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1: Distinguiertes Beobachten implodierter Weltlichkeit in:

Sascha Prostka

Implodierte Weltlichkeit, page 5 - 52

Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4177-2, ISBN online: 978-3-8288-7056-7, https://doi.org/10.5771/9783828870567-5

Series: Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
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5 1: Distinguiertes Beobachten implodierter Weltlichkeit 1.1 Globale Grenzüberschreitungen »Die Imbezillen kommen, die Raubmenschen in Horden und Heerscharen, die sich gegenseitig vom Globus schubsen, und es wird grad so sein, wie wenn mit eins am Langen Samstag es Doomsday läutet und im Kaufhaus die Auferstandenen sich auch noch ins Gedränge drücken, zu kaufen in größter Gier, die Enthaltsamen!« In dieser Phantasie einer Zombieapokalypse im plündernd-kapitalistischen Kaufrausch verbirgt sich hinter den evozierten Bildern eines Monsterangriffs (wie er sich eher in der Fantasyliteratur ereignet) ein weiterer, deutlich leiserer und zugleich verstörender Gedankenansatz: »[S]ich gegenseitig vom Globus schubsen« lässt einerseits an vom Weltenrand stürzende Sünder in frühmittelalterlichen Darstellungen denken, die, um sich einen Platz auf der Scheibe zu sichern, andere herabstürzen (lassen) und das Szenario in Barbarei umschlagen lassen. Andererseits hält dieses Bild nicht stand, weil auch das Wort Globus Verwendung findet und das angestimmte Bild der Welt als Scheibe revidiert. Es nimmt jedoch dem Schrecken, auch selbst aus der Welt fallen zu können, nicht die Wucht. Eine außer Kontrolle geratene Horde, egal ob aus Zombies oder den Mitgliedern einer konsumhungrigen westlichen Gesellschaft bestehend, droht sich in dieser nur wenige Zeilen langen Episode selbst zu kannibalisieren. Der Starke gewinnt, der Schwache verliert. Und mit dem Hereinbrechen der Horden eröffnet sich eine weitere Perspektive, die einen noch unbeteiligten Beobachter zu überrennen droht. Da ist jemand, der nicht näher beschrieben wird, der das Treiben vom Rande aus beobachtet, je nach Intensität der Attacke dem Trubel noch rechtzeitig entkommen kann und lange genug im Bild verharrt, um die gesamte Szene überblicken zu können und der in der Lage ist, die Geschehnisse in der Welt, beziehungsweise genauer: in der gesellschaftlichen Umwelt, einordnen und mit literarischen Mitteln schildern zu können. Auffallend ist zudem die angedeutete Differenz zwischen einer Innenwelt (hier: jene auf dem Globus) und einer Außenwelt (alles, was nicht mehr Globus ist), metaphorisch verstanden Hölle oder Weltraum, ein dunkles, hungriges Nichts, an das die Raubmenschen denken 6 lassen. Diese kurze Episode, in der die bekannten Verhältnisse überspitzt und pervertiert werden, stammt aus dem 1980 erschienenen Roman Rumor von Botho Strauß.1 Sie ist zugleich richtungsweisend für die vorliegende Arbeit, denn sie enthält eine Vielzahl jener Elemente und Beobachtungsansätze, die auch an anderen Stellen Strauß’ Werk prägen, in Auswahl sind dies Enthemmung, Verzweiflung, Angst, Grenzüberschreitungen, aber auch der Globus und das Globale. Die Begebenheit schneidet mit wenigen Worten einen Teil dessen an, was in den folgenden Werkanalysen unter dem Oberbegriff Globalisierungskonzeption näher untersucht wird. Bereits ein flüchtiger Blick in eine willkürliche Auswahl der Texte von Botho Strauß lässt erkennen, dass dieser Autor in den kulturellen und politischen Veränderungsprozessen der (west-)deutschen Gesellschaft, die hier vor allem auf noch näher zu erläuternde Globalisierungsaspekte hin perspektiviert werden, ein so variantenreiches wie dauerhaftes Thema gefunden hat. Strauß debütierte nach Abbruch des Studiums der Germanistik und Soziologie und einer kurzen Redakteurstätigkeit 1972 mit dem Theaterstück Die Hypochonder und zählt zu den produktivsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart.2 Literaturgeschichtlich kann Strauß den kulturund gesellschaftskritischen Autoren hinzugerechnet werden und veröffentlicht insbesondere Theaterstücke und aphoristische, minimalistische Prosatexte und nur relativ selten längere Erzähltexte; zum bisherigen Gesamtwerk gehören lediglich zwei Romane und eine Novelle. Die Literaturwissenschaft tendiert dazu, das Werk als postmodern zu charakterisieren oder sich den Kommunikationsproblemen oder spezifischen Themen wie beispielsweise einer postmodernen Poetik, der Rezeption der Naturwissenschaften oder von mythischen Stoffen zu widmen. Darüber hinaus ist Strauß ein Autor, der früh begann, die fortschreitenden Veränderungs- und 1 Botho Strauß: Rumor. S. 66. Im Folgenden werden die Primärtexte – mit wenigen Ausnahmen – mit Siglen nachgewiesen. Hervorhebungen in Zitaten aus Primärund Sekundärquellen sind, sofern nicht gesondert vermerkt, Hervorhebungen im Original. Die Theaterstücke aus den Jahren 1972 bis 2005 werden aus den vier Sammelbänden, die bei Hanser und seitenidentisch bei DTV erschienen sind, zitiert. Ein Siglenverzeichnis findet sich vor der Einleitung. Wörtliche Zitate werden mit doppelten, Paraphrasen und eigene Übersetzungen mit einfachen Anführungszeichen gekennzeichnet. An Stellen, wo es das Verständnis nicht beeinflusst, werden längere Titel von Strauß’ Texten lediglich gekürzt genannt. 2 Strauß wurde 1944 in Naumburg an der Saale geboren und lebt heute in der Uckermark und Berlin. Zu weiteren biographischen Daten siehe: Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. Und Helga Arend: Literatur Kompakt – Botho Strauß. 7 Globalisierungsprozesse literarisch zu verarbeiten. Anfangs noch ohne einen konkreten Terminus, denn erst in der Folgezeit (seit den 1990er Jahren) konnte sich Globalisierung in ihrer heutigen Ausformung und der heutigen Begrifflichkeit als Motiv oder Thema, das ebenso von Strauß prominent verarbeitet wird, in der Literatur etablieren. Seine Texte widmen sich einer veränderten Wahrnehmung von Zeit, Raum, Erinnerung und Verhaltensweisen sowie Kommunikation und greifen die erlebte Zerrissenheit auf. Die Figuren schreiben, denken, reden gegen ein gesellschaftliches oder privates Trennungsgefühl an, greifen es auf, diskutieren es mit anderen Figuren oder äußern es in den Raum der Literatur hinein. Und Einordnungsversuche werden durch die Vielseitigkeit anfangs erschwert. Aufgrund der Aussagen wird Botho Strauß häufig als kritischer Störenfried angesehen und insbesondere im Feuilleton und gelegentlich auch innerhalb der Germanistik werden Autor und Werk bisweilen gar als altmodischreaktionär bis rechts-konservativ betrachtet und der Autor löst Stellungnahmen aus anderen Wissenschafts- und Gesellschaftsbereichen wie beispielsweise der Politik aus. Die Provokation des Feuilletons fand ihren Höhepunkt 1993 mit der Veröffentlichung des Essays »Anschwellender Bocksgesang« und dem auf diese folgenden Eklat. Zeitgleich zog Strauß sich noch weiter aus der Öffentlichkeit zurück, als es zuvor bereits der Fall war. Die politische Einordnung des streitbaren Literaten ist (sofern relevant) ungleich schwerer zu vollziehen, da Strauß sich – anders als beispielsweise Günter Grass oder Juli Zeh – nicht politisch engagiert und sich auf Kommentierungen beschränkt, deren Ausbreitung und Auswirkungen er nach der Veröffentlichung nicht weiter diskursiviert.3 Problematisch ist in diesem Kontext, dass Strauß’ Konservatismusbegriff ein frühmoderner und ›ästhetisch fundamentalistischer‹4 ist und nicht mit dem alltagssprachli- 3 Vgl. zum Themenkomplex der politischen Autorschaft: Sabrina Wagner: Aufklärer der Gegenwart. Politische Autorschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts – Juli Zeh, Ilija Trojanow, Uwe Tellkamp. 4 Strauß äußert im Gespräch mit Ulrich Greiner: »ZEIT: Mit wachsendem Alter wird man konservativer, findet alles im Niedergang begriffen. Strauß: Niedergang war immer, das ist ein ständiger Topos des Geistes, seit der Antike. Das geht gar nicht anders. Letztlich ist doch die ganze Epik aus dem Gedanken entstanden: Die große Zeit liegt zurück. Ich denke nicht, dass man das konservativ nennen kann. Wir haben ja nichts, aber auch gar nichts, was wir in unserem persönlichen Lebens- und Zeitraum als besonders erhaltenswert ansehen könnten. Ich kann mit 8 chen und stark gewandelten Verständnis von konservativ erklärt werden kann.5 Michael Wiesberg nennt Strauß einen »Dichter der Gegen- Aufklärung«6 und Christoph Rauen erläutert die von Strauß eingenommene Position als Anschluss an »Stichwortgeber rechtskonservativen Denkens des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (z.B. Martin Heidegger, Carl Schmidt [sic], Ernst Jünger)«, der »Begriffe wie ›Pathos‹, ›Autorität‹, ›Tradition‹ und ›Metaphysik‹ auf[wertet]«7. Diese Form des konservativen Denkens kritisiert insbesondere den »Ausbau des Wohlfahrtsstaates« und, welches relevanter für die Rezeption von Strauß ist, die von »medientechnische[n] Neuerungen bedingte Enthierarchisierung von ›hoher‹ und ›niederer‹ Kultur zu Gleichmacherei und Verflachung«8. Andrzej Denka spricht abmildernd von »der Heterogenität der möglichen Traditionsbezüge«9, die in der Diskussion von Strauß’ Sicht auf den Konservatismus relevant sind dem Wort konservativ nichts anfangen, weil es als ein politisch vollkommen platter Begriff verhunzt ist. Ich halte es für wichtig, sich zu einem geistigen, ästhetischen Fundamentalismus zu bekennen, der weiß, wie es in einem Vers von Gunnar Ekelöf heißt, dass in jedem Augenblick ›der Schleier der Zeit‹ zerreißen kann und man vor dem nackten Beginn steht« (Greiner: »Am Rand. Wo sonst. Ein ZEIT-Gespräch mit Botho Strauß«). 5 Es reicht ein Blick auf die sich verschiebende Parteienlandschaft in westlichen Demokratieländern, in der neue, zumeist nationalkonservative Parteien gegründet werden und etablierte ihre Ausrichtung ändern. 6 Vgl. Michael Wiesberg: Botho Strauß: Dichter der Gegen-Aufklärung: »Daß mit diesem bürgerlichen Subjekt eben eine bestimmte Weltsicht verbunden war, hat vor allem der Philosoph Panajotis Kondylis aufgezeigt. Dieser sieht das ›bürgerliche Subjekt‹ ganz wesentlich durch eine Denkfigur bestimmt, die er als ›synthetischharmonisierend‹ bezeichnet hat. Nach Auffassung von Kondylis ist mit der Ablösung der ›synthetisch-harmonisierenden Denkfigur‹ auch der Niedergang und schließlich die Auflösung der bürgerlichen Denk- und Lebensform verbunden. Zu einem guten Teil reflektiert Strauß die Konsequenzen dieser Ablösung«. Wiesberg führt weiter aus, dass es Strauß »am Ende des Auflösungsprozesses, das wir heute erreicht haben, auch um eine ›Restitution des Subjekts‹ geht« (S. 38). Als problematisch kann erachtet werden, dass Wiesbergs Studie in Götz Kubitscheks Verlag Antaios erschienen ist. Kubitschek positioniert sich im Feld der so genannten Neuen Rechten. 7 Vgl. Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 104. 8 Vgl. Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 105. 9 Andrzej Denka: »Konservative Denkfiguren in der essayistischen Prosa von Peter Handke und Botho Strauß nach 1989«. S. 246. 9 und stellt fest, dass »[i]nsbesondere die Orientierungslosigkeit der frühen 90er Jahre des 20. Jahrhunderts [...] den literarischen Konservatismus beflügelt«10 hat. Bleibt also festzuhalten, dass Strauß auf konservative Vordenker rekurriert und sich auf diese Weise gegen die Gegenwart positioniert, während er die Gegenwart und die Veränderungen in ihr bespricht. Mit anderen Worten synthetisiert Strauß alte Denkansätze mit neuen Geschehnissen und konserviert auf diese Weise das Alte und versucht das Neue, das er als Entwertung durch Technisierung und Medialisierung wahrnimmt, durch Perspektivierung zu verändern und geeignete Gegenpositionen zu setzen. Dem ist hinzuzufügen, dass Strauß diesen informatorischen Entwertungsprozess, den er seit mehreren Jahrzehnten anmahnt, 2013 mit dem Begriff »Plurimi-Faktor« beschrieb und in einen neuen Kontext setzte, dessen Dimension im letzten Kapitel aufgegriffen und in Bezug zur Differenz zwischen Idiotes und Idiot gesetzt wird. Rauens Verdienst ist es, das unweigerlich auftretende Verständnisproblem in Verbindung mit den Begriffen Moderne und Konservatismus bei Strauß zu antizipieren und eine anwendbare Erklärung zu geben. Er schreibt, dass »Strauß’ weltanschaulich[e], radikalkonservativ[e] Frontstellung gegen gesellschaftliche Modernisierungsphänomene wie die Erosion traditioneller Bindungen, Massenmedialisierung, Rationalisierung«11 zu kontextualisieren ist, denn es handelt sich »um eine Kritik, nicht aber [eine] gänzliche Verwerfung der Moderne«, der wiederum eine »Wertschätzung sozialer, technologischer und wissenschaftlicher Errungenschaften der Moderne gegenüber« stehen, maßgeblich ist auch, dass die in der Rezeption von konservativen Thesen bedacht wird, dass diese Teil einer »künstlerische[n] Kommunikation« ist.12 Damit wird verankert, dass zwei Bereiche zu beachten sind und auf der künstlerisch-kommunikativen Textebene wird die literarische und kulturelle Beschäftigung mit der Zuordnung zur Moderne oder Postmoderne insbesondere durch eine stetige Reflexion über Schrift, Sprache, Überinformation, Medialisierung und Technisierung, räumliche und kulturelle Ent- 10 Andrzej Denka: »Konservative Denkfiguren«. S. 246. 11 Vgl. Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 107. 12 Vgl. Christoph Rauen: »›Konservative‹ Prosa? Modern und nicht-modernistisch! Zu Botho Strauß' Vom Aufenthalt (2009)«. S. 107. Die politische Denkweise von Strauß bleibt darüber hinaus in dieser Arbeit weitestgehend unbeachtet – einerseits aus platzökonomischen Gründen und andererseits ist es der Komplexitätsreduktion und Relevanz geschuldet, dass diese Perspektive zumeist nicht weiter beachtet wird. 10 wurzelung und Isolation unterstützt und vorangetrieben. Eine Zuordnungsdiskussion wird fortlaufend in den Analysen geführt und die Beziehungsverhältnisse zur Globalisierung herausgearbeitet. In den 1970er und 1980er Jahren widmete Strauß sich in Erzählungen wie Theorie der Drohung und Marlenes Schwester (beide 1975), Die Widmung (1977) oder in absurden Stücken wie Die Hypochonder, Trilogie des Wiedersehens (1976) oder Kalldewey, Farce (1981) den Zerfallstendenzen innerhalb menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen. In diesen Texten werden zudem gesellschaftliche Öffnungs- und Schließungsprozesse eruiert und thematisiert. Auf der gesellschaftlichen Ebene erweiterte Strauß nach dem Mauerfall und den daraus resultierenden politischen Veränderungen durch den Wegfall des Ost-West-Konfliktes seine thematische und literarische Zielrichtung auf ein globaleres Gesamtgefüge, indem er vermehrt mit kulturkritisch-konservativen Essays wie »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« (1990) oder »Anschwellender Bocksgesang« Aufsehen erregte. In den Prosatexten wie Paare, Passanten (1981), Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie (1992) oder Die Unbeholfenen (2007) nimmt er Gegenpositionen zur nun schneller voranschreitenden Gesellschaftsentwicklung oder -veränderung ein. In seinen »Denk-Erzähl-Werke[n]«13, wie Volker Hage Strauß’ genreüberschreitende Texte umschreibt, vollzieht sich die literarische und theoretische Auseinandersetzung in vielfältiger Weise und beeinflusst die Figuren- sowie Erzählungsgestaltung maßgeblich, untermauert die kommunikativen Theorien und schafft die Grundlagen für literarische und essayistische Selbst- und Weltreflexionen. Herwig Gottwald fasst die verschiedenen Elemente in Strauß’ Gesellschaftsbeschreibung wie folgt zusammen: »Strauß’ Kulturkritik besteht vor allem aus wahrnehmungs- und sexualpsychologischen, kommunikationstheoretischen, medienkritischen, mentalitätsgeschichtlichen, sprachkritischen, poetologischen, anthropologischen und politischen Beobachtungen, Analysen und Thesen. Diese sind keine wissenschaftlichen Theorien, sondern unterschiedlichen literarischen Gattungen und Aussagemodi zuzuordnen. Avantgardistische, moderne ästhetische Mittel wie Verfremdungen, Montagetechniken, innere Monologe, die Auflösung konventioneller Erzähltechniken (wie er sie z.B. in den frühen Erzählungen und Romanen wie Der junge Mann, Rumor, Marlenes Schwester, Theorie der Drohung entwickelt hat) stehen in den Prosasammlungen von 13 Volker Hage: »Das Ende vom Anfang«. 11 Paare, Passanten bis Vom Aufenthalt (2009) neben essayistischen und tagebuchartigen Reflexionen, die immer wieder in unterschiedlichen bis gegensätzlichen modalen Feldern präsentiert werden. Das erschwert einerseits die Lektüre, verhindert aber andererseits voreilige Urteile bzw. Vorurteile.«14 Mit dieser konzisen wie thematisch umfassenden Bemerkung zum Werk von Botho Strauß sind die charakteristischen Richtungen, aus denen man sich Werk und Autor annähern kann, angesprochen und für weitere Untersuchungen eröffnet. Die Aussage zur Kulturkritik trifft zu, droht jedoch zügig im Alltagsbetrieb der Akademie zu verhallen, sofern sie nicht mit Beispielen untermauert wird. Gottwald schneidet zugleich für die Untersuchung der Globalisierungskonzeption wichtige Themen und Aspekte an, die in den folgenden Kapiteln ausgebaut werden. Gerhard Stadelmaier beschreibt das Paradox Botho Strauß folgendermaßen: »Seine Stücke und Texte sind der fortgesetzte Versuch, auf den luftigen Plattformhöhen des Turmes von Babel die unstimmigsten Stimmen zu komischen Paaren zu treiben. Insofern ist Strauß auch einer der größten Verzweiflungsharmoniker, die wir haben: Seine dramatischen Partituren, in denen das zusammenklingt, was nicht zusammengehört, bilden zusammen eine einzige große klingende Komödie der deutschen Chaos-Gesellschaft. Je wirrer, abstruser, ungeheuerlicher, abseitiger aber diese Gesellschaft ihr Chaos beschwätzt, desto realistischer scheint sie von Strauß besungen. Ihre Basis aber ist die Pfütze über der dünnen Erdkruste, durch die man tief hinunterfallen oder umgekehrt: durch die tief Inneres, wie Lava Fließendes und wuchtend Sprühendes die dünne Erdoberfläche zersprengen kann. Diese Büchnersche Schreckens- und Wunderpfütze gehört ebenfalls ganz und gar zu Botho Strauß. Und das öffentliche Ärgernis, das er gelegentlich gerne gibt, der nie in Gesellschaft geht, aber dauernd in Gesellschaft wirkt, keine öffentlichen Reden hält, aber dauernd öffentlich spricht, keine Premieren besucht, aber jede seiner Premieren zum großen, lange zuvor umraunten Ereignis werden läßt, der keine Literaturpreise entgegennimmt, aber alle wichtigen Literaturpreise erhalten hat, überall dabei ist, ohne dabeizusein, dieses phantomhaft Skandalisierende der Figur Botho Strauß hat ja auch mit der Pfütze zu tun. Er geht ja einerseits über diese Pfütze ganz leicht und lässig und im besten Fall schwerelos, im schlechteren Fall kapriziös hinweg, als gehe sie 14 Herwig Gottwald: »Botho Strauß – eine kurze Einführung in Haupttendenzen seines Werks«. S. 4. 12 ihn nichts an. Und spiegelt und beguckt sich auch nicht in ihrer trüb schlierigen oder glänzend sanft gekräuselten Oberfläche (je nachdem, woher der Wind gerade weht) wie der Rest der literarischen oder theatergängerischen oder auch nur lesenden Bildungs- oder auch Unbildungsnation, die so tut, als sei dies stille Oberflächenwasser schon tief und abgründig genug.«15 Stadelmaiers Beschreibung deutet in der Wahl der Bilder an, dass Strauß gegenüber der Gesellschaft eine Haltung einnimmt, in der ein dialektisches Wechselspiel von ›luftiger Höhe‹ und ›erdiger Tiefe‹, von Nähe, An- und Abwesenheit, Distanz und gesellschaftlicher Exklusion, von Rückzug und Angriff, von Erhabenheit und Detailwahn auszumachen ist. Strauß versucht demnach in den Texten, die Brüche aufzuzeigen und zugleich zu kitten, während er außerhalb des Werkes den Abstand erhält. Das ist sein Dilemma, den Pol »Aufstand gegen die sekundäre Welt« mit jenem Pol zu vereinen, der sich am besten als »Distanz ertragen« ausdrücken lässt und der ihm den Ruf eingebracht hat, ein rechter Denker oder ein Gegen- Aufklärer zu sein.16 1.2 Erste Exemplifizierungen des Globalen Wenn nun die bisher angestellten Überlegungen auf das Werk von Botho Strauß projiziert werden und mit den eingangs besprochenen Werkmerkmalen zusammengeführt werden, fällt bei intensivierter Betrachtung auf, dass ein, wenn nicht sogar das, Hauptthema seiner Literatur die Beschreibung einer Gegenwartsgesellschaft ist, die von den globalen Veränderungen herausgefordert wird. Seien es Personenverhältnisse, Zustände, Konfrontationen oder (im Fokus dieser Arbeit) die Mechanismen und Auswirkungen der Globalisierung. Jedoch fließen die Mechanismen und Abläufe der Globalisierung in Form einer impliziten und diskursiven Globalisierungsskepsis in die Texte ein, statt explizite Analysen der Globalisierung vorzunehmen. Beinahe sämtliche Texte sind in der Gegenwart ihres Entstehens verankert, die wenigen Ausnahmen, die nicht vor einer unmittelbaren Gegenwart spielen, verfügen dennoch über Bezüge zur Gegenwart der Rezipienten und werden dadurch aus dieser Wahrnehmung heraus aktualisiert.17 Die kritische Distanz zur Öffentlichkeit bestärkt diese Entwicklung 15 Gerhard Stadelmaier: »Botho Strauß – Orpheus in der Bundesrepublik«. 16 Es handelt sich hierbei um Essay-Titel von Strauß. 17 Zu nennen sind einige der Bearbeitungen aus dem Fundus der Literatur: Ithaka. Schauspiel nach den Heimkehr-Gesängen der Odyssee (1996), Der Park (1983), Schändung 13 noch und eine Bemerkung in einem Porträt über Strauß verschafft weitere Klarheit in diesem Punkt: »Wer ist Botho Strauß? Wer ist dieser Mann, der in der Wirklichkeit jede technische Entwicklung, jede biochemische Forschungsneuheit mit größtem Interesse verfolgt und gleichzeitig in seinen Büchern sich weiter und weiter in die Vergangenheit fortschreibt. [...] Botho Strauß ist der größte Freund der Vergangenheit, der Verteidiger der Traditionen, ein Kämpfer gegen Gegenwart und Zukunft, die er jedoch, wie man es immer wieder in seinen Büchern lesen kann, so gut kennt wie kaum einer aus der großen Zahl der Gegenwarts- und Zukunftsfreunde. Das ist die große Kunst des Botho Strauß.«18 Konkreter heißt das, dass die Motivation seines Schreibens darauf basiert, gegen den Verlust der kulturellen und privaten Vergangenheit anzuschreiben, der in Die Fehler des Kopisten (1997) als entwurzelndes »Einstweh bis zur Qual« (FDK 133) wahrgenommen wird. Es scheint angesichts der Ver- änderungen hin zur Informationsgesellschaft »unmöglich, das löchrige Faß des Gewesenen mit Erinnerung zu füllen« (FDK 133), wie Strauß schreibt. Zum anderen tritt das besagte Verzagen an der Gegenwart ein, deren Ver- änderungen durch den Menschen im Licht der Vergangenheit als schwerwiegend ausgemacht und vorauseilend affirmativ hingenommen werden. Diese Zerrissenheit des Individuums in den Zeiten der Globalisierung spiegeln die folgenden drei Fundstellen aus »Wollt ihr das totale Engineering?« (2000), Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit (2013) beziehungsweise Vom Aufenthalt (2009) detailliert wider: »Das Globale ist uns längst vertrauter als das Häusliche. Im herdlosen Raum wächst nun das Fernweh nach vertrauten Verhältnissen. Wenn aber der Globus ein Dorf, dann bitte auch die Kirche darin lassen. Fortschritte machen beim Sichern der eigenen Begrenzung.« (WTE) »Ohne Weltenkenntnis fehlt's an Herdverständnis. Ohne Globus auch kein Heimatbonus. Das Globale ist ihnen näher als das Häusliche. In herdloser (2005) oder eigene Texte oder Stücke wie Jeffers-Akt I & II (1998) oder Die Hypochonder (1972), deren Handlungen zeitlich außerhalb der Gegenwart ihrer jeweiligen Entstehung positioniert sind. 18 Volker Weidermann: »Der abwesende Herr Strauß. Ein Treffen mit dem unbekanntesten Schriftsteller der deutschen Literatur«. 14 Weite entsteht dann ein Heimweh nach vertrauten Verhältnissen. Was im Überfluß zur Verfügung steht, führt zurück zu den Quellen des Bedürfens. Der allseitige Schein erregt einen Wolfshunger nach freßbarem Geist. Das Umwälzendste nach dem Ende der Revolutionsepoche ist die Erfindung der Umwälzanlage, die das Verbrauchte nicht aus der Geschichte jagt, sondern es wiederaufbereitet, reinigt und neuer Verwendung zuführt. Wenn also der Globus ein Dorf, dann auch die Kirche darin lassen!« (LDT 18) »Wen berührt schon die Idee des Untergangs – ohne persönliche Zugehörigkeit, ohne geschichtliche Stimmung? Es droht ja kein erlebter Bezirk zu verderben, sondern etwas so Heimatloses wie der Globus, den niemand lieben kann. Endzeit für Gefühlsarme, des Schauderns Entwöhnte.« (VA 269) An derartigen Passagen, die sich vielfach im Werk finden lassen, wird deutlich, dass Strauß Globus und Heimat in einem Abhängigkeitsverhältnis verhandelt und über die semantischen Dimensionen beider Größen reflektiert. Einerseits bedingt der Globus eine Heimat, andererseits erzeugt er Heimatlosigkeit als Negativfolge der Globalisierung. Die Zusammenführung zeigt auch, dass Strauß’ Sicht uneinheitlich ist, wodurch verschiedene Perspektiven eingenommen, erprobt und überdacht werden (können), zum Beispiel demonstriert die Wahl der Begriffe den Standpunkt oder -ort des Beobachters: »Heimweh« oder »Fernweh nach vertrauten Verhältnissen«, »herdlose[r] Raum« gegen »herdlos[e] Weite«. Ein betroffenes Subjekt steht im Zwiespalt zwischen einem »Sichern der eigenen Begrenzung« und der »Endzeit für Gefühlsarme«. Demnach flankieren Untergang und Revolution den Eintritt ins Globale und jede Auseinandersetzung ist laut Strauß in ihrem Kontext zu verstehen, wie er es auch in »Zeit ohne Vorboten« (1999) hervorhebt, denn »[i]n der Sprache können wir Tag für Tag weniger Welt bewältigen. Je großspuriger (›globaler‹) man redet und rechnet und denkt, um so gewisser findet die letzte Ritzung, die das Wort vermag, in einer sehr entlegenen Provinz statt« (ZOV 97, vgl. LDT 82). 1.3 Positionierung im Forschungsfeld Die vorliegende Arbeit widmet sich dem genannten Wechselspiel von Individual- und Weltperspektive und kombiniert es mit einem neuen Deutungsansatz für einen Großteil des Werkes von Botho Strauß. Die hier zu verfolgende These lautet, dass in Strauß’ Gesellschaftskritik neben den offensichtlichen Themen wie Entfremdung oder Individualisierung ein im 15 Hintergrund verborgener, rhizomatisch verbundener Globalisierungsdiskurs geführt wird, in dem die verschiedenen Einwirkungen der Globalisierung auf das Individuum geschildert und ästhetisch-literarisch verarbeitet werden. Ästhetisch ist im Fall der folgenden Analysen vor allem als Gegenbegriff zu faktisch, soziologisch oder naturwissenschaftlich zu verstehen. Ästhetisch impliziert künstlerische Freiheiten, die beispielsweise ein Soziologe oder Politikwissenschaftler nicht hat, wenn es darum geht, gesellschaftliche Phänomene und Veränderungen zu beschreiben oder zu verarbeiten. Die Tendenz zur Verbindung mit den Veränderungen der sozialen Umwelt klingt verstreut in der Forschung an, jedoch bedarf es einer näheren Untersuchung, um die Tragweite dieses Ansatzes einerseits zu ergründen und andererseits seine generelle Tragfähigkeit zu beweisen. Die bisherige Forschung wird durch den hier gesetzten Schwerpunkt auf die Diskussion der Globalisierung nicht entwertet, das Gegenteil ist der Fall, denn es besteht vielmehr die Absicht, eine Ergänzung und Bereicherung des Forschungsdialoges zu fördern. Die umfassende Herausarbeitung der so genannten Globalisierungskonzeption systematisiert die unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit Globalisierung und arbeitet in den Analysen die Funktion von Globalisierung in den Reflexionen der Figuren oder in der eingenommenen Sicht auf Zeit, Raum oder Gesellschaft heraus. Das übergeordnete Vorhaben dieser Arbeit ist es, die direkten und indirekten Bezugnahmen auf die Globalisierung, adaptierte Globalisierungsprozesse und Globalisierungskonsequenzen in den Texten von Botho Strauß zu beobachten und zu beschreiben und diese Ergebnisse in einen größeren Kontext zu stellen. 1975 rezensiert Günter Blöcker Strauß’ frühe Dramen und Prosatexte unter der Überschrift »Innenweltspiele« und sieht in diesen eine »Krise der Identität« und eine »Grenzerweiterung, die sich – je nach Standort – ebenso gut als kosmisches wie als soziales Ereignis interpretieren läßt«19, thematisiert werden und bereits zu diesem äußerst frühen Zeitpunkt »den Eindruck der Diskontinuität«20 vermitteln. Der Begriff »Innenweltspiele« konkretisiert zugleich die Einstellung in der Frühphase, dass die Texte insbesondere die Innenwelten der Protagonisten aufgreifen und verarbeiten und dass die Außenwelt wenig bis gar keine Beachtung erfährt. In Walter Rügerts Studie Die Vermessung des Innenraumes. Zur Prosa von Botho Strauß (1991) werden die Prosatexte der 1970er und 1980er Jahre (Marlenes Schwester, Die 19 Günter Blöcker: »Innenweltspiele. Botho Strauß als Erzähler«. S. 682. 20 Günter Blöcker: »Innenweltspiele. Botho Strauß als Erzähler«. S. 682. 16 Widmung, Theorie der Drohung, Paare, Passanten, Rumor und Der junge Mann) untersucht und Rügert arbeitet in ihnen die Hinwendung zum Inneren der Protagonisten sowie ihre Individualisierung heraus und perspektiviert lediglich im vorletzten Kapitel seine Ergebnisse kursorisch zur Außenwelt. Herbert Grieshop unternimmt in Rhetorik des Augenblicks: Studien zu Thomas Bernhard, Heiner Müller, Peter Handke und Botho Strauß (1998) eine Untersuchung der Augenblickswahrnehmung und -schilderung in Werken dieser Autoren, er greift insbesondere die Fragmentierung und die unterschiedlichen Dimensionen der Wahrnehmung und Undeutlichkeit auf, die er in Strauß’ Fall mit den Texten Schlußchor und Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie exemplifiziert, das heißt in Texten, die in zeitlicher Nähe des Mauerfalls veröffentlicht wurden. Der Kulturjournalist Thomas Assheuer hält in Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß aus dem Jahr 2014 lediglich an einer Stelle, die den Essay »Anschwellender Bocksgesang« aus dem Jahr 1993 behandelt, fest, dass »man anführen könnte, Strauß nehme in seinem Essay unbewusst und gleichsam unterhalb der eigenen Begrifflichkeit die Konflikte einer globalisierten Moderne vorweg«21. Dass Assheuer das Themenfeld Globalisierung ausblendet, bedeutet jedoch nur, dass die explizite Zuweisung nicht in seinem Fokusbereich liegt, obgleich er vielfache tatsächliche und negierte Weltbezüge und Weltschilderungen bei Strauß ausmacht. Eine übergeordnete Rahmung oder Zuweisung bleibt aus, was unter anderem daran liegt, dass die Welt in der Darstellung als relativ gesehen stabile Gegensphäre zum Subjekt aufgefasst wird, wodurch Kontingenz und Komplexität reduziert werden: »Um die futuristische Welt der übermoderne symbolisch zu schließen und zu verhindern, dass darin – wie in der verachteten Aufklärungsmoderne – ein eigenständiger Raum von Autonomie und Kritik entsteht, nimmt Strauß das reflektierte Ich aus dem Spiel«22. Assheuer erkennt, dass Kommunikation insbesondere im Frühwerk eine maßgebliche Methode der Welterzeugung darstellt. Sprache »verleiht dem frühen Werk sein melancholisches Timbre, entwirft eine Welt, die nur aus Kommunikationen besteht und doch sprachlicher Erschließung nicht mehr zugänglich ist«23. Ein Blick in die Dramen nach 2000 offenbart, dass Strauß sich von diesem Prinzip nicht weit entfernt hat, dass allerdings die Schilderung der 21 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. Von Remscheid nach Ithaka. Radikalisierte Sprachkritik bei Botho Strauß. S. 209. 22 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. S. 240. 23 Thomas Assheuer: Tragik der Freiheit. S. 8. 17 veränderten Welt nun als zusätzliche Ebene in die Dialoge einzieht. Dirk Michael Becker widmet sich in Botho Strauß: Dissipation (2004) der, wie es im Untertitel heißt, Auflösung von Wort und Objekt. Die Stichworte Globus und Welt finden sich zuvorderst in von Becker aufgegriffenen beziehungsweise zitierten Passagen wiedergegeben, ohne dass Becker diese Termini explizit kommentiert; allerdings findet eine Perspektivierung der herangezogenen Texte der 1980er und 1990er Jahre zur gesellschaftlichen Ausdifferenzierung statt. Beckers Ansatz besteht in dem Versuch, die (nicht nur theoretische) Dezentralisierung der Themen in Strauß’ Autorschaft über sprachliche Veränderungen nachzuweisen. In der Forschung zu Botho Strauß kondensiert sich ab dem Jahr 2000 allmählich, wie dieser kurze Überblick andeutet, eine Hinwendung zur Diskussion der Außenweltbezüge. Neutral festgehalten entwickeln sich Werk und Werkbetrachtung parallel. Becker sieht die Grenzen verwischen und Franziska Regner legt in 2008 mit »Horchendes Verlauten«. Globale Resonanzräume in den Prosatexten von Botho Strauß eine Dissertation vor, die sich im Umfeld der oben stehenden Beiträge positioniert und erstmals globale Zusammenhänge im Titel andeutet. Regner widmet sich jedoch vorrangig dem kommunikativen Versagen und Subjekt-Objekt-Welt-Konstellationen, indem sie eine breit angelegte Globalperspektive (und eben nicht Globalisierungsperspektive) einnimmt, die sich insbesondere auf die Zwischenräume in jenen Prosatexten konzentriert, die sich aus Episoden, Fragmenten und Aphorismen zusammensetzen. Regner nimmt als erstes die Existenz eines – wenn auch statischen – Globalbegriffs als Bestandteil der Prosatexte bei Strauß wahr und versteht diesen als Bezugnahme auf eine Welt, in der »globale Verständigung und globale[r] Handel« vorherrschen, »[g]leichzeitig erweisen sie sich in ihrer hybriden Form als vielschichtige Texturen, die sich von der phänomenalen Gegenwart abwenden und Zuflucht in den Traditionen der abendländischen ›Hochkultur‹ suchen«24. Regners Fokus liegt auf den Leerräumen und Vernetzungen zwischen den Fragmenten, während die vorliegende Arbeit die Spiegelung und ästhetische Verarbeitung der Globalisierung innerhalb der Textaussagen in den Blick nimmt. Es handelt sich somit um unterschiedliche Herangehensweisen und Fragen, denen die Texte von Botho Strauß aus der Sicht der Globalisierungsdiskussion unterworfen werden. Helga Arend konzentriert sich in Mythischer Realismus: Botho Strauß' Werk von 1963 bis 1994 (2009) auf die 24 Franziska Regner: »Horchendes Verlauten«. Globale Resonanzräume in den Prosatexten von Botho Strauß. S. 8. 18 Herausarbeitung des mythischen Fundamentes bei Strauß, aber konstatiert bereits zu Beginn, dass Strauß seine Wahrnehmung der Realität beziehungsweise der Außenwelt dahingehend verändert, dass er Außenwelt und die so genannte »sekundäre Welt« als getrennte Entitäten auffasst. Es handelt sich laut Arend um einen Gegensatz zwischen einer »tieferen Realität«25 der Kunst und der ›sekundären Welt des Medialen und des Sprachverlustes‹26. In den Texten zeigt sich diese Diskrepanz darin, dass »das Individuum immer mehr auf seine Innenwelt zurückgeworfen [wird], dass Innenwelt und Außenwelt als zwei Welten einander gegenüber stehen, die nicht mehr miteinander in Einklang gebracht werden können«27. Andrzej Denkas Studie Skandal oder Engagement? (2013) sieht in einigen Texten, hierunter dem Essay »Zeit ohne Vorboten«, Verbindungen zur weltweiten Vernetzung und sieht das Internet als »eine Metapher der Globalität«28. Denka macht in Strauß’ Werk weitere essayistische Texte aus, die konkret »zivilisatorische Probleme der Globalisierung-Epoche«29 [sic] verhandeln, ohne im Detail auf diese oder ihre Spiegelung einzugehen. Die vorliegende Arbeit greift Denkas systemtheoretisches Fundament auf, um werkinterne Strukturen und Umweltbezüge herauszuarbeiten, wenngleich sich die Durchführungen im Detail unterscheiden, da Denka vor allem auf die kommunikativen Vorgänge unter den Stichworten Skandal und Engagement in und außerhalb der Texte von Strauß und Peter Handke eingeht. Als Folgeüberlegung zu diesem kursorischen Überblick bleibt festzuhalten, dass die Verbindungen von Werk und Gesellschaftsgrenzen nicht ausführlich als die primären und konstruktiven Reizfaktoren erkannt und verbalisiert werden. Das Vorhandensein einer ästhetisch-literarischen Verarbeitung der Globalisierung bei Strauß wurde bisher, wie soeben gezeigt, mit Ausnahme von Regners Darstellung, nur als rudimentärer Nebenaspekt untersucht. Für weite Teile anderer Strauß-Kommentare, die ebenfalls von 25 Helga Arend: Mythischer Realismus: Botho Strauß' Werk von 1963 bis 1994. S. 4. 26 Vgl. Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 184. 27 Helga Arend: Mythischer Realismus. Arend verweist an dieser Stelle darauf, dass darin »ein erkenntnistheoretisches Kernproblem, das Parallelen hat mit dem Denken der Romantiker und der Literatur des Fin de siecle« aufweist, liegt (S. 220). Insbesondere die Diskussion der Bezugnahmen auf frühmoderne Literatur wird dies weiter ausführen. 28 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement? Eine systemtheoretische Untersuchung zu Peter Handke und Botho Strauß nach 1989. S. 288. 29 Andrzej Denka: Skandal oder Engagement?. S. 165. 19 Innenwelten, Grenzen und Auflösung sprechen, gilt ebenfalls, dass diese Aspekte nicht auf die gesellschaftlichen Veränderungen im Zeitalter der Globalisierung und Globalität zurückgeführt werden. Die initiale Beobachtung, dass Strauß auf fruchtbare Weise Auflösungen, Grenzannäherungen, Grenzziehungen diskutiert, die in einem Zusammenhang mit der Globalisierung stehen, bildet die Grundannahme dieser Arbeit. Und es gilt darüber hinaus zu unterscheiden, ob derartige Veränderungen die inhaltliche oder die formelle Ausgestaltung von Strauß’ Texten betreffen. Es wird ein Analysezugang geschaffen, aus dem heraus dafür argumentiert wird, dass Botho Strauß subtile – und manchmal mit grellplakativen Ausnahmen – aber dennoch deutlich erkennbar eine Auseinandersetzung mit der Globalisierung in die Texte einwebt. Die Breite der Globalisierungskonzeption legt es nahe, sie in drei übergeordneten Themenkomplexen zu erkunden und die verschiedenen Aspekte aufzuschlüsseln. Aus diesem Grund wurde ein dreiteiliger Aufbau für die vorliegende Studie gewählt. Teil I wird eingeleitet von einem Kapitel über Strauß’ Essayistik, das Zeit- und Inhaltslinien nachzeichnet und so zeigt, dass die frühe Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Veränderungen bereits eine Form der Globalisierungsdiskussion darstellt, lange bevor Globalisierung zu einem Schlagwort wird. Das zweite Kapitel widmet sich dem Fragmenttext Beginnlosigkeit und beschreibt unter anderem Strauß’ Zeitverständnis, indem es sich dem Fleck und der Linie aus verschiedenen Richtungen nähert. Betrachtungen zur Bedeutung der Grenze ergänzen das Kapitel. Teil II besteht aus dem dritten und vierten Kapitel, von denen das erste sich auf Strauß’ Novelle Die Unbeholfenen konzentriert und die Tragweite und Bedeutung privater Isolation angesichts einer überkomplexen Gegenwart analysiert. Das vierte Kapitel befasst sich von einer Analyse von Der Untenstehende auf Zehenspitzen ausgehend mit den Gefühlen der Weltfremdheit, tatsächlichen oder wahrgenommenen Epochenwechseln und Übergangssphären. Teil III beginnt mit einer umfassenden Analyse zu den Konsequenzen der Globalisierung auf dem Individualniveau. Es zeichnet ähnlich wie das erste Kapitel Inhaltslinien nach. Eine kurze Betrachtung zur Weltfluchtoption durch Idiotie, vor allem in Lichter des Toren, schließt die Untersuchung der literarisch-ästhetischen Verarbeitung der Globalisierung ab. Bereits jetzt lässt sich feststellen, dass das Themenfeld Globalisierung über ihre literarisch-ästhetische Verarbeitung abgesteckt wird. Anhand textnaher Analysen werden eine neue Lesart und ein neues Erklärungsmodell für 20 große Teile des Strauß’schen Werkes etabliert, die zudem zeigen, dass die von Strauß geschilderten gesellschaftlichen Verfallstendenzen in vielen Fällen auf die Globalisierung zurückzuführen sind und dass seine ästhetisierte Auseinandersetzung mit der Globalisierung und vor allem ihren Konsequenzen für die Individuen in der westlichen Gesellschaft das Gesamtwerk als Inhaltslinie durchzieht. Die Kritik an den Auswirkungen der Globalisierung findet häufig im Subtext statt und lässt sich nicht allein an der Quantität des Wortes Welt oder ähnlichen Begriffen wie Globus oder Globalität festmachen, weil sie auf verschiedenen Ebenen verläuft. Neben den offensichtlicheren Verweisen auf den Zustand der Welt gibt es eine weitere Form der Globalisierungsdiskussion bei Strauß, die nicht auf den ersten Blick als Gegenstand der Globalisierung zu erkennen ist. Grenzziehungen, Herantasten an Innen- oder Außenwelten, Rückzüge in die Innenwelt und dergleichen lassen sich ebenfalls als Verarbeitung von Globalisierung interpretieren, weil in diesen Situationen globalisierende Mechanismen oder Prozesse ablaufen. Übergeordnet ließen sich diese Vorgänge vielleicht, um einen Terminus einzuführen, als metaphorische oder metaphorisierte Globalisierung bezeichnen. Ein Beispiel soll diese Spreizung verdeutlichen; in seinem Prosaband Die Fehler des Kopisten schreibt Strauß: »Wenn ich mit Menschen verkehre, steht die Zeit kopf. Wende ich mich ab, so liegt sie träge und üppig, unschlüssig, sogar ein wenig lasziv über den Hängen. Nur mit den Vögeln vorm Fenster, den Balken über dem Kopf höre ich nichts als leere Zimmer und das leise Brummen von Adaptern, die Ladegeräusche einiger elektronischer Geräte, Anschluß der stillen Warte an die heftige Welt.« (FDK 8) An dieser Stelle thematisiert Strauß Zeit als sehr variabel erlebte Größe, mal rasch, mal »unschlüssig«, dann plötzlich Stille, ›gehörte Leere‹ als Ästhetisierung dessen, was nicht greifbar ist, dann doch ein Brummen und folglich keine Stille mehr. Strauß spielt mit den Eindrücken, schärft die Sinne nach und benennt die Unterschiede zur vorherigen Sekunde, lauscht in das Zimmer hinein, nimmt die atmosphärische Gestimmtheit des Raumes wahr, konfrontiert Natur und Technik, um wie zufällig die Kette der Beobachtungen »an die heftige Welt« zu binden, die im Anschluss nicht näher beschrieben wird. Solche kreisenden, taumelnden, gelegentlich ziellos erscheinenden Bewegungen ereignen sich immer wieder und färben und formen den Strauß’schen Schwebestil (im Übrigen nicht nur der Prosa). Idyllisches wird unvermittelt gebrochen, invertiert oder sogar perver- 21 tiert. Es sind solche Episoden und Fragmente, in denen häufig und nicht zwangsläufig explizit ausformulierte Globalisierungsverweise auszumachen sind, wenn Bilder einer veränderten Welt kurz als eigentümlich schreckliche Gegenwelt aufblitzen. 1.4 Globalisierungsbezüge & Einordnungen Angesichts der Deutlichkeit von Strauß’ Verarbeitung von Globalisierung liegt es nahe, dass eine äußerst selektive Einordnung in das Spektrum der literarischen Postmoderne, wie sie teils in den letzten Dekaden vorgenommen wurde, nicht mehr zweckmäßig ist, vor allem weil Strauß’ Œuvre einerseits die Veränderungen der Welt bespricht und andererseits den Übergang in die nächste Gesellschaftsform antizipiert, obgleich der Autor diesen Übergang mehr als zwiespältig aufnimmt. Diese Nähe resultiert in einer diffusen Gemengelage, denn die angesprochenen Themen können sowohl dem Diskurs der Postmoderne als auch der Debatte über die Globalisierung zugerechnet werden können, Bernadetta Matuszak-Loose äu- ßert in diesem Zusammenhang sogar, dass »Globalisierung, Moderne, Postmoderne [...] nur relationale Begriffe eben der unterschiedlichen zeitlichen Verhaftung des Menschen in Realität und Phantasie«30 sind. Trennende Unterscheidungen sind somit zwingend notwendig. Aus diesem Grund werden die Spannungsverhältnisse zwischen der Globalisierung und den verschiedenen Formen der Postmoderne (literarisch vs. sozialgeschichtlich) in den jeweiligen Analysen näher betrachtet. Eventuelle Verständnisprobleme entstehen auch daraus, dass Strauß ein Anhänger der romantischen und frühmodernen Literatur ist, was sich unter anderem durch eine fortlaufende und zyklische Gegenüberstellung der Ideen und Weltanschauungen der Texte von beispielsweise Georg Büchner, Rudolf Borchardt, Oswald Spengler, Ernst Jünger mit der Gegenwart abzeichnet und dass er diese auf die Gegenwartsverhältnisse überträgt. Strauß bewertet diese als kulturelles Archiv, das für die Deutung der Gegenwart herangezogen und selektiv interpretiert wird und das dazu beiträgt, Erzählformen jenseits chronologischer Ketten zu finden. Die Herausarbeitung der Globalisierungskonzeption in Strauß’ Werk offenbart unter anderem, dass die Thematisierung gesellschaftlicher Veränderungen grundlegend nicht als ausschließliche Kritik dieser zu verstehen ist, 30 Bernadetta Matuszak-Loose: »Die Angst vor der Moderne. Literatur als virtuelle Evaluierung sozialer Umbrüche und Krisenphänomene«. S. 63f. 22 sondern sich vielmehr mit der stetig fortschreitenden Globalisierung auseinandersetzt und ihre Prozesse und Auswirkungen literarisch verarbeitet. Jene Veränderung, die als Gesellschaftsentwicklung und Bruch zwischen erster und zweiter Moderne wahrgenommen wird, ist letztlich die Übergangsphase zwischen Moderne und Globalität. Strauß beobachtet und beschreibt Gesellschaft und ihre Veränderungen sowohl in essayistischen Betrachtungen als auch den Dramen und Prosatexten, indem er beispielsweise die konkreten Veränderungen der Gesellschaft durch die Technisierung oder Epochenübergänge heranzieht. In anderen Konstellationen verarbeitet Strauß die Veränderungen der Gegenwart, ohne diese explizit an literarische Vorbilder zu knüpfen. Das Verfahren ist mit anderen Worten vielseitig und erschwert dadurch eine eindeutige Zuweisung des Autors. In der Literatur wird ersichtlich, dass eine Vielzahl der Erzähler oder Figuren bereits derart von den gesellschaftlichen Veränderungen der Welt beeinflusst ist, dass sie zum Beispiel nicht mehr in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren (dies trifft vor allem auf die Dramen zu), nur noch vom Digitalen bedroht dahinvegetieren oder Angriffe auf ihre Grenzen erleben. Andere Figuren indes bemerken die Entwicklung und setzen sich gegen die in ihre Innenwelten eindringende Globalisierung zur Wehr. Das Erleben einer diffusen, opaken, indifferenten (Um-)Welt prägt ihr Sinnieren, Denken und Handeln, was insbesondere das vorletzte Kapitel zu den Konsequenzen der Globalisierung ausarbeiten wird. Strauß verarbeitet Globalisierung auf verschiedenen Ebenen – einerseits als Beschreibungen der veränderten Welt und andererseits durch Beschreibungen von Auflösungsprozessen innerhalb der Figuren und ihrer sozialen Kontexte. Der Terminus Globalisierung ist aus diesem Grund nicht ausschließlich an Weltbezüge gebunden. Bei der Globalisierung von Individuen könnte aus Gründen der Differenzierung sogar von einer metaphorischen Globalisierung gesprochen werden. Um die kommunikative Unfähigkeit seiner Figuren und die gesellschaftlichen Veränderungen freizulegen, arbeitet Strauß in den Dramen, Prosatexten und Essays mit Genre Hybridität und Intertextualität, fragmentarischem Erzählen und szenischer Freiheit. Stilverschiebungen, Genrevermischungen, Metafiktionen sowie Zitate und Anspielungen verrücken oder zerstören etablierte Grenzen zugunsten neuer Sinnzusammenhänge und machen verschiedene Genre einander zugänglich. Es handelt sich hierbei um Darstellungsweisen, die typisch für den Stil der literarischen Postmoderne sind und die sich zugleich kritisch mit den poetologischen Bedingungen auseinandersetzen. 23 1.5 Inhaltliche Merkmale der Globalisierungskonzeption Die Globalisierungskonzeption greift jene Beschreibungen und Diskussionen der stattfindenden gesellschaftlichen Globalisierungsbedingungen, -prozesse sowie -auswirkungen auf, die im medial-öffentlichen Globalisierungsdiskurs oftmals unterrepräsentierte Merkmale der Globalisierung sind; aus diesem Grund folgen im Anschluss an die einleitenden Überlegungen vier kurze Abrisse zur Abgrenzung gegen das Ökonomische, zur Begriffsgeschichte der Globalisierung, zum Verhältnis von Globalisierung und Literatur im Allgemeinen sowie eine Besprechung der Veränderungen hin zur hyperkomplexen Gesellschaft. Sie sollen für die Analysen relevante Aspekte vorbereiten und bilden in gewisser Weise das gedankliche Fundament für die Annäherung an Strauß’ werkübergreifende Auseinandersetzung mit den zuvor angesprochenen Themen der Globalisierung. Mit anderen Worten handelt es sich um eine übergeordnete Herangehensweise an sowohl konkrete als auch abstrakte Verarbeitungen von Globalisierung, zum Beispiel anhand von Grenzen, Grenzübertritten oder Grenzauflösungen, durch Fragmentierung oder Vernetzungen sowie durch sich auflösende Kommunikationen oder Figuren. Vor allem durch ein fragmentarisches Erzählen gelingt es Strauß, eine Netzstruktur fast aller Texte zu erzeugen. Es kreuzen sich Inhaltslinien und Motive. Erzählungen und Aphorismen tauchen in ähnlicher oder beinahe gleich lautender Form Jahre später erneut auf und so scheint die Antwort auf die Frage, »[o]b er manchmal in seinen alten Büchern lese« nur mit Ironie erklärbar zu sein. »Er sagt nein, denn er schreibe ja im Grunde immer am selben Buch. Die neuen seien nur Verbesserungsversuche der schon geschriebenen. Der hinter ihm liegenden«31. Strauß’ sphärisches Schreiben erinnert insofern auch an jene sphärische und freie Erzählweise, die Thomas Düllo »die narrative Drift«32 nennt. Ein bewusstes Abschweifen in die Randbereiche der Erzählung, der Sprache, des Erzählens im Allgemeinen. Das ist die Methode des »fleißige[n] Adnoten-Schreiber[s], der Menschen, Büchern, Zeitgeschehen, Bäumen sein Zeilchen anhängt, der Untenstehende auf Zehenspitzen, der über Mauern in fremde Gärten späht, der leise Immerverirrte, der nur auf Umwegen und Randpfaden sich fortbewegen kann, blödsinnig streunt in 31 Volker Weidermann: »Der abwesende Herr Strauß. Ein Treffen mit dem unbekanntesten Schriftsteller der deutschen Literatur«. 32 Thomas Düllo: Abwegen und Abschweifen: Versuch über die narrative Drift. 24 fremden Städten, auf Reisen allein, nichts sehend in Bordeaux oder Madrid, herumläuft bis zum Umfallen, bis eine Farbe, ein unverhofftes Sepia nach kurzer Berührung mit einem Fremden das ganze Gesicht überschwemmt …« (UAZ 99) Dieser driftenden, forschenden und forcierenden Erzählweise stellt sich die vorliegende Arbeit gegenüber und will die Fundstellen zur literarisch- ästhetischen Verarbeitung von Globalisierung bündeln und ihre Aussagen herausarbeiten. Wie Düllo erläutert, beruht die Poetologie des Driftens auf dem Problem der Ununterscheidbarkeit und in diesem Sinne auch auf der Überkomplexität der Moderne: »Wenn also die Welt alles ist, was der Fall ist, dann muss man alles erzählen. Die totale Tatsache. Die ganze Vielheit. Das komplette Verknüpfungsensemble. Nicht Bedeutungen also (zumindest nicht in hermeneutischer Tiefe), keine Ordnung der Dinge (zumindest keine natürliche, metaphysische oder ideologische Vor-Ordnung), kein Plot (zumindest nicht im vertrauten Sinn), sondern Bewegungen und Abweichungen, die die Vielheit und ihre Beziehbarkeit zeigen, ähnlich und divers zugleich. Erzählen bedeutet auch, Schnitte zu machen (nicht nur im Film). Schnitte ins Kontinuum. Erzählen heißt, stopp zu sagen, zu unterbrechen, neu anzufangen, andere Geschichten, aber auch Diskurse mit dem Erzählten zu koppeln. Die Antwort auf die Herausforderung des Clinamen, der abgelenkten Bewegungen, und auf die Herausforderung der Vielheitserfahrung lautet: narratives Driften und so etwas wie archivisches Erzählen.«33 Die Drift – ein scheinbar loses Aneinandereihen und Erzählen der Vielheit, das Abgleiten und Abschweifen – prägt Strauß’ Stil und den Aufbau der Dramen und Prosatexte, die wie oben angedeutet von der Abwesenheit eines Narrativs gezeichnet sind. Analog lässt sich die Drift ebenso mit den essayistischen, fließenden »Denk-Erzähl-Werke[n]« (Volker Hage) verbinden. Düllo führt die Bedeutung der Drift (an der Frage der Spannung) weiter aus und seine Überlegungen zur Drift können ohne große Umschweife auf die zu untersuchenden Texte von Botho Strauß übertragen werden: »Denn zunächst drängt sich der Verdacht auf, ob diese Art zu erzählen, nicht grottenlangweilig sei. Und die monströsen Romane [...] haben [...] so ihre Längen. Aber sie sind mitnichten langweilig. Deshalb liest sie auch der 33 Thomas Düllo: Abwegen und Abschweifen. S. 12. 25 Filmemacher Lars von Trier: ›Mich inspirieren Dostojewski, Proust und Mann, weil mir an ihren Büchern auffällt, was mir an Filmen zunehmend fehlt. Ein großer Roman entfernt sich immer wieder weit von seiner Storyline und kehrt nur gelegentlich zu ihr zurück. In Filmen sind Umwege heutzutage fast verboten. Sie sollen effizient sein und werden dadurch extrem langweilig. Wen interessiert es, ob der Butler es getan hat oder nicht? Die Umwege sind doch viel interessanter.‹ Man kann folglich sagen: der Plot wird überschätzt.«34 Auch der »Adnoten-Schreiber« (UAZ 99) Strauß geht diese Umwege und stellt sich den Veränderungen der Gegenwart, wie er in Der Untenstehende auf Zehenspitzen (2004) schreibt – »Vor dem undeutlich Neuen und beim endgültigen Abschied sind anzeigende Vorgänge und Zwischenfälle bedeutsamer als zeitdiagnostische Stenogramme« (UAZ 73) – und vermag es, diese Stenogramme und den Finger in der Wunde zu vereinen. Strauß’ Literatur will Zeitdiagnosen wagen, und so gibt dem Leser das, »[w]as geschieht, ohne sich zu fügen, und doch zusammenhängend, [...] weitaus mehr zu verstehen, als zum gleichen Zeitpunkt politische oder sozialkritische Befunde erwischen können« (UAZ 73). Die Texte treten vor den Autor Strauß: »Auch sind es nicht mehr Subjekte, ›Autoren‹, die etwas früher und empfindlicher erfahren als andere, sondern die Gebilde selbst, Ereignisse samt ihren Reaktionen, Stimmungen und Übereinstimmungen, erzählen und deuten die Zeit. Freilich kennen sie nur Gegenwartsschichten und Zukunftswitterung. Ein Vergangenheitsorgan besitzen sie nicht, oder es ist verstümmelt und verwachsen.« (UAZ 73) Angedeutet sind damit auch die grundlegende Skepsis, Traurigkeit und der Verdruss der Texte, die aus der Erkenntnis der unaufhaltbaren Veränderung entwachsen. Die Globalisierung dient Strauß (neben anderen) als eines der verbindenden Themen und ihr zu folgen, führt auf die vom Autor gegangenen Umwege, die trotz aller Wirrungen immer wieder zum Grundmotiv des jeweiligen Textes zurückführen. Die Benennung der Analysekapitel versucht, diese Bewegung aufzugreifen und ihr gerecht zu werden. Die Kritikerin Iris Radisch bringt Strauß’ Ansatz auf den Punkt und positioniert den Autor literatur- und sozialgeschichtlich: 34 Thomas Düllo: Abwegen und Abschweifen. S. 12f. 26 »Die Minima Moralia, an der Strauß seit Jahren in vielen Fortsetzungen schreibt, ist kein Weltrettungsunternehmen […]. Das Endlosbuch des Botho Strauß ist Untergangsmusik, Klage, Leiden an der Gegenwart, Verklärung einer unbefleckten Vergangenheit, wie sie von Walther von der Vogelweide über Hölderlin bis Handke zum Sonderweg deutscher Literatur geworden ist.«35 Die Stellungnahme zur gesellschaftlichen Umwelt verändert sich Laufe der Jahrzehnte und es ist notwendig hervorzuheben, dass die »Untergangsmusik« nur in Verbindung mit dem »Weltrettungsunternehmen« funktioniert. Die Literatur von Botho Strauß benötigt Welt als Gegenpol. Und nicht nur aus Sicht der zitierten Feuilleton-Stimmen ist zu unterscheiden, wer sich in den Texten äußert. Führt ein Erzähler das Wort oder ist es eine authentische Aussage des Menschen Botho Strauß? Trotz der angesprochenen Zurückhaltung findet eine Selbstinszenierung statt. Es wird daher an vielen Stellen von einer Exklusion der Figuren und gelegentlich auch von einer Exklusion des Autors Strauß gesprochen werden, der sich auf ähnliche Weise der Gesellschaft entzieht. Diese Vermischung lässt sich, so fahrlässig sie mitunter erscheinen mag, bei Strauß nicht vermeiden. Vor allem die Essayistik, der das erste Kapitel gewidmet ist, weist flexible und zeitweise transparente Grenzen zwischen einer literarischen Erzählstimme und dem Autor Strauß auf, der vorgibt, authentisch zu sprechen. Indem eine Großperspektive auf weite Teile des Werkes appliziert wird, wird deutlich, dass einige literarische Texte sehr viel von der Person des Autors preisgeben, ohne ein autobiographischer Schlüssel zu sein, auch wenn eindeutige biographische Situationen bis hin zu Namen von Orten oder Straßen, in denen Strauß wohnte, in den Texten erwähnt werden. Zu verstehen sind diese realen Referenzen als eine persönliche Offenheit, die das Werk durchzieht und innere Bezüge zwischen den Texten über Genregrenzen hinweg erzeugt, aber sie kann keineswegs als konkrete Identifizierung oder Selbstoffenbarung gelten. Das Werk prägt ein gemeinsamer Stil und vor allem eine übereinstimmende Weltsicht hinter den Texten. Jene Weltsicht spricht für sich und ihre Stringenz ist überraschend deutlich, wie die Präperation der Globalisierungskonzeption aus dem Werkkorpus zeigen wird. Ein solches Vorgehen benötigt zur Bestätigung, wie die Analysen zeigen, nicht zwingend belegende Aussagen zur globalisierten Gegenwartsgesellschaft aus Talkshowinterviews oder Radiogesprächen mit dem Menschen Botho 35 Iris Radisch: »Der große Kommentator«. 27 Strauß, auch wenn in langen Intervallen stark gefilterte Zeitungsportraits publiziert werden.36 1.6 Globalisierung fixieren: Methodische Möglichkeiten Weil Globalisierung unter anderem räumliche und soziale Verzweigung, Erweiterung und Vergrößerung bedeutet, registriert der Mensch in der modernen Gesellschaft jeden Tag und weit stärker als in früheren Zeiten eine Spaltung zwischen seiner Innenwelt und der gesellschaftlichen Au- ßenwelt. Wahrgenommen wird häufig auch eine gewisse Fragmentierung der Gesellschaft in Gegensätze, die selbstverständlich nicht dafür steht, dass der einzelne Mensch den Anschluss an die Menschen in seinem Nahbereich verliert. Vielmehr handelt es sich um eine erlebte Schwierigkeit, sich gegen oder für manche der Entwicklungen in der Gesellschaft zu positionieren. Zu viele Wahlmöglichkeiten und Folgen von Folgen wirken auf das Individuum als gefühlte Orientierungslosigkeit und Grenzauflösungen – nach Odo Marquard Überdeterminierung – ein. Im Zuge der Textlektüre (und auch durch eigene Gesellschaftsbeobachtungen) wird deutlich, dass die erlebte Trennung eher als eine Distinktion zwischen einem Innen und Außen gesehen werden sollte. Es existiert folglich eine Grenze zwischen Individuum und dem, was das Individuum umgibt. Man kann es Umwelt oder Gesellschaft nennen und mit dieser Dichotomie, Distinktion oder auch – möglicherweise der ergiebigste Begriff – Differenz arbeiten, um das Problem der Grenze und der Grenzauflösungen konstruktiv zu lösen. Dazu bedarf es einer bestimmten Optik (oder eines Werkzeugs oder Methode), die gleichermaßen aber nicht initial gleichzeitig das Innen wie das Au- ßen beachtet und durch Beobachtung für eine Bearbeitung zugänglich macht. Eine relativ klare Differenz findet sich in Niklas Luhmanns kommunikationsbasierter Systemtheorie, die unterschiedliche Phänomene anderer (system-)theoretischer Ansätze synthetisiert. Ausgehend von einer initialen Unterscheidung zwischen zwei Entitäten entwickelt Luhmann operative Distinktionen (nach George Spencer Brown: »draw a distinction«) und geht nicht mehr nur ausschließlich von biologischer Selbstreproduktion (nach Humberto Maturana und Francisco Varela) und kom- 36 Vgl. Volker Hage: »Schreiben ist eine Séance«, Ulrich Greiner: »Am Rand. Wo sonst«, Gerhard Stadelmaier: »Botho Strauß – Orpheus in der Bundesrepublik« und Volker Weidermann: »Der abwesende Herr Strauß. Ein Treffen mit dem unbekanntesten Schriftsteller der deutschen Literatur«. 28 munikativer Handlung (Talcott Parsons) aus.37 Die Ansichten zu Differenzen zwischen einem so genannten sozialen oder kommunikativen System und dessen so genannter Umwelt können, wie im Verlauf dieser Arbeit durch weiterführende Anwendungen sichtbar wird, ergiebig auf die Texte von Botho Strauß adaptiert werden und finden sich zuweilen bereits dort eingeflochten; beispielsweise in Form von Abgrenzungen, stiller Befolgung und Anwendung systemtheoretischer Prinzipien, aber auch durch konkrete Verweise auf die Systemtheorie oder ihre Theoretiker wie Niklas Luhmann, dessen Systemtheorie eine »Theorie der funktional differenzierten Gesellschaft« und »zugleich eine Theorie der Moderne«38 ist. Sie bietet einen methodischen Zugang, indem sie Vorgehensweisen und Vokabular für eine Aufarbeitung der in den literarischen Texten gegebenen und vorzufindenden Gesellschaftsbedingungen und Individualverhältnisse zur Verfügung stellt. In der Anwendung zielt sie auf Reduktion von Irrwegen und Strukturierung von Kommunikation und Handeln ab. Systeme agieren komplex und in einer kurzen Erklärung benennt Jochen Hörisch die systemtheoretischen Funktions- und Vorgehensweisen: »Systeme funktionieren so großartig oder erschreckend, weil sie sich auf eine binäre (also zweiwertige) Leitunterscheidung festlegen – und das heißt: weil sie gnadenlos die Komplexität der Welt auf nur zwei Begriffe reduzieren. […] Man kann sich über die Armut solcher nur zweiwertigen Leitcodierungen empören […] Man kann aber auch die Funktionalität dieser Codes und ihre schlichte Existenz anerkennen und bewundern – reduzieren sie doch eine Komplexität, an der wir ansonsten scheitern würden.«39 Hörischs Beschreibung der internen Differenzsuche lässt sich Peter Fuchs’ grundlegende Systembeschreibung zur Seite stellen. Somit sind mit der binären Unterscheidung sowie der abstrakten Luzidität und Ungreifbarkeit von Systemen zwei der elementaren Prinzipien der Systemtheorie skizziert: »Es ist schließlich eine der zentralen Abstraktionen der Theorie, daß man Systeme – jedenfalls dann, wenn sie als sinnbasiert begriffen werden – nicht auffassen kann als Lagen, Räume, Dinge, als Gegeben- und Vor- 37 Siehe auch: Niklas Luhmann: Einführung in die Systemtheorie. 38 Harro Müller: »Luhmanns Systemtheorie als Theorie der Moderne«. S. 91. 39 Jochen Hörisch: Theorie-Apotheke. Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahre, einschließlich ihrer Risiken und Nebenwirkungen. S. 290f. 29 handenheiten, sondern immer nur: als Differenzen eigentümlicher Art. Ein System ist das, was es ist, durch das, was es nicht ist, und das, was es nicht ist, ist das, was es ist: durch das System. Weder System noch Umwelt sind ohne einander irgendetwas.«40 Die Systemtheorie widmet sich den gesellschaftlichen Bedingungen aus einer äußerst selektiven Beobachtungsperspektive, indem sie die Verhältnisse nach spezifischen Unterscheidungen beobachtet und ebenso spezifischen Teilbereichen der Gesellschaft zuordnet.41 Konkret bedeutet das, dass die Komplexität – das heißt Unübersichtlichkeit und zu viele Entscheidungsfaktoren – außerhalb eines imaginären Systems reduziert wird. Systeme helfen, die beobachteten Verhältnisse einzuteilen. Sie schaffen Bezugsrahmen und ihr binärer Charakter macht sie in höchstem Maße flexibel in der Ausrichtung und stabil in der Anwendung. Systemtheorie für die Analyse von Literatur heranzuziehen, ermöglicht es beispielsweise, die Abgrenzungsmechanismen von Literatur oder ihre Gesellschaftsbezüge genauer herauszuarbeiten. Eine für dieses Vorgehen exemplarische Analyse hat Gerhard Plumpe anhand von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers vorgenommen, in der er Werthers Liebesleid und Suizid von der reinen Handlungsebene löst und jene Grenze zwischen System (Werther) und Umwelt (Gesellschaft) beleuchtet, aus der die verhandelten Probleme resultieren. Für Werther wird zum Verhängnis, dass »[d]ie alteuropäische Tradition [...] den Personen in der Gesellschaft den Ort ihrer Biographie 40 Peter Fuchs: Die Psyche: Studien zur Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. S. 9. 41 Harro Müller erläutert folgendermaßen: Systemtheorie »behauptet nicht, die richtige Beschreibung der heutigen Welt, der heutigen Weltgesellschaft zu liefern, sie reklamiert nicht für sich Widerspiegelung der kompletten Realität des Gegenstandes, ebenfalls nicht Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Erkenntnis des Gegenstandes, ›wohl aber: Universalität der Gegenstandserfassung in dem Sinne, daß sie als soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte‹. Als selbsttragende Konstruktion gebaut, ist sie in ihrer Selbstbeschreibung ›eine besonders eindrucksvolle Supertheorie‹, die von vornherein interdisziplinär angelegt ist, Anregungen aus unterschiedlichen Disziplinen aufnimmt und den Anspruch erhebt, für die Welt, für die heutige Weltgesellschaft eine brauchbare, eine passende Beschreibung zu liefern, die sich durch großes Auflöse- und Rekombinationsvermögen auszeichnet. Ihre begrifflich weit ausgelegte Konstruktionsarbeit stellt sich nicht unter korrespondenztheoretisch orientierte Kriterien, sie erhebt einen rekonstruktiven Anspruch, der auf wirkliche Welt, wirkliche Gesellschaft verweist« (Müller: »Luhmanns Systemtheorie als Theorie der Moderne«. S. 93). 30 vor[gab]; die funktional-differenzierte Gesellschaft facettiert sie und wirft damit die Frage auf, ob sie mehr und anderes sei als die Summe ihrer sozialen Engagements«42. In der Folge gerät Werthers Weltbild ins Wanken und eine Abgrenzung »zwischen Individuum und allen sozialen Kommunikationspotentialen«43 wird ihm erstmals bewusst: »Die moderne, im 18. Jahrhundert wahrgenommene und reflektierte Gesellschaft ist es, die in Folge ihrer Struktur funktionaler Differenzierung die Unterscheidung von individuell und generell, von authentisch und stereotyp, von intim und öffentlich ins Spiel bringt. Diese Unterscheidungen gehen dann in die Selbstbeobachtung der Person prägend ein. Werden sie radikalisiert, dann tritt jener dramatische Effekt ein, der es gestattet, die Gesellschaft schlechthin als ein Gegenüber zu erleben, das mit allen Insignien der Bedrohung ausgestattet werden kann.« 44 Werther beginnt, wie Plumpe schlussfolgert, »die soziale Existenz als fremd oder oktroyiert zu erleben und nach Möglichkeiten einer authentischen Existenz jenseits aller gesellschaftlichen Vermittlung Ausschau zu halten, in der das Individuum permanent ›individuell‹ bleibt«45. Goethes Protagonist »sieht sich in Differenz zur Gesellschaft«46 und es gelingt ihm »mit der selbst-gewählten Leitdifferenz sinnvoll zu operieren; paradox und aporetisch wird es erst, wenn das Individuum – wie Werther – im Außen der Gesellschaft kommunizieren will – und dann potentielle Medien wie Kunst, Natur und Glaube rasch überstrapaziert«47. Die Ergebnisse aus Plumpes Analyse sind auch auf Botho Strauß’ Texte übertragbar. Über den Werther sagt Plumpe, dieser nähme plötzlich wahr, »daß auch intime Kommunikation, ja die Unterscheidung von Individuum und Gesellschaft selbst, soziale Entscheidungen sind, die die Systemdifferenz von Bewußtsein und Kommunikation in der prekären Figur des exzentrischen Subjekts überspielen möchten«48. Just diese Diagnose gilt auch für eine Vielzahl der Strauß’schen Figuren, beispielsweise für Richard Schroubek – in gewisser 42 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 43 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 44 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 45 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 46 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 47 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 48 Gerhard Plumpe: »Kein Mitleid mit Werther«. S. 226. 31 Weise sogar ein Gegenwarts-Werther – aus Die Widmung (1977), Lotte aus Groß und klein (1978) oder die Charaktere John Porto und Freya Genetrix aus Strauß’ bis dato letztem Stück Das blinde Geschehen aus dem Jahr 2011, die außerdem einen Bogen zurück zum Werther-Dilemma und den veränderten Gegenwartsbedingungen mit neuen Problemfeldern spannen: »FREYA GENETRIX Gut. Themenwechsel. Es heißt, gegen 1770 habe man in Europa ein allgemeines Nachlassen der Heiterkeit bemerkt: Haben Sie je davon gehört? JOHN PORTO (räuspert sich) Ich begehre dich. FREYA GENETRIX Ist Ihnen was? Damals begann das Zeitalter der Kritik, das Zeitalter von Problemen, die sich nicht mit derselben Vernunft lösen ließen, die sie vorher erkannt hatte. Wissen Sie etwas Näheres darüber? JOHN PORTO Ich glaube nicht, daß Sie imstande sind, die Gefahr zu wittern, die ich für Sie bin.« (DBG 52) Hierin zeigt sich zugleich ein wichtiger Sachverhalt: Ein literarisches Subjekt ist vor seiner jeweiligen Gegenwartskulisse mit zeitgenössischen Bedingungen konfrontiert und bewegt sich in einem spezifischen setting. Die Abgrenzungsmechanismen von Individuen sind im 21. Jahrhundert feingliedriger und wesentlich stärker ausdifferenziert als Ende des 18. Jahrhunderts, auch ist die gesellschaftliche Umwelt durch die stattfindenden Globalisierungsprozesse unübersichtlicher geworden, wodurch die Erfassung der Abgrenzungsmechanismen mit nur einer Beobachtung erschwert wird. Zu den Abgrenzungsmechanismen gehören schriftliche Selbstreflexionen, aus denen sich Gattungen wie Autobiographie, Briefroman oder neue Formen der Erzählung oder Lyrik entwickelten. Sowohl im Inneren des Systems, in der Umwelt als auch in der Beobachtung der Einzelelemente und ihrer jeweiligen Einheiten werden zur vollständigen Erfassung der Kommunikation sich alternierende und ergänzende Leitdifferenzen benötigt. Und trotz der Metaperspektive der Autoren kann Gesellschaft nur von innen beobachtet und beschrieben werden49; Positionen am Rand sind al- 49 Peter Fuchs schreibt: »Die Gesellschaft ist mithin das soziale System, dessen Besonderheit darin sich in seiner Umwelt keine Kommunikationen finden. Drinnen ja, draußen nein! Aber das bedeutet auch, daß sie nolens volens das System ist, das alle anderen sozialen Systeme umgreift. Sie müßte, wenn wir noch einmal die räumliche Metapher nehmen, das größte System sein, das Mega-System der Sozialität. Genau so wollen wir, auf Luhmann zurückgreifend, die Gesellschaft definieren: als das System, jenseits dessen es keine Sozialsysteme mehr gibt. [...] Unter 32 lerdings möglich. Dies gilt für Soziologen und Literaten gleichermaßen, wie Oliver Sill betont: »Auch Literatur gibt nicht vor, eine Zentralperspektive ›oberhalb‹ der gesellschaftlichen Systeme einnehmen zu können – mag ein textimmanenter Erzähler sich auch noch so sehr darum bemühen. Literatur jedoch integriert in der Gesellschaft vorhandene Beobachterverhältnisse in die Textwelt, um sie in einen Zustand der Gleichzeitigkeit zu versetzen – mit dem Effekt, die Multizentrizität von Welt vorzuführen.«50 Die Prämisse lautet, dass System- und Globalisierungstheorie die Realität analysieren, besprechen, definieren und dass Literatur als Kunstgattung dies ebenso vermag, auch wenn der Analyse- und Beschreibungsmodus ein gänzlich anderer, nämlich künstlerisch-ästhetischer, ist. Gemeinsam ist ihnen, dass soziologische Forschung und Literatur im ersten Schritt Beobachtungen der Realität beziehungsweise der sozialen Wirklichkeit vornehmen und im zweiten Schritt Beschreibungen dieser forcieren. Dabei operieren sie mit unterschiedlichen Codes, beanspruchen unterschiedliche Funktionsbereiche für sich, aber weil sie Funktionssysteme (wie Wissenschaft und Kunst) und Beschreibungsformen innerhalb einer Gesellschaft sind, können sie gleichberechtigt in dieser Untersuchung Verwendung finden, um zu einem erweiterten Erkenntnisgewinn beizutragen. Der literarische Blick auf die Gesellschaft unterscheidet sich wegen der unterschiedlichen Kodierungen von dem der Medien oder der Wissenschaft. Literatur arbeitet unter anderen Voraussetzungen und kann Gesellschaft deshalb auf andere Weisen wahrnehmen und beschreiben, ihr Umgang mit der sozialen Wirklichkeit ist nicht unbedingt freier, aber spielerischer in der Vorgehensweise. Die Sprache der Literatur darf und kann mit Analogien, Parabeln, Metaphern und Allegorien arbeiten, während die Wissenschaft sich nachvollziehbaren Fakten und Interpretationen verpflichtet hat. Medien Gesellschaft verstehen wir das Sozialsystem, jenseits dessen keine Kommunikationen betrieben werden. Alle Kommunikationen sind Operationen des Gesellschaftssystems, und wenn wir das sagen, entdecken wir gleich noch einen weiteren Umstand, der für uns von Bedeutung ist: Alle sozialen Differenzierungen sind gesellschaftsimmanente Differenzierungen. Nichts könnte sich als etwas Soziales aus der Gesellschaft sozusagen herausdifferenzieren, neben ihr sein als ein nichtgesellschaftliches Sozialphänomen« (Fuchs: Das seltsame Problem der Weltgesellschaft. S. 41f.). 50 Oliver Sill: »Literatur als Beobachtung zweiter Ordnung«. S. 84. 33 hingegen sind auf andere Weise ungebunden, je nach Ausrichtung geschieht die Informationsvermittlung von sachlich bis reißerisch. Aufgrund er Ähnlichkeiten fragen Thomas Kron und Uwe Schimank, ob die Literatur nicht auch »[e]in weiterer Konkurrent für die Soziologie in der Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst«51 ist. Sie führen diesen Gedanken weiter aus: »Literarische Interpretationen der Gesellschaft sind weder – wie die Massenmedien – an Aktualität, noch an wissenschaftliche Wahrheit gebunden. Und doch schaffen es literarische Texte immer wieder, Aktualität und Wahrheit nicht nur zusammenzuführen, sondern sogar präziser auf den Punkt zu bringen, als dies Soziologen oder Journalisten gelingt [...] Angesichts dessen lässt sich die Idee [...] auf die Frage bringen: Liefert Literatur vielleicht sogar bessere (genauere, tiefgreifendere, differenziertere …) Diagnosen der Gegenwartsgesellschaft als die Soziologie?«52 Texte, vor allem literarische, sind – wie in den folgenden Kapiteln mehrfach deutlich werden wird – kompakte, komprimierte und in diesem Sinne gleichzeitige, multilokale oder multiperspektivische Kommunikationen. Und sie besitzen einen anderen Fokus als beispielsweise philosophische Ratgeber oder wissenschaftliche Anthologien.53 Jedoch gilt unabhängig von der Gattung, dass Schrift Kommunikation verbindlich und über zeitliche und/oder räumliche Abstände festhält, während mündliche Kommunikation flüchtig ist.54 Das gilt für das Gesamtbild wie für die einzelnen Kommunikationsbestrebungen und kommunikative Anschlüsse. Schriftliche Kommunikation wird so als »immer wieder reaktivierbare Möglichkeit aufbewahrt«55 und so »fungieren literarische Texte als Speicher- und Verbreitungsmedien und damit zugleich als Bezugsgrößen für anschließendes systeminternes, literarisches oder literaturbezogenes Handeln und Kommunizieren, aber auch für Anschlußhandeln außerhalb des Sozialsystems Litera- 51 Thomas Kron & Uwe Schimank: »Die Gesellschaft der Literatur - Vorwort«. S. 11. 52 Thomas Kron & Uwe Schimank: »Die Gesellschaft der Literatur - Vorwort«. S. 11. 53 Vgl. Jürgen Fohrmann: »Einleitung«. S. 12. 54 Vgl. Georg Stanitzek: »Was ist Kommunikation?«. S. 23, 25. Und: Gerhard Plumpe & Niels Werber: »Systemtheorie in der Literaturwissenschaft. Oder: ›Herr Meier wird Schriftsteller‹«. S. 175. 55 Niklas Luhmann: »Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst«. S. 152. 34 tur«56. Eines der Bindeglieder zwischen systemtheoretischer Methodik und Literatur besteht nun darin, dass Strauß im Anwachsen des Globalen zugleich die stetig anwachsende Komplexität der Gesellschaft erkennt. Der Terminus Komplexität, welcher grundlegend für die Systemtheorie ist, begegnet dem Leser überraschend häufig in Strauß’ Werk, zumeist wird der Begriff jedoch negativ konnotiert (und in eine binäre Unterscheidung gepresst).57 Die Krise, in der er die Menschheit im Schwellenbereich der Jahrtausendwende wähnt, verstärkt das Empfinden von Verlust, Zerrissenheit und Überdeterminierung, auch weil sich die Moderne im Sinne der im nachfolgenden Exkurs herangezogenen Theoretiker im Übergang in die nächste Gesellschaftsform befindet. Ihr konstituierendes Element ist das Setzen von Differenzen, dem Strauß eine eigene Deutung entgegenwirft und ihre kühl anmutenden Methoden und Begriffe mit literarischen Wahrnehmungen und Schilderungen erweitert. Für Strauß impliziert jede Zeit einen unaufhaltsamen Wandel – »irgendwann zerbricht jede Form [...] und die Zeit läuft aus. Und man wird anschließend wiederum alles aufklären und nachträglich die trügerischen Vorhersehbarkeiten, die trügerischen Gesetzmäßigkeiten bloßlegen bzw. konstruieren« (AMA 195). In Allein mit 56 Claus-Michael Ort: »Systemtheorie und Hermeneutik? Kritische Anmerkungen zu einer Theorieoption aus literaturwissenschaftlicher Sicht«. S. 149. Die Bedingungen eines Literatursystems werden an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt, allerdings sei auf ein Bonmot von Christian Schärf hingewiesen: »Grundsätzlich gilt: was im Literaturbetrieb geschieht, hat Relevanz allein für den Betrieb selbst« (Schärf: Literatur in der Wissensgesellschaft. S. 23). 57 Drei Beispiele zur Verdeutlichung dieser Aussage: 1) »Zur Andeutung der verschlungensten Zusammenhänge benutzen wir einzig diese vage Sammel-Vokabel: Komplexität. Nichtssagender geht es kaum. Was soll mir das Wort, wenn jedes Shakespeare-Sonett, das ich lese, den Begriff sofort überflüssig macht? Kunstwerke beginnen jenseits von Komplexität. Solche Wörter sind uns nur im Weg. Sie haben geradezu inhibitorische Wirkung. Sie hemmen sogar den Geist darin, seiner Technik auf die Schliche zu kommen. Man unterschätze daher nicht die ›Botenstoffe‹ der Sprache. Es gibt geisthemmende und geiststimulierende Begriffe« (UAZ 65f.). 2) »Es gibt für den Geist des Menschen keinen Grund, immer komplexer zu werden, nur weil die Entwicklung natürlicher Formen, die Evolution, diesen Weg einschlug. Die hohe Komplexität des Denkens und der sozialen Organisationsformen – entspricht sie nicht jener plumpen Übergröße, die am Ende der Kreidezeit sich am wenigsten als überlebensfähig erwies?« (VA 92). 3) »Ein gewisser Bedarf, Komplexität zu kappen, galoppierende Differenzierungen zu stoppen, steckt dahinter« (LDT 170). 35 allen (2014), das Passagen aus Strauß’ Gesamtwerk mit bisher unveröffentlichten (und leider undatierten) Texten zusammenführt, heißt es weiter, dass sich die Verhältnisse verändern und in weiterer Ausdifferenzierung münden: »Daß das hohe Differenzieren und die ›Komplexität der Verhältnisse‹ nur im Übergang, in der Krise etwas bedeuten, in der Zerstörung selbst aber die Archetypen gültig sind. Wohlstand, Schamlosigkeit, Komplexität, Liberalität bis zur Libertinage – das immergleiche Sodom-Schema. Sodom ist immer. Ein ganz kleiner Teil von uns ist vielleicht nicht Sodom. Der Rest ist immer Sodom. Aber man wird sich, wenn schon die Mauern wanken, bis zuletzt herauszureden versuchen mit dem heiligen Eifer des Differenzierens. Man wird nie akzeptieren, daß es in Untergründen so gut wie keine Vergangenheit gibt, wird sich nie zu fundamentalen Bedingungen verstehen, ohne deshalb einem Fundamentalismus anzuhängen.« (AMA 196) Die Passage betont eine Entwicklung, die Strauß als Niedergangsspirale der Verderbtheit deutet – »Wohlstand, Schamlosigkeit, Komplexität, Liberalität« –, in der sich dennoch Zwischenräume gegen die dialektische Trennung und die Verästelung finden lassen. In den Analysen wird mehrfach diskutiert, dass Strauß Formen und Anzeichen des Epochenwechsels sieht. Hierin liegt nur von außen betrachtet eine Gemeinsamkeit mit den im nachfolgenden Exkurs herangezogenen Theoretikern; der Unterschied liegt jedoch darin, dass diese einen fließenden Übergang sehen, während Strauß den Übergang unterbrechen will, um neue Formen des Innehaltens zu ermöglichen, in dem sich die Komplexität der veränderten Welt für einen Moment radikal auf handhabbare Größen reduziert: »Niemand kann sich heute das Einfache und wie es geartet sein wird, überhaupt vorstellen, und doch wird es eines Tages wieder einmal und wieder einmal nur für kurze Zeit uns dazwischenfahren, wird es die Beladenen und die Überladenen von ihrer Last, aus ihren allzu komplexen Verhältnissen befreien. Ob es nun die schrecklichen Vereinfacher sind oder der panhaft jähe Einbruch des Schrecklich-Einfachen selbst – es wird sich der Zeitpunkt finden, und er wird außerhalb der gegenwärtigen Konzepte menschlicher Selbstbeschreibung liegen.« (AMA 196f.) Gegen diese Sicht ist einzuwenden, dass die Moderne und mit ihr die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft keineswegs seit ihrem Entstehen in 36 einer dauerhaften Krise stecken. Viel mehr ist es so, dass Ausdifferenzierungsprozesse Anpassungsprozesse von innen heraus sind (während Globalisierung von außen einwirkt). Globalisierung vollzieht sich – wie eingangs gezeigt – über Verzweigung und Auflösung, Verfeinerung und Vergrößerung. Oder anders ausgedrückt: Globalisierung steht für eine komplexe, womöglich sogar über- oder hyperkomplexe Ausdifferenzierung in unterschiedliche Richtungen; aus diesem Grund ergänzen sich Globalisierungstheorien und Systemtheorie auf fruchtbare Weise, weil ihre Elemente eng verzahnt sind. Soziale Systeme und Globalisierung sind Metaphern, welche den Bedingungen der gegenwärtigen Gesellschaft Sichtbarkeit verleihen.58 58 Vgl. Jörg Lau: »Welt ohne Drüben. Globalisierung als Metapher« und Peter Fuchs: Die Metapher des Systems: Studien zu der allgemein leitenden Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse. Fuchs diagnostiziert: »Die Metapher für diesen Unterscheider ist: System. Und das Metaphorische der Metapher liegt darin, daß das System als Differenz (als ›/‹) sozusagen verschoben, verrückt, hinübergeführt wird in eine Seite der Differenz als Vollständigkeit einer unterscheidenden Aktivität, eben als das Plenum des Unterscheiders, der, woran zu erinnern ist, keinen Rand hat, keine Grenze, deren er von außen innewerden oder die er von innen her überschreiten könnte. [...] Jede Sicht, die das System haben kann, ist seine Sicht, und dennoch trennt es – sei es bewußt, sei es kommunikativ verfaßt – sich vom Nicht-sich, ohne daß irgendein Moment dieses Nicht-sich von ihm anders als in interner Konstruktion erreichbar wäre« (Fuchs: Die Metapher des Systems. S. 79). 37 Exkurs: Von historischen Dimensionen der Globalisierung & der hyperkomplexen Gesellschaft Die Abgrenzung gegen die Ökonomie Bei der Globalisierungskonzeption von Botho Strauß geht es um einen sehr eng abgesteckten Bereich von Globalisierung, der nur äußerst rudimentär mit der allgemeinen Wahrnehmung der hauptsächlich ökonomischen Dimension der Globalisierung in Berührung kommt.59 Seine Literatur handelt nicht vom Überangebot chinesisch produzierter Elektronikartikel, der Verfügbarkeit vollreifer Ananas an allen Tagen des Jahres oder der Ausbeutung von Menschen auf Schiffsfriedhöfen oder der Produktionsindustrie in Indien oder Bangladesch.60 Der literarisch-ästhetische Zugang zum Themenkomplex Globalisierung wird stattdessen mittels Metabeobachtungen erschlossen; auch um dem folgenden Dilemma auszuweichen, das Jörg Lau aus der Breite der Globalisierungsliteratur ableitet: »Wer sich in der längst unüberschaubaren Literatur zum Thema Globalisierung umtut, findet sich bald in einem Double-bind gefangen: Alles, was so nicht mehr weitergehen kann – Sozialstaat, Bildungssystem, Arbeitsgesellschaft –, muß sich ändern, weil der Prozeß der Globalisierung es verlangt; alles, was heutzutage im großen Stil schiefläuft – Massenarbeitslosigkeit, Schuldenkrise, Treibhauseffekt –, wird zugleich auf eben diesen Prozeß zurückgeführt. 59 Vgl. Botho Strauß: »Herrschen und nicht beherrschen«. Dort heißt es: »Das Volk interessiert sich nicht für Ökonomie. (Wir benutzen hier für den Schriftsteller gewöhnlich unerträgliche – begriffliche Großformate: der Staat, die Politik, die Märkte, der Souverän, also auch: das Volk.) Geld ist, über die persönlichen Zuflüsse hinaus, kaum der näheren Erkundigung wert« (HER 165). 60 In der sozialen Wirklichkeit gibt es neben den Globalisierungsgewinnern auch eine Reihe Globalisierungsverlierer: »Die große Frage nach der sozialen Gerechtigkeit muss im Zeitalter der Globalisierung theoretisch und politisch neu verhandelt werden« (Ulrich Beck: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus, Antworten auf Globalisierung. S. 18). 38 Globalisierung – das ist heute jedermanns allgemeinste Kausalformel für das Unbehagen am Weltzustand. Sie ist gleichermaßen unwiderstehlich für Linke wie Rechte, für Modernisierer wie Nostalgiker, für Marktliberale wie Etatisten, für Integrierte wie Apokalyptiker. Entgrenzungsenthusiasten versprechen sich vom wachsenden globalen Wettbewerbsdruck ein Ende des deutschen ›Modernisierungsstaus‹ (Roman Herzog). Globalisierungsgegner hingegen sehen die ökonomisch vollends entgrenzte Welt schon als leichte Beute antimodernistischer Bewegungen zwischen Wohlstandschauvinismus, Fundamentalismus und Neofaschismus.«61 Auch bei Botho Strauß ist »das Unbehagen am Weltzustand« zu spüren und äußert sich in konservativen Positionen. Das reale Elend hingegen, das die ökonomische Globalisierung verursacht, wird in der vorliegenden Untersuchung ausgeblendet, weil es in der untersuchten Literatur nur selten angesprochen wird, obgleich Strauß im Essay »Der letzte Deutsche« (2015) auf globalisierungsdiskursive Wirtschaftswissenschaftler wie Joseph Stiglitz oder Thomas Piketty verweist. Eines der wenigen Beispiele in der Prosa ist das Erzählfragment »Die Verletzung« (NA 61-65) in Niemand anderes (1987), in dem Strauß die Initialen »JNC« als weltumspannendes Etwas – Netzwerk, Unternehmen, Konglomerat? – über Vergleiche, Analogien und Metaphern beschreibt, ohne »JNC« genau zu definieren: »Um JNC zu packen, legte sie sich folgendes zurecht: Jahwe Nemo Caesar. Ja, das mußte es sein: Herr Niemand Kaiser. Oder weiter gedacht: Ewig Nie Zeit. Wiederum der Dreifaltige. Nach wie vor. Zufrieden mit der Lösung? Die Abkürzung JNC hatte alle übrigen Initialen der Erde getilgt, aufgelöst, in sich einbezogen. JNC war allgegenwärtig und einzig. Wie das Markenzeichen eines allesherstellenden, alle versorgenden Universalkonzerns. Wie der Reklamesticker für eine erdumspannende Festveranstaltung. In Schwärmen, in bakteriellen Dimensionen breitete er sich aus und überdeckte alle Wände und Straßen. In diese drei Buchstaben zog sich die Schrift von der Erde zurück und verschwand. Sie waren ihr letztes, reines, absolutes Symbol. Jedenfalls war das ihre These. Man kann das Ganze als einen Vorgang der höchsten Masseverdichtung beschreiben, sagte sie. Die Masse wäre in diesem Fall die Summe aller Dif- 61 Jörg Lau: »Welt ohne Drüben. Globalisierung als Metapher«. S. 877. 39 ferenzen, aller nur denkbaren Unterschiede, das Vielfältige schlechthin.« (NA 61f.) Diese Beschreibung einer weltumspannenden Merkantilisierung und Ökonomisierung stellt sich in der Folge als Phantasie einer eingesperrten Frau heraus. Von der persönlichen Charakterisierung wechselt sie zu einer globalen ökonomischen, sozialen oder biologischen Wirkkraft. Die »Masseverdichtung« greift Strauß in Mikado (2006) in Form einer kurzen Nebenbemerkung auf: »Der Sonnenkönig selbst käme niemals heraus aus seinem prachtvollen Reich, weil ein Sackgassenfächer ihm jede freie Ausfahrt verwehrt. Ebenso müssen Sie sich die dicken Kapitalpfropfen vorstellen, welche die Kanäle der freien Handelsbeziehungen auf der Welt verstopfen. Weitgefächert, strahlenförmig, reich – aber total verstopft!« (MIK 137) An beiden Überlegungen ist dennoch deutlich zu erkennen, dass das Globale in Verbindung mit der ökonomischen Perspektive negativ interpretiert wird. Strauß geht dabei allerdings nicht über sprachliche Bilder hinaus; eine Auseinandersetzung mit realen Begebenheiten, Protest und Reformation bleiben im Fragment ausgespart und er schließt, trotz der konservativen Grundhaltung nicht an Laus negative Visionen – »Wohlstandschauvinismus, Fundamentalismus und Neofaschismus« – an, obwohl die in Allein mit allen benannte Kette – »Wohlstand, Schamlosigkeit, Komplexität, Liberalität« (AMA 196) inhaltliche Ähnlichkeiten aufweist.62 Die Prozess- & Begriffsgeschichte der Globalisierung In allgemeinen Positionen außerhalb der hier angelegten Perspektive spezifischen Beschäftigung wird Globalisierung überwiegend als ökonomisches, politisches oder soziologisches Phänomen wahrgenommen und nur selten an erster Stelle in einen Kunst-Kontext gesetzt. Globalisierung resultiert aus einer unbestimmten Menge paradoxer Prozesse. Auf der einen Seite verschmelzen neue Kommunikationsmodi63, neue Warenströme, veränder- 62 Vgl. jedoch PP 165-170, wo Strauß im Duktus der 1968er-Generation die konkreten Folgen eines Atomkrieges in einem Atemzug mit der Gier der Weltwirtschaft nennt. 63 Miriam Meckel: »Globalisierung und Kommunikation«. S. 126. 40 te Nationalbegriffe oder neue Grenzdefinitionen die bisher etablierten Strukturen zu größeren Einheiten, während auf der anderen Seite die Welt dem einzelnen Menschen verkleinert vorkommt, weil beispielsweise dank neuer Medien wie dem Internet Kommunikation und Information über große Abstände in Echtzeit stattfinden kann. Dem gegenüber steht das Aufkeimen einer neuen Besinnung auf das Lokale beziehungsweise Regionale, das mit dem Hybridbegriff ›Glokalisierung‹ betitelt die Bewegung vom Universalen und Globalen hin zum Partikulären und Lokalen (und vice versa) beschreibt, welche wiederum sowohl verbundene sind als auch voneinander abhängige Größen sind, die als alleinige Bestimmung nicht ausreichen.64 Eine aufmerksame Betrachtung fördert zu Tage, dass Globalisierung als Prozess(begriff) in weit mehr Bereichen als unmittelbar angenommen eine treibende Kraft darstellt. Fredric Jameson äußert zugespitzt, dass Globalisierung ein »communicational concept«65 sei, das sehr breite Bereiche abdeckt. Globalisierung wird in Verlängerung verschiedener Ansätze als gesamt-gesellschaftliche Ausdifferenzierung gedeutet. Sie verläuft zudem in Phasen, Stadien oder Zyklen. Doch vor welchem Hintergrund verläuft der gegenwärtige Zyklus der Globalisierung? Schon anhand der Geschichte lässt sich die Bedeutung der Globalisierung für die Entwicklung der modernen Gesellschaft erkennen. So kann der Aufstieg Roms zur Weltherrschaft in der Antike als eine der ersten dokumentierten Globalisierungsphasen gesehen werden. Karten aus der Antike belegen einerseits, dass die Ausdehnung große Teile der bekannten Welt umfasste, und andererseits die bekannte Kugelform der Erde. Jedoch verblieb das Unbekannte hinter dem Bekannten terra incognita. Man wusste, dass dort etwas ist, nur nicht genau, was das sein könnte. Die Vorstellung war Triebkraft genug, um die Welt zu erkunden. Zum Verständnis der Welt als Kugel trug maßgeblich bei, dass mehrdimensionale Bilder der Welt eine größere Verbreitung erfuhren. Handel, Kriege, Gesellschaftsbildungen setzten sich fort. 1492 erfolgte die Entdeckung Amerikas und vermittelte erstmals das Bild der Welt als vollständig befahrbare Kugel. In dieser Übergangsepoche wuchs der lokal begrenzte Raum langsam zu einer zweidimensionalen Sphäre innerhalb einer gigantischen ›differenzierbaren Mannigfaltigkeit‹. Angela Oster führt die Popularität von Globen auf das 64 Vgl. Roland Robertson: Globalization: Social Theory and Global Culture. S. 174. Und: Roland Robertson: »Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit«. 65 Fredric Jameson: »Notes on Globalization as a Philosophical Issue«. S. 55. 41 »faszinierend[e] Bildpotentia[l]« zurück, das sowohl der »Imagination« als auch der »Ideologie« konkret-haptische Bezugspunkte gibt.66 Der älteste erhaltene und äußerst künstlerisch gestaltete Globus, der so genannte Behaim-Globus, ist auf 1492 datiert und er symbolisiert neben Hieronymus Boschs Abbildung Die Schöpfung der Welt (ca. 1500), welche die Welt als Halbkugel in einer transparenten Kugelhülle zeigt, anschaulich wie kein anderes Asservat aus dieser Zeit die verwirrenden Veränderungen, welche die Globalisierung den Menschen brachte. Exotische über die Handelsrouten importierte Genussmittel, Gewürze und Materialien aller Art vermittelten ein Bewusstsein für eine größere Dimension der Welt, jedoch wird diese den meisten Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit eher unheimlich gewesen sein, auch wenn die Menschen dieser Zeit schon seit mehreren Jahrhunderten die Vorstellung einer Erdscheibe und Sturzfluten an deren Rändern für eine historia hielten. Strauß’ Beschreibung der Imbezillen am Weltenrand aktualisiert aus gegebener Distanz das Weltbild ein weiteres Mal. Globen und detaillierte Karten machten die Welt (be)greifbar, vermittelten jedoch auch neue Schreckensbilder von Seeungeheuern oder Barbaren.67 Jürgen Osterhammel und Niels P. Petterson diagnostizieren dieser Phase der Globalisierung eine stabilisierende Wirkung.68 Etab- 66 Angela Oster: »Globalität und Globus. Technikfaszination und Kunsthandwerk der Globographie in der frühen Neuzeit«. S. 536. 67 Vgl. Judyth McLeod: The Atlas of Legendary Lands: Fabled Kingdoms, Phantom Islands, Lost Continents and Other Mythical Worlds. 68 Vgl. Jürgen Osterhammel & Niels P. Petterson: Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen: »Wir halten es für problematisch, wie selbstverständlich anzunehmen, daß Globalisierung sich über Tausende von Jahren erstreckt habe. Auf der anderen Seite ist die Idee, vormoderne Gesellschaften seien nur kleinräumig organisiert gewesen und sie hätten allein auf Selbstversorgungswirtschaft im Rahmen des Haushalts, des Dorfes oder bestenfalls einer Stadt-Umland- Beziehung beruht, heute nicht länger haltbar. Es gab in der älteren Geschichte immer wieder Globalisierungsanläufe, die aber stets irgendwann einmal abbrachen. Daher kann man sie als Vorgeschichte der Globalisierung betrachten. Wir folgen Immanuel Wallerstein, indem wir einen neuerlichen Globalisierungsanlauf, der mit dem Aufbau der portugiesischen und spanischen Kolonialreiche seit der Zeit um 1500 begann, als den Anfang einer im Prinzip irreversiblen weltweiten Vernetzung verstehen. Entdeckungsreisen und regelmäßige Handelsbeziehungen setzten erstmals Europa, Afrika, Asien und Amerika in einen direkten Kontakt, aus dem bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eine stabile multilaterale Interdependenz geworden war. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren zumindest wirtschaftlich stabile und potentiell wirkungsmächtige transkontinentale Vernetzungen etabliert« (S. 25). 42 lierte Handelsverbindungen schufen wiederum einen Bedarf an Verlässlichkeit zwischen den handelnden Partnern: verlässliche Maße, Gewichte, Wechselkurse, Warenqualitäten, Handelsrechte und Zollregelungen trugen auf direkte Weise zum reibungsloseren Ablauf eines Welthandels und zur Modernisierung unterschiedlichster Gesellschaftsbereiche bei. Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen wie Reformation, Aufweichung der Standesgrenzen, gesteigerter Mobilität, Kolonialisierung, wissenschaftlichem Erkenntniszuwachs et cetera erfolgte auch der Übergang von segmentärer zu stratifikatorischer und letztlich ab Mitte des 18. Jahrhunderts zu den frühen Stadien einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft. Dieser Übergangsprozess wurde von der Globalisierung überschattet. »Globalisierung ist nichts Neues«, konstatiert der Philosoph und Gesellschaftstheoretiker Peter Sloterdijk, »die Europäer [sind] seit 500 Jahren unentwegt in das Abenteuer der Globalisierung verwickelt. Aber dies festzustellen nötigt auch schon, hinzuzufügen, daß die terrestrische Globalisierung und die Flucht vor ihren Folgen gleich alt sind – nämlich ein volles halbes Jahrtausend«69. Die Industrialisierung beschleunigte den Gesellschaftstakt vergleichsweise plötzlich, wie Osterhammel und Pettersson veranschaulichen: Taschenuhren wurden Alltagsgegenstand, 1884 wurden die Weltzeit und Zeitzonen eingeführt, in dieser Periode wurden zudem zahlreiche global operierende Dampfschiffsgesellschaften gegründet, einige Jahrzehnte darauf die ersten Fluggeräte gebaut und zu verlässlicheren Flugzeugen weiterentwickelt, ebenso ausgebaut wurde die Möglichkeit der Telekommunikation durch Unterseekabel. Die letzten Winkel der Erde wurden von Expeditionen erobert, vermessen, kolonialisiert, erreichbar gemacht und in vielen Fällen ausgebeutet. Es war eine Periode der umfassenden Modernisierung, in der die Welt und davon abhängig auch die Zeit sukzessive anders wahrgenommen wurden. Die Autoren sprechen von »Globalitätserfahrungen«70, die unter anderem aus einer Gewahrwerdung des schwindenden Weltumfangs bestand und besteht, denn die »Beherrschung von Raum und Entfernung wirkte auf die Denk- und Gefühlslage der Epoche zurück. Die Gegenwart wurde nun von vielen als ein Zusammenhang weltweit simultan stattfindender Ereignisse verstanden, als 69 Peter Sloterdijk: »Die synchronisierte Welt. Philosophische Aspekte der Globalisierung«. S. 77. 70 Jürgen Osterhammel & Niels P. Petterson: Geschichte der Globalisierung: Dimensionen, Prozesse, Epochen. S. 63. 43 globale Gleichzeitigkeit statt als das im Augenblick unmittelbar Präsente. In Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst bestand weitgehende Einigkeit darüber, daß Beherrschbarkeit des Raumes und globale Gleichzeitigkeit fundamentale Veränderungen des menschlichen Zusammenlebens mit sich bringen würden. [...] Spätestens seit den 1880er Jahren war alltagssprachlich von einer Weltwirtschaft als zusammenhängendem Gebilde die Rede.«71 Die veränderte Welt fließt als Wahrnehmung nun auch vermehrt in kulturelle Kontexte ein. Doch festzuhalten bleibt, dass erst globalisierende Prozesse den gesellschaftlichen Umbruch überhaupt ermöglichen. Globalisierung betrifft vor allem Gesellschaft und weniger den Globus an sich; vom Raubbau an den vorhandenen Ressourcen oder der Umweltzerstörung abgesehen. Die jetzige Form der Globalisierung und die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft sind korrelierende Phänomene der Moderne, genauer noch formuliert es Anthony Giddens: »Das Globalisierende liegt im Wesen der Moderne, und die beunruhigenden Konsequenzen dieses Phänomens verbinden sich mit der Zirkularität ihrer reflexiven Beschaffenheit, um einen Ereignisbereich zu bilden, in dem Risiko und Gefahr einen neuen Charakter annehmen. Die Globalisierungstendenzen der Moderne sind zugleich extensional und intensional: die Individuen werden dadurch mit umfassenden Systemen verknüpft und so zu Bestandteilen komplexer dialektischer Veränderungsprozesse, die sich am lokalen ebenso wie am globalen Pol zutragen. Viele der häufig als postmodern bezeichneten Phänomene betreffen in Wirklichkeit die Erfahrung des Lebens in einer Welt, in der Anwesenheit und Abwesenheit in historisch neuartiger Weise miteinander verschmelzen. Während sich die Zirkularität der Moderne durchsetzt, verliert der Fortschrittsbegriff seinen Inhalt; und auf der lateralen Ebene kann das Quantum des infolge des Lebens in ›einer einzigen Welt‹ täglich nach innen fließenden Informationsstroms überwältigend wirken. Dabei handelt es sich jedoch nicht in erster Linie um eine Äußerung kultureller Fragmentierung oder der Auflösung des Subjekts in eine ›Welt der Zeichen‹ ohne Zentrum, sondern dies ist ein Prozeß der gleichzeitigen Umgestaltung der Subjektivitität und der globalen Gesellschaftsorganisation, der sich vor dem beängstigenden Hintergrund folgenreicher Risiken abspielt.«72 71 Jürgen Osterhammel & Niels P. Petterson: Geschichte der Globalisierung. S. 65. 72 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 217f. 44 An dieser Aussage ist neben der gleichzeitigen Einbindung und Herauslösung unter anderem das Verhältnis von Zirkularität und Fortschritt hervorzuheben, das in vergleichbarer Form Strauß’ Argumentation über »Fleck und Linie« in Beginnlosigkeit beeinflusst, wie im entsprechenden Kapitel verdeutlicht wird. Das Verhältnis von Globalisierung & Literatur Die Erkundung der Welt(kugel) in der Literatur zu verhandeln, hat eine lange Tradition und intensiviert sich während der Industrialisierung. Im weitesten Sinn deckt der Globalisierungsbegriff im Rückblick auch Berichte über Reisen an entfernte Orte ab, wenn diese Reisen der Erschließung neuer Bereiche oder Gegenden dienen und daran anknüpfend die Verbindung zweier bis dahin nicht verbundener Orte gewährleisten. Literarische Berichte stricken mit an der Globalisierungsmetapher. Exemplarisch sei auf die Idee einer Vermessung der Welt in Zeit- statt Raumeinheiten hingewiesen, die in Jules Vernes Abenteuerroman Le Tour du monde en quatrevingts jours (1873, dt. In 80 Tagen um die Welt) eine literarische Schilderung findet, die vollends dem zeitgenössischen Geschwindigkeitsrausch der frühen Industriegesellschaft entspricht. Ein weiteres Romanvorhaben Vernes, Voyage au centre de la terre (1864, dt. Die Reise zum Mittelpunkt der Erde), nimmt eine Vermessung der Tiefe der Welt vor. Jules Vernes Werk greift die Veränderungen der Zeit auf und ist somit in hohem Maße kontemporär. Der sich intensivierende Glaube an Fortschritt und Wissenschaft mündet trotz geäußerter Skepsis in der Erkundung und Beschreibung verschiedener topographischer Ebenen (Berge, Höhlen, Unterwasserbereiche).73 Bemerkenswert an den Texten ist, dass die Transport-, Existenzund Wissenschaftsbedingungen dieser Zeit wie selbstverständlich Eingang finden und dass die Narrationen um die Vermessung der Oberfläche und Tiefe der Welt aus heutiger Sicht wie ein Diorama des Fortschritts wirken. Aber sie schildern in diesem Sinne keine einheitliche Welt, denn das Narrativ wird über Differenzen und Differenzerfahrungen entwickelt. Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt (2005) knüpft nahtlos an diese Weltgestaltung an. Die Nennung Vernes und Kehlmanns erfolgt exemplarisch und die Literaturgeschichte weist selbstverständlich weitere Entdeckungs- und Reiseliteratur auf, welche, wie Angela Oster betont, nicht »auf 73 Mit Oniritti Höhlenbilder (2016) geht Botho Strauß einen vergleichbaren Weg, doch unter anderen Vorzeichen. Ich komme im letzten Kapitel darauf zurück. 45 Konfigurationen des Globus verzichten« kann, wenngleich sie nicht »zum Leitpoetologem« dieser Literatur wird.74 Die Fortschritts-schilderungen greifen die wesentlichen technischen und sozialen Merkmale der Modernisierung auf. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzt sich der Prozess fort und führt sukzessive zu einer Verschärfung der Daseinsbedingungen, die in der Literatur aufgegriffen und verarbeitet werden. Es zeigt sich nun, wie kolossal zwei Weltkriege das politische und soziale Gefüge veränderten. Neben der Zweiteilung Europas beschleunigten sie die allgemeine Technisierung der Gesellschaft, beispielsweise durch die Weiterentwicklung von Ton- und Bildmedien. Auf sie folgte eine physische wie psychische Beschleunigung der Lebensverhältnisse. Erst in der Gegenwart entwickelt sich die als solche erkannte und benannte Globalisierung (trotz aller zuvor literarisch beschriebenen technischen und gesellschaftlichen Veränderungen) zu einem festen Thema in der Literatur.75 Eine Untersuchung des Phänomens Globalisierung beansprucht daher sowohl in den Sozialwissenschaften als auch in einem kulturwissenschaftlichen Kontext eine Daseinsberechtigung. Die Erörterung fällt gegenwärtig jedoch anders als in früheren Zeiten aus und wird nun zum Beispiel durch kulturelle (Grenzen, Nation, Heimat) oder soziale Fragen (Biographien und Identität, Gesellschaft, Kommunikation) thematisiert. Globalisierung wird in letzterem beispielsweise durch Themen wie ›Globalisierung und Regionalisierung in der Gegenwartsliteratur‹ oder post-koloniale Problemstellungen untersucht.76 Und an dieser Stelle setzt auch die Literatur von Strauß an. Die breite theoretische Beschäftigung in unterschiedlichsten Bereichen verhindert jedoch nicht, dass die Diskussion gelegentlich ins Dogmatische kippt, wie Jörg Lau konstatiert: »Unter den Teilnehmern am Diskurs der Globalisierung halten sich Visionäre und Verschwörungstheoretiker die Waage. Ihr Reden irrlichtert zwischen Euphorie und Paranoia, abhängig davon, ob man sich eher auf der Gewinner- oder Verliererseite wähnt. Die Selbstbeschreibungen sämtlicher 74 Angela Oster: »Globalität und Globus. Technikfaszination und Kunsthandwerk der Globographie in der frühen Neuzeit«. S. 536. 75 Zur Perspektivierung lediglich zwei weitere Beispiele: Ilija Trojanow: Der Weltensammler (2006), Michelle Houellebecq: La carte et le territoire (2011, dt. Karte und Gebiet). 76 Vgl. Wilhelm Amann, Georg Mein & Rolf Parr: Globalisierung und Gegenwartsliteratur: Konstellationen, Konzepte, Perspektiven. Und: Christian Moser & Linda Simonis: Figuren des Globalen: Weltbezug und Welterzeugung in Literatur, Kunst und Medien. 46 gesellschaftlicher Bereiche werden nach und nach im Hinblick auf Folgen der Globalisierung revidiert: Die Kultur grübelt über den Multikulturalismus, die Wissenschaft über die weltweit vernetzte Wissensgesellschaft, die Wirtschaft über die Währungsunion, die Politik über das Ende des Nationalstaats. Und selbst das Urbild aller multinationalen Unternehmen reklamiert seinen festen Sitz im Leben heute mit Bezug auf jenen zauberischen Begriff […].«77 Lau verweist auf mögliche Formen der Auseinandersetzung mit der Globalisierung, ohne dass generelle Merkmale aus der zitierten Passage hervorgehen. Ein erneuter Blick auf die Globalität verschafft etwas mehr Klarheit. Gesellschaftsentwicklungen & Hyperkomplexität Wie Osterhammel und Petterson bezeichnet auch Ulrich Beck die Simultanität der globalen Gesellschaft als Globalität und sieht diese als Teil einer Begriffstrias aus Globalisierung, Globalität und Globalismus. Die Termini bezeichnen den Prozess der Globalisierung, den durch sie erreichten und irreversiblen Zustand und die hinter ihr liegende Ideologie. Globalisierung ist demnach ein Prozessbegriff und macht Globalität erst möglich. Im Zuge der Globalisierung verändern sich Raumgrenzen durch Ausdehnung, Zeit wird anders aufgefasst und letztlich wandelt sich ebenso die »(soziale) Dichte der transnationalen Netzwerke, Bindungen und Bilderströme«78. Globalisierung erzeugt einen komplexeren Bezugsrahmen um die Grenzen und Ausbreitung von Raum, Zeit und Interaktion. Globalität hingegen bezeichnet nichts anderes als das Erreichen und die Etablierung einer Weltgesellschaft, welches bedeutet, dass nationale Grenzziehungen vordergründig obsolet werden. Die Herausbildung einer grenzüberschreitenden reflexiven Weltgesellschaft hat eine wahrgenommene Offenheit zur Folge und es geht nicht um die Etablierung eines Weltstaates.79 Kurzum lautet Becks vorläufige Definition: »›Welt‹ in der Wortkombination ›Welt-Gesellschaft‹ meint demnach Differenz, Vielheit, und ›Gesellschaft‹ meint Nicht-lntegriertheit, so daß man 77 Jörg Lau: »Welt ohne Drüben. Globalisierung als Metapher«. S. 879. 78 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 30. 79 Vgl. Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 31. 47 […] Weltgesellschaft als Vielheit ohne Einheit begreifen kann. Dies setzt […] sehr Unterschiedliches voraus: transnationale Produktionsformen und Arbeitsmarktkonkurrenz, globale Berichterstattung in den Medien, transnationale Käuferboykotts, transnationale Lebensformen, als ›global‹ wahrgenommene Krisen und Kriege, militärische und friedliche Nutzung von Atomkraft, Naturzerstörung usw.«80 Globalität erodiert den althergebrachten Raumbegriff und beleuchtet die Konsequenz, dass – im Sinn der Glokalität81 – lokale Ereignisse globale Auswirkungen mit sich führen können. »Globalisierung meint das erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns in den verschiedenen Dimensionen der Wirtschaft, der Information, der Ökologie, der Technik, der transkulturellen Konflikte und Zivilgesellschaft«82, wie Beck festhält. An schönen Dingen wie Flugreisen und Telekommunikation und an schlimmen Dingen wie Drogen und Menschenhandel wird deutlich, dass Globalisierung auch »das Töten der Entfernung; das Hineingeworfensein in oft ungewollte, unbegriffene transnationale Lebensformen«83 meinen kann. Die Wahrnehmung der Globalisierung bleibt dennoch für viele Menschen diffus und selbst erfahrene Theoretiker hadern damit, dass »der Globalisierungsbegriff und -diskurs so schwammig ist« – Beck schließt an: »Ihn zu bestimmen gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln«84. Der Terminus Globalismus wiederum beschreibt, »daß der Weltmarkt politisches Handeln verdrängt oder ersetzt«.85 Er steht für eine »wirtschaftliche Dimension« und ist somit das Gerüst hinter dem gegenwärtig gesellschaftsprägenden Neoliberalismus, der »unentrinnbaren Dominanz des Weltmarktes«86 – er ist stattdessen ein wirtschaftliches und bzw. oder politisches Konzept.87 Besonders angesichts der fortschreitenden Globalisierung wird deutlich, dass die Möglichkeitssteigerung in den Globalitätsfaktoren wie beispielsweise »hohe interne Mobilität, Veränder- 80 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 28. 81 Vgl. insbesondere Kapitel 10 in Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft: Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. 82 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 44. 83 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 45. 84 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?: S. 44. 85 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 26. 86 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 27. 87 Das Themenfeld des Globalismus wird aus den zuvor genannten Gründen, das heißt der fehlenden Auseinandersetzung in der vorliegenden Arbeit, ausgeblendet. 48 lichkeit und Zeitknappheit in der Gesellschaft«88 nicht bloß hypothetische Reaktionen sind. Über den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft ist bereits eine Vielzahl an Beobachtungen und Beschreibungen publiziert worden, deren gemeinsames Merkmal darin besteht, einen Übergang der Moderne in eine neue Phase zu diagnostizieren, in der die funktionale Ausdifferenzierung ungehemmter und schneller voranzuschreiten scheint und weitere Umwälzungen ausgelöst werden. Die folgenden Termini mögen im ersten Augenblick übermächtig wirken, aber durch die nachfolgenden Analysen wird der Bezug zwischen ihnen und den Texten von Botho Strauß detailliert betrachtet. Zu nennen sind Bezeichnungen, Beschreibungen oder Einteilungen wie Ulrich Becks Risikogesellschaft und Weltrisikogesellschaft und daran gekoppelt die zweite oder reflexive Moderne, Vilém Flussers Theorie einer kodifizierten und vernetzten telematischen Gesellschaft, Peter Sloterdijks spontan entstehende und zerfallende Schaumcluster oder Niklas Luhmanns Theorie einer funktional ausdifferenzierten Weltgesellschaft. Der dänische Soziologe Lars Qvortrup entwickelt unter anderem auf Grundlage der Systemtheorie Luhmanns die These, dass die gegenwärtige Gesellschaft eine ›hyperkomplexe Gesellschaft‹ sei, die polyzentrisch, möglicherweise subjektlos, informationsgesättigt, nicht-hierarchisch, vernetzt und eben auch funktional ausdifferenziert ist.89 In Det hyperkomplekse samfund: 14 fortællinger om informationssamfundet90, auf Deutsch ›Die hyperkomplexe Gesellschaft: 14 Erzählungen über die Informationsgesellschaft‹, erarbeitet er Stand- und Aussichtspunkte, von denen sich Einzelbereiche und Zusammenhänge der Gesellschaft überblicken und erkunden lassen. Insbesondere Qvortrups Synthese lässt sich als relevante theoretische Ausgangspunkte für Botho Strauß’ 88 Niklas Luhmann: »Die Weltgesellschaft«. S. 62. 89 Diesen Terminus verwendet auch Niels Werber in einer Analyse eines futuristischen Romans von Stanislaw Lem. Werber schreibt: »Die Gesellschaft besteht aus Kommunikationen, in ihrer Umwelt herrscht das Chaos des Rauschens all jener Molekülbewegungen, die Lems ›Selektor‹ nicht als Information dekodiert. Wenn man in der Systemtheorie versucht, sich einen perspektivenlosen, beobachterunabhängigen Blick auf die Gesellschaft vorzustellen, dann könnte sie sich so darstellen, wie Mäuler sie erlebt: als ein undifferenziertes, endloses, hyperkomplexes, kontingentes Universum von unspezifischen Kommunikationen, die alle potentiell sinnvoll, aber kontextlos ohne Anschlußfähigkeit sind« (Werber: »Neue Medien, alte Hoffnungen«. S. 888). 90 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund: 14 fortællinger om informationssamfundet. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor. Zitierte Passagen sind eigene Übersetzungen und stehen aus diesem Grund in einfachen Anführungszeichen. 49 Globalisierungskonzeption heranziehen. Dies in der Hinsicht, dass das Modell einer hyperkomplexen Gesellschaft annähernd das beschreibt, was auch Strauß in seinem Werk beobachtet und reflektiert. Sowohl die hyperkomplexe Gesellschaft als auch der literarische Blick sind (Folge-)Beobachtungen von gesellschaftsinternen Selbstbeobachtungen. Jedoch sieht Qvortrups Ansatz nicht länger originäre Beobachtungen und Beschreibungen der Gesellschaft vor, sondern bezieht sich auf die dominanteren Beobachtungen zweiter Ordnung aus multiplen Perspektiven, denn nur so könne man veränderten vielfältig komplexen Gesellschaftsbedingungen Herr werden. Beispielsweise lässt Strauß in einem Dialogfragment der Novelle Die Unbeholfenen zwei Figuren in Form der Beobachtung von Beobachtungen eben jene Entwicklungen innerhalb der Moderne und somit indirekt auch ihre »technische[n] Erneuerungen und politische[n] Gräben«91 Revue passieren: »Vergessen wir nicht die großen Gestimmtheiten des Zwanzigsten Jahrhunderts. Sie sind es doch, in die wir uns zuweilen prüfend zurückversetzen, wenn wir in den Büchern der Moderne lesen. Denn es beherrscht uns eine unstillbare Sehnsucht nach der frühen Moderne. Zu ihnen zählen unter anderem: die Angst, der Ekel, der Wahn, die Langeweile, das Absurde. Sie bildeten die intuitive Voraussetzung für die Krisenfähigkeit des damaligen Bewußtseins. Welche wäre denn für uns heute die beherrschende kollektive Gestimmtheit […]?« (DU 64) Die Frage nach den unterschiedlichen Formen der damaligen und gegenwärtig dominierenden ›Gestimmtheiten‹ könnte mit dem Schlagwort der Hyperkomplexität beantwortet werden. Die Merkmale der hyperkomplexen Gesellschaft als Deutungsoptik anzuwenden, macht frühe wie aktuelle Eigenheiten gesellschaftlicher Veränderungen sichtbar, die ansonsten verborgen geblieben wären. Diese Verschränkung von Theorie und Literatur erlaubt die hypothetische Annahme, dass eine Hinwendung zur – oder zumindest ein Schritthalten mit der – hyperkomplexen Gesellschaft in Strauß’ Texten aufgedeckt werden kann. Den Begriff der Hyperkomplexität definiert Qvortrup als ›Komplexität der 2. Ordnung, das heißt als Komplexität, die auf sich selbst verweist‹92. Dementsprechend ist die hyperkomplexe Gesellschaft als eine Gesellschaft definiert, die sich dessen 91 Jürgen Osterhammel & Niels P. Petterson: Geschichte der Globalisierung. S. 100. 92 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 30. 50 bewusst ist, hyperkomplex zu sein. Ein vollständiges Bild der Gesellschaft lässt sich folglich nur erzeugen, wenn alle Teilbereichsanalysen nebeneinander gestellt oder aufeinander bezogen werden; ein schier unmögliches Unterfangen. Sie ›kann nicht von einem einzelnen Observationspunkt aus (unwichtig ob intern oder extern) überblickt werden, sondern muss von einer Vielzahl von Observationspunkten mit ihrem jeweiligen Code beobachtet werden. Ein Großteil dieser Beobachtungen sind Beobachtungen von Beobachtungen von fremden und/oder eigenen Beobachtungsoperationen. Dies charakterisiert, was ich als das polyzentrische Zeitalter bezeichne.‹93 Weiter gedacht bedeutet es, dass die hyperkomplexe Gesellschaft nicht mehr als Gesamtbild beschrieben werden kann, ohne eine allzu radikale Komplexitätsreduktion zu vollziehen. In der Notwendigkeit einer Vielzahl von Beobachtungsoptiken94 spiegelt sich auch der Verlust eines eindeutigen Selbstbeobachtungsprinzips der Gesellschaft95 wider, woraus Qvortrup ableitet, dass hyperkomplexe Selbstbeobachtungen Beobachtungen von Selbstbeobachtungen von (Selbst-)Beobachtungen sind. Mit anderen Worten (und aus Mangel an Visualisierungsmetaphern) handelt es sich um eine in sich geschlossene hyperkomplexe Beobachtungsspirale oder ein hyperkomplexes Beobachtungsnetzwerk. Die Reflexionen über die Bedeutung und Ausformung von Fleck und Linie, die Strauß in Beginnlosigkeit oder in Oniritti Höhlenbilder im Kapitel „Oniritti Treppauf Treppab“ (OH 249-269) vorstellt, ließen sich (mit Einschränkungen) heranziehen, um Vexierbilder der Hyperkomplexität hervorzurufen. Aufgrund ihres polyzentrischen Aufbaus ist die Hyperkomplexitätstheorie zugleich eine global ausgerichtete Selbstbeschreibungsform.96 ›Hyperkomplexe Gesellschaftssysteme organisieren sich durch selbstgenerierte Ordnungsprinzipien‹97, wobei zu bedenken ist, dass Vernetzung ein lineares und kausales Verweisprinzip außer Kraft setzt.98 Den Beginn der hyperkomplexen Gesellschaft sieht Qvortrup dort, wo die Thesen der Postmodernisten keinen weiteren Anschluss fin- 93 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 30. 94 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 43. 95 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 50. 96 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 52. 97 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 92. 98 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 92. 51 den, also Komplexität ins Unermessliche gesteigert wird.99 Die einzelnen Bereiche der Gesellschaft verselbstständigen sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, verästeln sich feiner, stabilisieren sich. Da sie dabei den einzelnen Menschen in gewisser Weise ausschließen, steigt auch der Druck auf das Individuum, sich in der Gesellschaft zu behaupten. 99 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 193.

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References

Zusammenfassung

Dieser Band widmet sich dem spezifischen Blick auf die Veränderungen der Welt in Texten des Gegenwartsautors Botho Strauß (*1944). Es handelt sich hierbei um einen neuen Deutungsansatz, und die verfolgte These lautet, dass Strauß in seiner Auseinandersetzung mit der Gesellschaft einen teils offensichtlichen, teils im Hintergrund verborgenen, rhizomatisch verbundenen Globalisierungsdiskurs führt. In Essays, Prosatexten und Dramen werden auf vielfältige Weise die Einwirkungen der Globalisierung auf das Individuum und die Gesellschaft in literarisch-ästhetischer Form verarbeitet. Die vorliegende Herausarbeitung der so genannten Globalisierungskonzeption analysiert und systematisiert in verschiedenen Detail- und Überblicksbetrachtungen, wie Strauß seine Sicht auf Zeit, Raum oder Gesellschaft vermittelt. Das übergeordnete Vorhaben besteht darin, die direkten und indirekten Bezugnahmen auf Globalisierung, Globalisierungsprozesse und Globalisierungskonsequenzen in seinen Texten zu beobachten, zu beschreiben und die Ergebnisse in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen.