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2: Dilatationen in Grenzbereichen: ›Die narrative Drift‹ der Essays in:

Sascha Prostka

Implodierte Weltlichkeit, page 53 - 162

Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4177-2, ISBN online: 978-3-8288-7056-7, https://doi.org/10.5771/9783828870567-53

Series: Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
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53 Teil I: Verbindungslinien »Wir müssen viel systematischer suchen. Die ganze Bibliothek, alles absuchen, überall Spuren vom Thema…« Botho Strauß, Groß und klein Your House is my World, Once I said, Keep me out of your head To wait it out, A thousand years, Didn’t work Still, You would house my world, Within yours Scattered mind, Let me out, Wave goodbye Still, You would house my world, Within yours Apparat, »The Devil’s Walk« »Andere können fabulieren aus anderen Geschichten und Zeiten heraus, oder sie haben eine Methode gefunden, mit gesellschaftlichen Phänomenen umzugehen. Ich habe nur eine Methode: die sich immer verändernde psychologische Geschichte von Menschen. Die psychologischen Verkehrsformen, in denen man sich ausdrückt, sind auch an Veränderungen gebunden.« Botho Strauß, »Zeit ohne Vorboten« »Als Ausgangspunkt jeder systemtheoretischen Analyse hat [...] die Differenz von System und Umwelt zu dienen. Systeme sind nicht nur gelegentlich und nicht nur adaptiv, sie sind strukturell an ihrer Umwelt orientiert und könnten ohne Umwelt nicht bestehen. Sie konstituieren und sie erhalten sich durch Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt, und sie benutzen ihre Grenzen zur Regulierung dieser Differenz. Ohne Differenz zur Umwelt gäbe es nicht einmal Selbstreferenz, denn Differenz ist Funktionsprämisse selbstreferentieller Operationen. In diesem Sinne ist Grenzerhaltung (boundary maintenance) Systemerhaltung.« Niklas Luhmann, Soziale Systeme 55 2: Dilatationen in Grenzbereichen: ›Die narrative Drift‹ der Essays »Mitunter aber will es ihm scheinen, als hörte er jetzt ein letztes knisterndes Sich-Fügen, als sähe er gerade noch die Letzten, denen die Flucht in ein Heim gelang, vernähme ein leises Einschnappen, wie ein Schloß, ins Gleichgewicht. Danach: nur noch das Reißen von Strängen, gegebenen Händen, Nerven, Kontrakten, Netzen und Träumen.« Botho Strauß, »Anschwellender Bocksgesang«100 2.1 Positionierungen zum Theater: Der Versuch, Ästhetik & Weltspiegelung zusammenzudenken Botho Strauß verortet seine Texte in einem hoch angesiedelten, nicht leicht einzunehmenden Geäst aus Rückblick auf Hohes, Herabblick auf Niederes und Vorausblick auf Kommendes. Seine in jüngster Zeit zumeist im Spiegel, in der Zeit oder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Essays nehmen Anlass im aktuellen Zeitgeschehen oder in Personenereignissen. Vielen von ihnen fehlt der Verschleierungsduktus der Prosatexte, während andere, vor allem der Essay »Anschwellender Bocksgesang«, sich gezielt der sprachlichen Barrikade bedienen. Strauß’ Stil, Vorgehensweisen und Positionen sind bewusst vieldeutig und erlauben vielschichtige Interpretationen. »Der Erzähler Strauß ist keiner, der es sich und seinem Publikum leicht macht«, schreibt Volker Hage über Strauß, der als Autor »sowohl kulturelles Gedächtnis wie auch Neugier auf sprachlichen Reichtum sowie auf überraschende Konfrontationen zwischen heute und gestern, Alltag und Mythos voraus[setzt]«101. Peter Bürger formuliert das Schaffensprinzip als »Mittel der Irritation«102 und Stefan Willer spricht von 100 Botho Strauß: »Anschwellender Bocksgesang«, Spiegel-Fassung vom 8.2.1993. 101 Volker Hage: Letzte Tänze, erste Schritte. Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 140. 102 Peter Bürger: »Das Verschwinden der Bedeutung. Versuch einer postmodernen Lektüre von Michel Tournier, Botho Strauß und Peter Handke«. S. 305. Die Aussage fiel im Kontext einer Diskussion, inwieweit der Titel Theorie der Drohung auf einen literarischen oder wissenschaftlichen Text hindeute, dessen Resümee tref- 56 »einer philosophisch-literarischen Ästhetik der Diskontinuität« sowie von »Inszenierungen gedanklicher Flüchtigkeit«103, die die Essays präge. Ungeachtet dieser äußerst treffenden Feststellungen scheinen die Essays neben der Möglichkeit der Thesendiskussion auch für ein Provokationsgebaren in Richtung der Medien zu stehen, denn es lässt sich in der Veröffentlichungspraxis ein experimenteller Ansatz der gezielten Publikumssteuerung erkennen, die erfahren will, welche Reaktionen auf die als eigenständige Essays veröffentlichten Vorstudien späterer Textbände folgen. Und sie erscheinen fast immer dort, wo sie die Stammleserschaft am stärksten zum Diskurs und Disput herausfordern, wodurch sie auch Teil eines größeren, nach Düllo driftenden und nach außen orientierten entwicklungskritischen Werk- und Wertediskurses werden, der in der Phase nach 1990 an Deutlichkeit gewinnt, wenngleich Strauß’ Auseinandersetzung mit Themen wie Gesellschaft, Globalisierung und Individualisierung bereits die frühen Texte prägt. Auffallend ist die Intensivierung – vor allem durch den »Bocksgesang« – nach dem Mauerfall, welche mit einem Verweis auf Helga Arend vielleicht auch als unverhofftes »Erlösungskonzept« gegen »festgefahrene politische Denkraster« gesehen werden kann.104 Frühe Tendenzen einer schonungslosen Zeitaktualität sieht Rolf Michaelis bereits 1975 in der Zeit und resümiert in seiner Besprechung der Erzählung Marlenes Schwester über den Autor, dass dieser »Kritikerkollegen durch Analysen von einer ästhetischen Empfindlichkeit, zeitkritischen Reizbarkeit und sprachlichgedanklichen Subtilität, die sich oft auch wiederholtem Lesen kaum erschließen«105, verwirrt. Thomas Oberender konstatiert das in seinem Vorwort zum Gebärdensammler ähnlich, jedoch ohne negative Konnotation. Wichtig ist ihm, die Vielseitigkeit und gedankliche sowie poetische Intertextualität des Rezensenten und Dramaturgen hervorzuheben: »Eine geschlossene Theorie der Theaterkunst oder Literatur ist daraus [d.h. aus den Theaterkritiken, S.P.] nie entstanden, vielmehr wurden die Gedanken selbst ein Teil seiner Dichtung – Bücher wie Paare, Passanten, Niemand anderes oder Beginnlosigkeit, aber auch die Dramen, Gedichte, Erzählungen und Romane des Autors sind geprägt von der ›Sucht der Ideen‹, sind ›Refend lautet: »vielmehr benutzt [Strauß] die Theoriesprache als einen Diskurstyp neben anderen, d.h. als künstlerisches Material« (ebd.). 103 Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. S. 95f. 104 Helga Arend: Mythischer Realismus: Botho Strauß’ Werk von 1963 bis 1994. S. 223. 105 Rolf Michaelis: »Stimmen-Meer im Kopf«. 57 flexionspoesie‹ selbst dort, wo sich der Dichter in der argumentativen Form der Rede oder des Essays äußert. Innerhalb seiner Reflexionen verbinden sich die unterschiedlichsten Bereiche seiner Überlegungen immer wieder übersprungsartig und bilden zwischen Anekdote und Studie, Gespräch und Beschreibung ein dichtes Feld. Im Grunde ist dieses Gewebe nicht ordnend aufzulösen […]. Aus den inneren Korrespondenzen und äu- ßeren Bezügen dieses verzweigten und beweglich gebliebenen Denkens entsteht kein Theoriegebäude, wohl aber eine dynamische Kontur, die den Autor und seine Poetik überaus kenntlich werden läßt.«106 Oberender, der ein fundierter Kenner des Strauß’schen Werkes ist, beachtet in seinem Vorwort jedoch nicht die anwachsende Diskussion globaler Zusammenhänge. Sein Verweis auf die Existenz eines größeren Zusammenhanges im Werk deutet zwar in diese Richtung, allerdings werden weder Globalisierung noch Globalität als zentrale Kategorien oder werkexterne Trigger ausgemacht. Wenn Oberender an einer Stelle anmerkt, dass »[d]ie Struktur der Grenzüberschreitung und Auflösung, welche die Werke von Botho Strauß von Beginn an prägt, [...] unhintergehbar« erscheint, verfolgt er den richtigen Ansatz, denkt ihn aber nicht zu Ende, denn er verweist lediglich auf »Themenkreis[e]« und »übergreifende Zusammenhänge«, auf »Passagen, die sich durch die Nachbarschaft zu anderen Überlegungen scheinbar lose zu Themenkreisen fügen«107, welche nicht exemplifiziert werden. Die Essays stellen Mahnbilder mit einer Gegenwartsverankerung dar, die sich ebenso um Themen wie Digitalisierung, Vernetzung und Exklusion108, die Welt als Systemganzes, Krisen oder Heimat und Verlust 106 Thomas Oberender: »Vorwort« zu Botho Strauß: Der Gebärdensammler. Texte zum Theater (S. 9f.). 107 Thomas Oberender: »Vorwort« zu Botho Strauß: Der Gebärdensammler. Texte zum Theater. S. 11. 108 Im Verlauf der Gesellschaftsentwicklung änderte sich die Tragweite von Exklusion dahingehend, dass ihr lebensbedrohliches Ausmaß, das sie in segmentären Gesellschaften innehatte, schwand. In stratifizierten Gesellschaften war das Individuum nach wie vor davon abhängig, Teil einer Einheit zu sein. Im Mittelalter bildeten sich in den wachsenden Städten jedoch allmählich Zünfte heraus, damit verbunden fand eine Binnendifferenzierung der Stände statt. Durch Organisation, Kooperation und Wissensaustausch entstanden räumlich verstreute und somit größere gesellschaftliche Einheiten. Mit der Urbanisierung wuchs die Zahl derer, die nicht in direkter Weise in eine größere Einheit inkludiert waren, jedoch in Abhängigkeit von ihr existieren. In dieser Übergangsphase gab es, wie Niklas Luhmann feststellt, »auch schon eine sehr große Zahl von haus- und herrenlosen 58 Menschen, von Vaganten, Bettlern, entlaufenen oder ausgewiesenen Jugendlichen, desertierten oder entlassenen Soldaten, amtslosen Klerikern, die ein Rekrutierungsreservoir für gelegentlichen Arbeitsbedarf, später auch für Handels- oder Kriegsmarine und schließlich, bei erneuter Exklusion, für die Piratenschiffe der Frühmoderne darstellten. Die Exklusion ist unter anderem daran zu erkennen, daß Reziprozität unterbrochen wird. Mönche, Bettler etc. empfangen Almosen, aber entgelten sie nicht. Der Ausgleich wird übers Jenseits, über Gott geleitet. Er erfolgt fiktiv. Auch zum Exklusionsbereich wird also immer noch eine Art Sozialbeziehung unterhalten – in der Form eines Sonderstatus der Mönche, in der Form von Mildtätigkeit, in der Form der territorialstaatlichen Versuche der Wiedereingliederung über Arbeitsbeschaffung. Auch bedeutet das Unterwegssein, Umherziehen, Wanderschaft schon im Mittelalter keineswegs eo ipso Ausschluß aus der Gesellschaft. Aber die Inklusion bleibt doch, weil sie reguläre, erwartungsbildende Interaktion erfordert, an Seßhaftigkeit gebunden« (Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 244). Ohne diese Ausgeschlossenen wäre die gegenwärtige Globalisierung undenkbar, denn just diese Menschen, die nichts außer dem Leben zu verlieren hatten, heuerten auf den Handels- und Expeditionsschiffen an und trugen zur Etablierung eines weltumspannenden Handels bei (vgl. auch Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals). Mit Eintritt in die Moderne und der Entstehung der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft ändert sich erneut die Bedeutung gesellschaftlicher Exklusion und Inklusion. Sie wird vielschichtiger in ihren Möglichkeiten und findet durch Einbindung in Funktionssysteme statt: »Aus strukturellen Gründen muß die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft auf eine gesellschaftseinheitliche Regelung von Inklusion verzichten. Sie überläßt diese Frage ihren Funktionssystemen« (Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 246). Die Teilnahmemöglichkeiten an Funktionssystemen sind – solange die Codes beherrscht werden – unbegrenzt und in funktional ausdifferenzierten Gesellschaften ist es leicht, die »Exklusion, aus den Augen« (Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 249) zu verlieren. Luhmanns Ergänzung gilt uneingeschränkt auch für das auf Selbstexklusion bauende Schreiben von Botho Strauß: »Was hier auffällt, ist zunächst einmal eine Art semantisches und ästhetisches Wiedereinbringen der Exklusion in den Inklusionsbereich: eine Ästhetik der Langsamkeit und des Zurückbleibens […]; die bewußte Provokation von Abweisung als Kunst der Entlarvung von Gesellschaft« (Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 249). Hieraus leitet sich auch die Unmöglichkeit ab, Dinge ohne Anknüpfung/isoliert zu betrachten. Nicht-Vernetztes ist dennoch verknüpft, weil es durch die Unterscheidung mitgedacht wird. Nichts und niemand kann gegenwärtig vollständig gesellschaftlich exkludiert sein, ohne nicht zu existieren. Das gilt für das Beobachtete wie auch für den Beobachter, der durch die Beobachtung zur Umwelt des Systems wird. Auf den Untersuchungsgegenstand bezogen wird somit klar, dass Beobachter der einzelnen Funktionssysteme nicht vom System losgelöst ihre Beobachtungen vornehmen können. Beobachter wie Botho Strauß können sich also nicht aus dem Bezug zum System, das sie beobachten, herauslösen. 59 drehen oder über das Mittel einer Heldenverehrung Projektionen auf frühere Gesellschaftsphasen (und vice versa) vornehmen. Strauß formuliert es in Die Fehler des Kopisten als erfahrungsprägenden wie nachhallenden »Heroenkult der Moderne« (FDK 78), ohne zu einer definitiven Antwort darauf zu kommen, »wie so unterschiedliche, scheinbar unvereinbare Werke zu gleicher Zeit miteinander konkurrieren können und in ihrer Heterogenität nichts Verläßliches über ihre Zeit aussagen. Je intoleranter sich der einzelne Künstler gegen das Werk des anderen verhält, um so marktgerechter wird, was er herstellt: es überragt den anderen nicht, es vereinzelt ihn nicht. Daß die Werke sich in ihrer individuellen Stilgebärde untereinander ausschließen und doch jederzeit miteinander in Erscheinung treten und nebeneinander bestehen können, zeugt von ihrer eingewurzelten Toleranz, einer tieferen, als sie der radikale Künstler besitzt, der seine Subjektivität überbetont und gleichwohl keine tonangebende Wirkung erzielt.« (FDK 78) Diese Thematik wird über Zeit- und Inhaltslinien und somit über die Grenzen der einzelnen Texte hinweg besprochen. Die Gattung des Essays besteht im Wortsinn aus Versuchen und unabhängigen Betrachtungen, wie Christian Schärf in seiner Studie zur (Gattungs-)Geschichte des Essays erläutert: »Essay bezeichnet auf diesem Terrain den immer wieder offenen, immerfort schwierigen Raum, in dem das Subjekt und der Wille zum Ausdruck aufeinanderstoßen. Das ist ein Konstellationsrahmen, der ständig neu ausgefüllt werden muß und dessen Problemstellungen nach originären und originellen Lösungen verlangen. Es geht also darum, die offene Struktur der Produktivität, die sich im Verlauf der Neuzeit unter stets neuen Vorzeichen dem Subjekt immer wieder darbietet, durch den variablen Begriff des Essays auszuleuchten.«109 Den Essay als Versuchsraum zu betrachten, unterstützt indirekt auch die Wahrnehmungsform, dass Texte in ein Gewebe aus vielen Texten eingehen. In Anlehnung an Strauß und Schärf können Essays in Verhältnisse gesetzt werden – Themen, Personen, Orte und so weiter – und eine derartige Vorstellung profitiert von einer räumlichen Wahrnehmung, die sich durch Vernetzungsmetaphern bebildern lässt. 109 Christian Schärf: Geschichte des Essays: Von Montaigne bis Adorno. S. 9. 60 In Essays kann der Schreibende die Wirklichkeit anders thematisieren als in Prosa oder wissenschaftlichen Analysen, denn der Essay repräsentiert eine selektive und höchst subjektive Beschreibungsform, die Stil oder Leitdifferenzen aus verschiedensten Bereichen adaptieren kann. Strauß beobachtet in den frühen essayistischen Theaterkritiken und eigenständigen Essays die Veränderungen der Gesellschaft geringfügig anders als in seinen Prosatexten, er abstrahiert dort häufig von einem konkreten Gesehenen und bleibt näher an der Wirklichkeit, in etwa durch die Weise, wie Gesellschaft verarbeitet wird oder Personen beschrieben werden. Das bedeutet indes nicht, dass Strauß’ Essays leichter zugänglich wären, wie insbesondere sein »Anschwellender Bocksgesang« gezeigt hat, in dem sich Sprache und Struktur einer vorschnellen Vereinnahmung widersetzen. In diesem Sinne versuchen die Essays bisweilen so widerspenstig zu sein, dass sie nicht unmittelbar und einstimmig auflösbar sind; ihre Hermetik schützt sie vor vollständiger Vereinnahmung.110 Kommunikative Anschlüsse und Vernetzungen unter einer spezifischen Sicht sind dennoch, wie dieses Kapitel zeigt, möglich. Was nun die Integration der Essays in das Gesamtwerk von Botho Strauß betrifft, stehen diese an einer Schnittstelle, da sie Verbindungen mit dem Prosawerk ermöglichen und zugleich Erklärungen für dahinter liegende Denkmuster liefern, wie es beispielsweise am Ausbau des Essays »Wollt ihr das totale Engineering?« zum Prosatext Der Untenstehende auf Zehenspitzen ersichtlich wird. Intertextuelle Bezüge zwischen einerseits Arbeitsskizzen, Vorstufen und selbstständigen Essays und andererseits Essay-Fragmenten in den Prosatexten intensivieren die kommunikativen Anschlüsse und stilistischen Wechselbeziehungen zwischen ihnen und bestärken den Eindruck, man habe es bei Strauß mit einem Autor zu tun, der eine Kommunikationsbestrebung in verschiedene Gattungen kodiert, und dass Genrevermischungen innerhalb dieses Verfahrens sowohl intertextuelle Spielereien als auch fortlaufende Positionsbestimmungen sind.111 Inhaltlich vermitteln die Texte eine konservative und zuweilen fühlbar anti-liberale Geistes- 110 Der Briefwechsel zwischen Strauß und Franz Wille, Redakteur von Theater heute, im Anschluss an den Nachdruck des Essays in der Anthologie Die selbstbewußte Nation verdeutlicht den Konflikt zwischen literarischer Äußerung und Diskursvereinnahmung. Vgl. Franz Wille & Peter von Becker: »Bekenntnisse eines Unpolitischen? Ein Briefwechsel mit Botho Strauß«. 111 Vgl. hierzu auch Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. Willer konzentriert sich auf die Gattung der »essayistischen Reflexionsprosa« (S. 94) wie Paare, Passanten oder Niemand anderes und weniger auf die kürzeren Essays, bei denen es sich zumeist um Beiträge in nicht von Strauß herausgegeben Publikationen handelt. 61 haltung, der es darum geht, die Reste eines schwindenden hochkulturellaufrichtigen Weltbildes zu bewahren, ohne jedoch übertrieben verbissen und dogmatisch zu sein, hier und da schimmern Strauß’ Ironie und Larmoyanz hindurch. Für sich betrachtet und unter der Prämisse der angenommenen Autorauthentizität gelesen, ist es als eine Art Lektürespiel möglich, die Essays als zusammenhängendes Kapitel einer Strauß’schen Geistes-Monographie zu rezipieren und diese ad hoc thematisch unter dem Aspekt Globalisierung neu zu ordnen. Dieses Kapitel konzentriert sich vorrangig auf die kürzeren, eigenständig publizierten Essays, hierunter die besagten Theaterkritiken. Die für die Globalisierungskonzeption wichtigen, essayistisch aufgebauten längeren Prosatexte werden in Teil II und III gesondert untersucht. 2.2 Beobachtungen der Bühne: Versuche zur Einheit der Differenz von Theorie & Prosa Am Beginn seiner schreibenden und schriftstellerischen Tätigkeit verfasste Strauß als Redakteur bei Theater heute vor allem Kurztexte und Rezensionen, in denen er die auf der Theaterbühne dargestellten gesellschaftlichen Zustände reflektierte. Der Band Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken beinhaltet eine Auswahl dieser Arbeiten aus den Jahren 1967 bis 1986, der Band Der Gebärdensammler setzt die Dokumentation der Texte von 1967 bis 1999 fort. Strauß führte als Rezensent (und führt sie gelegentlich immer noch) eine Paralleldiskussion bestehend aus theoretischen Betrachtungen zur eigenen Stückeproduktion und dem beobachteten Bühnengeschehen, auf die jenes Credo anwendbar erscheint, das der Soziologe Dirk Baecker äußerte: »Die gesellschaftliche Funktion, die das Theater erfüllt, erfüllt es als Kunst«112. Strauß verwebt in seiner Theater- Theorie – oder doch eher die Einheit der Differenz von Theater/Theorie113 – die Ereignisse auf der Bühne mit ihren Schaffensbedin- 112 Dirk Baecker: »Vorwort« zu Wozu Theater?. S. 7. 113 Diese Alternative stellt sich in Anlehnung an eine englischsprachige Einführung in die Theatertheorie, der auch das Wortspiel entliehen ist. In theory/theater: an introduction geht Mark Fortier der Frage nach, in welchem Schaffenszusammenhang Überlegungen zur Ästhetik und Politik gegenwärtig angestellt werden können (vgl. S. 173 – 181). Fortier betont das Unverbindliche in der Auseinandersetzung: »[P]ostmodern performances do not contain explicit commentary or take political positions, but raise uncertainties by representing our own compromises, without taking a clear position« (S. 181). 62 gungen und konfrontiert (wie es der Anthologie-Titel ausdrückt) Ästhetik mit Politik und synthetisiert diese Themen mit gesellschaftlichen Fragen. Und er konzentriert sich auf einen eng abgesteckten Teilbereich der Gesellschaft und bewertet das Theater als Ort der Reflexion gesellschaftlicher Fragen. In den frühen Texten können sich (wie es in der Natur der Sache liegt) nur schwer konkrete Bezugnahmen auf gegenwärtige Ausformungen der Globalisierung finden, jedoch fällt in der folgenden Retrospektive vor allem Strauß’ feines Gespür für die Veränderungen der Gesellschaft auf, welche wiederum aus heutiger Sicht als die hypersensible Wahrnehmung der (und von der Nachkriegsgesellschaft unbemerkt) erst aufkommenden und dann an Geschwindigkeit zunehmenden Globalisierung interpretiert werden können. Eine Annäherung ist aus den genannten Gründen durchaus lohnenswert, um jene zaghaften Ansätze von Grenzauflösungen und gesellschaftlicher Ausdifferenzierung herauszuarbeiten, die sich im Rückblick als Merkmale der Globalisierung herausstellen. Sie ermöglicht es auch, den gedanklichen und thematischen Gär- beziehungsweise Entwicklungsprozess der nachfolgenden fünf Dekaden intensiver verfolgen und freilegen zu können, zugleich schafft sie auf diese Weise einen behutsamen Einstieg in die zuweilen thematisch überwältigende Globalisierungskonzeption von Botho Strauß, dessen Theater-Beobachtungen, wie sich im Anschluss zeigen wird, darüber hinaus den Nährboden für das spätere Schreiben als Dramaturg, Dramatiker, Essayist und Prosaist bilden. Seine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Politik und Kunst in den turbulenten Umbruchjahren nach 1967 bestimmt die weiterführende Beschäftigung mit politischen und gesellschaftlichen Fragen. 2.3 Die Bühne als Weltersatz I: Innen/Außen-Differenzen In einem Gedanken zur Modernisierung des Bühnengeschehens in den politisch aufgeladenen 1960er und 1970er Jahren formuliert Strauß unter dem Titel »Die neuen Grenzen« Ansichten zu den theaterinternen Grenzverschiebungen, Grenzüberprüfungen und Genrevermischungen, die er als »Grenzgänge, Grenzüberschreitungen im Sinne des intermedialen Verkehrs zwischen darstellenden, filmischen, bildnerischen und musikalischen Mitteln« als Erweiterung der »Form des Gesamtkunstwerks […] unter technokratischen Verhältnissen und Einflüssen, gleichsam als Symbol für deren hochdifferenzierten Funktionalismus« versteht – und dieser Erweiterung »liegt weniger daran, die Selbständigkeit der einberaumten Bereiche zu fördern als vielmehr das funktionierende Ganze im Auge zu behalten, und 63 daher rührt, in Mixed-media-Veranstaltungen, die prinzipielle Primitivität der einzelnen Kunstdisziplinen.«114 Und Strauß schließt an: »Diese Phase scheint heute bereits durchschritten. Der expansive Zug, welcher die Bereicherung an ästhetischen Reizen schleunig antreibt, hat das Gefüge der traditionellen und der technischen Medien verlassen und sich die Wirklichkeit selber zum ›Objekt‹ gewählt. Damit einher geht eine totale Entgrenzung der ästhetischen Erfahrung, welche zwischen künstlerischer Aktivität und gesellschaftlichem Leben alle Distanzen beseitigt sieht, die konkrete Umwelt, die Konflikte der bestehenden Verhältnisse auf gänzlich entzweckte, formalisierte Weise erlebt.«115 Unterhalb des zeittypischen und heute abgehackt wirkenden Duktus der Rezension klingt die Entwicklung hin zur späteren, umfassenden Gesellschafts- und Medienkritik an. Die beschriebene Grenzüberschreitung impliziert die Existenz mehrerer voneinander abgegrenzter Bereiche, die nach Möglichkeit in einem Ganzen münden sollten, was anfangs noch durch Technik beziehungsweise technische Verflachung oder Ziellosigkeit erschwert wird, später hingegen scheint dieses Problem durch eine nach innen gewandte Selbstreferenz und Landnahme einer neuen Beobachtungsposition auf die Welt überwunden. Doch ist es zulässig, diese Passage so zu verstehen, dass eine Abkehr vom Medialen zugleich eine legitime Problemlösung ist? Die Bedingungen hierfür scheinen mit und in der Grenzziehung geschaffen, die über deutlich markierte Grenz- und Wirkungsbereiche der Kunst auf dem Feld des Gesellschaftlichen vollzogen wird; auffallend ist auch der Neologismus »Mixed-media-Veranstaltungen«, der später von Strauß in ähnlicher Form als »Mixed-Media-Welt« (WTE) wieder aufgegriffen wird. Die Kritik am Politischen ist nur vordergründig, denn Strauß weist »der linken wie der rechten künstlerischen Avantgarde«116 dieselben Mechanismen zu, wodurch die politischen Inhalte indifferent werden und zwischen aufklärerischen und aktivistischen Tendenzen verlaufen. 114 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen«. In: Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. S. 37. Die Rezensionen werden im Folgenden mit ihrem jeweiligen Titel genannt. Die Angabe der Seitenzahlen erfolgt bei jenen Essays, denen keine eigene Sigle zugewiesen wurde, zur Verdeutlichung der Publikation zusätzlich mit der Sigle VÄP beziehungsweise AUF für die Anthologie Der Aufstand gegen die sekundäre Welt; es wird die dritte Auflage aus 2012 benutzt. 115 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 37). 116 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 37). 64 Auf Strauß’ Betrachtungen folgen kurze Detailanalysen zu einigen zeitgenössischen Stücken und ihren Aufführungen, die in einem gemeinsamen Fazit münden. »[D]er einfache Widerspruch«117 zwischen zwei Positionen ist aus ästhetisch-politischer Sicht nicht ausreichend, nicht befriedigend, und begründet sich laut Strauß aus der Spannung einer Zwangsanpassung des »ästhetische[n] Konzept[es]«118 oder einer bewussten Ausblendung desselben. Insofern ist die Abkehr von allzu plakativer Medienfokussierung und -einbindung tatsächlich eine adäquate Lösung, sofern mit ihr eine Auseinandersetzung mit Gesellschaft abseits ebenso plakativ-greller Inszenierungen und »polarisierende[r] Differenzen und Widersprüche«119 einhergeht. Derlei Widersprüche bestehen auch in der Suche nach einer neuen Form im Spannungsfeld »der Auseinandersetzung [...] mit den eigenen Traditionen«120. In Überlegungen zu Peter Handkes frühen Theaterproduktionen sowie zu zwei theoretischen Dramaturgie-Aufsätzen, die Handke für die Zeit schrieb, baut Strauß diesen Ansatz aus. Aus den Zeit-Aufsätzen geht laut Strauß hervor, dass Handke den Zuschauern eine aktive Rezipientenrolle zuteile, nach der auch »Zuschauen Kunst sei, zumindest Arbeit«121. Die Aussage ist für die hier angelegte Perspektive dahingehend relevant, dass die frühen Stücke von Botho Strauß eine vergleichbare Ästhetik und Herangehensweise an die Verbindung (um nicht Unterscheidung zu sagen) von Bühne und Publikum aufweisen. Es geht ihm insbesondere um die Methode der genauen Beobachtung des Bühnengeschehens und der anschließenden Überführung in die soziale Realität. Das Theater wird, so Strauß über Handke, »in seine Guckkastenbeschränkung verwiesen«; aus dieser Sicht ist »jede aktive Wechselseitigkeit zwischen Bühne und Publikum« als »obszön« verschrien und das Publikum hat das Gesehene aktiv und ohne Interaktion zu verarbeiten, das heißt »diese Abstrakta auf seine eigene Situation draußen konkretisieren«122. Somit wird durch die Bühnen- Beobachtung des Publikums eine Differenz vorangetrieben und konstruktiv genutzt. Beobachten ist Arbeit und erzeugt eine Wechselbeziehung zwi- 117 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 48). 118 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 48). 119 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 51f.). 120 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 59f.). 121 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177). 122 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177). 65 schen der Bühnendarstellung der Gesellschaft und der wirklichen Gesellschaft, so wie das Publikum sie draußen erlebt und mitgestaltet. Der Briefdialog zwischen dem Systemtheoretiker Peter Fuchs und dem Lyriker Ferdinand Schmatz beschreibt eine derartige Decodierung als »Entschlüsselungsarbeit«123, der wiederum eine Art Verschlüsselungsarbeit vorausgeht, was jedoch nicht nicht-entkodierbar heißen soll, sondern so verstanden werden soll, dass in der Kommunikation die Kontingenz und treffender noch die doppelte Kontingenz bedacht werden muss: Wie sieht verlustfrei gesteuerte Kommunikation aus, wenn selbst der Dichter nicht weiß, wie kontingent ein Text ist? Ein Problem, das Strauß bis in die Gegenwart hinein verfolgt (vgl. LDT 22f.). Zur ›Arbeit‹ gehört auch, dass die Reaktion auf den Text abhängig von der Vorprägung des Lesenden beziehungsweise des Zuschauers erfolgt. Die Interpenetration zwischen Texten und psychischen Systemen (das heißt: der durch Bewusstsein sozial kommunizierende Mensch) ist in jedem stattfindenden Fall individuell und schafft Raum für sowohl Anschlüsse wie für Fehlinterpretationen.124 Im Zusammenhang mit der Hyperkomplexität bietet sich ein weiterer Verweis auf Baeckers Theaterbetrachtungen an, in denen er betont, »dass das Theater wie keine andere soziale Form zur Beobachtung zweiter Ordnung herausfordert und die Beobachtung zweiter Ordnung vorführt«125. Insbesondere das neue Theater der 1960er und 1970er fordert, wie Strauß in dieser Schaffensphase betont, ein waches und politisch interessiertes Publikum, dem Herausforderungen durchaus zugemutet werden (können). Strauß führt in seiner Kritik weiter aus, dass »[d]as im Theater, ›drinnen‹, Gezeigte [...] nach Möglichkeit einen Doppelpunkt nach ›draußen‹ hin setzen [soll]: in der Außenwelt sollen die Erfahrungen des Theaters anwendbar gemacht werden«126. Strauß bezieht bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Stellung gegen Handkes Sicht auf die Differenz von Innenwelt und Außenwelt.127 Die Kritik an diesem Ansatz begründet sich darin, dass die vorgenommene Trennung und Gegenüberstellung von konträren Welten nur eine »totale Ästhetik«128 und 123 Peter Fuchs & Ferdinand Schmatz: ›Lieber Herr Fuchs, lieber Herr Schmatz!‹: eine Korrespondenz zwischen Dichtung und Systemtheorie. S. 32. 124 Vgl. Piotr Sadowski: From interaction to symbol: a systems view of the evolution of signs and communication. S. 69. 125 Dirk Baecker: »Vorwort« zu Wozu Theater?. S. 7. 126 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177f.). 127 Vgl. Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177f.). 128 So die Zwischenüberschrift in der Rezension, vgl.: Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177). 66 somit nicht authentisch ist, die folglich in dieser Form laut Strauß ein »Denkfehler«129 sei, so lange die »kunsttheoretischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen«130 nicht verstanden werden. In Anlehnung an das zuvor Geschriebene verlangt Strauß einen kompli-zierteren, gar komplexeren Widerspruch jenseits eines (zu) einfachen Schemas. Ein Ansatz ist es, die Handlung in das Bewusstsein zu verlagern.131 Weil dies jedoch auf der Bühne schwer zu realisieren ist – wenn überhaupt, dann am ehesten noch über sprachliche Äußerungen wie Monologe, Bühnen-kommentare aus dem Off oder durch Übertitel –, müssen andere Strategien entwickelt werden. Beispielsweise jene, die in einer Inszenierung von Thomas Bernhards Stück Ein Fest für Boris als »hilflos grotesk[e] Befreiungsversuch[e]« ausgeführt werden, »um der mörderischen Klausur, der Inwendigkeit des Denkens zu entkommen« und zugleich »›gesellschaftliche Realität‹«132 darstellen zu können. Strauß betont die Notwendigkeit einer Transformation: Das Innere kann nur über Anpassungen und Vermittlung – also kommunikative Verfahren – in das Äußere übertragen werden, nie direkt.133 Die selbstreferentielle Innenperspektive ›Kopf‹ (zweitrangig mit welcher Darstellungsform sie verdeutlicht wird) ist Strauß ein Haltepunkt und Gegenort zur offenen Bühne, trotz aller vagen Bewusstseinsbedingungen, die dies impliziert. In »Die neuen Grenzen« zitiert er das Stück Paradise now der so genannten ›Living Theatre‹-Gruppe: »›What is the prison you are in now?‹, fragen die Lebenden die Toten, Antwort: ›The Head‹«134. Einer Betrachtung über Martin Walser stellt er die Überschrift »Die Gegenwart unter der Schädeldecke«135 voran. In Verbindung mit dem Welt/Kopf-Schema kann darin ein vorsichtiges Anschlagen eines nachhallenden und anwachsenden Leitmotivs gesehen werden, das er 20 Jahre später in der Büchner-Preis- Rede »Die Erde – ein Kopf« in umfassenderer Weise zur Geltung bringt 129 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 178). 130 Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 178). 131 Vgl. zu diesem Aspekt auch Helga Arend: Mythischer Realismus. Arend betont, dass für Strauß »das Theater für die soziale Realität am Ende folgenlos bleibt«, weshalb Strauß sich hauptsächlich der »Drinnenwelt« zuwende (S. 25). Die ersten Prosatexte von Strauß sind, wie Günter Blöcker es zusammenfasst, Innenweltspiele. 132 Botho Strauß: »Komödie aus Todesangst« (VÄP 235). 133 Vgl. Botho Strauß: »Inszenierte Erinnerung«. 51f. 134 Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 47). 135 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 60). 67 und im Anschluss in weitere Texte einfließen lässt, unter anderem auch in Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte. All zu starke Selbstreferenz deutet Strauß – in der Frühphase noch kryptisch formulierend – als »introspektiv[e] Erlebnisweise gesellschaftlicher Umwelt«136, die es beinahe ausschließt, politisch geprägte Stücke schreiben zu können. Thomas Assheuer verweist rückblickend darauf, dass Strauß jedoch schnell erkennen würde, dass »die Bilanz ernüchternd aus[fäll], denn sowohl das revolutionäre Desillusions- wie auch das bürgerliche Dekorationstheater beseitigen die kritische Spannung zwischen Kunst und Leben, zwischen Ästhetischem und Außerästhetischem«137. Nivellierung scheint ein generelles Problem des Theaters zu sein und als Rezensent sieht Strauß die Gegenüberstellung aus Innenperspektive und Außenwelt als eine Diskussion der konfliktgeladenen politischen Auflösungserscheinungen im Spannungsfeld hoher und neuer (aber nicht unbedingt niederer) Theaterkultur und formuliert eine entsprechende Kritik über Fassbinders Theaterstücke und Bearbeitungen: »Was in diesen Stücken verhandelt wird – Geldgeschäft und Zärtlichkeit (Kaffeehaus), Minderheitenhaß, Brutalität und sexuelle Perversion (Katzelmacher, Pre-Paradise-Sorry-Now) – umkreist jeweils eine Wundzone sozialpsychologischer Desintegration, ohne nur im mindesten auf die Ursprünge der Konflikte einzugehen, um nur ja nicht die Oberflächen-Sinnlichkeit, die manieristische Lakonik der Sprache, die schmerzlich-schöne Ansicht der Misere zu gefährden. Diese Poesie ist bereits so flach wie die Münze, die sich aus ihr schlagen läßt. Und das ist absolut nicht kulturpessimistisch gemeint.«138 Es handelt sich um etablierte Topoi und die Themenvielfalt ließe sich ebenfalls durch spätere Strauß-Stücke exemplifizieren und auf ähnliche, aber nicht abgeklatschte, Schlussfolgerungen oder Bezüge verdichten – Geldgeschäft und Zärtlichkeit bilden die Grundmotive in Groß und Klein und Der Narr und seine Frau), Minderheitenhaß, Brutalität und sexuelle Perversion in Schändung und mit Einschränkungen auch in Die Hypochonder. Dahinter liegt der genannte Konflikt, der in eine Etablierung neuer Theaterformen mündet, und ein grundlegendes Problem der Umbruchphase 136 Botho Strauß: »Albee, der Broadway und der Tod« (VÄP 156). 137 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. S. 18. 138 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 67f.). 68 Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre verdeutlicht: Die Provokation benötigt neue Foren, was immer dann erkennbar wird, wenn Intention und Inhalt nicht vereinbar sind und sich dies in einer misslungenen Überführung zeigt. Vielleicht ist es diese Erkenntnis, die Strauß motivierte, die Seiten zu wechseln. Die Rezensionsschau »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« vereint weitere Aussagen zu den Versuchen einer »Nachahmung der realistischen Außenwelt« gegenüber »einer psychedelischen Innerlichkeit«139. Strauß orientiert sich an der bürgerlichen Bühne mit ihren etablierten Spielstätten und Kontexten, worin die Strategie liegt, die Gesellschaftskritik dort stattfinden zu lassen, wo sie sich am leichtesten an das gewünschte Publikum adressieren lässt. In Anlehnung an das zuvor Geschriebene ›ist Zuschauen Arbeit‹140. Grelle, laute oder allzu plakative141 Bühnendarstellungen – egal ob im dezidiert anti-bürgerlichen142 oder im so gesehen etabliert kulturellen Theater – können ein Publikum schnell brüskieren und erzielen dadurch lediglich Ablehnung, aber kein Umdenken; exemplarisch zeigt dies ein Querschnittsbild aus verschiedenen Aufführungen, die Strauß 1970 besuchte. In 139 Botho Strauß: »Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken. Neues Theater 1967-70« (VÄP 64). 140 Vgl. Botho Strauß: »Peter Handkes Drinnen- und Draußenwelt« (VÄP 177). 141 Vgl. hierzu auch die Negativ-Besprechungen verschiedener Aufführungen einiger gesellschaftskritischer Subversionsstücke, in dem die Bühnendekoration teilweise aus echtem Wohlstandsmüll und realem Erbrochenen bestand und die statt auf der etablierten Bühne in dunklen Kellern gespielt wurden. Botho Strauß: »Was heißt Frustration?« (VÄP 215-221). 142 Vgl. hierzu auch Botho Strauß: »Ein Traum von einem Stück und böse kleine Leute« (VÄP 194). Dort heißt es – vielleicht nur zufällig entlang der Luhmann’schen Leitdifferenz für Kunst, gut/schlecht, – die Gegensätze bündelnd: »Natürlich führte das ›Antitheater‹ zunächst mit ›schlechter Kunst‹ eine aggressive Parole gegen die verdorbene wahre-schöne-gute Kunst im Munde, die einfach nicht verenden wollte. Aber mittlerweile gehört das ›anti‹-Pronomen gestrichen, weil man mit den alten Stücken nun anders umzugehen weiß, als sie nur zu verhöhnen, weil man gelernt hat, sie nutzbar zu machen, sie auf SCHÖNE Stellen zu reduzieren und weil man eine Spielweise erarbeitet hat, die es erlaubt, Zufälliges neben Geregeltem, Unfertiges neben Gelungenem, Lockerheit neben Anspannung miteinander auskommen zu lassen. Diejenigen, denen das Ganze ZWAR, ABER im einzelnen manches nicht gefällt, beurteilen diese Theaterarbeit eigentlich ungerecht. Darin ist nämlich die Freiheit, auch etwas Schlechtes machen zu dürfen, eine nichtige Instanz, um die Relativität von gut und schlecht erst einmal bewußt zu machen«. 69 Schillers Wallenstein dominiert das Brüllen143, In Hans Hollmanns Titus, Titus führt »eine Schar artiger, endsilbenartikulierender Schauspieler wilde Jugend« auf und die Beschreibung der »volksverdummende[n] Methode, mit der sie ihre wirklich verblüffende These abhandeln, daß Machtrausch und Brutalität allüberall und immerdar am Werke sind, wo Menschen miteinander…« verschlägt Strauß mitten im Satz die Sprache.144 Diese harsche Kritik an etablierten wie an neuen Theaterformen streift viele jener Aspekte, die Strauß im Verlauf der eigenen Dramen- und Prosaproduktion immer wieder aufgreifen wird, vielleicht auch, um zu zeigen, dass diese Themen auch subtiler dargestellt werden können? Zudem lässt es auch einen Rückschluss auf eine biedere, eventuell sogar antiquierte, aber dennoch nicht reaktionäre Sicht eines erst 26-jährigen Botho Strauß auf die Institution Theater zu, der zugleich linke Gegenpositionen einnimmt. Es zeigt sich bereits zu diesem Zeitpunkt in vielfacher Hinsicht eine dialektische Beobachtungsfähigkeit innerhalb der künstlerisch-ästhetischen Weltspiegelung und Weltbespielung. 143 Botho Strauß: »Die schönen und die schlechten Szenenbilder: Sie hängen alle schief. Aufzeichnungen nach einer längeren Theaterreise« (VÄP 199). 144 Botho Strauß: »Die schönen und die schlechten Szenenbilder: Sie hängen alle schief. Aufzeichnungen nach einer längeren Theaterreise« (VÄP 202f.). Den Eklat nach der Premiere seines Stückes Schändung, das wie Hollmanns Stück ebenfalls eine Bearbeitung von Shakespeares Titus Andronicus ist, kommentierte Strauß in einer gemischten Presseschau und Rezension im Spiegel wie folgt: »Ist das Stück dadurch auf die falsche Bahn geraten? In Deutschland wären Proteste wie jetzt in Paris kaum denkbar gewesen, glaubt Strauß, denn am deutschen Stadttheater sei jeder Trash möglich, inklusive Kloszenen oder Geschlechtsverkehr auf der Bühne. ›Da gibt es kein Tabu mehr‹, im Gegenteil, man sucht verzweifelt nach neuen Tabus, die man noch brechen könnte. [...] Kultur gilt in Frankreich als Bastion gegen die Rohheit der Realität, nicht als deren Spiegel. Kultur soll Ordnung stiften, nicht Chaos zeigen. Wenn tragisches Unglück inszeniert wird, dann angedeutet, in sprachlich schöner Form. Man will auf der Bühne nicht die Wirklichkeit sehen, die überall lauert. Denn in den Vorstädten der französischen Metropolen ist ja längst Realität geworden, was Strauß über das fiktive Rom des 4. Jahrhunderts nach Christus sagt: ›Jetzt herrscht die Angst in Rom, und jeder fürchtet sich vor seinem eigenen Schatten. Rachegeister schwirren durch die Nacht, Vergeltung lauert hinter jeder Säule ... Zu viele tückische Tiger schleichen jetzt in dieser Wüstenei: Rom!‹« (Romain Leick: »Die Hölle leuchtet rosafarben«. S. 147f.). 70 2.4 Die Bühne als Weltersatz II: Ein geschlossenes System? Strauß’ doppelte Abwehrhaltung gegen das angestaubt Bürgerliche aber auch gegen die Effekthascherei des neuen Theaters untermauert die heranreifende Haltung des jungen Kritikers in Bezug auf die Gesellschaftsanalyse und Weltgestaltung auf der Bühne. Der für das Publikum stellvertretend gestellte Anspruch will herausgefordert werden, wie eine Rezension über Ödön von Horváths Sladek aus dem Jahr 1967 zeigt, in der Strauß Indifferenz und Fragmentierung, Übertreibung und Verflachung in der Inszenierung ausmacht. Die auf der Bühne dargestellte »Welt [...] ist überall mit Trivial-Axiomen vernagelt«145. An anderer Stelle kritisiert Strauß eine »aus Erinnerung und Fiktion zusammenbramarbasierte Welt […]. Die Bochumer Aufführung sucht keinen Zugang zu irgendwelchen Gründen, Konsequenzen, Veranlagungen der krausen, vielgestaltig perversen Spielhaltungen zu verschaffen«146. Das Stück Kaspar von Peter Handke hingegen erfüllt den Wunsch nach Herausforderung und Tiefe besser und Strauß nimmt Darstellungsweisen wahr, die später auch in seine Texte einfließen werden: »Anstelle von Dialogverknüpfungen entstehen also Widersprüche, Angleichungen, Überschneidungen, Variationen zweier nicht gleichwertig aufeinander replizierender Sprechpartner. Daher ist grundsätzlich die Bewegungsform des Stücks nicht dialektisch, sondern deduktiv, in der seriellen Abfolge-Logik Wittgensteinscher Aussagesätze. Ich lerne, daß die Verdoppelung eine formale Grundfigur des Stücks ist, Wiederaufnahme der gleichen Wörter in ungleiche Sätze, symmetrische Anordnung gleicher Sätze mit ungleichen Wörtern, und höre, daß diese Verdoppelung für Kaspar selbst eine wichtige erkenntniskritische Eselsbrücke hergab: Wenn ich ein Wort nicht verstand, verdoppelte ich es und verdoppelte es noch einmal, damit es mir nicht mehr lästig fiel.«147 Strauß hebt den formal strengen Aufbau hervor, in dem über Differenzierungen Anpassungen vorgenommen werden. Die Rolle des Theaters, ihrer Figuren und ihrer Darsteller resümiert Strauß dementsprechend aus einer sehr weiten Perspektive und erkennt eine Bezugnahme auf gesellschaftstheoretische Perspektiven, indem er das Theater als »Institution« benennt 145 Botho Strauß: »Die vertierte Vernunft und ihre Zeit« (VÄP 81). 146 Botho Strauß: »Arrabal und Arrabaleskes« (VÄP 100). 147 Botho Strauß: »Anläßlich ›Kaspar‹« (VÄP 126). 71 und damit die »Schutz- und Ordnungsfunktionen für das Individuum«148 meint. Es »wird nun erkannt als System von Leistungs- und Normzwängen, von Abhängigkeiten und Unterdrückungen«149. Den Gedanken, dass das Theater ein geschlossenes System ist, das in die Gesellschaft hineinreicht, vertieft Strauß in weiteren Rezensionen.150 Die realen Erfahrungen einer geschlossenen Theaterwelt, die von Schauspielern, Dramaturgen, Regisseuren und am Rande auch einem Publikum mit begrenztem Einblick in die Mechanismen hinter den Kulissen bevölkert wird und eigenen Regeln zwischen Authentizität und Illusion gehorcht, spiegeln sich hier in einer breiteren Reflexionsperspektive, die am ehesten der Kritiker einnehmen kann. Nur er kann sich zwischen der Innenwelt des Theaters und der Au- ßenwelt bewegen und somit das Theater als geschlossenes, »interpretierbares System von materiellen Prozessen, Denkweisen, gesellschaftlichen Regeln, Sprachhaltungen und Ideologien«151 wahrnehmen und aus verschiedenen Perspektiven beobachten, »in dessen Wandel wir uns selbst als Subjekte begreifen, d.h. nicht als Konsumenten abgeschlossener ästhetischer Symbole, sondern als komplettierende, teilnehmende, verursachende Zeitgenossen eben dieses andauernden Systems«152. Das Theater verhandelt gesellschaftliche Entwicklungen wie »Selbstentfremdung, Krise, Verfall und Untergang des bürgerlichen Individuums«, was Strauß an zwei Aufführungen exemplarisch beleuchtet (Pioniere von Marieluise Fleißer und Hochzeit von Elias Canetti).«153 Strauß’ Rezensionen verfügen verständlicherweise nicht über exakte Trennschärfe zwischen Kommunikation und Handlung, wie die Systemtheorie sie später etablieren wird, geschweige denn über eine genaue Schilderung der Reproduktionsmechanismen des Theaters – es fehlt unter anderem noch eine für Operationen taugende Leitdifferenz oder Definition der Selbstreproduktion. Aber die Beobachtungen charakterisieren das 148 Botho Strauß: »Versammlungsverbot« (VÄP 171). 149 Botho Strauß: »Versammlungsverbot« (VÄP 171). 150 Vgl. auch Botho Strauß: »Ein Stück ist System« (VÄP 111-123). Es handelt sich hierbei nicht um eine explizit systemtheoretische Betrachtungsweise, jedoch schneidet Strauß Merkmale an, die systemtheoretischen Charakter haben (Kommunikation, Bühne vs. Publikum, Funktion für die Gesellschaft). 151 Botho Strauß: »Bürgerdämmerung auf der Bühne« (VÄP 221). 152 Botho Strauß: »Bürgerdämmerung auf der Bühne« (VÄP 221). 153 Botho Strauß: »Bürgerdämmerung auf der Bühne« (VÄP 221). 72 Theater bereits jetzt als ›interpretierbares System‹154. Folglich handelt es sich um ein System, das dabei beobachtet werden will, wie es Gesellschaft verarbeitet, und an dem sich aktiv nach bestimmten und hier eben nicht näher benannten Regeln beteiligt werden kann und letztlich am wichtigsten: das einen gesellschaftlichen Bezug hat, der es ermöglicht, das Theater als Erfahrungskonglomerat auf Gesellschaft zu projizieren und anzuwenden und so der Gesellschaft eine Art von kultureller, politischer oder moralischer Leistung zur Lösung gesamtgesellschaftlicher oder individueller Probleme anzubieten. Kurz: Was das Publikum aus dem »Welt-Kasten«155 Theater und der »schauspielerische[n] Innenwelt [...] davonträgt«156. Dass die Rezensionen den Essays hinzugerechnet werden, verfolgt die Absicht, nachzuweisen, dass Strauß in dieser Phase bereits Themen, Darstellungsformen und vor allem Weltbezüge behandelt, die er später in eigenen Stücken einsetzten wird, um gesellschaftliche Veränderungen treffender verarbeiten zu können. Die frühe (und noch nicht explizite) Anknüpfung an die Globalisierung findet statt, weil Strauß sich unbewusst ein entsprechendes Fundament bereitet hat. In den bisher angeführten Rezensionsauszügen thematisiert Strauß das Alter der Stoffe nicht, da es vordergründig nicht von Belang ist, wann ein Stück geschrieben wurde, sondern wie es aktualisiert und vor welchen ge- 154 Vgl. hierzu auch Gerd Brenner: Der poetische Text als System: Ein Beitrag kritischer Systemtheorie zur Begründung des Poetischen. Anmerkungen zu Kafka. 155 Botho Strauß: »Inszenierte Erinnerung« (VÄP 62). 156 Botho Strauß: »Inszenierte Erinnerung« (VÄP 59). Vgl. hierzu auch das Erzählfragment um die Figur Veit Billing in Die Nacht mit Alice. Strauß schildert einen Schauspieler, der seine »Stimme von außen« hört und darum bittet, sich diese »Fremd-Stimme einfürallemal [...] exorzieren« (DNA 77) zu lassen. Schließlich gelingt es; für Außenstehende klingt Billings Stimme nun gequält, für Billing selbst bedeutet der Stimmverlust eine Befreiung aus der Umwelt. Die Wahrnehmung der Grenze zur Welt verläuft entlang der eigenen Stimmfühlung: »Wie sehr aber gefiel ihm jetzt seine eigene Stimme – von innen! Endlich, von innen! Schön schartig klang sie, manchmal ein wenig nuschelig, schartig hier, nuschelig dort, undeutlich und klirrend, je nachdem. Genau wie es sich für einen ausdrucksfähigen und labilen Menschen gehört. Ja, nun hatte er seine Eintönigkeit überwunden, endgültig, wie er hoffte, immer« (DNA 91). Vgl. zudem Botho Strauß: Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau: »Mach dich nicht lächerlich. Du hast keine eigene Stimme. Du hast nur ein mittönendes Organ. Ein paar Bänder, die von den Stimmen anderer zum Schwingen gebracht werden. Nimm das an. Krieche mit deinem Mund. Verkneif dir das Lachen nicht, wenn deine Mitwelt lacht. Du tönst nur mit, du tönst nur wieder« (S. 105). 73 sellschaftlichen Hintergrund es gestellt wird, was es zeigt und welche Überführungen möglich sind, ob die Figuren satirisch oder realistisch ausgefüllt werden, ob ihre »Entstellungen«, ihre »Obsessionen«, ihre »Entfremdungsgeschichte[n]« oder ihre Emotionen (»Haß, Gier, Brutalität und Zynismus«), wie es Strauß mit großen Lettern ausdrückt, »BEOBACHTBAR«157 sind. Kondensiert ausgedrückt: welche Bedeutung das Stück durch die Inszenierung für die Gegenwart erhält. Aus diesem Grund sind die rezensierten Stücke zeitlos im Sinne einer Synchronizität zur Gegenwart. In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises blickt Strauß zurück und formuliert den Zeitaspekt weitaus konkreter: »Das Theater ist der Ort, wo die Gegenwart am durchlässigsten wird, wo Fremdzeit einschlägt und gefunden – und nicht wo Fremdsein mit den billigen Tricks der Vergegenwärtigung getilgt oder überzogen wird. Es ist altmodisch und lächerlich, sich sogenannter Modernisierungen zu bedienen, den Jeep in Wallensteins Lager vorfahren zu lassen. Viel anwesender ist das Theater dort, wo es zum Schauplatz seines eigenen Gedächtnisses, seiner originalen Mehrzeitigkeit wird.«158 Für die Überlegungen im Rahmen der Globalisierungskonzeption ist es von sekundärer Bedeutung, ob das Bühnenbild den Entstehens- oder den Beobachtungszeitpunkt visuell aufgreift und verarbeitet; konkreter verstanden ob Strauß’ ›Titus‹ Tunika oder wie in der Pariser Inszenierung von Schändung (2005) einen Anzug trägt. Das Bühnengeschehen stellt immer eine Projektion dar. Die Bühne beziehungsweise das Theater als eigenständige Welt zu betrachten, mag auf den ersten Blick ein Klischee darstellen, doch lässt sich schnell erkennen, dass das Theater ein Ort ist, der mehrere Orte vereint. Es liegt nahe, an Foucaults Heterotopien159 anzuschließen, insbesondere, weil auch im Theater, so wie Strauß es in seinen Rezensionen präsentiert, »immer ein System von Öffnungen und Schließungen [...], das sie gleichzeitig isoliert und durchdringlich macht«160, vorliegt. Diese 157 Botho Strauß: »Bürgerdämmerung auf der Bühne« (VÄP 226). 158 Botho Strauß: »Die Erde – ein Kopf. Dankrede zum Georg-Büchner-Preis«, insbesondere S. 34f. Die Rede wurde von Luc Bondy vorgetragen, da Strauß öffentliche Veranstaltungen, hierunter Preisverleihungen oder Premieren, meidet. 159 »Die Heterotopie vermag an einen einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Plazierungen zusammenzulegen, die an sich unvereinbar sind« schreibt Michel Foucault in seinem Aufsatz »Andere Räume« (S. 42). 160 Michel Foucault: »Andere Räume«. S. 43. 74 Sichtweise öffnet das Theater und die Rezensionen verdeutlichen die Auffassung getrennter Welten und Systeme, die sich gegenseitig beeinflussen und spiegeln. Die Grenzziehung impliziert zudem die Möglichkeit, die Grenze bewusst zu durchbrechen, wenn es dem zu vermittelnden Sachverhalt dient. An vergangene Orte oder »Fremdzeit« (s.o.) durch Aktualisierung der Stoffe (oder einfacher: Nachspielen) anzuschließen, entzieht Ensemble und Publikum für den Zeitraum der Darbietung der realen Welt und zieht sie in eine grenzenlose virtuelle Welt hinein. Theater ist ein Versuchsraum und bereits Aristoteles’ Gedanken über das Theater verweisen auf die Katharsis durch Übernahme des Gesehenen in den Alltag des Publikums. 2.5 Seitenwechsel: Die Eröffnung der Innenwelt gegen die Masse & den Niedergang der Außenwelt Mit dem Weggang von der Zeitschrift Theater heute und dem Beginn des eigenen Theaterschaffens wechselte Strauß 1970 nun auch von außen erkennbar Position und Betätigungsfeld und verschaffte sich neue Ausdrucksmöglichkeiten; bildlich ausgedrückt bewegte er sich weg aus dem Publikum und an den Seitenrand der Bühne. Dementsprechend erlischt auch die Produktion theaterreflexiver Rezensionen aus der äußeren Beobachterperspektive des Kritikers nahezu vollständig zu Gunsten einer Stückeproduktion, die sich den Bedingungen des Theaters und den Gesellschaftsbezügen aus einer neuen Richtung nähert. Es liegt eine deutliche Fokusverschiebung von der Beobachtung anderer Produktionen hin zur Beobachtung eigener Arbeiten vor, aus der werkbegleitende Texte entstehen, die Theatertheorie, Prosapoetik und Gesellschaftskritik verbinden. Fremdreflexive Texte zum Theater und zur Literatur im Allgemeinen heben nun die Menschen hinter den Bühnenfiguren hervor. Laudationen und Nachrufe für Weggefährten konzentrieren sich auf konkrete Personen und weniger auf die Gesellschaft, können jedoch einen Ort schaffen, an dem an außenliegende Kontexte angeknüpft wird. Ein Beispiel hierfür ist ein Text über den Regisseur und Freund Peter Stein, auf den später in diesem Kapitel eingegangen wird. Eine solche Anknüpfung findet sich auch in einem Text über die Schauspielerin Jutta Lampe, in dem die Globalisierung in das Theater überführt beziehungsweise auf das Theater und die Leistung des Theaters für die Gesellschaft projiziert wird. Strauß definiert hier indirekt einen sich auflösenden beziehungsweise aufgelösten, identitätslosen, dissoziierten Bühnenmenschen, wenn er beschreibt, wie »durch viele Filter und 75 Barrieren jede Spielfigur langwierig von innen nach außen befördert«161 wird. Das Innere der Rollenfigur befindet sich im Zustand einer Diffusion und entsprechend dieser Zersetzungstendenzen führt (exemplarisch hervorgehoben) Jutta Lampe »ihre Figuren aus einer vibrierenden, leicht erschütterbaren Mitte den Grenzen und Gefährdungen zu«162. Jene Verwandlungen und Mechanismen, die Schauspieler und Figuren durchleben oder erfahren, können auch (metaphorisch) mit dem Terminus Globalisierung beschrieben werden, weil sich etablierte Zustände, Verhaltensnormen und Referenzrahmen verändern und Schauspieler und Figur der Außenwelt öffnen. Allerdings setzt das voraus, dass der gute Schauspieler die Gesellschaft im Blick behält; der schlechte tut es nicht, wie eine der Figuren im Roman Der junge Mann (1984) spöttisch äußert.163 Die globalisierte, grenzerforschende Spielweise ist jedoch mehr als ein spezifisches Stilmittel einer Schauspielerin, denn es prägt auch eine Vielzahl der Stücke Strauß’ (und ihre Inszenierungen mit sehr unterschiedlichen Schauspielern), wie dieser mit rhetorischer Distanz äußert: »Dieser Autor hat sich nie eingebildet, ein gestandener Dramatiker zu sein. Immer an den Jahren entlang, in den wechselnden Zeit-Fenstern lehnend, den wechselnden Oberflächen, Belangen, Interessen hörig, hat er im selben Zeitraum, da die Miniaturisierungsprogramme der Halbleiterindustrie fortschritten, in seinen Stücken eine vergleichbare Miniaturisierung dramatischer Konflikte verfolgt. Dazu hat er sehr unterschiedliche szenische Anordnungen entworfen, deren Personal sich untereinander verfing und ver- 161 Botho Strauß: »Was macht ihr denn da? Über Jutta Lampe und unser Theater« (AUF 101). 162 Botho Strauß: »Was macht ihr denn da? Über Jutta Lampe und unser Theater« (AUF 101). 163 »Heute sind ja die ungeschicktesten Schauspieler stets die eifrigsten Affen irgendwelcher ›Bewegungen‹ oder irgendeines sogenannten ›Bewußtseins‹. Nichts ist mehr in ihnen selbst begründet, sie hecheln herum und schnüffeln überall nach Legitimation, nach äußeren Absicherungen ihres Gewissens. Dabei kennen sie die Menschen draußen gar nicht. Sie sind alles andere als aufmerksame Zeitgenossen und aus der nachdenklichen Beobachtung ihrer Umwelt haben sie am allerwenigsten ihr Talent gebildet. Aber das mag auch für einen Schauspieler nicht unbedingt erforderlich sein, er ahmt ja Menschen nicht von außen nach. Nur daß die meisten längst vergessen haben, weshalb sie einmal diesen Beruf ergreifen wollten: eine gesteigerte Person zu sein! Das macht sie nun so leer und abgelenkt« (JM 53). 76 wickelte, sich vor und zurück, auf und nieder bewegte, ohne dabei je eine solche Fallhöhe zu erreichen, die notwendig zum Drama gehört.«164 Mit dieser Selbstaussage wird auch deutlich, dass die in den Dramen, Essays und Prosatexten stattfindende Ausdifferenzierung sowie die immer feiner werdenden Beobachtungen nicht zufällig geschehen, sondern zu einem poetologischen Prinzip erhoben werden. Die eigenen Erlebnisse beim Eintritt in die »gemeinschaftlich[e] Welt des Schauspieltheaters« (JM 23) beschreibt Strauß in einer literarischen Bearbeitung im Eingangskapitel des zuvor genannten Der junge Mann.165 Abschließend ist festzuhalten, dass die theaterreflexiven Texte den um die Aufführungen herum stattfindenden Gesellschaftsdiskurs aufgreifen und die Wechselbeziehung zwischen Bühne und Umwelt konstruktiv weiterführen. Strauß’ – wie Stefan Willer anmerkt166 – frühe Verweise auf Foucault oder Erneuerungsbewegungen in der nordamerikanischen Theaterwelt sind in erster Linie nicht als absolute Fremdreferenz zu verstehen, sondern sollen dem Theaterpublikum und somit Zielgruppe von Theater heute über das Mittel der Rezension die Augen öffnen für das, was in der Welt geschieht. Bemerkenswert an diesem Vorhaben ist auch, dass Strauß unbewusst eine Einheit der Differenz Theater/Welt vollzieht, indem Theater nicht ohne Weltreferenz und vom Credo des Zusammendenkens zweier konträrer Ereignisse ausgehend die Welt nicht ohne Theater auskommt. Dieser Gedanke findet sich neben weiteren Punkten nochmals im Essay »Maß der Wörtlichkeit« aus 1997 (MDW) ausformuliert. 164 Botho Strauß: »Was macht ihr denn da? Über Jutta Lampe und unser Theater« (AUF 102). 165 Strauß führt seine Vorstellung der idealen Inszenierung folgendermaßen aus: »Ich wußte also genau, wie es auszusehen hatte, mein Theater, meine Zofen, mein ekstatisches Spiel. Ich nannte es nicht mit geringen Namen. Die Gegen-Welt, die Mythenwanderung, die Überschreitung, die Bühne als Eingangspforte zur Gro- ßen Erinnerung, Tanz der Reflexionen mit den Geistern, das Gebärden- Zeremoniell, die Lupe hinhalten, auf die Jagd gehen, den Zuschauer in den ›Hinteren Raum‹ locken, Zustände auslösen… Ach, die Begriffe türmten sich und schwankten. In meiner Konzeption spielte das Stück in einer nicht allzu fernen Zukunft. Eigentlich nach dem Zusammenbruch aller menschlichen Kommunikation. Die Menschen haben sich in ihre Zeremonien zurückgezogen, verkrochen, verkapselt. Die Spiele sind ihre seelischen Überlebensnischen. Der Ort: eine Höhle in der Zeit…« (JM 32). 166 Vgl. Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. S. 16. 77 Der Stellenwert des Theaters in der sich globalisierenden Gesellschaft hat sich verändert und somit auch einen Perspektivenwechsel erfordert. Der Essay als Gattung ist in der Strauß’schen Ideenlandschaft ist an einer anderen Stelle als die Theaterrezensionen positioniert. Die Einbindung geschieht daher an späterer Stelle in diesem Kapitel, insbesondere weil in den Essays seit etwa 1987 eine erneute Veränderung in der Ausrichtung zu erkennen ist. Es erweckt den Anschein, als habe der Mauerfall die Kulissenfragmente seiner Aggressionsbühne maßgeblich neu sortiert und damit ermöglicht (oder erforderlich gemacht), neue Themen einfließen zu lassen. Die Enge der bundesdeutschen Gesellschaft ist einer turbulenten Phase der Öffnung gewichen, die in den 1990er Jahren Strauß’ Werk in allen Gattungen beeinflusst. Die Produktion neuer Stücke nimmt, gemessen an der Quantität der anderen Publikationen, weniger Platz ein.167 Die veröffentlichten Essays entspinnen sich nun hauptsächlich aus früheren und aktuellen Gegenwartsthemen und kaum noch dem Theater und dessen Bedingungen. Strauß öffnet und verändert sein Schreiben für einen direkteren Zugang zu tagesaktuellen Themen und auch für eine Auseinandersetzung mit Globalisierungsprozessen. Die nachfolgenden Analysen der zwischen 1987 und 2015 erschienenen Essays beleuchtet dies näher und orientieren sich – auch der Übersichtlichkeit wegen – vorrangig an Inhalts- und weniger an Zeitlinien. 2.6 Sich neu beheimaten im Angesicht der Globalisierung: Rückbindung an Vergessene(s) und Heldenverehrung Der 1987 publizierte Essay »Die Distanz ertragen – über Rudolf Borchardt« (DIS) nimmt einen Rückblick auf die Literatur der Jahrhundertwende vor. Das Verhältnis des Dichters Borchardt zur Gegenwart wird von Strauß neu gelesen und in einer Diskussion über Tradition und Moderne kontextualisiert. Strauß’ elitäre Selbstpositionierung ist deutlich 167 Oder anders gewendet: Die Taktung der veröffentlichten Prosatexte ist dichter, die dramatischen Texte haben in etwa denselben Publikationsumfang. Die zwischen 1972 und 1991 als Theaterstücke I und II veröffentlichten Stücke umfassen 1016 Druckseiten. Theaterstücke III und IV (1993-1999, 2001-2005) sowie Leichtes Spiel und Das blinde Geschehen zusammen 903 Seiten. 78 Wahrnehmbar in dieser Sichtweise168, er zelebriert die Außenseiterpose Borchardts und projiziert sie auf die eigene Situation: »Wir nehmen die Verluste hin, einen nach dem anderen, und sind allesamt ernsthaft überzeugt, daß Rationalität uns besser tut als jenes schöne Wissen und daß jede Methode der Anpassung an Gegenwart wertvoller ist als die Lehre der Erinnerung.« (DIS 19f.)169 Hieran angelehnt formuliert Strauß zehn Jahre danach in Die Fehler des Kopisten, dass Montaigne seine alltägliche Erfahrung mit Erlebnissen aus der 168 Vgl. auch Helga Arend: Mythischer Realismus: »[D]ie Auswahl dieses formal streng ausgerichteten und auf die Vergangenheit hin orientierten Schriftstellers, der zugleich eine kulturkonservative Richtung vertritt, [charakterisiert] sein eigenes Schreiben«. Dass Strauß dies bewusst als Eigenpositionierung versteht, verdeutlicht sich in der beinah heiteren Aussage: »Gewiß, sagt er, ich bin von gestern, aber gestern war ich von heute«, die in Oniritti Höhlenbilder (2016) zu finden ist (OH 273). Vgl. zudem Paare, Passanten: »Man kann auch Stile und Gesten clonen. Man kann dieser oder jener werden wollen, doch nichts ist zurückzugewinnen. Schnell wird die literarische Leidenschaft solch ein Gerät: ein Gestenspender. Die Geste Goethe wandert schon seit über hundert Jahren durch deutsche Dichter. Die Geste Hölderlin, die Geste Artaud bieten ebenfalls heute einen Schutz. Das will sagen: wir Außenseiter, wir Schizos – du Hölderlin und ich, der dich erkennt. Es gibt eine Form von Verehrung, die jede Scheu vor der unverwandten Größe verloren hat. Dann nimmt das Verlangen von uns Sozialversicherten überhand, sich eine Heroik für das eigene unansehnliche Leid auszuborgen« (PP 133). 169 Vgl. hierzu wie zu allen weiteren Anschlüssen an und Rückbesinnungen oder Bezugnahmen auf zuvor geschriebene Literatur auch Die Fehler des Kopisten: »Der Außenseiter-Heros war die einzige literarische Chiffre, zu der sich seine politisch übermotivierte, doch im Grunde kunstfeindliche Generation bekannte. In ihr erschöpfte sich im wesentlichen das ästhetische Interesse. Diese Hölderlin- Nietzsche-Artaud wurden nicht von Liebenden, sie wurden von genuin Unbelesenen heiliggesprochen. Zu durchschaubar war die Funktion, der sie dienten: Ersatzaufständische zu sein in diesem erbärmlichen deutschen Trauerspiel um die versäumte Revolution, dieser hartnäckigen Geschichtsverkennung, durch die sich das Zweite Junge Deutschland nach dem Krieg künstlich und stagnierend immer aufs neue verjüngte, als hätte Hitler den Deutschen nicht alles geliefert, was zu einer wahren Revolution gehörte, Gleichschritt und Ausschaltung aller Gegner, Anbetung der Jugend, Gemeinschaftsrausch, Blutopfer und Untergang. Nur eben keinen Dichter. Wir Leser-Autoren sind dagegen gemäßigte Naturen. Keine Rigoristen jedenfalls. Wir kennen zuviel Einzigartiges aus vielen Zeiten, als daß wir irgendeiner zeitgenössischen Exzentrizität erhöhte Bedeutung beimäßen« (FDK 77). 79 Literatur verbinden konnte, während dem heutigen Menschen, sofern dieser seinen Erfahrungsraum erweitern möchte, nur eine »Ausdehnung in die vernetzte Fläche« bleibt, wobei dieser »jedoch die Perspektive« verliert (FDK 26). Rigoros stellt Strauß als Reaktion auf dieses Dilemma fest: »Jeder gelebte Augenblick hat einen Vorfahren in der Literatur« (FDK 26) und »Mann und Frau bilden Raum genug für das ganze Gewesene« (FDK 62). Eine Dekade später glimmt der Halt zum Zwecke der Gesellschaftswahrnehmung erneut in einem Text von Strauß auf. In Vom Aufenthalt (2009) referiert und verarbeitet er unter Bezugnahme auf das Gedicht »East Coker« von T.S. Eliot die Aussage »Old men ought to be explorers« und verweist auf das physische Erkunden der Welt durch eigene Beobachtungen und durch literaturcodierte Fremderfahrungen. Beides sind langsame Prozesse nahe am Stillstand, die über die besagten »Verluste« und die »Lehre der Erinnerung« sowie vor allem Abgrenzung und Isolation verlaufen. So schreibt Strauß über die bewusst herbeigeführte Einsamkeitserfahrung: »Zu lesen, allein, Abend für Abend, zu sammeln und zu ordnen, ohne sich daran zu berauschen, weder unterhalten noch entlastet oder abgelenkt, nur um: dahinterzukommen, als Ermittler, Endlos-Ermittler in der Sprache, aber auch in ihrem zarten Jenseits forschend, jenseits der Sprache das Gehabe, der Nimbus, Wellen und Stöße des Ungeahnten, fremde Frequenzen, überschlägige Berechnung von Existenz, die man vornimmt, innerhalb einer Frist, die nur aus Büchern besteht. Entziffern ohne das geringste Beschleunigungs- oder Vergrößerungsmittel, abgesehen von jenem perfekten Alleinsein, das die Welt wiederum in lauter Isolationen und Einzelheiten zerlegt, Detailvergrößerungen. Was ist das für ein Verstehen? Ein abirrendes, vagabundierendes, hinausziehendes ... vielleicht schon alles Fugue, die Flucht hinaus, seinem Bewußtsein zu entfliehen, weil aus gestrüppigem Versteck, da draußen irgendwo, der äußerst Auswärtige dich rief? Old men ought to be explorers.«170 170 Botho Strauß: Vom Aufenthalt. S. 14f. Schon in Kongreß – Die Kette der Demütigungen heißt es zum Beobachtungsmodus der Literatur: »Es scheint sogar, daß jenes Organ für früher und damals, welches gewöhnlich die Biographie eines Menschen ordnen hilft, bei uns ein seltsam zurückgebildetes, fast schon verkümmertes ist. Und doch weiß ich es nur zu genau und niemand als der Leser könnte es besser bezeugen: ohne dieses Organ, ohne die Erfahrung von alter Welt und ihrem Untergang wäre nie ein großer Roman geschrieben worden. Ohne Enden, als Roman, wäre der Mensch um einen lebensnötigen Trost gebracht. Alle großen Er- 80 Lesen beschreibt an dieser Stelle ein Erschließen der Welt und die gewählten Beispiele zeigen zudem, dass die Verbindung von Literatur und Gesellschaft fließend über lange Zeitabstände geschieht. Der Bezug zu einer breiten Wahrnehmung von Globalisierung besteht in dieser Passage darin, dass Strauß die Komplexität der Welt durch Verkleinerung und Trennung reduziert. Problematisch an einer derartigen Weltsicht ist jedoch die Verfügbarkeit von Literatur und das Vorhandensein sehr breiter Kenntnisse dieser. Indem es eine Unterscheidung zwischen Lesern und Nicht-Lesern etabliert, stellt es ein Ausschlusskriterium dar. Zu berücksichtigen ist auch, dass Strauß wiederholt Erzähler auf langsam voranschreitende, nur mühsam Formen annehmende Schreibprozesse verweisen lässt. Jedoch ist das nicht die hauptsächliche Motivation für die vorgebrachte Kritik an der Gegenwart. Aus einem verzweifelt wie phlegmatisch akzeptierten Dilemma einer entglittenen Vergangenheit und nicht einsehbaren (das heißt auch komplexen) Zukunft folgert Strauß – hier am Beispiel Borchardts –, dass es gegenwärtig, wenn überhaupt jemals wieder, unmöglich ist, den Urzustand erneut herzustellen. Borchardt wusste das und auch Strauß weiß es. Die Fortentwicklung der Gesellschaft ist stärker als der Wunsch der Wenigen zur Restitution. Strauß führt in »Distanz ertragen« weiter aus: »Gäbe es einen Borchardt unserer Tage, der noch einmal eine restitutio in integrum heraufführen wollte, er würde nicht einmal mehr als der großartige Don Quichote angesehen, wäre nicht mehr der Mittebildner auf verlorenem Posten, sondern von vornherein ›auch nur ein Exot‹, der seinen ausgefallenen Tic unter tausend anderen Ticverkäufern anböte.« (DIS 20)171 Der Mahner wird von der Mehrheit exkludiert, findet keinen Anschluss mehr und es beschleicht einen das Gefühl, dass Strauß nur schlecht verbirgt, selbst ein Dichter des Borchardt-Typs zu sein, der am Einfachen verzagt und sich nach mehr Komplexität zu sehnen scheint: »Das Allgemeine drängt zu nichts Allgemeinem mehr. Es geht über in ein offenes Schema von Sektionen und Disjunktionen. Und das Viele, je ›verhebungen des Herzens ereignen sich im geschauten Vergehen. Und nimmt man uns den Sinn fürs Vergehen, so versetzt man uns in eine immergrelle Komödie ohne Zeit und Raum« (KKD 44f.). 171 Vgl. hierzu auch den Verweis auf Borchardt, George, Hofmannsthal in Lichter des Toren (LDT 99). 81 netzter‹ es geschieht, um so unvermittelter zueinander. Denn es gibt keine Vermittlung zwischen Geheimnis und Meinung.« (DIS 20) Beachtenswert ist, dass bereits zu diesem Zeitpunkt Vernetzung mit Formen der Auflösung in Verbindung gebracht wird, dass »Sektionen und Disjunktionen« ein erlebbares, wiederholbares, variierbares »Schema« bilden. Zwischen Geheimnis und Meinung existiert eine Schwelle wie zwischen innen und außen, wie zwischen Reden und Schweigen. Die Trennung zwischen Tradition oder Vergangenheit auf der einen und Zukunft auf der anderen Seite hat Norbert Bolz als das »Orientierungsdefizit«172 der Gegenwart beschrieben, dessen Ausgleich kontinuierliche Entscheidungsprozesse verlangt.173 Sowohl Borchardt als auch Strauß erkennen, dass die Rolle des Außenseiters den Blick schärft und zugleich ein Bewahren (das heißt ein Weltgedächtnis der Kunst (vgl. DIS 13) und Transport der Kultur174) ermöglicht, ohne sich mit ihr zu verbünden. Strauß stellt Borchardt als Außenseiter unter Außenseitern dar, dessen Worte keinen passenden Wirkungsort finden: »Um das abgetrennte Singuläre genau zu bestimmen, fehlt uns das Organ und die Methode« (DIS 21). »Distanz ertragen« lässt sich daher als Distanz erzeugen und somit als bewusste Entscheidung für Distanz zur gegenwärtigen Kultur und sich globalisierenden Gesellschaft auslegen. Des Weiteren liefern die Positionen und Standpunkte Borchardts übergeordnet globalere Reflexions- und Relationspunkte für Strauß. Die Bezugnahme auf die Gegenwart wird – aus erhabener Position – gepaart mit den Betrachtungen der Vernetzung sowie zur Dichtersprache, die Gegenentwürfe oder Kontrapositionen zu einer verflachten Allgemeinsprache liefert175, wodurch der Essay eine starke inhaltliche Zeitlosigkeit und asyn- 172 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 19. 173 Bei Norbert Bolz heißt es: »Das Auseinanderbrechen von Herkunft und Zukunft hat zu einem Orientierungsdefizit geführt, das nur durch permanentes Entscheiden kompensiert werden kann. Je mehr aber Entscheidungen die Zukunft bestimmen, desto weniger kann man sie voraussagen« (Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 19). 174 Vgl. Botho Strauß: »Der Plurimi-Faktor. Anmerkungen zum Außenseiter«. S. 108, beziehungsweise LDT 32. Strauß führt exemplarisch das Beherrschen des antiken Griechisch an, das seiner Meinung nach nur wenigen Menschen ermöglicht werden sollte, um diese Fähigkeit nicht zu verwässern. 175 Diesen Aspekt greift Strauß erneut in »Zeit ohne Vorboten« auf. Dort heißt es zum Ende der Epoche: »Die Moderne geht keineswegs mit Parodie oder Postmoderne zu Ende, sondern sie verschwindet im Bruch mit der Poesie unseres Denkens insgesamt. Mit der Ablösung der Reflexion durch ein technisch- 82 chrone Verankerung vermittelt und dabei Brücken in die Vergangenheit und »gegen den Mythos der Jetztlebigkeit« (DIS 22) spannt. Diese Methode ist von hoher Relevanz, da sie eine zyklische Bewegung »zwischen dem Einst und dem Jetzt« ermöglicht.176 Ähnlich resümiert es auch Robert Weninger in seiner Analyse zum »Bocksgesang«: »Die Alternative zur Utopie ist Strauß zufolge Zeitlosigkeit, die zur Aufklärung Religion, die zum Konsum Metaphysik und Mythos. Strauß setzt gegen die Oberflächlichkeit und Medienversessenheit des modernen ›Medienmenschen‹ das Tiefe und Profunde einer zyklischen Geschichtsbewußtheit.«177 Strauß’ ausgewiesenes Gegen-Programm entspringt seiner rückwärtsgewandten Perspektive. Einen ähnlichen Standpunkt nimmt der Essay »Spengler persönlich« (SP) ein, der auf vergleichbare Weise eine Art Heldenverehrung »eines romantischen-sensiblen Künstlers, der sich in seiner Jugend als ein Verstoßener, als Träumer und Einzelgänger erlebt« (SP 137), vornimmt. Gemeinsames Element ist auch der nur geringfügig verschleierte Bezug zwischen der Selbstinszenierung des Autors Strauß und der Beschreibung Spenglers, wie er in folgender Aussage sichtbar wird: »Wir lesen den Subtext eines Autors, den wir bisher nur in gebietender Sprache kannten. Wir studieren das Betriebssystem eines geistigen Machtmenschen, das im wesentlichen aus Schwächen besteht: Ekel und Phobien, Gegenwartsverachtung und Menschenscheu, Verzagtheit und Wirklichkeitsflucht.« (SP 137) Die doppelte Autorinszenierung verläuft auf mehreren Ebenen. Die erste ist die Selbstbeobachtung Spenglers, die auf der Textebene der Autobioinformatorisches Wissen, dem Wissen mit der geringsten geschichtlichen Ekstatik und dem universellsten Anspruch« (ZOV 100). 176 Wenn nicht sogar Schaltungen zwischen diesen beiden Stadien, wie Strauß sie im Roman Der junge Mann einfordert: »Wir brauchen Schaltkreise, die zwischen dem Einst und Jetzt geschlossen sind, wir brauchen schließlich die lebendige Eintracht von Tag und Traum, von adlergleichem Sachverstand und gefügigem Schlafwandel« (JM 11). 177 Robert Weninger: Streitbare Literaten: Kontroversen und Eklats in der deutschen Literatur von Adorno bis Walser. S. 151. 83 graphie beschrieben wird; die zweite ist die Aussage über Spengler (»wir lesen«, das heißt, dass das ›wir‹ auch beobachtet), die dritte betrifft die erzeugte inhaltliche Verwandtschaft zwischen Spengler und Strauß (›jeder romantisch-sensible Künstler‹) und die vierte bezieht sich auf die von Strauß verdeutlichte Gegenposition zur Gesellschaft und Gegenwart mit Hilfe eines breiten Gefühlsregisters. Ein weiteres Parallelmerkmal ist die Spiegelung der Gegenwart (hier des Jahres 2007) in der frühen Moderne, die einen Anschluss an die Gegenwart Spenglers aber auch an die von Strauß darstellt; zeitliche Bezüge werden gedehnt und den jeweiligen Verhältnissen angepasst. Das Verfahren ist identisch mit einer Beobachtung zweiter Ordnung, wie sie in »Distanz ertragen« Verwendung findet, mit der Ergänzung, dass in »Spengler persönlich« die jeweilige Umwelt- (besch)reibung konkreter definiert wird. Das Erzählverfahren streckt sich durch den Anschluss an ein Früher in der Zeit aus, während zeitgleich eine komplexe Beobachterkette etabliert wird. Strauß beobachtet im Falle des Spengler-Textes einen Beobachter und beobachtet sich selbst beim Beobachten. Dies versinnbildlicht auf plastische Weise die hyperkomplexe Dimension dieses (und vergleichbarer) Essays. Die Beobachter- und Beobachtungsreihe erzeugt ein »Prägwerk für etliche kulturanalytische Universalbetrachtungen bis in unsere Tage«, an die sich zum Beispiel »Sloterdijk [...], Fukuyama, Huntington oder mindere Weltbild-Designer« (SP 142) angliedern. Während Spengler behauptet, eine Reihe abzuschließen, schafft Strauß einen Anschluss. Entscheidend in der beschriebenen Beobachtungskette ist, dass sie für Strauß nur aus der Metaposition Spenglers zugänglich ist und einen Zugang für die Deutung der Gegenwart eröffnet, der ansonsten verschlossen bliebe. Das drückt auch die Epiker-Position Spenglers aus, dennoch ist auch hier die Möglichkeit der doppelten Gegenwartsverankerung und verachtung inhärent. Wenn zur Deutung des Essays die Unterscheidung Subjekt/Umwelt als textinterne Motivation(en) herangezogen wird, erschließt sich die genannte Umweltreibung (im Sinne einer Irritation) leichter: »Weltsichten, Modelle der Spenglerschen Art, verfertigt der Mensch nicht, um auch nur annähernd recht zu haben gegenüber der Welt. Im Gegenteil ist der Geist darauf angewiesen, jeweils aufs neue von der Welt widerlegt zu werden. Schon allein, um diese Projektionsmaschinerie, die der Spezies zur Orientierung vererbt ist, stetig zu verbessern und neu anzupassen. Es wäre daher verhängnisvoll, das Denken in groben Zügen zu verlernen und Bilder von der Welt nur noch in hoher Auflösung zu besitzen.« (SP 143) 84 Strauß fordert einen Nahblick und ein Erforschen als »explorer«. Wie zum Beispiel in den Analysen von Beginnlosigkeit oder Der Untenstehende auf Zehenspitzen deutlicher werden wird, entspringt der Beobachtung der Außenseite der oben genannten Differenz ein Rückbezug auf die Innenseite. Beide Seiten beeinflussen einander und bilden unter bestimmten Bedingungen eine Einheit mit einer aufrechterhaltenen Differenzmarkierung. Strauß plädiert dafür, sich der fortlaufenden Vereinfachung zu widersetzen, welche gerade nicht als Verfallen in ›grobe Züge‹ verstanden wird, sondern durch Ausblenden störender Irritationsfaktoren erreicht wird: »Stets dominiert der große Entwurf die Fakten, die Welt begreift man nur in groben Zügen, nicht in Detailansichten« (SP 143). Notwendig ist ein kontinuierliches Wechseln zwischen Weitwinkel- und Makroperspektive, um die vorgefundene Komplexität178 zu reduzieren. In diesem Wechselverhältnis entsteht »eine günstige Überlebensnische für modifizierten Kulturpessimismus und Untergangszauber. Das Enden bleibt als mythisches Depot erhalten und stimuliert sogar den nüchternen Forschungsstatistiker«179. Dass beide Perspektiven vereinbar sind, wird der nächste Abschnitt genauer beleuchten. 2.7 Weltbild-Designer, Hybridisierungen & gläserne Welten Um genauer zu erhellen, in welchem Kontext Strauß Aussagen dieser Art tätigt, hilft ein Blick auf »Der Bibliothekar in der weiblichen Hauptrolle. Rede zum Lessing Preis« (BIB). In der Preisrede aus dem Jahr 2001 wird neben der vorgenommenen Neu-Kontextualisierung Lessings die Hinwen- 178 Auch wenn Strauß den Begriffen der Systemtheorie skeptisch gegenübersteht, wie verstreute Kommentare zum Ausdruck bringen, ist es dennoch gangbar, der geäußerten Skepsis zu begegnen und das Werk mit Hilfe der Systemtheorie zu beobachten. Eine dieser Bemerkungen lautet: »Wir sprechen von den komplexen Abläufen im Hirn, im Gemüt, im endokrinologischen Bereich – zum Erfassen der intimsten Zusammenhänge haben wir einzig diese vage Sammelvokabel: Komplexität. Nichtssagender geht es kaum. Solche Wörter sind uns nur im Weg. Sie haben geradezu inhibitorische Wirkung. Sie hemmen den Geist darin, seiner Technik auf die Schliche zu kommen. Man unterschätze nicht die ›Botenstoffe‹ der Sprache. Es gibt geisthemmende und geiststimulierende Begriffe« (WTE, ähnlich lautend auch UAZ 65f.). Zur Perspektivierung dieser Aussage vergleiche LDT 168: In der Zukunft sei der Zweck des Lesens nicht mehr »Weltverarbeitung« oder »Weltersatz«, sondern geschehe in der Absicht, »die hirneigene Produktion wohltuender Botenstoffe anzuregen«. 179 Botho Strauß: »Spengler persönlich« (AUF 143). 85 dung zu Themen wie Vernetzung, Außen/Innen-Grenzen oder Metaphysik und Mystik verstärkt. Die im Essay benannten »Weltbild-Designer« entfremden sich zunehmend von den aufklärerischen Idealen der frühen Denker. Die Ursachen können – das liegt zumindest nach 250-jähriger Entwicklungsgeschichte der Funktionssysteme nahe – in der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, die sich in der Globalisierung manifestiert, liegen. Strauß bezieht sich auch darauf, dass in gewisser Weise der Rückweg zu den alten Gesellschaftsmodellen versperrt ist. Es steht nunmehr, wie er im Kontext der Rückbetrachtung auf die Aufklärung betont, die Zeit seltsam still: »Wir brauchen nur einen Blick auf die beeindruckenden Errungenschaften und noch beeindruckenderen Phantasmen der gegenwärtigen Technologien zu werfen. In Wahrheit hat eine Grundgestimmtheit des abendländischen Menschen sich aufgelöst, die Fernerwartung. An ihre Stelle ist der private und zunehmend auch kulturelle Hedonismus getreten, ja die Vertreter eines sozioökonomischen Posthistoire haben sogar eine Art von Jetzt- Eschatologie entwickelt: das ›Es-ist-erreicht‹ der liberalen Demokratie, welche nach ihrer Meinung den Endzustand der ideologischen Geschichte der Menschheit darstellt. (Jedesmal, wenn wir ›Menschheit‹ sagen, dies als Anmerkung, sprechen wir von weniger als zwanzig Prozent der Erdbevölkerung, die aufgrund glücklicher Umstände befähigt sind, sich selbst als Menschheit zu begreifen.)« (BIB 121) Der hier anklingende Rückzug ins Private treibt die Trennung voran. Indem die Geschichte an Relevanz verliert, der Detailreichtum der zur Verfügung stehenden Daten über die Welt den Zugang zur Welt erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht, verliert auch die Zeit an Bedeutung. Der Mensch lebt »[n]ach dem Verlöschen der geschichtlichen Fernerwartung [...] in einer Art Zeithybride, einer Gegenwartszukunft. In ihr wird jedes Ding zum Hype, zur Reklame an sich, zum Erlebnis des Vorausgriffs, und jede technische Neuerung muß mindestens als kopernikanische Wende ausgerufen werden, um ihren Markt zu machen.« (BIB 121) Ökonomische Interessen gewinnen an Bedeutung und Konsum und Märkte stehen laut Strauß im Mittelpunkt, nicht mehr die Menschen, doch es handelt sich bei seiner Kritik nicht um die Sehnsucht nach einer Sozialro- 86 mantik.180 Die plakative Moral lautet, dass Geld eine zentrale Motivationskategorie ist, die zugleich den Fortbestand des Individuums sichert. Die Lessing-Rede geht diese Annahme differenzierter an. Die Kernthesen des Nachgeschichtsdiskurses, wie ihn der vorherige Abschnitt anspricht, und der medialen Weltbilder nimmt Strauß zum Anlass, die Auslagerung des Bewusstseins in einen »Zerebralanhang«, »in lauter abgeteilt[e] Konventionen oder Bewusstseinsmodul[e]« (BIB 122) zu beklagen. Die bewusstseinsgesteuerte Innenwelt sieht sich ›förmlichen Diskursen‹ (vgl. BIB 122) gegenübergestellt, in denen »Erkennen nur als technisches Modell« (BIB 122) stattfindet. In Strauß’ Beschreibung lässt sich indirekt auch ein Zusammenfall mit Bolz’ und Qvortrups Hyperkomplexitätsbegriffen wahrnehmen.181 180 Die Tendenz zur Ökonomisierung greift Strauß schon 1977 in der Erzählung Die Widmung auf, in der die Figur Richard Schroubek einsam in seiner Wohnung verkümmert und verwahrlost; erst als das Geld langsam verbraucht ist, rafft er sich wieder auf und tritt erneut in die Gesellschaft ein. Auf ähnliche Weise vermittelt die Figur Susanne in Trilogie des Wiedersehens das Gespür für die eigentliche Tragik und Größe des Daseins, das vom Materialismus abgelöst ist. Strauß kritisiert an zahlreichen Stellen den vorherrschenden Ökonomismus, nicht zuletzt in der Eingangssequenz vom »Bocksgesang«. Auch in den literarischen Texten klingt hie und da an, dass die größte Katastrophe, die sich ereignen kann, darin besteht, kein Geld zu besitzen oder wie Zacharias Werner (Protagonist in Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia) Menschen in der Geldbeschaffung gegen einander auszuspielen. Besitzstandswahrung führt dann zu so eigenartigen Handlungen wie einbetonierten Gartenmöbeln in der Sylt-Szene von Groß und klein (vgl. GUK 473). 181 Ausgehend von der Informationsgesellschaft entwickelt Qvortrup seine Argumentation, die in einer Merkmalsbeschreibung der hyperkomplexen Gesellschaft mündet. Die positiven Merkmale der Informationsgesellschaft sind laut Qvortrups Forschungsüberblick unter anderem ›ein wachsender Individualismus und Steigerung der Meinungs- und Gedankenfreiheit, die Entstehung eines globalen Bewusstseins und einer globalen Wirtschaft, die Harmonisierung von Ökonomie und Technologie, die Wahlmöglichkeiten sind nun unbegrenzt und eine Expansion der Informationsströme‹. Ihnen stehen einige negative Merkmale oder Nachteile gegenüber, hierunter ›die vorherrschende Absurdität und Unvernunft einer im Blindflug navigierenden Gesellschaft, die Menschlichkeit und Moralvorstellungen werden untergraben, der Kontakt zur wirklichen Welt wird undeutlich und der kritische Diskurs wird eingeschränkt, eine Reduzierung der Lesefähigkeit und Kreativität inklusive einer (ver)schwindenden Buchkultur ist auszumachen, in der Folge reduzieren sich Aufnahmevermögen und sprachliche Variationsvielfalt, die sozialen Gemeinschaften werden angegriffen und letztlich erreicht das Ich einen Sättigungspunkt‹ (Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 20f.). Qvortrup kommentiert und interpretiert den Technikdeterminismus hinter dieser 87 Die Selbstbeobachtung auf mehreren Ebenen und mit verschiedenen Ausgangspositionen führt einerseits zu der schon genannten Auslagerung, andererseits auch zu einer globalisierenden Auflösung in das »Netz der Netze« hinein. Strauß schreibt: »Alles ist nach draußen geschafft. [...] Er denkt und forscht nun, wie er denkt. Bald ist er damit fertig, sein Innerstes nach draußen zu tragen, und eines Tages liegt es vor ihm, das graue Hirn, das Netz der Netze, und fast beziehungslos zu seinem Leben. In diesem nahen und kalten Draußensein wird er nichts mehr davon spüren, keinen Schmerz, keine Furcht, gar nichts Erlebbares mehr. Wir müßten auf eine unbekannte Sprache stoßen, die erst wieder uns eröffnet.« (BIB 122) Strauß führt aus, dass das Bewusstsein (›das Innerste‹) seine Schutzhülle und Autonomie verliert, wenn die Grenze zwischen Innenwelt und Au- ßenwelt übertreten wird. Gefühlskälte und Selbstentfremdung prägen das Außen und trotz der reflexiven Selbstbeobachtung (beobachten wie) ist der Wiedereintritt in die eigene Innensphäre nahezu unmöglich. Zudem ist die aus Netzknoten bestehende Außenwelt globalisiert, weil sich ihre klaren Verhältnisse in eben diese Netzstruktur zerfasert haben. Sie ist, wie Strauß feststellt, zu einer »Bastelwelt der Neuro- und der Info-, der Bio- und der Pharma-Technik« (BIB 122f.) verkommen, in die das Individuum hineingesogen wird. Strauß knüpft hier auch an jenen hybriden und entfähigten Technikhomunkulus an, den er zwei Jahre zuvor in »Zeit ohne Vorboten« beschrieb: »Halb Chip, halb Tiefe, bleibt ihnen kein Zwischenraum, zu ›reflektieren‹« (ZOV 95, vgl. LDT 124). Wie schon in den Texten über Spengler und Borchardt finden sich hier nahezu identische Schlüsse. Die Gesellschaft entwickelt sich fort und sowohl Individuen als auch die Gesellschaft an sich verlieren dabei den Kontakt zu den Fundamenten: »Die klugen Utopien großer Menschenfreunde« verlieren zusehends »gegen die Auflistung zugleich als richtig und als falsch, bestätigt den Gegnern eine größere Fantasie als den Befürwortern und konkludiert, dass die Begriffe und Vorstellungen, die man sich von der Informationsgesellschaft macht, die ›tickende Komplexitätsbombe‹ (ebd. S. 21) berücksichtigen müssen. Die Informationsgesellschaft ist die hyperkomplexe Gesellschaft, weil es zu viel Information und zu viele Verbindungen gibt. Die schiere Menge der Schnittpunkte kann nicht mehr von nur einem Punkt aus beobachtet werden, sondern verlangt multiple Beobachtungspunkte, daher auch die anhängige Benennung als ›polyzentrisches Zeitalter‹. (ebd. S. 30). 88 dunkle Anziehungskraft einer von ihrem alten Schützling evakuierten Erde« (BIB 123). Diese Inhaltslinie lässt sich auch zur Büchner-Preis-Rede »Die Erde – ein Kopf« (ERD) aus 1989 zurückführen. Hervorhebenswert ist insbesondere, dass Strauß über einen Zeitraum von 20 Jahren, vom Spengler-Text 1987 bis zur Lessing-Rede 2007, diese Linie thematisch intensiviert und verzweigt. In »Die Erde – ein Kopf« bedient sich Strauß der Spiegelung und Neu-Kontextualisierung, sodass Georg Büchners Relevanz für das Gegenwartsverstehen deutlich wird, vor allem für das Verstehen der an Geschwindigkeit und Gewicht zunehmenden Globalisierung. Die Differenz zwischen Innen und Außen benennt Strauß als »Leonce-Prinzip« (ERD 25) und meint damit »vertieftes Leer-Empfinden bei allgemein erhöhter Irrealität« (ERD 25), das aus der Gegenüberstellung von der Welt als »weitläufige[m] Gebäude« (ERD 25) beziehungsweise als einem »enge[n] Spiegelzimmer« (ERD 25) entsteht. Neben dem Kranken an der Globalität ist die Unsicherheit über den Gegenstand festzustellen. Die Wahrnehmungsposition fasst Strauß folgerichtig mit wenigen Fragen zusammen und führt von diesen ausgehend die Reflexionen fort: »Was ist Glashaus, was ist Welt? Was innen, was außen? Was Automat und was Organ? Nicht mehr zu unterscheiden. Wir fühlen unseren Kopf Globus werden und gehen auf einer Erde, die sich anschickt, ein einziger Kopf zu werden. Die verschaltete Welt ist das komplette artificium, die künstliche Kunst nur ihr oberster Verdichtungsgrad. Das hermetische Lustspiel ist kein satirisches Gleichnis mehr, sondern inzwischen ein Gestaltteil, Modul einer radikal erfundenen Wirklichkeit. Wir haben im Höchstkünstlichen noch einmal die ganze Welt. Kein Einlaß, kein Auslaß: nach Schließung des Kunstwerks.« (ERD 25f.) Strauß beschreibt hier mehrere Aspekte, die für das Verständnis der Globalisierungskonzeption von immenser Signifikanz sind. Zum einen fallen unmittelbar die verstörenden Gegenüberstellungen auf. Die Differenz innen/außen ist naheliegend, Automat/Organ stellt Artifizielles gegen Natürliches und ist verständlich, während das Begriffspaar Glashaus/Welt durchaus problematisch zu nennen ist, weil sich bildlich verstanden das Glashaus optisch nur wenig von Welt abhebt und sich bereits aus mittlerer Entfernung nicht mehr von der Umwelt trennen lässt. Dies erklärt auch den doppelten Auflösungsprozess von Kopf in Welt in Kopf. Strauß erzeugt so eine Vorstellung eines flüssigen Übergangs, in dem eben noch Getrenntes nun indifferent wird und zu ineinanderfließenden Sphären 89 wird. Arend nähert sich – wieder unter dem Schlaglicht des Mythischen – dem Titel des Essays an und formuliert dazu: »Die Hypothese, dass die Erde ein Kopf sei, lässt sich wohl so verstehen, dass die vernunftgeleitete technische Wirklichkeit nur noch empfunden wird als Irrealität, die Wirklichkeit wird bloßer Schein«182. Dirk M. Becker widmet sich ebenfalls der Indifferenz von Sein und Wirklichkeit in der Rede und führt sie auf den technischen Fortschritt, der die Verhältnisse neu strukturiert, zurück: »Hatte Leonces Handschuh in der Vergangenheit noch als Metapher dienen können, um zu verdeutlichen, wie das Netzwerk Mensch sein Inneres nach außen stülpt, herrscht jetzt im Zeitalter des Data-Glove die totale Indifferenz von Mensch und Technik. Data-Glove ist ›die künstliche Hand, ausgestattet mit den empfindlichsten Sensoren, die lesende Haut‹. Die Metapher, welche einst der Unterscheidung zwischen der Welt und dem Ich, dem Betrachteten und dem Betrachter, dem Innen und dem Außen diente, verliert heute in ihrer begrifflichen Umsetzung das distale Objekt, ebenso wie dessen Subjekt einer fragwürdig gewordenen Wirklichkeit. [...] Und so stellt sich für Strauß die Frage, welche Konsequenz dies für den Menschen hätte, wenn tatsächlich eine Unschärfe bestünde zwischen dem, was aus dem Kopf und dem, was aus der Welt kommt? Welche Konsequenzen hätte dies für die Realität des Menschen und für die Materialität einer Welt, in der er sich selbst befindet, wenn es darum geht, diese zu begreifen, eine Realität zu erfassen, die sich selbst stets erst im Erkenntnisakt orientiert?«183 Laut Strauß ist die Welt eben nur Ergebnis einer Wahrnehmungsform und er baut diesen Gedanken kurz darauf in Beginnlosigkeit sehr umfangreich und radikal aus und strukturiert seinen Text um die Frage nach der Wahrnehmung und der Tatsächlichkeit der Welt. Aufgrund der kurzen Zeitspanne ist ein gegenseitiger Beeinflussungsprozess von Rede und Beginnlosigkeit naheliegend. Ferner referiert die von Strauß in »Die Erde – ein Kopf« angelegte Perspektive neben der Neubetrachtung Büchners auch auf die Exklusion, wodurch über die thematisch-metaphorische Titelspielerei eine sehr konkrete Perspektive auf die Globalisierung ersichtlich wird. 182 Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 179. 183 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. Die Auflösung von Wort und Objekt. S. 101. 90 2.8 Das Anwesenheitsparadox: Exklusion aus den Sphären bei gleichzeitiger Vernetzung Die politisch-gesellschaftliche Ausdifferenzierung schreitet voran (zum Beispiel ist, was früher der Hofstaat war, nun Gesellschaft) und mündet in einer materiellen und technischen Dystopie, an deren Endpunkt »nach der bürgerlichen Demokratie« (ERD 27) eine kommunikative Exklusion der Masse aus der Gesellschaft droht. Hierzu heißt es dialektisch: »Bunte Welt der Demokratie, wahrer Materialismus, Blütezeit der Dinge. Harte Rhythmen, schnelle Schnitte. Daneben Todesängste wie vordem, Unheils-Witterung, Degouts und überdüngte Träume, Gelüsteschwund, auch Überdruß und Langeweile sind gründlich demokratisiert. [...] Spraysprüche auf restauriertem Jugendstil: ›Science = Death‹, ›Isolationshaft ist Folter‹. Verstehen wir es richtig herum: Isolationen sind die Zellbausteine des Gemeinwesens. Aus Isolationen erhält es sich rätselhaft. Millionen Eingeschlossene lassen sich eine Welt der Kommunikation vorspielen.« (ERD 26) Die individuelle Grenze zur Gesellschaft aufrechterhalten und mit der Au- ßenwelt kommunizieren zu können, ist nur eine Illusion. Die Isolation auf Zellniveau sichert das Überleben des Organismus, die Psyche hingegen benötigt Vermischung und Input, um überleben zu können, da sie ansonsten nicht viel mehr als »ein überfülltes Bewußtsein, allein in der Kälte der Sphären« (ERD 28) wäre. Diese Forderung, der Illusion entkommen zu können, deckt sich insofern auch mit der eingangs beschriebenen Zusammenführung von Ästhetik und Politik, die Strauß in den Theaterrezensionen vertritt. Der Verweis auf die künstlerische Praxis ist daher nur folgerichtig für seine Argumentation. Um der kritisierten Globalität, welche den Zustand des absoluten Glashauses, der »verschaltete[n] Welt« (ERD 25), der weit vorangeschrittenen Globalisierung meint, dennoch einen Sinn verleihen zu können, muss der Dichter Widerstand leisten (vgl. ERD 28). Er »hat das letzte Wort« (NA 151) und muss seinen Standpunkt in der Welt und seine Sichtweise über diese mit Nachdruck vertreten. Kurz vor der Jahrtausendwende werden die Verweise auf Globalisierungsprozesse konkreter, wenn Strauß den Wandel der Gegenwart diskutiert und reflektiert. Die »Terrapolis« (ERD 28), wie Strauß den Globalitätszustand an dieser Stelle noch nennt, ist nichts anderes als die Weltgesellschaft. Als wörtlich genommene ›Erd-Stadt‹ umspannt sie den Globus. Vilém Flussers Vor- 91 schlag, man solle ein derartiges Konzept von Stadt »topologisch statt geographisch denken lernen« und sie nicht mehr »als einen geographischen Ort, sondern als Krümmung in einem Feld ansehen«184, öffnet Strauß’ Formulierung für eine Interpretation. Die Terrapolis als Metapher der Weltgesellschaft kann, wenn überhaupt, nur vom Rande aus erfasst werden; doch wo ist der Rand einer Kugel? Peter Sloterdijk geht ebenfalls der topographischen Dimension nach und betont, dass »die dritte Welle der Globalisierung [...] den realen Globus enträumlicht und an die Stelle der gewölbten Erdkugel einen nahezu ausdehnungslosen Punkt setzt beziehungsweise ein Netzwerk aus Schnittpunkten und Linien, die nichts anderes bedeuten als Verknüpfungen zwischen beliebig weit auseinanderliegenden Rechnern. Wenn die zweite Welle bei geringen und mittleren Geschwindigkeiten die immense Ausdehnung des Planeten in die menschliche Anschauung gehoben hatte, so bringt die dritte das Weitegefühl der Neuzeit bei hohen Geschwindigkeiten wieder zum Verschwinden. Hierauf antwortet heute ein diffuses Unbehagen an der überkommunikativen Verfaßtheit des Weltsystems – ein berechtigtes Empfinden, wie wir meinen, denn was man heute als die Wohltaten der Telekommunikation feiert, erleben Unzählige als eine suspekte Errungenschaft, mit deren Hilfe wir uns jetzt auch aus der Ferne gegenseitig so unglücklich machen können, wie dies früher direkten Nachbarn vorbehalten war. Wo die Würde der Abstände negiert wird, schrumpft die Erde mitsamt ihren lokalen Ekstasen auf ein Beinahe-Nichts zusammen, bis von ihrer königlichen Ausgedehntheit nicht mehr als ein abgegriffenes Logo übrigbleibt.«185 Sloterdijk deutet die Globalisierung an dieser Stelle als Verdichtung und Enträumlichung. Strauß’ »Terrapolis« entspricht einer solchen und in der Zusammenführung der Positionen Flussers und Sloterdijks mit denen von Botho Strauß eröffnet sich eine Sichtweise, die es Strauß erlaubt, dank zwischengeschalteter Netzpunkte, schlicht: Koordinaten und Zeitstempel, verschiedene Funktionen zu besetzen – zweitrangig ist, ob dieser wie Lessing, Büchner, Spengler, Borchardt oder Strauß selbst im Spektrum eines sachten Provokateurs bis zum schmerzhaften Stachel im Fleisch der Gesellschaft agiert. Der Dichter ist ein Störer der Kommunikation, der Irritation anstrebt. Ein ›Gegen-Aufklärer‹ (Wiesberg), der versucht, sich sprachlich dem Unsagbaren doch irgendwie anzunähern. Es geht, wie das folgende 184 Vilém Flusser: »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut«. S. 175. 185 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 92 Zitat vermitteln soll, um das Finden eines soliden und dezentralen Standpunktes, von dem aus verlässliche Beobachtungen und Beschreibungen ohne direkte Anbindung an die Gesellschaft möglich sind: »Am Rand der einzigen allgewaltigen Terrapolis bietet er den verborgenen Auslaß für solche, die tiefer in die Zeiten wollen; aus der Stadt gelangt man nur durch ihn. Inmitten der Kommunikation bleibt er allein zuständig für das Unvermittelte, den Einschlag, den unterbrochenen Kontakt, die Dunkelphase, die Pause. Die Fremdheit. Gegen das grenzenlos Sagbare setzt er die poetische Limitation. Auch ist ihm wie vormals dem ruhlosen Lenz die Welt ein Grund zur Flucht; ein Grund, niemand zu sein oder sehr viele. Seine Stellung, sein Ort vor der Allgemeinheit: unbekannt. Er fände kaum mehr Spuren einer solchen Kultur, in der er zu irgendeiner Repräsentation befähigt oder berufen wäre. Er sieht sich weder in eine Aufbruchs- noch in eine Untergangsgesellschaft versetzt, sondern zwischen die Konstruktionen des Unaufhörlichen und des Vorübergehenden an sich. Dort trifft er nicht mehr Bürger an, sondern eine seltsame Spezies von Bürgerähnlichen, einen klassenlosen Mischtyp aus historisch reißfestem Synthetikmaterial. Was diese Population zusammenhält, ist im wesentlichen ihre kritische Öffentlichkeit, eine komplizierte Gemengelage von versprengten Interessen, Aufsichten, Gereiztheiten, Gesinnungs- und Sorgestimuli. Hier überlebt das Wort Kultur nur noch in kurioser Bedeutung, als Emphasezusatz im öffentlichen Jargon: ›Die verkehrspolitische Kultur unseres Landes droht im Streit um das Tempolimit Schaden zu nehmen.‹ Zweifellos wird man demnächst auch die Poesie heckenbildender Maßnahmen an gemeindeeigenen Parkräumen einfloskeln, damit auch dieses schöne Wort endlich Bürgernähe erlangt. Der bittere Verdacht kommt auf: der Dichter habe letztlich nichts, aber auch gar nichts mit seinem Volk, mit den glasigen Millionen, die sich fortwährend selbst durchleuchten, zu tun. Ja, sie sind ihm die wahrhaft Fremden. Die Unberührbaren, in ihrer Wohlgelauntheit, in ihrer künstlichen Helle und in ihren stickigen Ressentiments, in ihrem Bordell der ewig schiefgehenden Lüste.« (ERD 28f.) Die längere Passage verdeutlicht erneut die Exklusionsbestrebungen des Autors Strauß, der sich und den Typus des Dichters als Gegenbildner der Gesellschaft darstellt, der »die Kommunikation aufkündig[t]« wie beispielsweise der »Dandy«, »Mönch«, »Radikal-Subversiv[e]«, der Typus des »esoterischen Formalisten«, kurz: der »Anti Künstler« (FDK 79). Die »glasigen Millionen« dienen Strauß als Opposition zur eigenen Position 93 und ›glasig‹ kann eben auch als ›grenzenlos‹ beziehungsweise ›aufgelöst‹ verstanden werden. Kurz nach den Rückverweisen auf die modernen Literaten in Die Fehler des Kopisten (1997) liefert Strauß ein Zwischenfazit über den exkludierten wie anschlusserschwerten Literaten: »Am Ende des 20. Jahrhunderts ist der Typus des Unpassenden, des Widersachers, des Wahnbesessenen aus der deutschen Literatur verschwunden. In der vollkommen ironischen oder der virtuellen Welt kann durch Spiel und Anpassung der Geist ein höheres Risiko der Entfaltung wie der Verödung eingehen als durch irgendeine Form des Widerstands. In den Krisen dieser Zweiten Welt entscheidet allein der Anpassungserfolg und nicht der Leidensschatz des Subjekts. Der passable Künstler mag sich noch so ungebärdig geben, er zerbricht nicht mehr an seiner Zeit, sondern allenfalls an Drogen. Vielleicht auch, weil er von ihr gleichermaßen begünstigt wie deklassiert wird.« (ZOV 101) Es begegnen einem Anklänge zweier Inhaltslinien oder Motive aus Strauß’ Autorschaft – das Aufkommen des Idioten und die sekundäre Welt. Das erstgenannte Motiv wird im letzten Kapitel dieser Studie ausführlicher behandelt und der nachfolgende Unterabschnitt widmet sich näher der sekundären Welt. Die trennscharfe Linie zur Gesellschaft zieht der Autor Strauß auch in anderen Texten, zum Beispiel jüngst in den Essays »Der letzte Deutsche« (2015) und »Die Reform der Intelligenz« (2017), die sich in ihrer Referenzstruktur – das kulturelle Erbe ist die Literatur – kommunikativ an »Die Erde – ein Kopf« sowie die zuvor besprochenen Dichter- Essays anlehnen. Sie können unter Erzeugung einer Inhaltslinie auch in direktem Anschluss an »Anschwellender Bocksgesang« und »Der Plurimi- Faktor. Anmerkungen zum Außenseiter« beziehungsweise Lichter des Toren (2013) gelesen werden. Die Verortung zwischen entgegengesetzten Gesellschaftsentwürfen erschafft eine binäre Sphäre des Dazwischen, aus der heraus der Dichter gleichzeitig einen Ausblick auf die zeitlich beständige wie unbeständige Gesellschaft hat, er kann sich so für die eine oder die andere Sichtweise entscheiden. Der Dichter greift auf, was ihm relevant erscheint und verarbeitet es anhand entsprechend gewählter Leitdifferenzen, zum Beispiel Vergänglichkeit/Beständigkeit oder der Betrachtungsperspektive eines popkulturellen high/low, ohne dabei die Bewusstseinsprozesse im Inneren auszublenden. Diese Selbstreferenz oder auch, wie Strauß schreibt, Selbstbezüglichkeit ist nur auf den ersten Blick eine Gefährdung für die Literatur, weil sie dazu beiträgt, ein Komplexitätsgleich- 94 gewicht zwischen Innen- und Außenwelt zu erlangen und so die Innenwelt gegen ein Eindringen der Umwelt zu stärken und sie zu dieser zu positionieren, was Strauß eingehend reflektiert: »Ist es aber wirklich eine Gefahr? Nur was auf sich selbst bezogen ist, lehrt heute eine kybernetische Biologie, kann seine komplexe Umwelt meistern. Warum soll nicht, was für das Leben gilt, auch der Literatur und ihrem Fortbestehen von Nutzen sein: eine solche Autonomie, bei der jeder Schaffensakt Überlieferung, jede Progression Rückbindung wäre? Der Autor reagiert weniger auf eine Welt als vielmehr auf sein eignes Weltverständnis; und dies ist vor allem aus Literatur entstanden. Er ist zuerst und zuletzt ein marginales Vorkommnis eines längst gefüllten Buchs. Sein Werk begleitet randabwärts eine Weile jene immerwährende Schrift, aus der er hervorging und in die er wieder einmünden wird.« (ERD 29f.) Der Rückgriff auf frühere Literatur ist in der von Strauß angelegten Verstehensweise sowohl Fremd- als auch Selbstreferenz, jedoch mit der Modifizierung, dass das Bewusstsein des Autors (das heißt das eigene Weltverständnis) noch vor der Welt angeordnet ist und eine Art zweite Beobachtungsebene zwischen Autor und Welt offenbart. Die räumliche Darstellung ist genau wie der angesprochene ewige Text186 (systemtheoretisch betrachtet: Kommunikation im Literatursystem) metaphorisch zu verstehen. Der vorgenommene Bezug auf die biologische Kybernetik fließt, ähnlich wie auch die schon genannte Weltwahrnehmungsform, als elementarer Theorieaspekt in Beginnlosigkeit ein. Bleibt deutend festzuhalten, dass Literatur ein Beobachtungsmodus ist, mit dem die Gesellschaft beschrieben werden kann, und der ebenso das übergeordnete Weltverständnis bestimmt, obwohl es zwischen Literatur und Gesellschaft nur wenige direkte Berührungspunkte gibt, wie Strauß betont. Die indirekte Unvereinbarkeit ist auf die strukturellen Unterschiede ihrer Leitdifferenzen zurückzuführen; konkreter formuliert: Literarische Publikationen wie beispielsweise die Poesie erschweren aufgrund ihrer Hermetik die Anschlussfähigkeit und ihr Leis- 186 George Steiner, auf den später in diesem Kapitel noch eingegangen wird, schreibt: »Kommentierung kommt niemals zu einem Ende. In den Welten des interpretatorischen und kritischen Diskurses zeugt, wie wir gesehen haben, ein Buch das andere, bringt ein Essay den anderen hervor, setzt ein Artikel den anderen in die Welt. Die Mechanik der Unaufhörlichkeit ist die der Schwärme der Wanderheuschrecke. Monographie zehrt von Monographie, Vision von Revision« (George Steiner: Von realer Gegenwart: Hat unser Sprechen Inhalt?. S. 60). 95 tungspotential für die Gesellschaft. Ein derartiges Dilemma lässt sich nur über die Einführung situationsspezifischer Codes lösen. Irritation nach außen und Komplexitätssteigerung sowie Aufrüstung nach innen sind die Funktionen der Literatur, weshalb auch »[d]ie Unübersetzbarkeit eines poetischen Textes in die Welt der Kommunikation [...] bereits zu dessen Voraussetzung geworden« (ERD 30) ist. Ein Rückblick auf die Literatur Büchners widmet sich der literaturbezogenen Gefühlslage und schildert eine Gesellschaft, die damals wie heute weitreichende Veränderungsprozesse durchlebt. Gefühle als (non-verbale) Ausdrucksformen der eigenen Positionierung zur Gesellschaft sind aus diesem Grund mehrfachkodiert; Strauß hinterfragt ihre Funktion und ihren Verbleib in Situationen, in denen die Veränderungen gefühlsdämpfend auf Individuen einwirken: »Wo ist der Zorn? Was ist aus ihm geworden? Abgründige Melancholie. Was ist geworden aus der Idee des großen Formenzusammenhangs? Furchtbare Zerrissenheit und Isolationen. Was seinen Grund hatte, verliert ihn im Werk« (ERD 31). Die Fragmentierung durch Außeneinwirkung führt zu einem sezierenden Innenblick, der die Veränderungen herauszuarbeiten versucht. Der Formenzusammenhang, das heißt das Bild eines großen Zusammenhanges, stellt sich als irrelevant oder überlebt heraus und verkommt zur Illusion, wie Strauß anhand einer Schilderung der Übergänge aufzeigt: »[A]m Anfang steht die Autopsie, am Anfang der verhängnisvollen Suche nach dem Inneren und Allerinnersten. Sie führt über die Schädelnerven der Barben und die Bewußtseinsklüfte des Lenz geradewegs bis in die Moderne, bis in das Bennsche Gehirnleben, und von dort weiter bis zu den heutigen, neuesten Begriffen von der neuronalen Maschine ›Mensch‹, vom Netzwerk ›Mensch‹, das sein Inneres nach außen stülpt. [...] Irrealität gehört zum Gewöhnlichsten unserer nüchternen, technisch-ästhetischen Alltagserfahrung. Der Wunsch, auf dem Kopf zu gehen, um sich selbst und das Äu- ßere ins Lot zu bringen, ist nicht mehr symbolkräftig genug, wo beide zu einer einzigen untrennbaren Gewebefläche verwachsen sind; und wo zwischen Wille und Welle, als den Systemen des Ich und der Physik, eine Unschärfe besteht und sich nicht sicher sagen läßt, was aus dem eigenen und was aus dem Welt-Schädel kommt.« (ERD 31f.) Strauß’ Kopfmetaphorik schildert so auch die Wahrnehmungsunschärfe zwischen dem eigenen und dem »Welt-Schädel«, welche sich demnach auch mit der Unschärfe einer von beiden Seiten angegriffenen Systemgrenze deckt. Die Eingangsfrage, was Welt, was Glashaus sei, mündet an dieser 96 Stelle in einer scheinbaren Ununterscheidbarkeit. Strauß formuliert aus diesem Grund seine Gedanken entlang einer geistesgeschichtlichen Entwicklungslinie, an dessen Ende (oder besser: derzeitigem Netzpunkt) die Menschen und der Mainstream, die in diesem Glashaus hausen, durchlässig und – wie oben anklang – gläsern sind. Ohne Subjektkern sind sie entgrenzt und sie kennen den Rückzugsort der Literatur nicht. Trotz der permanenten Anbindung an das soziale Datennetz, wie Strauß sie auch in Lichter des Toren thematisiert, ist der Mensch in vielen Fällen nicht mehr zur authentischen Kommunikation fähig.187 Doch verhält es sich wirklich so, wie Strauß zu vermitteln versucht? Welcher Teil der Wahrnehmung ist globalisiert und geht in der Welt auf? Betrifft dies nur die Außenseite oder auch die Innenseite der Unterscheidung Subjekt/Welt? 2.9 Die Welt als Systemganzes. Oder: Untergangsszenarien? Inwieweit in den von Strauß geschilderten Ereignissen eine Eskalation der Globalisierung und der Globalitätserfahrung liegt, lässt sich am ehesten über eine Betrachtung dieser Inhaltslinie, die Strauß im Essay »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« (1990) fortführt, vornehmen. Dieser Text bildet das Nachwort zur deutschsprachigen Übersetzung von George Steiners Studie Real Presences, die 1990 unter dem Titel Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? in deutscher Übersetzung erschien. Eine Passage aus dieser nimmt die Gedanken des Nachwortes vorweg und lässt sich zugleich als Anschluss an den Kunst/Welt-Diskurs verstehen. Steiner schreibt zu diesem Verhältnis: »Sei es realistisch, phantastisch, utopisch oder satirisch, das Gebilde des Künstlers ist eine Gegenaussage zur Welt. In ästhetischen Mitteln verkörpern sich konzentrierte, selektive Interaktionen zwischen den Beschrän- 187 Insofern hat Strauß seine Ansichten bezüglich der Kommunikationsunfähigkeit des Gegenwartsmenschen seit den ersten Dramen nicht stark variieren müssen. Dies bestärkt aber auch die Aussage, dass das Thema Kommunikation bei Strauß einen hohen Stellenwert besitzt. Kommunikation ist, und hier kommt erneut eine systemtheoretische Definition zum Tragen, erst dann effektiv, wenn sie eine Verhaltensveränderung beim Angesprochenen bewirkt. Dies trifft bei Strauß’ Figuren in den seltensten Fällen zu, wodurch die Kommunikationsunfähigkeit auch auf einer Ebene jenseits der bewusst floskelhaften Sprache deutlich wird. 97 kungen des Beobachteten und den grenzenlosen Möglichkeiten des Vorgestellten. Eine solche durchgestaltete Intensität von Sicht und spekulativer Anordnung ist immer eine Kritik. Sie spricht davon, daß die Dinge anders sein könnten (gewesen sind, sein werden).«188 Laut Steiner positioniert sich der Künstler antipodisch und ästhetischerhaben zur Umwelt. Und er steht, wie eine weitere These Steiners proklamiert, in Konkurrenz zur journalistisch-medialen Weltspiegelung. Strauß sieht bei Steiner eine Kritik der Medien und ihren Bemühungen, die Gesellschaft durch ihr Programm umzuformen. Aus Strauß’ Perspektive nicht zum Besseren. Bevor er zur Synthese seiner und der Steiner’schen Medienkritik kommt, widmet er sich den zeitaktuellen politischen Geschehnissen, die er auch als mediale Entwicklung bewertet, die zwischen Vorhersehbarkeit und Plötzlichkeit hin- und hergerissen ist. »Das Unvorhersehbare«, wie Strauß artikuliert, »zerschnitt das scheinbar undurchdringliche Geflecht von Programmen und Prognosen, Gewöhnungen und Folgerichtigkeiten« (ASW 39) und er benennt es »das Unerwartete« (ASW 41). Gemeint sind Mauerfall und Wiedervereinigung, in deren unberechenbarem Fahrwasser der Text entstand und welche das »›Systemganze‹, in diesem Fall: die Welt« (ASW 39) unerwartet veränderten, als eine bis dahin unüberwindlich erscheinende Grenze zwischen zwei Gesellschaftsformen fiel. »Das Unvorhersehbare« steht nun sowohl für die notwendige Komplexitätssteigerung auf der östlichen Seite des in Beton und Stacheldraht manifestierten Differenzmarkers als auch für die Entstehung einer »nötige[n] Ersatzspannung« (ASW 40) auf der kurzfristig in die Orientierungslosigkeit versetzten Westseite, welche sich alternativ mit dem Terminus Hyperkomplexität benennen ließe. Strauß’ Anschlusskommentar thematisiert die politischen Ereignisse, während Steiners Essay Transzendenz und Immanenz in einem dialektisch fließenden Gedankenstrom positioniert. Steiner operiert dabei, wenn auch expliziter aus monotheistisch-religiöser Warte, mit den Begriffen ›innen‹, ›Denken‹, ›Empfindung‹ und ›Außenwelt‹, ›außen‹ und dergleichen und kontrastiert diese mit dem Verhältnis zwischen (Gottes) Wort und Welt. Ähnlich geht auch Strauß vor. Dass dieser sich Steiners Thesen zirkulär annähert, erschwert zu Beginn die Rezeption, bis die Gedankenbahnen der gespiegelten Revolution erkennbar sind. Strauß als Verfasser des Nachwortes zu gewinnen, kann aufgrund der Verlags- und Gedankenverwandtschaft als publizistisch kluge Entscheidung bewertet werden. Doch welche Aspekte betont Strauß in seinem Nachwort, wenn die Globa- 188 Georg Steiner: Von realer Gegenwart. S. 24. 98 lisierung als Filterfolie eingezogen wird? Wie verändert sich die Wahrnehmung des Essays, wenn die Weltbezüge in den Vordergrund rücken? Die Nähe des poetologischen Verfahrens zu den bisher besprochenen Texten ist auffallend. Strauß mäandert zwischen Verweisen auf Vordenker und Gegenwart und befindet sich dabei stets auf der Suche nach der von Steiner als Hauptthese vorangestellten »Erfahrung von Sinn« (ASW 41), die sich zum Beispiel in der Arbeit eines von Steiner besprochenen Ikonenmalers zeigt, der mit der Ikone »die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt« (ASW 43) erschafft. Die Beschäftigung mit Kunst dient in diesem Wahrnehmungsmodus dem Verstehen durch Partizipation, das heißt »sich einzuverleiben (statt bloß zu konsumieren), was geschrieben steht« (ASW 45). Der reine Konsum hingegen wird durch Medien erzwungen. Steiner sieht im Journalismus einen kulturellen Wert, der sich in seiner Ausrichtung fortlaufend an der Gesellschaft entlang ausdifferenziert – und doch nutzt Strauß Steiners Urteil als erneuten Anlass einer Schelte gegen oberflächliche Medien, indem er unterstreicht, dass die Sprache der Medien oberflächlich wirkt, Scheinhaftes aufdeckt und dadurch zum Entfremdungsgefühl des Medienkonsumenten beiträgt.189 Das auch, weil die Medien, wie es an anderer Stelle heißt, ähnlich jener »Künste, die vom Müll der Welt erzählen«, diesen »vermehren« (ZOV 100): »Der uns beherrschende Text, die tagtägliche Zeitung, entlarvt indessen überall das scheinhafte Wort, er macht das Gewebe der Welt fadenscheinig. Nichts anderes ist freilich ihre Aufgabe, und man brauchte kein Wort dar- über zu verlieren, wären die Dienstleistungen des Durchschauens und des Mißtrauens nicht beinahe das alleingültige, konkurrenzlose Angebot, das heute allem öffentlichen und privaten Verstehen der Welt aufgenötigt wird, in und vermittels der Sprache.« (ASW 45) Fast unhörbar klingt die in »Die Erde – ein Kopf« eingeforderte Authentizität des literarischen Textes an dieser Stelle erneut an (vgl. ERD 32-35). Und selbstverständlich könnte Strauß in seinem Kommentar die alles, was nicht Neuigkeit ist, verneinende Aktualitätsbestrebung beziehungsweise formbedingte Oberflächlichkeit der Medien hervorheben, doch das ist 189 Vgl. hierzu auch Jochen Hörischs Kurzbesprechung von Steiners Text, die auch das Nachwort einbezieht, in der er die antimodernen Bestrebungen Steiners zu dem vorherrschenden Klima der Vielgeschwätzigkeit positioniert und den publizistischen Trugschluss der Publikation gegen das Zuviel an Sprache freilegt (Jochen Hörisch: Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes, hier S. 272-275). 99 nicht seine Intention. Angesichts der generellen ›Auslegungsbedürftigkeit‹ (vgl. ASW 45) von Texten ist eine Verarbeitung innerhalb der Medien nur eine von vielfach möglichen Annäherungsarten an Texte. Als Gegenpol sieht Strauß die wissenschaftliche Beschäftigung trotz des kritisch beargwöhnten Zwangs zum Kommentar (vgl. ASW 46). Strauß vermengt, ohne es explizit zu formulieren, Literaturwissenschaft und angewandte Poetik und positioniert somit auch sich selbst zu (aber nicht gegen!) Steiners Text. Dass das Nachwort auch als selbständiger Essay publiziert wurde, ermöglicht es, ihn als Kommentar zu Von realer Gegenwart und als eigenständige These zur Veränderung der Welt zu lesen. Das Verständnis beeinflusst diese Doppelung dahingehend, dass die letztgenannte Lesart einen weiteren Abstraktionsschritt bedingt, weil unterschiedliche Beobachtungen synthetisiert werden. Entscheidend für beide Lesarten ist jedoch auch, dass der (poetische) Text vor einer Interpretation geschützt wird, indem eine Grenze zwischen Text und Leser erzeugt wird, die ein sofortiges Eindringen in den Text verhindert. Hierin liegt zugleich eine Parallele zu der von Handke eingeforderten Arbeitsleistung des Rezipienten. Strauß wählt jedoch deutlich drastischere Bilder für die Kritik: »Die Schutzhülle des Textes ist zur Flechte des Parasiten geworden, der seinen Wirt zersetzt und überwuchert. Diese Poetik hat den esoterischen Poetisten hervorgebracht, dessen familiäres Mitreden am Werk den Poeten von seiner Poesie trennt und in minutiösen Schnitten Zeit, Ort, Sinn, Autorschaft vom Werk abspaltet, um es zu einer autonomen Textualität zu verarbeiten. Die Metapher vom Parasiten ist altgedient, und sie wiegt nicht mehr als ein umwelt-, ein ›logos-bewußter‹ Protest gegen die Übermacht der sekundären, medialen, indirekten Sprechweisen, die die atmende Sprache ebenso erstickend bedecken wie die Flächenversiegelung den fruchtbaren Boden.« (ASW 46) Die »Schutzhülle« ist auch Schutzbarriere zwischen Text oder Kunstwerk und Umwelt, sie schützt den poetischen Text gegen die sekundäre Sprache. Soll eine Annäherung geschehen, muss der Text mit einem relevanten Code erschlossen werden, damit sinnvolle Kommentare und Anschlüsse möglich werden. Und zudem muss eine geeignete Position für die Beobachtung gefunden werden, welches nicht gänzlich problemfrei ist, wie Sebastian Reus feststellt: »Die Unmöglichkeit, einen festen Ort in ihr [der Sprache, S.P.] zu beziehen, von dem aus das Sehen eine sichere Perspekti- 100 ve gewinnen könnte, ist wiederum oft genug angezeigt worden«190. Vorab fällt auf, dass Sprache eine Barriere bilden kann, die verhindert, treffsicher zu beschreiben, was zuvor beobachtet wurde. Das auch von Steiner angesprochene Gotteswort und die Differenz zwischen diesem und der menschlichen Perspektive bedeutet, dass unterschiedliche Beobachtungsweisen miteinander konkurrieren – einerseits menschengemachte, künstliche, andererseits eine göttliche Perspektive, die wiederum auch durch Schrift und Wort verbreitet wird. Diese Sicht vermittelt das Auseinanderdriften der beiden Sehens- und Verstehensarten als eine (kurzfristige?) Flucht in die Transzendenz einer Übersinnlichkeit, zu der sich als Alternative die Flucht in die Wissenschaft hinzugesellt: »Sinnlichkeit wird als Übersinnlichkeit übersetzt in ein Lesen des Bewußtseins, das die Souveränität und Gleichzeitigkeit des eigenen Denkens und des Denkens des Eigenen ersetzt. Dieses Lesen ist keine Sinnlichkeit mehr, aber gleichzeitig bindet es die Operationen des Denkens an die Bedingtheit des Sinnlichen, den ständigen Fluss sinnlicher Daten, die niemals zu einem statischen Komplex von Gegenwart innehalten.«191 Wie Strauß in Beginnlosigkeit zu zeigen bemüht ist, stehen die religiösmythische Übersinnlichkeit und das neuronale Dauerfeuer des Datenflusses in einem beständigen Oppositionsverhältnis, woraus nur unter erschwerten Bedingungen eine Einheit der Differenz von religiöser und naturwissenschaftlicher Urknalltheorie zu erzeugen ist. Man kann es auch so formulieren, dass in diesem Fall der Versuch, die Entstehung der Welt zu erklären, zu einer überkomplexen Glaubenskrise von Religion und Wissenschaft führen wird. Sich aus Gründen der Komplexitätsreduktion für eine Seite der Differenz zu entscheiden und die andere Seite auszublenden, ermöglicht es dem Beobachter, dennoch eine sichere Position für die gewählte Beobachtung auf die Welt zu finden. Die jeweils ausgeblendete Seite fungiert dann als (insgeheim abgelehnte, aber zur Kenntnis genommene) Alternativnarration, die mit dem eigenen Weltbild nicht vereinbar ist. Es ist dann möglich, diese als Kunst zu deklarieren und sie somit aus der Tatsächlichkeit des eigenen Standpunktes auszugliedern.192 Wie die folgenden 190 Sebastian Reus: Unglückliches Bewusstsein: Denken ohne Dialektik bei Botho Strauß. S. 245. 191 Sebastian Reus: Unglückliches Bewusstsein: Denken ohne Dialektik bei Botho Strauß. S. 245. 192 Das erklärt auch, warum sich Naturwissenschaftler dennoch kirchlich trauen oder bestatten lassen. Und warum auch Pastoren sich für paläontologische Steinformationen interessieren können, obwohl es diese Opposition zu ihrem Weltbild ei- 101 Überlegungen aufzeigen, werden neue Konträrstandpunkte zugänglich, die Strauß im Verlauf seiner Argumentation in »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« anführt. 2.10 Kunst & Medien als Generatoren einer »Weltworld« Besonders eng mit der Strauß’schen Sichtweise ist die dichotomische Argumentation verbunden, die Strauß bei Steiner ausmacht; sowohl die »natürliche, biologische« als auch die »geistige« Welt seien »beschädigt und bedroht«« (ASW 46). Die Bedrohungssituation entsteht durch die Einwirkung einer medialen und indifferenten Umwelt. Steiners Text will laut Strauß eine »›Remythologisierung‹« (ASW 47) vornehmen, jedoch die öffnenden (das heißt globalisierenden) Prozesse nicht rückgängig machen, sondern ihre Auswirkung abschwächen, indem das Kunstwerk aufgewertet wird, vor allem wegen des »Kontaktbruch[s] zwischen Wort und Welt« (ASW 50), den Steiner am Beginn der Moderne eintreten sieht, wie Strauß im Nachwort verdeutlicht: »Von realer Gegenwart ist ein Schneisenschlag, ein rigoroser Entwurf gegen die philosophischen Journalisten, die Mitverfertiger einer Weltworld, die Realisten der Entropie und der überfüllten Leere, die Rhetoriker der Simulationen und des unendlichen ludibriums. Der Autor weiß selbstverständlich, daß ihm gegenwärtig noch die Seminare und Redaktionen in Reih und Glied entgegenstehen. Er weiß aber ebenso sicher, daß die ideelle Macht der Abwesenheit und der Leugnung verbraucht ist, so wie die große Subversion und Selbstherrlichkeit Nietzsches ihr Jahrhundert gehabt hat und nur einen zerstreuten Haufen ›kraftloser Empörer‹ (Dostojewski) übrigließ. [...] Doch all dies enthält keinen Funken Aussicht, keine Kraft zur Erneuerung und Veränderung mehr.« (ASW 47) ›Abwesenheit‹ ist auch als Distanz und Entfremdung zwischen der Tradition der »Zeitfremdling[e]« (ASW 48) und einer Gegenwart, wie sie auch der Essay über Borchardt beschreibt, zu verstehen. Sie ist negative Folge aus dem Verblassen der Kontur, vor allem auch, weil »der gesellschaftliche Außenseiter, der kritische Nonkonformist« (ASW 48) an Einfluss verloren hat. Als Antagonist jedweder Innenwelt – zum Beispiel dem Denken bei Steiner oder Figuren in Texten – sieht Strauß die mediale »Weltworld«, degentlich gar nicht geben kann und darf. Sich nicht in Gedankenschleifen des ›als ob‹ zu begeben, dient einzig der Komplexitätsreduktion. 102 ren globalisierte Oberfläche vorrangig Simulation ist. Der beschriebene Perspektivenwechsel zwischen der mühsamen Bearbeitung der Schutzhülle von außen und der Innenperspektive auf die paradoxe »überfüllt[e] Leere« der Umwelt verdeutlicht die Funktion der Trennlinie zwischen Kunst und Umwelt. Sowohl Steiner als auch Strauß wollen sie erhalten, weil das »Systemganze« trotz der ›modernen Sprachlosigkeit‹ (vgl. ASW 50) bestehen bleiben muss, um sowohl die Innen- beziehungsweise Außengrenze als auch das System im Verhältnis zur jeweiligen Umwelt stabilisieren zu können. Dies ist kein Selbstzweck, denn das Innere wird durch Kommunikation aufrechterhalten und stemmt sich so gegen die Globalität, die alles aufzulösen droht. Strauß’ Fazit zu Steiners Thesen bestätigt diese Sicht ein weiteres Mal und zeigt indes auch, warum die globalisierungsorientierte Lektüre fruchtbar ist: »Die Kunstwerke sind da. Ihre Heterophanie ist unabweislich, unwandelbar. Verborgen, verhindert, verlegen ist allein der Empfänger, der Beschenkte, der Angesprochene. Er hat sich aus der Verantwortung gestohlen und in ein methodisches Drumherumreden geflüchtet. Nichts ist unmittelbarer mit dem Schicksal der Erde verbunden als die Sprache.« (ASW 51) Kunst hat demnach Bestand und ragt – wenn auch richtungsunschlüssig (vgl. ASW 51) als Fremderscheinung – aus dem System heraus, während der Beobachter (»der Empfänger«) sprachlos versucht, eine Sprache, die es mit dem Kunstwerk aufnehmen kann, zu finden. Diese paradoxe Situation beeinflusst in der Folge die gesamte Gegenwart, die zwischen einem »vollkommenen Vergesse[n]« (ASW 51) und einer »technologischen Mutation unserer gesamten Kultur« (ASW 51) auf der einen und einem »Ausbruch eines religiösen Fundamentalismus« (ASW 51) auf der anderen Seite schwankt. Die Folgeprobleme eines solchen Fundamentalismus thematisieren vermehrt jene essayistischen Gegenwartsanalysen, die Strauß nach 2001 schreibt. Er nennt jene, die Wissenschaft und Religion vereinen, »Fulguristen« (ASW 52) und bezeichnet sich im Essay »Wollt Ihr das totale Engineering?« (2000) selbst als solchen. Steiners Kontaktbrüche zwischen Kunst, Welt und (religiösem) Wort ergänzt Strauß um eine angestrebte Einheit der Differenzteile, aus der ihm ein Rückweg erkennbar wird, der die ursprünglichen Verhältnisse wiederherstellt. Strauß’ Interpretation bekommt durch den Typus »Fulgurist« eine konkrete Rahmung: »weltklug abgeklärt, verblendungsfrei, ernüchtert« (ASW 53) und zugleich ›begeistert und manisch, unvernünftig‹ (vgl. ASW 53). Das ist nichts anderes als einer- 103 seits die beschriebe »Ästhetik der Anwesenheit«, die der Titel des Essays und der Anthologie anschlägt, und andererseits eine Vorwegnahme des religiös-politischen Sprengstoffs in den Essays »Der Schlag« (2001) und »Der Konflikt« (2006), der noch zu besprechen sein wird. Ungeachtet der Verschiebungen auf der individuellen Ebene sind es die epochalen Irritationen der Gesellschaft, welche die Veränderungen von festen Strukturen ermöglichen. Der eingangs aufgegriffene Fall der DDR und ihrer politischen Ideologie war solch eine radikalplötzliche Einwirkung auf das »Systemganze« und Gefährdung von dessen Gleichgewicht: »Kein noch so komplexes, hochentwickeltes, gleichgültiges, liberales und strapazierfähiges Gemeinsames vermag sich gegen den Blitz zu schützen, der es umordnet. Wenn der Schein wild wird nach Gestalt, wird er den Spiegel zum Bersten bringen« (ASW 52). Nur derart kräftige Einschläge vermögen es, der Gesellschaftsentwicklung spontan eine neue Richtung zu geben. Dass dies geschehen kann, ist Merkmal einer auf Komplexität bauenden Gesellschaft. In einer starren vormodernen und unvernetzten Gesellschaft besitzen derartige Ereignisse keine globale Durchschlagskraft, sofern sich das Ereignis wie beispielsweise die Pest in der frühen Neuzeit nicht selbst über den Globus verbreitet. Das Dilemma liegt nun darin, dass die Globalisierung mit ihrer gesellschaftlichen Ausdifferenzierung ein langsam voranschreitender Prozess ist, der auf spontane Irritationen reagieren und so vom inhärenten Programm der Welterweiterung abweichen muss, ohne sich davon aufhalten zu lassen. Der Übergang von der stratifizierten vormodernen Gesellschaft bis zur funktional ausdifferenzierten verlief über 200 Jahre. Die DDR war soziologisch betrachtet ein Rückfall in die stratifikatorische Vormoderne im Sinne einer streng gegliederten und zentralgesteuerten Klassengesellschaft.193 Auf Ebene der Weltgesellschaft gehören gewichtige Einschläge zum Voranschreiten der Globalisierung dazu und sind zugleich Zäsuren in der Entwicklung. Mit dem Mauerfall – nach Strauß »das sinnfälligste Zeichen für das tote Ende von Geschichte überhaupt« (WDL 20) – begann, wie er schreibt, »[d]as kritisch-soziale Zeitalter« (ASW 44), das so unterschiedliche Abläufe und Ereignisse wie Digitalisierung, Vernetzung, Krisen oder Verlust von Kultur und Heimat umfasst. Die Auflistung liefert auch Schlüsselbegriffe, welche für das weitere 193 Vgl. Frank Becker & Elke Reinhardt-Becker: Systemtheorie: eine Einführung für die Geschichts- und Kulturwissenschaften: »In der Moderne gibt es zwar Diktaturen, aber Diktaturen sind paradoxerweise nicht modern; sie führen eine Re-Stratifizierung der Gesellschaft herbei« (S. 96). 104 Verständnis der Essays als Teil der Globalisierungskonzeption relevant sind. Vom fortgeführten Gedanken der »Weltworld« und der Systeme bewegt sich Strauß entlang der genannten Inhaltslinien tiefer und tiefer in den Gedankenkosmos hinein. 2.11 Der Ausweg aus der Globalität: Exitstrategien Zwischen 1997 und 2000 entstanden drei Essays, die ergiebig und zentral für das Verständnis der Strauß’schen Globalisierungsdiskussion und -konzeption sind. Es handelt sich hierbei um »Das Maß der Wörtlichkeit. Über Peter Stein« (1997, MDW), »Zeit ohne Vorboten« (1998, ZOV) sowie »Wollt ihr das totale Engineering?«194 (2000, WTE). Der Essay über Peter Stein unterscheidet sich maßgeblich von den Texten über Spengler, Borchardt oder Büchner, aber auch von den frühen ästhetisch-politischen Theaterrezensionen, da der Text seinen Fokus auf rezeptionsästhetische Fragen und Aspekte, die über Einzelstücke hinausgehen, richtet. Er greift die in »Aufstand gegen die sekundäre Welt« geäußerte Kritik am akademischen Blick und dessen »Akademismus der Deformationskünste« (MDW 83) sowie an der zeitgenössischen (Bühnen-)Kunst auf und erweitert sie: »Die Kunst, die alltäglicher als der Alltag werden wollte, widerspiegelt bestenfalls noch Kulturtheorie: Wir alle stecken bis zur Schädeldecke im Müll, und unser Leben ist nur erlebte Entropie« (MDW 83). Strauß wendet sich erneut von der sekundären Beobachtung ab und richtet den Blick auf das Quellenmaterial, anstatt über die Beschreibung des Textes aus »zweiter zittriger Hand durch Netze und Medien« zum Gedächtnis und »Speicherplätze« (MDW 83) zu gelangen. Der Archivierungsraum des Textes ist Stein wie Strauß näher als jedweder Kommentar über den Text. Diese Art Textkonservatismus durchzieht Strauß’ Werk als Konstante, daher verwundert es nicht, dass Strauß ihn als didaktische Eigenschaft bei Stein hervorhebt, jedoch nicht ohne die dazugehörige Kontextualisierung vorzunehmen: »Er überzeugte sein Publikum, nicht indem er interessant aus der Vergangenheit erzählte, sondern er überzeugte ganz offensichtlich als ein von Herkunftsbewußtsein durchdrungener und erhellter Mensch, wie man ihn heute, in welchem Berufszweig auch immer, nur selten noch finden kann. 194 Der Essay ist zugleich eine Vorstudie zum Prosatext Der Untenstehende auf Zehenspitzen von 2004. 105 Dabei [...] mußte schließlich seine ganze um Einsicht und Unterscheidung werbende Intelligenz befremdlich genug auf seine Zuhörer wirken und ihn zuweilen als ein wunderliches Fabelwesen erscheinen lassen, das aus versunkenen deutschen Bildungsgeschichten aufgetaucht war und das die Jungen eher bestaunen als begreifen mochten, die diffus-neugierigen, die späten, mageren und übersättigten Eleven, die nicht wissen, wie einen guten Anfang machen. Ihnen gegenüber jemand, von dem man sagen könnte, daß brennendes Interesse beinahe die Hälfte seiner Begabung ausmacht. Ist brennendes Interesse aber lehrbar?« (MDW 84) Die Essenz der Stein-Laudatio geht über die reine Verehrung hinaus, was auch daran liegen mag, dass Strauß und Stein frühere Weggefährten sind, ähnlich denken und fühlen; im Gegensatz zur Beschäftigung mit Borchardt oder Spengler besteht eine persönliche Vertrautheit. Gemeinsame Züge hervorzuheben als Strategie der Verehrung, ist ein verständliches Prinzip, doch Strauß unterfüttert es durch die Betonung des Herkunftsbewusstseins und der Bewusstseinssteigerung, die dadurch erreicht werden können. Der Kontrast zur jungen Generation ist dabei mehr als nur ein rhetorischmoralischer Topos. Strauß’ leitmotivischer Groll gegen Verflachung trifft sowohl die Übersättigung und Orientierungslosigkeit der Jungen als auch die Kultur des Theaters. Er kündigt sich, wie eingangs gezeigt, in den frühen Rezensionen an und kulminiert in den letzten Jahren. »Der ästhetische Urfehler ist der Plurimi-Faktor« resümierte Strauß 2013 in Lichter des Toren die Entwicklung und meint damit »das Hohe zugunsten des Breiten abzuwerten. Das Untere zur obersten Interessensphäre zu machen. Das Breite zur Spitze zu erklären. Inzwischen paktiert auch die Kunst liebedienerisch mit Quote und breitem Publikum« (LDT 32). Strauß wird 1997 mit »Maß der Wörtlichkeit« nach 25-jähriger Pause erneut zum Beobachter des Theaters und aktualisiert seine Sicht darauf, wie die Überführung und Umwandlung der Außenwelt in den Innenraum der Theaterwelt erfolgt. Das Theater weist laut Strauß »erstaunlich[e] Erfindungen im chorischen, musikalisch-choreographischen Bereich« (MDW 85) auf, dennoch beherrscht Übertreibung die Inszenierungen, um vom Störfaktor Text abzulenken, der ein »verdammte[r] Fremdkörper« (MDW 85) ist und der mit seiner »leidige[n] Sprache« (MDW 85) einen Gegenpol zum visuellen Ansatz repräsentiert. Sprache irritiert, da sie nur »schwer zu bewältigen [ist], weil sie dauernd Sinn macht, Sinn aber nur weiteren Müll produziert, weshalb man Texte unverzüglich bebildern, mit Comic-Soundtrack unterlegen, singen oder durch Chat-Kanäle schütten muß« (MDW 85). Die Kontrastierung von Sprache, Theater, Text, Sinn und Medialisierung, wie Strauß sie an- 106 stimmt, steht für den Blick auf die Innenseite, wo eine Vertiefung gegen die Verflachung einer Außenseite ausgehoben wird; auf diese Weise werden auch die Grenze und Abgrenzung zur Welt verstärkt. Für diese Herangehensweise ist jedoch entscheidend, dass das jeweilige Kunstwerk nicht ›bewältigt‹ (vgl. MDW 85), sondern mit ihm umgegangen – und das heißt auch durch Anschlussversuche mit ihm kommuniziert – wird. Der konstruktive Umgang mit dem Text steht im Zentrum der geschilderten Dramaturgie. Eine quellenorientierte Inszenierung widmet sich dem »Drama und seine[r] Zeit. Eine[r] Zeit, die so geschlossen und verfugt, so bindend und lösend nirgends sonst auf der Welt verstreicht. In ihrer Ordnung wird der Buchstabe [...] ein Atemzug« (MDW 86). Mit anderen Worten überblendet die Inszenierung die reale Welt, das Theater kulminiert zu einem eigenen Kosmos, der nur noch über Abgrenzung von der Welt mit ihr verbunden ist, in manchen Inszenierungen »mehr [...] von der Welttrostlosigkeit, von der Tragödie vor jeder Tragödie« (NA 206) vermittelt als es anderen Kunstformen gelingt, wie Strauß in Niemand anderes (1987) schreibt.195 Es geht darum, die Distanz zu ertragen, da das textnahe Theater von Stein nur noch einen verschlüsselten Außenbezug besitzt. Strauß betont, wie sehr eine Stein-Inszenierung für die Innenwelt lebt und wie sie die Text- Interpretation durch das Ensemble beeinflusst. Die Akteure unterwerfen sich ihren Rollen und steuern damit auch die Aufnahme der Inszenierung durch das Publikum, denn der Schauspieler gestaltet den Text erlebbar und aktualisiert ihn. Die Inszenierung erzeugt einen Sog durch die »Zeit- Entsagung« (MDW 92) und Strauß verweist in diesem Zusammenhang verstärkt darauf, dass Steins Rückbesinnung eine Zusammenführung ehemals zersplitterter Fragmente vornehmen will. Angesichts einer desorientierten und – wenn man zusätzlich Strauß’ spätere Aussagen berücksichtigt – kulturlosen Gesellschaft ein schwieriges, aber dennoch Sinn stiftendes Verfahren. Daneben steht die Zielsetzung, der Gesellschaft eine Gegenebene und -position zur Selbstbeobachtung aufzuzeigen, von der aus das Bühnengeschehen in der Gesellschaft reflektiert werden kann, um der Gesellschaft einen Zugang zu einer längst vergessenen Deutungsweise zu er- öffnen. Diese Art des künstlerischen Rückblicks propagiert zugleich einen »Aufbruch aus den Niederungen der erschöpften Befindlich- und Beliebigkeiten« (MDW 92) sowie eine »Abkehr vom Kult des Fragmentarischen« (MDW 92), wohl wissend, dass damit auch kulturrezeptive Veränderungen verbunden sind. Weil Medien zu kulturellen Leitfäden der Gesellschaft ge- 195 Vgl. NA 208, wo Strauß die Theaterbühne streng von der wirklichen Welt trennt. 107 worden sind und die traditionelle, authentische und hohe Kultur ihre Bedeutung für die breite Masse verloren hat, leitet Strauß aus der Rückbesinnung eine weitere Schwächung der Theaterwelt ab. Das Theater ist eine Institution des Authentischen für die Wenigen, die noch nicht vollständig globalisiert sind. Und es bietet letzte Haltepunkte, weil es sich noch nicht vollends von der Gesellschaft hat lösen können. Ein Anschluss ist nach wie vor möglich, verlangt jedoch Engagement und, um in der Metapher der Systeme zu bleiben, kommunikative Offenheit bei struktureller Geschlossenheit auf Seiten der Umwelt, das heißt: sich als Zuschauer der rezipierenden, nicht am Stück beteiligten Zuschauerrolle bewusst zu sein und die Botschaft des Theaters kathartisch auf sich selbst zu beziehen. Das Publikum muss sich, wie von Strauß schon in der Handke-Rezension hervorgehoben, auf die Inszenierung einlassen und in der Illusion wiederum das Handfeste erkennen. Aus der Vereinigung der Fragmente resultiert in der Folge solcher Einlassungen eine »Abkehr [...] von einem Theater, das, obschon am Rand des öffentlichen Interesses angelangt, immer noch den Affen der ›Gesellschaft‹ spielt, anstatt sich zum Herrn einer fabelhaften Unzeitgemäßheit zu bestimmen, frei, wie es ist, und nur den Mächten seiner Phantasie unterworfen« (MDW 92). Aus diesen Betrachtungen lässt sich ableiten, dass Strauß im Theater, sofern es sich den authentischen Texten und nicht der Gesellschaft zuwendet, einen Ausweg aus der Orientierungslosigkeit sieht. Diese Perspektive lässt sich bei Strauß bis in die 1960er Jahre zurückverfolgen und setzt bereits zu jener Zeit voraus, dass die Autonomie des Theaters als ein geschlossenes System gewahrt, das nicht von Politik, Wirtschaft oder einem anderen System vereinnahmt wird. Der Doppelsinn des Terminus System kommt erst später hinzu. Der Essay über Stein ist in seiner Aussage auch deswegen relevant, weil in ihm die Strauß’sche Exitstrategie aus der Globalität anklingt, die aus einer Rückbesinnung auf Gewesenes, auf (geistige) Heimat und Herkunft besteht. Das was war, kann nicht mehr globalisiert werden, da es bereits seine Gegenwartsirritationen und Ausdifferenzierungen hinter sich hat und hierdurch in sich gefestigt beziehungsweise gesichert ist. Der Anschluss an Vergangenes verleiht dem Handeln und Denken somit einen Rückhalt, welchen die bewegliche und hyperkomplexe Gegenwart nicht mehr bieten kann. Strauß betont bewusst, dass »[m]an [...] das Gewesene so groß wie etwas Niedagewesenes anschauen« muss, um sich der gesamten Aussage bewusst zu werden, wie es im Essay »Wollt Ihr das totale Engineering?« heißt. In Lichter des Toren fällt das Fazit prägnant wie resignierend kürzer aus: »Die schmerzliche Lehre lautet: daß das Vergangene reicher, das Ge- 108 genwärtige aber komplexer ist« (LDT 140). Dieser Strategie folgt subtil und in Dramen wie Ithaka (1996) oder Schändung (2005) konkreter die thematisierte Remythisierung. »Mythische Gestalten sind Durchschlagende aus vorgeschichtlicher Zeit« (WTE), sagt Strauß. Die Remythisierung dient einer Spiegelung in »verdeckten Figurationen«, die »durchschlagen bis in unseren Alltag, aber ihr Personal ist komplett, sie sind grundsätzlich nicht erneuer- oder ergänzbar« (WTE). Mythen halten der dargestellten Sicht nach die Zeit an und erzwingen Reflexionen. Auch figurieren sie in Form der angesprochenen Remythisierung als poetologische Spielwiesen für Gesellschaftsexperimente.196 In ihrer Unangreifbarkeit vermögen sie zu irritieren, denn sie sind zugleich ein Gegenstandpunkt zur langsam aber stetig voranschreitenden und im folgenden Auszug negativ konnotierten unumkehrbaren Ausdifferenzierung: »Jemand fragt, was ich an Bahnbrechendem im Bereich der Kommunikationskultur(!) fürs neue Jahrhundert für möglich halte. Eine Remythisierung? Nun, was die Entwicklung der Techniken betrifft, glaube ich, daß alles den eingeschlagenen, unzählige Male prognostizierten Weg nehmen wird: Prolongationen, Vorgabeerfüllungen, resultierende Prozesse, Sättigungen. Nichts ist zäher als die Substanzbewegung einer Massenkultur. Die rastlose Erweiterung aller Technik tendiert dahin, unseren Status unwandelbar zu machen. Umkehr und Abbruch des Unternehmens scheinen aus eigenen (menschlichen) Kräften nicht mehr möglich. Eine gewaltige Industrie der Korrekturen und Verschonungen sondiert, verbessert, immunisiert das sich bildende Gebilde und richtet es nach dem alten vermessenen Ziel der Aufklärung: Furcht und Zittern aus der menschlichen Existenz für immer zu verbannen.« (WTE) Die Beschreibungen früherer Gesellschaftsformen hallen nach und scheinen in dieser Phase Strauß’ Schreiben und Denken stark zu prägen. Die Nachzeichnung der Veränderungen ermöglicht es, Literatur, die in historischen Gesellschaften spielt, mit einer dem Zeitkontext entsprechenden 196 Verwiesen sei neben Schändung von Strauß nur am Rande auf den Roman Die letzte Welt von Christoph Ransmayr, der als Beschreibung einer dystopischen, nachgeschichtlichen Welt nach Vilém Flusser gelesen werden kann, in der erst die Merkmale einer spätrömischen Gesellschaft mit der Gegenwart vermischt werden, um sie anschließend ihrer Zeitlichkeit zu berauben und so die Synthese der beiden konträren Welten zu ermöglichen. 109 Gesellschaftsnorm zu beleuchten oder sie unter Berücksichtigung aktueller Verhältnisse zu aktualisieren. Umgekehrt ergibt es in den meisten Fällen indes wenig Sinn, die Gegenwartsgesellschaft mit überholten Sichtweisen zu untersuchen.197 Ithaka wurde 1996 (als erstes Stück nach dem »Bocksgesang«) uraufgeführt und dementsprechend kritisch betrachtet, Schändung 2005, dazwischen findet sich im Prosatext Der Untenstehende auf Zehenspitzen eine direkte Bezugnahme auf Shakespeares Pseudomythos Titus Andronicus und das »Endstadium jedes Gemeinschaftszerfalls«, die als Arbeitseinblick in die Auseinandersetzung mit dem Shakespeare-Stoff verstanden werden kann (vgl. UAZ 78). Ob nun die Restitution mythischer Stoffe eine Reaktion auf die Wogen des »Bocksgesangs« oder die konsequente Fortsetzung dieser Denkbewegung sind, bleibt Spekulation. Auffallend ist jedoch, dass die rückwärtsgewandten Betrachtungen dieser Art mit den sehr direkten Beschreibungen der globalisierten Gegenwart zusammenfallen. Strauß verwendet die Darstellungen antiker Gesellschaften, um die Gegenwart zu decodieren, indem eine wenig-komplexe Gesellschaft zur Projektionsfläche einer hyperkomplexen Gesellschaft gestaltet wird, was wiederum die Komplexität der Gegenwart reduziert. Doch wie geschieht dies? Strauß stellt nach einem Besuch der Proben zum Faust im Rahmen von Peter Steins Volltextinszenierung und der Expo die symbolschwangere Theaterkunst gegen »die neue, großzügig alle Bedeutungen verschleudernde Mixed-Media-Welt« (WTE, vgl. UAZ 66). Die Zusammenführung von Kunst und Technik ist Ergebnis einer dualen Beobachtung der Welt, auf der einen Seite die schon angesprochene authentische Kunst, auf der anderen der technische und kommunikative Fortschritt. Der Essay widmet sich eingängig der Feststellung einer plötzlich hereinbrechenden Unfähigkeit, die Welt zu verstehen, kurz: dem »Hereinbrechen von Weltfremde« (WTE). Zuvor hieß es in »Zeit ohne Vorboten« noch ausführlicher, dass »[d]er Geist [...] auf der Höhe seines Könnensbewußtseins« (ZOV 95) arbeitet, bevor eine Form der inneren Ausdifferenzierung einsetzt, in der sich »die unendlich vielen Fertigkeiten zu Hyperfertigkeiten« (ZOV 95) vereinen werden, an deren Ende ein »Übergang in ein Zeitalter der Trance« (ZOV 95) stehen wird. Ein Welt-Ganzes zerbricht in der Wahrnehmung in »[d]ie unzähligen Verknüpfungen zusammenhangloser Einzelheiten« (WTE). Das Netzwerk wird so mit seinem gesamten Variati- 197 Außer es handelt sich um sehr spezifische Fragen, die bewusst die Komplexität zu reduzieren versuchen, zum Beispiel, welche der antiken Demokratieideale auch in der Gegenwart gelten. 110 onsbereich der Verbindungsmöglichkeiten gegenwärtig und die Zusammenhänge lösen sich auf. »Hyperfertigkeiten« (ZOV 95) korrespondieren mit der Hyperkomplexität. Analog hierzu stellen zwei Männer in ihrem Dialog fest: »Wir beide sind vollkommen gegenstandslos« (WTE). Sie sind, weil sie die Struktur des Netzes in sich aufgenommen haben, globalisiert und es ist zweitrangig, ob dies freiwillig oder unter Zwang geschehen ist. Sie existieren fortan als Knotenpunkte und nicht mehr als Individuen. Ihre Gegenwehr besteht im Finden von Schutzbarrieren gegen die Vereinnahmung von außen und sie kommen zu dem Schluss, dass nur in gewohnter Weise existieren kann, wer sein Inneres gegen Außenzugriffe schützt. Der Verfall in Wahnsinn – »[d]er Schwachsinn als letztes Reservat des Menschen« (WTE) – erscheint in dieser Lage als ein naheliegender Ausweg aus der Auflösung in einen »weltumspannenden Corpus« (WTE). Dass ausgerechnet der ansonsten aus der Gesellschaft exkludierte Schwachsinnige von Strauß als deren Retter benannt wird, folgt einer an verschiedenen Stellen im Werk durchscheinenden ironisch-hellseherischen Geisteshaltung. Wahnsinn ermöglicht eine Flucht aus der Globalisierung beziehungsweise verhindert die Auflösung der Grenze zwischen Innen- und Außenwelt. Der Idiot steht über dem »Selbstzweifel der Informierten« (ZOV 105) und existiert »ohne einen Schimmer von Zukunftssorge, ohne Angst« (ZOV 105) und bewahrt sich die Fähigkeit, klare Unterscheidungen, »das Verschiedene« (ZOV 105), zu erkennen. Die Ausweglosigkeit, die der nicht-Idiot empfindet, ist der Ununterscheidbarkeit, die mit der Globalisierung Einzug hält, geschuldet. Das letzte Kapitel wird diese Entwicklung näher erläutern. Für den Moment bleibt festzuhalten, dass die gewohnte Orientierung am Horizont nicht mehr funktioniert, weil sich dem Individuum die Bezugspunkte entziehen. Die Orientierungslosigkeit ist die direkte Folge.198 Die Situation ist – in Ergänzung zu den bisher einbezogenen systemtheoretischen Perspektiven – vergleichbar mit den Gegenwartsdiagnosen, die der Kommunikations- und Medientheoretiker Vilém Flusser entwickelte. Die Orientierungslosigkeit, die aus dem Eintritt in das Netz resultiert und die Strauß beschreibt, begegnet einem als Ausweg auch ähnlich in Flussers Essay »Nomadische Überlegungen«: 198 Auch auf der textinternen Ebene spiegelt sich diese: Ein Asterisk trennt die Beobachtungen von den nachfolgenden ab, der Zusammenhang ergibt sich aus der Lektüre. Eine inhaltliche Verbindung entsteht aus umrissenen Hauptlinien wie beispielsweise der gesellschaftlichen Entwicklung, nicht aber durch eine direkte Bezugnahme der Absätze auf einander. 111 »Seßhafte sitzen und Nomaden fahren. Das heißt zuerst einmal, daß man Seßhafte im Raum lokalisieren kann (sie haben Adressen), während Nomaden erst im Raum-Zeit-Kontinuum definiert werden können. Bei Seßhaften genügt es, Ecke 4th Av./52nd Street, NY anzugeben; bei Nomaden muß April, 10th 1990, 4 pm hinzugefügt werden. Unter dem Aspekt des Raums (also vom Standpunkt der Sitzenden aus) sind Nomaden vorübergehende, flüchtige Phänomene; unter dem Aspekt des Raum-Zeit-Kontinuums (also vom Standpunkt der Fahrenden aus) sind Seßhafte um eine der Daseinsdimensionen amputierte Krüppel. Man darf jedoch diesen Widerspruch nicht auf die Spitze treiben. Auch Seßhafte haben eine Zeitdimension, weil sie leben und daher sterben müssen. Auch sie sind flüchtige, vorübergehende Phänomene, oder (um es mittelalterlich zu sagen) homines viatores im Tränental des Diesseits.«199 Diese Überlegungen stehen in einem größeren Kontext von Gesellschaftsbeobachtungen, der einen Übergang in eine neue, technische, nulldimensionale Phase nachzeichnet, in der technische Apparate die Wahrnehmung und die Bewegung in der Gesellschaft maßgeblich prägen. Im Prosatext Das Partikular aus 2000 (PAR) deutet Strauß visionär an, dass es irgendwann Fahrzeuge geben wird, die Menschen in ihrer Umwelt erkennen und über »[e]in DNS-Lesegerät, eine Art Röntgenkamera für den ›genetischen Fingerabdruck‹, vernetzt mit dem zentralen Versicherungsrechner« (PAR 140), verfügen werden. Strauß und Flusser umkreisen unabhängig voneinander Zukunftstopoi und erlauben hierdurch eine konstruktive Gegenlektüre ihrer Thesen. Die Phase nach der Gegenwart wird möglicherweise in einer Dystopie enden und Strauß regt an, zu diskutieren, wie diese Phase aussehen könnte: »Unvorstellbar das Zeitalter, das je auf das technische folgte? Unvorstellbar vielleicht. Doch es zeugt von unverantwortlichem Kleinmut, nicht davon überzeugt zu sein« (WTE). An anderer Stelle schlussfolgert Strauß pessimistisch: »Meine Generation wird niemals aus kulturellem Einstweh etwas Bedeutendes hervorbringen. An die Stelle von erschütternder Wiederkehr ist eine harmlose Recycling-Technologie getreten, an die Stelle umstürzender Romantik oder Reaktion milde Nostalgie. Kurzum, es herrscht die ewig erneuerbare Gegenwart.« (WTE) 199 Vilém Flusser: »Nomadische Überlegungen«. S. 58. 112 Zusammen betrachtet wird deutlich, dass in der nächsten Phase die Zeit eine andere Bedeutung als gegenwärtig besitzen wird. Das lineare Denken wird sich in ein koordinierendes Denken umwandeln, in dem die Position im Netz mit dem umrissenen Zeitstempel verbunden werden muss, um aussagekräftig zu sein. Die Verankerung in Raum und Zeit gewährt dem Subjekt für einen Augenblick eine neue Stabilität, die aus der Sicht von Strauß nur so lange hält, bis eine neue Version der ›ewigen Gegenwart‹ eintritt. Die daraus resultierende Auflösung der Zeit vor und nach dem Jetzt, anders ausgedrückt die Deformation oder Rekonstruktion der (Zeit )Linie zum (Zeit )Fleck, beschreibt Strauß in der Fragmentsammlung Beginnlosigkeit sehr ausführlich, wie im nächsten Kapitel gezeigt wird. Die folgende Aussage sollte demgemäß sowohl im Kontext der dezidierten Gegenwartskritik als auch des genannten Textes gesehen werden: »Ein aufregender Science-Fiction-Roman wäre sein Gegenteil: Seine Zukunftsvision spielte unter Menschen, die jegliches Interesse an Zukunft verloren haben. Technik, ›Information und Kommunikation‹, ein abgeschlossenes Kapitel. Hin und wieder in ihrer geläuterten Sphäre werden sie sich zu ›Forschungszwecken‹ die Zeugnisse eines hybriden Manierismus der Spättechnologie ansehen, bestaunen und mit einem frostigen Lächeln verabscheuen.« (WTE) In einer solchen Gesellschaft ist Fortschritt kein Ideal mehr, sondern wird ein inhärenter Selbstzweck im Sinne einer von den Individuen getrennt verlaufenden Selbstfortsetzung; die Verwandtschaft zur Ausdifferenzierung und Autopoiesis200 ist offensichtlich: 200 Autopoiesis meint die Selbststabilisierung und selbstreferentielle Reproduktion von sozialen Systemen von innen heraus: »Autopoietische Systeme sind Systeme, die nicht nur ihre Strukturen, sondern auch die Elemente, aus denen sie bestehen, im Netzwerk eben dieser Elemente selbst erzeugen. Die Elemente (und zeitlich gesehen sind das Operationen), aus denen autopoietische Systeme bestehen, haben keine unabhängige Existenz. Sie kommen nicht bloß zusammen. Sie werden nicht bloß verbunden. Sie werden vielmehr im System erst erzeugt, und zwar dadurch, daß sie (auf welcher Energie- und Materialbasis immer) als Unterschiede in Anspruch genommen werden. Elemente sind Informationen, sind Unterschiede, die im System einen Unterschied machen. Und insofern sind es Einheiten der Verwendung zur Produktion weiterer Einheiten der Verwendung, für die es in der Umwelt des Systems keinerlei Entsprechung gibt« (Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 65f.). 113 »Der Wettlauf der aggressiven Verbesserungen und Erleichterungen, die fast täglich auf irgendeinem technischen oder organisatorischen Gebiet erzielt werden, entspringt einem völlig kohärenten selbstbezüglichen Könnensbewußtsein, das weitgehend immun ist gegenüber jeder unsachgemä- ßen Fragestellung, jeder Ethik und Moral.« (WTE) Die Annäherung an die Gesellschaft muss im Bewusstsein von in diesem Sinne ›sachgemäßen‹ Fragen erfolgen. Das heißt erneut, dass ein kommunikativer Anschluss oder eine Weiterverarbeitung in einem anderen System nur dann möglich ist, wenn die richtigen Codes verwendet werden. Den bisher analysierten Essays fehlen beinahe völlig die Verweise auf äußere Faktoren, auf konkrete Menschen oder, vom Mauerfall abgesehen, ebenso konkrete Veränderungen. Auch fehlen, trotz aller Anklagen, konkrete Schuldzuweisungen. Strauß ist, anders als Essayisten wie Hans Magnus Enzensberger, Maxim Biller oder Henryk M. Broder, kein Ankläger (sozial- )politischer Missstände. Seine Methode ist die Beschreibung der Konsequenzen auf einem Sub- oder Metaniveau, wodurch die Missstands- Bestimmung in vielen Fällen schwerer ist als die Verortung der grollenden Texte der genannten Autoren. Strauß greift das nicht-Fassbare und das Fühlbare an. Fairness, soziale Gerechtigkeit oder politische Korrektheit sind aus Strauß’ Perspektive nicht von großer Bedeutung, weil er sich in der von ihm geschilderten globalisierten Welt äußerst selektiv auf die kulturellen Faktoren konzentriert. Festzustellen ist jedoch, dass nun auch – ungeachtet der spezifischen Ausrichtung in Form der Hinwendung zur Globalisierung – als Thema in die Kunst einkehrt, was in der Soziologie schon länger als Konsequenz der Globalisierung beschrieben wird.201 Die am Anfang des Textes angerissene Auflösung und Gegenstandslosigkeit, die der Mensch nun spürt, führt Strauß in der Form des »artifizielle[n] Mensch[en]« weiter, der »die Welt der Artefakte hinter sich gelassen« (WTE) hat. Dieser befreite Mensch praktiziert den Rückblick auf das Gewesene und seine Methode besteht aus der Beobachtung zweiter Ordnung, um einerseits die Komplexität der (neuen) Welt und andererseits jene der 201 Unter anderem geht Ulrich Beck in seiner Studie Weltrisikogesellschaft: auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit auf das Phänomen der globalen Abstandsverkürzung von Risiken wie Erderwärmung und Atomkraft ein. Claus Leggewie und Harald Welzer führen das Thema fort und ergänzen es um politische und wirtschaftliche Dimensionen. (vgl. Dies.: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten: Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie). 114 eigenen Psyche besser erfassen und verarbeiten zu können. Die Redundanz der Ereignisse und des »schon Bezeichnete[n]« – nun »mit der Vorsilbe ›Cyber‹ versehen« – verbindet Strauß mit der »medialen Grenzenlosigkeit«, die zugleich Bild einer totalen »Beschränktheit« ist (WTE). Gegenpol der Berieselungsstarre ist laut Strauß das »Denken«, das unentwegt weiter läuft und dazu führt, dass »[d]er Mensch, heißt es, [...] das einzige Wesen [ist], das sich beim Leben zuschauen kann« (WTE). Wie zuvor in der Positionierung des Dichters gegenüber der inhaltslosen Masse betont Strauß nun: »Es gibt wenig gegenwärtige Menschen, doch jede Menge Gestalten im Kontext einer kodifizierten Gegenwart, die nur unter ihnen besteht und geregelt wird« (WTE). Die Betrachtungen aus neuen Perspektiven treffen auf mediale Grenzenlosigkeit, wodurch neue Haltepunkte im Netz real werden, denn »[d]as Globale ist uns längst vertrauter als das Häusliche« (WTE), vielleicht auch, weil »[e]ndlich alle Glühbirnen auf Erden miteinander verbunden [sind]!« (ZOV 95) wie Strauß nur kurz zuvor in »Zeit ohne Vorboten« feststellte. Weiter heißt es dort: »Die Vorstellungswelt des Paranoikers, seit jeher beherrscht von universeller Vernetzung, liegt uns nun vor als Spielfeld. Seine Software erwies sich als die vorteilhafteste Investition in die Zukunft. Nun ist seine Welt nicht mehr vorstellbar, und wir alle befinden uns auf der Suche nach einer neuen Irrealität.« (ZOV 95) Die bisherige Weltvorstellung wird von der Vorstellung einer umfassenden Vernetzung aufgelöst. Die Irritation durch das Neue regt Strauß zu Folge- überlegungen an, wie die Globalität erfasst werden kann. Die Reflexionsversuche über die veränderte Welt eröffnen einen Standpunkt, von dem aus »die Ketten der Globalität« (WTE) zerrissen werden können und die »Sackgasse des Weltweiten« (WTE) verlassen werden kann. Innerhalb seiner, die verschiedenen Positionen abwägenden, Argumentation stellt Strauß »Sinnexistenz« (WTE) als Synonym der individuellen Innenwelt und »Systemintelligenz« (WTE), das heißt Umwelt, einander gegenüber. Ein Ausweg wäre es, sich aus den gegebenen Zusammenhängen zu exkludieren oder alternativ durch neue Verortungsversuche andere Anschlüsse vornehmen zu können. Das Innen-Außen-Schema ist für Strauß die maßgebliche Vorgehensweise, mit der die Komplexität der Globalisierungsprozesse und vor allem ihrer Konsequenzen aufgebrochen werden kann, da die Reduktion auf eine strenge binäre Unterscheidung es ermöglicht, im Perspektivenwechsel eindeutige Fokuspunkte auf einer Seite der Unterscheidung 115 zu setzen und die jeweilige Umwelt nicht be(ob)achten zu müssen. Diese Vorgehensweise ermöglicht es ihm in der Folge, die Gefährdungen der individuellen Autonomie durch die Globalisierung und den technischen Fortschritt im Wechsel beobachten und beschreiben zu können. Daraus resultiert eine Erweiterung der poetologischen Vorgehensweise parallel zu den gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Mauerfall. Sie reduziert die Komplexität der Chaossituation. 2.12 Was kommt nach der »Großen Fusion«? Vorrangig sind es die Ereignisse in der Umwelt, die auf das Individuum einwirken, indem die Unterscheidungsgrenze bedroht wird. Dies ergänzt und bearbeitet den eingangs schon erwähnten nicht ausreichenden ›einfachen Widerspruch‹202 zwischen zwei Positionen und wird so zu einem ästhetischen Konzept, auch wenn Strauß sich in einem Gespräch mit Ulrich Greiner gegen eine visionäre Dialektik ausspricht203 und sie in Paare, Passan- 202 Vgl. Botho Strauß: »Die neuen Grenzen« (VÄP 48). 203 Das »Am Rand. Wo sonst« betitelte Gespräch zwischen Botho Strauß und Ulrich Greiner wurde am 6. Februar 2003 in der Wochenzeitung Die Zeit publiziert und wurde aus verschiedenen Gesprächen montiert, die in einem Zeitraum von 13 Jahren stattfanden. Es ist zugleich eine der wenigen Werkeinsichten, die es von Strauß gibt. Der folgende Auszug verdeutlicht Strauß’ Position genauer: »ZEIT: Sie empfinden sich eher als einen geselligen Menschen. Strauß: Ich bin ein nicht ausübender Gesellschaftsmensch. Die Arbeit des Schreibens ist ein Akt der vollkommenen Exkludierung. ZEIT: Ist das eine Last? Strauß: Wenn ich hier bin und längere Zeit allein, muss ich mich immer erst daran gewöhnen. Aber es schärft die Sinne, es schärft die Erinnerung. Außer dem Aktuellen ist alles andere lebendig. ZEIT: Sie haben einmal geschrieben, dass die Freunde in der Abwesenheit gegenwärtiger sind. Strauß: Das ist wahr. Abwesenheit war für mich immer schon ein Mikroskop, eine scharf ziehende Linse. ZEIT: Aber davor muss immer etwas gewesen sein. Strauß: War ja auch. Nur: Was neu hinzukommt, wiegt das Gewesene nicht auf. Die Gewichtung verändert sich. ZEIT: Ihre Prosa nicht. Strauß: Doch. Der Grad der Gereiztheit hat abgenommen. Und ein grundsätzliches Moment ist mir vollkommen abhanden gekommen. Ich würde niemals mehr 116 ten sehr schroff und vereinfachend abweist: »Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer; aber es muß sein: ohne sie!« (PP 115). Doch das gehört vermutlich zu den wechselnden Positionierungen, eine Festlegung scheinbar abzulehnen, denn es lässt das Ungesagte (die andere Seite der Differenz) immer auch mitgedacht sein. Diese Methode gilt, wie auch Diana Florea anführt, als provokative Geste. In Bezug auf die Thesen des »Bocksgesangs« stellt sie fest: »Diese schwankende Ausdrucksweise, bei der eine Aussage die vorhergehende umdeutet oder widerlegt, ist charakteristisch für Strauß und wirkt äußerst provokativ. Sie verkörpert aber zugleich ein Bekenntnis zu Multiperspektivismus und Mehrdeutigkeit und bezeugt somit eher Komplexität als Extremismus«204. Angesichts der im Werk auffallend präsenten und konstanten Wechselbewegung zwischen den Polen Innen- und Außenwelt, scheint die Interview- Aussage das Fragment aus Paare, Passanten ausgleichen zu wollen. Das Verständnis von Strauß’ Dialektik erweitert ein Fragment aus Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie (auf das im nächsten Kapitel detailliert eingegangen wird): »Man sieht: solange in der Kunst die Ordnung unter Menschen verhandelt wird, ist Dialektik ihre ergreifendste Bewegungsform – ergreifend wegen ihrer Nähe zum Ritus der Passage und zur Initiation, deren Gang, kleine Tode zu sterben, dann zur Negation abstrahiert wird.« (BEG 123) Strauß’ Betrachtungen widmen sich neben der Gegenwart vor allem der Vergangenheit sowie der Abwesenheit und ihrer Ästhetik. Im Gespräch kommt zum Ausdruck, dass alternative Zukunftsentwürfe kein wesentlieiner Dialektik folgen, die darin bestünde, dass aus dem Beobachten hervorginge, wie es denn anders sein solle. ZEIT: Indem man sagt, wie etwas ist, gibt man zugleich zu erkennen, dass man nicht einverstanden ist. Sie sind in einer Schärfe nicht einverstanden, die Ihnen nicht nur Gegner einbringt, sondern auch nach Änderung verlangt« (Ulrich Greiner: »Am Rand. Wo sonst. Ein ZEIT-Gespräch mit Botho Strauß«). 204 Diana Florea: »Sprechen, Schweigen, Schreiben bei Botho Strauß. Das Thema der verbalen Kommunikation als selbstreflexive Auseinandersetzung des Schriftstellers mit den Möglichkeiten der Sprache« (S. 15, Anm. 10). 117 cher Bestandteil des Schreibens sind.205 Der folgende Auszug verdeutlicht übergreifend die bisherigen Aussagen zu künstlerischen Auseinandersetzungen, zur Technikdominanz und zur Unbestimmbarkeit der Entwicklungsrichtung und Strauß konzentriert sich an dieser Stelle insbesondere auf die rasanten Veränderungen um die Jahrtausendwende: »Die große Zunahme an surrealer, mediengestützter Phantasie hat bis heute keine künstlerische Gegenwelt heraufbeschworen (die Schärfe des einen Bilds, der Tanz im streng begrenzten Bewegungsraum). Es gibt offenbar in der ästhetischen Sphäre nichts Gegnerisches mehr, sondern nur noch konsensitive Kräfte, die es drängt, sich dem Selben zu verbinden. * Noch sind wir Wesen vor der großen Fusion. Nach dem Anschluß des persönlichen Bewußtseins an den Daten-lifestream des Computers wird jeder weit über seine Verhältnisse leben. Seine indviduelle Lebenserfahrung, seine Lebensdaten werden in seinem Bewußtseins- oder Datenleben nahezu verschwinden. * Wir erleben j e t z t die Stunde, die niemals kommt. Die Entwurfserfahrung ist der eigentlich virtuelle Gehalt der neuen Technik. Früher war, was der Fall ist. Heute ist, was wird. Proponieren, propagieren, prosperieren, projektieren – nur das Unvorstellbare kann hier contra geben.« (WTE) In Der Untenstehende auf Zehenspitzen aus dem Jahr 2004 reformuliert und präzisiert Strauß die obenstehende Beschreibung. Die Aussage wurde inhaltlich erweitert und in der zeitlichen Perspektive neu ausgerichtet. Im Kern greift sie bereits auf, wie drastisch die so genannten sozialen Medien den Menschen in ihre Präsentationsoberfläche hineinziehen: »Noch sind wir Wesen vor der Großen Fusion. Noch ist der Anschluß des persönlichen Bewußtseins an den Daten-lifestream nicht geschaltet, eine Online-Anwendung, die jedermann weit über seine biografischen Verhältnisse leben ließe. Seine dünne individuelle Lebenserfahrung könnte dann in einem grandiosen syn- und diachronen Bewußtseinstheater, in einem Wust von Fremd-Leben untergehen.« (UAZ 62) 205 Es gibt Ausnahmen, so zum Beispiel einen Entwurf einer dystopischen Überwachungs- und Bespitzelungsgesellschaft in Vom Aufenthalt, vgl. VA 184-190. Die Funktion derartiger Gegengesellschaften wird im sechsten Kapitel dieser Untersuchung näher betrachtet. 118 Kombiniert mit der digitalen »Großen Fusion« wird es laut Strauß zu einer Auflösung der individuellen Grenzen kommen, in deren Folge die Individuen ihre Autonomie verlieren und sich in die Umwelt hinein auflösen werden. Die Verflachung wird die Wissensgesellschaft beziehungsweise die nach Weninger »vermeintlich technokratisch-medienbesessene Anspruchsgesellschaft«206 dahingehend verändern, dass ungefestigte Persönlichkeiten leichter in den Sog geraten als aufgeklärte, die über einen Erfahrungsfundus verfügen. Strauß nimmt eine ausgewiesen fatalistische Haltung ein, spricht davon, dass »der Mensch bereits Maschinenmensch [sei], bevor ihn die Nanoboter übernehmen. Natürlich ist er thymisch längst erledigt, bevor er genetisch mutiert. Und nur sein ausgeblasenes Innenleben ermöglichte den Einzug des Weltganzen« (WTE). Die Deutung liegt auf der Hand: Der Mensch wird im Zuge der Globalisierung und erst recht in der Globalität seine innere Autonomie verlieren, wenn die technische Entwicklung fortschreitet, und darüber hinaus in einem »Weltganzen« bis zur Unkenntlichkeit aufgehen. Im Zuge der Veränderung verliert der Mensch, nun »[h]alb Chip, halb Tiefe«, seinen ›reflexiven Zwischenraum‹ (ZOV 95). Die nicht aufhaltbare Ausdifferenzierung und Systemverselbständigung (in) der Umwelt schränken die Beobachtungsfähigkeit seiner Innenwelt ein. Wie Strauß schreibt, ist »[d]er Wettlauf der Verbesserungen [...] vollkommen immun gegenüber Skepsis oder Ethik« (ZOV 95) und er konstatiert weiter: »Fortschrittsängst[e]« irritieren den »modularen Menschen« nicht mehr, solange und weil ihn »[d]as Binnentranszendente der Systeme« (ZOV 96) ablenkt. Zugleich exkludiert die schon erwähnte Wissensgesellschaft den Menschen, vor allem den »kritischen Intellektuellen« (ZOV 96). Strauß fragt aus naheliegenden Gründen: »Welche gleichgewichtige Gegenfigur wäre hier noch vorstellbar?« (ZOV 96) und ergänzend kann gefragt werden, was also in der Umwelt und was von der Innenwelt bleibt. Den Kopf sieht Strauß eine Erde werden ohne aktive und selbstgewählte Anknüpfung an die Diskurse der Umwelt: »Kunst, Seele, Gedächtnis, sie schaffen weiterhin, doch schaffen sie schon verwaist – außerhalb der Sphäre, die über den Charakter des Zeitalters entscheidet. Die Textur ist komplett. An die Stelle des Skeptikers wird der Unverbundene treten oder der heilige Idiot. [...] Ich bin der Knoten, der nichts den- 206 Robert Weninger: Streitbare Literaten. S. 152. 119 kende Knoten ... ich bin der Mensch, in dem sich die Verständnisse seiner Zeit zu einem unlösbaren Knoten verknüpft haben. [...] Ich verstehe nicht, mich der grenzenlosen Mittel und Vermittlungen zu bedienen ... Verstehe ich aber, mich ihrer zu erwehren? Ich stand in Verbindung und wurde von Verbindungen unterbrochen. Ich, ein armes deutsches Überbleibsel, das der Wahnsinn zu berühren vergaß, bevor er sich in den Wassern der Globalität auflöste…« (ZOV 96) Aus der zitierten Stelle geht deutlich hervor, wie Strauß die Auswirkungen der Globalisierung bewertet: Der Mensch ist herausgelöst aus seinem bisherigen Aktionsbereich und wird gegen seinen Willen in ein Netz eingewebt. Dieses Geflecht wiederum ist nicht starr, sondern beweglich und ohne die vormals absichernden Grenzen; es drohen Heimatverlust oder Wahn, im schlimmsten Fall beides. Frei interpretiert lösen sich Wahn und Mensch in der Globalität auf. Andrzej Denka weist im Zusammenhang mit Strauß’ Essay darauf hin, dass eine »mediale Vernetzung und Globalität« in der Folge zu »Komplikationen im Bereich des Religiösen und der Zeitperzeption« führen kann, die »gar neue Formen des Religiösen innerhalb des säkularen Bereichs, die den Ersatz für wahre Religion bilden«, auslösen können; Strauß gilt »die laufende Epoche [...] somit als ›Zeitalter der Trance‹«207. Im Subkontext findet sich die politische Dimension angedeutet, zu der anzumerken ist, dass Joachim Güntner in der Neue Zürcher Zeitung Strauß als den »Soziologe[n] der Weltgesellschaft«208 bezeichnet, der in der Globalisierung auch einen Kampf zwischen Kulturen sieht. Güntner betont jedoch fälschlicherweise eine Diskrepanz zwischen den soziologischen Diagnosen zur Weltgesellschaft209 auf der einen Seite und den von Strauß verfolgten Ansätzen auf der anderen. Er bezieht sich hierbei insbesondere auf den Kurzessay »Der Konflikt«. Es verhält sich jedoch vielmehr so, dass die Weltgesellschaft eben auch den religiösen oder politischen Kultur- 207 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement? Eine systemtheoretische Untersuchung zu Peter Handke und Botho Strauß nach 1989. S. 289. 208 Ulrich Güntner: »Deutsche Sorgen, türkischer Nationalismus und Botho Strauß als Soziologe der Weltgesellschaft. Albträume vom Minderheitendasein im eigenen Land«. 209 Vgl. Ulrich Güntner, der »Auflösung familiärer Produktion, Abhängigkeit des Lebens von Technik, Übertragung von Erziehung und Ausbildung auf Schulen und Universitäten, Verflechtung internationaler Organisationen, Industrialisierung und Verstädterung« als einige Beispiele der soziologischen Weltgesellschaftstheorie anführt (Ulrich Güntner: »Deutsche Sorgen, türkischer Nationalismus«). 120 kampf bestärkt, da dieser als systeminterne Irritation zu betrachten ist. Aus dieser Perspektive wird die folgende Aussage verständlicher: »Wie kam es zu der törichten Einbildung von einem globalen Wir? Von einem weltweit gemeinsamen Schicksal? Das muß der letzte Täuschungseffekt der sogenannten Aufklärung gewesen sein, dort, wo sie bereits in gefährlichen Obskurantismus umschlug. Jeder verliert seine Welt an die Welt. Das mögen sich Philosophen denken, aber diesen hilflosen Informierten verdirbt man ihr Haus damit!« (ZOV 104)210 Das vereinende Schicksal besteht, wie Strauß betont, im Verlust der eigenen Wahrnehmungswelt in die Umwelt hinein. Jeder Mensch kämpft für sich allein um das Überleben in der Gesellschaft. Die Teilnahme an Gesellschaft – als Strategie der Selbsterhaltung durch Anschluss – verläuft, wie in diesem Kapitel mehrfach angedeutet, über Kommunikation. Die Vernetzung mit einhergehender Medialisierung bespricht Strauß vor allem ab 2010 in Das blinde Geschehen und Die Lichter des Toren, jedoch findet sich im aus heutiger Sicht technisch unschuldigen Jahr 1999 ein früher Hinweis auf die künftige Verschmelzung von Mensch und Netzkommunikation, die »Hypostase der allgewaltigen Kommunikation« (ZOV 100). Es lässt sich nicht vermuten, dass Strauß oder die Medienphilosophen der 1990er Jahre Friedrich Kittler, Hans Blumenberg oder Vilém Flusser social media oder gar smart phones in diesem Zusammenhang für mehr als kühne Visionen gehalten hätten, doch umso treffender sind Strauß’ Beobachtungen noch aus heutiger Sicht: »Die Geste am Ausgang der Neuzeit ist der Kontrollblick, der auf dem Display den Umsprung der Anzeige erwartet. Das Beisichsein des Lesenden wie des Knienden war die Voraussetzung seiner Teilnahme. Die Teilnahme am Netz setzt einen permeablen Nutzer voraus.« (ZOV 100) Kommunikation verkommt zu einem inhaltsleeren Selbstzweck und wer die Intimität des Zweiergesprächs211 verlässt und in die Welt kommuni- 210 Angesichts der Reaktorkatastrophe in Japan 2011 revidiert Strauß später in »Herrschen und nicht beherrschen. Stilfragen der Krise« seine Aussagen bezüglich eines ›gemeinsamen Weltschicksals‹. 211 Vgl. auch AB 68: »Wer sich bei einer privaten Unterhaltung von Millionen Unbeteiligter begaffen läßt, verletzt die Würde und das Wunder des Zwiegesprächs, 121 ziert, beherrscht nicht mehr die »Kybernetik des Gesprächs«212, wodurch es zu einer Entortung sowie einer ungewollten Kollektivisierung im globalisierten Reden kommt: »Das Aussenden beherrscht immer einseitiger die Welt, die Leistungen des Empfangens lassen nach. Der Drang sich mitzuteilen gerät meinem Nächsten schnell außer Kontrolle. Seine Rede bildet sich nicht, wie es die Kybernetik des Gesprächs verlangt, in der geheimen Rückfrage bei mir, dem Empfänger. Sie berücksichtigt mich nicht. In der Sprache können wir Tag für Tag weniger Welt bewältigen. Je großspuriger (»globaler«) man redet und rechnet und denkt, um so gewisser findet die letzte Ritzung, die das Wort vermag, in einer sehr entlegenen Provinz statt.« (ZOV 97) Die Orientierungslosigkeit in Raum und Zeit greift um sich und der Mensch sieht sich plötzlich mit einer Zeit konfrontiert, für die es keine »Vorboten«, so der Titel des Essays, gibt. Alle Veränderungen ereilen den Menschen unvorbereitet und doch routiniert: »Prolongationen, Vorgabeerfüllungen, Sättigungen. Der Mensch in seinem Hamsterrad. Das Anderswerden abgeklungen« (ZOV 98). Nach vollendeter Globalisierung, wenn der Zustand der Globalität erreicht sein wird, wird es erneut möglich sein, die Gegenwart zu beobachten und sich eine neue Orientierung zu verschaffen. Beinahe erwartungsvoll heißt es: »Endlich alles peripher!« (ZOV 98). Doch macht der Umschwung in die Antithese diese Hoffnung zunichte, weil gezeigt wird, dass der Kapitalismus kein Heilsversprechen ist: »Wenn es indessen darauf hinausläuft: vom Tod der Ideologien zum allesbefriedenden Ökonomismus zu gelangen, dann darf man sagen: es liegt ein heroisches Zeitalter des Scheiterns hinter uns« (ZOV 98).213 Weder eine der Rede von Angesicht zu Angesicht, und sollte mit einem lebenslangen Entzug der Intimsphäre bestraft werden«. 212 Hierin kann ein Verweis auf das systemtheoretische Kommunikationsmodell gesehen werden, das sich von den etablieren Sender-Empfänger-Modellen unterscheidet. Kommunikation verläuft über Leitdifferenzen und Subdifferenzen nach dem Muster Information-Mitteilung-Verstehen. In der Massenkommunikation entfällt der Rückbezug, mit den von Strauß benannten Konsequenzen. 213 Vgl. Botho Strauß: Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau: »lch nehme an, Sie thesaurieren Ihr Vermögen. Es kommt aber darauf an, das perpetuum crescens dieser Welt, das Geld, in seinem Wachstum nicht zu hemmen, das heißt: ihm freien Umlauf zu gewähren. Taler, Taler, du mußt wandern, und der Rubel, der muß rollen« (S. 51). 122 »verborgen[e] Wahrheit« (ZOV 99) noch eine »[g]länzend[e] [...] technische Aufbereitung« (ZOV 99) erlauben noch Anschluss, obgleich der Mensch in dieser Lage zum »Herr[en] der Netze« (ZOV 99) geworden ist. Für Strauß geht die Entkoppelung soweit, dass »[d]as letzte Jahrhundert des Menschen« (ZOV 99) angebrochen ist und durch zwei verheerende Weltkriege die Zeit der gravierenden Unterscheidungen vorbei zu sein scheint oder stärker denn je aufblüht, abhängig davon, welche Bedeutung man dem Terminus Hochzeit entnimmt. Die Dualität – »Hochzeiten von Weh und Wohl, Böse und Gut!« (ZOV 99) – ist für Strauß zugleich ein Schaffensprinzip, das im metaphorischen Verschwinden des Menschen resultiert: »Was folgt, gehört den Nachfolgern des Menschen. Gewissen ausführenden Organen. Die technisch wie ideell uneingeschränkte Erfahrbarkeit der Welt erforderte ein maßloses, ein Monster-Subjekt. Da dies nicht im Interesse der Evolution zu liegen scheint, tritt an die Stelle der Wahrnehmungsbeschränkung durch Idee, Ideologie oder zweckbestimmte Überzeugungen eine starke Verminderung der Erfahrungsintensität. Die Sache wird vorsichtshalber zum Spaß betrieben.« (ZOV 99) Das von Strauß geforderte »Monster-Subjekt« entspringt der beschriebenen »Großen Fusion« und wird eingeschränkt, worin eine Komplexitätsreduktion zu sehen ist, weil auf Mechanismen wie Ironie oder bewusste Ausblendung zurückgegriffen werden kann.214 ›Technische Aufbereitung und Ausblendung‹ beschleunigen dann wiederum auch die Entkoppelung von der authentischen Kunst. Den Verlust des Gewesenen anzuklagen, ist eines der Werkprinzipien Strauß’. Es zeigt sich in den frühen Theaterkritiken und es zeigt sich in den späteren generellen Betrachtungen zur Kunst, in denen die mediale Oberflächlichkeit für das Schwinden der Authentizität herangezogen wird. Eine vergleichbare Sicht auf Kunst verhandelt Strauß bereits 1977 im Stück Trilogie des Wiedersehens (TDW). Eine Gruppe Kunstinteressierter setzt sich im Rahmen einer gegenwartskritischen Ausstellung mit der Funktion und Bedeutung von Kunst auseinander. Die Metareflexion über den Ausstellungsinhalt gerät immer mehr in den Hintergrund des Zusammenspiels der Bühnencharaktere, die allesamt konturlos und indifferent bleiben, auch wenn der Titel ein Wiedererkennen suggeriert. Sie sind 214 Das »Monster-Subjekt« taucht unter anderen Bezeichnungen an weiteren Stellen in Strauß’ Werken auf und das Kapitel zum Idiotie-Diskurs wird darauf zurückkommen. 123 »menschenleere Menschen« (TDW 319) und eine Person benennt die Schwierigkeiten des Wiedererkennens mit der Formulierung »Du gibst mir kein Gefühl für mich« (TDW 319). Einzig die poetologische Regelhaftigkeit des Stückes verschafft ihm einen klaren Rahmen. Das stückinterne Sprechen über Kunst entlarvt hingegen, dass es in sich so selbstgefällig wie selbstreflexiv ist. Kunst ist an dieser Stelle nur der Impuls und nicht Handlungselement der Rede. Die anklingende Medienkritik zielt vorrangig auf eine Kritik an der Fragmentierung der Welt ab, wodurch die photorealistischen Werke in der Ausstellung ihre Weltspiegelung und Realitätsdarstellungen nicht mehr an die Mitglieder des Kunstvereins vermitteln können. Kunst wird in diesem setting zur Staffage und verliert den intendierten Gegenwartsbezug für die Figuren. Die Bühne wird dadurch zu einem formal geschlossenen Laboratorium der sich selbst überlassenen Menschen, deren Versuchsanordnung nicht zuletzt auch durch die Dialogführung gestaltet wird. In fast allen Dramen von Botho Strauß impliziert Sprache »die Unmöglichkeit der Verständigung«215, ihre Undeutlichkeit, Unbestimmbarkeit, Unzulänglichkeit, wie Marlene Faber kommentiert: »Das Prinzip, das Strauß für den Aufbau von Dialogen bzw. Szenen benutzt, besteht darin, daß er Situationen schafft, aus denen sich verschiedene personelle und dialogische Konstellationen ergeben können. Daß sich aus einer Gruppe von Personen, die sich in einem Raum befindet, in einem mehr oder weniger geselligen Rahmen, verschiedene Konstellationen herauslösen, ist banal. Und genau dieses banale Prinzip macht Strauß sich zunutze für den Aufbau seiner Szenen.«216 Aufgrund dieser vordergründigen Banalität, die im Übrigen auch gestandene Regisseure vor Herausforderungen stellt, erlangen die Stücke eine interne Komplexität, die bei strengeren Vorgaben und Szenenbeschreibungen schwerer zu erreichen wäre. Der Sachverhalt, dass Medien in Strauß’ Wahrnehmung als der Antipode des Theaters auftreten, tritt in anfangs herangezogenen Rezensionen deutlich hervor. Die hauptsächliche Gefährdung durch Medien besteht darin, dass diese, wie Strauß in »Zeit ohne Vorboten« konstatiert, Kunstwerke »unaktualisierbar« (ZOV 102) machen und eine Verflachung in Form einer gesteigerten »Beschußquote durch Reize« (ZOV 102) bedingen, damit diese überhaupt vordringen können. 215 Marlene Faber: Stilisierung und Collage. S. 30. 216 Marlene Faber: Stilisierung und Collage. S. 29f. 124 Auch in diesem Essay propagiert Strauß eine Rückkehr zu den in diesem Sinne echten Werken, denn Literatur vermittelt, in Ergänzung zu re-aktualisierten Augenblicken, ein »Reservoir der Menschenkenntnis«, das jedoch am deutlichsten und leichtesten aus der »Quelle großer Werke« und weniger aus den »seichten Ausläufer[n] auf den gegenwärtigen Bestsellerlisten« abzuleiten sei. Strauß nimmt an dieser Stelle den lesenden explorer (vgl. VA 15) vorweg: »Der Gegensatz zur leserfreundlichen Literatur ist nicht die leservergrämende, sondern der andere Leser. Dem das Lesen schwerfällt. Vielleicht aus Gründen einer höheren Legasthenie, sicher aber aus solchen der Kunst. Denn nur als Kunst wird sich das Lesen von Literatur erhalten. Die Neugier wird sich allmählich wieder aufs Entziffern umstellen. Und da unser ›Bildungswesen‹ dafür nicht mehr zuständig ist, werden es eben wieder die Mönche übernehmen: Autoren, die ihre Geheimnisse an spätere Autoren weitergeben.« (ZOV 103) Literatur ist für Strauß also in einem Zwischenbereich von Verfall und Bewahren verortet, in dem trotz aller von ihm angeführten Verflachung noch Hoffnung schimmert. Die anfangs untersuchten Essays zu literarischen Vorbildern stehen in dieser Tradition der Heldenverehrung und des Heldenanschlusses, deren Auslöser (so Strauß viel später) in einem »größere[n] zeithistorische[n] Bedrängtsein« (LDT 99) des Gegenwartsmenschen liegt. Schriftsteller sind auch der Gesellschaft entsagende Mönchswesen, in deren Abfolge sich Strauß eingliedert und aus der Kette heraus die Welt beschreibt, wenngleich den Kopisten eventuell Fehler unterlaufen mögen. Die Reflexionen im Prosaband Die Fehler des Kopisten (1997) über Zyklen und den Fortschritt münden folgerichtig in der Erkenntnis, dass der Gegensatz zwischen Paradies und Hölle auch in der Literatur Fortbestand hat. Die Auflösung erfasst neben dem Menschen auch seine Umwelt als ›fading der Dinge‹ (vgl. ZOV 103): »Vom Finger bleibt nichts als der Fingerzeig. Der Körper verflüchtigt zum Digital, der Sozialkörper zum Medial. Ein geschlossener Austausch von Täuschungen ... Was ist das Blau des Himmels anderes als eine Lichtbrechung, was der Kummer mehr als ein Mangel an Serotin ...? Die Erde mehr als ein Ort immer höher steigender Abstraktion? Der Wissenswille ist als Fluch nicht einschränkbar, der ewige Rückenwind vom Paradies ...« (ZOV 103) 125 Dieser Essayauszug kann als Anschluss an das Credo der zwei Jahre zuvor publizierten Bandes Die Fehler des Kopisten gelesen werden, das »[s]o viel Vorgeschmack auf die Hölle. So wenig Nachgeschmack vom Paradies« (FDK 107) lautet und verdeutlicht, dass das Individuum sich in einer Auflösungsbewegung befindet. Die Dinge verblassen und ebenso die Worte und Erinnerungen, was sich laut Strauß in einem Dilemma der großen Zerrissenheit äußert: »Aber die Worte entfernen sich unaufhaltsam von dem, was Gestalt ist an uns. Auf solche Weise bestehen wir aus Unveränderlichem und ständiger Verflüchtigung zugleich« (ZOV 104f.). Fatalistisch lässt sich fragen: Was bleibt? Und antworten: Nichts bleibt. Die Schlussformulierungen des Essays erinnern zudem an die halbwachen, halbtoten Sinnesimpulse von Wahnsinnigen, Träumenden oder Ertrinkenden, denen Realität und Schlafes- beziehungsweise Todesaugenblick zu einer indifferenten Übergangssphäre verschwimmen und den Strauß an dieser Stelle in eine enge Beziehung zu den Globalisierungstendenzen setzt.217 Der eine Zustand spiegelt sich in den anderen, was Strauß in Kongreß – Die Kette der Demütigungen als »Treibschlaf« (KKD 53) bezeichnet und »in dessen gemischter Sphäre schärfer als je am Tag das Profil des Vermissens hervortritt und verschollene Zeit hochtreibt und ihren ganzen bittersüßen Illusionszauber entfaltet. Der Geruch von Bakelit im warmen Zimmer, ein Hauch von ›Taft‹ übers Haar, als es noch nicht schädlich war – jede Winzigkeit gestochen scharf und lupenrein bewahrt in der äußeren, dünnsten Hülle des Schlafs, dem webenden Nicht-Mehr und Nie-Wieder.« (KKD 54) 217 Vgl. den angedeuteten Grenzübertritt im »Fiebertraum«, der in Die Hypochonder als »helle[r] Rausch« bezeichnet wird: »Wann denn, wenn nicht in diesem überreizten und zugleich äußerst willenlosen Zustand durchflutet das Hirn eine ähnliche Fülle von strahlenden Sinnbildern, rätselhaften Gedanken und nie vernommenen Stimmen. Und wer, wenn nicht der Fieberkranke, erlebt in den Augenblicken der höchsten Körpergefahr jene Ruhe der hellen Begeisterung, jene bergende Gleichgültigkeit, in der er sich allem überläßt, was im Inneren oder von außen ihm zustößt oder zustoßen könnte. An der zarten Grenze aller Grenzen gelangt dann der Kranke oft mit jedem Traumschritt zwei Fußspannen über den eigenen Tod hinaus. Er sieht sich, ja erkennt sich in dem alten Bild vom ewigen Flaneur, der zur Mittagsstunde an den Ufern seines Hirns dahinspaziert und sich zerstreut« (HYP 29). 126 Ein solches Herantasten an die Außenhülle der Innenwelt, das heißt die verborgenen Erinnerungssphären, prägt auch das vielschichtige Erzählverfahren in Herkunft und rahmt oder verbindet auf diese Weise sehr verschiedene Texte des Werkes, indem Inhaltslinien erzeugt werden, die es Strauß ermöglichen, sich zum Beispiel der Gegenwart zu entziehen oder ein intertextuelles Netz zu spannen. Auf die Essays aus der Periode 1997 bis 2000 bezogen lässt sich konkret feststellen, dass auch die Umwelt sich aufzulösen scheint, die »Netze und Systeme« (ZOV 105) drohen in einem mystischen Bild ›durchzuglühen‹, »[d]as große, freie und tiefe Abirren des Geistes« (ZOV 105) öffnet den Weg in eine indifferente Wahrnehmung, in der die Sinne beschnitten sind, »[u]nfähig, den Schatten anders als den Schatten zu erfahren« (ZOV 105). Die von Strauß beschriebene Auflösung betrifft gleichermaßen die Innen- und die Außenwelt, denn alles ›fadet‹ und entrinnt dem beobachtenden Individuum. Es handelt sich hierbei insbesondere um eine Ästhetisierung des Gefühls einer Überdeterminierung und weniger um eine tatsächlich stattfindende Auflösung. Der äußere Mensch bleibt trotz aller inneren Widerstände intakt und von Globalisierungsprozessen unberührt. Und obwohl der Titel suggeriert, dass es für den geschilderten Zustand keine Vorboten und somit auch keine Vorzeichen gegeben hat, handelt es sich keinesfalls um einen plötzlich eingetretenen Zustand, sondern viel eher um eine spezifische (lyrisch anmutende) Wahrnehmungsperspektive, die deutlich wird, wenn sehr selektiv der letzte Absatz des Textes stärker betont wird: »Ohne Erwartung auf das Ende. [...] Der Inhalt löst sich ganz in Rhythmus auf. [...] Ich träume in Inseln, ich wache in Inseln. Alle Zusammenhänge haben enttäuscht.« (ZOV 105) Von diesem Fading, das unter anderem in Paare, Passanten218 oder Vom Aufenthalt219 besprochen wird, ist es dann kein langer Weg mehr zu weiteren, 218 Vgl. PP 190: »Wie aber lassen sich das Fading, die vielfach verschränkten Codes des Unbewußten klar ausdrücken, falls die Sprache diese Botschaften nicht veruntreuen will?«. 219 Vgl. VA 259: »[…] das eigene Nachlassen zum Epochenbegriff erhebend, als Außenseiter an der Außenseite jeder ernsthaften Frage abgleitend, Alter-steilzeit lesend, wo Alters-teilzeit geschrieben steht. Schutz suchend vor dem Steinregen eines gesprengten Romans, der hier auf geräumigen Seiten niederprasselt – ein Mann in solcher Lage möchte nur noch unter die Leute, zwischen ihnen zerge- 127 dringlichen Themen des Globalisierungsgeschehens, die Strauß in der Nachwendezeit in den öffentlichen Diskurs einbringt. 2.13 Kultur- & Heimatverluste: Politische Aussichten Strauß spannt in seinen essayistischen Texten einen weiten Bogen und vereint sehr unterschiedliche Themenfelder; hier alternativ von Außenpunkten zu sprechen scheint angesichts der vollzogenen Vernetzung wenig sinnvoll. Indem er unter anderem die Anknüpfung an die Gedankenwelten frühmoderner Schriftsteller, die Einbettung des zeitgenössischen Theaters in gesellschaftliche Kontexte oder die Betrachtung der Welt als vernetzte und systemganze Einheit (die zudem den Stellenwert und die Bedeutung von Digitalisierung und Exklusion gleichermaßen verhandelt) miteinander verbindet, werden die evidenten Kernthemen und die verbindungsliniengestützten Kontouren seiner Globalisierungskonzeption erschließbar. Zwischen diesen Feldern existieren verschiedenste Verbindungswege und es wäre möglich, die Texte in ganz anderen Abfolgen in Dialoge eintreten zu lassen. Über die beschriebenen Schnittstellen und Themencluster hinaus gibt es weitere Bereiche, so zum Beispiel die Bedeutung religiöser Motive oder Mythen, welche in der vorliegenden Arbeit jedoch nur äußerst rudimentär betrachtet werden. Mit der hier angelegten Globalisierungskonzeption sind zudem jene Texte verbunden, die einen politischen Kern besitzen, allen voran der vielgerühmte und ebenso vielgescholtene Essay »Anschwellender Bocksgesang«, dessen Rezeptionsgeschichte seit Erscheinen ausführlich erforscht wurde.220 Es soll im Folgenden herausgearbeitet werden, was ihm unter Berücksichtigung der Globalisierungskonzeption Neuhen, sich auflösen in ihnen, und wenn es auch Kartenspieler sind, die ihn nicht mitspielen lassen. Der Tag fading out […]«. 220 Siehe hierzu u.a. Bernhard Greiner: »Wiedergeburt des Tragischen aus der Aktivierung des Chors? Botho Strauß' Essay ›Anschwellender Bocksgesang‹«. Ralf Havertz: Der Anstoß: Botho Strauß' Essay »Anschwellender Bocksgesang« und die Neue Rechte. Eine kritische Diskursanalyse. Strauß wurde als Teil dieser so genannten Neuen Rechten gesehen und Volker Weiß zeichnet in Deutschlands Neue Rechte. Angriff der Eliten – von Spengler bis Sarrazin in kurzer Form jene Inhalte des Essays nach, die für eine Zuordnung sprechen (vgl. S. 48-53). Im »Bocksgesang« wird jedoch wie in keinem anderen Text das Dilemma der Trennung der vielschichtigen Begriffsbedeutungen deutlich, wenn die Verständniswelt des Autors auf die Verständniswelten der Rezensenten prallen. 128 es zu entnehmen ist.221 Der Text ist ungeheuer vielschichtig und erlaubt unterschiedliche kritische Lesarten, so wie sie seit 1993 mehrfach erfolgt sind, wenngleich der feuilletonistische Diskursrumor in den Monaten nach der Veröffentlichung gehörig über das Ziel einer neutralen Begutachtung hinausgeschossen ist; die Verselbstständigung mag schlicht dem Selbsterhaltungs- und Selbstreproduktionstrieb des Mediensystems geschuldet sein und prägt bis heute die Wahrnehmung des Autors im öffentlichen Diskurs stärker als literaturwissenschaftliche Studien. Im Rückblick wird indes deutlich, dass Strauß’ Essay zu jenen Texten gezählt wird, die von etablierten, teils linken, teils konservativen Schreibenden wie Hans-Magnus Enzensberger, Martin Walser, Christa Wolf, Peter Sloterdijk, Peter Handke oder jüngst Sibylle Lewitscharoff mit der ›Dresdner Rede‹, verfasst wurden und allesamt in gleicher Weise die Diskurse der Kultur, der Literatur, der Medien, der Politik und letztlich auch der Wissenschaft polarisierten und provozierten; auch Günter Grass’ Roman Ein weites Feld löste einen vergleichbaren Literaturstreit aus.222 Andrzej Denka resümiert die Themen der geführten Debatten folgendermaßen: 221 Jedoch soll keine weitere Deutung nach dem Schema Provokation/Inhalt erfolgen. 222 Für ein besseres Verständnis sowie eine rückwirkende Einordnung sei auf Günter Sautters Studie Politische Entropie. Denken zwischen Mauerfall und dem 11. September 2001 verwiesen. Sautter untersucht die Debatten um Strauß’ »Anschwellender Bocksgesang«, Enzensbergers »Aussichten auf den Bürgerkrieg«, Walsers »Sonntagsrede« und Sloterdijks »Regeln für den Menschenpark« und generiert ein Beziehungsgeflecht zwischen ihnen, das so einerseits den Kern der jeweiligen Debatte in der Phase der politischen Neuausrichtung nach dem Mauer- und Systemfall freilegt und andererseits die Eskalations- und Skandalisierungspraktiken der verschiedenen Diskurse entlarvt. Sautters Fazit ist für die Netz-Positionierung des Strauß-Textes erhellend: »Allerdings stellt sich an diesem Wendepunkt ein neues Problem, das ich politische Entropie nenne. Auf der Landkarte politischer Kultur weisen nicht zwei Nadeln zum gleichen Pol. Nichts schränkt die Beliebigkeit jeder einzelnen Orientierung ein. Folge dieses neuen Kontingenzbewußtseins sind ein dramatischer Abbau von Komplexität und eine neue Form von Uniformität. Wenn auch unter ganz und gar anderen geschichtlichen Bedingungen, wähnen sich die Zeitgenossen vor alten Problemen. Die irritieren handfest in Wirtschaft, Politik und Kultur; ein neues Krisenbewußtsein bildet sich. Zutage tritt, daß Freiheit und Verunsicherung zwei Seiten der gleichen Münze sind. Wer das beobachtet, sieht sich vor der Chance und Herausforderung, neue Ordnungen des Zusammenlebens zu entwerfen. Zu diesem Zweck steht ihm vor allem jene Denkfigur des Widerstands zur Verfügung, die aus den Jahren der Totalitarismus-Angst stammt. Allerdings ist dieses Werkzeug unbrauchbar geworden. Angesichts politischer Entropie könnte es nur das Durcheinander vergrößern, 129 »(stichwortartig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit genannt): Bioethik, Sterbehilfe, Altern der Gesellschaft, Globalisierung, Civilisation-Clash, Terrorismus. Dieses äußerst heterogene Material braucht nicht detailliert dargestellt zu werden, sollte aber als Hintergrund der ›deutsche[n] Debattenkultur‹ nach dem Jahr 1989 zumindest mitgedacht werden.«223 Die Debatten und Eklat-Texte erhalten ihre Durchschlagskraft auch dadurch, dass sie manchmal sehr bewusst, manchmal unbeabsichtigt an die Kommunikationen weiterer Systeme anschließen; sie wandern von Diskurs zu Diskurs, verselbstständigen sich, werden skandalisiert und können, wie im Falle des »Bocksgesangs« nicht mehr eingefangen werden. Derartige Multikodierungen von Aufklärung und Unterhaltung geschehen zumeist in Form von Genredehnungen (und somit nachfolgend anderen Beobachtungsdifferenzen). Ein Essay von Strauß über die Tragweite der Medien kann Literatur und zugleich ein Teil der Massenmedien sein, wenn er unter dem Aspekt ›Information‹ im Spiegel erscheint. Entscheidend für die System-Zuordnung eines Textes sind die Fragen zu Code, Programm, Medium und Funktion, die an den Text gestellt werden. Mit anderen Worten ist Text das Medium verschiedener Systeme wie Massenmedien, Literatur und Literaturwissenschaft. Im Umkehrschluss handelt es sich um drei sich unterscheidende Beobachtungsperspektiven auf denselben Gegenstand. Zweifelsfrei ist auch, dass verkaufsstarke Unterhaltungsliteratur für mehrere Systeme Leistungen224 erbringt. Es wird deutlich, dass Literatur nicht das zu beheben wäre. So bedarf es seiner Umdeutung. Auf ganz verschiedenen Wegen experimentiert die Semantik der Zeit an diesem Projekt. Mal gebärdet sie sich konservativ, mal realistisch, mal subjektivistisch, mal ontologisch. Immer aber läßt sich diese Arbeit in die Gleichung fassen: Widerstand gegen Gleichschaltung verpuppt sich zum Widerstand gegen Durcheinander. Wie sein Vorgänger peilt er die Rückgewinnung fehlender Unterscheidungen an« (S. 303f.). Zudem ist eine Lektüre von Robert Weningers Studie Streitbare Literaten: Kontroversen und Eklats in der deutschen Literatur von Adorno bis Walser so erhellend wie unterhaltsam. 223 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement? Eine systemtheoretische Untersuchung zu Peter Handke und Botho Strauß nach 1989. S. 60. 224 Im Kunstsystem beziehungsweise Literatursystem erfüllt umsatzstarke Unterhaltungsliteratur die Funktion ›Produktion von Kunstwerken‹, in anderen Systemen kann sie als Leistungsstimulus fungieren, zum Beispiel im System Massenmedien trägt sie zur Funktion ›Unterhaltung‹ bei, im System der Wirtschaft zur Funktion ›finanzieller Erfolg, Umsatzsteigerung‹, im System des Rechts regt sie notwendige 130 ausschließlich in einem System Operationen unterzogen wird. Eine eindeutige »Zuordnung zu Kunst oder Unterhaltung«225 wird erschwert, weil die individuelle Grundhaltung des Beobachters unterschiedliche Zugänge zu Definitionen und Verankerungen schafft, woraus resultiert, dass die Zuordnung von der zur Unterscheidung herangezogenen Leitdifferenz abhängig ist. Gerhard Plumpe und Niels Werber kamen 1996 in ihrem spielerisch-theoretischen Essay über Literatur und Systemtheorie zu dem Ergebnis, dass (entgegen der Strauß’schen Auffassung) ›Unterhaltung‹ ebenfalls eine Funktion der Kunst sein kann.226 Dies ermöglicht dann auch, Filme, Serien, Comics durch Eigenschaften wie kurzweilig oder unterhaltend dem Kunstsystem zuzuschreiben. Die vorrangige Differenz des Kunstsystems ist dann nicht mehr ausschließlich jene von schön und hässlich, insbesondere dann nicht, wenn die Texte so angelegt sind, dass sie über die Grenzen des Kunstsystems hinausragen. Es ist also möglich, im Kunstsystem (zu dem auch das Literatursystem gehört) teilweise mit den Codes aus dem Funktionssystem Wissenschaft (wahr/falsch) zu operieren oder an das Schema Neuigkeit/keine Neuigkeit der Medien anzuschließen. Diese Aufweichung der starren Definition, die Strauß propagiert, ist notwendig, um weitere Dimensionen von Texten erschließen zu können (sofern die systemtheoretische Vorgehensweise beibehalten wird). Die Frage ist dann nicht mehr, ob Literatur ›schön‹ oder ›nicht-schön‹ ist, sondern ob das, was sie beschreibt, ›wahr/falsch‹, ›real/irreal‹ oder ›logisch/unlogisch‹ ist – und naheliegend in diesem Kontext: wie tragen textinterne Differenzen dazu bei, die gesellschaftliche Ausdifferenzierung aufzugreifen? Die provokanteren Essays der letzten Jahre widmen sich immer auch in einer ›Entscheidungen zum Urheberrecht, Übersetzungen, sekundärer Verbreitung‹ an, zudem kann sie je nach Ausrichtung und Qualität der Texte im Erziehungssystem zur Funktion ›Bildung‹ beitragen. Das Literatursystem trägt durch seinen Output auf vielfache Weise zur Stabiliserung der Umwelt bei. Verbreitungsmedien wie Buchdruck oder elektronische Medien erhöhen die Wahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation bei gleichzeitiger Abwesenheit anschlussfähiger psychischen Systemen (das heißt Personen, Empfänger, Partner, Debatteure, Rezensenten, Leser, Hörer und so weiter). Verbreitungsmedien garantieren Kontakt, symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wie Bücher ermöglichen die Anschlusskommunikation. (vgl. Morten Knudsen: »Metodisk overrasket – om systemteori og funktionel metode«. S. 21f. & 26). 225 Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. S. 124. 226 Gerhard Plumpe & Niels Werber: »Systemtheorie in der Literaturwissenschaft oder ›Herr Meier wird Schriftsteller‹«. S. 185. 131 Weise der Moralfrage (›ist etwas gut oder böse?‹), als wüssten die Autoren, dass ihnen durch eine provokante These mehr Aufmerksamkeit zuteilwird. Harro Müller sieht darin eine Erweiterung der internen Prozesse des Kunstsystems, denn es »können derartige Problemfelder aufgrund von System-Umweltreferenzen im Kunstsystem bequem mitbehandelt werden. Traditionell formuliert: Das Schöne wird aus seiner Bindung an das Gute und Wahre entlassen. Das bedeutet einen großen Terrainzugewinn, weil nun z.B. das häßliche Wahre und das schöne Böse ohne Schwierigkeiten zum Thema der Kunst werden können.«227 Dieser Sicht kann im spezifischen Fall der Provokations-Essays in Teilen widersprochen werden beziehungsweise sollte sie ergänzt werden, weil diese Texte über andere Kanälen veröffentlicht werden. Dadurch nehmen zumindest Essays (und Reden) eine Sonderposition im Kunstsystem ein. Die weiteren Erläuterungen Müllers gelten wiederum uneingeschränkt für die Essays. »Verfahrenstheoretisch wird viel stärker als in der alteuropäischen Vormoderne auf Selbstreferenz umgestellt, und es werden Beobachtungen zweiter Ordnung favorisiert, ohne auf Beobachtungen erster Ordnung zu verzichten. Der mit der Ausdifferenzierung des Kunstsystems verbundene Komplexitätszugewinn ist allerdings mit metaphysischem, moralischem, kognitivem und politischem Verbindlichkeitsverlust erkauft. Die Eintrittskarte in die Moderne als funktional differenzierte Gesellschaft bedeutet für das Kunstsystem, daß metaphysische, kognitive, moralische und politische Fragen auf der Programmebene behandelt werden müssen, welche die jeweiligen Codes außer Kraft setzt. So kann das Kunstsystem das politische System beobachten und Politisches im Kunstsystem thematisieren; in der Moderne gibt es aber keine politische Kunst, weil die Codes des politischen Systems und des Kunstsystems nicht identisch sind und sich nicht wechselseitig ersetzen können.«228 Der jeweils gewählte Code bestimmt die Rezeptionsweise des Essays mehr als intern angelegte Codes und geliehene Differenzen. Die Häufung von provokanten Essays seit den 1990er Jahren hängt sicherlich auch mit den 227 Harro Müller: »Luhmanns Systemtheorie als Theorie der Moderne«. S. 100. 228 Harro Müller: »Luhmanns Systemtheorie als Theorie der Moderne«. S. 100f. 132 veränderten Bedingungen der Gesellschaft und ihrer Verbreitungsmedien zusammen und sie nähern sich bewusst etablierten Tabus an, spielen mit dem Risiko des Eklats. »Wie wird man das Jahr 2015 in Erinnerung behalten?«, fragt Thomas Assheuer anlässlich eines Jahresrückblickes in der Zeit und verweist auf die Verarbeitung gesellschaftlicher Momente wie Kriegsherde und Flüchtlingsströme im Zeitalter der Globalität: »Man hat erkannt, wie verworfen die Weltgemeinschaft ist und wie rasend schnell sich liberale Staaten in autoritäre Regime zurückverwandeln, um ihren eigenen Weg zu gehen. Die Weltgesellschaft ist keine one world. Sie mag sich auf Klimaziele einigen – aber sonst ist sie unregierbar. Damit dürfen sich Schriftsteller, die nach landläufigen Maßstäben als konservativ gelten, kraftvoll bestätigt fühlen. Sie glaubten noch nie an eine Weltinnenpolitik, und über die Behauptung, das westliche Lebensmodell werde von allen Kulturen dankbar in Empfang genommen, konnten sie nur lachen. Und das übrigens schon seit je, nicht erst heute. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs richtet sich die Hauptlinie der konservativen Kulturkritik gegen die rücksichtslose Modernisierung des Erdballs; dazu gehören klassischerweise Autoren wie Curzio Malaparte oder Ernst Jünger, in der Gegenwart sind es zum Beispiel Botho Strauß, Christian Kracht oder Michel Houellebecq. Sie attackieren die liberale Moderne, denn, weltweit verbreitet, führe sie in eine historische Sackgasse und provoziere erbitterte Gegenwehr.«229 Neben der Aussage einer versagenden »one world« ist der Hinweis auf die Attacke auf die liberale Moderne aufschlussreich, weil sie den drei genannten Gegenwartsautoren ein gemeinsames Programm anheftet. Schon 2004, das heißt ein gutes Jahrzehnt vor Assheuers Studie zur Sprachkritik230 bei Botho Strauß, stellt Sebastian Kleinschmidt fest: »Strauß’ Autorschaft steht für die Suche nach geistigen Kontrapunkten in einer eben davon leergeräumten Welt, eine Suche, die auch Ächtungen nicht fürchtet. Seine Gegenmächte existieren nicht im politischen Raum, es geht um mentalen Widerstand. Strauß ist ein bekennender Unpolitischer, der geschichtlichen Heilsversprechen nie verfallen ist.«231 229 Thomas Assheuer: »In der Nacht der Götterferne«. 230 Vgl. Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. 231 Sebastian Kleinschmidt: »Gefundener Ort, gemiedene Zeit«. 133 Ob Strauß als politischer oder unpolitischer Autor zu sehen ist, soll an dieser Stelle nicht weiter besprochen werden. Doch liegt die Überlegung nahe, ob Strauß’ »Anschwellender Bocksgesang« nicht auch deshalb hervorsticht, weil er stärker politisch kontextualisiert wurde, als es der Autor möglicherweise beabsichtigt hatte.232 Dass der Essay das vor allem linke Lager aufschreckte wie ein Wespenschwarm einen Kindergeburtstag, kann im Bruch mit der bis dahin geltenden kollektiven Ausrichtung gegen ein konservatives Geistesklima erklärt werden. In das linke Selbstverständnis einiger Medien und vieler Bürger in den 1980er und frühen 1990er Jahren trieben diese Texte tiefe Stachel. Robert Weninger beschreibt die Gründe für den Aufruhr damit, dass Strauß’ Essay »das gescheiterte Projekt der Aufklärung in einem neuen Anlauf und von einer neuen Warte aus voranzutreiben 232 Strauß hat den Eklat um den »Bocksgesang« nie öffentlich kommentiert, sondern die Debatte weitestgehend sich selbst überlassen. Ein Briefwechsel zwischen Strauß und Theater heute wurde gegen den Willen Strauß’ veröffentlicht (vgl. Franz Wille & Peter von Becker: »Bekenntnisse eines Unpolitischen?«). Neben dem ›Postscriptum 1994‹ in der Essaysammlung Der Aufstand gegen die sekundäre Welt, wo es unter anderem heißt: »Vielleicht hat gerade seine Form dazu geführt, daß die Sache nicht so glatt durch den Tag rutschte wie das meiste sonst. Die kurze, schlanke Gescheitheit, die der Journalismus bevorzugt, erfaßt nichts vom Labyrinth der jetzt erlittenen Welt« (AB 77), findet sich eine Reflexion in »Zeit ohne Vorboten«: »Wie der Romantiker der beginnenden Industrieepoche Vorzeit und Frühe erinnerte, wird auch der Romantiker der barbarischen Wissensgesellschaft Vorzeit und Frühe erinnern. (Wie? Ich der einzige, ich ganz allein, in den Wiedervereinigung, das Wort, als ein Tautropfen fiel? Der einzige, der sie nach ihrem mystischen Wortsinn aufnahm und davon deutscher wurde, als es die Zeitgeschichte erlaubt. Damit habe ich mich vor meinen intelligenten Zeitgenossen ebenso lächerlich gemacht, wie sie umgekehrt mir als armselig und unbegabt für die Epoche erscheinen)« (ZOV 101). In Die Fehler des Kopisten fällt der Rückbezug spöttischer aus: »Der Bocksgesang, den ich einmal unvorsichtig berief, war vorgerückt bis an mein Haus. Ein heiteres Mecker-Konzert mit obstinaten Bässen« (FDK 36). Vgl. auch Der Untenstehende auf Zehenspitzen: Der »Maniak oder Anarchist« besitzt in der Literaturgeschichte oder Demokratie größere Akzeptanz als ein »rechtsstehende[r] Autor« (UAZ 112). Unabhängig von der ausgebliebenen Kommentierung und Selbstbezichtigung der Ereignisse im Nachgang des Essays verweist Helga Arend darauf, dass das gewählte Medium dazu führt, »dass der Text wie eine Erläuterung von aktuellen gesellschaftlichen Zuständen gelesen wird« (Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 200). Die Publikation innerhalb des Mediensystems provoziert, wie an der Debatte deutlich wird, andere Anschlüsse als sie eine Publikation an weniger öffentlicher Stelle im Literatursystem hervorrufen würde. 134 [versuchte], indem er mit seiner Tirade den wohlstandsgesättigten Bundesbürger aus seiner Selbstzufriedenheit aufzuschrecken und den an den Hebeln der Macht vermeintlich prinzipienlos gewordenen Alt-68er aus seiner Nabelschau herauszureißen«233 vermochte. Just dieser Bürger hatte erst durch den Marsch durch die Institutionen seinen Status als Bürger erreicht. War ihnen der frühe Strauß noch irgendwie genehm, weil er »den Intellektuellen seiner Generation, den so genannten ›68ern‹, und dem jeweiligen Zeitgeist einen klug-ironischen Spiegel vor[hielt]: Paare, Passanten zwischen Beziehungskitsch, Beziehungschaos und autistischer Vereinzelung«234, nahm er nun eine ihnen fremde (und ihnen unangenehme?) Position ein. Der Spiegel wurde plötzlich zu einem Zerrspiegel. Der auf den Skandal statt auf den Inhalt gerichtete Blick trägt bis in die Gegenwart dazu bei, dass der »Bocksgesang« bei zumeist oberflächlicher Lektüre als Label, Beweis oder Brandzeichen einer rechten Gesinnung außerhalb des sonstigen Werkes angesiedelt wird. Das zeigt sich vor allem daran, dass (als negativ besetzte ultima ratio?) im Feuilleton reflexartig auf den »Bocksgesang« verwiesen wird, sobald eine Zeitung einen neuen Prosatext oder ein neues Bühnenstück von Strauß ankündigt, bespricht oder einen Essay abdruckt; so zuletzt, als der Spiegel den Essay »Der letzte Deutsche« im Herbst 2015 oder Die Zeit im April 2017 Strauß’ Aufruf zur »Reform der Intelligenz« veröffentlichte. Immer wieder zeigt sich im Zusammenfall von Publikation und medialer Hysterie, dass die Reaktionen nach theatralischen Mustern ablaufen und dass die Rinnsal erweiternde Reduktion Strauß’ auf den »Bocksgesang« in etwa der Fragwürdigkeit entspricht, Leonard Cohen ausschließlich auf dessen (unsägliches) Lied »Hallelujah« zu reduzieren und damit das restliche Werk in den jeweiligen Schatten der zu Unrecht so überhöhten Ausnahme zu stellen. Der nach dem Erscheinen des »Bocksgesang« entstandene Medienfuror lässt insofern an ein vom Autor inszeniertes oder zumindest initiiertes Stück denken, das durch die Publikation im Spiegel ein Publikum erreichte, das auf diese Konfrontation nicht vorbereitet schien. Der »Bocksgesang« provozierte auch durch die Verquirlung von politischen Ereignissen mit Ästhetik und Weltanalyse in einer wenig zugänglichen Sprache vor einem überrumpelten Publikum. Wie der Briefwechsel zwischen Strauß und Theater heute zeigt, unternahm Strauß im 233 Robert Weninger: Streitbare Literaten: Kontroversen und Eklats in der deutsche Literatur von Adorno bis Walser. S. 156. 234 Matthias Kußmann: »Botho Strauß wird 60. Porträt und Hinweis auf sein neues Buch: ›Der Untenstehende auf Zehenspitzen‹«. 135 Nachgang wenig, um die Hysterie zu lenken oder gar zu beenden.235 Oliver van Essenberg stellt fest, dass Autoren wie Strauß oder Handke »die Massenmedien ganz gezielt als Teil eines kulturellen Handlungsfeldes«236 nutzen und Thomas Assheuer ergänzt den obigen Auszug um die Feststellung: »Sie blicken vom Mond auf die Erde und stellen sich vor, wie der verhasste Liberalismus sich kulturell erschöpft, wie er sich zu Tode siegt oder gleich von der Bühne verschwindet«237. Mit der Wortwahl eskaliert Assheuer seinen Standpunkt, mildert ihn jedoch umgehend wieder ab: »Erstaunlich viele Zeitgenossen können sich für die Untergangsszenarien begeistern. Denn die konservative Modernekritik trifft einen Nerv«238. Es liegt daher nahe, derartige Essays von Autorinnen und Autoren, die sich einer tagespolitischen Agenda widmen, zusätzlich nach der Leitdifferenz Skandalpotential/mediale Langeweile zu untersuchen. Vor der Lektüre des Essays »Anschwellender Bocksgesang« (AB) unter den Vorzeichen der Globalisierungskonzeption steht jedoch die Feststellung, dass zwischen der inneren Komplexität und der Komplexität der Umwelt des Textes ein ungefähres Gleichgewicht besteht, das heißt, dass die beabsichtigte Vielschichtigkeit des Textes es erlaubt, differenzierte Antworten auf gesellschaftliche Fragen an den Text zu bekommen. Die initiale Frage lautet im Kontext dieser Studie, ob Strauß’ Globalisierungsdiskussion beziehungsweise -konzeption auch die Form und den Aufbau des Textes prägt? In dieser Lesart fallen als erstes die Indefinitpronomen ›jemand‹ und ›man‹ auf, welche die ersten beiden Absätze einleiten. Von einer »freien Gesellschaft« (AB 57), von einem »Großen und Ganzen« (AB 57) oder von »ungeheuer komplizierten Abläufe[n] und Passungen« (AB 57) ist die Rede, ein »Organismus des Miteinander« (AB 57), »ein unfaßliches Kunststück« (AB 57) oder ein »schwerverständliche[s] Rumoren« (AB 57) werden als schwebende, ungreifbare Merkmale der beobachteten Welt hervorgehoben und von einem Verweis darauf flankiert, dass kein Zustand ewig währt. Bereits zu Beginn des Textes werden eine diffuse Exklusion sowie Unverständnis des Be- 235 Vgl. Franz Wille & Peter von Becker: »Bekenntnisse eines Unpolitischen? Ein Briefwechsel mit Botho Strauß«. Der Vorgang der Veröffentlichung des Briefwechsels provozierte eine juristische Auseinandersetzung zwischen Strauß und Theater heute, siehe hierzu auch die äußerst minutiöse zeitliche und sachliche Einordnung in Ralf Havertz: Der Anstoß: Botho Strauß »Essay Anschwellender Bocksgesang« und die Neue Rechte; eine kritische Diskursanalyse. 236 Oliver van Essenberg: Kulturpessimismus und Elitebewusstsein. S. 11. 237 Thomas Assheuer: »In der Nacht der Götterferne«. 238 Thomas Assheuer: »In der Nacht der Götterferne«. 136 obachters (›jemand‹, ›man‹) etabliert und zugleich ein Übergang angekündigt; der Text zieht den Leser zu sich, die Sprache erzeugt eine suggestive Kraft, die als jene heranzoomende Perspektive eines außenstehenden Beobachters ins Auge des Lesers sticht. Der Übergang wiederum zeigt sich am Wechsel zum ›wir‹ im dritten Abschnitt und ist, um in der Perspektive des Essays zu bleiben, systemimmanent und fester Bestandteil der Reproduktion einer demokratischen Gesellschaft im Verhältnis zu benachbarten Gesellschaften: »Wir sind in die Beständigkeit des sich selbst korrigierenden Systems eingelaufen. Ob das noch Demokratie ist oder schon Demokratismus: ein kybernetisches Modell, ein wissenschaftlicher Diskurs, ein politischtechnischer Selbstüberwachungsverein ...? Sicher ist, dieses Gebilde braucht immer wieder, wie ein physischer Organismus, den inneren und äußeren Druck von Gefahren, Risiken, sogar eine Periode von ernsthafter Schwächung, um seine Kräfte neu zu sammeln, die dazu tendieren, sich an tausenderlei Sekundäres zu verlieren.« (AB 58) Es scheint, als sei der Mensch, als sei die gesamte Gesellschaft gefangen in diesem »sich selbst korrigierenden Syste[m]«. Strauß spielt verschiedene Zuordnungen durch und erwähnt, dass ein gleichmäßiger Innen- und Au- ßendruck zur Stabilisierung beiträgt. Wenn man den Druck als Stimulans und Irritation versteht, dann werden die Mechanismen der Selbstkorrektur und Selbstreproduktion konkreter benannt. Identische Prozesse der Selbststabilisierung anhand interner Kodierungen sind in Luhmanns Systemtheorie zu finden. Das von Strauß beschriebene System ist dem ›Funktionssystem Wirtschaft‹ nicht unähnlich, denn auch in ihm stehen Geld und Gewinn dem Verlust und der Unterlegenheit gegenüber.239 Strauß verweist auf 239 Vgl. Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft: »Auf Wirtschaft bezogene Kommunikation ist in allen Gesellschaftsformationen nötig, weil man sich über Zugriff auf knappe Güter verständigen muß. Sie ist in entsprechend vielfältigen Formen möglich. Das Ausdifferenzieren eines besonderen Funktionssystems für wirtschaftliche Kommunikation wird jedoch erst durch das Kommunikationsmedium Geld in Gang gebracht, und zwar dadurch, daß sich mit Hilfe von Geld eine bestimmte Art kommunikativer Handlungen systematisieren läßt, nämlich Zahlungen. In dem Maße, wie wirtschaftliches Verhalten sich an Geldzahlungen orientiert, kann man deshalb von einem funktional ausdifferenzierten Wirtschaftssystem sprechen, das von den Zahlungen her dann auch nichtzahlendes Verhalten, zum Beispiel Arbeit, Übereignung von Gütern, exklusive Besitznutzungen usw., ordnet« (S. 14). 137 einen Ausgleichsprozess, der die großen Unterschiede zwischen kapitalistischen und anderen Gesellschaftsformen verringert und neue Gesellschaftsordnungen herbeiführen kann: »Es ist bislang konkurrenzlos, weder Totalitarismus noch Theokratie brächten etwas Besseres zum Wohl der größtmöglichen Zahl zustande als dieses System der abgezweckten Freiheiten. Natürlich gilt das nur so lange, als wir davon überzeugt sind, daß allein der ökonomische Erfolg die Massen formt, bindet und erhellt. Nach Lage der Dinge dämmert es manchem inzwischen, daß Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder gar Überlegenheit zeigen werden. Wenn wir Reichen nur um minimale Prozente an Reichtum verlieren, so zeitigt das in unserem reizbaren, nervösen System nicht nur innenpolitische Folgen, sondern vor allem abrupte Folgen der politischen Innerlichkeit, den impulsiven Ausbruch von Unduldsamkeit und Aggression.« (AB 58) Ein Übergang kündigt sich laut Strauß deutlich erkennbar an, in dessen Verlauf das wirtschaftliche Denken und Handeln einer Stabilitätsgefährdung ausgesetzt wird, weil andere Formen der gesellschaftlichen Regulierung in den Vordergrund rücken. Strauß’ Sicht auf ein weltgesellschaftliches Systemganzes offenbart dann auch die Nebenwirkungen der Systemfortentwicklung oder der Selbstreproduktion der Gesellschaft, die sich zwar fortentwickelt, aber auch in der Stabilität beeinträchtigt werden kann. Autopoiesisprozesse (das heißt Selbstreproduktion nach spezifischen Regeln) erscheinen dem Außenstehenden als »kompliziert[e] Abläufe«, als »Rumoren« (AB 57). Kein Zustand ist statisch und so wirft Strauß die Frage auf, wie der Einzelne mit der Unstetigkeit der Umwelt umgeht. Verneinung, Umgehungsstrategien oder Affirmation sind nur einige der möglichen Anpassungen des Individuums an diese Gesellschaftsentwicklung. Strauß fordert ein, die Verhältnisse aus größerer Distanz zu beurteilen. Der folgende Auszug drückt indirekt aus, wie die getätigten Beobachtungen erneut beobachtet werden, indem die andere Seite der Differenz Status/Option mitgedacht und vor allem mitreflektiert wird: »Es scheint undenkbar, daß jemand in den Verhältnissen, in denen er lebt, die letzte und beste Erfüllung des gesellschaftlich möglichen Zusammenle- 138 bens erfährt. Wer vermöchte schon der Apologie der Schwebe, des Gerade-eben-Noch, einen glaubwürdigen Ausdruck zu verleihen?« (AB 60) Der Versuch, in der Auflösung und gegen Apathie einen neuen Halt zu finden, beherrscht den Standpunkt der Erzählstimme. Für sie wird zum Problem, dass eine interne Anpassung stattfindet, während sich auch die Gesellschaft fortlaufend im Zuge ihrer Ausdifferenzierung verändert. Alle Zustände sind in Bewegung wie unrunde Zahnräder in einem mechanischen Werkstück und die Stimme versucht, Augenblicksbilder zu fixieren, während sich alle Räder bereits weiterdrehen und sich hierdurch stetig neue Konstellationen herausbilden. Die Grundstimmung des Textes ist nur indirekt eine realpolitische, denn Strauß konfrontiert Politik übergeordnet mit ökonomischer Ideologie, indem er »Demokratie [...] oder schon Demokratismus« (AB 58) mit einem »Ökonomismus« (AB 58) verbindet und kontrastiert, was wiederum die Frage aufwirft, wo Strauß die Gesellschaft sieht. Wichtig ist ihm, zu verdeutlichen, dass das Komplexitätsgleichgewicht – das heißt der »inner[e] und äußer[e] Druck« (AB 58) – sich nicht auf eine Gesellschaftsform beschränkt und beibehalten wird, vor allem in fragilvolatilen Gesellschaften wie der westlichen, die den Konflikt, gleichgültig ob im Inneren oder mit Kräften in der Umwelt, scheut: »Wir warnen etwas zu selbstgefällig vor den nationalistischen Strömungen in den osteuropäischen und mittelasiatischen Neu-Staaten. Daß jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu verteidigen wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr. Daß ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich. Es ziehen aber Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen; bei denen es eine nachteilige Rolle spielen könnte, daß der reiche Westeuropäer sozusagen auch sittlich über seine Verhältnisse gelebt hat, da hier das ›Machbare‹ am wenigsten an eine Grenze stieß. Es ist gleichgültig, wie wir es bewerten, es wird schwer zu bekämpfen sein: Daß die alten Dinge nicht einfach überlebt und tot sind, daß der Mensch, der einzelne wie der Volkszugehörige, nicht einfach nur von heute ist.« (AB 58f.) Die so erzeugte Unterscheidung zwischen »liberal-libertären« weichen und schroffen Gesellschaften ist grundlegend für die im Essay angelegte Sicht. Sie ist trotz der großpolitischen Dimension eng verwandt mit Strauß’ kulturell-konservativer Geisteshaltung und dem Bestreben, das Authentische 139 bewahren zu wollen. Im Eklat nach dem »Bocksgesang« wurde Strauß für seine provozierende Terminologie angegriffen, hierunter Begriffe wie »Volk«, »Sittengesetz« oder »Blutopfer«. Der Vorwurf trifft in Teilen zu, vor allem, weil Strauß die Sachverhalte mit anderen Begriffen, die weniger anstößig sind, hätte beschreiben können. Christoph Rauen interpretiert die Begriffswahl zudem als Mittel, über die Wahl »›rechte[r]‹ Diskurselemente eine Selbstentlarvung bornierter Kritiker«240 zu erreichen. Nadja Thomas verweist auf »das spezifische Opferverständnis«241, das Strauß mit der Sprachwahl vermittelt, und führt weiter aus: »Das mangelnde Verständnis führt Strauß zu der Diagnose eines moralischen Verfalls in der liberal-libertären Gesellschaft. Denn der Mangel für das Verständnis von ›Blutopfern‹ verweise auf das Fehlen eines kultischen, mystischen und religiösen Verständnis für das Opfer als solchem, das sich auf eine heilige, unaufgeklärte, ›ganz andere‹ Ordnung bezieht. Aus dem religionsgeschichtlichen Opferkult zieht Strauß eine selbstverständliche Opferforderung, die er der liberalen Errungenschaft der Befreiung vom Opferzwang entgegensetzt. Der Opferkult bekommt seine Bedeutung dadurch, dass hier der Ort der Kommunikation mit den Ahnen und das Eintauchen in eine mystische Zeit möglich ist.«242 Die mythische Dimension des Begriffs kontrastiert Thomas Assheuer mit der Feststellung, dass die problematischen Begriffe »zu Recht als moralische Provokation aufgenommen« werden konnten.243 »Strauß, so lautete der Tenor einer durchaus schockierten Kritik, hält es mit einem politischen Existenzialismus, der das ›Vorpolitische‹ gegen das politisch Gerechte ausspielt und die lebendige ›Volksgemeinschaft‹ gegen die ›Marslandschaften‹ der ›Massendemokratie‹«244, so Assheuer weiter. Andrzej Denka ergänzt, dass »die demokratieskeptische, hier hauptsächlich wertkonservative, rech- 240 Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 116. 241 Nadja Thomas: »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt«: Botho Strauß und die »Konservative Revolution«. S. 149. 242 Nadja Thomas: »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt«: Botho Strauß und die »Konservative Revolution«. S. 150. 243 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. S. 209. 244 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. S. 209. 140 te Position, der die Haltung eines unabhängigen Dichters, eines poeta vates entspricht«, nicht dem Menschen Strauß zuzuweisen ist, sondern zur Erprobung und Diskussion der Thesen von einem »Sprecher« geäußert werden, von dem kein »Identifikationspotential« ausgeht.245 Abseits des kritisierten politischen Gehaltes lässt die Herausarbeitung der Globalisierungsdimension erkennen, dass Strauß’ Blick nach innen und zurück gerichtet ist. Die Aussage, dass »wir [...] nur nach innen um das Unsere [kämpfen]« (AB 59), ist somit als eine Aussage gegen das Globale und für das Individuelle zu verstehen. Im Gegensatz zur Frühphase der religionskriegerischen oder wirtschaftlichen Globalisierung trägt die westliche Gesellschaft ihre Konflikte nicht mehr in die Welt hinaus, sondern die Konflikte dringen in die westliche Gesellschaft ein und bedrohen sie von außen. Seit 2001 verdeutlichte Strauß diese Perspektive mehrfach, insbesondere als die Bedrohung durch eine (wie auch immer geartete) religiöse Konfrontationsansage an die tradierten christlichen und ökonomischen Werte des Westens in ihrer Aussage und Vehemenz immer expliziter wurde (vgl. DS 225, auch DK). Der »Bocksgesang« konzentriert sich nicht nur auf das Eindringen, sondern bewegt sich entlang einzelner Schlaglichter und verwebt diese. Zu diesen weiteren Themen gehört auch die Kritik an der »heile[n] Welt des Schmunzel-Moderators« (AB 60), in der sich das Individuum selbst genügt, solange es Produkte oder Medienunterhaltung konsumieren kann und in der »grell ausgeleuchteten« (AB 61) Oberflächlichkeit der Medien, die zugleich für »die Flüchtigkeit und Belanglosigkeit« und ein »verändertes Geschichtsverständnis«246 steht, dahindämmert. Parry erkennt im Essay auch die Intention, Vergangenheit und Fremdes und deren »nachhaltig[e] Spuren [...] in unserer Identität« zu würdigen. Mit dem »Bocksgesang« will Strauß gemäß Parry »zum Widerstand [auffordern], und zwar nicht gegen die politische Ordnung, sondern gegen das vorherrschende geistige Milieu, das […] keinen echten Bezug zur Vergangenheit mehr« hat.247 Diesem Ansatz begegnet man wiederholt in Strauß’ Werk, jüngst im Essay »Der letzte Deutsche«, und er kann dahingehend als programmatisch angesehen werden. Wie in schon im einleitenden Exkurs erwähnt wurde, rekurriert Strauß auf ökonomische Theoretiker und in Verbindung mit den wirtschaftskritischen Ansichten und Bemerkungen eröffnet sich ein relativ verborgener 245 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement? Eine systemtheoretische Untersuchung zu Peter Handke und Botho Strauß nach 1989. S. 156f. 246 Christoph Parry: »Geschichtsbild und Mythos«. S. 99. 247 Christoph Parry: »Geschichtsbild und Mythos«. S. 99. 141 Subtext mit Realbezügen, den Strauß nicht explizit kommentiert oder ausarbeitet. Dies geschieht vor allem im »Bocksgesang«, in »Man muss wissen, wie die Sonne funktioniert« (2005) oder in dem noch zu besprechenden »Herrschen und nicht beherrschen. Stilfragen der Krise« (2008). Ebenso kennzeichnend ist, dass er in den Medien, die »Gewalten des Blödsinns« (AB 65), eine Beschleunigungsinstanz für das Vergessen sieht, die jeweils eng an ihre Zeit gebunden ist, sich jedoch in der Gegenwart »appellativer geworden« ist und »bedeutende Fortschritte an Raffinement und Plazierung gemacht hat« (AB 65). 2017 sieht Strauß es immer noch so und er verbindet es in »Die Reform der Intelligenz« mit dem Begriff »Kitsch«, um sich vom Globalisierenden und Globalen zu distanzieren: »Das kritische Bedenken der Lage erfährt seine eigene Krise. […] Nun ist seit Längerem der untergründige Strom beliebigen Geplappers so stark, dass davon auch die feineren Sondierungen weiter oben nicht unberührt bleiben, ja selbst oft in den Strudel des billigen Meinens geraten. ldeenkitsch – weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester. Kitsch der Toleranz, Kitsch des Weltweiten, Humankitsch, Kitsch der Minderheiten und der Menschenrechte, Klima-Kitsch und Quoten-Kirsch, Kitsch von Kunst und Wahn […]. Nun, es herrscht Unruhe, und jede Entwicklung kann sich überstürzen.« (RDI 41) Gravierende Veränderungen auf der einen Seite treffen auf der anderen auf bewahrenden, restituierenden Kitsch in Form abstumpfender Berieselung. Strauß’ Anliegen besteht in einer Reflexion der Bedrohungen für den ›Abgesonderten‹, die er mit dem medialen Vegetieren kontrastiert, welches seinerseits mit der Verkennung des würdevollen Kerns der Mitmenschen, der sich bei diesen erst dann freilegt, wenn die Schutzgrenze des Individuums angegriffen wird, einhergeht. Hierin liegt auch eine überaus bewusste und mehrschichtige Verarbeitung von Exklusion und Inklusion durch Strauß angesichts der am Beginn der 1990er Jahre deutlicher werdenden und in »Anschwellender Bocksgesang« diskutierten Globalisierung, die vielfache Subdifferenzen zugleich erkennbar werden lässt: Mehrheit gegen Minderheit, Liberale gegen Rechte (im eigentlichen Wortsinn), Dämmerer gegen Intellektuelle, Intellektuelle gegen die eigene Gesellschaft, gegen das »kritische Bedenken«. Strauß positioniert sich so deutlich wie es die Sprache im »Bocksgesang« zulässt gegen tumbe Deutschtümelei und gegen die in den Jahren nach dem Mauerfall erstarkten Neonazis, negiert Kategorien wie 142 Nation und propagiert stattdessen eine geistige Heimat. »Erinnerung« befällt »den Menschen […], weniger den Staatsbürger«, »vereinsamt und erschüttert [ihn] inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt« (AB 62). Seine Interpretation des Begriffs ›rechts‹ geht auf »[d]er Rechte – in der Richte: ein Außenseiter« zurück, das heißt auf jemanden, der sich der Gesellschaft entzieht, sich freiwillig aus ihr exkludiert, sich dem Gewesenen zuwendet und sich dabei mit Nachdruck der »frevelhafte[n] Selbstbezogenheit, ihre[r] ebenso lächerliche[n] wie widerwärtige[n] Vergesellschaftung« entzieht (AB 62, vgl. auch LDT 43f.). Das Provozierende ist nun, dass dieser Außenseiter-Typus nicht mehr aus der Warte des Linksintellektuellen auf die Gesellschaft blickt, sondern die Zukunftsvisionen kurzerhand negiert und sich konservativ »gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und sie ausmerzen will« (AB 62), auflehnt. Die ›rechte Phantasie‹ malt sich »kein künftiges Weltreich aus, bedarf keiner Utopie«. Die von Strauß lancierte Alternative sieht vor, dass der »Wiederanschluß an die lange Zeit [...] ihrem Wesen nach Tiefenerinnerung und insofern eine religiöse oder protopolitische Initiation« (AB 62) sei. Strauß sieht eine Tendenz zur Unterwerfung bei den Linken und argumentiert gegen sie, verabscheut aber zugleich den rechten Pöbel. In diesem Sinne ist Strauß’ Programm von der kurzfristigen Politik losgelöst und widmet sich den Entwicklungen über lange Zeiträume. Bezeichnend für diese Sichtweise ist der Blick zurück in die Vergangenheit und die Suche nach Anschlussmöglichkeiten. Eine Teilnahme und Teilhabe an den genannten Optionen »Weltreich« und »Utopie« verweigert Strauß. Die Gesellschaft nimmt er in seinem Abgrenzungsrausch nur noch als Teil eines übermächtigen und alles umschließenden Systems wahr. Das beobachtete System erfüllt die Merkmale eines sozialen Systems, denn es reproduziert, immunisiert und stabilisiert sich selbst ohne aktive Teilnahme des Menschen, denn die restlichen Menschen werden zu »Mitwirkende[n], Systemkonforme[n]« (AB 69) verkleinert.248 Es bedarf einer Irritation durch »ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen« (AB 66) für den eigenen Erhalt. Vor allem in den Unterkategorien des Mediensystems und den Bereichen zwischenmenschlicher Interaktion nährt es sich aus der 248 Vgl. AB 64f.: »Das System bringt seine eigene Verüppigung, seinen eigenen Zerfall und vielleicht seine eigene Wiederherstellung hervor. Das System hat es so gewollt. Einschneidende, wirksame Maßnahmen lassen sich schon aus Systemgründen nicht durchführen …«. 143 Kommunikation, doch unterwirft es die individuellen Belange der Teilnehmenden und entmenschlicht ihre Beiträge: »Das Regime der telekratischen Öffentlichkeit ist die unblutigste Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste Totalitarismus der Geschichte. Es braucht keine Köpfe rollen zu lassen, es macht sie überflüssig. Es kennt keine Untertanen und keine Feinde. Es kennt nur Mitwirkende, Systemkonforme. Folglich merkt niemand mehr, daß die Macht des Einverständnisses ihn mißbraucht, ausbeutet, bis zur Menschenunkenntlichkeit verstümmelt.« (AB 68f.) Das Mediensystem drängt den Menschen aus sich heraus in ein Netz, in dem »letztlich alles mit allem in Berührung gerät« (AB 69), doch statt dieses als demokratisierenden Prozess wahrzunehmen, degradiert es den Menschen zu einem Lieferanten von Neuigkeiten im »Schau-Gespräch« wie im »Schau-Prozeß« (AB 68).249 Dass der »Bocksgesang« sich dem direkten Zugang widersetzt, liegt auch daran, dass Strauß die Vernetzung und Berührung aller Elemente mit allen anderen zum formalen Prinzip dieses Essays macht: Alle Themen existieren gleichberechtigt und Strauß oszilliert in rascher Abfolge zwischen ihnen und der Essay kann insofern als hyperkomplexe, mehrschichtige Textsphäre gesehen werden. In der Folge provoziert die abwesende Hierarchie der Aspekte den Leser, denn dieser wird nicht mehr in Richtung einer Aussage geleitet, sondern wird mit unzähligen Deutungsmöglichkeiten konfrontiert, erschwerend kommt die Negation hinzu, der Strauß die etablierten Orientierungsbegriffen unterzieht. Alle sind gleich viel oder wenig wert und erzwingen eine Neuausrichtung im Werteraster. Ausschließliche Positionen sind angesichts der Globalisierung, die in die erzählte Welt eindringt, obsolet. Als ein inhaltliches Zwischenfazit für den Teilaspekt ›Medien‹ bietet sich die folgende Bemerkung an: »Die Öffentlichkeit faßt zusammen, sie moduliert die einander widrigsten Frequenzen – zu einem Verstehensgeräusch« (AB 69). Strauß fordert einen »Leitbild-Wechsel« (AB 66) ein, von dem er weiß, dass dieser dennoch nicht eintreten wird, weil die Medien zu einer neuen Art von Bedürfnisanstalt zum Absondern eines »subversiven Gemütskitsches« (AB 66, vgl. RDI) oder »inzüchtige[r] Kommunikation« (AB 66) und für die »Abfalleinleitung aus den öffentlichen Kanälen« (AB 71) geworden sind. Strauß’ Kritik richtet sich gleichermaßen gegen Medien und ihre Konsumenten, die, 249 Die Vorführ- und Verführungskraft der Medien wird in der Detailbetrachtung der Konsequenzen der Globalisierung näher eingegangen. 144 ungeachtet ihrer politischen Verortung, »durchweg dasselbe konforme Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse« (AB 66) verwenden und neuerdings eine »dumpfe aufgeklärte Masse« (AB 68) verkörpern. Die Sprache der Medien und der Konsumenten ist laut Strauß ausgehöhlt und zu einer »sprachlichen Machtlosigkeit« (AB 67) verkommen und bahnt der medialen totalvernetzten Globalität, die er später in »Zeit ohne Vorboten« ausführlicher beschreibt, den Weg. Die Entwicklung mündet in einem »elektronischen Schaugewerbe«, sogar in einem »Weltschaugewerbe« (AB 67), das den Zugang zu den Tragödien und Mythen versperrt und Strauß schlussfolgert: »[d]ie Überlieferung verendet vor den Schranken einer hybriden Überschätzung von Zeitgenossenschaft« (AB 69). Strauß’ Beobachtungen führen zur Einsicht, dass der Druck der äußeren Kommunikation, das heißt die strukturell an das Individuum gekoppelte Kommunikation aller Systeme, die Empfänger in einer Empfängerstruktur vereint, da sie die gemeinsame Umwelt des (exemplarisch hervorgehobenen) Mediensystems darstellen. Innerhalb dieser Empfängerschar findet wiederum eine Binnendifferenzierung statt in ›Masse‹ und ›Versprengte‹. Der versprengte Au- ßenseiter flüchtet sich tiefer in seine Abwesenheitssphäre hinein und weiter weg vom Lärm der Masse. Strauß’ Diagnose führt zurück in einen von der Masse überlebten Kulturbegriff und ein exkludiertes Dasein des Poeten: »Wenn man nur aufhörte, von Kultur zu sprechen, und endlich kategorisch unterschiede, was die Massen bei Laune hält, von dem, was den Versprengten (die nicht einmal eine Gemeinschaft bilden) gehört, und das beides voneinander durch den einfachen Begriff der Kloake, des TV-Kanals, für immer getrennt ist… Wenn man zumindest beachtete, daß hier nicht das gemeinsame Schicksal einer Kultur mehr vorliegt – man hätte sich einer unzählige Zeitungsseiten füllenden ›kulturkritischen‹ Sorge endlich entledigt.« (AB 71) Seinen Optimismus einer neuen und plötzlichen Mündigkeit und Fähigkeit, die Illusion als solche zu erkennen, »daß alle Welt plötzlich den Glauben an den Schein verlöre« (AB 67), revidiert Strauß in den späteren Essays im Takt der technischen Entwicklung. Mit dem Einzug des Internets in die Wahrnehmungssphäre der breiten Masse geschieht eine Revision und vor allem Stärkung des Außenseiters, aber eben nicht der Masse.250 Der 250 Vgl. die folgende Passage aus »Wollt ihr das totale Engineering?«: »Ich kann mir nicht verbergen, daß die Kommunikationsströme des Computers oder Internet sich nie mit dem heißen Untergrund, dem unruhigen Magma des Gewesenen, 145 »Bocksgesang« ist im Kontext dieser Arbeit nicht ausschließlich politik-, medien, zeitgeist- oder zivilisationskritisch zu sehen, sondern will alle Begriffe zeitgleich auf die Probe stellen. Das macht den Text zur Provokation, als die er gedeutet wurde. Die Negation aller Werte wenige Jahre nach dem Mauerfall in dichten Worten aufgegriffen entspricht einem Hinweis auf Nacktheit, die damals nicht angemessen schien. Doch wie auch in Schlußchor oder Das Gleichgewicht folgt Strauß dem Zeitgeschehen so eng es ihm möglich ist, teils mit unangenehmen Wahrheiten. Abschließend bleibt zu bemerken, dass »Anschwellender Bocksgesang« in der Form und der Aussage ungewohnt drastisch ausfällt, dass es sich aber zugleich nicht um neue Gedanken handelt, wie die Zusammenführung mit den anderen Essays von Botho Strauß in diesem Kapitel zeigt. Und wie hervorgehoben wurde, wird vor allem in den neuesten Texten die Medienkritik zunehmend konkreter und Strauß lässt erkennen, dass er mit dem Gegenstand der Kritik vertraut und in der Lage ist, präzise und zeitlich präsente Diagnosen zu treffen. Medienkritik zielt in den späteren Texten immer auch auf Vernetzungskritik ab, die Strauß ebenfalls als Bedrohung für die Autonomie des Einzelnen sieht. Wenn Strauß im »Bocksgesang« also schreibt, dass die Moderne mit einem »Kulturschock« (AB 63) enden wird, nimmt dies unbeabsichtigt die politischen Ereignisse der Jahre 2001 bis 2015 vorweg. Es wirkt zudem so, als wollten die zwischen 1987 und 2000 verfassten Essays einen solchen Kulturschock vorsichtig vorab beschreiben, ihn eventuell sogar antizipieren, dies jedoch mit der festen Gewissheit, dass dieser anders eintreffen kann. Folglich überrascht es nicht, dass Strauß eigens hervorhebt, dass »[w]ir [...] von jeder nur möglichen Katastrophe ein Bild, lange bevor sie eintritt« (AB 75) haben und als Einschub fortführt: »(heute, hörig der Abstraktion, haben wir sie sogar bereits analysiert und ihren wahrscheinlichen Umfang ermittelt). Das Weltbild im Wechsel von Dante zum Computerszenario gleicht sich doch darin, daß es im Durchschein des Künftigen leuchtet und Licht verteilt.« (AB 75) Doch die Vorhersehbarkeit ist nur ein Trugschluss. Vor allem auch, weil es bei genauerer Betrachtung statt einer großen Katastrophe zahllose kleinere Zäsuren sind, die sich verdichten, auch wenn manche von ihnen größere Auswirkungen auf die Gesellschaft und ihre Selbstwahrnehmung wie vereinigen werden. Auch wenn ich noch so oft damit umgehe und spiele, das Zeug gewinnt keine Macht über mich. Ich käme ohne es aus«. 146 Selbstfortführung hervorbringen. Fiktive Ereignisse – oder nach Beck »[d]ie Inszenierung der Drohung: Das Könnte, Müßte, das Wenn-Dann«251 – sind bildlich untermalt und der Katastrophenfall wird präsent in jenem Zustand, den Beck und Luhmann als Welt(risiko)gesellschaft definieren. Strauß verweist auf Entwicklungszyklen, die auf eine Kulmination hinsteuern: »Die Schande der modernen Welt ist nicht die Fülle ihrer Tragödien, darin unterscheidet sie sich kaum von früheren Welten, sondern allein das unerhörte Moderieren, das unmenschliche Abmäßigen der Tragödien in der Vermittlung. Aber die Sinne lassen sich nur betäuben, nicht abtöten. Irgendwann wird es zu einem gewaltigen Ausbruch gegen den Sinnenbetrug kommen.« (AB 67) In der Adaption der Globalisierungsperspektive auf Strauß’ Essay fällt auf, dass die Unumkehrbarkeit der Globalisierung (beziehungsweise deren Folgen Weltgesellschaft und Weltrisikogesellschaft) die Grundhaltung hinter dem Essay widerspiegelt. Der von Botho Strauß benannte Kulturschock entspricht dem ›Globalisierungsschock‹252 bei Beck. Am Ende der von beiden erkannten und beschriebenen Entwicklung steht der Beginn der zweiten Moderne, in der die Dynamik der Globalisierung die tradierten Verhältnisse einer Neuordnung unterwirft. In der späteren Beschreibung des Anschlags auf das World Trade Center nahm Strauß die Metaposition eines Beobachters und Kommentators ein. Im Spiegel beschrieb er die Auswirkungen als »einen neuen Zeittakt« (DS 225) und analysiert die Medienkommentierung: »Für einen Moment ist die Welt, wie sie war, bei vollem Lauf in sich zusammengesackt, als die Türme von Manhattan, die beiden Schwurfinger des Geldes, mit einem fürchterlichen Schlag abgehackt wurden. Ein Schlag, der durch alle Köpfe, Kassen und Kanäle ging; wahrscheinlich am wenigsten durch gläubige Herzen. […] Auf die Blinden des Glaubenskriegs wird kein noch so pathetisches Selbstbekenntnis der Ungläubigen Eindruck machen. Die ganze große Kommunikationsmaschine wird von diesem einen Korn der Nichtverständigung gestört – und läuft in den Teilen, die für die Verständigung unter schon Verständigten sorgen, doppelt leer und heiß.« (DS 225) 251 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 202. 252 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 217. 147 Strauß kritisierte die mediale Aufmerksamkeit und kontrastiert die Betroffenheitskultur der »Hedonisten« mit dem Schweigen des »Weltgegner[s]«, daher fragt er in Bezug auf die Bedeutung des Terminus Gesellschaft weiter: »Unsere höchsten Werte der Zivilisation? Stammen sie nicht aus einer ›Gesellschaft‹, die diesen Namen noch nicht benutzte und weit davon entfernt war, ›offen‹ zu sein?« (DS 225). Hinzukommt die Kritik an der Sensationsgier der Medien, die dem Einsturz der Türme eine Videospielästhetik überstülpt: »Die Bereitschaft zum Event ist unter medialen Verhältnissen besonders hoch entwickelt – für den Einschlag war die Welt sehr empfänglich. Er traf uns nicht aus heiterem Himmel, sondern aus einem zunehmend bedrückenden.« (DS 225) In der Erzählung Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich verwendet Strauß diese Äußerung erneut als Slogan einer kulturkritischen Zeitschrift – »Die Welt ist immer bereit für den großen Einschlag« (DNA 125) – in einem Dialog zwischen dem Erzähler Marschner und einer jungen Frau. Über den Kontrast ›alter abgeklärter Mann‹ und ›junge, ungestüme Frau‹ skizziert Strauß verschiedene Positionen und vermischt erneut politische und ästhetische Ereignisse.253 Marschner ist »zu der Überzeugung gelangt, daß in einer Welt ohne Weltanschauung auch keine weltanschauliche Rede mehr geführt werden könne« (DNA 126) und stößt auf die »Weltanschauungsanimalität« der jungen Frau, die sich als Brandstifterin den Tarnnamen Lavinia gegeben hat254 und deren »politisch[e] Ansichten [...] konfus [waren], sie ließen sich nicht ordnen. Sie wollte auf etwas ganz anderes hinaus als Politik, verfing sich aber stets in irgendeinem weltanschaulichen Gespinst und konnte dann nicht aufhören, weiterzuspinnen und sich weiter darin zu verwickeln« (DNA 123). Zu ihrer Kommunikation schlussfolgert der Erzähler: »So war aus den beiden Welterörterern ein Gespann keuscher Hysteriker geworden, die sich nicht mehr voneinander zu entfernen wagten« (DNA 129) oder wie es in Schändung heißt: »Zwei halbe Hirne ergänzten sich zum Teufelsgeist«255. In Ergänzung zur Prosa reißt der Autor in sei- 253 Einen ähnlichen Kontrast verarbeitet Strauß auch in Die Fremdenführerin (1986). 254 Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Die Nacht mit Alice wurde mit Schändung Strauß’ Bearbeitung des Titus Andronicus in Paris uraufgeführt. 255 Botho Strauß: Schändung. Nach dem ›Titus Andronicus‹ von Shakespeare. S. 59. 148 nem Kurzbeitrag ferner eine Frage zur Unvereinbarkeit der Glaubensrichtungen Islam und Christentum an, die sich – wie entfernt die strukturelle Ungleichheit der Paarteile – als zwei Seiten einer Differenz verstehen lässt, deren Teile nicht in der Lage sind, an die jeweilige Umwelt anzuschließen, und damit unüberbrückbar geschlossen sind: »Die Blindheit der Glaubenskrieger und die metaphysische Blindheit der westlichen Intelligenz scheinen einander auf verhängnisvolle Weise zu bedingen« (DS 225). Der antizipierte »Kulturschock« aus »Anschwellender Bocksgesang« und dessen Manifestation hinter den Essays »Der Schlag« und »Der Konflikt« verdeutlichen auch, dass an den Ausläufern der Moderne Ereignisse und Risiken global interferieren. 2.14 Lähmende Unzugehörigkeit & Befreiungsschläge Von der künstlerischen oder sozialen ›Postmoderne‹256 und dem Ende des Kalten Krieges ist es nicht weit zu Ulrich Becks von Globalität geprägter Weltrisikogesellschaft257 der ersten zwei Dekaden des dritten Jahrtausends. In dieser führen kapitalistische Ausbeutung und die Veränderung der Arbeitswelt zu Zerrissenheit und Unzugehörigkeitsgefühlen, die durch »individualisiert[e] Existenzformen«258 ausgelöst werden. Das bürgerliche Schutz- und Wertgerüst zerfällt und die Exklusion aus der Normalität wird mögliche Konsequenz. Die Weltrisikogesellschaft greift auch dahingehend in die Privatsphäre ein, dass Risiken eine persönliche Dimension bekommen. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen den Extremen Risiko und Gefahr. Die »Risiko-Biographie« ist noch berechenbar, während die »Gefahren-Biographie«259 dies nicht mehr ist. Der Übergang zur Gefahren- Biographie beruht auf »der Subjektivität des Meinens, Unterstellens, Erwartens, Hoffens und Unkens«260. In der Möglichkeit des Ernstfalls steckt ein Gefährdungspotential, das den Einzelnen möglicherweise bis hin zur Lähmung beeinflusst. Die Frage, die Beck wie Strauß gleichermaßen bewegt, lautet, ob Krisen grundsätzlich beherrschbar sind. Für Beck sind die 256 Zur Begriffsdiskussion siehe das fünfte Kapitel zu Der Untenstehende auf Zehenspitzen sowie das sechste zu den Konsequenzen der Globalisierung. 257 Vgl. Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft: Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. Sowie: Ders.: Die Metamorphose der Welt. 258 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 255. 259 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 256. 260 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 256. 149 Folgen einerseits eine Exklusion aus Angst, dass die Verhältnisse einen überrollen,261 andererseits eine Gesellschaftsgefährdung durch Radikalisierung des Einzelnen: »Der Zwang zur Selbsttätigkeit, Selbstorganisation kann in Verzweiflung und damit möglicherweise in stumme, brutale Wut umschlagen. Wahrgenommene Gefahren-Biographien bilden den Nährboden für Gewalt und Neonationalismus und Revolutionen«262. Auf diesen äußerst differenten Nährboden hat Strauß sich mehrfach bezogen; einen damit verwandten Bezug auf die Verkettung von Wirtschaftskrisen, Tsunami und atomarer Gefahr lieferte Strauß 2011. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte er den Essay »Uns fehlt ein Wort, ein einzig Wort. Politik des Nichtbeherrsch-baren« und stellte dort einen Zusammenhang mit der Weltrisikogesellschaft von Beck her. Der Veröffentlichungstitel in der dritten Auflage der Anthologie Aufstand gegen die sekundäre Welt, »Herrschen und nicht beherrschen. Stilfragen der Krise« (HER), fügt sich nahtlos in diese Verweisstruktur ein. Gemein ist beiden, dass es neben der Frage der Macht(verteilung) um die empfundene Machtlosigkeit und die Dominanz der medialen Vermittlung komplexer ökonomischer Sachverhalte geht. Es treffen im Falle der Wirtschaft Desinteresse und »saturiert[e] Verachtung« (HER 166) zusammen. Hinzu kommt, dass »[d]ie kurzfristigen, die Ad-hoc-Erläuterungen komplexer Marktvorgänge in den TV-Nachrichten [...] weitgehend auf ein volkswirtschaftlich unvorbereitetes Publikum« (HER 166) treffen, das, so lässt eine Bemerkung in Die Fehler des Kopisten vermuten, fahrlässig das Gehörte nachspricht und aus dem sich manche selbst zu Experten erheben. Strauß’ Aussagen lassen den Schluss zu, dass die Überkommunikation und Überkommentierung der Weltlage zu einem Stabilitätsproblem wird: »Es vermehren sich die Infoholics, die Leute werden süchtig danach, fortwährend das Große und Ganze, die Weltlage abzuschätzen wie die Börsianer und darüber jedermann Mitteilungen zu machen der Art, wie man früher vom Wetter sprach. Das Doxische, das Dafürhalten, wird toxisch, es betäubt die Intelligenz wie das Schamgefühl, jetzt und gerade jetzt nicht: etwas Allgemeines von sich zu geben.« (FDK 103) Strauß verweist in »Herrschen und nicht beherrschen« sehr konkret auf die komplexe Innenstruktur des Wirtschaftssystems, das durch prägnante 261 Vgl. Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 256. 262 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 256. 150 Vordenker ebenfalls »einen erheblichen Einfluß auf die Politik und das soziale Leben« (HER 166) ausübt, obwohl die wirtschaftlichen Zusammenhänge für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung im Kern nebulös sind. In der Darstellung wird deutlich, dass systeminterner und politischer Dogmatismus teilweise die internen Selbstreproduktionsmechanismen verdrängt hat: »Keiner weicht von seiner Linie ab, bei keinem reißt sie irgendwo oder verbindet sich mit der Gegenlinie« (HER 167), schreibt Strauß, womit gemeint ist, dass ein Differenzmarker eine Linie zwischen Gegensatzmeinungen und -einstellungen zieht und dass die Wirtschaft sich gleichzeitig in Opposition zu einer betroffenen, aber nicht einbezogenen, Allgemeinheit setzt. Aus Sicht einer systemtheoretischen Herangehensweise scheint es auf den ersten Blick problematisch, Politik und Wirtschaft zu vermischen, doch ist unter Berücksichtigung des Textes »Man muß wissen, wie die Sonne funktioniert«263 anzunehmen, dass Strauß diese Vermischung bewusst vornimmt, um die systemischen und globalen Verstrickungen zu offenbaren. Damit wird auch die Exklusion des Individuums aus der Entscheidungssphäre deutlich. Es findet mit anderen Worten eine Ausgrenzung aus der ökonomischen Globalität statt im Sinne einer umfassenden »Nichtbeherrschbarkeit« (HER 168). Der Text stellt eine der wenigen Ausnahmen dar, in denen Strauß tagespolitisch wird, die Begriffe »Eurobonds« oder »Schuldenschwemme« (HER 167) entstammen dem gängigen Jargon der Nachrichten zur Zeit des Essays und verbindet sie mit der aufkeimenden Politikverdrossenheit: »Das Volk ist verwöhnt, bequem, leicht reizbar und hypochondrisch. Auf dem Gebiet, von dem sein Wohlergehen am meisten abhängt, ist das Volk 263 Dort formuliert Strauß die Belange der Realpolitik folgendermaßen: »Während der soziale Bereich, Arbeits- und Beschäftigungspolitik, Gesundheit und Altersvorsorge, inzwischen den Jammerfall einer Politik vorstellt, die von der Wirklichkeit unablässig überholt und eines Schlimmeren, als die Planung vorsah, belehrt wird, führte hingegen die Politik der Elemente zu einigen unbestritten positiven und nachhaltigen Ergebnissen, etwa bei der Gewässersanierung, Abfallwirtschaft, Schadstoffentlastung und dem Biosphärenschutz. Das Konservative im parteilosen Wortsinn, nämlich als Erhaltung unserer Lebensgrundlage, bildete also im Gegensatz zu den gesellschaftspolitischen Verlegenheiten und Ungewißheiten ein Paradigma der erfolgreichen Verbindungen von innovativer Technologie und Verantwortungsethik. Und dem entspricht ja der Charakter der Ökologie als einer integralen, disziplinübergreifenden Wissenschaft, im Zusammenwirken von naturphilosophischer Idee, kybernetischen Regelmechanismen und Systemtheorie«. Botho Strauß: »Man muß wissen, wie die Sonne funktioniert«. 151 ein Stümper. Die Entscheidungsträger haben sich daran gewöhnt, zu ihm durch Gesetze und Regelwerke zu sprechen. Ein Wort, das vielleicht allgemein aufhorchen ließe, wurde von einem Politiker seit langem nicht vernommen. Die Autorität, die er vielleicht kraft seines Amtes noch besitzt, leidet in der Regel, sobald er den Mund aufmacht. Jedermann ist des Gewäschs überdrüssig. Man will nie wieder etwas von einem Schritt in die richtige Richtung hören. Selbst wenn er getan würde, was offenbar nur selten der Fall ist, bliebe er in solcher Sprache ungetan für den Zuhörer, die Floskel isoliert ihn hermetisch vom Tatbestand.« (HER 167) Das Zitat verdeutlicht, wie die Sprache von Politik und Wirtschaft das Individuum aus den Entscheidungsprozessen ausschließt und ein Machtgefälle erzeugt, bei einem gleichzeitigen »magisch-medialen Machtverlust« (HER 168) als Paradoxon; es schließt sich auch der Kreis zur anfangs besprochenen Besitzstandswahrung. Das Gefälle hält den Leidtragenden, zu dem das Individuum verkleinert wird, auf Distanz. Der Essay zeichnet zur Verdeutlichung verschiedene Grenzlinien zwischen verschiedenen Akteuren nach. Strauß kritisiert Ausgrenzungen ebenso wie die »Fertigteil- Sprache« oder das »Schwarmverhalten« (HER 168, vgl. PP 163) im Börsengeschäft. Die ökonomischen Vorgänge, auf die Strauß sich bezieht und zu denen er auch den Super-GAU in Fukushima hinzurechnet, sind im Sinne Becks risikoglobalisiert.264 Strauß kommt von der Wirtschaftskrise zur Atomkrise in Japan, weil dies aus einer bestimmten Perspektive Glieder einer einzigen langen »Krisenkette« (HER 166) sind. Strauß’ Argumentation unterscheidet sich nicht grundlegend von Becks Darstellungen zur Weltrisikogesellschaft und die geschilderten Vorgänge finden sich im Essay gleichermaßen wie in Becks Studie. Strauß’ Schlussformulierungen fassen (resigniert?) die Merkmale der Globalisierung, wie sie sich 2011 zeigt, zusammen: 264 Ulrich Beck stellt in Die Metamorphose der Welt fest, dass »[g]lobale Risiken [...] per se unsichtbar [sind]. Erst über medialisierte Bilder gewinnen sie die Macht, die Unsichtbarkeit zu durchbrechen. Überall geschehen Katastrophen großen Ausmaßes, aber ihr emanzipatorisches Potenzial entwickeln sie nur mit der Macht der öffentlichen Bilder, die globale Öffentlichkeit herstellen« (S. 168). Hierbei handelt es sich um einen Zustand, den Strauß bereits in »Anschwellender Bocksgesang« vertritt. 152 »So viel Neues! Vielleicht ist das Jahr 2011 so etwas wie ein zeitlicher St.- Andreas-Graben, in dem die Platte der alten Gewißheiten sich gegen die Platte neuer Ungewißheit mit Getöse verschiebt. Arabischer Tyrannensturz, Erdbeben mit Super-GAU, Schuldenexuberanz, nicht beherrschbare Kommunikationssysteme, die hier eine Volksbefreiung befördern, dort ein Monster hervorbringen, den eiskalten Massenmörder, Ausgeburt der weltweit vernetzten Isolation ... So viel Neues!« (HER 171) Die Globalisierung entwickelt sich synchron zu diesen Ereignissen und verdichtet die Umwelt; sowohl in ein undurchdringliches Gewebe als auch und zu einer Bedrohung für die Autonomie des Individuums. In den Debatten im Nachwendedeutschland findet nun auch die Neuverhandlung der Begriffe Heimat und Nation statt, die Strauß im Berliner Stadtbild der frühen 1990er Jahre als graffitimanifestierte »Kongruenz der Extreme« (FDK 70) von Nazis und Nazigegnern ausmacht. Auseinandersetzungen dieser Art sind nach Rolf Eickelpasch und Claudia Rademacher notwendiger Bestandteil einer Re-Orientierung in Zeiten von großer und plötzlicher Veränderung: »Die gesellschaftlichen Freisetzungsprozesse und die weltweiten Tendenzen der Fragmentierung, Relativierung und Durchmischung von sinnstiftenden ›Heimaten‹, Traditionen und Sinnwelten schlagen, so scheint es, unmittelbar auf die Identitätsbildungsprozesse von Individuen und Kollektiven durch. Kurz: Eine fragmentierte, aus den Fugen geratene Sozialwelt erzeugt prekäre, zerrissene Identitäten.«265 Es fällt Strauß daher schwer, solcher Art »Identitätsbildungsprozesse« adäquat zu reflektieren und dabei Heimat oder Nation so zu definieren, dass nicht sofort der mediale Gesinnungsmob einen neuen Anführer einer neuen Gegenbewegung entdeckt zu haben meint, wie dem kurzen »Postscriptum 1994« zu entnehmen ist, vor allem, weil seine Definition des Rechtsseins eher kultur- denn weltpolitisch ausfällt. Die Abgrenzung geschieht auch, indem er sich dem prekären wie zerrissenen »gegenrevolutionären Typus« (AB 77, »Postscriptum 1994«) und dem »Außenseiter-Heros« (AB 65) zurechnet und sich, wie auch die vorherigen Analysen dokumentieren, in die Entwicklungslinie von Lessing, Büchner, Borchardt und Spengler eingliedert und eben nicht eine neue Blut-und-Boden-Ideologie literarisch 265 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 14. 153 festigen möchte.266 Parry resümiert präzise die Situation, in der Strauß’ Text steckt(e): »Was im Bocksgesang zum ersten Mal, wenn nicht in solcher Deutlichkeit, so doch in solcher Öffentlichkeit deutlich wird, ist, dass Strauß, analog zu den von ihm geschätzten Romantikern, die bei den Zeitgenossen festgestellte unbewusste Göttersehnsucht und ihre große, von gleich welchem Mythos zu füllende Leerstelle mit dem gestörten Verhältnis zur deutschen Nation in Verbindung bringt.«267 An Parrys Aussage ist vor allem interessant, dass er die Diskussion um den Begriff Nation aufhellt, indem er das politische Nachwendeklima als »Leerstelle« bezeichnet. Strauß’ Text bietet durch seine Sprache verschiedene Möglichkeiten für Dehnungen und Anschlüsse an sehr unterschiedliche Geisteshaltungen, die nicht zuletzt dadurch multipliziert werden, dass, wie es in »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« heißt, »Reiche [...] binnen weniger Wochen« (ASW 39) verschwunden sind, dass »Menschen, Orte, Gesinnungen und Doktrinen, von einem Tag auf den anderen aufgegeben, gewandelt, widerrufen« (ASW 39) werden. Strauß ergänzt: »Das Unvorhersehbare hatte sich sein Recht verschafft und zerschnitt das scheinbar undurchdringliche Geflecht von Programmen und Prognosen, Gewöhnungen und Folgerichtigkeiten. Es belehrte alle, daß es der Geschichte sehr wohl beliebt, Sprünge zu machen, ebenso wie der Natur.« (ASW 39) Dass die bisher betrachteten Texte dies auch durch rhetorische Finten ermöglichen, ist unbestritten. Und daher sind die tagespolitischen Essays über ihren aktuellen Anlass hinaus als weitere Beispiele für die Drift und poetische Verbundenheit sowie »Verständigung mit vorausgegangenen 266 Jedoch kann und sollte die Veröffentlichung von »Anschwellender Bocksgesang« in der viel diskutierten und kritisierten von Heimo Schwilk und Ulrich Schacht herausgegebenen Anthologie Die selbstbewusste Nation: ›Anschwellender Bocksgesang‹ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte aus dem Jahr 1994 in diesem Zusammenhang nicht unberücksichtigt bleiben. Dass ein Text innerhalb weniger Monate mehrfach publiziert wird, erscheint im Hinblick auf die etablierte Veröffentlichungspraxis ungewöhnlich, doch werden der Spiegel und auch der Ullstein-Verlag die ökonomischen Möglichkeiten hinter der Skandalisierung erkannt haben. 267 Christoph Parry: »Geschichtsbild und Mythos«. S. 100. 154 Geistern« (AB 70) zu sehen, da sie sich gleichzeitig gegen verschiedene Gesellschaftsphänomene positionieren. Ihnen liegt in Teilen die Intention eines Befreiungsschlages gegen die von Strauß negativ bewerteten Gesellschaftsveränderungen zugrunde. Ein zweiter Blick auf den »Bocksgesang« bietet sich an, denn dort finden sich diese in kohärenter Form beschrieben. Sie sind laut Strauß neben der »Leerstelle« – das heißt dem Vakuum durch Umbruch – die schon beschriebene Medienkritik an der »Obszönität der Kommunikation« (AB 70), die Verklärung der Linken von Eliten und Minderheiten sowie die erneut aufkommende Indifferenz der Begriffe Nation und Heimat, welche einerseits durch die Anknüpfung an die »Obszönität von Militarismus und Kolonialismus« (AB 70) und andererseits durch Neonazis sowie die »schweigende Mehrheit« (AB 72) fadenscheinig kultiviert wird. Der Kunstgriff besteht nun darin, per Fingerzeig zu verdeutlichen, dass die in den Medien wiedergegebene Hetze einen direkten Einfluss auf die Wahrnehmung der Medienkonsumenten hat. Verschwände die »Diktatur des Vorübergehenden« (AB 72), verschwände auch das Gegröle der Mitläufer. Das Verständnisdilemma liegt darin begründet, dass Strauß mit mindestens zwei Bedeutungen des Begriffs ›rechts‹ operiert und sie durchaus trennt, aber dies in der Diskussion nicht verstanden wurde oder werden wollte? Strauß’ eigene Definition von ›rechts‹ ist, wie oben angesprochen, konservativ, kulturell bewahrend und unpolitisch; der zweite Begriff entspringt der Beobachtung des Mediensystems und dessen vermarkteten Tabubrüchen: »Sie lassen etwa unseren Moderator mit bleicher Entrüstung die Feststellung treffen, Deutschland drohe (wegen der Asylrechtsänderung) zum größten Deportationsland Europas zu werden. Wenn das keine Begriffsschändung ist ... Oder sie bewirken, daß der mediale Mainstream das rechte Rinnsal stetig zu vergrößern sucht, das Verpönte immer wieder und noch einmal verpönt, nur um offenbar immer neues Wasser in die Rinne zu leiten, denn man will's ja schwellen sehen, die Aufregung soll sich doch lohnen. Das vom Mainstream Mißbilligte wird von diesem großgezogen, aufgepäppelt, bisweilen sogar eingekauft und ausgehalten. Das Bleichgesicht der öffentlichen Meinung und die verzerrte Visage des Fremdenhassers bilden den politischen Januskopf – denn alles im Politischen läßt sich seitenverkehrt in einem Kopf vereinen.« (AB 73f.) Strauß positioniert sich gegen die Medien, gegen die dumpf-rechte Gesinnung und ihre mediale Darstellung und behält dies auch in den Essays 155 »Der Konflikt« und »Der letzte Deutsche« als Strategie bei. Zugleich lässt Strauß’ wiederkehrende Kritik über mehrere Jahrzehnte erkennen, dass die Medien ihr Muster beibehalten.268 Der im »Schlag« diagnostizierte neue ›Zeittakt‹ führt Strauß zu Folgeüberlegungen darüber, »[i]n welche[r] Zukunft [...] wir die alten zivilen Werte [predigen]« und auch, ob »wir mit Blindheit geschlagen [sind], oder [...] mit doppelter Zunge [reden]« (DK 120). Die Rückwendung zu den vergangenen frühmodernen Werten verbindet Strauß in seinen politischen Beobachtungen, wie hier dem Essay »Der Konflikt«, mit Überlegungen zu den Themen Dominanz, Submission und gegenseitiger Toleranz im Kontakt der Religionen. Strauß ist sich bewusst, dass das Klima von einerseits Verachtung und andererseits Furcht geprägt und dass diese Situation konfliktgeladen ist. In der Reaktion wendet er sich erneut der Metaebene zu und beschreibt, dass der »Widerwille gegen jegliche Form von religiöser Verunglimpfung« auch jene ergreift, die sich ansonsten gegen die »Köterspur des Rassismus samt seiner xenophoben Abarten« (DK 120) immun sehen, wenn sie durch einen (verbalen) Angriff auf ihre Religion, die möglicherweise im Alltag keine Rolle spielt, reduziert werden. Interessant sind die hieraus gezogenen Schlüsse wie der drohende Heimatverlust, den Strauß mit Kulturverlust gleichsetzt, der Einheimische wie Migranten gleichermaßen trifft. Die Heils- und Aufnahmeversprechungen des Islam und dessen Familienstruktur muten aus Sicht einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft archaisch an und stellen so auch eine Irritation der modernen Gesellschaft dar, weil diese den Zustand der Stratifizierung längst verlassen hat. Strauß sieht hierin auch etwas Positives, denn eine islamisch geprägte (Sub-)Gesellschaft kann der Supra- Gesellschaft, die »weitgehend eine geistlose Gesellschaft« ist, Methoden zur inneren Festigung aufzeigen.269 Wesentliches Ergebnis dieser Irritation ist, wie Strauß schreibt, die »Chance der Inspiration und der indirekten Beeinflussung, die von der unmittelbaren Nähe einer fremden und gegneri- 268 Mit Blick auf Niklas Luhmanns Die Realität der Massenmedien bleibt festzuhalten: Sie können auch nicht anders agieren, so lange das Handeln auf der Leitdifferenz von Neuigkeit und nicht-Neuigkeit beruht. Eine Änderung dieser ist auch in 2017 nicht in Sicht. 269 Strauß formuliert es folgendermaßen: »Sie lehrt uns andere, die wir von Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit abhängiger sind als von der eigenen Familie, den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleich-Gültigkeit, die Regulierung der Worte, die Hierarchien der sozialen Verantwortung, den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis. Selbstverständlich ist es für den aufgeklärten Westeuropäer der Born der Finsternis, der dies Leben in der Gemeinschaft unterhält und gut organisiert« (DK 121). 156 schen sakralen Potenz herrührt« (DK 121). Strauß hat explizit im »Bocksgesang« kritisiert, dass das Hinzukommen der fremden Kultur von Vielen als Bedrohung aufgefasst wird, statt es als Stärkung zu begreifen und er führt diesen Gedanken in »Der Konflikt« weiter aus und nimmt die Ereignisse zum Anlass, die eigenen kulturellen Wurzeln, »unser eigenes Bestes« (DK 121), wiederzubeleben. Strauß schlägt vor, »über die Annäherung und den Disput zwischen den Schriftkulturen« das geschwächte »Differenziervermögen« zu stärken, statt dies »über die Weltmärkte, technische Innovationen, Sitten und Moden« (DK 121) zu bewerkstelligen. Strauß erhofft hierdurch eine gesteigerte Autonomie gegenüber den Globalisierungsprozessen und -merkmalen, ferner nimmt er an, dass es unter diesen Bedingungen möglich ist, ein erneutes »globales Toledo, zumindest eine kurze Blütezeit west-östlicher Synergien« (DK 121) zu erreichen. Die Reibung zwischen den Kulturen kann aus dieser Sicht also zu einem friedlichen und verständigen Miteinander führen, so lautet zumindest Strauß’ hypothetische Annahme einer erneuten friedlichen Verschmelzung, die auch an eine Bemerkung aus Der Untenstehende auf Zehenspitzen von 2004 anknüpft: »Der Syrer trägt ja europäische Schönheit durch sein Syrisch wieder zu uns« (UAZ 49). Problematisch ist jedoch, dass Strauß faktische Anlässe aufgreift und von ihnen ausgehend teils sehr abstrakte Reflexionsketten entwickelt, deren Rückauswirkungen auf das politische Tagesgeschehen eher von geringerer Wirkung sind. Es überrascht daher nicht sonderlich, dass 2006 »Der Konflikt« relativ unaufgeregt verebbt, weil der Auslöser, das heißt die Proteste gegen die so genannten Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Zeitung Jyllands Posten, anfangs weitab von Europa stattfindet. Als hingegen 2015 die Zahl der sich nach Europa bewegenden Flüchtlinge stark ansteigt, reicht dasselbe Melodiefragment aus dem »Bocksgesang« und dem »Konflikt« überraschenderweise aus, um mit »Der letzte Deutsche« (DLD) nochmals das Medien-Orchester antreten und eine Neuinterpretation der ›Strauß-Hysterie‹ spielen zu lassen. Es demonstriert gleichzeitig ein weiteres Mal Strauß’ dramaturgisches Können, rechtzeitig die gesellschaftlichen Befindlichkeiten zu spiegeln und die Medien wie gewünscht auf ausgelegte falsche Fährten reagieren zu lassen. Der provokante Aufmacher, ›der letzte Deutsche‹ zu sein, suggeriert Anschlussfähigkeit im tagesaktuellen Politikdiskurs, doch entpuppt sie sich schnell als Finte in Richtung des nationalkonservativen Lagers. Man muss den Essay nicht besonders gründlich untersuchen, um zu erkennen, dass Strauß zwar erneut eine Differenz zwischen den Fremden und den Einheimischen beschreibt, aber dass es nur ein oberflächlich kalkulierter Tabubruch ist, denn er möchte, 157 wie schon in vielen der zuvor veröffentlichen Essays, auf die Notwendigkeit einer Stärkung der eigenen Kultur hinweisen, um besser an das ›Fremde‹ anschließen zu können; in gewisser Weise steigert er das Differenziervermögen, dennoch gehört eine konkrete Integration oder die Diskussion realpolitischer Fragen nicht zu den im Essay vertretenen Forderungen. Erneut lehnt Strauß, wie schon im »Bocksgesang« oder in »Herrschen und nicht beherrschen« (vgl. HER 165), die »vorwiegend ökonomischdemografischen Spekulationen« (DLD 123) als gesellschaftliche Triebkräfte ab und betont die Zusammenhänge zwischen dem kapitalistischen System auf der einen und dem Flüchtlingsstrom auf der anderen Seite. Beides sind Prozesse innerhalb der Globalisierung, die dazu führen, dass die Vertriebenen und die angestammten Europäer gleichermaßen bedroht sind, wodurch er beide Seiten der Differenz vereint. Strauß kritisiert in diesem Kontext vor allem die Kulturlosigkeit der Gegenwartsgesellschaft als die weit größere Gefährdung von Identität, Heimat und Nation: »Der letzte Deutsche, dessen Empfinden und Gedenken verwurzelt ist in der geistigen Heroengeschichte von Hamann bis Jünger, von Jakob Böhme bis Nietzsche, von Klopstock bis Celan. Wer davon frei ist, wie die meisten ansässigen Deutschen, die Sozial-Deutschen, die nicht weniger entwurzelt sind als die Millionen Entwurzelten, die sich nun zu ihnen gesellen, der weiß nicht, was kultureller Schmerz sein kann.« (DLD 123)270 Die angeführten Dichter-Essays stehen sämtlich in dieser Tradition und so wird verständlich, dass die vorgenommene Einreihung Teil der Bewegung gegen die Globalisierungskonsequenzen ist. Strauß löst sich zudem erneut aus der politischen Vereinnahmung, indem er feststellt: »Ich bin ein Subjekt der Überlieferung, und außerhalb ihrer kann ich nicht existieren« (DLD 123). Und er trennt die Literatur von der Politik, weil »Fürstenstaat, Nation, Reichsgründung, Weltkrieg und Vernichtungslager« (DLD 123) zwar in ihr vorweggenommen oder nachbesprochen, aber nicht von ihr 270 Diese Aussage lässt sich durch eine Passage aus Lichter des Toren untermauern, die zugleich die Kritik an der Kulturlosigkeit der Mehrheitsbevölkerung ist: »Ein Fremder im eigenen Land ist man dennoch nicht wegen der Ausländer und Zugewanderten, sondern angesichts der Selbstentwurzelung seiner Landsleute. Dieser Fremde ist kein Ausgestoßener, sondern jemand, der in seiner Zeit, eine Fremdsprache denkend und sprechend, umherirrt« (LDT 141). 158 realisiert werden können.271 In der Folge dieser Überlegungen betont Strauß, kein Entwurzelter zu sein, weil er sich in Richtung der verschwindenden Kultur orientiert, um sich in den »ästhetische[n] Überlieferung[en]« »neu zu beheimaten« (DLD 124). Es wird deutlich, dass Strauß nach wie vor auf den ›Kulturschock‹, verstanden als »ein langsames, vielleicht aber auch schleuniges Ausbluten« (FDK 36), hofft, auch wenn »[u]ns [...] die Souveränität [geraubt wird], dagegen zu sein. Gegen die immer herrschsüchtiger werdenden politisch-moralischen Konformitäten« (DLD 123). Hierin mag vor allem eine rhetorische Überspitzung verborgen liegen, doch verfehlt die These ihre Wirkung nicht: »Nun, was kann den Deutschen Besseres passieren, als in ihrem Land eine kräftige Minderheit zu werden? Oft bringt erst eine intolerante Fremdherrschaft ein Volk zur Selbstbesinnung. Dann erst wird Identität wirklich gebraucht.« (DLD 123) Hiermit ist ein komplexer Sachverhalt angerissen. Einerseits unterstellt Strauß den Fremden Intoleranz gegenüber der Majorität, andererseits verweist er im selben Augenblick auf die Fehlsicht der national orientierten Rechten, denen das kulturelle Fundament nicht zugänglich ist. Zur Verdeutlichung verschränkt er die Termini »sozial[e] Bestimmungen« mit dem »Raum der Überlieferung von Herder bis Musil« (DLD 123). Strauß begibt sich in eine Lage, in der er sich gegen zwei Gruppierungen und den Stillstand der Politik stellt und die eine Art Mehrfrontenverteidigung erforderlich macht. Vom herbeigesehnten Kulturschock wird auch eine kathartische Wirkung erwartet. Problematisch ist indes, dass die Situation aus zwei Perspektiven zu beobachten ist, sie ist so gesehen hyperkomplex. Aus Sicht der Migranten findet der Kulturschock erst nach der Ankunft statt, denn die Migrationsbewegung erfolgt von äußeren Faktoren abgekapselt, da der Wille zu überleben die primäre Antriebskraft ist. Aus der anderen Perspektive reagiert die aufnehmende Mehrheitsgesellschaft zwiespältig und teilt sich in jene, die helfen wollen, und jene, die Ängste entwickeln. Strauß widmet sich daher auch der Komplexität der Medien (»Was in der Zeitung steht, macht den Anteilnehmenden immer konfuser« (DLD 124)) und der durch die Politik vermittelten doppeldeutigen Position: 271 Das gilt in gleicher Weise auch für die Verarbeitung der Globalisierung. Sie bleibt in Literatur ein theoretisches Unterfangen. 159 »Es ist, als gäbe man mit jeder libertären Bekundung, jeder Weisung politischer Korrektheit Verhaltensbefehle aus, denen die meisten Einwanderer nur nachkommen können, wenn sie sich von ihrem Glauben und Sittengesetz verabschieden und also eine weitere Entwurzelung hinnehmen müssen. Die Überprofilierung von Freiheit, von Zulassen und Gewähren enthält unausgesprochen die Drohung, der Willkommene habe sich säkularisiert zu verhalten oder wenig Chancen, ein integrierter Bürger dieses Landes zu werden.« (DLD 123) Strauß tritt als Mahner am Rande der Gesellschaft auf und weiß um die Wichtigkeit festigender Faktoren und betont aus diesem Grunde auch die möglichen Selbstheilungskräfte der Gesellschaft, vielleicht auch, weil die tatsächliche Lage zu vielschichtig ist, um sie als Einzelner zu entwirren und die Komplexität reduzieren zu können. »Die Komplexität kann dekomponiert werden: nicht alles zählt« schreibt Norbert Bolz und bezieht sich damit auf etwas, das er »decomposability« nennt; weiter führt er aus, dass Komplexität durch Ausblenden von »darunterliegenden Ebenen« reduziert werden kann.272 Das »global[e] Toledo« ist, sofern die Entwurzelung revidiert beziehungsweise nicht weiter vorangetrieben wird, keine Utopie mehr. Ein eventueller Minderheitenstatus im eigenen Land wäre in diesem Sinne nicht mehr als ein Wimpernschlag in der fortschreitenden Globalisierung, der von einem »Fließgleichgewicht« abgefangen wird: »Dass Reiche untergehen, zerbrechen, ist unwahrscheinlich geworden; eine Art Fließgleichgewicht der Erde im Sinne kultureller Globalität verhindert es weitgehend; daher verstetigt sich die Doppelansicht von Zerfall und seiner Umdeutung in Vielfalt, von Verlust als Bereicherung. Auf und Nieder sind zu beweglichem Ausgleich, einem geringen Schwanken abgeflacht.« (DLD 123) Beachtenswert ist, dass diese Formulierung konträr zur schon besprochenen Aussage aus »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« (1991) steht und sie aufzuheben versucht. Es heißt dort: »Wir haben Reiche stürzen sehen binnen weniger Wochen. Menschen, Orte, Gesinnungen und Doktrinen, von einem Tag auf den anderen aufgegeben, gewandelt, widerrufen. Das Unvorhersehbare hatte sich sein Recht verschafft und zerschnitt das scheinbar undurchdringliche Geflecht von 272 Norbert Bolz: »Die Zeit der Weltkommunikation«. S. 82. 160 Programmen und Prognosen, Gewöhnungen und Folgerichtigkeiten.« (ASW 39) Daraus lässt sich schließen, dass die Gesellschaftsverhältnisse im Jahr 2015 wesentlich gefestigter anmuten als vor 1990, zumindest im direkten Vergleich beider Aussagen. Sie ›schnappt ins Gleichgewicht ein‹ wie im kurzen Auszug aus der Spiegel-Fassung des »Bocksgesang« erwähnt, der dieses Kapitel einleitet. Der Unterschied kann zudem dahingehend interpretiert werden, dass die »kulturell[e] Globalität« Orientierungspunkte erzeugt; einerseits für zukünftige Verstehensmodelle von Gesellschaft und andererseits für Prozesse in der Gegenwart, da verständlicher wird, wohin die Gesellschaft sich entwickelt. Das Wissen über dieses Verstehen wiederum fließt in die Autopoiesis ein, indem es die sozialen und teils auch die psychischen Systeme stärkt. Dass Strauß in dieser Entwicklung wieder und wieder die Wichtigkeit des kulturellen Wissens hervorhebt, ist eine Reaktion auf das Verschwinden der Nation als (so verstandene) beschützende Hülle der Kultur. Ob Strauß die Krise herbeisehnt, bleibt unklar, leichter deutbar ist jedoch, dass in der Gegenwart neben der Nation auch die Nationalliteratur ihre Alleinstellungsmerkmale verliert. Der transkulturellen Vermischung ungeachtet geschieht der Anschluss an die vergangene Dichtersprache, die in den meisten Fällen innerhalb der etablierten Grenzlinien entstand. Die Methode ist vermutlich auch auf andere sich in der Auflösung befindende Nationen übertragbar und zudem ist das territoriale Wahrnehmungsmuster in der Weltgesellschaft nicht länger anschlussfähig, weshalb es wenig sinnvoll ist, sich auf die sich gegenwärtig auflösenden Nationalgrenzen oder kulturen zu beziehen. Dass es Strauß darum geht, sich in der alten Literatur »neu zu beheimaten« (DLD 124), ist auch als etablierte Ausweichstrategie gegen die globalisierte Außenwelt zu sehen, die bereits 1981 in Paare, Passanten vorsichtig anklingt und in der Gegenwart an Brisanz wie Relevanz stark zunimmt.273 Der Rückzug geschieht keineswegs still, denn Strauß wird nicht müde, dieses Thema zu verarbeiten und zu fragen, »was [...] der Druck der Gefahr aus uns [macht] – wie verändert er langsam aber unaufhaltsam unsere Prägungen, Vorlieben, Gewohnheiten. [...] Der Innen / Außen-Streit macht universell vor keiner Lebensform halt« (DLD 124). Ferner betont er, dass kulturelle Annahme auch davon abhängt, wie das 273 Vgl. PP 103: »Man schreibt einzig im Auftrag der Literatur. Man schreibt unter Aufsicht alles bisher Geschriebenen. Man schreibt aber doch auch, um sich nach und nach eine geistige Heimat zu schaffen, wo man eine natürliche nicht mehr besitzt«. 161 Individuum konstituiert ist, dies umfasst den »Hass Radikaler« gleicherma- ßen wie die »Selbstaufgabe« der Linken oder die »Wissbegierde der Syrer« (DLD 124). Der Essay »Der letzte Deutsche« ist als Abgesang auf den kulturell offenen und gebildeten Menschen im oberflächlichen, globalisierten Medienzeitalter zu verstehen, der eine aussterbende Gattung verkörpert, die von den »Massen und Medien« in ihren Glashäusern verdrängt wird, die »das Niveau der politischen Repräsentation« prägen und »allesamt Ungelehrte in jeder Richtung sind« (DLD 124). Gleichzeitig vermittelt der Text auch Optimismus, weil nach Lösungen gesucht wird. Diese sind aus der Sicht Strauß’ jedoch nicht massentauglich. Dass Strauß durch Hinwendung zur vergangenen Literatur »ein wiedererstarktes, neu entstehendes ›Geheimes Deutschland‹« (DLD 124) für möglich hält, zeigt auch, dass der Autor auf diese Art eine Grenze ziehen oder noch vorhandene Fragmente erneut befestigen will, um sich gegen das Eindringen der Globalität zu schützen. 2.15 Zwischenfazit: Engführung von Ästhetik & Weltspiegelung Es bleibt abschließend festzuhalten, dass Strauß’ Essayistik von Anfang an eine Haltung offenbart, die sich in der jeweiligen Gegenwart von den gegebenen Reizfaktoren nährt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Waren die Theaterrezensionen noch deutlich vom Anliegen geprägt, ästhetische und politische Themen zu vereinen, das heißt die starken Grenzen zwischen Kunst und Gesellschaft konstruktiv zu überwinden und die Bereiche zu synthetisieren, geht Strauß nach und nach dazu über, die gesellschaftlichen Themen über die Hinwendung zur früheren Literatur zu verarbeiten und zeitübergreifende Bezüge herzustellen. Das poetologische Verfahren der narrativen Drift trägt an dieser Stelle zur Verdeutlichung von Botho Strauß’ zyklischem Zeitverständnis bei. Es zeigt sich, dass auch die Preisreden nahtlos in die Inhaltslinie einfließen, dass Strauß es also vermag, äu- ßerst unterschiedliche Autoren so zu lesen und zu interpretieren, dass er diese seiner zivilisationskritischen und, wie festgestellt wurde, globalisierungskritischen Geisteshaltung subsumieren kann, denn insbesondere seit der Mitte der 1980er Jahre sticht die erstarkende Bezugnahme auf die Ver- änderungen der Welt hervor. Diese erfolgt über eine stetige Auseinandersetzung mit Innen/Außen-Differenzen, in denen sich die Sichtbarkeit von Grenzen erhöht. Im Kontext der untersuchten Globalisierungskonzeption finden sich vielerorts Belege für eine stattfindende Beschäftigung mit den erwähnten Ausweich- und Auswegstrategien aus den Globalisierungspro- 162 zessen oder der Globalität. Die beschriebenen Zeit- und Inhaltslinien verdeutlichen, auf welche Weise Globalisierungsprozesse von Strauß aufgegriffen werden. Strauß’ eigene ästhetisch-literarische Haltung ist, obwohl sie sich ausdifferenziert und mit weiteren Themen vernetzt hat, über die Jahrzehnte hinweg stringent, denn ein dezidierter Richtungswechsel ist in den Essays nicht auszumachen, viel eher finden eine Schärfung und Präzisierung parallel zu den Globalisierungsentwicklungen statt. Weil die Gesellschaft vielschichtiger und komplexer wird, müssen auch die Essays sich an die veränderten Bedingungen anpassen, um die Globalisierung ästhetisch verarbeiten zu können. Dieses Kapitel zeigt, dass eine Verarbeitung der Veränderungen der Welt in einer Vielzahl der Essays von Strauß prominent geschieht. Der »Versuch, politische und ästhetische Ereignisse zusammenzudenken« wird über die anfänglichen Rezensionen hinaus beibehalten und findet in den essayistischen Beobachtungen und Beschreibungen zeitgenössischer Gesellschaftsveränderungen im Medium oder Genre des Essays eine Fortführung, welche in den meisten Fällen an einen kulturell ästhetischen Hintergrund gebunden wird. Auf einen Satz reduziert: So wie die Gesellschaft sich globalisiert und ausdifferenziert, differenziert auch Strauß sein Schreiben entlang des Themenkomplexes der Globalisierung. Die narrative Drift nimmt in diesem Vorgang die Funktion einer Methode ein. Sie verbindet nicht nur die Essays zu einer Textsphäre, sondern findet sich auch als textinternes Verfahren aufgegriffen. Anzumerken ist jedoch, dass es sich nicht um zufällige Driftbewegungen handelt, sondern um sehr gezielt vorgenommene Themensprünge, also eher gestützte Reflexion als willkürliche Assoziation. Die nachfolgenden Analysen werden zeigen, dass Strauß dieses Verfahren nicht nur in die kürzeren Essays anwendet, sondern dass es ebenfalls die Ausrichtung der längeren essayistischen Veröffentlichungen oder Prosatexte wie beispielsweise Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie, Der Untenstehende auf Zehenspitzen oder Die Unbeholfenen umfassend beeinflusst.

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Zusammenfassung

Dieser Band widmet sich dem spezifischen Blick auf die Veränderungen der Welt in Texten des Gegenwartsautors Botho Strauß (*1944). Es handelt sich hierbei um einen neuen Deutungsansatz, und die verfolgte These lautet, dass Strauß in seiner Auseinandersetzung mit der Gesellschaft einen teils offensichtlichen, teils im Hintergrund verborgenen, rhizomatisch verbundenen Globalisierungsdiskurs führt. In Essays, Prosatexten und Dramen werden auf vielfältige Weise die Einwirkungen der Globalisierung auf das Individuum und die Gesellschaft in literarisch-ästhetischer Form verarbeitet. Die vorliegende Herausarbeitung der so genannten Globalisierungskonzeption analysiert und systematisiert in verschiedenen Detail- und Überblicksbetrachtungen, wie Strauß seine Sicht auf Zeit, Raum oder Gesellschaft vermittelt. Das übergeordnete Vorhaben besteht darin, die direkten und indirekten Bezugnahmen auf Globalisierung, Globalisierungsprozesse und Globalisierungskonsequenzen in seinen Texten zu beobachten, zu beschreiben und die Ergebnisse in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen.