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8: Schlussbetrachtungen: Der Aufstand gegen die Welt? in:

Sascha Prostka

Implodierte Weltlichkeit, page 573 - 580

Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4177-2, ISBN online: 978-3-8288-7056-7, https://doi.org/10.5771/9783828870567-573

Series: Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
573 8: Schlussbetrachtungen: Der Aufstand gegen die Welt? Der vorliegende Text untersucht die literarisch-ästhetische Verarbeitung von Globalisierung in großen Teilen von Botho Strauß’ Gesamtwerk. Übergeordnet lässt sich aufgrund der Befunde feststellen, dass Strauß äu- ßerst unterschiedliche Formen und Vorstellungen von Globalisierung bespricht. Wie gezeigt wird, werden diese durch gelingende oder fehlschlagende Kommunikations-, Bindungs- und Individualisierungsprozesse thematisiert und exemplifiziert. Auffallend ist dabei, dass Strauß die gesellschaftlichen Veränderungen (oder treffender: langsamer verlaufenden Ausdifferenzierungen) kontemporär zu ihrem Ablauf kontextualisiert; so sind Sprache, Themen und Probleme, Dramenausstattungen und die ausschlaggebenden Hintergründe der Reflexionen nahezu immer in ihrer jeweiligen Gegenwart verankert. Paare, Passanten oder beispielsweise Das blinde Geschehen archivieren das Weltbild oder die als typisch wahrgenommenen Merkmale und Ausgestaltung ihrer jeweiligen Zeit. Und doch besitzen sie, wie die Analysen zeigen, Merkmale, die über diese Zeitverankerung hinauszeigen, weil sie auch Reaktionen auf die gesellschaftlichen Verfallstendenzen einer (mittlerweile) durch und durch globalisierten Gesellschaft sind, wie sie der Autor Strauß und seine Erzählerfiguren wahrnehmen und reflektieren. Der Aufbau der Arbeit versucht, den internen Werkentwicklungen der Globalisierungsverarbeitung nicht nur inhaltlich zu folgen, sondern diese durch die Einteilung in drei übergeordnete Themenblöcke beziehungsweise Werklinien auch strukturell nachvollziehbar zu machen. Wie die Analysen zeigen, geschieht Strauß’ ästhetische, literarische, künstlerische oder essayistische Verarbeitung der Globalisierungsbedingungen, prozesse und -muster auf divergente Weise. Das Themenspektrum der realen Globalisierung ist so breit, dass in den untersuchten Texten zahlreiche Anschlüsse und Bindungen an diese so plausibel wie möglich sind. Um einer derartigen Überdeterminierung zu entgehen, konzentriert Strauß sich jedoch auf selektive Anschlüsse an frühere Literatur, gegenwärtige Medienund Kommunikationsentwicklungen oder Paarbindungen, um einige Beispiele zu rekapitulieren. Andere Aspekte wie eine weltumspannende Geldkreisläufe oder Risiken werden nur marginal behandelt. 574 Diese Arbeit verdeutlicht nun auch, dass Globalisierung in Strauß’ Gesamtwerk eine deutliche und sehr präsente Rolle spielt. Die Gefahr, sich im unendlichen Labyrinth des »Denk-Erzähl-Werkes« (Volker Hage), in der »narrativen Drift« (Thomas Düllo) oder, und dies ist vielleicht die treffendste Markierung, dem hyperkomplexen Narrativ zu verlaufen, und selbst dort Fundstellen zu sehen, wo keine sind, ist bei umfassenden, monographischen Darstellungen wie der vorliegenden immer gegeben. Und diese Tendenz wird durch die Sprachgewalt und die unzähligen Themensprünge, Verbindungen und Standpunkterprobungen bei Botho Strauß noch verstärkt, es gilt jedoch, dass Irr- und Umwege durch die Globalisierung (wie auch durch andere Themen, die im Werk prominent verarbeitet werden) vermutlich von Strauß bewusst angelegt und Teil der erforschenden Erzählweise sind. Umfassendes Zitieren will diesen Sachverhalt nachvollziehbar machen – diese Vorgehensweise berücksichtigt zudem die breite Quellenlage. Anders gewendet gehen die Analysen von einer sehr breiten Beschäftigung mit der Globalisierung aus, die nicht ausschließlich auf die konkrete Nennung der Termini Welt, Globalisierung oder Globalität reduziert werden darf, sondern auch Prozesse subsumiert, die erst auf den zweiten Blick als Reaktionen auf Globalisierung zu erkennen sind. Dann aber umso deutlicher und das Feld muss demnach weiter gedacht werden, um im Kontakt mit Strauß’ Texten zu tragbaren Ergebnissen zu kommen. Dann zeigen sich Merkmale und Muster, anhand derer deutlich wird, dass Vernetzung, Auflösung, Grenzsuchen, Doppelgänger, Verzweiflung, Kommunikation mit dem kulturellen Erbe notwendige Methoden sind, um die Hyperkomplexität der Globalisierung handhaben zu können, und dass selbst zaghafte Nennungen von globalisierungsspezifischen Aspekten an anderen Stellen erneut zu finden sind und dort Erklärungen mit sich führen, die kleinere Fragmente plötzlich als Teil eines größeren Kontextes verdeutlichen, in den die Nennungen eingegliedert sind. Die Bearbeitung der Globalisierungsthemen ist vielfältiger als es auf den ersten Blick erscheint. Der erste Teil – ›Verbindungslinien‹ – verbindet Strauß’ essayistische Kurztexte, die über einen Zeitraum von fast 50 Jahren entstanden sind, miteinander und spürt den Dimensionen des dort geführten Diskurses über Globalisierung nach. Es zeigt sich, dass die Auseinandersetzung mit der Globalisierung dort bisweilen sehr konkret stattfindet, zugleich aber auch ins Abstrakte, Relativierende, Offene abdriften kann. Die Bezugnahme auf Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie verfolgt in diesem Zusammenhang eine andere Strategie. Der Text unterscheidet sich von den Essays 575 darin, keine Preisrede, Auftragsarbeit, Laudatio oder Gegenwartsbeobachtung aus (vergleichsweise) konkretem Anlass zu sein, sondern vor allem durch den naturwissenschaftlichen Grundgedanken ein Formenexperiment anzustreben. Durch die luzide, freie Struktur flankiert der Text die Essayistik, da in beiden Textgeweben die Grenzen der Welt erforscht werden und indem Strauß übergeordnete sowie zyklische Linien zieht. In dieser Fluchtung könnten die Essays auch als eine zusammenhängende Textsphäre gedeutet werden. Beginnlosigkeit und die Essayistik stellen den Grundlagenkosmos und die Erprobungsfelder im Strauß’schen Œuvre, auch weil sie den Weg der Globalisierung temporal nachzeichnen und auf verschiedene Weisen erforschen und erproben. Der zweite Teil – ›Grenzziehungen und Entgrenzungen‹ – untersucht das zwischenmenschliche Kommunizieren, Abgrenzen, Eingrenzen, Entgrenzen von innen am Beispiel von Die Unbeholfenen und Der Untenstehende auf Zehenspitzen, das heißt die allgemeinen und spezifischen Gesellschaftsentwicklungen im Zeitalter der Globalität. Grundlegend für diese Annahme ist weiterhin, dass die Informationsgesellschaft beziehungsweise hyperkomplexe Gesellschaft einen veränderten Hintergrund für das Empfinden, Denken, Handeln der literarischen Charaktere impliziert. Von den soziologischen Rahmenbedingungen ausgehend, deren Genese in der vorliegenden Studie einleitend skizziert wurde und deren Niederschlag in Strauß’ Werk an etlichen Stellen deutlich wird, erkundet Strauß das Terrain jedoch auf eine für ihn spezifisch ästhetische Weise. Die titelgebenden Begriffe unbeholfen und untenstehend etwa drücken zugleich Eigenschaften und Positionen aus, die jedoch nicht negativ verstanden werden, weil sie besondere Eigenschaften versprechen, um besser auf die Bedingungen der sozialen Umwelt reagieren zu können. Die eingetretene Globalität prägt die Umwelt, während weiterhin globalisierende Prozesse auf die Individuen einwirken. In diesem Zusammenhang hat es sich als fruchtbar erwiesen, in den Analysen an geeigneten Stellen andere Texte einzubeziehen und auf diese Weise den tieferen Werkzusammenhang zu verdeutlichen. Der dritte Teil – ›Widerstand und Aufgabe‹ überschrieben – spannt noch weiter als Teil I und II. Er zeichnet in 14 Abschnitten die Auswirkungen und Konsequenzen der Globalisierung auf bzw. für den Menschen, die literarischen Erzähler und Figuren nach. Es werden Aspekte der vorherigen Teile wie unter anderem die Anschlüsse an frühere Literatur, Grenzerkundungen, Figurenzeichnungen einbezogen und die Inhaltslinien werden intensiviert und weitere Themenfelder wie Gegengesellschaften, die neuen 576 Bedingungen der Arbeitswelt oder die Deterritorialisierung eröffnet, um die Globalisierungskonzeption möglichst umfangreich präsentieren zu können. An dieses weit gefasste Kapitel schließt sich eine abschließende Betrachtung über den Idioten an. Es zeichnet zugleich eine Anpassungsoder Exitstrategie aus der Globalität sowie den Globalisierungsprozessen nach und verdeutlicht die Auswirkung einiger Randbereiche der Globalisierung auf den Menschen, die jedoch im Werk von Strauß ihren randseitigen Charakter verloren haben und stattdessen demonstrieren, wie Vertrauen beziehungsweise Nähe, Kommunikation, Ortlosigkeit, Lokalfokus und Globalperspektive als tragende Elemente in diese Auswirkungen eingehen. Der Verlust von Zeit und Zeitgefühl erzwingen eine neue Flexibilität von den Figuren, die sich in Abkehr, Auflösung, Entsagung, Rückzug und Exklusion befinden. Die Auswirkungen der Globalisierung bestehen insbesondere in einer Individualisierung bei gleichzeitiger (negativ empfundener) Vergesellschaftlichung, die, so paradox es klingt, gleichzeitig zu Fragmentierung, Vermassung und Vereinsamung führt. Der Idiotiediskurs, den Strauß an verstreuten Stellen anstimmt, verdeutlicht die Misere des ›modernen Menschen‹: Die Gesellschaft verändert sich und etablierte Reaktionsweisen führen nicht mehr automatisch zu den erhofften Einbindungen. Das Individuum wird zwischen Ein- und Ausgliederung in die Gegenwartsgesellschaft einer Dehnung unterzogen. Zugleich verdeutlicht sich hierin Strauß’ kritische Gegenposition zur Globalisierung und Globalität. Akzeptanz der Globalisierung wird mit Wahn assoziiert. Das Problem der Leser besteht nun darin, dass – wie bei jeder Literatur zu jeder Zeit – der Transfer aus der literarischen Darstellung in die eigene Lebenswelt gelingen muss. Strauß liefert dafür jedoch keine konkrete Anleitung, sondern äußert lediglich (erhabene oder ironisch gebrochene) Gedanken und Reflexionen, die zum Innehalten und Nachdenken über den Zustand der Welt einladen wollen. Botho Strauß betreibt seine Argumentation in einem selbstreferenziellen Milieu, das sich aus Referenzen auf frühere Literatur speist, hierunter auch Vertreter konservativer Geisteshaltungen unterschiedlicher Färbung, auf Mythen oder eigene Texte. Zugleich findet ein stark fremdreferenzieller Diskurs auf die Veränderungen der Gesellschaft statt. Innerhalb des Gesamtwerkes versammeln sich somit gegensätzliche, gar widersprüchliche, Verweisstrukturen. Und über allem steht die poetologische, narrative Drift als überwiegend gewähltes Mittel der ästhetischen Verarbeitung und Erkenntnissuche. Die Globalisierungskonzeption versucht diese durch eine übergeordnete Perspektive zu vereinen und gleichzeitig zu brechen, um einen Zugang zu schaffen, der verdeutlicht, dass 577 Strauß ein hochgradig divergenter Autor ist. Der Fokus auf strukturgebende Termini, die mit dem Buchstaben D beginnen, ist dabei mehr als nur eine Spielerei. Strauß ist ein distinguierter Beobachter, der über Dilatationen der Verhältnisse zu neuen Schlüssen kommt, die anhand von Deduktionen, das heißt sehr konkret Ableitungen und Fortführungen, verbunden werden. Desidentifikation prägt so stark wie kein anderes Gefühl die Abgrenzungsbestrebungen in Die Unbeholfenen und abschweifenden Digressionen wiederum die Perspektive in Der Untenstehende auf Zehenspitzen. Die Auflösungsgefühle jener Figuren, Individuen und Paare, denen sich das sechste Kapitel widmet, beschreibt die – nicht bei Strauß verankerte –Wendung Dissolving characters. Den Idioten prägt vor allem die Diffusion, da er Differenzen überwinden kann. Einen konkreten Ausblick zu geben, fällt angesichts der im Rahmen der Globalisierungskonzeption verhandelten Motivfülle schwer. Die Intention von ›Implodierte Weltlichkeit‹ Botho Strauß und die literarisch- ästhetische Kritik der Globalisierung ist es, den bisher nur äußerst rudimentär behandelten Werkaspekt Globalisierung in einem thematisch umfassenden Werk zu untersuchen. Die Seitenanzahl des Strauß’schen Œuvre ist – beispielsweise gemessen an den Veröffentlichungen der Romanciers aus dem 19. bis 21. Jahrhundert – überschaubar, jedoch lassen Stil und Abstraktionsniveau der Texte nur in seltenen Fällen ein flüssiges narrativgestütztes Lesen (oder entspanntes Zuschauen bei den Stücken) zu. Die Globalisierungskonzeption dient als Orientierungshilfe in der Auseinandersetzung mit den herangezogenen Werken, jedoch mussten auch Kompromisse eingegangen werden. So wurden sehr bewusst nur dann Rückverweise oder Perspektivierungen auf die Geistesgeschichte außerhalb der offensichtlichen Bezüge in Strauß’ Texten gegeben, sofern diese etwaige Verbindungen zur Verarbeitung von Globalisierung aufzeigten. Bereits die hohe Funddichte in den Primärtexten zeigt durch ein breites Themenspektrum, wie sehr die Globalisierung mit all ihren Prozessen, Veränderungen und Ausdifferenzierungen das Werk prägt. Runtergebrochen auf den kleinstmöglichen Nenner verarbeitet und umfasst die Globalisierungskonzeption von Botho Strauß all jene Bezüge zu Differenzen zwischen einem Innen und Außen, alle Versuche, sich einer Grenze zur Umwelt zu nähern, alle Auflösungs- und Veränderungsprozesse, an denen die globalisierte Gesellschaft beteiligt ist, Spiegelungen von Vernetzungen, Exklusionsbestrebungen, Abscheu und Verdruss gegenüber der Welt oder der Gesellschaft als Exemplifikation von Welt. Und doch lassen sich nicht alle Fundstellen, in denen Welt und Globus erwähnt werden, der Globalisierungskonzeption zuordnen, wie die ab- 578 schließende Gegenüberstellung zweier Passagen zeigen sollen. Am Beginn dieser Untersuchung war von »Imbezillen« die Rede, »die sich gegenseitig vom Globus schubsen« (RU 66). Zwischen dem Roman Rumor und Strauß’ 2016 erschienenen Buch Oniritti Höhlenbilder liegen dreieinhalb Jahrzehnte. Sowohl Strauß’ Beschäftigung mit Globalisierung als auch die hier vorgenommenen Beobachtungen von Literatur sind in den meisten Fällen von abstrakten Ereignissen ausgegangen, haben Komplexität aufgegriffen sowie Auflösungen und Grenzerkundungen beschrieben. Doch wie verhält sich die Globalisierungskonzeption zu folgender Äußerung? »Und der Diener führte die wichtigsten Gäste zu Tisch. Aber der Tisch war noch nicht da, und die Gäste saßen im Rechteck, in zwei längeren und zwei kürzeren Reihen auf ihren Stühlen um einen auf sich warten lassenden Tisch herum. Welterklärungen, Weltkommentare wollte niemand mehr hören, ein komplexes Bewußtsein keiner mehr besitzen. Das wichtigtuerische Gehabe derer, die so etwas anboten, hatte die Ware gründlich diskreditiert. Es gab im tischlosen Rechteck nur Trauer oder Ausgelassenheit. Nur Seufzer und Jauchzer. Sprache wollte niemand mehr hören, vor Sprache grauste es alle. Mehr als das Nachsehen hatten sie nicht. Und sie ergaben sich dem Nachsehen, als starrten sie im Kino auf die Leinwand.« (OH 156) Das Szenische dieser Episode sticht sofort ins Auge, es könnte sich um den Beginn eines Dramas handeln, doch Strauß bricht die Erwartung, indem er ausdrückt, was keiner der Gäste mehr will: Welt und Weltdeutungen, schon gar keine Komplexität mehr. Stattdessen prägt Sehnsucht nach Einfachheit das Bild, sprachlose Empfindungen und Passivität fast wie vor einer Kinoleinwand sollen Welt und Komplexität ersetzen. Vielleicht ist Welt, so eine Überlegung, für Strauß als Referenzrahmen und Projektionsfläche nicht mehr relevant? Hat am Ende die Idiotisierung angesichts der Hyperkomplexität der globalisierten Gesellschaft gesiegt? Oniritti Höhlenbilder liest sich – insbesondere wegen des viergliedrigen Aufbaus und der angestimmten Höhlen- und Sphärendimensionen, Theaterwelten, Paarwelten, Endlosschleifen, Aphorismen – über weite Strecken wie ein abschließendes Ansprechen und letztes Kommentieren von Themen, die eindeutig und bei gleichzeitig zunehmender Distanzierung von der Welt der Globalisierung zugewiesen werden können. Der Rückzug wird immer mehr als ein zentrales Merkmal von Strauß’ Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen erkennbar. Das vorherige Kapitel behauptete dies bereits über Lichter des Toren, jedoch ist die Ausrichtung mit dem Detailblick auf den Idioten 579 und die Informationsgesellschaft eine andere. Oniritti Höhlenbilder greift weiter und so soll ein letzter Ausblick vorgenommen werden, der die Globalisierungskonzeption abrundet, denn, wie an verstreuten Stellen in den Analysen erwähnt wird, ebbt die unmittelbar zugängliche Beschäftigung mit Globalisierung seit 2013 in Strauß’ Schaffen zugunsten einer neuen Privatheit ab, als versuchte Strauß »Abstand zu gewinnen«, genauer noch: »Abstand überall und überhaupt von den Dingen« zu gewinnen; »[n]ur einen Abstand vom eigenen Bewußtsein wird er niemals finden. [...] Halt die Welt zurück von dir, weise ab die List der Phänomene« (OH 190f.). Anschließend wird Strauß in einer anderen Episode konkreter: »›Wann ist es passiert?‹ Frage des Fassungslosen zu einem ihm mitgeteilten Unglück. Imb – so hieß das letzte regierbare und regierte Randstück des südwestlichen Deutschlands. Denn das Globusrund hatte eine neue Delle bekommen, es war – nach titanischem Walken und Brechen von Erdgütern – eingesunken im großen Bogen von der schwäbischen Alb bis tief ins Allgäu. Die Oberfläche glich dort einer Trichterschale. Tief absteigen mußte man, um Reste der abgerutschten Provinzen zu entdecken.« (OH 193) Er beschreibt einen Erdrutsch, der sich nicht metaphorisch deuten lässt. »Globusrund« bedeutet trotz der bildlichen Sprache schlicht »Globusrund«. Globalisierungsprozesse sind hingegen metaphorische Prozesse, die wenig bis nichts an der Form des Globus ändern. Raubbau an der Natur oder atomare Gefahren betreffen den Globus nur dahingehend, dass die konkrete Lebensgrundlage des Menschen gefährdet wird. Die Globalisierungskonzeption widmet sich in der Form, in der sie in dieser Arbeit erarbeitet, ausgebaut, überprüft, begründet und angepasst wird, also nicht den konkreten Veränderungen der Weltkugel, sondern sehr spezifisch den gesellschaftlichen und individuellen Veränderungen auf ihr und deren jeweilige Beobachtungen und Beschreibungen, wie Botho Strauß sie ästhetisch kohärent vornimmt. Die Abkehr vom oder der Verdruss am Globalen setzt deutlich in Die Fabeln von der Begegnung ein und Strauß führt ihn indirekt auf die Hyperkomplexität der Welt zurück: »Es gibt tausend Variationen über den Satz: Ich verstehe nichts mehr von der Welt. Meist hört man ihn nur indirekt, oder jemand gesteht es auf uneingestandene Weise. Ein Mann bildet sich ein Urteil, bricht aber auf halber Strecke ab: Im Grunde ist es nicht das, was ich meine. Zwischen mir und den Verhältnissen, den überaus undurchdringlichen, fehlt der vereinfa- 580 chende Koeffizient – eine feste Tätigkeit, ein Bestreben, zumindest die Schrumpfgröße eines Standpunkts.« (DFB 80) Diese Sichtweise setzt sich fort mit der autobiographisch anmutenden Skizze Herkunft, die ähnlich ausgerichtet ist wie Die Fehler des Kopisten und in der Selbstverortungen und Exklusionen angestimmt werden. Es handelt sich um einen gleichermaßen praktischen wie poetologischen Aus-Weg aus der Gesellschaft zu einem Ankunftsort außerhalb realer Orte. Die erinnerte Wohnung oder die erinnerte Jugend nehmen dabei denselben Stellenwert ein wie das Haus in der Provinz, weil sie Rückhalt erzeugen, sie schaffen jene »geistige Heimat« (PP 103), die Strauß in Paare, Passanten einfordert. Was 1981 noch literarische Übung war, ist an der Jahrtausendgrenze gelebtes Verfahren, das angesichts der erreichten Globalität einen neuen Halt gibt, weil der vorherige Orientierungspunkt durch die Globalisierung verloren gegangen ist. Die nahezu völlig abwesende Beobachtung der Gegenwartsgesellschaft erscheint dem Leser als befangene Intimität, ist aber unter Berücksichtigung der Entwicklungen innerhalb der Globalisierungskonzeption nur folgerichtig. Gesellschaft läuft auf der anderen Seite der Differenz ungenannt mit, obwohl Strauß sie bewusst auszublenden versucht. Die Kommunikation orientiert sich stattdessen am Vergangenen und Gewesenen und verläuft unter Ausschluss der Belange der Öffentlichkeit im Privaten – und richtet sich wiederum doch als Publikation an diese. Umso erstaunlicher ist es, dass Botho Strauß diesen Einblick gewährt. Herkunft ist in dieser Form die konsequente Gegenoption zur Globalität, zur Gesellschaft, zu allem, was nicht der Innenwelt des Schriftstellers entspricht. Ob Herkunft und Höhlenbilder dabei Zielmarken oder lediglich Aufenthaltsbestimmungen sind, werden akademische Lektüren der 2018 erschienenen Werke Der Fortführer und Non-Finito, Ausgespartes, Leere Stellen zeigen. Die Titel implizieren einen gewissen Zukunftsoptimismus, zumindest in kleinem Umfang.

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Zusammenfassung

Dieser Band widmet sich dem spezifischen Blick auf die Veränderungen der Welt in Texten des Gegenwartsautors Botho Strauß (*1944). Es handelt sich hierbei um einen neuen Deutungsansatz, und die verfolgte These lautet, dass Strauß in seiner Auseinandersetzung mit der Gesellschaft einen teils offensichtlichen, teils im Hintergrund verborgenen, rhizomatisch verbundenen Globalisierungsdiskurs führt. In Essays, Prosatexten und Dramen werden auf vielfältige Weise die Einwirkungen der Globalisierung auf das Individuum und die Gesellschaft in literarisch-ästhetischer Form verarbeitet. Die vorliegende Herausarbeitung der so genannten Globalisierungskonzeption analysiert und systematisiert in verschiedenen Detail- und Überblicksbetrachtungen, wie Strauß seine Sicht auf Zeit, Raum oder Gesellschaft vermittelt. Das übergeordnete Vorhaben besteht darin, die direkten und indirekten Bezugnahmen auf Globalisierung, Globalisierungsprozesse und Globalisierungskonsequenzen in seinen Texten zu beobachten, zu beschreiben und die Ergebnisse in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen.