenes und vor allem dimensionsloses Zeitverständnis334 anknüpft. Friederike F. Günther stellt dazu fest, dass sich Strauß’ Text ähnlich Nietzsches Zarathustra zugleich als eine Gegenposition manifestiert: »Beginnlosigkeit und ewige Wiederkunft richten sich in erster Linie gegen etwas, und zwar gegen eine lineare Konzeption der Zeit, sei es der Weltzeit, der historischen Zeit oder auch der Zeit eines individuellen Lebens und Erlebens. Der Gedanke der Beginnlosigkeit ist eine Provokation, weil er dem 334 Im Subtext schwingt die Unvereinbarkeit verschiedener Weltsichten zu so unterschiedlichen Interpretationen wie »Lebensraum« und »Spiralnebelraum« mit. Die Raumanalyse Flussers vereint und trennt Mythos, Historia und Steady State zugleich, weist sie als Interpretationen einer ungeheuren Komplexität aus, die letztlich der Entropie geschuldet ist: »Wir können demnach den Spiralnebelraum (problematisch) berechnen und dann versuchen, dies in Worte zu übersetzen, um es uns vorzustellen. Was dabei herauskommt, sind verkrüppelte oder chimärische Worte wie ›gekrümmter Raum‹ oder ›Raumzeit‹. [...] Dabei wird immer peinlicher deutlich, daß Raum mit Zeit unentwirrbar vorgestellt und begriffen zu sein hat. Das ist peinlich, weil bisher diese beiden (sagen wir einmal) Dimensionen als miteinander verbunden (und nicht als ineinander verworren) erlebt und angesehen wurden. Zum Beispiel sah man die Zeit als eine Strömung im Raum, welche die sich dort befindlichen Dinge ordnet (mythische Sehart). Oder man sah den Raum als einen Kahn, der im Strom der Zeit in Richtung Zukunft getrieben wird, und daß dabei alle Dinge mitgerissen werden (historische Sehart). Oder aber man hielt den Raum für ein nach allen Seiten hin offenes Achsenkreuz (für unendlich) und die Zeit für einen zwar eindeutig aus der Vergangenheit zur Zukunft fließenden Strom, aber ohne Quelle und Mündung (für ewig). Dieses sonderbare Weltbild rechtfertigte man durch die Tatsache, daß etwas ›jenseits von Raum und von Zeit‹ unvorstellbar ist (so, als ob andererseits eine grenzenlose Zeit und ein grenzenloser Raum vorstellbar wären). [...] Es wird immer peinlicher deutlich, daß wir angesichts der Berechnungen des Weltraums all diese Vorstellungen, Weltanschauungen und Erfahrungen (also sowohl das mythische wie das historische Bewußtsein) aufzugeben haben. Es stellt sich nämlich bei den Weltraumberechnungen heraus, daß die Welt ein sich mit der Zeit ausdehnender Raum oder eine sich mit dem Raum zusammenziehende Zeit ist. Das läßt sich so in Worte fassen: die Welt ist genau so groß wie alt, weil nämlich beide Messungen (Dimensionen) ein und dasselbe messen. Aber es läßt sich auch dramatischer sagen: die Welt ist zeitlich und räumlich begrenzt (sie hat einen quantifizierbaren Durchmesser, ein quantifizierbares Gewicht und ein quantifizierbares Alter), weil der Tod in der Raumzeit in Form der Gleichung des Zweiten Grundsatzes der Thermodynamik vorprogrammiert ist« (Vilém Flusser: »Räume«. S. 75f.). 203 menschlichen Bedürfnis nach zeitlich-linearer Orientierung zutiefst widerspricht.«335 Die Provokation liegt auch darin, dass die von Strauß untersuchte und herbeigeschriebene zyklische Zeit, die auch mit einem allerdings nicht im Text verbürgten Kunstbegriff wie ›Immerzeit‹ benennbar wäre, Etabliertes und Tradiertes negiert. Beginnlosigkeit (als Text und als Idee oder Vorstellung) ist ein Angriff auf das Selbstverständnis des Menschen. Wie oben ebenfalls erwähnt, formuliert bereits der Paratext die zeitliche Sicht. Strauß kontrastiert in den Fragmenten die absolute Beginnlosigkeit der Außenwelt mit der absoluten Endlichkeit des Individuums, dessen Lebenszeit in Relation zur Geschichte des Erdballs sich auf einen Bruchteil eines Wimpernschlages beläuft. Strauß’ geäußerte Provokation führt zu einem Erkennen, dass die Welt anders erlebt wird (B 7) als zuvor und versucht zugleich Antworten auf die Fragen nach dem Wie und dem Warum zu finden. Strauß konfrontiert zwei Erkenntnisse miteinander: Umwelt ist zeitlich und räumlich unendlich, Individuen sind es nicht. Und dies bestimmt ihr Erleben der Welt sowie die abgeleiteten Modelle der Gegenwart. Zusammengefasst heißt dies: Das Beobachten von Fleck und Linie ordnet die Eindrücke und schafft orientierende Koordinaten, welche die Ausdehnung der Umwelt erfassbar machen. Strauß klinkt sich bildlich gesprochen in den von ihm vielfach beschworenen Zeitpfeil ein und entwickelt Teile seiner Erzählung entsprechend dieser Linearität. Der Fleck hingegen ist eine verdichtete stationäre Ansammlung von Knotenpunkten. Robert Rduch interpretiert ihn zu den vorherigen Überlegungen passend sehr abstrakt als etwas »Ahnungsvolles, Amorphes, Verschwommenes, Undurchdringliches und Irreguläres« und führt weiter aus, dass in ihm »alle Gegens- ätze aufgehoben« werden. Kürzer ausgedrückt ist laut Rduch der Fleck »eine reichere, diffuse Vorstufe des Gedankens«336. Diese Beobachtung erzeugt weitere optische Repräsentationen des Flecks, die ihn trotz der gewählten Beschreibungen (›amorph‹) näher umreißen. Die Linie hingegen ermöglicht es, Bewegungsverläufe zu erkennen, durch welche die Welt (immer noch verstanden als gesellschaftliches Konstrukt) erst existiert und sich exponentiell fortwebt und Anknüpfungspunkte schafft, jedoch sollte 335 Friederike Felicitas Günther: »Vom Sterben des Anfangs? Botho Strauß: Beginnlosigkeit«. S. 208. 336 Robert Rduch: »Fleck und Linie als metaphorische Instrumente einer Bilanz des 20. Jahrhunderts in Botho Strauß' Beginnlosigkeit«. S. 213. 204 Welt laut Strauß als eine sich immer wieder neu bildende fragile Konstruktion aus Beobachtungen verstanden werden, die sich bei intensiver Reflexion immer weiter vom Beobachter entfernt, bis nur mehr Leere (oder kybernetische Abhängigkeiten, Kontingenz und (Hyper-)Komplexität) bleibt: »Wie lange erträgt man es zu wissen, daß nichts dahintersteckt...? Daß wir mit unzähligen Schichten von Fäden, Geweben, Netzen vollauf genug haben, und auch der Geist nicht mehr tun kann als ein um das andere Mal die Fäden zusammenzuziehen oder anderswo aus Knäulen zu lockern, wie die Finger sich wechselnd zur Faust schließen oder zum Fühlen und Zupfen vorstrecken (was sich ihm auch bewandte, es mußte seinen Flecht- und Websinn ansprechen, sonst entging es ihm; es mußte mit ihm wirken, weben, binden, flechten, basteln ... Lieber handlich den unlösbaren Knoten als unfaßlich lang den offenen Faden).« (B 73) Die genannten Knoten sind nichts anderes als Bezeichnungen der Beobachtungen und sie schaffen eine vorläufige Ordnung der »Schichten« durch die entstandenen Verbindungen. Jedoch geht damit das Problem einher, dass Beobachtungen der Beobachtungen aus Strauß’scher Sicht die Komplexität der Umwelt – repräsentiert durch Fäden – nicht reduzieren, sondern das Verstehen erschweren. Strauß’ Dilemma im Umgang mit der Globalisierung ist in den Grundzügen immer gleich: Wie weit lässt das Individuum die Veränderungen der gesellschaftlichen Umwelt aus Freiwilligkeit oder Zwang an sich heran und in sich hinein? Und wie verarbeitet es die Folgen aus dem Eindringen der Welt? Strauß schwankt in den meisten Textstellen, die in der vorliegenden Arbeit zur argumentativen Untermauerung der Existenz einer Globalisierungskonzeption herangezogen werden, zwischen einer intensiven Beschäftigung mit der Welt und ihren Daseinsbedingungen und einer völligen Abkehr von der Welt. Der »unlösbar[e] Knoten« und der »offen[e] Faden« sind, dies darf nicht übersehen werden, aus demselben Material und in sich ebenfalls schon eine Verbindung. Die Knäuel-Struktur der Verbindungen lässt, um weiter mit dem Bild zu operieren, ein Verfolgen der einzelnen Fäden nur unter erschwerten Bedingungen zu. Das von Strauß an dieser Stelle geschilderte Verhalten des Fadens, der sich an einer Stelle spannt, wenn an anderer Stelle die Verbindungen gelöst werden, beschreibt metaphorisch den Umgang des Individuums mit dem Gesamtgefüge. Der »Knoten« ermöglicht durch Anschlüsse die Teilnahme an der Welt, der »Faden« hingegen steht für Exklusion aus der Umwelt, da die unmittelbaren Anknüpfungsmöglichkeiten fehlen. 205 Das Knotengewirr der Umwelt, für Strauß gleichbedeutend mit dem Fleck, verliert durch Reflexionen seine klaren Umrisse und entpuppt sich als noch kleineres und engeres Geflecht von Knoten. Der Vorgang des aktiven Beobachtens enttarnt zum einen die Schärfung des Blicks und zum anderen, dass die innere Struktur des Flecks eine fortlaufende Ausdifferenzierung ist. Knoten symbolisieren in diesem Fall Momentaufnahmen eines fortlaufenden Prozesses. In der Reflexion über das Phänomen Beginnlosigkeit setzt Strauß daher auch grundsätzlich voraus, dass es eben keinen eigentlichen Anfang, sondern nur Standbilder von Sequenzen gibt.337 Um Verständnisschwierigkeiten vorzubeugen, darf an dieser Stelle nicht ausgeblendet werden, dass sich Hoyles Theorie von der Urknalltheorie abgrenzt, indem sie von einem Zustand des Immerwährenden ausgeht, wodurch auch Gedanken an eine geschichtliche Darstellung möglich werden. Christine Winkelmann formuliert (übrigens schon einige Jahre vor der Veröffentlichung von Beginnlosigkeit) in ihrer Untersuchung zum ›großen Gefühl‹ bei Strauß einen an Paare, Passanten angelehnten Gedanken, der die Differenz von Fleck und Linie als historische Kategorien vorwegnimmt: »Verstehen wir ›Geschichte‹ als Beschreibung einer Bewegung, so läßt sich bei Strauß ein linearer Geschichtsbegriff erkennen: von einem fiktiven Ursprung aus entwickelt sich die Geschichte weg. [...] Neben der Linearität wird an diesem Geschichtsbegriff [der Indifferenz, S.P.] hier ein weiterer entscheidender Aspekt deutlich: Da ist ein Riß in der Entwicklungslinie – der Faden ist gerissen. Doch es wird weitergestrickt. Unter dem offenen Ende setzt sich die Bewegung fort und schlingt sich um sich selbst. [...] Was damit beschrieben wird, ist der Sprung aus der Zeit in die Welt der Simulation: die Menschheit lebt inzwischen in einer Kunstwelt, die weder 337 Vgl. dazu auch die folgende Stelle in Der Untenstehende auf Zehenspitzen: »In der Kultur war der Urknall die Sprengung des Mythos. In unzähligen Substanzen fliegt er um uns und durch uns hindurch. Die zunehmende Entfernung vom gesprengten Einen, dem religiösen Glutkern, wird angeblich nie wieder rückgängig. Neuere Theorien über das Schicksal des Universums legen nahe, daß es nie wieder kontrahieren, nie wieder ineins, zu seiner Gänze zusammenstürzen wird. Mit anderen Worten, auch unser ins Unendliche auseinanderfliegende, hinausgestreute Geist müßte wie das All irgendwann zum Stillstand kommen, auskühlen und veröden« (UAZ 43). 206 von Gott noch vom Menschen beherrscht wird. Wir leben in einem ›langsamen gewaltigen Aufbruch in eine geschichtslose, statische Epoche.‹«338 Der Riss steht für den Differenzmarker zwischen der linearen Fortschreibung und der zyklischen Reparaturbewegung. Winkelmanns Bild ist deswegen so treffend, weil es die Unterbrechung und die Wiederaufnahme gleichzeitig trennt und vereint. Geschichte wiederholen – und korrigieren – zu können, erweist sich als Irrglaube in der Realität, einzig innerhalb der Kunst können solch korrigierenden und damit kontrafaktischen Wiederholungen inszeniert werden, auch wenn dies – wenig überraschend – in einem künstlichen setting geschieht. Auf diese Weise wird das Kunstprodukt zu einem Gegenentwurf, oder nach Alexandra Ludäscher zu einer »Gegenwelt«. Genauer noch: »Kunst wird dadurch in Bezug auf die vom Autor [...] kritisierte gegenwartsbesessene, da medial bestimmte Gesellschaft, zur Gegenwelt«339. Entscheidend für solche Wiederholungen ist, zu welchen Anschlusshandlungen sie führen, das heißt, ob sie in der Lage sind, Verhaltensänderungen bei den Rezipienten zu erzeugen. Konkret, ob zum Beispiel die Novelle Die Unbeholfenen dem Leser ein besseres Verständnis der Gesellschaft vermitteln kann oder ob eine Lektüre der Widmung Liebeskummer leichter ertragen lässt. Ähnlich erläutert Jürgen Daiber es, wenn er nacherzählt, wie Strauß »[d]as Zeitmaß der Kunst und die kybernetische Zeit« miteinander verbindet – Daiber interpretiert »den Prozeß der Rückkoppelung« dahingehend, dass er »zu einer Verbesserung seines [d.h. des Systems, S.P.] zukünftigen Verhaltens«340 führen soll. Daibers Sicht ist stark von der naturwissenschaftlichen Perspektive geprägt, wodurch Zeittermini von der Alltagsbedeutung abweichen können. Trotz der genannten und plausibel klingenden Gegenwelt bleibt grundlegend das Dilemma bestehen, dass für Strauß eine lineare und eine zyklische Zeit konkurrieren und er diese Annahme in Beginnlosigkeit poetologisch auf die Spitze treibt und sie so stark wie nur irgend möglich strapaziert. Wenige Jahre später distanziert er sich von der strikten Trennung, indem er in Die Fehler des Kopisten (1997) die zyklische Zeit als Jahreskreis den äußeren Rahmen für eine 338 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹: Wahrnehmung und Weltbezug bei Botho Strauß und Peter Handke. S. 46f. Das Binnenzitat stammt aus Paare, Passanten. 339 Alexandra Ludäscher: »›Sein ist Gesehenwerden‹: Spielarten des Sehens bei Botho Strauß. Zwischen Krise und Schöpfung«. S. 153. 340 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 95. 207 Reflexion über die Tücken und Konsequenzen der linearen Zeit bilden lässt.341 3.6 Die Einheit der Differenz I: Systemtheoretische Perspektiven Als Erweiterung und Perspektivierung der bisher analysierten Themenfelder, die Strauß in Beginnlosigkeit bespricht, sollen nun systemtheoretische Sichtweisen auf die Globalisierung und daran angegliedert die Zeit, den Raum und die Vernetzung gesondert diskutiert werden. In Die Kunst der Gesellschaft formuliert Niklas Luhmann die Entstehung der initialen Beobachtung folgendermaßen: »Der Begriff der Form im differenztheoretischen Sinne setzt deshalb die Welt als ›unmarked State‹ voraus. Die Einheit der Welt ist unerreichbar, sie ist weder Summe, noch Aggregat, noch Geist. Wenn eine neue Operationsreihe mit einer Differenz beginnt, die sie selber macht, beginnt sie mit einem blinden Fleck. Sie steigt aus dem ›unmarked State‹, in dem nichts zu sehen ist und nicht einmal von ›Raum‹ gesprochen werden könnte, in den ›marked State‹ ein, und zieht, indem sie sie überschreitet, eine Grenze. Die Markierung erzeugt den Raum der Unterscheidung, die Differenz von ›marked space‹ und ›unmarked space‹. Sie wählt (irgendwie) aus unendlich vielen möglichen Unterscheidungen eine aus, um daran eine Beschränkung für den weiteren Aufbau des Kunstwerks zu finden. Sie kann mit Hilfe der ersten Differenz die eine von der anderen Seite unterscheiden, um im 341 Diese werden exemplarisch durch das Altern der Mutter und des Sohnes verdeutlicht. Der Text markiert eine Abgrenzung gegen die Gesellschaft, Strauß verlegt die Handlung in die von der Natur bestimmte Uckermark. Die Mutter befindet sich auf dem Weg aus der Gesellschaft, der Sohn auf dem Weg hinein. Strauß selbst positioniert sich mahnend in der Mitte. Die 2015 erschienene Erzählung Herkunft demonstriert nochmals schlüssiger, wie sehr der Rückzug ins Private für Strauß gleichbedeutend mit dem Rückzug aus der globalisierten Gesellschaft ist. Strauß resümierte in Mikado die Rückzugsgründe in aphoristischer Form: »Wenn man es ganz ins Enge treibt und alles Überflüssige wegnimmt, so bleiben am Ende nur zwei Grundformen des menschlichen Daseins: die Suche und das Warten. Ebenso, von allen Varianten abgesehen, gibt es nur zwei radikale Räume auf der Erde: die Höhle und die Wüste« (MIK 56). Oniritti Höhlenbilder aus 2016 baut grundlegend auf einer weiteren Entziehung auf: Eine Vielzahl der Fragmente propagiert den Eintritt in Höhlen; tatsächliche, erdachte, erträumte oder dunkle, abseitige Gedankenpfade. Strauß umreißt abgewandte Gegenwelten, zelebriert das Nachtseitige unterhalb der gewohnten Sicht- und Wahrnehmungssphäre. 208 marked space die nächste Operation anzuschließen. Das Unterscheiden dient dem Dirigieren von Anschlußoperationen.«342 Der »Raum der Unterscheidung« entspricht dem Fadenriss, durch den die Linie (eben auch: »›unmarked space‹«) den Fleck (»›marked space‹«) ermöglicht.343 Die initiale Unterscheidung schafft einen Raum und greift über diesen und in diesem die Beginnlosigkeit an und führt über Folgebeobachtungen zu einer sich langsam herausbildenden Kontur. Ohne Raum kann in Strauß’ Sinn die Zeit nicht existieren. Das Kerndilemma seiner Untersuchung liegt in der Frage, was vor der thematisierten Beginnlosigkeit liegt. Sie ist nicht zu beantworten, denn nicht dahinter blicken zu können, ist eine zu akzeptierende Grundbedingung dieser Überlegungen. Dies ist der blinde Fleck in Beginnlosigkeit. Die Frage kann jedoch umgangen werden, indem stattdessen die Initialbeobachtung als Anfangspunkt eines langen Reflexions- und Verstehensprozesses angenommen wird. Durch einen solchen Noteinstieg – den ›fiktiven Ursprung‹ (Winkelmann) – in die Zeit erlauben diese theoretischen Ausgangspunkte Strauß auch, von »ursachenlosen Prozessen im Aufbau der Welt« zu sprechen, in denen »der diffuse Fleck eines vielgestalten Verstehens« einzelne »Linien und Gründe« gleichermaßen aus dem Blickfeld eliminiert (B 29). Das Fehlen eines Anfangs stellt aus dieser Sicht folglich keinen Malus mehr dar. Es geht Strauß einzig darum, jenen Teil der Umwelt zu verstehen, den das Individuum durch Weben, Anknüpfen und Reflektieren wahrnehmen kann. Es gilt daher auch, dass eine Erstunterscheidung es ermöglicht, ›das Erste und das Blo- ße‹ zu unterscheiden. Nach Luhmann eine Grenze zwischen einem nicht näher bestimmten Vorher und jenem nun im Fokus stehenden Teil der Welt zu ziehen. So werden Beobachtungsprozesse angeregt, die Verstehen 342 Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft. 51f. 343 Luhmann bezieht sich hier explizit auf die Beobachtung der Welt durch Kunst, der blinde Fleck liegt am Anfang jedweder Unterscheidung. Vgl. hierzu auch den Essay »Erkenntnis als Konstruktion«, in dem es heißt: »Es ist nur eine andere Bezeichnung für denselben Sachverhalt, wenn wir sagen, die Unterscheidung, mit der ein erkennendes System jeweils beobachtet, sei ihr ›blinder Fleck‹ oder ihre latente Struktur. Denn diese Unterscheidung kann nicht ihrerseits unterschieden werden; sonst würde eine andere, eben diese, als Leitunterscheidung verwendet werden und dies seinerseits blind. Und wieder dasselbe ist gemeint, wenn man sagt, daß alles Beobachten eine Grenzziehung, einen Schnitt durch die Welt, eine Verletzung des ›unmarked space‹ voraussetzt und erzeugt« (Luhmann: »Erkenntnis als Konstruktion«. S. 224). 209 über ein differenzgestütztes Auflösen in der unendlichen Netzstruktur ermöglichen. Eintauchen in die immer feiner werdenden Verbindungen öffnet auch den Weg zu einem Verstehen der Komplexität der Umwelt, wie Strauß in Bezug auf das Verstehen äußert: »Denn ein Verstehen, das sich nicht auflöst, versteht nicht. Daß aber gleichwohl das Elementare vorausgesetzt werden muß, damit wir die Tragödie verstehen, daß es schon deshalb in der Seele konstruiert werden muß, selbst wenn es in der Welt sonst nirgends zu finden wäre. Irgendwo müssen wir dem Ersten und Bloßen begegnen in einem Raum, der nur aus Ornamenten und Fiorituren der einen Vielfältigkeit besteht. Gewiß, man wird sich damit abfinden: alles schwelgt, webt und bezieht sich, aber der Einschlag der Unlösbarkeit –« (B 29f.) Wie von Luhmann und Strauß unabhängig voneinander bei erstaunlich großer Schnittmenge dar- und festgestellt wird, definiert die Erstunterscheidung die Kette der Beobachtungen und entsprechend auch das Ergebnis und die Form dieser. Die chaotische Struktur des Suprasystems Welt zielt primär nicht auf Schönheit ab, sondern auf Fortbestand. Die stabile Selbstreproduktion ist das elementare Daseinsmerkmal der Welt. Einzig das in Kunst, im Künstlichen und im Künstlerischen manifestierte Bild der Welt operiert anhand der Leitdifferenz schön/nicht-schön und nur hier findet sich ein Ort für Ästhetik: »Verknüpfungswerke sind derb und ungleichmäßig. Sie scheuen den Webfehler, die Unschönheit nicht. Sie suchen nur: Dichte, Zerreißfestigkeit. […] Die Kunst hat sich in Lebensnähe ebenso bewährt wie in Lebenswidrigkeit, in der organischen Metamorphose genauso wie im konstruktivistischen Gegenbild. Fleck und Linie, Markt und Orden, Formel und Netz. Dazu noch gilt: das Künstliche ist organisch wie das Organische. Der Geist bringt kristalline wie vegetabile Formen hervor.« (B 67f.) An diese Beobachtung schließt sich die folgende thematisch an und ist ein erneutes Eindringen in die mikroskopisch kleine Knäuelstruktur des Flecks bei gleichzeitiger Abgrenzung zur räumlichen Ausdehnung der Welt: »Was ist der Raum der äußeren Ausdehnung schon verglichen mit der Vermehrung in der Enge! Die Verfilzung von Gefügen und Strukturen ist das gewaltigste organische Programm, nicht die Ausbreitung, Entfaltung« (B 75). Dass Strauß »Dichte« und »Zerreißfestigkeit« als die stabilisierenden Fakto- 210 ren anführt, bestätigt seinen Ansatz, in den Auflösungsprozessen feste(re) Wegmarken zu setzen und »Ausdehnung« und »Enge« als Einheit zu sehen. Eine der motivisch variierten Differenzen in Beginnlosigkeit äußert sich in unterschiedlichen Raum-Dichotomien. Bereits beschrieben wurde die Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelt mit ihren unterschiedlichen Attributen, zum Beispiel Weite der Umwelt, Enge des Individuums, Bewegungen in Richtung von Systemgrenzen oder auf das Netzwerk bezogen die unterschiedlichen Festigkeiten des Netz(werk)es. Dies sind verschieden ausgeformte Positionierungsversuche, die einerseits als ein Bewegungsmuster aus Anziehung und Abkehr sowie andererseits als sich an die Erstunterscheidung anfügende und auf Binäroppositionen beruhende Operationen gesehen werden sollten. Die Gegensätze und Grenzziehungen ermöglichen erst die Positionierungen und das Herantasten an etwas möglicherweise Greifbares in der Leere der Welt, wie Strauß entlang eines Mäanderns oder Oszillierens verdeutlicht: »Kommen und Gehen, Auf und Ab, Wiege und stetes Schwanken. Dieselben Dinge nähern sich, entfernen sich. Dieselben Dinge sind heute ein Geheimnis, morgen eine öde physische Gegebenheit. Das Erkennen schaukelt wie ein leerer Kahn auf den Uferwellen. Du kannst dich nicht dagegen wehren, dreimal in der Minute vom Nichts berührt und vom Leben zurückgerissen zu werden. Man zählt die Welt mit 0 und 1. Das ist bezeichnend genug. Aus der hellen Freude, die schon das Kindchen hat, wenn ein Augenpaar über der Tischkante auf- und abtaucht, entsteht der Taktschlag des Wissens. Annäherung und Rückzug, heißt es, bilden die Vorläufer von Ja und Nein. Wen wundert es, daß wir nirgends so geborgen schwanken wie zwischen echten Gegensätzen? Es ist die schaukelnde Welle, die mit dem Licht spielt, die eckig glitzert wie ein Kristall, die weder Kamm noch Schaum bildet, deren Geschichte nicht in Fortbewegung zählt, sondern in Lichtwechseln, Reflexen, Windmalen, in den Besuchen der Insekten auf ihrer gespannten Haut. Man war diese flache Welle und schaukelte ohne Ziel und Drang vom Mutterleib bis zum Abtransport.« (B 57f.) Interessant an diesem Fragment ist auch, dass dem Individuum teilweise abgesprochen wird, selbstbestimmt navigieren zu können. Wie zuvor das Verstehen benötigt auch das Ausloten der Gegensätze gelegentliche Rückwärtsbewegungen, um die ungefähre Ausdehnung und Bedeutung des Weltganzen abschätzen zu können. Eine (dennoch begrenzte) Rückgewinnung der eigenen Bewegungs- und Deutungshoheit geschieht über eine strukturelle Kopplung an die Umwelt, die es durch entsprechende Verste- 211 hensoperationen ermöglicht, den einströmenden Signalen einen rudimentären Sinn abzuringen. Strauß inszeniert ein »Rauschen und shiften« von »Abstraktionen«, die ihrerseits »beruhigen oder erregen wollen«, und betrachtet diese Begrenzung auf nur zwei Zustände als »das Schwarz-Weiß, die binäre Wahl der Sekrete, Hüpfer oder Dämpfer«, denn die höheren Abstraktionen sind unmittelbar mit den Neurotransmittern verbunden« (B 73). Beruhigung und Erregung markieren die Außenpunkte jenes Empfindungsspektrums, das nicht mit dem Bewusstsein verbunden ist. Strauß skizziert hier organisch-physiologische (und somit unterbewusste) Reaktionen auf das Rauschen der Welt, die außerhalb eines bewussten Wahrnehmens und Verstehens liegen. Dies ist mit anderen Worten eine Deutung der Welt auf der Ebene des unmittelbaren, instinktiven und nichtgefilterten Erlebens. Auf dieser Ebene wird die Umwelt nur erlebt, nicht beobachtet und nicht beschrieben und ist vergleichbar mit der Unterscheidung zwischen psychischen und organischen Systemen. Letztere erleben ihre Umwelt lediglich, psychische Systeme hingegen sind aufgrund des Heranreifens eines Bewusstseins (und Kommunikationsfähigkeit) zu gesteuerten Anschlüssen fähig; der Versuch zeigt sich auch in Beginnlosigkeit. Für das Verständnis dieses Teilaspektes ist es erforderlich, die einströmenden Signale sinnvoll kodieren zu können, um zugleich eine Grenze zwischen dem abgekoppelten Instinkt und dem mit den Netzprojektionen (in) der Umwelt verbundenen Bewusstsein zu ziehen. Hierbei wird, wie Strauß feststellt, zugleich ein räumlicher und zeitlicher Zwischenraum abgesteckt, der »eine tatsächlich unbekannte Welt verlorener Zusammenhänge, die man weder wachend noch träumend je erfuhr« (B 26) repräsentiert. Für Strauß der Anlass, mit einer Reflexion über die Zeit fortzufahren und erneut auf den steady state hinzuweisen: »Man hat dann das Gefühl, eine hinter allen Schnelligkeiten hausende, verlaufslose Welt zu betreten, in der die Zeit, noch fein gefaltet, eng geschichtet, sich verbirgt, vergleichbar dem Stratum geologischer Formationen« (B 26). Strauß weist der Zeit dieselben Attribute wie dem Fleck zu; beide sind gefaltet, geschichtet, verbergend. Es treffen unter dem zeitlichen Aspekt »der Raum der äußeren Ausdehnung« und die »Vermehrung in der Enge« (B 75) zusammen. Die gleichzeitige äußere und innere Ausdehnung entzieht der Zeit die Referenzpunkte. Diese Form der ästhetischen Repräsentation der Globalisierung lässt den »Zeit-Raum [wachsen], in dem die Nicht-Mehrs schwinden. Es kehrt, es könnte in sprunghaften Fristen manches wiederkehren, so daß man die Zeit nicht mehr nach Zyklus und Pfeil unterscheidet, sondern sie wie das 212 Ganze eines Gedächtnisses durchreist, das selbsttätig, inwärts, eher nach neuronalen als historischen Prinzipien sich erinnert … Auf dem Weg aber werden wir klein und kleiner sehen, immer enger und innerer sehen, Anschauung verlieren, Wälder vergessen, Zaun und Fluß nicht mehr unterscheiden, Fels und gepuderte Wange nicht – aber den Gedanken selber erblicken in seiner endlosen Knospe. Um dann noch inwendiger zu sehen, wie er aus einer kosmischen Menge verschalteter Flecken und Fasern gemacht wird in einer wortlosen Sprache, und schließlich begreifen, daß wir durch und durch retikulär sind: ein Netz-Wesen, das nur noch Netz erkennen kann.« (B 49f.) Diese Stelle beschreibt recht anschaulich die Mechanismen der Ausdifferenzierung und Globalisierung in Bezug auf die Netzstruktur der Umwelt sowie die bewusste und differenzverursachte Blindheit für alles, was sich außerhalb der Differenz befindet. Die Binäropposition wird in der Anwendung zu einem Schlüssel, mit dem sich die Umwelt deuten lässt, und ermöglicht durch Ausblendung anderer Aspekte die Reduktion von Komplexität durch selektive Wahrnehmung. Viel später in Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit (2013) reduziert Strauß diese Überlegungen auf die Frage, ob ›man vor der Welt noch die Augen verschließen könne‹ oder ob man einer »einheitliche[n] Schattenwelt [...] beigemischt« sei (LDT 160). Zugleich verdeutlicht Strauß in Beginnlosigkeit ein weiteres Mal die »grenzenlos[e] Oberfläche« (B 37) der Welt, die, mit der Umwelt zusammenfallend, ein überkomplexes Konglomerat aus unterschiedlichsten Anschlussmöglichkeiten besitzt. Aus dem notwendigen Richtungschaos leitet Strauß ab, dass Stillstand den Fortbestand gefährden würde: »Zerfall betrifft vielmehr das, was eine oder seine Richtung beizubehalten sucht. Jeder einzelne Ort ist Zerfall« (B 72). Dass Strauß hier die Entropie, die zugleich ein Zeitgebundener Prozess ist, in Bezug zu Orten setzt, dient auch dem Zweck zu erklären, dass zu starke Regulierungs- und Beeinflussungsversuche durch den Menschen den Fortbestand gefährden würden, da die Umwelt (als das System, das sie ist) sich selbst und dabei gegen die Entropie reproduziert. Das einzelne Individuum bleibt solange unbedeutend, bis das System ›Umwelt‹ über die Annahme oder Ablehnung der vom Individuum bereitgestellten Leistung entschieden hat, das heißt Partizipation erlaubt oder auf eine beibehaltene Exklusion aus dem System besteht. Und auch hier gilt erneut, dass einerseits das Individuum die Welt nur über Teilnahme an ihr erfahren kann, während andererseits die Welt von der Existenz oder Nichtexistenz einzelner Menschen unbeeinflusst bleibt, solange dem System Input in Form von Leistungen angeboten wird (vgl. B 56). Dass Sys- 213 temtheorie die Argumentations- und Inhaltsstruktur des Textes Beginnlosigkeit maßgeblich beeinflusst, drückt Strauß bereits auf den ersten Seiten aus. Die autopoietischen Steuerungsoperationen werden an diversen Stellen direkt, wie zum Beispiel in einer auf Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Francisco Varela verweisenden Fußnote (B 8), oder auch indirekt thematisiert, z.B. durch die oben angeführten Erzählweisen oder die Art der Bezugnahme.344 Zahlreiche der von Strauß angesprochenen und verarbeiteten Themen finden Entsprechungen in der von Luhmann weiterentwickelten beziehungsweise erarbeiteten Systemtheorie. Der folgende Grundsatz durchzieht das Werk von Luhmann an unzähligen Stellen und umfasst in Soziale Systeme weite Teile des Textes, aber ist im hier gewählten Essay knapper formuliert: »Unser Ausgangspunkt ist wieder: Kein System kann seine eigenen Operationen außerhalb seiner Grenzen durchführen. Jede Erweiterung der Operationsmöglichkeiten, jeder Zuwachs an Komplexität heißt eo ipso: Ausdehnung des Systems. Daraus folgt, daß kein System seine eigenen Operationen zur Erstellung eines Kontaktes mit der Umwelt einsetzen kann; denn das würde es erfordern, daß die Operationen zum Teil, sozusagen mit einem Ende, außerhalb des Systems stattfinden. So kann kein Gehirn Nervenimpulse verwenden, um außerhalb des Gehirns nach anschlußfähigen Nervenimpulsen zu suchen. Kein Bewußtsein kann operativ aus sich herausdenken, obwohl es natürlich in sich an etwas anderes denken kann. Kein Gesellschaftssystem kann mit seiner Umwelt kommunizieren.«345 344 Für eine kurze Zusammenfassung der biologischen Systemtheorie in Kombination mit den Mechanismen der Sinnesorgane sei auf Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft (S. 155) verwiesen. Die Luhmann’sche Weiterführung ist ergiebiger, vor allem auch im Hinblick auf die anderen Analysen in der vorliegenden Arbeit, sie gewährleistet eine größere Kohärenz. 345 Luhmann: »Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt?«. S. 130. Mit dieser Aussage zur inneren Systemstabilisierung über Kommunikation korrespondiert ein Fragment aus Beginnlosigkeit, das sich der Sprache widmet. Systemtheoretisch betrachtet ist Kommunikation zwar mehr als nur der Austausch sprachlich kodierter Botschaften, die Analogie in der Aussage ist dennoch verblüffend, da Strauß ebenfalls Mechanismen der inneren Stabilisierung beschreibt: »In der Sprache geht es, was den Zuwachs an Komplexität betrifft, geschichtlich offenbar umgekehrt zu wie bei der Entwicklung des Wissens, der technischen oder biologischen Formenwelt. Ältere Sprache befördert ein komplexeres Verstehen als neuere, technisch angepaßte. Sie ist einfach reicher, nicht unbedingt im Vokabular, sondern reicher in der ›Vernetzung‹ des Verstehens. Besitzt mehr ›Anklang‹, wie Heidegger sagen würde. Ornamentaler und stärker auf sich selbst bezogen, 214 Dass das Individuum in Beginnlosigkeit wie in der systemtheoretischen Sicht nicht ein Teil der Umwelt werden kann, wurde im vorherigen Abschnitt bereits dargelegt. Im Umkehrschluss kann auch die Umwelt nicht Teil des Individuums in seiner Funktion als psychisches System werden. Eine strickte Grenzziehung verhindert es. Strauß beschreibt an einer Stelle explizit die vielschichtige Umwelt als ein großes operativ geschlossenes Supra-System, an das kommunikative Anschlüsse immer nur bis zur Grenze, aber nicht darüber hinaus möglich sind. Die besondere Art des Zwischenfazits bezeichnet, unter welchen Bedingungen die Systemgrenzen überwunden werden können, wie der nächste Abschnitt aufzeigen wird: »Die große Regierung, die unerlaubte, mit ihren gewaltigen Quadraturen und kollektiven Ritualen, zentraler Macht und gezirkelter Ordnung ruht hinter geschlossenem Lid in einer imaginären, eigens für sie geschaffenen Schattenwelt. Lebensförmige Ordnung glauben wir inzwischen erkannt zu haben und praktizieren sie mit offenkundigem Erfolg. Markt, Netz, Autonomie, den ganzen ausladenden demokratischen Strukturenbaum vergleichen wir dem Meisterwerk des menschlichen Organismus selbst. Herrschaft aber aus der Quelle des Todes, Architektur der gebändigten Linie, kurz, das ästhetische Recht auf ein anorganisches Leben, kann sich nur in nächtlichen Konstruktionen erfüllen, das monumentale Imperium […]; es bleibt insgesamt der Gegenwart der Kunst vorbehalten, die freilich oft mit solch dunklen Assoziationen unangemessen leicht betört.« (B 71) Das Supra-System Gesellschaft ist die von Botho Strauß so genannte Schattenwelt, die sich an den Prinzipien biologischer Einheiten wie dem Menschen orientiert. Viel eher sollte man den Begriff Projektion statt Schattenwelt verwenden. Die nur kurz angerissene Möglichkeit der Grenz- überschreitungen besitzt beispielsweise die Kunst, in der derartige Überschreitungen möglich sind. Kunst (wie Träume und Wahnvorstellungen bewegte sie Dimensionen der Unterscheidung, der Integration, die wir eigentlich jetzt erst im vollen Umfang gebrauchen könnten. Ältere Sprache erweist sich folglich oft als das empfindlichere Instrument, um neue Nachrichten zu sondieren. Gerade dort, wo sie gewahrt, was sie nicht bei sich selber gewahren kann, wo sie auf eine prinzipielle Fremd-Sprache stößt, Formel und Zahl, reagiert sie mit einer Verdichtung von Bild und Gedanke, mit einer Steigerung ihrer internen Spannkräfte. Das komplikative Verstehen, das eingefaltete, anstelle des explikativen, wird dann zu ihrer »Neuheit«. Ältere Sprache also im Entstehen, nicht aber: alternde Sprache oder gar Sprache ›im alten Stil‹…« (B 80). 215 auch) ist von den durch einen gemeinsamen Konsens als normal akzeptierten Konstitutionsbedingungen der Gesellschaft losgelöst. In ihr ist möglich, was in der sozialen Wirklichkeit (um nicht reale Realität zu sagen) nicht möglich ist. Auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand bezogen (sowohl das Einzelwerk als auch das Œuvre) erlaubt das Kunstwerk Text eine exemplarische Beschreibung dessen, was innerhalb der Systemtheorie als die ›Einheit der Differenz‹ bezeichnet wird. Strauß beschreibt Einzelaspekte und übergeordnete Zusammenhänge. Die indifferente Systemgrenzüberschreitung der Kunst thematisiert Strauß schon in »Die Erde – ein Kopf«. Das vorherige Kapitel setzte die folgende Äußerung bereits in einen größeren Zusammenhang, jedoch ist im Detail aus ihr auch ableitbar, wie Strauß sich Differenzen und den entsprechenden Einheiten nähert: »Was ist Glashaus, was ist Welt? Was innen, was außen? Was Automat und was Organ? Nicht mehr zu unterscheiden. Wir fühlen unseren Kopf Globus werden und gehen auf einer Erde, die sich anschickt, ein einziger Kopf zu werden. Die verschaltete Welt ist das komplette artificium, die künstliche Kunst nur ihr oberster Verdichtungsgrad. Das hermetische Lustspiel ist kein satirisches Gleichnis mehr, sondern inzwischen ein Gestaltteil, Modul einer radikal erfundenen Wirklichkeit. Wir haben im Höchstkünstlichen noch ein mal die ganze Welt. Kein Einlaß, kein Auslaß: nach Schließung des Kunstwerks.« (ERD 25f.) Strauß kommuniziert in Literatur über Systemtheorie und ihre Mechanismen und überführt diese in seine Argumentation und Reflexion zur Beginnlosigkeit und in Verlängerung zur Globalisierung. Beginnlosigkeit kann im Subtext als ein verhältnismäßig weitläufiger Kommentar zur Systemtheorie gelesen werden, der deren Formen und Konsequenzen durch Anwendung systemtheoretischer Prinzipien literarisch ausleuchtet. Die Intention hinter dieser doppelten Aussagestruktur besteht darin, dass Strauß systemtheoretische Beobachtungs- und Reflexionsweisen anwendet, um Beschreibungen der gesellschaftlichen Ausdifferenzierungen erzeugen und formulieren zu können. Sie führen zu literarisch-ästhetischen Repräsentationen und Diskussionen der globalisierten Gesellschaft, wobei der Fokus häufig nicht auf konkrete Globalisierungsmechanismen gerichtet ist, sondern die Konsequenzen der Veränderung sowie der Globalität aufzeigen will. In Beginnlosigkeit spielen Differenzen eine maßgebliche Rolle, um die Deutungen der Welt zu erklären und die Erklärungen zu verorten. Kurz: 216 durch Systemtheorie erklärt Botho Strauß verschiedene Teilaspekte von Globalisierung unter der Prämisse, dass diese wie auch andere Theorien, die ins Werk einfließen, gebrochen und angepasst werden. Diese Transferschritte ermöglichen Wahrnehmungen der Welt über Beobachtungen samt anschließender Schilderung entlang von ›Gittersprüngen‹. Auch hier gibt es Transferverluste, weil Sachverhalte in neue Codes überführt werden müssen.346 Strauß formuliert die Verluste unter dem Aspekt der Form: »Formen sind eben auch Bewegungsformen. Oft geschehen sie in Bereichen der literarischen Materie, wo der Beobachter-Leser nicht zugleich Schönheit und Eile eines Gedankens, einer Chiffre bestimmen kann – beides ist so ineinander übergehend, daß man entweder die Schönheit oder die Flüchtigkeit selbst zum Erkenntniswert nimmt. Etwas ist schön: so schnell es sich innerlich auch bewegt, es ruht. Etwas ist flüchtig: so schön es auch sein mag, es fliegt vorüber. Formen sind Nervenformen, Gittersprünge, Gedächtnisläufe, organische, technische Morpheme, die die Trennung von Innen und Außen, von Materie und Geist, von Empirie und Imagination aufheben; Mikroprozesse, Systemverwebungen, die insgesamt von keiner Ursache herrühren und zu keiner Schlüssigkeit tendieren.« (B 61f.) Indem Strauß literarische Schönheit gegen Eile, in der eine Bewegung im Wettlauf mit der Entropie verankert ist, aufstellt, erhält er Zugriff auf beide Seiten der Differenz, auf diese Weise wird aus dem »Erkenntniswert« der Differenz ein Erkenntnisgewinn. An einer ähnlich aufgebauten Betrachtung in Paare, Passanten (1981) zum »Fading des Kunstwerks« (PP 104) lässt sich die Position von Kunst in der Welt und ihre Aussagekraft über sie ableiten: »Unwichtig: ohne Gewicht ist inzwischen jegliches Buch. Das erfüllte, komplexe, schwerdurchdringliche [...] findet ebensowenig einen Boden, um anzuwurzeln, wie das anschmiegsame und gerngesehene Werk der Saison. Wo nichts aufgebaut wird, kann auch das Widerstrebende sich nicht halten. Gemeinsam fallen alle Werke der Herrschaft der Geschwindigkeiten, der 346 Vgl. hierzu auch Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 159-161. Daiber konzentriert sich jedoch nur auf biologische autopoietische Systeme und übersieht, dass der Begriff der Selbstreferenzialität stark von einem Bewusstsein abhängig ist, das Zellen oder Organismen nicht aufweisen. Schlüssig hingegen sind seine Schilderungen, dass nur systemrelevanter Input vom System wahrgenommen wird. 217 wachsenden Beschleunigung und der totalen Passage zum Opfer. In der Dromokratie (dem Machtsystem der Beschleunigungen), in der wir, wenn Paul Virilio recht hat, inzwischen leben bzw. uns die Zeit vertreiben, ist Bestand haben etwas Gesetzwidriges.« (PP 104) Beide Betrachtungen widmen sich einerseits der Bewegung und insbesondere dem Geschwindigkeitszuwachs der Außenwelt des Kunstwerks und andererseits der kunstwerkinternen Differenzverarbeitung. 3.7 Die Einheit der Differenz II: Kunst & Idiotie als Grenzüberwindungen Laut Strauß kann durch Kunst die Grenze zwischen Individuum und Umwelt überschritten werden. Darüber hinaus ist es denkbar, eine Einheit aus der Differenz zwischen Individuum und Umwelt zu beschreiben. Eine Voraussetzung dafür besteht entweder in einem künstlerischen Zugang zur Welt, in der Auflösung des Menschen oder in etwaigen Sonderformen der psychologischen Wahrnehmung. Für den künstlerischen Zugang gibt es viele Beispiele. Die Auflösung des Menschen ist mit dessen Tod verbunden und daher nicht praktikabel.347 Die besondere Wahrnehmung innerhalb der Kunst eröffnet Wege zur Bildung einer solchen Einheit der Differenz von System und Umwelt. Betont werden muss, dass es sich um eine Wahrnehmung und anschließende Operationen innerhalb des Kunstwerkes 347 Mit einem Verweis auf ein Fragment in Beginnlosigkeit, das den Flug einer Taube beschreibt, stellt Friederike F. Günther fest, dass »ein Wesen der ziellosen Bewegung ausgesetzt und zur Materie reduziert [wird], was für einen Organismus gleichbedeutend mit dem Tod ist. Das organische Dasein kennt – anders als das beginnlose All – den Tod, und wenn man sich diesen vor Augen hält, dann ist es mit der Unterschiedslosigkeit vorbei: Isoliert und individualisiert, ganz Linie und nicht Fleck […]«. (Günther: »Vom Sterben des Anfangs? Botho Strauß: Beginnlosigkeit«. S. 209). In Kongreß – Die Kette der Demütigungen äußert wiederum eine der Figuren, dass der Tod ein Ausweg aus unlösbaren Verbindungen zweier Menschen ist (vgl. KKD 95). Tod ist auch ein Leitmotiv im Stück Die Hypochonder, in dem Strauß ein exaktes, wohlkalkuliertes und systematisches Chaos herausarbeitet, um die Grenzübertritte im Augenblick des Todes darzustellen. Mit einer Aussage von Peter Fuchs lässt sich zusammengefasst sagen: »Löscht man das Wahrgenommene, tilgt man zugleich den Wahrnehmenden« (Fuchs: Die Psyche: Studien zur Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt. S. 27). 218 handelt, denn das Kunstwerk348 ist ein geschlossenes System, das sich wiederum zu einer Umwelt (zum Beispiel den Betrachtern) positionieren kann. Auf der internen Ebene des Kunstwerkes ist gleichzeitige Selbst- und Fremdreferenz durchaus möglich, wie ein erneuter Verweis auf ein bereits kurz unter dem Stichwort der literarischen Archivierung beziehungsweise dem künstlerischen Speicherungsmechanismus herangezogenes Fragment zeigen soll. Die Fremdreferenz besteht aus dem Wirklichkeitsbezug und dem Referenzrahmen des Kunstwerkes (beziehungsweise hier der Erzählung). Der Selbstreferenz entsprechen das eigentliche Erzählen und die Autor-Funktion, bei der ein strenger Innenbezug hergestellt wird.349 Die Funktion der Kunst ist somit neben der (kodierten) Verständigung eine Grenzbestimmung, um beide Elemente des zum jeweiligen Inhalt bestimmten Differenzpaares zu vermitteln. Im Text heißt es: »Man spricht nicht nur aus einem Grund, dem der Verständigung. Mindestens auch zum Zweck der gemeinsamen Stimmfühlung und der Grenzbestimmung. Wie der Gesang den Walen, das Klickgeräusch den Delphinen dazu dient, die Grenzen ihrer Umgebung abzutasten, so gibt es auch menschliche Sprache, die horcht, indem sie verlautet. In einzelnen Kunst- 348 Der Bezug gilt für geschlossen angelegten Kunstwerken wie Texten, Bildern oder Skulpturen. Aber auch Performanz-Kunst wie Theater, Ballett, Musikaufführungen von Eingeweihten und mit einer repetitiven Grundstruktur oder performativ angelegte Aktionskunst von spontanerem Charakter wie Flashmobs, Happenings und so weiter sind einbezogen. Illusionen einer Aufhebung der Grenze zwischen Individuum und System sind in allen Kunstgattungen möglich, sonst wären es schlicht keine Kunstwerke. 349 Simone Gottschlich-Kempf greift diesen Gedanken in ihrer Studie auf. Sie stellt zur Selbstreferenzialität fest, dass »[j]ene ambivalenten Auswirkungen, welche die Anerkenntnis der Selbstreferenzialität unserer Wahrnehmung hinsichtlich der eigenen Identität sowie der zwischenmenschlichen Beziehungen zeitigt, […] in Strauß [sic!] Werk eine zentrale Stellung [einnimmt]« (Gottschlich-Kempf: Identitätsbalance im Roman der Moderne. Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil, Max Frisch und Botho Strauß. S. 710). Laut Gottschlich-Kempf ist »jede Erkenntnis als vollständig subjektiv zu werten« (ebd.). Dieser Gedanke ist nicht neu und sie führt ihn folgerichtig auf die in Beginnlosigkeit vorgefundene Wahrnehmungsweise zurück. Kontrastierend ist jedoch anzumerken, dass diese Perspektive nur für einen Teil der Aussagen in Beginnlosigkeit gilt, wie die vorherigen Teilkapitel gezeigt haben. Zuzustimmen ist jedoch den von der Autorin im Werk erkannten »komplexen Wechselbeziehungen« (ebd. S. 713) zwischen Individuum und Umwelt. 219 werken besitzen wir für immer verläßliche Echolote, die die Grenze des Menschen zur eisigen Stille ermitteln.« (B 31) So bieten Kunstwerke die Möglichkeit, eine Grenzbestimmung dauerhaft zu archivieren und sie durch wiederholte Deutungsoperationen zu manifestieren. Das gewählte Fragment macht die Unterscheidung zwischen der »gemeinsamen Stimmfühlung« und der »eisigen Stille« einer wiederholten Erfahrung und so auch einer Beobachtung zweiter Ordnung zugänglich. Strauß’ Ansatz geht nun davon aus, dass Grenzziehungen in der Kunst minder trennscharf ausfallen als es beispielsweise in anderen Kommunikationsformen der Fall ist. In einem Essay über Konrad Weiss reformuliert Strauß diesen Gedanken und sieht dort durch Sprache die Fähigkeit gegeben, auch die feinsten Nuancen zu transportieren, durch »Kraftfelder« überhaupt erst die zuvor genannte »gemeinsam[e] Stimmfühlung« zu erlangen und zugleich eine Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelt zu setzen: »Die Sprache ist gleichsam eine Infrarotsprache, welche die Wärme- und Kraftfelder eines Menschen darstellt. Sie unterscheidet allenthalben nur Gestalt, innere wie äußere, und erfaßt den Hauch, Pneuma und Nimbus, eines Menschen genauer als seine Lebensumstände«350. Strauß bewegt sich an dieser Stelle seiner Darlegungen in einem Unsicherheitsbereich – der Infrarotbereich bleibt dem menschlichen Auge verborgen, Wärmefelder sind diffus, ebenso der Lufthauch – der durch Sprache schärfer konturiert wird. Damit wird zugleich eine Beobachtungsperspektive aktiviert, welche die Überlegungen zur Ausdifferenzierung der Grenzfläche beziehungsweise des Grenzbereiches, die Strauß in Beginnlosigkeit propagiert, zugänglicher macht. Strauß rekapituliert Descartes Trennung zwischen Körper und Geist und synthetisiert diese mit Befunden zur Gegenwart, um die »Verschlingungen der Gegensätze« (B 69) aufschlüsseln zu können. Strauß sieht »[g]ebrochene Dimensionen« und meint damit, dass Grenzen »keine glatten Schnittflächen« sind, sondern dass »zwischen Ferne und Nähe, zwischen Schein und Sein, Tiefe und Oberfläche, zwischen Schweigen und Redbarem« bei näherer Betrachtung »zerklüftete Linie[n]« (B 69) existieren. »Was ist zwischen Schein und Sein, Maske und Gesicht?« (B 69f.), äußert Strauß. Reflektiert man diese Frage weiter, lässt sich aus ihr ableiten, dass Grenzbereiche feiner verästelt sind, als in der ersten Beobachtung angenommen. Strauß antwortet dazu: »Eine unendlich teilbare Strecke minimaler Übergänge. In Wahrheit gehen sie auseinander hervor, 350 Botho Strauß: »Die Entgegenkommende. Zu ›Die Löwin‹ von Konrad Weiss« (AUF 131). 220 laufen ineinander über« (B 70). Eine derartige Sichtweise auf mikroskopisch nahezu unendlich vergrößerte Grenzlinien verdeutlicht auch die Strauß’sche Globalisierungssicht, indem sich der Autor nicht mit einfachen Aussagen zu Grenzverläufen zufrieden gibt, sondern die Annäherung oder Berührung von einander abgegrenzter Teile so präzise wie nur irgend möglich erfassen möchte. Fleck und Linie stehen auch in diesem Punkt für differente Phänomene, die laut Strauß ohne den jeweiligen Gegenbegriff nicht vollständig sind. Das Denken in Einheiten von Differenzen ist konstituierendes Merkmal der Poetologie in Beginnlosigkeit. Vor der soeben beschrieben Passage findet sich eine Gleichstellung des Künstlichen (und darin ebenfalls mitgedacht: des Künstlerischen) mit dem Organischen »in der organischen Metamorphose genauso wie im konstruktivistischen Gegenbild« (B 67). Für das Text- wie für das Weltverständnis bedeutet dies nun, dass die ausdifferenzierte und in die Zusammenhänge zoomende Beobachtung die »minimale[n] Übergänge« sichtbar macht. Es ist ein Blick auf das Kapillarnetz und -gewebe des Grenzbereiches, in dem die Unterscheidung von dem einen in den anderen Begriff übergeht. Es ist mit anderen Worten die Stoffwechselaktivität der künstlerischen Darstellung von Welt, wenn der Künstler die wechselseitigen Beziehungen der Selbst- und Fremdreferenz beziehungsweise des Systems und dessen Umwelt austariert. In diesem Fall demonstriert der Künstler laut Strauß »die Befreiung von aller mimetischen Schlacke, das poetische Wesen in seinem Gespinst, mehr Puppe, Luftgeist an Drähten als verschmutzter Mensch, Epochenpaßgänger. Derzeit kann sich Kunst vor allem dort behaupten, wo sie solche Zwischensphärengeschöpfe einfängt. Figuren, die immer von oben, aus den splitternden, krachenden Lüften der Einbildung hinunterstürzen.« (B 92) Die zuvor schon angedeutete Funktion der Kunst ist es, eine andere (zum Beispiel nicht soziologische oder verhaltenspsychologische) Deutung der Welt vorzunehmen. Die Beobachtungen der Realität aus Sicht der Kunst mit der angegliederten Benennung von Unterscheidungen, welche die Realität auf eine weitere Weise verständlich machen, schafft einen Deutungsraum, in dem beide Elemente der Unterscheidung zusammengefasst werden. Es entsteht eine Einheit der Unterscheidung und innerhalb dieser Einheit entscheidet die Perspektive, was ad hoc System und was Umwelt ist. Der wechselnde Fokus ermöglicht es, beide Elemente der Unterscheidung gleichzeitig wahrzunehmen. Für die Kunst bedeutet das, diese (zum 221 Teil aufgrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen) einer gravierenden Neuausrichtung im Vergleich zur etablierten Sicht auf dieselbe zu unterziehen351. In dem Versuch einer Komplexitätsreduktion mögen auf den ersten Blick das Einfache und das Reduzierte prägend für die Kunst sein, jedoch täuscht der Eindruck, denn das Gegenteil ist der Fall. Die Einfachheit ist eine vorgetäuschte (oder irrtümlich angenommene), da unter der Oberfläche der Kunst eine kontinuierliche Komplexitätssteigerung durch Ausdifferenzierung zu beobachten ist.352 Mehr Anschlussmöglichkeiten führen jedoch zu einer gestiegenen Anzahl potentieller Irrwege. Es handelt sich dabei um ein Kontingenzproblem, das aus der Kommunikation und ihrer wechselseitigen Wahrnehmung entsteht und das Dirk Baecker folgendermaßen umschreibt: »›Ich nehme wahr, dass du mich wahrnimmst, und nehme wahr, dass du wahrnimmst, dass ich dich wahrnehme‹«, aufgrund dessen »kann man sich leicht vorstellen, wie schnell die Verhältnisse unübersichtlich werden, weil niemand mehr weiß, wer nun eigentlich worauf wie reagiert hat. Kausalität hilft hier nicht weiter, sondern nur Interpunktion, wie Paul Watzlawick gezeigt hat: Der eine nimmt dies an, der andere etwas anderes, und wenn bei- 351 Vgl. zur Durchbrechung der Epocheneinteilung, für die Gerhard Plumpe argumentiert: Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. Das Kapitel zu Strauß’ Der Untenstehende auf Zehenspitzen widmet sich eingehend den möglichen Referenzverhältnissen, die dieser Epocheneinteilung vorausgehen. 352 Zu bedenken gilt, dass Strauß’ Haltung aus einer Kunst-Sicht entsteht, die dumpf-plakative Unterhaltungsware ablehnt und diese weder als aussagestark noch als die Komplexität steigernd (bezogen auf die Innenseite des Kunstsystems) oder reduzierend (auf dessen Umwelt bezogen) auffasst. Diese Haltung zieht sich von den frühen Theaterrezensionen hin zu den jüngst in Lichter des Toren vertretenen Ansichten. Strauß schreibt dort über die Verflachung: »Der ästhetische Urfehler ist der Plurimi-Faktor: das Hohe zugunsten des Breiten abzuwerten. Das Untere zur obersten Interessensphäre zu machen. Das Breite zur Spitze zu erklären. Inzwischen paktiert auch die Kunst liebedienerisch mit Quote und breitem Publikum« (LDT 32). Sowie: »Man muß niemanden Zerstörung lehren. Die Künste, die den Müll der Welt zu spiegeln vorgeben, vermehren ihn nur. Den Kunstbegriff gilt es auf Brennpunktgröße zu verengen. Verkommenheit und Verwüstung menschlicher Verhältnisse waren eine Zeitlang zum selbstgefälligen Thema der Bühnen und Galerien geworden, sie wurden satt daran. Kein Wunder, daß diese beharrlich diagnostizierte Verkommenheit von ihrem ästhetischen Nachvollzug kaum zu unterscheiden war« (LDT 50). Nur die Reduzierung auf »Brennpunktgröße« kann, soweit das Fazit, Komplexität reduzieren. 222 des zusammenpasst, kann sich daraus die munterste Kommunikation ergeben, im Guten wie im Bösen.«353 Dieser Sachverhalt gilt für Kommunikation, die von zwei oder mehr Menschen ausgeht, aber auch für die Kommunikation zwischen Kunstwerk und Betrachter, der auf bestimmte Signale des Kunstwerkes reagiert und andere bewusst oder unbewusst ausblendet. Die Intention des Kunstschaffenden hinter dem Kunstwerk kann dabei übersehen oder vollständig verstanden werden und unzählige Zwischenstufen machen die Sache nicht minder kompliziert. Erneut gilt: ›Interpretation ist Arbeit‹ und beispielsweise erschweren unzureichende Kenntnisse antiker Stoffe den Anschluss an ihre Interpretationen oder Farbenblindheit die vollumfängliche Betrachtung eines Bildes. Eine andere Form der Einheitserzeugung ist eng mit der Figur des Idioten verknüpft. Der Idiot genießt bei Botho Strauß einen nicht ausschließlich negativ konnotierten Sonderstatus, da er als per se Entrückter die besondere Fähigkeit besitzt, auf beiden Seiten der Differenz zu agieren. Andere Texte, vor allem Lichter des Toren, widmen sich in expliziter Form dieser Sonderbegabung: »Es geht also nicht um den antigesellschaftlichen Affront des Idioten, sondern umgekehrt sind es seine hypersensorischen Orientierungen, die er der Gesellschaft infiltriert« (LDT 24). Über das beinahe schon überstrapazierte Bild, dass Genie und Wahn eng miteinander verwandt sind, wird der Idiot in Beginnlosigkeit als der wahre Seher der Welt dargestellt. Der »Menschenwelt« (B 21) ausweichend stellt der Idiot fest, dass die Bewegung des Menschen in die Außenwelt (welche die Deutung der einströmenden Neuronenimpulse ersetzt) daran scheitert, dass »Fragen seinerseits an eine Außenwelt […] in eine nachgiebige, wellige, dehnbare Umgebung [abgingen], die sich an keiner Stelle mehr zu einer Antwort verdichten, verkörpern oder verknorpeln wollte« (B 21). Dem Idioten, der eine Metapher für den mental abgeschirmten Menschen ist, stehen mehrere Deutungsrichtungen der Welt offen, weil die Reizüberflutung durch binäre Oppositionen, die als operative Codes funktionieren, gelöst wird. »Der Boulevard wie die Klause, die Sentimentalität wie der Sarkasmus, das Machtwort wie das Schlagwort« (B 21) taugen gleichermaßen zur Deutung der Welt und bedingen durch ihren Konterpunkt jeweils eine bestimmte Sichtweise. Der Idiot wird als Spiegelfigur inszeniert. Die Verrückung er- 353 Dirk Baecker: »Als Experte auf einem Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen«. S. 65. 223 möglicht ihm, beide Elemente der Unterscheidung gleichzeitig einzunehmen: »Wir können unkenntlich werden. Der Idiot geht als der Erstgeschlagene unter den Menschen in die Dämmerung des Verstehens …« (B 129). Dank des Verstehensvorsprungs beeinflusst der Idiot so auch das Handeln derjenigen, die nur auf einer Seite der Unterscheidung agieren. Der nicht- Verrückte kann die Einheit beider Unterscheidungselemente beobachten. Strauß resümiert das An- und Abschauen als eine weitere Möglichkeit zur Weltdeutung: »Er fühlte sich dem Narren auf bedrängende Weise angeschlossen; er sah durch ihn gewisse eigene Auffassungen gröblich parodiert und ad absurdum geführt. Vor allem diejenige, die mit der Vermutung spielte, daß das abrupte, unregelmäßige, das unsinns-tolerante Treiben unseres Geistes möglicherweise ein genaueres Abbild von der ›Welt da draußen‹ lieferte, als es sich der Verstand, da er das Brauchbare erkennen mußte, je leisten konnte. Allein unsere Orientierungs- und Verständigungsnöte hätten uns, so meinte er ja, frühzeitig beim vordersten Anschein, bei einem mäßigzweckmäßigen Provisorium haltmachen lassen.« (B 30) Eine Art Fazit lautet folglich, dass Strauß’ Faible für Randgestalten neben dem Exkludierten und dem Schauspieler auch den Idioten und den Schreibenden in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Diese Typen sind auf verschiedene Weise von Sprache oder Texten Abhängige und verfügen über die Fähigkeit, sich so zu verstellen, dass Teilnahme an der Gesellschaft auf einer parasitären als-ob-Basis möglich ist.354 3.8 Zwischenfazit: Das globale Formenexperiment Wie gezeigt wurde, bildet die Fragmentsammlung Beginnlosigkeit einen eigenständigen Kosmos aus Blicken auf sehr unterschiedliche und von Strauß gleichberechtigt ver- und behandelte Themen, darunter auch auf nachhallende Globalisierungsprozesse und die erreichte Globalität. Alle Elemente sind laut Strauß gleichzeitig anwesend und nichts Elementares kommt neu hinzu und vor diesem Hintergrund werden die Argumentationen selektiv entfaltet, Strauß operiert mit Differenzsetzungen und generiert über diese ein Bild der Beginlosigkeit. Und es gilt ferner, dass in diesem 354 Das siebte Kapitel der vorliegenden Arbeit widmet sich eingehend dem Stellenwert des Idioten innerhalb der Globalisierungskonzeption von Botho Strauß. 224 Kosmos der Verbindungs- und Vernetzungscharakter stärker hervortritt als in der sozialen Wirklichkeit. Botho Strauß’ beginnlose Sphärenwelt ist eine fiktionale Realität, in der lediglich noch Grenzen um Subjekte herum existieren, die Umwelt jedoch von ihnen befreit scheint, denn diese wird von Strauß zeitlich und räumlich grenzenlos aufgefasst, sie ist anders gewendet im Zustand totaler Globalität angekommen. Die Grenzziehung des Subjekts ist nicht länger festgelegt, sondern geschieht spontan und wird von der im jeweiligen Moment geltenden Kommunikation mit der Umwelt bestimmt, die als gegenseitiges Zuspielen von – gleichberechtigt: neuronalen, religiösen, mythischen oder kommunikativen – Codes zu verstehen ist. Der Kommunikationsbereich gibt die Art des Anschlusses und der Teilnahme an der Welt vor. Die kommunikative Teilnahme des Individuums an Gesellschaft beruht auf Entscheidungen, die auf Grundlage von Beobachtungen getroffen werden. Dadurch verliert eine generelle, feste und strikte Grenze ihre Funktion, denn sie verhindert Anschlüsse. Wie Strauß ausarbeitet, bildet die Grenze des Subjekts ein Netz aus Grenzpunkten. Grenzen können jedoch nur unter sehr spezifischen Bedingungen überschritten werden. Diese Erkenntnis betrifft ebenfalls die Lektüre der Novelle Die Unbeholfenen maßgeblich, wie das folgende Kapitel zeigen wird. Die Aussage von Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie im Kontext der Globalisierungskonzeption besteht darin, einen Gegenentwurf zur Indifferenz (in und) der Umwelt vorzuschlagen. Gleichermaßen werden Globalisierungsprozesse in Form von Auflösungswahrnehmungen besprochen. 225 Teil II: Grenzziehungen & Entgrenzungen »Sie sind nie hier in der Gegend gewesen. Sie kommen hier an zum ersten Mal. Sie wissen nicht, wo Sie sind. Sie kommen nicht näher, obgleich Sie nicht aufhören vorwärts zu gehen. Fragen Sie nicht, in welcher Gegend Sie sich befinden. Fragen Sie nicht nach dem Ort, sondern nach der atmenden Stelle hier, dem sitzenden Leib, dem einzigen Merkmal in der wüsten Ebene, Anhalt und Herberge, fragen Sie lieber: ›Wer bist du?‹, und zur Antwort bekommen Sie einen Menschen, lebendig und ganz, das ist mehr als ein Ort, ein Reich, ein Globus.« Botho Strauß, Wohnen Dämmern Lügen »Der neue Mensch ist ein erweiterter. Der neue Mensch ist Glaubenskrieger. Der neue Mensch ist Hedonist. Der neue Mensch ist ein Bildermensch. Der neue Mensch kennt nur die Lust am Funktionieren. Der neue Mensch besitzt ein hochaufgelöstes Bild von sich selbst und überblickt sich nicht mehr. Der neue Mensch ist eine Fiktion aus alten Tagen.« Botho Strauß, Die Unbeholfenen »Das neue Menschenbild als Verknotung von Beziehungen paßt uns nicht in den Kram, und daher auch nicht das auf dieser Anthropologie beruhende Stadtbild. Und doch muß dieses Menschenbild hingenommen werden. Es sieht ungefähr so aus: Wir haben uns ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen vorzustellen, ein ›intersubjektives Relationsfeld‹. Die Fäden dieses Netzes sind als Kanäle zu sehen, durch welche Informationen wie Vorstellungen, Gefühle, Absichten oder Erkenntnisse fließen. Diese Fäden verknoten sich provisorisch und bilden das, was wir ›menschliche Subjekte‹ nennen. Die Gesamtheit der Fäden macht die konkrete Lebenswelt aus, und die Knoten darin sind abstrakte Extrapolationen. Das erkennt man, wenn man sie entknotet. Sie sind kernlos wie Zwiebeln. Anders gesagt: Das ›Selbst‹ (›Ich‹) ist ein abstrakter, gedachter Punkt, um welchen sich konkrete Beziehungen hüllen. ›Ich‹ ist das, wozu ›du‹ gesagt wird.« Vilém Flusser, »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut« 227 4: Desidentifikation & die globalisierte Gesellschaft: Wege & Umwege von Welt zu Innenwelt in Die Unbeholfenen 4.1 Die gemeinsame Isolation »Das Haus, in dem mich die Familie meiner neuen Freundin erwartete, lag draußen vor der Stadt und war das einzige Wohngebäude mitten in einem öden Gewerbepark. Verloren und trotzig übriggeblieben stand es zwischen den Fertigteilkonstruktionen der Lagerhallen und Containerbüros. Ein dreigeschossiger Fachwerkbau aus späterer Zeit, mit nachempfundenem mittelalterlichen Zierat, galt es seinen jetzigen Bewohnern je nach Laune für das einstige Domizil einer zu Wohlstand gelangten Wahrsagerin oder gar für das Haus des Scharfrichters außerhalb der Stadtmauer.« So lauten die ersten Sätze der 2007 erschienenen »Bewußtseinsnovelle« Die Unbeholfenen und sie vermitteln auf kleinem Raum das setting der Erzählung, die den Gattungsmerkmalen der Novelle weitestgehend folgt.355 In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises benutzte Strauß erstmals den Terminus »Bewußtseinsnovelle« und beschreibt diese als »hermetische[s] Spiel« (ERD 30). Ein Spiel übrigens, das schon in Paare, Passanten Erwähnung findet. Strauß reflektiert dort über die Pflicht des Dichters und dessen »Begabung, mit seiner Zeit zu brechen und die Fesseln der totalen Gegenwart zu sprengen« (PP 105). Gelingen kann ein derartiges Vorhaben durch das Mittel der Exklusion. Die Leitfrage, die Strauß zur Arbeit an der Novelle inspiriert haben könnte, formuliert er in Die Fehler des Kopisten: 355 Dieses Kapitel greift an einigen Stellen auf Ergebnisse eines Vortrags in Verbindung mit einer Konferenz zur Darstellung von Zeitgeschichte zurück. Vgl. auch: Sascha Prostka: »Ausgegrenzte Orte, ausgegrenzte Menschen: Zum Problem der sozialen und kulturellen Umwelt in der Welt(risiko)gesellschaft am Beispiel von Botho Strauß' Texten Die Unbeholfenen und Vom Aufenthalt«. 228 »Was wir sehen, ist durch Nähe versengt. Um jeden Preis muß man wieder entfernen, erhöhen, verschleiern. Was kann ich mir unerreichbar machen an meinem Nächsten? Was kann ich mir unerreichbar machen inmitten der Bedrängnis der zuhandenen Dinge, Redeweisen, Programme und Prognosen?« (FDK 73) Der Erzähler sieht sich auf verhängnisvolle Weise eingewoben in ein enges Netz, das ihm die nötige Distanz raubt. Aus der Zwangsnähe heraus betrachtet wird ihm alles indifferent und seine Lage ist exemplarisch für eines der Hauptprobleme, mit denen Strauß’ Figuren und Erzähler konfrontiert sind. Um sich herauslösen zu können, gilt es, mit anderen Worten, eine Position zu finden, von der aus die Welt in ihren so unterschiedlichen Facetten beobachtet werden kann. Die Essays weisen auf sehr unterschiedliche Standpunkte zurück, Beginnlosigkeit zeichnet das Denken in neu erschlossenen Grenzbereichen der Existenz nach und ermöglicht zugleich neue Perspektiven. In Die Unbeholfenen nimmt Strauß die Innensicht ein, indem er eine Gegengesellschaft konstruiert, ihre Gedankenwelt durch literarische Rückbezüge ästhetisiert und die Figuren als Gruppe aus sehr unterschiedlichen Individuen gegenüber einer (oder treffender: ihrer?) Umwelt positioniert. Die Gruppe wird bewusst von dem »[s]eltsam stagnative[n], lasche[n] Erörtern der Lage bei erhöhtem Mitteilungsdrang« abgegrenzt, den Strauß nahezu in allen Bereichen der Gesellschaft ausmacht und der dazu führt, dass »Worte nicht haften, sondern sich in einer leeren Ausgesprochenheit lose drehen« (FDK 74). Das Personal der Novelle erinnert in seiner Ausformung an eine Skizze über den Typus des sich gesellschaftlich ausgrenzenden Dichters, den Strauß in Paare, Passanten entwirft: »Aber sind wir nicht in dieser Gesellschaft bloß eine Minderheit unter anderen, eine Gruppe von Behinderten unter anderen, die längst auf die Allgemeingültigkeit ihrer Rede verzichtet hat? Hat uns die Macht des Vielfältigen, die Bunte Liste der tausend Spleens und Richtigkeiten nicht unfähig gemacht, einem wie auch immer imaginären Ganzen gegenüber die exzentrische oder avantgardistische Stellung zu beziehen, durch die es erst Gestalt gewinnt? Ich rede nicht von den Journalisten, die sich Schriftsteller nennen und die allemal das Bedürfnis ›dieser Tage‹ zu befriedigen verstehen. Ich rede einzig von den schwierigen Spielern, den Erben der Moderne, den unruhigen Traditionalisten, den pathetischen Manieristen und allen übrigen, die in den Augen der Mehrheit für überflüssige Spinner gelten.« (PP 105) 229 Anfang der 1980er Jahre schien »der Konsum total geworden« (PP 105) zu sein, es fehlt »doch an einer neuen Literatur, die aus der entschiedenen Absage an diese Konsumierbarkeit eine große und wesentliche Kraft bezöge« (PP 105), wie Strauß formuliert. Die Umwelt der zu erschreibenden Gruppe ist schnell vorformuliert. Strauß operiert mit der Opposition von gebildeter, weltbeobachtender Gruppe und verflachender Gesellschaft; in der literarischen Verarbeitung wird es vollends sichtbar. Die Reflexion über die Funktion von Büchern und über Medien legt das Fundament für die spätere Novelle: »Aber in einer Zeit, in der die Literatur selbst zum Außenseiter der Kultur geworden ist, wird der Außenseiter in der Literatur aus seiner exzentrischen Rolle verdrängt. [...] Das Buch zur Metapher für das universale Archiv unserer Kultur zu erheben, wäre heute ein ebenso harmloser wie obsoleter Privatspaß. Die Arbeit der Welt des Kopfes wird vermutlich in 87 Fernsehkanälen enden. [...] Wo die Schrift selbst aus dem Zentrum der Kultur verschwindet, wird der Außenseiter unter den Schriftstellern, der Exzentriker, zur trolligen Figur – der Radikale, der in die Wurzeln greift auf einem im ganzen abrutschenden Kontinent.« (PP 105f.) Anzumerken ist, dass Medienkritik sich nur an wenigen Stellen der Novelle findet, präsenter hingegen sind Gespräche über Literatur und ihre Verortung im Gesamtbild einer Auseinandersetzung mit der Moderne. Die Novelle schildert Innen- und Außenwelten der Figuren und angeschlossenen Veränderungen, die am gezeigten Schriftstellerbild ausgerichtet sind. Strauß benutzt den Dialog der Figuren, ihre Aussagen und Gedanken, um den Außenseiter in einer veränderten (und wieder: globalisierten) Gesellschaft klarer zu umreißen. Ihr Sprechen ist über weite Strecken von hohem Pathos geprägt, das, wie es scheint (und Strauß leidend formuliert), den »Geist«, der ansonsten »Knecht, Leidensorgan« ist, befreien soll, denn »[o]hne gewaltige Tendenz, ohne Passion und großes Verlangen ist kein Gedanke mehr glaubwürdig« (FDK 74). Das Zusammenleben in der Gruppe besitzt spielhafte Züge und verdeutlicht die kommunikative Offenheit des Bewusstseinssystems, das Strauß in der Novelle gestaltet. Dieser Ausgestaltung geht das vorliegende Kapitel nach. Christoph Bartmann rezensierte die Novelle kurz nach Erscheinen und ging zuerst der Frage nach, was Bewusstsein ist. Die von ihm angeführten Definitionen sind weitgehend, denn neurophysiologisch betrachtet ist es »ein spezifisches Instrument zur Selbstwahrnehmung und Introspektion, 230 das im Alltag üblicherweise ausgeschaltet bleibt«; literarisch definiert stellt es wiederum »ein reflexives, ein Vergewisserungs-Medium« dar, zusätzlich kann laut Bartmann auch ein »Zeitbewusstsein gemeint sein«, kurz »die Wahrnehmung, Diagnostik und Analyse der Zeit, in der wir leben«356. Sämtliche vorgenannte Aspekte sind in der Novelle vorzufinden, so dass Bartmann resümiert: »Schlanker kommt das Gewichtige selten daher«357. Der Handlungsort liegt, wie das Eingangszitat eröffnet, abgelegen in einer wenig einladenden Gegend, das konkrete Gebäude, in dem die Handlung spielt, wirkt neben den modernen Lagerhallen aus der Zeit gefallen, verloren und beinahe verwunschen. Die Bewohner werden als von den Eltern gelöste Geschwister-Familie eingeführt, in welche die Erzählerfigur Florian Lackner eintritt. Der erste Absatz stellt die Intimität einer Familie der menschenfeindlichen Aura des Industriegebietes gegenüber, in dem Menschen gewöhnlich auf ihre Produktivkraft reduziert werden. Die vermittelte Grundhaltung dieser ersten Zeilen provoziert im Rückblick des Erzählers ein kurzfristiges Unbehagen. Der erste Absatz endet mit der für die Verortung der nachfolgenden Handlung wichtigen Aussage, »man hatte sich ja freiwillig in die gemeinsame Isolation begeben und von der äußeren Alltagswelt entfernt« (DU 7). In dieser Form der Einleitung schwingt auch die Frage mit, ob »[d]as selbstbestimmte Zusammenwirken freier Bürger« tatsächlich, wie Irena Shikida behauptet, »nach Strauß an der modernen Unbeholfenheit der Individuen, die keine Individualitäten mehr sind«, scheitert.358 Shikida argumentiert mit dem Wegfall ›kollektiver Werte‹ und führt weiter aus, dass bei Strauß »[d]ie nationale Identität [...] eindeutig eine kulturelle« ist.359 Dieser Argumentation ist dahingehend zuzustimmen, dass sowohl »Anschwellender Bocksgesang« als auch »Der letzte Deutsche« diese These als Kern der Überlegungen vertreten. Hierzu passt auch, dass letztgenannter Essay mit einem Zitat aus Die Unbeholfenen beginnt,360 Über- 356 Christoph Bartmann: »Dieses Sausen der Leere«. 357 Christoph Bartmann: »Dieses Sausen der Leere«. 358 Irena Shikida: »Historisches Gedächtnis und nationale Identität im Werk von Botho Strauß: Geschichtsloses Bewusstsein?«. S. 178. 359 Irena Shikida: »Historisches Gedächtnis«. S. 178. 360 Dort heißt es: »Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein. Ja, es ist mir, als wäre ich der letzte Deutsche. Einer, der wie der entrückte Mönch von Heisterbach oder wie ein Deserteur sechzig Jahre nach Kriegsende sein Versteck verlässt und in ein Land zurückkehrt, das immer noch Deutschland heißt – zu seinem bitteren Erstaunen. Ich glaube, ich bin der letzte Deutsche. Ein Strolch, ein in heiligen Resten wühlender Stadt-, Land- und Geist- 231 führt man diesen kulturellen Rückzug in eine globalitätsgeprägte Gesellschaft, ergibt die folgende Aussage einen tieferen Sinn: »Eine Werte- und Schicksalsgemeinschaft kann sich dementsprechend ebenfalls nicht bilden, weil man sich der gemeinsamen Werte nicht mehr erinnert, also sie nicht erkennt. ›Genaues Erinnern an nationell Eigenes‹ wäre dringend notwendig, ist aber nicht möglich.«361 Die beschriebene Gruppe verdeutlicht durch ihr Handeln, dass gesamtgesellschaftlich tatsächlich eine gewisse Entfremdung diagnostiziert werden kann, welche gleichermaßen der Grenzdiffusion nationaler Einheiten bis hin zu politischen Großstrukturen (zum Beispiel der Europäischen Union) wie der medial vorangetriebenen Weltgesellschaft geschuldet ist. Beide Einheiten dienen gleichzeitig textintern als Opposition und Legitimation ihrer Exklusion: Die handlungsinternen Aussagen manifestieren die stetig fortlaufende gemeinsame Abschirmung gegen die Einflüsse der als schädlich und verroht aufgefassten globalisierten Außenwelt. Eine aus vier Personen bestehende Geschwistergruppe – Nadja, Albrecht und die Zwillingsschwestern Elena und Ilona –, an die sich eine weitere männliche Person, Nadjas Ex-Liebhaber Romero, anschließt, bilden das Grundpersonal der Erzählung. Der Erzähler Lackner stößt hinzu und durchbricht das »Pentatrop«, wie Strauß in Das Partikular eine vergleichbare Gruppierung bezeichnet.362 Eine ähnliche auf Exklusion fußende Gruppenkonstellation erschreibt Strauß in der Komödie Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle (1975), streicher. Ein Obdachloser« (DLD 122, auch: DU 83). In Die Unbeholfenen stammt diese Äußerung von Romero. Im Essay gibt Strauß wiederum zu erkennen, »dass sich der Autor als dieser Letzte sah« (DLD 122). 361 Irena Shikida: »Historisches Gedächtnis«. S. 178. 362 Strauß schreibt 2000 in besagtem Text: »Der Alltag meiner Mitbewohner oder der wiedergängerischen Mieter der beiden Zimmer zog derart hermetisch und unbeirrbar an mir vorbei, daß ich zuweilen an meiner eigenen körperlichen Anwesenheit zweifelte. Vielleicht gab es zwischen ihnen und mir eine durchsichtige Zeitmauer und ich selbst war nichts anderes mehr als der Geist eines Voyeurs, ein noch reizbares, aber unpersönliches Abstraktum, das seinen Namen und sein Gesicht verloren hatte. Ludwig Käthe Gilda Ortwin Stefan, so riefen sie einander in unentwegtem Wechsel und waren die rücksichtslosesten und entrücktesten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Sie waren wie besessen von ihrer Gemeinschaft und bildeten ein einheitlich fünfköpfiges Lebewesen, das sich von anderen gewöhnlichen Gruppenkörpern unterschied. Sie waren zu fünft, sie waren fünftig in allem, sie waren pentatrop, und sonst waren sie nichts« (PAR 76). 232 ohne dass Die Unbeholfenen dadurch zu einem Klischee werden würde, auch wenn gemeinsame Merkmale wie der abgeschiedene Handlungsort oder interne Verbandelungen und Gereiztheiten auszumachen sind. Die Unbeholfenen baut in der Komödie anklingende Verhältnisse erzählerisch aus und richtet das Augenmerk viel stärker auf die Gesellschaftsreflexion. Zu diesen literarisch-ästhetischen Perspektiven auf die Gesellschaft formuliert Strauß in Kongreß – Die Kette der Demütigungen (1989) einige relevante Fragen: »Wer ist draußen, wer ist drinnen? Wo findet Handlung statt, wo Warten?« (KKD 67) und »[w]ie sind Sie eigentlich hereingekommen in diese verschlossene Welt?« (KKD 75). Diese Überlegungen deuten Grenzen zwischen geschlossenen und voneinander getrennten Welten an, die nur durch Anpassungen und Dekodierungen passierbar sind. Und sie verdeutlichen eine Inhaltslinie in Strauß' Werk: Gegengesellschaften. Gemeinsam bilden die Protagonisten der Novelle eine »höchst gelehrt[e] Gesprächsrunde« und werden auf diese Weise zu einem »von der Außenwelt abgeschiedene[n] Brutkasten scharfsinniger Gedankenspiele«363, wie Volker Hage in seiner Rezension kommentiert. Zu ergänzen ist: Umwelt läuft ungenannt im Bewusstsein der Protagonisten mit. Die Gruppe sucht auf der Mesoebene, plastisch im Text als »Welt dieser Etage« (DU 31) ausgedrückt, eine gemeinsame Zuflucht in der Menschenleere und strebt auf der Makroebene eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft an. Es wird in Die Unbeholfenen mit anderen Worten eine Miniatur-Gesellschaft innerhalb der großen Außengesellschaft (ab)gebildet, welche die Bedingungen der globalisierten Gesellschaft in ihrem Inneren reflektiert. Die Gruppe verstetigt sich nach äußerst spezifischen Mustern, die – so die Annahme dieses Kapitels – stark von systemtheoretischer Kommunikation und daran angebunden Systembildung ausgehen. Die Gruppenbildung und vor allem fortlaufende Stabilisierung ist höchst substantiell für die in Die Unbeholfenen vorgenommene Diskussion der Bedingungen einer globalisierten Gesellschaft. Es zeigt sich an dieser Stelle mit dem Komplexitätsgleichgewicht zwischen der Innenund der Außenwelt eines der für die Globalisierungskonzeption notwendigen Etablierungsverfahren. Strauß entwickelt und stabilisiert die Gruppe entlang von Lackners sich langsam erweiternden Verständnis und erst als eine ausreichende Komplexitätsdichte nach der anfänglichen Irritation in Verbindung mit Lackners Eintritt erreicht ist, kann der Autor den Blick auf die soziale Umwelt der Gruppe richten. In diese Gesellschaft kann der Erzähler nur eintreten, weil er als neuer Freund von Nadja in die Familie ein- 363 Volker Hage: Letzte Tänze, erste Schritte. Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 286. 233 geführt wird, sich den Kommunikationscode der Gruppe jedoch erst erschließen muss. Lackner erlebt in ihrer anfänglichen Fremdartigkeit deutliche Entwurzelungsgefühle (DU 8) und ebenso eine ausgeprägte Erfahrung von Differenz. Sein zögerliches Herantasten an die Struktur und die innere Zusammensetzung dieser Gemeinschaft, die in einem »abgesonderten Milieu« (DU 12) existiert, lässt eine doppelte Unzugehörigkeit erkennen, die Lackner als Eindringling in diese Gemeinschaft verspürt und zugleich als langsame Entfremdung aus der Gesellschaft erlebt. Lackner befindet sich als einzige Person der Gruppe in einem schwebenden Übergang zwischen der äußeren Gesellschaft und der inneren Gemeinschaft, wird aber im Verlauf der Handlung immer intensiver in die Innenwelt hineingezogen. 4.2 Gemeinschaftsbildung: Konfrontation & Kommunikation Von Bedeutsamkeit ist vor allem die Frage nach den Mechanismen der Gruppenbildung; das heißt wie gelingt die Abgrenzung, auf welche Weise befreien sich die Figuren vom gesellschaftlichen Ballast? In Lackner regt sich als erste Empfindung die generelle Abwägung, an der Kommunikation teilzunehmen oder dies besser zu unterlassen. Auf der einen Seite lebt er mit dem Manko einer Schwächeempfindung in Gesellschaft, die zu der Erkenntnis führt, »ein unselbständiger Einzelner« (DU 17) zu sein, der dazu tendiert, sich einer stärkeren Person anzubiedern und sich ihr anzuschließen: »Ich muß hier einschalten, daß ich im Kreis geselliger Personen, sofern jemand von ihnen eine ausgeprägte Eigenart besitzt, schnell zu einem unsicheren, unselbständigen Menschen werde. Ich vergehe vor Neugier und Hinwendung, sobald ein deutlicher Charakter, eine Persönlichkeit sich in der Nähe befindet, und sei es auch nur ein deutlicher Schurke.« (DU 16) Auf der anderen Seite gewährleistet diese Eigenschaft auch eine möglicherweise unbewusste Wahl zwischen Angliederung und Anbiederung: »Ein Einzelner war ich denn wohl, aber eben ein unselbständiger Einzelner, um nicht zu sagen: ein Dilettant seines Ichs. Eine Disposition, an der ich litt und gedieh zugleich. Die mich oft zu einem Schemen verringerte und mir dennoch manchen Vorteil brachte. Ich war eben gern ein Mann unter Einfluß. Mich durchzog die Substanz deutlicher Menschen wie Nahrung die Zellmembranen. Gutes und Bestes drang ein, lagerte ab, doch nur in- 234 dem und solange ich mich ihnen anglich – das meiste schied ich wieder aus, sobald der jeweilige Einfluß versiegt. Zwar schämte ich mich dieser Schwäche, ich verurteilte mich für meine Durchlässigkeit, meine unkontrollierte Abhängigkeit vom anderen. Zugleich war ich davon überzeugt, ein Vorsprung in die nächste Zukunft zu sein. Ich hielt meine unglückliche Begabung für eine Übergangserscheinung auf dem Weg zu einer großen Fusion: der Auflösung und Öffnung der Person zu freien, jedermann zugänglichen Clustern von Eigenschaften, Bewußtseinswolken, die nicht mehr von den angeborenen Grenzen des Individuums aufgehalten und eingeschränkt wurden. In meinen Augen waren die besten Köpfe, denen ich begegnete, schon jetzt mehr oder weniger raffinierte Verschnitte wohlbekannter und widerstandsfähiger Geistgewächse. Zuweilen unterschied ich die Intelligenzen wie Zuchtrosen lediglich nach Farbvarianz und Schädlingsresistenz. Demnächst nach der Öffnung der alten Individual-Grenzen würde jedes einzelne dieser Gewächse in einer Kultur der Infiltrationen, Übertragungen und Durchdringungen seinen Überlebensvorteil erheblich verbessern.« (DU 17f., vgl. auch UAZ 62) Lackners Bedürfnis, eine der beiden Positionen zu wählen, verdeutlicht, dass der innere Konflikt weit mehr ist als ein Beispiel für seinen unsicheren oder möglicherweise sogar servilen Charakter. Sein Problem wird zum Richtungsanzeiger für eine menschliche Weiterentwicklung und zugleich eine Reaktion auf die ›im Draußen‹, wie die Umwelt im Text regelmäßig genannt wird, dargestellte vorherrschende Globalität, denn Lackner weist bereits vor dem Eintritt in die Gruppe Merkmale einer globalisierten Existenz, wie sie für viele in der globalisierten Gegenwart gilt, auf. Die kommunikative Schwächeempfindung wird zur Begabung umgedeutet und das Aufweichen der »Individual-Grenzen« führt nicht länger zu einem Malus sondern zu einem Bonus, der (nach der »Großen Fusion«, die auch in Der Untenstehende auf Zehenspitzen thematisiert wird) einen spürbaren Vorteil in Bezug auf die Gelingenswahrscheinlichkeit der angestrebten Anschlusskommunikationen verschafft. Lackners anfängliche Code-Unkenntnis kann auch auf eine Art Black-Box-Problem zurückgeführt werden. Dies bedeutet, dass Systeme – als ein solches können Lackner und die Gruppe aufgrund ihrer gemeinsamen Kommunikation betrachtet werden – im gegenseitigen Kontakt auf Unkenntnis stoßen, weil sie »hochkomplexe sinnbenutzende Systeme, die für einander nicht durchsichtig und nicht kalkulierbar sind«, bilden; »[d]ies können psychische oder soziale Systeme sein«364. 364 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. S. 156. 235 Gemeint sind Menschen und Gesellschaften mit jeweils unterschiedlichen Erwartungshaltungen an das Gegenüber und Anpassungen an die sich ver- ändernde Umwelt. Wie schon in den vorherigen Analysen deutlich wurde, spielt Strauß auf freie und doch sehr produktive Weise mit systemtheoretischen Bedingungen. Eine auf Lackners Beobachtungsunschärfen zutreffende Erklärung weist Luhmann unter dem Stichwort ›unmarked space‹ hin: »Dies können psychische oder soziale Systeme sein. Wir müssen von deren Unterschied einstweilen absehen und sprechen deshalb von ›black boxes‹. Die Grundsituation der doppelten Kontingenz ist dann einfach: Zwei black boxes bekommen es, auf Grund welcher Zufälle auch immer, miteinander zu tun. Jede bestimmt ihr eigenes Verhalten durch komplexe selbstreferentielle Operationen innerhalb ihrer Grenzen. Das, was von ihr sichtbar wird, ist deshalb notwendige Reduktion. Jede unterstellt das gleiche der anderen. Deshalb bleiben die black boxes bei aller Bemühung und bei allem Zeitaufwand (sie selbst sind immer schneller!) füreinander undurchsichtig. Selbst wenn sie strikt mechanisch operieren, müssen sie deshalb im Verhältnis zueinander Indeterminiertheit und Determinierbarkeit unterstellen. Selbst wenn sie selbst ›blind‹ operieren, fahren sie im Verhältnis zueinander besser, wenn sie sich wechselseitig Determinierbarkeit im System/Umwelt- Verhältnis unterstellen und sich daraufhin beobachten. Der Versuch, den anderen zu berechnen, würde zwangsläufig scheitern.«365 Zwei Folgen ergeben sich hieraus: Die Mitglieder bleiben sich trotz des Familienstatus immer zu einem gewissen Grad fremd und es erklärt eine gewisse Unberechenbarkeit in der Kommunikation, welche die Figuren untereinander durch kulturelle Bezüge sowie konkretes Wissen, vorrangig aus der Literatur, oder Interpretationen gesellschaftlicher Zusammenhänge zu lösen versuchen. Schrieb Christian Schärf noch zur Rolle der Literatur in der Wissensgesellschaft, dass »[d]as sogenannte ›kulturelle Gedächtnis‹ [...] ein hybrider Speicher ohne Ausgang«366 ist, gelingt es den Gruppenmitgliedern sich Zugänge zu diesem Speicher zu eröffnen, indem die Kommunikation aus der Verbindung einzelner Menschen in eine höhere Sphäre der kollektiven beziehungsweise groß-gesellschaftlichen Kommunikation gehoben wird, wie in den nachfolgenden Abschnitten ausführlich dargelegt wird. Lackner steht anfangs in gewisser Weise konträr zu den fünf ausge- 365 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 156. 366 Christian Schärf: Literatur in der Wissensgesellschaft. S. 36. 236 grenzten Personen. Seine ersten Annäherungsversuche an die Gruppenkommunikation im Haus scheitern noch an der Unvertrautheit mit dem gruppeninternen Code und vor allem mit dem zwischenmenschlichen Umgang und erscheinen daher recht holprig: »›Was soll ich Menschen antworten, die doch nur vor sich hin reden?‹ Mein erster Gesprächsbeitrag, halb Hilferuf, halb Beschwerde, zeigte unter den Anwesenden die unterschiedlichste Wirkung« (DU 20). Auf den provokanten Ausbruch folgen unterschiedliche Reaktionen und bereits am Anfang ist auffällig, dass die Gruppe von ihrer Kommunikation abhängig ist und sich über diese definiert. Dies geht soweit, dass die Aufrechterhaltung der Kommunikation über den individuellen Belangen steht. Doch wie definiert sich Kommunikation, die solcherart soziale und systemische Zusammenhänge bilden kann und bildet? Soziale Systeme sind in der Systemtheorie Luhmanns keine Einheiten, Verbände oder Verbindungen von Menschen, sondern sie bilden sich und bestehen aus Kommunikation367, was das Begreifen der Grundlagen dieser Variante der Systemtheorie anfangs erschwert, die Anwendung jedoch ungemein erleichtert. Um die Mechanismen der Systembildung im Umfeld der Gruppe zu verdeutlichen, ist ein Exkurs in die Systemtheorie unabdingbar. Die grundlegende Erhaltungsform aller sozialen Systeme ist Kommunikation, die als eine Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen verstanden wird. Luhmann distanziert die Kommunikation in der Systemtheorie von etablierten Sender-Empfänger-Modellen und spricht ihr eine grö- ßere Verbindungsfähigkeit zu. Eine Mitteilung kann auf vielfältige Weise geschehen beziehungsweise erzeugt werden, denn Schrift, Organisation, Rollen erweitern die Möglichkeiten der Mitteilungsgestaltung und verleihen 367 Vgl. hierzu auch die folgende Frage: »Besteht ein soziales System letztlich aus Kommunikationen oder aus Handlungen?« und die entsprechende Antwort: »Ich sehe das Problem darin, daß Kommunikation und Handlung in der Tat nicht zu trennen (wohl aber zu unterscheiden) sind und daß sie ein Verhältnis bilden, das als Reduktion eigener Komplexität zu begreifen ist. Der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierende Prozeß ist ein Kommunikationsprozeß. Dieser Prozeß muß aber, um sich selbst steuern zu können, auf Handlungen reduziert, in Handlungen dekomponiert werden. Soziale Systeme werden demnach nicht aus Handlungen aufgebaut, so als ob diese Handlungen auf Grund der organisch-psychischen Konstitution des Menschen produziert werden und für sich bestehen könnten; sie werden in Handlungen zerlegt und gewinnen durch diese Reduktion Anschlußgrundlagen für weitere Kommunikationsverläufe« (Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 192f.). 237 ihr darüber hinaus auch eine längere Haltbarkeit.368 Systemtheorie beobachtet vorrangig Kommunikationen, die entlang geäußerter Differenzen verlaufen, das heißt jedoch auch, dass anderes wie z.B. Empfindungen, Gedanken, Assoziationen nicht von ihr beobachtet werden können, weil diese interne und vor allem stumme Operationen von psychischen Systemen sind, solange das Andere nicht durch Kommunikation herausgetragen und kommuniziert wird. Systemtheorie kann eben nicht die Bewusstseinsoperationen von psychischen Systemen beobachten, zumindest nicht vordergründig, da ihr hierzu die theoretischen Mittel fehlen. Die Innenwelten (repräsentiert eben durch Empfindungen, Gedanken und so weiter) werden erst dann beobachtbar, wenn sie zu Mitteilungen werden. Bevor dies geschieht, kann ein psychisches System nicht beobachten und verstehen, was im Inneren eines anderen psychischen Systems vor sich geht.369 Was gesagt, was verstanden wird und die Weise, in der darauf reagiert und re-reagiert wird, sind Bestandteile fortlaufender Kommunikation. Und ebenso wichtig ist, dass sich soziale Systeme durch Kommunikation bilden und aufrecht erhalten: »Schon die Differenz von Information und Mitteilungsverhalten eröffnet weitreichende Möglichkeiten der Analyse. Da beides sinnhafte Deutungen verlangt, gerät der Kommunikant Alter dadurch in einen Zwiespalt. Seinem Selbstverständnis bieten sich zwei Anknüpfungen, die nicht miteinander in Übereinstimmung zu bringen sind. Was Information betrifft, so muß er sich selbst als Teil der Sinnwelt begreifen, in der die Information richtig oder falsch ist, relevant ist, eine Mitteilung lohnt, verstanden werden kann. Als jemand, der sie mitteilt, muß er sich selbst die Freiheit zusprechen, dies zu tun oder nicht zu tun. In der einen Hinsicht muß er sich selbst als Teil des wißbaren Weltwissens auffassen, denn die Information (sonst könnte er sie gar nicht handhaben) weist auf ihn zurück. In der anderen Hinsicht verfügt er über sich als selbstreferentielles System.«370 Die das System fortführenden Akteure – im Text meint dies handlungstragende Figuren – sind über kommunikative Anschlüsse verbunden und es entsteht eine gegenseitige Erwartungskodierung371 – ›was wurde gesagt, wie 368 Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 127f.. 369 Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 8-83. 370 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 195. 371 Die Soziologie bezeichnet diesen Sachverhalt gegenseitiger Erwartung und Anpassung ›doppelte Kontingenz‹. Armin Nassehis Erklärung anhand einer Ge- 238 kann darauf reagiert werden?‹ –, die auch einbezieht, was nicht gesagt wurde, an was nicht angeschlossen wurde. Die jeweils andere Seite der Differenz ist trotz ihrer augenscheinlichen Abwesenheit als Möglichkeit präsent und bestimmt durch den Differenzmarker und dessen Grenze, was zum System gehört. Auf die Novelle bezogen ermöglicht dies, zu benennen, was oder wer zur Gruppe oder zur Gesellschaft gehört. Luhmann formuliert das Prinzip als Doppelschritt: »Neben der Konstitution von systemeigenen Elementen ist demnach die Bestimmung von Grenzen das wichtigste Erfordernis der Ausdifferenzierung von Systemen. Grenzen können als hinreichend bestimmt gelten, wenn offen bleibende Probleme des Grenzverlaufs oder der Zuordnung von Ereignissen nach innen und außen mit systemeigenen Mitteln behandelt werden können – also wenn ein Immunsystem die eigene Operationsweise benutzen kann, um im Effekt zwischen intern und extern zu diskriminieren oder wenn das Gesellschaftssystem, das aus Kommunikationen schichte eines kommunikativen Missverständnisses aufgrund gegenseitiger Fehlinterpretationen ist in diesem Kontext so kurz wie erhellend: »Die Geschichte mit Herrn A und Frau B hätte so nicht stattfinden können, wenn die beiden je transparent für einander gewesen wären, denn sie hätten sich dann nichts unterstellen müssen, sie hätten es ja gewusst. Die Praxis des Handelns ist also genau genommen eine Praxis des Nicht-Wissens, der Unterstellung und Zurechnung, nicht der eindeutigen Wahrnehmung. Was an dem Beispiel auch deutlich geworden sein dürfte, ist dies: Es ist eine sträfliche Vereinfachung, das soziale Handeln tatsächlich allein auf abstrakte Normen, Werte oder sonstige Kalküle zurück zu führen – diese Redeweise dient lediglich der soziologischen Operationalisierung und Modellierung. An dem Beispiel lässt sich sehen, dass das reale Geschehen viel komplexer ist – wenn auch Werte, Normen und Kalküle hier durchaus eine Rolle spielen. Was in der ersten Situation zwischen Herrn A und Frau B geschieht, ist das, was manche Spielarten der Soziologie eine Situation ›doppelter Kontingenz‹ nennen. Kontingent ist etwas dann, wenn es nicht notwendig so ist, wie es ist, aber auch nicht zufällig. Kontingenzen verweisen auf Spielräume, auf andere Möglichkeiten. Und die Realisierung von Möglichkeiten verweist darauf, dass auch andere Möglichkeiten möglich gewesen wären. Doppelt kontingent ist eine Situation sozialen Handelns vor allem deshalb, weil sowohl das Verhalten egos als auch das Verhalten alter egos kontingent ist. Denken Sie an die Begegnung von Herrn A und Frau B. Herr A nimmt Frau B wahr, und er nimmt wahr, dass Frau B ihn wahrgenommen hat. Nun entsteht die Situation, dass Jeder der Beiden sein Verhalten vom Verhalten des Anderen abhängig macht – dies meint das Gedankenkonstrukt der ›doppelten Kontingenz‹« (Armin Nassehi: Soziologie: Zehn einführende Vorlesungen. S. 37). 239 besteht, durch Kommunikation entscheiden kann, ob etwas Kommunikation ist oder nicht.«372 Der Grenzverlauf auf der Handlungsebene der hier untersuchten Novelle wird plastisch durch die Abgeschiedenheit des Hauses beschrieben oder durch die anfängliche Ausgrenzung des Erzählers dargestellt. Wie schon in der Analyse zu Beginnlosigkeit deutlich wurde, sind initiale Unterscheidungen notwendig, die benannt, angenommen und zudem mit Anschlusskommunikationen erwidert werden müssen, um ein System erst zu ermöglichen und dann zu stabilisieren sowie fortzuführen. Hierbei spielt die gegenseitige »ins Unberechenbare gepflanzte Erwartung«373 an den Fortgang der Kommunikation eine wesentliche Rolle, die in Form von »Handlung [...] als Synthese von Reduktion und Öffnung für Auswahlmöglichkeiten konstituiert«374 und wahrgenommen wird, wie Luhmann verdeutlicht. Vor allem auf Die Unbeholfenen projiziert ist dies sehr aufschlussreich, da der Leser über den Ursprung des Systems nur wenig erfährt, aber mit einer trotz der anfänglichen Irritation relativ stabilen Ordnung konfrontiert wird, deren Stabilisierungsbestrebungen die Figur Lackner zu verstehen versucht. Die Verschränkung von Systemtheorie und literarischer Verarbeitung der Gruppenbildung verdeutlicht die tieferen Strukturen, die in Strauß’ Text vorhanden sind. Luhmanns Definition nach folgt auf die Systementstehung eine Art Orientierungsphase, die »zunächst durch die Frage, ob der Partner eine Kommunikation annehmen oder ablehnen wird, oder auf Handlung reduziert: ob eine Handlung ihm nützen oder schaden wird«375 geprägt ist. Auf der Textebene spiegeln sich diese Prinzipien und Abläufe folgendermaßen: Lackner nimmt am Beginn die Rolle eines Beobachters376 ein und versucht, möglichst viele Zusammenhänge zu erkennen, um zu verstehen, nach welchen Prinzipien sich die Gruppe konstituiert und vor allem ihren Fortbestand sichert. Mit anderen Worten versucht Lackner, den ›systemeigenen Elementen‹ auf die Spur zu kommen. Strauß stellt mit der Stimme Lackners hierzu fest: »Es fiel mir zu Anfang nicht leicht, die künstliche Anord- 372 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 54. 373 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 160. 374 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 160. 375 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 160. 376 So heißt es im Text: »Nun, dergleichen Erwägungen verdankten sich natürlich nicht den ersten Beobachtungen in meiner neuen, befremdlichen Umgebung. Sie nehmen bereits einige Schlüsse vorweg, die ich später aus meinem Aufenthalt zu ziehen versuchte« (DU 30). 240 nung zu überblicken, in der sich diese Familie, einschließlich des Romero, zueinander verhielt« (DU 11). Ferner heißt es im Text: »Ich wußte ja noch nicht, daß in diesem abgesonderten Milieu, diesem sehr engen zuchtvollen Miteinander jede Regung, der jemand nachgab, lediglich für eine kurze Impuls-Zeit existierte. Danach, wie nicht geschehen oder sofort vergessen, verschwand sie aus jedem Zusammenhang, ohne eine dauerhafte Wirkung in der Gemeinschaft oder bei einem ihrer Teilnehmer zu hinterlassen. Ich wußte noch nicht, daß Unbeständigkeit in der Haltung und Einstellung zueinander das eigentliche Prinzip, die organische Verfassung dieser lebhaften Gemeinschaft war – wodurch sie sich erhielt und immer neu bestimmte.« (DU 12f.) Der Erstkontakt zwischen zwei Menschen provoziert, wie oben gezeigt, Erwartungen und die Signale der Annäherung sind zu deuten, was gegebenenfalls zu Kommunikation und zu Anschlusskommunikation führt und Knotenpunkte zwischen Individuen bildet. Lackners Verständnisprobleme resultieren auch daraus, dass seine gewohnten Deutungsmechanismen für einen solchen Erstkontakt nicht greifen, da sich die einzelnen Mitglieder von als normal zu bezeichnenden Verhaltensweisen distanzieren. Die Hausbewohner sind auf unterschiedliche Art unbeholfen, weil sie aus dem Mehrheitsraster herausfallen, ihre Kontingenzsignale sind mit anderen Worten weit von den gesellschaftlich gängigen entfernt und erschweren den kommunikativen Anschluss377: »Sich irgendwelchen sozialen Rollen oder Standards des Wohlergehens anzupassen, das wäre ihnen gar nicht möglich gewesen. Sie entwarfen sich aus einem viel zu fragmentarisierten Innenleben, als daß sie zu festumrissenen Rollen hätten finden können. 377 Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 160: »Die Position des Eigeninteresses ergibt sich erst sekundär aus der Art, wie der Partner auf einen Sinnvorschlag reagiert. Die Verfolgung eigenen Nutzens ist eine viel zu anspruchsvolle Einstellung, als daß man sie generell voraussetzen könnte (und die entsprechenden Theorien sind auch sehr spät entwickelte Theorien). Dagegen käme kein soziales System in Gang, wenn derjenige, der mit Kommunikationen beginnt, nicht wissen kann oder sich nicht dafür interessieren würde, ob sein Partner darauf positiv oder negativ reagiert. Eine in dieser Hinsicht gänzlich unbestimmte Situation würde, wenn nicht jeder Kontakt sogleich abgebrochen wird, zunächst Bemühungen auslösen, die Voraussetzungen für die auf den Partner bezogene Differenz zu klären«. 241 Sie mußten nicht nach draußen gehen (was sie bei notwendigen Anlässen gleichwohl taten), um zu erfahren, was draußen vor sich ging. Ihr gemeinsames Verstehen, das fortgesetzte Erläutern und ihr eigenes Erläutertsein, hatte die Wirkung einer Parabolantenne, die das entfernteste soziale Geräusch empfing. [...] sie verkörperten ihr Verstehen, ohne es selbst zu verstehen.« (DU 30) Durch stilles Beobachten und langsames Erschließen der Gruppencodes verblasst Lackners unzulängliche Vorkenntnis und es öffnet sich ihm ein Zugang zur Gruppe, deren »boundary maintenance« (Luhmann) Lücken aufweist, die den Zutritt neuer Inputgeber ermöglichen soll. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Figuren auf den Innenseiten ihrer Psychen keine geschlossenen Einheiten mehr sind, die Gründe für das ›fragmentarisierte Innenleben‹ werden im Verlauf der Handlung deutlicher, wenn Strauß die Abgrenzungsbestrebungen beschreibt. ›Fragmentarisiert‹ mag auch meinen, dass die Figuren auf der Innenseite bereits – oder noch aus der Zeit vor der Flucht nach Innen? – von Globalisierung beeinflusst sind, weil durch die Erweiterung der innere Zusammenhalt gefährdet ist. 4.3 Beobachten & Systembildung Mit dieser die Geschehnisse bereits interpretierenden Beobachtung, die das »gemeinsam[e] Verstehen«, ein fortlaufendes Erklären und Erläutern und vor allem auch »Erläutertsein« als Beobachtung zweiter Ordnung betont, wird angerissen, dass sich um die Gruppe herum durch ihre flüchtige und doch nach festen ›Selektionsregeln‹ verlaufende Kommunikation ein System bildet.378 Aufgrund der vielfältigen Verbindungen innerhalb des Gefüges, die im Laufe des Textes beschrieben werden, wird sichtbar, dass das System über ein rein auf Personen gestütztes Interaktionssystem hinaus geht. Da es den Eintritt weiterer Personen nur über einen Eintritt in die 378 Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 178: »Ein soziales System kann seine Sinngrenzen mehr oder weniger offen und durchlässig definieren, muß dann aber intern Selektionsregeln festlegen, mit deren Hilfe Themen akzeptiert oder verworfen werden können. Dadurch, daß im Kommunikationsverlauf Selektionen an Selektionen anschließen, verdichtet sich ein Bereich des Annehmbaren und Zumutbaren, dessen Grenzen quer durch die Sinnwelt gezogen sind. Psychische Systeme werden dadurch zu Personen, das heißt zu Erwartungskollagen, die im System als Bezugspunkte für weitere Selektionen fungieren. Das mag mehr und auch weniger implizieren, als ihnen bewußt ist«. 242 Kommunikation (und Austritt aus der Groß-Gesellschaft) erlaubt, ist es als kommunikatives, komplexes und damit ebenso als soziales System einzustufen, das somit auch über eine Umwelt verfügt Für die Systembildung spricht auch, dass nicht-kommunizierte Ereignisse im gesellschaftlichen Draußen nicht relevant für das System sind; es wird, durchaus überführbar, ähnlich wie in Wohnen Dämmern Lügen (1994) wahrgenommen: »Draußenheit nur grosso modo, ungefähr und wie durch einen grauen Star gesehen« (WDL 78). Zum Erstaunen des Erzählers ist eine Irritation oder Stabilitätsgefährdung von außen durch spontane Ereignisse, hier konkret durch die nahende Entbindung von Romeros Ehefrau, wegen der festen inneren Stabilisierung unmöglich: »Am liebsten hätte ich mit einem Schrei der Empörung die eisige Gleichgültigkeit gebrochen, mit der man dieses Ereignis beiseite schob, nur weil grundsätzlich alles, was draußen geschah, und selbst die Geburt des eigenen Kinds, keine weitere Beachtung verdiente. Doch mein Aufschrei wäre nur einer dieser kurzfristigen Impulse, dieser Affekt-Pfeile gewesen, die hier andauernd die Luft durchkreuzten, ohne daß ein einziger Treffer erzielt wurde.« (DU 14) Die angeführte Stelle zeigt, dass alle Ausrufe Lackners so lange im Raum verhallen, bis er den Code der Gruppe kennt und anzuwenden gelernt hat und »mit dem Prinzip der Unbeständigkeit« (DU 37) vertraut ist: »›Man scheint hier nur in geheimen Absprachen miteinander zu sprechen‹, flüsterte ich Albrecht ins Ohr, ›ich kann mich nicht beteiligen.‹ ›Du wirst dich anpassen, und es wird dir nicht schwerfallen‹ antwortete Albrecht« (DU 25f.). Nicht an der Kommunikation teilnehmen zu können, führt zum Ausschluss beziehungsweise zum ausbleibenden Anschluss an das System. Die Codes verstehen zu können, leitet zur Inklusion. Es vollzieht sich anders ausgedrückt eine Anpassung durch Beobachtung und Folgebeobachtungen. Strauß vertieft den subtilen Systemverweis in langsamer Annäherung an die Kommunikation der Gruppe. In der Sphäre werden die jeweiligen Redebeiträge nicht auf Personen zurückgeführt, sondern einzig auf die Funktion des kommunikativen Anschlusses reduziert: »Über den Köpfen der Fünf gab es so etwas wie eine vermittelnde Instanz, eine empfindliche Regulatur, die mit allem, was diese Menschen sagten, verstanden und taten, gleichsam gefüttert und programmiert wurde. Sie schien es auch zu verhindern, daß je eine Äußerung oder ein Antrieb un- 243 mittelbar aus dem Wesen oder der Stimmung einer einzelnen Person hervorgingen. Denn jeder war mit dem anderen über dieses ideelle Relais verbunden, das ganz unvorhersehbare Anstöße in die Familie schickte und sie mitunter zu Versuchspersonen ihrer eigenen Verhältnisse entmündigte. Im Grunde versetzte das Vehikel sie immer wieder in ein Stadium der wechselseitigen Erprobung, der Test- und Prüffälle, und sorgte für die schon erwähnte Unbeständigkeit aller einzelnen Verbindungen und Zuordnungen. Instabilität aber verschaffte ihnen, den dauerhaft Unzertrennlichen, die Illusion, einander nicht verläßlich zu kennen. Das Relais tauschte Bekanntes in Unbekanntes, und so kam es, daß sie sich oft nicht daran erinnerten, was sie vom anderen bereits mehrere Male gehört oder schon einmal mit ihm erlebt hatten.« (DU 27) Es zeigt sich in Lackners Reflexion, dass Anschlusskommunikationen nach der systemeigenen (oder auch: diskurseigenen) Logik »dieser stehenden Geschichte« (DU 32) ablaufen, die sich im Fortschreiten selbst reguliert, korrigiert und neu ausrichtet, wenn es der Reduktion von Komplexität dient. Der fortlaufende Dialog (oder vielleicht besser: Monolog) der Gruppe legt verschiedene Wege (systemtheoretisch betrachtet: Programme) frei, die vertieft, verworfen oder verändert werden, um die Kommunikation aufrecht zu halten, weil »ein geringer spontaner Anstoß zu einer unverhältnismäßig tiefen Wirkung führen konnte. Wenngleich beide, Aktion und Reaktion, binnen kurzem wieder zu nichts zerfielen« (DU 37). Die grundlegende Frage lautet daher in Bezug auf die Kommunikation auch, ob es relevant beziehungsweise wichtig ist, wer etwas sagt oder ob nur bedeutsam ist, was gesagt wird. Es ist in Anlehnung an die zuvor besprochene Kybernetik ein kybernetisches Problem. Anders als in vielen der Dramen stimmen die Figuren sich auf einen gemeinsamen Ton, eine gemeinsame Frequenz ein und sind in der Lage, eine gemeinsame Kommunikation zu entwickeln. Der Titel sagt viel über diese Sonderkonstellation und -rolle im Werk aus. Unbeholfene Figuren sind abnorme Existenzen; so verstanden, dass sie aus der Umwelt fallen und als Gegenstrategie versuchen, einen neuen Halt in ihrem Zirkel zu finden. Die Figurenrede ermöglicht es Strauß, verschiedene Positionen einzunehmen und diese durch Rede und Gegenrede, aber beständig innerhalb einer geschlossenen Welt, auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen, hinzu kommt jedoch auch die vom Erzähler am Anfang beschriebene Metaunterhaltung über den Köpfen. Es handelt sich dabei um keinen statischen Prozess und folglich steigt die Dif- 244 ferenzierbarkeit im Verlauf der Handlung. Dadurch wird erkennbar, dass es durchaus einzelpersonenbezogene Positionen gibt, deren Existenz jedoch für die Ausrichtung des Systems unwesentlich sind, solange sie nicht in einer Form vorkommen, die keinen Anschluss mehr ermöglicht. Dies ist eine Art Weiterentwicklung des Strauß’schen Sprechprinzips, in dem häufig »menschenleere Menschen« (TDW 319) wie in der Trilogie des Wiedersehens (1976), eine sich selbst fortsetzende Schrift wie in der Erzählung Die Widmung von 1977 oder als Fundament der Welterhaltung in Das blinde Geschehen von 2011 (»Für mich besteht die Welt überhaupt nur aus unzähligen Zwiegesprächen« (DBG 33)) beobachtet werden können. Gabriele Betyna kommentiert dieses Prinzip in ihrer Untersuchung zur Widmung, ohne jedoch auf die prototypische Gültigkeit für Strauß Erzählstil einzugehen: »Innerhalb der Geschichte schafft sich eine ›von Figuren befreite Rede‹ Raum, und zwar in Form einer kulturkritischen Essayistik, als Aphoristik, als Erzählminiaturen sowie als allgemeine Reflexionen. Diese greifen vor allem den inhaltlichen Kontext der Geschichte auf – Erotik und Schwermut –, die fragen aber auch nach den Möglichkeiten der Literatur bzw. der Kunst in der Gegenwart. Wenn sich auch die ›freie‹, autornahe Rede nicht immer eindeutig von der Darstellung des Ich-Erzählers Schroubek abgrenzen läßt, so ist doch evident, daß dessen Geschichte Objekt einer kritischen Reflexion ist.«379 Eliminiert man nun die auf Die Widmung bezogenen Aussagen, wird das poetologische Grundprinzip deutlicher: Längere Reflexionen folgen auf Miniaturen, gemeinsam vollzieht sich der kritische Blick auf die Welt. Ein Effekt dieses Verfahrens besteht in dem so ermöglichten »Nebeneinander des Verschiedenen, von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«380, wie Betyna es nennt und dabei eine »›Ästhetik der Flüchtigkeit‹«381 sieht, in der Bruchstücke, Fragmente nicht primär auf eine »geschlossene, stimmige Geschichte«382 abzielen, »sondern dem Diversen und der Abschweifung, mithin der flüchtigen Szenerie, Raum gewährt«383 wird. Diese Aussagen zu 379 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie: frühromantische Ästhetik und die Selbstreferenzialität moderner Prosa: Thomas Bernhard, Peter Handke und Botho Strauß. S. 181. 380 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie. S. 193. 381 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie. S. 193. 382 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie. S. 193. 383 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie. S. 193. 245 Die Widmung treffen ebenso auf Die Unbeholfenen zu, obwohl beide Erzähltexte divergente Schwerpunkte aufweisen. In der Widmung isoliert sich ein Einzelner aufgrund einer privaten Begebenheit, einer Trennung – in der untersuchten Novelle hingegen eine Gruppe von Individuen, teils über ein familiäres Band verbunden, aufgrund von und gegen Veränderungen in der Gesellschaft. In Die Unbeholfenen webt Strauß – im Gegensatz zum Briefmonolog in der Widmung – dieses Erzählverfahren in einen fortlaufenden und damit flüchtigen Dialog ein, der vor der Handlung beginnt. Es erklärt auch Lackners abrupten Einstieg in die Kommunikation ohne unmittelbares Verstehen des Dialogs und der allgemeinen Vorgänge, denn ihm fehlen die Aktualisierungen vorheriger Gespräche und Vorgeschichten der Gruppe. Die Verbindung der Mitglieder über ihre gemeinsame Vernetzung, in die auch Lackner im Verlauf der Handlung eingebunden wird, vollzieht sich über das oben genannte »Relais«. Es entspricht in etwa der strukturellen Kopplung von Systemen, da es Kommunikationsbeiträge (systemtheoretisch: Leistungen) auf der jeweils anderen Seite der Grenze zwischen Gruppenmitglied und Gruppensystem verwertbar gestaltet. Einige weitere Bemerkungen zum Verhältnis der Gruppenmitglieder untereinander und zur Gesellschaft sind erforderlich. Albrecht kann das Haus nur schwer verlassen. Ilona schreibt ständig SMS (mit wem wird nicht deutlich), Romero verlässt das Haus in regelmäßigen Abständen, da seine neue Partnerin au- ßerhalb der Gruppe lebt. Nadja hat Lackner irgendwo kennengelernt, folglich muss auch sie das Haus verlassen können. Ilona verlässt am Ende spontan mit Lackner das Haus und gefährdet auf diese Weise die Stabilität der Gruppe. Die poetologische Grundkonstellation einer Gruppe, die von der Gesellschaft abgeschieden lebt oder nur temporär ausgeschlossen wurde, erinnert an den Plot vieler whodunit-Kriminalromane384 oder auch, und das ist ebenso wahrscheinlich, an eine von Strauß imaginierte vierte Wand als räumliche Begrenzung der Handlung, aus der sich spezifische Formen der Interaktion ergeben. Dieser Aspekt einer Textgestaltung drängt sich auf, da der Text durch seine ausgeprägte Mündlichkeit, den szenischen Aufbau und das Hinarbeiten auf eine Eskalation, in diesem Sinne dem »Powercut« (DU 101) als eingestreute Regieanweisung, über weitere Merkmale eines Dramas verfügt. Eine frühe Planung des Textes als Drama oder eine nachgängige Theateradaption liegen durchaus im Rahmen einer mög- 384 Vgl. hierzu Peter Nusser: Der Kriminalroman. S. 22-30. Das Setting in der vorliegenden Novelle ist vergleichbar mit der eingeengten Ausgangssituation solcher Kriminalgeschichten: ›Wer war es?‹. Das langsame Herantasten durch Beobachtungen und Schlussfolgerungen geschieht dort wie hier auf vergleichbare Weise. 246 lichen Textausarbeitung. Auch fällt auf, dass Strauß häufig in den erzählenden Prosatexten Kommunikationen in einem personell begrenzten Raum stattfinden lässt. Und stellenweise scheint es, als wäre das Personal aus dem Roman Der junge Mann, vor allem Reppenfries, Almut oder Leon Pracht aus einem Werk in das nächste umgezogen und in neue Rollen geschlüpft. Dieserart intertextuelle Charakteristiken oder Prototypen zwischen den Werken können Zufall sein, demonstrieren indes auch Strauß’ Fähigkeit und Bestreben, sein Schreiben als vernetzten Kosmos voranzutreiben, wovon die Parallele zur erwähnten Figurenkonzeption in Paare, Passanten oder die Aussage »im Grunde immer am selben Buch« zu schreiben und »Verbesserungsversuche der schon geschriebenen. Der hinter ihm liegenden«385 Texte zu formulieren, zeugt. Fürsprache und Widerreden in Die Unbeholfenen verdeutlichen den Flow der Kommunikation, das heißt, wie Anschlüsse und Aufrechterhaltungen erzeugt werden. Daher wundert es nicht, dass Volker Hage Strauß hier, vor allem im oben bereits thematisierten Dialog zur Infodemenz, sehr deutlich dialektische Standpunkte ausgetragen sieht: »Da blitzt der vertraute intellektuelle Furor des Dichters und Denkers Strauß auf – allerdings in einen poetischen Schwebezustand gebracht, indem er mit verschiedenen Stimmen spricht und den Erzählton romantischer Vorbilder anschlägt. So sorglos hat zuletzt E.T.A. Hoffmann [...] den Gesprächsrahmen inszeniert. Auch bei Strauß werden die Reden der Teilnehmer betont lässig – manche Leser werden meinen: nachlässig – aneinandergereiht […].«386 Die Stärke des Textes besteht in just diesem beinahe-dramatischen Schwebezustand, der stark an das erinnert, was Strauß selbst in einem Gespräch über Rumor als »eine von Figuren befreite Rede« beschrieben hat, mit dem Unterschied, dass er in Rumor »die Figuren manchmal auftauchen und wieder verschwinden läßt«; in Verlängerung dieses Verfahrens enthält auch der Dialog in Die Unbeholfenen »[e]ine Art Fading: das kommt und geht wieder‹«387. Die Fortentwicklung und Selbstreproduktion der Kommunikation geschieht, wie Lackner reflektiert, nicht in, sondern über den Köpfen, ist 385 Volker Weidermann: »Der abwesende Herr Strauß. Ein Treffen mit dem unbekanntesten Schriftsteller der deutschen Literatur«. 386 Volker Hage: Letzte Tänze, erste Schritte. Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 287. 387 Volker Hage: Die Wiederkehr des Erzählers: neue deutsche Literatur der siebziger Jahre. S. 220. 247 aber stärker an die Figuren gebunden als es in den angesprochenen Werken der 1970er und 1980er Jahre der Fall war. Die an ein Drama angelehnte Grundstruktur der Novelle würde es auch ermöglichen, den Dialog ohne namentliche Nennung zu entwickeln, jedoch fielen dann die spezifischen Eigenschaften der Figuren fort, welche für die Positionierung der Gruppe (als geschlossenes System) gegen die Gesellschaft von immenser Wichtigkeit sind. Ähnlich der Osmose von Zellmembranen konstituiert sich das System über aus der Biologie bekannte Reproduktionsmechanismen. Hierin kann durchaus ein weiterer jedoch nicht kenntlich gemachter Verweis auf Maturana und Varela gesehen werden, auf deren Autopoiesis- Theorie Strauß bereits 1992 in Beginnlosigkeit hinwies und diese nun erneut aufgreift: »Ja, waren sie nicht wie Puppen an den Fäden einer Reflexion, die über ihren Köpfen und nicht in ihnen stattfand? Jeder flüchtige Gedanke, jede innere und äußere Regung, die den einzelnen beschäftigten, hing an den Strippen einer vorrangigen Gemeinsamkeit und leitenden Sympathie. Man muß es sich vorstellen wie ein Ektoplasma – eine Ausstülpung ihres zu fünft bewegten Geistes. Und dieses aus ihnen hervorgetretene Gebilde ließ sie denken, ließ sie auf den Wellen des Bewußtseins tanzen, als wären sie Marionetten in der Hand eines launenreichen Spielers.« (DU 28) Die Gegenüberstellung allgemeiner Begriffe wie Puppen und Marionetten auf der einen und Reflexion, Gedanken und Bewusstsein auf der anderen Seite zeugen von der dialektischen Denkweise Lackners, die es ermöglicht, das beobachtete Verhalten beschreiben zu können. Biologisch konnotierte Systemreproduktion verschmilzt mit bewusstseinsgesteuerter Kommunikation. Die von Albrecht ausgestoßene Losung »Niemand verlässt den Raum« (DU 31) fügt sich reibungslos in diese Schilderung ein, da sie die Komponenten und Akteure des Gruppensystems benennt: »Umgebung, Wände und Menschen« (DU 31). Zudem ist das System teilweise der Zeit enthoben, weil ein Aufhören nicht vorgesehen beziehungsweise an die Lebensdauer der Teilnehmer gekoppelt ist: »Wir sind als Einzelmenschen wie als Geistfiguren Endstationen. [...] Auch wir sind eine Gemeinschaft geretteter Figuren. [...] Eine vielschichtige Empfindung, die nur in dieser abgesperrten Gemeinsamkeit entstehen konnte: Sympathie. Das heißt soviel wie untereinander nicht nach Verständigung suchen, sondern sie von vorneherein als gegeben empfinden. Sie er- 248 laubt nun allerdings, ja zu ihrem Erhalt, ihrer Stärkung fordert sie sogar, daß von Zeit zu Zeit ein Gast zu uns stößt und sich an ihr beteiligt. Oder gegen sie verliert. Also, mit einem Wort: keine Eltern, keine Kinder. Kein Vorher, kein Nachher. Endstationen.« (DU 46f.) Es kann zu Irritationen in Form von »skandalösen Begebenheit[en] oder einer Periode der Entfremdung« (DU 32) kommen, die eingangs angeführte Geburt vermag jedoch nicht, die Stabilität des Systems zu irritieren. Die Autopoiesis »des Sympathie-Systems« (DU 47) schreitet entlang von Anpassung und Reaktion in einer steten Bewegung fort. Eine Annäherung an die Kommunikation der Gruppe bedeutet daher auch eine Bewegung aus der Gesellschaft in den Mikrokosmos. Und der Weg in das System ist somit gleichbedeutend mit dem aus der Globalität in eine Art unglobalisiertes Refugium. Der Eintritt in eine abgegrenzte Gruppe stabilisiert gemeinhin ein entwurzeltes oder entfremdetes Subjekt, indem ihm neue Orientierungslinien geboten werden. Diese Gruppe steht nicht für Sicherheit, da die Komplexität der Umwelt sich geradewegs in der Innenkomplexität der Gruppe spiegelt. In dieser Übergangssphäre (eines interpenetrativen Movens) ist die Wahrnehmung des Erzählers noch von Konfusion geprägt. Strauß nimmt hier eine Positionierung des Gruppensystems zur Außenwelt vor, die einen weiteren Rückschluss auf eine klare Grenze zwischen der Gruppe und der Gesellschaft, die hinter den Mauern des Hauses beginnt, ermöglicht. Er stellt das »draußen« (u.a. DU 30, 32) mit seinen ›sozialen Geräuschen‹ einer umgrenzten Innenwelt gegenüber, die sich von den globalisierten Mechanismen jener Außenwelt gelöst hat. Die Außenwelt verkommt zu diesem Zeitpunkt zu einem Stichwortgeber und Antipoden der Gruppe, ohne das Innensystem noch maßgeblich beeinflussen zu können. Ein Verstehen des Innenlebens dieser Gruppe kommt einer Reorientierung gleich, die durch den Wegfall der äußeren Bezugspunkte notwendig geworden ist. Eine Deckung ergibt sich insofern auch mit den Grundbedingungen sozialer Systeme, die als selbstreferentielle Systeme in eine Umwelt eingebettet sind. Aus dem Verhältnis des Systems zur Umwelt ergibt sich ein method(olog)ischer Zwang, so dass die eine Seite der Differenz nicht ohne die andere Seite existieren kann. In der Diktion Luhmanns heißt es zu den Gründen: »Sie hängen mit der Differenz von System und Umwelt zusammen und besagen, daß es weder ein ausschließlich selbstreferentiell erzeugtes System noch ein System mit beliebiger Umwelt geben kann. Diese Bedingungen 249 wären instabil in dem Sinne, daß in ihnen jedes beliebige Ereignis Ordnungswert gewinnen würde. Daraus folgt, daß Selbstreferenz nur als Modus des Umgangs mit einer nichtbeliebig strukturierten Umwelt vorkommt und anders nicht vorkommen kann.«388 Eine Projektion auf den untersuchten Text zeigt, dass das ›System der Unbeholfenen‹ ohne den Gegenpol Gesellschaft nicht möglich oder fortsetzungsfähig wäre. Die Gruppenbildung abseits der Gesellschaft funktioniert in letzter Konsequenz nur, weil die Gesellschaft noch besteht, denn ohne das Gegengewicht der Gesellschaft zerfiele das System. Die Selbstreferenz der Gruppe ist nur möglich, weil es eine ausgleichende Fremdreferenz auf die Umwelt beziehungsweise in sie hinein gibt, wie auch der Aufbau des Textes verdeutlicht. Nachdem Lackner (im Rückblick) die Gruppenexistenz erläutert hat, gleitet die Perspektive in eine Wiedergabe der Gespräche und damit auch der Abgrenzungen gegen die von Globalisierung geprägte Gesellschaft ab. Konkrete Menschen außerhalb ihrer Gemeinschaft sind für die Gruppe jedoch unbedeutend. Die an einigen Stellen erwähnte Figur der Mutter ist bis zu ihrem Eintritt in das Haus der Gruppe am Ende der Novelle lediglich ein eigenschaftsloser Teil der Umwelt. 4.4 Festigung der Innenwelt im Verhältnis zur Außenwelt Die Figur Albrecht ist der älteste Geschwisterteil und gilt zugleich als eine Art Oberhaupt beziehungsweise Initiator der Gruppe (vgl. DU 45f.). Die erste Begegnung mit ihm löst bei Lackner die Reaktion aus, »an die ganze Weltgemeinschaft« (DU 10) sprechen zu wollen, da er in Albrecht einen Menschen erkennt, der »seinen Glanz von innen nach außen« (DU 11) strahlt. Albrecht wird (im Zuge der Fortschreibung der Globalisierungsdiskussion) zwar die Teilnahme an der Gesellschaft erschwert, aber aus der Einschränkung durch die Rollstuhlbenutzung wird ein Vorteil gezogen, da der exkludierte Typus Albrecht die Gesellschaft auf andere Art reflektieren kann. Der andersartige Zugang zur Welt erlaubt demnach auch andere Grenzberührungen, indem er nur aus seinem Inneren heraus in die Welt kommuniziert, jedoch die Welt nicht in sich hineinlässt. Albrechts Stärke lässt Lackner erahnen, dass dieser die einzige vertrauensvolle Person in der Gruppe sein könnte, auch wenn er die Abgrenzung zur Mutter intensiv aufrecht erhält. Später bietet Albrecht Lackner durch eine Interpretation 388 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 31 250 von Goethes Wanderjahre eine Deutungshilfe an, anhand derer Lackner erkennen kann, wie das Gruppengefüge zu verstehen ist. Die innere Beweglichkeit der fünf Personen sowie ihr Redefluss bekommen erst durch die vorgenommene Beobachtung eine Form und werden so verständlich: »Ich erinnere mich auch an die Herrschaft des chemischen Elements, welche die Entsprechungen unter den Personen regelt oder steuert. Doch eigentlich ist es in dieser Erzählung der Beobachter, welcher das Beobachtungsfeld ständig verändert. Was der Erzähler bemerkt (zusammenfaßt, begutachtet, einwinkt), verändert zugleich das gegenseitige Bemerken der Personen.« (DU 39) Das Zitat zeigt auch das poetologische Konstruktionsprinzip von Die Unbeholfenen in Form vielfacher Spiegelungen. Die Metapher der chemischen Elemente bei Goethe erinnert an das Relais im Gruppen-System. Und ebenso wird ersichtlich, wie ein Erzählen überhaupt erst durch die Beobachtung der Elemente ermöglicht wird. Die Benennung von Unterschieden, Auffälligkeiten und letztlich auch anwendbaren Unterscheidungen schafft die Bedingungen für ein Erzählen. Ein wachsendes Verständnis für die Zusammenhänge zieht Lackner tiefer in das System hinein und er steht schon bald »mitten in einer fremden Gemeinschaft« (DU 49), an deren Art zu kommunizieren er zusehends leichter anschließen kann, weil ihm das Prinzip der »fortwährende[n] Unterhaltung, die anscheinend dieser Abgeschiedenen einzige Beschäftigung, ja ihr ehrgeiziges Lebenskunstwerk ist« (DU 50) vertrauter wird, auch wenn ihn das System ›zunächst abgrenzt und abstößt‹ (vgl. DU 50). Durch das rückblickende Erzählverfahren wird an dieser Stelle deutlich, dass der Erzähler zu diesem Zeitpunkt zwar eine der ersten Verstehenshürden überwinden konnte, jedoch noch kein gleichwertiger Beiträger zum Systemerhalt ist, da seine Art der Kommunikation noch zu stark auf Personen wie Nadja oder Romero und zu wenig auf den Erhalt der Unterhaltung konzentriert ist. Zusätzlich findet eine weitere Veränderung statt, indem sich die Unterhaltung thematisch weg von der Gruppenkonstituierung und hin zu einer Weltbeobachtung und Weltreflexion verschiebt. Die Umwelt ist nun nicht länger nur ein undefiniertes ›Draußen‹, sondern wird mit Konturen versehen und in einen Leistungstransfer in die Innenwelt der Gruppe eingebunden: »Und Romero übernahm im gleichen Atemzug, als sprächen sie aus vereintem Bewußtsein: 251 ›Deshalb wünschte ich mir, das große Programm des Schonens würde von der Umwelt auf den Menschenverkehr zurückübertragen. Der genetische Reparaturbetrieb, der verkümmerte oder kranke Organe erneuert, sollte seine Entsprechung im Sittlichen finden. Da wir bald alles künstlich wiederherstellen, weshalb sollte man nicht aus wachstumsstarken Nanomoralia, psychosozialem Gewebe, dem Menschen wieder eine zweite Natur aufbauen?‹« (DU 52) Das Innensystem erfüllt die Funktion eines alternativen Entwurfes für ein Leben jenseits der globalisierten Außenwelt, deren Notwendigkeit Romero mit einer Negativ-Analogie begründet, denn draußen regiert das Oberflächliche: »›Da ich von euch allen am häufigsten unter die Leute gehe, weiß ich wohl am besten, wovor wir uns bewahren. Ich befinde mich draußen erst recht in geschlossener Gesellschaft. [...] In einer Gesellschaft von durchtrainierten Angebern, Blendern, Vorteilsrittern, Gesinnungsgewinnlern, Gemeinplatzbewachern. Von den Ideen ist ihnen nur das untere Urteilen geblieben. Dies nicht mögen, jenes schnell noch in den Himmel heben. Ja, er kann kaum an sich halten damit, der Überalldabei! […]‹« (DU 53) Doch welche weiteren Merkmale weist die Umwelt aus Sicht der Gruppe auf? Was konstituiert sie? Wie sieht diese Gesellschaft aus, die sich durch Globalisierung verändert hat? 4.5 Reflexionen über die globalisierte Gesellschaft Die umgebende Gesellschaft ist, wie der Tirade Romeros zu entnehmen ist, durchsetzt von negativen Menschen und in unzählige Einzelfragmente zersplittert: »[...] in der Epoche nach Bismarck sei nichts zur Reife gediehen, seien sicherlich auch große Gelehrte oder Sieger in vielen Schlachten am Schlusse unreife Menschen geblieben. Nicht viel anders erging es den Zeitgenossen in der Epoche nach Hitler. Auch sie hat aus geschichtlicher Bedingung nur unreife Menschen zugelassen und eine ebensolche Kunst. Nur daß sie sich daraus eine Ehre machten, ihre Ideologie bezogen, ihr Selbstbewußtsein: Jugendliche lösten Jugendliche ab. Aus der Banalität des Bösen ging das Böse der Banalität hervor. Und nichts gab es mehr, das neue Vergangenheit bildete. Nichts, was 252 einst sein konnte, gewesen, sondern alles unablässig heut. Keine neuen Menschen sind unsere Kinder, sondern Kinder wie wir. Asthmatiker, Popfans, Kiffer und Stellungslose wie wir. Vielleicht, daß sie uns eines Tages mit Petroleum übergießen, in Flammen setzen, unsere brandschatzenden Kinder, aufgehetzt von einer Bande fanatischer Greisenhasser. [...] Kaum jemanden treffe ich also, der nicht wäre wie ein zerbrochnes Glas, das ein hundertfach kleineres Bild des Ganzen wiedergibt, um mich einer Metapher John Donnes zu bedienen. Es genügt ja im Mund von irgendwem eine einzige Feststellung oder Meinung, und diese winzige Bemerkung verwahrt das ideelle Ganze dessen, was man derzeit denken oder sagen kann. Und nicht anders denken und sagen kann! Selbst der Intelligente ist nur das Medium einer allgemeinen und aufs Allgemeine beschränkten Intelligenz.« (DU 54f.) An dieser Stelle kommt es in der Handlung der Novelle zu einer thematischen Verschiebung weg von den nach Lackners Eintreten notwendigen gruppenrekonstituierenden Beobachtungen und hin zu Beobachtungen der Umwelt. Es entwickelt sich ein längeres Gespräch, das die Merkmale der umgebenden Gesellschaft analysiert und reflektiert und die andauernden Krisen und den Verfall thematisiert. Das Gespräch bildet das Kernstück der Novelle, das auf relativ engem Raum einige der von Strauß in wiederkehrendem Rhythmus besprochenen grundlegenden Aspekte der globalisierten Gesellschaft behandelt. Die Positionen und Konflikte verändern sich im Zuge des fortschreitenden Austausches, vereinend für alle Beiträge ist die Abgrenzung zur veränderten Gesellschaft. Romero sieht in der zunehmenden Digitalisierung einen Beinahe-Rückfall in eine stratifizierte Gesellschaft, in der Technik »genauso wie bei Hof eine attraktive Zentralgewalt« ausmacht, die nicht mehr von einer Person (wie früher dem König) ausgeht, sondern von einer »allesdurchdringende[n] Öffentlichkeit, in der Licht und Schatten, Erhöhung und Erniedrigung ebenso nach Laune verteilt werden wie in jeder klassischen Monarchie« (DU 56). Hinzu kommen starke Auflösungstendenzen bei jenen Menschen, die an der digitalen Sphäre teilnehmen, wodurch ihre Differenzierbarkeit durch einen Beobachter schwindet: »Erschwerend für die Orientierung kommt hinzu, daß ich immer schlechter den leibhaftigen Menschen von seinem Schatten unterscheiden kann. Computeranimiert erscheinen sie mir beide, Realperson wie Schablone – doch wer gleicht sich wem an? Wer kommt aus wessen Werkstatt? Gerade 253 erst entworfene Geschöpfe, Atavare, [sic!] keuchen neben mir im Sportstudio oder servieren mir im Café das Frühstück. Kein Unterschied im Sprechen, Gehen, Meinen: lauter Animierte ohne anima.« (DU 56) Erneut begegnet dem Leser eine Variante der »menschenleeren Menschen« (TDW 319), die Strauß als Gegenpol zum verfallsgeretteten Individuum setzt und in Die Unbeholfenen zu einem entindividualiserten Kollektivmenschen weiterentwickelt. Die Zufluchtsmöglichkeiten der Gruppenmitglieder werden indes nicht beengt, da sie ihre Flucht aus der Umwelt vor den geschilderten Schädlichkeiten derselben schützt: »Kurz, ein Draußentag genügt, und alles Miteinander-Füreinander, das du in dir trägst, verfinstert sich. Endlich heimgekehrt, wirst du den Verdacht nicht los: Die Menschen sind nur noch als Menschheit interessant« (DU 56). Die letzte Aussage weist auf die zentrale Aussage des Textes hin. Die Beobachtung der jeweiligen Gegenwart, beginnend um ca. 1900, bis in die derzeitige Gegenwart zum Schreibzeitpunkt verdeutlicht die stattfindende Ausdifferenzierung während des gesamten Zeitabschnitts, in der durch Unterteilung »Zerfallsprozesse« (DU 58) stattfinden und »neue Strukturen« (DU 58) außerhalb »einer bildlichen Vorstellung« (DU 58) entstehen. Dies gilt gleichermaßen für die Analogie zur Teilchenphysik wie für die gesellschaftliche Ausdifferenzierung, die sich außerhalb einer konkreten und allumfassenden Wahrnehmbarkeit abspielt, mit anderen Worten hyperkomplex ist. Daher betont Albrecht in seiner an Romero gerichteten Antwort auch die Deutungsunsicherheit, die mit der Exklusion der Gruppe einhergeht: »Noch einmal zurück zu den ausgetretenen Pfaden, zu den zeitbedingten Mustern des Meinens und Denkens. Liegt es an der Überempfindlichkeit unserer Isolation, an dieser durchlässigen Zelle, die wir bilden und die für gewisse Schwingungen unter den Draußenmenschen besonders empfänglich ist, oder gibt es tatsächlich und allgemeingültig: ein ermüdetes, abgelenktes oder zutiefst stagnierendes Bewußtsein?« (DU 59) Die Anschlussmöglichkeiten an die Umwelt sind demnach selektiv. Die Gruppe kann wegen ihrer Isolation und des damit verbundenen Abstandes zur Gesellschaft die Kommunikation in der Umwelt anders wahrnehmen und verarbeiten. Hierdurch werden manche der repetitiven Äußerungen, die in der Umwelt (durch Medien, Religionen oder Politik) verbreitet werden, als fadenscheinig enttarnt. Hierzu heißt es: 254 »Die täglichen Äußerungen zu Schicksalsfragen der Menschheit werden immer dringender und umfassender, gleichzeitig merkt man selbst den gewissenhafteren unter ihnen an, daß sie, montiert und abgeleitet, sich aus lauter altgedienten Konzepten und Überzeugungen zusammensetzen. Sprechen nicht oft aus brandneuen Einsichten allzu bekannte Gesinnungsderivate zu uns?« (DU 59) Die Gesellschaft besteht aus dieser Beobachtungsperspektive betrachtet nicht länger aus der Summe ihrer Individuen. Sie verfügt in der kollektivierten und systemgeprägten Form zwar über ausgeprägte Anpassungsstrategien, aber nicht über die Fähigkeit, Katastrophen und Krisen proaktiv zu verhindern. Es stehen sich Transparenz, Aufklärung und eine Verdunklung durch zunehmende Selbstreflexion gegenüber (vgl. DU 62). Auch die sehnsuchtsvollen Rückverweise auf die moralischen oder kulturellen Segnungen der frühen Moderne (vgl. DU 74) ändern hieran nichts, denn sie sind, wie Albrecht im Dialog über das Bewusstsein Romero gegenüber betont, »stets Hervorbringungen einer Krise – der Krise eines reichen, oft übermüdeten Bewußtseins. Und als solche traten sie häufig im Zeitalter der Revolutionen in Erscheinung. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie profund die Literatur der Krise ist, der geistigen, die zusammenging mit der historischen, in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.« (DU 63) Neben den schon diskutierten Essays zeigen Textstellen wie diese Strauß’ Versuch, sich selbst thematisch in die angeführten Wertediskurse der frühen Moderne einzuschreiben, indem er Sehnsuchtspositionen und Erlösungsstrategien in die Redebeiträge der Figuren montiert. Übermäßiges Pathos in der Figurenrede erleichtert den Konsum nicht unmittelbar, erhöht aber die Dringlichkeit ihrer Aussagen. In der Textgestaltung wird dies durch den Erzähler reflektiert, auch wenn die fehlende Wiedergabe jedweder Gefühlsregungen den Dialog artifiziell erscheinen lassen. Aus der systemtheoretischen Deutungsoptik dieser Arbeit heraus überrascht die neutrale Darstellung nicht, da gelingende oder nicht gelingende Anschlusskommunikation keine Folge von kommunikativer Färbung wie beispielsweise Ironie ist, welche in gewisser Weise auch »eine Mitkommunikation von Zweifeln«389 bedeutet. Zumindest so lange der Sinn und somit die Anschluss- oder Selektionsfähigkeit innerhalb der Selbstreproduktion nicht 389 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 508, vgl. dort auch S. 459, Anm. 164. 255 gefährdet werden, denn »Kommunikation kommt nur zustande, wenn diese zuletzt genannte Differenz [von Information und Mitteilungsverhalten, S.P.] beobachtet, zugemutet, verstanden und der Wahl des Anschlußverhaltens zu Grunde gelegt wird. Dabei schließt Verstehen mehr oder weniger weitgehende Mißverständnisse als normal ein«390. Mit Blick auf den zu erhaltenden Kommunikationsprozess wird dessen Erfolg allein dadurch eingeschränkt, ob es sich dabei »um kontrollierbare und korrigierbare Mißverständnisse«391 handelt. Wie Luhmann hier darlegt, gefährden rhetorische oder emotionale Redemittel die Kommunikation keineswegs, sofern die Kommunikationsteilnehmer über ein mögliches Misslingen informiert sind und durch ihre Bemühungen um Anschlusskommunikation entsprechende Exit-Strategien entwickeln, die in Form von anschlussfähigen Kodierungen erfolgen. Das Wissen des Autors und der Akteure als dessen Sprachrohr, dass nur »[c]odierte Ereignisse [...] im Kommunikationsprozeß als Information, nicht-codierte als Störung (Rauschen, noise)«392 wahrgenommen werden, unterstützt diese Bestrebung. Für Die Unbeholfenen – wie auch für weitere Texte von Strauß – gilt, dass ein ausgeprägtes Formenbewusstsein für diese Art der Codierung den Textaufbau bestimmt. Der Fokus liegt auf der kommunikationserhaltenden Codierung, das heißt Gespräch, statt auf nicht anschlussfähigem Geschwätz, das als gesellschaftliches Rauschen ausgeblendet oder aber erst ironisch-distanziert nachgezeichnet und später negiert wird. Die in Beginnlosigkeit geäußerte Prämisse – »Der technische Kult frißt auf Dauer jede Regung von Differenz« (B 24) – gilt also weiterhin. Strauß’ Auseinandersetzung mit der menschlichen und medialen Geschwätzigkeit will auch, wie Diana Florea urteilt, vermitteln, »dass im Chor des allgemeinen Sprechens die zum Kommunizieren notwendige Selektion der Information aus mehreren Richtungen untergraben wird: Es wird gleichzeitig, ununterbrochen und über alles Mögliche gesprochen«393. Der Krisendialog verdeutlicht die Selektionsschwierigkeit: Zum einen erlaubt das Stichwort »Bewußtseinskrise« (DU 64) Nadja einen kommunikativen Anschluss, zum anderen verdeutlicht es eine Differenz zwischen der 390 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 196. 391 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 196. 392 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 197. 393 Diana Florea: »Sprechen, Schweigen, Schreiben bei Botho Strauß. Das Thema der verbalen Kommunikation als selbstreflexive Auseinandersetzung des Schriftstellers mit den Möglichkeiten der Sprache«. S. 27. 256 (überhöhten) Moderne und der vom Kollektiv verachteten Gegenwartsform: »Vergessen wir nicht die großen Gestimmtheiten des Zwanzigsten Jahrhunderts. Sie sind es doch, in die wir uns zuweilen prüfend zurückversetzen, wenn wir in den Büchern der Moderne lesen. Denn es beherrscht uns eine unstillbare Sehnsucht nach der frühen Moderne. Zu ihnen zählen unter anderem: die Angst, der Ekel, der Wahn, die Langweile, das Absurde. Sie bildeten die intuitive Voraussetzung für die Krisenfähigkeit des damaligen Bewußtseins. Welche wäre denn für uns heute die beherrschende kollektive Gestimmtheit, Romero?« (DU 64) Die genannten Gefühlskodierungen sind, obwohl Beispiele einer historischen Stimmung, anschlussfähig innerhalb der Kommunikation der Gruppe. Über den Rückverweis wird die Information verdoppelt und zugleich gegen eine reine Vergangenheitssehnsucht und für eine Gegenwartsreflexion positioniert. Die Faszination für das Vergangene beruht auf der daraus resultierenden Kalkulierbarkeit fester Verläufe, während für die Gegenwart ein Dauerstörfeuer der Verflachung diagnostiziert wird: »›Die Imbezillität‹, antwortete der Lästerer unumwunden und schien nur auf die Verblüffung seiner Zuhörer zu zielen. ›Am Ende der modernen Bewußtseinsgeschichte [...] steht nur noch die Ruine des Informierten, der nichts mehr bedenkt und schließlich auch nichts mehr mitbekommt, Infodemenz. Der Wahn war das Risiko des einzelnen. [...] Die Imbezillität gehört – abrupt, mit einem Schlag – allen. Sie läßt dem einzelnen keine Chance mehr. Sicherlich, dieser neue Schwache [sic] Sinn entsteht unabhängig von persönlicher Disposition und Erziehung. Ihm geht voraus, daß die Begabung der zwischenmenschlichen Aufmerksamkeit auf der Skala heute erwünschter und geforderter Tugenden keine Rolle mehr spielt. Sie gleicht einem sich zurückbildenden Organ. Denn solche Begabung wird für das Andocken des Menschen bei einer höherentwickelten Menschenähnlichkeit (auf Grund der neuen, dem Nervensystem nachgebildeten Technologien) nicht mehr nötig sein.‹« (DU 64f.) Mit dem Redeeinstieg und der provokanten Aufmerksamkeitserregung reagiert Romero auf die zuvor angebotene Information und weitet seine Ausführungen zur Gegenwartsgesellschaft aus. Wie bereits in der Analyse von Beginnlosigkeit besprochen, wird auch in Die Unbeholfenen der psychisch 257 Erkrankte mit der Möglichkeit ausgestattet, Grenzen zu überschreiten und die »gute Gesellschaft der Vernunft« (DU 66) aus der Außenseiterposition fortzuentwickeln. Der Terminus »Masse der Schwachsinnigen« (DU 66) scheint an dieser Stelle der Novelle bereits auf die ›Mitteilungsinkontinenz der Blogosphäre‹, wie Strauß sie in Vom Aufenthalt als Menetekel der Digitalgesellschaft anführt (vgl. VA 175) oder den Essay Lichter des Toren von 2013 hinzuweisen. Die entrückten Texte und Autor(inn)en der frühen Moderne werden dem Kollektiv der ›Infodementen‹ und ihrer ›Schwarmintelligenz‹ (vgl. DU 66) gegenübergestellt, denn »[e]in zuvor nie gekanntes Sammeln, Mischen und Harmonisieren – Synchronisieren! – zeichnet es aus. Da gibt es Verfasser im mittleren Alter, sie schreiben Romane von mehr als dreitausend Seiten, phantastische Romane, in deren erweitertem Gedächtnis sich unzählige Figuren der abendländischen Literatur herumtreiben und neu erfundene Konstellationen eingehen. Auch auf anderen Gebieten finden sich Beispiele dafür, daß uns die technischen Gegebenheiten nicht bis zur Schwächung unserer Anlagen entlasten, sondern im Gegenteil zu einer positiven Assimilation führen. Die enormen digitalen Speicher wirken um- und ausbauend auf unser persönliches, spärliches Bewußtsein. Es ist vielleicht eher mit der Entstehung eines Hyper- Bewußtseins – oder gar einer Bewußtseinshybride – zu rechnen als mit einer Pandemie des Schwachsinns.« (DU 67f.) Die digitale Veränderung beschleunigt eine Loslösung vom Körper auch in Richtung eines oben angedeuteten virtuellen Nervensystems, in denen das »Innenleben in künstliche Neuronenspeicher« (DU 69) geladen wird, durch eine Virtualisierung des Bewusstseins, welches sich auch in den Verweisen auf den Netzcharakter der Umwelt oder einer Diskussion zum Stellenwert des persönlichen oder archivischen Erinnerns zeigt. Dies lässt sich auch mit Schärfs anfangs genannten Aussagen über das kulturelle Gedächtnis verbinden. Strauß setzt wachsende Archive mit »Assimilationsvorgängen« (DU 68) in Verbindung, in deren Verlauf die Differenz ›Aufbewahren/Bewahren‹ (vgl. DU 68) (heran)gezogen wird. Solche Assimilationsvorgänge sind, da die Reduktion von Komplexität als Ziel beider Entwicklungen steht, identisch mit einer Ausdifferenzierung. Und sie setzen das gewohnte Verständnis von Zeit und Raum außer Kraft. Mahnend schreibt Strauß bereits in Die Fehler des Kopisten von einer »Chemie der Erinnerung« (FDK 34), die dahingehend beeinflusst werde, »daß jeder beliebige Zeitpunkt der Vergangenheit aufrufbar und downloadbar wird, von einem Au- 258 genblick der Gegenwart nicht mehr zu unterscheiden. Die neurochemische Stimulation, die das Verlorene überwände wie früher ein Gedicht« (FDK 34f., vgl. auch FDK 26). Mit anderen Worten dominiert nun eine fremde Kraft das Gehirn auf chemische Weise, statt dass Erinnerungsfragmente während einer Lektüre reaktiviert werden. In vorliegender Novelle hingegen bedingen die Ausdifferenzierung und die darauffolgende Fragmentierung der Umwelt eine »Abfallhalde des Globus« (DU 69). Dennoch ist anzumerken, dass Fragmentierung nicht per se dafür steht, dass Zusammenhänge wegbrechen, viel eher verhält es sich so, dass neue Zusammenhänge oder Rahmungen entstehen, die erneut entschlüsselt werden müssen. Dieser langwierige Prozess lässt sich am ehesten noch auf die Bewegung in Richtung einer hyperkomplexen Gesellschaft zurückführen. Auf der Innenseite, das heißt in diesem Fall den Psychen der Individuen, sieht Albrecht eine ähnliche Auflösungstendenz, indem er die metaphorische Auflösung des Körpers als eine zeitlose, digitale und sphärenhafte Existenz beschreibt: »Von der Endzeit gelangt man so elegant hinüber zu einem Konzept der Endlos-Zeit. Diese wird dann unserem zerebalen (sic) Schatten gehören. Das Märchen vom Peter Schlemihl hat sich umgekehrt: Der Schatten hat seinen Körper verkauft. Er war ihm zu schwer, zu energieverschwenderisch, zu plump, zu krank und zu eingebildet. Der Schatten – der Geist – ist es, der nun allein zu Werke geht – lautlos, leicht und immerwährend. Das Denken hat endlich seinen Fluchtweg gefunden. Es wollte schon immer heraus aus dem Madensack. So wird es sich zuletzt entäußern an die technischen Gedächtnisse. Entäußerung des Menschengeists, Kenosis im Downloadverfahren.« (DU 69f.) Beachtenswert ist hierbei auch der implementierte Befund, dass die Gruppe eine Verlagerung in die Netzstruktur der Umwelt feststellt. Netz, Netzstruktur oder Vernetzung dienen – wie Romero antwortet – als Erklärung und möglicherweise auch als weitere Metapher für das Dasein. Und ähnlich klingende Befunde hat Strauß auch in anderen Kontexten schon gestellt: »Es gibt zwar seit einigen Jahrzehnten den beherrschenden Bildbegriff von Netz und Netzwerk, der inzwischen fast die ganze Lebenswelt umfaßt, gleich ob es sich um Kriminalität oder Sport, die Börse oder Botanik handelt. Jeder Bereich ist in sich und alle sind miteinander vernetzt. Man darf sogar sagen: nie zuvor gab es ein derart allzweckhaftes Instrument und Er- 259 kenntnismodul in einem. Denn man benutzt es ebenso alltäglich wie auch auf einer fortgesetzt erfinderischen Ebene. Ein Fertigteil des Erkennens ohne das keine Beschreibung unserer Erfahrungswirklichkeit mehr gelingen will.« (DU 70f.)394 In dieser literarischen Schilderung zielt die allgegenwärtige mediale Vernetzung von verschiedenen Unterbereichen der Gesellschaft sowohl auf die Ausarbeitung einer Zustandsbeschreibung als auch auf eine Kritik derselben ab. Es besteht demnach ein Zusammenhang zwischen Vernetzung und Erreichbarkeit. Über Knotenpunkte sind in der Theorie alle Elemente füreinander erreichbar, wodurch sich neue Folgeprobleme ergeben. Die textinterne Gedanken- und Argumentationsstruktur scheint stark von Vilém Flussers Netzdenken und der telematischen Gesellschaft inspiriert zu sein, ohne dass dies konkret benannt wird, jedoch ist der ›Bildgedanke‹ ähnlich. In der vermuteten Endphase unserer Epoche kommt es laut Flusser zu einer Verdrängung der Texte. Ereignisse werden nicht mehr schriftlich überliefert, sondern durch stehende oder bewegte Bilder erhalten, was somit eine grundlegend andere Wahrnehmung nach sich zieht: »Wenn Texte von Bildern verdrängt werden, dann erleben, erkennen und werten wir die Welt und uns selbst anders als vorher: nicht mehr eindimensional, linear, prozessual, historisch, sondern zweidimensional, als Fläche, als Kontext, als Szene. Und wir handeln auch anders als vorher: nicht mehr dramatisch, sondern in Beziehungsfelder eingebettet.«395 Dies heißt mit anderen Worten, dass der Mensch in einer Fläche aufgeht und die Vernetzung mit der Fläche die Individualität aufhebt, es kommt zum ›Individualitäten-Verlust‹ (in Anlehnung an Shikida). An anderer Stelle weitet Flusser diesen Gedanken aus. Als Netzexistenz, so sein Zukunftsentwurf, werde der Mensch zu einer Art »Gedankenknoten« und Beziehungsgeflecht, denn »die einzig denkbare Lebensform [ist] Leben als Ge- 394 Zur internen Ausdifferenzierung der Systemtheorie gehört auch, dass diese in Kriminalität, Sport und Börse Subsysteme des Funktionssystems Wirtschaft erkennt, die sich nach ähnlichen Leitdifferenzen reproduzieren (Profit/Sanktion, gewinnen/verlieren, Profit/Verlust) und strukturell gekoppelt sind. Die Botanik besteht aus organischen Systemen, sie operiert nicht im Medium Sinn und nicht durch Bewusstsein, und ist zwar hübsch anzusehen, aber im Luhmann-Kontext nicht relevant. 395 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 9. 260 spräch des Erkennens und über Erkanntes«396. Dies kombiniert in der Diktion Flussers das Netz als Über-Metapher der Gesellschaft mit der Methode der Beobachtung erster und zweiter Ordnung. Flussers Theoriekern schildert eine informationsbegründete Gesellschaft, welche die jetzige ablösen will – oder schon hat? Die in der Hyperkomplexitätstheorie plausibel gemachten Standpunkte deuten darauf hin, dass derzeit eine »telematische Gesellschaft«, wie Flusser die nächste Gesellschaftsform übergeordnet bezeichnet und beschreibt, entsteht. Diese ist eine sich selbst regulierende, vernetzte Gesellschaft, in der es keine eigentlichen Zentren oder Hierarchien mehr gibt und in die jedes Individuum – wie zuvor an verschiedenen Stellen bei Strauß nachgewiesen – medial bis in die Tiefe eingebunden ist: »Betrachtet man nun das ›Ich‹ als einen Knotenpunkt in einem dialogischen Netz, dann kann man nicht umhin, die Gesellschaft als ein aus individuellen Gehirnen zusammengesetztes Übergehirn zu sehen. Und die telematische Gesellschaft würde sich von allen vorangegangenen nur dadurch unterscheiden, daß dort der Zerebralnetzcharakter der Gesellschaft bewußt wird und man somit darangehen kann, diese Netzstruktur bewußt zu manipulieren. Die telematische Gesellschaft wäre die erste, die in der Erzeugung von Informationen die eigentliche Funktion der Gesellschaft erkennen würde und die Erzeugung daher methodisch vorantreiben könnte: die erste selbstbewußte und daher freie Gesellschaft. So wie die Bilder gegenwärtig geschaltet sind, ist unsere Gesellschaft ein armseliges Übergehirn, und was dabei herauskommt, ist ein Übergeist, der wenig begeistert. [...] Die gegenwärtige Gesellschaftsform verdankt ihr Entstehen einer ungenügenden und zum Teil falschen Erkenntnis des Zerebralnetzcharakters der Gesellschaft. Die Massenkultur, der überhandnehmende Kitsch, der Verfall der Gesellschaft in Langeweile, in Entropie, sind Folgen der falschen Schaltung.«397 Beachtenswert an Flussers Entwürfen ist deren visionäre Kraft, denn heute herrschen genau jene Zustände, die Flusser bereits 1985 prognostiziert und deren Beschreibung unter anderem Qvortrup um die grundlegende Komponente der Hyperkomplexität erweitert hat. Zur Erinnerung: Sie folgt der anthropozentrischen Gesellschaft und ist polykontextural. Sie wird ›Informationsgesellschaft‹ genannt, ihr Kern ist die Informations- und Kommunikationstechnologie und stützt sich auf ein enormes Netzwerk aus gegen- 396 Vilém Flusser: Angenommen: Eine Szenenfolge. S. 19. 397 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 100f. 261 seitigen Beobachtungen und Beobachtungen von Beobachtungen.398 Strauß’ Diagnosen ähneln dem Zitierten nicht nur in der Diktion und seine Akteure wiederum sprechen so, als wüssten sie um diese Veränderung und greifen im Anschluss an die Netz-Diskussion das Beziehungsfeld- Bildflächen-Dilemma ähnlich klingend auf: »Ein Bild ist zunächst alles, was nicht Abbild ist. Ein Bild, das Bild werden will, darf die Sprache nicht verlassen. Es muß unsichtbar bleiben. Das Bild, nach dem wir suchen, ein Sinnbild oder Inbild, wird immer ein sprachliches Erzeugnis sein, das, obzwar visuell konzipiert, dennoch einem bildnerischen Erkennen entspringt.« (DU 88) Die Argumentationskette näher zu beleuchten, erweitert das Verstehen dieser zentralen Stelle. Der Befund der Figuren lautet bisher in Kurzform: Eine hyperkomplex-telematische Vernetzung findet statt und ist nicht aufzuhalten. Die Figurensicht will vermitteln, dass diese Vernetzung eine Reihe von Auswirkungen auf den Menschen nach sich zieht. Romero tritt in diesem Zusammenhang als Vertreter einer vernetzungskritischen Instanz auf, während Albrecht eine gegenläufige Position einnimmt. Festzustellen ist jedoch auch, dass Strauß den Figuren keine absoluten Standpunkte zuweist, sondern ihnen vielmehr eine gewisse Beweglichkeit innerhalb ihrer Haltungsradien ermöglicht. Ein ähnliches poetologisches Prinzip der flie- ßenden Positionierung formuliert Strauß schon in Paare, Passanten und stimmt es immer wieder in den Essays an. Die Konfrontation und den gegenseitigen Anschluss von Individuum und Kollektiv verschränkt Strauß dort als Balance aus »Entscheidungen«, »Schwächung seiner Auffassungsgabe« (PP 152) und »eingemeindeten Menschen« (PP 153) und Strauß verarbeitet die folgenden Personeneigenschaften spielerisch in der untersuchten Novelle: »Dementgegen der Typ der vorstehenden Persönlichkeit, die Autorität, der Führer, der die künstlich verminderte, nach unten abgerundete Intelligenz der Kollektive braucht, ganz nötig braucht, um sich daran zu stärken und sich tatsächlich immer als der Klügere zu erweisen. Der Führer, der als Einzelgänger eine glatte Null wäre; der schon im intimen Zwiegespräch wenn nicht als Dummkopf, so oft genug als glanzloser Durchschnittsgeist erscheint; nicht weil an ihm ›eigentlich gar nichts dran‹ ist, sondern weil seine Intelligenz sich erst bei einer gewissen Temperatur von Überlegenheit 398 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 290f. 262 zu entfalten beginnt, das heißt bei Anwesenheit nicht unter einem Dutzend gruppierter, also unterlegener Menschen. Und selbst die empfindlichsten Regungen kommen ihm nie im Stillen, sondern erst am Orte, wo er Macht ausübt. Er öffnet sich nur öffentlich.« (PP 153) Die Anspannung und Verbindungsbeweglichkeit der Figuren und das grundlegende Verhältnis von Gruppe und Gesellschaft stellen in Die Unbeholfenen in adaptierter Form einen der Grundzüge der kommunikativen Struktur dar. Die Figur Romero kann als Anführertypus interpretiert werden. Der Aufbau der Figurenrede, die weitestgehend auf den Prinzipien der Selektion gegebener Informationen und einem nachfolgenden Anschluss an diese basiert, untermauert diese These. Romero geht in der Fortsetzung seiner Rede von einem Standpunkt aus, der die zuvor benannte Bewusstseinskrise ausblendet beziehungsweise ablehnt: »Eine Krise unseres Bewußtseins – von der nichts in Sicht ist – müßte eigentlich ihren Ursprung eben in dieser Allgültigkeit eines Begriffs finden. Wären wir noch zur Verwirrung zu bringen, so müßte uns der Schwindel ergreifen angesichts jener – der Phantasie eines Paranoikers nicht nachstehenden – Totalität des Zusammenhängenden: Alles miteinander vernetzt! Hier scheint jeder Unterschied zwischen innen und außen, zwischen Denken und Hirn, Militäroperation und dem Informationssystem der Ameisen, zwischen passiv und aktiv dahinzuschwinden. Das Netz ist dennoch keine metaphorische Bezeichnung. Sondern vielmehr die Variation eines Dings. Vom Fischernetz zum neuronalen oder elektronischen änderte es lediglich seine materielle und strukturelle Beschaffenheit. Eine Metapher für das Netz aber ließe sich nur schwerlich finden.« (DU 71) Bemerkenswert an dieser Replik ist neben der Absolutheit des Netzes (›keine Metapher‹) auch das angedeutete Überwinden der Grenzen, welches möglich wird, weil sich durch die Vernetzung andere Wege eröffnen, sobald eine Verbindung versperrt ist. Die Netzausdifferenzierung in mehr und mehr Knotenpunkte erhöht neben der Komplexität demnach die Mobilität und Anschlussfähigkeit, gleichzeitig zeigt sie auch die Orientierungslosigkeit und die drohende (gefühlte) Auflösung des Individuums durch ›Überdeterminierung‹399. Hingegen wird nicht impliziert, dass die Distinkti- 399 In den nachfolgenden zwei Kapiteln zu Der Untenstehende auf Zehenspitzen und zu den von Strauß verhandelten Konsequenzen der Globalisierung werden die verschiedenen Dimensionen des Begriffs verdeutlichen. 263 on zwischen System und Umwelt ihre absolute Trennschärfe verliert, sondern sie führt aus einer alternativen Beobachterposition heraus zu einer potentiellen Orientierungslosigkeit des Individuums im Netz. Die Konsequenz ist der (vorläufige) Verlust des Standpunktes, weil Orientierungspunkte undeutlicher sind oder fehlen. Es zeigt sich zudem, dass im Figurenrederausch auch der Bildgedanke nicht als Metapher für das Netz taugt: »Allzu leicht geht's mit der Allegorie – aber mit dem Symbol leider nicht. Die Bildgedanken zerbrechen wie die alten Gefäße. Sie können nicht fassen, was wir treiben und wo wir uns befinden. Wir selber wissen weder, an welchem Ort, in welchem besonderen Segment des unabsehbaren Gewebes wir gerade wirksam sind, noch wissen wir, ob wir mit unserem Tun oder Ruhn nützliche Teile des Gewebes etwa zerstören oder umgekehrt neue schaffen. Denn das Gebilde, das uns bildet, bewegt sich ohne ein endgültiges Ziel und ohne jede kausale Folgerichtigkeit. Ebensowenig wie wir darin unseren Ort begrenzen können, vermögen wir etwa die Position unserer Person, die Grenzen des Individuums zu bestimmen in diesem offenen Austausch von Erkenntnis und Widerfahrnis. Alles was wir wissen, auch das Wissen der Vergangenheit, ordnen wir jetzt mit Hilfe unseres neu erworbenen Organs, das noch keinen Namen trägt, unseres Netz-Gespürs jedenfalls. So kommt es, daß kein einziger mehr außerhalb eines Netzwerks denkt oder lebt. Es bleibt in ihm und um ihn herum nichts unverwoben.« (DU 72) Die Frage, die zu beantworten bleibt, widmet sich auch der Dichte und Widerstandskraft des Netzes. Dass es ›kein endgültiges Ziel‹ gibt, bedingt auch, dass die Netzausdehnung das eigentliche Ziel ist. Die Flächenerweiterung oder quantitative Erhöhung der Knoten dominiert die Wahrnehmung. Und so steht der Weg in das Netz auch für einen Blindflug über Beziehungsfelder, wie sie Flusser theoretisch und Strauß literarisch absteckt.400 Diese Reise kann, wie später auch Norbert Bolz formuliert, einen 400 Dass sich ein solches Problem auch visuell aufbereiten lässt und eine universelle Bedeutung besitzt, zeigen beispielsweise die Kinderbuchautoren Giancarlo Macri und Carolina Zanotti in ihrem Buch Punkte, indem sie die durch Globalisierungsfolgen wie Flucht und Vertreibung resultierende Vernetzungskomplexität anhand von schwarzen und weißen Punkten erklären: »Hallo, ich bin ein Punkt« heißt es am Anfang ihres Textes, zu sehen ist ein einzelner schwarzer Punkt in der unteren rechten Ecke. »Ich bin nicht allein, ich habe Freunde«, die Punktmenge ist gewachsen, die Folgeaussage »[u]nd die Freunde haben Freunde und Freunde von Freunden« wird von einer nochmals gewachsenen Punktmenge umgeben. Sie 264 gewissen Reiz haben, auch wenn sie eine Reminiszenz an eine verblasste Epoche ist: »Man möchte das Schauspiel genießen – aber aus der sicheren Distanz des Zuschauers. Genau das war ja die Leistung der antiken theoria: Welterkenntnis mit Distanzgenuß. Modern ist das aber nicht mehr möglich. Der Zuschauer weiß sich jetzt als Rezipient und Beobachter selbst in das Beobachtete einbezogen.«401 Wie schon im Kapitel zur Strauß’schen Essayistik festgestellt, ist die negativ aufgefasste Bindung an das umgebende Gesellschaftssystem sehr stark. Am Auszug aus Die Unbeholfenen lässt sich dies ein weiteres Mal beschreiben und es lässt sich auch die Parallele zwischen Netzwerk und Gesellschaft erläutern: Die Gesellschaft kann sich nur von innen selbst beobachten402, ein Netzwerk nur innerhalb der eigenen Vernetzung zu kongruenten visualisieren die Bewegung von Beziehungsfeldern und gesellschaftliche Veränderungen deutlicher als Literatur oder Theorien es können. 401 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 8. 402 Dass es sich in gewisser Weise dabei um einen Taschenspielertrick handelt, lässt Luhmann zwischen den Zeilen durchscheinen. Vor allem der Vorgang einer ›Gesellschaftskritik‹ gibt vor, von außen zu geschehen, geschieht aber ganz im Gegenteil von innen: »Mit dem Konzept des sich selbst beschreibenden, seine eigenen Beschreibungen enthaltenden Systems geraten wir auf ein logisch intraktables Terrain. Eine Gesellschaft, die sich selbst beschreibt, tut dies intern, aber so, als ob es von außen wäre. Sie beobachtet sich selbst als einen Gegenstand ihrer eigenen Erkenntnis, kann aber im Vollzug der Operationen die Beobachtung selbst nicht in den Gegenstand einfließen lassen, weil dies den Gegenstand ändern und eine weitere Beobachtung erfordern würde. Sie muß offen lassen, ob sie sich von innen oder von außen beobachtet. Wenn sie auch das noch mitzusagen versucht, legt sie sich auf eine paradoxe Identität fest. Der Ausweg, den die Soziologie dafür gefunden hat, wird als ›Kritik‹ der Gesellschaft stilisiert. Faktisch läuft das auf eine ständige Wiederbeschreibung von Beschreibungen, auf ein ständiges Einführen neuer oder Wiederbenutzen alter Metaphern hinaus, also auf ›redescriptions‹ […]« (Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 15). Später führt Luhmann diesen Gedanken weiter aus und stellt einen indirekt auch maßgeblich die Kunst betreffenden Grundsatz auf: »[D]ie Gesellschaft kennt als das umfassende soziale System keine sozialen Systeme außerhalb ihrer Grenzen. Sie kann also gar nicht von außen beobachtet werden. Zwar können psychische Systeme die Gesellschaft von außen beobachten; aber das bleibt sozial ohne Folgen, wenn es nicht kommuniziert, wenn also die Beobachtung nicht im sozialen System praktiziert wird. Die Gesellschaft ist, mit anderen Worten, der Extremfall 265 Schlüssen über sich selbst gelangen: ›kein einziger denkt oder lebt mehr außerhalb eines Netzwerks‹. In beiden Fällen ist alles, was außerhalb der eigenen Form liegt, Umwelt. Dies impliziert auch, dass ein Verlassen beider Beziehungsformen nicht möglich ist, denn das Maschenwerk ist gleich einnehmend wie das Menschenwerk. Es ist nur möglich, sich zurückzuziehen bei gleichzeitigem Verbleib in der Form. Auf den untersuchten Text bezogen bedeutet dies, dass die Gruppe trotz der Haltung gegen die Gesellschaft sich dennoch in ihr befindet. Maßgeblich für die Exklusion ist ein Kappen der Netzverbindungen, die als imaginäres Band erhalten bleiben. Die Figuren können dennoch und trotz aller Loslösungsversuche nicht ›unverwoben‹ existieren, wie aus Strauß’ Überlegungen hervorgeht. Man kann den Auszug zudem folgendermaßen deuten: Die Komplexität der Umwelt dringt in die Nahsphäre des Individuums ein, das heißt, dass sie die Systemgrenze im Zuge einer Interpenetration passiert und so auch die jeweils andere Seite der Differenz beeinflusst. Das ›soziale System Gevon polykontexturaler Selbstbeobachtung, der Extremfall eines Systems, das zur Selbstbeobachtung gezwungen ist, ohne dabei wie ein Objekt zu wirken, über das nur eine einzige richtige Meinung bestehen kann, so daß alle Abweichung als Irrtum zu behandeln ist. Selbst wenn die Gesellschaft routinemäßig sich selbst von ihrer Umwelt unterscheidet, ist keineswegs vorab klar, was damit von seiner Umwelt unterschieden wird. Und selbst wenn Texte, also Beschreibungen, angefertigt werden, die Beobachtungen steuern und koordinieren, bedeutet das nicht, daß es nur jeweils eine richtige Beschreibung gibt« (Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 88). Es gibt folglich unzählige Beschreibungsmöglichkeiten der Gesellschaft und so entspringt jeder Text, egal ob soziologische Analyse oder Literatur, einer individuellen Deutungsoptik der gesellschaftlichen Zustände oder Merkmale. Vor allem in Beschreibungen der Gegenwartsgesellschaft kommt ein schon benanntes Problem hinzu: die Komplexität beziehungsweise sogar Hyperkomplexität. Einfache Beschreibungen reichen nicht mehr aus, da sich diese nicht mehr mit der Gesellschaft messen können. Eine Erklärung für diesen Sachverhalt liefert Lars Qvortrup in seiner Untersuchung zur hyperkomplexen Gesellschaft, in der er unter dem Begriff des ›anthropozentrischen Zeitalters‹ betont, dass der Beobachtungspunkt (und damit auch der Beobachter und die Beschreibungen) in irgendeiner Weise mit der Komplexität des Systems vertraut sein muss. Dies impliziert eine Beobachtung von innen. Im Falle der hyperkomplexen Gesellschaft ist die Lage noch gravierender, da eine Vielzahl von Beobachtungspunkten mit individuellen Beobachtungscodes nötig ist. Es handelt sich um vielfach gewinkelte Beobachtungen von vielfachen Beobachtungen, wie Qvortrup ausführt, die das ›polyzentrische Zeitalter‹ einleiten (vgl. Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 30). 266 sellschaft‹ und das ›psychische System Mensch‹ interagieren, auch wenn dabei die andere Seite der Differenz nur eine untergeordnete Rolle spielt, denn es handelt sich um einen variablen Prozess. Bildlich gesprochen versetzen sie einander in Schwingungen, finden aber keinen gemeinsamen Rhythmus, wenngleich einzelne Tonfolgen auf der anderen Seite nachhallen und erwidert werden. Man sieht dies an der Gruppenunterhaltung, die nicht ohne Input von außen fortführbar ist. Ein Rückspiel in die Gesellschaft hinein findet immer dann statt, wenn ein Gruppenmitglied das Haus verlässt oder auf andere Weise mit Außenstehenden kommuniziert, beispielsweise Ilona per SMS. Diese Kontakte besitzen indes bis zum Zusammenbruch des Gespräch-Systems keine größere Durchschlagskraft. Was nun die Rolle der einzelnen Gruppenmitglieder zur Außenwelt betrifft, ist für das Erfassen der Abhängigkeiten und Relationen entscheidend, wohin der Blick fällt. Psychische wie soziale Systeme sind wie oben beschrieben doppelt kontingent und beeinflussen sich daher wechselseitig, bilden jedoch keine Einheit. Dirk Baecker äußert hierzu eine interessante Bemerkung, die über die Innenstrukturen der Novelle hinausgeht und durchaus auch für die Analysen anderer Strauß-Texte ergiebig ist. Baecker reflektiert, ob in der hyperkomplexen Gesellschaft nicht »auch die Kunst die Form des Netzwerks annimmt beziehungsweise sich mit der Form des Netzwerkes auf eine Art und Weise konfrontiert, die bisherige Motive, Modi und Ergebnisse der Kunstproduktion verändert«403. Diese Überlegung kann im Falle von Beginnlosigkeit und Strauß’ Essayistik positiv beantwortet werden. Die Binnenstruktur von Beginnlosigkeit imitiert (wie auch die vorangegangenen Analysen aufzeigten) ein Netz. Die Intertext-Struktur, die durch die prägnanten Inhalts- und Zeitlinien der Essays entsteht, etabliert ebenfalls eine Netzform vielfältiger Bezüge und Verbindungen. Die bisher herangezogenen Texte weisen Merkmale einer in diesem Sinne globalisierten Struktur auf. Globalisierung ist an dieser Stelle – auch unter der Gefahr einer Begriffsüberdehnung – als Ausdehnung und Ausdifferenzierung der Form zu verstehen. Strauß’ Schreibverfahren bezieht an dieser Stelle einerseits die gesellschaftliche Umwelt der Texte auf eine Weise ein, in der die Umwelt ihre Abgrenzung in Teilen einbüßt und in der Grenzen sprachlich ertastet und (in machen Fällen) im Anschluss überschritten werden. Andererseits dehnt sich innerhalb der Essays Strauß’ Ideen- und Bezugskosmos in der Fläche (gesellschaftlicher Fragen) und der Tiefe (eines kulturellen Erbes) aus. Das Formenexperiment Beginnlosigkeit 403 Dirk Baecker: »Possen im Netz«. S. 107. 267 bricht in der Konzeption mit Lese- und Verortungsgewohnheiten. Bleibt die Frage, wie Globalisierung und daran anhängig die Komplexitätssteigerung der Umwelt in den Texten besprochen und verarbeitet werden. Festzustellen ist, dass sich die Texte überaus präsent auf der Inhaltsebene mit den Auswirkungen der Globalisierung beschäftigen. Das geschieht insbesondere durch die Beobachtung ihrer jeweiligen Umwelten und der Selbstbeobachtung innerer Veränderungen. Dabei ist die initiale Komplexitätssteigerung in der Umwelt auf einen Ausdifferenzierungsprozess zurückzuführen – man denke nur an die Initialbeobachtung und die von ihr in Bewegung gesetzte Ereigniskette, wie Strauß sie in Beginnlosigkeit beschreibt. Der allgemeinere Beobachtungsprozess und die spezifische Verkettung der Ereignisse sind eng mit der Globalisierung verbunden. In aller Kürze ausgedrückt und die theoretischen Eingangsformulierungen resümierend bilden die Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die Globalisierung und die Selbstreproduktion der sich herausbildenden Systeme eine Art Trias mit dem Ziel, einerseits ein Fortlaufen der Verästelung und Verbreiterung (Ausdifferenzierung und Globalisierung) und andererseits den Fortbestand von Systemen zu gewährleisten. Im Falle der vorliegenden Novelle wird deutlich, dass keine Formveränderung vorliegt, sondern im Gegenteil auf das etablierte Gerüst der Novelle zurückgegriffen wird. In Die Unbeholfenen findet die Auseinandersetzung mit der Globalisierung auf der Inhaltsebene statt. Ein erneuter Blick auf die kurz zuvor herangezogene Sequenz aus der Novelle zeigt exemplarisch auf, wie Strauß mit dieser Trias verfährt: »Wir selber wissen weder, an welchem Ort, in welchem besonderen Segment des unabsehbaren Gewebes wir gerade wirksam sind, noch wissen wir, ob wir mit unserem Tun oder Ruhn nützliche Teile des Gewebes etwa zerstören oder umgekehrt neue schaffen. Denn das Gebilde, das uns bildet, bewegt sich ohne ein endgültiges Ziel und ohne jede kausale Folgerichtigkeit. Ebensowenig wie wir darin unseren Ort begrenzen können, vermögen wir etwa die Position unserer Person, die Grenzen des Individuums zu bestimmen in diesem offenen Austausch von Erkenntnis und Widerfahrnis.« (DU 72) Auch Albrecht vertrat zuvor diese Position. Ein solches Annehmen und Erproben fremder Ansichten dient der Aufrechterhaltung der Gruppenordnung und ermöglicht sowohl einverständliche als auch konträre Anschlusskommunikation. Der Dialog entspinnt sich hauptsächlich zwischen Romero und Albrecht; der Erzähler Lackner beobachtet das Geschehen 268 vom Rande aus. Angesichts der beschriebenen Individualisierung bis in eine (metaphorische) Auflösung hinein betont die Figur Albrecht eine Kollektivisierung als mögliche Reaktion auf die Krisen in der Gesellschaft. »Kehren, Krisen, Konversionen, Erweckungen, Epiphanien, wegweisende Sinnbilder werden in der Regel vorbereitet in der tieferen Empfänglichkeit eines Kollektivs. Sie verdanken sich einer gemeinschaftlichen Intuition, wenn es dann auch ein herausgehobener Einzelner ist, der den prägenden Ausdruck findet. Was aber ist heute vom berühmten Einzelnen übriggeblieben?«(DU 73) Zugleich kritisiert Albrecht die schwindenden Wahrnehmungsfähigkeiten des Gegenwartsmenschen, der von einer ausdifferenzierten »mediale[n] Öffentlichkeit« (DU 74) umgeben ist und sich in ihr zu verlieren droht. Beide Figuren schildern die Hintergründe und Auswirkungen dieser Virtualisierung des Bewusstseins. Das für die Gruppe wichtige ›draußen‹ als Gegenwelt und Gegenentwurf ihrer eigenen Existenz erhält durch die geleisteten Beobachtungen die Form einer Netzwelt, welche wiederum als ein Suprasystem, mit dem jedes Gesellschaftsindividuum verbunden ist, verstanden wird. In diesem laufen überkomplexe Öffnungs- und Ausdehnungsprozesse ab, die das einzelne Individuum nicht komplett erfassen kann. Die Erkenntnis, »daß Empfänglichkeit die kritischste Zone unseres Aufenthalts ist«, bildet laut Albrecht die Reaktion auf all diese Entwicklungen. Nadja ergänzt den Austausch zwischen Albrecht und Romero durch weitere Beobachtungen der Entwicklungen in der Umwelt, in der, wie sie sagt, eine »unablässig[e] Zufuhr von Neuerungen« (DU 75) die Reproduktion der Gesellschaft gewährleistet. Auch das Wachstum der »sozialen Entwicklungen im weltweiten Netz« (DU 75) folgt diesen Mechanismen. Ihr Zwischenfazit lautet daher auch, dass es sich bei der »soziale[n] oder [der] Schwarmintelligenz [...] allem Anschein nach um ein evolutionäres Produkt, das innerhalb der Informationskultur einen geistigen Überlebensvorteil gegenüber dem entfalteten Bewußtsein eines einzelnen Menschen besitzt« (DU 75), handelt. In solchen Situationen ist, mit einem Rückgriff auf die Theorie ausgedrückt, die Trias in Aktion sichtbar, weil das sich ausdifferenzierende Netz »keiner Herrschaft außerhalb seiner eigenen Voraussetzungen [gehorcht]« (DU 76). Das Figuren-Pentatrop verbalisiert seine Abgrenzung immer wieder, um sich der Aufrechterhaltung zu vergewissern. Die digitale Sphäre ist der analogen Gesellschaft voraus, weil sie beweglicher ist und, wie dies auch in früheren Sequenzen sichtbar wurde, 269 den individuellen Bezug abgelegt hat und somit zu einem Kollektiv gewachsen ist. Den Figuren bleibt in ihrer nach innen orientierten Gesinnung (und Gestimmtheit) nur, den Anschluss an die bis zur drohenden Auflösung veränderte Außenwelt über eine weitere Reflexion zu verweigern: »Unbestritten organisiert das Spiel der Schwärme aus sich selbst heraus neue soziale Gebilde, die unsere schwer beweglichen Gesellschaften vielleicht erst in hundert Jahren hervorbringen würden. Dies Reich der Leute, die Folks-Stätten, die Plattformen, Communities und Blogosphären kennen weder Grenzen noch Regierungsformen.« (DU 75) Die sich anschließende Diskussion kreist um die Themen Technik und Unbeholfenheit, Pseudonützlichkeit der technischen Hilfsmittel, die Hybridisierung des Menschen (die Metapher aufgelöster Körpergrenzen) und neue »Enhance-Techniken« (DU 78) oder hochauflösendes Sehen und segmentäres, fragmentarisches Verstehen, kurz: den von Strauß vielfach so genannten neuen Menschen. All dies führt dazu, dass das Individuum keine Unterscheidungen mehr treffen kann (DU 76-80). Daraus resultiert die Konsequenz, dass somit auch keine Trennung zwischen den Elementen mehr möglich ist, was zu Stillstand, Gleichgültigkeit und »Desidentifikation« (DU 80) in unterschiedlichsten Bereichen führt. Die diagnostizierte Krise des Bewusstseins, die in der Umwelt stattfindet und die vorrangig den Reflexions-Dialog der Gruppe auf der Innenseite motiviert, beruht auf einer mangelnden Anpassung an die veränderten Geschwindigkeitsverhältnisse in der Umwelt, wie Romero zu vermitteln versucht: »Das ›Ich‹, Held empfindsamerer Zeiten, ist heute eine minderbemittelte Instanz, wenn es um die vielfältigen Verarbeitungen von Informationen geht. Es wird letztlich nicht fertig mit der Last an Ungedachtem, Rohem, nämlich Informationen, die sich ihm nicht einbilden wollen. Während es Stunden braucht, um eine begründete Verbindung zwischen Ursache und Wirkung herzustellen, hat ein Computer in Sekundenbruchteilen alle denkbaren Schritte errechnet mitsamt ihren weitreichenden Folgen und wiederum den zahlreichen alternativ möglichen Folgen, die den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung am Ende vollkommen zufällig erscheinen lassen. Das alte erhabene Subjekt bleibt künftig ein altmodischer Behelf, eine bescheidene Nebenstelle bei der Vermittlung von den Daten zu den Begriffen, von Welt zu Innenwelt. Manchmal aber erhebt es dennoch seine alten Ansprüche, moralische, erotische, kritische – und wir spüren auf ein- 270 mal: wir brauchen es doch, wir kommen ohne unser Ich nicht aus! Ja, wir müssen sogar sein letzter Hüter sein ...« (DU 81f.) Demgemäß lässt sich ableiten, dass die voranschreitende Technisierung die Verarbeitung von Informationen erschwert und zu einer Auflösung in gedanklichen und überkomplexen Operationen führt. Zugleich erschwert es auch Anknüpfungen an bisherige Kommunikationen, da Kausalitätsverhältnisse undeutlich werden, wodurch auch die Deutung und Überführung der Geschehnisse oder Elemente (in) der Außenwelt in die Innenwelt erschwert wird. Ein längerer Gegen-Monolog Romeros versucht, einige dieser Standpunkte zu relativieren und diskutiert zudem das Verhältnis von Wahrnehmung und Darstellung der Welt. Es findet sich dort auch ein spöttischer Verweis auf die Systemtheorie und die »Systemtheoretiker, die so gern das Leerwort ›Komplexität‹ im Munde führen« (DU 84). Ob nun »Leerwort« ein berechtigter Begriff ist, kann diskutiert werden, jedoch untermauert die Nennung der Systemtheorie an mehr als einer Stelle im Werk von Botho Strauß in gewisser Weise die These dieser Arbeit, dass ein enger Zusammenhang zwischen einer Ausdifferenzierung in Form der Globalisierung als gesellschaftliches Phänomen und der Anwendbarkeit der Systemtheorie als Beschreibungsvokabular und Darstellungsmethode dieser Veränderungen existiert (vgl. u.a. B 8, VA 144). Die Wahl der methodischtheoretischen Herangehensweise sieht sich auf der internen Textebene bestätigt. Konkret gelesen zeichnet Strauß mit Romeros Stimme zwei der gängigen Positionen nach: Sprache und Weltvermittlung auf der einen, Überkomplexität und Orientierungslosigkeit des Subjekts auf der anderen Seite (DU 84). Sprache und Weltvermittlung vereinen sich in der Literatur, so ist die Funktion der Literatur klar umrissen: »Dichtung als Befreiung des Wissens vom Fluch des Nichtssagenden. Doch dem voraus geht Wißbegier und Wissensdurst. Nicht kritische Intelligenz. Die den sozialen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Disziplinen, von denen sie handelt, selten genügen kann und meist sogar unter deren Reflexionsniveau bleibt.« (DU 85) Die Spiegelungsfähigkeit der Literatur im Verhältnis zur Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht behandelt worden und der Konsens lautet, dass Literatur ein geeignetes Mittel ist, um Gesellschaft oder gesellschaftliche Veränderungen – vor allem in Krisenzeiten (DU 88) – zu verstehen, zu reflektieren, ja generell zu verarbeiten. Ein Standpunkt, den Strauß so auch im Subtext 271 seiner Essayistik vertritt und die diese Erkenntnis untermauert. Literatur ist, wie Schärf und Strauß404 feststellen, ein Kollektivgedächtnis, dem die Prosa von Musil, Broch und anderen Schriftstellern der frühen Moderne angehört, weil sie die Gesellschaft und das Wissen ihrer Zeit in den jeweiligen Texten bündelt. Vor allem Romero schließt in seinen Äußerungen an diese literarischen Kommunikationen an und tritt auf diese Weise als rückwärts gewandter Sinnsucher auf. Die Versuche, ihre Minimalgesellschaft in der Abgeschiedenheit aufrechtzuerhalten, greifen zum einen auf die Ideen und Vorstellungen der frühmodernen Literatur zurück, zum anderen auf Beobachtungen der Umwelt. Ihre Existenz an einem »abgeschirmten Ort« (DU 86) prädestiniert sie für ihre Doppelbeobachtung der längst vergangenen Zeit wie ihrer unmittelbaren Gegenwart. Wären sie stärker in die hektische, offene Gesellschaft eingebunden, fänden sie als Gruppe keine Ruhe, keine Zeit, keinen Zugang: »Denn hier, an diesem abgeschirmten Ort, stehen wir in der Freiheit des Erinnerns. Ja, wir bestehen überhaupt aus Erinnerung, und in jeder unserer Äußerungen ist ein Heraufrufen von etwas halb Vergessenem. Wir behaupten uns, so gut wir können, mit den Mitteln des unbeholfenen Existierens gegen den Sog einer daseinslosen Zerebralsphäre.« (DU 86f.) Das Vergangene und Gewesene dienen Romero als Erfahrungsfundus, um die Gegenwart verstehen und vor allem sich in ihr und gegen sie positionieren zu können. Deutlich klingt hier Strauß’ zyklisches Zeitverständnis 404 Vgl. als Ergänzung zu den Überlegungen in den Essays die Ausführungen in Paare, Passanten, die am Beginn dieses Kapitels besprochen werden. Den kulturellen Niedergang, in dessen Folge die Masse das Buch beziehungsweise die hohe Literatur nach Strauß’ Gusto vollends ignoriert, führt Strauß insbesondere auf die alles verdrängenden Medien zurück. »87 Fernsehkanäl[e]« (PP 105) erscheinen heute als geringe Anzahl, 1981 als schier unvorstellbare Menge – und für Strauß als Sinnbild der Auflösung aller Kultur im schwarz-weißen Bildschirmrauschen der Nacht. Seine Sicht auf die heranwachsende Informationsgesellschaft ist dialektisch und erkennt die Möglichkeit einer Bilanz, aber auch einer totalen Loslösung: »Indem wir die Maschinen der integrierten Schaltkreise erfanden und bauten, die Computer, Datenbänke, Superspeicher – wurden wir nicht insgeheim von der Idee geleitet, daß die entscheidende kulturelle Leistung unseres Zeitalters darin bestehen müsse, Summe zu ziehen, eine unermeßliche Sammlung, ein Meta- Archiv, ein Riesengedächtnis des menschlichen Wissens zu schaffen, um uns selbst gleichzeitig von diesem zu verabschieden, unsere subjektive Teilhabe daran zu verlieren? (PP 193f.). 272 an. Zur Selbstinszenierung der Kommunizierenden gehört, dass die Aussagen der einzelnen Figuren nicht immer kongruent sind und Positionen variiert werden, so dass Romero, der sich zuvor für das Netzwerk aussprach, nun aus theologischer Sicht dagegen argumentiert.405 Romero revidiert umgehend die eigene Position und knüpft an seine frühere Argumentation an: »Zum Dilemma des verlorenen Krisenbewußtseins gehört, daß Krisen bedeutungslos überall erkannt und benannt werden. [...] Aber seine Existenz spürt der Gegenwartsmensch allenfalls noch durch das Soziale. Sonst lebt er geradezu gegen sie abgepuffert, wenn nicht gar abgeschnitten von ihr.« (DU 88) Albrecht ergänzt wiederum diese Aussage durch Verweise auf den anstehenden Epochenwechsel sowie die Gegenfunktion der Umwelt. In dieser Form verläuft, wie vom Erzähler eingangs beschrieben, das gesamte Gespräch als Schlagabtausch zwischen den Mitgliedern der Gruppe. Nur ein sehr detaillierter Blick auf die einzelnen Redebeiträge oder ihre Kernaussagen ermöglicht das Nachvollziehen der Gesprächs(aus)richtung. Die Beobachtung der Reflexionen erlaubt zudem eine Annäherung an die Globalisierungskonzeption, zu der unter anderem die kommunikative Autopoiesis der Innenwelt und die sich ereignende Ausdifferenzierung der Umwelt gehören. Romero und Albrecht vertreten gegenläufige Ansichten, so dass auf diese Weise beide Seiten der Unterscheidung zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz im Wechsel beleuchtet werden. Ihr Gespräch ist somit als Einheit einer Differenz zu verstehen. Romero betont ein weiteres Mal die Hybridisierung des Individuums mit dem Netz, die zur Abgrenzung nach innen führt, um die Komplexität, das heißt die Anzahl der möglichen Anschlüsse, verringern zu können. So lange das Individuum mit seiner erzwungenen Suche nach Auswegen beschäftigt ist, wird es zu keiner Bewusstseinskrise kommen: 405 Vgl. DU 86: »Wie Hölderlin die Religion rettete vor den Totenvögeln der Aufklärung, vor ihren begreifenden Krallen, und zurückführte in die Sphäre des ›unendlicheren‹ (jawohl!) Lebens, so ist sie wieder und wieder zu retten, solange das menschliche Ingenium reicht. Dafür müßte man freilich die Person oder das Subjekt vor dem unwiderruflichen Übertritt in die modulare Verfügbarkeit, die falsche Unendlichkeit der Netzwerke bewahren können. Ich weiß wohl: Das reflektierende Subjekt gehört wie ehedem das sakrale nun schon zum Altertum des Menschengeschlechts«. 273 »Noch einen anderen Aspekt der unerfahrbaren Krise möchte ich anfügen. Der Geist hat das Ding, das ihn hervorbringt, seine Hardware, mit dem Emblem des Netzwerks verbunden. Er hat sich daraufhin, sozusagen auf dem Weg eines kognitiven Narzißmus, in sein neuronales Spiegelbild verliebt. In sich gekehrt, läuft er nun Gefahr, sich in sein technisches Geschehen zu vermindern. Seine Weltoffenheit einzubüßen. Am Ende wird sich aber unser Geist niemals als ein Netzwerk selbst begreifen. Das Netz- Emblem als Forschungsschlüssel kommt nicht als Passepartout infrage, da es nur eine beschränkte Zahl an Aufschlüssen innerhalb des Hirnuniversums ermöglicht. Vielleicht ahnt der Forscher bereits, daß das Emblem ihn sogar daran hindern könnte, mehr und besser zu verstehen. Ich will damit sagen, solange der Geist seine eingespielten Muster des Begreifens nicht durchbricht, solange er unerschöpflich die eigne Komplexität sondiert, wird ihm daraus eine Krise des Bewußtseins niemals entstehen.« (DU 90) Einige weitere Aspekte zur Verhinderung der Krise gehen aus dieser Aussage hervor, zum einen die Fähigkeit, die Welt wahrnehmen zu können (»Weltoffenheit«), sofern der Blick nicht zu sehr verengt wird, zum anderen die Negation einer vollständigen Auflösung im Netz und zum dritten der auf Beobachtungen gestützte Wahrnehmungsmodus, der die besagte Komplexität quantifiziert. Es geht anders ausgedrückt um das Begreifen und Wahrnehmen. Albrecht tritt, wie schon zuvor, als ein Fürsprecher der Komplexität auf, in der er ein Deutungsmuster für die Welt sieht. Einige seiner Ausführungen zur Weltwahrnehmung auf der neuronalen Ebene finden sich, die Analyse hat es zuvor gezeigt, auch in Strauß’ Text Beginnlosigkeit und die Wiederholung scheint die Dringlichkeit der Strauß’schen Argumentation unterstreichen zu wollen: »Jedes link ist nur ein hint. Der Fingerzeig regiert die Welt. [...] Du hast recht, wir sind besessen von der neuronalen Selbstbespiegelung. Darüber vergessen wir jede andere Vorstellung von der Welt. Und vergessen zuweilen sogar, daß diese weltbildhafte Welt explizit von jenem Teil des Hirns erzeugt wird, der jenseits der Neuronen arbeitet. Es käme jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemandem in den Sinn, daß es noch eine ganz andere Blaupause geben könnte, um die Welt zu verstehen. Als nur die Hardware des menschlichen Gehirns. Das Kriterium des höchsten Verstehens ist immer noch Komplexität. Während das Bild, das Symbol für archaisch gehalten wird. Doch unsere welterzeugenden Einbildungen haben diesen Apparat lediglich zur Voraussetzung, und er ist nur deshalb zur höchs- 274 ten Entfaltung gelangt, damit wir den Plan des Schöpfers sehen und seine einzigen Zeugen sind. Nieder mit dem Neuro-Materialismus!« (DU 91) Andere Weltsichten sind möglich, wie Albrecht einräumt, auch wenn sie außerhalb der unmittelbaren Wahrnehmung der »Bildscheinheiligkeit« (DU 98) der Metaphern liegen. Die Macht der Apparate hingegen scheint von größerer Bedeutung zu sein. Hierin könnte eine weitere Verwandtschaft zu Flussers telematischer Gesellschaft gesehen werden, die durch just diese Machtübernahme der Apparate geprägt ist. Alberts Beitrag ist zugleich ein paradoxer Lösungsvorschlag gegen die Hybridisierung und Auflösung durch die Technisierung: »Technik tröstet anscheinend den abendländischen Menschen für das schwere Schicksal seines untröstlichen Denkens« (DU 95). Ein Ausweg ist nur schwer zu finden und, wie Nadja einwirft, in gewisser Weise einer »Selbsttäuschung« geschuldet und Folge aller »Arbeit des Bewußtseins, egal ob ein Leben, ob eine Epoche lang« (DU 96). Zeitlichkeit ist innerhalb dieser Sicht ein Hauptproblem, weil der einzelne Mensch nur schwer die stete Veränderung überblicken kann. Perspektiven verschieben sich sowohl in Bezug auf das innere »Gedanken- und Interessensystem« (DU 96) als auch auf äußere »Unheilserwartungen, vom atomaren Weltenbrand bis zur Klimadämmerung« (DU 97). Die Zeitlosigkeit der Welt beziehungsweise Zeitdehnung ins nahezu Unermessliche bespricht Strauß bereits in Beginnlosigkeit und führt es in Die Unbeholfenen weiter: »Ungeachtet drohender Katastrophen bleibt aber das tiefere Zeitgefühl auf eine Welt gerichtet, die niemals enden wird, weder mit einem Krach noch mit einem Wimmern. Indem wir aber ins Aufhören keine Erwartung mehr setzen, uns gar nicht mehr in dieses einfühlen können, damit hat die Welt ihre innerste Weltlichkeit erreicht.« (DU 97) Ein weiteres Thema des Gesprächs wird mit der Dominanz der Wissenschaft angerissen, die eine weitere Art der Weltwahrnehmung darstellt. Als Reaktion führt die Figur Romero eine Unterscheidung zwischen »Wissen und dem Wissenwollen« (DU 98) ein, die das Vorhandensein von Wissen aus der Außenwelt in die Innenwelt überführt. Wissen besteht in diesem Fall aus Synthesen im Geiste, doch Wissen inkludiert auch Fremdreferenz an die Welt beziehungsweise dort zu findende Verhältnisse, Zustände oder Mechanismen, die durch die Wissenschaft erschlossen werden. Die Unterscheidung ist in höchstem Maße nur als Einheit beider Begriffe denkbar und so bewegt sich die Wissenschaft geradewegs auf »eine natürliche oder 275 übernatürliche Grenze« (DU 99) zu, die zwischen Fortschritt im Sinne von Bewegung und »Höchstgeschwindigkeiten« (DU 99) und Stillstand, der durch eine »ungeheure Dehnung von Zeit« (DU 99) repräsentiert ist, verläuft. Hierbei ist die Erfahrung von Zeit für den Erkenntnisgewinn von großer Bedeutung. An die Fremdreferenz schließt sich eine Innenperspektive des Wissens an (dies meint auch die ›Selbstreferenz der Wissenschaft‹). Wissen und Wissenschaft bilden die gedankliche Grundausstattung, die ein bewusstes Navigieren in der veränderten Welt erst ermöglicht. Aus der Grenzberührung von ›Wissen‹ und ›wissen wollen‹ entwickelt sich die Grundlage für den neuen Menschen, der, wie das vorangestellte Motto ausführt, von der Grundkonstitution her ästhetisch orientiert ist, da er aus einer »neue[n] Periode des bildhaften Denkens« (DU 100) entstehen wird, die auf »Implikate: Bilder, Symbole, Hieroglyphen, Pictogramme« (DU 100) aufbaut, welche auch als erneute Versinnbildlichung einer telematischen Gesellschaft mit ihren Technobildern fungieren,406 in der das durch Apparate erstellte Abbild der Welt in der Form der Fotografie den ›Augenblick tötet‹407. Es sei nur am Rande angemerkt, dass Strauß’ Blick auf Gerhard Richters Übermalungen von Fotografien durchaus seinem zyklischen Zeitbild entspricht. Die Übermalung geht in eine größere ästhetische Kontextualisierung ein und gibt dem Foto seine Seele zurück und die Zeit wieder frei, wie Botho Strauß schreibt: »Ja, der Maler befreit tatsächlich den gefangenen Zeitpunkt des Fotos, seine Aktion löst den Bann des anhaltend Gestrigen, der über ihm liegt, und versetzt es in die zeitbereinigte Präsenz des Kunstwerks. Inzwischen haben Digital- und Handykamera den festen Fotoabzug längst verdrängt und den einzelnen Schnappschuß durch die auswahllose Bildchenstrecke ersetzt. Solches Material läßt sich zweifellos elektronisch vielfältig bearbeiten, jedoch immer auf gleicher Ebene, auf selbem Pixelgrund. Kein Fixierbad hält 406 Zur Erinnerung: »Die telematische Gesellschaft wäre die erste, die in der Erzeugung von Informationen die eigentliche Funktion der Gesellschaft erkennen würde und die Erzeugung daher methodisch vorantreiben könnte: die erste selbstbewußte und daher freie Gesellschaft« (Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 100f.). Die Bedeutung der Technobilder wird im nächsten Kapitel näher erläutert. 407 Botho Strauß: »Gerhard Richter. Übermalte Fotos« (AUF 159). 276 es mehr fest – das Bildchen verliert durch Leichtigkeit und Häufigkeit ohnehin jede Fixierbarkeit.«408 Doch welches Verhältnis zur Absonderung besteht innerhalb der beschriebenen Gruppe? Hier ist der Umweg über die Beschreibung einer Strukturgleichheit zu gehen, denn auch die Figuren brechen durch ihre Gespräche ›den Bann des anhaltend Gestrigen‹ und sie heben durch die vielen Rückverweise auf die literarischen und künstlerischen Diskurse der Moderne »die zeitbereinigte Präsenz« hervor. Die Übermalung durchbricht die »eingespielten Muster des Begreifens« (DU 90), wie sie in der Novelle angesprochen werden, weil sie, die Folgeaussage variierend, neben ›der eigenen auch unerschöpflich die Komplexität des Kunstwerkes sondiert‹ (vgl. DU 90). Es ist von untergeordneter Relevanz, auf welche Weise die Digitalisierung in die Lebenswelten eingreift, denn die Widersetzung gegen dieselbe mithilfe der Ölfarbe wie bei Richter oder durch Sprache und Handeln in der untersuchten Novelle, läuft auf ein identisches Ziel hinaus: Eine andere »Fixierbarkeit« vergangener Zustände, die unabhängig davon, was gerade verhandelt wird (Freiheit, Wissenschaft, Niedergang), zu sehen ist. 4.6 Die unerhörte Begebenheit: Hereinbrechen von Umwelt Die im Text vorgefundene Gegenüberstellung der wiedergegebenen Positionen transportiert trotz aller Verschiedenheit eine spezifische Sicht auf die Welt und davon abhängig auch die Gegenwart und ihre Gesellschaft. Von einem konkreten Punktsieg für die Standpunkte einer bestimmten Figur kann schon aus Sicht der driftenden Erkundung keine Rede sein. Ein solcher ist auch nicht das Ziel des geschilderten Systems, das die Außenseiterfiguren mit ihrer Betrachtungsweise erzeugen. Die Diversität innerhalb der kritischen Sicht trägt vielmehr zum Selbsterhalt des Systems bei. Jedoch ist bei einer Lektüre durch eine von Globalisierung geprägte Sicht eindeutig festzustellen, dass der Dialog in Richtung einer Reflexion über unterschiedliche Themen der unsteten Gegenwart verläuft, die im Inneren der Gruppe gewendet werden. Jedes Argument, jeder Gedankensprung resultiert aus dem, was der Erzähler am Beginn der Novelle als Teile einer über den Köpfen hinwegrollenden Unterhaltung wahrgenommen hat. 408 Botho Strauß: »Gerhard Richter. Übermalte Fotos« (AUF 162). 277 Schier aus dem Nichts lässt eine von Ilona an den Erzähler gerichtete SMS den Kommunikationsstrom stocken. Ob die gehörlose Ilona durch das kontinuierliche Versenden von SMS bereits ein Hybrid aus Fleisch und Technik ist oder lediglich zeittypisch kommuniziert, bleibt unbeantwortet. Vielleicht auch, weil Strauß diesen Aspekt bereits wenige Jahre zuvor in kürzeren Essays sowie in Der Untenstehende auf Zehenspitzen verarbeitet hat. Der Erzähler in Die Unbeholfenen verliert seine Fähigkeit zur »Selbstbeobachtung« (DU 103) und folgt Ilona aus dem Haus, gemeinsam verlassen sie »die Schar bewegter Figuren, die drinnen auf dem höchsten Wellenkamm ihres Bewußtseins plötzlich angehalten worden war« (DU 103) und suchen die Mutter auf. Nach der Rückkehr in das Haus muss der Erzähler erkennen, dass Ilona und die Mutter ihm zuvorgekommen sind. Durch den Eintritt der ehedem stets abgewiesenen Mutter hat im Haus ein abrupter Wechsel in der Gruppendynamik stattgefunden. An Stelle der ernsten Reflexion bestimmt nun heitere Geschwätzigkeit und inhaltsleeres Geplänkel aus »lauter kleine[n] Schutz- und Fertigteile[n]« (DU 118) die Atmosphäre: »Die ausgewählten und bedachten Bewegungen, die Reflexionsmenuette, die mir als Neuankömmling soviel zu staunen gaben, waren nirgends mehr zu beobachten. Alles Sinnieren, das den Menschen verlangsamt, schien aus den Köpfen gewichen« (DU 110f.) Im Verlauf der Novelle lässt sich deutlich erkennen, wie die Systemkommunikation in Abgrenzung zur Umwelt verläuft und sich entlang im- und expliziter Unterscheidungen, die den Zustand der Welt behandeln, reproduziert, fortbesteht und am Ende doch wegen Lackners und Ilonas Verlassen des Hauses nach der damit einhergehenden Schwächung zerbricht, als die Umwelt in das System eindringt. Der Wegfall der kollektiv eingenommen Beobachtungsposition auf die Welt und die Gegenbildung – vielleicht auch die Gegenaufklärung? – bedeutet zugleich das Ende der besonderen Konstellation. Es deutet sich an, dass sich gegebenenfalls ein neues geschlossenes System herausbilden kann, doch dies fußt auf anderen Prämissen, hat andere Ziele als die Verarbeitung der globalisierten Umwelt. Auch ist die Basis der Kommunikation nun eine andere und wird als »Spiel« (DU 115) beschrieben. Keine (Meta-)Instanz greift mehr lenkend oder steuernd ein. Der Erzähler variiert an dieser Stelle zwischen Fremd- und Selbstreferenz und leitet so bereits das Ende seiner Erzählung ein. Fremdreferenz bezieht sich hier auf die verstummte Kommunikation und die Entmystifizierung beider Figuren. Als Konsequenz ihrer unzulänglichen Sprach- 278 fetzenkommunikation, der schon aus Paare, Passanten bekannten »Fertigteil- Sprache« (PP 163), entkommt Lackner ihrem Einfluss: »So schien es mir nämlich: als seien die Fäden, die sie mit der höheren Reflexion verbanden, für immer durchtrennt« (DU 115). Im Haus ist »Romero […] der eifrigste Netzeknüpfer in der Gemeinschaft« zwischenzeitlich verstummt, eine »übergeordnete Steuerungseinheit« oder »Oberhaupt« (DU 116f.) existiert nicht mehr. Die Selbstreferenz dieser Szene bezieht sich auf das Faktum, dass der Erzähler erstmals aus der Vergangenheit vor dem Gruppeneintritt berichtet. Dies ist für die hier behandelte Globalisierungskonzeption dahingehend von Bedeutung, dass Lackner in einer Branche arbeitete, in der Beobachtungen der umliegenden Gesellschaft zur Arbeitsmethode gehören. Als Berater409 analysierte er statt Fakten und Relationen Träume von Entscheidern im Wirtschaftssystem als Gegenentwurf zu der Datensammelwut (»Daten, Daten, Daten« (DU 120)) seiner Kollegen, ob nun zur Findung einer inneren Ruhe oder Steigerung äußerer Profite bleibt ungenannt. Dieser Typus des Wissenden begegnet dem Leser auch in Strauß’ Roman Rumor, dessen Protagonist Bekker für ein Institut arbeitet, das Zukunftsforschung betreibt.410 Auch der Erzählton hat sich im letzten Abschnitt der Novelle merklich verändert. Die Wiedergabe der Liebesepisode zwischen Lackner, Ilona und der Mutter verschleiert mehr als sie preisgibt. Auf den letzten Seiten bekommt das rückwärtige Erzählen eine besondere Verstehensfunktion für alles, was im Text geschieht. Auch wenn Lackner am Ende endgültig das Haus verlässt, bleiben alle Beobachtungen, Reflexionen und Redefragmente weiterhin gültig, da sie in Form des Textes für textinterne (und textexterne) Anschlusskommunikationen zugänglich bleiben. Trotz der thematisierten Exklusion aus der Gesellschaft bestehen Kontakte zwischen den Gruppenmitgliedern und der Gesellschaft, der Ausschluss ist also nicht vollständig vollzogen. Bleibt noch zu resümieren, welche Verbindung zur Globalisierung besteht, bevor die Entwicklungen der Au- ßenwelt näher untersucht werden. 409 Diese Arbeitsfunktion findet sich auch in Strauß’ Roman Rumor und mag einen Anschluss an den früheren Text darstellen. 410 Auf die Rolle von Berufen in Strauß’ Texten wird unter dem Gesichtspunkt ihrer Relevanz für die geschilderten Figurenverhältnisse und Weltspiegelungen eingehender im sechsten Kapitel zu den Konsequenzen der Globalisierung eingegangen. 279 4.7 Zwischenfazit: Hinter den Mauern eine eigene Welt In Strauß’ »Bewußtseinsnovelle« Die Unbeholfenen wird Globalisierung vorrangig als Veränderung der Gesellschaft wahrgenommen. Das Erzählprinzip fußt darauf, dass sich die Figuren durch ihr Handeln und insbesondere durch ihr Reden, Sprechen, Kommunizieren eindeutig gegen die Globalisierung sowie die Globalität positionieren. Ihr ›ewiger Dialog‹ errichtet ein System und ihre gemeinsame Grenze zur Gesellschaft ist eine Reaktion auf den individuellen Ausschluss aus der Gesellschaft und den Verlust der individuellen Grenze. Eine denkbare Folge eines solchen Verlustes wäre Verzweiflung über das Eindringen der Gesellschaft in die Einzelnen hin zu einem fragmentierten und orientierungslosen Fühlen und Denken, jedoch stellt Botho Strauß eine Alternative zur Disposition. Das System oder der Mikrokosmos, in dem die Figuren agieren, stellt neue (und sofern die Abgrenzung gelingt) auch stabile Grenzen her. Der Rückzug in das abgeschiedene Haus ist eine Reaktion auf die Globalität der Außenwelt und reduziert die Komplexität der Umwelt auf im Inneren handhabbare Grö- ßen. Desidentifikation mit der Mehrheits- oder Großgesellschaft steht stellvertretend für zahlreiche der Globalisierungsphänomene, die Strauß in den neueren Texten anklingen lässt und zugleich einer vielschichtigen Reflexion unterzieht. Das Kapitel zeigt, wie Strauß die veränderten Daseinsbedingungen in der Außenwelt literarisch verarbeitet und welche Formen der Referenzialität herangezogen werden, um der Gruppe der unbeholfenen Figuren einen Rückzugsraum zu stellen. Dieser etabliert sich vorrangig über Rückblicke auf frühere Zeiten und Epochen und die Kommunikation gegen die Gegenwartsgesellschaft. Inhaltlich betrachtet genügen die Figuren sich selbst und verstehen Umwelt vor allem als negativen Auslöser für innere Reflexionen. So stark wie kein anderer Text fußt die untersuchte Novelle auf Abgrenzung und die Figuren entgehen der Auflösung durch freiwillige Exklusion. Dieses Prinzip bildet eine weit verbreitete Komponente oder Methode innerhalb der Strauß’schen Globalisierungskonzeption. 281 5: Digressionen & Gesellschaftsentwicklungen: Der Untenstehende auf Zehenspitzen 5.1 Stand der Dinge: Distinktionen, Exklusion & Weltfremde Auf dem Klappentext des 2004 erschienenen Prosabandes Der Untenstehende auf Zehenspitzen ist die folgende Inhaltsangabe zu finden: »In diesem Buch der Ideen, Betrachtungen und Meditationen zum Stand der Dinge, zum Rückgang der Empfindungsfähigkeit und zur Zunahme an Abstumpfung, wird noch einmal das Zeitalter gemustert. ›Heute, da Mensch und Welt sich alles gesagt haben, was zu sagen war‹, da das technisch-informatorische Wissen den Menschen als ›pharmazeutische oder neurochemische Fabrik‹ begreift, sind das Innehalten, die Rückschau auf das Unerschließbare notwendiger denn je.« Noch bevor der Leser also die ersten Gedanken des Buches aufnehmen kann, wird die Ausrichtung des Textes verdeutlicht: Eine Annäherung an den Zustand der Gegenwart, an das technische Zeitalter über den Umweg einer Rückschau. Beschrieben und analysiert wird eine Gesellschaft, die sich in einem Übergang befindet, in der Globalisierungsprozesse noch stattfinden, nun aber keine elementare Antriebskraft mehr verkörpern. Es werden Bilder evoziert, die eine Neuorientierung und Übergänge sowie die langsame Entfremdung und Herauslösung des Menschen schildern. Es geht Strauß in diesem Text nicht darum, Revolutionen zu beginnen, sondern eher darum, den zeitlichen Übergang zwischen dem alten und dem neuen Jahrtausend aufzubereiten. Hubert Spiegel stellt diesbezüglich und vorrangig auf den Stil bezogen fest, dass eine gewisse Altersmilde Einzug hält, wenngleich der Strauß’sche Erzählton noch immer zwischen den Extremen wechselt, denn »das aktivierte Präteritum-Gen« steht »immer wieder unter dem Störfeuer der Gegenwartssprache«; »der edle hohe Ton, der rasant ins Triviale abstürzt,« vermischt sich mit der »zuweilen brachiale[n] Kraftanstrengung, mit der auch recht banale Erwägungen ins Korsett der 282 Prätention geschnürt werden«411. Auf ähnliche Weise formuliert Jürgen Daiber dies schon 1996 und weist auf einen elementaren Punkt für das Verständnis dieser Fragmente und im Grunde auch des vollständigen Werkes hin. Die Kombination sich bestätigender und widersprechender Gedanken, von messerscharfen Sentenzen in den Prosatexten und – hier nicht weiter angeführt – süffiger Banalität in den Dramendialogen: »Strauß geht es in seinen Fragmentsammlungen [...] um neue Wege des Denkens« und weiter heißt es »Das Fragment wird auf seiner Suche nach anderen Ausdrucksmöglichkeiten für Strauß dabei zum angemessenen Ausdruck eines Geistes, der ›experimentiert und kombiniert‹, seine ›Hypothesen wie Netze‹ auswirft und sich in ständiger Bewegung befindet«412. Einige der Formulierungen und Gedanken in Der Untenstehende auf Zehenspitzen äußert Strauß bereits einige Jahre zuvor im Essay »Wollt ihr das totale Engineering?« in der Wochenzeitung Die Zeit. Der dort publizierte Essay kann als Vorstudie gesehen werden und verdichtet erprobend argumentativ die Themen zu treffenden Schlagsalven, während Strauß sie in Der Untenstehende auf Zehenspitzen wesentlich ausführlicher behandelt. Die Kernthemen des Essays, wie sie auch im Kapitel zur Globalisierungskonzeption in Strauß’ Essayistik behandelt werden, gehen von einer stattfindenden Remythisierung und Zusammenführung von Kunst und Technik aus bei gleichzeitiger Unfähigkeit, die Welt zu verstehen. Wie in der Vorstudie ist in der nun zu untersuchenden längeren Reflexion ein »Hereinbrechen von Weltfremde« (WTE, UAZ 129) in jene Menschen festzustellen, die eine Netzstruktur in sich aufgenommen haben, dadurch zu globalisierten Menschen werden und somit fortan Knotenpunkte in diesem Netz bilden. Als Ausweg bietet Strauß bereits in den Vorüberlegungen den »Schwachsinn als letztes Reservat des Menschen« an, um dem »weltumspannenden Corpus« (WTE) zu entkommen. Die nahe Zukunft wird laut Strauß möglicherweise in einer Dystopie münden und in einer derartigen Gesellschaft wird Fortschritt kein Ideal mehr, sondern ein inhärenter Selbstzweck sein. Strauß diskutiert, ob »[d]as Globale [...] uns längst vertrauter [ist] als das Häusliche«, wie »die Ketten der Globalität« zerrissen werden können und die »Sackgasse des Weltweiten« (WTE) verlassen werden kann. Schon in »Wollt ihr das totale Engineering?« schwingen ungenannt die Hyperkomplexität sowie die voranschreitende Ausgrenzung des Menschen mit, Der Untenstehende auf Zehen- 411 Hubert Spiegel: »Das schönere Nichtmehr«. 412 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. Zur Rezeption naturwissenschaftlicher Theorien im Werk von Botho Strauß. S. 37. 283 spitzen führt diesen Aspekt an verstreuten Stellen auch über den Begriff der Ferne aus.413 Der Unterschied zwischen Zeitungs-Essay und Buchveröffentlichung liegt neben dem offensichtlichen Umfang im Publikationsbereich. »Wollt ihr das totale Engineering?« erschien zuerst im Mediensystem und wurde dort anhand der Leitdifferenz Information/Nichtinformation rezipiert, die Buchveröffentlichung erfolgte im Literatursystem und erlaubt persistentere Anschlüsse. Zum Dilemma der Durchgriffe gehört, dass durch Rezensionen auch im Mediensystem Anschlüsse an die Buchveröffentlichung vorgenommen werden. Die unterschiedlichen Verarbeitungsbereiche von literarischen Äußerungen, hierunter auch die Literaturwissenschaft, nähern sich einander an. Das liegt auch daran, dass Literatur – nicht nur jene von Strauß – auf die zunehmende Komplexität der Gesellschaft reagiert (oder sich die Akteure wie beispielsweise Thomas Assheuer in beiden Bereichen äußern). Dirk M. Becker gelangt bezüglich Strauß zu einem ähnlichen Fazit: »Der Literatur wird bei ihm der Status einer Metakritik der Erkenntnis innerhalb des gesellschaftlichen Kommunikationssystems zugeschrieben bzw. nimmt sie diesen für sich selbst in Anspruch«414. Die grundlegenden Hintergründe hierfür erläutert Christian Schärf und erklärt zugleich, warum Strauß sich in diesem interdisziplinären Grenzbereich so vertraut bewegt. Etablierte Gattungen haben sich laut Schärf überlebt: »Noch immer bemüht sich das alte Kartell aus Kulturjournalismus und literarischen Autoren, deren Stimmen kritisch ins Spiel zu bringen – vergebens. Kein Mensch glaubt noch, dass Schriftsteller zur Situation der Wissensgesellschaft mehr zu sagen haben als Fernsehmoderatoren oder Konzernchefs. Auch die Literatur ist Teil der Datenströme, die sich um die Neo-Trinität von Ökonomie, Technik und Wissenschaft wie endlose Gebetsmühlen herumbewegen. [...] 413 Strauß spielt sehr subtil das Motiv von zeitlicher und räumlicher Ferne an. Aneinandergereiht vermittelt es die Intensität dieser zaghaften Formulierungen. Von »ferne[n] Ideen« (UAZ 5) ist die Rede, »[e]ines nicht zu fernen Tages werden die besten Köpfe nicht mehr erkennen wollen, was zuvor noch kein Mensch erkannt hat«(UAZ 8, vgl. 11). Abwesenheit wird durch »das ferne Schütteln beliebiger Namen« (UAZ 13) wahrgenommen oder indem »das Nächste wie das Fernste« (UAZ 51, vgl. 63) befühlt wird. Die Erinnerung an verstorbene Personen erscheint dem Erzähler nun als »ferne[r] Klang. Diktionen, Tropen, Schleier, die man nicht mehr benutzt. Worte klauben. Mit spitzen Fingern knaupeln an krustigen Altsprachresten« (UAZ 121, vgl. 135). 414 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. S. 36. 284 Einzig Botho Strauß mit seinem dunklen Beharren auf einer sakralisierenden Kunst im Jenseits der globalen Banalität ›Kultur‹ vermag die Gemüter von Zeit zu Zeit in Erregung zu versetzen und bewirkt mit seinen im Grunde diskussionswürdigen Thesen unmittelbar Stürme der Entrüstung, als habe er gleich eine ganze Reihe von Tabus gebrochen. Aber selbst bei ihm scheinen die verbrauchten Argumentationsstrukturen aus den Zeiten der Kritischen Theorie und der kulturkonservativen Antimoderne allzu deutlich durch und verweisen Strauß als Kulturkritiker in die wertkonservative Nische.«415 Zwei Dinge stechen an Schärfs teil-fatalistischer Aussage hervor, zum einen, dass er Literatur als einen gewissermaßen gleichwertigen wie nichtigen Versuch ansieht, die Gesellschaft zu beschreiben und zum anderen, dass Strauß (neben ungenannten anderen) eine Sonderstellung einnimmt, weil er trotz der eingeschliffenen Arbeitsweise der Medien immer noch Diskussionen außerhalb eines kleinen Zirkels von Lesern anzuregen fähig ist. Eine Erklärung kann darin Begründung finden, dass Strauß bewusst ist, dass Literatur nur Teilbereiche der Gesellschaft untersuchen kann, selektiv wahrnimmt und selektiv – nicht immer für alle gleich verständlich – anknüpft. Sie kann keine Abbildung der gesellschaftlichen Gesamtheit erzeugen, selbst wenn sie wollte. Maßgeblich ist weiterhin, dass Autoren fiktive Schlusspunkte für die Gesellschaft formulieren können, während das Eintreten des Entropietodes der realen Gesellschaft noch dauern wird; auch hier trifft die lineare Entwicklung auf Strauß’ zyklisches Fortdenken: »Man weiß ja nicht, wie dumm man ist; wieviel Unaussprechliches man von sich gibt. Alles zuende Geschriebene offenbart dem Autor, daß er über eine (während des Schreibens) ungeahnte Naivität verfügte. Ein Text mag noch so komplex durchdacht und kontrolliert worden sein, die Form, die ihm den Abschluß gewährt, gießt eine abenteuerliche Unschuld über das Ganze. Wie konnte ich soetwas nur geschrieben haben? Das Ende des Werks ist der einzige Augenblick, da die Eingebung den Autor berührt.« (PP 117) In einer der zahlreichen Rezensionen zum Untenstehenden findet sich eine Aussage, die eine nähere Erläuterung liefert. Strauß »mag nicht dazugehören, er pflegt die Unterscheidung«, welche, wie Hans-Dieter Schütt äußert, »Folge einer Lebens- und Schreibart [ist], die sich nicht an festen Begriffen 415 Christian Schärf: Literatur in der Wissensgesellschaft. S. 14. 285 von der Welt entlang bewegt. Er versteht Literatur als Impuls, der etwas Gegensteuernde [sic] stiftet«416. Die Beschreibung der freiwilligen Exklusion und poetologischen Warte des Autors trifft die Grundgestimmtheit des Textes, umso erstaunlicher ist es, dass die im Ton fast schon versöhnliche Kritik im Neuen Deutschland erschien, einer Zeitung, die in gewisser Weise wenig mit Strauß’ kulturkonservativer Grundhaltung gemein hat. Auch Oliver van Essenberg kommentiert diesen Sachverhalt und sieht zugleich eine mildere Vorgehensweise in der Gedankenentwicklung; Strauß zelebriert stärker denn je »die Ästhetik des Erhabenen und Sakralen. Statt aggressiver, polemischer, bis zur Verachtung reichender Sentenzen bestimmen Rückzugsmotive in vielfältigen Schattierungen und einer ungewohnt resignativen Grundhaltung seine neuesten Notate […]. Die Unbeobachtbarkeit der Welt ist das Thema, aus dem sich auch bei Strauß metaphysische Spekulationen und radikale Skepsis speisen.«417 Dem ist zuzustimmen und zugleich zu widersprechen. Die Welt ist auch weiterhin – am ergiebigsten über Differenzen – beobachtbar, aber diese Vorgehensweise verlangt einen anderen Blick, den Strauß bereits in Die Fehler des Kopisten einnimmt: »Mein Haus ist nur eine Warte. Kein heimliges Haus, frei und unbehaglich steht es vor dem Wind, trotzig und doch ein wenig verloren mit seinen strengen Kanten, so wie es der Architekt in später Bauhaus-Folge für uns entwarf. Die Sonne wandert, die Seele wandert, die Jahreszeiten wechseln, das Kind wächst, und mein Hals wird faltig. Infolge dieser Überschneidung von Zeit- Zyklen und Zeit-Linien ergeben sich fast stündlich neue Ortsbestimmungen, und das Wohnen bleibt im ganzen unfaßlich. Auf den östlichen Rand meines Landes gekritzelt, diese Glossen, unter dem ärmsten Himmelsstrich.« (FDK 188f.) Die Selbstherauslösung aus den Beziehungsfeldern der Gesellschaft, die sich in dieser Passage ankündigt, mündet in Der Untenstehende auf Zehenspitzen in einer Art unaufhörlichem (Über-)Lebenstrieb des Erzählers, der 416 Hans-Dieter Schütt: »Sinn für fernes Licht«. S. 16. 417 Oliver van Essenberg: »Rückzugsgefechte«. 286 nicht völlig von der Gesellschaft ablassen kann und aus diesem Grund unzählige (und wieder: driftende) Randbeobachtungen formuliert. »Dein Beruf? Kaum mehr, als deine Kindheit gegen ein würdeloses Erwachsenenleben zu verteidigen. Nur ein fleißiger Adnoten-Schreiber, der Menschen, Büchern, Zeitgeschehen, Bäumen sein Zeilchen anhängt, der Untenstehende auf Zehenspitzen, der über Mauern in fremde Gärten späht, der leise Immerverirrte, der nur auf Umwegen und Randpfaden sich fortbewegen kann, blödsinnig streunt in fremden Städten, auf Reisen allein, nichts sehend in Bordeaux oder Madrid, herumläuft bis zum Umfallen, bis eine Farbe, ein unverhofftes Sepia nach kurzer Berührung mit einem Fremden das ganze Gesicht überschwemmt …« (UAZ 99) Strauß baut seine Weltfremdheit aus und lässt den Erzähler die Befremdlichkeit beschreiben, die diesen befällt, wenn er fremde Wohnungen und Häuser betritt. Diese Stelle ist mehrfach aufschlussreich. Zum einen weist sie zurück auf Strauß’ Positionierung zu Heideggers Aufsatz »Bauen Wohnen Denken«, Wohnen Dämmern Lügen, und zum anderen verdeutlicht sie das schrittweise Eindringen in den Nahbereich fremder Menschen. Blick und Annäherung lösen die Schutzbarriere des anderen Individuums auf, im Zuge der Terminologie dieser Untersuchung globalisiert ein Mensch den anderen, wenn er sich in der Art des Erzählers demselben nähert, insbesondere zeigt sich das in der Isolation zwischen Menschen.418 5.2 Veränderungen des Menschen & Komplexitätsreduktionen durch Rückzugsräume Neben der Gleichsetzung des ›uneinladenden Hauses‹419 mit seinem ähnlich sperrigen Eigner und somit auch dem Errichten einer Schutzgrenze fällt auf, wie Strauß sein Zeitverständnis in die Natur projiziert und es dort bestätigt sieht, denn vor allem dort läuft Zeit in (Wachstums )Zyklen und fortschreitender Linearzeit ab und verweist in die Fehler des Kopisten (1997) und auch in Der Untenstehende auf die Beharrlichkeit der Bewohner des Landstrichs. Dass Strauß sich sehr bewusst von der Gesellschaft distan- 418 Vgl. UAZ 99f. und UAZ 101: »Isolation ist wohl auch die einzige Gestimmtheit, in der ich Nähe zu meinem Nächsten, ja mitunter sogar eine mystische Verschmelzung mit ihm erfahre«. 419 Auch wenn das setting ein anderes ist: Ähnlich exponiert ist auch das Wohnhaus in Die Unbeholfenen. 287 ziert, hat vielfache Gründe. Auf dem Weg an den Rand hat Strauß, wie Martin Lüdke feststellt, »Wegmarken gesetzt […], sich an den (durchaus reflektiert: rechten) Rand unserer Gesellschaft geschrieben«420. Lüdkes Betonung, dass Strauß’ »Verständnis des Politischen [...] ästhetisch geprägt«421 sei, ist nicht neu, vor allem unter Berücksichtigung der frühen Theaterrezensionen wird der ästhetische Blick auf die Welt in Strauß’ Literatur deutlich sichtbar. Mit dem Untenstehenden, so Lüdke weiter, »hat sich Strauß jetzt vollends von seinen Zeitgenossen verabschiedet, und das um seiner ›Zeitgenossenschaft‹ willen. Der Künstler sei eben nicht nur Rezipient, sondern auch Rivale seiner Zeit«422. Diese Art der Rivalität begründet sich auch im schwindenden, langsamen Vergehen, das in einen von Strauß wahrgenommenen Epochenwechsel mündet. Im Text heißt es zu diesem Wandel: »... schon damals waren die Dinge entdeckt und begonnen, die jetzt erst unser Leben ernüchternd verändern, Computer und Doppelhelix ... Das Datum der Initiativen und ersten Schritte, die in ein neues Zeitalter führen, wird später für den Wissenschaftshistoriker ein revolutionäres. Doch erst ihre weitreichende Konsequenz, erst der massenhafte Gebrauch der neuen Dinge macht dann Epoche.« (UAZ 17) Die Fortschritte in der Naturwissenschaft und vor allem der Genetik klangen bereits in Beginnlosigkeit an und man kann Strauß’ Kommentare trotz des ironischen Untertons als Standpunkte eines Bedenkenträgers deuten, den die Angst vor der Erschaffung von Homunkuli423 erfasst hat und in denen ein gehöriger Fatalismus mitschwingt: »[D]ie jeweils neuesten Ent- 420 Martin Lüdke: »Der Künstler als Rivale seiner Zeit«. 421 Martin Lüdke: »Der Künstler als Rivale seiner Zeit«. 422 Martin Lüdke: »Der Künstler als Rivale seiner Zeit«. 423 Vgl. hierzu auch zum dystopischen Vermögen der neuen Naturwissenschaften und deren Konsequenzen: »Wenige Schallpartikel genügen, um eine perfekte Klangwiederherstellung eines verschollenen Tondokuments zu ermöglichen. Eine Spur Schweiß aus dem Schweißtuch der Veronika – und der Heiland kehrt wieder? Napoleon aus einem Schnupftuch mit Spermaresten wiederhergestellt? Die wahre Apokalypse: Auferstehungstechnologie. Alle Helden kehren zurück – abwärts in unsere Tage! Wo aber gar kein Zeit-, Geschichts-, Handlungsspielraum für diese Rückkehrer bereit steht und wo sie gefangen sitzen in einem gläsernen Käfig zum Anschauen: der wirkliche Napoleon. Die Menschen verlieren jedes Interesse an ihren Mitmenschen. Sie wollen nur noch mit Außerkontemporären zu Mittag essen« (UAZ 91). 288 wicklungen« und »die Standpunkte oder das emsige Festhalten an Selbstbestimmungs- und Schutzbegriffen vom Menschen und vom Menschlichen« (UAZ 8) langweilen und erscheinen überholt. Strauß wägt ab, ob Gentechnik gut oder böse ist, wo die persönliche Grenze von Akzeptanz und Ablehnung verläuft, betont dabei, dass dem Fortschritt »kein Weltbild« mehr entgegengesetzt werden kann: »Die kopernikanische Wende, als die man die endgültige Entschlüsselung des Humangenoms begrüßt, stößt auf kein Weltbild mehr, das sie umstürzen könnte« (UAZ 53f., vgl. auch 58). Eine medialisierte und komplexer werdende Gesellschaft muss sich – laut Anthony Giddens sogar notgedrungen424 – mit diesen Themen auseinandersetzen. Strauß lässt zugleich in seine Reflexion einfließen, dass auch die Experten die gesamte Tragweite von Diagnostik und Experiment nicht mehr überschauen können, beziehungsweise zu (vorschnellen?) Schlüssen gezwungen sind, noch bevor völlige Evidenz vorliegt: »Wie kann es sein, daß ich, ob als Experte oder Zeitungsleser, in die persönliche Freiheit versetzt werde zu sagen: Ich finde die medizinische Verwendung adulter Stammzellen akzeptabel! Oder: Ich lehne therapeutisches Klonen strikt ab! Wo es zu einer solchen Freiheit kommt, ist die Debatte bereits entschieden. Ein Ethiker müßte die subjektive Freiheit der Ja/Nein- Entscheidung im voraus bestreiten. Das durchschnittliche Öffentlichkeitsfaktotum, der Politiker und seinesgleichen, wird sie sich immer herausnehmen. Der bekannten Dämonologie des ungehinderten Fortschritts stellt sich die nicht weniger riskante Dämonologie des Aufenthalts entgegen, welcher der Freiheit Eintrag tut, zugunsten der Wiedererstarkung von Furcht, einer Rohmasse der Ehrfurcht. Ohne Aufenthalt keine existentielle Erholung. Ohne Fortschritt keine Chance, daß das bereits Angerichtete sich selbst korrigiere oder gar überwinde« (UAZ 8f.) Strauß’ Fatalismus aufgrund der Komplexität der Sachverhalte tritt hier prägnant hervor, was sich beispielsweise in der Verschränkung von ›Fort- 424 Vgl. Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. Dort heißt es: »In Gestalt der Biotechnik berühren technische Fortschritte unsere eigene menschliche Leibeskonstitution sowie die natürliche Umwelt, in der wir leben. Werden diese gewaltigen Neuerungsquellen auch in Zukunft und unbeschränkt weiterströmen? Niemand kann hier mit Zuversicht Angaben machen, doch einige Gegentrends zeichnen sich deutlich ab und werden zum Teil durch ökologische Bewegungen, aber auch in anderen Bereichen zum Ausdruck gebracht. Die Sorge um Umweltschäden ist heute weitverbreitet und steht auf der ganzen Welt im Brennpunkt der Aufmerksamkeit der Regierungen« (S. 209). 289 schritt‹ und ›Aufenthalt‹ zeigt. Die eingeforderte »existentielle Erholung« ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Strauß Rückzugsräume aus der Globalisierung für eine Notwendigkeit hält, während gleichzeitig eine fortlaufende Ausdifferenzierung für Korrekturen sorgt. An späterer Stelle sieht Strauß im genetisch modifizierten Menschen einen entleerten Typus, dem Anschlüsse schwerfallen, der aus seiner Umgebung exkludiert ist: »Der artifizielle Mensch hat die Welt der Artefakte hinter sich gelassen. Ein Künstlicher braucht keine Kunst zu schaffen. Seine Werke könnten ihm niemals mehr zurückgeben, als er selber bereits ist« (UAZ 123). Strauß geht hier wie schon 2000 in »Wollt ihr das totale Engineering?« und 2003 in der tagebuchartigen Erzählreflexion Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich auf körperliche Veränderungen wie die Genmanipulation ein, wo sie in ein entwicklungskritisches Narrativ eingebettet wird. Gen- und Körpermanipulationen beschreibt er dort als Produkt »neue[r] Druden mit ihren bioplastischen Taschenspielereien« (DNA 36) und führt weiter aus, dass »[d]as RapidMorphingGender [...] alles nach Belieben umgestalten und auswechseln kann« (DNA 36). Es schließt sich eine Beschreibung an, in der unter anderem eine vertraute Partnerin im Geheimen in kleinen Nuancen so ver- ändert wird, dass die Lage zu einer Art Bedrohung für den Beobachter wird. Ein »Tropfen der Deformation« bestätigt ein »vage[s] Gefühl der Bedrohung«425 (DNA 37). Die Konsequenz kann laut Strauß ein Abgleiten in den – privaten wie globalen – Wahn sein: »das brachte dich fast um den Verstand. Die ganz leichte Vermorphung war nämlich eine besonders fürchterliche. [...] Ein solches RapidMorphingGender bringt Fluch und Schrecken über die ganze Welt!« (DNA 38). Strauß konkretisiert damit die Auswirkungen einer in Zukunft pervertierten Genetik als potentiell globale Veränderung der Menschheit und zugleich als Grenzveränderung beziehungsweise Auflösung des Einzelnen. Später schreibt Strauß, dass der Mensch in Zukunft in der Lage sein wird, »sein Verhalten nach Belieben selbst zu codieren oder nach den jeweiligen Erfordernissen zu optimieren« (DNA 106) oder gar über »einstweilige Eigenschaften« (DNA 108) verfügen werde, denn »[e]in Leasing von Eigenschaften erhöhte die Anpassungschancen des Menschen« (DNA 108). Es geht Strauß dabei nicht um die selbstgesteuerte Verhaltensänderung im Sinne einer sozialen Flexibilität im Umgang mit anderen Menschen, sondern um eine temporäre Veränderung der Eigenschaften, das heißt kein Verstellen, keine Anpassung, sondern 425 Eine solche Geschlechtstransformation findet sich auch in Strauß’ Erzählung Theorie der Drohung. Auffällig ist das Spiel mit dem Übergang von Theorie als aktiver Überlegung von innen heraus hin zu Gefühl als Eindruck von außen. 290 eine – wenn auch nur vorgetäuschte und reversible – kurzfristige und glaubhafte Veränderung der Psyche. Die Revision schafft zugleich einen der zuvor eingeforderten Rückzugsräume. Im Gegensatz zur Fragmentierung und Zerschlagung in den zwei zuvor genannten Texten geht hier von der Manipulation in Teilen eine Weltvereinigung aus, auch wenn Strauß sie negativ auflädt. Erst in einem zweiten Schritt beginnen Entfremdung und Vereinzelung zu wirken, in der dann die temporären Anpassungen zum Tragen kommen. Strauß äußert in diesen Beispielen lediglich dystopische Phantasien, denn der genetischen Modifikation widerspricht bis dato jeder Ethikrat, es bleibt also bis auf weiteres eine (Schreckens-)Vision, die er hier vorantreibt, in der Hoffnung auf einen Kurswechsel der Vernunft mitschwingt. Selbstoptimierung bedeutet in diesem Sinne Autopoiesis des Subjekts, sofern es als psychisches System wahrgenommen wird. Hinter dem Hoffen auf solch einen Wechsel verbirgt sich auch ein Hinweis auf die Selbstreproduktion und -korrektur biologischer Systeme, wie Strauß sie in Beginnlosigkeit und Der Untenstehende als Korrektiv bespricht (vgl. UAZ 114f.). Das allein wäre nicht erwähnenswert, wenn das Prinzip der biologischen Selbstreproduktion nicht als Grundüberlegung in Luhmanns Theorie sozialer Systeme Eingang gefunden hätte. Furcht und Fortschritt sind mächtige Kategorien, die sich in der biologischen und sozialen Autopoiesis vereinen und über fortlaufende Anpassungen und Selektionen, das heißt auch: Ausdifferenzierungen, den Fortbestand von Arten und Systemen sicherstellen. Dass Strauß den Fortschritt nicht begrüßt und die Gegenwart ebenso wenig versteht beziehungsweise verstehen will, macht die Deutung des Untenstehenden nicht minder kompliziert. Es erweckt den Anschein, dass Strauß der global eingreifenden Ausdifferenzierung gänzlich entfliehen und seine Position am Rande ohne Festlegung behaupten möchte: »Mir scheint, ich habe weiter nichts zu tun, als an die folgende Äußerung aus einem Brief Robert Louis Stevensons anzuknüpfen und sie in tausend Einzelbelegen für mich zu bestätigen: ›Je älter ich mit jedem Tag werde, desto mehr werde ich wie ein verstörtes Kind; ich kann mich an diese Welt nicht gewöhnen, an Zeugung, Vererbung, an Sehen und Hören; die gewöhnlichsten Dinge sind mir eine Last. Die gezierte, entwertete, höfliche Oberfläche des Lebens und seine derben, obszönen und orgiastischen – oder menadischen – Fundamente bilden ein Schauspiel, mit dem mich keine Gewohnheit versöhnt.‹« (UAZ 136f.) 291 Der totale Rückzug ist Strauß’ präferierte Reaktion auf die Globalisierung, aber sie hat nichts mit einer Art Feigheit vor dem Feind zu tun, was auch die von ihm vorgenommenen Anschlüsse verdeutlichen. Obwohl ›Weltfremde hereinbricht‹ und ›ein Verstehen der Welt‹ schwieriger wird (vgl. UAZ 129), beabsichtigt Strauß auch weiterhin die Teilnahme an der Gesellschaft, aber nicht in allen Teilbereichen und nicht allumfassend, sondern hochgradig selektiv; dies gilt für die Figuren wie den Autor Strauß gleichermaßen. Darüber hinaus wird mit dieser Auffassung ein weiterer Anschluss an die Literaten der frühen Moderne deutlich; es eröffnet sich ein Rückzugsraum. Doch wie korrespondieren diese Aussagen mit Strauß’ Sichtweisen? Strauß ist Sammler von literarisch verarbeiteten Gefühlen, die als Scham, Wut oder Unverständnis als Triebkraft in einigen Texten festgemacht werden können. Das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Kunst ähnelt zuweilen einem nicht-Verhältnis, zumindest dann, wenn gewisse Teilbereiche einander nicht berühren. Strauß spricht von einem Nebeneinander der Formen und Gattungen und pointiert: »Die großen Veränderungen in der Sprache der Malerei oder der Literatur sind immer mehr Formevolution gewesen als Nachahmungen oder Replik des aktuellen Stands der Zivilisation. […] Da wir zeitfühliger, sogar zeiterfahrener sind als die meisten Generationen vor uns, sollten wir eigentlich bemerkt haben, daß etwas fehlt in dieser präzis erwogenen Zeit: ihr Gegengewicht. Der Künstler ist nicht allein der Rezipient, sondern auch der Rivale seiner Zeit.« (UAZ 98f.) Prägnant ist hierbei die Abschlussformulierung, dass der Künstler als Teil und Antipode seiner Zeit zu sehen ist und seinerseits dass Zeit als Sinnbild für Gesellschaft zu verstehen ist. Es handelt sich in diesem Fall zudem um das Verhältnis des ›exkludierten Dichters‹426 sowie seinen Erzählern und Figuren zur Gesellschaft, das sich in der Anspannung manifestiert, nicht den Ansprüchen zu genügen und zugleich aus ihrem Rückzugsbereich hervorgezerrt zu werden. Vergleichbar erleben es der ungesellige Lackner oder der »zentrophob[e]« (MIK 37) Lehrer in Mikado, der sich mutwillig vereinzelt, »[j]edem Mittelpunkt ausgewichen [ist], wie andere nicht über leere Plätze gehen können, die er wiederum liebe und suche« (MIK 37). Entscheidend 426 Diese Selbstsicht bescheinigen die spärlichen Selbstaussagen wie beispielsweise das Gespräch mit Ulrich Greiner (»Am Rand. Wo sonst«) oder Aussagen, wie sie in Sigé vorzufinden sind: »Aber der Dichter, der widerruft, sitzt abseits und redet im Hintergrund. Niemand hört ihn« (SIG 52). 292 ist demgemäß Strauß’ anschließende Erklärung: »Was läßt sich schon erfassen und auf Quellen prüfen von den feinsten Beeinflussungen, die unentwegt den, der schreibt, konstituieren und wieder auflösen, dies durchlässige Zwischengeweb, das man fälschlich und hochtrabend Autor nennt?« (UAZ 20). Ein Autor wie Botho Strauß lebt in und schreibt neben der Gesellschaft und setzt sich besonders intensiv der Auflösung aus, indem er zu einem »Zwischengeweb[e]« wird und sich im Kontext mit anderen Schreibenden sieht. Der Typus des unscheinbaren oder unbekannten und teils gesellschaftsphobischen und -kritischen Autors zieht sich durch die Literaturgeschichte und Beispiele der sind neben Strauß auch Robinson Jeffers, Patrick Süskind oder Walter Moers; nur ein Schreiben im Schutze eines Pseudonyms stellt eventuell eine gangbare Alternative dar, solange niemand das Geheimnis um die wahre Identität lüftet. Die selektive Vereinzelung, das heißt zugleich die innige Auseinandersetzung mit bestimmten Teilbereichen, während andere komplett ausgeblendet werden, kann zur Folge haben, nicht zu allen Themen eine fundierte Meinung vertreten zu können – dies trifft den Gelehrten wie den Ungelehrten gleichermaßen. Der Rückzug aus der komplexen oder gar hyperkomplexen Gesellschaft ist zudem Antwort und Reaktion auf eine Peinlichkeitsgefahr, auf eine Entblößung durch andere, wie Strauß sie in der Manege427 oder seine Figur beim frühmorgendlichen Bustransport428 erlebt. Peinlichkeit beruht auch auf Konflikten zwischen gesellschaftlicher Erwartung und Gefährdung der eigenen mentalen, ethisch-moralischen oder wissenden Unversehrtheit. Die Verarbeitung derartiger Konflikte in der Literatur kommt daher meist nicht umhin, die dahinterliegenden Differenzen auszuloten, um die aufreibende Zwischensphäre verlassen zu können.429 Die bisherigen Analysen zeichnen da- 427 Vgl. hierzu auch jene Episoden, in denen Strauß früh(er) erfahrene Peinlichkeiten schildert, zum Beispiel die Zirkusszene in Die Fehler des Kopisten (FDK 162-166) oder die in Herkunft geschilderten Jugendepisoden. 428 »Der Clou aber ist: mit solch ungesonderten Gedanken am Globus hängend, sitz ich frühmorgens im Omnibus und ein Unbekannter hinter mir, der seine Freude über eine bevorstehende Beförderung oder seine Freude am Dasein an sich nicht beherrschen kann, schlägt mir (mir!) die zusammengerollte Morgenzeitung auf den Schädel. Nur so – aus guter, zu guter Laune! Ich weiß mich nicht zu halten vor Demütigung« (RU 40). 429 Im Übrigen lässt Strauß’ Bemerkung auch an Ulrich Greiners Untersuchung zur Scham und zum Schamverlust denken, in der Greiner festhält, dass »[d]ie Literatur [...] ein hervorragendes Archiv [ist], das die Wandlungen der Gefühlskultur sammelt und aufbewahrt. Der Komplex aus Schuld und Scham und Peinlichkeit zählt zu den stärksten Antriebskräften, die Literatur entstehen lassen: als Aus- 293 her auch die Bewegungen in den Grenzbereichen nach. Vor allem Strauß’ Essayistik verdeutlicht die etwaigen Probleme dieser Explorationen. So stellt sich neben der in der Analyse der Essays herausgearbeiteten Metasicht auf die Globalisierung als vernetzendes und ausgrenzendes Phänomen auch die Frage, wie Literatur generell kommuniziert und welche Differenzen dabei hervortreten, welchen Teilbereichen sie sich jeweils widmet und vor allem, welche gesellschaftlichen Ausdifferenzierungen Texte spiegeln können. Textinterne Ausdifferenzierungen schaffen Rückzugsräume (vgl. PP 103), die durch und als Reaktionen auf subjektive Beobachtungsperspektiven entstehen. An dieser Stelle zeigt sich die Macht der Digression, denn das thematische Abschweifen bedingt Neupositionierungen. Hier ist zusätzlich ein Selbstkorrekturmodus eingebettet, der bewusst Mechanismen einsetzt, um über einen blind spot (oder synonym eine black box) die Komplexität der (Selbst-)Beobachtung zu reduzieren.430 Doch wie kann dies überhaupt geschehen? Die Geste der Beobachtung führt Strauß auf eine dem Menschen inhärente Wissbegierde, seine Welt verstehen zu wollen, zurück, sie galt in archaischer Zeit erst den Sternbildern und war für die Nahwelt des Naturmenschen elementar, viel später und in veränderter Form galt sie der Gesellschaft. Es scheint, als seien die Randbereiche für die Verortung wichtiger als die Nahbereiche. An der Geste ist entscheidend, dass sie ihre Ausdifferenzierung von Anbeginn bereits in sich trug und sich auf diese Weise eine Brücke über die gesamte Menschheitsgeschichte schlagen lässt: »Ursprünglich entstand die Wißbegierde des Menschen, als er Genaueres über die Letzten Tage erfahren wollte. Dabei schärfte sich seine Beobachtungsgabe, und die Sucht nach Gewißheit ließ ihn Instrumente erfinden, druck eines unlösbaren Konflikts, als rückwirkende Schambewältigung, als Erklärungsversuch des Unverstandenen, vielleicht gar Unerklärbaren« (Greiner: Schamverlust. S. 21f.). Weiter heißt es: »Peinlichkeit ist der Verstoß gegen eine Verhaltensregel, der in einem sozialen Zusammenhang passiert und beobachtet wird. Je komplexer das gesellschaftliche Gefüge wird, umso mehr wächst die Peinlichkeitsgefahr. Es kann zu einer sich selbst verstärkenden Häufung von Peinlichkeiten kommen, die mich an den Rand meiner Fassung bringt und dann wirkliche Scham erzeugt« (Greiner: Schamverlust. S. 25). 430 »Wir sehen uns gewöhnlich nicht mehr beim Leben zu, als es für dieses zuträglich ist. Wäre es anders und nähme plötzlich das Selbstbewußtsein übermäßig zu, indem wir etwa zugleich noch wüßten, wie wir wissen, dann wäre die Passung wohl beschädigt und wir könnten ohne nachzudenken nicht atmen« (UAZ 32). 294 mit denen er präziser den Lauf der Sterne verfolgen konnte. Dabei vertiefte er sich in immer interessantere Beobachtungen und verlor sich in viele atemberaubende Einzelheiten. Das Letzte wurde ihm mehr und mehr schleierhaft, er verschob es zur Metapher, es schwand als Forschungsgegenstand aus dem Beobachtungsfeld. Er verstand es, auf Gewißheit jeder Art zu verzichten, und lebte in der unentwegten Faszination.« (UAZ 131f.) Die Komplexität der Welt wird hier als unausweichlicher Nebeneffekt erfasst und in der Verbindung beider Textstellen wird klar, dass im Moment der Selbst- und Fremdbeobachtung auch die erwähnten Konflikte oder Schamsituationen, die Beobachtungsketten auslösen, ein Gewicht bekommen. Strauß mag sich in der Figurenperspektive auf diese Form der Weltwahrnehmung stützen, weil eine Beobachtung der äußeren, wirklichen Welt, das heißt des realen Globus, für ihn unergiebiger ist. Die Folgen einer technisch-topologischen oder räumlich geographischen Weltbeobachtung sind weniger ergiebig für tiefere Reflexionen und können nicht über das Offensichtliche hinaus – »die monumentale Schrecksekunde der Auffaltung: diesen widermenschlichen Blick auf das Erdhöchste ertrug sie nicht« (KKD 167) – entwickelt werden. 5.3 Die archivisch-zyklische Funktion literarischer & philosophischer Filterfolien Wie schon in der Analyse der Essays herausgearbeitet wurde, sympathisiert Strauß als Autor der wenigen Leser431 mit der Rolle des Außenseiters (vgl. UAZ 21), der andere Außenseiter rezipiert. Frühmoderne Literatur wird als Erklär- und Deutungsmuster für die Gegenwart herangezogen (vgl. UAZ 11f.). Strauß’ Schlüssel zur weiteren Teilnahme an Gesellschaft entstammt einem anderen Zeitverständnis, das seine Literatur durchzieht. Ein gedehnter Blick über die Landschaft der Uckermark, ein zyklisches Zeitverständnis vereinen sich zu einer Ästhetik des »Nichtmehrs« und ›Einstwehs‹, wie sie vor allem für die Texte nach 2000 (nicht zuletzt in Herkunft von 2014) prägend wirkt: 431 Ulrich Greiner verweist 2004 in einem Artikel in der Zeit auf Verkaufszahlen im Bereich von 12 bis 15 tsd. Exemplaren, ohne näher zu beziffern, ob sich diese Zahl allein auf die Ausgaben bei Hanser oder die Ausgaben bei DTV bezieht (vgl. Greiner: »Sind tausend Leser viel? Allerlei Auflagenzahlen«). 295 »Vielleicht hatten mir die vielen sinnlichen Nichtmehrs meines Lebens – von der Schreibmaschine bis zum Fünfzig-Pfennig-Stück – den natürlichen Gegenwartssinn getrübt. Vielleicht hatte diese Erfahrung in mir eine Art Präteritum-Gen aktiviert, so daß ich vieles von dem, was sich gerade um mich herum zutrug, unwillkürlich in der Vergangenheitsform erlebte. Manchmal so sehr, daß ich den Eindruck gewann, das gerade Geschehende müsse eine weit zurückliegende Angelegenheit oder Affäre sein, mit bereits feststehendem Ergebnis. Und meine ganze Gegenwart erfüllte sich in der Anstrengung, es doch noch ändern oder aufheben zu können. Natürlich ohne Erfolg. Auch führte es dazu, daß ich häufig vor einem Menschen stand, dessen charakteristisch ererbten Gesichtszüge mein inneres Auge soweit zurückverfolgte, bis er einem seiner Vorfahren glich. Und so erkannte ich in allem, was jetzt ist, sein schöneres Nichtmehr. Man könnte wohl sagen, jede Epoche ist gleich weit von Vorzeit und Mythos. Vorausgesetzt, man verwechselt des Menschen Verpackung nicht mit seinem Inhalt.« (UAZ 14) Diese Passage verdeutlicht, dass Reflexionen über die Zeit und das Erinnern eine Selbstbestimmung und Gegenpol zur Auflösung implizieren. Die nachgestellte Behauptung über den gleichen Abstand aller Epochen zu »Vorzeit und Mythos« widersetzt sich einer linearen Zeitauffassung und evoziert das Bild einer zyklischen Folge oder sphärischen Überlagerung der Zeiten. Im Fokus der Globalisierung zeigt sich hier die Auswirkung des technischen Fortschritts als Angriff auf den zeitlichen Referenz- und Positionierungsrahmen des Erzählers. Johannes Pause untersucht in seiner Übersichtsstudie Texturen der Zeit von 2012 eine Reihe von Texten, die im weitesten Sinne das Thema Zeit behandeln und er betont, dass in Romanen der Moderne häufig auch Probleme, die aus einer erlebten Flüchtigkeit der Zeit resultieren, verhandelt werden: »Was in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschieht, lässt sich in keinen Zusammenhang mehr bringen; an die Stelle einer Gesetzmäßigkeiten folgenden Entwicklung tritt das bloße Nebeneinander vereinzelter und zusammenhangloser Zeitmomente. Die Protagonisten der Romane erleben diese Zerfall in erster Linie als ein Flüchtigwerden noch ihrer ureigensten Eindrücke, die auch im Gedächtnis nicht als identische festzuhalten sind. Das Subjekt kann sich daher seiner eigenen Erfahrungen und Erinnerungen und mithin seiner Identität nicht mehr sicher sein: Was durch Wahr- 296 nehmung oder Assoziation ins Bewusstsein gerufen wird, formiert sich zu keiner Lebensgeschichte, sondern bleibt unverbundenes Erlebnisatom.«432 Demnach kommt es zu einem Spannungsverhältnis von gegenwärtigen Wahrnehmungen und erneut hervorgerufenen Erinnerungen an vergangene Wahrnehmungen.433 Es ist dem schreibenden beziehungsweise dem erzählenden Subjekt nicht mehr möglich, wie Pause es unter anderem auf Botho Strauß bezogen formuliert, ›kontinuierliche Zusammenhänge‹434 zu erfahren. Weiter heißt es, dass dieser durch ein anachronistisches Erzählen »neben der konstruierten Linearzeit auch noch eine andere Deformation des Zeitempfindens«435 vornimmt, was wiederum zu einem »Konzept der Gleichzeitigkeit«436 oder der Gleichwertigkeit führt und Verlustgefühlen Vorschub leistet. Eine Filterfolie, wie Strauß sie in den zuvor besprochenen Texten zwischen sich und die Gesellschaft zieht, hat eine doppelte Funktion: Sie schafft zum einen eine Distanz zur drohenden totalen Vergänglichkeit von Mensch und Gesellschaft und zum anderen lässt sie gewisse Dinge oder Empfindungen deutlicher hervortreten und erleichtert die Anschlüsse an dieselben. Dass Strauß den gesellschaftlichen Verdruss durch das Wiederaufgreifen früherer Literatur repetiert, legt dialektische Verfahren und Pendelschwingungen von Differenzen und Einheiten sowie Abstumpfung der Gesellschaft frei und es handelt sich um Aspekte, die sich in der Gegenwart wiederholen (vgl. UAZ 92). Der »Rückgang der Empfindungsfähigkeit, die Zunahme an Abstumpfung in der Gesellschaft« wiederholen sich trotz aller Epochenunterschiede. Durch Strauß’ vielfache Besprechung früherer Literatur wird ersichtlich, dass Literaten wiederum Beobachter sind, deren Beschreibungen beobachtet werden können (nicht aber ihre individuellen Beobachtungen, die zum Text führen). Die Ausgangslage ist mit anderen Worten vielschichtig und jeder Text führt eine individuelle Kombination mit sich. Das Dilemma der Literatur besteht darin, dass ihre Rezeption so individuell wie ihre Entstehung ist. Jedes Leseverständnis ist subjektiv und Kommunikation über Literatur versucht daher, einen Konsens über das Geschriebene zu erreichen. Strauß’ Bestreben 432 Johannes Pause: Texturen der Zeit. Zum Wandel ästhetischer Zeitkonzepte in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. S. 16. 433 Man könnte an dieser Stelle auch hyperkomplexe Beobachtungsspiralen erkennen. 434 Vgl. Johannes Pause: Texturen der Zeit. S. 214. 435 Johannes Pause: Texturen der Zeit. S. 219. 436 Johannes Pause: Texturen der Zeit. S. 220. 297 ist, wie in den vorherigen Kapiteln hervorgehoben wurde, vergangene Literatur in der eigenen Literatur wiederzubeleben, sie erneut und außerhalb ihrer ursprünglichen Kontexte anschlussfähig zu machen und so ihre Entstehung und Deutung zu neuen Einheiten zusammenzufassen. Die Intention dieses poetologischen Verfahrens besteht darin, zyklisch wiederkehrende Anschlusspunkte – »die ungezwungene Variation von fünf, sechs Grundtemperamenten« – zu setzen und auf diese Weise ein Nebennetz zur Welt zu etablieren, das sich gegen die übergeordneten Veränderungen der Gesellschaft stellt. Es festigt aus Strauß’ Perspektive den kulturellen Unterbau der Gesellschaft und erhöht somit die Widerstandskraft gegen die globalisierenden Prozesse.437 Sein Schreiben will die vorhandenen »Doppelbindungen«438 beleuchten, aber zugleich die besagten Differenzen ziehen und somit den Fluss unterbrechen: »Der Dichter als Unterbrecher der Kommunikation. Der Spalt, die Unterbrechung spricht. Die Verbindungen haben das Verbundensein unterbrochen« (UAZ 42). In Literatur existieren »vergangene Weltbilder« weiter, »[d]eren man dank eines nie abgerissenen inneren Transfers sogar teilhaftig blieb« (UAZ 9), wie Strauß formuliert. Literatur folgt in ihrer Entwicklung und Entstehung dem »Gewissensstrom« der Schreibenden und »[j]ener Strom ist Universalerzählung, er handelt von Welt und Überweltlichkeit« (UAZ 142). Dichtung ist laut Strauß ein Archiv, das ein Re-Entry in die literarische Schilderung von gesellschaftlicher Erfahrung ermöglicht: »Nur die Dichtung, in der sie aufgehoben sind, beschert das Erlebnis längst verfallener Weltbilder. In der Dichtung erhalten sich Denkformen, die der ›weiterreichende Erkenntnisprozeß‹ längst abgestreift hat. Die Epochen haben ihr Wissen hinterlegt im poetischen Besitz […].« (UAZ 9) Dichtung steht der »Fertigteil-Sprache« gegenüber, auch wenn Strauß vom Künstler als »Lagerist« (UAZ 38) spricht, der ein »Repertoire zentraler Ge- 437 Am deutlichsten zeigt sich dieser Ansatz in Essays mit konkretem Zeitbezug wie »Der Konflikt« oder »Der letzte Deutsche«. 438 »Da keine Materie ohne Antimaterie existiert, ist man immer auch Illiterat, wenn man ganz aus Literatur besteht, und völlig fühllos gegen gewisse ihrer Versuchungen. In der Morgensonne eines Frühwintertags sagt man sich, daß ›Negation‹ in keiner Beziehung eine glückliche Wortwahl war, um der Elementarstruktur des Gemüts und seiner Doppelbindungen gerecht zu werden« (UAZ 53). 298 danken« (UAZ 38) verwaltet.439 Der Unterschied liegt in der Verwendung von Sprache und ihrem angestrebten Inhalt. Die archivarische Sprach- Verwendung des Dichters ist für Strauß positiv, die »Fertigteil-Sprache« hingegen negativ konnotiert. Übergeordnet ist es eine Formsache oder -frage, in der ein künstlerisch geschlossener Korpus der dichterischen Innenwelt auf eine offene, flüchtige, konturlose Sprachwelt der Außenwelt trifft. Unstrittig ist jedoch der konkrete oder abstrakte Weltbezug, den Strauß an dieser Stelle über diese Mittel hervorhebt. Die erhabene Haltung zur Dichterfunktion steht im Einklang mit der These Christian Schärfs, dass »[d]as sogenannte ›kulturelle Gedächtnis‹ [...] ein hybrider Speicher ohne Ausgang«440 ist; vor allem unter Berücksichtigung dessen, dass laut Strauß der Dichter »die Metaphern einer entzückten Nüchternheit nicht noch einmal übertragen« wird, denn er ist »der Verbinder der Zeiten, der hochintegrierte Archivar, der Labyrinthier, der Modelle-, Ideen-, Paradigmen-, Äonen- Verrechner, die enorme Hälfte, zur Ergänzung klaffend, bis beide, Wissen und Schauen, mit ihren offenen Enden sich berühren, der Poet, der Ergänzer der technischen Metapher, von dieser selbst auf den Plan gerufen, um sie zu brechen, zu öffnen, wieder erschweigbar zu machen und den Geist vor eine abrupte, unergründliche Schönheit zurückzuführen –« (SIG 47f.) Der Dichter re-arrangiert die Elemente der Welt bis hin zur Bildung einer Einheit sich widersprechender Begriffe, zum Beispiel Suche (»Schauen«) und Erkenntnis (»Wissen«). Hierin manifestiert sich auch die Funktion der Literatur innerhalb der globalisierten Gesellschaft als Gegenkraft zur Auflösung, indem es widersprüchliche Teile vereinigt. In Die Fehler des Kopisten ergänzt Strauß dieses Paradox um einige Veränderungskonsequenzen. Die Erinnerung ist demnach umfassend und doch ist der Zugang erschwert, weil das Originäre ein Teil vernetzender und vernetzter Beobachtungen und Operationen wird und Widersprüche oder Antithesen überwunden werden können: 439 Vgl. auch Christian Schärf: Literatur in der Wissensgesellschaft. S. 36. Auch Strauß greift diesen Gedanken auf, wenn er ein weiteres Mal die Schließung des Kunstwerkes (vgl. ERD 26) einfordert: »Man könnte das Repertoire schließen und fortan nur noch aus dem Repertoire schöpfen. Die Innovationen beträfen dann lediglich die verschiedenen Formen des Zugriffs auf den Speicher. Alles Gerettete. Der Künstler ein Lagerist. Hält die Teile frisch und gebrauchsfähig« (UAZ 38). 440 Christian Schärf: Literatur in der Wissensgesellschaft. S. 36. 299 »Zeiten, die so schrankenlos innovativ und erfinderisch sind, daß sie alles zu nutzen verstehen – aber nichts wirklich beherzigen, die von einer kaltblütigen und emphatischen Interessiertheit angetrieben werden, so daß sie auch bei der Lektüre alter Werke Urmodelle und Prägeformen von Neuheiten entdecken. Aus der Betrachtung einer antiken Gürtelschnalle entsteht dann die Idee einer gentechnischen Rekombination, und die Lektüre von Goethes Farbenlehre führt jemanden zur Theorie fraktaler Strukturen. Solch gewissenlos-findige Zeiten setzen dem Fortschritt keine Grenze, und es besteht einzig die Gefahr einer verheerenden Verfehlung oder die Chance eines genetischen Nachlassens der Kreativität, die einen Interessenwechsel herbei führen könnten.« (FDK 27) Die dargelegte Haltung versucht zu vermitteln, dass der Fortschritt alles Alte kritiklos mit sich reißt und es auf diese Weise negiert. Der begonnene Prozess führt geradewegs in ein »Weltnetz« (FDK 28), das wiederum von der Masse unkritisch akzeptiert wird, wie Strauß indirekt äußert. Es geht ihm um den Hinweis auf das langsame Verschwinden des kulturellen Fundamentes, wie es insbesondere die Essays hervorheben und folglich betont er den wichtigen Widerstand gegen die vorherrschende Verflachung und Vernetzung, den die Stärkung des Fundamentes darstellt. Dass Strauß die »Zeiten« als »schrankenlos« und in Bezug auf den tieferen Gehalt der Dinge als hochgradig oberflächlich wahrnimmt, liegt daran, dass die Menschen die geschichtliche Tiefe und Differenzierbarkeit verloren haben. Alle Unterschiede zwischen der »antiken Gürtelschnalle« und der »gentechnischen Rekombination« sind nivelliert und zu einer Fläche geworden. Es handelt sich bei der Verbindung von Altem mit Neuem jedoch nur um eine strukturelle Gleichheit zwischen Strauß’ Poetologie und der Methodik der modernen Wissenschaft oder Medien. Wie die folgenden Überlegungen vertiefen, besteht der Unterschied im Modus der Weltwahrnehmung in der tieferen zyklischen Anbindung, die Strauß literarisch demonstriert, und der oberflächlichen Herleitung über Ideen von Gleichheit. 300 5.4 Von Epochenwechseln zur Globalität der Literatur Im Rahmen der literarischen Aktualisierung kommt es unweigerlich zu Übertretungen tradierter Epochengrenzen oder Wiederbelebungen von Epochenstilen. Bildlich gesprochen bricht Strauß in seiner Literatur den linearen Zeitpfeil zugunsten einer zirkulären, zyklischen Zeitauffassung und vor allem Verankerung: Das Vergangene wird gegenwärtig und zugleich als Vergangenes verdeutlicht. Wurde eingangs thematisiert, dass Literatur eine Form der Gesellschaftsbeobachtung ist, über die aus systemtheoretischer Sicht neue Erkenntnisse zu erfahren sind, soll an dieser Stelle ausführlicher die Funktion von Literatur in der Periode der funktionalen Ausdifferenzierung betrachtet werden. In Ergänzung zu den bisher getroffenen Aussagen über Strauß findet sich bei Luhmann eine erhellende Darstellung über das Verhältnis der Literatur und der Epoche der Romantik: »Der Roman befähigt den Leser, etwas zu beobachten, was die Helden des Romans […] nicht beobachten können. Die Romantik arrangiert daraufhin einen Stil, der darauf beruht, daß der Leser das nicht glaubt, was die unmittelbare Schilderung inszeniert.«441 Luhmann spricht in diesem Kontext von einer »Übergangssemantik« von mehr als zwei Jahrhunderten. Die Moderne begann in der systemtheoretischen Auffassung Mitte des 18. Jahrhunderts und dauert – vor allem aus Sicht der Soziologie – noch an. Luhmann formuliert diesen Gedanken genauer: »Es läßt sich behaupten – und es wird auch behauptet – daß die Semantik der Moderne eine Übergangssemantik war. Doch das Konzept der Postmoderne bietet uns keine neuen Informationen, sondern wiederholt diese Einsicht nur einfach. Reflexivität scheint der Name für die mißliche Situation zu sein, in der sich die Philosophie dieses Jahrhunderts befindet. Doch was bedeutet das, wenn man es auf den gesellschaftlichen Kontext überträgt? Entzweiung, Differenz, Mangel an Einheit, Zerstörung aller kanonischen Sicherheiten: das war bereits das Lamento des neunzehnten Jahrhunderts, und heute sind wir lediglich intellektuell besser gerüstet, das alles als unvermeidlich zu akzeptieren.«442 441 Niklas Luhmann: »Ich sehe was, was Du nicht siehst«. S. 230. 442 Niklas Luhmann: »Dekonstruktion als Beobachtung zweiter Ordnung«. S. 290f. 301 In diesem Kontext gilt auch, dass literaturgeschichtliche Epochen und Strömungen, welche die Themen Entzweiung, Entfremdung, Differenz zur Gesellschaft, Zersplitterung, Kommunikation sowie Unfähigkeit zu selbiger verarbeiten, nachgängige Anpassungen an gesellschaftsinterne Veränderungen oder Mustererzeugungen sind, die Übergänge erklären sollen. Literaturgeschichte ist somit immer auch (nicht zwingend synchron verlaufende) Sozialgeschichte. So bildet die Romantik neben weiteren Strömungen eines von Strauß’ geistigen Fundamenten und prägt seine Beobachtungsperspektive. Es gilt laut Strauß: »Literaturgeschichte ist Selektionsgeschichte. Aber Selektionsgeschichte entwickelt ihrerseits die Geschichte veränderlicher Vorlieben und Prinzipien. Ein solcher Prinzipiensturz wird uns seit langem vorenthalten. Er wäre überfällig, lässt sich jedoch nicht mutwillig beschließen oder gar herbeiführen.«443 Die Analogie zu einem herbeigewünschten, erneuten ›plötzlichen Zerbrechen von Reichen‹ (vgl. ASW 39) sticht hervor. Strauß sehnt den »Prinzipiensturz« als eine Form des möglichen Neubeginns oder des gesellschaftlichen Umbruchs herbei, der als weitere Nennung des im ersten Kapitel besprochenen »Kulturschock[s]« (AB 63) zu sehen ist. Die erhoffte Zäsur betrifft insbesondere die Gesellschaft und Strauß verlässt damit die begrenzte Sphäre der Literatur. Die Vermischung zweier recht unterschiedlicher Aspekte – Gesellschaftstheorie und Literatur – in einer Aussage erschwert die Trennung, unter anderem, weil die Selektion der Literaturgeschichte von der Differenz von beachtenswerten und nicht beachtenswerten literarischen Ereignissen ausgeht, die sie als zum beziehungsweise nicht zum Kanon gehörend auszeichnet.444 Strauß äußert hierzu: »Wir arbeiten mit dem Speicher der uns überall gleichzeitigen Werke« und »[d]ie Literaturgeschichte tritt zurück hinter den von Programmen oder Launen inspirierten 443 Botho Strauß: »Die Entgegenkommende. Zu »Die Löwin« von Konrad Weiss«. (AUF 127). 444 Angemerkt sei, dass Variationen, Anpassungen und Ausrichtungsbrüche in der Literaturgeschichtsschreibung vorkommen, dass jedoch die in sich kanonisierte Literaturgeschichtsschreibung in Schulen und an Universitäten vorherrschendes Lehrthema ist. 302 Zugriff auf die Energiereserven der ganzen Poesie«445. In Sigé (1989) äußert er, dass der Dichter lediglich bereits Existierendes als »Umräumer« (SIG 46) neu sortiere, in Niemand anderes stellt er programmatisch fest: »Das letzte Wort hat der Dichter« (NA 151) und fügt an diese Aussage wie zur Stärkung seiner hohen Position eine Kritik am inhaltsleeren Geplänkel eines Paares an – »ihre Stimmen wurden bewegt wie Puppen an den Schnüren einer Zentralrede« (NA 152), »[e]insam und allgemein [...] und zwischen ihnen ein soziales Geräusch« (NA 152).446 In Die Unbeholfenen lässt er eine vergleichbare Spiegelung gesellschaftlicher Umbruchssehnsucht Revue passieren: »Entsprechend ist auch der Sinn für Bevorstehendes nahezu abgetötet. Man kann sich keinen größeren Gemütsunterschied vorstellen als zwischen dem unseren und dem Deutschen vor hundert Jahren. Als sich in Erwartung des Ersten Weltkriegs das allgemeine Epochenempfinden schärfte und die geistigen Umbrüche dem Ereignis vorangingen wie die Aura dem epileptischen Anfall. Ereignisse, die sich irgendwann als historisch erweisen, werden stattfinden wie eh und je, die traurigen häufiger als die freudigen. Nur werden sie kaum je wieder nach einer vom Subjekt und von subjektiver Unmittelbarkeit geprägten Weise verarbeitet werden und für alle bedeutsam gemacht. An die Stelle des historischen Sensoriums ist weitgehend die mediale Öffentlichkeit getreten. Diese wiederum bedient sich aber zugleich auch moderierender Empfangs- und Wiedergabestationen. Jener im Wortsinn mittelnden und mäßigenden Instanzen, die jedes Ereignis der Seele schnell gleich-gültig machen, es entschärfen und dem Gehabten eingliedern.« (DU 74) Durch diese Sicht auf die Selektion, auf die Trennung von Literaturgeschichte und literarischer Beobachtung von Gesellschaft wird dann letztlich deutlich erkennbar, dass sich »in den ›harten‹ Fakten« der Geschichte »die schönen Imaginationen der Poesie«447 spiegeln, wie Gerhard Plumpe es formuliert. Die hier von Strauß angesprochene und gemeinhin akzep- 445 Botho Strauß: »Die Entgegenkommende. Zu »Die Löwin« von Konrad Weiss«. (AUF 127f.). 446 Vgl. auch Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 106. Das nächste Kapitel geht ausführlicher auf die Bedeutung sozialer Geräusche und Rhythmen ein. 447 Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. S. 8. 303 tierte Sicht448, dass Zäsuren geschichtlicher Art die Literatur beeinflussen, möchte Plumpe indes nicht negieren, wichtig ist ihm hingegen, die durch Ausdifferenzierung bedingten Strukturveränderungen als die außerliterarischen Kriterien der Epochengrenzen zu verdeutlichen. Hierdurch werden Strauß’ Einlassungen zugänglicher und das Verhältnis von Literatur und der Gesellschaft im Zeitalter der Globalität wird verständlicher. Zu diesem Sachverhalt artikuliert in theoretisch-abstrakter Weise Claus-Michael Ort, dass »Wandel […] als Mischungsverhältnis aus System und Umwelt, also aus systeminterner Selbststeuerung und -externer Fremdsteuerung, [...] gedacht werden kann«449. Das heißt mit anderen Worten, dass sich Künstler durchaus dessen bewusst sind, dass Kunstwerk und Gesellschaft einander beeinflussen, welches auch Strauß in Form der Hoffnung auf den ›vorenthaltenen Prinzipiensturz‹450 andeutet. Und es gilt auch: Ein Wandel über lange Zeiträume funktioniert nicht ohne wiederkehrende Irritationen durch Umwelt(systeme) und sich anschließende Output-Input-Interpenetration, was, um nur einige Irritationsmomente in der Geschichte der Literatur zu nennen, der Werther-Effekt, die politischen Schriften des Vormärz, die Kriegssehnsucht der Expressionisten oder gegenwärtig die feuilletonistische Vorabdruckpraxis oder skandalisierten Literaturdebatten – an beidem ist auch Strauß beteiligt – verdeutlichen. Die gegenseitige Beeinflussung von Teilbereichen und der Gesellschaft im Ganzen lässt im Falle der Literatur größere, zeitliche Einheiten erkennen, die wiederkehrende und artverwandte Kommunikationsmerkmale und -arten aufweisen. Ganz im Sinne der Selektionspraxis der Literaturgeschichte können Wegmarken innerhalb der Literatur ausgemacht werden. Initial für die Entstehung einer neu ausgerichteten literarischen Kommunikation in einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft ist der bereits angesprochene und in der Mitte des 18. Jahrhunderts beginnende Funktionswandel der Literatur. Dient Literatur zuvor in weitem Umfang der religiösen Erbauung, halten nun andere Themen Einzug und mit ihnen literaturinterne Beobachtungen einer Differenz zur Umwelt, welche zur literarischen Erstunterscheidung von Text 448 Man denke nur an historisch forcierte Epochengrenzen wie die Stunde Null oder die »›Wendeliteratur‹« (vgl. zur Begriffsdiskussion: Sonja Kersten: »Mauerfall-, Post-DDR-, Vereinigungs-, Nachwende- oder doch Wendeliteratur? Eine kleine Expedition durch einen großen Begriffsdschungel«). 449 Claus-Michael Ort: »Fortschrittsberichte und Forschungsdiskussion: Systemtheorie und Literatur. Teil 2«. S. 173. 450 Vgl. Botho Strauß: »Die Entgegenkommende. Zu »Die Löwin« von Konrad Weiss«. (AUF 127). 304 und Gesellschaft führen. Als reformulierte Basis dieser Unterscheidung fungiert die zu diesem Zeitpunkt zur Leitdifferenz werdende Unterscheidung System/Umwelt, von der laut Plumpe die Bildung einer Reihe unterschiedlicher literarisch-sozialgeschichtlicher Kernepochen ausgeht. Es geht ihm darum, die vollzogenen Wechsel in der Perspektive aufzuzeigen und das Verhältnis der Literatur zu ihrer jeweiligen Gesellschaft darzustellen. Am Anfang dieser Reihe steht die erstmalige Beobachtung der Leitdifferenz System/Umwelt, aus der sich die Romantik entwickelt451, mit der Betonung der Umweltreferenz wird die Epoche des Realismus eingeläutet und abgegrenzt, mit der Systemreferenz der Ästhetizismus. Am Ende der Reihung findet sich die Entdifferenzierung in Form der Avantgarde.452 Das Ende der Avantgarde sieht Plumpe um 1934453 – man bemerke den zeitlichen Zusammenfall mit den von Strauß erwähnten Thesen Valérys (vgl. UAZ 92) – und diagnostiziert eine seit diesem Zeitpunkt beobachtbare Wiederholung oder Rückbesinnung auf schon Dagewesenes in einer Epoche des ›neo‹, in der »[d]ie Zeitachse […] an Bedeutung verloren«454 hat – und in der Neoromantik, Neorealismus, Neoästhetizismus, Neoavantgarde455 gleichzeitig vorherrschend sind und als Programme von Künstlern und Literaten aufgegriffen werden können. Plumpes Epochenstruktur stellt mit geringfügigen Einschränkungen auch den Hintergrund für das gegenglobale Schreiben und die Gesellschaftssicht von Botho Strauß, dessen Methode der Re-Kontextualisierung von randseitiger Literatur oder nicht-kanonischen (vergessenen) Literaten in diesem Zusammenhang zu sehen ist.456 Strauß bespricht an zahlreichen Stellen Epochenübergänge und geht in »Zeit ohne Vorboten« (1999) sowie ähnlich lautend in Der Untenstehende ein weiteres Mal auf die Abwandlungen des »Kulturschock[s]« (vgl. auch AB 63) ein. Ein Vergleich der beiden Fundstellen zeigt zugleich, wie Strauß seine Aussagen in minimalen Details nachschärft: 451 Das oben angesprochene Werther-Beispiel untermauert die Differenzsicht der Romantik. 452 Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. S. 233. 453 Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. S. 231f. 454 Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. S. 233. 455 Vgl. auch Neo-Kantismus, Neo-Hegelianismus, Neo-Thomismus, die Vilém Flusser in Vom Zweifel (S. 11) nennt. 456 Hierunter fallen die Beschäftigungen mit den im ersten Kapitel genannten Autoren. Die Besprechung von Döblins und Lessings Autorschaft fällt aus der Reihung heraus, ist jedoch der Zuteilung des Büchner- beziehungsweise Lessing- Preises geschuldet. 305 »Die Moderne geht keineswegs mit Parodie oder Postmoderne zu Ende, sondern sie verschwindet im Bruch mit der Poesie unseres Denkens insgesamt. Mit der Ablösung der Reflexion durch ein technischinformatorisches Wissen, dem Wissen mit der geringsten geschichtlichen Ekstatik und dem universellsten Anspruch.« (ZOV 100) »Diese Moderne geht nicht mit dem farbigen Schauspiel der Postmoderne zu Ende, der Verschiebung des Bewußtseins zum Könnensbewußtsein, des Wissens zum strukturellen Wissen-Wie. Sondern an seine Stelle tritt der Bruch mit der noetischen Poesie überhaupt. Das technisch informatorische Wissen ist das Wissen mit der geringsten geschichtlichen Ekstatik und dem universellsten Anspruch.« (UAZ 50) Die Reformulierung geht die Dinge differenzierter an, aus der engen »Parodie« ist das weitere »Schauspiel« geworden, das »Denken« nun präzisiert als »Wissen-Wie«, und zugleich formuliert Strauß größer; in der Zukunft gibt es keine vernunftsbasierte Poesie mehr. Kein Wort mehr über die Kraft der Reflexion, stattdessen »ist« das Wissen nun »ein technisch informatorisches«. Strauß sieht am Ende der Moderne und dem Übergang in die Globalität zugleich den Übertritt in eine tumbe und unklare Wahrnehmung abseits des verständigen Denkens in einer bewusstseinsfeindlichen Informationsgesellschaft. Analog zu dieser Sicht- und Denkweise betitelt Plumpe (von Luhmann ausgehend) die Epoche der Wiederaufnahmen und Bezüge mit einem einzigen ›post‹: »Postismus«457. Das ›Nach‹ ist zugleich das ›Neu‹ und speziell am Ende des 20. Jahrhunderts zeigt es sich in diversen post-Theorien: Posthistoire (Lutz Niethammer, Arnold Gehlen) beziehungsweise Nachgeschichte (Flusser), Poststrukturalismus oder Postmarxismus, auch zu bedenken sind Neoromantik, Neorealismus et cetera. Von der gesellschaftlichen Postmoderne kann laut Plumpe jedoch erst dann gesprochen werden, wenn nachweislich die funktionale differenzierte Moderne durch ein anderes Gesellschaftsmodell ersetzt worden ist.458 Ähnlich die Sichtweise von Anthony Giddens, der »die Postmoderne als eine Reihe immanenter Übergänge«459 bezeichnet und einen »sozialen Bereich der 457 Vgl. Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. S. 231-255 für Definitionen und Abgrenzungen. 458 Vgl. Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. S. 252. 459 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 71. 306 Postmoderne«460 noch nicht ausmachen kann; in seinem Fazit findet jedoch eine »Radikalisierung der Moderne«461 statt, die sich aus einer ›institutionellen Komplexitäts-steigerung‹462 heraus entwickelt. Luhmann positioniert sich ähnlich und kommentiert die Postmoderne aus seiner Soziologensicht als ein »Produkt literarischer Inzucht«463, da die »strukturellen Kontinuitäten der modernen Gesellschaft«464 kein »post« zulassen würden. Es bleibt somit festzustellen, dass die Gegenwart eine Phase des Übergangs ist. Und doch: ist Gegenwart nicht immer im Übergang begriffen? Die professionellen Gegenwartsbeobachter (wie die genannten Soziologen) haben bisher keine definitiven Aussagen über das folgende Gesellschaftsmodell abgeben können. Aus der künstlerisch-literarischen Warte diskutiert auch Botho Strauß derartige Übergangsprozesse und die folgende Textstelle kann als indirekte Bezugnahme auf Plumpes Epochensicht gelesen werden. Angesichts der veränderten Umwelt spricht Strauß einen imaginären Zuhörer an, der (s)einer Zeit und allen Zusammenhängen enthoben scheint: »Im Untergrund deiner selbst hast du immer in summa gelebt und die Zeit in Teilchensprüngen vor und zurück, gleichsam als eine Elementarzeit, erfahren. Hier erkennst du nichts von Folge, Fortschritt und Zusammenhang. Die Vorsilben post, prä, trans sind bedeutungslos für den Simultangeist. Zugegeben: was wissen wir schon vom heiligen Allzugleich, dem totum simul und von der verborgenen Tiefenzeit? Unser Hirn kann auch sie nur in Diachronie übertragen, das Bewußtsein zerschneidet die Fülle in Sequenzen. Vielleicht gibt es ein Organ für das Allzugleich – Rilkes ›alle vollzählige Zeit‹ – nur unter den Geschöpfen Gottes, die kein Selbstbewußt- 460 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 71. 461 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 71. 462 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 201. 463 Niklas Luhmann: »Ich sehe was, was Du nicht siehst«. S. 233. Niels Werber ergänzte später: »Als überaus erfolgreiche Formel, die sich auf dem Markt intellektueller Moden immerhin über ein Jahrzehnt halten konnte, gebühre der ›Postmoderne‹ allerdings der Lorbeer dafür, zuerst populär gemacht zu haben, daß ›die moderne Gesellschaft das Vertrauen in die Richtigkeit ihrer eigenen Selbstbeschreibungen verloren hat. Auch sie sind jeweils anders möglich‹, schreibt Luhmann in Beobachtungen der Moderne. Luhmann erklärte kurzerhand diese Kontingenzerfahrung der Postmoderne zur Strukturbedingung der Moderne« (Werber: »Jenseits der Zeitmauer. Globalisierung als Erbe der Postmoderne?«. S. 982f.). 464 Niklas Luhmann: »Ich sehe was, was Du nicht siehst«. S. 233. 307 sein besitzen. Vielleicht haben Engel wie Asseln daran teil, nur wir nicht. Oder Simultaneität bleibt einem technisch höher entwickelten Menschentyp vorbehalten. Vernommen wird die Melodie seit Urzeiten und manchmal bricht sie plötzlich den Einwegzwang der Stunden.« (UAZ 88f.) »Die Fülle« entspricht der Komplexität von Zeit und Gesellschaft. Sie zu verstehen geht einher mit einer binären Dekodierung (»Diachronie«). Ein zusammenhängendes Ganzes oder ein zeitbefreiter Zustand sind nur zu erahnen, aber laut Strauß nicht zu erreichen. Vielleicht hilft nur die Flucht in einen neuen Zustand – geistlich, ideologisch oder gesamtgesellschaftlich –, der sich »unvermittelt« (UAZ 143) als plötzliche Klarheit offenbart und erst durch das besagte Organ erfahrbar wird (vgl. UAZ 66f.). Dass Strauß einen Epochenwechsel herannahen sieht, lässt sich nach den vorherigen Analysen sowohl auf diese Gedanken als auch darauf zurückführen, dass er, wie es auch Rissing feststellt, ein stark naturverbundener465 Romantiker ist: »Strauß zeigt sich als abgeklärter Romantiker, der die Ausdifferenzierung von Mythos und Vernunft, von Kosmos und Kultur bedauert, aber zugleich als unumkehrbar vollzogen sieht. Da er die Lebenswelt vom Gift der Verwesung kontaminiert wähnt, bleibt Strauß, auch in dieser Hinsicht romantisch veranlagt, nur der Rückzug aus der soziokulturellen Sphäre in die Unberührtheit der Natur. Aber auch dieser Ausweg, sich à la Kafka ›in die Büsche zu schlagen‹, wird ihm verwehrt. Die über das gesamte Buch ver- 465 Die Vielfalt der Naturbeschreibungen in den Prosatexten seit den 1990er Jahren lassen darauf schließen, vgl. insbesondere Die Fehler des Kopisten, Der Untenstehende auf Zehenspitzen. Ein Zusammenhang mit dem Umzug in die Abgeschiedenheit der Uckermark scheint gegeben zu sein. Auch scheint es, als habe die dortige Ruhe einen ähnlichen Einfluss auf Strauß wie die Provinz sie – die Bodenkonnotationen nicht berücksichtigend – auch auf Heidegger hatte, der zur Ruhe der Provinz schrieb: es »drängt sich schon in den ersten Stunden des Hüttendaseins die ganze Welt der früheren Fragen heran, und zwar in der Prägung, in der ich sie verließ. Ich werde einfach in die Eigenschwingung der Arbeit versetzt und bin ihres verborgenen Gesetzes im Grunde nicht mächtig. Die Städter wundern sich oft über das lange, eintönige Alleinsein unter den Bauern zwischen den Bergen. Doch es ist kein Alleinsein, wohl aber Einsamkeit. [...] Denn die Einsamkeit hat die ureigene Macht, daß sie uns nicht vereinzelt, sondern das ganze Dasein loswirft in die weite Nähe des Wesens aller Dinge« (Martin Heidegger: »Schöpferische Landschaft: Warum bleiben wir in der Provinz?«. S. 11). 308 streuten Naturschilderungen klingen wie ein Abgesang: auch in diesem Aspekt zeichnet sich ein gesellschaftlicher Bruch ab.«466 Im Unterschied zu den Vorbildern, die es schlicht nicht anders wissen konnten, ist Strauß sich der Veränderungen bewusst und durchaus abgeklärt. Immer wieder zeichnet er Linien von Zeitbegriffen zu Zeitkritik, nimmt die Medialisierung der Gegenwart und Exklusion von Einzelnen oder Gruppen aus der Masse ins Visier, bei der der Einzelne von den Anderen getrennt und doch mit ihnen vereint oder verbunden ist. Es greifen kein »post«, »prä« und »trans« mehr, um diesen Zustand zu erklären. Ähnlich sieht es Niels Werber, der ebenfalls von Zyklen ausgeht: »Zeit ermöglicht nicht länger die Erscheinung des epochal Neuen, sondern füllt nur noch den Raum zwischen den Zyklen der Reprisen und Samplings. Aus dem in der Weltzeit synchronisierten Geleitzug der in die Zukunft fortschreitenden modernen Rationalität scheren die lokalen Milieus, Sprachspiele und Kulturen aus. Der Streit zwischen ›antiqui‹ und ›moderni‹ ist dort schon insofern entschieden, als die Unterscheidung ihre Bedeutung verloren hat. Jedes Zeitalter ist gleichviel wert, wenn alle Epochenstile nebeneinander oder miteinander arrangiert werden können.«467 So existieren seit der oben angeschnittenen Avantgarde Stile und Strömungen nebeneinander, was laut Werber auch für »die Koexistenz von Moderne und Postmoderne«468 gilt. In Anlehnung an den Aufsatztitel, der die Globalisierung als Erbin der Postmoderne vorstellt, ließe sich für eine Erweiterung der Phrase als ›Koexistenz von Moderne, literarischer Postmoderne und Globalisierung‹ argumentieren. Und auch wenn die Globalisierung zu weitreichenden Veränderungen führt, ist die Moderne bisher nicht abgeschlossen, weil nach wie vor funktionale Differenzierung die Gesellschaft bestimmt und ihre Selbstreproduktion auf diesem Prinzip beruht: 466 Thilo Rissing: »Der Mensch als gebrochenes Bild im Facettenauge der Zeit. Über die Aphorismen-Sammlung ›Der Untenstehende auf Zehenspitzen‹ von Botho Strauß«. 467 Niels Werber: »Jenseits der Zeitmauer. Globalisierung als Erbe der Postmoderne?«. S. 981. 468 Niels Werber: »Jenseits der Zeitmauer. Globalisierung als Erbe der Postmoderne?«. S. 982. 309 »In der Schule gibt es Noten, im Gericht Urteile, in der Politik Wahlen, in der Wirtschaft Gewinne und in der Kunst Werke. Eine Epoche, die tatsächlich nach der Moderne kommen sollte, würde diese Form gesellschaftlicher Arbeitsteilung nicht mehr kennen. In einer veritablen Postmoderne, die eine neue Epoche und kein neues Mittelalter wäre, würden alle sozialen Bereiche miteinander zu einer Einheit verschmelzen […].«469 Literatur ist also weiterhin als Kommunikation in einem spezifischen Teilbereich zu verstehen. Die Verbindung zwischen der soziologischen Postmoderne – bis zum Eintreten des Epochenwechsels lediglich ein Platzhalterbegriff – und der literarischen Postmoderne besteht im gemeinsamen Begriff. Im Gegensatz zur soziologischen ist die literarische Postmoderne durch Wiederverwendung bereits dagewesener Ideen, Ansätze, Stile und Spielformen gekennzeichnet.470 Neben der intertextuellen Rekombination und Reprise, dem wiederaufkeimenden Erhabenen ist die literarische Postmoderne durch eine »›neue Feierlichkeit‹« gekennzeichnet, welcher »der Unernst, das Spielerische der Simulations- und Pop-Kultur zuwider«471 ist. Es sind insofern auch jene Formen und Elemente, die Strauß in seinen Veröffentlichungen wieder und wieder einer Prüfung unterzieht. Aus Plumpes Darstellungen resultiert eine Folgeüberlegung bezüglich der Ausgestaltung der Wiederaufnahme oder Re-Aktualisierung früherer Gattungen, Strömungen, Merkmale oder Inhalte innerhalb der Literatur. In der zyklischen Entwicklung der Literatur sieht Plumpe eine Parallele zur zyklischen Gestalt der (systemtheoretischen) Ausdifferenzierung; ungeklärt bleibt, ob der Zyklus im Zuge der fortschreitenden Ausdifferenzierung nicht auch eine immer enger und feiner werdende Ausformung oder Zuspitzung aufweist. Die engen Ausschläge zwischen den Strömungen würden dann auch laut Plumpe die erkennbare Poetologie postmoderner Texte angemessen erklärbar gestalten. Er nennt Peter Handke als Vertreter, doch 469 Niels Werber: »Jenseits der Zeitmauer. Globalisierung als Erbe der Postmoderne?«. S. 983. 470 Vgl. Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. S. 252. Die soziale beziehungsweise soziologische Postmoderne kommentiert Anthony Giddens als »eine Zeit […], in der sich die Konsequenzen der Moderne radikaler und allgemeiner auswirken als bisher. Jenseits der Moderne können wir nach meiner These zwar die Umrisse einer neuen und andersartigen, einer ›postmodernen‹ Ordnung ausmachen, doch diese Ordnung ist völlig verschieden von dem, was zur Zeit von vielen ›Postmoderne‹ genannt wird« (Plumpe: Konsequenzen der Moderne. S. 11). 471 Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. S. 254. 310 findet sich dieses Programm auch bei Botho Strauß, was häufig Einordnungsprobleme schafft, da nach der Lektüre ein diffuses Gefühl des im Text herbeigesehnten Früher zurückbleibt oder nachhallt. Als Jean- François Lyotard einst das ›Ende der großen Erzählungen‹ ausrief, mochte er für einen Augenblick den damaligen Zeitgeist richtig gedeutet haben. Mit dieser Aussage im Hinterkopf lässt sich zu Strauß’ Umgang mit der literarischen Postmoderne feststellen, dass die von ihm vorangetriebenen Stilbrüche, Zitate und intertextuellen Bezüge in diesem Sinne postmodern sein mögen, dass jedoch eine Lektüre weiter Teile des Werkes unter der Prämisse oder Annahme einer vorhandenen Globalisierungskonzeption im Widerspruch zu den genannten Stilmerkmalen eine große (Meta- )Erzählung offenbart. Weltsichten auf der einen und Auseinandersetzungen mit den Veränderungen der Welt durch Globalisierung und Globalität auf der anderen Seite tragen zur Herausbildung des Übernarrativs bei, was so auch Niels Werber anspricht: »Die Postmoderne als Stil des Posthistoire ist in exakt diesem Sinn ein Phänomen der Globalisierung, denn die Merkmale des Lokalen, Partikularen oder Subkulturellen sind postmodern erst durch ihren variierenden Bezug zu den Standards der Weltgesellschaft. Andernfalls hätten wir es nicht mit Werken der Postmoderne zu tun, sondern mit Erzeugnissen autistischer Provinzialität. Die Postmoderne als Stil weiß, daß ihre Produkte regional in dem Sinne sind, daß sie an anderen Orten und zu anderen Zeiten anders sein werden. Das macht ihr Kontingenzbewußtsein und ihre Ironiefähigkeit aus. [...] ›Postmodernity‹ als ›proliferation of a multiplicity of dissonant language games‹ und Globalisierung als Prozeß weltweiter Relativierung und Mediatisierung sind keine bloßen Koinzidenzen, sondern ein Bedingungszusammenhang.«472 Strauß’ Textkosmos erlaubt Verbindungen mit Werbers Aussage, denn dieser beinhaltet – mal subtil, mal äußerst plakativ – eine breitgefasste Stellungnahme zum Zustand einer, wie Werber sie darstellt, selbstreflexiven und selbstironischen globalisierten Welt. Von dieser Perspektive ist es seinerseits nicht weit bis zur Hyperkomplexitätstheorie, die Qvortup vorantreibt. Die Globalisierungskonzeption setzt andere Übernarrative zu Strauß’ Werk (wie beispielsweise die Beschäftigung mit Naturwissenschaft, 472 Niels Werber: »Jenseits der Zeitmauer. Globalisierung als Erbe der Postmoderne?«. S. 986. 311 Religion oder Mythen) nicht außer Kraft, sondern existiert neben ihnen und liefert eine zusätzliche Deutungsmöglichkeit. Die bisherigen Analysen belegen diesen Befund. Strauß, der sich postmoderner Erzählweisen bedient, arbeitet zugleich mit romantischen und frühmodernen Stilmerkmalen. Angesichts der vollzogenen Veränderungen in unserer Gegenwart mutet es beinahe als anachronistisches Hoffen und Wünschen an und weniger als konkrete Perspektive auf die zukünftige Gesellschaftsentwicklung. Erschwerend kommt hinzu, dass Strauß auch nach Belieben und im schnellen Wechsel die Bezugsperspektive verändert; teilweise oszillieren Selbstreferenzialität und Fremdreferenzialität innerhalb der gleichen Reflexion in unerwartet hoher Geschwindigkeit. 5.5 Versagen von Sprache & Bild? Dingwerdung im Technischen Angesichts der neuen Bedingungen, die aus dem Zusammenprall von Erneuerung und Beständigkeit entstehen, versucht der Einzelne bildlich gesprochen, einen Platz im Rauschen der Gesellschaft zu finden: »Wir erfahren, daß wir die menschliche Matrix verlassen haben, keine verschiedenen Kulturen mehr bilden, sondern konsensitive Gemeinschaften aus menschlichen und nichtmenschlichen Wesenheiten«, schreibt Strauß und widmet sich im direkten Anschluss einer Aussage Latours über das Eindringen der Dinge in das Individuum: »›Der Anteil der Dinge‹ (Bruno Latour) in jedem von uns nimmt beständig zu. Jedenfalls solange wir uns im technozentrischen Spiegel gefallen und studieren. Unsere Welt ›hat aufgehört modern zu sein, seit wir alle Wesenheiten ersetzt haben durch Mittler, Delegierte, Übersetzer. Sie erinnert an frühere Zeiten mit all diesen Nuntien, Stellvertretern, Fürsprechern, Figurinen und Cherubinen ... Im Menschlichen kreuzen sich Technomorphismen, Zoomorphismen, Physiomorphismen, Ideomorphismen, Theomorphismen, Soziomorphismen, Psychomorphismen. Ihre Allianzen und ihr Austausch definieren alle zusammen den anthropos.‹« (UAZ 28) Diese Aussage passt in das Bild, das Strauß von der Gesellschaft zeichnet. Technik beeinflusst die Gesellschaft und die Gesellschaft nimmt ebenso auf diese Einfluss. Deutlicher wird dieser Ansatz, sobald eine Stelle aus Strauß’ Die Fehler des Kopisten als Deutungsmuster herangezogen wird, welche die Veränderungs- und Auflösungsprozesse genauer schildert. Strauß 312 vollzieht einen geschickten Schichten- oder Sphärenabbau; die Welt ist in diesem lediglich die Basis für jedwedes soziale Geschehen, über dem wiederum die Vernetzung als eine Art Punktraster liegt: »Die Welt war bis jetzt nur ein lebloser Kloß und harrte des Worldwideweb-Demiurgen. Erst wenn man ihren Leib mit genügend Gefäßbahnen, Informationskanälen durchzieht, wird sie die Augen aufschlagen. Nicht die ›Gesellschaft‹, nicht Menschen drängt es zur Revolution ihrer Beziehungen, sondern der neueste Stand der Technik, irgendein Spitzenprodukt ihrer selbstbezüglichen Entwicklung, verlangt sie von ihnen. Die Gesellschaft paßt sich nur noch an, verliert und gewinnt dabei, verändert ihr zwischenmenschliches, bald auch ihr elementares Verstehen des Menschen.« (FDK 57) Strauß veröffentlicht Die Fehler des Kopisten 1997 und die angeführte Textstelle muss im Zeitkontext ihres Entstehens gedeutet werden; das »Worldwideweb« kommt in erschreckender Langsamkeit und viel digitalem Getöse aus der Leitung, das erste Mobiltelefon mit einem vier-Farb-Display erscheint ebenfalls 1997, der erste Flachbildfernseher erst zwei Jahre später. Strauß beabsichtigt mit seiner Kritik jedoch mehr, als nur die Klobigkeit und Langsamkeit der Technik zu bemängeln. Es geht ihm insbesondere um eine dokumentierende (jedoch nicht dokumentarische) und strukturelle Beschreibung, inwieweit Technik die Autonomie des Menschen angreift, das heißt, dass »Gesellschaft« angesichts der aufoktroyierten Netzsphäre nur noch reagieren kann und, wie Strauß schreibt, »ihr elementares Verstehen des Menschen« (FDK 57) neu ausrichtet. Wie Strauß wiederholt thematisiert, bildet der Mensch nicht auflösbare Netzwerke aus. In Strauß’ Mythosverweis auf Aphrodite und Hephaistos heißt es: »Das Netz zerreißt nur der Blitz« (DFK 57). Und Latours ›Morphismen‹ bezeichnen den Eintritt nicht-menschlicher Größen in ein vergleichbar festes Netzwerk. Das »totale Engineering« im Titel der Vorstudie steht am Ende eines Niedergangs und eines Verlorenseins, das von einem falschen und schon alttestamentarisch etablierten Fortschrittsglauben herrührt.473 Diese Ausgangsla- 473 »Der hohe Turm wird zu Gottes Ehre errichtet und erweckt zunächst nicht den Verdacht, der Mensch wünsche dem Himmel näher zu kommen, um Ihm die eigene Größe zu demonstrieren. Zum Turm von Babel wird er erst, wenn er eingestürzt ist. Skepsis dem babylonischen Bauen gegenüber läßt indessen außer acht, daß der Mensch nur aus übertriebenen Taten und süßer Vergeblichkeit seine 313 ge baut Strauß in Der Untenstehende umgehend aus, um seine Technikkritik anzuknüpfen, sie weiter auszuführen und neuerlich zum »Engineering« zurückzukommen: »Nun ließe sich in dem unermüdlichen Errichten ein Mangel an Bewußtsein beklagen. Man könnte bezweifeln, daß all die neu hergestellten Dinge, die uns aufgedrängt werden, einen Menschheitstraum erfüllen. Außer daß es der Traum des Technikers ist, die Dinge schöner, leichter, sicherer zu machen. Da nun Mensch und Welt sich erschöpfend ausgesprochen haben, beinah alles gesagt haben, was zu sagen möglich war, bekommt das Errichten und Herstellen seine alte Deutungspotenz zurück. Viele informationstechnische Teile, Dinge, bestehen heute in einem Maße aus Reflexion, wie sie in Zeichen und Wörtern nicht mehr zustandekommt ... Im Mangel an Bewußtsein herrscht offenbar kein Mangel an Substanz. Was die Menschen an Überzeugungen und Einschätzungen nachträglich von sich geben, ist im Vergleich zu der Übersteigung, die sie in der Gemeinsamkeit und Wechselwirkung ihrer Taten erreichen, nicht viel mehr als eine Geräuschkulisse. Der Fortschrittsoptimist erbringt wenigstens sein sacrificium intellectus und riskiert, als der Dümmste dazustehen, sobald die Stimmung wechselt. Der Untergangsprophet, dem die Stunde ausbleibt, die ihn rechtfertigen könnte, schwächt sich ab zum Niedergangsdiagnostiker. Als solcher hat er immer recht, wenn auch nur zu seiner eigenen Genugtuung.« (UAZ 40f.) Das Dasein des Gegenwartsmenschen wird vom Übergang geprägt. Wie Strauß schreibt, reicht das Verhältnis von »Zeichen und Wörtern« nicht mehr aus, um das Informationsüberangebot auf hergebrachte Weise erfassen zu können. Strauß nennt an dieser Stelle keine Alternative zu den »informationstechnische[n] Teile[n]« und verweist stattdessen auf die Unterscheidung ›Fortschrittsoptimist/Niedergangsdiagnostiker‹, kehrt allerdings an anderer Stelle zu Fragen der Informationsverarbeitung und -vermittlung zurück. In einer Aneinanderreihung verschiedener Betrachtungen zum Schönen und Hässlichen in der Kunst äußert Strauß die folgende Ansicht zum Verhältnis von Digitalisierung und Kunst, die in ihrer Geschwindigkeitszunahme als Äußerung nicht-sprachlicher Reflexionen verstanden werden kann: Kraft und sein Überleben gewinnt. Ohne Taten kein Scheitern. Ohne Scheitern keine neue Bestimmung des nächsten Ziels« (UAZ 40). 314 »In ihren Videoclips verarbeiten die Meister des elektronischen Surrealismus in Sekundenschlägen soviel Material wie ein surrealistischer Maler in seinem Gesamtwerk. Die bildlichen Szenarien, die außer impact und appeal keine Bedeutung besitzen, gehören einem visuellen Konstruktivismus, der mit der alten Welt des Phantastischen nichts mehr gemein hat. Unter dem Einfluß dieser imperialen Suggestion wird das Bildliche erst recht zu einer Not und einem Gegenstand des tiefen Verlangens. Bilder, Objekte des Kunstmarkts, reagieren heute mit Vorliebe auf Objekte der Konsumsphäre. Bilder, erste und erstartige, werden hingegen kaum dem Überfluß der Erfindungen und Überraschungen entspringen. Sie wird man eher bergen als entwerfen. Schließlich muß man damit rechnen, daß der Schlüssel zu allem Weiteren nur in den Bildern liegt. Gedanken sind etwas für Epigonen.« (UAZ 61f.) Neben der offensichtlichen Ebene der Kritik an einer Digital- beziehungsweise Videokunst streift Strauß einen Subtext: die Kodierung von Bildern, um die Welt in ihrer umfassenden Komplexität verstehen zu können. Bilder transportieren laut Strauß nun, was zuvor durch Gedanken und Sprache transportiert wurde: »Gerade was sich zusammendrängt in der Sprache, so eng, daß es als etwas anderes ihr entweichen will, ist geschrieben aus Bild- Bedarf« (UAZ 62). Wie der Kunstmarkt sich nach alten Bildern sehnt, sehnt sich der Betrachter im Flimmer des Digitalen nach derartigen Bildern – so zumindest kann diese Passage verstanden werden. Und Strauß setzt fort, dass »große Willkür digitaler Bildbearbeitung« zur Beliebigkeit führt, denn es »gibt überhaupt in der ästhetischen Sphäre kein erkennbares Kontra mehr« (UAZ 62). Strauß verweigert sich der digitalen Kunst, kritisiert ihre überbordende Ausstattung und den Schein. Zugleich greift Sprache nicht mehr als Beschreibungsmedium gesellschaftlicher Veränderungen. Das Problem besteht hauptsächlich in der Abwesenheit von Optionen, um die Weltveränderungen erfassen zu können. Derartige Klagen folgen der technischen Entwicklung474 nicht erst seit Walter Benjamins Betrachtungen zur technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes. Zum Blendcharakter des Digitalen schlussfolgert Strauß: »Die Ähnlichen. Das Similis-Virus, das sich zuerst unter den Menschen ausbreitete, dann auch auf die Werke übergriff. Das tückische Als-ob, das sich in unsere Anschauung mischt und unseren Geschmack betrügt, so daß 474 Vgl. Jochen Hörisch: Der Sinn und die Sinne. Eine Geschichte der Medien. 315 wir der vollendeten Ununterscheidbarkeit von Werk und Machwerk erliegen.« (UAZ 69) Um das Dilemma der unzureichenden Beschreibungsformen (und den Zusammenhang mit der Globalisierungskonzeption) ausführlicher beleuchten zu können, ist es hilfreich, die Funktion der technisch erzeugten Bilder eingehender zu betrachten. Der Kommunikationswissenschaftler und Philosoph Vilém Flusser widmet sich einer vergleichbaren Entwicklung und entwirft beziehungsweise erklärt das Konzept informationsdichter »Technobilder«, wie er die codebasierten und kodierenden Bild-Produkte technischer Apparate nennt. Sie entstehen durch technische Prozesse und nicht mehr durch Handwerkskunst und ein subjektiv-künstlerisches Erleben und sie übernehmen die Weiterverarbeitung der zur Verfügung stehenden Informationen jenseits der in der Gegenwart überholten Schrift.475 In Ins Universum der technischen Bilder fasst Flusser die Funktion der Apparate zusammen: »Die technischen Bilder sind Ausdruck des Versuchs, die Punktelemente um uns herum und in unserem Bewußtsein auf Oberflächen zu raffen, um die zwischen ihnen klaffenden Intervalle zu stopfen; des Versuchs, Elemente wie Photonen oder Elektronen einerseits und Informationsbits andererseits in Bilder zu setzen. [...] Apparate sind sture Gebilde: Man darf sie nicht anthropomorphisieren, so sehr sie auch menschliche Denkfunktionen simulieren mögen. […] Und das ist ja das technische Bild: eine blindlings konkretisierte Möglichkeit, ein blindlings sichtbar gewordenes Unsichtbares.«476 Flusser führt diesen Gedanken weiter aus: »Die technischen Bilder sind Resultate [...] eines verzwickten Kampfes zwischen den Erfindern und den Kontrolleuren der Apparate, einer Zusam- 475 Zur Erläuterung: »Die Undurchsichtigkeit der Technobilder beruht auf dem Umstand, daß es sich bei ihnen um Codes handelt, welche auf einer Bewußtseinsebene ausgearbeitet werden, auf der Bilder von Begriffen gemacht werden und auf der wir nur mit äußerster Schwierigkeit Fuß fassen können« (Vilém Flusser: Kommunikologie. S. 178). 476 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 21. 316 menarbeit zwischen beiden und eines Kampfes und einer Zusammenarbeit zwischen Apparaten und Menschen. Es sind dramatische Bilder.«477 Diese Gedanken erinnern zum einen an das von Strauß aufgegriffene Latour-Zitat und zum anderen an die Überlegungen zum Einzug des Technischen in die Produktion von gesellschafts- und weltbezogener Kunst. Flusser spricht von Hierarchiegefälle und Kampf und für ihn existieren Technobilder und traditionelle Bilder auf unterschiedlichen Ebenen: »Bei den technischen Bildern geht es darum, das Komputieren von Punktelementen zuerst zu programmieren und dann wieder zu deprogrammieren, um sie zu informativen Situationen zu ballen«478. Strauß sieht keine Trennung der Ebenen, sondern nimmt eine Verdrängung wahr. Flusser verknüpft die Technobilder mit ihrem dimensionalen Wert und arbeitet heraus, dass sie ›null-dimensional‹ sind (im Gegensatz zu traditionellen, zweidensionalen Bildern.479 Das Erzeugen von Technobildern geschieht durch die Bedienung von Apparaten, Flusser nennt dies Gesten: »Es ist die Absicht dieser Geste, aus Punktelementen zweidimensionale Bilder zu machen. Aus der Nulldimensionalität in die Bidimensionalität emporzutauchen. Aus dem Abgrund der Intervalle in die Oberfläche, aus dem Abstraktesten ins scheinbar Konkrete. Scheinbar, denn tatsächlich ist es unmöglich, Punkte zu Flächen zu ballen. Da jede Fläche aus unendlich vielen Punkten zusammengesetzt ist, wären unendlich viele Punkte zu raf- 477 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 26. 478 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 26. 479 Vgl. Vilém Flussers fünfstufiges Modell, in dem im Laufe der menschlichen Entwicklung mit jeder Stufe eine Dimension wegfällt: 1. Stufe: Der ›Naturmensch‹ lebte vierdimensional im »konkreten Erlebe[n]« von Gefahren und medien-, sprach- wie geschichtslos. 2. Stufe: Frühe Menschenarten lebten dreidimensional, fassten und behandelten erste Objekte. 3. Stufe: Der Homo sapiens sapiens erzeugte zweidimensionale Höhlenbilder, war zur Anschauung und Imagination fähig. 4. Stufe: Kulturen bildeten sich heraus, Schrift und lineare Texte wurden zu eindimensionalen Kulturträgern. 5. Stufe: Texte »zerfallen zu Punktelementen« in Form nulldimensionaler technischer Bilder (Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 11). In der dritten Stufe bilden sich erstmals festere Verbünde heraus und analog hierzu vermutet Harro Müller, dass die Kunst in dieser Phase vor allem rituelle Funktionen zur Stabilisierung der segmentären Gesellschaften gehabt haben wird, indem sie »nahtlos mit den jeweiligen Reproduktionsmechanismen verknüpft war« (Müller: »Luhmanns Systemtheorie als Theorie der Moderne«. S. 100). 317 fen, um tatsächliche Flächen herzustellen. Daher kann die Geste der Einbildner nur scheinbare Bilder erzeugen, Flächen nämlich, die tatsächlich voller Intervalle sind, rasterartige Flächen.«480 Dies bedeutet auch, dass Technobilder nur vorgeben, zweidimensional zu sein; vielleicht auch, um besser rezipierbar zu sein. Zugleich erklärt dies die Schwierigkeit, der Strauß in Beginnlosigkeit begegnet, Fleck und Linie allumfassend zu erklären. Literarisch-ästhetische Verdichtungs- und Entzerrungsnarrative minimieren jedoch die Komplexität des Beobachteten. Und doch ist, in verwandtem Zusammenhang, der flüchtige Blick auf Technobilder gefährlich, wie Flusser hervorhebt: »Die Entzifferung der technischen Bilder ist eine Aufgabe, welche wir [...] noch nicht geleistet haben. Solange wir hierzu jedoch unfähig sind, bleiben wir ihrer Faszination ausgeliefert und werden auf ein magisch-rituelles Verhalten programmiert. Der kritische Empfang der technischen Bilder erfordert ein Bewußtseinsniveau, das jenem entspricht, auf welchem sie erzeugt werden. Dies stellt die Frage, ob wir – als Gesellschaft – in der Lage sind, einen solchen Bewußtseinssprung zu leisten. Und um diese Frage ins Auge fassen zu können, ist es nötig, unser gegenwärtiges In-der-Welt-Sein, unsere gegenwärtige Verhaltensweise zu bedenken.«481 Mit anderen Worten verlangt die Deutung von technischen Bildern besondere (das heißt auch: ihnen gleichwertige) Lese- und Informations- Fähigkeiten. Sie deuten zu wollen, heißt auch, sich ihrer Komplexität zu stellen, um den digitalen Flächen, Bits und Bytes die kodierten Informationen auf korrekte Weise entnehmen zu können. Flussers Informationsverständnis lässt sich durchaus mit dem von Botho Strauß vergleichen und verbinden, obgleich es den benannten Wahrnehmungsunterschied gibt. Flussers Technobilder können ein weiteres Erklärungsmodell für Strauß’ medien- und informationsgesellschaftskritische Texte wie eben dem Untenstehenden oder Lichter des Toren bereitstellen, weil sie, wie zuvor angeführt wurde, mehr denn je die Gesellschaft stärker beeinflussen, als es der Mensch selbst vermag. Dass Strauß der digitalisierten Informationsgesell- 480 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 26. Das Verfahren und das damit verbundene Erzeugungsproblem lassen es zu, einen Bezug zu Beginnlosigkeit zu setzen. Punkt-Flächen nach Flusser entsprechen den Knotenpunkt-Flecken bei Strauß. 481 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 26. 318 schaft einen Werteverfall attestiert, ist bekannt und kulminiert mit Lichter des Toren, und doch nimmt die Fähigkeit, digitale Informationen über den Zustand der Gesellschaft deuten zu können, an Wichtigkeit stark zu. Die Entstehung eines Kunstwerkes hängt (neben dem handwerklichen Talent der Kunstschaffenden) vom Wahrnehmen der Welt ab und bestimmt den Blickwinkel auf diese, ihre Verarbeitung und die inhaltliche Aussage des Kunstwerkes.482 In Strauß’ Sicht auf die Globalisierung geht ein, dass die Kritik der Bilder auch eine Kritik an der Wahrnehmung der Welt ist. In diesem Kontext formuliert Dirk M. Becker zum Stellenwert der Kunst die folgende Bemerkung: »Der Kunst muss [...] eine völlig neue Bedeutung zukommen. Die unterschiedlichen Weisen der Welterzeugung bedingen dabei jedoch zugleich einen Paradigmenwechsel innerhalb der Kunst, der sich darin situiert, dass er den ohnehin abgelehnten Funktionskonzepten von Imitation und Repräsentation nochmals widerspricht, um die Kunst selbst von einem Wirklichkeitsillusionismus zu befreien und ihr statt dessen die Bedeutung einer konstatierenden Wirklichkeit beimisst, was Strauß auch explizit formuliert.«483 Becker leitet diese Erkenntnis aus Strauß’ Text Beginnlosigkeit ab und sie gilt ebenfalls für eine Vielzahl der anderen Texte, insbesondere für den Untenstehenden, der erst nach der Veröffentlichung von Beckers Studie erschien. Reine Mimesis ist überholt, Weltbilder werden mittlerweile aktiv vom Gehirn (mit)konstruiert.484 Becker eröffnet an dieser Stelle ein Thema, das mit Flussers Technobildern die mediale Konstruktion gemeinsam hat und baut es dahingehend aus, dass er zu erklären versucht, warum oder inwieweit die Kunst eine spezifische Grenze zur Welt zieht. Wenn Kunst, wie Becker es 482 Vgl. Botho Strauß: »Gerhard Richter. Übermalte Fotos« sowie »Paare im Paniklauf«, wo es heißt: »Die feinste Art des Strichs kontrastiert mit dem abartigen Motiv. Verletzte, Verstümmelte, spastisch Verzückte. Geschlossene Phantasiewelt wie bei Blake, doch keine Mythologie, keine Erzählungen, sondern rätselhafte Begegnungen, rituelle Choreografien, keine Individuen, keine Sozialwesen, sondern vollkommen Isolierte, vor die Geschichte Zurückversetzte, Re-Kreaturen. [...] Die Malerei hat seit langem nicht solche Gesichter heraufgeholt. Eine Weile besteht ein Vorbehalt gegen das allzu inszeniert Gesehene, gegen den Schockkontrast von Technik und figurativem Inhalt. Man sieht, dass jemand zu seinen Toten Freunden reist, den Alten Meistern« (S. 190). 483 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. S. 98. 484 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. S. 98f. 319 veranschaulicht, die Welt nicht mehr abbilden oder nachbilden kann, muss nach den Gründen hierfür gefragt werden. Einerseits müssen die technischen Bilder der Welt, die nach Flusser aus Pixelfeldern bestehen, die für sich genommen nichts vermitteln, in eine verständliche Form gebracht und kontextualisiert werden, andererseits greift hier erneut die notwendige Komplexität dazwischen, wenn abzuklären ist, wie »Imitation und Repräsentation« von Welt mit dem Anspruch der Kunst, sich zumindest auf die Welt zu beziehen, vereinbar sind. Eine Beschäftigung mit Komplexität ist unabwendbar, wenn Kunstwerke verstanden werden wollen. Insgeheim besitzt Strauß Kenntnis davon, denn in Lichter des Toren (2013) erklärt er seinen Standpunkt genauer: »Ein gewisser Bedarf, Komplexität zu kappen, galoppierende Differenzierungen zu stoppen, steckt dahinter. Der Verstand muß gegen eine Flut von Für und Wider, von Wenn und Aber, eine Flut von aufbegehrenden Einzelheiten Dämme setzen: Subsumos. Fragen wir lieber: ist Komplexität unentrinnbar? Eigentlich kann man ihr nur innesein oder innestehen und aus diesem intensiven Zustand ein paar Signale nach außen senden. Auseinanderklamüsern läßt sich Komplexität nicht.« (LDT 170f.) Die aufgrund der Globalisierung wachsende Komplexität der Gesellschaft provoziert einen Fluchtgedanken, hier wie an anderen Stellen im Werk, eben auch, weil Komplexität nicht auflösbar ist. Vor allem die globalisierte hyperkomplexe Gesellschaft ist davon geprägt, dass nur noch Teilbereichsanalysen möglich sind. Die papiergebundene Schriftkultur wird von digitalem und somit flüchtigem Text verdrängt: »Der Informierte ist per se der ganz gewöhnliche Hochstapler unserer Tage« (UAZ 65), schreibt Strauß dies erkennend weiter aus: »Zuweilen tritt er auf als der Typ des brillanten Chatters, der sich nach Belieben einloggt, fröhlich mitmischt bei jeder Debatte, ohne die geringste Ahnung, worum es eigentlich geht, nach zwei, drei Stichwort-Abfragen aber genau weiß, wie er den ganzen Club gegen sich aufbringen kann« (UAZ 65). Strauß nennt diesen Typus eine »programmierende Intelligenz« (UAZ 65), »für die Sprache letztlich ein sekundäres Medium, ein ungefährer Behelf, ein Fluß unsauberer Information ist« (UAZ 65). Dieser Typus entfernt sich neben der Sprache (das heißt Sprache im Sinne Strauß’ als hohe Kommu- 320 nikationsform, nicht als Geschwätz) auch vom alphanumerischen Code der unmittelbaren Schrift, weil er nur noch technisch und durch Apparate kommuniziert. Diese Vorgehensweise entspricht einem Versagen der aufrichtigen Kommunikation und steht für eine der möglichen Auflösungsprozesse innerhalb der Gesellschaft. Auch jener Typus verwendet die von Strauß verabscheute »Fertigteil-Sprache«485 und ist nicht mehr in der Lage, an komplexe Analogien wie Gesellschaftsgeschehnisse oder im Kleinen Kunstwerke anzuknüpfen. Der Übergang von Betrachtungen über digitale Kommunikation hin zu den Geschehnissen im Inneren kommt plötzlich und folgt dennoch Strauß’ driftender, digressiver Methode, häufig urplötzlich den Blick zu verändern; von außen nach innen, von innen nach außen. An dieser Stelle scheint der Perspektivenwechsel zwei Dinge erklären zu wollen, zum einen die Vorgänge im übergeordneten Bewusstsein, zum anderen die spezifischen mentalen Abläufe, wenn zum Beispiel ein Kunstwerk rezipiert wird. Strauß steht auch in diesem Text dem Komplexitäts- Begriff skeptisch gegenüber. Er drückt damit indirekt seine kritische Grundhaltung gegen die Veränderung der Gesellschaft an sich aus (vgl. UAZ 65f.). Gerade die Vielschichtigkeit mancher Kunstwerke macht die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Komplexität unabdingbar. 485 Vgl. PP 163. In Kongreß – Die Kette der Demütigungen thematisiert Strauß am Rande die Auswirkungen jener fertigen Versatzstücke, indem er eine Figur in einem Moment psychischer Erregung roboterhaft sprechen lässt: »Sie hatte sehr schnell gesprochen, beinahe ohne innere Anteilnahme, und der Vorwurf ertönte wie aus einem Automaten, der eine Fertigteilrede ausspeit. Kaum war sie mit der Empörung fertig, wechselten schon wieder Stimme und Stimmung, und sie begann ohne Übergang heiter, altklug und frivol zu sein, wobei sie die Arme hinter die Stuhllehne klemmte und ihre Fußspitze kreisen ließ (KKD 29). Eine andere Figur ist ebenso wenig zu eigenen Anschlüssen fähig. Das unoriginelle Reden des Concierge vermittelt das Bild eines gelösten und herausgedrängten Menschen: »Er, dessen Wesen aus Abfärbung und Widerhall bestand, reagierte nämlich mit beinah willenloser Anpassung auf seine Redeumwelt und besaß im Grunde kein eigenes Reden mehr. Wurden etwa in seiner Umgebung Witze erzählt, so lieferte sein mimetischer Speicher oder Synthesizer Witze über Witze und schickte sie ein Dutzend am Stück durch seinen Mund. Wurde aber neben ihm philosophiert, wie offenkundig in dieser Nacht unten im Hof geschehen, so würgte er eben den unverdauten Diskurs hervor« (KKD 161f.). Maßgeblich für just diese Figur ist ihre Autopoiesis, da sie in der Lage ist, die Rede der anderen Figuren ›abzutasten und ihre Impulse‹ (vgl. KKD 162) wahrzunehmen und ihnen durch »sein System umgehend etwas von der gleichen Sorte« (KKD 162) anzufügen. 321 Strauß ist in diesem Punkt jedoch zu widersprechen, denn nur komplexe Kunstwerke können es mit einer komplexen Gesellschaft aufnehmen und noch weiter gedacht: Teilbereiche der Gesellschaft in sich aufnehmen, um deren Komplexität durch Deutungsmuster zu reduzieren. Das Problem mag darin bestehen, dass Strauß den Begriff Komplexität übereilt als nichtssagenden Stempel kritisiert, der einem Sachverhalt aufgedrückt wird, um jedwede Diskussion über Kunst und ihr Verhältnis zur Gesellschaft vorschnell zu beenden. Sich mit der Komplexität eines Kunstwerkes auseinander zu setzen, bedeutet jedoch, spezifische und differenzierte Anknüpfungen zu unternehmen, sich intensiv mit der Aussage des Kunstwerks zu beschäftigen, um nicht nur dessen inhärente Komplexität zu reduzieren, sondern auch die in ihm verarbeiteten Teilbereiche der Gesellschaft (kurz: so viele Facetten wie möglich) zu verstehen. Er beschreibt eine Bewegung aus der Gesellschaft in das Innere und dabei ist zweitrangig, ob die Bewegung auch mit einer räumlich-physischen Entfernung verbunden ist. Wie seine Figuren Schroubek und Bekker zeigen, kann bereits eine Wohnung genügend Abstand zur Gesellschaft erzeugen. Als Alternative kann eine »›Rückbesinnung‹ auf Werte und Sekundärtugenden« ein möglicher Ausweg sein.486 Hiermit ist allerdings, wie Strauß betont, ein anderes Problem verbunden. Bei intensiver Beschäftigung mit dem, was gemeinhin als Kultur oder »Kulturkreis« bezeichnet wird, verliert sich der Kontakt zu den Werten der eigenen Kultur. Das beobachtete Phänomen zerrinnt487: »Je länger man in seinem ›Kulturkreis‹ umläuft, desto weniger glaubt man an irgendeine Kreisform. Schon gar nicht an eine Wiederkehr des Gleichen nach mythischem Schema. Immer illusionsloser erkennt man den unumkehrbaren Verlauf der Verluste. Aus reiner Neugierde geht man mit in den Übergang, durchschreitet die Illusionsschleuse, betritt die enge Höhle der universellen Künstlichkeit, wo die Schatten der Schatten endlos spielen. Es läßt sich natürlich jedem Spuk und jedem Spaß das Suffix-kultur anhängen. Darin erschöpft sich zur Zeit unser ›Kulturkreis‹. Es anders zu sehen, der Wiederkehr zu trauen, verdankt sich höchstens der Verklärung der Aus- 486 Strauß distanziert sich beispielsweise von der Schnelllebigkeit durch Desinteresse an der Gegenwart und durch Sehnsucht: »Im Grunde macht es mir wenig, wie schnell sich alles verändert. Es interessiert mich allenfalls, mehr nicht. Erleben werde ich immer nur, was ich vermisse. Ich liebe im Vermissen, ich besitze im Vermissen und ich spreche in einer Sprache des Vermissens« (UAZ 73). 487 Vgl. UAZ 155: »Die Teile tanzen, und es ist ein Tanz mit vielen Sprüngen und Kehren«. 322 nahme. Oder einem Denken, das nur zum Trost gedacht wird. Sonst gibt's da nur Geschichte und nichts als Geschichte.« (UAZ 123) Die Diskussion des tatsächlichen oder metaphorischen Gehaltes des »Kulturkreis[es]« entfernt sich ebenso von Strauß’ zyklischer Zeitwahrnehmung und es überlagern Niedergang und der »Verlauf der Verluste« die Wahrnehmung der Ereignisse. In der Darstellung findet sich ein vorsichtiger Verweis auf die Höhle als Rückzugraum, in dem eine ganz eigene, teilweise grausame Ordnung herrschen kann und aus der nur schwer zu entrinnen ist. Auch in Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich (2003) wird eine Höhle als Gegenort zur Welt beschrieben, in der »vollkommen[e] Isolation und einsam[e] Abgeschlossenheit« (DNA 20) herrschen, wodurch sich ein Ort der Besinnung herausbildet: »Der einzigartige Glanz verdankte sich der Isolation – denn wo, wo sollte es je das eine Ganze geben, wenn nicht an einem streng begrenzten Ort? Hier nun, im besten aller weltverlorenen Räume, saßen die Menschen oft weit, weit auseinander und sie hatten so dünne Häute und so helle Ohren, daß man ein einziges Vaterunser hätte hinflüstern können durch die ganze freie Kolonie.« (DNA 20f.) Den Gedanken, dass die Höhle Rückzüge aus der globalisierten Gesellschaft ermöglicht, weitet Strauß 2016 zu einem der Grundpfeiler in Oniritti Höhlenbilder aus. Durch Gegenort und Rückzugssphäre entsteht abseits der gesellschaftlichen Norm ein geschützter Mikrokosmos, der zugleich als Strauß’ Interpretation einer von der Welt und ihren Veränderungen abgewandter, ja sogar »weltverlorene[r]« Ort gedeutet werden kann. Die zyklische und mythische Kreisbewegung auf der inhaltlichen und strukturellen Ebene in Der Untenstehende stellt zudem einen Anschluss an die Unterscheidung von Fleck und Linie beziehungsweise Linearität und Zyklus dar, wie sie auch Beginnlosigkeit prägt. Unabhängig von den Anschlüssen an andere Werke sind dies alles Reaktionen auf den eingangs angesprochenen Epochenwechsel und die Veränderungen der Welt. Strauß’ Zukunftsvisionen beginnen bereits in der Gegenwart und versuchen, den Wechsel zu begleiten. Das »Gegenwartskonzept« (UAZ 54) ist, wie Strauß betont, ein zu überholendes und es verdrängt den »gegenwärtige[n] Menschen« (UAZ 54) in beiden Bedeutungen des Begriffs (Gegenwart und Geisteszustand). Wie der Mensch wird auch die Zeit indifferent wahrgenommen, denn wie zuvor geschrieben greifen kein ›post, prä, trans‹ mehr: 323 »Unvorstellbar das Zeitalter, das je auf das technische folgte? Unvorstellbar vielleicht. Doch es beweist einen unverantwortlichen Kleinmut, nicht davon überzeugt zu sein. Ein wirklicher Science-fiction-Roman wäre sein Gegenteil: jede Zukunftsvision hat damit zu rechnen, daß die Menschen der Zukunft jegliches Interesse an dieser verloren haben (also darin wieder den antiken Völkern gleichen). Technik, ›Information und Kommunikation‹, Stammzellentherapie, lauter abgeschlossene Kapitel.« (UAZ 55) Man trifft hier erneut auf die Differenz ›Fortschrittsoptimist / Niedergangsdiagnostiker‹. Strauß verweist auf ein anderes Zeitalter, jedoch bleibt zu hinterfragen, wie sich seine Zukunftsvision ausgestaltet.488 Es ertönt hier ein absonderlicher Optimismus, dass das kommende Zeitalter den Fortschritt (dem Strauß kritisch gegenübersteht) hinter sich lassen wird. Seine Erklärung geht zurück auf den »Begriff der Dilatation: Erweiterung, Ausdehnung, Anhalten von Stunden und Tagen« (UAZ 144f.). Man darf die Aussagen nicht zu plakativ verstehen und die rhetorische Dramatisierung nicht ignorieren. ›Gegenwärtig‹ (vgl. UAZ 54) kann in diesem Kontext auch als ›bewusst‹ gelesen werden und ist dann so zu verstehen, dass nur wenige in der Lage sind, die Gegenwart vollends zu durchschauen. Trotz aller Veränderungsprozesse kann niemand in die Zukunft blicken, wie Strauß indirekt zugibt: »Der Fortschrittsglaube war immer dumm; der Fortschritt selber hingegen meist etwas klüger als seine intelligenten Kritiker« (UAZ 97). Den Optimismus ergänzt Strauß um skeptische Ansichten zum Epochenwechsel. Mit der Abkehr vom alphanumerischen Code und in diesem Sinne herkömmlichen Kunstwerken verändert sich auch die Wahrnehmung von Symbolen, weil diese nicht mehr auf hergebrachte Weise in die Kunst integrierbar sind – es handelt sich dabei um eine Variation der Überlegungen zur Aussagekraft der Kunst: »Unsere üppige Bedeutungswelt beruhte auf Symbolen« resümiert Strauß. Heutzutage wiederum dominiert »die neue, großzügig die Bedeutungen verschleudernde mixed 488 Vgl. hierzu Strauß’ kommunikatives Konzept: »In der Weitwinkel-Sprache der Zukunftsdesigner klingt es etwa so: kulturelle Ressourcen bieten saubere Energie und sind prinzipiell unerschöpflich (Jeremy Rifkins). Niemand käme auf die Idee, daß eine Kultur, die solche Töne spuckt, sich bereits erledigt hat. Kultur ist weltweiter Zugriff auf dieselbe. Access auf Kleist Städtebau Ontologie Kirchenlehre Rhetorik Haydn Linné. Kultur ist nichts als Kommunikation. Kommunikation ist Vergnügen. Arbeit ist Reden. Reden ist leicht« (UAZ 113f.). 324 media-Welt, der alles integrierbar wird, nur nicht die Symbole!« (UAZ 66), und wodurch die Dinge auf verschiedene Weisen oberflächlich werden. Strauß führt in seiner Rolle als »Adnoten-Schreiber« (UAZ 99) die Bedeutung des Künstlers als Freigeist und Antipode weiter aus. Künstlerische Radikalität bedeutet auch »Kraft [aus] der Abwehr von Gegenwart, die einer Zeitgenossenschaft überhaupt erst Gewicht verleiht« (UAZ 71) zu schöpfen. Es handelt sich laut Strauß um »eine Zeitgenossenschaft, die an sich selbst so verfallen ist und so an sich selbst vergeht, daß Flucht daraus wahrhaftig alles andere als Bequemlichkeit ist, daß sie vielmehr einem Akt der Befreiung und der Auflehnung gleichkommt« (UAZ 71). Solch eine Entwicklung(slinie) geht mit Verlust einher und es wirkt so, als könne Strauß der digitalen Ästhetik nicht komplett widerstehen, wie es aus einer Reflexion über die Expo 2000489 hervorgeht, die Strauß an die Passage zur »Bedeutungswelt« anfügt. Das Motto »Planet of visions« spiegelt »keine Blakeschen, sondern reine Erfinderfantasien, verblüffende ›Fortschreibungen‹ des Vorbereiteten und Gegebenen« (UAZ 66) wider und Strauß führt zur Bedeutung weiter aus: »Die Installationen deuteten darauf hin, daß sich dem homo neuronalis ein adaptives ›Organ‹ bilden wird, mit dessen Hilfe er die Flut gleichzeitiger Einflüsse nicht mehr als Flut empfindet, sondern als sein ›natürliches‹ Milieu. Ein Organ, das mühelos multa non multum lesen kann. Ein Scheitelauge der Synchronizität.« (UAZ 66f.) Zwei Deutungen sind möglich. Die erste sieht in diesem »Organ« eine Repräsentation der zuvor genannten Netzsphäre oberhalb der Gesellschaft und sie entspricht aus dieser Deutung heraus einer negativ zu verstehenden Sinnestäuschung. Oder das »Organ« wird als Befähigung gedeutet, die Komplexität (hier repräsentiert durch die Vokabel »multa«) zu reduzieren, weil es sich an dieselbe sowie die Veränderungen der Welt angepasst hat. Unabhängig von der etwaigen Deutung dieser und anderer Passagen lässt sich feststellen, dass die Versuche, die Welt in ihrer gegenwärtigen Form zu spiegeln und zu verarbeiten, insbesondere dann eine größere Herausforderung darstellen, wenn Sprache und Bilder als Verarbeitungsform zu versagen drohen. 489 Zu bedenken ist an dieser Stelle auch der in Vergessenheit geratene Terminus ›Weltausstellung‹. Strauß besuchte die Expo anlässlich der Faust-Inszenierung von Peter Stein. 325 5.6 Übergangssphären: Die Lage des globalen Menschen Die am Beginn dieses Kapitels angesprochene ›einbrechende Weltfremde‹ (vgl. UAZ 129) versperrt einerseits den Blick auf die Welt und andererseits drückt die Situation auch ein Eindringen der Welt in das Individuum aus. Dies zeigt sich in Der Untenstehende auf verschiedene Weisen, zum Beispiel durch eine diffuse Angst vor den Gefahren der Weltrisikogesellschaft490 oder vor religiösem Terror491 – es handelt sich um ein weiteres Beispiel für Strauß’ »menschenleere Menschen« (TDW 319) oder »Menschen, denen die innere Füllung fehlt« (VA 49): »Die Menschen, die Leut, die Zeitgenossen, die Gesellschaftsinsassen, die Animierten sine anima, nun ja, alles erwogen, beinah alles, was noch nicht erwogen? Wo hält sich das Zünglein an der Waage versteckt? Zuviel erwogen und zu keinem Schluß gekommen.« (UAZ 128) Strauß zeichnet hier den Zwiespalt der seelenlosen Menschen nach. In Anlehnung an die bisherigen Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung kann dieser als Vermischung von Überinformation und nicht-Verstehen aufgefasst werden. Oder eben als die Komplexitätsbedingungen der globalisierten Gegenwartsgesellschaft. Die Entfremdung (oder treffender noch: Weltentfremdung?) ist Ergebnis vielfach veränderter Verhältnisse in einer fortlaufenden Übergangsbewegung. Es hat sich, trotz der Veränderungen nach 1989 und dem nahezu schlagartigen Übertritt von stratifizierter zu funktional ausdifferenzierter Gesellschaftsordnung492 in den Staaten des 490 »Aber die Gestimmtheit eines Menschen, mit der er der Welt begegnet, ein dauerhaftes Konzept seiner Irrationalität, wie steht es um sie? Vor dreißig, vierzig Jahren war verbreitet die Gestimmtheit der Angst. (Schrecken der Kernspaltung, Ölschock etc.) Inzwischen überwiegt allgemein eine Gestimmtheit, die einerseits von Funktionslust, von großer Weltbeholfenheit geprägt ist, andererseits von großer Enttäuschung. Denn das meiste ward nicht, wie es versprach zu werden« (UAZ 6). 491 Vgl. UAZ 127-128 sowie S. 30: »Der Terror unterbricht die Zeit des Aufschubs, die Unzählige damit verbringen, an Zerstörung zu denken und zerstörerisch zu denken«. 492 Siehe auch Frank Becker & Elke Reinhardt-Becker: Systemtheorie: eine Einführung für die Geschichts- und Kulturwissenschaften. Sie betonen, dass Diktaturen keine funktional ausdifferenzierten Gesellschaften sind: »Indem eine Diktatur den Code von Macht und Ohnmacht, von Regierung und Opposition außer Kraft setzt, macht sie den Zugang zum politischen Apparat letztlich wieder zum Privileg einer be- 326 ehemaligen Ostblocks, bisher kein vollständiger Übergang ereignet. Auch war und ist nicht abzusehen, wie sehr sich die Gesellschaft nach dem Ende des Kalten Krieges verändern wird oder wie sehr die Globalisierung eine polykontingente, polykontexturale und hyperkomplexe Gesellschaft mit gänzlich neuen Problemen herbeiführen wird, in der beispielsweise Entfremdung in weitaus größerem Ausmaß als bisher vorstellbar herrscht. Die folgende Textstelle exemplifiziert die inneren Reibungen der geschichtlichen Entwicklung: »Die Vergehen der Epoche, die nach den großen Kriegen sich vom Politischen mehr ins Sittliche, Wissenschaftliche und Ästhetische verlagerten, werden von den Zeitgenossen als solche nicht erkannt, geschweige denn geahndet« (UAZ 30). Die Veränderungen bleiben demnach von den meisten Menschen unerkannt; politische Umstürze schwinden zugunsten anderer Übergänge und religiös motivierte Konfrontationen, wie Strauß sie in »Der Schlag« oder »Der Konflikt« bespricht, bleiben an dieser Stelle von ihm unkommentiert. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie dem Kalten Krieg scheint der Mensch des 20. Jahrhunderts desensibilisiert und nahezu immun gegenüber feineren Nuancen abseits der polternden politischen Rhetorik, denn dieser bemerkt – und das ist eine der zentralen Aussagen in diesem Kontext – seine Unzugehörigkeit nicht, zudem überwiegt in der Wahrnehmung das Fragmentarische. Markus Heidingsfelder, Soziologe und Literaturwissenschaftler, stellt in Verlängerung der gesellschaftlichen Veränderungen fest: »Desintegration heißt für die Menschen: Heimatlosigkeit, Ausschluss, Exklusion. Keine Einheit, kein Telos, keine große Erzählung. […] Nicht der Mensch als Gesamtperson ist nun noch relevant, sondern nur mehr Teilaspekte«493. Insofern ist auch hier wieder die Drift als Modell der Welterkundung und -verarbeitung maßgeblich. Der Ausschluss aus der Gegenwart hat also eine Reihe von Ursachen, wie Heidingsfelder sie hervorhebt. Er verweist aus diesem Grund auch auf die Ausdifferenzierung in die »Teilaspekte« hinein. Laut Strauß werden sie nicht erkannt und nicht bekämpft, er bespricht einige Hintergrundaspekte wie beispielsweise Kommunikation oder den »globalen Menschen« (UAZ 114) in einer längeren Reflexion, die er mit einer Verurteilung gesellschaftlich-kultureller Hybris einleitet und dann die gesamte Breite von Kultur erläutert. Heidingsfelder und Strauß greifen ineinander stimmten Personengruppe – damit fällt sie in die ›Logik‹ der stratifizierten Gesellschaft zurück. In der Moderne gibt es zwar Diktaturen, aber Diktaturen sind paradoxerweise nicht modern; sie führen eine Re-Stratifizierung der Gesellschaft herbei« (S. 96). 493 Markus Heidingsfelder: System Pop. S. 76. 327 und dies zeigt sich vor allem an den immer wiederkehrenden Themen »Heimatlosigkeit«, »Exklusion« und die Drift (›kein Plot‹) oder Digression (»keine große Erzählung«), die Strauß verarbeitet. Die Abkehr vom großen Narrativ entspringt in Teilen einer kritischen Beschäftigung über Kommunikation. »[K]ommunizieren« beschreibt Strauß als »das Unwort des Zeitalters« (UAZ 41). Kommunikation ist zu einem Leerbegriff geworden und Strauß führt hierfür einige Beispiele an: »Ein Autor kommuniziert nicht mit seinem Leser. Er sucht ihn zu verführen, zu amüsieren, zu provozieren, zu beleben. Welch einen Reichtum an (noch lebendigen) inneren Bewegungen und entsprechenden Ausdrücken verschlingt ein solch brutales Müllschluckerwort! Mann und Frau kommunizieren nicht miteinander. Die vielfältigen Rätsel, die sie einander aufgeben, fänden ihre schalste Lösung, sobald dieser nichtige Begriff zwischen sie tritt. Ein Katholik, der meint, er kommuniziere mit Gott, gehört auf der Stelle exkommuniziert. Zu Gott betet man, und man unterhält nicht, sondern man empfängt die Heilige Kommunion. All unsere glücklichen und vergeblichen Versuche, uns mit der Welt zu verständigen, uns zu berühren und zu beeinflussen, die ganze Artenvielfalt unserer Regungen und Absichten fallen der Ödnis und der Monotonie eines soziotechnischen Kurzbegriffs zum Opfer. Damit leisten wir dem Nichtssagenden Vorschub, das unsere Sprache mit großem Appetit auffrißt.« (UAZ 41) Es geht in diesen Beispielen direkt oder indirekt um den Anschluss an die Welt, der durch die Ausgestaltung der gegenwärtigen Kommunikation misslingt. Strauß greift ein weiteres Mal die Unterscheidung Sprache / Sprechen auf und zieht aus ihr entsprechende Schlüsse über den Zustand der Gegenwart. Bemerkenswert ist zudem, dass Strauß die Kommunikation als gemeinsamen Nenner aller Teilaspekte von Kultur hervorhebt. Ein Gedanke an Luhmanns Aussage, Gesellschaft bestehe aus Kommunikationen, drängt sich angesichts der friktionsbehafteten zwischenmenschlichen Kommunikation auf, weil die Kommunikationseinheit aus Information, Mitteilung und Verstehen auch in der Kunst zur Anwendung kommt.494 494 Vgl. Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft. S. 39f.: »Kunst kann es überhaupt nur geben, und das ist keineswegs so trivial, wie es klingen mag, wenn es Sprache gibt. Kunst gewinnt ihre Eigenart daraus, daß sie es ermöglicht, Kommunikation stricto sensu unter Vermeidung von Sprache, also auch unter Vermeidung all der an Sprache hängenden Normalitäten durchzuführen. Ihre Formen werden als Mitteilung verstanden, ohne Sprache, ohne Argumentation. Anstelle von Worten und grammatischen Regeln werden Kunstwerke verwendet, um Informationen 328 Strauß definiert an dieser Stelle Kommunikation in den Teilbereichen Kunst oder Religion vage als etwas, das über die mittlerweile unzulängliche Sprache hinausgeht und möglicherweise dem besprochenen globalen Menschen nicht mehr ausreicht, um sich mitzuteilen – »vergeblich[e] Versuche, uns mit der Welt zu verständigen« (UAZ 41). Hierin besteht eine Analogie zu Luhmanns Aussagen über Kunst, »daß das Kunstwerk selbst ausschließlich als Mittel der Kommunikation hergestellt wird und mit den üblichen, vielleicht noch gesteigerten Risiken aller Kommunikation diesen Sinn erreicht oder nicht erreicht«495. Matthias Kußmann kommentiert Strauß’ Kommunikationsüberlegungen übergeordnet als wiederkehrende Beschäftigung mit eben jenem Verhältnis von Über- und Unterkommunikation: »Strauß schreibt erneut gegen den falschen Schein einer hochtechnisierten medialen Welt an, in der alle von ›Kommunikation‹ reden, aber nicht mehr miteinander sprechen. Er beklagt die mangelnde Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen, ihre Grobheit und Gedankenlosigkeit.«496 Auszumachen ist zum einen die Positionierung gegen die Mainstream- Kultur und zum anderen eine weitere Reminiszenz an den schwindenden Zugang zum kulturellen Fundament. Die Essays »Der letzte Deutsche« (2015) und jüngst »Reform der Intelligenz« (2017) aktualisieren die Benennung der Missstände, weitergehende Betrachtungen zu Lichter des Toren im übernächsten Kapitel werden die Aussagen vertiefen. Ein feiner Unterton der Resignation ist im letztgenannten Essay auszumachen.497 Doch scheint laut Strauß die Verschiebung »ins Sittliche, Wissenschaftliche und Ästhetische« (UAZ 30) nicht jeden zu betreffen, insbesondere nicht jene Menschen, die Globalisierung erfahren. Der zuvor vollzogene Abgesang an die auf eine Weise mitzuteilen, die verstanden werden kann. Kunst ermöglicht die Umgehung von Sprache – von Sprache als Form der strukturellen Kopplung von Bewußtsein und Kommunikation. Sie ermöglicht damit auch und gerade dort, wo sie selbst sprachliche Mittel verwendet, andere Effekte«. 495 Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft. S. 41. 496 Matthias Kußmann: »Botho Strauß wird 60«. 497 »Wozu hat es einmal Wittgenstein und Beckett gegeben? Um uns vor der Hegemonie des Sozialen über Geist und Dasein zu schützen. Oder: gesellschaftsbereinigte Kunst. Rothko, Hitchcock und Jean-Pierre Melville. Um uns vom Sozialen zumindest zu beurlauben« (RDI 42). 329 Kultur stellt sich nun als nur der Demonstration wegen angenommene Sicht heraus, um auf eine Sprachkritik hinzulenken: »Es mögen diese Berechnungen und Berichte, all diese Schnelldenker- Weisheiten zur Lage des globalen Menschen, durchaus originell sein – weshalb bloß bedient man sich noch der Sprache als groben Behelfs, weshalb wird geschrieben wie schlecht getalkt? Die nichtssagende Sprache befindet sich zum Abenteuer der Thesen in einem krassen Mißverhältnis. Darin schlummert möglicherweise eine Zukunft, von der die eifrigen Prognosen nichts ahnen.« (UAZ 114) Überdies wird in Der Untenstehende eine verwandte Unterscheidung zwischen innigem Gespräch und medialer Kommunikation angedeutet, um den globalen Menschen näher zu charakterisieren, der, wie dem Subtext zu entnehmen ist, scheinbar Sinnbild einer kritiklosen, verflachten Masse ist, in der politische Aufklärung nicht mehr durch Hierarchien erfolgt und deren Status die medialisierte Massendemokratie ist. Ein längerer Auszug verdeutlicht Strauß’ gedankliche Zusammenhänge zu den Globalisierungsprozessen und der entsprechenden Positionsfindung: »Es wurde ihm alles ein Draußen, und drinnen war nichts mehr. Was ihn zu bewegen schien, bewegte sich draußen – vor dem Fenster, vor dem Gefühl, vor der Unterscheidungskraft. Er mußte ganz aus sich heraus und in ein kühles, schattenhaftes Draußen geraten sein. Er war zwar imstande, zu erkennen, was zu ihm gehörte: sein Wissen, das ihn nicht mehr bedrängte, seine Seele, die ihn nicht mehr beschwerte, sie lag vor ihm wie das graue Hirn in der offenen Hand. Und was einmal sein Bewußtseinsstrom gewesen, zog nun vor dem Fenster seiner Person in einer ungeheuer lächerlichen, unaufhörlichen Parade dahin, Fakten und Regungen marschierten Arm in Arm und warfen ihm eine ironische Kußhand zu.« (UAZ 92f.) Die Sequenz beschreibt solch einen globalen beziehungsweise globalisierten Menschen, der keine »Unterscheidungskraft« mehr besitzt und dem alles indifferent wird. Eines der Hauptmerkmale ist der verlorene Kontakt zur Befindlichkeit oder Innenwelt der Psyche und der Identität.498 Bei vol- 498 Auch Peter Fuchs hat sich diesem Problem zugewandt: »Solange man annehmen kann, daß draußen und drinnen deutlich getrennte Sphären sind, also etwa glauben kann, daß Gesehenes, Gehörtes, Gerochenes draußen ist und nur drinnen vermerkt oder gespiegelt wird, liegen die Verhältnisse einfach und ordentlich. Die 330 lem Bewusstsein erkennt dieser Mensch, dass er sich nun in der als feindlich beschriebenen Außenwelt befindet, dass das Innere noch nachhallt, aber nicht mehr erreicht werden kann. Die Lage dieses Menschen ist strukturell vergleichbar mit der eingangs herangezogenen Sequenz Globus- Gesellschaft-Netzwerk, in diesem Fall: Psyche-Draußen-Bewusstseinsstrom. Der Grenztransfer ist nur von innen nach außen möglich, wie es zur Abkapselung weiter heißt: »Er war von seinen Sorgen und Freuden ausgeschlossen, und obwohl er sie einzeln aufrufen und bezeichnen konnte, spürte er nichts mehr von ihnen. Nichts von der Zeit, die verging, nichts von seinen Schmerzen, seiner Traurigkeit, seinem Wankelmut, sie alle liefen in Kostüm und Maske, in billigster allegorischer Verkleidung draußen beim Umzug mit. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Ob er mit Worten noch etwas davon zu sich zurückholen konnte?« (UAZ 93) Nach dieser Bestandsaufnahme der eigenen Innenauflösung versucht der Mensch, sich die Codes der neuen Umgebung zu erschließen und beginnt den Verstehensprozess zuerst – und vergeblich – mit den ihm vertrauten sprachlichen Codes, ohne im Anschluss erfolgreichere Varianten derselben zu finden: »Er ballte mehrmals fest die Hände, ballte und öffnete sie, ballte und öffnete sie – aber es kam kein Ton über seine Lippen. Seine Sprache war nicht Lage wird komplizierter im Moment, in dem die Frage nach der Einheit der Innen/Außen-Differenz gestellt werden kann« (Peter Fuchs: Die Psyche. S. 18). Fuchs verweist auf zwei mögliche Auflösungen. Die erste, gewissermaßen eine alt-europäische Deutung, sieht die Welt als »›Behälter‹, in dem die Dinge, die Lagen, die Menschen be-inhaltet sind. Sie [die Welt, S.P.] ist eine grandiose Beinhaltung, in der weitere Beinhaltungen vorkommen. Alles, was der Fall ist, steckt in der Welt, und in allem, was darin steckt, steckt noch etwas« (ebd.). Der zweite Ansatz wendet die Verhältnisse. Sie »geht aus vom ›Ort‹, an dem die Differenz entsteht, vom Ort, an dem und in dem [...] die Welt ihre Augen aufschlägt. Das Besondere dieses Ortes ist, daß er der einzige Ort ist, von dem aus alles, was als Ort erscheinen kann, errechnet, erzeugt, konstruiert wird. Was beobachtet wird, wird von diesem Innen her beobachtet. Im Innen hat das Außen sein Habitat, und es gibt keine Möglichkeit, dieses Innen zu verlassen, um an das zu stoßen, was das Außen ist« (ebd. S. 19). Die untersuchte Stelle aus dem Untenstehenden greift beide Sichtweisen auf und es wird, ganz im Sinne von Fuchs, kompliziert, die Dinge zu trennen. 331 mehr da. Doch das allgemeine Sprechen stürzte auf einmal wie nach einem Dammbruch ins Tal dieses Menschen, und so sprach er fortan panisch und willenlos mitgerissen, wie man eben so spricht. Es könnte eine Utopie sein, die übermacht der Zerebralsphäre zu stürzen, aber ein Projekt ist es lediglich, sie noch zu erweitern und leistungsfähiger zu machen. Die Idee der ›Vollkommnung‹, im zwanzigsten Jahrhundert ein gesellschaftliches Gift, verfolgt und beirrt keinen politischen Menschen mehr. Stückweis und in Schüben steckt sie unausgesprochen in technischen Projekten und Programmen, die man, eine Frage der Zeit, auch ausführt und verwirklicht. ›Wir arbeiten daran.‹« (UAZ 93f.) In der zweiten Hälfte kippt Strauß in die Meta-Reflexion. Der geschilderte Mensch ist in dieser kurzen Erzählung in die Außenwelt hineingesogen und eigenschaftsloser Teil von ihr. Seine Kommunikation versagt, er ist globalisiert, das meint in diesem Fall aufgehobene Grenzen, und so bleibt Strauß nur, zu untersuchen, welche Auswirkungen diese Auflösungen für die Gesellschaft bedeuten. Die Umwelt beziehungsweise Außenwelt des Individuums ist eine ›unstürzbare Zerabralsphäre‹ geworden, die sich verselbstständigt hat und unter dem Aspekt der »›Vollkommnung‹« eine stetige Ausdifferenzierung durch ihre »technischen Projekt[e] und Programm[e]« betreibt. Eine Dialogsequenz, die in sehr ähnlicher Form »Wollt ihr das totale Engineering?« einleitet, beschreibt die in den zuvor besprochenen Absätzen geäußerten Gedanken noch präziser. Die Fragmentierung zeigt sich als plötzliche Klarheit, in der erkannt wird, dass alle Zusammenhänge zusammengebrochen sind und neu verortet werden müssen, bevor die »Zerebralsphäre« erschlossen und verarbeitet werden kann: »Das ist er, der sprichwörtliche Zusammenbruch. Der Fausthieb der Gewißheit, nichts auf der Welt mehr zu verstehen. Das Hereinbrechen von Weltfremde. Der Derwischtanz sämtlicher Fixpunkte. Unzählige haltlos stürzende Einzelheiten. Das Todesgesumm sämtlicher Ansichten. Der wilde Galopp gegenstandsloser Fragen. Das Zerreißen der langen Flüsse. Der Abbruch jeglichen Händeschüttelns. Die Speerspitze der kosmischen Stille, die sich unter die Schädeldecke bohrt. Die erschütternde Aussicht, vom heutigen Tag an noch fünfundsiebzig Lebensjahre sinn- taten- erbenfreud- mittel- und schwunglos vor sich zu haben ...« (UAZ 129)499 499 Die Parallel-Stelle im Essay formuliert Strauß drastischer und globaler, zum Beispiel heißt es »plötzlich die Welt nicht mehr zu verstehen« und »[d]ie unzähligen Verknüpfungen zusammenhangloser Einzelheiten« (WTE). Der aufrüttelnde Ton 332 Die »Weltfremde« kann auf zwei Arten verstanden werden: die Welt wird fremd oder man selbst fremd in der Welt, dass nun Fixpunkte, Einzelheiten und Ansichten völlig wegbrechen, führt zu einem Wegfall aller Orientierungspunkte. Auffallend ist an der Formulierung auch die Heftigkeit: »Zusammenbruch«, »Fausthieb«, »Hereinbrechen« und so weiter. Das Ergebnis ist eine Überdeterminierung, wie sie für die hyperkomplexe Gesellschaft als ein typisches Merkmal gilt. Über das Phänomen der Überdeterminierung äußerte der Philosoph Odo Marquard auf die Frage, ob in der modernen Gesellschaft noch »Zeit für Vergangenes« sei, einen Gedanken, der sich auf die Ausweglosigkeit bei Strauß übertragen lässt: »Aber das uns prägende Vergangene ist doch immer schon da – Familie, Sprache, Institutionen, Religion, Staat, Feste, Geburt, Todeserwartung –, wir entkommen ihm nicht. Wo wir anfangen, ist niemals der Anfang. Vor jedem Menschen hat es schon andere Menschen gegeben, in deren Üblichkeiten – Traditionen – jeder hineingeboren ist und an die er, Ja sagend oder negierend, anknüpfen muss. Das Neue, das wir suchen, braucht das Alte, sonst können wir das Neue auch gar nicht als solches erkennen. Ohne das Alte können wir das Neue nicht ertragen, heute schon gar nicht, weil wir in einer wandlungsbeschleunigten Welt leben.«500 Die Analogie zu Botho Strauß besteht sehr konkret auch in Sprache, Religion sowie Traditionen und sollte ergänzt werden um die vielfältigen Anschlüsse an frühere Literatur sowie um Überlegungen zu Mythen oder zur Tragweite der Herkunft zur Selbstbestimmung. Im Interview verweist Marquard auf den rasant beschleunigten Wandel der Dinge und Verhältnisse und die ihm folgenden Reorientierungsversuche: »Weil sie einem alten Mythos der Moderne aufsitzen, der den schnellen Wandel von allem und jedem – nach dem Vorbild des technischen Fortschritts – zu fordern scheint. Aber da ist eine Schwierigkeit: das wachsende des Essays entsteht durch körperliche oder lautmalerische Formulierungen wie »Schweißfliegen« [sic], »Verrücktheit blinder Galopp«, »der donnernde Galopp«, »Ausufern aller Rinnsale unserer Sekrete und Lymphen« oder »gierige Meute der Nachzehrer« (WTE), die den Zusammenbruch durch rhetorische Affekte begleitet und zudem durch einen »schweren, erhabenen Stil zur Erregung starker Eindrücke« beitragen (Gert Ueding & Bert Steinbrink: Grundriss der Rhetorik. S. 229). 500 Der Spiegel: »Wir brauchen viele Götter«. S. 152. 333 Veraltungstempo. Je schneller das Neueste zum Alten wird, desto schneller veraltet auch das Veralten selbst, und umso schneller kann Altes wieder zum Neuesten werden. Rascher Wandel schafft Vertrautheitsdefizite. Kinder, für die die Wirklichkeit unermesslich neu und fremd ist, tragen ihre eiserne Ration an Vertrautem überall bei sich – ihre Teddybären […]. Die Teddybären der Erwachsenen sind zum Beispiel auch ihre Klassiker. Mit Goethe durchs Jahr. Mit Habermas durchs Studium. Mit Reich-Ranicki durch die Gegenwartsliteratur.«501 In Der Untenstehende bricht alles Vergangene in dem Moment, als die Weltfremde eintritt, weg. Marquards »Mythos der Moderne« vermag nicht mehr, die plötzlich ins nahezu Unermessliche gesteigerte Komplexität zu erklären, auch wenn es noch eine »eiserne Ration« geben mag, nicht zuletzt jene literarische Heldenverehrung, die Strauß vielfach demonstriert. Die Bibliothek als »eiserne Ration« stärkt den Autor Strauß und bringt die Figuren Friedrich Aminghaus aus Kongreß – die Kette der Demütigungen oder Elias Canettis Protagonisten Peter Kien aus Die Blendung um den Verstand. Das Reaktionsspektrum erscheint binär. Reduziert man diese Gedanken auf ihre elementare Aussage, wird deutlich, dass die Sicherheit gebenden kulturellen Reste in Teilen zu austauschbaren Fragmenten und Klischees geworden sind. Im Rückblick wird damit auch eine Stelle, die sich früh im Text findet, verständlicher. Sie widmet sich der Anschlussfähigkeit an die Umwelt und vor allem dem zwanghaften Anschluss an andere Personen angesichts einer inneren Leere: »Menschen bestehen bis in ihr Innerstes aus unschuldigen Funktionselementen oder Modulen. Sie nehmen wahr, sie erdulden, sie beurteilen alles mit Hilfe austauschbarer und vorgefertigter Schaltteile« (UAZ 18). Der Mensch benötigt einen Gegenpol und zu den Veränderungen gehört der Verlust der Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen und deuten zu können: »Er kann keine Menschen lesen, er liest sie falsch. Einen Leisetreter, einen Schleimscheißer hält er für diskret und vornehm. Einen groben Klotz für einen Kerl, mit dem man Pferde stehlen kann. Er ist ein Analphabet der Physiognomien und Charaktere. Er liest nicht, er verbrämt. Der Anblick eines anderen Menschen zündet auf der Stelle die Illusion, der er sich hingibt.« (UAZ 18) 501 Der Spiegel: »Wir brauchen viele Götter«. S. 152. 334 ›Funktionselemente und Module‹ sind gewissermaßen Vorwegnahmen der »technischen Projekt[e] und Programm[e]« (UAZ 94). Das »Großaggregat« ist als Synonym für die »Zerebralsphäre« zu verstehen.502 Strauß verbindet empfundene Leere, verzweifeltes Festhalten an Verbindungen (nach Marquard den »eiserne[n] Ration[en]«), mit Bewusstseinsoperationen und gesellschaftlichem Rauschen, das einerseits die Illusion des Verstehens abbildet, andererseits ein Eingeständnis an banales Geschwätz an Stelle eines intimeren Einverständnisses widerspiegelt und die Funktion erfüllen will, Einverständnis zu erzeugen: »Er hatte die Angewohnheit, die Hand an den Mund zu setzen, als wollte er etwas Verbotenes mitteilen, was aber nie der Fall war. Das Zeichen des Zuflüsterns begleitete auch offenkundige Banalitäten (›es gibt ja nur noch Backwaren-Kettenläden, kaum Einzelbäcker mehr!‹). Er sprach, als gebe er die Quelle einer ungeahnten Weltgefährdung preis. In Wahrheit suchte er beständig Vertraulichkeit herzustellen, Exklusivität zwischen sich und dem anderen, der ihn beunruhigte, weil er eben ein anderer war.« (UAZ 19) Der absolute Gegenentwurf hierzu ist ein an die neuen Bedingungen angepasster Typus. Er »leidet an Vorschnelligkeit, er besitzt eine Turbo-, eine Next Generation Auffassungsgabe« (UAZ 64), die ihn die Verhältnisse durchschauen lässt, noch bevor Kommunikationspartner ihre kommunikativen Anschlüsse vollzogen haben, ihn kennzeichnet ein digitalinformatorisches »Hochgeschwindigkeits-Erfassen« und »[e]r liest nicht mehr in Worten und Mienen, er listet auf und überfliegt das komplexe Programm eines Menschen« (UAZ 64). Strauß’ Beschreibungen erfassen feine Nuancen der Interaktion des neuen Menschen mit den noch nicht erneuerten Menschen. Der in Der Untenstehende beschriebene neue Mensch besitzt einige Merkmale gemeinsam mit jenem »neue[n] Mensch[en]«, den Strauß einige Jahre später in Die Unbeholfenen skizzieren wird. Dort heißt es: »Der neue Mensch ist ein erweiterter. Der neue Mensch ist Glaubenskrieger. Der neue Mensch ist Hedonist. Der neue Mensch ist ein Bildermensch. Der neue Mensch kennt nur die Lust am Funktionieren. Der neue Mensch besitzt ein hochaufgelöstes Bild von sich selbst und überblickt sich nicht mehr. Der neue Mensch ist eine Fiktion aus alten Tagen.« (DU 80) 502 Das letzte Kapitel der vorliegenden Arbeit wird näher herausarbeiten, welche Tragweite und Bedeutung ein derartiges »Großaggregat« für den Gesundheitszustand des Menschen besitzt. 335 Nur über das letzte Merkmal verfügt der »gebrieft[e] Mensch« nicht, im Gegenteil, er ist hochgradig gegenwärtig und an die Umwelt angepasst, er steht für den Typus eines digitalen »Flachkörpermenschen« (UAZ 97), der vollends in das Netzwerk eingewoben ist und nicht länger über eine eigene Innenwelt verfügt. Der neue Menschentypus scheint, so die zulässige Deutung, ein entleerter, aufgelöster und in diesem Sinne von innen heraus globalisierter Menschen zu sein. Angebracht scheint auch die Frage, ob nicht mit den »Syks« aus dem Roman Der junge Mann eine Vorstufe des kommenden Menschen vorformuliert wird. Die dort geschilderte Gruppe erscheint dem Erzähler durch verschiedene Wesensmerkmale, zum Beispiel ihre intelligente Infantilität, als neuer Typus, der an die gesellschaftlichen Veränderungen besser angepasst ist als die soziale Umwelt dieser Kleingesellschaft (vgl. JM 111-123). Der vorschnelle Anschluss dieser globalisierten Menschen mag in diesem Kontext daher auch als eine Art Rettungsmechanismus zu verstehen sein. Betrachtet man diese Entwicklung nun aus größerer Distanz und nimmt dabei Strauß’ Perspektive ein, erkennt man, dass mit dem Übergang in diese Gesellschaftsausformung ein »Systembruch« einhergeht, der zugleich einen Epochenwechsel in die totale Oberflächlichkeit ausmacht: »Diejenigen, die politische Macht haben, besitzen weder andere Sitten noch Ideen oder Gebärden als jene, die sie dazu legitimieren. Sie könnten weder einen Stil kreieren noch einen Ton angeben in der Kultur, wie es doch zur Macht gehört, daß die Menge etwas zum Nachahmen an ihr findet. Es gibt einen Systembruch zwischen Demokratie und Massendemokratie. Und dieser verläuft jenseits der Verfassung ausschließlich im Kulturellen. Das Tonangebende zieht hier mit dem Populären gleich.« (UAZ 114) Strauß skizziert hier eine apolitische Gesellschaft, die sich der schnöden Konsens-Unterhaltung verschrieben hat, die Berieselung des »Schmunzel- Moderators« (AB 60) und den Gästen aus dem Politikbetrieb kritiklos hinnimmt.503 Diese Haltung kulminiert in folgender Überlegung: 503 Diese Sicht kündigt sich im »Bocksgesang« an und Strauß vertieft sie in späteren Texten, hierunter die Essays »Herrschen und nicht beherrschen. Stilfragen der Krise« und »Reform der Intelligenz«. 336 »Ist es politische Unbeholfenheit, ist es mangelndes Sprachgedächtnis, ein und dasselbe Volk, sofern es sich richtig verhält, demos, wenn aber nicht, dann abschätzig populus zu rufen? Es erweist sich wohl als Illusion, dass dem ›neuen Menschen‹, dem Vernetzten, ein entwickelteres Sensorium entstünde für dicht verwobene Hintergründe, Beziehungen und Zusammenhänge, die jemandem, der sinnlich gleichsam auf ›analoger‹ Stufe zurückblieb, niemals zugänglich wären. Im Gegenteil: Von gesteigerter Empfänglichkeit, unruhigem Vorausgefühl in Zeiten des Umbruchs ist wenig zu spüren.« (RDI 41) Die »totale Öffentlichkeit« ist ein Zustand von Globalität ohne interne Unterscheidungen, ohne echte Exkludierte – vielleicht auch, weil es keinerlei Aufruhr gegen diese Herrschaft der Imbezillen504 mehr gibt: »Das Populäre wiederum pflegt die Idolatrie des Außenseiters, und man kreiert für die Massen die Außenseiter-Konfektion« schreibt Strauß und formuliert das Prinzip zur totalen Grenzauflösung zwischen den Individuen, doch »[g]leichzeitig kennt die totale Öffentlichkeit keinen Außenseiter mehr. Sie ist unüberschreitbar und allgegenwärtig. Und unausgesetzt damit beschäftigt, aus jedem größeren Belang den seit Menschengedenken dünnsten aller breitgetretenen Quarke herzustellen« (UAZ 114). Der Außenseiter verkommt in diesem Sinne zur medialen Inszenierung, zu einem Cowboyund Schurkenklischee oder – als dem radikalen Gegenentwurf – zu einem erhabenen Charakter. Zum Beispiel schildert Strauß diesen Typus im Drama Schändung505, das zugleich eine Momentaufnahme einer antiken Gesellschaft im Endstadium inszeniert. Dies ist möglich, weil es sich bei den geschilderten Gesellschaften nicht um polyzentrische Gesellschaften wie von Qvortrup oder Fuchs beschrieben handelt, sondern sie eher an Fritz Langs Metropolis oder die menschlichen Batterie-Cluster in den Matrix-Filmen der Wachowski-Geschwister erinnern. Strauß’ schwarzmalerische Medienkritik und Endzeitfaszination fällt in Bezug auf das Kino milder aus und rückt die Frage in den Vordergrund, wie oder besser ob Sehgewohnheiten das eigene Verhalten verändern. »Man fragt sich, weshalb die vielen Close ups der reicheren Gefühle, mit denen uns Filme unentwegt beschäftigen, anders als die Gewaltimpacts so wenig Einfluß auf unser Gehabe nehmen« (UAZ 157). Die Positionierung gegen rohe Gewalt verwirrt im ersten Mo- 504 Vgl. den in der Einleitung angeführten Auszug aus Rumor (RU 66). 505 Schändung (2005) ist eine weitere Shakespeare-Adaption und orientiert sich an Titus Andronicus und dem geschilderten »anarchischen Endstadium jedes Gemeinschaftszerfalls« (vgl. UAZ 78). 337 ment angesichts der Gewaltexzesse, die Strauß nur wenig später in Schändung schildert, aber sie ist konsequent im Sinne einer kathartischen Übertreibung in der Shakespeare-Bearbeitung. Auf Filme wie die Gesellschaft bezogen äußert Strauß über die Selbstinszenierung im öffentlichen Raum: »Die Außen-Figur wird ja bei den meisten Zeitgenossen, paradox gesagt, unbewußt vom Intellekt gesteuert« (UAZ 157). Äußere Rollenvorbilder stoßen auf innere Charaktereigenschaften. Es geht Strauß um moralische Integrität und es scheint so, als wolle er die Verkommenheit der Gegenwartsgesellschaft wenn überhaupt nur sehr zaghaft benennen. Bezeichnend für den Untenstehenden ist auch, dass Strauß sich nicht eindeutig positioniert. Auf der einen Seite steht die fast schon fatalistisch erkannte »Zerebralsphäre«, auf der anderen die Huldigung des Außenseiters. Es lässt sich aus diesem Spannungsverhältnis ableiten, dass Strauß die vielfachen Auflösungsprozesse als unterschiedliche Bewegungsverläufe sieht. Es gibt die anachronistischen, sich der Welt entziehenden Letztmenschen und die globalisierte Masse. Sie leben an unterschiedlichen Orten und doch nebeneinander in der Gesamtsphäre Gesellschaft. Die Globalisierungskonzeption rahmt und vereint die widersprüchlichen Ausformungen von Individuum und Gesellschaft und Strauß erkennt in diesen Bewegungsschlieren eine klare Richtung. Die Exkludierten können sich allerdings nicht ewig widersetzen. Strauß beschreibt in diesem Kontext eine Utopie, die er letztlich als Metapher der Gegenwartsgesellschaft enttarnt. Aus dem biologischen Zellsystem wird plötzlich eine besorgte und gleichgeschaltete bundesdeutsche Bevölkerung, ein »ideelle[r] Gesamtkleinbürger« (UAZ 115): »So durchlässig die Menschen einer zum anderen, nur noch die feinste Membrane, die zitternde Trennhaut, so zellbündig verwachsen beinah, daß ein einziger Schrei von draußen den ganzen großen Schlafsaal aufschreckt. Das gemeinsame Schicksal eines Volks, verfeinert und verflüchtigt zu kollektiver Sensibilität: es genügt die Fernsehnachricht, daß fünfundachtzig Prozent des deutschen Nordseefischs mit Maden bestückt seien, und zwanzig Millionen wie ein Mann rücken ab vom Fisch.« (UAZ 114f.)506 Für diese Art Metapher gibt es weitere Beispiele, so etwa Strauß’ Beobachtungen der Ausdehnung der Welt im Zeitalter der Globalisierung. Die Fra- 506 Vgl. Monika Rinck: Risiko und Idiotie. Streitschriften. S. 231: »Wann immer die Raumtemperatur die Körpertemperatur übersteigt, tut sich etwas an den Grenzen. Es zeigt sich, dass zwischen innen und außen eine Membran mit unterschiedlicher Durchlässigkeit wirkt«. 338 ge ist, wie das Große zu erfassen ist, wenn das Kleine schon versagt? Beobachtungen durch Apparate und auch durch das Auge schlagen gleichermaßen fehl. Es versagen, um an die zuvor genannten Überlegungen zu Flussers technischen Bildern anzuschließen, die Fähigkeiten zur Dekodierung: »Warum es anders sehen? Wir sehen die Dinge ohnehin nach unserem Maß, weshalb sie nicht ganz und gar den menschlichen Bedeutungen einberaumen? Wir machen uns Bilder, wir machen uns sogar ein Bild von der unfaßlichen Welt als einem globalen Dorf, und das ist nicht weniger naiv und animistisch als meine Bäume, die sich in Sorgen wiegen. Bildlos und nackt ist von allen Dingen nur der Apparat der Kognition, der diese Bilder herstellt.« (UAZ 168f.) Strauß spielt hier auf die metaphorische Verkleinerung und somit auch das bessere Verständnis der Welt an, nicht ohne darauf zu verweisen, dass Bilder dieser Art fadenscheinig und unzulänglich sind. Ähnlich zu sehen ist der Transfer in die ›Cyberwelt‹, die Strauß indirekt als Redundanz der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung interpretiert: »Die ganze Welt der gebrechlichen Geschicklichkeit, die Welt des Wahllosigkeit-Fluchs ... alles noch einmal, nun aber jede Bewandtnis mit der Vorsilbe ›Cyber‹ versehen. Das ganze Füllhorn des Bewußtseins ausgeschüttet ... Es gibt keine größere Beschränktheit als den Enthusiasmus medialer Anarchie: alles noch einmal.« (UAZ 51) Der letzte Halbsatz korrespondiert mit dem oben erwähnten »Wir arbeiten daran« (UAZ 94) – beide können als eine Art Stimme aus dem Off verstanden werden, die als übergeordnete Instanz beruhigend auf die Menschen einwirken soll. Die Redundanz der ›Cyberwelt‹ sollte jedoch nicht mit einer einfachen Wiederholung verwechselt werden. Sie ist zugleich Antwort auf frühere Formen des gesellschaftlichen Umgangs und eine Weiterentwicklung der jüngeren Gegenwartswelt. Mit der Ausformung von Das blinde Geschehen, einer kritischen Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Informationsgesellschaft nach 2000, kehrt Strauß zur Diskussion der Cyberwelt zurück, dort »Second Life«507 genannt. Wie dies zu ver- 507 Vgl. Das blinde Geschehen. Dort heißt es über die Differenz der realen und der virtuellen Welt des Computerspiels: »FREYA GENETRIX (für sich) Ich still. Widerworte kann man dem Widersacher nicht geben. Sobald er auftaucht, ein-, 339 stehen ist, zeigt ein »ästhetisches Drei-Welten-Schema«, das Strauß von Popper ableitet, welches drei Welten unterscheidet und Strauß’ Perspektive auf die Welt und die Globalisierung exemplifiziert. Die erste Welt vereint »die Sphäre der sinnlichen Oberflächen und des imaginierten Realen«, die zweite ist eine Welt von »Abstraktionen, Nachahmungen von Netzwerken und Träumen, Schnittstellen-Ironie« und in der dritten geschehen »plötzliche Einschläge aus dem Unerschließbaren, die nur in Sprache empfangen werden können. Die wahren ›Zeichen‹ oder Fulgurismen« (UAZ 100). Strauß schreibt weiter: »Welt 3 ereignet sich in der Regel nur, wenn man mitten im Gedränge von Welt 1 steckt. Von Welt 2 führt kein direkter Weg zu Welt 3« (UAZ 100). Es fällt auf, dass diese Welten nicht progressiv aufeinander folgen, sondern füreinander bis auf wenige Ausnahme(situatione)n versperrt sind. Der erste Weltentwurf spiegelt eine nahezu unschuldige Welt, in der die Verhältnisse zwar noch überschaubar sind, die aber dennoch von einer gewissen Hast beziehungsweise von »Gedränge« geprägt ist. Manchmal, wenn ein Fluchtreflex die Bewohner für anderes empfänglich macht, dringt »Welt 3« in sie ein. Strauß erwähnt nicht, unter welchen Umständen »Welt 2« betreten werden kann, sie erinnert jedoch an die Gegenwart der Informationsgesellschaft: virtuell, Netzwerke, Schnittstellen oder eben »Second Life«. Vielleicht ist ein solcher Übergang lediglich eine theoretische Perspektive, weil die zweite Welt bereits den Gegenwartszustand abbildet und Welt 1 und 3 für die meisten Gesellschaftsmitglieder unerreichbare Welten sind? Für eine Existenz der zweiten Welt finden sich im Text weitere Anhaltspunkte. Cyberwelt und »Second Life« sind auch Ergebnis eines Wandlungsprozesses hin zur hyperkomplexen (Qvortrup) und polyzentrischen (Fuchs) Welt, was auch Norbert Bolz zum Ausdruck bringt: zweimal am Tag, sich in die Sofaecke fläzt, die fetten Beine übereinander biegt, spielt er mit mir. Schickt mich ins Rennen. Generiert die übelsten Abarten meiner Person. Macht mir die Hölle heiß. Oder kauft mir was ein. Aber nur im Second Life. Real hätten wir keine Chance. JOHN PORTO (murmelt) Alle Welt verliebt sich virtuell – und du spielst mit zwei verliebten Knien! Echten Knien aus Fleisch und Blut. FREYA GENETRIX Freya bin ich, Göttin der Fruchtbarkeit, der Liebe, der Zärtlichkeit. JOHN PORTO Ich bin John Porto. In dieser und in jener Welt. Da und dort derselbe. Frei erfunden« (DBG 8). 340 »Man kann die Welt nicht von außen betrachten, sondern muß sie von innen ›verletzen‹. Mit dieser Einsicht macht die Theorie den spezifisch modernen Schritt von den vielen möglichen Welten zur Welt der vielen Möglichkeiten. Welt ist nun die virtual reality, die gewissermaßen auf Beobachtungsoperationen und Informationsverarbeitungsprozesse wartet; jede Unterscheidung wird dann zum Zentrum von Welt.« 508 Bolz impliziert damit die Entstehung zusätzlicher Welten oder Sphären in Umgebung der ursprünglichen, real erlebten Welt. Es handelt sich zugleich um eine weitere Sphärenentstehung in Ergänzung zu den Ketten von Globus-Gesellschaft-Netzwerk und Psyche-Draußen-Bewusstseinsstrom: Sie zeigt sich als Welt-Verletzung-virtual reality. Strauß bespricht in einer längeren Reihung die moralisch-ethische Gestimmtheit der Gesellschaft indirekt als verkommen und für Zugänge versperrt und greift damit subtil jene Abfolge auf, die Bolz benennt. Strauß deutet einen Zeitenwandel an, der das Individuum desensibilisiert: »Verwundern« (UAZ 154) erscheint in Zeiten des ›Schattenspielens‹ (vgl. UAZ 154) nicht länger möglich. Stattdessen weist Strauß psychische Verletzungen nach, das heißt »Laster, Fehler, Mißbildungen, das gesamte Repertoire des moralischen Bemerkens« (UAZ 154), welche jedoch laut Strauß in der neuen Gegenwart »zwischen den Kräften, die jetzt auf die Welt einwirken, Kräften der liberalen Gewalt und Kräften der religiösen Gewalt [...] betulich« (UAZ 154f.) erscheinen. Das eigentlich Negativ erscheint angesichts der Veränderungen der Welt nun nicht mehr sonderlich negativ, woraus sich eine Verschiebung auf der Werteskala erkennen lässt. In diesem Auszug vermittelt Strauß einen Wechsel der Machtverhältnisse und stellt »Laster« und »Fehler« (zuvor noch benannt als »Vergehen der Epoche« (UAZ 30)) gegen politische und religiöse Kräfte. Schon in »Anschwellender Bocksgesang« kritisiert er die in ihrer Bedeutung wachsende liberale Marktwirtschaft und setzt sie in Der Untenstehende fort. Zu betonen ist, dass Strauß in diesen Kräften größere Übel als in einer strittigen Moral sieht, was als weitere Gegenposition zur ausdifferenzierten Gegenwart gesehen werden kann: »Man spürt in den kleinsten Dingen heute Ausläufer einer stärkeren Bewegung, als sie ein ›Sittenspiegel‹ einfangen könnte. Dennoch frappiert jede Nuance, die La Bruyere an seinen Charakteren schildert, sie stimmt gestern wie heute. Die Beschreibung der Einzelnen bei Hof und der Einzelnen auf den ›Weltmärkten‹ unterscheidet sich dort nicht, wo es um die Wesens- 508 Norbert Bolz: »Die Zeit der Weltkommunikation«. S. 82. 341 merkmale des Gesellschaftsmenschen geht. Gleichwohl drängen sich Großformate der Bewertung auf, welche die Nuance bedrohen. Die Menschen und was sie so treiben bilden auf einmal nur ein Schaumgekräusel auf der mächtigen Woge, die ihr Massenschicksal ist.« (UAZ 155) Erneut wird ein Bezug zwischen einem Autor einer längst vergangenen Zeit und der Gegenwart hergestellt, indem sich vor dem Hintergrund der Welt unterschiedliche Gesellschaftsformen herausbilden (erst die stratifizierte, höfische Gesellschaft, später die funktional ausdifferenzierte Weltgesellschaft mit globalen Funktionssystemen) und dann in ›großformatige Massenschicksale‹ umschlagen. Es verdeutlicht sich in dieser Passage auch die von Botho Strauß oft hervorgehobene zyklische Zeit, in der bestimmte Epochenmerkmale, wie hier die von außen einströmenden, wesensverändernden Faktoren, in späteren Epochen wiederkehren, an ihnen wird auch deutlich, dass der Blick in oder auf die damalige Gesellschaft nur durch historische Quellen erfolgen kann, die aufgrund der ehedem vorgenommenen Beobachtungen nur bestimmte Dinge beleuchten können. Strauß behauptet nun durch Analogien, dass dies in der Form auch für die Gegenwart gilt, die er mit dem Bild von vergänglichen »Schaumkräusel« beschreibt. Die unzureichende Quellenlage zur verjährten Gegenwart und das ausdifferenzierte, überkomplexe Jetzt ähneln sich in einem zentralen Punkt: Ein völliges Verstehen beider Epochen ist nicht möglich, weil ein grundlegender Überblick nicht erlangt werden kann. Strauß führt diesen Gedanken weiter aus; der Zeitsprung von knapp 250 Jahren ist nur von linearer Bedeutung, inhaltlich greift das zyklische Zeitverständnis: »Daß der Mensch der Moderne (das ist der ›Heutige‹ von vor hundert Jahren!) zusammenhanglos lebt, empfindet und spricht, hat der Konservative früh beklagt. Aber war die ›Zusammenhanglosigkeit‹ etwas anderes als das Versteck einer aufregenderen Ordnung, die wir Zug um Zug erst entdecken sollten? Die Teile tanzen, und es ist ein Tanz mit vielen Sprüngen und Kehren. Er bildet wohl auch ein schönes Ganzes, das offenbar intelligenter ist als das Denken in Zusammenhängen, die wir nicht mehr erkennen können.« (UAZ 155) Dass Verstehen nicht möglich ist, kann darin begründet liegen, dass erneut die Komplexität der globalisierten Gesellschaft einen schnellen und reibungslosen Zugang versperrt und somit auf den ersten Blick alles zusammenhanglos wirkt oder als in Kleinsteinheiten fragmentierte Zustände wahrgenommen wird und erst auf den zweiten oder gar dritten Blick – in 342 diesem Sinne auch eine Beobachtung x-ter Ordnung – als feiner und feiner ausdifferenziertes Netzwerk von Teilaspekten erkannt wird. Dass es sich dabei um einen Prozess handelt, der um 1900 herum an Geschwindigkeit zunimmt, bespricht Strauß an früher Stelle in Der Untenstehende Anhand von Fragmentierung, Ausdifferenzierung im Zusammenfall mit einer Komplexitätssteigerung und Verstehensprozessen: »Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zerfiel dem Krisenfühligen das Ganze zu immer kleineren Teilen, zu isolierten Partikeln. Doch die Nachfolgenden verstanden bald den Staub zu lesen und brachten den Teil und das Ganze in neuen Zusammenhang. Kein Zerfall, der nicht zu anderer Ordnung überginge. Keine isolierte Einzelheit, die unter neuen Blicken, neuem Wissen nicht bisher unbekannte Verbindungen preisgäbe. Niemand würde mehr von einer Krise des Erkennens sprechen. Es sei denn, man fände das Dilemma in der Ausbreitung des Wissens selbst, das wie die Moosflechte den Baum der Sephirot überwuchert, an ihm schmarotzt und ihn vermutlich irgendwann austrocknet. Flechten, die aus unserem Scheitel wuchsen, die Form unseres Leibs verhüllen und sich von den Knien abwärts mit unterirdischen Netzen verbinden.« (UAZ 24f.) Strauß beschreibt mit dem Bild der rhizomatisch-informatorischen Baumwurzeln509 eine Hybridisierung, die den Menschen mit der Technisierung befallen hat und dementsprechend seine Evolution beschleunigt. Im Kern besteht das Dilemma, wie eingangs gezeigt wurde, in der Art der Veränderung, die eine Abkoppelung durch Genveränderung, Technik510 und Kontaktverlust zum kulturellen Erbe wie beispielsweise den Mythen bedingt. 509 Vgl. die Beschreibung des rhizomatischen Pilzgewebes, UAZ 39, und in Niemand anderes: »Das Radikale läßt sich spalten in die Idee des Myzels, des in die Fläche verbreiteten Geflechts, und in die der tiefsitzenden Kraftknolle. Gespür für Geflecht und Gespinst bietet heute den Erkenntnisvorteil, den vorzeiten der Drang zur Umwälzung für sich hatte« (NA 150). 510 Vgl. an dieser Stelle exemplarisch UAZ 131: »Man führt sein ›individuelles‹ Gespräch so oder so mit einem Automaten. Am Telefon unterscheidet man kaum, ob man einen persönlichen Mitarbeiter oder einen elektronisch präparierten Beantworter erwischt hat. Sobald die ›kritische Masse‹ an technischem erreicht ist, assimiliert sich ihm der Mensch. Oder auch: der Große Verbund transzendiert in eine unbekannte Strahlung, der alle Verbundenen betäubt. In Trance versetzt. Sie vergessen den Weg, den sie mühsam und erfolgreich über Jahrhunderte zurückgelegt haben, und er verwildert hinter ihnen sehr schnell. Die Technik überschreitet den Menschen, indem sie ihn ›rückverzaubert‹: hypnos ex machina«. 343 Bezogen auf die Gesellschaft geht nach Strauß mit »einer nächsten Entwicklungsstufe [...] ein härteres und paßgenaueres Bewußtsein« (UAZ 24) einher. Dieser Themenkomplex macht eine Konstante bei Strauß aus. So findet man diesen sich flirrend bewegenden und sich im Übergang befindenden Fleck, der die Gesellschaft repräsentiert, schon in Beginnlosigkeit beschrieben. Und das Bild lässt Strauß nicht los, denn in Das blinde Geschehen findet sich der Inhalt von Beginnlosigkeit, dem Untenstehenden und Teilen der Essayistik auf wenige Zeilen komprimiert: »Hör auf mit deinen Begierdewehwehchen. Wie klein ist dein Gejieper, verglichen mit dem grenzenlosen Raum, den wir beherrschen, in dem es nur das Denkbare und nichts als Denkbares gibt. Die ganze Erde ist ja wie ein einziger Kopf und wir Menschen darin das Neuronengeschwirr. Und was geschieht, sind bloß Schaltungen, Schaltungen, Billionen blitzschneller Kontakte.« (DBG 46) Diese Replik erklärt rückwirkend den Umfang der im Werk angelegten Kritik an der modernen Gesellschaft und der damit einhergehenden Globalisierung: »grenzenlose[r] Raum«, Imagination und sprachliche Beschränkung, Reduzierung des Menschen auf Verbindungen, auf Netzknoten. Auch an anderer Stelle schimmern der »grenzenlos[e] Raum« und das »Denkbar[e]« in der Selbst- und Umweltwahrnehmung der Figuren durch. Ein verträumter Junge verfügt in Wohnen Dämmern Lügen über die Gabe, »über die Passanten, die Straße, die Städte, die Länder hinaus bis an eine funkelnde Naht: eine baum-, menschen-, stadtlose Grenze« (WDL 102) zu blicken. Die Motivation des Jungen ist vorerst eine materielle, doch besitzt er unbewusst einen globalisierenden Blick, da er Grenzen auswischen kann. Und in Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich heißt es deutlicher: »Wir sind Rätsel für niemanden als uns selbst. In unserer Sprache vollkommen Isolierte, Abgeschiedene von der Welt der Flügelschläge und der codierten Gerüche, steigen wir höher und höher in einem düsteren Turm und hoffen bis zuletzt, daß unsere Sprache oben, ganz oben, jenseits der Fledermaus-Grenze, ein anderer anders vernimmt.« (DNA 60) Isolation und Verdrängung aus der Welt, Kodierungen und Dunkelheit vermitteln hier ein Bild der Figurenentfremdung aus der Welt, das weiter reicht als die von Strauß besprochene Kommunikationsunfähigkeit. Zwi- 344 schen Sprache und »Begierdewehwehchen« (DBG 46) besteht eine konzeptionelle Verbindung. In Das blinde Geschehen wird mehrmals von einem virtuellen »Second Life« gesprochen, hiermit korrespondiert eine Dialogsequenz in Die Nacht mit Alice, in der Wandel und Vertreibung als konstante Merkmale der Globalisierung angedeutet werden: »›Komm nur‹, sagte sie und half ihm wieder auf die Beine. ›Komm, wir haben noch nicht genug gesehen‹, sagte Janua, das Tor, das Tor zum Leben. [...] Und sie schlichen weiter davon. Denn sie glaubten, Gott habe sie ausgeschickt, nur damit sie in alle Abgründe der Schöpfung blickten. So war es zu dieser langen Geschichte des Sichdavonstehlens gekommen. Oder, wenn man will: so war es überhaupt zu einer Weltgeschichte gekommen. Denn Weltgeschichte ist Rauswurfgeschichte. Vom Garten Eden über ungezählte Völkervertreibungen und Exile der Dichter bis zuletzt zur Selbstvertreibung des Menschen aus dem Garten der Erde. ›Und wenn das alles nur ein Game gewesen ist?‹ ›Und wenn es kein Game gewesen ist?‹« (DNA 61) Vor allem die letzten beiden Zeilen verdeutlichen eine Fremdreferenzialität, die von den Figuren als Option wahrgenommen wird: Ist es ein Spiel? Wenn ja, von wem gespielt? Wer bestimmt die Regeln? Was, wenn es kein Spiel ist, wie die Hervorhebung im Text suggeriert? Wie sähe die andere Seite einer solchen Differenz aus? Die Antworten fallen abstrakt aus, laufen jedoch auf die Erkenntnis heraus, dass die Weltgeschichte zugleich die Geschichte der Globalisierung ist.511 Wie die Figuren ihre Situation erleben und bewerten, erklärt Strauß wiederum in Der Untenstehende. Dort liefert er eine Erläuterung, die er auf eine Auflösung in das Digitale hinein zurückführt: »Wir hausen in aufgelösten Habitaten. Wer das sich bildende Gebilde definiert, verkennt seine Entwicklung. Der Reaktionär ist der letzte Phantast in einer nahezu kompletten Fantasy-Welt« (UAZ 43). Auffallend ist die paradoxe Grundsituation, in etwas zu hausen, das es nicht mehr 511 Am Rande daher auch der Verweis auf die zuvor in diesem Kapitel gefallene und zur gleichen Zeit getätigte Äußerung Strauß’, dass Literaturgeschichte auf einer Selektionsgeschichte fußt, die dadurch entsteht, dass geschichtliche Ereignisse in der Erzählung gefiltert werden, um dann ein weiteres Mal als Selektion der Produkte (oder: Artefakte) selektiert zu werden. Nur anschlussfähige Kommunikationen überstehen diese Beobachtungskette, alles andere gerät in Vergessenheit (bis zu dem Zeitpunkt, an dem es hervorgeholt wird und sich als anschlussfähig erweist). 345 gibt, oder in das Digitale und Virtuelle eingewandert zu sein. Das »Second Life« hat anders gewendet längst übernommen, obwohl dies unter Berücksichtigung einer anderen Textstelle ein weiteres Beispiel für eine versagende Metapher ist: »Welche Bild-Prägung ersetzt das Labyrinth, das System der Irrgänge, als Daseinsmetapher? Wir leben nicht in einem Gebilde, für das die Konstruktion des Dädalus ein geeignetes Sinnbild abgäbe. Aber es läßt sich nicht sagen, worin wir leben, sobald wir nach einem treffenden Bild suchen. Ist es das weltvorspiegelnde Holodrom, die universale Playstation? Ist es das Netz, oder gar das Netz der Netze, der Neokortex selbst, in dem wir leben? Worin, verdammt, leben wir also?« (UAZ 121) Die Verzweiflungs- und Entwurzelungsgefühle lassen sich darauf zurückführen, dass sich Gesellschaft im Raum kaum noch fassen lässt. Zwar gibt es Orte, an denen Gesellschaft stattfindet, aber die Grenzenlosigkeit erzwingt einen anderen Umgang, weil es nun immer auch alternative Orte in der Öffentlichkeit gibt. Hinzu kommt die Blindheit für gegenwärtige Zusammenhänge, wie Strauß sie in den oben analysierten Stellen anklingen lässt, die immer wieder dazu führt, dass unterschiedliche Formen des Rückzugs in individuelle Privatbereiche geschildert werden, die darauf abzielen, der Welt zu entkommen. Die sich anschließende Aussage wirkt wie ein radikaler Bruch mit allen Diskursen über das »Second Life«. Ob Strauß selbstreflexiv auf eine Aussage anspielt, die er in einem frühen Interview über den Schreibprozess von Rumor äußert, kann nicht bestätigt werden, erweist sich als Arbeitsannahme jedoch fruchtbar. In »Schreiben ist eine Séance« gibt Volker Hage die folgende Gesprächssituation wider, die sich 1980 in Strauß’ Berliner Wohnung ereignete: »Er steht auf. ›Diese Art von Literatur, die sich um das Alleinsein dreht‹ sagt Strauß, ›möchte ich auf keinen Fall fortsetzen. Ich weiß allerdings auch nicht, was ich als Nächstes machen soll.‹ Er schaut aus dem Fenster. ›Ich habe leider keine Bleibe auf dem Land wie andere. Jetzt halte ich es nicht mehr lange aus hier. Ich habe nun drei Jahre lang unentwegt geschrieben. Es ist mein inniger Wunsch, hier nicht an der Schreibtischkante zu verrecken – dafür lohnt sich das alles vielleicht doch nicht so.‹ Er redet ruhig, ab und zu unterstreicht er das Gesagte mit einer Handbewegung. Reden sei für ihn ein zivilisatorischer Akt gegen das Chaos des Inneren. Nach einer Pause fährt er fort: ›Das Alleinleben erträgt keiner auf die Dauer. Mir macht das zu schaffen, und ich bin weit davon ab, das zu verherrlichen. 346 Aber meine bisherige Art zu schreiben erfordert soviel libidinöse Kraft, daß man von keiner Frau erwarten kann, dies auch nur duldend hinzunehmen.‹«512 Vorausgesetzt, der Autor Strauß spricht über eigenes Erleben und Schreiben, geht aus dem Verweis auch hervor, sich als Autor inhaltlich wie poetologisch verändert zu haben und nun zu erkennen, dass dieser als ein Einzelner die Welt nicht verändern kann und an die damalige Gefühlslage (Naivität ist es nicht) keineswegs affirmativ anschließen will. Dies würde dann in der Folge auch die freiwillige Exklusion des Menschen Botho Strauß erklären. Der seltene Einblick in den Denk- und Gefühlsprozess, der das Schreiben begleitet, erklärt dann auch den Anschluss an Baudelaire und Pascal in Der Untenstehende: »Pascal hatte seinen Abgrund, der immer mit ihm ging, schreibt Baudelaire. Ich hingegen trage über dem Arm einen viel zu weiten leeren Mantel auf meinen Wegen. Mir scheint, es ist die abgezogene Haut von diesem Ungetüm der besseren Welt« (UAZ 156). Der »Mantel« dient als »eiserne Ration« (Marquard), die Schutz bietet und zugleich eine Mahnung an die Veränderungen verkörpert. Von solchen Betrachtungen der Angriffe auf den Einzelnen (in Anlehnung an Bolz vielleicht auch ›Verletzungen von innen‹?) und der Schilderungen von paradox erscheinenden Abwehrmechanismen schwenkt Strauß unmittelbar den Blick zum Kontrast zur Vereinzelung der Erzählerstimme, kontrastiert in der Paarbindung und »Paarbildung«, die immanent oder transzendent immer auch »scheidbar« ist; entscheidend ist, dass es sich bei Paaren um »operationelle Gegensätze« handelt (UAZ 156). Vom persönlichen Alleinsein geht Strauß über zur Betrachtung von Paarbeziehungen. Unabhängig von der großen Verbreitung solcher Paarungen in seinem Œuvre, die meist misslingen, auf die Probe gestellt werden, flüchtig sind, an der Passion513 512 Volker Hage: »Schreiben ist eine Séance«. S. 217f. Vgl. auch UAZ 155f., wo Strauß das Motiv der Einsamkeit in einen globalen Kontext setzt: »Ich weigere mich, dies Zimmer noch einmal zu betreten, in dem ich, von Bekenntniseifer blind, drei Jahre lebte. In dem ich auf eine besonders unentschuldbare Weise war und nicht war. Hier saß ich, auf eine bessere Welt versessen – und habe mir das Zimmer für alle Zeit verdorben. Das Zimmer war alles, was mich außer meiner Kleidung schützte und barg, aber ich habe es verraten, als ich versuchte, ausgerechnet von hier aus in den globalen Mantel zu schlüpfen«. 513 Es können mit Gewinn vor allem die Anthologien jener Strauß-Texte, die Paarbeziehungen hervorheben (Sie/Er und Über Liebe: Geschichten und Bruchstücke), mit Luhmanns Liebe als Passion, vor allem der zweiten Hälfte, parallel gelesen werden. 347 scheitern, kommt er schnell zum tieferen Sinn: der Heilsuche in der Paarbeziehung.514 Und obwohl die angeführten Religionen auf Einzelgrö- ßen zurückgeführt werden und Paare als »operationelle Gegensätze« gedeutet werden, vermag die Stelle dennoch die vollzogenen Denkbewegungen als lange wie kurze Inhaltslinien zu verdeutlichen. Strauß vollzieht einen eigentlich absurden Gedankengang, der konträre Positionen so aufbricht, dass sie als Folgeselektionen plausibel werden. Die untersuchte Stelle veranschaulicht durch die zeitlichen, inhaltlichen und räumlichen Sprünge zugleich die Zusammenhanglosigkeit und die Vernetzungen der Gegenwart. Strauß wählt passende Beobachtungsoptiken aus, um die Bezüge zwischen den genannten Einzelphänomenen durch Beobachten und Bezeichnen sichtbar zu machen. Wie sich an der Person des Autors zeigt, sind Rückzugsorte nötig, um für einige Augenblicke vorübergehend den einströmenden Eindrücken zu entkommen, bevor die totale Auflösung oder Abstumpfung515 in der digitalisierten Informationsgesellschaft droht und somit auch die totale Orientierungslosigkeit, beispielsweise in Form der Verdummung, über den globalisierten Menschen hereinbricht. »Der Schwachsinn« wird zum »letzte[n] Reservat des selbständigen Menschen« und immunisiert »ihn vor den räuberischen Zugriffen auf sein Gedächtnis« (UAZ 130). Die Auflösung zeigt sich daran, dass ›Gedächtnis, Herz, Willenskraft‹ »zugänglich, ›accessibel‹ für jeden« werden, »[a]ll mein Inneres wird von einem kostenlosen Provider weltweit zur Verfügung gestellt, so daß sich meiner geheimsten Regungen jeder nach Belieben bedienen kann, der selbst nichts Inneres mehr besitzt…« (UAZ 130). Der Untenstehende weicht an dieser Stelle geringfügig von der Vorstudie ab, denn nun ist es der »selb- 514 Das nächste Kapitel geht näher auf das Wechselverhältnis zwischen Paaren und Globalisierung ein. 515 Vgl. UAZ 77. Strauß kritisiert beiläufig den Eintritt der brutalen Gesellschaft in die Psyche seines Sohnes, den er schon in Die Fehler des Kopisten an die Gesellschaft zu verlieren befürchtet, vgl. dort S. 36 oder S. 167. In Der Untenstehende heißt es: »Hin und wieder jedoch erwacht aus dem gelebten Schrecklichen ein einzeln Erschreckender. Es sind Menschen, die ich nicht mehr kenne, zu denen jetzt mein Sohn geht. Heranwachsende, die vor ihm eine Undergroundzeitschrift aufblättern voller Gewaltpornos, abgeschnittenen Terroristenköpfen, Leibern zu Brei zerstampft, Hymnen auf die Menschenbestie. ›Es gibt keine Grenzen mehr‹, sagt er zurückgekehrt, und es bedrückt ihn sehr. Der junge Franzose, der ihn einweihte, war im übrigen ein prima Kerl, ein cooler Typ. Die Initiation ist zentral auf die Abtötung von Herz, Eros und Sinne gerichtet. Cool ist: so tun, als ob fühllos öd geworden« (UAZ 77). 348 ständig[e] Mensch«, der sich gegen die Welt stellt. Die Anmerkung zum »Innere[n]« fällt in »Wollt ihr das totale Engineering?« anders aus, dort heißt es: »Alles Innere derer, die noch so etwas besitzen, steht zur freien Verfügung, ist zu einem weltumspannenden Corpus zusammengefaßt, an dem sich jeder nach Belieben bedienen kann, der selbst nichts Inneres mehr besitzt« (WTE). Auffallend ist der Perspektivenwechsel zwischen Selbstreferenz in der Untenstehende und Fremdreferenz im Essay. Die Auflösung des Individuums wird auf diese Weise eingängiger, die Variation in der Vorstudie hingegen verdeutlicht die Dominanz des Netzes und der allgemeinen Vernetzung. Beide Varianten verfehlen ihr Ziel, die Zustände der Gegenwart zu kritisieren, indes nicht. Wie schon in der literarischen Verarbeitung der moralisch-ethischen Fragen, die sich als Folge der Fortschritte in der Gentechnik aufdrängen, sieht Strauß die unnatürliche Modifikation kritisch. Der Mensch, so Strauß, ist mittlerweile empfänglich für solche Modifikation, steht ihnen kritiklos gegenüber und nimmt auch diese Hybridisierung ebenso klaglos hin, bei der »dem Menschen [alles] einpflanzbar sein« wird, »[n]icht nur Netze der Kommunikation, bioplastisches Material, Stammzellen etc. Was mit einer Sprache die ganze Welt erobert, hat auch die Grenzen zwischen sozialem und persönlichem Leib schnell überwunden« (UAZ 81). Die Auflösung und Öffnung setzen sich fort, auf eine Kurzaussage reduziert droht und kommt die »Invasion der Implantate!« (UAZ 81). Strauß kritisiert hier neben dem Fading516 erneut die medial kultivierte Brutalität. Doch auch die Kritik an der Grenzauflösung zwischen dem Individuum (»persönliche[r] Leib«) und Gesellschaft (›sozialer Leib‹) fällt auf. Strauß ignoriert sehr bewusst die unterschiedliche Materialität von »Kommunikation, bioplastische[m] Material, Stammzellen« und sieht alle drei gleichermaßen die Integrität des Menschen verletzen. Die Konsequenz ist, wie zuvor angerissen, Sprachlosigkeit, sobald das Digitale ins Menschliche eindringt, was sich auch daran zeigt, dass »[d]ie meisten [...] statt Worten nurmehr Paßworte [benutzen], mit denen sie einander als zugehörig und ungefährlich ausweisen« (UAZ 25): »Der Auswuchs an systemabhängiger Intelligenz. Alle Phantasie, alle Ideen, alle Figuration wandern durch den IT-Bereich. Die damit aufwachsen, sind atemberaubende Virtuosen der Flächen und verstümmelte Sprach- und Erosmenschen. Sie werden keines unserer alten Bilder empfangen, ohne sie vorher mit speziellen Programmen zu bearbeiten. Das Neue sitzt fest im 516 Vgl. auch den Stellenwert des Fadings in den drei vorangegangenen Kapiteln. 349 Sattel, weil es das entschieden Rücksichtslose ist. Es hat auch meinen Nerv für alte Dinge angegriffen. Ich will nicht so sein wie sie, aber nun auch wie ich nicht länger.« (UAZ 117)517 Es liegt nahe, die Bildcomputation mit Flussers Technobildern simultan zu denken und Strauß’ Kommentar als eine weitere Erklärung dafür zu deuten, dass er eine eigene (und anachronistische?) Sicht auf die Ereignisse in und Wandlungen der Gesellschaft vertritt. Es ist zum besseren Verständnis notwendig, näher zu beleuchten, wodurch sich diese zeigt und sich von anderen Perspektiven unterscheidet. Somit bietet sich an, diesbezüglich die Bindungen des Außenseiters an seine Umwelt eingehender zu untersuchen. 5.7 Bindungen & Außenseiter: Nahperspektiven auf die globalisierte Gesellschaft: Die Zeit des untenstehenden Außenseiters Botho Strauß betreibt nach Andrea Maria Dederichs »eine pathologische Intimisierung der Gesellschaft«518, die in einer »subtile[n] Brüchigkeit«519, einer seltsam zerstörten, »längst durchdachten und längst durchlebten Welt«520 mündet. Die Soziologin Dederichs nähert sich durch eine soziologische Perspektive den Verhältnissen anders als eine streng literaturwissenschaftlich orientierte Analyse an. Sie bewertet kurzerhand Strauß’ Texte als so reale wie realistische Beschreibungen der Gesellschaft. Obwohl die Analyse somit auf einer Ebene außerhalb der Literaturwissenschaft stattfindet, können die Ergebnisse ähnlich sein. Wenn Dederichs konstatiert, dass Strauß die Rolle und »die Bedeutung des Individuums in der modernen Gesellschaft«521 thematisiert, entsteht diese Äußerung zwar aufgrund einer soziologischen Sichtweise, ist aber auch literaturwissenschaftlich ergiebig 517 In der früheren Veröffentlichung Jeffers-Akt klingt dieser Gedanke in strengerer Dialektik an. Einerseits muss »[d]er Mensch [...] von seiner Allmachts-Illusion« Abstand nehmen, denn »[v]on ihr allein rührt alles Unheil her, das über den Globus gekommen ist«, ohne andererseits einer anderen, »›positiven‹ Allmachts- Illusion [...], er selbst könne der Retter der Erde sein« zu verfallen. Strauß lässt »Systemforscher« und »AI-Philosophen« an dieser Stelle ergänzen: »Der Aufbau der Erkenntnis schreitet über den Menschen hinaus und bewegt sich in Richtung einer transhumanen Intelligenz« (Botho Strauß: Jeffers-Akt. S. 30). 518 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 296. 519 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 296. 520 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 298. 521 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 296. 350 anwendbar, weil die Überführung von einer Ebene auf die andere aufgrund vergleichbarer Kodierungen leicht vollzogen werden kann. Gleichermaßen interessant wie aufschlussreich ist, dass ebenfalls aus soziologischer Sicht augenfällig wird – ähnlich den Wahrnehmungen über Strauß’ Dramen und Prosatexte in journalistischen Texten –, dass »Strauß doch den genuin modernen Menschen [beschreibt], dessen Zerrissenheit zwischen Innen und Außen alles bestimmt und alles ermöglicht«522. Weil derartige Aussagen über Differenzen zwischen Bereichen, Welten oder Sphären gleichermaßen aus anderen Perspektiven getroffen werden können, untermauert diese Annäherungsweise in und Ergebnisse von litteraturwissenschaflichen Arbeiten über Botho Strauß. Analyseresultate werden aus einer weiteren Perspektive bestätigt und ergänzt. Kernbegriffe der Gesellschaftstheorie wie Entfremdung oder »Erlebnis- und Multioptionsgesellschaft [...] bieten einen groben und plausiblen Rahmen, um die von Strauß beschriebenen Begegnungen sozioanalytisch zu deuten«523 und liefern zugleich eine normative und deskriptive Methode, an die angeschlossen werden kann, um sich den Texten Strauß’ zu nähern. Dederichs verweist darauf, dass sich »Individualität [...] als Summe kollektiver Eigenschaften«524 zeigt. Das Grundproblem besteht nun in der Entfremdung, die daraus resultiert, dass das Authentische verdrängt wird, denn »Subjektivität und Objektivität sind eine schwierige Beziehung eingegangen, eine Wechselwirkung von Innen und Außen, die dialektisch als Wesen und Erscheinung oder psychoanalytisch als Latentes und Manifestes oder existentialistisch als Authentizität und Nichtauthentizität intellektualisiert werden kann«525. Ausgehend von einer Szene in Paare, Passanten, in der gewöhnliche Menschen in eine Subkultur eindringen, äußert die Autorin die folgende Bemerkung, die auch auf weitere nach 1981 verfasste Texte appliziert werden kann: »Der Mensch ist nun total eingetaucht in eine diffuse kulturelle Wirklichkeit, in der außer Differenz keine Kategorien mehr als Orientierung dienen. Die Distanz des Menschen zu seiner Lebenswelt ist praktisch aufgelöst, denn er ist radikal in die polyvalente Umwelt eingebunden.«526 522 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 296. 523 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 297. 524 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 302. 525 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 302. 526 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 302. 351 Demnach eröffnet sich nunmehr kein Rückweg in die Idylle und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben bedeutet, dem Erleben von Differenzen als Grunderfahrung tagtäglich ausgeliefert zu sein. Es handelt sich hierbei, wie Peter von Becker äußert, um das grundlegende Erkenntnisprojekt in Paare, Passanten, eine Gegendiskussion zu führen »angesichts zersplitternder Weltwahrnehmung in der Medien-Massengesellschaft, angesichts apokalyptischer No-Future-Empfindungen«527. Die Diagnosen sind ähnlich und aus den eingenommenen Sichtweisen wird im Denken und Schreiben die Außenwelt zur »Kulisse«. In Die Nacht mit Alice führt Strauß analog zu dieser Beobachtung der »polyvalente[n] Umwelt« weiter aus: »Alles Kulisse, man kann nichts Vorhandenem trauen, Kulisse des Schweigens, Kulisse der Schmerzen, Kulisse des Wahnsinns. Man hält sich in seinem Zimmer an die Ordnung der vier Wände. Aber die Wände sind Vorwände. Dahinter fängt das Leben erst an. In meinem Zimmer kenn ich mich aus. Aber schon hinter dieser Wand ständ ich ratlos in der Fremde. [...] Aber unsereins will in die Fremde, unsereins will mit dem Kopf durch die Wand.« (DNA 63f.) Die beschriebene Situation findet sich literarisch unter anderem im Prosatext Die Fehler des Kopisten verdeutlicht, in dem Strauß sich auf die Innenseite der Differenz Individuum/Gesellschaft begibt und die Erzählung erst anhand der unzähligen Differenzen ihre abgrenzende Form gewinnt. Der Erzähler, übersatt von Gesellschaftskontakten, zieht sich in die Einöde der Uckermark auf »ein[en] komfortable[n] Hochsitz mit freiem Blick« (FDK 7) zurück, doch die Gesellschaft hallt mit all ihren negativen Merkmalen nach.528 Sie ist dem Exkludierten abwesend und präsent zugleich: 527 Peter von Becker: »Platos Höhle als Ort der letzten Lust. Das Motiv der Liebe, am Abend der Aufklärung – Zu den neueren (Theater-)Texten von Botho Strauß«. S. 12. 528 Die Positionierung des Textes in der Frage der Autorauthentizität ist problematisch. Er weist semi-autobiographische Züge auf und davon handelt, dass der Erzähler sich in die Uckermark zurückzieht, um von dort über die veränderte (und globalisierte) Gesellschaft zu reflektieren, der er mit seinem Sohn entflieht. Auch der Autor Strauß hat in den frühen 1990er Jahren seinen Lebensmittelpunkt in die Uckermark verlegt und wurde einige Jahre zuvor Vater. Strauß kehrt jedoch anders als der Erzähler regelmäßig in seine Wohnung in Berlin und zum pulsierenden Leben der Großstadt zurück. Diese Pendelbewegung zwischen den Au- ßenpunkten Dorf und Metropole beeinflusst wiederum seine seitdem erschienenen Texte und es spiegelt sich die empfundene Realität des Autors in manchen 352 »Wenn ich mit Menschen verkehre, steht die Zeit kopf. Wende ich mich ab, so liegt sie träge und üppig, unschlüssig, sogar ein wenig lasziv über den Hängen. Nur mit den Vögeln vorm Fenster, den Balken über dem Kopf höre ich nichts als leere Zimmer und das leise Brummen von Adaptern, die Ladegeräusche einiger elektronischer Geräte, Anschluß der stillen Warte an die heftige Welt.« (FDK 8, vgl. auch FDK 13) In beiden Texten gelingt es den Erzählern nicht, die von Dederichs angemerkte »diffuse kulturelle Wirklichkeit« hinter sich zu lassen auch weil das stetige Leiden an ihr programmatisch-befriedigend werden kann: »Immer geht es um […] zutiefst ambivalente Gefühle des Individuums in der modernen Gesellschaft, das die Kultur der Moderne gleichzeitig bejaht und neurasthenisch an ihr leidet«529. Die soziologische Perspektive führt zur gleichen Erkenntnis wie die Literaturkritik und Literaturwissenschaft; doch worin besteht nun der Mehrgewinn, eine weitere Interpretationssicht oder -form zu bemühen? Die Soziologie trägt zur breiteren Erschließung der gesellschaftlichen Basis bei, wie dies auch eingangs thematisiert wurde, indem sie die aus literaturwissenschaftlicher Sicht diffusen Begriffe wie Welt, Wirklichkeit oder Kommunikation näher beschreibt und so Termini zur Verfügung stellt, die präzisere (das heißt in der sozialen Wirklichkeit erprobte) Beobachtungen und Beschreibungen als in der Literaturwissenschaft ermöglichen. Beispielsweise stellt eine systemtheoretische Sicht die Differenz statt Einheit und Identität als die grundlegende Veränderung in das Zentrum der Wahrnehmung. Die bewusste Auflösung von bestehenden Zusammenhängen in nebeneinander existierende Größen setzt voraus, anders wahrzunehmen, indem, wie Luhmann es beschreibt, eine »Umorientierung von Einheit auf Differenz«530 vollzogen wird. Von der initialen Unterscheidung und entsprechenden Folgeunterscheidungen ausgehend wird eine Sicht etabliert, die flexibler reagieren kann auf das, was gesehen wird. Appliziert man Systemtheorie auf Literatur und ihre Figuren, wird Textstellen in der empfundenen Realität des Erzählers wider. Dieses mag einerseits eine poetologische Erzählpraktik sein, andererseits aber auch ein Beispiel für ein glokalisiertes Lebenskonzept, in dem unterschiedliche Bereiche co-existieren und einander beeinflussen. 529 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 295. 530 Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?. S. 23. 353 deutlich, wie stark die vollzogene Trennung in System und Umwelt, oder konkreter in das Dasein und – wie Peter Fuchs schreibt 531– etwas, das dies nicht ist, die Selbstwahrnehmung der Figuren dominiert; in kontemporärer Literatur tiefgreifender denn je. So ist für Strauß, wie oben schon gezeigt, die altertümliche Fremdreferenz auf einen Gott in der Gegenwart keine alleinige Heilsoption mehr. Es verwundert daher nicht, dass Strauß in seinen Texten Gott-Bezüge und religiöse Reflexionen durch Umschlagen in Technik-Reflexionen oder Naturbeobachtungen ausgleicht oder sie als Gegenpositionen zueinander zur Rezeption anbietet, jedoch ohne dabei in eine allzu strenge Dialektik zu verfallen. Bereits Ende der 1980er Jahre reflektiert Strauß in Niemand anderes beispielsweise den Begriff der Apokatastasis unter dem Gesichtspunkt der zyklischen Wiederherstellung aller Verhältnisse, der Gleichheit. Strauß´ zyklisches Geschichtsverständnis korrespondiert an dieser Stelle mit einem religiösen Zyklus, Strauß negiert »das Flammen-Ende« (NA 131), das viel stärker in das Bewusstsein des einzelnen Menschen eingebunden ist, und kritisiert den »Abstieg des religiösen Stoffs in den Weltbetrieb« (NA 131) sowie die ›Vergesellschaftung der Heilsgeschichte‹ (vgl. NA 131). Religion mit ihrem Medium ›Glauben‹ und der Leitdifferenz Immanenz/Transzendenz vermag durch Dogmen oder Rituale (ihrem Programm) auf gewisse Weise Komplexität zu reduzieren,532 wie Strauß schreibt: »Ohne Teufel und Engel verheddert sich der Menschengeist in unerschöpflichen Komplexitäten« (NA 143). Neben der Religion sieht er andere Bereiche (oder auch: Funktionssysteme) der Weltdeutung an Relevanz verlieren: Kunst, Philosophie, Kritik, später auch Wissenschaft, bis der Mensch »im vollendet Bedeutungslosen« angekommen ist (NA 143f.), ähnlich betrifft es auch die Sprache, deren Penetrationskraft schwächer und schwächer wird (vgl. NA 142, 151). An dieser Stelle zeigt Strauß den Wunsch nach Indifferenz, um den Veränderungen zu entgehen beziehungsweise diese einfach nicht mehr wahrnehmen zu können oder müssen. Ein Rückblick auf frühere Texte setzt die Religionsbezüge, die sich in Der Untenstehende finden, in einen größeren Werkkontext. Niemand 531 Vgl. Peter Fuchs: Die Psyche: Studien zur Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt: »Es ist schließlich eine der zentralen Abstraktionen der Theorie, daß man Systeme – jedenfalls dann, wenn sie als sinnbasiert begriffen werden – nicht auffassen kann als Lagen, Räume, Dinge, als Gegeben- und Vorhandenheiten, sondern immer nur: als Differenzen eigentümlicher Art. Ein System ist das, was es ist, durch das, was es nicht ist, und das, was es nicht ist, ist das, was es ist: durch das System. Weder System noch Umwelt sind ohne einander irgendetwas« (S. 9). 532 Vgl. Niklas Luhmann: Die Religion der Gesellschaft. S. 77, 271. 354 anderes nimmt Gedanken zum Ende der Welt vorweg und sieht es als wandelbares und stets konstituierendes »Mythologem« (NA 132) unterschiedlichster Gruppierungen. Es zeigt sich »als Naturkatastrophe, Götterdämmerung, Weltbildsturz oder Terracid« (NA 132). Ein Rest Religiosität bleibt erhalten, denn »Enden läßt sich nicht restlos säkularisieren« (NA 132), wie Strauß mit einem Seitenblick auf die so technisierte wie vernunftbasierte Informationsgesellschaft feststellt. Weiter heißt es: »Im Gegenteil, der Glaube an die totale Politisierbarkeit unseres Geschicks, an die Technizität und Machbarkeit des Nicht-Endens ist Aufklärung bis zur Verblendung« (NA 132). Als Subtext ist hier zudem jene atomare Bedrohung auszumachen, die das gesellschaftliche Klima der 1980er Jahre prägt und die Strauß »als den heruntergeholten, zur Disposition gestellten Jüngsten Tag« (NA 132) sieht. Strauß ist nicht allein mit seiner Angst. Zum Beispiel äußert Günter Grass bereits 1982 mahnend »[u]nsere Gegenwart macht Zukunft fraglich«533, zwischen 1984 und 1986 entsteht der Apokalypse-Roman Die Rättin, Ulrich Beck beendet das Manuskript zur Risikogesellschaft Anfang 1986, Strauß veröffentlicht Niemand anderes im März 1987. Der GAU von Tschernobyl ereignete sich in zeitlicher Nähe zu den Veröffentlichungen, wodurch die Autoren unfreiwillig zu zeitaktuellen »negative[n] Utopisten« (NA 133) werden, deren Texte durch die tatsächlichen Ereignisse neue Dimensionen erhalten. Die Realität bestätigt einige der literarischen Zukunftsvisionen. Strauß’ Position in Niemand anderes ist nicht stringent ausgearbeitet, sie oszilliert zwischen sachlicher Technik- und Religionskritik sowie einer diskursiven Kritik der »ungläubige[n] Apokalyptiker« (NA 133), ohne selbst eindeutig Stellung zu beziehen. Das »Odeon«- Kapitel schildert Auswirkungen auf Umwelt, Welt und Gesellschaft und hinterfragt zugleich die Zustände und Daseinsbedingungen. Der Text nimmt Gedanken vorweg, die Strauß wenige Jahre später in Beginnlosigkeit einer weiteren Reflexion unterzieht. Die Auseinandersetzung mit den Themen Entstehung, Ende, Raum und Zeit (vgl. NA 133) zieht sich als Inhaltslinie durch die Texte seit Paare, Passanten (»Die Abschreckung ist um den Preis des grenzenlosen Schreckens in jedermanns Brust erkauft worden, vielleicht auch um den Preis der Zerstörung unserer geistigen Widerstandskräfte, unserer Ökonomie, unserer Sozietät« (PP 167)) über Niemand anderes hin zu den Essays und den Texten der jüngsten Gegenwart. Strauß schildert im Kontrast zu einem geschichtsbewussten Menschen einen »ne- 533 Günter Grass: »Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen. Rede zur Verleihung des Internationalen Antonio-Feltrinelli-Preises für erzählende Prosa in Rom«. S. 830. 355 gative[n] Utopisten«, der auf eine »gesellschaftlich[e] Erlösung« (NA 133) hofft. Das ist anders gewendet der »Kulturschock«, den Strauß in »Anschwellender Bocksgesang« (AB 63) einfordert und der das Dilemma der Außenseiter vielfach umreißt und zu dessen Grundgedanken wird. Es bleibt in diesem Zusammenhang festzustellen, dass Strauß auch in Der Untenstehende Gedanken zur Beginnlosigkeit und Unendlichkeit aufgreift und sie in den Kontext einer Reibung von zeitlichem Zyklus und zeitlicher Linearität stellt, sie mit Religionsskepsis und Kritik am Fortschrittsglauben paart. Strauß’ Auseinandersetzung mit Religion geht also über das Religiöse hinaus. Diese Form der Verbindung wirft die Frage auf, ob Beginnlosigkeit hier weitergedacht wird. Strauß schreibt: »Innovationen im Religiösen sind ebenso unmöglich wie die Vermehrung des Unendlichen. Auch kann es eine ›neue‹ Einsamkeit nicht geben. Hier ist der Rückgriff jedem Fortschritt voraus. Die Einsicht in die Gestalt der Wiederkehr oder in Kreisläufe konnte nirgends den Flug des Zeitpfeils aussetzen, zuletzt nicht einmal mehr in der Quantenmechanik, die Gesetze irreversibler Prozesse gelten für universal. Daher sind wir auch nicht in den Grundfesten unseres Fortschrittsglaubens zu erschüttern. Neben dem Gläubigen und dem Skeptiker darf der Fortschrittsagnostiker nicht fehlen. In seinem Weltbild regiert das Auf und Ab, die blobs and hops, die Hupfer und Tupfer, die Blasen im Fumarolenschlamm, die unregelmäßig da und dort sich blähen und zerplatzen, ohne daß es zum großen Beben kommt. Sie markieren die wechselnden Bewegungszentren einer umfassenden Ständigkeit.« (UAZ 31f.) Im direkten Vergleich fällt nun auf, dass Strauß in der Vorstudie einen Standpunkt wählt, der näher am Geschehen liegt. Zudem sticht ein weiterer Aspekt hervor. »Schaumgekräusel« (UAZ 155), blähende und zerplatzende »Blasen«, »Fumarolenschlamm« bilden an dieser Stelle ein Metaphernfeld, das ähnlich auch die Grundlage für Peter Sloterdijks Sphären- Projekt stellt, das dieser zwischen 1998 (Sphären. Mikrosphärologie: Blasen), 1999 (Sphären. Makrosphärologie: Globen) und 2004, wenige Monate nach Strauß’ Der Untenstehende auf Zehenspitzen, (Sphären. Plurale Sphärologie. Schäume) veröffentlichte. Die Wahl derartiger Visualisierungsmetaphern von sich bildenden oder auflösenden Membranstrukturen vermittelt Globalisierungsprozesse minimalster Größe oder Ausdehnung. Ein Verfahren, das vergleichbar ist mit der Fleckstruktur, die in Beginnlosigkeit zur Anwendung kommt. Aus dem Fortschrittsskeptiker aus »Wollt ihr das totale Engineering?« wird in der Weiterentwicklung ein Erzähler, der über diesem steht. 356 Die eingezogene Zwischenebene erlaubt eine Distanz, die die Option eines »großen Beben[s]« erkennbar werden lässt, auch wandelt sich in feinerer Nuancierung die Benennung der Ständigkeit von »unwandelba[r]« zu »umfassen[d]«. Dass Strauß eine zusätzliche Reflexionsebene einzieht, offenbart zugleich die Ausdifferenzierung seiner Gedanken, die zuvor noch lauteten: »Seltsam, daß wir letztlich immer noch mit all unseren Gedanken in die Falle des Fortschritts rennen, den Rachen der Zeitlichkeit zu stopfen suchen. Die Erkenntnis des Kreises und der Kreisläufe ging uns noch nie zu Herzen. Das Auf und Ab, die blobs and hops, die Hupfer und Tupfer, die Blasen im Fumarolenschlamm, die unregelmäßig da und dort sich blähen und zerplatzen, wechselnde Bewegungszentren einer unwandelbaren Ständigkeit – so würde mir ein Weltbild heute einleuchten.« (WTE) Es bleibt zu hinterfragen, warum Strauß in genau dieser Form die Transzendenz und Immanenz verhandelt, die zugleich die Leitdifferenz jedweder Religion bilden.534 Strauß leitet seinen Gedanken mit einer Negation ein und beschreibt erneut einen Zustand jenseits der Zeit bei gleichzeitig überpräsenter Zeitanwesenheit. »Fortschrittsglaube« (UAZ 31, 97) wird von Strauß mit ›Fortschrittsagnostik‹ verbunden und zugleich wieder getrennt. Solche Verbindungstrennungen, die ebenso paradox sind wie dieser Adhoc-Begriff selbst, finden sich zuhauf in Strauß’ Texten. Sie sind Ergebnis einer flackernden und driftenden Beobachtung oder oszillierender Referenzialitätssetzungen, die in enger Folge Differenzen mit Einheiten 534 Vgl. hierzu auch Luhmann: Soziale Systeme. S. 624f.: »Selbstreferentielle Autonomie auf der Ebene der einzelnen gesellschaftlichen Teilsysteme wird erst im 17./18. Jahrhundert eingerichtet. Vorher hatte die religiöse Weltsetzung diese Funktionsstelle besetzt. Vielleicht kann man sagen, daß der allem Erleben und Handeln zugedachte Bezug auf Gott als heimliche Selbstreferenz des Gesellschaftssystems fungierte. Man sagte etwa, ohne den Beistand Gottes könne kein Werk gelingen. Damit waren zugleich gesellschaftliche und moralische Anforderungen fixiert. Die religiöse Semantik war jedoch nicht als Selbstreferenz der Gesellschaft, sie war (und ist auch heute) als Fremdreferenz, als Transzendenz formuliert. Erst mit der Umstellung des Gesellschaftssystems von stratifikatorischer auf funktionale Differenzierung wird es nötig, die mitlaufende Fremdreferenz durch mitlaufende Selbstreferenz zu ersetzen, weil die neue Differenzierungstypik die hierarchische Weltordnung sprengt und die Funktionssysteme autonom setzt«. Vgl. des Weiteren die Teilbereichsanalyse zur Religion als sozialem System: Luhmann: Die Religion der Gesellschaft. Insbesondere S. 77-92. 357 von Differenzen konfrontiert. Christine Winkelmann geht einer ähnlich lautenden Frage in Bezug auf Strauß’ Shakespeare-Adaption Der Park nach und ihre Ergebnisse lassen sich uneingeschränkt auf den Untenstehenden anwenden: »Was hat dies alles mit der Gefühlsmotivik zu tun? Um Wahrnehmung und Weltbezug sollte es gehen –. Der Bezug zu Gott und der Bezug zur Welt entsprechen sich. Im gleichen Maße wie über die Veräußerung der Sinne, die Entsinnlichung des Weltbezuges, der Kontakt zwischen Innen und Au- ßen, Mensch und Welt unterbrochen wird, schließt sich auch die Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz. Die Welt schließt sich hermetisch gegen den Himmel ab. Begrenzt durch eine Mauer aus Spiegeln produziert der Mensch eine illusionäre Welt, die ihn als seine Projektion immer wieder aus den Spiegeln heraus ansieht.«535 Winkelmann betont in ihrer Studie religiöse Bezüge in verschiedenen Texten von Strauß, die vor 1990 erschienen sind, und zweifelsfrei nimmt das Religiöse großen Raum ein, es kann jedoch, wie oben deutlich wird, nicht vom Weltlichen getrennt werden und vereinigt sich stattdessen mit letzterem. Später heißt es ergänzend: »Gott wie die Protagonisten haben bei Strauß nur sehr vermittelt mit der Welt zu tun«536. Konkret bedeutet dies, dass Strauß, indem er Religion als eine Option von vielen thematisiert, hierdurch eine Gleichberechtigung mit anderen Weltsichten, wie beispielsweise der naturwissenschaftlichen Weltsicht in Beginnlosigkeit oder der gesellschaftszentrierten in Die Unbeholfenen, ermöglicht wird. Wenn sich die Welt vom Himmel, das heißt: der Gottessphäre, abgrenzt, grenzt sie sich auch von anderen Sphären ab. Die Wiedergabe eines durch eine digitale Projektion verzerrten Himmelsbildes in Vom Aufenthalt deutet in beide Richtungen. Doch was geschieht in dieser Isolation, ist sie eine vollkommene? Eine Lösung dieses Dilemmas liegt in der Selektion von Bezügen. Strauß zeigt an seinen Figuren, wie sie zwischen verschiedenen Heils-, Erlösungs- und Anschlussmöglichkeiten wählen und so permanent entlang von negativem und positivem Feedback ihr weiteres Verhalten in der Höhe, Breite und Tiefe anpassen. Am sichtbarsten tritt dies in den Dramen hervor, da Rede und Gegenrede unmittelbar verdeutlichen, ob ein Anschluss an die jeweilige Sphäre gelingt oder scheitert; die inhaltliche Ausrichtung ist in diesen Momenten von sekundärer Bedeutung. Dies moti- 535 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹. S. 28. 536 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹. S. 34. 358 viert auch die hohe Wechselfrequenz zwischen Themen, Ansätzen und Fragmenten in den Dramen und Prosatexten, die vielfach Dialoge oder Überlegungen in der Figurenrede absurd, provisorisch oder fahrig, im Prosatext überspitzt, mitunter theatralisch, manchmal dogmatisch wirken lassen. Dahinter, das heißt hinter den stetigen Referenzialitätswechseln, steckt jedoch rhetorische Absicht. Rüdiger Görner formuliert es ähnlich und hebt hervor, dass Strauß sich als Autor und nicht als journalistischer oder soziologischer Kulturkritiker äußert: »Zu bedenken ist dieses: Strauss schreibt nicht primär als Kulturkritiker, sondern als Schriftsteller. Nahezu jede seiner Thesen könnte einer seiner Bühnenfiguren zugeordnet werden. Und tatsächlich gewinnt man bei der Lektüre seiner Aphorismen und essayistischen Textstücke den Eindruck, als seien sie einem Stück entfallen und gehörten mitten in einen Dialog oder Monolog. Was einem Band wie ›Der Untenstehende auf Zehenspitzen‹ nur noch fehlt, sind Regieanweisungen, Szeneneinteilungen und ein paar Akteure.«537 Der Kommentar zur Textgestaltung ist wichtig. Etlichen von Strauß’ Texten fehlt die Genrezuweisung und textinterne Genrevermischungen sind häufig zu finden, wodurch die Bruchhaftigkeit der intendierten Botschaften stärker in den Vordergrund tritt. Strauß rahmt das scheinbar zusammenhanglose Gerede durch Versuche der Sinnsuche, der Re-Orientierung, der Wiederherstellung von Ordnung, das so gesehen auch ein Re-Entry ist. Jede Pause, jeder Leidensausruf, jede Emphase ist kalkuliert. Will man dies unter einem Begriff subsumieren, bietet sich eine Anti-Perspektive an, um Strauß’ Kulturkritik besser erschließen zu können, denn seine Gegenpositionierung mündet in einem ›Gegen‹ als Kulturbasis: »Anhänger der Gegenrevolution, der Gegenreformation, der Gegenkommunikation ... Genealogie von Überträgern, die aus dem Rücken leben, aus dem Rücken vorausschauen – und sich irren wie alle anderen« (UAZ 112). In Strauß’ Kulturkritik gehört, wie Ronald Pohl in seiner Rezension des Untenstehenden schreibt, »das verächtliche Herummäkeln an der Kurzatmigkeit unserer Wohlstandsgesellschaft zum Standardrepertoire von Kulturbetrachtung. Die ›Gefahr der destruktiven Toleranz‹, die Strauß in ungezählten Notaten im Mund 537 Rüdiger Görner: »Wider die Statisten der Stille«. S. 39. 359 führt, reicht das Argument der durchschlagenden Wirkungslosigkeit an die Betreiber unserer Kultur weiter.«538 Über dieses Rückspielen bekommt die Kritik eine größere Intensität, denn sie verdeutlicht durch den Kommentar im Sinne einer Negativdefinition die Ausgestaltung der kritisierten Phänomene und Ereignisse. Strauß’ Rückzug ist dabei nur ein Baustein. Als 2013 erst der Essay »Der Plurimi- Faktor – Anmerkungen zum Außenseiter« im Spiegel und kurze Zeit später der Band Die Lichter des Toren: Der Idiot und seine Zeit sowie 2014 Herkunft erscheinen, drängt sich die Einsicht auf, dass Strauß’ Rückzug aus der globalisierten und ausdifferenzierten Gesellschaft mehr als nur eine verschrobene Marotte ist. Die Distanzierung stellt vielleicht den letzten Versuch dar, der Globalisierung der Außenwelt und somit in der Konsequenz auch den Zugriffen auf die Innenwelt zu entkommen, bevor alle Grenzen aufgelöst sind und das Innere im Äußeren aufgeht und in der Globalität verwässert (vgl. ZOV 96). Strauß’ Texte sind Versuche, sich eine gesicherte geistige Heimat zu erschaffen, weil die gesellschaftliche zunehmend nur noch aus Fragmenten besteht. Ein Gedanke, der sich so schon in Paare, Passanten findet und in gewisser Weise einen beständigen Subtext in den meisten der Prosatexte und Essays ausmacht: »Man schreibt einzig im Auftrag der Literatur. Man schreibt unter Aufsicht alles bisher Geschriebenen. Man schreibt aber doch auch, um sich nach und nach eine geistige Heimat zu schaffen, wo man eine natürliche nicht mehr besitzt.« (PP 103) Strauß ist sich dabei bewusst, »[e]ine Anomalie zu sein inmitten der geregelten Zonen der Abnormitäten« (UAZ 22) oder wie es verständlicher in »Der letzte Deutsche« heißt: »Ich bin ein Subjekt der Überlieferung, und außerhalb ihrer kann ich nicht existieren«539 (DLD 123). Er betrachtet sich 538 Ronald Pohl: »Der verlegte Schlüssel zum Weltverständnis«. 539 Vgl. zudem Niemand anderes. Strauß schreibt dort: »Meine Auffassungen sind nicht unbeeinflußt geblieben vom Elend so mancher Gemeinschaftsmenschen, das ich kennenlernte, nachdem sie ihren Verbund plötzlich verloren hatten und völlig unberaten zurückblieben, da sie all ihr starkes Gewissen und ihre energische Richtung ausschließlich von dort empfangen hatten. Natürlich ist es eine Donquichotterie – es ist sogar ein großer Unfug, Ich zu sein. Vermutlich das letzte Ich, das letzte Subjekt überhaupt: nach mir die Systeme, die Programme ... Aber dennoch. Was weiß man schon von unseren tragischen Progressionen? Es könnte alles auch anders kommen. Das Allgemeine wird funktionieren und seine Funkti- 360 als ›stillen Stauner‹ (vgl. UAZ 22). Die Exklusion impliziert eine abgesonderte Beobachtungsposition. Der Untenstehende enthält Anmerkungen, die erläutern, dass die Exklusion vor der Welt und dem Netz als ihrer Metapher schützt: »Wenn man sie fragt, geschäftige Zeitgenossen, warum klammert ihr euch an soviel Uninteressantes? So antwortet der eine oder andere: Es herrscht doch Desorientierung …!« (UAZ 45). Desorientierung ist eine treffende Beschreibung für jene Versuche der Anschlussfindung, die Strauß in Der Untenstehende thematisiert. Sie hängt zudem mit der Desidentifikation, die er hier mit dem Epochenwechsel verbindet und in Die Unbeholfenen weiter ausbaut, sowie der Digression zusammen. Beides bringt Strauß nach einem Perspektivenwechsel zum Ausdruck und plädiert für eine gesteigerte Akzeptanz der heilenden Wirkung einer solchen Verwirrung, so wird »die schöne Desorientierung« zum Gegenpol des »Soziale[n], die zudem zu einem »Prozeß der Selbstheilung« in der Gesellschaft werden kann »wie einst der Glaube« (UAZ 46). Doch Strauß gibt sich keiner Illusion hin: »Man würde akademisch vielleicht von einer systememergenten Korrektur sprechen. Und schon mit diesen Worten bliebe es bei der alten Richtung ... Es ist nicht zu übersehen, daß sich die überwiegende Mehrzahl der Wortführer (Eliten) auf einem gleichmäßig ausgetasteten Niveau der Intelligenz bewegt. Ausschläge zu wilder Klugheit und glühender Einfalt sind eher schwach und selten.« (UAZ 46.) Die Abkehr vom Sozialen des Erzählers im Spiegel einer gleichzeitig anwachsenden Selbststrukturierung und Selbstreproduktion der Gesellschaft prägen diese Reflexion. Strauß beschreibt auf eine weitere Weise die bekannte Differenz von Subjekt und Umwelt und distanziert sich im gleichen Moment von akademischen Interpretationen dieser Differenz. Intelligenz scheint für Strauß eine der maßgeblichen Deutungs- und Anpassungskapazitäten zu sein, um auf die veränderten Bedingungen reagieren zu können. Hierbei kommt es trotz aller Ausgleichs- und Anpassungsversuche zu einem Komplexitätsgefälle zwischen der vernetzten Umwelt und dem individualisierten Subjekt: onen werden wesenlos lächeln. Der Einzelne aber wird einzelner sein als je zuvor in der Geschichte« (NA 192). 361 »Je neuronaler das Ding, das Netz, der serielle Prozessor, um so benehmender wirkt es auf die Nervigkeit der Reflexionen, um so schmächtiger fällt das Denkgebilde dem Ding gegenüber aus. Wir gelangen vom Benehmenden der Dinge zu einer subjektiven Benommenheit. Unter Umständen sogar zu einer neuartigen Trance.« (UAZ 46) Wie ersichtlich ist, ist die gesellschaftliche Komplexität wesentlich größer, als das Subjekt sie zu reduzieren in der Lage ist. Die Konsequenz ist ein taumelnder Rückzug. Je mächtiger die Umwelt sich gibt, desto stärker vermindert sich das Bewusstsein der Akteure in der Gesellschaft, weil der Einzelne nicht mehr an sie anschließen kann. Strauß reformuliert diesen Gedanken an späterer Stelle im Text: »Die Exklusion erhält nicht nur das Wissen wissenswert, sie dient zugleich dem Wohl und Bedürfnis aller, weil sie davor bewahrt, daß ein Gemeingut schließlich nur noch aus Halb- und Unverstandenem besteht« (UAZ 138). Dies bedeutet anders ausgedrückt, dass ein gewisser Grad an Exklusion förderlich für die Gesellschaft ist. Anders gewendet ist es die Zeit des Außenseiters. In diesem Kontext ist daher erneut auf die gesellschaftliche Erscheinung des Schwachsinnigen hinzuweisen. Strauß geht jedoch nicht darauf ein, welche Anzahl von Exkludierten eine Gesellschaft genau benötigt oder verträgt, um nicht in das Gegenteil umzuschlagen, welches in diesem Fall eine Gesellschaft der zerbrechenden Funktionssysteme wäre. Trotz aller technischen Entwicklungen sind die gesellschaftlichen Funktionssysteme wie Bildung, Politik, Wirtschaft und so weiter zwar nicht von konkreten Personen, aber dennoch von einer signifikanten Menge an Kommunikationen abhängig, zu denen Menschen Input beisteuern. Strauß nähert sich über Umwege dennoch dieser Frage an, indem er »Insel-Intelligenz« (UAZ 59) mit Vermassung und Verblödung konfrontiert. Ein Gedanke beziehungsweise Versuch, der nicht originär ist, sondern schon frühmoderne Kultur- und Gegenwartskritik bestimmt. Strauß reagiert vielleicht aus dieser Gewissheit heraus ausgesprochen drastisch in seinen Formulierungen, ohne eine konkrete Position zu beziehen. Diese Erregungsdialektik beinhaltet rhetorisches Mittel und Blutrausch zugleich. Strauß beschreibt ein Gedankenexperiment: »Man stelle sich vor, einige hundert über ihr eigenes unseliges Wissen zutiefst betrübte Diaboliker versuchten eine Masse von ein paar Millionen Imbezillen zu bewegen, denen sie zuvor den Verstand aussaugten, um den ihren grenzenlos zu machen« (UAZ 59). Soweit die Nähe zur Sequenz aus Rumor und die Metapher über Vernetzung, Medien und Kommunikation. Zwei Dekaden später verzweigen sich in der Konse- 362 quenz die Verhältnisse (abstrakt formuliert: ›Krankheiten beseitigen‹ und »immer neue Ereignis- und Erlebniswelten zu konstruieren« (UAZ 59)) bei gleichzeitiger Phlegmatisierung der Massen (»die besagten Millionen verfügten über keinen eigenen Antrieb mehr, sie waren wie durch eine Pharmapille stillgestellte Horden, denen es völlig gleichgültig war, ob sie leben, grinsen oder gehen mußten« (UAZ 59)). Die Synthese beider Zustände lautet dann folgerichtig: Heute selegiert allein der Druck, den die Masse der Blöden auf das System insgesamt ausübt, die Begabten. Sie bilden indessen eine Insel-Intelligenz, die keine bessernde Wirkung mehr auf die ausübt, die am kargen Ufer zurückblieben.« (UAZ 59) Strauß konstruiert eine Reihung, die den negativ dargestellten »Diaboliker« gegen die ruhig gestellte Masse stellt, um im direkten Anschluss die Diaboliker in »Begabt[e]« umzudeuten. Dies verschleiert er hinter dem geschilderten Energietransfer, der erneut an die dystopischen Realitäten aus Kunst, Literatur oder Kino denken lässt. Eine solche Umkehrung der Vorzeichen oder Doppelperspektive auf Gruppen oder Zusammenhänge erschwert die Deutung, weil Strauß’ eigene Positionen nicht greifbar sind. Sie zielen möglicherweise darauf ab, sich gegen Vereinnahmung zu schützen oder sind, und dies ist aus meiner Sicht wahrscheinlicher, Ergebnis der gesellschaftlichen Komplexität. Kurz: Es gibt keine eindeutigen Wahrheiten mehr. Dafür spricht auch, dass er in der Fortsetzung die Begabten näher untersucht, die beschriebenen Verhältnisse ein weiteres Mal wendet und der kulturellen Minorität nachweist, selbst ähnlich verblendet zu sein wie die von ihnen verachtete Masse (vgl. UAZ 59f.). Strauß benennt einen Kulturkampf, der in der überinformierten und überkorrigierten, selbstbeschränkten Gesellschaft tobt. Der ihr inhärente Grundkonflikt ist eine Notwendigkeit, die durch die Beschaffenheit der gesellschaftlichen Realität bedingt wird. Und es ist ein weiteres Beispiel für das ›fading der Dinge‹ (vgl. ZOV 103), die erst ihren Kern verlieren und dann auf absurde Weise aufgewertet und als authentisch re-inszeniert werden: »Die Schönheit wird die Welt erretten, meinte Dostojewski. Doch sie entzieht sich mehr und mehr unserer Wahrnehmung. In einem Lifestyle- Leben dekoriert man Dekorationen. Attrappen werden Wunderdinge. Spätere könnten uns vor allem ein verblüffendes Nachlassen der sinnlichen Unterscheidungskraft vorhalten. Es wird heißen, wir seien nicht imstande 363 gewesen, die Dimensionen unserer materiellen Welt sorgfältig zu differenzieren. Wir hätten die Tapete für die Wand, den Trick für ein Mysterium, Brot und Spiele für Kultur gehalten. Gefahr der destruktiven Toleranz: jeder für sich und alle gleichberechtigt. Die Ästhetik, die keine Feinde mehr kennt, zerstückelt sich selbst. Jeder einzelne Künstler verbrämt sein Tun mit einer für alle Kunst gültigen Theorie – und wäre doch erschrocken oder erbost, wenn ein zweiter genauso dächte wie er.« (UAZ 60f.) Hier scheint auch durch, dass die Desorientierung der zunehmenden Indifferenz geschuldet ist. Ohne die Fähigkeit zur Unterscheidung verkommt die Wahrnehmungsfähigkeit, was laut Strauß überwiegend die Masse betrifft. Problematisch mutet an, dass Strauß vor allem in den letzten drei der hier zitierten Passagen die Unterscheidung zwischen Masse und kultureller Elite stark abschwächt und somit keineswegs deutlich wird, ob die Elite nicht bereits ein ebenso geschwächter Teil der Masse ist, auch weil »elitärer, individueller Wille ein Luftgeist« (UAZ 116) ist, der sich den »Massengesellschaften« (UAZ 116) unterordnet? Inwieweit hier, das heißt zum Veröffentlichungszeitpunkt 2004, bereits eine Kritik der Überästhetisierung in der Selbstinszenierung der Massen im Internet anklingt und sich zu einer Inhaltslinie entwickelt, wird eine Analyse von Die Lichter des Toren von 2013 zu beantworten versuchen, denn es wurden bisher Stellen beleuchtet, die eine solche Inhaltslinie eröffnen können. Strauß hat, wie die vorherigen Analysen aufzeigen, schon früh die Digitalisierung thematisiert. Gerade in Beginnlosigkeit und der Essayistik spielen Anfänge und Zirkelschlüsse im Schatten der Technisierung eine wesentliche Rolle und Strauß scheint bewusst mit den Brüchen, die sich hieraus ergeben, zu arbeiten. In Der Untenstehende heißt es: »Die Illusion, daß etwas zu Ende gehe, gehört noch zum Zeitalter der Revolutionen. Wenn jeder seinen Standpunkt aufgäbe, beträfen ihn keine Beschleunigungen mehr. Keine sterbende Zeit ist möglich. Dafür fehlt jeder Sinn und jedes Sentiment, so wie wir leben, unter den vielen Verschüttungen.« (UAZ 15) Strauß betont hier einerseits, dass sich die Verhältnisse ändern, jedoch nicht in Richtung eines totalen Stillstandes, und andererseits, dass Zugänge versperrt oder verschüttet sind. Dies liegt, wie er weiter ausführt, an 364 gleichzeitig verlaufender Vernetzung und Auflösung. Strauß kontrastiert »schöne elektronische Schatten, die ideale Digital-Erscheinung« mit der »›klassischen‹ Gestalt«, der »körperlich-seelischen Anfaßbarkeit«, der »naiven und eindimensionalen Assoziationen« (UAZ 15). Ein Ausschlag in eine Richtung scheint sich nicht abzuzeichnen: »Der Digitale liefert dir eine Fülle an kostbarem Material, das verwegenste Wissen, und legt es dir zu Fü- ßen, das Netzgezücht umwirbt den Altexistentiellen« (UAZ 15). Strauß schildert über die Analogien des Menschlichen und der Digitalrepräsentationen, welche Anschlüsse möglich werden, wenn sich der kulturkritische Geist auf das Netzwerk einlässt und warnt indirekt vor der Vereinnahmung. Das Netz ist gefräßig und droht den Geist einzusaugen. Insofern ist die kleine Gruppe der Diaboliker in diesem Kontext als Personifizierung des Netzes auslegbar. Es wäre folglich eine weitere Metapher dafür, wie die Autonomie des Menschen zugunsten einer Auflösung in die Sphäre angegriffen wird. Auflösungsprozesse dieser Art spiegelt Strauß vergleichbar in der Textgestaltung. Wenn man sich von den textinternen Reihungen und Brüchen entfernt, wird, wie Franziska Regner herausarbeitet, eine weitere Konnotation oder Bedeutungsdimension, die das Geschriebene untermauern soll, sichtbar. Regner untersucht in verschiedenen Prosatexten von Botho Strauß die Bedeutung der intertextuellen Vernetzung in Form von grafischen Leer- und Zwischenräumen und den daraus entstandenen dialektischen Sprüngen. Die Autorin präpariert minutiös narrative Hypertext- Strukturen zur Beschreibung von Subjekt-Welt-Verhältnissen heraus, geht aber nicht auf konkretere Ausformungen der Globalisierung in den Texten ein, sondern widmet sich zuvorderst der Fragestellung, wie diese Brüche inszeniert werden. Ihr Ergebnis verdeutlicht, dass die Textgestaltung eine wichtige inhaltsunterstützende Funktion besitzt: »Die ständig ›sich störende[n], wechselseitig aufhebende[n] Perspektiven, Modi und Diskurse‹ werden visualisiert und sind in dieser Visualisierung für eine Auseinandersetzung mit Resonanzen des Globalen in den Prosatexten von Strauß weiterführend: Die verschiedenen Perspektiven werden nicht zu einem Ganzen verbunden. Vielmehr scheinen die überraschenden Momente des Bruchs im Vordergrund der Darstellung zu stehen, die das Schriftbild zu Chimären ganz verschiedener Ausprägung werden lassen. Im Gegensatz zu Perspektiven, Modi und Diskursen in global ausgerichteten Bereichen der Gesellschaft werden Brüche und fehlende Anschlussmöglichkeiten in den Texten von Strauß nicht verdeckt und zugunsten einer 365 möglichst störungsfreien Kommunikation an den – bisweilen unsichtbaren – Rand von Darstellung und Repräsentation gedrängt.«540 Brüche und Sprünge dienen dazu, einerseits Verbindungen nachzuspüren und anderseits in mehrere Richtungen zu denken oder Anschlüsse zu formulieren, um das volle Kontingenzspektrum erfassen zu können. Driftende, digressive Themensprünge stehen einer gradlinigen Rezeption in Teilen im Wege. Die Brüche und Verbindungen, die sich aus dieser poetologischen Methode ergeben, stehen auf außertextueller Ebene für eine Vernetzung, die ohne die Zwischenräume nicht auf Anhieb als solche zu erkennen wäre. Der Untenstehende auf Zehenspitzen ist ein Text, der zahlreich derartige Brüche aufweist, auch ist das Themenspektrum breiter als beispielsweise in Beginnlosigkeit. Die Globalisierungskritik manifestiert sich im Fall der in diesem Kapitel untersuchten Texte durch Beschreibungen von Übergängen und Zwischensphären und weniger von starren Grenzen wie in Die Unbeholfenen, auch wenn es bereits in Der Untenstehenden auf Zehenspitzen oder dem mehrfach hinzugezogenen Niemand anderes solche Anklänge gibt. Eine letzte und längere Passage, in der Strauß schildert, wie die Intimität des Zwiegesprächs541 in die Gesellschaft hinausgetragen wird, soll diese Ansätze verdeutlichen: »Wie ich schon sagte, es kam mir der Verdacht, daß seine Herzlichkeit, sein respektvolles Hineinhören in den anderen, sein Talent zur gemeinsamen Erörterung, letztlich einen außerhalb von uns beiden gelegenen Zweck verfolgten. Wie soll ich mich ausdrücken? Er suchte gewissermaßen die Gesellschaftsfähigkeit unserer Intimität zu prüfen. Er wollte in der nächsten Runde nicht länger mehr mit mir alleine sich austauschen, sondern mich einführen in einen ausgewählten Kreis Gleichgestimmter. (Worin? fragte ich mich, worin denn gleich-gestimmt? In allem? Weil man eben so fein aufeinander abgestimmt war?) Ich fühlte mich mißbraucht und irregeführt. Was ich für eine unzeitgemäße dialogische Menschenfreundlichkeit gehalten hatte, entpuppte sich als ein werbendes und prüfendes Vorspiel für eine gesellschaftliche Introduktion, wenn auch in den kleinsten Kreis, bei dem eine solche 540 Franziska Regner: »Horchendes Verlauten«. Globale Resonanzräume in den Prosatexten von Botho Strauß. S. 156. 541 Nur am Rande sei auf den Aufbau des Dialoges entlang einer Kette aus Mitteilung-Information-Verstehen sowie Folgemitteilung-Folgeinformation-Folgeverstehen verwiesen, vgl. UAZ 146-151. 366 Intimität, ein solch geduldiges Aufeinandereingehen zum guten Ton gehörte oder sogar als eine versnobte Gepflogenheit inszeniert wurde. Ich sagte daher zum Abschluß: ›Ich bin seit je ein Mensch gewesen, über den man sich in jedem Kreis, mit dem er kurz in Berührung kam und in dem später sein Name einmal wieder fällt, mit einem gemeinsamen stummen und traurigen Kopfschütteln einig ist.‹ Darauf wieder sein allzu herzhaftes Auflachen, das ich beim ersten Genuß unseres Gesprächs mit herzlich verwechselt hatte.« (UAZ 150) Explizit bemerkenswert sind die beiden Hervorhebungen im Zitat. »Gesellschaftsfähigkeit« ist ebenso doppelsinnig wie die »Weltfremde«, denn der Terminus bezeichnet die Fähigkeit, sich in der Gesellschaft zu bewegen, und die Möglichkeit eines Anschlusses an dieselbe, die erst überprüft werden muss. Und der Terminus korrespondiert mit dem wiedergegebenen Missverständnis von »herzlich«. Die Art der Gesprächsführung erinnert zudem an die Dialog- oder besser Kommunikationsstruktur, die Botho Strauß in der einige Jahre später erschienenen Novelle Die Unbeholfenen anstimmt. Es wäre denkbar, diesen Dialog auch die Figuren Lackner, Romero oder Albrecht führen zu lassen. 5.8 Zwischenfazit: Differenzen & Membranstrukturen Der Untenstehende auf Zehenspitzen vereint, so das Fazit dieses Kapitels, unterschiedliche Blicke auf Differenzen, die als Methode der Weltdeutung angewandt werden. Zwischen Gesellschaft und Welt existieren – metaphorisch verstanden – Membranen. Sie ermöglichen Erkundungen der Randbereiche und Zwischenbereiche, in denen den Figuren keine eindeutigen Zuordnungen zur Innen- oder Außenseite gelingen, wodurch sie in ihrer Autonomie eingeschränkt werden. Das von Strauß besprochene ›Morphing‹ der Körper steht Rückzugsräumen gegenüber und Der Untenstehende wechselt in schneller Abfolge die Perspektiven und thematischen Ausrichtungen und widmet sich vorrangig den Gesellschaftsentwicklungen angesichts der globalisierenden Prozesse, die auf die Gesellschaft im Großen wie auf das Individuum im Kleinen einwirken. Der untersuchte Text (und mit ihm perspektivierend herangezogen weitere Texte des Autors) weist eine deutliche Fremdreferenzialität auf eine Gesellschaft im Wandel auf und grenzt sich durch diese von Beginnlosigkeit und der dort vertretenen Fragmentierung und der Selbstreferenzialität in Die Unbeholfenen ab. Strukturveränderungen werden von Strauß ebenso aufgegriffen wie Rückver- 367 weise auf stabilisierende Bereiche wie Religion oder Mythen. Auch in Der Untenstehende erfolgen konkrete Bezugnahmen auf frühere Literatur. Strauß aktualisiert erneut frühere Gesellschaftsbeobachtungen und erschafft abstrakte Rückzugsräume, anders gewendet sichert Strauß sich im Vokabular Marquards eiserne Rationen des Rückhalts. Sie dienen der Bearbeitung von Komplexität und bestätigen ein werkübergreifendes globalisierungsbezogenes Narrativ, das jedoch, wie zuvor ebenso in den Essays beobachtet werden konnte, auf einer digressiven und driftenden Poetologie beruht. Strauß setzt mit Der Untenstehende an zu einer erneuten Technik- und Gegenwartskritik, in der die Globalisierung und der Blick auf sie die Funktion eines Gewahrwerdens der unerwünschten Veränderung der Gesellschaft einnehmen. Es geht vor allem um die Friktionen von Entfremdung und Weltfremde. 369 Teil III: Widerstand & Aufgabe Bitte oszillieren Sie zwischen Trübsinn und Genie bitte oszillieren Sie Tocotronic, »Bitte oszilieren Sie« »Zuviel Him, zuviel Umriß von Bewußtsein ist in die Dinge getreten und in unsere Hände geraten. Wir können sie nie wieder allein lassen. Der Geist, um mehr als ihr Wärter, nämlich ihr Meister zu sein, wird technischer und metaphysischer zugleich werden. Nicht im Widerstand gegen sein technisches Zeug, sondern in Koevolution mit ihm wird er seine Souveränität behaupten. Nicht die Höllenphantasmagorie des Kulturkritikers, sondern die Weisheit des Technikers empfinge uns dann am Ende des langen Wandels. Dort, nahe dem Wunder, Technosophie. Es gibt keine andere Welt, es gibt nur eine weitere. Und es gibt das Ganz Andere; nicht hier.« Botho Strauß, Niemand anderes »Welt steckt voller Geschehnis und ist vielleicht sogar im Umbruch. Und du tust nichts als blöde hin und her zu schaukeln.« Botho Strauß, Paare, Passanten 371 6: Dissolving characters & die Konsequenzen der Globalisierung: »Alleinsein, das die Welt wiederum in lauter Isolationen und Einzelheiten zerlegt, Detailvergrößerungen« 6.1 Interludium – Ein imaginäres Gespräch über die Globalisierung & das Zusammenspiel von Gesellschaftstheorie und Literatur Eine Theaterbühne. Gedämpftes Licht auf den Hintergrund, fünf Spots sind auf fünf LC2-Sessel gerichtet, die auf einem Podium stehen, rundherum Vorhänge. Assistenten scheuchen umher, richten Licht, Frisuren und Make Up. Zwei Kamerafrauen diskutieren mit der Regie. Peter Sloterdijk, gemeinhin wenig öffentlichkeitsscheu und stets fabulierend, sitzt entspannt in einem Sessel, schenkt sich Riesling ein. Auf dem Podium sitzt auch, obwohl nur äußerst schwer vorstellbar, mit zerknirschtem Gesichtsausdruck Botho Strauß. Ein gemeinsames Gespräch über den gegenwärtigen Zustand der globalisierten Welt steht an, obwohl beide Figuren im Grunde zu konträr für solch eine Diskussion sind. Die Runde besteht zudem aus Ulrich Beck und Niklas Luhmann, die ihre jeweiligen Meinungen über den Gegenstand ›Welt‹ in die Runde werfen sollen. Ulrich Greiner moderiert und Arte wird das Gespräch live senden. ›Welch illustre Gesellschaft! Welch konträre Weltbilder kommen wohl noch zum Vorschein?‹ bricht es irgendwo im dunklen Hintergrund heraus. Am liebsten hörte Sloterdijk schon jetzt die Zustimmung des Podiums und des Publikums, er streicht über sein Tweed-Sakko und redet sich, Buchauszüge zitierend, warm: »Hinsichtlich der allgemeinen Raumgefühle ist für die dritte Welle der Globalisierung bezeichnend, daß sie den realen Globus enträumlicht und an die Stelle der gewölbten Erdkugel einen nahezu ausdehnungslosen 372 Punkt setzt beziehungsweise ein Netzwerk aus Schnittpunkten und Linien, die nichts anderes bedeuten als Verknüpfungen zwischen beliebig weit auseinanderliegenden Rechnern«542. Strauß wirft genervt ein, dass das stimmen mag, aber dieser Gedanke sei nun nicht originär, denn schließlich habe er ihn selbst seit den frühen Achtzigern immer wieder neu gedacht, reformuliert, moduliert und geschärft, noch bevor es den Terminus Globalisierung überhaupt gegeben habe. Ulrich Beck, vom gestrigen Langstreckenflug etwas derangiert, erwidert gähnend, dass dies eine sehr literarische Perspektive auf die Themen der Soziologie sei und fügt hinzu, dass damit lediglich ein weiteres Mal die internen Bezüge der Risikogesellschaft, überdies sogar der Weltrisikogesellschaft, im Zeitalter der Globalität hervorgehoben werden, gleichgültig wie und wo das Thema bereits formuliert worden sei. Am Rand neben Strauß sitzt Niklas Luhmann, still beobachtend und sagt dem Moderator zugewandt: ›Aufmerksamkeit oder Ignoranz. Das bildet doch ein nettes System, nich? Da reden sie, die Kontingenz und die Komplexität ihrer Kommunikation sind ihnen keineswegs vollends bewusst, und reiben sich an der gesamten Bandbreite der Gesellschaft, dabei reden sie im Grunde nicht selbst, sondern das System spricht, die Kommunikation, die gegenseitige Erwartungshaltung an das Gesagte, … ja, äh, über ihren Köpfen. Zitate, Gedanken und neue Ansätze, bunt vermischt‹. Sloterdijk kräht dazwischen: »Wenn die zweite Welle bei geringen und mittleren Geschwindigkeiten die immense Ausdehnung des Planeten in die menschliche Anschauung gehoben hatte, so bringt die dritte das Weitegefühl der Neuzeit bei hohen Geschwindigkeiten wieder zum Verschwinden. Hierauf antwortet heute ein diffuses Unbehagen an der überkommunikativen Verfaßtheit des Weltsystems« – Ulrich Beck rollt mit den Augen, ein entnervtes ›Pffft‹ ist zu hören, während Sloterdijk weiterspricht – »ein berechtigtes Empfinden, wie wir meinen, denn was man heute als die Wohltaten der Telekommunikation feiert, erleben Unzählige als eine suspekte Errungenschaft, mit deren Hilfe wir uns jetzt auch aus der Ferne gegenseitig so unglücklich machen können, wie dies früher direkten Nachbarn vorbehalten war«543. Strauß fragt Greiner leise, ob er rauchen dürfe, man habe so seine Mittel der Kontemplation in Gesellschaft, obwohl er eigentlich am liebsten gar nicht auf diesem Podium säße, sondern am liebsten, wie immer, ganz weit 542 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 543 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 373 weg wäre, da er nicht gesellschaftlich in allen Bedeutungen des Wortes sei. Er bevorzuge den Abstand, die Distanz, aber er sei Greiner, der gleich moderieren werde, ja noch diesen einen elenden Gefallen schuldig. Verzweifelt-missmutig brummt er vor sich hin, dass er doch ein für alle Mal in Lichter des Toren gezeigt habe, dass nur der Idiot sich aus der Zeit und der Vernetzung befreien könne, dass Technik eine klebrige Geißel der Gesellschaft sei, dass es eh um die Welt geschehen sei, dass die leichten Auswirkungen und umfassenden Konsequenzen der Globalisierung nicht wegzudiskutieren seien … was also solle er hier überhaupt, seine Bücher sprächen doch deutlich genug? Luhmann lauscht aufmerksam, kramt aus einem Jutebeutel ein signiertes Exemplar von Die Realität der Massenmedien, reicht es Strauß und sagt dabei, dass keiner habe ahnen können, wie sich die Dinge entwickeln würden. ›Sie und ich, wir richten unseren Blick ja beide sehr auf historische Entwicklungen und die Gegenwart, weniger auf die Zukunft aus. Wollen im Detail alles verstehen und miteinander verbinden. Wissen, wie etwas funktioniert. Wir denken ja recht ähnlich, obwohl Sie sich gelegentlich abfällig über meine Theorie oder Komplexität geäußert haben. Aber ich sehe, dass Sie sich dennoch konstruktiv damit beschäftigen‹. Im Hintergrund, also eigentlich im Vordergrund, weil der immer dort ist, wo Sloterdijk ist, rundet dieser ab: »Wo die Würde der Abstände negiert wird, schrumpft die Erde mitsamt ihren lokalen Ekstasen auf ein Beinahe-Nichts zusammen, bis von ihrer königlichen Ausgedehntheit nicht mehr als ein abgegriffenes Logo übrigbleibt«544. Die Uhr über der Bühne zeigt 15 Sekunden Restzeit bis zum Sendungsbeginn an, Greiner erhebt die Stimme, bittet um Ruhe, der Vorhang lichtet sich, das Publikum applaudiert, das Gemurmel auf dem Podium verstummt. Greiner erhebt sich und begrüßt das Publikum und die Diskutanten. Thema des Gesprächs sei, zum Publikum sprechend, der Zustand der Welt und der Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung. Zur Einstimmung wolle er nun eine Passage aus dem Schlusswort von Anthony Giddens’ Konsequenzen der Moderne zitieren: »Die Globalisierung – ein ungleichmäßiger Entwicklungsprozeß, der zugleich koordiniert und fragmentiert – bringt neue Formen der weltweiten Interdependenz ins Spiel, wobei es wiederum keine ›anderen‹ gibt. [...] 544 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 374 Denn weder bei der radikaleren Durchsetzung der Moderne noch bei der Globalisierung des sozialen Lebens handelt es sich um Prozesse, die in irgendeinem Sinne abgeschlossen wären. Angesichts der kulturellen Vielfalt insgesamt bestehen viele verschiedene Möglichkeiten, in kultureller Hinsicht auf solche Institutionen zu reagieren. In einem globalen System, das in puncto Reichtum und Macht durch krasse Ungleichheiten gekennzeichnet ist, entstehen Bewegungen, die über die Moderne ›hinausführen‹ und von diesen Ungleichheiten nicht unberührt bleiben können«545. Sich vom Publikum abwendend fragt Greiner ›Herr Strauß, Sie sind mehr als einmal ›Seismograph der Gesellschaft‹ genannt worden, wie verhält sich Giddens’ Schilderung zu Ihrer Literatur?‹. Doch der Sessel ist leer, knirschend richtet sich langsam das Leder der Sitzfläche auf, von Botho Strauß fehlt jede Spur. 6.2 Neue Gesellschaftsformen & die Identitäten des Subjekts Die imaginäre Gesprächsrunde akzentuiert aus einer für eine akademische Darstellung etwas ungewöhnlichen Perspektive die Vereinbarkeit der Theoretiker bei gleichzeitiger Reibung der Positionen. Die spontane Flucht des literarischen Autors vor der Teilnahme an einem öffentlichen Gespräch soll demonstrieren, dass Strauß sich einer Annäherung an die Globalisierung nur unter solch medialisierten Bedingungen widersetzt und stattdessen die Literatur als Sprachrohr und Ort der ästhetischen beziehungsweise literarischen Verarbeitung von Globalisierung benutzt. Kunst und Literatur stehen in Bezug auf die Schilderung der Gesellschaft (auch das klang bereits mehrfach an) als gleichwertige Alternative außerhalb der sozialwissenschaftlichen Beobachtungs- und Beschreibungsweise. Jedoch zeigen die Verschränkungen aus Gesellschaftstheorie und Literatur in den ersten zwei Teilen, dass sich zwischen soziologischer Theoriebildung und literarischer Praxis ergiebige Bezüge herstellen lassen und zudem in Teilen bereits innerhalb von Strauß’ Literatur existieren. Das Interludium nach dem Vorbild fiktiver Gesprächskonstellationen, wie sie beispielsweise Rainald Goetz konstruiert, nähert sich den bisher herangezogenen Theorien und Überlegungen bewusst aus einer neuen Perspektive an, um die vielschichtige Verbindung von Soziologie und Literatur als zwei insofern konkurrierende Beobachter von Gesellschaft ein weiteres Mal zu überprüfen. Der dritte Teil will nun unter der den Stichworten Widerstand und Aufgabe näher 545 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 215. 375 untersuchen, zu welchen Auswirkungen auf und für die Figuren, Subjekte und Individuen die Globalisierung bei Botho Strauß führt. Die quellennahen Analysen einer Vielzahl von Strauß’ Texten verfolgen vorrangig Inhaltslinien, wodurch es hier und da zu chronologischen Brüchen, Sprüngen und Redundanzen kommt, die sich aufgrund der thematischen Netzstruktur der beobachteten Werke im Rahmen der hier untersuchten Fragestellung nicht vermeiden lassen. Im ersten Kapitel liegt der weitgefasste Fokus auf den Konsequenzen der Globalisierung und im nächsten Kapitel auf der Tragweite und Intention der Idiotisierung. Die Weltgesellschaft und Weltrisikogesellschaft bilden dabei das äußere setting und die äußere Rahmung der folgenden Überlegungen, deren Überschneidungen und innere Reibungen die vorangegangene Einleitung in ihrer ungewöhnlichen Dialogform vorsichtig andeutete. Es wurde am Beginn der vorliegenden Studie beschrieben, wie die Globalisierung in der Globalität mündet, doch der Prozess der Globalisierung dauert in Form der Ausdifferenzierung weiter an. Sie zeigt sich durch Verzweigung und durch Vernetzung. Wie Sloterdijk ausdrückt, dominiert die Enträumlichung des Globus zugunsten einer Netzsphäre aus verknüpften Computern oberhalb der Menschen die Gegenwart und er spricht zudem von Überkommunikation und Abstandsverminderung.546 Das sind dieselben Standpunkte, die in den vorherigen Analysen auch in den Texten von Botho Strauß nachgewiesen werden konnten. Der Übergang in die hyperkomplexe Gesellschaft (nach Qvortrup) und in eine Phase, die Ulrich Beck als Die Metamorphose der Welt547 beschreibt, wird dabei erkennbar. Die kommende Gesellschaft ist aber, wie im vorangegangen Kapitel dargelegt wurde, reflexiv und nicht streng postmodern. Die Menschen und Individuen, aber auch die literarischen Figuren und Subjekte reagieren auf die veränderten Bedingungen. 546 Vgl. Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 547 Ulrich Beck: Die Metamorphose der Welt. Beck sieht »eine epochale Veränderung der Weltbilder, eine Neukonfiguration des nationalzentrierten Weltbilds« durch »Nebenfolgen erfolgreich absolvierter Modernisierungsschritte – zum Beispiel der Digitalisierung oder der Voraussage einer vom Menschen herbeigeführten Klimakatastrophe« stattfinden (S. 18). Die Veränderungen geschehen »in einem globalen und desintegrierten Rahmen« (S. 23) und die Metamorphose meint insbesondere, dass »sich der Bezugshorizont und die Koordinaten des Handelns verwandeln« (S. 31). 376 Aus der Globalität und dem Übergang in die Weltrisikogesellschaft resultiert, dass Nationalstaaten punktuell ihre Bedeutung für das Individuum verlieren, weil dieses sich Situationen gegenübergestellt sieht, deren Risikoausformungen nicht mehr vom Staat aufgefangen werden können. Die Bezugnahme des Menschen erfolgt nicht mehr auf staatliche Grenzen, sondern auf Dinge, die keiner Staatenordnung unterliegen, zum Beispiel dem Wirtschafts- oder Kultursystem. Es »zerbricht«, wie Ulrich Beck unterstreicht, »das historische Bündnis zwischen Marktwirtschaft, Sozialstaat und Demokratie, das bislang das westliche Modell, das nationalstaatliche Projekt der Moderne integriert und legitimiert hat«548. Wie Niklas Luhmann wiederum in den Beobachtungen der Moderne herausarbeitet, ist der Individualisierungstrend entscheidendes Merkmal der Moderne und intensiviert sich synchron.549 548 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus, Antworten auf Globalisierung. S. 24. 549 »Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kommt es zu einer zweiten Welle bemerkenswerter Ausdehnungen, und zwar nach unten. Aus der Kultur heraus wird entdeckt, daß es auch weiter unten noch Kulturen gibt. [...] Die funktionale Abstraktion des Begriffs erlaubt keine unteren Grenzen mehr, sogar von Körperkultur ist die Rede, und nicht nur in der Werbung. Dennoch ist dem Begriff, und das scheint den Hang nach unten zu motivieren, die Blickrichtung nach oben geblieben. Er verspricht etwas ›Besseres‹ – und sei es Pomade. Er leistet, wie Bourdieu mit vielen Belegen plausibel gemacht hat, eine Legitimation von Unterscheidungen. Er ist oder war jedenfalls bis vor kurzem ein Mittelstandsbegriff. Auch diese immanente Beschränkung durch hierarchische Konnotationen könnte sich jedoch in Auflösung befinden. Sie setzt nämlich Standardisierungen, etwa des typischen Lebenslaufs oder von begrenzten Milieus voraus, die mehr und mehr entfallen. Kultur im gewohnten Sinne muß sich überraschen lassen können. Sie findet ihre Grenze, ebenso wie die Aufforderung, sie zu überschreiten, an dieser ›das nicht/auch das noch‹-Erfahrung. Kultur begreift sich zwar als Kultur von Individuen, aber das impliziert auch, daß Individuen sich entsprechend disziplinieren müssen. Darauf wird man denn auch kaum gänzlich verzichten können, soll soziale Ordnung und reziproke Erwartbarkeit möglich bleiben. Aber der Trend scheint in Richtung auf Individualisierung der ›frames‹ zu gehen, die man an sich selbst für sich selbst annimmt. In diesem Sinne sucht man Identität, alternative Identität, Protestidentität – bis hin zur Identifikation mit Funktionslosigkeit; oder auch jede Art von Nischenidentität, die eine komplexe Gesellschaft irgendwo bietet. [...] Die Legitimation dieser Vorgehensweise ist im offiziellen Kunstbetrieb durchgesetzt worden, und insofern – kein Zweifel – Kultur. Man findet sie heute auf den Straßen, im Ästhetischen, aber auch im Politischen. Es genügt für Kultur, es absichtlich zu tun. Und irgendwie bringt die Freiheit, die man für individuelles 377 Die Entdeckung von Fremd- und Subkulturen weicht das Empfinden von Kultur als ausschließliche Hochkultur auf. Ausdifferenzierung und Diversifikation folgen insofern auch der medialen Entwicklung und münden in jener Ausdehnung, die Strauß als Verflachung so vehement kritisiert. Der Kulturbegriff popularisiert sich hin zu den von Luhmann genannten »selfframes« und unterstreicht damit die große Bandbreite an Individualisierung innerhalb des nun erweiterten Begriffs. Angesichts dieser Veränderungen (zum Beispiel als Verflachung, Fragmentierung, Individualisierung wahrgenommen) erscheint Becks radikal anmutende Diagnose zum Scheitern der Moderne und den Übergang in eine nächste (Entwicklungs-)Phase der Gesellschaft plausibel. Sie reizt die Entwicklung aus bis zu einem Punkt, an dem die früheren Werte nicht mehr gelten, hierunter beispielsweise der »Vernunfts- und Realitätsanspruch der Wissenschaft«; ebenso ist der »westlich[e] Universalismus der Aufklärung«550 Geschichte. Beck fasst die Umwälzungen zusammen: »Wirtschaftliche Globalisierung vollendet in dieser pechschwarzen Sicht nur, was durch die Postmoderne intellektuell und die Individualisierung politisch vorangetrieben wird – den Zerfall der Moderne«551. Problematisch hieran ist jedoch der von Beck verwendete Begriff der Postmoderne, der vorschnell als Folgegesellschaft missverstanden werden kann. In der Kopplung an den Begriff »intellektuell« ist leicht verborgen zu erkennen, dass die Postmoderne ein geistig-künstlerischer und kein soziologischer Begriff ist, was in der Analyse von Strauß’ Text Der Untenstehende auf Zehenspitzen bereits als Distinktion ausgeführt wurde. Aus dem Zerfall dieser »Ersten Moderne«552 und den einhergehenden Veränderungen durch Globalisierung leitet Beck ab, dass die Gesellschaft sich in Richtung einer globalisierten Weltgesellschaft verschiebt. Die ›Zweite Moderne‹ wird maßgeblich vom Phänomen der Globalisierung geprägt und hierin liegt die Triebkraft des Zerfalls der ersten Moderne. Der Begriff der Weltself framing in Anspruch nimmt und durchsetzt, zum Ausdruck, daß es im Ganzen so ist. Wir hatten mit sehr theoretischen Überlegungen (self-framing?) schon behauptet, daß der Beobachter und die Welt sich durch das, was unterschieden und bezeichnet wird, trennen, obwohl beide, der Beobachter und die Welt, unbeobachtbar bleiben. Ist Kultur das dafür geeignete Instrument? Ist Kultur also gegen ein Nichtwissen gemauert? Und kann und muß das gesagt werden, wenn die frames zunehmend individuell zugeschnitten werden?« (Niklas Luhmann: Beobachtungen der Moderne. S. 198f.). 550 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 24. 551 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 24. 552 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 26. 378 gesellschaft wiederum ist eng mit der zweiten Moderne verknüpft und steht – je nach Sichtweise – entweder für einen imaginären Endpunkt der Epochenentwicklung oder – insbesondere aus der Perspektive der Hyperkomplexitätsanhänger wie Bolz oder Qvortrup – für ein Innehalten und Stabilisieren der Verhältnisse vor dem Eintritt der Hyperkomplexität. Die Konsequenzen und Auswirkungen der Globalisierung sind vielfältig und Folgen einer langen, selten stringent verlaufenden und im Ergebnis weit gefächerten und zudem sehr unterschiedlich gedeuteten Entwicklung. Die Weltrisikogesellschaft ist eine theoretische Option, deren endgültiges Inkrafttreten wohl nur aus sicherer Entfernung der Krisenherde beobachtet werden kann. Industriell verursachte Umweltschäden in China und fragwürdige Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in Indien oder Bangladesch sind hingegen bittere Realität, treten in dieser Untersuchung jedoch nicht in Erscheinung, weil sie (wie eingangs dargestellt wurde) in Strauß’ Werken keine Rolle spielen. Ihre Abwesenheit provozierte Christoph Bartmann zur Kritik an Strauß’ fehlendem Engagement in diesem Bereich: »Viel weiter als Novalis in seiner Schrift ›Die Christenheit oder Europa‹ ist auch Straußens Romantik nicht gekommen. Er mag den Markt nicht, die Massen und die Medien, die geschäftige Weltoffenheit, in der Kant den Boden der modernen Freiheit erkannte. Alles, was nicht der Kultivierung des Bewusstseins ausgewählter Einzelner dient, ist ihm unangenehm. Es ist auch ein sehr deutsches Problem, an dem Strauß leidet, und man möchte ihm zur Therapie jenen Turbokapitalismus verschreiben, den Marx schon im Kommunistischen Manifest kommen sah – anders als Strauß' Elitenzauber hat er die Lebensbedingungen von Abermillionen verbessert. Als Romantiker darf Strauß nicht beim Ästhetischen allein verharren, er muss den Schritt hinaus ins Politische machen, den Schritt, in dem sich dann gleich auch ein Verhängnis ankündigt, die Ablehnung des Fortschritts, das Desinteresse an Fragen der Gerechtigkeit und der Teilhabe.«553 Die Kritik mag berechtigt sein, aber wie sähen die Texte aus, wenn sie Umweltverschmutzung, Ausbeutung und Ressourcenverschwendung zum Thema hätten? Man stelle sich nur einmal den moralinsauren Tonfall vor, in dem die erweiterte Kritik vorgetragen werden würde; schnell wirkt be- 553 Christoph Bartmann: »Dieses Sausen der Leere«. 379 ruhigend, dass Strauß ›sein Thema‹ in der Nahwelt gefunden hat.554 Eine Nahwelt, die, wenn auch auf andere Weise als das Großglobale, von Globalisierung und Globalität geprägt ist. Bei Strauß wird Globalisierung als Identitätsverlust oder Entzug von Reaktionsmöglichkeiten erlebt, weil sie Anknüpfungsmöglichkeiten an die Außenwelt oder andere Figuren verhindert. Durch den Einfluss der Globalisierung kommt es zu folgender Reaktion: Weil die Figuren ihre Interaktionsmöglichkeiten verlieren, besinnen sie sich auf ihr Inneres – im Werk dargestellt durch Metareflexionen oder innere Monologe und im Zuge dieser selbst gewählten oder erzwungenen Isolation entfremden die Figuren sich noch weiter von ihrer sozialen Umwelt, wodurch es unter anderem zu Empfindungen wie Sehnsucht, Verzweiflung, Trauer oder Unsicherheit kommt. Anderen Figuren hingegen gelingt dieser Rückzug gar nicht oder nicht vollständig. Die Spannweite dieses Prozesses versucht der Titel dissolving characters abzubilden, der zugleich die allumfassende Fragmentierung um ein sich auflösendes, bedrohtes Subjekt herum und unternommene Korrekturversuche radikaler Detailbetrachtung berücksichtigt: »Alleinsein, das die Welt wiederum in lauter Isolationen und Einzelheiten zerlegt, Detailvergrößerungen« (VA 15). Die vorherigen Kapitel widmen sich unterscheidenden Aspekten der literarischen Verarbeitung von Globalisierung, die beispielsweise in der Verzahnung von Essayistik und Weltsicht, in den Grenzsuchen in Zeit und Raum, im Spannungsverhältnis von Fleck und Linie oder im Sozialverhalten von Gruppen und Gesellschaft sichtbar werden. Während Strauß in Die Unbeholfenen die Figur Lackner sich und ihrer Umwelt noch eingestehen ließ, »im Kreis geselliger Personen [...] schnell zu einem unsicheren, ja unselbständigen Menschen« (DU 16) zu werden, stellt sich die erlebte Ausgrenzung an anderen Stellen des Werkes als stärker ausgeprägt heraus. So steht ein breiterer Blick auf das Prosawerk von Botho Strauß aus, der weitere Inhaltsli- 554 Eine kapitalismuskritische Notiz in Lichter des Toren demonstriert diesen Tonfall: »Es wird, nur weil der Sozialismus eine Niete war, der Kapitalismus dadurch nicht erträglicher, sondern um einiges an Selbstgefälligkeit, Charaktermangel, Gefräßigkeit unerträglicher. Was kann es für einen Menschen nur bedeuten, zu irrealen Summen sich türmendes Hort-Kapital zu besitzen? Und was erst für die Volkswirtschaft, wenn es Firmen und Konzerne tun? Marode Firmen zu kaufen auf Pump, sie in kürzester Zeit zu sanieren, um sie gleich wieder zu verkaufen mit mindestens zwanzig Prozent Rendite – das nennt sich Private Equity und heißt nichts anderes, als dem Kapital nur einen Zweck zu setzen: mehr Kapital zu werden. Kein Eigentümer fühlt sich noch einem Eigentum verbunden oder verpflichtet – es geht sofort wieder in andere Hände über« (LDT 150). 380 nien herausarbeitet und bereits bekannte näher untersucht. Der Verzicht auf ausführliche Dramenanalysen beruht darauf, dass Desidentifikation und andere innere Konflikte oder Auswirkungen der Globalisierung sich in der Prosaform nuancierter darstellen lassen als in der Bühnenform, sie wirken insofern weniger plakativ. Textaussagen stehen für sich und kommen ohne Übersetzung in Performanz aus, während eine Bühnenfassung zusätzlich zur textlichen Ausgestaltung durch den Autor schauspielerisches und dramaturgisches Können verlangt, um derartige Konflikte fesselnd und doch klischeefrei zu vermitteln. Auf diese Notwendigkeit oder Schwierigkeit bezogen konstatiert Marlene Faber: »Der dramatische Dialog ist ein ›Dialog im Dialog‹. Die Dialoge eines Dramas sind der Kommunikation zwischen Autor und Leser zugeordnet. Hinzu kommt noch, wird das Drama im Theater aufgeführt, die Kommunikation zwischen Regisseur und Zuschauer. Diese Verschachtelung von Kommunikation bedingt, daß die dramatischen Dialoge, die den Kern dieser Verschachtelung bilden, als vom Autor an seine Leser gerichtet lesbar sind und als für das Theater konzipiert für den Zuschauer nachvollziehbar sein müssen.«555 Das benennt zugleich das Problem der Dramenanalyse: Die Abwesenheit des Schauspiels. Ein nennenswerter Teil der Komplexität in Strauß’ Dramen entsteht erst durch die Interaktion der Schauspielerinnen und Schauspieler, ohne die den Dramen eine entscheidende Darstellungsebene fehlt. Peter Stein spricht in diesem Zusammenhang von einer dem Leser verborgenen »extreme[n] Theaterwirkung [...] an Stellen, wo man sie beim ersten Lesen selbst als Profi nicht erwartet hätte«, wodurch sich aus einer »kurzen, ansatzlos geschlagenen und antrittslos gerannten Attacke szenischer Wirkung«556 die Handlungsstränge entwickeln. Das Bühnengeschehen schafft, wie Marlene Faber analysiert, »Situationen [...], aus denen sich verschiedene personelle und dialogische Konstellationen ergeben können«557. Das langsame Aufbauen und gezielte Führen des Dialoges bestimmen somit das Bühnengeschehen und dem untergeordnet den Verstehensprozess; aus diesem Grund nehmen die Kommunikationsbedingungen entsprechend viel 555 Marlene Faber: Stilisierung und Collage: Sprachpragmatische Untersuchung zum dramatischen Werk von Botho Strauß. S. 20f. 556 Peter Stein: »›Ein Autofahrerfaun. Das ist doch etwas Schönes‹. Ein Gespräch mit Peter Krumme in Berlin am 4. Juli 1986«. S. 173. 557 Marlene Faber: Stilisierung und Collage. S. 29. 381 Platz in der Rede ein. Exemplarisch stellt Faber am Beispiel von Trilogie des Wiedersehens fest, dass »in wechselnden Personenkonstellationen ›Small talk‹, ›Beziehungsgespräche‹, ›Streitgespräche‹, ›Plaudereien‹, ›Geschwätz‹, ›kunstsinniges Gespräch‹ usw.«558 stattfinden und den Handlungsfortgang beeinflussen – das gilt für eine hohe Zahl der Dramen. Der Theaterautor gibt einen Teil der Textinterpretation an geschulte Akteure ab und muss sich zugleich vollends darauf verlassen können, dass diese die intendierte Weltverarbeitung wie vorgesehen vermitteln. Je nach Inszenierungsform erschwert die Bühnendarstellung die Rezeption statt sie zu erleichtern, was auch die im ersten Kapitel untersuchten frühen Rezensionen des Theaterkritikers Strauß als Problem bestimmen. An diesen Aspekten erklärt sich zusammenfassend, weshalb die desolaten, entfremdeten Charaktere in der Prosa zugänglicher für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit sind als jene, denen man in Strauß’ Stücken begegnet. 6.3 Von Partnersuchen, ›pornografischen Chimären‹ & Intimsystemen »Das große Medium und sein weltzerstückelndes Schalten und Walten hat es längst geschafft, daß wir Ideenflucht und leichten Wahn für unsere ganz normale Wahrnehmung halten« (JM 9), schreibt Botho Strauß in der Er- öffnung seines 1984 erschienenen Romans Der junge Mann über die aufkeimende Informationsgesellschaft der 1980er Jahre. In schnellen Schnitten wird ein Fernsehprogramm mit den Zeitgeistphänomenen der gesellschaftlichen Realität verbunden, Orts-, Raum- und Zeitgrenzen werden überspielt und überblendet, die Handlung flackert als indifferenter, mitreißender Fluss aus dem Apparat: »Hier fällt sich das Geschehen dauernd ins Wort. Eben noch sehen wir zwei Menschen ernstlich miteinander streiten, den jungen Professor für Agronomie und den Beamten einer landwirtschaftlichen Behörde, über Betablocker im Schweinefleisch und die Östrogensau, live in einer Hamburger Messehalle. Kaum haben wir sie näher ins Auge gefaßt und beginnen ihren Argumenten zu folgen, da fährt auch schon eine Blaskapelle dazwischen; wir befinden uns, ohne daß wir nur mit der Wimper hätten zucken können, in Soest, am Stammtisch eines Wirtshauses, und werden in die Geheimnis- 558 Marlene Faber: Stilisierung und Collage. S. 357. 382 se westfälischer Wurstzubereitung eingeweiht. Schon vergessen der Betablocker, vorübergehuscht die vergiftete Nahrung.« (JM 9) Die Fernsehhandlung zieht, wie Strauß wenige Jahre später formuliert, als »menschlich-unmenschliche Groteske [...] durch den Äther« (NA 129), die Wirklichkeit wird vom Medium Fernsehen nur willkürlich in Auszügen oder Ausschnitten abgebildet und so zurechtgestutzt, dass den Zuschauern ein Sammelsurium an Augenblicksbildern als stringente Narration vorgegaukelt wird. Strauß hinterfragt diese Situation kritisch und schließt an: »Ist das Information? Ist es nicht vielmehr ein einziges, riesiges Pacman- Spiel, ein unablässiges Aufleuchten und Abschießen von Menschen, Meinungen, Mentalitäten? Es ist genau das Spiel, das unser weiteres Bewußtsein beherrscht: die Wahnzeit wird nun bald zur Normalzeit werden« (JM 9). Trotz ausführlicher und vielschichtiger Gesellschaftsbeobachtungen formuliert Strauß nur selten konkrete Konsumkritik. Zwar ist oben von der »Östrogensau« die Rede, aber negative Einflüsse und Auswirkungen einer globalen Nahrungsindustrie werden nicht thematisiert. In Niemand anderes (1987) kritisiert Strauß die Nabelschau »einer hypochondrischen Gesellschaft, die ihre Wehwehchen unablässig besprechen muß« (NA 208). Ängste vor Niedergang und Haltlosigkeit werden zu einem »Religionsersatz« (NA 208). Sie erinnern an die Beschreibungen der werdenden Eltern in Paare, Passanten559 und Strauß kontrastiert, dass »Ängste wandern und süchteln. Kaum kehren sie heim vom politischen Feld, schon wird Haushalt und persönlicher Bedarf zum gleichen Schreckenskabinett. Hypochondrisch wird man, wenn man allzu viele Gefahren voraussieht [...]. Vielen hat schon falsche Ernährung – zu viel, zu fett, zu gehaltlos – das Leben verkürzt. Einige sind an Fleisch- und Fischvergiftung gestorben. Alles übrige bewegt sich im begierigen Vermuten. Die Konservierungsstoffe oder chemischen Zutaten, die der Nahrung beigemischt sind, radioaktive Bestäubung gar, da gehen die Schädigungen verschlungene Wege; die Toten der Nahrung werden in fremden Statistiken bestattet.« (NA 209) Die Konsequenz dieser Entwicklung ist eine körperliche Bedrohung bis hin zu vorzeitigem Tod. Doch diese kann gestoppt oder zumindest umgangen werden, wie Strauß folgert: 559 Siehe auch Abschnitt 6.9 in diesem Kapitel. 383 »Nur auf Gemütsmoden, Stimmungen, Lebensgefühle in Massendimension antworten die Produzenten von Massenware. Und siehe da, das gleiche Leben geht auch ohne Östrogen im Kalbfleisch. Das gleiche Leben mit gesunder Kost. Ohne Zucker, ohne Fette, ohne Fleisch, ohne Genußgifte. Das einzige Gift, das solcher Reinheit beigegeben sein kann, ist bekanntlich die Reinheitsidee. Oder die leichte Schmutzpsychose. Man merkt es selbst am ehesten daran, wie einem freundliche Mitmenschen mißliebig werden, wenn sie rauchen oder nach schlechtem Essen riechen. Oder wie man sein Kind bekehren möchte, weil es fast food liebt und schlingt. Die leichten Schauder der Verachtung sind erste Anzeichen.« (NA 209) Aus seiner Sichtweise lässt sich hier recht plakativ ein Distinktionsbestreben ableiten. Der unreflektiert besorgte Bürger wird milde belächelt, der bewusste ist in der Lage, die Zustände zu durchschauen. Askese oder bewusstes, reflektiertes Leben bilden an dieser Stelle Ausweichmöglichkeiten vor den negativen Veränderungen der Gesellschaft. Menschen werden in Strauß’ Beschreibung als einerseits medial vorgeführt, wie zum Beispiel auch die Suizidüberlebenden in Paare, Passanten (PP 13), und andererseits als medial verführt dargestellt. Unter diese Beschreibungen fällt das inhaltlich paradoxe »[e]lektronisch[e] Höhlengleichnis« (FDK 21) über einen geistesschwachen Jungen, der von seinen Eltern wie ein Tier im Keller vor dem Fernseher gehalten wird, und nach seiner Befreiung durch die dieselben Menschen vor der Medienberichterstattung geschützt werden soll (FDK 21f.). Die redundanten Empfehlungen in Ratgebermagazinen für unverbindliche Sexualbeziehungen (vgl. PP 16) fallen gleichermaßen unter diese Schilderungen, auch wenn die Redaktionsvorschläge mitsamt ihrer medialen Verarbeitung in eine »Welt der vollkommenen sexuellen Gleichgültigkeit« führen, in der »[v]erschlossene Menschen, tief versonnen, weit woanders in ihrem ganzen Wesen, [...] ruhig und schwerelos an die Oberfläche des Menschlichen [tauchen], wenn eine pornografische Chimäre sie lockt« (PP 127). Strauß führt beide Veränderungsformen auf die Daseinsbedingungen der Informationsgesellschaft zurück. In Wohnen Dämmern Lügen (1994) begegnet dem Leser eine Figur, die beklagt, nicht mehr zu wissen, wie sie küssen soll, weil pornographische Mediendarstellungen – »niederträchtig[e] Zurschaustellungen von Menschen, die sich nur zum Schein paaren vor toten Kameraaugen« (WDL 179) – ihr »geschlechtliches Empfinden verletzt und erniedrigt« (WDL 179) haben. Die Gesprächspartnerin empfiehlt, den Blick zu ändern und eine erweiterte Beobachterposition 384 einzunehmen. Das Gesehene frisst sich in die Wahrnehmung des unfreiwilligen Pornographiekonsumenten hinein, der erwidert: »Wie soll das gehen? Auch deine Nacktheit trägt nach einem solchen Film in meinen Augen das bürgerliche Lumpenkleid der Unverschämtheit, einer maroden, verüppigten, stagnierenden, sinnentleerten Unverschämtheit. Alles Reklame, nur noch ein Fetisch, kein Körper mehr, nur selbstgenügliche Reklame für ein Handelsgut, das es nicht mehr gibt: die Sinnenfreude! Entsetzen muß einen packen, Entsetzen – das eigentlich Nackte! – vor dem Akt im bürgerlichen Lumpenkleid.« (WDL 179) Noch aus der Reflexion über die Veränderungen heraus stellt diese Figur fest, dass sich, im Gegensatz zur Liebe, der Zugang zur Welt durch eine verschobene Referenzialität erschwert. Pornographie wird als »Bildersturm, wie die Welt ihn noch nicht gekannt hat« (WDL 180), wahrgenommen, der demnach die Welt überrumpelt und aus den Fugen hebt. Strauß beschreibt diese Beobachtung 1994 und sicher nicht ahnend, wie sehr später der Zugang zu Pornographie durch das Internet erleichtert werden würde. Umso erstaunlicher ist es, dass Strauß 2013 in Die Lichter des Toren diese Entwicklung nicht kommentiert und nur (äußerst resigniert?) am Rande von »genitalobsessiven Zeiten« (LDT 36) spricht. Hingegen leiden die Figuren in Kongreß – Die Kette der Demütigungen (1989), wo die medienverursachte Auflösung des Menschen (»vom unendlichen Fernsehen durchströmt und selber eine Art Medium geworden« (KKD 154)) Bestandteil des Diskurses ist, und in Wohnen Dämmern Lügen umfassend an den Darbietungen auf dem Fernsehschirm: »Es muß über uns kommen, aus uns selbst kommt nichts mehr. Es muß jedermann so sein, als sähe er