Content

7: Diffusion: Idiotie & Wahn als Exitstrategien aus der Globalität. Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit in:

Sascha Prostka

Implodierte Weltlichkeit, page 541 - 572

Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4177-2, ISBN online: 978-3-8288-7056-7, https://doi.org/10.5771/9783828870567-541

Series: Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
541 7: Diffusion: Idiotie & Wahn als Exitstrategien aus der Globalität. Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit »Das Populäre wiederum pflegt die Idolatrie des Außenseiters, und man kreiert für die Massen die Außenseiter-Konfektion. Gleichzeitig kennt die totale Öffentlichkeit keinen Außenseiter mehr. Sie ist unüberschreitbar und allgegenwärtig. Und unausgesetzt damit beschäftigt, aus jedem größeren Belang den seit Menschengedenken dünnsten aller breitgetretenen Quarke herzustellen.« (UAZ 114) 7.1 Positionen: Wer & was ist der Idiot? Der Terminus ›Außenseiter‹ bezeichnet neben all jenen Bildern, die er evoziert, zugleich, dass dieser außerhalb von etwas steht und somit ausgegrenzt wird. Erneut gilt, dass die in der sozialen Realität Exkludierten in Strauß’ literarischen Bearbeitungen – im Gegensatz zur soziologischen Forschung – nur randständig in Erscheinung treten. In der Literatur hingegen ist der Außenseiter trotz aller Zuweisungsschwierigkeiten eine der Grundfiguren und hat zu nahezu allen Zeiten Autoren und Autorinnen zu Schilderungen und Kontextualisierungen motiviert. In der deutschsprachigen Literatur der letzten einhundert Jahre begegnen dem Leser die Repräsentanten unter anderem als Wissenschaftler oder Intellektuelle wie Elias Canettis Peter Kien in dessen Roman Die Blendung oder Strauß’ Friedrich Aminghaus in Kongreß – Die Kette der Demütigungen oder als Entdecker, die Normen und Erwartungen brechen, als psychisch oder physisch Versehrte wie in Patrick Süskinds Das Parfum, Helmut Kraussers Melodien, Sibylle Bergs Danke für das Leben (in dem zugleich soziale Ungleichheit behandelt wird) oder Günter Grass’ Blechtrommel. Die Protagonisten dieser Romane verfügen über ungewöhnliche Fähigkeiten oder körperliche Merkmale, die sie zu Außenseitern oder gar Aussätzigen machen. Auch zu beachten sind Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, randseitige Selbstbeschreibungen wie Rainald Götz’ Irre oder die unzähligen Repräsentationen des herausgeputzten und distinguierten Dandys von Oscar Wilde bis Christian Kracht. Diese Auflistung ließe sich mit weiteren Außenseitern und Antitypen beliebig fortsetzen. 542 Bleibt salopp festzuhalten: Es lassen sich in der Literatur zahllose Hinweise auf Außenseiter finden, so dass es beinahe unmöglich erscheint, eine Masse zu bestimmen, der gegenüber dieses Phänomen fixiert werden kann, weil es nur noch Außenseiter zu geben scheint. Difference sells. Jedoch fällt bei näherer Betrachtung auf, dass die Werke mehrheitlich aus dem letzten Jahrhundert stammen. Es mag Zufall sein oder der unendlichen Flut der jährlich neu erscheinenden Literatur liegen, dass die Auswahl sich beschränkt. Aber vielleicht bestätigt sich Strauß’ Beobachtung, dass am »Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts [...] der Typus des Außenseiters aus Gesellschaft wie Literatur so gut wie verschwunden [ist]« (LDT 9). Oder doch nicht? Glaubt man der konträren Aussage Monika Rincks, dann erleben der Außenseiter und Idiot derzeit ein Wiederaufblühen: »Das Privatsprachliche und das Idiotische stehen gleichzeitig auf und fragen: Woher die Konjunktur des Idioten? Es tummeln sich auf diesem Gelände einige Denker und Philosophen, sie tragen sich dem Idioten an. Dem Außenseiter, der sie alle, alle überragt! [...] Die Grenzen zur Weisheit fallen. Wenn das ein Symptom ist, ist es ein höchst interessantes, genauso wie die Entdeckung von Passivität, Müdigkeit, Trotz, Unvermögen, Dysfunktionalität als Rettungsboot.«785 Mit dieser Fragestellung leitet Rinck ihre essayistischen Betrachtungen zum Idioten und dessen gegenwärtiger Gestalt ein. Nunmehr stehen Aussagen zur Rezession des Idioten seiner Konjunktur gegenüber. Jedoch erscheint dies nur auf den ersten Blick verwirrend. Denn der Unterschied zu dem von Strauß angestrebten Diskurs über den Idioten besteht darin, dass Strauß ihn als Außenseiter unter Außenseitern schildert (ohne die Zuweisung irgendwelcher Privilegien jenseits von Weisheit) und ihn nicht gegen die Massengesellschaft stellt. Strauß positioniert den Dichter und Künstler als Gegenbildner der Gesellschaft und (wie es in Die Fehler des Kopisten heißt) auf einer Ebene mit dem »Dandy« oder »Mönch« (FDK 79). Die Randbemerkungen in den bisherigen Analysen zeigen, dass sich die Person Strauß ebenfalls exkludiert. Ob Strauß (als Mensch und als Autor) auf diese Weise an eine der vielen »asketischen Tendenzen der Modernisten«786 anknüpft, ist immerhin bedenkenswert. Unabhängig von der Antwort sind Exklusion und Gesellschaftsentsagung zumindest die Standpunkte, von 785 Monika Rinck: Risiko und Idiotie. Streitschriften. S. 7f. 786 Hans-Christian Dany: Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft. S. 7. 543 denen ausgehend die literarischen Ästhetisierungen der globalisierten Gesellschaft durchgeführt werden. Beobachtungen seiner Positionen müssen auf die gegebene Randlage Rücksicht nehmen. Die Selbstinszenierung der Massen im Internet – nach Strauß »Plurimi-Faktor« und »stete Anpassung nach unten« (LDT 32f.) – und der Ruf nach einer »Reform der Intelligenz« (vgl. RDI) stehen in einem äußerst engen Verhältnis zueinander. Werkgeschichtlich betrachtet ändert Strauß seine Haltung. Zu Beginn war der Idiot deutlich flacher konzipiert und wurde noch nicht als erhaben angesehen. Ein längerer Auszug aus dem 1980 erschienenen Roman Rumor verdeutlicht diese Aussage: »Das Institut ist ein Scheißhaus des Geistes und eine Zuchtstätte des Idiotismus. Man gleicht diesem Leuchtpunkt mit seinem züngelndem Schweif, ein Geißeltierchen, der immer die gleiche Bahn fällt auf dem Oszillographen, verschwindet, zur anderen Seite des Schirms wieder auftaucht, wieder die gleiche Bahn fällt und mit einer Differenzbreite von ± 2 mm die Präzision einer Systemverschweißung mißt. Dieser Punkt sein und nichts anderes. [...] Je länger ich auf den Schirm starre, um so schärfer sehe ich die verschiedenen Entwicklungsstufen des Menschen zum Idioten heraufziehen vor meinen Augen, sehe ich sie dargestellt von einem grundgewöhnlichen Exemplar der Gattung, welches wahrscheinlich ich selber bin [...] … Ich muß unablässig an die Vernunft denken, wie ein Idiot, der sie längst verloren hat und ihr trübe nachsinnt. Wir sind Idiot, wenn es hoch kommt. Wenn es hoch kommt, tief gefügig geistesschwach.« (RU 11f.) Mit frischem Blick erprobt er in den Folgejahren (seit Paare, Passanten) andere Sichtweisen, differenziert sie und sieht in Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit die soziale und mentale Verflachung als Folge dessen, dass die »Intelligenz zur Massenbegabung wurde«, während »Klugheit und Einfalt nahezu ausgestorben« seien. Sein Fazit lautet, dass es »[d]en Idioten [...] daher in mehrfacher Symbol-Gestalt [gibt], auch als Januskopf: nach vorn blickt die Parodie des Informierten, der Info-Demente. Zurück blickt die Heiterkeit des Ungerührten. Der heitere Idiot in der Welt der Informierten zu sein heißt, ohne eine Regung von Zukunftsunruhe, ohne Angst zu leben. Statt dessen aber in einer den Informierten ungültigen Redeweise sich mitzuteilen, die jedoch ungemildert und unverzerrt die Vibrationen eines rumorenden Untergrunds wiedergibt.« (LDT 7) 544 Der Idiot verfügt demnach über ein eingekapseltes Empfinden, das der »Info-Demente« nicht besitzt. Beide verbindet ihre »totalitäre Emphase in den beiden Wörtchen: alles, nichts« (LDT 13). Der Idiot nimmt, wie im Anschluss vertieft wird, eine Sonderrolle ein und das Augenmerk liegt auf der besonderen Konstitution des Idioten, welche dieser in der globalisierten Gesellschaft innehat. Ihm gegenüber steht der blinde Furor der Imbezillen, wie er sowohl in der Einleitung dieser Studie als auch in der Analyse von Die Unbeholfenen beschrieben wird. Bei Strauß ist darüber hinaus zu differenzieren, wann dem Schwachsinn welche Dimensionen und Aussagen zugeschrieben werden. Die Spannbreite reicht vom debilen, schwachsinnigen oder infantilen bis zum manisch verschrobenen Menschen. Entrücktes Hin-und-herschaukeln wird ebenso beschrieben wie ein »Tropfen der Deformation« (DNA 37) und »die ganz leichte Vermorphung« (DNA 38), welche das Subjekt auf der Innenseite deformiert, die »Zerebralsphäre« (DU 87) angreift und somit in den Wahnsinn treibt. Es handelt sich hierbei um eine Veränderung, die formal durchaus mit der Vermorphung, die in der frühen Erzählung Theorie der Drohung stattfindet, als sich der Erzähler Spiegel als jene zuvor beschriebene Figur Lea wiedererkennt, oder den im vorangegangen Kapitel besprochenen Doppelgängerinszenierungen vergleichbar ist. In Marlenes Schwester schildert Strauß die Selbsterkenntnis der Figur, in den Wahn abzudriften und sich dabei aufzulösen: »Hitze, Verwunderung, Gestaltlosigkeit. Das Stimmenmeer im Kopf, die Summe der mich bevölkernden fremden Stimmen – das bin ich, obwohl ich mich nicht mehr darin erkenne. Ich, das Einzelwesen, vermehre mich, im Verlaufe meiner Auflösung, in grenzenloser Zellteilung. Ich werde eine Menschenansammlung, eine Gesellschaft, ich werde alle anderen.«787 Der Unterschied besteht jedoch in der gänzlich anderen Perspektive. Galten die frühen Texte dem Rezensenten Günter Blöcker noch als »Innenweltspiele«, können (und sollten!) die Texte der letzten drei Jahrzehnte als ›Außenweltspiele‹ verstanden werden, in denen der Wahn nicht mehr innere, sondern vorrangig äußere Zustände verhandelt. Strauß äußert in Lichter des Toren: »Der Wahn war eine zentrale Metapher des zwanzigsten Jahrhunderts. Dem folgenden könnte der Idiot zum Inbild werden. Wenngleich ›Jahrhundert‹ dann vermutlich ein schwammiger Begriff sein wird« (LDT 8). Aufschlussreich ist eine nahezu identische Stelle in der Vorstudie 787 Botho Strauß: Marlenes Schwester. S. 23f. 545 namens »Lichter des Toren. Variationen über den Idioten und seine Zeit«, die ein Jahr vor Erscheinen des Bandes in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht wurde: »Der Wahn war eine zentrale Metapher des 20., der Idiot wird zur Leitfigur des 21. Jahrhunderts – wenngleich ›Jahrhundert‹ dann vermutlich ein schwammiger Begriff sein wird« (VIZ). Strauß schwenkt in letzter Sekunde von der »Leitfigur« auf das »Inbild« um und verändert seine Argumentation auf diese Weise von einer Vorbildfunktion zu einer Repräsentation. Die Verschärfung wird erweitert um die Angst, die Zukunft, die über allem schwebt, zu verlieren. Diese graduelle Verschiebung verdeutlicht zugleich die resignative Haltung hinter der Reflexion. Zudem operiert Strauß einerseits mit einer Trennung zwischen Wahn und Idiot, andererseits mit der emphasebasierten Einheit dieser Distinktion. Martin Meyer, Redakteur der NZZ, erläuterte im Kontext des Vorabdrucks indirekt, dass Strauß den Leser anfangs mit einer falschen Fährte verwirrt, bevor dieser zu seinem zentralen Anliegen kommt: Einer umfassenden Studie über den nicht ausschließlich negativ interpretierten Idioten, der bereits in der Anfangsszene der Zeitungspublikation, welche sich im Beginn nur marginal von der Buchpublikation unterscheidet, zu einem »besonderen Menschen [wird], dessen Empfinden quer steht zu allen herkömmlichen Formen der Wahrnehmung. Er ist unberührt von den Kategorien der Vernunft, unverführt von den Meinungen und Urteilen der anderen, unbelastet von der herrschenden Moral, die immer weiss, was richtig und was falsch sein soll. Die ›Dummheit‹, mit der er geschlagen ist, erweist sich demnach als Vorteil – nämlich als das Vermögen, die Dinge so zu sehen, dass sie frisch und unverstellt und wie aus rätselhafter Fremde vor das Auge treten. Die Kulissen vorgefertigter Konzepte stürzen zusammen, unbefragte Werte geraten ins Schwanken. Der ›Idiot‹ ist zum Medium geworden.«788 Meyer hebt weiter hervor, dass Strauß’ Text »auf dem Terrain einer global gewordenen Austauschkultur«789 agiert, wo »sich Botho Strauss als einer ihrer schärfsten Kritiker [versteht]«790. Der »›Bocksgesang‹ [...] hat ihm [...] den Ruf des Konservativen eingetragen, der rückwärtsgewandt von längst erloschenen Werten und Gesetzen träume – als ob es einem Dichter nicht erlaubt sein sollte, Gewinne gegen Verluste, Prozesse der Säkularisierung 788 Martin Meyer: »Über Botho Strauss: Der doppelte Blick«. 789 Martin Meyer: »Über Botho Strauss: Der doppelte Blick«. 790 Martin Meyer: »Über Botho Strauss: Der doppelte Blick«. 546 gegen Fundamente vergangener Sinnfülle aufzurechnen«791. Die Verortung vor dem Hintergrund einer globalisierten Kulisse offenbart eine versteckte Dimension, die Meyer bereits im begrenzten Vorabdruck erkennt und die im erweiterten Text der Buchfassung ausführlicher formuliert wird. Neben der in der Einleitung besprochenen Tragkraft des Zusammenhangs von ›Globus und Heimatbonus‹ (vgl. LDT 18) und weiten Passagen mit einem konkreten Weltbezug resümiert Strauß den epochalen Wandel der Gegenwart als Globalisierungsprozess: »Die Moderne ist von der Ideen-Welt in die Innenwelt gezogen und von der Innenwelt dann in die Umwelt. Dort herrscht Zerstörung, Verseuchung, Verschwendung, dieses Reich gibt es nur als vom Kollaps bedroht. Und darin haust der verfügte Verfüger, das ökopathetische ›Wir‹. Verstrickt in zahllose Abhängigkeiten und Wechselwirkungen, müßte dieses Wesen die Eigenschaft eines selbstkritischen Adlers besitzen, Raubvogel und Zweifler in einem, gleich scharfsichtig« (LDT 49, vgl. LDT 41). Weitergedacht kann Lichter des Toren – neben Oniritti Höhlenbilder – als Quintessenz der Strauß’schen Gegenwartskritik gedeutet werden, nach der eine Reihe von Themen (unter anderem Neuronensignale, Zeit, Wirtschaftssystem, Informationsgesellschaft, Bezugnahme auf frühere Literaten) abschließend betrachtet wird und von nun an erschöpft scheint und allein der Ausweg in bisher vom Autor nur sporadisch erforschte Felder der literarischen Gegenwartsästhetisierung bleibt, in denen keine Gesellschaft existiert und der Autor als privater »idiotes« (LDT 11) sich aus allem exkludiert, genauer und in Strauß’ Stakkato ausgedrückt »Privatperson. Gemeinschaftsstümper. Idios: beiseite, abseits befindlich; den einzelnen betreffend, dem einzelnen zugehörig. Idioteia: Privatleben. Torheit« (LDT 11). Präzisierend fällt er auf Shakespeare zurück: »A tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing« (LDT 110) und variiert es in Oniritti Höhlenbilder (vgl. OH 233). Die Annahme, die diesem Kapitel zugrunde liegt, besteht nun darin, dass der Idiot ein Gesellschafts- und Weltflüchtiger ist, der den Wahn zu seiner Daseinsbedingung, Abgrenzungsund Exitstrategie erkoren hat. Dass Strauß seinen Figuren und der Gegenwart diagnostiziert, in den Wahn und die Idiotie umzuschlagen, steht zugleich für eine Kulmination jener Entwicklungen, die von der Globalisierung ausgelöst werden und neben den spezifischen Themensetzungen der 791 Martin Meyer: »Über Botho Strauss: Der doppelte Blick«. 547 anderen Analysen eines der wesentlichen Merkmale innerhalb der Globalisierungskonzeption des Autors Strauß sind. Strauß positioniert den Idioten am Rand der Gesellschaft und verleiht ihm die Fähigkeit, Dinge anders als die Mehrheit zu sehen. Neben der Befundaufnahme, wie es um die Gesellschaft und den Idioten steht, leitet dieses Kapitel abschließende Überlegungen über den Zusammenhang von Zivilisationskritik und gesellschaftlicher Veränderung im Werk von Botho Strauß ein. 7.2 Der idiotische Dichter, der Außenseiter & die Gegenöffentlichkeit Der Idiot distanziert sich, wie die Quellenlage belegt, nicht vom Wahn, sondern wendet sich ihm zu. Aus diesem Grund ist bis zur klärenden Definition von einer Trias aus Wahn, Außenseiter und Idiot auszugehen. Bernhard Winkler analysiert in kurzer Form die Kontextualisierung des Typus des Idioten in Strauß’ Werk und urteilt: »Botho Strauß macht den Dichter zum Idioten, zum stigmatisierten Außenseiter, der von der Gesellschaft nicht ernst genommen wird, aber über verborgene Fähigkeiten und eine gesteigerte Sensibilität verfügt«792. Winkler untersucht ferner die Haltungsfrage, ob Strauß, wenn er den Dichter als Idioten definiert, »eine resignative Haltung einnimmt oder im Gegenteil eine Affirmation der Einsamkeit unternimmt«793. Die Essayistin und Lyrikerin Rinck entschied sich in ihren Überlegungen zu Risiko und Idiotie in vergleichbarer Weise für die Subsumierung des Dichters unter dem Schlagwort des Idioten.794 Diese Form der Verortung und Degradierung erscheint anfangs ungewöhnlich, doch sowohl Winkler als auch Rinck (s.u.) argumentieren für ihre Sicht. So konstatiert Winkler in der Folge, dass der »Außenseiter-Dichter« ein Ver- 792 Bernhard Winkler: »Der Dichter als Idiot – Zur Poetik des Außenseiters in Botho Strauß’ ›Lichter des Toren‹«. S. 35. 793 Bernhard Winkler: »Der Dichter als Idiot – Zur Poetik des Außenseiters in Botho Strauß’ ›Lichter des Toren‹«. S. 35f. 794 Vgl. Monika Rinck: Risiko und Idiotie: Streitschriften (S. 16). Die Autorin fragt dort »[w]elcherart [...] das Gelenk zwischen Werk und Biografie [ist]« und betont die in Teilen aufgelösten Bezüge »zwischen dem Dichter und dem Text«. Als »Chaosgenerator« treten »Lektüre, Diebstahl, Entfremdung, Gnade und Verstockung« in den Schaffensprozess ein und lösen »die biografische Verbindung« auf, woraus »auf viel bessere Art [ein] fiktives Ich: das lyrische (oder idiotische) Ich« entsteht. Rinck konkludiert, dass der Schreibende als »Idiot nicht unter das Niveau seiner Texte zu fallen« versucht. 548 treter sei, »der ›ein eigenes originelles Wertesystem besitzt, andersartig die beobachtete Wirklichkeit beurteilt‹ und sich somit selbst ins gesellschaftliche Abseits manövriert«, insbesondere weil »die Andersartigkeit des ›kreative[n] Außenseiters‹ zu einer latenten Attraktion« führe, »[d]er soziale Rückzug des Dichters bedeutet gleichzeitig eine ästhetische Form der Abweichung, die eine andere Art der Kommunikation impliziert«795. Der Dichter etabliert – insofern eine der Grunderkenntnisse in der Auseinandersetzung mit Botho Strauß – eine Gegenöffentlichkeit. Winkler erwähnt das ›Gegenwartsnarr‹-Kapitel aus Paare, Passanten, insistiert aber nicht weiter auf Inhalt oder Tragweite der Benennung. Der Essaytitel der »Aufstand gegen die sekundäre Welt« kann in Verlängerung dieses Gedankens als der Strauß’sche Imperativ bestimmt werden: Widerstand gegen die Gegenwart. In Lichter des Toren vollzieht Strauß dann, wie Winkler formuliert, die »Engführung von Dichter und Idiot, die der konventionellen Vernunft der Öffentlichkeit ablehnend gegenüberstehen«796. Problematisch an diesen Beobachtungen erweist sich jedoch, dass das Verhältnis der Gegenwartsleser zur Dichtung ein zwiespältiges ist. Laut Winkler wird Spannung goutiert, hermetische Sprache hingegen als »unverständliches Rätsel«797 erlebt, aus diesem Grund resümiert Winkler relativ hart: »Der Dichter ist für ihn ein Stammler, ein Idiot, der bei wachem Verstand betrachtet nichts Wichtiges zu sagen hat«798. Auch Andrzej Denka widmet sich dem Idiotie-Diskurs und formuliert: »Zwei Akteure sind für das ästhetische Projekt von Botho Strauß konstituierend: die bundesrepublikanische (demokratische, liberale) Gesellschaft und der kritische Außenseiter, der Rebell. Allerlei Komplikationen und Präzisierungen dieser Konstellation sollten dabei in Rechnung gestellt werden.«799 795 Bernhard Winkler: »Der Dichter als Idiot – Zur Poetik des Außenseiters in Botho Strauß’ ›Lichter des Toren‹«. S. 37. 796 Bernhard Winkler: »Der Dichter als Idiot – Zur Poetik des Außenseiters in Botho Strauß’ ›Lichter des Toren‹«. S. 37. 797 Bernhard Winkler: »Der Dichter als Idiot – Zur Poetik des Außenseiters in Botho Strauß’ ›Lichter des Toren‹«. S. 45. 798 Bernhard Winkler: »Der Dichter als Idiot – Zur Poetik des Außenseiters in Botho Strauß’ ›Lichter des Toren‹«. S. 45. 799 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement?: eine systemtheoretische Untersuchung zu Peter Handke und Botho Strauß nach 1989. S. 265. 549 Und er führt an späterer Stelle weiter aus, dass Strauß den Typus des Rebellen lanciert, der als »Gegenpart der liberalen (beziehungsweise linksliberalen) demokratischen Gesellschaft«800 verstanden werden kann. Denka listet eine Vielzahl von Variationen des Rebellen auf und vermag auf diese Weise, ein breites Bild des Außenseiters in Strauß’ Werk zu zeichnen: ›Rechter, Reaktionär, Außenseiter- oder Kultur-Heros, Dichter, mutiger Einsiedler, Fulgurist, Restaurator, Antihumanist, Einzelgänger‹801. Es handelt sich hierbei sowohl um Positionen des Autors Strauß als auch um Positionen, die literarischen Figuren oder rezipierten Literaten zugewiesen werden. Im Verlauf der Ausarbeitung der Globalisierungskonzeption wird in unregelmäßigen Abständen auf die Funktion der Idiotisierung als Weltflucht verwiesen. Wahn und Idiotisierung sind aus dieser Sicht Mittel der Weltflucht, aber sie sind auch Reaktionen auf schon durchlaufene Veränderungsprozesse. Diese Beschreibungen heben ein weiteres Mal hervor, dass Strauß ein keineswegs einfach zu erschließender Autor ist, der zudem sehr bewusste Distinktions- und Differenzsetzungen vollzieht. Mit Hilfe dieser Selbst- und Fremdreferenzialität löst Strauß sich vom gesellschaftlichen Ballast und konzentriert sich in jüngster Zeit vorrangig auf Themen, die abseits einer sozialen Umwelt liegen. Als poetologische Maxime lässt sich in diesem Zusammenhang auf Lichter des Toren verweisen: »Es geht also nicht um den antigesellschaftlichen Affront des Idioten, sondern umgekehrt sind es seine hypersensorischen Orientierungen, die er der Gesellschaft infiltriert« (LDT 24). In Herkunft wird aus der Perspektive der Sehnsucht erzählt, in Oniritti Höhlenbilder auf sprachliche Explorationen der verborgenen Nicht-Welten verwiesen. Es ist augenfällig, dass die letzten beiden Veröffentlichungen mit dem Globalisierungsdiskurs brechen und auch dem Idioten keinen Platz mehr einräumen. Die Themenwahl verändert sich hin zum Privaten und Abgeschiedenen. Die um 1990 herum begonnene, aber erst 2014 publizierte autobiographisch anmutende Skizze Herkunft verdeutlicht diese Einkehr in einen nicht-globalisierten, privaten Kosmos. Oniritti Höhlenbilder zeichnet eine Vielzahl unterschiedlicher Bewegungen in die Tiefe nach. Es geht um Träume, tatsächliche und imaginierte Höhlen, Phantasmen und nur am Rande noch um die reale Oberfläche der Welt, obgleich Strauß auch in diesem Text versucht »alle Tage und alle Stunden auf einmal« zu denken und die Erzählerstimme gegen den »Unterscheidungsgeiz« (OH 81) positioniert, mit dem Geschichten und die 800 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement?. S. 291. 801 Vgl. Andrzej Denka: Skandal oder Engagement?. S. 292-294. 550 Geschichte unterbrochen werden. In der Flucht in den Traum rettet sich die Stimme »gegen das Virus des Vergessens, das so ansteckend grassiert unter Menschen […]. Ich liege, ich schwimme [...]. Gibt’s denn für den Traum überhaupt Unträumbares? Eine losgelassene Meute kaum zähmbarer Gedanken, eine Welt ungeahnter Zusammenhänge. Über alles Verknüpfbare hinaus! [...] Nicht ohne Folgen benutzen wir alle die gleiche ›Oberfläche‹ […], doch die sprunghaften links gleichen dem Vormarsch von Läusen, sie bewegen sich nur auf der ebenen Fläche. Verknüpfungen aber, die wirklich was taugen, etwas hervorbringen, die ihren textilen Namen verdienen und also haltbar sind, nicht nur rasante Augenwische, flüchtige Touchierungen, sie finden in der Tiefe der Unwissenheit und der ungenauen Erinnerung statt.« (OH 81f.) Die Erzählerstimme wird vom Traum mitgerissen und erforscht (immer noch träumend?) die Tiefe im Gegensatz zur oberflächlichen Vernetzungssphäre. Hierin liegt keine Idiotisierung verborgen, aber dem träumenden Subjekt tritt die reguläre Wahrnehmungsform außer Kraft, denn nur so erklärt sich, dass Zusammenhänge anders als Verknüpfungen bewertet werden. Oder anders: Netzknoten stehen im Traum der dichten Fläche gegenüber. Träumen bedeutet Indifferenz und somit Grenzüberschreitung. Auch Titel und Zielsetzung der von Sebastian Kleinschmidt herausgegebenen Anthologie Allein mit allen – Gedankenbuch deuten in die Richtung derartiger Grenzüberprüfungen.802 Im Kontext der These vorliegender Arbeit kann die Abkehr von der Öffentlichkeit in den seit Lichter des Toren erschienenen Texten als angestrebte Gegenglobalisierung oder Reaktion auf Globalisierung gedeutet werden. Sie wird indirekt dadurch bestärkt, dass Hannelore Schlaffer Lichter des Toren und Allein mit Allen als Vertreter der Gattung Gedankenbuch sieht; im Umkehrschluss impliziert das die hermetische Sphäre der Gedanken.803 Der Autor Strauß wendet sich vehement von der »heftige[n] Welt« (FDK 8) ab, wird »Privatmann« und korrigiert 802 Vgl. hierzu auch Kleinschmidts Nachwort, in dem er konstatiert: »Botho Strauß ist ein moderner Romantiker, begabt mit geschwisterlichem Staunen für Wissenschaft und Technik. Ein Mann des auf Erkenntniseinsicht und Sinnzusammenhänge zielenden Begreifens, ein Mann des Innestehens. Und doch ein zutiefst Befremdeter vom prometheischen Programm« (Sebastian Kleinschmidt: »Gedankenabenteuer. Nachwort«. S. 338). 803 Vgl. Hannelore Schlaffer: »Wider den Roman. Gedankenbücher«. S. 65. 551 diese Veränderung unmittelbar: »Idiot ist besser« (LDT 27). Er entzieht sich den »Strukturen« der Gesellschaft und gewinnt durch »[d]iese Enthaltung [...] eine gewisse Unabhängigkeit, deren radikalste Steigerung zugleich den Zusammenbruch jeglicher Kommunikation riskiert« (LDT 27). Bleibt zu fragen, ob mit den »Strukturen« die Funktionssysteme der Gesellschaft gemeint sind? Die Ausgrenzung aus Bereichen der Gesellschaft, wie sie einige der Figuren erleben, deutet darauf hin. Darüber hinaus lässt eine kritische Äußerung im Anschluss dies vermuten, weil es den Menschen aus seiner gewohnten Befindlichkeit innerhalb der Gesellschaft herauslöst: »Aber wieviel Unterschlupf bot den Paktierenden diese ihm verschlossene Welt! ...Vor Zeiten kannte man die diskrete Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse, jetzt gab es statt dessen ein freies, sich selbst nie bezweifelndes Zugehörigkeitsgefühl an sich und weltumspannend. Ich gehöre dazu, ein stabiles Intransitivum, ein Tätigkeitswort für qualifizierte Untätigkeit. [...] Zugehörigkeit in beinah allem, was da anfiel oder was da kommen mochte, eine ungeheure Diffusion, aus der sich jedoch plötzlich eine Ballung und Verdichtung ergeben, ein Titanenhaupt erheben könnte.« (LDT 28f., vgl. LDT 90f.) Die zunehmende Verdrängung generiert eine neue Form der Zugehörigkeit im Ungefähren. Die »Diffusion« ist möglicherweise Wegbereiter für jenen Epochenwandel, den Strauß in den letzten zwei Jahrzehnten immer wieder propagiert hat, und der möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass »[e]in Mensch [...] sich heute von innen nach außen leichter umgestalten [lässt] als eine Schaufensterdekoration« (LDT 111). Der Mensch wäre demnach globalisierbar in dem Sinne, dass seine Innenwelt diffundiert und somit auflösbar erscheint.804 Dieser Prozess gleicht dem, welchen (wie oben geschildert) die Moderne erlebt und immer noch durchläuft (vgl. LDT 49). In Verlängerung des Gedankens richtet sich der Blick auf die verbliebene Widerstandskraft gegen einen derartigen Angriff. In diesem Zusammenhang lässt sich die griffige Formulierung, dass sich »[d]er Schwachsinn als letztes Reservat des Menschen« (WTE) ankündige, ein weiteres Mal heranziehen und einer Prüfung unterziehen. Strauß’ Schilderung eines aus der Spur geglittenen Exkludierten in Niemand anderes evo- 804 Ein Kontraverfahren ist das von Strauß herangezogene umgangssprachliche ›in Schale werfen‹ als »Antwort auf die Menschenleere […]. Von niemandem gesehen, Gestalt annehmen, Figur abgeben« (LDT 135). Zur Schutzfunktion von Kleidung vergleiche auch UAZ 100, 155. 552 ziert, wie eine Relektüre dieser Passage offenbart, die radikalste Stufe dieses Typus: »Ein Idiot – ein Privatmann wie ich, nur sehr viel radikaler, ein Einzelner im Extrem. Seine Flüche, seine Anfälle verraten den finsteren Ideopathen, der in ihm hockt, geladen mit rassistischen und anderen vernichtungsseligen Ekelenergien. Er schwelgt, kein Zweifel, in teuflischen Vorfreuden, wenn er die lose Menge Menschen vor sich sieht: ihr werdet schon sehen, ihr wuselndes Ungeziefer, in den höllischen Feuern meiner Einsamkeit werdet ihr alle untergehen! Oh nein, nicht solch einen Kumpan! Nichts mehr vom grollenden Städter, vom querredenden Narren, vom Zerrbild des tapferen Einzelnen.« (NA 125f.) Den »Einzelnen« kontrastiert Strauß in Lichter des Toren mit der »Vergänglichkeit [...] ganze[r] Generationen, Kulturen und Stile« (LDT 101) und schlussfolgert nun in Ergänzung zu ihrer formalen Globalisierung: »Die Moderne verließ uns nicht. Es gibt für den, der in stets erneuerbarer Gegenwart sein Leben fristet, keine Möglichkeit, ein Einst zu verklären« (LDT 101). Strauß holt den Außenseiter aus der Ecke und verleiht ihm eine neue Mündigkeit. Problematisch ist, dass die Wissens- beziehungsweise Informationsgesellschaft den Antitypen nicht zulässt, wie er in »Wollt ihr das totale Engineering?« betont: »In einer Wissensgesellschaft kann es den Antityp, der auf die schädlichen Folgen des Fortschritts verweist, nicht geben, wie ihn der Intellektuelle in der Industriegesellschaft vorstellte. Hier wäre der Außenseiter oder Widersacher schnell als ein Zukurzgekommener angesehen, einer, dem mit zu wissen nicht gelang.« (WTE) Norbert Bolz formuliert in Bezug auf die Position im sozialen Gesellschaftsgefüge ähnlich, indem er feststellt, die »Moderne« ist »das Zeitalter des Außenseiters«805. Bei Strauß eröffnet sich daraus eine Perspektive, in der sich das Individuum radikalisiert. Von den Aspekten Wahn, Technik und Idiotie ausgehend entwickelt er eine Inhaltslinie, welche die zuvor beschriebenen Folgen und Auswirkungen der Globalisierung noch zuspitzt, indem das Individuum sich paradoxerweise von den meisten Globalisierungsphänomenen löst. Diese Sicht ergänzen Episoden, Figurenbeschrei- 805 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 50. 553 bungen und Ausblicke auf den Menschen an sich. Hier geht es vor allem um die Reaktion auf eine als ausweglos erscheinende Vernetzung oder Grenzauflösung. In der Analyse von Beginnlosigkeit konnte ermittelt werden, dass es verschiedene Möglichkeiten der Grenzpassage gibt und dass beispielsweise der Tod im Vergleich zum Dichter, Schauspieler oder wahnhaften Außenseiter die am wenigsten praktikable Methode ist. Die von Strauß ausformulierten Gegengesellschaften greifen in Teilen ebenfalls die Ausgrenzung auf, wie im Roman Der junge Mann deutlich wird; Strauß beschreibt die intelligente Infantilität der »Syks« oder führt aus, dass für eine in der Warteposition (»grenzenloses Warten« (JM 353)) verharrende Gesellschaft »schubartige Rückfälle ins Infantile beinahe unvermeidlich sind« (JM 353). Die Entfremdung seiner Figuren, vielleicht sogar des Subjekts im Allgemeinen, schlägt um in Wahn- beziehungsweise Krankheitszustände oder die Misanthropie gewinnt an Umfang. In der Textpraxis scheint die Lage vertrackt und wenig eindeutig, insbesondere weil Wahn, Idiotie und Außenseitertum verschwimmen. Strauß konstatiert in Niemand anderes »die meisten Menschen« sind »nicht für die Gemeinschaft geboren« (NA 191) und stellt die Frage, ob nicht »aber der Einzelne deshalb nur ein Privatmann, ein idiotes, ein Stümper am Allgemeinen [ist]– oder ist er nicht vielmehr auch die Achse der Menge« (NA 192). Seine Sicht auf die Begriffstrias ist nicht fix und er positioniert sich im Verlauf der Werkentwicklung immer wieder neu. Die Narrensicht auf die gesellschaftliche Umwelt entwickelt sich kontinuierlich von Paare, Passanten bis sie mit den drei Essays zum Idioten seinen Höhepunkt erreicht. Die Titel vermessen dabei bereits die Spannweite. Zuerst erschien 2012 der genannte Essay in der Neuen Zürcher Zeitung, kurz darauf »Plurimifaktor – Anmerkungen zum Au- ßenseiter« im Spiegel. Im August 2013 gab Strauß mit seinem Manifest für die Exklusion ein Gastspiel im Diederichs-Verlag, welcher Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit in sein Programm aufnahm. Das vorliegende Kapitel rekapituliert diese Inhaltslinie, die an verstreuten Stellen der vorliegenden Untersuchung bereits besprochen wurde, und verwebt sie mit Unteraspekten in Strauß’ Medienkritik und anderen Exitstrategien, um zu beleuchten, auf welche Weise der Typus des Idioten, Idiotisierung, Infantilisierung sowie Imbezillität Symptome der Globalisierung beschreiben. 554 7.3 Synästhetische Sonderfunktionen & die Kapitulation vor der Technik Dem Idioten fällt die Sonderfunktion zu, den Zusammenhang der Welt durchschauen zu können (vgl. NA 125), wenngleich es sich bei der geschilderten Form um eine unmoralische oder zumindest fragwürdig ausgestaltete Variante handelt. In Lichter des Toren formuliert Strauß die Rollenund Funktionszuweisung in einer veränderten Welt als binäre Option, das heißt entweder als jemand, der alles versteht oder Dinge bewusst ausblendet: »Der Idiot gibt uns ein Rätsel auf. Das heißt, er hat seinen Anteil am Rätselhaften einbehalten, das die übrige Welt, die reich davon die längste Zeit war, an den Eifer beflissener Rätsellöser verlor. Er kann aber auch gelten als Wahrzeichen für das prinzipielle Unterverstehen von Welt, zu dem die menschliche Art verurteilt ist.« (LDT 157) Kontextualisiert man diesen Typus nun mit einer Replik aus Das blinde Geschehen verdeutlicht sich Strauß’ ablehnende Haltung: »A: Jeder gibt den Idioten auf seinem Niveau« (DBG 25). Der Idiot ist demnach nicht auf eine Ebene oder Form beschränkt, sondern wird durch sehr unterschiedliche Varianten repräsentiert. Später im Stück fragt der Protagonist John Porto »Warum sollte eine alternde Gesellschaft nicht genauso schwachsinnig werden wie ein alterndes Individuum?« (DBG 38, vgl. VA 233) und entledigt sich in seiner Reflexion indirekt der individuellen Moralhaltung, weil er persönliche Haltungen, Einstellungen und Merkmale vom gesellschaftlichen Kontext isoliert. Ein Verfahren, das Strauß ebenfalls in Lichter des Toren anwendet. Dort heißt es, dass »[d]ie Emanzipierten aller Schattierungen« letztlich den Übergang in eine »Greisengesellschaft« (LDT 174) zu verantworten haben. Er stellt den zyklischen Anschluss an das Alte (in seinem Sinne: Kunst, Literatur, Gesellschaftshaltungen) gegen den (kulturellen) Niedergang der Fortschrittsgläubigen (vgl. LDT 174). Blickt man im Werk zurück, kristallisiert sich heraus, dass jene frühe Wahnform, der Lotte, Lea und Schroubek verfallen, vorrangig auf persönliche Veränderungen ihrer Nahwelt und nur in entfernter Weise auf eine globalisierte Gesellschaft zurückgeht, die ihren Individuen keinen Schutz mehr bieten kann. Doch in dem Maße, in dem sich die Daseinsbedingungen der Figuren ver- ändern, verändert sich ihr Wahn. Er steht exemplarisch für die Entwicklung der Reaktion auf die Globalisierung. Der Wahnsinn(ige) entfernt sich 555 vom Konsens der Mehrheitsgesellschaft (oder wird herausgedrängt). Im Takt zur gesellschaftlichen Ausdifferenzierung zergliedert sich ebenso der kränkelnde Geist. In diesem Zusammenhang bedingt die Technisierung eine andere Form der Ausgrenzung, der Auflösung und des Wahns. Der »Daten-Lifestream« aus »Wollt ihr das totale Engineering?« markiert eine Übergangsstelle und in der gleichen Zeit formuliert Strauß in Der Untenstehende auf Zehenspitzen eine technische Synästhesie, die in Auszügen im entsprechenden Kapitel untersucht wurde. Ging es in der Analyse darum, die Dualität der Sinneswahrnehmung und der kommunikativen Anbindung hervorzuheben, zeigt ein erneuter Blick die Tragweite der »Extravorstellungswelt«, die geäußert wird: »Viele von euch werden wissen, wie in etwa das eigne Auto funktioniert oder der Kühlschrank, der Fernseher. Ich aber sehe, sobald ein elektronisches Gerät in meiner Nähe in Betrieb genommen wird, unmittelbar alle internen Abläufe vor mir, jedes Halbleiterplättchen bis zur aufgedampften Isolationsschicht wird mir bewußt. Ich stelle sie mir nicht nur vor, ich muß sie nachvollziehen, haarfein physikalisch, informationstechnisch, jedes Eingangs-, jedes Ausgangssignal, jede Schnittstelle, jeden Prozessorbefehl.« (UAZ 33) Der beschriebene Blick in das technische Gerät ist ein visualisierter Blick, der – und die persönliche Ansprache an die Leser oder Zuhörer des Monologs erlaubt diese Sicht – von jedem, der irgendwann in seinem Leben eine Fernsehdokumentation über Technik gesehen hat, die mit einer Zoomfahrt entlang von Rohren, Kabeln oder Leiterbahnen beginnt, nachvollzogen werden kann. Die Dinge im Fokus werden (ganz im Sinne der »Videoclips«, wie »die Meister des elektronischen Surrealismus« (UAZ 61) sie herstellen) vergrößert und das geschilderte Subjekt hybridisiert sich mit der Technik. Es verfügt über eine zusätzliche »Nebenstelle, eine funktionelle Simuliereinheit, die [...] jeden technischen Vorgang, jedes Netzwerk in blitzenden Lichtfasern ins Hirn einspiegelt. Es ist eine Extravorstellungswelt, welche den Verstand des Apparates übernimmt, so daß ich darin seine Tätigkeit unausweichlich nachvollziehen muß. Das ist sehr anstrengend« (UAZ 33). Es deutet sich eine Überforderung an, weil der Tiefenblick nicht unterdrückt werden kann und weil der Mensch »unentwegt mit unvergleichlichen, katastrophal neuen ›Situationen‹ konfrontiert, befeuert« (UAZ 34) wird. Das Hereinzoomen in die technischen Apparate lässt alles im Rücken des Betrachters – das Zimmer und alles dahinter – inexistent 556 werden. Aus Strauß’ Perspektive löscht der Nahblick die Welt aus und der Verstand reduziert die Komplexität der einströmenden Signale auf eine Unterscheidung zwischen dem Technischen und dem Neuronalen. Das von Strauß wiederholt angeführte »Gigagetröllere« (s.u.) schließt diese Unterscheidung aus, weil es jedwede Denkfähigkeit durch Überreizung außer Kraft setzt. Aus der entgegengesetzten (das heißt hier: noch nicht durch Übertechnisierung beeinflussten) Betrachtungsrichtung ermöglicht die Technik den zuvor erwähnten »Anschluß der stillen Warte an die heftige Welt« (FDK 8). Das führt infolge der technischen Entwicklung dazu, dass ein Dämmern für Individuen mit derartigen Eigenschaften von diesem Zeitpunkt an so unzulässig wie unerreichbar ist. Kontrastierend formuliert Strauß einen Gegenentwurf zur vorzufindenden Techniksynästhesie in Form der »Infodemenz« (DU 65), wie sie in Die Unbeholfenen mit der »Imbezilität« (DU 64) verwoben wird. Diese Form der Demenz steht zugleich »[a]m Ende der modernen Bewußtseinsgeschichte« (DU 64) und kulminiert in der »Mitteilungsinkontinenz« (VA 175).806 Die Grenzauflösung des Individuums schimmert latent immer wieder durch oder wird konkreter als Verlust der Weltanschauung (vgl. LDT 118, AB 75 et passim) benannt. In Das blinde Geschehen exemplifiziert Strauß die Folgen der hyperkomplexen Informationsgesellschaft durch Lautmalerei und variiert sie in Oniritti Höhlenbilder, womit er ein zweites Mal in mental strapaziertem Ton bemängelt, dass die Vernetzung aus dem Ruder läuft. Eine verstörende Kakophonie demonstriert die akustische Orientierungslosigkeit und Sinnesverschmutzung, bis eine Kontergruppe zu drastischen Mitteln greift, um den Globus für einen Augenblick zu befrieden: 806 Ulrich Greiner greift diesen Strauß-Terminus auf und sieht ein ›Zeitalter der Schamlosigkeit‹ aufkommen: »Insofern könnte man in der Tat von einem ›Zeitalter der Schamlosigkeit‹ sprechen. Es zeigt sich auch in dem verbreiteten Bedürfnis, ›authentisch‹ zu sein, sich selbst zu verwirklichen und sein wahres, sein eigentliches Ich zu entdecken und vorzuführen. Ein distanzloses Sprechen ersetzt die hergebracht höfliche, von sich selbst absehende Redeweise. Oder, wie Botho Strauß mit bösen Sarkasmus über das Internet und die Blogosphäre bemerkt: ›Dies All ist erfüllt von jedermanns erbrochenem Alltag. Das Logbuch einer weltweiten Mitteilungsinkontinenz‹« (Greiner: Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur. S. 48). Interessant ist hieran, dass Schamlosigkeit die Scham der anderen impliziert und dass Greiner den Wegfall dieser sozialen Kontrollinstanz als (im Vergleich zu früher) stärker verbreitetes Merkmal der Gegenwart ausmacht. 557 »Und der Wahnsinn fuhr in die Netze. Unaufhörlich tröllerten die Telefone, sendeten diese elektronische Verhöhnung von Klängen, die Rufzeichen wurden unabstellbar, alle Telefone riefen wie durchgedreht, alle auf einmal, wie sie eben pinkern, fliebeln, dingeln, unablässig, ein Gigagetröllere erhob sich über dem Planeten. Ausgelöst von einem Stör-Satelliten, den die Terrorgruppe ›Alte Musikanten‹ in die Erdumlaufbahn geschossen hatte. Doch plötzlich bricht das Sphären-Charivari in sich zusammen. Kein einziges Rufzeichen mehr auf Erden. Alles unterbunden.« (OH 152, vgl. DBG 47) Derartig dramaturgisch überspitzte Schilderungen des Niedergangs durch Technik finden sich verstreut in Strauß’ Texten, wodurch die Übermacht und Dominanz der Technik mit zwanghaftem Geplappere zum Ausdruck gebracht werden: »Es befremdet uns, privat zu sein und lange auszusprechen. Das Intime selbst gehört nach draußen, und Heimlichkeiten sind der Stoff für Talkshow oder Interview« (JM 10). Den jungen Mann schrieb Strauß 1984 und revidiert parallel zum Fortschritt 2004 seine Haltung: »Das Handy hat das Problem der Abwesenheit nicht verändert, aber völlig neu inszeniert« (UAZ 102). Die »Tele-Intimität« steht für die Auflösung von »Privatheit und Diskretion« außerhalb des »erotischen Kanon[s]«, denn »alle Lust will Öffentlichkeit …« (UAZ 102). In Lichter des Toren kontrastiert Strauß zwei Gesten: das Buch in der Hand als Geste des Eintritts in die Neuzeit (vgl. auch PP 133) und dem gegenüber steht (als Endgeste dieser Epoche?) »das Handy am Ohr« und »der einsam vor sich hin Quatschende mit Headset« für »die getreue Kopie des Idioten« (LDT 166). Eine entblößende Medialisierung findet nicht nur gemäß Strauß unentrinnbar statt. Insbesondere seit den 1980er Jahren bildet sich eine Informationsgesellschaft heraus, die einen breiten Strukturwandel bedingt, der das Individuum vor neue Herausforderungen und veränderte Verhältnisse stellt. Zugleich wächst eine Skepsis gegen die Medien heran, welche Theoretiker wie Marshall McLuhan, Friedrich Kittler, Vilém Flusser und Niklas Luhmann entsprechend ihrer jeweiligen Positionen theoretisch beleuchten. Luhmann machte in der Gesellschaft ein System der Medien aus und stellte zu dessen Funktion und Zugriffshorizont fest: »Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur. Was wir über die Stratosphäre wissen, gleicht dem, was Platon über Atlantis weiß: Man hat davon gehört. Oder wie Horatio es ausdrückt: So I have heard, and do in part believe it. Andererseits wissen 558 wir so viel über die Massenmedien, daß wir diesen Quellen nicht trauen können. Wir wehren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nennenswerten Konsequenzen führt, da das den Massenmedien entnommene Wissen sich wie von selbst zu einem selbst verstärkenden Gefüge zusammenschließt. Man wird alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren versehen – und trotzdem darauf aufbauen, daran anschließen müssen. Die Lösung des Problems kann nicht, wie in den Schauerromanen des 18. Jahrhunderts, in einem geheimen Drahtzieher im Hintergrund gefunden werden, so gerne selbst Soziologen daran glauben möchten.« 807 Zur gleichen Zeit ästhetisiert Strauß diese Entwicklung mit dem entscheidenden Hinweis, dass Technik und Medien ihre Konsumenten entmündigen. Bereits die Analyse zur pornographischen Dimension der Medien im vorherigen Kapitel erläuterte diese Veränderung, Oniritti Höhlenbilder verschärft nochmals den Ton, indem Menschen geschildert werden, die sich zwar freiwillig in die Hände der Medien begeben, um »sich abrichten zu lassen«, aber die Vereinnahmung nicht einschätzen können, weil ihnen der Bildungshorizont fehlt, zu verstehen, dass es sich um »Unterschichtenschinderei« handelt. Die Zerstörungskraft des Fernsehens setzt bereits au- ßerhalb der Ausstrahlung ein. Hinzukommt, dass die lautmalerische Infantilisierung in der Tonbeschreibung, die von Strauß ironisiert und dramatisiert wird, den Sprach- und Geistesverfall belegt.808 In Kongreß – Die Kette der Demütigungen konfrontiert Strauß den Protagonisten mit einem törichten, durch und durch medialisierten Hotelangestellten – »vom unendlichen Fernsehen durchströmt und selber eine Art Medium geworden« (KKD 154) – und dessen wahnhafter und unverständlicher Tirade: »Nummernfaßbodenausschlägerverein! Unterm Fenster, das Haus auf'm Rücken. Prädomina käm zur Lachbeteiligung rückwärts. Hummernzange griff Taille und Winkerkrebse leiten Verkehr. Einen Hinternnabel hat sie und Kloake am Knie. Vorn Ölschwiele zur Selbsterhitzung. Nur ein Kuß mit handelsüblicher Redeserviette abgewischt. Körner Essens, Körner Schlafs, Körner Koitusses. Rigipsschwertwand zwischen ihr und mir. Brün und Hild. Jung und Born. Alles sprechend, allesfressend, Kaumuskel 807 Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. S. 9f. 808 Norbert Bolz fragt jedoch, ob »[d]er billige Spott über Cyberspace und Virtual Reality« nicht »eine Art Abwehrzauber der Intellektuellen gegen die Welt des Rechnens« (Ders. »Wer hat Angst vorm Cyberspace? Eine kleine Apologie für gebildete Verächter«. S. 897) sei. Er könnte Recht behalten. 559 weicht Wortfleisch. Niedlich veräste Lautmale. Fuhren mit Caliban-Tours, muß noch vollen Globus umlauten, das Großgeisttier. Noch immer Laute bechernd treten auf: die Menschenkindeskinder. Das Mal ist nicht genug. Krönender Abschluß nagt an jedem Laut. Hochbetakelt gehen Phonovoren heim oder aborts. Bei sternklarem Leichtsinn. Umso schwerer hudert die Mütze ihr Stirnjunges. Flaumwustschwitzbad. Was für'n Scharren und Schrebbern dort oben! ... Man wendelt wie die Treppe um den heißen Turm. Die Gegend ward Gegenwart, und so hören mich meine Mitlaute noch. Und im Sicherlich sichelt es schon. Aus heiterem Himmel Kopfsprünge stehenden Fusses ertragen, sind noch die geringsten Beschwerden. Denn wie sagt Paracelsus: ein niedriger Teller verliert die Suppe, ein tiefer versenkt den Braten. Die Teller an sich sind nicht unfüglich und zeigen im allgemeinen eine größere Einsicht in ihre Nutzanwendung als wir Menschen ...« (KKD 154f.) Zwei Aspekte dieses Abschnitts sind hervorzuheben. In Aminghaus’ Erlebnis von »abgelassene[m] Unrat« (KKD 155) verbirgt sich der zaghafte Hinweis auf die ebenfalls in dieser Phase beginnenden Veränderungen: den »noch vollen Globus umlauten, das Großgeisttier« und »Die Gegend ward Gegenwart«. Die Welt wird vom Portier, dem »aufgeschreckten, erschöpften Toren« (KKD 153), als »Großgeisttier« wahrgenommen, das als übergeordnete und globalisierende Struktur – ähnlich dem »Titanenhaupt« (LDT 29) – interpretiert werden kann. Entweder man betrachtet diese als göttlich oder in Anlehnung an Luhmann als »geheimen Drahtzieher«. Die Aussage belegt, dass sich ihm Ort und Raum zu einer Sphäre vermischen. Das Gestammel kann zugleich hoch und tief bewertet werden; Aminghaus und den Zuhörern erscheint die Verarbeitung des Redeschwalls als ›Strapaze‹ (vgl. KKD 155). Die Texte der 1980er Jahre widmen sich den Zeitgeistphänomenen unmittelbarer als die späteren. Im Rückblick ist deutlich zu erkennen, dass die anfängliche Informationsgesellschaft gewissermaßen das Präludium zur hyperkomplexen Gesellschaft war. Der Diagnose einer nächsten Gesellschaft (wenn man es denn so nennen möchte) ist ein letzter Aspekt hinzuzufügen. Dirk Baecker verweist auf den Terminus »Netzwerkgesellschaft«809 und hebt ihre Ausformung hervor. Das Individuum muss der Entwicklung und der Vernetzung folgen, sie aber zugleich »auf Abstand halten, um sich den freien, ›aber schwachen‹, Willen [...] nicht 809 Dirk Baecker: »Die Form der Kunst im Medium der Öffentlichkeit«. S. 87. 560 gänzlich abkaufen zu lassen«810. Es verändert sich in der Folge die Form der Kunst. 7.4 Von Narren & Idioten, Öffentlichkeit & Privatheit. Oder: Hyperkomplexität bewältigen Während in der Moderne noch eine wie auch immer geartete »repräsentativ-individualisierende Kunst« dominiert, verändert sich diese in der derzeitigen Übergangsphase in Richtung einer »als irritierend-prozessualisieren[d]«811 wahrgenommenen Kunst. Im Zuge der medialen und künstlerischen Veränderung sind neu zu erlernende Rezeptionsweisen unabdingbar. Für den Idioten gilt, dass er die Codes frei interpretiert und sich ihnen nicht in der intendierten Weise unterwirft. Mit der Freiheit von normkritischen Schelmen oder Hofnarren im Hintergrund erlaubt er sich, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen und die Ratio lediglich als Empfehlung zu sehen. Der Narr tritt in der Geistesgeschichte in vielen Kulturen und Epochen in den unterschiedlichsten Formen auf. Peter Fuchs verweist auf Orrin Klapps Typologie812 und resümiert: »Das Närrische an dieser Narrenfreiheit ist das Leben und die Kommunikation unter brisanten Bedingungen, die Redezwang an der Grenze des Vertretbaren (der Narr muß die Grenzen ausloten, sonst ist er seine Alimentierung nicht wert) installiert. Im Augenblick, in dem der Narr ernstgenommen wird, hat er verloren«813 810 Dirk Baecker: »Kunstformate der Kulturrecherche«. S. 101. 811 Dirk Baecker: »Kunstformate der Kulturrecherche«. S. 102. 812 »So unterscheidet Orrin Klapp in typologisierender Manier: the antic fool (soviel wie grotesker Narr oder Possenreißer), the comic rogue (Schelm, Schalk, Tunichtgut), the rash fool (unbesonnener Narr), the clumsy fool (plumper, ungeschickter Narr), the deformed fool (entstellter Narr), the simple fool (einfältiger Narr, Einfaltspinsel), the weak fool (gebrechlicher Narr), the comic butt (Zielscheibe des Spotts), the pompous fool (schwülstiger, bombastischer Narr), the mock hero (Scheinheld). Die soziale Funktion läuft dann darauf hinaus, daß Narren-machen im Dienste sozialer Kontrolle Negativbeispiele erzeugt, die auf status-adjustement bezogen sind. Der Narr »operates as an avoidance symbol, descrediting leaders, movements, or individuals which show weaknesses in terms of group norms« (Peter Fuchs: »Hofnarren und Organisationsberater«. S. 18). 813 Peter Fuchs: »Hofnarren und Organisationsberater«. S. 25. Fuchs verweist in seinen weiteren Überlegungen auf die Implementierung des Narren in die stratifi- 561 Der Unterschied zwischen Narr und Idiot besteht einerseits in der gesellschaftlichen Integration und andererseits in der angestrebten Kommunikation (die Fähigkeit zur Kommunikation vorläufig ignorierend). Der Narr ist (nicht nur begriffsgeschichtlich) eng in den höfischen Kontext einer stratifizierten Gesellschaft eingebunden und steht in direktem Kontakt zur Machtfunktion, die es ihm erlaubt, sich unter relativ klar definierten Bedingungen den Grenzen anzunähern und gerade noch tolerierte Übertritte zu wagen. Zwar verweist Fuchs auf die humoristische Sonderrolle und die Narrenfreiheit, doch greift diese eben nicht auf gleiche Weise, wenn sie den freiwillig exkludierten Idioten in der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft betrifft. Und es bedeutet nicht, dass der Idiot jene Narrenrolle geerbt hat, die im Namen nachhallt. Viel eher handelt es sich um eine Folge der Ausdifferenzierung, dass der Idiot in seiner Form, auf die gleich zurückzukommen ist, neben den Narren der Gegenwart existiert, über dem nicht mehr das Fallbeil schwebt, falls ein Witz nicht zündet.814 Der Humor in der modernen Gesellschaft ist dahingehend ausdifferenziert, dass das politische Kabarett oder die einfache Komik815 das jeweilige Publikum findet, obgleich ihre Kritik systembedingt nur über Umkodierung das Handeln anderer Systeme beeinflussen kann, wenn diese es als sinnhafte Erweiterung ihres Spektrums zur Komplexitätsreduktion interpretieren. Rincks zierte Gesellschaft, in der er die Funktion der Irritation einnimmt. Mit dem Übergang in die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft schwindet die Bedeutung des Narren, weil er für die Funktionsweise der Systeme und ihrer Organisation keine kommunikative Funktion besitzt. Die Rolle des Übermittlers von Irritation schreibt Fuchs nun beispielsweise der Organisationsberatung zu, diese »kann – weil sie sich selbst nicht in Frage stellen darf – Organisationen in ihren Fundamentalaspekten (ihrer Authentizität) nicht tangieren. Und genau in diesem Punkt ist sie funktional äquivalent zum Hofnarrentum – ein wahrer Parasit, der die Pflanze, auf der er gedeiht, nicht kontingent setzen kann« (S. 35). Man beachte den Zusammenfall mit einigen der von Strauß eingesetzten Berufe. 814 Dass es Humoristen in Diktaturen selten gut ergeht, mag insofern auch daran liegen, dass die Herrschenden die Gesellschaftsordnung zwar re-stratifizieren, aber selbst über jeden Zweifel erhaben zu sein scheinen. Tucholsky trieb es in den Suizid und ebenso wenig war in der ›Distel‹, der ›Pfeffermühle‹ oder der ›Herkuleskeule‹ in der DDR der Humor vor Repressalien geschützt (vgl. Christopher Dietrich: Kontrollierte Freiräume. Das Kabarett in der DDR zwischen MfS und SED). 815 Den Sachverhalt der Fernsehkomik und die Auswirkungen auf den Konsumenten ironisiert Strauß in Paare, Passanten (vgl. PP 40-44). 562 Sicht auf den Idioten schlägt daher vor, den »Begriff des Komplexen [...] zu einer Art von Schutzschild gegenüber der Möglichkeit zur Analyse«816 zu sehen, das heißt, ihn als »Abwehrgeste«817, jedoch nicht als »Reduktion von Komplexität durch Zermürbung aller Beteiligten«818 zu verstehen. Rinck tritt distanziert und ironisch, aber dennoch ähnlich selbstbewusst auf wie Strauß, dessen Text Lichter des Toren sie in ihrer Studie rezipiert, und urteilt vergleichbar, wenn es um die Komplexität geht: »Zu komplex, zu komplex, sagt man, um die Entscheidung zu rechtfertigen, nun nicht mehr länger über dieses oder jenes nachzudenken, oder um der Unlust, sich weiter mit andernleuts Obsessionen zu beschäftigen, eine höfliche Form zu geben. Ja, das ist durchaus legitim. Ebenso legitim wie das Gespräch da abzubrechen, wo es zu simpel wird. Zu simpel, zu simpel. Im Gegensatz zu vielen anderen Akteuren gereicht es der lateinischen Sprache zur Ehre, dass sie simplex nicht euphemistisch zur Bezeichnung einer Nuance der Dummheit missbraucht hat, ebenso wenig wie Komplexität automatisch Klugheit meinen muss, setzt der Idiot fröhlich hinzu.«819 Die Distinktion zwischen komplex und simplex kann einfach überwunden werden, denn laut Strauß ist – hier am Beobachtungsspektrum des Politischen verdeutlicht – neben der Idiotisierung auch die Ignoranz eine Form und Methode der Komplexitätsreduktion: »Ist es politische Unbeholfenheit, ist es mangelndes Sprachgedächtnis, ein und dasselbe Volk, sofern es sich richtig verhält, demos, wenn aber nicht, dann abschätzig populus zu rufen? Es erweist sich wohl als Illusion, dass dem ›neuen Menschen‹, dem Vernetzten, ein entwickelteres Sensorium entstünde für dicht verwobene Hintergründe, Beziehungen und Zusammenhänge, die jemandem, der sinnlich gleichsam auf ›analoger‹ Stufe zurückblieb, niemals zugänglich wären. Im Gegenteil: Von gesteigerter Empfänglichkeit, unruhigem Vorausgefühl in Zeiten des Umbruchs ist wenig zu spüren.« (RDI 41) 816 Monika Rinck: Risiko und Idiotie. S. 77. 817 Monika Rinck: Risiko und Idiotie. S. 77. 818 Monika Rinck: Risiko und Idiotie. S. 101. 819 Monika Rinck: Risiko und Idiotie. S. 77f. 563 Durch die Positionierung seiner Aussage oberhalb der Zuweisung zu einem politischen Lager vermag Strauß, die Kritik am Geschehen auf allgemeine Strukturbedingungen zu lenken. Der Vorwurf der Hinwendung zum rechten Spektrum wird seit »Anschwellender Bocksgesang« von einigen Kritikern stetig re-aktualisiert. Er mag unter sehr spezifischen Interpretationen stimmen, doch die Argumentation ist in ihrer Ausschließlichkeit zu dürftig, denn die Dialektik in Strauß’ Gesamtwerk ermöglicht, gegebenenfalls Gegenpassagen heranzuziehen, sofern es zu einem Disput kommt. Zur etwaigen Existenz einer »antidemokratische[n] Haltung bei Strauß«820 schrieb Thilo Rissing bereits im Kontext von Der Untenstehende auf Zehenspitzen: »Vielmehr weist Strauß auf die verletzlichen Zonen einer jeden demokratischen Staatsform hin. Zum einen in ihrem potentiellen Umkippen in einen Populismus (ein Schicksal, das schon der römischen Republik widerfuhr), zum anderen im Wuchern des demokratischen Grundzugs aus dem politischen Bezirk (wo er seine Berechtigung hat) in das kulturelle Terrain hinein, wo er laut Strauß sich schädlich auswirkt: ›Es gibt einen Systembruch zwischen Demokratie und Massendemokratie. Und dieser verläuft jenseits der Verfassung ausschließlich im Kulturellen. Das Tonangebende zieht hier mit dem Populären gleich. Das Populäre wiederum pflegt die Idolatrie des Außenseiters, und man kreiert für die Massen die Außenseiter-Konfektion. Gleichzeitig kennt die totale Öffentlichkeit keinen Außenseiter mehr. Sie ist unüberschreitbar und allgegenwärtig. Und unausgesetzt damit beschäftigt, aus jedem größeren Belang den seit Menschengedenken dünnsten aller breitgetretenen Quarke herzustellen‹.«821 Das ist keine Rehabilitierung im klassischen Sinn. Der Außenseiter, den Botho Strauß in der von Rissing zitierten Passage schildert, will auf eine mit den Humoristen vergleichbare Weise wachrütteln, zielt jedoch nicht auf Applaus und Affirmation ab und unterscheidet sich somit grundlegend vom Narren aus früheren Gesellschaftsformen oder der Gegenwart. Strauß’ Idioten-Typus agiert in einem veränderten gesellschaftlichen Umfeld, das durch Globalisierung entstanden ist. Den Populismus benennen die zuvor zitierte Passage und die Werbung für die »Terra secura« bezie- 820 Thilo Rissing: »Der Mensch als gebrochenes Bild im Facettenauge der Zeit. Über die Aphorismen-Sammlung ›Der Untenstehende auf Zehenspitzen‹ von Botho Strauß«. 821 Thilo Rissing: »Der Mensch als gebrochenes Bild im Facettenauge der Zeit«. 564 hungsweise »Beaumonde« (vgl. SCH 304, NLG 253) gleichermaßen. Aus Gründen der Verdeutlichung ist jenen Veränderungen, die zur Terrapolis (das heißt der Weltgesellschaft) führen, hinzuzufügen, dass die Öffnung der städtischen Sphäre zur vernetzten Sphäre den Charakter oder die Form des Menschen manipuliert. Der Zusammenhang zwischen Informationsgesellschaft und dem Idioten besteht darin, dass er durch sie eine Neuausrichtung erleidet. Flusser verweist auf die ursprüngliche Bedeutung des Idioten als jemand, der nicht an der Öffentlichkeit, das heißt an den Bereichen des kommunikativen oder merkantilen Austausches, teilnimmt.822 Er hebt hervor, dass »man sich zu Hause bisher nicht informieren konnte«823 und entsprechend unwissend war. Sie »waren bisher ›Idioten‹ im ursprünglichen griechischen Sinne dieses Wortes: Privatleute, die von der Welt nichts wußten. Das hat sich dank der Informationsrevolution geändert: Informationen werden jetzt an Privathäuser verteilt, und gegenwärtig ist jener der Idiot, der durch die Tür ins Öffentliche schreitet. Es sieht so aus, [...] als ob es erst jetzt tatsächlich möglich geworden wäre, sitzen zu bleiben.«824 Der Subtext vermittelt zugleich eine Legitimierung der Passivität des Medienkonsumenten. Er muss die Informationen nicht mehr aktiv aufsuchen, sondern kann sich frei aus ihnen bedienen. Flusser markiert ein wesentliches Folgeproblem, nämlich das der fehlenden Differenzierbarkeit der einströmenden Signale: »Das ist jedoch ein Irrtum. Weil nämlich die Informationen, die ins Haus geliefert werden, durch materielle und/oder immaterielle Kanäle laufen, welche die Wände und Dächer der Häuser durchlöchern. Es zieht im Haus von allen Seiten, die Orkane der Medien sausen hindurch, und es ist unbewohnbar geworden. Das Ungewöhnlichste am unbewohnbar gewordenen Haus ist die Tatsache, daß man darin nichts be-sitzen kann, weil alles Mobile (Möbel, etwa Stühle) und alles Immobile (Grund und Boden) aufgewirbelt wird, wo eine Trennung zwischen privat und öffentlich keinen Sinn hat. Diese ungewöhnliche Unmöglichkeit, mitten im Sturm der Medien sitzen zu bleiben (zu besitzen), kann auf zwei noblere Formeln gebracht werden: 822 Vgl. Vilém Flusser: Medienkultur. S. 97. 823 Vilém Flusser: Medienkultur. S. 154. 824 Vilém Flusser: Medienkultur. S. 154f. 565 (1) Nicht mehr Besitz, sondern Information (nicht mehr Hardware, sondern Software) ist, was Macht ermöglicht, und (2) nicht mehr Ökonomie, sondern Kommunikation ist der Unterbau des Dorfes (der Gesellschaft). Beide Formeln besagen, jede auf ihre Art, daß die seßhafte Daseinsform, also das Haus, und a fortiori der Stall, das Feld, der Hügel und der Fluß nicht mehr funktionell sind.«825 Flussers Medienanalysen und -theorien konkurrieren zum Zeitpunkt ihres Erscheinens, das heißt insbesondere den 1980er Jahren, mit der technischen Entwicklung. Rincks Studie aus dem Jahr 2015 gibt einen Impuls, mit dem sich Flussers Thesen revidieren lassen, weil Studie und Impuls vom Moment der technischen Überrumpelung abstrahieren: »Die Zeitgeschichte und eine Ethik der Differenz haben den Idioten gelehrt, das Eigene nur als zu Restituierendes oder im Falle eines Angriffs zu verteidigen – im Sinne einer strategischen Identität, alles andere schien wie eine Einladung auf die Schaukel der Ideologie.«826 Der Idiot ist, wie Rinck hervorhebt, kein passiver Typus (mehr). Bei Botho Strauß begegnet man 2004 noch einem Typus zwischen Überforderung und strategischer Verteidigung, dessen Unfähigkeit zur Differenzierung Symptom des Übergangs ist: »In einem Lifestyle-Leben dekoriert man Dekorationen. Attrappen werden Wunderdinge. Spätere könnten uns vor allem ein verblüffendes Nachlassen der sinnlichen Unterscheidungskraft vorhalten. Es wird heißen, wir seien nicht imstande gewesen, die Dimensionen unserer materiellen Welt sorgfältig zu differenzieren. Wir hätten die Tapete für die Wand, den Trick für ein Mysterium, Brot und Spiele für Kultur gehalten.« (UAZ 60) Mit dem Einfinden in den Idiotie-Diskurs gestaltet Strauß die Beschreibung vielschichtiger. Sich aus den gesellschaftlichen Strukturen herauszuhalten »gewährt ihm [dem Idioten, S.P.] eine gewisse Unabhängigkeit, deren radikalste Steigerung zugleich den Zusammenbruch jeglicher Kommunikation riskiert« (LDT 27). Dem folgt nach Strauß eine Lage, in welcher der Idiot sich entscheiden muss, »der gute oder der schlechte, der offene oder der geschlossene Idiot zu sein« (LDT 27). Kurz ausgedrückt lauten 825 Vilém Flusser: Medienkultur. S. 155. 826 Monika Rinck: Risiko und Idiotie. S. 23. 566 die Optionen positiv konnotierter selbstbewusster »Idiotes« oder negativer, entmündigter »Idiot – dessen Dämmern selten noch unterbrochen wird von grellen Ideen, greller Ahnung« (LDT 27). Dämmern ist die passivierte Indifferenz. Der Idiot verdrängt laut Strauß zusehend den Idiotes, weil das allgemeine Reden der Idioten den bewussten Außenseiter »mit tausend anderen in dieselbe Schwingung versetzt« (LDT 115) und dieser sich im ›sozialen Rhythmus‹ (Giddens) verliert. Auch dieser Typus des Außenseiters erlebt – von Strauß emphatisch besungen – die Auflösung: »O welche Desidentifikation!« (LDT 115). Der im vorherigen Kapitel erwähnte »Weltdurchschauer« markiert in Strauß’ Idiotie-Diskurs einen Außenpunkt. Die »Miene [...] eines sarkastischen Solitärs, dem alles absurd erscheint und den der gesamte Menschenbetrieb bitter belustigt« ist nur vorgetäuscht, denn es fehlt ihm die weise Erhabenheit des Idioten. »Er ist« deshalb, wie Strauß konstatiert, »kein Weltdurchschauer, sondern ein Schwachsinniger, steht also genau am anderen Ende der Einsamkeitsskala« (NA 125). Die Figur ist aus dieser Perspektive nur ein verschrobener Mensch auf einem Marktplatz, zwar ausgestattet mit einer Schicksalsbiographie, aber ohne moralische oder welterklärende Dimension. Der im selben Band beschriebene Liebesnarr verfügt ebenfalls über keine Tiefe, auch wenn er sich als Antipode zu einem »weltverschlingende[n] Du« (NA 47) positioniert: »Wir retten in der Liebe das Eine vor dem maßlos Vielen. Wärest nicht Du, sagt er, müßte ich mit beliebigen anderen leben. Gäbe es nicht die Eine, so könnte ich die Welt um mich herum nicht vergessen. Wir sehen niemanden uns gleichen und niemand anderen.« (NA 47) Zwischen Euphorie und Resignation schwankend zieht der Liebesnarr sich aus der Gesellschaft zurück und wird zum weltkritischen »Menschenfeind« (NA 47). Die Schilderung des Liebesnarren ist ambivalent, denn die Resignation kann auch einen freiwilligen Verzicht auf den Austausch mit der umliegenden Gesellschaft bedeuten, weil er sich den Exkludierten angliedert: »Blasphemie seines Glücks, mit dem Weltabgewandten konform und auf dem Weg zum gleichen Licht« (NA 56). Das Ergebnis ist jedoch dasselbe, denn der Narr entzieht sich der gesellschaftlichen Norm und Normativität. Das Kapitel zu den Essays und ihrer narrativen Drift greift eine Passage aus »Zeit ohne Vorboten« auf, in der Strauß anführt, dass der »Unverbundene« für den Skeptiker eine Art Nebenentwurf zum Idioten abbildet (oder vice versa) und die einen Zusammenhang zwischen Weltskepsis und auflösendem Wahn herstellt: »An die Stelle des Skeptikers 567 wird der Unverbundene treten oder der heilige Idiot« (ZOV 96). Wahn ist, wie auch in Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie, Rumor, Niemand anderes und den entsprechenden Analysen thematisiert wird, eine, wenn nicht sogar die grundlegende, Form und Möglichkeit der Weltflucht. Kehrt man nun zurück zu den Ursprüngen des Idiotie-Diskurses bei Strauß, dann führt der Blick auf das Kapitel Der Gegenwartsnarr aus Paare, Passanten zu verwertbaren Erkenntnissen, da bereits zu diesem Zeitpunkt in der Werkgeschichte die Tragweite des Verhältnisses von Wahn, Narrentum, Idiotie auf der einen und Zivilisationskritik, die bis in die Weltflucht hineinreicht, auf der anderen Seite ästhetisch verarbeitet wird. Wird zu Beginn noch Angst innerhalb der Paarbeziehung thematisiert, schlägt diese Empfindung alsbald um in Verzagen und Verzweiflung als Motivator und Multiplikator der Abwendung: »Ein aufwendiger, inflationärer Gebrauch von Leidfloskeln, eine Art hypochondrisches Display betreibt Werbung für die eigene Hochempfindlichkeit: erschrocken, betroffen, angerührt; lauter falsche Bibbertöne eines im Herzen nicht mehr frappierbaren Subjekts. Was werden sie erst sagen, wenn eines Tages der erhebliche Schrecken auftaucht? Wo aber überleben die Ängste in unserer Kultur?« (PP 163f.) Strauß legt es in seiner Reflexion auf eine eindeutige Subjekt- und Innenweltfixierung an, in der der Einzelne zum Maßstab des Handelns wird. Gegenwartsprobleme der 1970er Jahre – »Angst vor Atommüll, Überbevölkerung, Hungerkatastrophen« (PP 164) – schlagen sich auch im Text nieder, jedoch invertiert Strauß unmittelbar die Perspektive: »Es gibt keine reale Angst vor einem kollektiven Schicksal. Das ist Sorge, politisches Gewissen, allenfalls Verzweiflung, immer nur die Reflexion von etwas wesentlich Abstraktem durch das eigene Gemüt. Was ist schon, im Empfindungshorizont des Einzelnen, ein Massentod? Nichts, im tiefsten ein Achselzucken (oder sogar: ein heimliches Ahnen von Geborgenheit, von der Verkürzung und Aufhebung eines allzu persönlichen Leidenswegs). [...] In Wahrheit sind wir doch immer noch gegenwartshörig in einem Maße, das an Verfluchung grenzt.« (PP 164) Die Bedrohung durch atomare Aufrüstung konkretisiert Strauß dahingehend, dass »[d]er Ort, an dem sich die Sprengköpfe alle miteinander befin- 568 den«, die »faktische Realität« mit dem »paranoische[n] Wahnsystem [...] zur Deckung« (PP 166) bringt. Er sieht darin auch eine dialektische Metapher für die Auslöschung der Welt, weil »der strukturelle Unterschied« zwischen dem Bedrohungsgefühl, welches das »paranoische Ich« durch das erschreckende »›Ganz[e]‹ der übrigen Welt« erfährt und der Bedrohung, die »tatsächlich das biologische Leben des Planeten« (PP 167) in Gänze auslöschen kann. Strauß konstatiert, dass es sich nicht länger um ein »dialektisches Spiel« handelt, »wenn man den Wahn des Paranoikers heute als die Innenspiegelung unserer tatsächlichen Lage betrachtet. Das Totale ist nicht nur das falsche, schlechte Ganze des Denkers, nicht nur das Leidenssyndrom des Psychotikers, es besitzt inzwischen auch eine reale körperliche Gestalt als das stumpfsinnig erigierte, in seinen unterirdischen Lagern, in seiner ›Rheingold‹-Schmiede dahockende, jederzeit startbereite, den subjektivsten Schwankungen der Macht anheimgestellte Potential des Mega-Endes.« (PP 167) Strauß formuliert hier, was Ulrich Beck später mit den Begriffen Risikogesellschaft, Weltrisikogesellschaft und »global[e] Risikogeneration«827 benennen sollte, und schließt in Lichter des Toren erneut an diesen Diskurs an (vgl. LDT 60f., 113 & 149). Die dystopischen Fantasien nehmen die Option einer totalen Zerstörung der Welt vorweg, während die tatsächlichen Veränderungen (nicht ausschließlich, aber merklich) ein Umschlagen in den Wahn forcieren, der aufgrund des »grenzenlosen Schreckens in jedermanns Brust« in der Konsequenz zur »Zerstörung unserer geistigen Widerstandskräfte, unserer Ökonomie, unserer Sozietät« beiträgt (PP 167). Entscheidend für Strauß ist an dieser Stelle seiner Reflexionen, dass medial transportierte Bilder zum Bedrohungsgefühl beitragen und zugleich eine Abstumpfung bedingen, wenn »die glänzenden Bilder der Verwüstung von Hiroshima« (PP 167) im Fernsehen, das zugleich für einen »weltumspannenden Fluß des Vergessens« (PP 168) steht, »mit ästhetischem Gewinn« 827 So das Fazit im postum veröffentlichten Essay Die Metamorphose der Welt. Laut Beck verfügen »›global[e] Risikogenerationen‹ zu Anfang des 21. Jahrhunderts« über die »transformative Kraft in einer gemeinsamen Vorstellung vom Leben, einer gemeinsamen Utopie«. Stattdessen beruht »ihr Sein und Handeln [...] nicht auf einer politischen Agenda oder einem neuen Weltbild, sondern zuallererst auf ihrer sozusagen schon im Mutterleib beginnenden digitalen Existenzweise« (Beck: Die Metamorphose der Welt. S. 242). 569 (PP 167) konsumiert werden und dadurch einen fiktionalen Charakter bekommen, weil sie einen »Hauch von atomarer Ruinenromantik« (PP 167) vermitteln. Der Medienkonsument verliert laut Strauß die Fähigkeit zur Differenzierung, »nothing is real«, wodurch einerseits »geschichtlich[e] Schuldgefühle« abgeschwächt und andererseits die »Menschen vom Menschlichen« (PP 167) getrennt werden. Die Kritik an der Abstumpfung des Menschen im Sinne von »Schüben der Leere« und »gräßlicher Bewußtseinslähmung« (PP 170) angesichts der globalen Risiken ist an dieser Stelle das zentrale Motiv der Prosaminiatur Paare, Passanten. Der »Schwachsinn« kann also durchaus bereits zu diesem Zeitpunkt seiner Überlegungen als »letztes Reservat des Menschen« (WTE) angesehen werden, wobei es sich um keine ausschließlich freiwillige Entwicklung handelt, sondern zu gro- ßen Teilen um einen extrinsischen Prozess, den Strauß in seiner Nachkriegsgeneration diagnostiziert. Insbesondere die »Identitätsfrage« (PP 175) steht im Fokus seiner Überlegungen, als deren Ergebnis er ein von »transzendentale[r] ›Fremd‹-Bestimmung« (PP 176) beraubtes Subjekt ausfindig macht und das zudem nur ein Element unter vielen »im Strom unzähliger Ordnungen, Funktionen, Erkenntnisse, Reflexe und Einflüsse« (PP 176) abbildet. Es handelt sich demnach schon in dieser frühen Phase um ein von Ausdehnung und Ausdifferenzierung betroffenes Subjekt. In der Folge führt das, so Strauß weiter, in ein »pluralistisches Chaos. Es ist die Fülle nicht zusammenpassender, ausschnitthafter Bewegungen, die Fülle mikroskopischer Details aus ganz verschiedenen Wahrnehmungsmustern, in der wir eben noch das Reale vermuten können« (PP 176). Die Konsequenzen greifen dem Ergebnis des Idiotie-Diskurses vor: »Unter solchen Bedingungen nach dem Selbst zu fragen, endet bei dem Schema des Wahnsinnigen, der sich von ›fremden Wesen‹ bevölkert und aufgelöst fühlt. [...] Doch du bist es nicht, du bist nicht identisch. Du bist freilich auch mehr als bloß ein Ensemble von Gesetzen und Strukturen. Im Rücken abgeschlossen, bist du nach vorn ein open end-Geschöpf.« (PP 176) Diese Bilanz drückt indirekt auch die schon am Beginn der vorliegenden Arbeit als Folge des Wahns diskutierte Erkenntnis aus, dass dieser für eine Grenzöffnung und Positionierung steht. Der Kern des Subjekts öffnet sich, wodurch die Außenwelt in die Innenwelt eindringen kann. Dabei werden die Subjektgrenzen angegriffen und in Teilen aufgelöst. Mit anderen Worten beschreibt Strauß Szenen, in denen das Individuum sich in die 570 Teilbereiche der Persönlichkeit fragmentiert. Die Informationsgesellschaft manifestiert sich auch durch die »Benommenheit im Antlitz des totalen Konsumenten, die Benommenheit im Antlitz des nicht mehr fantasierenden, nicht mehr sich erinnernden Fernsehzuschauers angesichts des ungeheuerlichen Archivs von ubiquitärer Gegenwart, angesichts des wahren Terminals des kulturellen Gedächtnisses: der Endstation der sinnlichen Wahrnehmung.« (PP 195) Der nicht näher exemplifizierte Gegenwartsnarr erscheint als Gefühl einer Generation, die zwischen der Bearbeitung des Zweiten Weltkrieges und den Bedrohungen der späten 1970er Jahre ihren Weg sucht. Die Medien werden dominanter und der Blick auf die Welt ist nicht länger ausschließlich nur aus Büchern und Gesprächen zu beziehen, sondern kommt in Bildform in die Haushalte. Strauß’ Medien- und Gegenwartskritik äußert in den Eckpunkten ähnliche Ergebnisse wie die theoretischen Ansätze von Kittler, Flusser und Luhmann. Die Narren- und Wahnbefunde setzen sich, wie gezeigt, in Niemand anderes und anderen Texten fort. Krankheit und Wahn bestimmen auch die Handlung in Die Hypochonder, jedoch erfüllen sie dort nicht die Funktion der Gesellschafts- oder Weltflucht.828 Im Bereich der Strauß’schen Dramatik ist der Wahn anders konnotiert als in der Prosa. An der Entwicklung des Idiotie-Diskurses fällt zudem auf, dass der Idiot immer auch die Differenz Öffentlichkeit/Privatheit verhandelt und dass Strauß die Darstellung in den letzten Dekaden zuspitzt, was im Fokus dieser Studie einen Rückverweis auf die Globalisierung darstellt. Die Medien generieren eine umfassendere, ja fast schon brutale, Gegenwelt zur Privatsphäre. Die Reaktionen sind vielfältig: Figuren lassen sich, wie in nahezu allen Kapiteln dieser Arbeit gezeigt, kritiklos in den Bann der Medien ziehen und damit ihre Autonomie und Selbstbestimmung aufgeben. Auch das ein globalisierender Prozess, bei dem Grenzen verschoben oder aufgelöst werden. Oder sie begeben sich ebenso freiwillig in den Kontakt mit dem Netz, das die Gesellschaft überlagert und durchzieht. Wie deutlich wurde, bewertet Strauß beide Kontakte äußerst negativ. Zudem bleibt fest- 828 Anders stellt Strauß das in der Beschreibung einer Figur dar, die an Demenz erkrankt: »Einmal kam der Vetter heraus aus dem Tal. Und erzählte vom Tod meiner Mutter. Sie war im Krankenhaus gestorben. Mich hatte sie schon seit langem vergessen. Ihren Sohn. Ich war für sie aus der Welt« (Botho Strauß: »Isolationen (Vom Überfluss)«. S. 24). Strauß schildert auch in Herkunft die langsame Verblassung des Subjekts durch Demenz. 571 zustellen, dass der Idiot als höchste Steigerungsform des angegriffenen, aufgelösten und globalisierten Menschen auf vielfältige Weise in Strauß’ Werk auftritt und dass der Idiotie-Diskurs vor allem in den letzten Jahren auf die Globalisierung Bezug nimmt. Der Idiotes steht für eine Sonderform der Existenz, die selbstbewusst und mündig Grenzen übertreten kann. Als Außenseiter tritt er in variierender Gestalt auf, bleibt dabei jedoch relativ eigenschaftslos. Die mit dem Diskurs einhergehende Aussage für die Globalisierungskonzeption bekräftigt, dass der Idiot(es) das ausgeprägte bipolare Beispiel einer Charakterstudie für die Bewohner der nächsten Gesellschaftsform verkörpert. Gemäß Strauß kann dieser das Inbild desjenigen gesehen werden, für den die Auflösung in der Netzsphäre oder weniger drastisch die Vernetzung mit digitalen Repräsentationen keine Bedrohung mehr, sondern Normalität darstellt. Hyperkomplexität würde in diesem Fall nicht mehr verwirren, sondern entspricht dem Naturell des ›Neuen Menschen‹, den Strauß ausblickhaft immer wieder skizziert. Strauß ist einem gravierenden Widerspruch zwischen der »Idolatrie des Außenseiters« durch das »Populäre« und der Negation der Existenz des Außenseiters durch »die totale Öffentlichkeit« (UAZ 114) auf der Spur, worin eine weitere Reaktion auf die Globalisierung zu sehen ist, weil Strauß, so zeichnet sich ab, den Versuch einer Einheit der Differenz wagt. Inwieweit dies gelingt, kann erst dann beurteilt werden, wenn die Veränderung der Gesellschaft weiter vorangeschritten sein wird. Der Idiot ist gegenwärtig der bevorteilte Grenzgänger und Versteher der Globalisierung.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dieser Band widmet sich dem spezifischen Blick auf die Veränderungen der Welt in Texten des Gegenwartsautors Botho Strauß (*1944). Es handelt sich hierbei um einen neuen Deutungsansatz, und die verfolgte These lautet, dass Strauß in seiner Auseinandersetzung mit der Gesellschaft einen teils offensichtlichen, teils im Hintergrund verborgenen, rhizomatisch verbundenen Globalisierungsdiskurs führt. In Essays, Prosatexten und Dramen werden auf vielfältige Weise die Einwirkungen der Globalisierung auf das Individuum und die Gesellschaft in literarisch-ästhetischer Form verarbeitet. Die vorliegende Herausarbeitung der so genannten Globalisierungskonzeption analysiert und systematisiert in verschiedenen Detail- und Überblicksbetrachtungen, wie Strauß seine Sicht auf Zeit, Raum oder Gesellschaft vermittelt. Das übergeordnete Vorhaben besteht darin, die direkten und indirekten Bezugnahmen auf Globalisierung, Globalisierungsprozesse und Globalisierungskonsequenzen in seinen Texten zu beobachten, zu beschreiben und die Ergebnisse in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen.