Content

6: Dissolving characters & die Konsequenzen der Globalisierung: »Alleinsein, das die Welt wiederum in lauter Isolationen und Einzelheiten zerlegt, Detailvergrößerungen« in:

Sascha Prostka

Implodierte Weltlichkeit, page 369 - 540

Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4177-2, ISBN online: 978-3-8288-7056-7, https://doi.org/10.5771/9783828870567-369

Series: Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
369 Teil III: Widerstand & Aufgabe Bitte oszillieren Sie zwischen Trübsinn und Genie bitte oszillieren Sie Tocotronic, »Bitte oszilieren Sie« »Zuviel Him, zuviel Umriß von Bewußtsein ist in die Dinge getreten und in unsere Hände geraten. Wir können sie nie wieder allein lassen. Der Geist, um mehr als ihr Wärter, nämlich ihr Meister zu sein, wird technischer und metaphysischer zugleich werden. Nicht im Widerstand gegen sein technisches Zeug, sondern in Koevolution mit ihm wird er seine Souveränität behaupten. Nicht die Höllenphantasmagorie des Kulturkritikers, sondern die Weisheit des Technikers empfinge uns dann am Ende des langen Wandels. Dort, nahe dem Wunder, Technosophie. Es gibt keine andere Welt, es gibt nur eine weitere. Und es gibt das Ganz Andere; nicht hier.« Botho Strauß, Niemand anderes »Welt steckt voller Geschehnis und ist vielleicht sogar im Umbruch. Und du tust nichts als blöde hin und her zu schaukeln.« Botho Strauß, Paare, Passanten 371 6: Dissolving characters & die Konsequenzen der Globalisierung: »Alleinsein, das die Welt wiederum in lauter Isolationen und Einzelheiten zerlegt, Detailvergrößerungen« 6.1 Interludium – Ein imaginäres Gespräch über die Globalisierung & das Zusammenspiel von Gesellschaftstheorie und Literatur Eine Theaterbühne. Gedämpftes Licht auf den Hintergrund, fünf Spots sind auf fünf LC2-Sessel gerichtet, die auf einem Podium stehen, rundherum Vorhänge. Assistenten scheuchen umher, richten Licht, Frisuren und Make Up. Zwei Kamerafrauen diskutieren mit der Regie. Peter Sloterdijk, gemeinhin wenig öffentlichkeitsscheu und stets fabulierend, sitzt entspannt in einem Sessel, schenkt sich Riesling ein. Auf dem Podium sitzt auch, obwohl nur äußerst schwer vorstellbar, mit zerknirschtem Gesichtsausdruck Botho Strauß. Ein gemeinsames Gespräch über den gegenwärtigen Zustand der globalisierten Welt steht an, obwohl beide Figuren im Grunde zu konträr für solch eine Diskussion sind. Die Runde besteht zudem aus Ulrich Beck und Niklas Luhmann, die ihre jeweiligen Meinungen über den Gegenstand ›Welt‹ in die Runde werfen sollen. Ulrich Greiner moderiert und Arte wird das Gespräch live senden. ›Welch illustre Gesellschaft! Welch konträre Weltbilder kommen wohl noch zum Vorschein?‹ bricht es irgendwo im dunklen Hintergrund heraus. Am liebsten hörte Sloterdijk schon jetzt die Zustimmung des Podiums und des Publikums, er streicht über sein Tweed-Sakko und redet sich, Buchauszüge zitierend, warm: »Hinsichtlich der allgemeinen Raumgefühle ist für die dritte Welle der Globalisierung bezeichnend, daß sie den realen Globus enträumlicht und an die Stelle der gewölbten Erdkugel einen nahezu ausdehnungslosen 372 Punkt setzt beziehungsweise ein Netzwerk aus Schnittpunkten und Linien, die nichts anderes bedeuten als Verknüpfungen zwischen beliebig weit auseinanderliegenden Rechnern«542. Strauß wirft genervt ein, dass das stimmen mag, aber dieser Gedanke sei nun nicht originär, denn schließlich habe er ihn selbst seit den frühen Achtzigern immer wieder neu gedacht, reformuliert, moduliert und geschärft, noch bevor es den Terminus Globalisierung überhaupt gegeben habe. Ulrich Beck, vom gestrigen Langstreckenflug etwas derangiert, erwidert gähnend, dass dies eine sehr literarische Perspektive auf die Themen der Soziologie sei und fügt hinzu, dass damit lediglich ein weiteres Mal die internen Bezüge der Risikogesellschaft, überdies sogar der Weltrisikogesellschaft, im Zeitalter der Globalität hervorgehoben werden, gleichgültig wie und wo das Thema bereits formuliert worden sei. Am Rand neben Strauß sitzt Niklas Luhmann, still beobachtend und sagt dem Moderator zugewandt: ›Aufmerksamkeit oder Ignoranz. Das bildet doch ein nettes System, nich? Da reden sie, die Kontingenz und die Komplexität ihrer Kommunikation sind ihnen keineswegs vollends bewusst, und reiben sich an der gesamten Bandbreite der Gesellschaft, dabei reden sie im Grunde nicht selbst, sondern das System spricht, die Kommunikation, die gegenseitige Erwartungshaltung an das Gesagte, … ja, äh, über ihren Köpfen. Zitate, Gedanken und neue Ansätze, bunt vermischt‹. Sloterdijk kräht dazwischen: »Wenn die zweite Welle bei geringen und mittleren Geschwindigkeiten die immense Ausdehnung des Planeten in die menschliche Anschauung gehoben hatte, so bringt die dritte das Weitegefühl der Neuzeit bei hohen Geschwindigkeiten wieder zum Verschwinden. Hierauf antwortet heute ein diffuses Unbehagen an der überkommunikativen Verfaßtheit des Weltsystems« – Ulrich Beck rollt mit den Augen, ein entnervtes ›Pffft‹ ist zu hören, während Sloterdijk weiterspricht – »ein berechtigtes Empfinden, wie wir meinen, denn was man heute als die Wohltaten der Telekommunikation feiert, erleben Unzählige als eine suspekte Errungenschaft, mit deren Hilfe wir uns jetzt auch aus der Ferne gegenseitig so unglücklich machen können, wie dies früher direkten Nachbarn vorbehalten war«543. Strauß fragt Greiner leise, ob er rauchen dürfe, man habe so seine Mittel der Kontemplation in Gesellschaft, obwohl er eigentlich am liebsten gar nicht auf diesem Podium säße, sondern am liebsten, wie immer, ganz weit 542 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 543 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 373 weg wäre, da er nicht gesellschaftlich in allen Bedeutungen des Wortes sei. Er bevorzuge den Abstand, die Distanz, aber er sei Greiner, der gleich moderieren werde, ja noch diesen einen elenden Gefallen schuldig. Verzweifelt-missmutig brummt er vor sich hin, dass er doch ein für alle Mal in Lichter des Toren gezeigt habe, dass nur der Idiot sich aus der Zeit und der Vernetzung befreien könne, dass Technik eine klebrige Geißel der Gesellschaft sei, dass es eh um die Welt geschehen sei, dass die leichten Auswirkungen und umfassenden Konsequenzen der Globalisierung nicht wegzudiskutieren seien … was also solle er hier überhaupt, seine Bücher sprächen doch deutlich genug? Luhmann lauscht aufmerksam, kramt aus einem Jutebeutel ein signiertes Exemplar von Die Realität der Massenmedien, reicht es Strauß und sagt dabei, dass keiner habe ahnen können, wie sich die Dinge entwickeln würden. ›Sie und ich, wir richten unseren Blick ja beide sehr auf historische Entwicklungen und die Gegenwart, weniger auf die Zukunft aus. Wollen im Detail alles verstehen und miteinander verbinden. Wissen, wie etwas funktioniert. Wir denken ja recht ähnlich, obwohl Sie sich gelegentlich abfällig über meine Theorie oder Komplexität geäußert haben. Aber ich sehe, dass Sie sich dennoch konstruktiv damit beschäftigen‹. Im Hintergrund, also eigentlich im Vordergrund, weil der immer dort ist, wo Sloterdijk ist, rundet dieser ab: »Wo die Würde der Abstände negiert wird, schrumpft die Erde mitsamt ihren lokalen Ekstasen auf ein Beinahe-Nichts zusammen, bis von ihrer königlichen Ausgedehntheit nicht mehr als ein abgegriffenes Logo übrigbleibt«544. Die Uhr über der Bühne zeigt 15 Sekunden Restzeit bis zum Sendungsbeginn an, Greiner erhebt die Stimme, bittet um Ruhe, der Vorhang lichtet sich, das Publikum applaudiert, das Gemurmel auf dem Podium verstummt. Greiner erhebt sich und begrüßt das Publikum und die Diskutanten. Thema des Gesprächs sei, zum Publikum sprechend, der Zustand der Welt und der Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung. Zur Einstimmung wolle er nun eine Passage aus dem Schlusswort von Anthony Giddens’ Konsequenzen der Moderne zitieren: »Die Globalisierung – ein ungleichmäßiger Entwicklungsprozeß, der zugleich koordiniert und fragmentiert – bringt neue Formen der weltweiten Interdependenz ins Spiel, wobei es wiederum keine ›anderen‹ gibt. [...] 544 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 374 Denn weder bei der radikaleren Durchsetzung der Moderne noch bei der Globalisierung des sozialen Lebens handelt es sich um Prozesse, die in irgendeinem Sinne abgeschlossen wären. Angesichts der kulturellen Vielfalt insgesamt bestehen viele verschiedene Möglichkeiten, in kultureller Hinsicht auf solche Institutionen zu reagieren. In einem globalen System, das in puncto Reichtum und Macht durch krasse Ungleichheiten gekennzeichnet ist, entstehen Bewegungen, die über die Moderne ›hinausführen‹ und von diesen Ungleichheiten nicht unberührt bleiben können«545. Sich vom Publikum abwendend fragt Greiner ›Herr Strauß, Sie sind mehr als einmal ›Seismograph der Gesellschaft‹ genannt worden, wie verhält sich Giddens’ Schilderung zu Ihrer Literatur?‹. Doch der Sessel ist leer, knirschend richtet sich langsam das Leder der Sitzfläche auf, von Botho Strauß fehlt jede Spur. 6.2 Neue Gesellschaftsformen & die Identitäten des Subjekts Die imaginäre Gesprächsrunde akzentuiert aus einer für eine akademische Darstellung etwas ungewöhnlichen Perspektive die Vereinbarkeit der Theoretiker bei gleichzeitiger Reibung der Positionen. Die spontane Flucht des literarischen Autors vor der Teilnahme an einem öffentlichen Gespräch soll demonstrieren, dass Strauß sich einer Annäherung an die Globalisierung nur unter solch medialisierten Bedingungen widersetzt und stattdessen die Literatur als Sprachrohr und Ort der ästhetischen beziehungsweise literarischen Verarbeitung von Globalisierung benutzt. Kunst und Literatur stehen in Bezug auf die Schilderung der Gesellschaft (auch das klang bereits mehrfach an) als gleichwertige Alternative außerhalb der sozialwissenschaftlichen Beobachtungs- und Beschreibungsweise. Jedoch zeigen die Verschränkungen aus Gesellschaftstheorie und Literatur in den ersten zwei Teilen, dass sich zwischen soziologischer Theoriebildung und literarischer Praxis ergiebige Bezüge herstellen lassen und zudem in Teilen bereits innerhalb von Strauß’ Literatur existieren. Das Interludium nach dem Vorbild fiktiver Gesprächskonstellationen, wie sie beispielsweise Rainald Goetz konstruiert, nähert sich den bisher herangezogenen Theorien und Überlegungen bewusst aus einer neuen Perspektive an, um die vielschichtige Verbindung von Soziologie und Literatur als zwei insofern konkurrierende Beobachter von Gesellschaft ein weiteres Mal zu überprüfen. Der dritte Teil will nun unter der den Stichworten Widerstand und Aufgabe näher 545 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 215. 375 untersuchen, zu welchen Auswirkungen auf und für die Figuren, Subjekte und Individuen die Globalisierung bei Botho Strauß führt. Die quellennahen Analysen einer Vielzahl von Strauß’ Texten verfolgen vorrangig Inhaltslinien, wodurch es hier und da zu chronologischen Brüchen, Sprüngen und Redundanzen kommt, die sich aufgrund der thematischen Netzstruktur der beobachteten Werke im Rahmen der hier untersuchten Fragestellung nicht vermeiden lassen. Im ersten Kapitel liegt der weitgefasste Fokus auf den Konsequenzen der Globalisierung und im nächsten Kapitel auf der Tragweite und Intention der Idiotisierung. Die Weltgesellschaft und Weltrisikogesellschaft bilden dabei das äußere setting und die äußere Rahmung der folgenden Überlegungen, deren Überschneidungen und innere Reibungen die vorangegangene Einleitung in ihrer ungewöhnlichen Dialogform vorsichtig andeutete. Es wurde am Beginn der vorliegenden Studie beschrieben, wie die Globalisierung in der Globalität mündet, doch der Prozess der Globalisierung dauert in Form der Ausdifferenzierung weiter an. Sie zeigt sich durch Verzweigung und durch Vernetzung. Wie Sloterdijk ausdrückt, dominiert die Enträumlichung des Globus zugunsten einer Netzsphäre aus verknüpften Computern oberhalb der Menschen die Gegenwart und er spricht zudem von Überkommunikation und Abstandsverminderung.546 Das sind dieselben Standpunkte, die in den vorherigen Analysen auch in den Texten von Botho Strauß nachgewiesen werden konnten. Der Übergang in die hyperkomplexe Gesellschaft (nach Qvortrup) und in eine Phase, die Ulrich Beck als Die Metamorphose der Welt547 beschreibt, wird dabei erkennbar. Die kommende Gesellschaft ist aber, wie im vorangegangen Kapitel dargelegt wurde, reflexiv und nicht streng postmodern. Die Menschen und Individuen, aber auch die literarischen Figuren und Subjekte reagieren auf die veränderten Bedingungen. 546 Vgl. Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 547 Ulrich Beck: Die Metamorphose der Welt. Beck sieht »eine epochale Veränderung der Weltbilder, eine Neukonfiguration des nationalzentrierten Weltbilds« durch »Nebenfolgen erfolgreich absolvierter Modernisierungsschritte – zum Beispiel der Digitalisierung oder der Voraussage einer vom Menschen herbeigeführten Klimakatastrophe« stattfinden (S. 18). Die Veränderungen geschehen »in einem globalen und desintegrierten Rahmen« (S. 23) und die Metamorphose meint insbesondere, dass »sich der Bezugshorizont und die Koordinaten des Handelns verwandeln« (S. 31). 376 Aus der Globalität und dem Übergang in die Weltrisikogesellschaft resultiert, dass Nationalstaaten punktuell ihre Bedeutung für das Individuum verlieren, weil dieses sich Situationen gegenübergestellt sieht, deren Risikoausformungen nicht mehr vom Staat aufgefangen werden können. Die Bezugnahme des Menschen erfolgt nicht mehr auf staatliche Grenzen, sondern auf Dinge, die keiner Staatenordnung unterliegen, zum Beispiel dem Wirtschafts- oder Kultursystem. Es »zerbricht«, wie Ulrich Beck unterstreicht, »das historische Bündnis zwischen Marktwirtschaft, Sozialstaat und Demokratie, das bislang das westliche Modell, das nationalstaatliche Projekt der Moderne integriert und legitimiert hat«548. Wie Niklas Luhmann wiederum in den Beobachtungen der Moderne herausarbeitet, ist der Individualisierungstrend entscheidendes Merkmal der Moderne und intensiviert sich synchron.549 548 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus, Antworten auf Globalisierung. S. 24. 549 »Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kommt es zu einer zweiten Welle bemerkenswerter Ausdehnungen, und zwar nach unten. Aus der Kultur heraus wird entdeckt, daß es auch weiter unten noch Kulturen gibt. [...] Die funktionale Abstraktion des Begriffs erlaubt keine unteren Grenzen mehr, sogar von Körperkultur ist die Rede, und nicht nur in der Werbung. Dennoch ist dem Begriff, und das scheint den Hang nach unten zu motivieren, die Blickrichtung nach oben geblieben. Er verspricht etwas ›Besseres‹ – und sei es Pomade. Er leistet, wie Bourdieu mit vielen Belegen plausibel gemacht hat, eine Legitimation von Unterscheidungen. Er ist oder war jedenfalls bis vor kurzem ein Mittelstandsbegriff. Auch diese immanente Beschränkung durch hierarchische Konnotationen könnte sich jedoch in Auflösung befinden. Sie setzt nämlich Standardisierungen, etwa des typischen Lebenslaufs oder von begrenzten Milieus voraus, die mehr und mehr entfallen. Kultur im gewohnten Sinne muß sich überraschen lassen können. Sie findet ihre Grenze, ebenso wie die Aufforderung, sie zu überschreiten, an dieser ›das nicht/auch das noch‹-Erfahrung. Kultur begreift sich zwar als Kultur von Individuen, aber das impliziert auch, daß Individuen sich entsprechend disziplinieren müssen. Darauf wird man denn auch kaum gänzlich verzichten können, soll soziale Ordnung und reziproke Erwartbarkeit möglich bleiben. Aber der Trend scheint in Richtung auf Individualisierung der ›frames‹ zu gehen, die man an sich selbst für sich selbst annimmt. In diesem Sinne sucht man Identität, alternative Identität, Protestidentität – bis hin zur Identifikation mit Funktionslosigkeit; oder auch jede Art von Nischenidentität, die eine komplexe Gesellschaft irgendwo bietet. [...] Die Legitimation dieser Vorgehensweise ist im offiziellen Kunstbetrieb durchgesetzt worden, und insofern – kein Zweifel – Kultur. Man findet sie heute auf den Straßen, im Ästhetischen, aber auch im Politischen. Es genügt für Kultur, es absichtlich zu tun. Und irgendwie bringt die Freiheit, die man für individuelles 377 Die Entdeckung von Fremd- und Subkulturen weicht das Empfinden von Kultur als ausschließliche Hochkultur auf. Ausdifferenzierung und Diversifikation folgen insofern auch der medialen Entwicklung und münden in jener Ausdehnung, die Strauß als Verflachung so vehement kritisiert. Der Kulturbegriff popularisiert sich hin zu den von Luhmann genannten »selfframes« und unterstreicht damit die große Bandbreite an Individualisierung innerhalb des nun erweiterten Begriffs. Angesichts dieser Veränderungen (zum Beispiel als Verflachung, Fragmentierung, Individualisierung wahrgenommen) erscheint Becks radikal anmutende Diagnose zum Scheitern der Moderne und den Übergang in eine nächste (Entwicklungs-)Phase der Gesellschaft plausibel. Sie reizt die Entwicklung aus bis zu einem Punkt, an dem die früheren Werte nicht mehr gelten, hierunter beispielsweise der »Vernunfts- und Realitätsanspruch der Wissenschaft«; ebenso ist der »westlich[e] Universalismus der Aufklärung«550 Geschichte. Beck fasst die Umwälzungen zusammen: »Wirtschaftliche Globalisierung vollendet in dieser pechschwarzen Sicht nur, was durch die Postmoderne intellektuell und die Individualisierung politisch vorangetrieben wird – den Zerfall der Moderne«551. Problematisch hieran ist jedoch der von Beck verwendete Begriff der Postmoderne, der vorschnell als Folgegesellschaft missverstanden werden kann. In der Kopplung an den Begriff »intellektuell« ist leicht verborgen zu erkennen, dass die Postmoderne ein geistig-künstlerischer und kein soziologischer Begriff ist, was in der Analyse von Strauß’ Text Der Untenstehende auf Zehenspitzen bereits als Distinktion ausgeführt wurde. Aus dem Zerfall dieser »Ersten Moderne«552 und den einhergehenden Veränderungen durch Globalisierung leitet Beck ab, dass die Gesellschaft sich in Richtung einer globalisierten Weltgesellschaft verschiebt. Die ›Zweite Moderne‹ wird maßgeblich vom Phänomen der Globalisierung geprägt und hierin liegt die Triebkraft des Zerfalls der ersten Moderne. Der Begriff der Weltself framing in Anspruch nimmt und durchsetzt, zum Ausdruck, daß es im Ganzen so ist. Wir hatten mit sehr theoretischen Überlegungen (self-framing?) schon behauptet, daß der Beobachter und die Welt sich durch das, was unterschieden und bezeichnet wird, trennen, obwohl beide, der Beobachter und die Welt, unbeobachtbar bleiben. Ist Kultur das dafür geeignete Instrument? Ist Kultur also gegen ein Nichtwissen gemauert? Und kann und muß das gesagt werden, wenn die frames zunehmend individuell zugeschnitten werden?« (Niklas Luhmann: Beobachtungen der Moderne. S. 198f.). 550 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 24. 551 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 24. 552 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 26. 378 gesellschaft wiederum ist eng mit der zweiten Moderne verknüpft und steht – je nach Sichtweise – entweder für einen imaginären Endpunkt der Epochenentwicklung oder – insbesondere aus der Perspektive der Hyperkomplexitätsanhänger wie Bolz oder Qvortrup – für ein Innehalten und Stabilisieren der Verhältnisse vor dem Eintritt der Hyperkomplexität. Die Konsequenzen und Auswirkungen der Globalisierung sind vielfältig und Folgen einer langen, selten stringent verlaufenden und im Ergebnis weit gefächerten und zudem sehr unterschiedlich gedeuteten Entwicklung. Die Weltrisikogesellschaft ist eine theoretische Option, deren endgültiges Inkrafttreten wohl nur aus sicherer Entfernung der Krisenherde beobachtet werden kann. Industriell verursachte Umweltschäden in China und fragwürdige Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in Indien oder Bangladesch sind hingegen bittere Realität, treten in dieser Untersuchung jedoch nicht in Erscheinung, weil sie (wie eingangs dargestellt wurde) in Strauß’ Werken keine Rolle spielen. Ihre Abwesenheit provozierte Christoph Bartmann zur Kritik an Strauß’ fehlendem Engagement in diesem Bereich: »Viel weiter als Novalis in seiner Schrift ›Die Christenheit oder Europa‹ ist auch Straußens Romantik nicht gekommen. Er mag den Markt nicht, die Massen und die Medien, die geschäftige Weltoffenheit, in der Kant den Boden der modernen Freiheit erkannte. Alles, was nicht der Kultivierung des Bewusstseins ausgewählter Einzelner dient, ist ihm unangenehm. Es ist auch ein sehr deutsches Problem, an dem Strauß leidet, und man möchte ihm zur Therapie jenen Turbokapitalismus verschreiben, den Marx schon im Kommunistischen Manifest kommen sah – anders als Strauß' Elitenzauber hat er die Lebensbedingungen von Abermillionen verbessert. Als Romantiker darf Strauß nicht beim Ästhetischen allein verharren, er muss den Schritt hinaus ins Politische machen, den Schritt, in dem sich dann gleich auch ein Verhängnis ankündigt, die Ablehnung des Fortschritts, das Desinteresse an Fragen der Gerechtigkeit und der Teilhabe.«553 Die Kritik mag berechtigt sein, aber wie sähen die Texte aus, wenn sie Umweltverschmutzung, Ausbeutung und Ressourcenverschwendung zum Thema hätten? Man stelle sich nur einmal den moralinsauren Tonfall vor, in dem die erweiterte Kritik vorgetragen werden würde; schnell wirkt be- 553 Christoph Bartmann: »Dieses Sausen der Leere«. 379 ruhigend, dass Strauß ›sein Thema‹ in der Nahwelt gefunden hat.554 Eine Nahwelt, die, wenn auch auf andere Weise als das Großglobale, von Globalisierung und Globalität geprägt ist. Bei Strauß wird Globalisierung als Identitätsverlust oder Entzug von Reaktionsmöglichkeiten erlebt, weil sie Anknüpfungsmöglichkeiten an die Außenwelt oder andere Figuren verhindert. Durch den Einfluss der Globalisierung kommt es zu folgender Reaktion: Weil die Figuren ihre Interaktionsmöglichkeiten verlieren, besinnen sie sich auf ihr Inneres – im Werk dargestellt durch Metareflexionen oder innere Monologe und im Zuge dieser selbst gewählten oder erzwungenen Isolation entfremden die Figuren sich noch weiter von ihrer sozialen Umwelt, wodurch es unter anderem zu Empfindungen wie Sehnsucht, Verzweiflung, Trauer oder Unsicherheit kommt. Anderen Figuren hingegen gelingt dieser Rückzug gar nicht oder nicht vollständig. Die Spannweite dieses Prozesses versucht der Titel dissolving characters abzubilden, der zugleich die allumfassende Fragmentierung um ein sich auflösendes, bedrohtes Subjekt herum und unternommene Korrekturversuche radikaler Detailbetrachtung berücksichtigt: »Alleinsein, das die Welt wiederum in lauter Isolationen und Einzelheiten zerlegt, Detailvergrößerungen« (VA 15). Die vorherigen Kapitel widmen sich unterscheidenden Aspekten der literarischen Verarbeitung von Globalisierung, die beispielsweise in der Verzahnung von Essayistik und Weltsicht, in den Grenzsuchen in Zeit und Raum, im Spannungsverhältnis von Fleck und Linie oder im Sozialverhalten von Gruppen und Gesellschaft sichtbar werden. Während Strauß in Die Unbeholfenen die Figur Lackner sich und ihrer Umwelt noch eingestehen ließ, »im Kreis geselliger Personen [...] schnell zu einem unsicheren, ja unselbständigen Menschen« (DU 16) zu werden, stellt sich die erlebte Ausgrenzung an anderen Stellen des Werkes als stärker ausgeprägt heraus. So steht ein breiterer Blick auf das Prosawerk von Botho Strauß aus, der weitere Inhaltsli- 554 Eine kapitalismuskritische Notiz in Lichter des Toren demonstriert diesen Tonfall: »Es wird, nur weil der Sozialismus eine Niete war, der Kapitalismus dadurch nicht erträglicher, sondern um einiges an Selbstgefälligkeit, Charaktermangel, Gefräßigkeit unerträglicher. Was kann es für einen Menschen nur bedeuten, zu irrealen Summen sich türmendes Hort-Kapital zu besitzen? Und was erst für die Volkswirtschaft, wenn es Firmen und Konzerne tun? Marode Firmen zu kaufen auf Pump, sie in kürzester Zeit zu sanieren, um sie gleich wieder zu verkaufen mit mindestens zwanzig Prozent Rendite – das nennt sich Private Equity und heißt nichts anderes, als dem Kapital nur einen Zweck zu setzen: mehr Kapital zu werden. Kein Eigentümer fühlt sich noch einem Eigentum verbunden oder verpflichtet – es geht sofort wieder in andere Hände über« (LDT 150). 380 nien herausarbeitet und bereits bekannte näher untersucht. Der Verzicht auf ausführliche Dramenanalysen beruht darauf, dass Desidentifikation und andere innere Konflikte oder Auswirkungen der Globalisierung sich in der Prosaform nuancierter darstellen lassen als in der Bühnenform, sie wirken insofern weniger plakativ. Textaussagen stehen für sich und kommen ohne Übersetzung in Performanz aus, während eine Bühnenfassung zusätzlich zur textlichen Ausgestaltung durch den Autor schauspielerisches und dramaturgisches Können verlangt, um derartige Konflikte fesselnd und doch klischeefrei zu vermitteln. Auf diese Notwendigkeit oder Schwierigkeit bezogen konstatiert Marlene Faber: »Der dramatische Dialog ist ein ›Dialog im Dialog‹. Die Dialoge eines Dramas sind der Kommunikation zwischen Autor und Leser zugeordnet. Hinzu kommt noch, wird das Drama im Theater aufgeführt, die Kommunikation zwischen Regisseur und Zuschauer. Diese Verschachtelung von Kommunikation bedingt, daß die dramatischen Dialoge, die den Kern dieser Verschachtelung bilden, als vom Autor an seine Leser gerichtet lesbar sind und als für das Theater konzipiert für den Zuschauer nachvollziehbar sein müssen.«555 Das benennt zugleich das Problem der Dramenanalyse: Die Abwesenheit des Schauspiels. Ein nennenswerter Teil der Komplexität in Strauß’ Dramen entsteht erst durch die Interaktion der Schauspielerinnen und Schauspieler, ohne die den Dramen eine entscheidende Darstellungsebene fehlt. Peter Stein spricht in diesem Zusammenhang von einer dem Leser verborgenen »extreme[n] Theaterwirkung [...] an Stellen, wo man sie beim ersten Lesen selbst als Profi nicht erwartet hätte«, wodurch sich aus einer »kurzen, ansatzlos geschlagenen und antrittslos gerannten Attacke szenischer Wirkung«556 die Handlungsstränge entwickeln. Das Bühnengeschehen schafft, wie Marlene Faber analysiert, »Situationen [...], aus denen sich verschiedene personelle und dialogische Konstellationen ergeben können«557. Das langsame Aufbauen und gezielte Führen des Dialoges bestimmen somit das Bühnengeschehen und dem untergeordnet den Verstehensprozess; aus diesem Grund nehmen die Kommunikationsbedingungen entsprechend viel 555 Marlene Faber: Stilisierung und Collage: Sprachpragmatische Untersuchung zum dramatischen Werk von Botho Strauß. S. 20f. 556 Peter Stein: »›Ein Autofahrerfaun. Das ist doch etwas Schönes‹. Ein Gespräch mit Peter Krumme in Berlin am 4. Juli 1986«. S. 173. 557 Marlene Faber: Stilisierung und Collage. S. 29. 381 Platz in der Rede ein. Exemplarisch stellt Faber am Beispiel von Trilogie des Wiedersehens fest, dass »in wechselnden Personenkonstellationen ›Small talk‹, ›Beziehungsgespräche‹, ›Streitgespräche‹, ›Plaudereien‹, ›Geschwätz‹, ›kunstsinniges Gespräch‹ usw.«558 stattfinden und den Handlungsfortgang beeinflussen – das gilt für eine hohe Zahl der Dramen. Der Theaterautor gibt einen Teil der Textinterpretation an geschulte Akteure ab und muss sich zugleich vollends darauf verlassen können, dass diese die intendierte Weltverarbeitung wie vorgesehen vermitteln. Je nach Inszenierungsform erschwert die Bühnendarstellung die Rezeption statt sie zu erleichtern, was auch die im ersten Kapitel untersuchten frühen Rezensionen des Theaterkritikers Strauß als Problem bestimmen. An diesen Aspekten erklärt sich zusammenfassend, weshalb die desolaten, entfremdeten Charaktere in der Prosa zugänglicher für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit sind als jene, denen man in Strauß’ Stücken begegnet. 6.3 Von Partnersuchen, ›pornografischen Chimären‹ & Intimsystemen »Das große Medium und sein weltzerstückelndes Schalten und Walten hat es längst geschafft, daß wir Ideenflucht und leichten Wahn für unsere ganz normale Wahrnehmung halten« (JM 9), schreibt Botho Strauß in der Er- öffnung seines 1984 erschienenen Romans Der junge Mann über die aufkeimende Informationsgesellschaft der 1980er Jahre. In schnellen Schnitten wird ein Fernsehprogramm mit den Zeitgeistphänomenen der gesellschaftlichen Realität verbunden, Orts-, Raum- und Zeitgrenzen werden überspielt und überblendet, die Handlung flackert als indifferenter, mitreißender Fluss aus dem Apparat: »Hier fällt sich das Geschehen dauernd ins Wort. Eben noch sehen wir zwei Menschen ernstlich miteinander streiten, den jungen Professor für Agronomie und den Beamten einer landwirtschaftlichen Behörde, über Betablocker im Schweinefleisch und die Östrogensau, live in einer Hamburger Messehalle. Kaum haben wir sie näher ins Auge gefaßt und beginnen ihren Argumenten zu folgen, da fährt auch schon eine Blaskapelle dazwischen; wir befinden uns, ohne daß wir nur mit der Wimper hätten zucken können, in Soest, am Stammtisch eines Wirtshauses, und werden in die Geheimnis- 558 Marlene Faber: Stilisierung und Collage. S. 357. 382 se westfälischer Wurstzubereitung eingeweiht. Schon vergessen der Betablocker, vorübergehuscht die vergiftete Nahrung.« (JM 9) Die Fernsehhandlung zieht, wie Strauß wenige Jahre später formuliert, als »menschlich-unmenschliche Groteske [...] durch den Äther« (NA 129), die Wirklichkeit wird vom Medium Fernsehen nur willkürlich in Auszügen oder Ausschnitten abgebildet und so zurechtgestutzt, dass den Zuschauern ein Sammelsurium an Augenblicksbildern als stringente Narration vorgegaukelt wird. Strauß hinterfragt diese Situation kritisch und schließt an: »Ist das Information? Ist es nicht vielmehr ein einziges, riesiges Pacman- Spiel, ein unablässiges Aufleuchten und Abschießen von Menschen, Meinungen, Mentalitäten? Es ist genau das Spiel, das unser weiteres Bewußtsein beherrscht: die Wahnzeit wird nun bald zur Normalzeit werden« (JM 9). Trotz ausführlicher und vielschichtiger Gesellschaftsbeobachtungen formuliert Strauß nur selten konkrete Konsumkritik. Zwar ist oben von der »Östrogensau« die Rede, aber negative Einflüsse und Auswirkungen einer globalen Nahrungsindustrie werden nicht thematisiert. In Niemand anderes (1987) kritisiert Strauß die Nabelschau »einer hypochondrischen Gesellschaft, die ihre Wehwehchen unablässig besprechen muß« (NA 208). Ängste vor Niedergang und Haltlosigkeit werden zu einem »Religionsersatz« (NA 208). Sie erinnern an die Beschreibungen der werdenden Eltern in Paare, Passanten559 und Strauß kontrastiert, dass »Ängste wandern und süchteln. Kaum kehren sie heim vom politischen Feld, schon wird Haushalt und persönlicher Bedarf zum gleichen Schreckenskabinett. Hypochondrisch wird man, wenn man allzu viele Gefahren voraussieht [...]. Vielen hat schon falsche Ernährung – zu viel, zu fett, zu gehaltlos – das Leben verkürzt. Einige sind an Fleisch- und Fischvergiftung gestorben. Alles übrige bewegt sich im begierigen Vermuten. Die Konservierungsstoffe oder chemischen Zutaten, die der Nahrung beigemischt sind, radioaktive Bestäubung gar, da gehen die Schädigungen verschlungene Wege; die Toten der Nahrung werden in fremden Statistiken bestattet.« (NA 209) Die Konsequenz dieser Entwicklung ist eine körperliche Bedrohung bis hin zu vorzeitigem Tod. Doch diese kann gestoppt oder zumindest umgangen werden, wie Strauß folgert: 559 Siehe auch Abschnitt 6.9 in diesem Kapitel. 383 »Nur auf Gemütsmoden, Stimmungen, Lebensgefühle in Massendimension antworten die Produzenten von Massenware. Und siehe da, das gleiche Leben geht auch ohne Östrogen im Kalbfleisch. Das gleiche Leben mit gesunder Kost. Ohne Zucker, ohne Fette, ohne Fleisch, ohne Genußgifte. Das einzige Gift, das solcher Reinheit beigegeben sein kann, ist bekanntlich die Reinheitsidee. Oder die leichte Schmutzpsychose. Man merkt es selbst am ehesten daran, wie einem freundliche Mitmenschen mißliebig werden, wenn sie rauchen oder nach schlechtem Essen riechen. Oder wie man sein Kind bekehren möchte, weil es fast food liebt und schlingt. Die leichten Schauder der Verachtung sind erste Anzeichen.« (NA 209) Aus seiner Sichtweise lässt sich hier recht plakativ ein Distinktionsbestreben ableiten. Der unreflektiert besorgte Bürger wird milde belächelt, der bewusste ist in der Lage, die Zustände zu durchschauen. Askese oder bewusstes, reflektiertes Leben bilden an dieser Stelle Ausweichmöglichkeiten vor den negativen Veränderungen der Gesellschaft. Menschen werden in Strauß’ Beschreibung als einerseits medial vorgeführt, wie zum Beispiel auch die Suizidüberlebenden in Paare, Passanten (PP 13), und andererseits als medial verführt dargestellt. Unter diese Beschreibungen fällt das inhaltlich paradoxe »[e]lektronisch[e] Höhlengleichnis« (FDK 21) über einen geistesschwachen Jungen, der von seinen Eltern wie ein Tier im Keller vor dem Fernseher gehalten wird, und nach seiner Befreiung durch die dieselben Menschen vor der Medienberichterstattung geschützt werden soll (FDK 21f.). Die redundanten Empfehlungen in Ratgebermagazinen für unverbindliche Sexualbeziehungen (vgl. PP 16) fallen gleichermaßen unter diese Schilderungen, auch wenn die Redaktionsvorschläge mitsamt ihrer medialen Verarbeitung in eine »Welt der vollkommenen sexuellen Gleichgültigkeit« führen, in der »[v]erschlossene Menschen, tief versonnen, weit woanders in ihrem ganzen Wesen, [...] ruhig und schwerelos an die Oberfläche des Menschlichen [tauchen], wenn eine pornografische Chimäre sie lockt« (PP 127). Strauß führt beide Veränderungsformen auf die Daseinsbedingungen der Informationsgesellschaft zurück. In Wohnen Dämmern Lügen (1994) begegnet dem Leser eine Figur, die beklagt, nicht mehr zu wissen, wie sie küssen soll, weil pornographische Mediendarstellungen – »niederträchtig[e] Zurschaustellungen von Menschen, die sich nur zum Schein paaren vor toten Kameraaugen« (WDL 179) – ihr »geschlechtliches Empfinden verletzt und erniedrigt« (WDL 179) haben. Die Gesprächspartnerin empfiehlt, den Blick zu ändern und eine erweiterte Beobachterposition 384 einzunehmen. Das Gesehene frisst sich in die Wahrnehmung des unfreiwilligen Pornographiekonsumenten hinein, der erwidert: »Wie soll das gehen? Auch deine Nacktheit trägt nach einem solchen Film in meinen Augen das bürgerliche Lumpenkleid der Unverschämtheit, einer maroden, verüppigten, stagnierenden, sinnentleerten Unverschämtheit. Alles Reklame, nur noch ein Fetisch, kein Körper mehr, nur selbstgenügliche Reklame für ein Handelsgut, das es nicht mehr gibt: die Sinnenfreude! Entsetzen muß einen packen, Entsetzen – das eigentlich Nackte! – vor dem Akt im bürgerlichen Lumpenkleid.« (WDL 179) Noch aus der Reflexion über die Veränderungen heraus stellt diese Figur fest, dass sich, im Gegensatz zur Liebe, der Zugang zur Welt durch eine verschobene Referenzialität erschwert. Pornographie wird als »Bildersturm, wie die Welt ihn noch nicht gekannt hat« (WDL 180), wahrgenommen, der demnach die Welt überrumpelt und aus den Fugen hebt. Strauß beschreibt diese Beobachtung 1994 und sicher nicht ahnend, wie sehr später der Zugang zu Pornographie durch das Internet erleichtert werden würde. Umso erstaunlicher ist es, dass Strauß 2013 in Die Lichter des Toren diese Entwicklung nicht kommentiert und nur (äußerst resigniert?) am Rande von »genitalobsessiven Zeiten« (LDT 36) spricht. Hingegen leiden die Figuren in Kongreß – Die Kette der Demütigungen (1989), wo die medienverursachte Auflösung des Menschen (»vom unendlichen Fernsehen durchströmt und selber eine Art Medium geworden« (KKD 154)) Bestandteil des Diskurses ist, und in Wohnen Dämmern Lügen umfassend an den Darbietungen auf dem Fernsehschirm: »Es muß über uns kommen, aus uns selbst kommt nichts mehr. Es muß jedermann so sein, als sähe er einem Menschen beim Erbrechen zu, sobald auf der Leinwand ein Hosenschlitz geöffnet wird. [...] Ach, ich allein bin ein Aufschrei der geknebelten Lust! Ich allein bin ein so Verlorener, weil der Wandel der Welt mit meinem nicht Schritt hält!« (WDL 180) Der Konsum pornographischer Medieninhalte bedingt das Versiegen der sexuellen Lust. Das Subjekt sieht sich nun laut Strauß selbst als Außenseiter gegenüber den »Erschütterten, Entsetzten, Schreckensgelähmten« (WDL 181), beobachtet den »Epochenbruch und Ärasturz« (WDL 181) und erkennt ein generelles Ende des »geschichtstrunkene[n] Bewußtsein[s]« (WDL 181). Die Pornographie dient Strauß gewissermaßen als ein Steig- 385 bügel in die breite Reflexion über das »Zeitalter der Gegenkommunikation« (WDL 189) und bildet neben den Umbrüchen in der Kunst Symptome des Niedergangs. Die Figur erweitert aus diesem Grund das Kritikspektrum und beklagt die allgemeine ihr unverständliche Komplexitätssteigerung der Umwelt: »Es kann nicht schrecklicher kommen, als das schreckliche Bewußtsein schon ist. Alle erdenklichen Grauen. Schlimmer als erdenklich ist nichts. Am Furchtbaren ist das Furchtbarste, daß es eintritt, wie ausgemalt und vorhergesehen [...] Wir haben zur Unzeit das Neue verstanden. Jetzt, wo es wirklich hereinbricht, ist unser Verstehen verbraucht. Jetzt, wo die Muster alle durchgespielt, die Affekte alle ausgetobt, läßt die Epoche den Bären los. [...] Aber was, frage ich, ist ein Weltverstehen wert, das im Lauf der Geschichte fortwährend schwankt, sich korrigiert und widerspricht, verglichen mit den uralten, verläßlichen kleinen Welten, welche die Assel oder die Libelle umgeben, den Dornhai oder den Leoparden? So wie das ›Weltbild‹ der Ameise gesichert ist durch die Verkettung des Sichbetrillerns, der ständigen chemotaktischen Verbindung, ist im Gegenteil das unsere verunsichert durch die laufende Produktion von falschen Weltbildern. Immer wird das Bild, das wir uns von der Welt machen, primitiver sein als die gehirnliche Technik, aus deren Fabrikation es stammt.« (WDL 182) Weltverstehen ist, so die Deutung dieser Passage, ein flexibler Vorgang, der über kontinuierliche Anpassungen verläuft. Das System Gesellschaft und mit ihm die Welt ist vielschichtiger, als es das Gehirn überhaupt wahrzunehmen fähig ist. Diese Feststellung zieht sich als Inhaltslinie durch Strauß’ Werk; erinnert sei vor allem an die Ergebnisse der Analyse von Beginnlosigkeit oder all jene Szenen, Episoden und Fragmente, die Merkmale der Hyperkomplexität aufweisen. Strauß nähert sich Weltbildern, Weltbildstürzen und »Weltversagensgefühlen« (WDL 188) an, indem er die Figur über grundlegende Fragen sinnieren lässt: »Wer hat die Welt global gemacht? Wer sind die tückischen Erfinder des Ganzen?« (WDL 185). Die ursprüngliche Welterfahrung verschließt sich dieser Figur, sie sieht sich als exkludierten Menschen, der sich, als ginge ihm in der Tirade die Luft aus, aus der Gesellschaft entfernen muss, »um die Versprechungen des Herzens noch einmal zu spüren, besser, härter, verklärter, das ist: reiner und erzrein« (WDL 188). Indem der Blick von der Welt abgewandt wird, negiert das Individuum die Prozesse in der sozialen Umwelt, das heißt auch: »Die Sehnsucht will nicht Natur, nicht Wachstum, Differenz, nicht die Vermehrung der Unterschiede, des Abweichens, der Individualität« (WDL 188). 386 Die Skepsis geht an dieser Stelle so weit, dass sie explizit ins antisystemische Denken kippt – keine Differenzen mehr, stattdessen rettende Indifferenz außerhalb der Innenwelt; was dort geschieht, ist ohne Bedeutung. Strauß invertiert in diesem speziellen Fall die Perspektive, indem die Welt nicht mehr auf das Subjekt trifft, sondern nun aus diesem entsteht. Welt wird auf diese Weise zu einem kommunizierten Objekt des Denkens und des Handels und weniger zu einer neuronalen Berechnung, obgleich für Strauß grundlegend immer noch gilt, dass ›Kognition alles ist‹ (vgl. B 10). Nun heißt es dagegen: »Die Welt kreist aus mir heraus in immer engeren Spitzdrehungen« (WDL 193). Es scheint jedoch nur eine Erprobung der mentalen Exitstrategien der Figur zu sein (»Auf Erden gibt es kaum noch etwas, das nicht meinen Fluchtinstinkt reizte« (WDL 197)) und entspringt keineswegs einer Omnipotenzphantasie, sondern verdankt seinen Ursprung gedanklicher Hybridisierung (»All die Menschen, die ich halb sah, halb war« (WDL 195)), die zugleich das Produkt einer Vernetzung bildet: »Jeder ist tausend anderer Durchhaus. Wo einmal fester Ort, steife Zeit waren, sind jetzt nur Sprünge und Funken. Wo einmal zwei getrennte Kammern für Gut und Böse waren, sind jetzt membranhäutige Übergänge, durch die Dämonen wechseln, sich vermischen und vertauschen.« (WDL 195) Es findet mit anderen Worten eine Diffusion der Zustände und Merkmale statt. Der Mensch gilt nun als Teil eines alokalen, atemporalen und vor allem die Membranen globalisierenden Netzwerkes, aus dem sich der Erzähler jedoch herauslöst und einen Rückzug ankündigt – und es findet gewissermaßen eine weitere Beleuchtung des untenstehenden Außenseiters statt: »Wenn die Zukunft dem Fanatiker und dem Techniker gehört, so kann gegenwärtig nur der Durchschimmernde leben. Ich gehöre nicht in meine Zeit, und alle, die hineingehören, sind ihre Sklaven. Also wird sie niemand bemerkt haben, seine Zeit...« (WDL 200) Der Redefluss der Figur weist am Ende auf einen plastischen Umgang mit der Welt zurück, indem eine »Globuskleberin« beschrieben wird, deren 387 Handwerk ins Metaphorische erhoben wird.560 Kunsthandwerk wird mit Massenproduktion verschränkt: »Die Kugel wurde von Hand Zentimeter um Zentimeter beklebt. Eine gute Kleberin schafft zwanzig bis dreißig Stück am Tag. Ich berührte ihre schmalen erdbewanderten Hände. Ich dachte, es sei eine Zeit, da würde kein Globus mehr fertig?... Risse als Weltspur. Craquelé eines alten, dunkelnden Bilds. Blitze der Dürre im trockenen Schlamm. Und Glutadern im Leib des Atlas. Klangrisse gestürzter Oboen. Und auch der Ur-Sprung des bauchigen Krugs, aus dem die eine und ganze Zeit rinnt, langsam und schneller... Wir unter der Wurzelklaue der Blitze... aber es gab auch die heilige Verkehrung, da standen kronfüßig die Bäume mit den Wurzeln gen Himmel.« (WDL 202) Die geschilderten Widersprüche dienen der Verortung des Monologs im Weltbild der Figur und finden sich ähnlich formuliert, aber anders kontextualisiert, ebenfalls in anderen Texten, so beispielsweise in Kongreß: »Es gibt keinen Ort, keinen festen Raum, keine Hülle mehr. Wo sind wir? Wir ziehen einer durch den anderen hindurch, sind einer des anderen Sieb« (KKD 61). Dort geht es um eine das Individuum ergreifende Auflösung und Orientierungslosigkeit. In Wohnen Dämmern Lügen werden die Veränderungen der Welt aus der Sicht geschädigter oder unfähiger Figuren geschildert. Somit bleibt festzuhalten, dass Hyperkomplexität und Vernetzung bei gleichzeitigen Bindungsproblemen keineswegs ausschließlich der konsumierten Pornographie entstammen, sondern ihre Ursache in verschiedenartigen Veränderungen der Welt besitzen. Die Welt wird globalisiert und das Weltbild einiger Figuren gerät hierüber für einen Augenblick oder lange Zeit aus den Fugen. Die körperlich-handelnde Unzulänglichkeit – die Kussunfähigkeit – stößt einen Monolog an, der eine Vielzahl unterschiedlicher Themen miteinander verbindet und die unterschiedlichsten Ebenen durchkreuzt und durchsticht. Die Essenz des Monologs sind die Hybridisierung und das Durchschimmern, welche auch für jene Auflösungen stehen, die das Subjekt bedrohen. An einer Stelle schlägt der Erzähler den Bogen zur Pornographie zurück: »Während die Welt immer gewandter, geschickter, technisch-behelfsmäßiger wird, werden die wahren Liebenden 560 Vgl. zum Wandel des Handwerks und der Bedeutung von Globen als Abbild der Welt, Statussymbol und wissenschaftliche Projektion: Angela Oster: »Globalität und Globus. Technikfaszination und Kunsthandwerk der Globographie in der frühen Neuzeit«. 388 immer linkischer und unbeholfener« (WDL 189). Dem Protagonisten haftet eine gewisse Tragik an, nicht mehr der Gesellschaft anzugehören, ein Unbeholfener, Außen- oder gar ein Untenstehender zu sein, der allerdings auch Opfer seiner Zeit ist. Das vor allem, weil die Medialisierung, wie Strauß zuvor an anderer Stelle im Grundton der Verachtung resümiert, »Voyeure« schafft, »deren Welt-Bild vom Schnitt beherrscht wird wie die Eine-Mark-Peep-Show von der Schlitzblende« (PP 178). Das Bild von der Welt ist verengt, verschleiert und fremdgesteuert. Strauß baut das Extrem in Der Untenstehende auf Zehenspitzen weiter aus, indem er Pornographie und deren Ziele wie die »Sehnsucht nach Befreiung« religiös-mythisch kontextualisiert: »Selbst Pornographie in ihrem harten Kern (der als solcher schlecht verkäuflich wäre) bildet einen Sonderfall der Epiphanie, der zeitbereinigten Unmittelbarkeit. Sehnsucht nach absoluter Entblößung läßt den Schauenden und den Handelnden die Rollen, auch in sich selber, ständig wechseln. Sehnsucht nach Befreiung von erklärlichen Umständen, von bildlichem Zubehör, bildlichem Geschwafel. Das reinigende Rätsel der Baubo – den Rock heben, die Scham zeigen: Die apotropäische Geste, sich und nichts zu zeigen, bringt die (Bilder-)Flut zum Erliegen und erheitert die Traurigen.« (UAZ 75) Die für Strauß so wichtige Liebe einschließlich der Intimität des Sexes auf der einen Seite und des privaten Gesprächs auf der anderen sind, wie das soeben besprochene Zitat erschließt, in der Informationsgesellschaft einer steten Bedrohung durch optische Fetische ausgesetzt. Echte Intimität zwischen zwei Menschen erzeugt eine Art Abgrenzungssituation, in der sich die Partner nicht nur physisch vereinigen, sondern zugleich auch eine Einheit ihrer Differenz erzeugen. So steckt hinter dem Titel einer Strauß- Anthologie, die Thomas Hürlimann 2012 unter dem Titel SIE/ER herausgab, auch ein (vermutlich unbeabsichtigter) Hinweis auf die systemische Differenz zwischen Liebenden. Der Solidus drückt in diesem Fall eine nicht zu überwindende Systemgrenze aus und provoziert dadurch auch eine (so kurze wie flüchtige) Nahbeobachtung der Teilaspekte Liebe und Sex bei Strauß, um die Veränderungen des Paares in der Informationsgesellschaft nachzeichnen zu können, welche in Oniritti Höhlenbilder beendet scheint561. Strauß beschreibt eklatante gesellschaftlich-zwischenmensch- 561 Das Paar zieht sich (real oder metaphorisch, Strauß bleibt undeutlich) aus der Welt zurück: 389 liche Veränderungen, beispielsweise in einer plakativen Darstellung in Das Partikular: »Ich war in einem Urklumpen von Gewalt und Niedertracht mit ihr vereint, bildete eine Art protosexueller Geschwulstkugel mit ihr, die sich über die Erde wälzte und am Ende in zwei Teile auseinander brach: Mann und Frau. An sich. Pur.« (PAR 72f.) Peter Fuchs nennt die Paarbindung in Erweiterung des kommunikativen Liebes-Begriffs aus Luhmanns Systemtheorie »Intimsystem«562 und stellt in seinen Definitionsbestrebungen fest, dass Liebe auf der Innenseite »[g]anz oder gar nicht«563 erfolgt, das heißt, wie Fuchs schreibt: »Man kann gerade nicht sagen: ›Ich liebe deine Nase, deinen Mund, aber nicht deine Augen. Mach' sie zu, wenn ich dich anschaue!‹ Man muß, der Konstruktion nach, den fettigen Mund des Anderen, seine seltsam unförmigen kleinen Zehen, die Schuppen seiner Haare mitlieben.«564 Liebe ist (nicht nur) in diesem Sinne ausschließlich und vorbehaltlos eine Perspektive, die auch von Strauß – beispielsweise beschrieben als »das Eine-Einige« (NLG 247) – vertreten wird, während das medialisiert Körperliche den Geist zerstört. In Rumor heißt es hierzu: »Der Sexus, der abenteuernde Geist der Enttäuschung, der bis zum Verbrechen, zum Mord, zur Selbstzerstörung führt, ist keinem den Einsatz mehr wert« (RU 34). Die Ausschließlichkeit der Liebe bestimmt bereits den Handlungsverlauf in Strauß’ früher Erzählung Die Widmung aus dem Jahr 1977, in der sich auch offenbart, was Giddens später als »wechselseitige Selbstoffenbarung« (s.u.) bezeichnet; jedoch mit der Einschränkung, dass Schroubek unfreiwillig in »Mann und Frau gehen bergeinwärts tiefer. Wie ein Alchemistenpaar sind sie auf der Suche nach dem erlösenden Symbol. ›Habt ihr das Symbol, so ist der Wandel ein leichtes.‹ Das uralte Menschelein, homunculus, kann's nicht mehr sein, ausgeschieden infolge dreisten Abwanderns ins Reale. Auf dem Pixel- Grund simuliert man aber nochmals ein wildes Schöpfungsspiel. Reculer pour mieux sauter. Weiche zurück für'n besseren Vor-Sprung! Dabei gilt es, das bis zum Wesenlosen Aus-Differenzierte dem Ungesonderten neu zu verbinden, dem Stammzellgeweb des Wissens, dem alles noch möglich« (OH 11). 562 Peter Fuchs: Liebe, Sex und solche Sachen: zur Konstruktion moderner Intimsysteme. S. 24. 563 Peter Fuchs: Liebe, Sex und solche Sachen. S. 29. 564 Peter Fuchs: Liebe, Sex und solche Sachen. S. 29. 390 die Lage des Alleinseienden gebracht wird. Die Figur Hannah, der die Widmung gilt, entzieht sich dem klärenden Gespräch und lehnt ebenfalls den schriftlichen Kommunikationsversuch ab. Schroubeks und ihr Intimsystem ist in EINS und EINS zerbrochen.565 Ermöglicht und legitimiert wird ein solches Verhalten, das heißt emotionale und soziale Autonomie einer Frau, auch durch gesellschaftliche und sexuelle Befreiung, die von der counter culture ausgeht und seit den späten 1960er Jahren maßgeblich zur Veränderung der Großgesellschaft beiträgt. Giddens diagnostiziert zu diesem Wandel: »Wir leben nicht bloß in einer Welt der anonymen, ausdruckslosen Gesichter, sondern in einer Welt voller Personen, und das Einwirken abstrakter Systeme in unsere Tätigkeiten trägt ganz wesentlich zu dieser Sachlage bei. Bei intimen Beziehungen des modernen Typs ist das Vertrauen stets ambivalent und die Möglichkeit der Trennung ist mehr oder weniger immer präsent. Persönliche Bindungen können gelöst und intime Beziehungen in den Bereich der unpersönlichen Kontakte zurückgestuft werden: geht eine Liebesaffäre in die Brüche, wird der intime Vertraute plötzlich wieder zum Fremden. Die nunmehr bei persönlichen Vertrauensbeziehungen vorausgesetzte Forderung, sich für den anderen zu ›öffnen‹ – das Gebot, nichts vor dem anderen zu verbergen – führt zu einem Gemisch aus Beruhigung und tiefer Angst. Das persönliche Vertrauen fordert ein Ausmaß an Selbsterkenntnis und Selbstäußerung, das schon von sich aus eine Quelle psychologischer Spannungen sein muß. Denn wechselseitige Selbstoffenbarung wird dabei mit dem Bedürfnis und Unterstützung verknüpft; doch häufig sind die beiden nicht miteinander in Einklang zu bringen. Qual und Enttäuschung verflechten sich mit dem Bedürfnis nach Vertrauen in den anderen als denjenigen, der für Schutz und Beistand sorgt.«566 Ein stark ambivalentes Vertrauen behandelt Strauß zudem in einer längeren Episode in Wohnen Dämmern Lügen, in der verschiedene Figuren, allen voran eine Person namens Therese (WDL 153-178), über Jahre umeinander kreisen und wechselnde Verbindungen eingehen. Aus Sicht der Globalisierungskonzeption ist das Beziehungsgeflecht interessant, weil sich über die Kommunikation von Liebe die Wahrnehmung der anderen verändert und so zur Frage führt, ob »nicht die Liebe zu jedem Zeitpunkt die virtuellste aller Welten«, die zudem »[ü]berreich an Möglichem, an Tatsächli- 565 Ich komme an späterer Stelle auf diese Distinktion zurück. 566 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 178f. 391 chem eher arm« (WDL 166) ist. Die Liebe kapselt sie von ihrer Umwelt ab und bietet ihnen einen abgegrenzten Alternativkosmos. In der hermetischen Sphäre findet Umwelt nicht mehr statt, so dass auch Veränderungen in derselben nicht mehr wahrgenommen werden. Anders ausgedrückt kann Liebe als Globalisierungswiderstand interpretiert werden, da in der Liebeskonstellation (in Verlängerung des Fuchs’schen Intimsystems) nur die Innenwelt der Paarung wahrgenommen wird. In anderen Fällen zerstört die eindringende Umwelt die Paarbeziehung. Strauß beschreibt dies unter anderem in Die Fabeln von der Begegnung an mehreren Stellen.567 Das Intimsystem verkörpert bei Strauß die höchste vorstellbare Selbstreflexivität, die außerdem die Grenze zur Umwelt festigt, indem sie einerseits die mühsame Suche nach Fragmenten von »älterer Schönheit unter der Oberfläche des Alltags« (WDL 177) vorantreibt und andererseits die Umwelt durch Nichtbeachtung in einen unscharfen Hintergrund verwandelt: »Es ist soweit, André. Jetzt ist es soweit... Ich möchte sehen, wo gäbe es das noch: zwei, die nicht aufhören, miteinander zu sprechen, während in ihrem Rücken die Welt die Kulissen wechselt, während Länder und Meere und Menschen, geliebte und fremde, sich um sie drehen, ohne daß in der Mitte 567 So heißt es dort: »Sie, in die Enge getrieben, reif für einen Ausbruch. Seine störrische Frage: pastoral oder Tageskommentar. Deutung oder Orientierung. Erlöserworte oder Schöpfungsauftrag. ›Da gibt's keinen Gegensatz!‹ Sie weltnah, gespürig, zeitbezogen. Er mit wachsender Neigung zu Unduldsamkeit und Intoleranz. Zwei, die sich gegenseitig am Zeug flicken, Prinzipien prallen aufeinander, bis im Wortgefecht schließlich einer den anderen zum Werkzeug des Versuchers erklärt. Bedrohung durch Fanatismus. Bedrohung durch Zeitgeist. Welle der Entfernung. Sendungsbewußtsein in der Isolation, Flüche in der Besenkammer. Der Düstere zu Haus, der Geschmeidige, Freundliche draußen mit anderen. Sie eines Nachts auftauchend aus dem Hintergrund wie ein großer aufgeplusterter Vogel im Halbweltglanz, schwarze Leggins, weißer Pelz um die Schulter. Häusliches Drama, zügig verwildernd« (DFB 23). An einer späteren Stelle beschreibt Strauß eine Figur als »homme isolé und in seiner weltweiten Einsamkeit ein wenig affig geworden […]. Was in ihm vorging, drang ungebremst nach außen: ›Energetisch betrachtet, läßt sich Liebe als eine Angelegenheit von zwei Generatoren beschreiben. Man liebt eine Person und lädt sich aufgrund des körperlichen Reibungswiderstands mit einem Mehr, einem Überschuß an Begierde auf, der von denselben zweien gar nicht insgesamt verbraucht werden kann. [...] Mit einem gewissen Recht ließe sich sogar behaupten, daß außer dem unmittelbaren Körperglück und der kurzen Selbstaufgabe darin beinah alles menschliche Liebesverhalten auf Täuschung und Scharlatanerie beruht. Man ist unweigerlich ein Scharlatan, ein Betrüger, wenn man anfängt zu lieben« (DFB 40f.). 392 des Wirbels, in ihrem Gespräch nur die leiseste Störung aufkäme!« (WDL 168) An die vorausgehenden Schilderungen fügen sich geradezu nahtlos jene Irrungen und Wirrungen an, die die Figur Aminghaus in Kongreß – Die Kette der Demütigungen erlebt. Aminghaus erinnert an Elias Canettis Figur Peter Kien: In beiden Fällen begibt ein Buchgelehrter sich aus der Isolation seiner Bücher in die Gesellschaft, findet sich nicht zurecht, verliert sich und verfällt am Ende dem Wahn. Die Parallele zum Antihelden aus Canettis Roman Die Blendung besteht vor allem darin, ein zurückgezogener Bibliomane, Wissenschaftler und Gesellschaftsverweigerer zu sein und durch eine Frau aus der persönlichen Schutzzone gleichermaßen gelockt wie gedrängt zu werden. Der Kontakt zur Gesellschaft, der Aminghaus’ Schutzhülle als schmerzlicher Riss durchzieht, prägt den gesamten Text und dekonstruiert die Figur in einer kontinuierlichen Abwärtsbewegung. Er wird als Mensch geschildert, der mit seiner Umwelt hadert und ihr nichts mehr abgewinnen kann. So fragt er sich, »[w]as [...] er außer Überdruß« auf der Konferenz »sonst noch erfahren« (KKD 25) könne – und die Frage liegt nahe, ob diese Feststellung nicht auch für die gesamte Welt außerhalb seiner Bücher gelten kann. Wie im Fall von Peter Kien entwickeln sich die Ereignisse gegen den Protagonisten. Anfangs wollte sich Aminghaus in einem Vortrag der Frage widmen, ob »die Welt entzauberbar« (KKD 24) sei, hielt dann aus Krankheitsgründen den Vortrag nicht und gerät im Verlauf der Erzählung in eine absurde Verkettung herbeiphantasierter oder tatsächlich erlebter sexueller Episoden. Das gegenseitige Erzählen von Geschichten zielt darauf ab, wie die realwerdende Buchgöttin Hermetia äu- ßert, »eine Kette der Demütigungen [zu] knüpfen« (KKD 104), in der sich die Figuren zwischen den Extremen »Untertan« und »Beherrscher« (KKD 104) bewegen. Es geht Strauß dabei nicht um die rein plakative Schilderung sexueller Obsessionen, sondern um inter-relationelle und soziale Auswirkungen der psychischen und physischen Verbindung. Die von Fuchs beschriebene Ausschließlichkeit findet hierin ihre literarische Gegenschilderung und Ergänzung in einer resümierenden Reflexion von Aminghaus’ Langlaufpartner Jens: »Was bedeuten schon Umarmungen, geheimste Körperberührungen gegenüber der Physis kleinster Gewohnheiten, Eigenheiten, Unarten, mit denen der andere seinen furchtbaren Alltag um uns ausbreitet? Wer geht zuerst ins Bad? Das Fenster nachts geschlossen oder halbgeöffnet? Wo bleibt 393 noch Platz unter dem Spiegel zwischen so vielen Cremes und Lösungsmitteln für ein einfaches Rasierzeug? Weshalb liegen ihre Kleider verstreut über den ganzen Raum? Ist sie liederlich oder gar ungepflegt? Die Bürste mit dem ausgekämmten Haar könnte längst gesäubert werden. Die Toilettengeräusche, der Schmutzrand in der Badewanne, das alte Rod Stewart- Foto auf der Rückseite des Weckers, der geschmacklose Kunstlederbeutel mit den Klammern und Wicklern, dies alles versetzt zurück in jene, ich möchte sagen, natürliche soziale Befangenheit, mit der sich Menschen vor und nach dem Geschlechtsgenuß zueinander verhalten. Denn nirgends verlieren wir unsere gesunde zwischenmenschliche Vorsicht so gründlich wie in der abrupten geschlechtlichen Begegnung.« (KKD 110f.) Der Akt führt neben der körperlichen auch zu einer geistigen Verschmelzung568 und Aminghaus’ Gesprächspartner referiert seinen Zwiespalt aus Abwehr, Flucht und Rauswurf (»ich redete manisch, redete mir einen Vorhang vors Gesicht, nur um sie nicht weiter beobachten zu müssen, und auch: um nicht sie reden zu hören« (KKD 112)). Die Erzählung demütigt Aminghaus, weil es sich bei der beschriebenen Frau um eine seiner Partnerinnen handelt. Im Nahblick verdeutlicht die Episode, dass geistige und grenzberührende körperliche Verschmelzung nicht immer zu trennen sind, wodurch der Gelehrte erkennt, dass zwischen anima und animalis mehr als eine sprachliche Verbindung besteht. Indem Strauß verschiedene Zeitebenen vermischt, wird die vorgeschlagene ›Kette der Demütigungserzählungen‹ (vgl. KKD 104) erzeugt, auch verliert die Linearzeit in der Abfolge der einzelnen Episoden ihre Bedeutung. Jürgen Daiber stellt unter anderem zum Text fest, dass »[d]ie Vorstellung von der Zeit als einem zyklischen Phänomen [...] den Menschen ›von dem alten sturen Vorwärts-Zeiger-Sinn‹ [befreit]. Sie schafft in seinem Innern ›Rückkoppelungswerke‹ und ›Schaltkreise, die zwischen dem Einst und Jetzt geschlossen sind‹«569. Die Kette besitzt, wie es zuvor in einer Konversation anderer Gesprächsteilnehmer heißt, eine zyklische Ausformung aus Kontakt und Rückzug: »›Ist es nicht so‹, fragte sie zu dem Kranken herüber, ›daß, wenn einmal der Kranz all dessen, was dir widerfuhr, gewunden ist, dein Ich sogleich ver- 568 An anderer Stelle im Text heißt es zu einem Akt »obgleich wir längst eins waren« (KKD 134, Hervorhebung S.P.). 569 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. Zur Rezeption naturwissenschaftlicher Theorien im Werk von Botho Strauß. S. 95. 394 schwindet in seinem hohlen, inneren Kreis, in seinem Hohl? Denn wenn etwas sich rundet, so umfängt es doch in seiner Mitte ein Hohl, eine Leere.‹ ›Ja‹, sagte der Mann, ›du hast recht. Was von uns lebt, ist nur der Rand, der Kranz, der Reigen der Ereignisse. Die Peripherie dessen, was uns zustieß. Die Kette der Demütigungen. Es ist der äußere Ring, der sich schließt. Die Umgehungsstraße unserer Innenstadt, auf der der Verkehr der Menschen und Geschehnisse zirkuliert. Nur der Pfeil der Zeit geht durchs Herz.‹« (KKD 81f.) Demütigungen umgeben den Menschen, wie Strauß schreibt, als äußerer Ring (vgl. auch B 31), sie stehen exemplarisch für durch die sich globalisierende Umwelt verursachte Schäden. Sie greifen das intakte Innere an, sofern sich das Individuum nicht schützt. Der Kranke weist die junge Frau Oda darauf hin, dass ihr mitgeführter Leuchtbuchstabe, ein O, sie schützen würde »wie die Erdatmosphäre, an der die äußeren Einschläge – die gro- ßen Ereignisse der Welt, die auf der Bahn sind, in dein Herz zu stürzen, jene großen Tode und Katastrophen, abprallen und zerschellen und sich in den Staub-Gürtel unzähliger kleiner rotierender Ereignisse einstreuen« (KKD 82). Derart prosaisch ausgeformte Dialoge erzeugen durch ihren dramaturgischen Aufbau und die bewusst unbewusste Rede eine szenische Sogkraft, weswegen die Äußerung des Kranken sowohl als Gewäsch wie auch als anschlussfähig gedeutet werden kann; beide Optionen scheinen gegeben, denn der Außenraum kann abgewehrt werden oder es kann dafür bereits zu spät sein. Die globalisierenden, das heißt hier, grenzauflösenden Kräfte von Krankheit und Liebe werden deutlich, weil im jeweiligen Verlauf die Wunden und Bedrohungen der Innenwelt beständig näherrücken (vgl. KKD 82). Die Episode schließt mit der Beschreibung eines (therapeutischen?) Aktes zwischen dem Kranken und Oda, der ein weiteres Mal die Verschmelzung der Individuen aufzeigt, die ins Animalische kippen kann, wenn die beteiligten Personen den Verstand überwinden (vgl. KKD 82f.). 25 Jahre später sieht die Situation nicht grundlegend anders aus, jedoch verweist das Drama Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte (2005) auf den nachdrücklichen Einfluss der technischen Veränderungen. Das »totale Engineering« scheint auch die Intimsysteme ergriffen zu haben. Das binäre und willkürliche Abzählen von Personen570 durch die Figur Celia (»Null … 570 Vgl. auch Beginnlosigkeit: »Man zählt die Welt mit 0 und 1. Das ist bezeichnend genug« (B 58). Oder eine auch intern binärkodierte Stelle aus Niemand anderes: »›Wir sind Techniker!‹ rief er aus, ›wir können es nicht begreifen!‹ 395 Eins … Eins« (NLG 248)), das für ›Untergang oder Aufstieg‹ (vgl. NLG 247) steht, unterbricht den Menschenstrom einer beinahe anonymen Masse und erlaubt es Strauß, die gesellschaftlichen Veränderungen in wechselnder Figurenrede zu reflektieren: »(DER KOSMIKER) Ich habe zur Unzeit meine Zeit besucht. [...] Zur inneren Ausgeglichenheit findet der Mensch erst, sobald er überall in sich auf das ursprüngliche Unbelebte stößt. Im Atmen, im Blick, im Blut. Alles beseelt? Alles wurde beseelt, von den Kolonialisten des Gemüts, den Planetariern. Doch Leblosigkeit beherrscht das Universum und herrscht im Urgrund allen Seins. Spürt ihr nicht den steinernen Schlaf, den toten Staub in jeder Regung, jeder Zelle? Aber sie wissen es nicht, die Menschlein! Sie wissen auch nicht, daß sie niemals untergehen werden. Indem sie nämlich, bevor das geschehen könnte, sich kristallisieren, technifizieren, artifizialisieren: unzerstörbar leblos werden. Alles ist künstlich. Alles gezüchtet, manipuliert und veredelt. Nun, also, veredeln wir uns! Bis endlich kein Funke Leben übrigbleibt. Alles ist künstlich und künstlich erzeugbar. Träume, Kinder, Weltbilder … Die Lüge des Lebens ist das Leben selbst.« (NLG 248) Die Flucht ins Künstliche und Artifizielle (wie von Strauß auch am Beispiel der Pornographie gezeigt) steht für einen Ausweg aus der verfahrenen Situation der gesellschaftlich-global bedrohten Zweisamkeit. Strauß’ Protagonisten und Figuren geben sich der Illusion hin, dass im Inneren die Zustände der Außenwelt ausgeglichen oder zumindest aufgefangen werden können und dass auf diese Weise ein Komplexitätsgleichgewicht zwischen Innenwelt und Außenwelt erreicht werden kann. Im Inneren herrschen jedoch Zustände vor, die am ehesten mit Tristesse, Stille und Verelendung beschrieben werden können und die nicht länger authentisch oder persönlich, sondern in vielfacher Hinsicht ›künstlich‹ sind. Die Reihung »gezüchtet, manipuliert, veredelt« will sich nicht so recht in das erzeugte Bild einfügen, wird allerdings verständlicher, wenn akzeptiert wird, dass Strauß den Begriff ›veredeln‹ negativ konnotiert. Das Artifizielle versperrt den Zugang zum eigentlichen Inneren, das heißt dem intakten und in diesem Sinne nicht-globalisierten. Veredelung impliziert aus Strauß’ Sicht zudem den ›Wir sind Techniker‹, stimmte sie zu, ›mit den drei Buchstaben können wir alles ermessen und verlisten, was Sinn und Zweck hat auf der Erde. So wie man mit 0 und 1 alle beliebigen Zahlen und Botschaften ausdrücken kann.‹ ›Du begreifst es! Ich werde es nie begreifen‹« (NA 64). 396 Tod der Innenwelt. Folglich sind Träume als Spiegel dieser entwertet. Kinder, initial ein Produkt der Paarverschmelzung – oder wie Strauß in einem weiteren Ringbild formuliert »abgeirrt aus der Bahn glücklicher Phantome, die unsere magere Welt wie ein zu weiter Gürtel umgibt« (FDK 9) – wachsen in eine Gesellschaft hinein, die Authentizität eliminiert und sich der Maskerade und dem schon erwähnten »Leasing von Eigenschaften« (DNA 108) verschrieben hat. Weltbilder kommen laut Strauß nicht länger von innen, sondern drängen von außen in das Individuum.571 Strauß skizziert eine biologisch-gesellschaftliche Entropie und ihren Verfall, ›toter Staub in jeder Zelle‹ (vgl. NLG 248), die aus seiner Sicht einen möglichen Endpunkt bedeutet. In Niemand anderes lautet es ähnlich: »Kälte ist ein Attribut des Teufels« (NA 73), sie entzweit Mensch und Wärme.572 Von Bedeutung 571 Gerade die Kindeserziehung stellt Strauß an einigen Stellen als Kampf des beschützenden Elternteils gegen das Eingreifen der Gesellschaft dar. In Die Fehler des Kopisten handelt ein Erzählstrang davon, wie der Erzähler versucht, seinen Sohn Diu vor dem verderblichen Einfluss der Gesellschaft zu schützen und ihn so zu formen, dass der gesellschaftliche Einfluss dem Kind nicht schaden kann. Der Erzähler formuliert: »Ich muß meinen kleinen Sohn in eine Gesellschaft einführen, die ich für verbraucht und debil ansehe. Von der ich nichts anderes erwarte, als daß ihr ein langsames, vielleicht aber auch ein schleuniges Ausbluten bevorsteht.« (FDK 36) In Der Untenstehende auf Zehenspitzen kommt Strauß auf die Erziehung und den Einfluss der Gesellschaft zurück; eine Sohn-Figur stellt, nachdem der Gesellschaftskontakt stattfand, bedrückt fest: »Es gibt keine Grenzen mehr« (UAZ 77). 572 Das heißt, sie entzweit. Wichtiger für das Verständnis einer sozialen Entropie sind die folgenden Ausführungen, da sie im Kleinen gesellschaftlichen Rückschritt in segmentäre Sozialgefüge zulassen: »Die Machthaber werden ihrerseits nicht die Machtlosen der Kälte bezichtigen können, die Bürokraten die Bürger nicht, die Systemstrategen die engagierten Individuen nicht. Wo aber residiert die Wärme? Wahrscheinlich am wenigsten bei denen, die das Wort, das unaussprechliche Positiv, so verdächtig gern im Munde führen. ›Menschliche Wärme‹ wird bekanntlich nur im kleinen Kreis erzeugt. Im kollektiven Nest, in der Solidargemeinde, im Gegen- oder Außenhort zu Macht und Großstruktur. Von hier stieg auch ›Kälte!‹ auf zur gesellschaftlichen Dissensvokabel. Auch in der kleinen Wohngruppe besitzt immer irgendwer die unglaubliche Kälte, seinen Anteil an der Telefonrechnung zu unterschlagen. Hier allerdings kann das Wörtchen durchaus ächten und verstoßen. Wo sich mehrere Mitmenschen gegen einen anderen zusammenschließen, beanspruchen sie die höhere Temperatur für sich. Wärme und Güte befinden sich selbstverständlich auf der Seite der Übereinstimmenden, während der Abweichler, der ungerührt die Regeln verletzt, kalt ist. Das hindert die- 397 für das Verständnis einer sozialen Entropie sind neben den später in Lichter des Toren besprochenen »Schwingung[en]« aufgrund von »Chaos, Unordnung«, die sich innerhalb der »Ordnungsparameter« einer zwischen »kalten und wärmeren Schichten« und der dort stattfindenden »kollektive[n] Bewegung« (LDT 145) abspielen, auch die folgenden Ausführungen, da sie im Kleinen gesellschaftlichen Rückschritt in segmentäre Sozialgefüge zulassen und erklären. Christine Winkelmann erkennt Kälte als eines der tragenden Gefühle in Strauß’ Texten. Sie kommt bereits 1990 zu einer für die hier beleuchtete Globalisierungskonzeption relevanten Schlussfolgerung, indem sie erklärt, dass das ihrer Arbeit zugrundeliegende »Motiv der Gefühlssuche« nichts anderes als »Weltbezug« vermitteln will, bei dem der einzelne Mensch in ein Netzwerk aus Beziehungen zu ›Mitmenschen, Gott, Natur, Umgebung‹ eingebunden ist.573 Ihre Diagnose nimmt vorweg, was in den Texten nach der Zäsur von 1989/1990 wesentlich detaillierter ausgearbeitet und kommentiert wird. Auf die Kälte bezogen stellt sie fest: »Im gleichen Maße wie die Figuren bei Strauß den Kontakt zu sich, zu ihrem Körper verloren haben, erleben sie diese Fühllosigkeit auch draußen: es herrscht Eiszeit in der Liebe, in der Gesellschaft und in der Natur. In sämtlichen Bereichen ist der Mensch von Sinnlosigkeit, Unordnung und Chaos umgeben – eben dies will die Metapher der Kälte besagen.«574 Das Kältemotiv ist jedoch nur eine der möglichen Formen, anhand derer Strauß das Verhältnis der Figuren zu ihren Umwelten beschreibt. »[D]as Motiv der Eiszeit auf Erden« ist laut Winkelmann ein Sinnbild für »die allgemeine Kontakt-Störung der Menschen auf Grund eines Mangels an Gesen nicht, sich seinerseits zu erhitzen und nun der Gemeinschaft, die gegen ihn mauert, ihren unmenschlichen Wärmeentzug vorzuhalten. Und so ad infinitum, bis alle voreinander zu Eis erstarren« (NA 74). Strauß geht in Lichter des Toren erneut auf diese Sicht ein und verbindet sie mit einer Besprechung der »Selbstorganisation der Materie«, er stellt fest, dass »[m]an« – trotz der ›Ausdifferenzierung des Thermodynamischen‹ (vgl. LDT 143f.) – »beim Wärmeaustausch, der Konvektion zwischen kalten und wärmeren Schichten, die spontane Entstehung einer korrelierten Bewegung aus einer großen Zahl von Molekülen [beobachtet]. [...] Die kollektive Bewegung hat ein Ordnungsparameter erzeugt. Chaos, Unordnung bringen zwangsläufig eine dominante Schwingung hervor, die schließlich ›Ordnung schafft‹« (LDT 145). 573 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹: Wahrnehmung und Weltbezug bei Botho Strauß und Peter Handke. S. 90. 574 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹. S. 90 398 fühl«, die darüber »ständig präsent als grundlegende Struktur eines gestörten Weltbezuges [ist]. Was der diachrone Schnitt in die Begriffsgeschichte gezeigt hat, wiederholt sich in der synchronen Betrachtung der nur noch gegenwärtigen Welt Straußscher Charaktere«575. Winkelmann deutet die Metapher der Eiszeit als Barriere zwischen Menschen, beispielsweise verendet Marlene aus der Erzählung Marlenes Schwester (1975) an einem »langsamen Kältetod«, der »über mehrere Stationen der Abgrenzung« verläuft. Winkelmann resümiert, dass das »Kälte-Motiv als Versuch einer letzten Abgrenzung zu verstehen ist«; Strauß verwendet es, um den »drohenden Einbruch des Außen, sei es Natur, Mensch oder das Nichts« zu verhindern, da »die Vereisung [...] jedes Eindringen verhindern [soll]«576. Ungachtet der viel umfassenderen Motivlage, welche durch die Globalisierungskonzeption erkennbar wird, trägt Winkelmanns frühe Analyse dennoch zum Verständnis der Texte nach 1990 bei, weil sie betont, dass Differenzen für die Darstellungen der Figurenverhältnisse maßgeblich sind, wie sie unter Verwendung von Luhmanns Liebe als Passion herleitet.577 Ihr geht es vor allem um die Etablierung von Privatheit in Form von Privatwelten, die in Abgrenzung zur Umwelt funktionieren. Die Paarbeziehung deutet Winkelmann daher in Anlehnung an Luhmanns Theorie als System und betont indirekt den Systemerhalt durch immer neue Anschlüsse: »Was die Liebe ausmacht, ist der Entschluß, dem anderen als Echo oder Spiegel zu dienen und ihm damit seinen Weltentwurf gegenzuzeichnen«578. Es drängt sich auf, ›Welt‹ als drittes Element und Gegenpart zum Paar zu deuten. Festzuhalten ist, dass in Ergänzung zur Differenz Intimsystem/Welt (nach Fuchs) Gegenpart, Abgrenzung und ähnliche Termini für die Setzung einer Differenz stehen, die durch eine permanente Differenzierung zur treibenden Methode in Strauß’ Texten wird. Das dialektische Denken in Differenzen ist fest in der Gedanken-, Thesen-, und Weltentwicklung verwurzelt (und wird von Strauß in Die Fehler des Kopisten zur Grundannahme erhoben). Winkelmann erklärt exemplarisch zum Verhältnis von Weltbezug und Differenz in den frühen Texten: »Doch diese Art des Weltbezuges ist nur die halbe Wahrheit: die Stimmen im Personal fordern nicht unisono die letzte Ruhestätte in der Tiefkühltru- 575 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹. S. 65. 576 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹. S. 66. 577 Vgl. Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹. S. 68. 578 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹. S. 69. 399 he. Es gibt auch noch die Gegenstimme; neben der einen, die kalt distanziert alles als ›Außen‹ wahrnimmt, analytisch zergliedert, gibt es die andere, die den Wunsch nach – wenn schon nicht großen, dann wenigstens kleinen – Gefühlen hat, mit welchen die Demarkationslinien zwischen Ich und Welt (Ich und Ich, Ich und Du etc.) liquidiert, verflüssigt werden könnten«579 Den Bezug zur elementaren Veränderung der Welt konnte Winkelmann zum Entstehungszeitpunkt ihrer Studie freilich nicht herstellen, aber das Erkennen der vorhandenen Ansätze bestätigt, wie es zudem die Ergebnisse der vorherigen Kapitel zeigen, dass diese schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt Strauß’ Auseinandersetzung mit der Gegenwart beeinflussen. In seinen Texten zeigt sich immer wieder, dass sich die Figuren jener Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt bewusst sind, dass sie Geschehnisse einer Welt zuordnen und sie als zu dieser oder jener gehörend betrachten und ihren Einfluss auf die eigene Situation dementsprechend bewerten. In Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich (2003) folgt der Abklärung innerer Beziehungsüberlegungen die Erkenntnis des Erzählers, dass die Figur »Julia einer inneren Vorspiegelung zum Opfer gefallen war. Einem thymotechnischen Versehen. Jener Terror, jener schlimme letzte Konflikt mit mir, hatte nicht in Wirklichkeit stattgefunden, sondern als ein von der Außenwelt vollkommen unabhängiges Gemütsgeschehen« (DNA 114f.)580 Und Strauß führt die Differenzsetzung von innerer Wahrnehmung und faktischem Äußeren erzählerisch fort: »Sie war kurz vor mir von Sue behandelt worden! Daran gab es für mich keinen Zweifel. Aber, wie es schien, ergänzte ihr Fall jene mißglückten Experimente, die der Gatte bei unserem Spaghetti-Essen ohne Spaghetti erwähnt hatte. 579 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹. S. 91. 580 Hier klingt zudem die ›thymische Große Fusion‹ an, die Strauß in »Wollt Ihr das totale Engineering?« erörtert und die (wie in den Essay-Betrachtungen vertieft) Individualgrenzen angreift. Lichter des Toren greift die Verschmelzung erneut auf und Strauß fragt nach der Ausformung des Hybriden: »Der Übermensch, was wird er sein? Ein technothymes Unikum. Kreuzung zwischen beseeltem Ding und dinggewordenem Mensch« (LDT 110). 400 Wie dieser brave Mann Hammerfeld, der frisch verliebt die Welt besah, obgleich er seit langem niemanden zum Anfassen bei sich hatte. Ähnlich mußte es Julia ergangen sein: gewisse Botenstoffe trugen ihr Terror zu, vielleicht mitten in einer Umarmung (vielleicht einer der zu häufigen Umarmungen der letzten Wochen), und mein Verhalten wurde ihr von Grund auf mißverständlich und bedrohlich. In der greifbaren Wirklichkeit gab es niemanden, niemand war in ihrer Nähe, der tatsächlich Terror gegen sie ausgeübt hätte. Ich sah keinen Grund, an dieser Version zu zweifeln, und dachte nicht länger über den Vorfall nach« (DNA 115). Die Hervorhebungen im Originaltext (»Gemütsgeschehen«, »mißglückt[e] Experimente«) drücken gemeinsam mit den Begriffen »Botenstoffe« und vor allem »greifbar[e] Wirklichkeit« und »Vorfall« eine kritische Grundhaltung des Erzählers aus. Das Geschehen wird aus seiner Sicht eindeutigen Sphären, die in sich wiederum diffus und unwirklich bleiben, zugewiesen. Strauß’ Sicht auf und in Intimsysteme beziehungsweise Figurenpaarungen ist im Kontrast zur Welt ambivalent, weil er in beiden diverse Seiten beobachtet, so zum Beispiel die Binnenstruktur des Paares auf der einen Seite und die Einbettung oder viel mehr Entbettung581 des Paares aus der gesellschaftlichen Umwelt auf der anderen. Daher gehört zu Strauß’ Prosa zwingend der plötzliche Perspektivenwechsel, weil die Außensicht der Paarung nicht vernachlässigt werden darf. Die sich aufdrängende Frage in diesem Kontext lautet, was das Paar im sozialen Gefüge darstellt, wie es sich gegenüber einer sozialen Umwelt positioniert oder von dieser positioniert wird? Fuchs bietet eine mögliche Antwort: »Was ist die Grenze dieses seltsamen Systems moderner Intimität? Die Spur [...] ist gelegt durch unsere Überlegungen zur quantitativen Bestimmtheit des Systems. Es geht irgendwie um die wechselseitige EINS der ZWEI. Wenn das so ist, wenn wir so unterscheiden, unterscheiden wir gleichzeitig ein WIR ZWEI vom Rest der Welt. WIR ZWEI/und das was sonst noch vorkommt, das ist offenbar die fundamentale Unterscheidung des Systems. Sein Innen ist bestimmt durch die Referenz auf das WIR, und das Außen, das ist alles Andere. Wir könnten auch sagen, daß das System immer dann angeschaltet ist, wenn die Referenz auf jene fundamentale Unterscheidung genommen wird, und wenn nicht, dann nicht.«582 581 Abschnitt 6.6 in diesem Kapitel verdeutlicht diesen Sachverhalt. 582 Peter Fuchs: Liebe, Sex und solche Sachen. S. 43. 401 Bei Strauß zeigt sich eine solche Referenzialität durch die teils ernste, teils spielerische Verständigung von Paaren im Verhältnis zu ihrer Umwelt. Eine poetologische und fast dogmatisch verbissene Reflexion in Die Fehler des Kopisten (1997) erklärt die Hintergründe hierfür: »Mit Aristoteles und dem Papst teile ich die Überzeugung, daß das Paar jeder weiteren Gemeinschaft vorgeht. Es ist sogar der einzige Inhalt meines Schreibens, daß das Paar vor dem Staat, der Gesellschaft und jeder sonstigen Ordnung steht. Von ihm leiten sich alle sozialen Elementarien ab, nicht zuletzt das der Entzweiung.« (FDK 60) In diesem Punkt besteht eine interessante Übereinstimmung bei Fuchs und Strauß: beide sehen im Paar beziehungsweise Intimsystem eine Abgrenzung zur Umwelt. Die Figur Nelly reflektiert in Die Hypochonder (1972) das grundlegende Problem der Erkenntnis und des Erkennens in Paarbindungen: »Ich meine doch: es gibt diesen Unterschied nicht, wenn man sich liebt. Ich jedenfalls kenne mich nicht mehr aus: beobachtest du mich oder beobachte ich mich selbst. Und wie geht es dir?« (HYP 39). Im gleichen Dialog äußert Nelly weiter: »Wir dürfen einander nicht unheimlich werden. Weißt du, es ist ein dichtes Netz von Mord, Betrug und Täuschung über und ausgespannt« (HYP 43). Die äußeren Ereignisse wirken auf das Paar ein und gefährden es in seiner Stabilität.583 Die Verschränkung der Belegstellen bei Strauß verdeutlicht ein weiteres Mal die zyklische Einbettung vieler Themen und deren stete Präsenz im Gesamtwerk. Der kurze Blick auf Intimbeziehungen zeigt weniger eine lineare Entwicklung, sondern präzisiert auch in diesem Bereich die stattfindende Verschärfung, die sich in Strauß’ Texten ereignet. In Mikado (2006) mündet diese in einer Episode, die einerseits als dystopische Akt-Planung, andererseits als harmloses Verpaaren einer gelangweilten Gruppe interpretiert werden kann. Ein Experiment versucht, eine Art höheren »Weg zur einheitlichen Weltformel« (MIK 65) zu bahnen und führt Menschen auf Grundlage von Gegensätzen (»quantenerotisch[e] Baustein[e]« (MIK 65)) zusammen, um »die vier Wechselwirkungen zwischen Mann und Frau (stark/schwach, Erdgeist/Luftgeist) auf eine einzige Grundkraft« (MIK 65) zu verengen. Die Basis des Experimentes beschreibt Strauß als »Stafette von Vereinigungen nach der zentralen Regel, die ihre anziehenden und abstoßenden Kräfte in mathematischer Schönheit und Widerspruchsfreiheit erfassen sollte« (MIK 583 Vertieft wird dieser Aspekt in Abschnitt 6.8. 402 65) und enterotisiert auf diese Weise die Partnersuche. In Strauß’ Spiel denken die Figuren die Welt als ihre Spielfläche mit: »Für niemanden auf dem ganzen Erdball hatte bis jetzt die Fährte zu ihr geführt, einzig er hatte mit Instinkt und vom Zufall begünstigt die Richtige gefunden« (MIK 66). Die Bildung eines Intimsystems setzt innerhalb der Eingeweihten initial keine Anbahnung auf Grundlage von Sympathie oder Status voraus, sondern einzig durch Kenntnis des Codewortes. Das Paar imitiert jedoch die tradierten Methoden der Paarfestigung – »Vertrauen gewinnen«, »Liebhaber [...] werden«, »Leidenschaftsarbeit« (MIK 67) – und auf diese Weise entsteht eine Gemeinschaft, die sich von etablierten Anbahnungsmustern löst. Die Kürze und Offenheit der Episode verschweigt jedoch die initiierende Kraft und den Beweggrund hinter dem Experiment. Der Terminus »Weltformel« findet auch in der Episode »Das Eine« Erwähnung (MIK 126-128), die inhaltlich mit der Suche nach Anschluss in der zuvor besprochenen korrespondiert. »Das Eine« ist dabei eine universale Projektion. Für den Protagonisten der Episode ist es ein Arbeitsplatz, für eine Chatteilnehmerin liegt die Antwort anders: »Sex vielleicht? (Was für?) Revolution? (Von oben? Von unten?) Erleuchtung? (Genauere Angaben erbeten: Gottheit, Sekte, Grad)« (MIK 126). Die spielerische und unverbindliche Chat- Sphäre des Internets verliert für das Subjekt schnell die Unverbindlichkeit und konfrontiert es mit realen Unzulänglichkeiten: »Was ihm fehlte, war also Humor. Was noch? Blitzschnell flatterte seine individuelle Mängelliste über den inneren Bildschirm. Was ihm fehlte, waren unter anderem: Bildung, Musikalität, handwerkliches Geschick, Frau und Kind, Menschenkenntnis, Jagdfieber, Glück im Spiel, Sportlichkeit. Die Liste war lang. Tatsächlich fehlte ihm nur eines nicht: die Kenntnis vom Geld. Er wußte, wie man sein Pfund am ertragreichsten wuchern ließ. Er wußte alles vom Wucher. Aber er selbst hatte kein Interesse daran. Geld? Wozu?« (MIK 127f.) Beide Episoden verdeutlichen, wie die Subjekte sich mit veränderten Bedingungen konfrontiert sehen. Christine Winkelmanns Diagnosen (Verlust des Kontaktes zu sich selbst, »Eiszeit«, »Sinnlosigkeit, Unordnung und Chaos«) nehmen vorweg, was die Figuren in Mikado (und nicht nur dort) erleben, doch Strauß hebt die Ereignisse im Rahmen seiner Globalisierungskonzeption auf die nächsthöhere Reflexionsebene, indem er einen dezidierten Weltbezug einbaut und seine Menschen an der Sphärenvergrö- ßerung leiden lässt. 403 6.4 Das Intime drängt nach draußen – Deprivation & Hyperkomplexität Blickt man auf die Autonomie des Individuums, ergeben sich unweigerlich auch Rückschlüsse auf die Einheit des Paares, wenngleich diese sich nicht immer explizit äußern. Die Bedeutung und Funktion von Individualität oder (nicht zwingend sexuell konnotierter) Intimität werden in der Werkentwicklung von Botho Strauß immer wieder einer Prüfung unterzogen. Der romantische Reflexionsroman Der junge Mann (1984) schildert die Öffnung des Individuums in die Gesellschaft hinein. Es sehnt sich in technischen Zeiten, wie Strauß konstatiert, »[d]as Intime [...] nach draußen« (JM 10). Die medial zelebrierte Indiskretion ist, so Strauß weiter, der Gärstoff des Verfalls und der Deprivation: »Heimlichkeiten sind der Stoff für Talkshow oder Interview. Denn nur der helle Schein der Öffentlichkeit bringt uns den anderen Menschen wirklich nah. Wollen wir dagegen im Stillen zuhaus jemandem etwas sagen, so fühlen wir uns plötzlich in einer engen Höhle befangen, an einem Ort der Lähmung und der Dunkelheit. Man fürchtet sich vor dem anderen in dieser finsteren Unöffentlichkeit.« (JM 10) Dass das Innere des Individuums nach außen drängt und auf diese Weise auch Anschlüsse an andere Individuen (gemeinhin als Gesellschaft wahrgenommen) vollzieht, ist ein Trugschluss, auf den Strauß wieder und wieder hinweist. Es handelt sich bei diesem deprimierenden wie dialektischen Wechselspiel um eine Variation der »Urzelle des Weltgefängnisses« (PP 130), die Strauß kurz zuvor in Paare, Passanten (1981) bespricht. Was ›Öffentlichkeit‹ in Form des kommunikativen Anschlusses suggeriert, ist nur augenscheinlich das Gegenstück zur »finsteren Unöffentlichkeit« (JM 10) des Privaten und Bestandteil der Konsequenzen der Medialisierung: »Gesichtslöschenden Kräften sind wir ausgesetzt. Wie die Schwefelsäure in der Luft, in der von giftigen Gasen gedunsenen Luft die antiken Säulenschäfte und die Marmorgesichter ebenfrißt, so zersetzt, verstumpft die Pest der vielen Fotos, der Fernsehschimmer, die Blow ups der Reklamewände den Glanz unseres Blicks. Den Glanz nur? Alles Wesen, das im offenen Auge lag, hat sich von dort zurückgezogen: Suche und Wissen, Vertrauen und Berechnung, Güte und Gier. Wir sehen nicht und sehen auch nicht aus.« (PP 65) 404 Strauß’ Zeitdiagnose speist sich aus dieser grundsätzlichen Skepsis den Medien gegenüber, die als kritisches Zeitbild das Gesamtwerk durchzieht; es reicht von einem vor dem Fernseher vegetierenden Schroubek in Die Widmung (1977) über den tragbaren Fernseher in Groß und klein (1978) bis zur Schelte in Lichter des Toren (2013). Klagen über die Scharlatanerie der Reklame gab es von Anbeginn der Werbewirtschaft. Schon Walter Benjamin resümierte: »Der heute wesenhafteste, der merkantile Blick ins Herz der Dinge heißt Reklame. Sie reißt den freien Spielraum der Betrachtung nieder und rückt die Dinge so gefährlich nah uns vor die Stirn«584. Werbung verändert das Aussehen der wachsenden Städte und drängt hautnah an den Menschen heran. Der urbane Puls in seiner medialen Entwicklung aus der damaligen Zeit bis in die Gegenwart von Paare, Passanten erlahmt desto stärker, je bunter und bewegter die Fassadenwerbung dominiert. In diesem urbanen Milieu diagnostiziert Strauß Anfang der 1980er Jahre eine Spreizung von »Lebensformen, in denen wir voneinander immer unabhängiger, vom Ganzen aber immer abhängiger werden« (PP 17), welche im städtischen Raum kulminiert, wo die Partnersuche der »Mobile[n], Beschleunigte[n] und Mischkläßler« (PP 17) sich »in einem ›freien‹ Spiel von anziehenden und abstoßenden Kräften, je nach Lust und Laune und dem Angebot der Reize« (PP 17) vollzieht. Die Innenwelt wird nach außen projiziert und das innere Gefühls- und Sehnsuchtschaos wird identisch mit der wirren Suche nach körperlichem oder seelischem Anschluss: »Es ist, als sei die erotische Wirklichkeit, die äußere Szene der wechselnden Gelegenheiten, zu einem vollkommenen Abbild der Seele selbst geworden mit ihren wirren, ungeordneten Bedürfnissen und der Fülle ihrer Ambivalenzen.« (PP 17) Die Suche dient nicht mehr der sozialen Festigung im Familienverbund, sondern der Triebabfuhr in der öffentlichen Sphäre. Aus der beklagten Auslagerung in die Umwelt (das heißt Abhängigkeit von der Gesellschaft) bei wachsender Individualisierung resultiert ein fragiles Inneres: »Die Begegnung, die unter den Bedingungen der größtmöglichen äußeren Freiheit und Verantwortungslosigkeit stattfindet, wird bald ein geschundenes Opfer der Zwänge, der Lust- und Zerstörungslaunen des Unbewußten. 584 Walter Benjamin: »Diese Flächen sind zu vermieten«. S. 95. 405 Auf diesem Feld, wo das Soziale (Aufbau einer Gemeinschaft, Fortpflanzung, Überlieferung eines kulturellen Erbes usw.) seine vorherrschende Rolle eingebüßt hat, verkehren unbehindert die Launen mit den Gelegenheiten, die äußeren Reize, das Neue mit dem schnellen Wechsel der Behausung, und aus diesem breiten Verkehrsstrom, wo das Gewünschte mit dem Gegebenen sich immer kurzfristig einigen kann, wird sich keine noch so fest versprochene Verbindung heraustrennen können.« (PP 18) Bezeichnend für die gesellschaftlichen Bedingungen der Partnersuche ist die erschwerte Gesamtsituation innerhalb der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, in der die Bildung einer Familie oder der Anschluss an andere Familien nicht mehr das grundlegende und gesellschaftsstatuierende Element ist, sondern das Subjekt von außen individualisiert wird und sich nun an vielfach verschiedene Kontexte, Diskurse und Gesellschaftsbereiche gebunden wiederfindet. In Paare Passanten geht Strauß erstmals konkret auf die Informationsgesellschaft ein, in der sich eine Parallelwelt herausbildet, deren Wurzeln bis in die 1970er Jahre zurückreichen und die später im Internet kulminieren sollte. Eine Betrachtung von Vilém Flusser aus dem Jahr 1988 beleuchtet die Wurzeln und wie die Technisierung die unmittelbare Nahwelt verändert näher. Einige seiner Beispiele mögen aus heutiger Sicht ähnlich vergilbt erscheinen wie die Gehäuse alter Röhrenmonitore, beispielsweise das »Minitel«, aber sie verweisen eindringlich auf elementare Veränderungen, die zu dieser Zeit begannen und in ihrer übergeordneten Aussage immer noch gültig sind. Es fand eingangs bereits kurz Erwähnung, dass Flusser hervorhebt, dass Städte als der Ort, an dem Gesellschaft stattfindet, von nun an »topologisch statt geographisch« und »als Krümmung in einem Feld« aufgefasst werden sollten.585 Das etablierte Bild von Städten (»Häuser, wirtschaftliche Privaträume, umgeben einen Marktplatz, einen politischen öffentlichen Raum, und darüber, auf einem Hügel, steht ein Tempel, ein theoretischer Sakralraum«586 in getrennten Sphären) beschreibt die Wirklichkeit der funktional ausdifferenzierten und medialisierten Gesellschaft nicht mehr treffend und Flusser schließt (vielleicht auch deshalb) an: »Man kann sich den Kopf darüber zerbrechen, wie diese drei 585 Vilém Flusser: »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut«. S. 175. 586 Vilém Flusser: »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut«. S. 176. 406 Raumtypen miteinander zu koppeln sind«587, denn die Grenzen zwischen den Bereichen fasern aus zu »Fuzzy sets«588, das heißt: »Der öffentliche Raum dringt in den privaten dank Kabel (wie im Falle des Fernsehens). Der Privatraum dringt in den öffentlichen dank Apparaten (wie Autos). Es gibt in der Stadt nichts tatsächlich Öffentliches und tatsächlich Privates mehr. Und der theoretische Raum ist in beide so eingedrungen, daß man ihn nicht mehr wiedererkennt, so hat er sich verändert.«589 Dieser Ansatz vereint die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft mit den Auflösungsmechanismen der Globalisierung, die auf das Subjekt einwirken. Die Stadt wird dabei zu jenem öffentlichen Raum, in dem die Veränderung geschieht und auf das Subjekt einwirkt und der zugleich nicht länger mit den etablierten Deutungsmustern erschlossen werden kann: »Wir sind die Individuen, die in der Stadt zusammenkommen. Das alte Stadtbild fußt auf diesem Menschenbild. Dieses Menschenbild ist untauglich geworden. Alles ist teilbar, und es kann kein Individuum geben. Nicht nur Atome können in Partikel, ebenso kann alles Mentale beliebig in Teilchen zerstückelt werden, also Handlungen etwa in ›Aktome‹, Entscheidungen in ›Dezideme‹, Wahrnehmungen in ›Reize‹, Vorstellungen in ›Pixels‹. Die Frage, ob man dabei zu guter Letzt auf Unteilbares stößt, ist metaphysisch. Der Mensch kann nicht mehr als ein Individuum, sondern muß im Gegenteil als eine dichte Streuung von Teilchen angesehen werden: Er ist kalkulierbar. Das berüchtigte ›Selbst‹ ist als ein Knoten zu sehen, in welchem sich verschiedene Felder kreuzen, etwa die vielen physikalischen Felder mit dem ökologischen, psychischen und kulturellen. Das berüchtigte ›Selbst‹ erweist sich dabei nicht als Kern, sondern als Schale. Es hält die gestreuten Teilchen zusammen, ›enthält‹ sie.«590 In dieser punktuellen Beleuchtung verbirgt sich eine Parallele zu den Zoombewegungen, die Strauß in Beginnlosigkeit vornimmt und es gilt, dass die vernetzte Gesellschaft, in den 1980er Jahren noch eine Utopie, ist im Jahr 2017 ein erreichter Zustand, deren Entstehen, welches Strauß in di- 587 Vilém Flusser: »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut«. S. 176. 588 Vilém Flusser: »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut«. S. 176. 589 Vilém Flusser: »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut«. S. 176. 590 Vilém Flusser: »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut«. S. 177. 407 versen Texten sehr ausführlich reflektiert, in einer Detailanalyse am Ende dieses Kapitels näher untersucht wird. Die veränderte Stadt benennt Flusser positiv als Ort der Vernetzung über die genannten Bereiche hinweg: »Die neue Stadt wäre ein Ort, an dem ›wir‹ uns als ›ich‹ und ›du‹ gegenseitig identifizieren, an dem ›Identität‹ und ›Differenz‹ einander bedingen. Das ist nicht nur eine Frage der Streuung, sondern auch der Schaltung. So eine Stadt setzt eine optimale Streuung der zwischenmenschlichen Beziehungen voraus: Aus ›anderen‹ sollen ›Nächste‹, ›Nachbarn‹ werden. Und sie setzt voraus, daß die Kabel der zwischenmenschlichen Beziehungen reversibel geschaltet werden, nicht in Bündeln, wie beim Fernsehen, sondern in echten Netzen, also verantwortungsvoll, wie beim Telefonnetz.«591 Flusser ist vor allem ein visionärer Theoretiker der frühen Vernetzung und hat aufgrund seines Todes im Jahr 1991 nicht mehr erleben können, dass insbesondere das Internet es den Menschen ermöglicht, enge synchrone und diachrone Verbindungen über weite Abstände einzugehen, jedoch auch den Kontakt im Nahumfeld unverbindlicher werden lässt, weil Raum und Nähe nun nicht länger die zentrale Bedingung für zwischenmenschliche Interaktion ist. Das Internet ist in diesem Sinne die reale Terrapolis. Die Überlegungen dieses Unterkapitels zur konkreten räumlichen Sphäre, in der sich die Figuren bewegen, und der virtuellen, in der sich ihre digitalen Repräsentationen bewegen, vereint nun ein kurzer Ausruf in Lichter des Toren. »Wenn also der Globus ein Dorf, dann auch die Kirche darin lassen!« (LDT 18), schreibt Strauß dort und lässt erkennen, dass das globale Dorf sich als Metapher unter Umständen selbst überlebt hat. Es gilt die Sphären zu trennen und wieder zu vereinen. Die Kirche ist doppelsinnig, einerseits der Ausübungsort religiöser Praktiken und über Jahrhunderte ein gesellschaftsfestigendes Element, um welches das Leben kreiste, andererseits arbeitet sie als Institution ähnlich virtuell wie das Internet. Paradies und Hölle sind ähnlich transzendente Visionen wie Freundeslisten in sozialen Medien, die nur funktionieren, wenn man auch an sie glaubt. Im Spiegel der von Flusser lancierten topologischen Form der Stadt verdeutlicht sich auch, dass Städte ein nicht-hierarchisches Konglomerat von unterschiedlich codierten Gebäuden bilden, die in der Summe die Orte für die Kommunikationen der Funktionssysteme stellen – konkret Universitäten für die Wissenschaft, Gerichte für das Recht, Kirchen für den Glauben 591 Vilém Flusser: »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut«. S. 180. 408 und so weiter. Städte, hierin eingeschlossen auch Dörfer oder Metropolregionen, sind jene Räume, in denen Gesellschaft existiert, in denen Kommunikation geschieht, und ohne die eine zusammenhängende Gesellschaft nicht möglich wäre. Nicht ohne Zufall ist die Entstehung einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft an das Wachstum von Städten, die als vernetzte Knotenpunkte fungieren, geknüpft.592 In Oniritti Höhlenbilder (2016) reflektiert Strauß über die diffus gewordene Wahrnehmung des städtischen Raumes, wobei unklar bleibt, was er genau beschreibt. Einerseits kann es sich um eine Führung durch eine italienische Stadt, andererseits um eine Detailbetrachtung von Stichen des italienischen Künstlers Giovanni Battista Piranesi handeln (vgl. OH 251). Oder es findet eine Vermischung beider Dimensionen in der Phantasie des Erzählers statt: »So war das. Mein Betreuer – war's ein Führer, war's ein Wächter? – ging mir voran in der fremden Umgebung, nahm eine Treppe, die vom Bürgersteig zu einer Empore führte, von dort, hoch droben, ging's über einen weitläufigen Hofplatz. Auch er wie alle übrigen Rampen und Sohlen verließ den Innenraum nicht. Überall Leute, die schlenderten, sich unterhielten wie auf der Piazza, und doch blieb unterm Saalgewölb der ganze Straßenbetrieb. Eindruck von zivilem Sakralbau. Erhaben und leutselig zugleich, gro- ße Kuppel über frommem Markt, über geschäftiger Andacht.« (OH 253) Strauß arbeitet an dieser Stelle mit gegensätzlichen Begriffen wie ›Weitläufigkeit‹ und »Innenraum« und schafft, auch über die anderen Bezüge, ein ›Fuzzy set‹, wie es Flusser beschreibt. Die optischen Täuschungen Piranesis, die sich dem Erzähler als »viele ineinandergreifende Räume, weitläufige Interieurs« (OH 253) offenbaren, die als architektonischer Möglichkeitsentwurf »die Trennung von innen und außen aufhob[en] und die angeblich nur in seinen Carceri und sonst nirgendwo auf der Welt zu finden war[en]« (OH 253). Der denkbare Übergang von der Kunst- zur Wirklichkeitsbetrachtung vollzieht sich im Folgenden: »Er verstand, mich, seinen Begleiter, in die schönste Verwunderung zu versetzen. Wir würden noch den ganzen Tag in unvergleichlichen Perspektiven uns bewegen, Schulen, Banken, Restaurants – kein Ort ohne die Ansicht der heimlichen Entrückung oder Enträumlichung. Wie eine Stadt, bei der man den Eindruck gewann, an jedem Fleck sich im Zentrum zu befin- 592 Vgl. hierzu auch die Betrachtungen zur »Terrapolis« im Kapitel über Strauß’ Essayistik. 409 den, auf das alle Wege Zuflucht nahmen! Ein Effekt auch der sanften Verunsicherung, weil eben die aufgehobene Grenze von Innen- und Außenraum keine feste Ortsbestimmung erlaubte. Und außerdem waren's augenblicklich neu erschaffene Räume, als ob der bloße Augenschein sie veränderte, ummodelte beim Betrachten, weil der Betrachter das Gegebene nie unter nur einem, sondern stets unter mehreren Gesichtspunkten zugleich sah und beurteilte. So folgte meist der ersten Ansicht die Überbietung durch die nächste.« (OH 253f.) Der Kunsteindruck überschattet nun das tatsächliche Aussehen der Stadt, verändert deren Wahrnehmung, indem der Übergang vom Innen- zum Außenraum verschwimmt. Der Erzähler kann nicht mehr ausmachen, ob er sich innerhalb oder außerhalb des betrachteten Kunstwerkes befindet; die Rollen des Begleiters verwässern ebenso. In dieser Episode verwischen alle Sinneseindrücke des Erzählers zu einem Wahrnehmungssog des Phantastischen. Hierin kann, strukturell heruntergebrochen, ein mit dem Erschaffen einer digitalen Sphäre und Eingang in dieselbe vergleichbarer Globalisierungsprozess gesehen werden. Im Verlauf der Episode werden Erzähler und Begleiter von einer Menschenmenge mitgerissen, die sich im Nachhinein als performativer Akt herausstellt: »Nun, es gab keine Kirche zum Ziele des Zustroms, und der Gottesdienst – das war später dem Programmheft zu entnehmen – bestand allein darin, daß wir alle miteinander diese dichte bewegungsunfähige Herde bildeten, die sich nach nichts anderem als Auflösung und Verteilung sehnte, die kein Hirte aus ihrer Druckmasse und Überfülle hätte herausführen können, sondern am Ende nur ein übersaalgroßer, jeden zu seinem Einzelmenschentum befreiender unbegrenzter Raum.« (OH 256) Die Episode verdichtet letztlich Kollektivhandeln und »Einzelmenschentum« durch überspitzende Instrumentalisierung und löst die räumliche Enge zugunsten eines »unbegrenzte[n] Raum[es]« auf. Zum poetologischen Form- und Erzählprinzip von Strauß gehört es, dass die nachfolgende Episode ebenso uneindeutig bleibt. Sie kann sowohl als ab- wie anschließender Kommentar gelesen werden, der die vorherige durch einen dunklen Entwurf ergänzt, um die Radikalität der Entwicklung zu beleuchten, oder als unverbunden, singulär und mit frischem Blick, gelesen werden. Sie invertiert die normierten Verhältnisse, indem sie das Gefängnis zu einem von dystopischem Verfall umgebenen Sehnsuchtsort umwandelt: 410 »Die Menschen in Freiheit laufen draußen sehnsüchtig an den Gittern entlang und suchen nach einem Schlupfloch, um in die schöne Welt der Gefangenen zu gelangen. Doch nur wer sich eines schweren Vergehens wider seine Zeitgenossenschaft schuldig machte, kam in den Bau. Wer sich grob unzeitgemäß verhielt oder bekannte, wurde weggesperrt. Wessen Lustwandel gegen die Prinzipien der androgynen Grundordnung verstieß, wurde verfolgt und eingewiesen. Ebenso wer seinen Kindern Märchen von König und Königin erzählte. Und wer ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern hatte, mußte sich wegen Unterstützung einer konspirativen Zelle verantworten.« (OH 257) In einer derartigen Gesellschaft sind die Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt und eine eindeutige Interpretation wird erschwert. Es bleibt in der literarischen Schilderung offen, ob es eine Phantasie in Folge der Betrachtung von Piranesis Gefängnisentwürfen ist oder ob diese als rückblickende Ergänzung oder Erklärung der Befreiung (oder Versklavung?) des ›Einzelmenschen‹ zu bewerten ist. Auf diese Weise kommt es häufig zu einem Auseinanderdriften von Individuum und Gesellschaft und Strauß setzt seine Kritik an einer solchen Bruchstelle an. Die dystopischen Entwürfe, die er in Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie (1992) und Vom Aufenthalt (2009) zeichnet, die Gruppenisolation am Rande einer Stadt in Die Unbeholfenen (2007) oder der Einmarsch in die vom Krieg moralisch angeschlagenen Städte in den Dramen Schändung (2005) oder Ithaka (1996) erfüllen die Funktion der Gegengesellschaft, indem sie den Topos Stadt radikal umdeuten oder negieren.593 Schändung versucht darüber hinaus innerhalb der Gegengesellschaft einen weiteren Rückzugsraum, die »Terra secura«, zu etablieren. Dabei handelt es sich, wie Informationsausrufer durcheinander brüllen, um eine »andere Stadt. Wo alle Türen offen stehen, wo die Zeit sich Zeit läßt. Geheim verborgen unzugänglich. Ausnahmslos bewohnt von gesunden, schöngewachsenen Menschen. Menschen, die man gerne sieht in Bädern und auf Promenaden. Keine Krüppel. Keine Übergewichte. Keine anste- 593 Die Übertragung antiker oder Antike simulierender Stoffe in die Gegenwart korrespondiert mit der in Sigé zu findenden Reflexion, dass »Ausgräber antiker Städte [...] nur eine Verlassenheit zutage gefördert [haben], niemals eine Vergangenheit«. Es bleibt Strauß zufolge offen, »ob nicht die Reiche und die alten Streite plötzlich wiederkehren. Auf dem leeren Markt, im Zwielicht der Zeit, steht alles bereit« (SIG 35). 411 ckenden Krankheiten. Keine unterdurchschnittliche Intelligenz.« (SCH 304) Im gleichen Zeitraum wie Schändung entstand das Stück Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte (2005), in der sich eine nahezu gleichlautende Passage findet: »ASTEL liest den Entwurf laut vor, die anderen unterbrechen ihn, als sei es ein chorisches Werk Beaumonde, das sind 60.000 Hektar eingezäunter Garten Eden. Parkstadt. Gated Community. Beaumonde ein Ort des Lichts und der Stille, der Sicherheit und des Wohlergehens. TINI Beaumonde: die andere Stadt, wo alle Türen offenstehen, bewacht von unbestechlichen Sicherheitskräften. ELKE Beaumonde, das ist die Andere Stadt, wo die Zeit sich Zeit läßt. Mit lauter Menschen, die man gerne sieht. PETRA Keine Krüppel keine Übergewichtigen keine ansteckenden Krankheiten kein unterdurchschnittlicher IQ. LAMBERT Moment! Es gibt auch Grenzen! Kennt ihr die harten Gesetze der exklusiven residents in amerikanischen Wohnanlagen, in Florida oder anderswo? Dort lümmeln nur reiche Idioten herum, Schwachsinnige, die alle das gleiche Schönheits- und Schlankheitsideal besitzen.« (NLG 253) Der Duktus ist derselbe und Strauß bindet die vorgetragene Kritik einmal an eine zeitlich entfernte pseudo-antike und einmal an die räumlich entfernte nordamerikanische Gesellschaft. In beiden Fällen dient diese Form der eingegrenzten (sicheren, bekannten, nicht veränderten) Stadt als Projektion für die Gegenwart der Zuschauer als Optionsabwägung: wo steht der Zuschauer, sobald sich auch in seiner unmittelbaren Gegenwart und Nahwelt solche Wohnformen ausbreiten? Innerhalb oder außerhalb der sicheren Zone? Die Sicht auf diese pervertierte Utopie der Inkludierten zwischen Exkludierten dient eben auch als Optionsanzeige für die Notwendigkeit unterschiedlicher Standpunkte (das heißt auch: Beobachtungsoptiken), sobald es um die Kontaktfläche von System und Umwelt vor städtischer Kulisse geht. Die Ausgestaltung der »Terra secura« als gated community will somit ebenfalls die Verkommenheit und Gefährlichkeit der Gesellschaft herausstellen, die es jenen mit entsprechendem Wohlstand ermöglicht, sich hinter Schutzzäunen abzugrenzen. Die Figur Kiro stellt fest: »Ich habe versucht, Beaumonde nur aus Kontrasten aufzubauen. Wie 412 schlecht die Wohnwelt draußen ist, kann man drastisch schildern« (NLG 297). Wo also kann sich das Subjekt verorten? In welchen Kontexten findet es Entfaltungsraum? Und wie abgestumpft ist es bereits? Strauß lässt eine andere Figur reflektieren: »Desensibilisierung, sagst du dann, begleitet die Entwicklung einer posthumanen Gesellschaft. [...] Sie ist die Voraussetzung für das Verrücken der Brutalität von den Rändern in die mittleren Zonen« (NLG 297). Dies ist eine der wenigen Textstellen, in denen Strauß die Werteverschiebungen der Gegenwart konkret beschreibt und sich zugleich von ihnen distanziert. Eine andere Art der Kontaktfläche ist lediglich virtuell, weil sie um das Interface Technik herum existiert. Computernetzwerke führen zu einer Auflösung von Orten und zur Virtualisierung von räumlich angelegten Organisationen oder Institutionen.594 Sie tragen zur ›Enträumlichung des Globus‹ bei, wie Sloterdijk anmerkt. Eine solche Entfremdung oder gar Dissipation im Äther bemängeln bereits die frühmodernen Literaten nach dem Eintritt in das 20. Jahrhundert, wie es auch die Analyse von Die Unbeholfenen thematisiert. Die Durchschlagskraft des Internets beziehungsweise der Vernetzung unterschiedlichster Bereiche hat dieser Kritik eine neue Dimension hinzugefügt, wodurch auch der oben bereits anklingende Befund naheliegt, dass die hyperkomplexe Gesellschaft ohne das Unverbindliche des Cybersystems schlechthin nicht entstehen konnte. In Ergänzung zur Terrapolis (und Telepolis) bildet es so gesehen gleichermaßen eine virtuelle Existenzsphäre. Doch es greift hier erneut das Paradox von Überkomplexität bei gleichzeitiger Unterkomplexität, denn »es verstärkt sich mit jeder neuen Entdeckung der Eindruck, daß wir die Welt prinzipiell unterverstehen« (LDT 88). Auch bei entfremdeter und virtueller Existenz hilft nur eine stärker vorangetriebene Verdichtung der Information durch intensivierten Kontakt mit eben jener unerwünschten Information, um sich zugleich von der Informationsflut zurückziehen zu können. Botho Strauß macht möglicherweise genau dies. Ohne sein intensives (und weitgehend unerkanntes) Eintauchen in die Westberliner oder die bundesdeutsche Gesellschaft der 1970er und 80er Jahre wäre es nicht möglich gewesen, jene Zeitgeistphänomene auf die Bühne und in die Texte zu bringen, die die Texte aus heutiger Sicht als Spiegel der damaligen Gesellschaft erscheinen lassen. Peter Stein und Peter Krumme diskutieren diese Frage in einem Gespräch im Juli 1986 und betonen, dass für Strauß »zeitgemäß oft bedeutet, den kurrenten Phänomenen zwanghaft hinterher- 594 Vgl. Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. 14 fortællinger om informationssamfundet. S. 251. 413 zulaufen, zeitgenössisch hingegen eben auch Momente von Widerstand, von Widerborstigkeit enthalten kann«595. Zeitgeistkritik und Zeitgeistarchivierung sind gleichermaßen in den Texten angelegt. Auf vergleichbare Weise kann eine fundierte Zeitgeistkritik der internethörigen Gegenwartsgesellschaft nur gelingen, wenn der Gegenstand durch eigene Beobachtungen erforscht wurde, teilnehmen muss man indes nicht.596 Von untergeordneter Wichtigkeit ist dabei, ob und wie der Autor Zugang zu sozialen Netzwerken besitzt oder ob er lediglich Literatur oder Berichte über diese und andere Bereiche des Internets auswertet. Vorrangig lässt sich feststellen, dass in Strauß’ Texten, analog zum Rückzug aus der Gesellschaft, eine Art Parallelprogression stattfindet. Das heißt, dass mit zunehmender Entfremdung des Menschen Strauß sich auch die Prosatexte inhaltlich von der Gesellschaftsdarstellung entfremden, und zwar dahingehend, dass sie abstrakter und hermetischer werden und in den Miniaturbeobachtungen nun auch größere Zusammenhänge aufgreifen. Sie entfernen sich vom konkreten setting des städtischen Raumes und sind flüchtiger in physische Kontexte implementiert. Strauß nähert sich in den letzten Jahren häufiger zugleich der Makro- und der Mikroperspektive an und oszilliert (im Sinne der Glokalisierung oder Glokalität597) zwischen ihnen. Das Erzählprinzip scheint nun dadurch beeinflusst, dass »[e]her [...] die Welt in Weltlichkeit [implodiert], als daß die Klause noch einmal zu ihrem heimlichen Attraktor wird« (LDT 156). Womöglich ist dies über den Rückzug hinaus auch eine Folge der gesellschaftlichen Hyperkomplexität. Es lässt sich auf die Texte von Strauß überführen, was Lars Qvortup über die Komplexitätssteuerung von sozialen Systemen schreibt; er schildert diese als eine Art Bündel aus unter- 595 Peter Stein: »›Ein Autofahrerfaun. Das ist doch etwas Schönes‹«. S. 173f. 596 So gab Strauß in einem Gespräch mit Ulrich Greiner zu, das Internet zwar zu benutzen, sich aber nicht aktiv an einem Austausch zu beteiligen (vgl. Ulrich Greiner: »Am Rand. Wo sonst«). 597 Vgl. zur Definition des Hybridbegriffe aus global und lokal: Roland Robertson: »Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit«. Niels Werber äußert jedoch einen relevanten Einwand: »Das Lokale oder Regionale ist nun aber nichts anderes als eine Seite der Form ›Globalisierung‹. [...] Von Globalisierung kann überhaupt nur sinnvoll gesprochen werden als Differenz zur Regionalisierung. Globalisierung ist in gewisser Weise immer Regionalisierung, nämlich das ›Aufeinandertreffen der weltgesellschaftlichen Strukturvorgaben und Operationen und regionaler geographischer und kultureller Sonderbedingungen‹, wie Luhmann in Die Gesellschaft der Gesellschaft schreibt« (Werber: »Jenseits der Zeitmauer. Globalisierung als Erbe der Postmoderne?«. S. 985). 414 schiedlichen Beobachtungsoptiken, wodurch das System in der Lage ist, die Komplexität der Umwelt in der gegebenen Bandbreite besser erfassen zu können als durch eng gesteckte Beobachtungsmodi. Es handelt sich dabei um ein Verfahren, das die interne Komplexität598 steigert, weil es durch Lernen oder Entscheidungsreproduktion in der Lage ist, das paradoxe ›Komplexitätsproblem‹ zwar nicht zu lösen, aber mit ihm zu operieren599. Für beinahe jedes Umweltproblem kann das System auf eine Beobachtungsoptik zurückgreifen, die hilft, das jeweilige Problem besser analysieren zu können. Für die Kunst bedeutet dieses Vorgehen, dass der Künstler oder Autor auf diese Weise weit mehr Ereignisse in der Gesellschaft beobachten und konstruktiv aufgreifen kann, welches auch die gro- ße Anzahl der Literaturdebatten demonstriert. Die Kunstschaffenden können sich beispielsweise tiefer und kompetenter etwaigen Problemen der Ethik oder der Massenmedien nähern, obwohl sie selbst nicht innerhalb des Ethiksystems oder des Massenmediensystems operieren, aber die Konsequenzen ihrer Differenzen Gewinn bringender erschließen können.600 Anknüpfend an die Veränderungen Mitte des 19. Jahrhunderts und die zu dem Zeitpunkt aufgekommene anthropozentrische Gesellschaft resümiert Qvortrup die hyperkomplexe Gesellschaft als Nachfolgerin dieser. Sie ist polykontextural, weil es ›keine universale Schablone oder einen festen Drehpunkt mehr gibt, stattdessen weist sie viele gleichgestellte und sich gegenseitig beobachtende Reflexionszentren‹601 auf. Weiter heißt es: ›Genau wie damals ist es schwer, die Konsequenzen oder die Zusammenhänge in den Veränderungen vollständig zu erfassen: Dass sie nicht nur Konsequenzen für die Kunst, die Wissenschaft, die Medien und die Öffentlichkeit, für das Selbstverständnis der Wissenschaft und der gesell- 598 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 261f. 599 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 262. 600 Diese Freiheit – oder Verpflichtung? – hob Ulf Porschardt anlässlich der medialen Kritik an Sibylle Lewitscharoff hervor. »Auch der Irre hat das Recht, zu sprechen. Wo, wenn nicht in der Kunst dürfen, sollen und können Dinge formuliert werden, die den gängigen Denk- und Haltungsroutinen des Gesellschaftsmainstreams zuwiderlaufen. Unsere sehr freie, weitgehend liberale und durchweg pluralistische Gesellschaft zeigt im Augenblick Ermüdungserscheinungen bei Toleranz von Meinungen, die Zumutungen sind. [...] Der Umgang mit Unangepassten zeigt [...] wie engherzig und kleinkariert die Literaturreflexion geworden ist« (Ulf Poschardt: »Wer ist noch empörter?«). 601 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 290. 415 schaftlichen Einordnung besitz, für die Art und Weise, wie wir uns in Firmen und Organisationen organisieren, aber auch für die übergeordnete Organisation der Gesellschaft: Der Traum eines Steuerungszentrums, eines Fortschrittsprinzips, einer Zukunft scheint zu verdampfen. Diese Gesellschaft, deren Konturen sich langsam abzeichnen, ist von einigen ›Informationsgesellschaft‹ genannt worden. Die Bezeichnung ist so lange korrekt, wie die Kerntechnologie einer solchen Gesellschaft die Informations- und Kommunikationstechnologie ist und so lange sich diese Gesellschaft auf ein enormes Netzwerk aus gegenseitigen Beobachtungen und Beobachtungen von Beobachtungen stützt. Aber sie ist zugleich auch insofern missweisend, dass sie nur die technologischen Effekte der Veränderung registriert und daher in großem Umfang die Radikalität der gesellschaftlichen Veränderungen unterschätzt.‹602 Qvortrups Überlegungen stellen zugleich einen möglichen Hintergrund für das Verständnis der Auflösungen innerhalb der Prosa von Botho Strauß dar, indem sie erläutern, auf welche Weise und aus welchen Gründen die Gesellschaft in die Phase der Hyperkomplexität eingetreten ist: ›Es ist eine Gesellschaft, in der die Komplexität sowohl im Raum – mit Ausblick auf die Weltgesellschaft – und als auch in der Zeit – mit Veränderungen, die schneller als jemals zuvor sind – überwältigend ist. Es ist daher auch eine Gesellschaft, in der das transzendentale Subjekt, das heißt das Subjekt als Universalprinzip, sich in einer ungeheuren Überlastung befindet.‹603 In der hyperkomplexen Gesellschaft werden Gemeinschaften konstruiert und das Individuum wird zu einem Reisenden, der (sich) an verschiedene (Funktions-)Systeme anschließen kann.604 Es drängt sich die Überlegung auf, ob das polyzentrische Format einer solchen Gesellschaft nicht auch bedingt, dass das einzelne Subjekt deshalb zwangsweise zu einem Nomaden wird, für den die eventuelle Enttäuschung über misslingende Anschlüsse und ähnlich negative Empfindungen eine reale Gefährdung darstellen. Wählt ein Subjekt den Kontakt zu anderen Subjekten, sei es als Nomade im flüchtigen Systemkontakt oder durch ein ebenso bewusstes Aufsuchen von sozialen Zusammenkünften – wie Strauß’ Protagonisten 602 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 290f. 603 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 291. 604 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 293-298. 416 Aminghaus oder Lackner –, wird deutlich, dass »›[j]edes ausgesprochene Wort [...] den Gegensinn‹ [erregt], und zwar einen Gegensinn, den es ohne das ausgesprochene Wort gar nicht geben könnte. So ermöglicht Bestimmung immer auch Widerstand, und das kann man wissen und berücksichtigen, bevor man sich zur Kommunikation entschließt«605. Reaktionen bezüglich und Reflexionen des Mitgeteilten sind somit inhärente Faktoren innerhalb der Kommunikationsbestrebungen. Dies meint auch die Sicherung von kommunikativen Anschlüssen, für die das »Annehmen und Ablehnen einer zugemuteten und verstandenen Selektion [...] nicht Teil des kommunikativen Geschehens«606 sind, aber »als Anschlußakte«607 die Stabilisierungsbasis bilden. System und Umwelt beobachten sich gegenseitig, und im Falle größerer Ungleichheit zwischen dem Individuum und der Gesellschaft passiert es, dass das Individuum für das Großsystem nur Rauschen ist. Frank Becker und Elke Reinhardt-Becker resümieren in ihrer Studie ein Wirkverhältnis, das den oben besprochenen Sachverhalt einzuordnen hilft. Die Kommunikation gleichberechtigter Systeme stabilisiert sich anhand des anderen Systems: »Wechselseitige Erwartungserwartungen stabilisieren das Verhalten beider Akteure«608. Die Kommunikation, die sich dabei abspielt, wirkt sich »[a]ls Veränderung des Zustandes des Empfängers« aus, sie »schließt unbestimmte Beliebigkeit des jetzt noch Möglichen (Entropie) aus. In anderer Hinsicht weitet sie, und zwar gerade dadurch, Möglichkeiten aber auch aus«609. Die Kommunikation offenbart das Dilemma, »daß man in Interaktionssystemen nicht nicht kommunizieren kann; man muß Abwesenheit wählen, wenn man Kommunikation vermeiden will«610. Unter diesen Bedingungen Anschluss herstellen zu können, verlangt dem Individuum eine immense Komplexitätssteigerung ab. Anders ausgedrückt: Es muss für die Umweltsysteme interessanter werden und es durch Anschlussversuche irritieren. Die Reaktion auf die Anknüpfung an die unterschiedlichen Systeme der Umwelt mit der dadurch erzwungenen Beobachtung von Beobachtungen erzwingt in der hyperkomplexen Gesellschaft vom Individuum eine Doppelfunktion, in dem Sinne, 605 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 204. 606 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 204. 607 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 204. 608 Frank Becker & Elke Reinhardt-Becker: Systemtheorie: eine Einführung. S. 55. 609 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. S. 204. 610 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 562. Luhmann verweist an dieser Stelle auf Paul Watzlawicks Kommunikationstheorie. 417 dass es zugleich selbst- wie fremdreflexiv handeln oder kommunizieren muss.611 6.5 Das Komplexitätsgefälle zwischen Gesellschaft & Individuum Die radikalen Veränderungen von zwischenmenschlichen Bindungen, die Strauß bereits an einem frühen Zeitpunkt erkennt und literarisch spiegelt, führen in der sozialen Umwelt innerhalb von dreieinhalb Jahrzehnten zum Zeitalter der Globalität. Das schon besprochene »Second Life« sowie Bindungsängste resultieren aus den Veränderungsprozessen der Gesellschaft. Mit anderen Worten folgt aus der Globalisierung der Außenwelt ein epochaler Übergang, der sich in Form der Auflösung des Individuums durch die Überdeterminierung auf Seiten der Gesellschaft zeigt. Strauß reflektiert die Entwicklung bereits in einer Aussage im Roman Der junge Mann (1984), aus der sich die Herauslösung der Informationsgesellschaft ableiten lässt: »In einer Epoche, in der uns ein Erkenntnisreichtum ohne gleichen offenbart wird und in der jedermann Zugang haben könnte zu einer in tausend Richtungen interessanten Welt, werden wir immer noch einseitig dazu erzogen, die sozialen Belange des Menschen, die Gesellschaft in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Man kann aber in dieser Gesellschaft nicht fruchtbar leben, wenn man unentwegt nur gesellschaftlich denkt! Man wird verrückt – oder flachköpfig, man vergeudet jedenfalls seine besten Kräfte! Ein solches Denken, wie es allgegenwärtig ist, macht uns nicht mutiger und beraubt uns womöglich der letzten Fähigkeiten, Gesellschaft gerade eben noch bilden zu können. [...] Nein, die Idee des Zerfalls ist nur ein Gesinnungstrug, der Kobold eines verbrauchten Fortschrittsglaubens. Wir verwandeln uns ja, und eins geht aus dem anderen an- oder gegenteilig hervor.« (JM 11f.) Eine überfordernde und beginnend überkontingente, hyperkomplexe Umwelt wird auf den Terminus ›Gesellschaft‹ reduziert, um sich nicht den Herausforderungen stellen zu müssen, die mit dem Anschluss an die Gesellschaft verbunden sind. Aber just das vielfältige ›Über‹ in der Gesellschaft verhindert einen Anschluss, denn dieser darf laut Strauß trotz der ›Verwandlung‹ nicht das Ziel des Handelns oder der Kommunikation sein, weil dann Wahn und Idiotie die Folgen sein werden. Ein Wahn, wie ihm auch der Typus des Eremiten, wie er zum Beispiel in der »Odeon« betitel- 611 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 303. 418 ten Episode in Niemand anderes vorkommt, verfallen ist und der sich dort in einer atemlosen Tirade äußert, die alles Negative der Informationsgesellschaft benennt: »Öffentlichkeit, allesfressende, klettert wie die Wanderratte durch die Leitungsrohre. Oh verfluchte, falsche Einheit!... Das Nichts-Ausschließende... Das grenzenlos Einigende... Was für ein höllischer Schein! Verfluchte Versuchung! ... Information, Rostfraß des Geistes. Megatonnen von Vernunftabfall, Dasein als Unsinn. Das Gewäsch wäscht alle Kanten rund, das Gehörte höhlt dein Gewicht... Je größer die Masse an Informationen, um so neulicher ihr Wert. Je größer die Masse, um so geringer ihr Gewicht...« (NA 128) In beiden Textauszügen werden die Bedingungen der Gesellschaft, genauer der Informationsgesellschaft, überprüft und in ein lose verknüpftes Narrativ verschiedener Fragmente eingebunden. Vielfältige Anschlüsse an die Welt in Der junge Mann und hereinbrechende Auswirkungen der Welt in Niemand anderes (1987) stehen für zwei Seiten derselben Entwicklung: Der Mensch steht in einem vernichtenden Kontakt mit seiner Umwelt, der nur schwer wieder gelöst werden kann. Strauß formuliert diesen Zustand als ›öffentliche Entleerung‹ (vgl. NA 130), nach der jeder »für sich ein öffentlich-leeres Wesen zurück[behält]« (NA 130). Öffentlichkeit ist aus der Sicht von Botho Strauß eine der größten Bedrohungen für das Individuum, denn sie zwingt das Individuum, den Schutzraum der eigenen Innerlichkeit zu verlassen und sich auf gesellschaftliche Kommunikation einzulassen, in ihr ist »jedermann zuhaus und gleichzeitig evakuiert« (NA 147), viel gravierender noch: »Die Öffentlichkeit ist allseits und ausweglos. Ein geschlossenes System. Ihre Filter, Siebe, Dämpfer sitzen jedem in der Gurgel« (NA 153). Niemand anderes nimmt die Ausgestaltung des ›Draußen‹ vorweg, von dem sich unter anderem die Figuren aus Die Unbeholfenen nach Kräften abzugrenzen versuchen. Gesellschaft wird dort – im Nachhall von Luhmanns 1984 veröffentlichter Theorie sozialer Systeme – als »Ära der ›Systeme‹« wahrgenommen. Die Umwelt wird nun charakterisiert als Bereich, in dem »[d]ie obwaltenden Komplexitäten, Netzwerke, Systeme [...] auf einmal weit entfernt [sind] von jenen kafkaschen Labyrinthen und Zwangsgefügen, den Gefängnissen des Menschengeists, dem ganzen Reservoir an fantastischen Angstszenarien, das die Entwicklung der modernen Technik begleitet hat. 419 Die neue Ära der ›Systeme‹ hat dieses Reservoir verbraucht, genutzt, miteingebaut.« (NA 134) Wenig später kommt Strauß auf die Ortlosigkeit von Systemen zurück und führt an, dass »[a]lle lebenden Systeme [...] instabil [sind]. Übergang ist jederzeit und überall« (NA 141). Das gilt auch für ein soziales System wie die Gesellschaft; der genannte »Übergang« bezeichnet den Systemerhalt von innen. Die Umwelt besteht aus autarken »Kommunikationsorgane[n], denen wir mehr angehören, als daß sie uns gehören« (NA 146). Die Autopoiesis von sozialen, kommunikationsbasierten Systemen führt Strauß, wie das entsprechende Kapitel zeigt, in der Novelle Die Unbeholfenen ausführlich aus der Theorie hinüber in die literarische Praxis. Zarte Ansätze schimmern im Roman Der junge Mann durch612 und auch in Niemand anderes ist ihre Anwendung noch kein durchgängig textkonstituierendes Merkmal, sondern glimmt hier und da kurz auf, wenn es beispielsweise zur fortlaufenden Anpassung und Selektion der Systembildung heißt: »Alles Überpegelte pegelt sich ein« (NA 142). Es mag in der Folge auch dem poetologischen Prinzip von Botho Strauß entsprechen, dass sich an vielen Stellen ähnliche Aussagen finden lassen und dass Texte Beobachtungen und Gedanken früherer Texte reformulieren, rekontextualisieren oder präzisieren.613 Diese Tendenz tritt seit Paare, Passanten deutlich hervor. Die folgen- 612 Vgl. JM 189-194. So heißt es dort: »Reppenfries trat also von der Brüstung der Terrasse zurück, [...]. ›Das da‹, so begann er [...], ›diese unsere Gesellschaft ist vermutlich das größte Menschenwerk, das unsere Epoche hervorgebracht hat. Weder Wissenschaft noch Politik, schon gar nicht Kunst oder Religion haben in diesem Jahrhundert etwas Vergleichbares vorzuweisen, etwas so Komplexes und Hochentwickeltes, eine beinahe schon übermenschliche Erzeugung wie es dieses unfaßliche, allmächtige Gemeinwesen ist. Was aber ist das für ein Wesen? Hat es nicht all unsere schöpferischen Kräfte in Anspruch genommen? Haben wir nicht viel, vielleicht allzuviel von unserem Besten und Innersten gegeben, um es gut ernährt aufzuziehen? Manch persönliche hervorragende Tugend fiel ihm zum Opfer; viel an Mut, Liebe, Unternehmungsgeist und Gelassenheit gaben wir hin, um dafür Angst, Leere, Unbeständigkeit einzuhandeln. Haben wir also einen Halbgott oder einen unersättlichen Dämon erschaffen? Wie auch immer, dies grandiose und einzigartige Gebilde einer freien Massengesellschaft hat sich längst über unsere Köpfe erhoben, es ist tausendmal ›klüger‹ als wir selbst, und nicht das geeinte Wissen aller Experten, Politiker und Weisen der Erde würde hinreichen, um diesen Über-Organismus auch nur annähernd zu verstehen, geschweige denn ihn mit überlegenem Bewußtsein steuern zu können« (JM 189f.). 613 Strauß’ fragmentarisches, driftendes, digressives, achronistisches, alokales Erzählen entspringt einem Erzählverfahren, das auf permanenter Rekombination be- 420 de Bemerkung liegt zeitlich nahe dem Schaffensprozess von Beginnlosigkeit und greift dort aufgenommene Nebenaspekte auf, allen voran die Bedeutung der neuronengesteuerten Weltwahrnehmung, deren Fundament hier vorformuliert ist: »Die computerisierte Verschaltung der Welt zu einem geschlossenen Informationssystem beraubt die Paranoia einer ihrer zentralen Ängste und Einbildungen. Sie ist im übrigen durchaus nicht einem Wahngespinst nachgestaltet, sondern vielmehr dem neuronalen Schaltwerk des Gehirns, bildet mithin wie alle Technik eine weitere Außenlagerung eines menschlichen Organs. Wahn und Paranoia sind für unsere Verhältnisse nicht einmal mehr metaphernfähig.« (NA 134, vgl. 141) Ein Hauptanliegen ist hier, die Komplexität der Umwelt, »die Unzahl der Dinge« (NA 139), analysieren zu können und auf diese Weise das Ungleichgewicht zwischen außen und innen, »ihre herkömmliche Einheit« (NA 139), zu reduzieren. Die vorangegangenen Betrachtungen zeigen, dass der Ansatz nicht neu ist, und auch die folgende textnahe Besprechung will diesen Sachverhalt näher herausarbeiten. Ein weiteres Mal erscheint nun der Wahn, der sich als Leitmotiv durch Essays und Prosa zieht, als Ausweg. Neue Codes sind zu erschließen und ihre Anwendung zu lernen, wie Strauß fortführt, um sich in der veränderten Welt zurechtfinden und so die Komplexitätsniveaus von System und Umwelt aneinander angleichen zu können: reits geäußerter Gedanken beruht. Themen der in dieser Arbeit behandelten Globalisierungskonzeption (Raum, Zeit, menschliche Verbindungen, Niedergang der Gesellschaft) werden neben weiteren hier nur beiläufig berücksichtigten (Mythen, Religion) als Fundus und Resonanzraum der textuellen Verbindungen genutzt. Thomas Oberender verweist in diesem Zusammenhang auf ein Gespräch zwischen Strauß und Volker Weidermann, in dem es um Relektüre und Fortsetzung geht: »Ob er manchmal in seinen alten Büchern lese, frage ich. Er sagt nein, denn er schreibe ja im Grunde immer am selben Buch. Die neuen seien nur Verbesserungsversuche der schon geschriebenen. Der hinter ihm liegenden«, (Weidermann: »Der abwesende Herr Strauß. Ein Treffen mit dem unbekanntesten Schriftsteller der deutschen Literatur«). Ähnliche Passagen, zum Beispiel in Die Fehler des Kopisten und Herkunft widersprechen Strauß’ Aussage oder lassen auf ein gutes (digitales?) Informationsmanagement schließen. Die Existenz eines Strauß’schen Intertextkosmos wird indes auch dadurch untermauert, dass in den letzten Jahren vermehrt ›Sampler‹ mit Strauß-Texten erschienen sind, die Textauszüge thematisch neu arrangieren. 421 »Das real Komplexe zu verstehen in den Konformitäten von Natur und Technik, im Biotop einer Sumpfwiese wie im hochintegrierten Halbleiterkreis, es zu verstehen und sich zugleich abhängig darin und davon zu bewegen, ohne den größten Schaden anzurichten, das wird die nächste große Anstrengung des Begriffs, die wir zu leisten haben. Mit dem Ziel, irgendwann unsere Angemessenheit zu erreichen, zu erkennen und zu erhalten.« (NA 134f.) Strauß subsumiert »Angemessenheit« als Alternativbegriff zum Gleichgewicht; entwickelt den Gedanken weiter und etabliert später eine differenziertere Sicht auf »offen[e] Systeme« (VA 172), denen er ein »Fließgleichgewicht« (VA 173) zuspricht.614 Grundvoraussetzung sind bereits zum Ver- öffentlichungszeitpunkt bewusste Beobachtungen (»erkennen«) und Folgedifferenzierungen (»erhalten«), auch wenn die artifizielle Welt im Text als grundlegend nicht-mehr-verstehbar dargestellt wird, sie »wird uns schließlich verunklären, was zum Menschlich-Elementaren gehört« (NA 136). Die Welt entfernt sich auf eine für den Menschen nicht nachvollziehbare Weise von ihm und beeinflusst in der Fortbewegung seine Form. Das ist eine sehr abstrakte Sichtweise, zu der Strauß über die Ablehnung der Gegenwartsfortentwicklung – von der Leben erschaffenden oder verlängernden Gentechnik hin zur tödlichen atomaren Gefahr – gelangt. Wenig später fügt Strauß in Sigé (1989) die folgende Beobachtung an: »[D]ie nochmals veränderte Welt« ist weder »mit Schriften oder Siebenzahl, weder mit Weisheit noch mit der Alraune oder der Goldkugel des Magiers [...] zu entschlüsseln« (SIG 60). Die Komplexität kann demnach auch mit mythischen Rückfällen nicht ausreichend verringert werden, was wiederum die Abkehr von der Suche nach dem mythischen Grund in Beginnlosigkeit Anfang der 1990er Jahre erklären kann. Niemand anderes, Sigé und Beginnlosigkeit erscheinen gemeinsam mit Kongress innerhalb von fünf Jahren und widmen sich ähnlichen Themen. Ein Kritikpunkt von Strauß konzentriert sich auf die Entmachtung von Gott und Natur, welcher der Mensch lediglich eine Un- 614 In Strauß’ Nachwendestück Das Gleichgewicht (Uraufführung 1993) wird das Fließgleichgewicht auch in der Verortung der Figuren in ihrem gesellschaftlichen und räumlichen Kontext verdeutlicht: »Seitdem das Land soviel größer geworden ist, seitdem es einen neuen Körper besitzt, befindet sich eigentlich niemand mehr an demselben Ort, an dem er vorher war. Auf einmal gehört jedermanns kleiner Raum zu einem anderen Ganzen. Ich selber spüre eine innerliche Ortsverlagerung« (Strauß: Das Gleichgewicht. S. 49). Vgl. auch die Spiegel-Fassung von »Anschwellender Bocksgesang«. 422 terkomplexität entgegenstellen kann, weil ihm alles nur ein großes Experiment mit ungewissem Ausgang ist: »Niemand besitzt heute auch nur eine blasse Vorstellung davon, was dieser evolutionäre Konstruktivismus eigentlich sucht und will. Nichts geschieht hierbei nach einem zweckbestimmten Plan. Vielleicht steht gar am Ende aller Künstlichkeit der wahre ›biologische‹ Mensch – das im Reich der Systeme mitversicherte Geschöpf, das sein gesamtes organisches Funktionieren nachgebildet und ins Äußere getragen hat.« (NA 136) »Wir operieren mit formalen Größen, mit geistigen Modellen, Theorien, so lange bis Ding, Materie, Apparat, ja sogar ›Gesellschaftsform‹ dabei herauskommen. Wir probieren nicht mehr mit den Dingen, bis ein Gesetz erkannt ist.« (NA 142) In diesen Auszügen wird zudem ein wesentlicher Aspekt angeschnitten: Die Ausgliederung des Inneren in das Äußere. Das ist mit deutlicheren Worten nichts minder als ein Globalisierungsprozess, der die Grenzen des Menschen anzugreifen droht. Die genannte Gentechnik oder die atomare Gefahr durch Reaktoren oder Waffen stellen Gefahren der Weltrisikogesellschaft dar, die der Mensch nicht kalkulieren kann. Strauß wägt die Begriffe gegeneinander ab: Mythos und Magie wie in Sigé oder der Widerspruch von »operieren« gegen »probieren«. Strauß’ Reflexion bleibt diffus an dieser Stelle und die Verlagerung »ins Äußere« scheint eher Flucht als geordnete Bewegung zu sein. Es muss nochmals betont werden, dass diese Gedanken auch in breiterer Form in den Essays und Prosatexten der 1990er Jahre bis in die Gegenwart verhandelt werden und in den vorherigen Kapiteln schon bedacht wurden. An dieser Stelle lässt sich Strauß’ Überlegungen dennoch Neues abgewinnen, weil aus heutiger Sicht erkennbar ist, dass dieser dystopische Visionen zeichnet. Auch 30 Jahre nach der Formulierung seiner Gedanken gibt es bisher keinen artifiziellen Menschen aus Fleisch, Blut und DNA und auch der virtuelle Mensch, das heißt die »künstliche Intelligenz« (vgl. KKD 38), existiert 2017 nur in rudimentärer Form, zumeist als Spielfigur in Videospielen oder als akustische Benutzeroberfläche für technische Apparate (Alexa, Siri, Cortana), die nicht zu komplexer (das heißt hier: selbstorganisierender) Kommunikation fähig sind. Aber man kann als Autor oder Leser durchaus »das Bild einer Chimäre ästhetisch würdigen, ohne an eine Welt von Chimären glauben zu müs- 423 sen«615, wie Josef Quack sich ausdrückt. Doch diese Formen der künstlichen Intelligenz bleiben Avatare und Repräsentationen menschlichen Handelns und Kommunizierens und erlöschen ohne menschlichen Input schnell, weil damit ihre Logarithmeneinspeisung versiegt.616 In Jeffers-Akt (1989) stellt Strauß künstliche Intelligenz als »Unheil« dar, »das über den Globus gekommen ist«, sich den Menschen unterordnet und »sich in Richtung einer transhumanen Intelligenz« bewegt.617 Aus dieser Erkenntnis modelliert Strauß auch die Protagonisten John Porto und Freya Genetrix seines Stücks Das blinde Geschehen (2011), die zugleich Held und Heldin aus der realen und der virtuellen Welt und denkbarer Zwischenwelten, deren Verortung regelmäßig verschmilzt, sind. »Meinst du das virtuell oder stinkreal?« (DBG 9), fragt eine der Figuren und die Frage ist wohl nicht ausschließlich rhetorisch gemeint. Den nahezu grenzenlosen, technischbiologischen Zwitterwesen gelingt es trotz allen Fortschritts nicht, eine vollständige »Systemharmonie von Organ und Apparat« (NA 137) zu erreichen, auch wenn John Porto sich so behände wie imaginär in beiden Welten bewegt (»Ich bin John Porto. In dieser und in jener Welt. Da und dort derselbe. Frei erfunden« (DBG 8)). Freya Genetrix beschreibt sich ihrerseits als »eine unhandliche Frau aus der schmuddeligen Realität. Eine Altgläubige des Schmerzes, der Lust, der Blumen, der Berge – und der Briefe, echter Briefe auf parfümiertem Papier« (DBG 8), für Porto ist sie eine »Anwesenheitsantiquität« (DBG 8); überhaupt spricht die Figur Porto wie Kalldewey aus Kalldewey, Farce im zeittypischen und gleichermaßen schnoddrigen Duktus, als sei er dessen Doppelgänger. Wortgewaltig reflek- 615 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens. Über Botho Strauß und Ingomar von Kieseritzky«. S. 129. 616 Vgl. auch Die Fabeln von der Begegnung: »Denn neu sortiert zeigte sich auch der Experte für das Aussichtslose, nachdem er einmal in die Weite der Netze ausgeschwärmt war. Nun schüttelte er alle Hände, die virtuell er greifen konnte, reihte sich in jeden Kreis, schmiegte sich in jede Schwätzer-Ecke, lobte den allmächtigen Schein, die vorgetäuschte Welt, die fahlen Feuer. Und seine eigenen Doppelgänger, wo immer er ihnen begegnete, lud er zum Sherry ein. Er fand sich gut behaust in dieser mitgeteilten Welt, weil er sie nicht mehr nach Begriffen von wahr und falsch unterschied. Pyrrhon wurde schwach, gab auf – der scharfe Skeptiker von einst hatte sich gründlich umgestellt. Und auch die Seele lenkte ein. Mensch und Mauer würden für ihn nie wieder Gegenteile sein. Es gab gar keine Mauern mehr. Alles war durchlässig, alles Fluktuation« (DFB 144). 617 Botho Strauß: Jeffers-Akt. S. 30. 424 tieren Porto und Genetrix die Auflösung des Menschen in die digitale Sphäre, die sich in Form einer Trennung von Psyche und Physis vollzieht: »JOHN PORTO Außen trage ich Fleisch als Tarnung, aber mein Hirn spielt dasselbe Spiel, das ich online spiele. Ich bin aus game und werde zu game. Spiel mit. Werde geruchlos. Fleisch und Schweiß werde los. Dann liebe ich dich. FREYA GENETRIX Second Life. Das heißt: Die Leichten, Schattenleichten, wandern unter die Plumpen und Beschwerten und wollen sie aus ihrer natürlichen Unordnung vertreiben. Die Flachen saugen wie Vampire an der runden Körperwelt. JOHN PORTO Von mir kann man sagen: Er gehörte nicht zu den Leuten, die gegen die Wirklichkeit nichts unternahmen, die sich von ihr unterkriegen ließen. Was ist das für ein Lärm? FREYA GENETRIX Das ist der Aufstand der Ungeträumten. Die nie erfundenen Geschöpfe, die auch mal vorkommen und sich zeigen möchten. Das ist das blinde Geschehen, das sich seinen Weg bahnt. Das blinde Geschehen. Um dich herum, durch dich hindurch. Das dich zwingt zu handeln, ohne zu verstehen. Unordnung legt ihre Schlingen aus. Nie ist der Mensch beschäftigter, als wenn er in all seinen Kleidertaschen nach seinem Hausschlüssel kramt. Dort das Stirnband des Joggers, siehst du? Es wird zum glühenden Reif, der sich dem Mann in den Schädel schnürt. Und dort die Frau im schnellen Schritt, siehst du, wie aus ihrem Hinterkopf ein graues Gewölle austritt? Das ist ihr Bewußtsein, es verläßt den Schädel und entfaltet sich wie ein kleiner Bremsschirm. Und plötzlich steht vor uns die struppige Sophie ...« (DBG 9) Portos Umschlagen ins Präteritum nimmt die Entwicklung vorweg, in der sich die Wirklichkeit verändert, in der ›das Bewusstsein den Schädel verlässt‹ und der Mensch sich final entmenschlicht, in der, um Strauß’ Bild des Globus werdenden Kopfes zu revidieren, der Globuskopf sich weiter globalisiert und der Umzug in die digitale Sphäre die Komplexität der analogen Gegenwart hinter sich lässt. Mit anderen Worten kombiniert Strauß an dieser Stelle die inneren Globalisierungsprozesse von Individuen mit den Globalisierungsprozessen der Außenwelt. Wenig später – in Lichter des Toren – kreist der Kopf als Sinnbild der vollständigen Auflösung schließlich 425 in nächster Nähe zum »nackten Geschehen« und ohne »Zwischenraum« (LDT 9) um die Erde. Und auch am Ende des Stücks schließt sich in mehrfacher Hinsicht der Kreis: »FREYA GENETRIX Ha! Zu ist der Kreis. Geschlossen. Nun sitzt er fest. Hier hat der Schatten seinen Körper überlistet und ihn verkauft. Er war ihm zu schwer, zu energieverschwenderisch und zu eingebildet. Der Schatten ist es, der nun allein durch die Welt spaziert – lautlos, leicht und sehr, sehr sparsam. Ein glühender Ring im Umfang der Kreislinie geht um John Porto nieder. FREYA GENETRIX Und damit wich der falsche Zauber von der Insel. Augenblicklich brach ein Chaos von häßlichen Ruftönen aus, wo eben noch ein Elfensirren in den Lüften schwebte. Der Wahnsinn fuhr gewaltsam in die Netze. Unaufhörlich tröllerten die Telefone, die Rufzeichen wurden unabstellbar, alle Handys und Telefone riefen wie durchgedreht, alle auf einmal, wie sie eben pinkern, fliebeln, dingeln, tätärätäen unablässig, ein Gigagetröllere erhob sich über den Planeten. Danach, urplötzlich, trat die große Stille ein. Kein einziges Rufzeichen vernahm man mehr auf Erden. Alles unterbunden. Der E-Artist John Porto, Spieler, Oben-auf-Mann und Gewinner, er saß umringt gefangen, einsam und geknickt. Im Isolier- Reif eingeschlossen. Der Magier aller Netze, einmal abgestellt, verformte sich zum unbeholfenen Tölpel. Ohne Anschluß – plump wie Caliban, ein Offline-Schrat.« (DBG 47) Strauß zeichnet ein Bild des blinden Furors und des technischen Ragnaröks der außer Kontrolle geratenen Telefone, angefeuert durch die Resignation einiger Figuren (vgl. DBG 14, »Nur der Kopf kann letzten Endes noch etwas vorhaben«) oder die widersprüchliche Gleichgültigkeit und Arroganz Portos gegenüber der Wirklichkeit (»Im Prinzip bin ich ein Freund von allem, was mich nichts angeht« (DBG 10)). Porto passt sich durch die Einkehr in die virtuelle Welt dahingehend der Fragmentierung der Wirklichkeit an, dass er ihr zu entfliehen versucht, sich an den »Daten- Lifestream« (UAZ 62) koppelt, dessen Regeln er vollumfänglich adaptiert hat, wie Genetrix einer anderen Figur erläutert: »Dieser Mann schüttelt ungreifbare Hände, reiht sich in jede Ordnung ein, fügt sich in jede virtuelle Ecke, lobt den allmächtigen Schein, die vorgetäuschte Welt. Er sitzt am fahlen Feuer im Kreise seiner Doppelgänger. Er 426 kommt mit allen gut zurecht, weil er die Welt nicht mehr nach wahr und falsch einteilt. Selbst seine Seele lenkte ein. Phantom und Mensch werden für ihn nie wieder Gegensätze sein.« (DBG 10) Porto besitzt die Fähigkeit, die tradierten Verhältnisse zu manipulieren und mit den in gewisser Weise überholten Menschen wie mit Spielfiguren alternative Fügungen zu erproben.618 Die Realität des Stücks orientiert sich am Technischen, negiert altes Wissen, zum Beispiel werden »Bücherwände« als »Geistesplunder« (DBG 13) abgetan, und lässt die Figuren aus der neuen Realität nicht entkommen: »Mein Vater wollte mich aus Second Life befreien, aber er hat die falsche erwischt« (DBG 41). Genetrix entwickelt sich im Handlungsverlauf zu einem moralischen Antipoden der Videospielwelt: »Nicht mehr spielen. Menschen sind keine Endlosschleifen. Menschen sterben. Man soll ihnen kein X für ein U vormachen. Wir spielen uns um den Verstand. Wir spielen uns um Leib und Seele. Ist es so? So ist es doch« (DBG 45). Und auch Porto hadert mit den Umständen, wie einem Dialog zwischen ihm und ›der Schattin‹ zu entnehmen ist, der als ein Zwischenstand der Strauß’schen Beschäftigung mit den abseitigen Aspekten der Globalisierung gedeutet werden kann, weil er zentrale Themen aktualisiert: »JOHN PORTO Hättest du mal vorsichtshalber dein Ohr an den Puls der Zeit gelegt. DIE SCHATTIN Das habe ich. Aber jedesmal, wenn ich es tat, ratterte eine Straßenbahn vorbei. Oder es hat gedonnert und geblitzt. Ein Unwetter ging nieder. Ich habe beim besten Willen vom Puls der Zeit nichts hören können. JOHN PORTO Was zockelst und zipfelst du bloß hinter mir her? 618 Dies verdeutlichen die folgenden Auszüge: »Nie war die Welt so voll von Zauberei. Die Sänger und die Spieler, Spuk und Illusionen, daran die halbe Menschheit sich beteiligt, verklären und verkehren, verdoppeln und entrücken uns das stinkende Real, die dumme Mißgeburt, der Klumpfuß dieser Welt. Nie war sie leichter als jetzt, aufgetrieben von Schemen und Schatten, so daß sie luftig schwebt und sich verdreht« (DBG 10). Und: »Interessiert mich, was aus diesen Realgespenstern werden könnte. Was sich aus ihnen rausholen ließe. Revuegirls, Liebespaare, Kammerdiener – lauter Historis, alte Spielfiguren! Loggen wir uns ein. Freya! Wechseln wir die Erlebniswelt. Mal sehen, was dabei aus uns selber wird …« (DBG 12). 427 DIE SCHATTIN Ich wälze in meinem runden Kopf das Unvorstellbare einer Vereinigung mit dir. Ich, dein treuer Schatten. Deine Schattin. Niemals darf ich hoffen, dich zu berühren. Niemals hoffen, daß der Körper seinen Schatten glücklich macht. Und doch spüre ich manchmal, wie deine Zunge über meine schwarze Schulter kriecht und wie ich vor dir bin, bereit, dich zu umschlingen von vorn und meine nichtigen Finger über deinen lieben körperlichen Rücken streichen. Niemals, niemals wird das geschehen. JOHN PORTO Hör auf mit deinen Begierdewehwehchen. Wie klein ist dein Gejieper, verglichen mit dem grenzenlosen Raum, den wir beherrschen, in dem es nur das Denkbare und nichts als Denkbares gibt. Die ganze Erde ist ja wie ein einziger Kopf und wir Menschen darin das Neuronengeschwirr. Und was geschieht, sind bloß Schaltungen, Schaltungen, Billionen blitzschneller Kontakte.« (DBG 46) Der Zeitgeist sperrt sich gegen die Vereinnahmung und Strauß’ Stück endet in einer metaphorischen Vernichtung seiner Figuren durch die Regieanweisung »Die Wände pressen alle flach« (DBG 50), nachdem ihnen ein letzter Ausweg aufgezeigt wurde. Das Personal des Schauspiels realisiert die Veränderung, doch nicht immer gelingt die volle Akzeptanz. Strauß konstruiert entmenschlichte Bühnenfiguren und die Ausgestaltung driftet teils ins Absurde ab. Sieben überdrehte, nicht unterscheidbare »Revue-Engel«, digitale Repräsentationen, eine unterirdische Stimme, ein »selbstsingendes Mikrophon«, eine sprechende »Schattin« stehen in der Übertreibung dafür, das hybride Dasein aus Fleisch und Technik zu verlassen und stattdessen in die Traumwelt einzukehren: »DER ASSISTENT Ihr müßt euer Ja zur Welt erst finden. Ihr müßt sagen: So ist es. Da sind wir. Das brauchen wir. Hier ist die Wirklichkeit. Dort liegt ein Schlafender, in den wollen wir hinein. Wollt ihr endlich vorrücken und aus euch heraus?« (DBG 49) Das Stück greift die späten Folgen der Technisierung auf, stimmt an einigen Stellen auch die Idiotisierung des Menschen an, multipliziert in der Ausgestaltung die absurden Elemente aus Strauß’ frühen Dramen. Das Bühnenpersonal agiert vor übergroßen Kulissen und bereits bei der Lektüre entstehen schrille, überzuckerte Bilder wie in einem Tim Burton-Film. Strauß demontiert die gesellschaftliche Komplexität durch die doppelte Flucht in die Virtualität, wobei sich die digitale Sphäre als wenig haltbar herausstellt. Herauszufinden, ob hingegen der Ausweg in die Traumwelt 428 haltbarer ist, liegt außerhalb des Stücks. Geht man in der Werkgeschichte zurück, stößt man auf vergleichbare Auseinandersetzungen mit derartigen Bewusstseinsfragen, so zum Beispiel in Form der »hübschen Modepuppen«, die Strauß in Der Untenstehende auf Zehenspitzen als »mißglückt Geklonte« (UAZ 102) bezeichnet und in ihnen eine reproduzierte Idiotie sieht: »Er hatte die herkömmlich Geborenen und Differenzierten mit der Dürftigkeit der Gedoppelten angesteckt« (UAZ 103). Eine Überlegung in Niemand anderes erklärt das Entstehen dieser Position. Die dort geschilderten Vorüberlegungen zu den Konsequenzen aus diesen Fragen gehen von einem ›gelähmten Bewusstsein‹ (vgl. NA 137) angesichts der um sich greifenden »Ding-Welt« (NA 137) aus, das die bisherige Ausformung des menschlichen Daseins überwindet und für nichtig erklärt: »Nur als die Allerkünstlichsten sollten wir überleben, fast bewußtlos unseren Frieden mit der Erde finden? Und unsere letzte Bindung: das reine Spiel der Regeln? Soviel Zeit, Geschichte, Wissen, Kunst und Seele, und alles löst sich auf in absichtslose Ordnung, in technischen Instinkt?« (NA 137) Es geht, wie ersichtlich ist, um eine Neuorientierung in der veränderten Welt, in der sich die Verhältnisse neu konstituieren. Einerseits bedrohen Technisierung und Atomtod den Menschen auf reale Weise, andererseits befürwortet Strauß den mit Schmerz verbundenen Kontakt zur Welt und verlangt keineswegs einen absoluten Rückzug.619 Falls dieser geschieht, 619 Vgl. hierzu auch eine spätere Aussage in Niemand anderes über eine Lear- Inszenierung: »Lear scheint Angst zu haben vor dem Wahn. [...] Das schäbige Familiengeschehen ist nicht der Grund seines Wahns, sondern nur ein Mittel in der lückenlosen Beweisführung, daß die Welt ein Unding ist. [...] Die Welt ist radikal schlecht für den, der diesen Beweis führen will und muß. Aber selbstverständlich interessiert sich die Welt nicht für diesen Beweis und richtet sich nicht danach. Wie unausweichlich sie auch scheinen mögen, das Ende, der Untergang, die Kahlheit – es kann jederzeit auch anders kommen. Oder, wenn man mit Heidegger der Überzeugung ist: die Bombe ist schon längst gefallen, dann ermißt man den Grad des Menschlichen und seiner Zerstörung eben nicht am physischen Existieren. Es ist dann jeweils die Frage des Weltbilds, ob wir vor oder nach der Katastrophe leben« (NA 207). Strauß’ Blick offenbart hier – ähnlich den Theaterkritiken oder der Rekontextualisierung früherer Literatur – eine weitere Übertragung in die Gegenwart hinein. Die Welt wird gelöst vom Individuum betrachtet und in der Katastrophenstimmung der 1980er Jahre im Subtext als vergangen aufgefasst. 429 muss er bewusst vollzogen und unter Beobachtung der Innen- wie der Au- ßenwelt erfolgen. Eine blinde Flucht führt geradewegs ins Verderben, da sie die »Weltoffenheit« (NA 139), die Strauß als die menschliche Wachsamkeit definiert, wirkungslos werden lässt. Eine vollständige Exklusion ist nicht möglich, daher überrascht eine Äußerung wie die folgende nicht: »Kein Mensch kann ohne Gesellschaft leben. Wohl aber sehr gut ohne soziozentrische Ideen« (NA 148). Strauß verweist aus diesen Gründen auch auf das innerhalb der Informationsgesellschaft existierende Weltbild der Masse; es ist, sofern sie eines besitzen, trotz »modernsten Ansichten zu Politik und Gesellschaft ein durchaus vorwissenschaftliches Weltbild« (NA 138), das an dieser Stelle frei als Rückbindung an stratifizierte oder gar segmentäre Gesellschaftsformen mit verringerter Komplexität verstanden werden kann. Die stratifizierte Gesellschaft gibt in diesem Fall eine sichere wie feste Hierarchieposition vor, die segmentäre die Sicherheit des Familienverbundes. Entscheidend ist in dem Fall, dass eine Rückbindung die Zahl der möglichen Anschlüsse an die gesellschaftliche Umwelt reduziert. Strauß spinnt seinen Reflexionsfaden weiter, reiht thematisch lose verbunden »Geflechtspunkt« an »Geflechtspunkt« (NA 137), und weiß durchaus, dass die vorgetragene Ansicht – »die Menschenwelt bedürfe keiner weiteren Dehnung mehr« – nur eine »grämliche Überzeugung« (NA 139) spiegelt. Wie zuvor beschrieben, ist die Umwelt komplex aufgebaut und hierin liegt eine Chance, weil Komplexität den Fortbestand der Welt sichert. Er führt Komplexität, oder wie Strauß es im »Odeon«-Kapitel formuliert, »das Grenzenlose in ewiger Beschleunigung« oder »das subatomare Geschwirr« (NA 140) beziehungsweise »Chaos« als Sinnbild »bisher unentdeckte[r] komplexere[r] Ordnungen« (NA 141) auf »Raserei« zurück, die »die Welt im Innersten zusammenhält« (NA 140). Die Globalisierung wird von Strauß bereits zu diesem Zeitpunkt als irreversibler Prozess erkannt. Als beobachtende Instanz kann »das menschliche Bewußtsein [...] nicht nur Ruhe stiften, es kann auch alles durcheinanderbringen«, wie Strauß durch den hier vorgenommenen Perspektivwechsel zum Ausdruck bringt: »Es scheint keiner uns bekannten Ordnung zu gehorchen« (NA 140). Im Anschluss an den zuvor genannten Aspekt ist auch eine Deutung denkbar, in der sich die Gesellschaft bewusst gegen zu leichte Anschlüsse sperrt, um kein zu großes Komplexitätsgefälle zwischen sich und dem Individuum entstehen zu lassen. Verliert die Gesellschaft ihre Bedeutung oder ist diese Sichtweise lediglich ein notwendiger Beobachtungsbeschnitt? Strauß formuliert schon früh sehr fatalistisch: »man rennt ohnedies in einer Welt herum, die ein Zerstreuter schuf!« (PAR 81). Ihr Hauptmerkmal besteht in 430 einem großen Variantenreichtum, den Strauß, wenn man den Sachverhalt systemtheoretisch betrachtet, auf die bedrohlich gedeutete Ausdifferenzierung der globalisierten Welt zurückführt: »Die Unmenge ist der einzige Weltinhalt, die der Menschengeist zu fürchten hat. Da er sie nicht bei sich unterbringt oder nur dann begreift, wenn sie aus natürlicher Abstammungsvielfalt hervorgeht. Aber die schiere Unmenge, das Zerstreute und Zusammenhanglose, die Unmenge isolierter Kleinigkeiten, die auf kein Entfaltungsgesetz, keinerlei Evolution zurückzuführen ist, sondern dem Hinwurf und Durcheinanderschmiß gleicht, die ein wütendes Kind seinem Spielzeug antut, die wird ihm immer unheimlich sein.« (PAR 117) Der Variantenreichtum ist jedoch nicht zusammenhangslos, weil es zugleich eine Rahmung gibt, aber es zeigt sich trotz dieser erneut, dass das artifizielle Sammelsurium der Kleinteile zu Unverständnis führt und dass sie das Subjekt orientierungslos zurücklässt, auch weil im Fortschreiten der Systembildung und Systemaufrechterhaltung das Gefühlszentrum wenig Beachtung erfährt. Die äußeren Weltumstände sind überkomplex und verdrängen den Menschen als Gefühlswesen aus der systemischen Gesellschaft.620 Über die unfreiwillig Exkludierten und Verstoßenen formuliert Strauß in Die Fehler des Kopisten, dass diese »Verkommenen heute [...] auf bösartige Weise unverträumt, nüchtern, aufgeklärt, vollkommen unsentimental« seien und »[d]urch und durch Gedämpfte. Problem-Knechte. Verstandesruinen. Realisten-Reste. Kleine und kleinste Puppen des Allgemeinen, aus denen niemals schöne Gleichgültige, nachdenkliche Selbstbetrüger werden. Ende der Konturen, Ende der Schichten, Ende der Ablösungen, Ende des doppelten Einst: das Einst, das die Alten haben, wie jenes, das den Jungen bevorsteht. Statt der sieben Lebensalter nur ein Mittelding, eine einzige Periode der verlängerten Unreife, wo keiner mehr mit Lebenssattheit enden 620 In Sigé schreibt Strauß: »Während die Spinne sieht, jedoch nicht weiß, wie sie ihr Netz webt, könnten wir kaum überblicken, was wir erweben, in welch unmäßiger Feinheit der Bezüge wir jagen und leben. [...] Mit jedem Augenaufschlag steigt die Unwissenheit […]. Wo ist das Herz, wenn der Organismus in ein Vielfaches von Kreis- und Netzläufen, von Komplexen, Systemen und Untersystemen, ›sich selbst organisierenden‹, aufgelöst wird? Wissenschaft und Technik haben ihre kybernetischen Leitbilder bis in die feinsten Darstellungen von Blut und Nerv, Geist und Enzym getragen – aber das Herz, das Herz?« (SIG 47). 431 kann, wo man mit jeder rumgebrachten Stunde nur seine Lebens-erwartung erhöht.« (FDK 16) Die Referenzialität dieser Passage bezieht sich sowohl auf das verkommene Innere der Menschen, die von ihrem Fundament abgeschnitten sind, als auch auf endende Prozesse oder Zustände in der Außenwelt, die durch Flüchtigkeit und Indifferenz ersetzt werden. Dem globalisierten Menschen attestiert Strauß in der Folge der Veränderungen eine ausgeprägte mentale und soziale Verflachung bis hin zur lebenslangen unreifen Infantilität. Der Mensch existiert nun in einer losgelösten Sphäre, die er nicht mehr nach eigenem Bestreben beeinflussen oder formen kann. Strauß bezieht sich hiermit vielleicht auch auf jene Aussage, die den Wegweiser dieses Kapitels bildet: »Die Welt steckt voller Geschehnis und ist vielleicht sogar im Umbruch. Und du tust nichts als blöde hin und her zu schaukeln« (PP 37). Die Entwicklung kann, wie Strauß 1997 verbalisiert, darauf zurückgeführt werden, dass »[d]ie natürlichen Lebensgrundlagen [...] durch künstliche ersetzt werden. Die Zerstörung der Natur macht den Menschen zweifellos erfinderisch. Zerstört man aber das anschauliche Vermögen, so wird ihm jeglicher Schönheitssinn geraubt« (FDK 54). Strauß verweist neben dem stattfindenden Verfall der ästhetischen Wahrnehmung auf technisch veränderte Lebensumstände, die nach etablierten Mustern dekodiert werden. Trotz der Anwendung veralteter Deutungsmuster schafft es der Mensch, neue Anpassungsstrategien zu entwickeln und auf die Veränderungen zu reagieren: »Die Sinne werden nicht abgestumpft, sie werden im Gegenteil feiner und wendiger, die Artistik des Bewußtseins nimmt zu. Alles ist künstlich und künstlich erzeugbar. Träume, Kinder, Weltbilder. An die schöpferische Naturwidrigkeit ist der Mensch gefesselt. In Wahrheit ist seine Geschichte ein unaufhörliches Programm der Verkünstlichung. Nicht eine Pflanze im Garten, wie Gott sie schuf. Alles gezüchtet, bearbeitet, veredelt. Genmanipuliert. Nun denn: veredeln wir uns! Kristallisieren wir, technifizieren, artifizialisieren wir das Beste vom Menschen und bewahren es so vor seinem geschichtlichen Untergang!« (FDK 55) Simulationen wie das »Second Life« fallen in diese Kategorie der artifiziellen oder virtuellen Welten, auf die mit Verfeinerung im Sinne einer Ausdifferenzierung oder Autopoiesis geantwortet wird. Für den Augenblick bleibt 432 festzuhalten, dass Strauß durch die Technisierung in seiner Sicht auf die Zukunft beeinflusst wird: »Zukunftsvisionen sind inzwischen nicht viel mehr als ein Schwächezustand des überinformierten Verstands. Die unbekannte Zeit beginnt hinter den Mülldeponien von Zukunftsbildern, die jeden Tag von hundert Instituten beliebig ausgestoßen und wieder verworfen werden.« (FDK 58) Das Gestalten von Zukunftsbildern verliert im Laufe der Zeit seine Aussagekraft. Während es im Roman Rumor (1980) mit dem dort besprochenen »Institut für Nachricht«, welches »in Wahrheit doch nur eine ganz gewöhnliche, mittelgroße Firma [ist], die statt mit Kugellagern oder Sportartikeln mit Informationen, Trendberichten, Modellplanungen und dergleichen Handel treibt« (RU 9), noch sehr prägnantes Motiv ist und die kritische Distanz zu medialen Bildern oder den Prognosen von Meinungsforschern und Beratungsfirmen konkretisiert, schwindet es später deutlich. In Das blinde Geschehen werden Zukunftsbilder negiert, indem die Gegenwart als Endpunkt beschrieben wird. »[S]chmelzende Eisberge«, »Treibhausgase« sind keine Themen mehr, denn »[d]as Wissenswerte ist ein Scherbenhaufen« (DBG 18). Ignoranz wird ein weiteres Mal aus Ausweg angeboten: »A No complaints, no weltanschauung [sic], no private secrets. Einverstanden? B Einverstanden. Sie haben recht. Wir würden niemals ein Zwiegespräch führen, wenn wir sagen, was alle Welt sich sagt. A Wer sind Sie? B Ich bin schroff gläubig zaudernd zornig keusch hitzig offen verlogen liebevoll infam gelehrig pflanzlich hohl bäuchig äugig fingrig menschlich englisch rassistisch verzückt exkremental still süß bildhübsch niederträchtig stolz krötenschluckend –« (DBG 19) Strauß propagiert an dieser Stelle die authentische Unterhaltung, bleibt sich thematisch treu, unterzieht B jedoch einer intensiven Selbstbeobachtung; positive wie abschreckend negative Eigenschaften vereinen sich im selben Charakter und geben B das notwendige Rüstzeug für das Bestehen in der Gegenwartsgesellschaft. Der ›neue Mensch‹ ist, soweit ein zögerliches au- 433 ßertextuelles Fazit, ein widersprüchlicher, dem es in Teilen aufgrund seiner Anpassungsstrategien gelingt, sich an die geschilderten Auswirkungen des Komplexitätsgefälles anzupassen. 6.6 Innenperspektiven des Subjekts: Von Diskontinuitäten, Zukunftsverlust & dem Problem der Epochendiffusion Auch wenn kein Ruf wie ›Mensch, streng dich an!‹ aus der Gesellschaft erklingt, fordert sie das Individuum durch ihre mittlerweile erlangte Struktur dazu auf, sich zu rüsten und die eigene Komplexität zu steigern. Anders formuliert: Das Wagnis zu riskieren, sich der Infantilisierung und Idiotisierung oder, wie Strauß es später benennt, »weltweiten Mitteilungsinkontinenz« (VA 175) entgegen zu stellen. Gesellschaft ist ein Begriff, an dem es sich vortrefflich reiben lässt. So könnte man Strauß’ persönliche Warte umschreiben, die in einem 2013 mit Hubert Spiegel geführten Gespräch anklingt: »Was ist das? Die morbide Untergangsphantasie eines randständigen Mahners und Moralisten? Oder die ins Surrealistische gewendete Satire eines galligen Zeitdiagnostikers? ›Stärkere Verdichtung eingeweihter Kreise bei immer noch sehr guter Stimmung‹, das klingt wie eine Beschreibung hochaktueller Zustände. Erfasst eine solche Formulierung nicht perfekt die Vorgänge, die sich jüngst in Finanzkrisengewinnlerkreisen zugetragen haben? Das wirft die Frage auf, mit welchem Blick unsere Gesellschaft in den Fabeln betrachtet wird. Ist es der Blick des Soziologen, des Dramatikers, des Melancholikers? ›Gesellschaft? Das Wort ist mir eigentlich viel zu groß. Der Blick auf das Ganze einer Gesellschaft ist ja heute nicht mehr möglich, dazu gibt es zu viele Einzelmodule, die in sich zu komplex und auf die komplizierteste Weise miteinander verbunden sind.‹ Sein Blick gelte Konstellationen, Begegnungen, in die sich auch Biographisches mische, es sei der Blick des Randständigen, des Außenseiters: ›Ich suche immer nur Inseln im Geschehen. Eigentlich ist mein Erzähler die Gestalt der Anti-Kommunikation.‹«621 Die Welt scheint zu komplex geworden zu sein und einfache Schilderungen der Zusammenhänge können die Veränderungen nicht mehr erfassen. Spiegels Interpretation des Gespräches deckt sich mit der Haltung des Mi- 621 Hubert Spiegel: »Zu Besuch bei Botho Strauß: Der alte Junge«. 434 santhropen und Skeptikers, die Strauß bereits in Der junge Mann vertritt. Auch in Rumor, ebenfalls ein Produkt der 1980er Jahre, klingt diese entrückte, distanzierte Haltung an. In früheren Gesprächen betont Strauß die Einsamkeit als Grundvoraussetzung seiner Gesellschaftsbeobachtungen.622 Zelebrieren die Prosatexte der 1970er Jahre – Die Widmung, Theorie der Drohung oder Marlenes Schwester – noch die Innenperspektive des Subjekts und dessen innere Friktionen und Fissuren623, blenden sie dabei die Gesellschaft zu weiten Teilen aus. Erst Anfang der 1980er Jahre schlägt Strauß die oben angerissene neue Denk(aus)richtung ein, die er bis in die Gegenwart hinein als Versuch, die ihm relevanten Phänomene und Veränderungen in der Welt in seiner Literatur verarbeiten, erklären und positionieren zu wollen, weiterentwickelt. Damit geht auch eine Skepsis gegen unzureichende Termini einher, wie Strauß es im Gespräch mit Hubert Spiegel zum Ausdruck bringt: »Gesellschaft, das ist heutzutage das, was Debatten führt, mehr nicht. Was wäre darüber zu sagen? Interessant, mehr als nur interessant wäre allerdings das funktionale Geheimnis eines Gemeinwesens, das immer noch von unbekannten Kräften zusammengehalten wird. Aber das ist wohl nicht entschlüsselbar.«624 622 Verwiesen sei neben dem in der Analyse zu Der Untenstehende auf Zehenspitzen erwähnten Gespräch mit Volker Hage auf das Interview mit Ulrich Greiner, in dem Strauß bekennt, ein Einzelner zu sein: »ZEIT: Die Einsamkeit ist einerseits die Bedingung dafür, dass Sie etwas über diese Welt, diese Gesellschaft sagen können, andererseits erschwert sie es. Strauß: Die Frage lautet, ob man dafür disponiert ist, ein solistisches Dasein zu führen. Entweder findet man sich mit dem selbst gewählten Eremitentum ab, oder man spürt, und das ist bei mir der Fall, ständig den Mangel. Man lebt die Geselligkeitsaskese und wünscht, dass es anders wäre. Daraus entsteht eine Überempfindlichkeit bei der Berührung mit anderen Menschen. Wobei diese Überempfindlichkeit zu gewissen Übertreibungen führt, die aber manchmal besser dazu taugen, die Wahrheit aufzuspüren. ZEIT: Sie empfinden sich eher als einen geselligen Menschen. Strauß: Ich bin ein nicht ausübender Gesellschaftsmensch. Die Arbeit des Schreibens ist ein Akt der vollkommenen Exkludierung« (Ulrich Greiner: »Am Rand. Wo sonst – Ein ZEIT-Gespräch mit Botho Strauß«). 623 Vgl. Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. S. 18. 624 Hubert Spiegel: »Zu Besuch bei Botho Strauß: Der alte Junge«. 435 Strauß ist damit dem Paradox eines blinden Flecks auf der Spur, das sich darin manifestiert, dass die »unbekannten Kräft[e]« hinter einer entmächtigten Gesellschaft, die lediglich leeres Sprachgerüst geworden ist, nicht dekodierbar sind. Man könnte es auch so formulieren, dass die Komplexität der Gesellschaft zu umfassend ist, um sie vollends zu entschlüsseln. Strauß scheint das bereits vor dem Gespräch erkannt zu haben, denn in Vom Aufenthalt richtet er den Blick zurück auf den Menschen: »Wir verändern uns – doch die Reflexion, die darüber Rechenschaft gibt, ist zu dünn, zu ephemer, ein schnell zerreißender Schleier. ›Die Gesellschaft‹ – das klingt wie der Titel eines Lustspiels von Niklas Luhmann. Ziemlich harmlos jedenfalls, verglichen mit ›Der Mensch‹, dem Schauspiel, das sich anbahnt. Oder der Tragödie, die wiederkehrt und immer war.« (VA 144) Es schwingt überwiegend Resignation über den systemtheoretisch gespiegelten Zustand der Gegenwart mit. Strauß ändert die Perspektive, über den Ausgang herrscht Unklarheit, und sie mündet in der Dichotomie – wenn nicht sogar der Differenz – Schauspiel/Tragödie. Die Auswirkungen der Veränderungen sind vielfältig. Die kulturelle und soziale Identität des Individuums schwindet und die globalisierte Gesellschaft wird stattdessen zur dominierenden Kraft. Das reale wie das literarische Subjekt erleben, wie sich etablierte Verhältnisse verändern, wie sich die Gesellschaft in Richtung einer hyperkomplexen Gesellschaft verändert, was sich unter anderem auch in spielerischen (das heißt im Kern: verantwortungslosen) Experimenten zeigt, deren Auswirkungen auf die Welt und das soziale Gefüge der Gesellschaft im Dunkeln bleibt, bis es für Korrekturen zu spät ist.625 Auch wenn diese Entwicklung als radikal erlebt wird, geht sie doch auf einen langsam voranschreitenden Prozess zurück, dessen Beginn noch vor der Selbst-Bewusstwerdung und Weltentdeckung des 15. Jahrhunderts liegt. Das Überblicken der Lage ist demnach schwierig bis unmöglich, wenn man Botho Strauß glauben mag. Ein Ausweg kann darin bestehen, sich dem angestrebten Gesamtbild der Gesellschaft, sofern ein solches überhaupt gezeichnet werden kann, nicht aus der Außen-, sondern der Innenperspektive anzunähern, indem der Blick auf die kleinste physische 625 Vgl. hierzu die folgende Passage aus Sigé: »Von den entsetzten Begriffen zu den verschalteten Befehlen gelangt, dürfen technische Kinder mit einer ›Erde‹ spielen – so genannt nach der Erde, der alten Mutter« (SIG 59). 436 Einheit der Gesellschaft gerichtet wird: den Menschen, das Individuum, das Subjekt. Doch wie sieht dieses gegenwärtig aus? In seiner Studie Das hybride Subjekt verweist Andreas Reckwitz initial auf eine grundlegende »Doppelstruktur des Subjekts«626, die sich aus der tradierten, semantischen Bedeutung des Wortes ergibt. Das Subjekt definiert er als »ein[en] unterworfene[n] Unterwerfer«627. Wie Reckwitz weiter ausführt, haben sich die Sichtweisen auf das Subjekt im Laufe der Zeit verändert, und mitunter kann es sehr erhellend sein, das Naheliegende ein weiteres Mal zu formulieren, um die lange Perioden der Veränderungen auf ihr Zentrum zu verengen: »Seit dem Humanismus, der Renaissance, der Reformation, der Aufklärung und dem Liberalismus wird die moderne Kultur von der Idee angetrieben, dass die Ablösung der traditionalen durch eine moderne Gesellschaft die Bedingungen für eine soziale Freisetzung – eine Befreiung des Subjekts aus kollektiven Bindungen – gelegt und den Raum für reflexive, rationale, eigeninteressierte, expressive Individuen geschaffen hat.«628 Diese Entwicklung mündet schließlich in dem, was gemeinhin als modernes Subjekt in einer modernen Gesellschaft bezeichnet wird, wobei Reckwitz sich durchaus bewusst ist, dass sich Subjekte und Gesellschaftstheorien getrennt entwickeln (können)629: »Der Einzelne avanciert zum vorgeblich autonomen, zweckrationalen oder moralischen Subjekt erst dadurch, dass er sich bestimmten Regeln – Regeln der Rationalität, des Kapitalismus, der Moralität etc. – unterwirft, diese interiorisiert und inkorporiert und sich in soziale Gefüge integriert.«630 Hierbei darf, wie Reckwitz später betont, nicht übersehen werden, dass die Deutung und Definition des Subjekts veränderlich ist und gewissen Brüchen und Veränderungen unterliegt; auf ein ›bürgerliches Subjekt‹ des 18. und 19. Jahrhunderts im Sinne eines »moralisch-souveränen, respektablen Subjekts« folgt ein »extrovertierte[s] Angestelltensubjekt« einer »organisier- 626 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 9. 627 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 9. 628 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 9. 629 Vgl. Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 33. 630 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 9. 437 te[n] Moderne der 1920er bis 1970er Jahre«, um sich zu einem »kreativkonsumtorischen« Subjekt der Postmoderne weiterzuentwickeln.631 Diese Reihung erinnert stark an Plumpes Epocheneinteilung anhand von Differenz- und Referenzialitätsverhältnissen zwischen System und Umwelt. Reckwitz denkt ähnlich und hebt daher die Verschmelzung von ›gesellschaftlicher und ästhetischer Moderne‹ seit Aufkommen der »counter culture der 1960/70er Jahre«632 hervor. In aller Kürze sei hierzu angemerkt, dass sich mit der nach Differenzen suchenden Vorprägung der vorangegangenen Kapitel darin auch eine Differenz von Selbst- und Fremdsteuerung sehen lässt, die in einem Folgeschritt auf literarische Textwelten appliziert werden kann. Das literarische Subjekt handelt vorgegeben eigenständig und ist doch von der Führung des Schreibenden abhängig. Reckwitz erweitert seine drei Subjektmodelle um den Hinweis auf interne Friktionen und Fissuren633 und schlussfolgert: Dem Subjekt liegt keine Einheitlichkeit zugrunde, sondern es erlebt innerhalb der langen Phasen Veränderungen und Anpassungen. Es erinnert dahingehend auch an die subjektinterne Konfrontation von Tradition oder Vergangenheit und Zukunft. Norbert Bolz beschrieb es als »Orientierungsdefizit«, das auf ein »Auseinanderbrechen von Herkunft und Zukunft« zurückzuführen ist und in seiner Auflösung ›permanente Entscheidungen‹ erzwingt.634 Wahlen zwischen Tradition und Zukunft (oder besser: Orientierungsversuche) geschehen auf Grundlage von Selektionen aus dem kulturellen, sozialen, historischen oder anderen Archiven, auf die das Subjekt Zugriff besitzt. Diese Modulation benennt Reckwitz als Hybridisierung beziehungsweise Hybridität. Diese »bezeichnet dabei die – nicht exzeptionelle, sondern verbreitete, ja regelmäßige – Kopplung und Kombination unterschiedlicher Codes verschiedener kultureller Herkunft in einer Ordnung des Subjekts. Die Hybridität kultureller Muster macht eine Subjektform zumindest potentiell immanent widersprüchlich und implantiert in ihr präzise bestimmbare Bruchlinien. Dass das Subjekt nicht homogen, sondern hybride strukturiert ist, haben manche Interpreten als Kennzeichen einer spezifisch ›postmodernen‹ Identität ausgemacht; tatsächlich erweisen sich jedoch alle modernen Subjektformen von Anfang an als hybride arrangiert. Für jede der drei großen Subjektord- 631 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 15. 632 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 17. 633 Vgl. Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 18. 634 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 19. 438 nungen der Moderne ist dann nicht ein einziges eindeutiges Sinnmuster kennzeichnend, sondern jede erweist sich als eine historisch spezifische, kulturelle Überlagerungskonstellation, in der bestimmte Subjektcodes hybride aneinander gekoppelt sind: [...] Das bürgerliche Subjekt, das Angestelltensubjekt und das postmoderne Subjekt sind somit allesamt latent widersprüchliche Gebilde. Diese immanenten Heterogenitäten und Fissuren machen die modernen Subjektformen instabil und lassen sie potentiell als mangelhaft erlebbar werden: die Muster gelungener Subjekthaftigkeit enthalten damit sogleich spezifische Muster des Scheiterns der Identität.«635 Ein solch immanent widersprüchliches und hybrides Subjekt ist zur permanenten Anpassung an die Umwelt gezwungen. Exemplarisch sei daher an dieser Stelle auf eine Episode aus Niemand anderes aus dem Jahr 1987 verwiesen, in der eine Frau geschildert wird, die bereits als junges Mädchen aufgrund äußerer Umstände aus der Gesellschaft gedrängt wird und diese Verdrängung mit Schweigen beantwortet. Strauß beschreibt sie als kontaktscheue Person, die die Umstände akzeptiert und für sich gangbar macht: »Menschliche Gesellschaft an sich, dies herumlaufende, beeilte, lose Gewese, ist ihr [...] zu einem entfernten Gegenüber geworden, zu etwas, mit dem sie selbst nichts mehr zu tun hat, außer ihr zu trotzen« (NA 108). Die Frau nährt im seltenen Kontakt zu neugierigen Menschen »ihre Feindschaft gegen jedermann« (NA 109), inszeniert sich »für niemand zu sprechen, für niemand berührbar« (NA 110) in einer Öffentlichkeit, ohne mit dieser interagieren zu wollen. So steht sie stumm am Rande eines Bahnhofes, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, unnahbar und unantastbar für alle. Ihre Anpassungsstrategien bestehen aus Ablehnung und Anschlussverweigerung an die Gesellschaft. Was im ersten Moment paradox klingt, erschließt sich, wenn das geschilderte Verhältnis zur Gesellschaft als Differenz betrachtet wird, bei der die andere Seite, in diesem Fall die Gesellschaft, trotz Ablehnung mitgedacht werden muss. Obwohl die Entfremdung gewollt ist, zeugt sie doch von einer sehr tiefen Einsamkeit. Die Konsequenzen aus ihren frühen und gegenwärtigen Erlebnissen sind im weitesten Sinne als Kontaktspuren in der Psyche zu betrachten. Die Umwelt nimmt diese inneren Zustände nicht wahr und akzeptiert die vorgebliche Autonomie der Frau, die im Kern jedoch an der Gesellschaft ge- 635 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 19. 439 scheitert ist. Die Charakteristik der von Strauß geschilderten literarischen Figur verdeutlicht den gesellschaftlichen Druck, reibungslos funktionieren zu müssen. In der Gegenwart wird dieser von den modernen Sicherungssystemen, die körperliche Versehrtheit verhindern, abgefedert; auf der Innenseite der Figur oszillieren Erinnerungsfragmente, Gegenwartsabscheu und Zukunftsbilder in schneller Abfolge, ihre internen Friktionen und Fissuren bleiben von außen unsichtbar. In Handlungsweisen umkodiert macht ihr Verhalten sie zu einer »noch weitere[n] Außenseiterin, die Fremde jenseits aller Fremden« (NA 110). In den zuvor besprochenen Überlegungen stützt sich Reckwitz in Teilen auch auf Anthony Giddens’ Untersuchung zu den Konsequenzen der Moderne, die über weite Strecken ebenfalls eine Beschreibung der Konsequenzen der Globalisierung liefert. Doch wie sieht dieser Hintergrund aus? Giddens fordert einen erweiterten Blick auf Institutionen, da diese die übergeordneten gesellschaftlichen Triebkräfte sind und außerhalb der privaten Subjektsphäre agieren: »Um das Wesen der Moderne angemessen zu begreifen, müssen wir [...] das außerordentlich Dynamische und die zum Globalen tendierende Reichweite der modernen Institutionen analysieren und erklären, in welcher Weise zwischen ihnen und traditionalen Kulturen Diskontinuitäten bestehen. [...] Welches sind die Quellen des dynamischen Wesens der Moderne?«636 Giddens schlägt vor, die Brüche und Diskontinuitäten näher zu untersuchen; sein Ziel ist es dabei, die Gründe für das disembedding, das heißt die Entbettung oder die Herauslösung »sozialer Beziehungen aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen und ihre unbegrenzte Raum-Zeit- Spannen übergreifende Umstrukturierung«637, festzustellen. Er arbeitet heraus, dass das moderne Subjekt schrittweise aus alten Kontexten verdrängt wird, während sich neue Kontexte bilden. Dieser Prozess führt wiederum zu jener Hybridisierung des Subjekts, für die Reckwitz argumentiert. Zu diesen Kontexten gehören unter anderem eine »Trennung von Raum und Zeit«638 und eine »reflexive Ordnung und Umordnung gesellschaftlicher Beziehungen«639. Die genannte Frau erlebt eine solche Entbettung aus den ihr bekannten Daseinsbedingungen. Vergleichbar ist die Ein- 636 Anthony Giddens: Die Konsequenzen der Moderne. S. 27. 637 Anthony Giddens: Die Konsequenzen der Moderne. S. 33. 638 Anthony Giddens: Die Konsequenzen der Moderne. S. 28. 639 Anthony Giddens: Die Konsequenzen der Moderne. S. 28. 440 gangsszene in Strauß’ Wohnen Dämmern Lügen (1994), in der ein Mann in einem Bahnhof auf einen Zug wartet, ohne genau zu wissen, welcher dieser ist, so wartet er »und hört über die Stunden einige Züge vorbeifahren, ohne in der Überzeugung nachzulassen, daß sein Zug noch kommen und anhalten werde. Denn es ist schwer, vielleicht unmöglich, in einem Wartesaal einzukehren, um seine erschöpften Beine auszuruhen, und gegen den Raumsinn zu empfinden, daß hier kein Warten mehr belohnt wird.« (WDL 8) Das Ausgrenzungs- beziehungsweise Entbettungsmoment wird durch die textinterne Erkenntnis des ›nicht mehrs‹ noch spürbarer: Warten wird nicht mehr belohnt. Es zählen nicht mehr Beharrlichkeit und Ausdauer, sondern allein die Anpassung an die beschleunigten und feindlichen Verhältnisse. Dass gleich in der ersten Episode ein Bahnhof zum Handlungsort wird, ist nicht zufällig. Der Titel des Prosabandes stellt, wie im vorherigen Kapitel erwähnt wird, einen unmittelbaren Bezug zu Martin Heideggers Aufsatz »Bauen Wohnen Denken« her, in dem gleich zu Beginn der Frage nachgegangen wird, welches Verhältnis zwischen Bau(t)en und Wohnen besteht. Dass Strauß seinen Text thematisch ähnlich einleitet, verstärkt den Eindruck eines Multiebenenspiels. Bei Heidegger heißt es: »Indessen sind nicht alle Bauten auch Wohnungen. Brücke und Flughalle, Stadion und Kraftwerk sind Bauten, aber keine Wohnungen; Bahnhof und Autobahn, Staudamm und Markthalle sind Bauten, aber keine Wohnungen. Dennoch stehen die genannten Bauten im Bereich unseres Wohnens. [...] Die genannten Bauten behausen den Menschen. Er bewohnt sie und wohnt gleichwohl nicht in ihnen, wenn Wohnen nur heißt, daß wir eine Unterkunft innehaben.«640 Diese Überlegungen sind für die Untersuchung des Subjekts (und nicht nur für das literarische Subjekt bei Strauß) dahingehend von Bedeutung, dass sie die räumlichen Veränderungen der unmittelbaren Nahumgebung in einen philosophischen oder soziologischen Erkenntnisprozess einweben. Anders gewendet: Das Globale ist an das Lokale gebunden, wie also verändert sich die Nahwelt, wenn die globale Umwelt sich verändert? Der architektonische Fortschritt der Moderne schafft erstmals verlässliche Ver- 640 Martin Heidegger: »Bauen Wohnen Denken«. S. 147. 441 sorgungsinstitutionen und Transiträume, die Heidegger zugleich als Zwischensphären interpretiert. Die mehrfache Anspielung auf Bahnhöfe bei Strauß (und in Vom Aufenthalt oder Mikado zudem auch Flughäfen) lässt zudem an Michel Foucaults Folgeüberlegungen zu Transiträumen denken, in denen die Zwischensphären als Heterotopien charakterisiert werden. Vor allem der dritte, vierte und fünfte Grundsatz aus Foucaults Überlegungen sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich: »Die Heterotopie vermag an einen einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Plazierungen zusammenzulegen, die an sich unvereinbar sind.«641 »Die Heterotopien sind häufig an Zeitschnitte gebunden, d.h. an etwas, was man symmetrischerweise Heterochronien nennen könnte. Die Heterotopie erreicht ihr volles Funktionieren, wenn die Menschen mit ihrer herkömmlichen Zeit brechen.«642 »Die Heteroropien setzen immer ein System von Öffnungen und Schlie- ßungen voraus, das sie gleichzeitig isoliert und durchdringlich macht.«643 Strauß vermischt Heideggers und Foucaults Blickrichtungen. Die Eingangsszene von Wohnen Dämmern Lügen und die Frau am Bahnhof in Niemand anderes verdeutlichen die Dehnung der Raum-Zeit-Erfahrung bei gleichzeitiger Exklusion aus dem normalzeitlichen Gefüge, da die geschilderten Figuren bewusst das Warten überdehnen; der von Strauß verwendete Begriff »Raumsinn« fungiert hier auch als heterotope Metapher für den angestrengten Kontakt zur Außenwelt. Der Bahnhof ist im Sinne Heideggers ein Aufenthaltsort, keine Wohnung, und gleichzeitig potentieller Startpunkt für eine Weiterfahrt, wird jedoch von beiden Figuren als Endpunkt wahrgenommen. Sie sehen nicht mehr die Verlassensoption und brechen in der Folge mit ihrer Zeit. Beide sind in ihren Ausformungen konträr zu jener Figur, wie sie in der Miniatur »Minutio« in Mikado (MIK 71-80) und kurz darauf in längerer Form in Vom Aufenthalt charakterisiert wird und die in einem vergleichbaren setting zum Warten gezwungen ist und jedwede Freiwilligkeit eingebüßt hat: 641 Michel Foucault: »Andere Räume«. S. 42. 642 Michel Foucault: »Andere Räume«. S. 43. 643 Michel Foucault: »Andere Räume«. S. 44. 442 »Ein Mann, der nach vielen Jahren in der Fremde endlich seine Heimreise antritt, muß drei oder vier Stationen vor dem Ziel den Zug verlassen, da sein Land nach einem Putsch über Nacht sämtliche Grenzen schloß und jedermann die Einreise verweigert. Er überläßt sich einem unfreiwilligen Aufenthalt im Bahnhof einer kleinen Grenzstadt, die er nicht besuchen wollte. Die Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Diese verbringt er im Wartesaal zusammen mit einigen, nicht sehr vielen Mitreisenden, die das gleiche Ziel haben wie er, vielleicht aus seinem Geburtsort stammen, aber allesamt zu jung sind, als daß ihm noch ein Gesicht bekannt vorkäme, aus alter Verwandtschaft erinnerlich. Das ist dann der Aufenthalt, er könnte länger dauern. Die Stunde des Aufgehaltenen kann sich endlos hinziehen. Gäbe es Zeit- Moleküle, so schwirrten sie in dieser Phase chaotisch durcheinander, und keine Richtung wäre mehr zu bestimmen. Ich verweile, ich halte mich auf, ich zögere. Alle Bedingungen der reinen Tatenlosigkeit scheinen erfüllt.« (VA 5) Raum und Zeit verlieren in den beschriebenen Szenen ihre traditionelle Bedeutung. Anders gewendet verlagert Strauß seinen Fokus zwischen den Veröffentlichungen der drei Texte – 1987, 1994 und 2009 – von Selbstbestimmung zu stumm ertragener Duldung der Situation, das heißt der Existenz in der Zwischensphäre. Auf diese Weise re-aktualisiert er ebenfalls die von Giddens aufgezeigte kulturelle Diskontinuität, bei der das Subjekt in der zeitlichen Dehnung des unbestimmten Wartens einen Teil seiner Autonomie verliert. Heideggers und Foucaults theoretische Betrachtungen zu transitorischen Zwischenräumen ergänzen die literarischen Verarbeitungen der Konsequenzen der Globalisierung. Zu betonen ist, dass es sich um einen schleichenden gesellschaftlichen Prozess der (globalen) Entbettung und (individuellen) Entfremdung handelt, der durch die Zusammenführung der wiederkehrenden Motive – zum Beispiel Enträumlichung sowie Zerrisenheitsgefühle – in den literarischen Texten erkennbar wird. In diesen Kontext lassen sich darüber hinaus Betrachtungen zur Wohnungslosigkeit stellen. Andrea Maria Dederichs thematisiert diese als Angriff auf die persönliche Autonomie, ohne explizit darauf hinzuweisen, dass dieses Themenfeld so drastisch wie kein anderes geeignet ist, die Konsequenzen von Ausgrenzung zu verdeutlichen. Bei Strauß ist die Wohnung Schutzmantel und Rückzugsort zugleich. Schroubek erlebt es in der Widmung, Lotte in Groß und klein als umhertreibende Figur ebenso. Es zeigt sich, dass die Topoi ›wohnen‹ oder ›sich aufhalten‹ in Wohnen, Dämmern, Lügen oder 443 Vom Aufenthalt durch die mit ihnen verbundene Diskontinuität und Ausgrenzung ganze Bände bestimmen können. Ohne den Schutz der Behausung ist das Individuum schutzlos und auf diese Schutzlosigkeit folgt, wie die angeführten Beispiele demonstrieren, ein passiver Dämmerzustand. Dederichs leitet hieraus analog eine Veränderung ab, die sich als »ein Unbehagen der Menschen in ihren eigenen Körpern«644 manifestiert und führt weiter aus: »Nicht nur die Innenhäute, auch die Außenhäute sind bedrohlich dünn und porös geworden. Die Suche nach Zweit- und Dritthäuten wird zur Obsession für Menschen, die in den üblichen Identitätsagenturen und Rollenkonstellationen keinen Platz finden.«645 Es geht mit anderen Worten erneut um die Erschaffung von Rückzugsund Schutzräumen. Lotte und Schroubek verbindet zudem, dass beide jüngst eine Trennung durchlebt haben, jedoch mit dem Unterschied, dass Schroubek sich nach innen zurückzieht, während Lotte (vergeblich!) »mit allen Mitteln Kontakte zu ihrer Umwelt herzustellen [versucht]«646. Im Sinne Flussers sind sie ›heimatlos gewordene Menschen‹647. Die Figuren sind sich in der Isolation, in der Welt und in ihrer Umgebung fremd. Die zu beobachtenden Auflösungstendenzen im Inneren der Figuren verstärken sich in der Art, dass die Strukturen und Konturen ihrer Innenwelten nach denselben Mechanismen angegriffen werden, die auch die Außenwelt ver- ändern. So kann beispielsweise Richard Schroubek in der Erzählung Die Widmung am Ende weder zu seiner Geliebten Hannah noch zu seinem ursprünglichen Selbst zurückfinden, nachdem mündliche und schriftliche Interaktionsversuche mit der Außenwelt erfolglos verlaufen. Dieses ambivalente Verhältnis von Verlust und versuchter Wiederanknüpfung kann hier exemplarisch als Reaktions- oder drastischer als Verteidigungsmechanismus gesehen werden und dient als Beispiel für das Beziehungsfeld von innerer und äußerer Auflösung innerhalb von Strauß’ Globalisierungskonzeption. Die später in »Die Erde – ein Kopf« beschriebene Indifferenz wird in Die Widmung vorweggenommen. Aus leicht abgewandelter Perspek- 644 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 310. 645 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 310. 646 Helga Arend: Mythischer Realismus: Botho Strauß’ Werk von 1963 bis 1994. S. 247. 647 Vgl. Vilém Flusser: »Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit« sowie Rolf Kaluweit: »Postmodern Nomadism and the Beginnings of Global Village«. 444 tive könnte es daher heißen ›Was ist Glashaus, was ist Welt? Was innen, was außen? [...] Nicht mehr zu unterscheiden. Sie fühlen den Kopf und den Körper Globus werden, die Erde schickt sich an, ein einziger Kopf zu werden‹648. Helga Arend resümiert die in den beiden Texten dargestellten Weltenverhältnisse als ambivalente Schilderungen des gleichen Zustands: »Suchte Schroubek Sinn und seine Identität im absoluten Rückzug auf sich selbst, so probiert Lotte genau das Gegenteil, indem sie ihre Identität durch andere zu finden sucht. Beide verlieren sich selbst und ihre Außenwelt. Es gibt keine Erkenntnis der Welt und keine Möglichkeit, auf diesen Wegen Identität herzustellen.«649 Arend interpretiert (entsprechend ihrer Fokussierung auf Mythen) die Figur der Lotte auch als eine Heilssucherin, die sich der Religion zuwendet und so neuen Halt gewinnt, und betont, dass »Strauß eindeutig religiöse Sinnstiftungsinstanzen erörtert«650. Groß und klein weist jedoch mehr als religiöse Motive auf und der Text vermittelt ebenso das Bild einer überbeanspruchten Gesellschaft, in der Lotte nicht die einzige Sinnsucherin ist, jedoch die einzige Figur, die sich der Religion zuwendet. Trotz der individuellen Sichtweisen der Figuren auf ihre Umwelt vermitteln sie ein gemeinsames Schicksal, das sich unter anderem in Haltlosigkeit manifestiert. Im Rückblick betrachtet setzt dieser Prozess früh ein und die im vorherigen Kapitel bereits kurz angesprochene »Radikalisierung der Moderne«651 betrifft insbesondere ihre Subjekte. Das Tempo des Veränderungsprozesses zieht demnach stark an und Strauß attestiert in seiner Prosa, hier in Das Partikular (2000), dass es einen Übergang von »trockene[n] und düstere[n]« hin zu ›wesensfremden, munteren und glitschigen‹ (vgl. PAR 109) Menschen gibt. Er schildert den Geschwindigkeitszuwachs als wachsenden Egoismus: »Wer was werden will, dreht auf und begibt sich auf die Überholspur. Wer’s hinter sich hat, wer auf dem Randstreifen hängt, sieht das natürlich etwas genervter« (PAR 109). Zuweilen scheint es, als seien die Sichtweisen von Soziologen und Literaturarbeitern, das heißt Literaten und Literaturwissenschaftlern, nicht vereinbar. Doch der Schein kann trügen, wie sich durch Dederichs Aussage begründen lässt: 648 Vgl. »Die Erde – ein Kopf« für den genauen Wortlaut (ERD 25). 649 Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 66. 650 Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 68. 651 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 71. 445 »Die seismographischen Fähigkeiten von Botho Strauß verändern sich in den jüngeren Werken: Sie wirken anklagend, der thematische Diskurs schärfer. Vermutlich ist dies mit dieser Gesellschaft auch nicht anders machbar: Eine rückwärts gewandte Gesellschaft bekommt den Autor, den sie verdient […]. Auffällig sind die vielen Begrifflichkeiten, mit denen Strauß nun menschlichen Geist und Willen einfängt. Auf einmal tauchen die Topoi der postmodernen und szientistischen Neuen Welt auf: Code, System, Schöpfung und Tod. Nun ist alles lediglich und letztlich eine Frage der Körperlichkeit und der Prägung. [...] Der Mensch sei nun entschlüsselt, so sollen wir glauben, und Botho Strauß gewährt uns ob dieses Abschiedes von der Welt einen Einblick in seine innere Welt.«652 Dederichs registriert ebenfalls einen Geschwindigkeitszuwachs und die Verschärfung in den Texten. Strauß re-etabliert in der diagnostizierten Gemengelage, wie ein Nahblick auf die jüngsten Texte zeigt, auch die phantastischen Elemente in seiner Literatur. Die beschriebene Exklusion der Verdrängten in der ›radikalisierten Moderne‹ klingt auch im Dialog der Figuren Insa und Lissie aus dem Stück Die eine und die andere, das 2005 uraufgeführt wurde, an. Im Museum betrachten sie die ausgestellten Exponate einer Zukunftsausstellung und sind sich in der Deutung der ausgestellten Einblicke in die Zukunft und der damit prognostizierten Welt uneins. Die Figur Lissie entdeckt in den Exponaten »[e]ine fremde Welt« (EUA 224) und führt fort: »Alles, was sich früher Zukunft nannte. Aufgegeben, vergessen, versunken wie Atlantis. Ich finde es ungeheuer aufregend, schockierend, grandios« (EUA 224). Die Figur Insa hingegen vertritt eine zur Gegenwartszeit synchrone Zeitsicht: »Du sprichst immer von Zukunft, als läge sie seit Jahrtausenden hinter uns. Ich seh hier nur Pläne und Projekte, lauter Zeug, das uns bevorsteht« (EUA 224). Das Spiel mit Zukunft und Gegenwart löst die Linearzeit auf; ein derartiges Erzählverfahren findet sich immer wieder bei Strauß, der an dieser Stelle Lissie erkennen lässt, dass »[a]lle Visionen« zugleich »Erinnerungen« (EUA 224) sind. Die Epochenschwelle, von der Strauß wiederholt spricht, wird im Stück zwar wahrgenommen, allerdings nur noch sehr undeutlich verbalisiert, als sei sie mittlerweile obsolet: »Aber es heißt doch, wir stünden an der Schwelle des … na, wie heißt es? … an der Schwelle des Hmhmhm-Zeitalters […]. Wir stehen an der 652 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 307f. 446 Schwelle zum … hilf mir doch! Modern, nicht modern, post, nicht post … Der Mensch an sich wird sich nicht wiedererkennen.« (EUA 225) Die Benennung wie Wahrnehmung ist gleichermaßen diffus, gehörte Versatzstücke und Halbwissen gepaart mit Existenzphilosophie kennzeichnen das Gespräch und es scheint so, als wären sie an einem Punkt der unauflösbaren Indifferenz angekommen. Diese Entwicklung deckt sich mit jenen Veränderungen in der außerliterarischen Welt, die Strauß in den Dialog einfließen lässt. Dem Begriff der Postmoderne und seiner Problematisierung im vorherigen Kapitel ist ein weiterer Aspekt hinzuzufügen, der für die Zielsetzung dieses Kapitels, die literarisch beschriebenen Auswirkungen der Globalisierung auf den Menschen herauszuarbeiten, von Bedeutung ist.653 Unabhängig von der Bezeichnung der Gegenwart als moderne, spätmoderne, postmoderne, radikalisiert moderne oder hyperkomplexe Gesellschaft lässt sich feststellen, dass die Veränderungsprozesse, welche die Gegenwart prägen, sehr konkrete Auswirkungen auf den Menschen bedingen. Rolf Eickelpasch und Claudia Rademacher urteilen über einige der Konsequenzfaktoren, hierunter ›soziale Erosion‹, am Beginn ihrer Untersuchung über den Begriff der Identität: »Seit den 1960er Jahren werden durch gesellschaftliche Prozesse der Differenzierung, Individualisierung und Pluralisierung, die vor allem mit zeitdiagnostischen Etiketten wie ›Postmoderne‹, ›Zweite Moderne‹, ›Spätmoderne‹ oder auch ›Risikogesellschaft‹ angesprochen sind, traditionelle Formen der Vergemeinschaftung und ›sozial-moralische Milieus‹ kontinuierlich weggeschmolzen.«654 Diese Entwicklung findet sich parallel in der Werkentwicklung von Strauß aufgegriffen. Die Soziologie fasst es unter den Stichworten erhöhter Flexibilität und Mobilität zusammen. Das moderne Subjekt muss dynamischer sein – oder es ist, so die Interpretation bei Strauß – gehetzter. »Die Erosion stabiler sozialer Zusammenhänge und identitätsverbürgender Lebensformen hat tiefgreifende Konsequenzen für die ›Innenseite‹ des 653 Sofern diese Diskussion vor dem Übergang in die nächste und als solche klar erkannte Gesellschaftsform und vor der finalen Diskussion über künstlerische Strömungen und Konzepte überhaupt zu einem Beschreibungs- und Auffassungs-Konsens führen kann. 654 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 6f. 447 Subjekts, d.h. für die individuelle Lebensführung und die Identitätsbildung der Menschen. Biografien werden im Zuge der fortschreitenden Differenzierung, Pluralisierung und Enttraditionalisierung sozialer Verhältnisse aus traditionalen Vorgaben ›entbettet‹ und dadurch als Aufgabe in das Handeln jedes Einzelnen gelegt. Der Einzelne wird im Zuge gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse selbst zum Handlungszentrum, zum ›Planungsbüro in bezug auf seinen eigenen Lebenslauf‹.«655 Vor allem die Begriffe Individualisierung und Pluralisierung scheinen sich auf den ersten Blick auszuschließen, dennoch stehen sie in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Dies verstanden im Sinne einer Reaktionsverbindung, in der ein Element auf das andere reagiert, zumeist in Form einer Abweisung und Gegenentwicklung. Wie die Autoren feststellen, erodiert das Subjekt dabei auf der Innenseite. Es wird zu einer permanenten Reaktion auf und in der Folge einer Anpassung an die gesellschaftlichen Veränderungen gezwungen, weil »kulturell vordefiniert[e] Identitätsmuster« wegbrechen und das »Individuum […] in der Spätmoderne zum Baumeister seines eigenen Selbst« wird und sich »aus sozial verfügbaren Lebensstilen und Identitätsangeboten – vorwiegend vermittelt über Mode, Medien und Populärkultur – seine eigene ›Wahlbiografie‹ und sein ganz persönliches ›Existenzdesign‹ zusammenstellt«656. Die Außendarstellung und Selbstvermarktung treten – neben dem »Orientierungsdefizit« (Bolz) und der »Hybridisierung« (Reckwitz) – als beinahe obligatorische Eigenschaften des Subjekts in den Vordergrund. In einer sich selbst entgrenzenden Phase, in der Außen- wie Innenwelten einer stetigen Veränderung unterworfen sind, muss das Subjekt sich neu orientieren und neu positionieren. Und es handelt sich dabei um gesellschaftliche Restrukturierungen, die maßgeblich von der Globalisierung vorangetrieben werden. Unterschiedliche Bereiche weisen Merkmale der Umwandlung auf, zum Beispiel die Suche des Subjekts nach einer Rolle im Berührungsfeld mit anderen oder nach gesellschaftlichem Status. Die Anpassungsvorgänge in der sozialen Umwelt, die sich hieraus ergeben, projiziert Strauß in die Literatur und macht sie dort für die ästhetische Verarbeitung gangbar. So wie B aus Das blinde Geschehen sich mit höchst variablen Persönlichkeitsmerkmalen in verschiedene soziale Kontexte integriert, passt sich ein an Zarathustra erinnernder Eremit in Mikado an imaginäre Menschen an und kontert die Vereinzelungsstrategien: 655 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 6f. 656 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 7. 448 »Nein. Ich habe niemanden gesehen und nichts gelesen. [...] Ein Taubenschlag! Menschen! Menschen! Welch ein geselliges Gelächter erschütterte meine Lippen! Mit den Klugen war ich klug, mit den Verspielten verspielt; mit den Verwaltern verwaltete ich, mit den Säumenden war ich säumig. Ein Mitmensch in vollen Zügen ... Menschen! Menschen! Ich war verurteilt, mich hindurchzufinden. Ich war verurteilt, erst ein Komiker zu werden, dann ein Potentat. Ich mußte sie ja irgendwie unterhalten, dann für sie aufkommen.« (MIK 45f.) Bestandteil der Strauß’schen Poetologie ist, dass die einmal gefundene Rolle gefunden weitergespielt wird, weil sie Stabilität verspricht. Ein anderer Bereich betrifft die Neuverhandlung etablierter Begriffe. In der Beschäftigung mit verschiedenen Begriffsvariationen der Postmoderne oder radikalisierten Moderne kristallisieren sich einige Faktoren heraus, die die Veränderungen und divergenten Blicke auf den jeweiligen Zustand des Subjekts näher beschreiben. Giddens geht es beispielsweise in seiner Darstellung vor allem um die Abgrenzung zur von ihm kritisch betrachteten Postmoderne; dennoch ist ein wertfreier Blick auf die Merkmale beider Strömungen wichtig, denn in beiden finden sich Ansätze, die für die Erschließung der Texte von Botho Strauß herangezogen werden können. Doch welche der Merkmale sind nun synthetisier- beziehungsweise anwendbar, wenn es um die Konsequenzen der Globalisierung geht? In der Postmoderne finden – in Ergänzung zu den zuvor angeführten Erklärungen – Übergangsprozesse statt, die eine Vielzahl bisheriger menschlicher Erkenntnisse (z)ersetzen oder widerlegen; »im Brennpunkt stehen die zentrifugalen Tendenzen der derzeitigen sozialen Umgestaltungen und das ihnen innewohnende Dislozierungsmoment«, zusätzlich wird »das Selbst [...] durch die Fragmentierung der Erfahrung zersetzt oder in seine Bestandteile aufgelöst«, wie Giddens formuliert.657 Auch »Wahrheitsansprüche« werden kontextualisiert und sind folglich immer als Teil unzähliger Relationen einzuordnen. Das Subjekt empfindet eine ›Ohnmacht angesichts der Globalisierungstendenzen‹, auch findet eine »›Entleerung‹ des tagtäglichen Lebens« statt, die »ein Ergebnis des Eindringens abstrakter Systeme« ist. »Kontextualität und Zersplitterung« bestimmen das Agieren des Subjekts, ähnlich steht die Postmoderne für »das Ende der Epistemologie/des Individuums/der Ethik«. Soweit die Merkmale der Postmoderne, wie Giddens sie 657 Alle Zitate und Paraphrasen in diesem Absatz beziehen sich auf: Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 186. 449 in seiner Untersuchung wiedergibt. Das Subjekt ist also am intensivsten von Dislozierung, Fragmentierung, Relationsbindungen, Entleerung und Auflösung durch die Globalisierung betroffen. Giddens positioniert die radikalisierte Moderne, die sich den Institutionen zuwendet und gewissermaßen eine Außenperspektive einnimmt, dem Subjekt gegenüber. Sie bricht die »Aufsplitterung« herunter auf dialektische und in diesem Sinne auch binäre Einheiten hin zur »globale[n] Integration« und sie lädt das Subjekt auf: es wird »mehr als bloß ein Ort sich schneidender Kräfte«, dies bedeutet reduziert ausgedrückt: »aktive Prozesse der reflexiven Selbstidentität werden durch die Moderne ermöglicht«. Giddens’ Fazit seiner Gegenüberstellung lautet dementsprechend auch: »[D]ie Postmoderne ist nichts anderes als mögliche Umgestaltungsprozesse, die über die Institutionen der Moderne ›hinausgehen‹«. Verstanden werden soll dieser Prozess als Wegbereiter für die ›radikalisierte Moderne‹, die zugleich eine kämpferische Phase ist, denn Subjekte versuchen in ihr – und haben überhaupt erst die Möglichkeit hierfür! – sich an die Veränderungen der Globalisierung anzupassen. Sie bekommen nun Macht und können – zumindest theoretisch – die systemische Entwicklung beeinflussen. Das dialektische Erleben der eigenen Situation ist der Globalisierung geschuldet.658 Giddens sieht in leicht abweichender Ausformung jene Phänomene, das heißt »Problem[e] globaler Art« durchscheinen, die Ulrich Beck später als Weltrisikogesellschaft oder reflexive Moderne beschreibt. »Ohnmacht und Machtverleihung« werden, wie Giddens resümiert, in ihrer Widersprüchlichkeit zu zentralen Kategorien. Die radikalisierte Moderne löst zugleich die Unterscheidung von lokal und global auf, vor allem im Bereich des Politischen, und schafft den Hybridbegriff ›glokal‹, welcher eben auch einen gewissen Widerspruch in sich birgt. Globalisierung als Katalysator einer Weltgesellschaft trifft auf die Hervorhebung des Lokalen: »In diesem Sinne kann man von Paradoxien ›glokaler‹ Kulturen sprechen«659. Globale Ereignisse, die ungewollt Orte verbinden, und Menschen, die gewollt Kommunikation initiieren, stehen in einem Verhältnis, das sich aus sich aufeinander beziehende Knotenpunkten ableitet. Die Existenz dieser glokalen Kulturen verdeutlicht die Dialektik der Globalisierung, denn »Globalisierung erzeugt (erzwingt) Bindungen«660 und gleichzeitig »fragmentiert«661 sie auch durch 658 Der oben thematisierte Austausch über die »Schwelle des Hmhmhm Zeitalters« (EUA 225) der Figuren Insa und Lissie exemplifiziert die Orientierungslosigkeit aufgrund der Spreizung und Umgestaltung. 659 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 91. 660 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 92. 450 Dezentralisierung, Neuverortung und Neuausrichtung des Bezugsrahmens innerhalb aller Ebenen und Akteure.662 Derartige Ausrichtungsprozesse verlaufen nicht ohne Konflikte, da sie tradierte Verhältnisse zu ändern versuchen. Diese Konflikte sind als Konfrontationen zwischen zwei Gruppierungen zu verstehen: Denen, die Globalisierung gestalten können, und jenen, denen Globalisierung widerfährt.663 Systemtheoretisch betrachtet beschreibt die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion, die sich aus diesem Sachverhalt ableitet, eine »gesellschaftsintern[e] Differenz«,664 die historischen Veränderungen unterliegt und daher »als bewegliche Muster«665 anzusehen sind. Globalisierung ist omnipräsent und penetriert Systemgrenzen dahingehend, dass Globalisierung eine Operation im Sinne von funktionaler Ausdifferenzierung wird und in Globalität mündet. Dies wirft die Folgefrage auf, ob nun von einer Unterscheidung globalisiert/nichtglobalisiert gesprochen werden kann oder ob allein das Erkennen von Glokalität als hybriden Zustand die Schärfung des Blickes ermöglicht? Zu untersuchen ist auch, ob hierdurch die Fähigkeit erlangt wird, erneute Unterscheidungen oder lediglich Definitionen treffen zu können. Ulrich Beck verweist auf die Untrennbarkeit der Außenpunkte: »Wir alle leben glokal. […] Wir befinden uns plötzlich in einer Lage, die genau das Gegenteil zum allgemeinen Verhalten werden läßt: Die Gegens- ätze und Widersprüche der Kontinente, Kulturen, Religionen – Dritte und Erste Welt, Ozonloch und Rinderwahnsinn, Rentenreform und Parteienverdrossenheit – finden im unabschließbar gewordenen eigenen Leben statt. Das Globale lauert und droht nicht als das Große Ganze draußen – es nistet und lärmt im ureigenen Raum des ureigenen Lebens. Mehr noch: Es macht einen guten Teil der Eigenheit, Eigenart des eigenen Lebens aus. Das eigene Leben ist der Ort des Glokalen.«666 661 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 93. 662 Vgl. Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 93. 663 Globusumspannende soziale Gerechtigkeit als vorrangiges Ziel von Gesellschaftsentwicklung mag als Utopie erscheinen, doch zeigt ein Blick auf historische Phasen der Gesellschaftsentwicklung, dass sich im Zuge der Ausdifferenzierung von vormodernen zu modernen Gesellschaften die Tragweite von Zugehörigkeit oder nicht-Zugehörigkeit, das heißt gesellschaftlicher Inklusion und Exklusion, stark verändert hat (vgl. Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 94). 664 Niklas Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 259. 665 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 96. 666 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 129. 451 In Verlängerung dieser Sicht muss dann auch die Globalität »multidimensional, polyzentrisch, kontingent, politisch begriffen werden«667. Der Austausch über die Gesellschaftsgrenzen hinweg ist möglich und wird praktiziert, jedoch entsteht hieraus nicht per se die Weltgesellschaft, denn, wie Luhmann in seinen frühen Überlegungen zu diesem Themenfeld illustriert, impliziert weltweite Kommunikation nicht das Entstehen einer Weltgesellschaft.668 Auf den Gegenstand der Literatur bezogen schafft die vielschichtige Gemengelage eine Ausgangssituation, mit der unterschiedliche und weit verstreute Aspekte gebündelt oder neu kombiniert werden können. Vielleicht formuliert Botho Strauß auch aufgrund dieser großen Umbrüche den folgenden Gedanken: »Der Mensch an sich wird sich nicht wiedererkennen« (EUA 225)«. Gemeint ist damit, dass Selbstwahrnehmung und die Machtempfindungen im Kontext der genannten anderen Kategorien beziehungsweise Merkmale zum Entstehen »eine[s] aktiven Komplex[es] von Reaktionen auf abstrakte Systeme« beitragen. In den bisherigen Analysen wurden die Merkmale der Entbettung und Dislozierung bereits angesprochen und sie vermitteln bisweilen den sphärischen Aufbau in Strauß’ Werk, in dem Text- und Themenflächen Phänomene und Aspekte der Globalisierung aufgreifen, beleuchten und diskutieren. Konkrete und globalisierungstheoretische Betrachtungen und freie, dialektische, forsche und erforschende narrative Drift wechseln sich ab. Die Elemente der Globalisierung, wie sie die hier besprochenen Theoretiker anführen, treten ebenfalls in die literarischen Subjekte ein und verändern diese. Seien es, wie zuvor von Eickelpasch und Rademacher ausgeführt, der Geschwindigkeitszuwachs, »die Erosion stabiler sozialer Zusammenhänge«, ›die Auflösung vordefinierter Identitätsmuster‹, der Angriff auf die »Innenseite des Subjekts« oder die durch Verdruss bedingte Exklusion der Figuren aus gesell- 667 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 151. 668 So stellt Niklas Luhmann bereits 1975 fest: »Die Weltgesellschaft konstituiert sich nicht dadurch, daß mehr und mehr Personen trotz räumlicher Entfernung in elementare Kontakte unter Anwesenden treten. Dies ist nur eine Nebenerscheinung der Tatsache, daß in jeder Interaktion ein ›Und so weiter‹ anderer Kontakte der Partner konstituiert wird mit Möglichkeiten, die auf weltweite Verflechtungen hinauslaufen und sie in die Interaktions-Steuerung einbeziehen. Der Umfang, in dem solch ein weltweiter Möglichkeitshorizont konkretes Erleben und Handeln mitfärbt oder gar bestimmt, ist schwer anzugeben. Tatsache ist, daß das Phänomen eines faktisch vereinheitlichten Welthorizontes neu und in einer Phase irreversibler Konsolidierung begriffen ist« (Ders.: »Die Weltgesellschaft«. S. 54). 452 schaftlichen Zusammenhängen.669 In Das Partikular zeichnet Strauß die gesellschaftliche Transformation durch einen Schlagabtausch zweier Philosophen nach, »[j]eder in seiner Ideenlage radikal« (PAR 179). Argumente werden ästhetisch und dialektisch verarbeitet beziehungsweise nachvollzogen. Der ältere, distinguierte Professor äußert einen Standpunkt über die veränderte Welt, von dem aus feste Verläufe prognostiziert werden, die Zeit und Raum gleichermaßen betreffen und deren Ende nicht abzusehen ist: »›Wir bewegen uns mehr und mehr in einer lückenlos vorhersehbaren Welt. Es bleibt uns au fond nur das integrale Vergessen unserer selbst, um noch einmal dem Unvorhergesehenen zu begegnen, und zwar mit der ganzen Kraft und Willensnatur, welcher der Mensch sein Menschsein verdankt. Denn wir gehen richtig, ohne etwas von Richtigkeit zu wissen oder sie innerlich zu spüren. Hätten wir auch alle Gesetze des Seins ermittelt, so doch nie das eine: von der Richtigkeit, in der wir mit Haut und Haaren, mit Denken und Lügen, mit Mord und Liebe restlos aufgehen. Es bleibt uns inne und dort für immer verborgen. Nicht einmal träumen ließe sich von der Richtigkeit, mit der wir träumen, wissen und handeln in einem. Es wird mit uns seine Richtigkeit haben alles in allem. Aber nicht zur einzelnen Stunde, nicht auf befristeter Strecke, sondern nur: alles in allem. Richtigkeit gibt es nur ohne Ende.« (PAR 180) Der Gegenrede des jungen Philosophen geht ein innerer Monolog voraus, der darauf abzielt, den Argumenten keinen »Widerhall« (PAR 181) in Form einer affirmativen Anschlusskommunikation zu geben, denn der Professor bemerkt aus der Sicht des Gegenübers »nun nicht mehr die Verödung seines Standorts, die Auflösung seines Gesichtswinkels, die gänzliche Zurückgebliebenheit seiner Interessen, seiner gesamten hochgezüchteten Interessiertheit – hinter dem Zug der Zeit, die sich auf neuen, ganz anderen Frequenzen verständigt! Da ihm dies nicht einmal schwant, ist dem Bewußtseinsmeister Naivität zu bescheinigen.« (PAR 181) Erneut begegnet man dem Typus des neuen Menschen, als der sich der junge Denker sieht: »Ich bin der neue Mann … ein principium, das noch keinen klaren Namen trägt« (PAR 182). Dieser vollzieht eine Selbstanpas- 669 Vgl. Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 6f. 453 sung an die veränderten Bedingungen. Strauß formuliert – auch als Gegenpol zu den verschiedenen Interpretationen und Anwendungen von Systemen – den Standpunkt dementsprechend radikal-visionär: »Nicht irgendein semantischer flatus selbstbezüglicher Systeme, kein theoretischer oder metaphysischer Entwurf, sondern ein neues Ordnungsorganon, eine Mutation, die Geburt eines sphärischen Instinkts. Ohne daß erkennbar am Organismus des Menschen, am sozialen Körper, an der menschlichen Erscheinungform eine Veränderung stattfände.« (PAR 182) Die Veränderungen geschehen demnach in der Außenwelt und beeinflussen nur die Psyche des Menschen, die biologische Hülle bleibt innerhalb dieser Reflexion unangetastet. Strauß propagiert mit der Gegenüberstellung von Resignation und Revolte eine umfassende Bewusstseinserweiterung: »Und doch ein gattungsgeschichtlicher Fortschritt. Ein kollektiver Sinneswandel. Der Verfüger, begabt mit dem SI (sphärischen Instinkt), wäre befähigt, mit unbeirrbarer Sicherheit das zu tun, was getan werden mußte; das zu bedenken, was unbedingt gedacht werden mußte; einen nie gekannten Ausgleich zwischen den auseinanderstrebenden Kräften herbeizuführen.« (PAR 182) Er zielt an dieser Stelle ein weiteres Mal auf ein Gleichgewicht ab, das die stattfindenden Prozesse stabilisiert und sie wieder vereint. Das eingeforderte »Ordnungsorganon« kann auch dieser Sicht hinter die Systeme blicken und dort restrukturierend agieren. Dass Strauß seine Figur sich zur Sphäre bekennen und gegen Systeme argumentieren lässt, ist aus seiner Perspektive folgerichtig. Wie jedoch in der vorherigen Theoriebesprechung deutlich wurde, existieren beide Zustände – System und Sphäre – zeitgleich. Aus diesem Grund kann in der von Strauß angeführten »gewandelte[n] Subjektivität« (PAR 182) eine eventuelle Skepsis gesehen werden, die sich auch darin begründet, dass weder eine »liberal[e] noch ein[e] linear[e] Vorstellungswelt« (PAR 183) gilt, ja, sie sogar »bedeutungslos« (PAR 183) ist. Laut Strauß enthält »jedes Gefüge ein bestimmtes wie ein unbestimmtes Quantum an Ungefügtem« (PAR 183). Übersetzen lässt es sich als Chaos und Ordnung, deren Ordnungsprinzipien im Fortgang der restlichen Erzählung nicht näher erläutert werden. Sie bleiben ein temporärer Einblick in Ver- änderungsprozesse, die Strauß anspricht, aber nicht kontextualisiert. In der szenischen Erzählung findet sich allerdings ein Ansatz, der den »sphäri- 454 schen Instinkt« (PAR 187) näher beschreibt: Sprache verdrängt in diesem konkreten Fall das Denken, wie die Professorfigur betont. Denken ist laut dieser Figur »eine ungesunde Äußerungsform« (PAR 185). Der »sphärisch[e] Instinkt« trennt das Denken und die Sprache und wird zu einer weiteren Reduktionsstrategie im Umgang mit der Komplexität der Welt. Die Figur entzieht sich der aktiven und stillen Weltdeutung: »Jetzt werde ich der glücklichste Mensch, der je auf Erden gelebt hat. Denn ich werde aufgehört haben zu denken. Kein Kopfzerbrechen mehr. Keine Hypotaxen, Parenthesen, kein Paläo- und keine Neologismen. Schluß mit den instinktlosen Begriffen!« (PAR 185) Ein Vergleich mit dem in Heiner Müllers Hamletmaschine geäußerten Wunsch nach vollumfänglicher Entmenschlichung drängt sich auf: »Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Gedanke«670. Durch die Annäherung und Angleichung der beiden Figuren ergibt sich zudem eine Verschmelzung der Meinungen; die Dialogentwicklung beruht auf einer gegenseitigen Anpassung an die Äußerungen des jeweils anderen (»es flog mir erst in Ihrer Gegenwart so zu« (PAR 185)). Allerdings überwiegt die Absicht einer Fortführung der Kommunikation und weniger die einer Konsensfindung; es greift erneut weder die Abwesenheit »einer liberalen noch einer linearen Vorstellungswelt« (PAR 183). Die radikale Trennung auf der einen und die stattfindende Gedankenverschmelzung auf der anderen Seite vermitteln Strauß’ Unsicherheit, den effektivsten Umgang mit den Veränderungen zu ermitteln und Exitstrategien gegen die Diskontinuitäten und Diffusion von Subjekten und Epochenströmungen aufzuzeigen. 6.7 Auflösungen in Gesellschaft – Konterbewusstseine Analysen von Szenen können oftmals nur Einzelaspekte hervorheben; insbesondere gilt das für Botho Strauß’ Texte, weil sie in den meisten Fällen kein durchgehendes Narrativ besitzen. Flüchtig verknüpfte oder unverbundene Einzelszenen, Fragmente und Einwürfe vermischen sich zu einem Textkosmos, der an vielen Stellen, wie die Analysen bisher gezeigt haben, thematische Ähnlichkeiten aufweist. Redundanzen im Werk in der Zeit- und Raumauffassung sind gewollt und unterstützen die Annahme, 670 Heiner Müller: Die Hamletmaschine. S. 553. 455 dass (neben Mythen, naturwissenschaftlichem Diskurs, Zeitgeistbeobachtungen) die Globalisierung ein werkübergreifendes Thema ist. Untersuchenswert in den literarischen Texten ist unter der angelegten Fragestellung vor allem der Anstieg in der Anpassungsgeschwindigkeit und die damit einhergehende Reautonomisierung des Subjekts. Leitfragen betreffen den Umgang der Figuren mit diesen Veränderungen und ebenso ihre Anpassungs- und die Exitstrategien. In der realen Gesellschaft gilt für den Geschwindigkeitszuwachs, dass dieser teils proaktiv, teils unmittelbar geschieht. Das Aufkommen einer hyperkomplexen Gesellschaft indes fordert nochmals gesteigerte Anpassungsfähigkeiten und verändert fortlaufend die Rolle des Subjekts. Aber gilt dies auch für literarische Figuren? Wie stark prallen Fremd- und Selbststeuerung der literarischen Subjekte aufeinander? Eine weitere Szene in Das Partikular gibt hierüber anteilig Auskunft. Eine Frau irrt schlaftrunken in der Nacht durch das Haus und wird auf der Suche nach ihrem Partner mit der Auflösung ihrer selbst konfrontiert. Strauß bezieht sich in der Beschreibung auf »halbwache, gedankenverlorene und übermüdete Menschen«, denen »unvermeidlich der Pol ihres Abgelenktseins« (PAR 7) inhärent ist. Sie sind »Gefangene« (PAR 7) in ihrem Dasein und die Katastrophe ist im Keim bereits angelegt. Durch zwischengeschaltete imaginäre Bühnenarbeiter, die die Geschicke leiten, verdeutlicht Strauß die Verfallsbewegung: »Diese Entrücker/Entführer, die dir wechselnd im Leben zu Erfolg oder Ohnmacht verhelfen, sind es am Ende auch, die dich zum Ausgang eskortieren, die stillen Begleiter in den Hintergrund, ab von der Bühne, die sich dir zugesellen, unverhofft, mitten im geschäftlichen Aufschwung, mitten im inbrünstigen Bekenntnis, und dich zum Einhalt bringen, zum Schweigen, zur Besinnung. Die dich, höflich und diskret, der Auflösung zuführen, der restlosen Auflösung aller Pläne, Chancen und Erinnerungen: der Strich durch die Rechnung erscheint als bunter Himmelsbogen, wenn du über die Brücke gehst, und nur ein leuchtender Schweif bleibt von dir zurück, ein fröhlicher Nimbus, der die Person verlor. Nichts wird dich erlösen außer Auflösung. Zersetzungsrückstände von allerlei Gram, Geräusche außer Hörweite, sich zersetzender Geist bilden den feinen Nebel, der dich vor dir selbst verhüllt, wenn du an der Bar sitzt und vor dem lästigen Spiegel trinkst. Aufrecht die ganze Zeit, über die ganze Periode der Involution, der langsamen Rückverpuppung des Schmetterlings, Umkehr in sein gewickeltes Wesen, kerzengerade wie ein ausstaffierter Unbeugsamer, ausstaffiert mit knöchernen Ideen.« (PAR 7f.) 456 Strauß nennt diesen Angriff auf die Autonomie »Involution«, der jedoch von einem »Konter-Bewußtsein« (PAR 9) austariert wird. Eine der Anschlussszenen erweitert den Blick auf die Selbst- und Fremdsteuerung des Subjekts. Ein Paar agiert in gesellschaftlicher Atmosphäre konträr zum privaten Verhalten. Der Mann geht in Gesellschaft auf, während er im Zuhause zu einem unselbstständigen, zweifelnden Charakter wird; wenn man so will: einerseits zu einem Gegenentwurf der (späteren) Figur Florian Lackner aus Die Unbeholfenen, andererseits zu einer Variante Richard Schroubeks aus Die Widmung. Es gelingt ihm nicht, die soziale »Gewandtheit« (PAR 11) in das Private zu überführen. Doch schnell wird deutlich, dass er im Außen eine »Rolle« (PAR 12) spielt und die Beobachterin mit Zweifeln zurücklässt, übrig bleiben Fassade und Vortäuschung. »Einfach weil er nichts erlebt hat. In Wahrheit von seinen unzähligen Erlebnissen gar nichts wirklich erlebt, sondern diese bereits im Augenblick des Zustoßens als erzählt und mitgeteilt verbucht hat. Sie immer schon, all diese prächtigen Erlebnisse, für andere gewissermaßen einheimste, erzählfertig ablagerte wie Tiefkühlkost.« (PAR 12) Diese Formulierungen erinnern auch an den Terminus »Fertigteil- Sprache«, den Strauß erstmals in Paare, Passanten verwendet. Ein vorgefertigtes Register liefert die situativ-passenden Kommunikationsanschlüsse und überspielt dabei die eigene Erfolglosigkeit oder Unsicherheit. Die Beobachterin fragt sich, warum er »zu diesem billigen Flitter« greife, »um die Gemeinschaft zu unterhalten« (PAR 12), kommt aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. Unterhaltung im Sinne einer Stimmfühlung und Selbstpositionierung im sozialen Raum wird zur Überlebens- oder weniger dramatisch ausgedrückt Anpassungs- und Exitstrategie: »›Aber du hast schließlich die ganze Gesellschaft unterhalten!‹ werde ich dann einwenden. ›Was blieb mir anderes übrig? Wäre ich plötzlich verstummt, hätte ich an irgendeinem gefährlichen Punkt abgebrochen, aufgehört zu reden, wie wären sie über mich hergefallen!‹« (PAR 13). Das Weiterreden setzt einen Kontrapunkt zur Interaktion mit und in der Menge – obwohl sie dem Subjekt widerstrebt – und ermöglicht es, eine Schutzbarriere zu errichten. Es figuriert später als »atmend[e] Hülle, die des Menschen schützende Sphäre« (LDT 152). In Die Unbeholfenen wird auch deutlich, dass sich der geschilderte Mann und Lackner in ihrer grundlegen- 457 den Ausgestaltung nur wenig unterscheiden. Die sich auf diese Weise bildende Innenperspektive nuanciert Strauß durch die Reflexionen einer weiteren weiblichen Figur, deren Gedankenräume auf eine Weise abgeriegelt sind, die Diffusion von außen nach innen zulässt, aber keine unmittelbare Rückanbindung forciert. Es ist »von einem inneren Stauraum« (PAR 24) die Rede, »in dem das Erlebte sich dränge und nach und nach von ihr abgearbeitet werden müsse. Sie könne es willentlich nicht verhindern, sie werde innerlich gezwungen, diesem oder jenem Wort, Ereignis oder flüchtigem Eindruck nachzuhängen, willenlos nachzuhängen« (PAR 24). Die innere Verarbeitung äußerer Einflüsse geschieht erzwungen und ohne die Möglichkeit einer Gegenwehr. Die Innenwelt des Subjekts wird im Zuge dieser Entwicklung zu einem sich füllenden Reservoir der Erlebnisse und Erfahrungen, das bis zur Überkomplexität anschwillt. Kurz: mehr aufnimmt, als verarbeitet werden kann – die Schilderung gleitet an dieser Stelle ab in wiedergegebene Gedanken: »Der Stauraum indessen fülle sich beständig weiter und die Ankunft der Dinge in ihrem Sinn verzögere sich immer mehr. Sie fürchte sogar, daß sie bis zum Ende ihrer Tage bei weitem nicht alles erleben könne, was sie tatsächlich erlebt habe.« (PAR 24) Diese Entwicklung beschreibt auch, wie Strauß’ Subjekte in der Welt verlorengehen, wie sie eine Zeit lang »in irgendeinem Element überleben [können] – sei es im Wasser, sei es zu Land oder gar im schwelenden Licht« (PAR 32), bis sie schließlich im grenzenlosen Raum ins Nichts diffundieren: »So blieb es dabei, daß sie ging und wiederkam, unzählige Male, bis sich ihre Spur schließlich zwischen den Sphären verlor und ihr Wesen verbraucht war« (PAR 32). Strauß variiert das Thema auch im zweiten Kapitel, in dem er den keltischen Mythenstoff Y Tair Rhamant um die Figuren Geraint und Enid in die Gegenwart hebt. Ein Dialog des Paares greift die Themen der Globalisierungskonzeption in sinnlicher Rede und Gegenrede auf, obwohl ihnen aufgrund ihrer ursprünglichen Epochenzugehörigkeit der konkrete Terminus Globalisierung unbekannt ist; interessant ist daher auch, wie Strauß spezifische Globalisierungsbegriffe vermeidet und stattdessen in eine lyrische Sprache verfällt, um Räume, Zeit und Grenze zu ästhetisieren. Die Figur Geraint tritt als hochsensibler »Parabolspiegel« (PAR 40) auf und nimmt nur die Stimme der Enid wahr. Enid ihrerseits sieht zwischen ihnen keine explizite Grenze mehr, das heißt, dass beide als Paar zu einer Einheit der Differenz Enid/Geraint verschmelzen: »Und 458 doch: ich bin mehr du als ich. / Wie soll ich mich entfernen von dir? / Mein Körper ist ja die ganze Erde« (PAR 41). Später erwidert Geraint: »Gibt’s außerhalb noch Raum – / außer der Ruhe deines Gesichts?« (PAR 55). Sie verhandeln die Dimensionen von Zeit und die Reichweite des Bewusstseins: »Wir starren schon auf Nimmerwiedersehen zeitlos in die gleiche Richtung.« (PAR 57) »Seit langem verlor ich nichts in der Zeit. Verlange und ordne nichts in der Zeit.« (PAR 62) »Wie könnt ich erwägen, wie leicht ich einst war? Unsere Erinnerung wiegt unser vergangenes Bewußtsein fehl. Denn es ist unmöglich, sich gleichzeitig zu erinnern und den Zustand eines vergangenen Bewußtseins wachzurufen.« (PAR 56f.) Die Figuren spiegeln sich ineinander und erzeugen so eine Grenze zu ihrer Umwelt; das Verhalten der Schwalben wird zur Metapher ihrer eigenen Suche: »So stehen wir mit ausgestreckten Armen / grenzdeutend am Hang: die unerhörten Jagden / der Schwalben, jede ein Liebespfeil, kreuz und quer verschossen, / Paarfindungsflüge, geprüft wird auch, ob sich / das Doppel bewährt bei blitzschneller Kehre / bei Stürzen mit Überschlag – / sie straffen das Flurnetz in unseren Schenkungsgesprächen.« (PAR 59) Strauß zielt in der Dialogausformung darauf ab, die Paarbindung zu verstärken, indem der Bereich hinter der besagten Umweltgrenze als Erweiterungsraum des Paares verstanden wird: »Draußen steht Enid barfuß, mit funkelndem Saum. / Ihr Finger weist in die leere Mittagsgasse. / Der Flügelschlag von engem, von breitem Licht. / Lupe und Ausschau. / Worauf ihr Finger weist, ist etwas voll Ankunft dem Herzen. / Ist ›Das da!‹ und ist nicht da. Am Ende des Fingers / beginnt die Reise des Fingerzeigs rund um die Welt.« (PAR 65) Der Dialog schließt mit einer Vorbereitung eines Umweltanschlusses, der die Erkundung der faktischen wie metaphorischen Welt ermöglicht. Geht 459 man weiter in der Werkhistorie zurück, stößt man in Niemand anderes auf eine ähnlich aufgebaute Erzählung über eine Person, die sich in den Kosmos von Flauberts Roman Bouvard und Pécuchet hineindenkt und über die Voraussetzungen für einen Anschluss an eine Person dieser Paarung reflektiert. Der Episodentitel greift diese Selektion auf und erzeugt eine Differenz: »Bouvard oder Pécuchet?« (NA 119-126) oder Bouvard/Pécuchet. Auswirkung und Last eines solchen Anschlusses an die Figur hieße, »die Welt allein zuende [zu] besprechen« (NA 119). Strauß spielt in der Konzeption mit den möglichen Differenzbeziehungen und den Beobachtungsebenen. Ein Eintritt in das Paar impliziert die Verdrängung einer der beiden Ursprungsteile und führt die Umweltbeobachtung des »Kopisten«- Paares (NA 119) als Beobachtung zweiter Ordnung fort. Die im Text behandelte Alternative fokussiert auf die Einheit der Differenz – »eine Überlagerung, eine zusammengezogene Kopie beider Kopisten« – und wird umgehend verworfen, weil die namenlose Figur erkennt, ein »Paargenosse«, »ein unbefestigtes, herumirrendes Paarteil« (NA 119) zu sein. 2013 blickt Strauß zurück und stellt fest, dass die Veränderungen aus dem Paar »heute zwei durch eine Überzahl an Verbindungsgliedern (›links‹) unförmig gewordene Geistesmonster« (LDT 7) erzeugen. Wie bereits im Kapitel zur Essayistik und der Detailanalyse der Unbeholfenen festgestellt wurde, bildet die frühmoderne Literatur einen wichtigen Referenzrahmen für Botho Strauß. Durch einen derartigen Rettungsanker kann sich der Mensch von der ohnehin verlorenen Welt abwenden, was laut Strauß durch die zeitgenössische Literatur nicht gelingen kann und will, denn »[d]ie jüngere Roman-Literatur« entsteht von »literaturgenetische[n] Gezüchte[n]« ohne Kenntnisse der »Risiken der Moderne« (FDK 99) und erscheint ihm entsprechend gekennzeichnet durch das Fehlen des »ästhetische[n] Gewissen[s]« (FDK 99). Die kulturelle Blasiertheit besitzt jedoch Kalkül, denn sie erlaubt es Strauß, die rückwärtsgewandte Haltung zu kultivieren. Dazu trägt auch bei, dass äußere Kräfte wie zum Beispiel die Zeit den Menschen und die Welt auseinandertreiben, denn »[d]ie Zeit entfaltet nur noch dilatorische Wirkung« (FDK 91). Es zeigt sich sehr konkret das Wechselspiel von Trennung und Drift in der spezifischen Anschlusserzeugung oder der bewussten Unterbrechung. Eine eingeschobene Notiz Flauberts bezeugt die geistige Strahlkraft dieser Epoche auf Strauß, die er kontinuierlich als Blaupause der Modernisierung, Ausdifferenzierung und Globalisierung einsetzt. Wie später in der Erzählung um das in die Gegenwart gehobene Paar Geraint und Enid sind hier bereits elementare Teile der Globalisierungskonzeption vorhanden: 460 »›Pécuchet sieht die Zukunft der Menschheit in Schwarz: der moderne Mensch ist minderwertig und eine Maschine geworden ... Zum Schluß die Anarchie des Menschengeschlechts... Barbarei des übermäßigen Individualismus und der Wahnsinn der Wissenschaft... Ende der Welt durch das Aufhören der Wärme... Bouvard sieht die Zukunft der Menschheit in rosigem Licht. Der moderne Mensch schreitet fort.‹« (NA 120f.) Flaubert nutzt die Unterschiedlichkeit seiner Protagonisten, um die damalige Technisierung und Entmenschlichung, Vereinzelung, Entropie und den Wahn zu verarbeiten, und Strauß wiederum knüpft durch charakterisierende Gegensatzpaare und Konterbewusstseine an das Fragment an (zum Beispiel ›Hypochonder/Genußmensch‹, ›Pessimist/Optimist‹ (NA 121)), setzt seinen Erzähler in ein Verhältnis zu beiden und stellt auch hier einen konkreten Gegenwartsbezug her. Eingeständnisse und Anpassungen der Beobachterfigur, wie Reckwitz sie einfordert, sollen den Anschluss erleichtern: »Ganz egal. Ich bin zu jeder Eigenschaft bereit, die es dem anderen erlaubt, sich mir ergänzend entgegenzustellen. Ich fühle mich disponiert für beide Helden. Ein Dispositiv! Jawohl, das bin ich, das ist meine ganze vorläufige Existenz« (NA 121). Obwohl die Figur sich nicht zu entscheiden vermag, strebt sie, ähnlich den Figuren in Die Unbeholfenen, die Teilnahme an einem »nie abreißenden, [...] ebenso erfrischenden wie wohltuend ermüdenden Dialog« (NA 121) an. Das poetologische Verfahren ist vergleichbar, daher ist es wenig verwunderlich, dass an dieser Stelle der Blick auf die Gegenwart, auf »das neueste allgemeine Lebensgefühl«, »den Zeitgeist, die Tendenzlage« (NA 122) umschlägt. Die Blickveränderung impliziert eine Beobachtung der Umwelt durch das von Strauß imaginierte Ersatz-Paar, aber Strauß treibt den Differenzierungsprozess weiter und lässt seine Figur imaginieren, wie die Umwelt auf das Paar blickt. Der Rück-Blick der gegenseitigen Beobachtung671 lässt erkennen, dass die Figur ein Komplexitätsungleichgewicht zwischen Paar und Gesellschaft vermutet: 671 Wenig später heißt es in Niemand anderes zu diesem Doppelblick: »Sie sehen mich – wir erblicken einander über die distanzlose Weite der innersten Öffentlichkeit« (NA 129). Das gegenseitige Beobachten und Deuten verläuft über einen doppeltkontingenten Prozess, bei dem beide Akteure ihre jeweilige Umwelt beobachten und ihre Rückschlüsse an das Verhalten – über die Kette Information, Mitteilung, Verstehen – aneinander anpassen. 461 »Sie muß einer Mitwelt, die zu ganzer Breite sowie von oben bis unten durchinformiert ist, als etwas ziemlich Obszönes erscheinen. [...] Die Gefahr besteht, daß ich allein an diesem Laster alsbald das Vergnügen verliere und daß schließlich auch mich, wie die Mehrzahl der Informierten, der Teufel des Desinteresses holt.« (NA 122) Die Gefahr besteht aus Figurensicht in der Auflösung in der Informationsgesellschaft und ihren technischen Fortschritten, die auch die frühen Gehversuche der DNA-Manipulation wie die am Anfang der 1980er Jahre entdeckte Polymerase-Kettenreaktion einbezieht. Der angeschlagene Ton ist noch zurückhaltend, der Stil ändert sich in späteren Texten, zum Beispiel in »Wollt ihr das totale Engineering?« oder in Die eine und die andere. Sogar eine gewisse Faszination für das Mögliche ist zu erahnen, obwohl die Auswirkungen umfassend sind und der Erzählerstimme bedrohlich erscheinen; es ist von Computern die Rede, die schwerste Rechenoperationen in Lichtgeschwindigkeit ausführen, von genetisch manipulierten »Chimäre[n]« (NA 122) und von ungebremster Wissenschaft, die »nach und nach alle Erfindungen der fantastischen Literatur mit kindischem und epigonalem Ehrgeiz in die Tat« (NA 122) umsetzt. Am Ende der Reflexionskette steht ein Kommentar über das Klonen und die Möglichkeit, Menschen beliebig zu reproduzieren, ohne dass dieser Sachverhalt ethischen Überlegungen unterzogen wird. Der Text verlagert ein weiteres Mal seinen Fokus und die Erzählerstimme referiert nun Dinge und Ereignisse aus ihrem direkten Umfeld. Ähnlich der von der misanthropischen Frau am Bahnhof provozierten Aufmerksamkeitsverschiebung zerreißt ein körperversehrter Mann den Erzählfluss durch sein Verhalten (unflätiges Gebrülle, vgl. NA 124f.), das den Erzähler erkennen lässt, dass es sich nicht, wie ursprünglich vermutet, um einen »Weltdurchschauer« (das hieße auch: einen möglichen Beobachtungspartner) handelt, sondern um einen »Idiot[en]«, einen »Schwachsinnige[n]«, der »also genau am anderen Ende der Einsamkeitsskala« steht (NA 125). Trotz der schroffen Persönlichkeit wägt die Erzählerfigur Ähnlichkeiten und Gleichheiten ab, es vereint beide jedoch nur die Exklusion: »Ein Idiot – ein Privatmann wie ich, nur sehr viel radikaler, ein Einzelner im Extrem. Seine Flüche, seine Anfälle verraten den finsteren Ideopathen, der in ihm hockt, geladen mit rassistischen und anderen vernichtungsseligen Ekelenergien. Er schwelgt, kein Zweifel, in teuflischen Vorfreuden, 462 wenn er die lose Menge Menschen vor sich sieht: ihr werdet schon sehen, ihr wuselndes Ungeziefer, in den höllischen Feuern meiner Einsamkeit werdet ihr alle untergehen! Oh nein, nicht solch einen Kumpan! Nichts mehr vom grollenden Städter, vom querredenden Narren, vom Zerrbild des tapferen Einzelnen.« (NA 125f.) Der Idiot als Symbol für den exkludierten, einsamen »Weltdurchschauer« (NA 125) durchzieht das Werk und kulminiert in Lichter des Toren. Diese und vergleichbare Fragmente und Episoden stehen für die Suche nach Halt und Orientierung in einer sich schnell verändernden, sich globalisierenden Umwelt. Die Gegenwart bietet dem Erzähler keine ausreichenden Anschlussmöglichkeiten, weswegen er diese in der Literatur sucht. Eine Methodik, die wiederholt Eingang in die hier untersuchten Texte findet und Strauß’ Globalisierungskonzeption ausmacht. 6.8 Gesellschaftliche (Gegen-)Praktiken I: Von neuen Arbeitswelten & Schaltkreismenschen Eine weitere Art der Einbettung in soziale Kontexte und Reaktion auf diese thematisiert Botho Strauß in Handlungssträngen und Bezugsfeldern, die sich der Arbeitswelt widmen. In dieser (im weitesten Sinne als Ort verstandenen) Welt treffen Subjekte und Gesellschaft aufeinander. An dieser konkreten Schnittstelle lassen sich reale und fiktionalisierte Friktionen und Diskontinuitäten relativ störungsfrei untersuchen, weil der Blick auf einen abgegrenzten Bereich der Gesellschaft gerichtet ist. Strauß schildert Figuren, die solche Übergänge zwischen Phasen oder (nach Reckwitz) ›angestellter und postmoderner Identität‹ in einer Zeit des institutionellen Wandels erleben. Das Personal in den Romanen Der junge Mann und Rumor oder in den Dramen (wie beispielsweise die Figur Lotte in Groß und klein) sieht sich mit einer veränderten Welt konfrontiert und ist im Zuge ihrer ›Identitätsfestigung‹ (in Anlehnung an Eickelpasch und Rademacher) gezwungen, die Gegebenheiten der erschlossenen Umwelt stetig neu zu interpretieren, weil die Erkenntnisse über die Welt lediglich Momentaufnahmen oder Sequenzen darstellen, während Welt und Gesellschaft sich weiterentwickeln. Die Arbeitswelt stellt eine Art Mikrokosmos dar, in dem andere Regeln als in der ausschließlichen Privatwelt gelten und wo die operativen Bedingungen des Wirtschaftssystems dominieren, in deren Folge der Mensch der Leitdifferenz Gewinn/Verlust unterworfen ist und oftmals keinen nen- 463 nenswerten Spielraum für eigenständige Entscheidungen besitzt. Die Teilnahme an unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft durch die verschiedenen Berufe der Figuren wie Schriftsteller, Buchhändler, Kunstmaler, Filmemacher, Drucker, Traumdeuter, Berater, Zukunftsforscher, Fremdenführerin und so weiter ermöglicht und erzwingt neue Wahrnehmungsweisen und Teilnahmeformen, auch wenn die Berufe in ihrer Auswahl und Zusammensetzung recht stereotyp in Richtung einer wie auch immer gearteten Gesellschaftsschicht oder -sphäre jenseits etablierter handwerklich-industrieller Versorgungsberufe zeigen. Die Figuren befinden sich in einem Übergang aus der aus ihrer Sicht vormals sicheren Arbeitswelt in eine grenzauflösende und grenzaufgelöste Gesellschaft: »Die herrschende Klasse, die Medienschaffenden, sorgt für ein statisches Tableau. Jobben und sich über Wasser halten wie bisher, solange der Leistungsdruck dich nicht kaputtmacht. Medienwirtschaft erscheint von heute aus als unablösbarer Erwerbszweig; nichts, das ihn je veralten und veröden lassen könnte wie andere Berufe. Vollendet anpassungsfähig und unabsehbar expansiv.« (FDK 69) Die freiberuflichen Beschäftigungsverhältnisse, die Strauß schildert, stehen auch für jene »drei Praktikenkomplexe«, die Reckwitz als typisch »[f]ür die Konstitution und Reproduktion von Subjekten unter modernen Bedingungen seit dem 18. Jahrhundert«672 ansieht. Diese sind »das ökonomische Feld der Praktiken der Arbeit, das private Feld von persönlichen und intimen Beziehungen sowie ein seinerseits vielgliedriges Feld selbstreferentieller Praktiken, die sich als Technologien des Selbst umschreiben lassen«673. Die Veränderungen in den Intimbeziehungen wurden bereits besprochen und der generelle wie gravierende Unterschied zwischen der theoretischen Perspektive und der literarischen Bearbeitung besteht darin, dass bei Strauß eine Vermischung stattfindet. Die Berufe charakterisieren die Figuren und prägen ihr inneres Selbstverständnis sowie ihr äußeres Bild in der Gesellschaft. Es kommt in der Literatur zu einem »symbolischen Einklang zwischen Charakter und Beruf« (LDT 172). Deutlich wird dies immer dann, wenn Strauß Menschen schildert, denen ihr Beruf genommen wird, die »nur noch Reizungen für ihren Ehrgeiz [sind], ein Mittel, um ihre sozialen Absichten zu verfolgen, ihren Status zu zimmern, ihren Egoismus zu be- 672 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 53. 673 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 53. 464 friedigen« (LDT 172). Mikado vereint verschiedene Beispiele für derartige Entfremdungsschicksale: Ein arbeitsloser Philosoph wird Lehrer, verliert sich in literarischen Vorbildern und wird schließlich Versicherungsmakler, ein Bankangestellter ohne Arbeit erschafft sich eine Parallelexistenz als Provokateur im Internet, ein dritter figuriert an seinem Arbeitsplatz als »Listenschließer«, der in jeder Auswertung den letzten Platz belegt (MIK 36, 126, 129). In Die Fabeln von der Begegnung (2013) treffen eine geschiedene Frau und ein entlassener Journalist, beide von körperlichem Verfall gezeichnet, in der Schlange einer caritativen Essensausgabe wiederholt aufeinander und sinnieren gemeinsam über die Kraft zufälliger Berührungen und Begegnungen. Strauß positioniert beide für einen Moment gegen die »Strömungen der Menge, der Habgierigen und der Bedürftigen« (DFB 10) und unterscheidet nicht mehr zwischen einer »stauende[n] Menge« vor »Flugzeug, Stadion, Apple Store, Essensausgabe« (DFB 9). Es nimmt ihnen nicht die gesellschaftliche Außenseiterposition, aber lässt den Leser mit der Frage zurück, ob Konsum Selbsterhaltung oder doch nur Selbstzweck ist. Somit sind diese fünf Personen weitere Beispiele für tragische, abgehängte Menschen. In Lichter des Toren wird anschließend zur Orientierungslosigkeit attestiert, dass »›Saturn‹ und ›Apple store‹ [...] indes die wahren Kult- und Feierstätten« (LDT 100) geworden seien. In der überwiegenden Mehrzahl werden den Figuren jedoch Rollen aufgrund ihrer Berufe zugewiesen, in denen durchscheint, dass der ausgeübte Beruf zu einem dominanten Persönlichkeitsmerkmal wird, das sowohl die »persönlichen und intimen Beziehungen«674 als auch die Selbstdarstellung in der Gesellschaft maßgeblich beeinflusst. Sie kommen aus ihrer Berufsrolle nicht heraus, die zudem die anderen Persönlichkeitsbereiche überlagert und eine Verschmelzung vorantreibt: »Du, Sören, was du tust, das ist halt ein Job! Nur ein Job! Aber ich, ich bin eine ganze Existenz! … Ich bin der 24- Stunden-Kopf … ich bin das Buch … Ich bin unser Ein und Alles … Ich bin Jürgen und ich!« (GUK 440). In Die Unbeholfenen beschreibt Strauß die Beraterberufe als aufeinander bezogen und sich selbst reproduzierend: »Es war eine Beraterstelle wie tausend andere. Bekanntlich gibt es im modernen Wirtschaftsleben eine schier unendliche Kette von Beratern, die jeweils andere Berater wiederum beraten. […] »Wir haben ja Einrichtungen für alles. Institut reiht sich an Institut. Alle in den besten Wohnlagen. Sie sammeln Daten, Daten, Daten. Aber ich – ich legte den stillen Vorsitzen- 674 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 53. 465 den die Träume aus. Allerdings weiß ich inzwischen, daß wir nichtauslegbar träumen. Daß Träume keine Umschrift sind, daß man sie nicht nach Symbolen und Gleichnissen untersuchen und diese entschlüsseln kann.« (DU 120) Die Vermischung innerhalb der Konstitution der literarischen Figuren deckt sich mit einem Befund über den realen Menschen, wie er in der soziologischen Literatur beschrieben wird. Andreas Reckwitz stellt hierzu fest: »So ergibt sich etwa, dass in der postmodernen Kultur seit den 1970er Jahren sowohl die Praktiken der Arbeit im post-bürokratischen Unternehmen als auch jene von Intimbeziehungen in der expressiven Beziehung wie auch die Technologien des Selbst in den Subfeldern des individualästhetischen Konsums, der körperlich-sportlichen Aktivitäten und der Verwendung digitaler Medien die Subjektkultur bei allen Differenzen im Detail gleichsinnig in die Richtung des Modells eines ›Kreativsubjekts‹ formen, das sich selbst und seine Tätigkeiten als Objekt kreativer Gestaltung betrachtet.«675 Diese Entwicklung und die Handlung der Widmung setzen ungefähr zum gleichen Zeitpunkt ein und wie zu sehen ist, entwickeln sich die Veränderungen der Arbeitswelt und Strauß’ Beschreibung der Arbeitswelt parallel. Reckwitz spricht einen weiteren für das Verständnis der literarischen Texte wichtigen Punkt an: »Der Prozess der ›Überdetermination‹ bedeutet jedoch gleichzeitig, dass in seinem Produkt [...] die disparaten Elemente ihrer Ursprungsfaktoren erhalten bleiben und damit ein Potential für Brüche und Widersprüche in der Subjektform bereithalten. Charakteristischerweise sind diese Friktionen jedoch nicht mit den Grenzen zwischen den spezialisierten Praktiken oder zwischen Feldern identisch, sondern existieren bereits in der Subjektform des spezialisierten Komplexes selbst; die Überdetermination bewirkt dann eine Überlagerung und unter Umständen eine gegenseitige Verstärkung dieser einzelnen Friktionen, so dass sich auf der Ebene von Lebensformen diese Friktionen unberechenbar ›aufaddieren‹.«676 675 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 66. 676 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 66. 466 Eine ergänzende Definition des Begriffes »Überdetermination« liefert Norbert Bolz auf Grundlage von Odo Marquard. Aus ihr geht hervor, welche Auswirkungen auf das Subjekt in der modernen Gesellschaft (inklusive seiner ästhetischen Repräsentation in der Literatur) stattfinden, was insbesondere für das Verständnis der textinternen Vorgänge in der Literatur von Botho Strauß aufschlussreich ist. Bolz schreibt: »Odo Marquard [hat] gezeigt, wie Wertepluralismus und Überdeterminierung, also die Überforderung des einzelnen durch Ansprüche, Normen und Erwartungen, die sich aber wechselseitig einschränken, Spielräume der Freiheit eröffnen. Die aktuellen Problembegriffe der modernen Gesellschaft lauten Komplexität und Kontingenz, Ungewißheit und Unsicherheit. In ihrer sachlichen Dimension ist sie gekennzeichnet durch wachsende Komplexität, rigorose Systemdifferenzierung, den Eigensinn der Codes und die Ausklammerung des ›Menschen‹. Zeitlich ist die moderne Gesellschaft charakterisiert durch eine evolutionäre also myopische Dynamik, die dem einzelnen keine Karriere, nur noch eine Patchwork-Identität gönnt, die man neuerdings unter dem Label portfolio living anpreist. In ihrer sozialen Dimension ist die Moderne durch Reflexivität als reale Struktur und durch Kontingenz geprägt […].«677 Auch Bolz führt die Verschmelzung der unterschiedlichen Bereiche an und verweist des Weiteren darauf, dass das Subjekt eine Exitstrategie entwickelt. Statt offensichtlicher Verzweiflung und erzwungenem Rückzug erfolgt eine vorgebliche Akzeptanz der Überbeanspruchung und Haltlosigkeit unter dem genannten Deckmantel des affirmativen »portfolio living«. Strauß bricht in der Figurengestaltung über die indirekte Bezugnahme auf die Überdeterminierung hinaus mit der von Eickelpasch und Rademacher präsentierten Vorstellung einer »Normalbiographie«, weil er dieser jene Rahmung nimmt, »die auf der Unterstellung einer zeitlich stabilen, lebenslangen Ganztagsarbeit beruht«678. Die Rahmung im Sinne »zeitlicher Korsettstangen« vereint eine »Vielfalt lebensgeschichtlicher Episoden, Fragmente und Erfahrungen zu einer einheitlichen, kohärenten Lebensgeschichte, d.h. zu einer sinnhaften ›Biografie‹«679. Doch Strauß’ Figuren erleben keine Einheit der Fragmente mehr, sie sind nicht mehr, wie die Auto- 677 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 7f. 678 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 31. 679 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 31. 467 ren in Anlehnung an Giddens schreiben, »in einen stabilen, zeitlichen und kulturellen Rahmen, der Sicherheit, Klarheit und Kontinuität verbürgt«680 eingebettet, sondern sie drohen an der Übertaktung und Hochgeschwindigkeit der Arbeitswelt zu zerbrechen.681 In der theoretischen Ausgangsperspektive schreibt Reckwitz, dass »die Kultur der Moderne [...] ihr Subjekt primär als Arbeits-, Intim- und selbstreferentielles Subjekt«682 versteht und er geht in Bezug auf die Zeit nach der Moderne von drei eng verwandten, aber dennoch getrennten Bereichen aus. In Strauß’ Werken werden, wie oben bereits festgestellt, die drei Ebenen häufig als eine wahrgenommen. Man könnte auch in freier Anlehnung an Tschechows Gewehr formulieren: Wenn irgendwo ein Beruf auftaucht, hat dieser eine dem Text dienende Funktion; häufig bestimmt der Beruf die Perspektive beziehungsweise den Modus des Beziehungsfeldes und der Selbstreferenzialität der Figur in Bezug auf die Umwelt, so zum Beispiel sehr deutlich bei Friedrich Aminghaus aus Kongreß. Indem Strauß die Daseinsbedingungen einer globalisierten »creative class« literarisch-selektiv verarbeitet, verschmelzen die genannten Bereiche. Reckwitz hingegen definiert diese recht umfangreich und in der Zusammenführung wird schnell deutlich, dass es nicht Strauß’ Absicht ist, alle Merkmale in die Texte einfließen zu lassen. Die Theorie hilft an dieser Stelle dabei, die in der Literatur vorhandenen Merkmale einem Gesamtbild zuordnen zu können, das sich wie folgt zusammensetzt: 680 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 31. 681 Vgl. Botho Strauß: Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich. In beinahe soziologischem Duktus rechnet Strauß mit der Arbeitswelt innerhalb der Wissensgesellschaft ab: »Es war alles in allem eine verdammt willkürliche Reform, und viele litten darunter und konnten sich nicht darauf einstellen. Aber fast alle waren wir wütend über die Begründung, welche die zuständige Kommission für ihre selbstherrliche Verordnung uns zumutete. Die Reform sei schon deshalb unvermeidlich gewesen, um sich den kontraproduktiven Tendenzen in unserem Innen- wie in unserem Arbeitsleben entgegenzustellen. Einerseits müsse das persönliche Leben mit Hilfe gedehnter Zeit-Maße gegen die Hochgeschwindigkeit der Informationstechnik wirksam abgeschirmt werden. Andererseits gelte es die gesamte Arbeitswelt neu zu ›takten‹. Das allzu Gewohnte unseres Zeitempfindens, die Routine der Arbeitsabläufe habe in weiten Teilen der Bevölkerung dazu geführt, daß nicht mehr mit der nötigen Aufmerksamkeit und Geistesschärfe auf die veränderten Herausforderungen der Wissensgesellschaft reagiert werde ... et cetera pp« (DNA 76). 682 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 53. 468 »Die post-bürokratische Arbeitspraxis hat ihr Zentrum in den urbanen Kulturindustrien (Beratung, Informationstechnologie, Design, Werbung, Tourismus, Finance, Unterhaltungsindustrie, Forschung und Entwicklung). Sie macht die Arbeit des Trägermilieus der postmodernen Kultur, der creative class aus. In der Subjektkultur, welche diese Arbeitspraktiken enthalten, überformen sich das Modell des ›Kreativen‹ und das des ›Unternehmers seiner selbst‹. Die Distinktionsfolie des Kreativunternehmers ist das der Kreativität unfähige, inferiore Subjekt der Planungs- und Routinearbeit, aber auch ein Habitus, dem es an der Fähigkeit zur marktförmigen Stilisierung und disziplinierten Selbstentwicklung mangelt. Das postmoderne Arbeitssubjekt kombiniert in sich die ästhetische Fähigkeit zur symbolischen Innovationsproduktion, welche jede normative Selbst- und Fremdkontrolle aufzubrechen sucht, mit der Selbstkontrolle der ›Arbeit an sich selbst‹ und der Sensibilität für Fremderwartungen, die der ›Markt‹ an das Profil des Einzelnen stellt.«683 Dass Lackner aus Die Unbeholfenen als Traumdeuter oder Bekker aus Rumor als Zukunftsforscher arbeiten, hebt auf subtile Weise hervor, dass Traum und Zukunft zwei Sphären sind, die aufgrund ihrer Irrealität und Grenzenlosigkeit eigentlich nicht kommunizierbar sind.684 Sie bleiben als Arbeitsfeld unweigerlich vage, weil die Annäherung die inkomplette Form nur verdeutlichen, nicht aber den untersuchten Gegenstand vollends deuten oder vorbestimmen kann. Zu beachten ist dabei immer auch der zeitliche Kontext, in den Strauß seine Figuren einschreibt. Beide Figuren arbeiten mit Sphären, die außerhalb ihrer Gegenwart liegen. Als Strauß Rumor verfasst, dominieren Fortschrittszweifel und widersprüchliches ›anything goes‹ den Zeitgeist, Zukunft war nur schwer vorstellbar. Lackner hingegen lebt in einer desillusionierten Zeit. Von Dramen wie Die Hypochonder oder den Bearbeitungen mythischer Stoffe abgesehen, sind die meisten Texte kontemporär zu ihrer jeweiligen Schaffenszeit positioniert und greifen den be- 683 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 510. 684 Vgl. Botho Strauß: Die Nacht mit Alice: »Niemals erleben wir im Wachzustand eine körperliche Berührung in der hyperrealen Dichte und Prägnanz, wie der Traum sie uns bietet. Wir benötigen indes von Zeit zu Zeit eine solche Zufuhr von reiner bewußtseinsfreier Sinnlichkeit, die weniger dazu dient, uns für unerfüllte Wünsche des Alltags zu entschädigen, als vielmehr zur Schärfung und Stärkung unserer nachlassenden Tagessinne beizutragen. Jede Nacht besuchen wir die Schule der Vergrößerungen, die das Gedächtnis unserer Liebe und Liebesmöglichkeit auffrischt. Und mehr noch! Was hätte unser Hirn der Vernunft zu bieten ohne Erinnerung an die fabelhaften Vergrößerungen der Nacht?« (DNA 10). 469 sagten Zeitgeist auf, auch fließt der technische Fortschritt parallel in die Texte ein und spiegelt die jeweils aktuellen Entwicklungen und Zustände. Der Kontakt zur Außenwelt gestaltet sich in den Texten auf unterschiedliche Weise und folgt den faktischen Begebenheiten in der realen Welt. In Der Untenstehende auf Zehenspitzen schildert Strauß auch die Bedingungen der (post-)modernen Arbeitswelt, deren Verlorensein (das Wilhelm Genazino bereits in seiner Abschaffel-Trilogie beschreibt und dem auch Strauß sich in Kongreß annähert) nun im Computerzeitalter angekommen zu sein scheint: »Im Großraumbüro saßen gut zwei Dutzend Männer und Frauen und tippten und klickten auf ihren PCs, gebannt, abwartend, hastig nachhackend, unverwandt und mit erloschenem Gesicht dem Bildschirm gegenüber, abwesend.« (UAZ 57) Strauß durchbricht diese Atmosphäre mit der sich anschließenden Beschreibung einer Figur, die stark an eine Situationsfigur erinnert, wie sie in Der junge Mann geschildert wird. Diese existiert als »empfindlicher Chronist« (JM 10) in einem »Regime des totalen öffentlichen Bewußtseins« (JM 10) und ist in dieser Lage nur fähig, ›Augenblicke, Begebenheiten, Übergänge und Verwandlungen sowie Differenzen‹ (vgl. JM 10f.) wahrzunehmen. Diese situative Beobachtungsperspektive ist zugleich eine Schutzfunktion: »Vielfalt und Differenz aber gewähren allem Seienden den besten Schutz vor Tod und Verwüstung« (JM 11). Als Folge des Zeitenwandels zeigt Strauß drastische Konsequenzen auf, um ein unmittelbares Argument für das Durchbrechen der Linearität bei gleichzeitigem Anschluss an das zyklische Zeit- und Wesensempfinden liefern zu können: »Was nun das Element der Zeit betrifft, so muß uns auch hier eine weitere Wahrnehmung, ein mehrfaches Bewußtsein vor den einförmigen und zwanghaften Regimen des Fortschritts, der Utopie, vor jeder sogenannten ›Zukunft‹ schützen. Dazu brauchen wir andere Uhren, das ist wahr, Rückkoppelungswerke, welche uns befreien von dem alten sturen Vorwärts- Zeiger-Sinn. Wir brauchen Schaltkreise, die zwischen dem Einst und Jetzt geschlossen sind, wir brauchen schließlich die lebendige Eintracht von Tag und Traum, von adlergleichem Sachverstand und gefügigem Schlafwandel.« (JM 11) Strauß zeichnet eine hypersensible, multipel-bewusste Figur nach, die feinste Verbindungen wahrnehmen kann, jedoch nicht mehr in der Lage 470 (und willens) ist, die Sphären von Traum und Wahrheit zu trennen. Eine Fähigkeit, die auch spätere Figuren nicht zurückerlangen.685 Die hier verhandelte Form der Globalisierung bezieht sich hauptsächlich auf den Verlust der Arbeitsautonomie in Verbindung mit dem Übertritt in die Informationsgesellschaft. In der Erzählung Kongreß – Die Kette der Demütigungen führt Strauß die Gedanken aus Der junge Mann weiter aus. Ein Redner schildert dort die zukünftige Arbeitswelt, in der »wir weit mehr Denk-Zeug benötigen und herstellen als Werkzeug und Materialstoffe. Gedächtnisstützen, Entscheidungstechnik« (KKD 38). Die Beschleunigung von Technik und Wissen wird aus der Perspektive der späten 1980er Jahre die Arbeitswelt radikal verändern. Wie es im Text heißt, »[geschieht] [d]er Durchbruch der künstlichen Intelligenz [...] im Schwerpunkt der Frage: wie rufe ich, um eine bestimmte Entscheidung zu treffen, möglichst viel Wissen ab. Wir leben jetzt im Zeitalter der Rechnertechnik der fünften Generation« (KKD 38). Neben der Hyperkomplexität des Wissens, dem Hauptmerkmal der Informationsgesellschaft, die Strauß zu dieser Zeit zum Thema seiner Texte macht, fällt auf, dass hier bereits indirekt eine entmenschlichte, technisierte, global agierende Industrie geschildert wird. Der Redner führt weiter aus, dass es zu einer »Harmonisierung von Gesellschaft und Arbeit« (KKD 39) kommen werde, was wiederum Widerstand bei den Zuhörern erregt. Rede und Widerrede der unterschiedlichen Lager – Techniker gegen ›Pädagogen, Ethiker, Geistesarbeiter‹ (vgl. KKD 39f.) – diskutieren die Konflikte der modernen Produktionsmethoden in der Informations- und Wissensgesellschaft, auffällig ist der Kontrast zwischen mathematischen und sprachlichen Denkweisen. Hinter der Harmonisierung steckt auch die zuvor erwähnte Verschmelzung von Beruf und Persönlichkeitsmerkmalen, die den Individualkern des modernen Subjekts bilden. Ein Dialogfragment erhellt die unterschiedlichen Sichtweisen auf die neue Arbeitswelt: »›Unsere Arbeit besteht zu 95% aus Nachdenken‹, und der Professor ergänzte lächelnd seinen Gästen: ›Zum Denken brauchen Sie aber Zeit. Das geht heute nicht schneller als vor hundert Jahren. Vielleicht stehen wir an der Schwelle zu einer besonders nachdenklichen Epoche.‹ Ob denn nicht unter soviel Schein und Simulation der arbeitende Mensch den Kontakt zur Wirklichkeit an sich und zur Wirklichkeit seines Produkts im besonderen verlöre, wollte jemand wissen. ›Alles ist real‹, erwiderte aber der Institutsleiter und zuckte verständnislos die Achseln.« (KKD 42) 685 Vgl. Botho Strauß: Unerwartete Rückkehr. S. 162: »Es gibt keine stabile Zeit. Es gibt diese plötzlichen Überblendungen zwischen einst und jetzt«. 471 Ungestellt bleibt hier die Frage, ob zur Wirklichkeit auch die Innenwelt des Arbeiters hinzuzurechnen ist oder ob diese bereits so stark dekonstruiert und dezimiert wurde, dass sie nicht mehr wahrnehmbar ist. Hervorzuheben ist die Unveränderbarkeit der Zeit, wie sie der Auszug vor Augen führt; die Linearzeit bleibt trotz aller Fortschritte unverändert, jedoch erlaubt die Interpretation der Zeit im Zusammenhang mit »Schein und Simulation« Gedankenexperimente, wie sie Strauß selbstironisch bricht: »Angst und Horrorvisionen bildeten gewissermaßen die kritischkünstlerische Begleitung der zweiten industriellen Revolution. Stille und Harmonie, künstlerische Sensibilität, ein kreativer Umgang mit Abstraktionen sind dagegen die Kennzeichen der heutigen nachindustriellen Produktion. Wollen Sie denn angesichts geschlossener Funktionskreise, fehlervergebender Automatik, lernfähiger Systeme noch immer den alten dämonenvertreibenden Lärm schlagen? Da muß man sich doch etwas Neues einfallen lassen. Vorerst lernt die Maschine von jedem Widerstand. Sie wird nur immer besser.« (KKD 42f.) Der Anpassungsfähigkeit und Selbstoptimierung der Maschinen stellt Strauß den bedächtigen Protagonisten Aminghaus zur Seite, der sich nicht anpassen kann und deshalb in die Gegenwart analysierende Betrachtungen abdriftet: »Seltsam, da wird nun ein Zeitalter gewechselt – aber wo bleiben eigentlich die großen Abschiedsstimmungen, die Melancholien der Epik, die den Untergang des Alten schmerzlich und doch erst erträglich gestalten, die süßen und bitteren Schauder vor einem endgültigen Nicht-Mehr?« (KKD 43f.)686 Beim Schreiben ahnte Strauß vermutlich nicht, wie sehr sich wenige Wochen nach Erscheinen der Erzählung die Welt ändern würde, die Sehnsucht nach einer Zeitenwende sollte daher auch nicht als konkretes Vorzeichen des Mauerfalls umgedeutet werden. Eher ist davon auszugehen, dass sich die Aussage auf den technischen Wandel bezieht, dem Aminghaus seine Deutung anfügt, und in dem er in Fortsetzung früherer Zeiten nur eine weitere Form und vor allem einen »Ort der allgemeinen Auflösung« 686 Die Erzählung erschien im Herbst 1989, das Nachdenken über den Umsturz findet, wie in der Analyse der Essayistik gezeigt, erstmals im Essay »Der Aufstand gegen die sekundäre Welt« aus dem Jahr 1991 statt. 472 (KKD 44) sieht und feststellt: »Wir können das uns Vergangene überhaupt nicht mit Sicherheit betrauern. Nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Grundlosigkeit. [...] Keine Wehmut wird diesen Schwellenschritt begleiten« (KKD 44). Dass Strauß sich in dieser Zeit intensiv mit den Differenzen der Gegenwart beschäftigt, beeinflusst die Preisrede, die er anlässlich des ihm zugedachten Büchner-Preises schreibt. Die Überschneidungen und Korrelationen werden besonders dann deutlich, wenn man die Kernstelle der Rede mit einer vergleichbaren Stelle aus Kongreß verbindet. In der Rede formuliert Strauß: »Was ist Glashaus, was ist Welt? Was innen, was außen? Was Automat und was Organ? Nicht mehr zu unterscheiden. Wir fühlen unseren Kopf Globus werden und gehen auf einer Erde, die sich anschickt, ein einziger Kopf zu werden. Die verschaltete Welt ist das komplette artificium, die künstliche Kunst nur ihr oberster Verdichtungsgrad. Das hermetische Lustspiel ist kein satirisches Gleichnis mehr, sondern inzwischen ein Gestaltteil, Modul einer radikal erfundenen Wirklichkeit. Wir haben im Höchstkünstlichen noch ein mal die ganze Welt. Kein Einlaß, kein Auslaß: nach Schließung des Kunstwerks.« (ERD 25f.) In Kongreß schreibt Strauß: »›Die Halle‹, begann nun der Techniker, ›das außenproduzierende Gedächtnis wird der Ort oder das Gehäuse des nachtechnischen Menschen sein. Der entlastete Zeitbesitzer wird, statt seine Strecke zu ›leben‹, in einem gelebten Gedächtnis verweilen. Und zweifellos wird es ein Megagedächtnis sein. Wenn die Epochen nicht mehr sterben und einander nicht mehr ablösen können, weil die eine große und unverdrängbare Kultur den ganzen Erdkreis umgibt, dann wird die Zeit für die Menschen wieder langsamer und tiefer werden. Sie werden in ihrer kurzen Lebensspanne nicht mehr so viele Veränderungen hinnehmen müssen und auch weniger Verluste empfinden. Es wird sich im Gegenteil eine Stasis-Erfahrung ausbreiten, ein Gefühl der Ständigkeit, im Einklang mit einer hypertechnischen Sphäre, welche im wesentlichen nur die Aufrechterhaltung ihrer selbst produziert. Sie wird (und mit ihr der Globus selbst) die Gestalt des Gehirns annehmen und eine kortexartige Autonomie besitzen. Das letzte Ziel aller Technik ist Stasis: das vollkommen mit dem Menschen ausgeglichene Werk des Menschen.‹« (KKD 55f.)687 687 Vgl. auch Der junge Mann: »Es wird uns unter anderem in die Lage versetzen, alle Daten der äußeren Welt, alle diese Veränderungen und ›Mutationen‹ überlegen zu 473 Erneut propagiert (oder befürchtet?) Strauß eine Verlagerung der Innenwelt in ein äußeres (digitales) »Megagedächtnis«, so dass der Kopf entgrenzt wird, die Psyche in die Außenwelt, das meint hier eine autopoietische, »hypertechnisch[e] Sphäre«, verlagert wird.688 Die globale Kultur ist als Hinweis auf die Weltgesellschaft zu verstehen und ein weiteres Mal werden Epochen nicht mehr abgelöst, sondern verblassen und ihre Merkmale gehen in anderen auf. Strauß’ Sicht ist dahingehend radikal in der Metaphernwahl, dass er eine globale Hirnmetamorphose herannahen sieht; die schon bekannte Metapher für den Eintritt in die Globalität lautet ›die Erde – ein Kopf‹. In der Wahrnehmung von Figuren wie Aminghaus verändern prüfen, sie mit den Werten unserer Herkunft, unseres kulturellen Gedächtnisses, unserer Empfindungswelt zu verrechnen und zu unserem größtmöglichen Überlebens-Vorteil hin auszugleichen. Es wird dann auch keine Konkurrenz zwischen dem Gestern und dem Heute mehr geben, sondern wir werden in der Sphäre einer erweiterten, vielfältigen Gegenwärtigkeit leben, denken und schaffen. Trauern wir also nicht länger der verschollenen Tiefe, der verflüchtigten Höhe nach. Die komplexe Fläche zu erfahren ist keine mindere Leistung des menschlichen Geistes als seine Ausdehnung zu den Müttern nach unten und dem Vater nach oben. Gespür für das Gespinst, das vielfach Verbundene, wird die Achtung vor den Hierarchien vollwertig ersetzen. Nicht konservieren, im Erhalten erwürgen, sondern auf den Nerv der Großen Verwandlung treffen, dann, meine ich, können wir leben« (JM 204f.). 688 Ein weiterer Rückgriff auf Vilém Flusser kann zur Verdeutlichung eines solchen Außengedächtnisses beitragen. Flusser schreibt: »Wenn Texte von Bildern verdrängt werden, dann erleben, erkennen und werten wir die Welt und uns selbst anders als vorher: nicht mehr eindimensional, linear, prozessual, historisch, sondern zweidimensional, als Fläche, als Kontext, als Szene. Und wir handeln auch anders als vorher: nicht mehr dramatisch, sondern in Beziehungsfelder eingebettet« (Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 9). Die Beziehungsfelder entsprechen ungefähr der »Stasis-Erfahrung« (KKD 55). Hieran angelehnt widersetzt sich Strauß dem Megagedächtnis, indem er die Gefahren der Digitalisierung unterstreicht. In Vom Aufenthalt erscheint einer Figur während eines Spazierganges im iCloud-erfüllten Himmel »in furchtbarer Nahaufnahme das Aerobild von einem grinsenden Mann heroben in blauer Luft. Mir grauste bei dem Gedanken, daß ein neuer Markt der Bilder und einer bildgebenden Technik den Himmel als Projektionsfläche benutzte. Dem Chaos des Beamens wäre keine Grenze gesetzt, wenn jedermann seine Urlaubsfotos ans Firmament würfe. Das Tohuwabohu des Privaten entstiege wie die Untoten der Erde und bemächtigte sich des blanken Azurs« (VA 9f.). Die gleiche Fantasie erwähnt Strauß in Das blinde Geschehen: »Das Aero-Bild seines Gesichts ... in den Lüften …« (DBG 44) und in Lichter des Toren als ›Großer Speicher und universale Cloud‹ (vgl. LDT 70f.). 474 sich die Zeitalter langsam, sofern sich nicht das »Unvorhersehbare« in den Nahbereich der Figuren eindringt und dort »das scheinbar undurchdringliche Geflecht von Programmen und Prognosen, Gewöhnungen und Folgerichtigkeiten« (ASW 39) verwirft und die Zeiten auf radikalere Weise ver- ändert, wie Strauß an anderer Stelle die Entwicklung formuliert. Die »Stasis« – der Ausgleich und insofern auch das gefährdende Systemgleichgewicht, dem sich Strauß wenig später annähern wird689 – bestimmen den weiteren Dialog: »›Das wäre demnach das machbare Ende der Geschichte?‹ fragte der Leser. ›Nun, das wäre vielleicht der machbare Schluß‹, verbesserte der Techniker. ›Und zugleich der vom Paradies am weitesten entfernte Ort!‹ ergänzte Friedrich. ›Wir sprechen nicht von Utopien. Wir reden vom Schluß, im Gegensatz zum Ende der Theologen oder Philosophen. Schluß deutet hin auf die Rückbindung aller Vorgänge. Der Reigen des Lebendigen, im kleinsten wie im großen, geht immer wieder durch das Feuer des Anfangs. Wo etwas zur Rückbindung findet, hört der pfeilförmige Fortschritt auf. Die Zeit wird Auge. Der Techniker wird der Meister der Ruhe sein.‹« (KKD 56f.) Strauß spielt auf die am Ende des vorherigen Jahrhunderts geführten end of history-Diskurse an.690 Vilém Flussers Überlegungen zur Nachgeschichte korrespondieren auf erstaunliche Weise mit dem Dialogfragment aus Kon- 689 Vgl. Strauß’ Nachwendestück Das Gleichgewicht (UA 1993). Ein Fließgleichgewicht, so ein Begriff, den Strauß in Vom Aufenthalt für langsame Ausgleichsprozesse benutzte (vgl VA 172f.), ist für den Erhalt der gesellschaftlichen Ordnung immens relevant, wie auch Norbert Bolz in Blindflug mit Zuschauer herausarbeitet: »Nur im extrem unwahrscheinlichen Zustand des Fließgleichgewichts sind moderne Systeme arbeitsfähig. Und die Mode ist genau das Medium, in dem die moderne Gesellschaft ihr Fließgleichgewicht findet: Stabilisierung durch Wechsel« (S. 148). 690 Ulrich Beck schreibt in Die Metamorphose der Welt jedoch, dass ›die Geschichte zurück ist‹, während laut Beck beispielsweise Bourdieu Foucault oder Luhmann »den Fokus auf die Reproduktion und gerade nicht auf die Transformation der sozialen und politischen Ordnung ins Unbekannte, Unkontrollierbare [legen]. Sie sind End-of-history-soziologen. Sie machen unsichtbar, dass sich die Welt erneut in eine Terra incognita verwandelt« (S. 97). Diese Beobachtung sollte jedoch auch auf Grundlage der Entwicklungsmöglichkeiten der Theorien bewertet werden. Foucault starb 1984, Luhmann 1998, Bourdieu 2002. Die Metamorphose der Welt war Becks aktuelles Buchprojekt, als dieser 2015 plötzlich verstarb. 475 greß. Flusser verweist exemplarisch auf drei neue Techniken, »die Atomenergie, den Computer und die Rakete«, die er als »historische Weiterentwicklung der tierischen Energie, der Energie der Kohle, des Petroleums und der Elektrizität«, des »römischen Abakus« und »als Vollendung des Ochsenkarren, des Autos und des Düsenflugzeugs« ansieht; sie veränderten die Gesellschaft in Richtung eines Endpunktes, jedoch vernachlässigt und verschleiert diese Sichtweise »die ganz neue Qualität dieser Instrumente«, denn die »Atomenergie hat die physische Arbeit im traditionellen Sinn abgeschafft. Der Computer schaffte das Planen und die Administration im traditionellen Sinn ab. Die Rakete schaffte die Entfernung in ihrem traditionellen Sinn ab«691. Weiter spricht Flusser von einem »Bruch in der Kette der Ereignisse«, der nach etablierten Mustern nicht erklärt werden kann: »Die ganze philosophische, politische und soziale Historizität ist Anachronismus«692 – hierin liegt eine deutliche Parallele zur Sichtweise der literarischen Figur –, auch weil es »einen Widerspruch zwischen unserer Mentalität und den Dingen, die uns umgeben«693, gibt. Flussers Beobachtungen und Beschreibungen könnten in unveränderter Form und im selben Überzeugungsduktus auch von einer der Strauß’schen Figuren geäußert werden.694 Flusser formuliert: »Unsere Umgebung stürzt schon rasend in Richtung der Fülle der Zeiten und reißt uns mit sich. In Gedanken klammern wir uns noch an Kategorien, Werte und Begriffe, die einer unwiderruflich überholten Vergangenheit angehören.«695 Flusser meint hiermit mehr als nur eine zyklische Interpretation nach etabliertem (und überlebtem) Muster. Mit dem Bruch die völlige Veränderung der Kommunikation. Nachgeschichte ist ein gesellschaftlicher Zustand, in dem »nichts fortschreitet und alles bloß passiert«696. In der Diktion von Botho Strauß ›faden die Dinge‹ (vgl. ZOV 103) – als konträre Position 691 Vilém Flusser: Nachgeschichte: Eine korrigierte Geschichtsschreibung. S. 132. 692 Vilém Flusser: Nachgeschichte. S. 133. 693 Vilém Flusser: Nachgeschichte. S. 134. 694 Vgl. beispielsweise FDK 27. Die von Strauß vorgenommene Verschränkung von diachronen Begriffen wie »antike[r] Gürtelschnalle« und »gentechnische[r] Rekombination« verdeutlicht diese Herangehens- und Denkweise. 695 Vilém Flusser: Nachgeschichte. S. 134. 696 Vilém Flusser: Medienkultur. S. 138. 476 hierzu kann das zyklische (und mythische) Verständnis von Zeit angeführt werden, das Strauß beispielsweise in Wohnen Dämmern Lügen oder Vom Aufenthalt gleichberechtigt diskutiert: »Auch der Weltenwurm ernähre sich durch Selbstauffressung, und darin vollziehe sich die Menschheitsgeschichte. Sie sprach lebhaft, ungezwungen und charmant, um so bedrohlicher näherte sich ihr verrückter ekstatischer Geist dem meinen, der die archaische Deponie, den Kult der Zergliederung mit Verstandeskräften nicht mehr zu bewältigen vermochte.« (WDL 59) »Wenn man sich vorstellt: die ganze geschriebene Welt wäre nur eine Parenthese oder wäre zwischen zwei Klammern gesetzt, die ihr Beginn und Ende sind, und die Klammern werden nun wie Stahlwände zusammenrücken und alles Geschriebene zwischen sich zusammenpressen wie ein Schredder, um einen beachtlichen Quader Rohmaterial zu hinterlassen der schriftlosen Welt. So daß von allen Werken und Entwürfen, von allem Können und Entsprechen nur dies bittere Faktum einer formschlichten Traurigkeit übrigbleibt, ein stummer Quader Schrift.« (VA 35) Ende und Anschluss beziehungsweise Fortsetzung liegen eng beieinander und der »Weltenwurm« bildet ein mythisches Grundelement bei Strauß, das auch in Beginnlosigkeit als »Uroboros-Grund« (B 73) berührt wird. Die Metapher des stummen Textquaders deutet in eine ähnliche Richtung. In beiden Fällen beschreibt Strauß hermetische Formen, die nur schwer aufzubrechen sind, oder Bewegungen, die statisch werden. Fading und Zyklus der Zeit sind dahingehend an die Bedingungen der Arbeitswelt gebunden, dass sie (wie der Rest der Gesellschaft auch) von Weiterentwicklungen geprägt ist, die mit jenen vergleichbar sind, die Flusser schildert und die auf ähnliche Weise empfunden werden. Die Monotonie der Arbeitswelt wird von den Figuren durchweg negativ gespiegelt. Zum Schaffenszeitpunkt der Fragmentsammlung Der Untenstehende auf Zehenspitzen ist diese Form der nachgeschichtlichen und entfremdeten Zukunft gewissermaßen eingetreten. Im Bereich der Arbeit manifestiert sie sich durch Großraumbüros und eine permanente Beschäftigung mit Computern und anderen Digitalderivaten. In »Wollt ihr das totale Engineering?« warnt Strauß vor der Vernetzung als ›große Fusion‹ und »Anschluß des persönlichen Bewußtseins an den Daten-lifestream des Computers« und in und außerhalb der Arbeitswelt überfordern die angenommenen Schaltkreise den Menschen in vielfacher Hinsicht. Hierin liegt auch eine Parallele zum Diskurs über das »Se- 477 cond Life«. In Der Untenstehende lautet die Fortsetzung der oben angeführten Passage: »Doch in der Mitte des Raums gab es einen kleinen schwarzen Tisch, gerätelos, leer, an dem ein junger stiller Mann vollkommen untätig saß. Es war, als strömten durch seine passive Mitte wie durch einen Spannungsumsetzer die Impulse und Verbindungen aller am Datenwehen beteiligten Personen. Hüter der Netze? Oder die Zentrale des anonymen Müßigen, von der alle Beschäftigten ihre Geschäftigkeit empfangen?« (UAZ 57). Dieser vernetzte Schaltkreismensch, der wie eine Überdauerung und Personifizierung des schaltkreissuchenden Situationsbeobachters aus Der junge Mann wirkt, wird mit zwei Interpretationen charakterisiert, jedoch bleibt in der Folge eine Entscheidung für eine der beiden aus. In Wohnen Dämmern Lügen beschreibt Strauß ein weiteres Mal die Arbeitswelt; hier aber zwischenmenschliche, hierarchische Reibereien zwischen einem Vorgesetzten und seinem Untergebenen. Die offenbarte Sichtweise auf den Schwächeren ist bezeichnend für das harsche Klima der modernen Arbeitswelt und sie bezeugt zudem, wie sehr diese zu einem sich selbst regulierenden System geworden ist, in dem die Arbeitsleistung des Einzelnen das System stabilisiert oder, wie hier angedeutet, destabilisiert: »Ein labiler Mann, ein verbrauchter Charakter. Eine kranke Seele, von der nichts Gutes zu erwarten ist. Es wäre für uns alle besser, wenn er seinen Stuhl räumen würde. Aber gerade das werden wir vermeiden. [...] Wir werden diesen Idioten intern auszugleichen wissen, wir werden diesen einen Dünnhäutigen gegen einen dickfelligen anderen aufwiegen; wir werden diesen Schwächling fester ans Netz schließen, wir werden den Betriebsfrieden um ein unberechenbares Element elastischer machen…« (WDL 76) Abstrahiert man von der intertextuellen Verbindung der beiden vorangegangenen Textstellen und appliziert Strauß’ Aussagen auf einen Anschluss an literarische (und mit Einschränkungen auch faktische) Arbeitswelten, fällt auf, dass das Verbindungsmerkmal der genannten Figuren darin besteht, dass es Berufe sind, in denen Beobachten, Beschreiben und eine gesteigerte Sensibilität einen großen Raum einnehmen und dass diese weit stärker als andere Berufsgruppen von den gesellschaftlichen Veränderungen in Folge der Globalisierung betroffen sind. Strauß schildert in einem begrenzten Raum die ersten Anzeichen des Eindringens der Globalität in 478 die Arbeitswelt. Assoziationen an die neuen Medien-Berufsgruppen sind nicht zuletzt wegen der ›Schaltkreismenschen‹ denkbar. Dass Strauß in den letzten zwei Jahrzehnten vor allem die sich rasant beschleunigende Vernetzung, Medialisierung und Hyperinformation reflektiert, lässt sich auch als Fortsetzung dieser Figurencharakterisierungen deuten, weil Strauß jene Themen aufgreift, deren Multiplikation durch diese Berufsgruppen teilweise erst ermöglicht wurde. Trotz dieser Zäsur ist dennoch eine Konstante erkennbar. 6.9 Gesellschaftliche (Gegen-)Praktiken II: Die Angst vor der neuen Welt, von Subkulturen & anderen Randbereichen der Gesellschaft Zusätzlich zu dieser Bewertung des Angestelltensubjekts gab es auch in den frühen Dramen bereits Beobachtungen von und durch Subkulturen wie beispielsweise die Figuren K und M in Kalldewey, Farce (1981), durch deren Darstellungen ein bestimmtes Gesellschaftsbild von unten transportiert wurde. Ihre vulgär-schroffe Sprache kontrastiert die geschwollenen Gespräche, die in Dramen wie Groß und klein (wie z.B. »Akt VI Familie im Garten«, GUK 473-482) oder Trilogie des Wiedersehens (1976) geführt werden. In Paare, Passanten (1981) skizziert Strauß den Zusammenprall von Bürgertum und Berliner Subkultur als Situation doppelter Kontingenz697, in der das gegenseitige Beobachten, Erwarten und Folgebeobachten ins Absurde umschlägt. Die Essenz solcher Szenen besteht darin, die Spannbreite an Individuen innerhalb der Gesellschaft ästhetisch zu verarbeiten und die etablierten Lagerbildungen zwischen den Schichten gekonnt zu brechen. Der »Paare« betitelte erste Teil von Paare, Passanten weist eine Vielzahl der- 697 Die Zusammenführungen dienen auch der Vermittlung einer Differenzerfahrung durch Überzeichnung des jeweils anderen. Vgl. exemplarisch Paare, Passanten: »Sie hocken beide angespannt oder wie sie vielmehr glauben: lässig hingegeben an der Bar, wo sie von Tunten, Dealern, Flippis, Totalverfärbten eng umgeben sind. Sie machen jeden Samstag einen Ausflug in die scene und spüren dabei nicht ohne innere Erregung, wie alles was an ihnen Mitte, Mehrheit, Durchschnitt ist, hier auf einmal, im anderen Milieu, die Außenseiterrolle spielt. Ihre Fahrt vom Au- ßenbezirk ins Zentrum der Stadt ist in Wahrheit eine von der Mitte an den Rand, die Spießer werden zu Exoten. Die Frau behält in der heißen Kneipenluft dennoch die Pelzmütze auf dem Kopf, es ist Winter draußen. Auf die freigewordenen Hocker neben sie setzt sich ein Schwulenpaar mit seinen Täschchen, seinem eau sauvage, seinen Seidenhemden. Da sehen sich der Harmlose und seine Gattin an – sie würden es wohl ›vielsagend‹ nennen – und müssen ein Kichern unterdrücken« (PP 21). 479 artiger Begegnungen, Paarungen und Konfrontationen auf, in denen verschiedene Figuren einerseits Anschluss an andere Einzelfiguren oder unterschiedlichste Gruppenkonstellationen und andererseits Loslösung von diesen suchen, sei es durch Provokationen und Oppositionen, durch Körperkontakte und Gruppenbildungen oder durch die Suche nach Übereinstimmung und Nähe. Botho Strauß schildert zerrissene Figuren voller Unsicherheit und Sehnsucht, die zwischen Inklusion und Exklusion schwanken. Einige seiner Episoden, Szenen und Skizzen können zudem als dauerhaft gültige Schilderungen angesehen werden, weil sie sich sowohl im Jahr 1981, zum Beispiel vor einem Fenster oder hinter einer Tür in der Keithstraße in Berlin-Charlottenburg, als auch 2017 mitten im segregierten Prenzlauer Berg abspielen könnten. Eine zeitgleiche Verortung des Kunstwerkes in der jeweiligen Gesellschaft ist kein primäres Ziel mehr. »Kongruenz und Gegenwartsnähe« oder »vorwärtsdrängende und bahnbrechende Verdienste« (PP 111), wie Strauß hervorhebt, rücken in den Hintergrund, weil die unendliche Menge medialer Abbilder (das heißt »die totale zeitliche Eindimensionalität des fotografischen Abzugs« (PP 113)) die Rezeption beeinflusst. Der Zugang zu authentischen Kunstwerken, das persönliche Betrachten eines Gemäldes, ist »Bild und Anti-Film-Bild zugleich« (PP 113) und ermöglicht epochen- ja sogar zeitübergreifende Anschlüsse. Strauß folgert, dass das Individuum aufgrund von »Zerstreuung und der Überinformation [...] zu lange vom Reichtum der Differenz gelebt« (PP 114) hat, dass es darüber hinaus zu drastischen Brüchen in der Wahrnehmung kommen kann, sobald sich Zeiten oder Räume eklatant verändern: »Und doch, von einen Tag auf den nächsten wechselt diese Kunst in eine andere Ära der Betrachtung und wirkt auf einmal voll und fertig und ein bißchen enttäuschend. Es mag vielleicht auch daran liegen, daß dieses lchtum, zwar leidend, schreiend usw., doch immer ausgesprochen heftig von sich selbst, seinem Standort, seiner Stunde, seiner Sendung überzeugt gewesen ist.« (PP 120) Der veränderte Rezeptionsmodus lässt die folgende Szene zu verschiedenen Zeitpunkten und an verschiedenen Orten funktionieren: »Das Leben der werdenden Mutter im Kreis werdender Mütter, alle solidarisch, im gröbsten verständigt […]. Helens Mann, Jurist, blond, stark gelichtetes Kopfhaar, Kinnbart, ist im vierten Monat ihrer Schwangerschaft 480 in die SPD eingetreten. Seine Neigung zu skandinavischen Abholmöbeln hat sich bei der Einrichtung ihrer Dreieinhalbzimmer-Wohnung durchgesetzt. Gute moderne Zweierbeziehung. Sie gehen lässig und freundlich miteinander um, ohne Übertreibungen, ohne Flamme. [...] In dieser offenen Nische voller Miteinander trägt sie ihr Kind aus, und die werdenden Mütter des Bezirks tauschen ihre Erfahrungen und Sorgen, etwas beängstigt jetzt, da sie gebären sollen, aber ein Wissen von den natürlichsten Dingen kaum mehr besitzen. Lauter warme solidarische Nester, schon bei geringster Übereinstimmung, darin die Leute ihr kleines Ganzes hüten, um dem furchtbaren Ganzen, wie es wirklich ist in der Welt, etwas entgegensetzen zu können.« (PP 25f.) Soweit geht aus dieser Szene keine direkte, sondern nur eine ironischdistanzierte, Aussage über den Zustand der Gesellschaft hervor, jedoch wird am Rande angemerkt, dass sich die Dinge in der Welt auf irgendeine Weise verschlechtert haben. Beschrieben werden ein kollektiver Nestbau und Sicherheitsbestrebungen der werdenden Eltern angesichts der nicht näher benannten Veränderungen der Außenwelt. Es scheint, als arbeite Strauß bewusst auf die Schilderung eines Bruches hin, der die Idylle ankratzt und dekonstruiert, denn er führt fort: »Und es ist gut so. Denn für den Einzelnen gibt es ringsum nur den Abgrund (auch den der aggressiven Selbsttäuschung, daß es anders sei). Es bleibt gar nichts übrig, als auch noch den albernsten Schund des Gesellschaftlichen mitzutragen: Vater, Mutter, Tochter gründen eine Eltern- Kind-Gruppe und vernetzen sich mit Kitas und Bereichsräten der Selbsthilfe, mit Eigenbedarfswerkstätten, dem Kneipenplenum und der fahrbaren Stadtteil-Psychotherapie. Und doch: wie möchte man sich immer mehr von diesen Menschen der Stunde, den ganz und gar Heutigen, unterscheiden. Wie wenig könnte es befriedigen, nur und ausschließlich der Typ von heute zu sein. Die Leidenschaft, das Leben selbst braucht Rückgriffe (mehr noch als Antizipationen) und sammelt Kräfte aus Reichen, die vergangen sind, aus geschichtlichem Gedächtnis. Doch woher nehmen ...? Dazugehörig sein in der Fläche der Vernetzung ist an die Stelle der zerschnittenen Wurzeln getreten; das Diachrone, der Vertikalaufbau hängt in der Luft.« (PP 26) Strauß widmet sich der Ausdehnung der gesellschaftlichen Umwelt, die mit ihrer Vernetzungsreaktion den West-Berliner Kosmos dahingehend zu beeinflussen beginnt, dass selbst die kritisch eingestellten Individuen anfangen, Gesellschaft als Faktum zu akzeptieren und zu adaptieren. Die Ab- 481 grenzungsbestrebungen können als Wahrnehmung der Veränderung gedeutet werden und lassen es (wenn auch an dieser Stelle nur zaghaft) zu, die bedrückende Gegenwart als Globalisierung aufzufassen. Sich der Entwicklung zu widersetzen, scheint beinahe unmöglich. Auch hier ist im Kleinen die Bildung eines abgeschotteten Systems mehrerer Familien als Reaktion auf die Veränderungen erkennbar, das sich in dieser studentischen Jugendkultur der 1980er Jahre konstituiert und erst durch die aus den 1960er und 1970er Jahren tradierten Mitbestimmungs- und Kommunikationspraktiken möglich wird. Heute wäre es hinter einer vorgeschobenen fair-trade-bio-Attitüde nicht anders: Distinguierte Abgrenzung gepaart mit zeittypischer Vernetzung. Neu hingegen sind Gentrifizierung, mediale Selbstinszenierung und cocooning698 als Beschreibungsschlagworte einer urbanen, hippen und tendenziell solventen wie gelangweilten Schicht, der die Abgrenzung zum stabilitätserhaltenden Selbstzweck wird.699 6.10 Gesellschaftliche (Gegen-)Praktiken III: Flüchtige Vernetzungen, soziale Rhythmen Die Vernetzungsdiagnose ist bereits in dieser frühen Phase in Strauß’ Texten unverkennbar präsent. Das Anschreiben gegen das »Zeitgeschehen« (PP 37), gegen die »Weltvernetzung« (PP 29) dominiert die Skizzen und definiert die Umrisse seines Standpunktes. Selbstverständlich darf man Strauß nicht mit einem Erzähler, »der etwas von außerhalb und unbeteiligt [...] beobachtet« (PP 41) gleichsetzen, jedoch sind Parallelen in der Ausgestaltung der Autorrolle und der Erzählerfiguren erkennbar. In solchen Momenten tritt auch die Beobachtung der Beobachtung zutage, denn die Überschneidungen und die Unterscheidungen werden hierdurch deutlich sichtbar, was also ist Beschreibung, was kritische Autorstimme in Äußerungen wie dieser? 698 Vgl. Holger Rust: »Die Spatzen der Minerva: Das Tschilpen der Trendforscher«. 699 Von Trend-Soziologen auch LOHAS genannt: »›Lifestyle of Health and Sustainability‹, also Gruppen bzw. Milieus, die sich einem nachhaltigen und gesunden Lebensstil verschrieben haben, eine ebensolche Infrastruktur aus Bioläden, Ayurveda-Praxen und Psycho-Berater benötigen, und dadurch zur Aufwertung eines Stadtviertels beitragen«. Vgl. Thomas Dörfler: Gentrification in Prenzlauer Berg? Milieuwandel eines Berliner Sozialraums seit 1989. S. 9-13. 482 »Zunächst scheint er gleichsam den banalsten Typ des Außenseiters vorzustellen: einen, mit dem jeder einverstanden ist. Ein Getriebener zur Mitte hin, der aus besonders schwerer Isolation heraus sich in den Mittelpunkt setzen muß, der seinen abartigen Mangel an geselliger Beziehung ausgleichen muß durch einen wilden Überschuß an dummem Zeug, das verbindlich reizt und prompt gefällt. Solange er die Runde unentwegt erheitert, wird sich keiner fragen, woran's dem Spaßvogel fehlen, woran er krank sein sollte. Und doch ist sein unablässiges Witzereißen keine geringere Raserei als schrie jemand oder stammelte verrückt. Nur: da sie auf dem Gemeinplatz tobt, kann sie sich in jeder ordnungsliebenden Gesellschaft halten, denn Lachen ist immer gesund. Für jemanden aber, der etwas von außerhalb und unbeteiligt den Mann beobachtet, treten die Züge einer gescheiterten, einer zutiefst gegenstandslos gewordenen Besessenheit hervor. Dem erscheint er auf einmal als ein vollkommen ins Durchschnittliche verunglückter Künstler. In seiner gefallsüchtigen Art parodiert der Alleinunterhalter unsere Einsamkeit auf das gröblichste. Zugleich erkennen wir seinen ausweglosen Zwang zum Witz und spüren, manchmal fast beängstigt, wie besinnungslos allein der ist.« (PP 41f.) Der Beobachter beschreibt scharf und präzise einen verlorenen Außenseiter. Oder in nachstehendem Auszug, der konkret einen Autor als Beobachtungssubjekt und -objekt nennt? »Des Autors beständiger Argwohn: jeder, der draußen auf der Straße geht in der Maske des Gleichgültigen, ist längst ein wissend Verstummter. Nur er, der ahnungslose Schreiber, läßt nicht ab und klärt das stillschweigend Erklärte. Man weiß nichts von ihrer wahren Begeisterung oder wahren Verzweiflung. Wenn sie den Mund aufmachen, distanzieren sie sich von ihrem Herzen.« (NA 85) Tragik und Einsamkeit sind hauptsächliche Merkmale dieser Stimmen, denen die Anschlüsse an die Gesellschaft nur über die Verfremdung und die Parodie normaler Interaktion gelingen. Paare, Passanten versammelt Figuren, denen der Anschluss nicht gelingt, die als »[e]ingekrümmt in einen ungeselligen Lebensraum« (PP 48) beschrieben werden. An den genannten Figuren wird ersichtlich, wie sehr die zunehmende gesellschaftliche Komplexität eine innere Angst vor Identitätsverlust im Kontakt mit der Gesellschaft verursacht. Exklusion und Fragmentierung sind die Folge dieses Verlustes, zu dessen Merkmal das schnelle Durchschauen anderer Menschen gehört. So schildert Strauß Menschen, die »fast zwanghaft auf Anhieb« »das We- 483 sentliche eines flüchtig berührten Menschen« (PP 68) erkennen und »mit Hilfe weniger Blicke, weniger Sinnesdaten den gesamten Verhaltens-Raum eines Menschen plötzlich hochberechnen können« (PP 68). Menschliches Handeln verkommt zu aus dem sozialen Kontext herausgelösten Fragmenten und Sprache wiederum zu Abziehbildern und zu Fertigteilen. In Niemand anderes greift Strauß das Thema auf ähnliche Weise auf, indem er im Kapitel »Monotropie« zwei Personen schildert, die dem gegenseitigen Blickkontakt – anders als allgemein üblich – nicht ausweichen und den »Schleier des feinen Desinteresses, der zivilen Bemerkensscheu« (NA 38) heben. Es handelt sich um eine Zufallsbegegnung im offenen, öffentlichen Raum. Im Unterschied zu Lackners Erstkontakt mit den unbeholfenen Figuren ist in einer solchen Situation Kommunikation nicht per se intendiert. Flüchtigkeit und Kontaktscheu sind plausible Optionen und laut Giddens beherrscht im Allgemeinen vor allem »höfliche Nichtbeachtung«700 den vermeintlichen Kontakt. In Situationen der Nichtbeachtung ist ein Empfinden von »Vertrauen« ausschlaggebend und wird »als ›Geräusch‹, und zwar nicht als zufällige Ansammlung von Klängen, sondern in der Form behutsam verhaltener und gezügelter sozialer Rhythmen«701 wahrgenommen. Strauß’ literarische Beschreibung und Giddens’ soziologische Sicht auf das Alltagsphänomen der Zufallsbegegnung kommen zu vergleichbaren Rückschlüssen: »Zwei Menschen nähern sich auf dem Bürgersteig einer Großstadt und gehen aneinander vorbei. Was könnte trivialer und weniger interessant sein? Ein derartiger Vorgang spielt sich womöglich sogar in einer einzigen Stadt täglich millionenfach ab. Dennoch geht hier etwas vor sich, was anscheinend unbedeutende Aspekte der Steuerung des Körpers mit einigen der besonders weit verbreiteten Merkmale der Moderne verbindet. Die gezeigte ›Nichtbeachtung‹ ist nicht dasselbe wie Gleichgültigkeit, sondern eine sorgfältig registrierte Darstellung verbindlicher Abstandhaltung, wie man vielleicht sagen könnte. Während die beiden Personen aufeinander zugehen, wirft jede einen raschen Blick auf das Gesicht der anderen und schaut weg, während sie aneinander vorbeigehen.«702 Strauß setzt nun dort an, wo Giddens’ Schilderung endet, und exemplifiziert die Entfremdung der Subjekte. Der Schleier ist zerrissen und dadurch 700 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 105. 701 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 106. 702 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 104. 484 auch der Konsens »Nichtbeachtung« und »Vertrauen« gestört. Es heißt: »Dabei hatte er sie schon einige Zeit angesehen und sich zu ihr in ein Verhältnis gesetzt, solange sie ihn nicht bemerkte« (NA 38). Der Erzähler beschreibt ein versuchtes Brechen der »Abstandhaltung«, indem die männliche Figur die weibliche und somit auch ihre Grenze anvisiert, aber sie zugleich nicht brechen will. Es ist eher eine subtil-erotische und widersprüchliche Phantasie, die hier vage angeregt wird und unter anderen Umständen in eine Obsession kippen könnte. Strauß spielt mit dem, was Giddens eine »potentiell feindselige Auseinandersetzung«703 nennt und auch die ›Auflösung vordefinierter Identitätsmuster‹704 werden literarisch überprüft. Das Spiel dient der Annäherung an einen gemeinsamen ›sozialen Rhythmus‹: »Wie empfindlich wünschte er, sie zu umgeben, sie zu genießen, ohne von ihr gesehen, angesprochen, ja sogar berührt zu werden! Die schöne Lethargie, in welcher ihre Geschichte rund um ihren Körper ruhte, dahindämmerte, sollte und durfte auf keinen Fall gestört werden. Diese Unerwecktheit, dieser öffentliche Schlafzustand ihrer Identität, ihrer Probleme und Verhältnisse war nämlich ihre sinnlichste Anmutung, und dies zur Schau gestellte Desinteresse, aus dem Schlaf des Ichs geweckt zu werden, war zugleich ihr heftigstes Signal. Eine solche vielleicht unbewußte, vielleicht höchst durchtriebene Aufzäumung von Passivität konnte ihn weitaus stärker fesseln als irgendein gefälliges Körperbewußtsein, als die üblichen Galanterien des Selbstgefühls beim fließenden Gebrauch von Händen, Haaren und Hüfte.« (NA 38f.) Strauß kontrastiert »Schlafzustand« und »Signal« und schildert ein Verschmelzungsbegehren, das nicht auf ausschließliche Körperlichkeit abzielt und nicht vorrangig die Bildung eines Intimsystems zur Absicht hat.705 Es geht ihm um die geistige Berührung und auch darum, die Bewegung des flüchtigen Kontaktes festzuhalten, literarisch eine Schwebe zu erzeugen zwischen der Sekunde vor und nach der Berührung: »Der erste Blick ist hier einer, der nicht sieht, sondern sich zeigt. Die Welt vor dem Lächeln, 703 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 105. 704 Vgl. Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 6f. 705 Vgl. NA 41: »Wir haben sein absolutes Gegenüber, seine unbezweifelbare Anwesenheit zu ertragen oder dürfen sie erwarten, ersehnen, ihrer gewiß sein. Um seine Ausschließlichkeit zu würdigen, nehmen wir ihm sogar die Genus-Differenz und nennen ihn oder sie: der andere. [...] Der andere bleibt für uns die erträgliche Einübung in die schroffe, ichlose Materie der übrigen Welt«. 485 dem Gruß. [...] Wir waren bereits, sagt der gedrungene Aufblick, ich komme zurück« (NA 40). Die Zwischensphäre symbolisiert einen Halt in der Bewegung und lässt sich unter freier Auslegung des gegebenen Textes eventuell auch als ureigenes Naturell des Menschen Botho Strauß deuten.706 Die potentielle Feindlichkeit der Welt und ihrer Menschen wirft auch die Frage auf, wie sich in Strauß’ Texten (abseits von Intimsystemen) Figuren, die einander bereits kennen oder zu kennen glauben, begegnen. Schon die frühen Theaterstücke Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle oder Die Hypochonder (beide 1972) setzen sich mit Vertrauen und Wiedererkennen von authentischen Figuren und ihren Doppelgängern auseinander. Die ebenfalls zu Beginn der 1970er Jahre verfasste Verwandlungsbeschreibung der Figur Lea aus der Theorie der Drohung, die ihre Transformation erst im Spiegel erkennt, sollte angesichts der späteren Auseinandersetzungen mit Verwandlungen und Auflösungen lediglich als Keim gedeutet werden. In Die Widmung verschwimmen die Stimme Schroubeks und die des Erzählers, so dass nicht klar ist, wer wann spricht. Hierdurch wird sowohl der Gedanke an eine Einheit als auch an eine mögliche Trennung dieser beiden Instanzen provoziert. Weitergedacht kann die Grenzverwischung zwischen beiden Stimmen auch als Überwindung dieser Grenze verstanden werden, wodurch die Erzählung eine gesteigerte Präsenz durch Indifferenz erhält. In den Prosatexten und den Dramen steigern sich die Verwandlungen mit den jeweils gegebenen Darstellungstechniken auf unterschiedliche Weise ins Absurde – bei ansonsten identischem Ergebnis: dem Selbstverlust. Helga Arend weist in den frühen von Strauß’ Texten »eine neue Grundlage, Identität zu formulieren«, nach und führt weiter aus: 706 Vgl. NA 211: »Schon viel ist gewonnen, wenn einer herausgefunden hat, zu welcher Art, zu welchem Typ er gehört, in wessen Stammesgeschichte er sich einreihen darf. [...] Es beruhigt mich, zu wissen, daß ich dem Typus des Streuners und Sinnierers zugehöre. Ich muß nicht sorgen, ein anderer zu werden. Das letzte Subjekt, das letzte Ich? Ach nein. Typen sind immerwährend. Nie geh ich aus, endlos setz ich mich fort«. Auch in Die Fehler des Kopisten verweist der Erzähler auf das Lesen als vergeblichen Schlüssel des Weltverstehens: »Meine Zeit hier: aufstehen, hinausschauen und es nicht fassen können. Das Buch aufschlagen, lesen, es nicht mehr verstehen. So befangen vom Staunen, verlernt der Geist sein Deuten« (FDK 12). Im Kontext der Veröffentlichung von Herkunft und des Prosabandes Der Fortführer im Frühjahr 2018 schließt sich hier ein selbsreferentieller Kreis um Strauß (vgl. boersenblatt.net: »Botho Strauß künftig bei Rowohlt«. Pressemitteilung vom 26. Januar 2017). 486 »›Die ›Theorie der Drohung‹ ist exemplarisch für einen Trend innerhalb der zeitgenössischen Literatur: den Trend zur Metapoesie, zum Theater- Theater, zur Selbstreflexion des Mediums innerhalb des Mediums und zum Objektwerden des schreibenden Subjekts.‹ Gleichzeitig mit diesen politischen Veränderungen verläuft eine erkenntnistheoretische Entwicklung. Das Subjekt, das sich selbst betrachtet, kann seine Einheit nicht wahren. Es tritt als eine Art Doppelgänger neben sich selbst und erlebt den Zwiespalt, dass es einerseits beobachtetes Objekt ist, andererseits zugleich der Beobachtende.«707 Die Selbstentzweiung in der Selbstbeobachtung trennt, wie Arend schreibt, den Beobachter in ein Subjekt und Objekt; Reckwitz benennt diese Trennung als eines der Merkmale des »Kreativsubjekts« und auch die Überlegungen zur Autorauthentizität am Beginn dieses Abschnitts spüren der Teilung in zwei getrennt agierende Sphären eines Subjekts nach. Selbstbeobachtung ist wiederum auch »Selbstpersonalisierung«708 und zudem eine »notwendig[e] Komponente autopoietischer Reproduktion«709. Der Blick von außen auf sich selbst ist maßgeblich für die Selbstgewahrwerdung und die Abgrenzung. Bei Strauß wird laut Arend dem ›haltlosen Individuum‹ »das Schreiben zu einem Anker«710, der Orientierung und Positionierung erlaubt. Teil der Doppelgängerinszenierung ist immer auch die Täuschung der übrigen Personen, woraus sich Konflikte und Verwechselungen ergeben, die insbesondere in den frühen Dramen von ernster (Spaak und Spaak, Vladimir in Die Hypochonder) oder humoristischer Natur (Doris in Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle) sind. Strauß variiert das Lea-Motiv und lässt in Wohnen Dämmern Lügen (WDL S. 55-64) die falsch-echte Loredana eine auflösende »Einswerdung« (WDL 64) mit der Erzählerfigur provozieren, bei der sie ihre Eigengrenzen verliert. In den späteren Texten kommen zusätzlich Auswirkungen der Überdeterminierung hinzu, sodass sich nun auch die Selbstverlagerung in die digitale Sphäre oder die gentechnische Reproduktion des Menschen als Themen aufdrängen. Der Unterschied zwischen Dramen- und Prosainszenierung besteht zudem in der Konfrontationssituation, die auf der Bühne gruppendynamisch gelöst wird, während diese in der Prosa in Zweierkonstellationen zu Identitäts- und vor allem Wahrnehmungskonflikten ausufert. Der erste Text der Geschichten- 707 Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 242. 708 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 155. 709 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 64. 710 Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 242. 487 sammlung Mikado erhebt das diffuse Gefühl der Verwechslung auf die nächsthöhere Ebene, indem Verzweiflung und erste Anzeichen des Wahns in die Handlung eingewoben werden. Nach einer Entführung bringt die Polizei eine Frau zurück, die der Ehemann nicht als seine erkennt. Er zweifelt an ihrer Authentizität und doch weiß sie Dinge aus der gemeinsamen Vergangenheit. Es stellt sich heraus, dass sich während der Entführungsdauer ihre persönlichen Eigenschaften verändert haben, jedoch entdeckt auch der Ehemann bei der Selbstbeobachtung ähnliche Eigenschaftsveränderungen an sich: »Es stellte sich jedoch heraus, daß dieser echauffierte Mensch auf einmal über alles anders dachte, als er bisher gedacht hatte – über Politik, Geld, seine Kinder und seine Vergangenheit. Mit einem Schlag hatte sein Geist die Farbe, den Geschmack, die Richtung und sogar die Geschwindigkeit gewechselt. Da dachte der Mann der Entführten: Es muß doch wohl an mir liegen. Die Menschen wechseln offenbar ihr Inneres genauso schnell wie ihr Äußeres. Sie stülpen sich um und bleiben doch dieselben!« (MIK 7) Seine Selbstpersonalisierung und -erhaltung führen zu einer doppelten Abgrenzung: einerseits von der Partnerin, andererseits von sich. Der Austausch der inneren Gestimmtheit vollzieht sich ähnlich schnell wie eine Rasur – und der Geschwindigkeitszuwachs überrascht den Mann: »Ganz verstehe ich es immer noch nicht, sagte er auf einmal mit entwaffnender Unbeholfenheit« (MIK 6), denn er hat die »Entwicklung nicht ganz mitbekommen« (MIK 7). Von der Entwicklung ausgeschlossen zu sein, erfährt auch ein anderes Subjekt in Mikado. Der Lehrer Alfred Ruf rutscht wie zufällig geführt in eine nicht-sexualisierte Bildungsaffäre zwischen Lehrer und Schülerin, deren Ziel die Fortsetzung »einer gemeinsamen langen Rede ohne Ziel« (MIK 39) ist, die Ruf zuvor mit einem Freund in intimer Zwiesprache führte. Es bleibt offen, ob die Zweierbeziehung allein auf dem Gespräch aufbaute oder auch ein Intimsystem begründete, wichtiger ist jedoch, dass Ruf eine Kette von Personen fortführt, die »das Leben eines anderen« führen, »nur stellvertretend [...] auf der Welt« (MIK 38) sind. Ruf äußert: »Ich stecke zwar nicht in seiner Haut, aber ich stehe unablässig unter seinem Einfluß. Im Grunde gebe ich ein getreues Wiederlauten von mir und spreche nicht mit eigenen Worten. Ich habe ihn übernommen. Ich lebe stellvertretend für Joe.« (MIK 38) 488 Die Handlung kreist um den leitmotivischen Satz »Dafür bin ich nicht der Richtige. Es ist mir nicht möglich. Ich führe das Leben eines anderen« (MIK 40) und macht die genannten Individuen zu entleerten Menschen, zu Doppel-oder besser Wiedergängern ihrer Vorbilder. Diesen Kopisten menschlicher Eigenarten stellt Strauß den Menschenfeind gegenüber, der statt Liebe oder aufrichtiger Verehrung Entfremdungsekel verspürt. Dem geschilderten Misanthropen gelingt die völlige Abwendung nicht, weil sie ohne das mitgedachte Andere der Unterscheidung zwischen ihm und seiner Umwelt nicht funktioniert. Vor der herbeigeführten Entbettung liegt die Einbettung in soziale Gefüge, welche erst in der Familie stattfindet, dann in wachsenden Kreisen von »ihm zufällig über den Weg laufende[n] Menschen. Dabei kommt auf jeden einzelnen in der Regel eine vergleichbar große Anzahl anderer, denen er in seinem Leben begegnet. Gleichgültig, ob sie ihm gefallen oder ob er sich von ihnen abkehrt: die Menge der anderen bildet die Voraussetzung für sein eigenes Verhalten. Beides, die anderen und wie er sich zu ihnen verhält, führt bei jedermann zur Entstehung eines Typus, den er mit der Zeit ausprägt und den kein Mensch aus sich selbst erzeugen kann.« (MIK 56) Die Fortsetzung fußt auf der flüchtigen Vernetzung mit dem »Stammbaum« (MIK 56). Das »tiefere Gefühl« besitzt »einen ungezähmten Vorfahren«; Strauß verweist auf »eine Handvoll Elementarien des Gemüts, des Gewissens, der ideellen Wahrnehmung, des Stils etc.« (MIK 56), die das Fundament der zyklischen Variation ausmachen. Ähnlich gelagert ist das Dilemma der 53 virtuellen Freunde711, das in Vom Aufenthalt thematisiert wird. Analog wie digital ist ein eigenständiges Existieren mittlerweile nur noch unter erschwerten Bedingungen möglich. Durch Strauß’ Werk zieht sich in Form der Anschlüsse an die Literatur ein dritter Weg. Diese Wiederbelebungen und Zyklen sind sich strukturell ähnlich. Die digitalen Repräsentationen in den Avataren des »Second Life« (nicht nur bezogen auf 711 Vgl. VA 226f.: »Im Durchschnitt hat heute jeder Heranwachsende 53 Freunde – virtuelle. [...] Natürlich hat jeder einzelne (wo ist er geblieben?) der 53 Freunde wiederum 53 Freunde – eine Millionenschar ist so schnell verbrüdert«. Punkt 12 dieses Kapitels geht näher auf diese Passage ein. Vgl. zudem auch Lars Qvortup: Der hyperkomplekse samfund. S. 23: Wenn alle virtuellen Kontaktwege aktiviert werden würden, droht der unmittelbare Komplexitätstod; technische Notabschaltung oder menschlicher Nervenzusammenbruch. 489 die konkrete Nennung in Das blinde Geschehen, sondern als Leitmotiv seit der Jahrtausendwende verstanden) hybridisieren die Subjekte bei Botho Strauß auf ähnliche Weise wie es durch die Dialoge mit literarischen Vorbildern geschieht. Beide Vorgehensweisen erschaffen Doppelgänger oder zumindest Stützcharaktere, um die durch die globalisierenden Prozesse entstandenen Leerstellen füllen zu können. Das Doppelgängermotiv der frühen Texte zielte, wie gezeigt, auf andere Aussagen ab, was nicht die Kritik an der Dominanz und auflösenden Kräfte der Digitalisierung abschwächt oder revidiert, sondern dem Motiv eine weitere Aussage hinzufügt. In diesen Fällen finden die Globalisierungsprozesse erneut auf dem Mikroniveau der Figurenebene statt. Aus Strauß’ Perspektive sieht sich die Innensphäre durch Digitalisierung bedroht und durch Analogisierung der Literatur wiederum gefestigt. Es geht um die Stärkung der Grenze, bevor durch Auflösung der Schutzbarrieren der Selbstverlust eintreten kann. Auch das Verhältnis des Kindes zum Vater kann eine Art der Doppelgängerfunktion darstellen, wenngleich sie anders ausgestaltet wird als die Körpergleichheit der zuvor herangezogenen Doppelgängerpaare. In Die Fehler des Kopisten oder in Herkunft schildert Strauß Eltern-Kind-Paarungen, bei denen es darum geht, variierte und zyklische Ebenbilder dieser zu erzeugen und auf diese Weise eine Weiterführung der Eigenschaften, des Wissens und der Abgrenzung zur Umwelt zu gewährleisten. Die geschilderten Erziehungsversuche, bei denen das Wissen einer Generation auf die nächste übertragen werden soll, sind zugleich auch Positionierungen gegen das »Weltnetz« (FDK 28): »Wie es dem Allgemeinen ergehen sollte, dem Menschen, dem Globus und ähnlichen allegorischen Fiktionen, darüber scheint ein Wissen längst breitgetreten; aber wie das Kind leben soll ohne das Allgemeine, das als Gedanke eine Ruine ist, auf dem Kopf oder im Nacken wie eine alte Kanonenkugel lastet, so unnütz und schwer, darüber können allein Die Mutter Der Vater Der Künstler entscheiden. (›Man muß das Allgemeine als seinen einzigen und ehrgeizigsten Feind betrachten, darf es nie aus dem Auge verlieren und soll es in seinen Machtansprüchen stets zu überlisten suchen.‹)« (FDK 30) Der Fokus wird weg vom gesellschaftlichen Niedergang hin zur Hoffnung verschoben, die von der nächsten Generation ausgeht, dennoch bleibt »das Allgemeine« Kontrapunkt und Widersacher. Die Zukunft des Globus hebt Strauß auf eine Metaebene und blendet an dieser Stelle die Konsequenzen der Weltrisikogesellschaft vollends aus; konzentriert sich ausschließlich auf 490 die Enge der Familie, der Intimsysteme oder der Literatur, so verstanden, dass in diesen Gesellschaftsbereichen die Wahrung des Etablierten und der kulturellen Werte angesichts des Verfalls im Draußen das höchste Anliegen ist. In den untersuchten Textstellen zeigt sich auch die unterschwellige Bedeutung eines Rhythmusgefühls für den gelingenden Anschluss an andere Menschen (das heißt insbesondere auch, den richtigen Ton in der menschlichen Kommunikation zu finden – gehoben, kindgerecht, schroff, vulgär…), auch wenn dieser aus Strauß’ Sicht im Idealfall in Isolation und au- ßerhalb des »Weltnetz[es]« erfolgt. Die Gegenüberstellungen zielen darauf ab, eine »gemeinsam[e[ Stimmfühlung« (B 31) auch im privaten Dasein zu implementieren. Die erziehenden wie besorgten Vaterfiguren in Die Fehler des Kopisten oder Herkunft stellen eine Vergrößerungsoptik für die Feinheiten der innerfamiliären Anschlüsse und Abgrenzungen dar. Das Dilemma, das in den meisten der untersuchten Paarungen hervortritt, besteht in der Frage nach der Zugehörigkeit. Strauß problematisiert in seinen Schilderungen, ob das Paar es schafft, eine Einheit der differenten Binnenbestandteile zu werden. Und was geschieht dann? Unter Verwendung binärer Begriffspaare skizziert der Erzähler in Niemand anderes die Flüchtigkeit der Annäherung: »Ich sehe nur die Zugehörigkeit des einen zum anderen; oder das, was sie unterbricht, stört, gefährdet. Alles: Sehnsucht und Erinnerung, Ablehnung und Befürwortung, Leid und Glück ergeben sich aus der Erfüllung oder den Mängeln solcher Verzweiung. Deshalb heilige und übertreibe ich das Paar und hasse seine Deformation wie eine Blasphemie, ganz besonders aber die grundsätzliche Entstellung, die ihm durch die beleidigende und grausame Tatsache zugefügt wird, daß es für die meisten Menschen viel mehr als nur einen anderen gibt auf der Welt. Für mich aber gibt es nur den anderen. Er ist mir so ursprünglich und radikal vorgesetzt wie dem großen Rousseau das gesellschaftslose Individuum.« (NA 41f.) Dies drückt zugleich aus, was übergeordnet für die meisten Paarbindungen bei Strauß gilt. Das Paar als soziale Einheit muss erst entstehen und setzt wie in der Bewusstseinsnovelle Die Unbeholfenen Offenheit oder Introduktion voraus. Das Paar darf ebenso nicht zwangsläufig auch als Intimsystem gesehen werden. Paarbildung minimiert die wachsende gesellschaftliche Komplexität und vermag, die inneren Ängste der Paarteile vor Identitätsverlust gegenüber der Paar-Umwelt zu minimieren, weil das Paar seine (Um-)Welt ausblenden kann. In der Paarbildung wird »die erträgliche Ein- 491 übung in die schroffe, ichlose Materie der übrigen Welt« (NA 41) auf den kleinsten Nenner reduziert, das heißt in diesem Fall Kontakt zu nur einer Person statt zur Gesellschaft, sei es im Geschlechtsakt, der Kindeserziehung oder im privaten Gespräch. Mentale Intimität und »Zwiesprache« (NA 42) funktionieren laut Strauß nur, wenn »soziales Geräusch« und »Öffentlichkeit« (NA 42) ausgeblendet werden und gar nicht in das Gespräch eindringen können. In Strauß’ Anforderung an den privaten Austausch fließt auch ein, was Andreas Reckwitz »die Bedingungen für eine soziale Freisetzung – eine Befreiung des Subjekts aus kollektiven Bindungen«712 nennt. Strauß variiert das Thema und lässt im darauffolgenden Fragment einen »Liebesnarr[en]« (NA 47) wortgewaltig über die aus dessen Sicht schwindende Differenz von Paarbildung und öffentlichem Raum, das heißt auch (Um-)Welt, fabulieren: »Cafés und Eisenbahnen, Kaufhäuser und Kinofilme, Plätze der Menschen, sie sind alle Du geworden. Das große, runde, leere und zu erfüllende, das weltverschlingende Du« (NA 47). Der Raum wird in heterotopische Symbole umgedeutet und proaktiv erlebt. Auf diese Weise vergrößert er die Aktionssphäre des Paares, unterstützt ihre »Vereinsamung« und die »Verzweiung« (NA 47) und die Distanz zur Welt, blendet störendes Rauschen aus, denn auch hier fließen Frequenzen und insbesondere Interferenzen der Außenwelt nur bis an die Paargrenze heran, um dort zu verebben. Überschrieben ist das Kapitel mit »Drei Formen der Ausschließlichkeit« (NA 47) und vermittelt dadurch die besagte Distanz und ein totaler Fokus auf das Gegenüber blendet alles Übrige aus: »Wir retten in der Liebe das Eine vor dem maßlos Vielen. [...] Gäbe es nicht die Eine, so könnte ich die Welt um mich herum nicht vergessen« (NA 47). Wie schon angeführt, klammert Strauß in der Episode »Monotropie« die Umwelt des Paares aus und konzentriert sich nahezu ausschließlich auf dessen innere Interaktion: »Das schöne Gespräch will das Gemeinsame erkunden. [...] Etwas freiere Köpfe unterhalten sich ornamental. Sie flechten Gespräche. Sie sind großzügig mit der Bestätigung, zurückhaltend mit dem Kontrageben. Das Zwiegespräch ist kein kunstvoller Dialog. Es ist eine offene Komposition ohne Ziel und Absicht.« (NA 43f.) 712 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 9. 492 Die Parallele liegt in der Sicht auf das soziale Rauschen, das Strauß als soziales Umgebungsgeräusch betrachtet.713 Die »behutsam verhaltene[n] und gezügelte[n] soziale[n] Rhythmen«714 nach Giddens geben im Umweltrauschen indirekt den Takt des Zwiegesprächs vor. Zwar passieren die Rhythmen nicht die Systemgrenze, führen aber zu einer ähnlich strukturierten Resonanz auf der Innenseite des Systems; anders gewendet nutzt das Paar Rhythmen, Intonationen, Akzentuierungen aus belauschten Umweltkommunikationen als strukturelle Blaupause für die innere Kommunikation im Sinne des Zwiegesprächs: »Es wird von Rhythmen, Wellen, Reizen hingetragen, von nächstem Widerhall, wie sie nirgends sonst in der Geselligkeit vorkommen. Schweigen, Hören, Fragen, Sprechen. Verschiedene Arten der Stille können entstehen: das aktive Schweigen während des Zuhörens. Aber auch das gemeinsame Schweigen, eine der halsbrecherischsten Übungen, die im Gegenüber vollführt werden kann. Gewöhnlich erfahren wir das Schweigen voreinander – das zeitweilige Nachsinnen, die kleine Abwesenheit, die Verlegenheitspause. Das Schweigen miteinander hingegen wird meist gefürchtet wie ein black hole in der Menschensphäre.« (NA 44) Diese Vorgehensweise und Beeinflussung entspricht jener Kommunikationsweise mit der Literatur, der sich der Erzähler in Vom Aufenthalt verpflichtet sieht – »Wellen und Stöße des Ungeahnten, fremde Frequenzen, überschlägige Berechnung von Existenz, die man vornimmt« (VA 14f.), fließen in das Werk ein. Dort wie in Niemand anderes gefährdet auf der Innenseite »der Sturz ins blinde Vertrauen« (NA 44) die Kommunikation. Luhmann fragt in einem vergleichbaren Kontext zurecht zum Aspekt der vollkommenen Aufrichtigkeit, ob »der andere wie ein Thermometer an die eigene Temperatur angeschlossen werden« soll, um in allen Situationen und Lebenslagen ›aufrichtig‹ sein zu können und vor allem zu wollen.715 Das »blinde Vertrauen« impliziert völlige Aufrichtigkeit. Auch in der »Liebe«, die für Luhmann nichts anderes als einer von vielen kommunikativen 713 Vgl. nochmals die Kapitel zu Beginnlosigkeit, Die Unbeholfenen und Der Untenstehende auf Zehenspitzen. Strauß differenziert zwischen der kommunikationserhaltenden Codierung (das meint: Gespräch) und dem nicht anschlussfähigen Geschwätz, welches für ihn gesellschaftliches Rauschen beinhaltet. 714 Anthony Giddens: Die Konsequenzen der Moderne. S. 106. 715 Vgl. Niklas Luhmann: Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität. S. 208-215, hier S. 211. 493 Codes ist, »darf sich nicht provozieren lassen. Liebe muß nicht reaktiv, sondern proaktiv handeln. Nur so kann sie nicht nur auf das Handeln, sondern auf das Erleben, auf die Welteinstellung des Geliebten reagieren und sich in einer noch nicht definierten Situation frei bewegen«716. Das scheint auch Strauß zu wissen, denn nachdem die Aufrichtigkeit als das »blinde Vertrauen« benannt wird, erlischt die Magie und »Monotropie« ändert unversehens die Perspektive und beklagt nun die Überkommunikation (»[d]as viele Reden« (NA 44)) des Paares und beschreibt den Niedergang der Innenkommunikation, an dessen Ende die Welt mit all ihrer Komplexität in das Paar eindringt und die Intimität des Gesprächs (und auch des Paares) auflöst: »Sie haben den ganzen Atem der Sprache ausgehaucht, sie haben ihn verbraucht. Der Hauch, gottgegeben, Menschensprache, verbraucht, verpufft, vergeudet. Nach der Beschwörung wurde das Wort Gesetz. Nach dem Gesetz wurde das Wort Gespräch. Nach dem Gespräch wurde das Wort Kommunikation. Nach der Kommunikation wurde das Wort – ausgesto- ßen aus der menschlichen Gemeinschaft. Sinnlos irrt es nun von Mund zu Mund und läßt uns zurück in einer unberufbaren Welt. Ewiger, armer Wanderer ... Wir vergehen in Ausgesprochenheit.« (NA 45f.) Der Aussage folgen montierte Gesprächsfetzen, welche die Entzweiung eines Paares nachzeichnen, die ihrerseits durch die Sprachlosigkeit ihrer Verbindung und der »unberufbaren« – das heißt auch einer nicht mehr gänzlich fassbaren überkomplexen – »Welt« vorangetrieben wurde. Wie die angeführte Kette verdeutlicht, erodiert das Paar stetig von innen nach au- ßen. Im Zuge dieser Bewegung (oder Entwicklung?) erodiert auch der Einzelne; die »unaufhaltsame Auszehrung, Entleerung, Ermattung deiner Person« (NA 46) ist nicht aufzuhalten. Das letzte Aufbegehren äußert sich als in den Raum geäußerte Fragen: »Hat wer noch Charakter? Oder ist jeder nur ein Zwischenmensch, ein Interaktivum, vielverwoben und durch tausend Rücksichten relativ, ein einziger umfassender Entschuldigungsgrund?« (NA 46). Der Umkehrschluss lautet, dass das Paar bedroht ist, weil auch der einzelne Mensch bedroht ist. Paradox an dieser Feststellung ist, dass das Paar sich (neben anderen Gründen) bildet, um der Welt eine Einheit entgegensetzen zu können und um sich gemeinsam gegen die »ichlose Materie der übrigen Welt« (NA 41) zu behaupten. Strauß kann so verstanden werden, dass die Paarbildung in der Gegenwart zum Scheitern verur- 716 Niklas Luhmann: Liebe als Passion. S. 210. 494 teil ist, aber zugleich ein Refugium bildet, um für einen Augenblick dem Strudel entkommen zu können. Zudem verdeutlichen die vorangegangenen Detailanalysen ein gemeinsames strukturelles Merkmal: Dialoge oder Reflexionen beginnen mit einer Beobachtung und entwickeln sich über ähnliche Themen und Motive, um dann wie zufällig in Beobachtungen der Welt zu münden. Die Welt ist plötzlich ›unberufbar‹ (Niemand anderes), ein »Weltnetz« (Die Fehler des Kopisten) oder aus ›Einzelheiten und Isolationen‹ (Vom Aufenthalt) zusammengesetzt. Strauß etabliert absichtlich kreisende, taumelnde, tänzelnde Bewegungen in Richtung der jeweiligen Weltsicht- äußerung, die wie ein Schlussakkord im Leser nachhallt, nachdem das Thema in Variationen wiederholt angespielt wurde. In Die Fehler des Kopisten erläutert Strauß diesen Gegenstandpunkt, von dem aus er die Eigenerfahrung über die Fremderfahrung stellt, genauer: »Es ist besser, nichts von der Welt zu wissen, als zuviel von ihr, das man nicht selbst erfuhr« (FDK 102). Für einen Moment bleibt vage, woher diese Erfahrungen kommen sollen, wenn, wie es zuvor hieß, jeder Augenblick bereits in der Literatur vorweggenommen ist. Das Paradox lässt sich nur lösen, wenn die ästhetische oder kommunikative Weltvermittlung der Literatur oder des Gesprächs als Grundlage eigener Erfahrung angesehen wird, wie bereits im Eingangskapitel zur Verehrung literarischer Vorbilder festgestellt wurde. Indem gelesen oder zugehört wird, wird etwas in der meditativen Langsamkeit der Sprachdekodierung über die Welt erfahren und Welterfahrung kann laut Strauß auch auf Grundlage der Beobachtung zweiter Ordnung erfolgen. Ein erneuter Blick auf im ersten Kapitel bereits besprochene Stelle vermag die Fremderfahrung zu verdeutlichen: »Zu lesen, allein, Abend für Abend, zu sammeln und zu ordnen, ohne sich daran zu berauschen, weder unterhalten noch entlastet oder abgelenkt, nur um: dahinterzukommen, als Ermittler, Endlos-Ermittler in der Sprache, aber auch in ihrem zarten Jenseits forschend, jenseits der Sprache das Gehabe, der Nimbus, Wellen und Stöße des Ungeahnten, fremde Frequenzen, überschlägige Berechnung von Existenz, die man vornimmt, innerhalb einer Frist, die nur aus Büchern besteht.« (VA 14) Strauß’ Erzähler zelebriert einen meditativen Exegesezustand in räumlicher Stille, in der jedoch die Kognition in der fast schon manischen Suche nach Zusammenhängen und Erklärungen in einen Konzentrationstunnel mündet. »Fremde Frequenzen« und mit ihnen ›soziale Rhythmen‹ fehlen. Strauß dekonstruiert den Leseprozess und propagiert ein einerseits hermetisches 495 und andererseits netzoffenes Nachspüren. Während Vernetzung den Menschen aus seinen festen und in der Zahl überschaubaren Verbindungen löst und negativ verstanden wird, öffnet die Vernetzung der Literatur Zugänge zu Nebenschauplätzen des Geistes, welche in hangelnder Bewegung erschlossen werden: »Entziffern ohne das geringste Beschleunigungs- oder Vergrößerungsmittel, abgesehen von jenem perfekten Alleinsein, das die Welt wiederum in lauter Isolationen und Einzelheiten zerlegt, Detailvergrößerungen. Was ist das für ein Verstehen? Ein abirrendes, vagabundierendes, hinausziehendes ... vielleicht schon alles Fugue, die Flucht hinaus, seinem Bewußtsein zu entfliehen, weil aus gestrüppigem Versteck, da draußen irgendwo, der äu- ßerst Auswärtige dich rief?« (VA 14f.). Es wird ein Leseverfahren eingefordert, das die Zusammenhänge in ihre Einzelbestandteile, das heißt in überschaubare Größen, auflöst und auf diese Weise die Komplexität der Welt reduzieren kann. Kritisch hinterfragt werden muss, ob Strauß’ ›Ermittler-Figur‹ den Leseprozess in Interpretationen münden lässt oder ob es bei sammelnder und entnetzender Lektüre bleibt, um sich dem »Schon-Geschriebene[n] der Welt, dem wir begegnen müssen, um zu leben« (FDK 90), zu nähern. In Kongreß invertiert Strauß den Beobachtungsmodus der Literatur und weist durch ihn die Schaffensbedingungen jener Reflexionsliteratur nach, die das literarische Quellmaterial liefert: »Es scheint sogar, daß jenes Organ für früher und damals, welches gewöhnlich die Biographie eines Menschen ordnen hilft, bei uns ein seltsam zurückgebildetes, fast schon verkümmertes ist. Und doch weiß ich es nur zu genau und niemand als der Leser könnte es besser bezeugen: ohne dieses Organ, ohne die Erfahrung von alter Welt und ihrem Untergang wäre nie ein großer Roman geschrieben worden. Ohne Enden, als Roman, wäre der Mensch um einen lebensnötigen Trost gebracht. Alle großen Erhebungen des Herzens ereignen sich im geschauten Vergehen. Und nimmt man uns den Sinn fürs Vergehen, so versetzt man uns in eine immergrelle Komödie ohne Zeit und Raum.« (KKD 44f.)717 717 Vgl. zudem FDK 107: »Der technische Hedonismus wird dafür Sorge tragen, daß in einem gegebenen System von Biografie genügend Schnittstellen zu außerbiografischen Erlebniswelten bestehen. Nur ein reibungsloses Ineinander von At- 496 In den wenigen Jahren, die zwischen dem Kongreß und Die Fehler des Kopisten liegen, geschieht eine graduelle Verschiebung, in der das Narrativ an der Komplexität der Welt scheitert. Zum einen bleibt »das Schon-Geschriebene [...] vielen verborgen oder wird unsäglich flüchtig durchgeblättert« (FDK 90), zum anderen ist »[d]as Subjekt [...] außerstande, das maßlos Disparate, das ihm zugespielt und eingeblendet wird, als ein Autor zu ordnen, als ein Autor des Verstehens« (FDK 95). Strauß führt das Versagen auf die übermächtige Komplexität zurück: »Kein Subjekt, nicht einmal ein Musil, wäre fähig, die ziellosen Bewegungen innerhalb des umfassenden Nichtfortschritts zu erzählen, in ein Präteritum zu ordnen, als stiegen und fielen die Zeitalter noch. Das unerfindlich Viele, das mal als ein schlechter Witz erscheint, mal als ein blühendes Pluriversum, das machtvoll durch sich selber herrscht, duldet kein anderes Autorbewußtsein neben sich.« (FDK 96) Sprache versagt an dieser Stelle der Entwicklung jedoch nicht, weil sie vollends versiegt, sondern weil es ihr nicht gelingt, Tiefe und Dauer zu erzeugen. So sind laut Strauß zum Beispiel »mittelbare Instanzen, interne Medien, etwa die galoppierende Zunge oder das desultorische Gedächtnis, in denen sich das unbegriffene Wissen der Zeit bemerkbar macht, dies Wissen ohne Wissende« zu sehr in den Vordergrund getreten. Verflachung und misslingender Anschluss an das Erbe der Frühmoderne, das Archiv der Literatur oder die überlieferten Weltbilder fördern die von ihm abgelehnte Kurzweiligkeit der Gegenwart und erklären die Kapitulation vor ihr: »Wenn früher ein Mensch in Ohnmacht fiel, weil er einen großen Affekt nicht bei klarem Bewußtsein meistern konnte, so ist heute das Bewußtsein vom Ganzen der Welt in Ohnmacht gefallen, und diese Ohnmacht entläßt noch Seufzer wie ›Worldwideweb‹, ›Apokalypse der Natur‹ oder ›Wertezerfall‹. Dies wird nicht von bleichen Wangen und Lippen angezeigt, sondern vom ohnmächtigen Gerede, das viel glaubwürdiger das verlorene Bewußtsein vom Ganzen der Welt bezeugt, als es die sinnliche Belästigung, die es zweifellos darstellt, vermuten ließe.« (FDK 96f.) mung und biografieübergreifenden Erlebnissen wird dann noch als Lebensgefühl registriert«. 497 Was geschieht hier genau? Das Subjekt sieht sich mit stark veränderten Daseinsbedingungen konfrontiert und es fällt ihm zusehends schwerer, die Veränderungen zu deuten und in eine diskursive Praxis umzusetzen. Es verschlägt ihm die Sprache bis hin zur Ohnmacht und vereinzelt es. Auf die hereinbrechenden Folgen der Weltrisikogesellschaft antwortend, resümiert Strauß, dass »[e]in Leben mit der bitteren Einsicht in die Unrettbarkeit der angenehmen Verhältnisse [...] bei weitem erträglicher [ist], als die geringste Konsequenz aus ihr zu ziehen« (FDK 109). Diese Zerrissenheit korreliert mit einer These Giddens’, nach der sie eine direkte Reaktion auf die Prozesse der Globalisierung ist, weil sich diese »im wesentlichen auf diesen Dehnungsvorgang [bezieht], und zwar insoweit, als die Verbindungsweisen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten oder Regionen über die Erdoberfläche als Ganze hinweg vernetzt werden«718. Globalisierung bedeutet für den Menschen in diesem Sinne neben der Dislozierung, deren Merkmal die »Verpflanzung in globalisierte Kulturund Informationsumfelder«719 ist, auch Deterritorialisierung und den provozierten Kampf um Raum. Dass das Erstarken der Institutionen der Moderne, das heißt nach Giddens ›Expertensysteme‹ oder nach Luhmann ›Funktionssysteme‹, einen großen Einfluss auf die Entwicklung hat, bedrängt das Individuum umso mehr, auch wenn Giddens bei dieser Einbindung von einer Art Re-Entry in soziale Beziehungen, die »an lokale raumzeitliche Gegebenheiten geknüpft«720 sind, ausgeht. Die funktionale Ausdifferenzierung nimmt an Geschwindigkeit zu und beschleunigt so auch die gesellschaftliche Entwicklung, welche die Figuren als Fragmentierung, Entleerung und Auflösung von und Herauslösung aus Kontexten wahrnehmen, wie der nächste Abschnitt näher erläutert. 6.11 Flüchtige Passantenwelt. Oder: Nichtvernetzung In den Texten begegnen dem Lese- und Theaterpublikum traurige, tragische, törichte Figuren. Nahbeobachtungen zum Stillstand gebrachter Zeitsequenzen und absurder Ereignisse. Bei Strauß sind es Sequenzen und Miniaturen, während ähnliche Grundbedingungen in anderen Texten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wie beispielsweise bei Wilhelm Genazino (Die Liebesblödigkeit) oder Juli Zeh (Unterleuten) zu Romanen ausge- 718 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 85. 719 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 175. 720 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 102. 498 arbeitet werden. Auf eine den Leser ergreifende Traurigkeit zielt in Niemand anderes beispielsweise die Episode mit der alten Dame ab, die auf ihren Familienbesuch wartet, der nicht kommt, wie sie am Telefon erfährt, nachdem bereits alle Vorbereitungen trotz der Altersstrapazen getroffen wurden. Die alte Dame beobachtet eine andere alte Dame im Altenheim gegenüber – und es könnte auch eine Spiegelung im eigenen Fenster sein: »Jedoch, sobald sie ins Zimmer zurücktritt und die Tür hinter sich verschlossen hat, wirft sie erst recht die Arme hoch und gebärdet sich mit Entrüstung gegen das lästige Draußen. ›Geh weg, du helle, falsche Welt!‹, so schimpfen die Arme« (NA 16). Die Szene verdeutlicht die Isolation und Kommunikationslosigkeit der Menschen in der sich globalisierenden Gegenwartsgesellschaft und wirkt so ergreifend, weil es eben keine freiwillige und bewusst herbeigeführte Exklusion ist, sondern eine unfreiwillige, von außen auferlegte. Das Bild erinnert zudem an die herzlich-intimen Schilderungen der alternden Mutter in Die Fehler des Kopisten, auch weitere Betrachtungen alter Menschen weisen bei Strauß große Sanftmut und eine anrührende Aufrichtigkeit auf, wodurch die geschilderte Einsamkeit und qualvolle ›Einkehr ins Einstweh‹ (vgl. FDK 133) (wie sie auch in Herkunft die Portraitierung des Vaters dominiert), außerhalb aller Gesellschaftskritik einen eigenen Stellenwert bekommt. Eine andere Figur äußert, eine »Magd« zu sein, »die ihre Zeit überdauert hat in der zeitlosen Sphäre der Demütigung, alles fühlend, nichts mehr erwidernd. Ein Mensch, längst aus dem Verkehr gezogen, der nur in der Form seines Leidwesens noch fortlebt und da ist« (NA 31). Strauß schildert die Gegenwart als menschenfeindlich, als ›kalt und erloschen‹ (vgl. NA 32). Sowohl Niemand anderes als auch Paare, Passanten nebst Rumor und Der junge Mann entstehen im gesellschaftlichen Klima Westberlins der 1980er Jahre und archivieren dieses. Der Fokus mag auch mit der räumlichen Enge Westberlins oder Westdeutschlands zusammenhängen, auch wenn konkrete politische Bezüge auf den Ost-West-Konflikt nur selten zu finden sind. Dabei sind Bezüge auf eine Welt im Wandel, wie sich zeigt, vorhanden, jedoch noch nicht so ausgeprägt wie in den späteren Texten, was auch für die sensible Wahrnehmung sowie Parallelprogression im Werk spricht. Es gilt somit, dass diese frühen Vereinzelungsprozesse als Bestandteile jener Gesellschaftsveränderung gesehen werden sollten, die von der Globalisierung ausgehen und von Strauß als feine Schwingungen wahrgenommen werden, bevor sichtbarere Verschiebungen einsetzen. Strauß sucht die Gründe für die gesellschaftliche Erosion auf der Ebene des menschlichen Zusammenlebens und spiels und blendet dennoch die soziale Wirklichkeit seiner Figuren nicht aus. Am Ende des ersten Kapitels 499 von Paare, Passanten resümiert Strauß die Krise des Subjekts und stellt fest, dass im zwischenmenschlichen Umgang »der andere (nie wir selbst) Zug um Zug sich automatischer verhält« (PP 71), dass das »Netzwerk von Trieb und Triebverstörung, von Motiv und Scheinmotiv« (PP 71) den Menschen durchsichtiger macht. Die Außengrenze erodiert und im Zuge schwindender Gegenwehr »scheint das Innengerüst nicht mehr bloß schüchtern durch« (PP 72). Als Reaktion nennt Strauß indirekt die Entfremdung, wenn er auf die »[v]erfluchte Passanten-Welt« (PP 75) schimpft: »Wer sind wir denn gegenüber der Medienmasse und der Gewalt der Belanglosigkeit? Nichts und nie etwas« (PP 103). Am deutlichsten wird diese Entwicklung in den beiden letzten Abschnitten von Paare, Passanten, die gleichsam eine Art Momentaufnahme einer pausierenden Gesellschaftsentwicklung zwischen Zukunftsglauben und Zukunftsangst, zwischen den ersten Konsequenzen der Umweltzerstörung, dem politischen Übergang nach dem NATO-Doppelbeschluss, nach dem Deutschen Herbst abbilden, in deren Kielwasser die Globalisierung an Breite und Geschwindigkeit zunimmt (vgl. PP 164-167). Eine kriegerisch-atomare »Bedrohung aber ist total und als solche, wie stets das ›schlechte Ganze‹, immer anwesend, nie wegzudenken, aber auch nicht zu denken« (PP 166), mahnt Strauß. Die bewusste Ausblendung fataler Konsequenzen – in Die Unbeholfenen dann »atomare[r] Weltenbrand« (DU 97) genannt – stellt einen Weg dar, mit der komplexen Bedrohung der Weltrisikogesellschaft, in »der faktische Realität und paranoisches Wahnsystem derart zur Deckung gelangen« (PP 166), umgehen zu können.721 Strauß führt weiter aus: »Denn wo ist der strukturelle Unterschied, wenn sich das paranoische Ich vom ›Ganzen‹ der übrigen Welt ausnahmslos verfolgt und bedroht fühlt und wenn andererseits tatsächlich das biologische Leben des Planeten von einem Ganzen der ausnahmslosen Vernichtung bedroht wird? Es ist also kein dialektisches Spiel mehr, wenn man den Wahn des Paranoikers heute als die Innenspiegelung unserer tatsächlichen Lage betrachtet.« (PP 167) Strauß nimmt eine Neuausrichtung an der Wirklichkeit vor, die abseits der geistigen Reflexion liegt, er stellt »Abschreckung« und »grenzenlosen Schrecke[n]« (PP 167) einander gegenüber, die er zu Teilen als Ergebnis einer »Medienzivilisation« (PP 167f.) und als Folge eines »weltumspannenden Fluß[es] des Vergessens, dieser behutsamen Trennung des Menschen vom 721 Vgl. Ulrich Bech: Die Metamorphose der Welt, insbesondere S. 107-151. 500 Menschlichen, mit einem Wort: dem Fernsehen« (PP 168) sieht. Als weitere Ursache nennt er Bereiche der außer Kontrolle geratenen »Weltwirtschaft« (PP 169). Ein Gedanke, der später im Essay »Anschwellender Bocksgesang« (aus)diskutiert wird. Er bespricht Globalisierungsphänomene als Zeitgeist, noch bevor sich Globalisierung als Begriff etabliert. Zwar lassen sich die beginnenden Veränderungen nicht auf einen Terminus reduzieren, Strauß erkennt jedoch deren Auswirkungen: »Angeführt von den globalen Analysen der Ökologie und der Energiekritik, waren auf einmal großräumige Worte wie ›der Mensch, die Erde, die Menschheit‹ mit einem glaubwürdigen, existential-politischen Inhalt erfüllt, während man doch zuvor gewohnt war, vom Menschen nur in den engsten Klassendefinitionen zu sprechen.« (PP 169) Strauß verwendet veränderte Beschreibungsmodi und eine neue Form der Wahrnehmung. Seine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft ist an dieser Stelle direkt und mahnend, auch weil weder Analysen noch Politik »Antwort auf die Frage nach dem nackten Überleben selbst« (PP 170) geben können. Strauß lässt diese Verantwortung dem Individuum zufallen, dem er darüber hinaus eine Reihe von Fähigkeiten und Eignungen zuschreibt, die direkt von den Veränderungen seiner Umwelt abhängig sind. Es ist mehr »als bloß das Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse; dies überalterte, hochentwickelte und immer in Auflösung befindliche System von emotionalen, rituellen, moralischen, informationellen und kommunikativen Einrichtungen, mitsamt den Schutzvorkehrungen der Selbsttäuschung, der Gleichgültigkeit, der Ablenkung und des blinden Eifers.« (PP 170) In der weltpolitischen Drohkulisse der damaligen Zeit sieht Strauß das Individuum durch die Entwicklung als selbstständiges Subjekt aus dem gesellschaftlichen Kontext herausgelöst und verstärkt die Grenze zwischen Subjekt und autopoietischem Großsystem Gesellschaft; zugleich versucht er dem Subjekt die Augen zu öffnen: »Alles abgetan, gibt es nur dich und die Sprengköpfe, von Angesicht zu Angesicht. Mag der kollektive Tod, der Mega-Selbstmord (in der Vorstellung!) manchmal sogar etwas Tröstliches haben, solange er durch seine Bedrohung herrscht, wird er jeden Einzelnen und auch den, der immerzu 501 denkt: ›Daran denke ich nicht‹, mit Schüben der Leere, mit gräßlicher Bewußtseinslähmung quälen.« (PP 170) Das letzte Kapitel in Paare, Passanten kombiniert politische Ereignisse (Atomende oder das Naziregime) mit ästhetischen Reflexionen. Diese Überlegungen ergänzt Strauß durch die Feststellung, dass »die totale Gegenwart der Massenmedien« (PP 171) das Vergessen erleichtern kann, alles ist »bloß ästhetisches Vorüberziehen« (PP 171). Den Paaren stellt Strauß – wie schon in 6.9. kurz angesprochen – entwurzelte Einzelne gegenüber. Einzelne Kunstkenner, eine heroinsüchtige Dealerin, Betrunkene oder ehemalige Sträflinge, kurz: »gegenwartshörig[e]« und »nicht mehr frappierbar[e]« (PP 164) Menschen »am Rand der Gesellschaft« (PP 150), die ihren Platz in derselben suchen, »dünnhäutige Außenseiter«, die sich gegen ihre »Schwäche einen Überwurf von Schutzmustern, ein Schuppengewand von Formeln und angepaßten Gesinnungsteilen« (PP 151) oder eine »Fertigteil- Sprache« (PP 163) übergestreift haben. Einzelne Figuren in den letzten Episoden von Paare, Passanten korrespondieren zudem mit Figuren der Eingangssequenzen, so zum Beispiel der Restaurantstörer (PP 9) und der »Einsamkeits-Kasper« (PP 155), wodurch zwar keine geschlossene Erzählung erzeugt wird, aber dennoch eine zyklische Struktur durchscheint. Die »Der Gegenwartsnarr« betitelte Schlusssequenz bildet einen deutlich erkennbaren Ausgangspunkt für die Werkentwicklung seit den 1980er Jahren in Richtung der hier vertretenen These. 6.12 Vernetzt/unvernetzt: Von Cyberwelten & Außensphären Die angeführten Beispiele der vorangegangenen Abschnitte zeigen, wie schwer es sein kann, die Trennung von Vernetzung und Nichtvernetzung aufrechtzuerhalten. Es wird ersichtlich, dass Zustände auf der Figurenebene in ihr Gegenteil umschlagen können, dass jedoch die Zustände in der Außenwelt sich zugleich so verfestigt haben, dass eine Rückkehr zu alten und traditionellen Gesellschaftsbedingungen im Allgemeinen nicht zu erwarten ist. Die Globalisierung (mit ihrem Derivat Digitalisierung) eröffnet nun eine Vielzahl neuer und zuvor nur schwer erreichbarer Referenzrahmen für Verhaltensvorbilder, die auch auf der persönlichen Nahebene des Subjekts zu einer Komplexitätssteigerung führen: »Durch die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien kommt es zu einem weltweiten Austausch von Bildern, Symbolen und 502 Ideen, von Lebensstilen und Identitätsschablonen. Die über das globale Mediennetz vermittelte neue Vielfalt ermöglicht es, ja zwingt geradezu dazu, die eigene Selbst- und Weltdeutung vor dem Hintergrund vieler anderer Deutungen zu spiegeln und zu relativieren.«722 Das Subjekt in der Gegenwart ist mit anderen Worten in äußere und globale Kontexte eingebettet und verwoben. Sich gegen diese unfreiwillige Vereinnahmung zu wehren, kann schwer bis unmöglich sein. Giddens stellt thematisch verwandt fest, dass »[m]enschliches Handeln [...] keine Verkettungen von Gesamtinteraktionen und –gründen, sondern ein konsistentes Registrieren des Verhaltens und seiner Kontexte [beinhaltet], das [...] niemals nachlassen darf«723. Giddens verweist zugleich auf den Zusammenhang von Tradition und Moderne beziehungsweise Modernisierung, die »ein Verfahren [ist], das reflexive Registrieren des Handelns mit der raumzeitlichen Organisation der Gemeinschaft in Einklang zu bringen. Sie ist ein Mittel für den Umgang mit Zeit und Raum, das jede einzelne Tätigkeit oder Erfahrung in das Kontinuum aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einbringt, die ihrerseits durch immer wieder eingesetzte soziale Praktiken strukturiert werden.«724 Auch bei Strauß findet sich diese Konstellation in mindestens drei verschiedenen Formen. Zum einen zeigt sie sich in Strauß’ Verweisen auf ältere Literatur, wenn diese als Erklärungsmodell für die Gegenwart herangezogen wird, zum anderen in der Kommunikation der Figuren und deren Anschlüsse an zurückliegende Diskurse. Für die Erklärung des zweiten Punktes ist weiter auszuholen, bevor im Anschluss auf den dritten eingegangen wird. Strauß’ Blick ist zurückgerichtet und reflektiert die Zeit und den Raum auf Grundlage früherer und verwichener Referenzrahmen; er benötigt sie (in Anlehnung an eine Figurenbeschreibung) als Möglichkeit fremder »Grenzerfahrungen« (FDK 76). Aus dieser Position formen sich Strauß’ soziale und ästhetische kommunikative Praktiken. Tradition führt so einerseits zu einem orientierenden Leitbild, andererseits zu einem Dilemma, da Erfahrungen aus früheren Gesellschaftsformen nicht unverändert auf die Gegenwart übertragbar sind. Das hat auch Strauß erkannt und nimmt deshalb Anpassungen vor, in gewisser Weise beruht dieses Verfah- 722 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 8. 723 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 53. 724 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 53. 503 ren sogar auf einer interpenetrativen Praktik, da Gedanken einer Diskurssphäre – man könnte diese mit einem sozialen System mit konkreten Programmen und Leitdifferenzen gleichsetzen – so moduliert werden, dass eine andere Sphäre mit ihnen über Kommunikation operieren kann. Die Modulation ist in diesem Zusammenhang als Beobachtung von Beobachtungen zu verstehen. Strauß’ Verständnis für die Moderne und ihre Veränderungsprozesse ist reflexiv und zyklisch, weswegen die Rückgriffe als ein Oszillieren zu verstehen sind zwischen einer ständigen Überprüfung der Traditionen und der ebenso ständigen Anpassung an die Veränderungen. Giddens liefert in diesem Zusammenhang eine aufschlussreiche Erklärung: »In allen Kulturen werden soziale Praktiken routinemäßig im Lichte fortwährender Entdeckungen geändert, von denen Informationen an jene Praktiken ausgehen. Doch erst zur Zeit der Moderne wird die Revision der Konvention derart radikalisiert, daß sie (im Prinzip) alle Aspekte des menschlichen Lebens erfaßt, wozu auch der technische Eingriff in die materielle Welt gehört. Oft wird behauptet, die Moderne sei durch ihren Appetit für das Neue gekennzeichnet, doch das ist vielleicht nicht völlig zutreffend. Charakteristisch für die Moderne ist nicht, daß sie das Neue um seiner selbst willen erfaßt, sondern charakteristisch ist die Voraussetzung einer in Bausch und Bogen angewandten Reflexivität, die natürlich auch die Reflexion über das Wesen der Reflexion selbst einschließt.«725 Die von Giddens aufgezeigte Reflexivität über Reflexivität vereint in ihren sozialen Praktiken der Anpassung auch die Merkmale von Kommunikation, wie die Systemtheorie sie definiert – Information, Mitteilung, Verstehen – und sie verfügt zudem über spezifische Formen des Anschlusses. Kennzeichnend für die Moderne sind demnach ebenfalls die zunehmende Technisierung und Medialisierung, die in diesem Konglomerat aus Veränderungen auch das Verständnis der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinflussen. Giddens’ verdoppelte Reflexivität der Beobachtung von Beobachtung wird von Qvortrup mit dem Begriff der Hyperkomplexität726 verbunden, der seinerseits recht treffend beschreibt, was Giddens meint, wenn dieser sagt, dass 725 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 55. 726 Zur Erinnerung: Qvortrup entwickelt um die Beobachtung von Beobachtungen herum eine Theorie zur Lage der Informationsgesellschaft. Das Ziel ist, der Informationsentropie zu entkommen und die gesellschaftliche Komplexität zu reduzieren: ›Normalerweise fasst man Informationstechnologie als ein Medium auf, 504 »[d]ie reflexive Anwendung des Wissens [...] ein konstitutives Merkmal der Moderne [ist], doch die Gleichsetzung von Wissen und Gewißheit hat sich als Mißverständnis erwiesen. Wir sind in einer Welt unterwegs, für die reflexiv angewandtes Wissen durch und durch konstitutiv ist, doch wo wir zugleich niemals sicher sein können, ob irgendein gegebenes Element dieses Wissens nicht revidiert werden wird.«727 Vor allem die letzte Aussage verdeutlicht die Fragilität des Wissens. Auf Botho Strauß bezogen bietet sich ein Verweis auf Beginnlosigkeit und die dort verarbeitete (von der Urknalltheorie widerlegte und abgelöste) Steady- State-Theorie an. Strauß geht es jedoch vordergründig nicht um die absolute Korrektheit der Ableitungen, sondern um die Anwendbarkeit einer Theorie zur Erklärung der Gegenwart oder eines zyklischen Geschichtsund Weltbildes. Dort wie auch auf Giddens’ Konsequenz-Studie bezogen liegt der Schlüssel zum Verständnis auch in der technischen Entwicklung der letzten 30 Jahre.728 Entsprechend der Studie verweist Qvortrup darauf, das uns die ganze Welt zugänglich machen kann, das heißt den Unterschied zwischen uns und der Umwelt zu durchschauen. Das Rauschen am Rand wird reduziert, die Abstandsbarrieren werden neutralisiert, die Quantität der einströmenden Information wird erhöht. Aber der Effekt dessen, den Zugang zu mehr Information zu ermöglichen, steigert die Komplexität. Je größer die Transparenz wird, das heißt je dünner der Filter zwischen uns und der Umwelt ist, desto komplexer wird dieselbe erscheinen. Der endgültige Effekt wäre der ›Tod durch Ertrinken in Information‹. Die Funktion der Informationstechnologie ist die entgegengesetzte: Sie ist eine Technologie, die Komplexität reduziert und ist in das Dilemma eingebunden, das uns begegnet, wenn wir in einer komplexen Welt überleben wollen: Wir müssen uns mit einer stetig wachsenden Informationsmenge auseinandersetzen, das heißt an sie anknüpfen und gleichzeitig die Komplexität einer stetig komplexer werdenden Umwelt reduzieren. Das ist dann auch die Ursache dafür, dass man nichts Grundlegendes über die Rationalität der Informationstechnologie sagen kann, bevor man nicht definiert hat, was ›Hyperkomplexität‹ ist. Und dies ist auch die Erklärung dafür, dass just die Informationstechnologie die Kerntechnologie der hyperkomplexen Gesellschaft ist‹ (Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 196). 727 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 55f. 728 Giddens’ Konsequenzen der Moderne erscheinen im Original 1990, die Übersetzung erstmals 1995. Giddens beschäftigt sich – aus heutiger Sicht – mit einer digitalen Unschuldszeit. Qvortrups Studie erschien 1998 und acht Jahre Unterschied entsprechen einer rasanten Weiterentwicklung. Qvortrups Studie wirkt fast 20 Jahre 505 dass globale Netzwerke elementar für die Herausbildung einer polyzentrischen beziehungsweise dezentralisierten Gesellschaft sind, in der sie lineare und kausale Verbindungen ersetzt.729 Hiermit ist dann auch der Zugang zu Strauß’ dritter Form der Zeit- und Gegenwartsbewältigung möglich, die in der generellen Skepsis gegenüber der Digitalisierung und Vernetzung besteht, die seine Literatur vielschichtig prägt. In der sozialen Wirklichkeit zeigen sich Digitalisierung und Vernetzung durch die Einbettung in soziale Medien, die Personen auch dann einbeziehen und betreffen, wenn diese über keine eigene Nutzerkennung verfügen, weil ihre Freunde und Familienmitglieder den sozialen Austausch dorthin ausgelagert haben. Nicht online zu sein, bedeutet in vielen Kreisen, gar nicht stattzufinden. In der Literatur, hier am Beispiel von Botho Strauß konkretisiert, heißt es, sich der »weltweiten Mitteilungsinkontinenz« (VA 175) zu widersetzen, weil ansonsten, wie Strauß in Vom Aufenthalt schildert, eine totale Vereinnahmung droht: »Im Durchschnitt hat heute jeder Heranwachsende 53 Freunde – virtuelle [...] – eine Millionenschar ist so schnell verbrüdert« (VA 226). Das Subjekt wird demnach zum Teil eines Verbindungsnetzes und erhält, egal ob Figur oder Erzählerstimme, Zugang zu einer virtuellen Neben- oder Gegengesellschaft. Der Gedanke findet sich schon früher bei Strauß und wird im Takt der technischen Entwicklung ausgebaut. In Niemand anderes wird eine Frau geschildert, die alte Freunde anruft, um sich »eine Unterhaltung für den Abend zu sichern« (NA 86). Der Zweck hinter dem Telefonieren ist indes ein anderer als hinter Lottes Anschlussversuchen in Groß und klein und ist aufgrund der Eigeninitiative anders zu bewerten und kontextualisieren als die Vereinsamung der zuvor geschilderten alten Dame. Geht es beispielsweise bei ihr und Lotte darum, der elementaren Vereinsamung zu entkommen, zielen die Kontaktversuche hier nur auf Anschluss für einen Abend ab. Die Versuche der namenlosen Frau misslingen und schnell stellt sich »eine beinah menschen- und freundesfeindliche Stimmung« (NA 87) ein, auf die erst Selbstzweifel – »Kein Interesse, keine Antenne, keine Unternehmungslust. Ich habe sie angerufen, ich habe sie hervorgerufen aus ihren trüben Schalen und Gehäusen, ich habe sie offenbar gestört …« (NA 87) – und dann Zuversicht folgen. Das Telefon klingelt – »Ah, dachte sie, so ist es recht: ich habe nicht vergeblich in die Welt hinausgerufen – sie ruft schon zurück!« (NA 87) – und erlaubt so einen Zugang zur »gesamte[n] Möglichkeit aller irdischen Telefonverbindungen« nach ihrem Erscheinen keineswegs unzeitgemäß. Eher trifft zu, dass die Voraussagen dem heutigen Ist-Zustand entsprechen. 729 Vgl. Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 92. 506 (NA 87f.), zum »ganze[n] Rufsystem« (NA 88). Die Telefonleitung gewährleistet einen Anschluss an die Außenwelt und ist zugleich bedrohlich, denn auch die »heftige Welt« (FDK 8) kann auf sie zukommen: »Es überkam sie wieder, sie geriet von neuem in den Sog des leeren Abends, an dem alle Welt sich finden würde, verabredet war, nach draußen ging, der nur ihr mit schauriger Ungestalt entgegendrängte« (NA 89). Das Telefon wird nach und nach als Kontaktmedium aus der Prosa und den Dramen verdrängt. Lotte, Schroubek aus Die Widmung, die Frau aus der eben geschilderten Episode oder die alte Dame (vgl. NA 16f.), um nur einige zu nennen, werden über den Apparat mit ihrer Umwelt in Zweierkonstellationen verbunden und sind noch nicht vielfach vernetzt. Mit der zunehmenden Verbreitung des Internets verändert sich Strauß’ Darstellung der Anbindung an das Netz, das heißt im konkretesten Sinne: Vernetzung, denn die Zahl der möglichen Verbindungen wächst radikal. Aus der eindimensionalen Vernetzung über lediglich eine Leitung wird ein mehrdimensionales und teils virtuelles Netz mit größerer Verbreitung und unendlich vielen Verbindungswegen und dementsprechend steigender Komplexität und den dazugehörigen Auswirkungen auf den Gegenwartsmenschen. In Die Nacht mit Alice heißt es zu diesem neuen Gesellschaftsmerkmal: »Ein einzelner Mensch ist ja ein Riesenhaufen, eine ungeheure Ansammlung von links, die ihn mit tausend anderen verbinden, wobei in jedem einzelnen wiederum Tausende von links gespeichert sind, die ihn mit geradezu unendlich vielen anderen verbinden.« (DNA 65) Insoweit korrelieren die Fundstellen in ihrer Aussage. Mit der Isolation und Vereinzelung wird eine weitere Konsequenz aus der globalisierenden Vernetzung angesprochen: »Niemand gehört also zu einem anderen. Niemand paßt mehr in eine abgeschlossene Geschichte. Ein Mensch flieht zum nächsten. Der flieht zum übernächsten« (DNA 65), bis es zum Stillstand oder zu vollkommen beliebigen Veränderungen kommt. Es bleibt zu vermuten, dass Strauß den entropischen Stillstand meint, denn sinnbildlich ist die Vernetzung global und in diesem Sinne rund, kann also nicht an einem bestimmten Linear-Punkt zum Erliegen kommen, sondern setzt sich als Bewegung sphärisch fort. Die Auswirkungen auf die Kontaktaufnahme der Menschen untereinander im technischen Zeitalter reflektiert Strauß in Wohnen Dämmern Lügen; eine Kontextualisierung im Umfeld der zuvor besprochenen Gedanken bietet sich nicht nur wegen der inhaltlichen Nähe an. Der Erzähler einer Episode gesteht, die Figur Myriam »beim Sport oft 507 heimlich berührt« (WDL 90) zu haben, »ohne daß wir miteinander gesprochen hätten« (WDL 91). Soweit ist – wenn Integritätsfragen ausgeblendet werden – ein solches Verhalten nicht ungewöhnlich, Kommunikation über eine wie zufällig erfolgte Berührung zu initiieren, doch Strauß bricht die Anbahnung, indem er den Erzähler Myriam seine (eventuell nur vorgetäuschten) Ängste gestehen lässt: »Aber als es schließlich dazu kam und du hast mich angesehen, da war es wie eine lichte Hochrechnung in meinem Gefühl: in Sekundenbruchteilen hatte ich alles nur Mögliche zwischen uns beiden durchgespielt, durchempfunden bis zum bitteren Ende. Manchmal denke ich: Vielleicht ist das schon der Beginn der Apparate in uns, der Apparate, mit denen wir uns tagtäglich abgeben, wenn wir irgendein Szenario, ein Stück Zukunft bis in das winzigste Entscheidungsquantum durchrechnen, und wir wissen schon alles, was möglich ist, ohne nur das geringste erfahren und ausprobiert zu haben. Das Auge, besser gesagt, der gegenseitige Anblick, ist dabei wahrscheinlich der schnellste und leistungsstärkste Rechner, der uns gegenwärtig zur Verfügung steht...« (WDL 91). Die Beschaffenheit eines solchen Zeitraffer-Apparates wird nicht näher umrissen, wodurch die Ängste diffus bleiben und zugleich wirkmächtiger werden, obgleich der Erzähler sich von ihnen distanziert, sie »meinen Redemantel« (WDL 91) nennt, der indes einen »verödeten Innenraum« (WDL 91) verbergen soll, was auch Unbehagen und Scham andeutet. Die vermittelte Skepsis und Einsicht lassen erahnen, dass die Ängste nicht vorgetäuscht sind. Die Vereinnahmung der Eigenexistenz durch eine Apparat- Hybridisierung lässt den Erzähler jedoch nach Exitstrategien suchen, die in diesem konkreten Fall aus einer Ästhetisierung »der technifizierten Empfindsamkeit« (WDL 92) bestehen, genauer aus »der welterlösenden Gesandtschaft der Schönheit, die im Anblick, unter dem Einfluß ihres makellosen Bilds immer strengere und fanatischere Züge angenommen hätte« (WDL 92). Der Erzähler ist gespalten zwischen Kontaktwunsch und Kontaktangst, weil er – aus Sicht der Fehler des Kopisten als Deutungsschablone – in einem Zwischenbereich von unveränderter Gegenwart und beginnendem »Cyberspace« steckt, durch das jedoch »keine Gegenwelt mehr kompensiert« (FDK 86) werden kann. Stattdessen »entleibt und konfiguriert [es] (mit Ausnahme des ›altexistentiellen Widerstands‹…) beliebige Welten, historische wie imaginäre« (FDK 86). Auch diese Figur ist mit Veränderungen konfrontiert, die es nicht vollständig deuten kann. Das Cyberspace 508 erscheint Strauß in der ersten Hälfte der 1990er Jahre als absolute Gegenwelt und mit der damaligen Gegenwartsgesellschaft unvereinbar. Aus dieser Situation heraus korrespondiert der oben genannte Apparat mit leichten Einschränkungen mit dem »Clip- oder Zapping-Realismus« (FDK 84), den Strauß in Die Fehler bespricht und einer »technische[n] Verlängerung« gegenüberstellt, die für »die stete Wiederaufbereitung ein und derselben Misere« (FDK 85) steht. Wenig eindeutig bleibt, ob sich dies ausschließlich auf eine politische Radikalisierung oder auf jedwede Kommunikation bezieht, die – man bemerke den noch vorhandenen Bindestrich im Neologismus – »on-line« (FDK 85) stattfindet. Strauß setzt fort: »Die Netze selbst sind das einzig Neue. Die Ansicht der Welt erneuern sie nicht. Sie dienen im Gegenteil dazu, mit verstärkter Kapazität den alten Quark noch breiter zu treten. [...] Verbreiten lassen sich Spiele und Nachrichten. Der Gedanke, sofern er nicht bloß ein geistreicher ist, läßt sich kaum verbreiten.« (FDK 85f.) In der zuvor herangezogenen Textstelle aus Die Nacht mit Alice scheint die Vernetzung durch »links« (DNA 65) im Veröffentlichungsjahr 2003 bereits alltäglich zu sein. Strauß entwickelt vor der Jahrtausendwende (auch aufgrund der thematischen, inhaltlichen und sprachlichen Verwandtschaft von Wohnen Dämmern Lügen und Die Fehler des Kopisten) ein gemeinsames technik-kritisches Narrativ um Fragmente, Figuren und Reflexionen herum, das die folgende in den Fehlern gestellte Frage reflektiert: »[G]ilt denn auch nicht länger: je artifizieller der Raum, umso stärker der Durst nach Erde?« (FDK 86). »Erde« ist an dieser Stelle wörtlich gemeint und verweist einerseits zwischen den Zeilen auf den im gleichen Zeitraum geführten Diskurs über Nation und Heimat, andererseits auf ein ›Fading‹ der Nahumgebung durch Virtualisierung. Darüber hinaus rekurriert Strauß hier möglicherweise auf die in Wohnen Dämmern Lügen gestellte Frage nach dem Verursacher der Globalität (vgl. WDL 185). Strauß erkennt, dass sich Mensch und Technik in der nahen Zukunft stärker als bisher miteinander verbinden werden, wenngleich er für diese Feststellung in die Sprache der Systemtheorie wechselt: »Wahrscheinlich ist die Vergeistigung der Sinne ein unaufhaltsamer Prozeß, der noch beschleunigt wird durch die Annäherung der technischen und biologischen Systeme« (FDK 86f.). Zukünftige Generationen werden zu kritiklosen »gutgelaunte[n], leichtfüßige[n] Medienschatten« werden, die, wie Strauß betont, »einen Zugang zur Welt weder suchen noch wünschen« (FDK 87). Merkmal dieser Nachfolgegeneration ist ein 509 Kontaktverlust, der ihr nicht bewusst ist, während die Gegenwartsgeneration einer Welt zusieht, die »lautlos untergegangen« (FDK 88) ist. Der Untergang beeinflusst deutlich ihre momentane Gefühlslage, deren Auswüchse und Schwankungen von unterschiedlichen Emotionen oder Zuständen geformt werden. Strauß schreibt dazu weiter: »Die gegenwärtige Gestimmtheit könnte jemand ebensowohl von brutalem Leichtsinn wie von dumpfer Sorge regiert sehen. Vom Sittenterror der Unterhaltsamkeit wie vom technologischen l’art pour l’art« (FDK 89). Der in Wohnen Dämmern Lügen festgestellte »Epochenbruch und Ärasturz« (WDL 181) verläuft hier langsamer, jedoch aus Strauß’ Sicht ähnlich unaufhaltsam und ohne Möglichkeit, ›von der Welt Abschied nehmen zu können‹ (vgl. FDK 88). Den Eintritt in die Phase einer aufgelösten, untergegangenen Welt (zu verstehen als eingetretene Globalität) bestimmt das Leben dahingehend, dass das »Dasein [...] zunehmend aus Ferne, aus Rufen von dort, aus Fluchtungen, die sich plötzlich auftun« (FDK 90), besteht. Eine solche Vereinnahmung entlang von Differenzen wie Mensch/Apparat oder analog hierzu Linearwelt/vernetzte Digitalsphäre, die Strauß hier auf verschiedene Weisen aufzeigt, verarbeitet er auch in Der Untenstehende auf Zehenspitzen. Die dort anklingende Anbindung an die Informationsgesellschaft und ihre Derivate zeigt sich in Form einer Hybridisierung, die einerseits metaphorisch zu verstehen, andererseits sehr real ist, wenn »jedes Netzwerk« die Realität »in blitzenden Lichtfasern ins Hirn einspiegelt« (UAZ 33). Es geht um die Ausschüttung von Botenstoffen und ähnliche Reizfolgen, welche die Anbindung an das Datennetz im Subjekt auslösen und biophysische Körperreaktionen sind. »Ich, das ist kein narzißtisches, kein gläsernes, kein soziales Wesen mehr, das ist der lebende Decoder seiner Lebensvorgänge. Das ist der ganz und gar intrinsische Mensch« (UAZ 34), heißt es nun. Das Ziel ist vor allem, durch »Aktivitätsmuste[r]« eine »Stabilisierung« (UAZ 34) zu erreichen. Die von Strauß geschilderte Figur verfügt über zwei Formen der Sinneswahrnehmung und kommunikativen Anbindung an die Umwelt, wodurch sich eine erweiterte »Extravorstellungswelt« (UAZ 33) herausbildet, in der sich das Subjekt auflöst. Die Figur bespricht ähnliche Entwicklungen, die Strauß schon in Beginnlosigkeit in verschiedenen Reflexionen über das Verhältnis von neuronalen Signalen und Weltbildern verarbeitete. Diese Stelle vertieft den Gedanken durch Verweise auf die Flüchtigkeit (»Momentanprofil« (UAZ 34)) und das gleichzeitige Vermeiden derselben. Auch hier spielt eine Differenzziehung zwischen schon bekannten Elementen (das heißt, »das Gemeinsame und Vergleichbare« (UAZ 34) vereinen zu können) und »dem wilden Unbekannten« eine wichtige Rolle, um 510 eine lediglich vorgetäuschte Sicherheit zu vermitteln. Die äußerste Konsequenz ist jedoch die »Hölle der Diffusion« (UAZ 34) zu vermeiden, das heißt die Durchdringung der Individualgrenze, mit anderen Worten die Auflösung des Subjekts in die Umwelt, nicht stattfinden zu lassen. Das menschliche Bewusstsein verarbeitet die dabei entstehende Überkomplexität der Welt durch Selektion: »In Wahrheit werden wir unentwegt mit unvergleichlichen, katastrophal neuen ›Situationen‹ konfrontiert, befeuert, und nur unser gütig vereinfachendes, brav schablonisierendes Hirn wählt aus dem wilden Unbekannten das Vergleichbare aus und formt daraus die gröbsten, vor allem aber die stabilsten Begriffe, zu denen wir glücklich Zuflucht nehmen dürfen.« (UAZ 34) Strauß’ Aussage hebt zugleich die schützende Illusion hervor, worin eine weitere Exitstrategie gegen die Konsequenzen der Globalisierung (hier erneut: Vereinzelung, Auflösung in Vernetzung, negative Hybridisierung) gesehen werden sollte, weil das Subjekt ansonsten unter den geschilderten Bedingungen diffundiert und globalisiert wird. Die kommunikative Anbindung verdeutlicht zudem, dass der öffentliche Raum nicht mehr der Verbreitung von Informationen dient, denn mit der Einkehr nach Innen (»der ganz und gar intrinsische Mensch« (UAZ 34)) wird dieser Vorgang in den privaten Raum verlagert, »heute werden die Informationen direkt von privaten Räumen aus in private Räume übertragen, und die Menschen müssen zuhause bleiben, um an sie heranzukommen – um fernzusehen, nach programmierten Kursen zu lernen und sogar Waren über Minitel oder ähnliche Hilfsmittel zu kaufen. Die Leute werden ›politisch desengagiert‹, weil der öffentliche Raum, das Forum, nutzlos wird.«730 Gesellschaftliche Kommunikation findet außerhalb des Individuums statt (soweit kein neuer Gedanke), jedoch bilden sich als Reaktion auf die Auflösung der kommunikativen Außenwelt sub-kommunikative und desintegrierte Parallelgesellschaften heraus. Die von Strauß indirekt angeführte Schutzfunktion ist hier einzuordnen, denn wenn beide Aussagen kombiniert werden, sticht das Vakuum hervor, in dem der Mensch sich bei 730 Vilém Flusser: Medienkultur. S. 137. 511 Strauß nun befindet. Diese Art Entbettung aus etablierten Kommunikationskontexten in digitale hinein hängt eng mit der »raumzeitlichen Abstandsvergrößerung« zusammen, die, wie Giddens feststellt, »die komplexen Beziehungen zwischen lokalen Beteiligungsweisen (Situationen gleichzeitiger Anwesenheit) und der Interaktion über Entfernungen hinweg (den Verbindungen zwischen Anwesenheit und Abwesenheit)«731 lenkt. Es geht ihm darum, dass »die Beziehungen zwischen örtlichen und entfernten sozialen Formen und Ereignissen [...] dementsprechend ›gedehnt‹ [werden]«732, was auch die zuvor besprochene Zerrissenheit der Figuren bei Botho Strauß erklären kann. Er nennt sie beispielsweise an einer Stelle in Die Nacht mit Alice ›in Vereinzelung geratene Menschen‹ (vgl. DNA 21), denen es nicht mehr gelingt, »mit irgendwelchen Unbekannten denselben Raum« (DNA 21) zu teilen und in dieser Lage zu kommunizieren. An anderer Stelle heißt es: »Die virtuelle Welt verschlingt die Innenwelt, indem sie die äußere nicht mehr als befremdlich und kompensierbar zu erfahren gibt, sondern als vollständig morph- und manipulierbar« (FDK 106) und »[d]ie Weltvermeidungsenergie bleibt auf Erden erhalten: vom Anachoreten bis zum PC- Autisten. Allein mit allen, in der Klause ›Zur ganzen Welt‹ wird das Mysterium vollzogen« (FDK 107). Es verdeutlichen sich an den angeführten Passagen und Fragmenten auch die erhöhte Schlagzahl und Intensivierung der Globalisierungsbezüge, deren Aussagen auf die konkreten Veränderungen der Weltanbindungen und Subjektwahrnehmungen in ihrem Widerschein reagieren. Giddens führt ergänzend den Terminus »Dislozierung«733 an, deren Gründe in den Veränderungen der Gegenwart liegen, zu denen die Globalisierung maßgeblich beiträgt, um seine Sicht auf die Moderne zu erweitern. Im Zuge der räumlichen Entrückung und Verschiebung »verändert sich das Gewebe der Raumerfahrungen selbst, wobei Nähe und Ferne in einer Art und Weise verknüpft werden, der in früheren Zeiten kaum etwas genau entspricht«734, wie Giddens diagnostiziert. Bei Strauß stellt dieser Sachverhalt sich ähnlich dar. »Das Netz reindividualisiert das Kollektiv und retikularisiert das Individuum?« (FDK 103), fragt er in Die Fehler des Kopisten und sucht die Erklärung im Medienkonsum; der Verweis ist jedoch so offen gehalten, dass auch eine Situation denkbar ist, in der der Beobachter ein anderes, das heißt beispielsweise systemtheoreti- 731 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 85. 732 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 85. 733 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 175. 734 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 175. 512 sches Programm wie etwa den Selbsterhalt der Gesellschaft oder die Gentechnik betrachtet. Beide Bereiche ließen sich ebenfalls unter der folgenden Aussage subsumieren: »Immer weniger Zuschauer sehen dasselbe Programm. Doch wie jedesmal, wenn wir versuchen, die Mannigfaltigkeit der Natur zu kopieren, Schöpfer von Differenz zu werden, endet alles unweigerlich beim großen Einunddemselben. Tausend Programme gehorchen einer einzigen Auffassung dessen, was ein Programm zu leisten hätte.« (FDK 103) In Verlängerung dieser Reflexion wird die angeschlagene Indifferenz in einem konkreten Beispiel verbalisiert: Der Schamverlust des Einzelnen führt dazu, dass die Öffentlichkeit über die Mode privatisiert wird. Strauß kritisiert einen modischen beziehungsweise stillosen Egoismus, der die Grenze zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum auflöst: »Es gibt eine Grenze der Intimität zur Öffentlichkeit hin – oder es gibt sie umgekehrt demnächst auch vom Öffentlichen zum Intimen nicht mehr. Von beiderlei Grenzauflösung kann der Weg nur tiefer ins Unheimliche führen« (FDK 104).735 Von der Betrachtung der Mode schlägt der Fokus um auf ein Gedankenexperiment, in dem »die moderne Welt« als »übertrieben langanhaltende und träge Periode, eine eher statische Zeit« imaginiert wird, in der »ein begrenztes Spiel mit wechselnden Motiven immer weiter gespielt wird«, bis es als »Komödie des Epochenschwindels« enttarnt wird (FDK 104f.). Den Bogen zu Kongreß spannend ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert, dass der Terminus »Schluß«,736 wie ihn der Techniker verwendet, auch als Kraftschluss oder Zusammenschluss und nicht ausschließlich als Endpunkt oder zerstörerischer Kurzschluss zu verstehen ist. Die Kommunika- 735 Diese Aussage vermittelt zugleich einen elitären wie ästhetischen Habitus, was auch daran liegt, dass Strauß an dieser Stelle konkrete Beispiele für den Verfall der Gesellschaft anführt und dabei, sicherlich ohne es zu beabsichtigen, dem Tagesgeschehen auf eine fast schon talkshowkompatible Weise näher kommt, wie sich aus einer zufälligen Parallele eines überlieferten Zitates von Karl Lagerfeld ableiten ließe: »Jogginghosen sind das Zeichen einer Niederlage. Man hat die Kontrolle über sein Leben verloren und dann geht man eben in Jogginghosen auf die Straße«. 736 Vgl. KKD 56f. und die Diskussion der Arbeitswelten in Abschnitt 6.8. 513 tion findet durch eine Vernetzung mit Apparaten statt und die von Flusser so genannten Technobilder werden als die vorrangigen Informationsträger wahrgenommen und sind für ein solches Desengagement verantwortlich. Der Prozess weist zudem ähnliche Merkmale wie das disembedding auf, das Giddens beschreibt. Die Herausdrängung aus der Öffentlichkeit geschieht in diesem Fall zugunsten der privaten Vernetzung. Für das Subjekt in der Gegenwart gilt, dass es eine Vielzahl von »›postmodernen‹ Identitätsmodellen«737 gibt, die einer »Dezentrierung des Subjekts«738 geschuldet sind. Eickelpasch und Rademacher verweisen auf Wolfgang Welschs Credo einer »radikale[n] Pluralität« und den Zusammenhang mit der »pluralisierten und fragmentierten Sozialwelt der (Post-)Moderne«739. Schon an der Verwendung der ein- beziehungsweise ausgrenzenden Verwendung von Operatoren wird deutlich, dass der genaue Status der Gegenwartsgesellschaft uneindeutig ist. Strauß’ im vorherigen Kapitel thematisierte Feststellung, dass kein ›prä‹ und kein ›post‹ mehr die Gegenwart näher zu bestimmen vermögen, verstärkt den Eindruck, dass die »Auswirkungen innergesellschaftlicher Modernisierungsdynamiken auf die individuellen Lebensläufe und Selbstentwürfe der Menschen« weitreichend sind; sie leiten einen »Prozess einer fortschreitenden ›Dezentrierung‹ von Identitäten« ein, der »durch Globalisierung und anwachsende Migrationsströme«740 vorangetrieben wird. Damit verbunden ist zudem eine »Unterminierung und Zersplitterung der großen kollektiven Zugehörigkeiten – Nation, Kultur, Ethnie, Geschlecht –«741. Elementar zu betonen ist nach Eickelpasch und Rademacher auch, dass die »Konstruktion und Neukonstruktion von Identitäten [...] in der Perspektive dieser Ansätze immer in umkämpften Räumen statt[findet]«742. Dass das Sicherungsfundament des Subjekts bedroht ist und wegbricht, erhöht den Druck, der auf diesem lastet. Es kommt zu einer Destabilisierung, Fragmentierung und der besagten Pluralisierung, derentwegen die »Identitätsentwicklung« auch zu einem intrinsisch motivierten »persönlichen Projekt«743 wird, welches das Subjekt voranzutreiben gezwungen ist, um weiterhin einen aktiven Platz in der Gesellschaft einneh- 737 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 12. 738 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 10. 739 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 10. 740 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 12. 741 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 12. 742 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 12. 743 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 55. 514 men zu können. Der affirmative oder negierte Vernetzungsstatus wird elementar und der »sich dramatisch beschleunigend[e] Prozess der Globalisierung ergänzt und verstärkt«, wie die Autoren vertiefen, den »Prozess einer fortschreitenden Dezentrierung der Identität«744. Weiter äußern sie: »Vor allem die großen kollektiven Zugehörigkeiten [...] werden durch die wachsende Entgrenzung ökonomischer, sozialer und kultureller Beziehungen erschüttert und durcheinander geschüttelt«, sie »zersplittern unter dem Druck der globalen Modernisierung«745. Das bedeutet nichts minder als eine Gleichzeitigkeit von Individualisierung, Isolation und Vernetzung. 6.13 Die deterritorialisierte Gegen-Gesellschaft: Kampf um Raum? Aus Rolf Eickelpaschs und Claudia Rademachers Beschreibungen lässt sich zudem ein weiterer Aspekt ableiten, der zugleich ein Subphänomen der Globalisierung ausmacht: Der Kampf um Raum. Dass dieser eine »Alltagserfahrung« geworden ist, thematisieren auch Joana Breidenbach und Ina Zukrigl: »Für eine wachsende Anzahl von Menschen wie Migranten, Geschäftsleute, Jugendliche, Wissenschaftler, Künstler oder Internetbenutzer, verlieren feste geographische Räume als wichtigste Bezugspunkte der Identität und des Alltagslebens ihre Bedeutung und werden von deterritorialisierten Gemeinschaften abgelöst, die durch soziale, berufliche und ideelle Gemeinsamkeiten miteinander verbunden sind. Deterritorialisierte Gemeinschaften sind nichts Neues. [...] Doch während Diaspora und Exil für den Großteil der Menschheit vereinzelte Erfahrungen waren, werden sie durch die Globalisierung zur Alltagserfahrung von vielen.«746 Es besteht eine grundlegende Verwandtschaft zwischen dieser Aussage und Vilém Flussers eingangs thematisiertem Stadtdiskurs. Raum (mit ihm Heimat oder Aktionsradius) kann einerseits physisch und konkret verstanden werden (in der Populärkultur mit dem Slogan »Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause, mein 744 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 55. 745 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 55. 746 Joana Breidenbach & Ina Zukrigl: Tanz der Kulturen. S. 142f. 515 Block« umschrieben)747 oder als imaginäres, virtuelles Konstrukt wie die Online-Community oder das »Second Life« wie es sich Strauß’ Figuren Freya Genetrix und John Porto in Das blinde Geschehen einrichten. Die Informationsgesellschaft hat sich zu einer Digitalgesellschaft mit globalen Ausmaßen weiterentwickelt. Und was »weltweite Ströme von Arbeitsmigranten, Flüchtlingen und Vertriebenen, von Herumirrenden, Fliehenden, Ziehenden«748 in der realen Gesellschaft erleben, gilt mit Variation und Abwandlung auch für literarische Figuren. Entwurzelungsgefühle betreffen reale und fiktive Subjekte gleichermaßen: »Die globalen Migrationsbewegungen können zu Entwurzelung, Diasporabildung, Auflösung tradierter Lebensformen und zur Destabilisierung von individuellen und kulturellen Identitäten führen. Biografische Unsicherheit wird zum charakteristischen Merkmal der globalen Moderne, ja zur gesellschaftlichen Basiserfahrung. Die Erfahrung des ›Zwischen-allen-Stühlen- Sitzens‹ kann unbequem sein, irritierend und lästig. Sie kann zum ängstlichen Festhalten an den Traditionen der ›Heimat‹ und zum ›Rückzug ins Ghetto‹ oder zur (Über-)Anpassung an die Normen des Aufnahmelandes führen. Das ›Leben im Zwischenreich‹ hat aber auch eine andere Seite: Es kann den Blick schärfen und Quelle kreativer Selbstfindung und subversiver Kraft sein. Die neuen Ureinwohner des global village können – wie das Beispiel intellektueller Migranten und Migrantinnen zeigt – aus ihrer ›Binde-strich-Existenz‹ und ihrer Unzugehörigkeit Inspiration und Kraft schöpfen.«749 Die von Flusser beschriebene Freiheit jener Nomaden und Migranten,750 die sich wie Ameisen über den Globus bewegen, ist angesichts der Entfremdung, Herauslösung und Überforderung einem Sachzwang gewichen; so sieht dies auch Strauß, der sich auf ähnliche Weise in Niemand anderes einer technischen Fabel beziehungsweise Metapher bedient, um darzustellen, wie sich die Daseinsbedingungen des Menschen verändern: 747 Hier vom Sprach- und Rhythmusmusikanten Sido in Abgrenzung zu den Werten der bürgerlichen Gesellschaft und als Hymne an die abgehängten Viertel der Großstädte vorgetragen (vgl. Sido: »Mein Block«). 748 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 9. 749 Rolf Eickelpasch & Claudia Rademacher: Identität. S. 9. 750 Vgl. Vilém Flusser: »Nomadische Überlegungen«. 516 »Wir sehen die Biene immer technischer, kommunikativer, kybernetischer. Wir erkennen weder Sinn noch Anmut, sondern nur das bare, brillante Geschehen. Ich denke häufig, daß wir das entschlüsselte Leben umgehend in technische Metaphorik neu verschlüsselt haben. Die Vorstellung Descartes’ von der Maschine Tier kehrt eigentlich in der kybernetischen Symbolik wieder.« (NA 142). In Lichter des Toren reformuliert Strauß den Gedanken (und bezieht sich nun ebenso auf Ameisen): »Es entfällt die Ähnlichkeit mit dem Termitenhaufen, der dem oberflächlichen Blick als heilloses Gewimmel von Masse abstoßend erscheint und doch in Wahrheit die zweckmäßigste, überwältigend erfolgreiche Ordnung darstellt, ohne daß ein einzelnes Mitglied des Staats vom Funktionieren des Ganzen etwas wüßte. Die Ameisen betrillern sich mit den Fühlern und tauschen darauf Zuckersaft und Sekrete aus. Das ist Impuls und Sinn ihrer Begegnung. Der entfalteten Beschaffenheit unserer Gesellschaft entspricht ein alltägliches Bewußtsein von ihr, das ungleich primitiver und bornierter ist. [...] Wie es tatsächlich funktioniert, daß ein hochentwickeltes Sozialgebilde zwangsläufig von einem verminderten Bewußtsein abhängig sein muß, wird dem Systemforscher vielleicht erst auf einer nächsthöheren Evidenzstufe einsichtig.« (LDT 89f., vgl. auch WDL 182) Derlei Vergleiche und Metaphern dürfen jedoch nicht als absolute Gleichsetzungen der sozialen Verhältnisse unterschiedlicher Spezies missverstanden werden.751 Sie dienen lediglich einer rhetorischen Verdeutlichung der 751 Vgl. hierzu auch Niels Werber: Ameisengesellschaften. Werber betont, dass Ameisen und andere soziale Insekten in Medien, Wissenschaften und in der Literatur herangezogen werden, um eine metaphorische »Selbstbeschreibung unserer Gesellschaft« zu ermöglichen, wobei es sich dabei lediglich um eine »Suggestion einer Übertragbarkeit« handle (S. 36). Sowie Thomas D. Seeley: Bienendemokratie, wo Bienenvölkern attestiert wird, »ein raffiniertes, hochentwickeltes Gewirr von Verhaltensweisen, Kommunikationssystemen und Rückkopplungsschleifen« für ihre Belange einzusetzen (S. 231). Es handelt sich um Gleichsetzungen und Relationen, nicht um Übertragungen, dennoch kann es informativ sein, diese Fremdwelten zu beobachten, um eventuell Verhaltensweisen abzuschauen und systemintern in eigene Handlungsweisen umzukodieren; beispielsweise beruht die Autopoiesis in der Systemtheorie auf einer ergiebigen Spiegelung biologischer Zellre- 517 Gesellschaft durch Blicke auf fremde Welten, aus der sich wiederum nur metaphorische oder metonymische Rückschlüsse ziehen lassen, wie es zum Beispiel auch eine weltkranke Figur in Wohnen Dämmern Lügen, die am Beginn dieses Kapitels besprochen wurde, demonstriert. Die Leitfragen beziehen sich auf Ähnlichkeiten, Unterschiede und Verhaltensweisen oder Problemlösungsstrategien aus der Biologie und können Hinweise für die Lösungswege eigener Probleme geben. Biene und Ameise werden hier als Bilder herangezogen, um zu erklären, dass sich jeder, der an der deterritorialisierten Gesellschaft teilnehmen will, sich an ebensolchen deterritorialisierten Funktionssystemen beteiligen muss, da ansonsten die Exklusion droht. Ableitbar sind die Anpassungsstrategien der Insekten und zugleich auch, ab welchem Veränderungsgrad der Lebensbedingungen keine Anpassung mehr möglich ist, sei es durch Überkomplexität oder durch eingetretene Weltrisiken. In Flussers Theoriegebilde finden sich Hinweise darauf, wie auf die veränderten Lebensbedingungen der Informationsgesellschaft reagiert werden kann. Durch das Hinzukommen einer digitalen Nebenwelt trennt sich das Subjekt in eine analoge, örtlich verankerte Sphäre, in der man physisch präsent ist, und eine digitale Existenz, die eine gleichzeitige Anwesenheit an weit auseinander liegenden Knotenpunkten ermöglicht. Diese Trennung führt zur genannten Deterritorialisierung auf mehreren Ebenen. In der sozialen Wirklichkeit, auf die sich Flusser bezieht, meint es hingegen dort stattfindende globale Bewegungen – sei es aus Gründen der Migration, aus beruflicher Notwendigkeit oder aus privatem Interesse. In der Kunst zeigt sich die Deterritorialisierung in der Suche literarischer Figuren nach einem Zufluchts- und Verbleibeort; exemplarisch sei auf die jeweiligen Sinnsuchen der Lotte in Groß und klein oder der Figur Martin in Die Fremdenführerin verwiesen. Insbesondere Lottes Monolog in der achten Szene ist aufschlussreich: »Jeder Schritt kann der falsche sei. Wohin in dieses Überall? Äußerst frei, äußerst frei« (GUK 484), beziehungsweise die Auflösung der festen Gewissheiten: »Die Dinge lösen sich. [...] So gesehen, bekommen die Dinge jetzt erst ihr eigentliches Gewicht. [...] Weshalb sich gegen die allgemeine Entwicklung stemmen? [...] Die Entwicklung hat uns überrollt, sagst du?« (GUK 486). Auch in der zehnten Szene, die »In Gesellschaft« betitelt ist, gelingt ihr kein Anschluss, sie bleibt wie in allen Szenen ein Fremdkörper und stolpert durch eine Welt, die sie nicht mehr versteht. In beiden Fällen schildert Strauß Einzelfiguren, die sich in ihrer jeproduktionsprozesse in die Theorie der Selbstorganisation und -reproduktion der Gesellschaft. Vielleicht sind es derartige Systemforscher, auf die Strauß anspielt? 518 weiligen Welt neu orientieren müssen und Kontakte sowie soziale Bestätigung suchen. Die Konfrontation individueller Subjekte mit ihrer sozialen Umwelt ist einer der Aspekte, in denen sich die stattfindende Ausgrenzung manifestiert. Ein anderer leitet sich aus der Bildung von Gruppen ab, die sie (unbewusst oder bewusst) gegen die soziale Umwelt positionieren oder sich dahingehend radikalisieren, dass sie die Umwelt negieren oder lediglich als Gegengewicht, das die eigene Gruppierung stabilisiert, ansehen. Vor allem die Novelle Die Unbeholfenen schildert die Orientierungsversuche eines Kollektivs, das sich in die gesellschaftliche Abgeschiedenheit zurückzieht. Ihre Abgrenzungsbestrebung als Gruppe ersetzt die individuelle Sinnsuche und ermöglicht es, eine Gruppenidentität zu entwickeln, durch die sie eine Gegengesellschaft bilden. Die Gruppe lebt nach eigenen Regeln und Kontakt zur sozialen Umwelt findet nur selten statt und scheint, auch im Rückblick auf die Analyseergebnisse der vorangegangenen Kapitel, zumeist der Informationsauf- und -zunahme und Stabilisierung sowie Komplexitätssteigerung des herausgebildeten Systems zu dienen. Die Gruppe der Unbeholfenen ist in Bezug auf ihre Distinktionsbemühungen mit der Gruppe der Kunstkenner in Trilogie des Wiedersehens sowie der Konstellation der quervernetzten Hotelgäste und Beziehungspartner in Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle oder der Firmenmitarbeiter des »Institut[s] für Nachricht« in Rumor vergleichbar. Die Gruppen konstituieren sich über gemeinsame Distinktionen und verwertbare Differenzen wie Kunstkenner/Kulturbanause oder Zukunftsforscher/Prognosenabnehmer, welche die Handlungen vorantreiben und die Gruppen gegenüber ihren jeweiligen Umwelten stabilisieren. Ein poetologisches Vorgehen dieser Art ist nicht verwunderlich, weil literarische Texte, wie mehrfach erwähnt, als Fiktionen und Konstruktionen von Gesellschaft dienen können. Dass Kunst ein Laboratorium für die Entwicklung alternativer Gesellschaften und Gesellschaftsmodelle und zugleich ein Ort für Zivilisationskritik ist, ist kein neuer und bahnbrechender Gedanke. Lars Qvortrup schreibt hierzu: ›Falls die Kunst jene Kommunikationsform ist, die der natürlichen Schönheit huldigt, so kann sie auch der Ort für eine Kritik eines so genannten ›technischen Fortschritts‹ sein: die Unmenschlichkeit der Großstadt, die Entfremdung der unmittelbaren zwischenmenschlichen Relationen durch Maschinen, die Pervertierung des edlen Wilden durch die Geldökonomie, usw.‹752 752 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 112. 519 Dabei ist er sich durchaus bewusst, dass es auch andere Verfahren der Kritik beziehungsweise der Diskussion gibt, hierunter fallen Illusionen, Ironie oder Irritation durch normfremde Verwendung von Sprache als Medium der Selbst- und Fremdbeobachtung753. Das Ziel ist somit nicht länger eine künstlerische Mimesis, sondern die Erschaffung neuer Weltkonstruktionen anhand ästhetisch-literarischer Verarbeitung von Wirklichkeitsbedingungen. Literatur spielt Gesellschaft nach und fängt den Zeitgeist in einem Spektrum von Protest bis Affirmation ein und ist dabei zugleich eine der möglichen strukturellen Kopplungen von Gesellschaft und Kunst. Die Rückkopplung von Kunst an Gesellschaft baut auf Analogien und Wiedererkennbarkeit der Fiktion in der Umwelt des Textes auf: »Die Kunst produziert eine fiktionale, imaginäre Realität, die grundsätzlich anders ist als die wirkliche Realität. Sie ist eine mögliche oder eine unmögliche, eine schönere oder eine häßlichere, eine tendenziell historische, gegenwärtige oder zukünftige Realität. Erst diese Scheinrealität ermöglicht in ihrer Differenz zur wirklichen Realität, diese zu beobachten. So wie wir den Computerbildschirm, vor dem wir sitzen, nur in Differenz zu dem ihn umgebenden Raum (Computertisch, Tastatur, Wände, Tapeten, Vorhänge, etc.) wahrnehmen können, können wir auch die Realität nur beobachten in Differenz zu einer anderen Realität. Diese andere Realität zeigt mir, daß die ›wirkliche Realität‹ auch anders möglich ist: schöner, gerechter oder dramatischer. Und genau darin liegt die Kontingenz. Außerdem zeigt mir die fiktionale Realität, daß auch das Mögliche Ordnung aufweist – eine Abkehr von vorgegebenen Strukturen führt nicht notwendig ins Chaos, sondern zu etwas Anderem.«754 Radikaler geht Strauß’ Roman Der junge Mann (1984) die Schaffung einer fiktionalen Realität an. Das vierte Kapitel des Romans widmet sich unter der Überschrift »Die Siedlung (Die Gesellschaftslosen)« einer sphärischen Gruppierung, deren Entstehen eng verbunden ist mit einer Abkehr von der Mehrheitsgesellschaft. Die Erzählerfigur ist als Beobachter von einem »zwischenstaatliche[n] Gremium« (JM 117) angestellt, um die Gruppierung der so genannten »Syks« zu beobachten und beschreiben, die sich als ›ge- 753 Vgl. Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 115, 130f., 169, 179. Angelehnt an Qvortrup lässt sich über solche Interaktionen auch sagen: Unverständlichkeit entspringt der intendierten Verschleierung der erfolgten Kommunikationsselektionen. 754 Frank Becker & Elke Reinhardt-Becker: Systemtheorie. S. 128. 520 sellschaftslose Gesellschaft‹ (vgl. JM 144) im Anschluss an Migrationsbewegungen bildete, zu denen es als Folge von »abrupten gesellschaftlichen Veränderungen« (JM 114), von einem »kulturelle[n] Erdrutsch« (JM 114) und »dem raschen Auseinanderfallen unserer westlichen Erfolgsgesellschaften« (JM 114) kam: »Erste Folge des wärmeerzeugenden Zerfalls waren die weitverbreiteten Gruppennester und Bürgerbünde, die jedoch allesamt innerhalb des alten Gemeinwesens operierten und aushielten. Die Situation änderte sich grundlegend erst mit dem plötzlichen Auftauchen von ausgedehnten Migrationsund Siedlungsbewegungen, über Länder- und Staatsgrenzen hinweg. Hier sammelten sich auf einmal moderne Menschen des dritten industriellen Zeitalters nach Art von Stammesgesellschaften, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Alters, ihrer Nationalität, bildeten große Familien bzw. kleine, bewegliche Völkerscharen. All dies war viel zu sprunghaft und überraschend geschehen, als daß man es aus den herkömmlichen Erklärungsmustern der Krise und des Wandels noch hätte ableiten können. So abwegig es auch sein mochte, nun unbedingt auf kosmische und außerplanetarische Einflüsse zu spekulieren, die den gleichzeitigen Ruck im Bewußtsein unzähliger Bürger bewirkt haben sollten, so einleuchtend war es andererseits denn doch, daß sich das verprellte Menschengemüt im Notfall lieber mit solch gleichnishaften Vermutungen als mit ausgemergelten Analysen behalf. Aber wenn man schon, wie es geschah, von galaktischen Schockwellen und Fluktuationen sprach (und dabei unsere kleine gesellschaftliche Abdrift mit nichts Geringerem als der Supernovaexplosion eines verbrauchten Sterns verglich, die gewöhnlich zur Entstehung neuer Planeten führt!), dann möchte ich mir diese Ereignisse größten Stils wieder bescheiden ins Irdische übersetzen und dazu bemerken: daß diese neueren Ausstreuungen von Lebens- und Verhaltensformen in der Tat von einer Fluktuation getragen werden, von einer Schockwelle, die unser aller Bewußtsein angeweht hat und die nach meiner festen Überzeugung von den gleißenden Schätzen der Vernichtungswaffen ausgeht, die wir auf unserem kleinen Planeten angehäuft haben, als wollten wir eines Tages Sonne spielen.« (JM 114f.) Die Rückentwicklung in eine stratifizierte, wenn nicht sogar segmentäre Gesellschaft als Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen ist nur auf den ersten Blick eine Rückbewegung aus der Industriegesellschaft mit ihren ›Angestelltensubjekten‹ (Reckwitz); auf den zweiten Blick verdeutlicht der Erzähler ihre gruppeninterne Ausdifferenzierung, die sich unter 521 anderem an einer entweder hochkomplexen oder stark vereinfachten Sprache zeigt, in der »ein und dasselbe Wort für Zerschnittenes und Zusammenfließendes« benutzt wird, »dasselbe Zeichen für Fotografie und Zeugungsakt« oder für »Ambivalenz-Terme« und »Bedeutungscluster[…], man muß immer den gesamten Nimbus mit- und unterverstehen« (JM 112). Auch ist ein »feiner ausgebildete[s] Reaktionsvermögen« (JM 116) zu beobachten. Die Gruppe bildet eine Diaspora, ohne jedoch einen religiösen Kontext, und könnte entsprechend ihrer Beschreibung als »eine kleine, verständigte, friedliebende Gemeinschaft« (JM 120) durchaus als Anhängerschaft der counter culture-Bewegung missverstanden werden. Die Beschreibungen durch den Erzähler verdeutlichen die ambivalente Binnenstruktur der Gruppe, doch kommt er zu keiner eindeutigen Charakterisierung, die über die Feststellung, dass die »Syks« eine synthetisierende und bildkritische Gruppe sind und als politisch, religiös und kulturell in hohem Maße wandelbar charakterisiert werden, nicht hinausgeht. Eine nähere Betrachtung ihres Umgangs mit Bildern veranschaulicht ihre Haltung: »Lediglich alle visuellen Geräte, Bilder, Fotos, Plakate und dergleichen wurden beseitigt und aus dem Wege geschafft. Sie waren zwar keine Bilderstürmer, besaßen aber eine tiefgründige Scheu und Abwehr gegenüber vorgefertigtem und reproduziertem optischen Material. Bild, das galt ihrem Verständnis stets soviel wie Bilden, etwas unbedingt Aktives verband sich hiermit. Ein Bild stellte man her und löste es wieder auf, es war ein Geschehen. Und vor allem war es das Grundelement ihrer Sprache, ihrer eigentümlichen, ebenso naiven wie ideenreichen Pictogrammatik. Ihre Rede, ihre Sprech-Akte waren ein bewegtes Kombi-System aus Gebärde, gezeigten Gegenständen, einzelnen Wörtern und einer Unzahl fein abgestufter Gefühlslaute. Jede Mitteilung besaß einen beliebig tiefen Bedeutungsflur, den nur das aufmerksame Erfassen der Sprech-Situation genau erschließen und begrenzen konnte. Ihre Schrift dagegen, ihre Aufzeichnungen glichen eher abstrusen Kunst-Objekten. Es waren dies meist sehr ausladende Collagetafeln, auf denen sie ihre Fabeln erzählten, und diese waren im übrigen bedeutend fragmentarischer gehalten als ihre lebendige, vielgestaltige Rede.« (JM 122) Dieses Verhältnis zu Bildern, vor allem technischen Bildern, in Kombination mit der geschilderten Geschichts- und Gesellschaftsstruktur lässt an Vilém Flussers Beschreibung von technischen Bildern denken; jedoch können die »Syks« als Gegenentwurf zur telematischen Gesellschaft verstanden werden, wie im Anschluss an die folgenden Überlegungen ersicht- 522 lich wird. Bilder sind den »Syks« Szenen (»Geschehen«) und die Ablehnung technischer Bilder und die Hinwendung zu traditionellen Bildern (hier »Pictogrammatik«) bedeutet zugleich einen Rückschritt aus der fünften Entwicklungsstufe zur dritten Stufe. In dieser wendet der Mensch sich ab vom »objektiven Umstand« durch eine »imaginäre, zweidimensionale Vermittlungszone«. »Es ist«, wie Flusser weiter ausführt, »die Stufe der Anschauungen und des Imaginierens. Auf ihr stehen die traditionellen Bilder (zum Beispiel die Höhlenmalereien)«755. In Strauß’ Text wird diese Phase durch die »meist sehr ausladende[n] Collagetafeln« (JM 122) repräsentiert. Nach Flusser ist die vierte Stufe »die Stufe des Begreifens, des Erzählens, die historische Stufe. Auf ihr stehen die linearen Texte (zum Beispiel Homer und die Bibel)«756. Das geschilderte Verhältnis der »Syks« zur Schrift negiert die Linearität der Schrift, verstanden als »abstrus[e] Kunst- Objekt[e]« (JM 122), und somit indirekt auch der Zeit. Besonderes Merkmal dieser Gruppierung ist indes, dass sie in der Lage ist, zeitgleich auch die Medienprodukte der vorherigen drei Stufen vollumfänglich zu deuten und ihnen Informationen abzugewinnen. Darüber hinaus können sie in ihrer eigenen Informationsproduktion so zum einen an die Umweltwahrnehmung »einer dreidimensionalen, aus behandelbaren Objekten bestehenden«757 Welt der zweiten Stufe und zum anderen der vierdimensionalen Welt »des konkreten Erlebens«758 der ersten Stufe anzuschließen. Die dreidimensionale Welt meint bei den »Syks« »gezeigt[e] Gegenständ[e]« (JM 122), die vierdimensionale »Gebärde[n]«, »einzeln[e] Wörte[r]«, »Gefühlslaute« (JM 122) – und letztere werden als Formen konkreter Informationen über ihre Gegenwart kodierbar. Flussers Modell geht von einer linearen Kultur-, Kommunikations- und Medienentwicklung aus, bei der die jeweils nächste Stufe die Informationsverarbeitung und -weitergabe erweitert und ausdifferenziert, wodurch diese vor allem komplexer wird. Die Weltwahrnehmung der »Syks« hingegen ist soweit verändert, dass die Grenzen zwischen den Stufen eingerissen sind und die Informationsverarbeitung alle Stufenmerkmale bei annähernd gleicher Qualität umfassen kann mit einer Tendenz zur hochkomplexen Mündlichkeit. Die »Syks« durchbrechen demnach die Linearität sowie die Komplexitätssteigerung und werden durch ihr Informationsverhalten und das in der Erzählung anklingende 755 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 11. 756 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 11. 757 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 11. 758 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 11. 523 Selbstverständnis als eine hochgradig zyklisch-gleichzeitig angelegte Gesellschaft beschrieben. Der Kunstgriff, den Strauß in diesem Romankapitel vollzieht, besteht nun darin, dass die Kommunikationsform der »Syks« strikt von der Gestaltung und Ausformung der gesellschaftlichen Umwelt gelöst ist, wodurch sie die Umwelt vollends anders wahrnehmen. Die fünfte Stufe in Flussers Theoriegebilde leitet eine ›telematische Gesellschaft‹ ein, die grundlegend als informatorisch-progressiv definiert ist. Anders als bei den »Syks« gibt es für Flusser kein echtes Zurück, sondern nur ein Akzeptieren des Fortschritts innerhalb der ›telematischen Informationsgesellschaft‹: »Da uns die Flucht aus der Bilderflut zurück zu den alten Bildern verwehrt ist, können wir die Flucht nach vorne zu neuen Bildern versuchen. Was so entsetzlich an der Bilderflut ist, sind drei Momente: daß sie an einem für ihre Empfänger unerreichbaren Ort hergestellt werden, daß sie die Ansicht aller Empfänger gleichschalten und dabei die Empfänger für einander blind machen und daß sie dabei realer wirken als alle übrigen Informationen, die wir durch andere Medien (inklusive unserer Sinne) empfangen.«759 Die »Syks« können zu ihren alten Bildern zurück und scheinen gegen die Bilderflut immun zu sein oder schlicht nicht in der Lage, sie zu deuten. Und auch das Zeitverständnis und -erleben der »Syks« weicht von einem etablierten ab; so stellt Nikita Gladilin zur Bedeutung und Ausformung der Zeit im Roman fest: »Die Zeit im Jungen Mann ist nicht linear, sondern zyklisch: Sie bildet immerfort mit dem Raum ein gemeinsames Kontinuum. Die diachronische, kausale Handlungsentwicklung macht Platz für freie synchronische Assoziationen«760. Gladilin führt fort, dass im Roman zu sehen ist, wie »die realistische Erzählung im ersten Teil« plötzlich in ein Zeitlupenbild umschlägt oder im Folgekapitel sich »[f]ast die gesamte dynamisch-mystische Handlung [...] in einem einzigen Augenblick«761 abspielt. Gladilin kommentiert oder interpretiert dies als »die postmodernistische Schlüsselthese über die ›Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‹«762. Das Zeitverständnis erinnert in den Grundzügen bereits an die Fleck-Metapher, 759 Vilém Flusser: »Die telematische Informationsgesellschaft«. S. 73. 760 Nikita Gladilin: Postmoderne deutschsprachige Literatur: Genese und Haupttendenzen der Entwicklung. S. 218. 761 Nikita Gladilin: Postmoderne deutschsprachige Literatur. S. 218. 762 Nikita Gladilin: Postmoderne deutschsprachige Literatur. S. 218. 524 die Strauß wenig später zu einem der Grundpfeiler von Beginnlosigkeit ausarbeitet. Strauß stellt sich, wie bereits in den vorherigen Kapiteln besprochen wurde, gegen die medialisierte Gegenwart. Durch ästhetische rückwärtige Anbindungen an die Diskurse der frühen Moderne betont Strauß eine kritische Haltung gegen die gesellschaftlichen Veränderungen, die bereits in Der junge Mann anklingt und in Lichter des Toren kulminiert. Diese Inhaltslinie in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft erstreckt sich über einen Zeitraum von bisher vier Jahrzehnten und spitzt sich über den gesamten Zeitraum kontinuierlich zu. Strauß’ Schreiben ist als Versuch zu bewerten, einen Weg zu den alten Bildern und zur alten Kultur zu finden, also die (auch geistigen) Orte ihres Entstehens zu finden, die individuelle Rezeption erneut zu ermöglichen und zuzulassen – und dabei eine Gegenoption zur Globalisierung und Globalität einzunehmen. Im Roman lässt Strauß die »Syks« versuchen, die Gesellschaftsschranke zu überwinden, indem sie alte Bilder reproduzieren und ein komplexes, fortlaufendes und bildbasiertes Kommunikationssystem etablieren, dessen Codes von außen nicht unmittelbar zugänglich sind. Der Erzähler nimmt sie in seiner Beobachterfunktion nur als »abstrus[e] Kunst-Objekt[e]« wahr. Eine vergleichbare Erzählsituation erleben auch Lackner in Die Unbeholfenen und die Protagonisten Friedrich Aminghaus und die Buchfee Hermetia in Kongreß – Die Kette der Demütigungen. Ihnen gemein ist, Komplexität zwar wahrnehmen, aber nicht verstehen zu können. Der Umgang der »Syks« mit Bildern, ihre »tiefgründige Scheu und Abwehr« (JM 122), beruht auf dem Bestreben, sich der Deutungslinearität zu entwinden. Flusser beschreibt die telematische Gesellschaft durch drei Momente, deren Konsequenzen Strauß’ Kritikpunkten stark ähneln: »Das erste besagt, daß wir den Bildern verantwortungslos, aller Antwort unfähig, gegenüberstehen. Das zweite, daß wir dabei sind zu verdummen, zu vermassen und allen menschlichen Kontakt zu verlieren. Und das dritte, daß wir die weitaus meisten Erlebnisse, Kenntnisse, Urteile und Entscheidungen den Bildern zu verdanken haben, daß wir demnach von den Bildern existentiell abhängig sind. Betrachtet man die Sache näher, dann stellt man fest, daß alle drei entsetzlichen Momente nicht in den Bildern selbst, sondern in der Art liegen, wie die Bilder geschaltet sind, um ihre Empfänger zu erreichen. Das Entsetzen liegt in der ›Kommunikationsstruktur‹ oder – um es einfacher zu sagen – in den materiellen und/oder immateriellen Kabeln.«763 763 Vilém Flusser: »Die telematische Informationsgesellschaft«. S. 73. 525 Die Entwicklung ist, wie ersichtlich wird, der Medialisierung geschuldet. Technische Bilder erzwingen eine sehr spezifische Rezeptionsweise, die in der Folge auch gesellschaftliche Konsequenzen hat. Sowohl die gesellschaftliche Umwelt der herangezogenen theoretischen Texte als auch die Innengesellschaften der untersuchten Texte werden von der Entwicklung beeinflusst. Die literaturinterne Veränderungsdiskussion lässt sich am Beispiel der »Syks« exemplarisch verdeutlichen. Kurz ausgedrückt zeigen die Gesellschaft der »Syks« und die Mehrheitsgesellschaft der Umwelt in divergente Richtungen bei ansonsten gleichem setting, ohne dass die »Syks« deswegen zu einer utopischen oder gar dystopischen Miniaturgesellschaft zu werden drohen. In der Beschreibung treten sie eher als eine Art Bündnisgemeinschaft hervor, die sich um variable Werte positioniert. Der Erzähler resümiert: »Nichts lag den ›Syks‹ ferner als Anarchie und Gesetzlosigkeit. Das Leben der ›rechten Hälfte‹ (nämlich des Großhirns), in der bekanntlich Bild, Raum, Musik, Synthese stärker vorgestellt werden als Zahl, Wort und Analyse, bewahrte sie nicht nur vor schmalem Zweckdenken und dem Anschluß ans digitale Weltsystem, es erhielt ihnen auch eine halb kindliche, halb philosophische Frommheit, die sich keiner radikalen Politik verbinden mochte. Die ›Syks‹ waren im Gegenteil nicht nur imstande, sondern innerlich auch ganz und gar dafür eingerichtet, überall auf Gesetze zu achten, sie zu erlauschen, beinahe wie die Alten vor der Schrift, in Baumwipfeln und im Kieselgrund des Bachs, aber auch im Motorengeräusch, im Flirren der Fahrradspeichen, in den Interferenztönen der Verstärker-Boxen. Ihr Gehör oder auch: ihr intuitives Gehorchen war vielleicht das am höchsten entwickelte Organ, ihre empfindlichste Bereitschaft. Hierdurch erlangten sie Zugang zu Gesetz und Imagination. Aber so wie sie allenthalben überkommene und vorgefundene Güter sammelten, verwerteten und immer wieder umkrempelten, machte es ihnen auch die größte Freude, die Politiken ihres Gemeinwesens je nach dem Walten der Stunde zu verändern und völlig auszuwechseln. Denn auch ihr ganzes Sozialgebilde war ja ein traumförmiges und wurde beherrscht vom Gesetz der offenen Verwandlung. Es kannte mithin keine haltbare oder tragende Verfassung. Hatte man heute die große Persönlichkeit entdeckt, den schamanenhaften Ordnungsstifter, so trat morgen schon ein beratendes Kollektiv an seine Stelle. Man empfand aber auch das Nachahmen eines absolutistischen Zwergstaates als wohltuend, oder war sogar eine Zeitlang mit der bitteren Strenge einer Glaubensdiktatur einverstanden, um dann ein paar Wochen später umso erleichterter 526 zur Wahl eines demokratischen Parlaments zu schreiten. Wie es sich beinahe von selbst versteht, vollzogen sich diese Übergänge ohne Revolte und Machtkämpfe, sie waren ja dem ›Walten der Stunde‹ und sie waren den Bedürfnissen des kulturellen Gedächtnisses abgelauscht. Im übrigen glaubte man, je mehr Politiken man erprobt und sozusagen im Repertoire hatte, umso besser gerüstet zu sein für den Fall irgendwelcher Veränderungen der gesellschaftlichen Umwelt.« (JM 131f.) Die »Syks« bilden eine freiwillig exkludierte Gruppe, die sich bewusst »dem Anschluß ans digitale Weltsystem« (JM 131) widersetzt, dabei horchendbedacht die Signale ihrer Umwelt wahrnehmend. Sie sind eine oral kommunizierende Gesellschaft, die sich durch internen Wandel fortlaufend ausdifferenziert und Codes sammelt, um die Veränderungen ihrer Umwelt effektiver deuten zu können. Strauß erschreibt eine Gesellschaft, die die aus der realen Gesellschaft bekannten politischen Veränderungen im Schnelldurchlauf spiegelt. Marieke Krajenbrink stellt zur poetologischen Ausformung des Romans fest, dass »[i]n jedem dieser Kapitel [...] eine ›Überschreitung‹ statt[findet], die unterschiedlichen Protagonisten geraten jeweils in Zonen des Irrealen. Jenseits zeitlicher und vernunftsmäßiger Schranken. Sie machen eine Bewußtseinsreise in die Welt von Traum und Phantasie, von Mythos und Märchen, wo sie die bizarrsten Abenteuer erleben. Gerade bei der Darstellung dieser anderen Wirklichkeit häufen sich Anspielungen auf die romantische Tradition, in der ja die Entgrenzung der Alltagswirklichkeit und der ›Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft‹ von großer Bedeutung ist.«764 Der Gegenentwurf will demnach das Etablierte weiterdenken und dennoch ›andere Wirklichkeiten‹ einer Überprüfung unterziehen. Es liegt daher nahe, nach weiteren Gegengesellschaften und ihrer Funktion zu suchen, um dieses Phänomen umfassender bewerten zu können. Die Gruppe der Unbeholfenen wurde bereits umfassend besprochen, auch können die unterschiedlichen Ausformen des »Second Life« als Gegengesellschaft(en) interpretiert werden, weil ihnen – vollkommen neutral betrachtet – von den 764 Marieke Krajenbrink: »›Romantiker der elektronischen Revolution?‹ Zur Verwendung romantischer Elemente in Botho Strauß’ Der junge Mann«. S. 165f. Vgl. auch Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 117, wo Traum, Erotik und auch Nahtode als »wesentliche Möglichkeiten der Erkenntnisgewinnung« und »neue Dimensionen der Wahrnehmung« angeführt werden. 527 Nutzern Merkmale wie Heimat oder Zuflucht zugesprochen werden. Sobald jedoch der kurze Entwurf einer dystopischen Überwachungs- und Bespitzelungsgesellschaft einbezogen wird, wird ersichtlich, dass Gegengesellschaften auch bedrohlich ausgestaltet sein können. Das »Web-Haus« (VA 226) – ob von weben oder Web abgeleitet, bleibt unklar – schlägt um in das Ausgeliefert-Sein der technischen Möglichkeiten: unter die Haut implantierte Chips, Industriespionage, Korruption (VA 187), geklonte Menschen existieren neben »natürlichen« (VA 190) und gefräßige »Raupenwürmer« (VA 185), Ergebnis eines misslungenen Zuchtexperimentes, bevölkern die Stadt. Strauß schildert hier eine pervertierte Zukunft, in der dem Gegenwartsmenschen die vertraute Gegenwart genommen wurde und er ein künstlich optimierter ist.765 Einer der letzten Überlebenden der alten Menschengattungen imaginiert sich einen Ausweg aus der Dystopie herbei: »Es war die letzte Station in ihrer letzten Version. Ich, ein Schiffbrüchiger auf dem weiten Menschenmeer, hatte mich ans Gestade einer weitgehend unfruchtbaren Geistes-Insel, Xiphos hieß sie, gerettet. Xiphos, die Insel der? Vereinfacher ... Der Ort, der mich der trüben Geschehnisse der vergangenen Jahre enthob, sollte mir Gelegenheit zu einer längeren Niederschrift geben.« (VA 188) 6.14 Weiterführendes Zwischenfazit: Das verletzte Subjekt Die vorangegangen 13 Abschnitte könnten im Grunde alle auf diese Weise rubriziert werden. Und auch wenn das Subjekt nicht in allen prominent behandelt wird, ist es für Strauß’ Reflexionen der stete Ausgangspunkt. Im Folgenden soll entlang einiger zentraler Begriffe dieses Kapitels eine Rahmung oder Zusammenfassung erfolgen und zugleich ein Ausblick skizziert werden. Der im Sinne Sloterdijks ›enträumlichte Globus‹ ist, weil er durch Beobachtung geformt wird, von Menschen, Subjekten oder Individuen abhängig, denn das »Weitegefühl« und die ›schrumpfende Erde‹766 können nur von diesen wahrgenommen werden. Sie registrieren die weltweiten Abhängigkeiten und den fortdauernden Prozess der Individualisierung. Auch auf die Gefahr hin, den Identitätsverlust nicht länger durch Distink- 765 In Lichter des Toren glimmt kurz die positive Sicht auf diese Form der Hybridisierung auf. Ein eingebauter Chip könnte das Bild von entgegenkommenden Passanten auf der Netzhaut verändern (vgl. LDT 124). In Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte fantasiert Strauß vom ›Tunen der Stimme‹ (vgl. NLG 250). 766 Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. S. 27. 528 tionsbestrebungen aufhalten zu können und keine Exitstrategien zu besitzen. Die vorgenommenen Analysen der hier herangezogenen Texte von Botho Strauß untermauern die Hybridisierung und die Entzweiung anhand von Paaren, Einzelmenschen, Gedemütigten und Exkludierten, deren Orientierung sich im Verhältnis zur Außen- oder Umwelt erschwert, weil sich die Welt und ihre Gesellschaft als solches stark verändern. Auch die literarischen Subjekte reagieren auf die Entbettung, die Entfremdung und auf das Herausquellen ihres fragilen Inneren, teils sogar stärker als reale Subjekte, da sie keine eigentliche Körperlichkeit besitzen. Die veränderte Stadt, die Terrapolis, vermittelt den literarischen Figuren, dass sie mit veränderten Fixpunkten im Nahumfeld konfrontiert sind. Zusätzlich spinnt das Internet sie ein. Das Entstehen einer hyperkomplexen Gesellschaft verlangt von ihnen die Entwicklung von Anpassungsstrategien zur Komplexitätsreduktion, sei es durch Rückzug oder durch die Gründung von Gegengesellschaften. Die Veränderungen ihrer unmittelbaren Gegenwart führen dar- über hinaus zu einer aufgeweichten, sich verändernden Epochenwahrnehmung. Das Subjekt verliert den Kontakt zu den vergangenen und gegenwärtigen Sphären. Es ist dadurch auch Friktionen und Fissuren ausgesetzt, auf die Sinnsuchen, Übergangsprozesse und Zeitwahrnehmungsverzerrungen folgen. Der Zustand der Globalität verdeutlicht die Auflösung des Subjekts in Gesellschaft. Eine der gezeigten Reaktionen besteht in der Positionierung durch Abgrenzung, das heißt, dass durch das Subjekt bestehende Grenzen verstärkt werden oder dass versucht wird, neue zu etablieren, um zu sich zurückfinden zu können. In seiner Nahwelt, beispielsweise repräsentiert durch die Arbeitswelt oder die Paarbeziehung, erlebt das Subjekt am stärksten die Diskontinuitäten und Überdeterminierungen, mit denen es konfrontiert wird. Es geht in Vernetzungen und Rhythmen ein, in gemeinsame Stimmungen und Schwingungen, Doppelgänger treten auf und vermitteln, metaphorisch gesprochen, Gleichklang und Oberton, aber auch Flüchtigkeit und ein von Strauß oft betontes Verblassen oder ›Fading out‹. Das Gegenteil von sozialer Vernetzung sind technische Zersetzung und Virtualisierung, die als Mittel gegen Enträumlichung bemüht werden. Das Subjekt bei Strauß ist, so zeigt diese Zusammenfassung, vielfältigen Veränderungen in der Gesellschaft und der Welt ausgesetzt. Insbesondere erzwingt die Überdeterminierung Reaktionen vom Subjekt. Sie bezeichnet »die Überforderung des einzelnen durch Ansprüche, Normen und Erwartungen, die sich aber wechselseitig einschränken, Spielräume der Freiheit eröffnen. Die aktuellen Problembegriffe der modernen Gesellschaft lauten 529 Komplexität und Kontingenz, Ungewißheit und Unsicherheit. In ihrer sachlichen Dimension ist sie gekennzeichnet durch wachsende Komplexität, rigorose Systemdifferenzierung, den Eigensinn der Codes und die Ausklammerung des ›Menschen‹.«767 Das Subjekt sieht sich mit einer vielfachen Bedrohung der eigenen Position in der Gesellschaft konfrontiert. Reckwitz’ und Bolz’ Gedanken zu diesem Themenkomplex sind nicht neu und Strauß vollzieht einen werkübergreifenden Anschluss an diese. Massendiskurse finden sich beispielsweise bei Gustave Le Bon (Psychologie des foules, 1895), Ortega y Gasset (La rebelión de las masas, 1929), Broch (Massenwahntheorie, 1938-1948), Canetti (Masse und Macht, 1960) oder Sloterdijk (Die Verachtung der Massen, 2000), auf den sich auch Thomas Kron und Martin Horá ek beziehen. Ihre kritische Stellungnahme ließe sich auch als Replik auf Reckwitz heranziehen. Die zu untersuchende Frage lautet, wie viel Vermassung das Individuum verträgt, ohne selbst von innen wie von außen unkenntlich zu werden. Die zeitgenössischen Gesellschaftshintergründe der Massendiskurse von Le Bon, Ortega y Gasset, Broch und Canetti unterscheiden sich im Bereich der medialkommunikativen Reichweite stark von den heutigen. Massenmedien existierten nur in rudimentärer Form oder wurden eigens für politische Zwecke ausgebaut und missbraucht, vor allem während des barbarischen Rückfalls in die stratifizierte Gesellschaft zwischen 1933 und 1945. In der gegenwärtigen Globalitätsgesellschaft ist Eigenteilnahme an Medien für die Majorität der Menschen in der westlichen Welt hingegen alltägliche Beschäftigung, Massenmedien, Facebook und Flugreisen sind diskursive Praktiken geworden und als Beispiele für »globale Kulturindustrien tragen [sie] maßgeblich zur Ausgestaltung der aktuellen Globalisierungsphase bei«768. Eine Hypervernetzung und das ›totale Engineering‹ durchsetzen die Gesellschaft. Aus diesem Grund ist der Einwand von Kron und Horá ek durchaus begründet: »Ist diese Skepsis zwingend? Erst einmal scheint es kaum möglich, als Einzelner heutzutage überhaupt der Massenhaftigkeit zu entgehen. Wie Magneten werden die Einzelnen von den Massen angezogen, weil jedes (Kultur-)Produkt (wenigstens visuell) sofort allen Menschen – Stichwort Globalisierung – zugänglich gemacht wird. Immer und überall ist das eigene 767 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 7f. 768 Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?. S. 31. 530 Handeln Teil einer Masse, die genauso handelt und das gleiche Programm verfolgt.«769 Das ›Kulturprodukt‹ Internet scheint – nicht nur in Strauß’ Verständnis – das (Irr-)Licht zu sein, um das die Mücken schwirren und das die Sinne raubt, es ist »heute das Bewußtsein vom Ganzen der Welt in Ohnmacht gefallen, und diese Ohnmacht entläßt noch Seufzer wie ›Worldwide-web‹, ›Apokalypse der Natur‹ oder ›Wertezerfall‹« FDK 96). Somit entsteht die paradoxe Situation, dass Individualität nicht mehr in der bekannten Form existiert und sich die »ästhetischen Erfahrungen« mit dem »enterprising self« (Reckwitz) – als Statusmeldung oder Fotofilter – vermischen. Diese Massenindividualität symbolisiert die Repräsentation der Differenz von Inklusion und Exklusion. Giddens erklärt diese Situation als die »Raum- Zeit-Organisation der Moderne«770, deren Abstandsüberbrückung hauptsächlich durch elektronische Medien erfolgt. Auch Bolz interpretiert Kontingenz als problematisch und lässt sich damit mit Reckwitz’ zweiter Leitsemantik verbinden. Dieser Rückverweis auf Luhmann thematisiert einen wesentlichen Aspekt für das Verständnis von Komplexität und Kontingenz: Komplexität und Kontingenz steigern sich abhängig voneinander, aber es handelt sich nicht um eine fixe Relation, sondern um eine Art Abhängigkeitsverhältnis: »Komplexität in dem angegebenen Sinne heißt Selektionszwang, Selektionszwang heißt Kontingenz, und Kontingenz heißt Risiko. Jeder komplexe Sachverhalt beruht auf einer Selektion der Relationen zwischen seinen Elementen, die er benutzt, um sich zu konstituieren und zu erhalten. Die Selektion placiert und qualifiziert die Elemente, obwohl für diese andere Relationierungen möglich wären. Dieses ›auch anders möglich sein‹ bezeichnen wir mit dem traditionsreichen Terminus Kontingenz. Er gibt zugleich den Hinweis auf die Möglichkeit des Verfehlens der günstigsten Formung.«771 Mit anderen Worten bestimmt Kontingenz maßgeblich den Erfolg oder die Erfolglosigkeit von kommunikativen Anschlüssen. Nellys Frage aus den Hypochondern, wer (nicht nur in Paarbeziehungen) wen beobachtet und zu welchen Schlüssen kommt, lässt sich auf diesen Sachverhalt applizieren. 769 Thomas Kron & Martin Horá ek: Individualisierung. S. 104. 770 Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. S. 176. 771 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 47. 531 Reaktionen auf diese Situation sind beispielsweise die in den zuvor besprochenen Textauszügen stattfindende Flucht in die digitale Sphäre mit dem Ziel einer Komplexitätsreduktion (durch Ausblendung) oder Selbstrechtfertigungen einer vorgetäuschten Normalität wie beispielsweise in Wohnen Dämmern Lügen unter dem Deckmantel einer »Patchwork-Identität [...], die man neuerdings unter dem Label portfolio living anpreist«772, und die dazu beitragen will, die Kontingenz handhaben zu können. Diese Entwicklung ist der Gesellschaftsentwicklung geschuldet, die zunehmende Selbstrechtfertigung und vor allem Selbstinszenierung in der digitalen Sphäre, die Strauß in Lichter des Toren überaus detailliert behandelt, geht mit ihr einher. Hier gewinnt die dem ›postmodernen Subjekt‹ von Andreas Reckwitz diagnostizierte Dichotomie aus »ästhetischen Erfahrungen« auf der Innenseite und dem »enterprising self« auf der Außenseite des Subjekts, die »ihm Aufmerksamkeit und soziale Anerkennung – das heißt beruflichen Erfolg, Aufnahme in Freundschaftsnetzwerke, Attraktivität für Partnerschaften etc. – sichert«773 an Bedeutung. Dieser Subjekttypus »zielt in allen seinen Praktiken auf ästhetische Selbstkreation ab«, die zudem für die »Überdetermination eines kreativ-konsumtorischen Subjekts«774 verantwortlich ist. Reckwitz stellt weiter fest, dass »die Codes der ästhetisch-expressiven und der selektiv-konsumtorischen Subjektivität gemeinsam drei Leitsemantiken [fördern], die zu leeren Signifikanten der postmodernen Subjektkultur werden: ›Individualität‹, ›Kontingenz‹ und ungerichtete ›Bewegung‹«775. Die letztgenannte Leitsemantik entspricht am ehesten der globalen Bewegung, wie sie die Erkenntnissuchenden in einer sich globalisierenden oder schon globalisierten Welt (zum Beispiel Lotte aus Groß und klein, Martin aus Die Fremdenführerin, Nelly aus Die Hypochonder, Schroubek aus Die Widmung) repräsentiert ist. Einschränkend macht sich geltend, dass es in Strauß’ Texten verhältnismäßig selten Bewegungen über weite Abstände gibt und dass Reisen als solches kein dominantes Thema ist, sondern eher als Randnotiz wie in den Hypochondern auftritt, auch wenn einige Titel wie beispielsweise Vom Aufenthalt, Die Fremdenführerin oder Die Fabeln von der Begegnung dies vermuten lassen. Diese Texte sind durch ein Mäandern (um nicht zu sagen: orientierungsloses Umherirren) der Figuren gekennzeichnet. Die Leitsemantiken ›Individualität‹ und ›Kontingenz‹ sind weitaus deutlicher in die 772 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S 8. 773 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 604. 774 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 604. 775 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. S. 604. 532 Werke eingearbeitet, jedoch drängt sich angesichts einer Wutrede, die Strauß in Der Untenstehende auf Zehenspitzen ausformuliert, ein näherer Blick auf das Verhältnis beider Semantiken auf sowie im Anschluss auf eine Reihe weiterer Subjektbeschreibungen in Strauß’ Werken auf. Die Erzählerstimme grenzt sich durch die Tirade ab und erinnert an jene Stimme aus Wohnen Dämmern Lügen,776 die am Beginn dieses Kapitels besprochen wurde: »Ich verachte, ja ich verachte etwas. Und sie ist klarer umgrenzt in meinen Empfindungen als alles andere, die Verachtung für schlechte Charaktereigenschaften: Scheinheiligkeit, Eitelkeit, Vorteilssucht, Schadenfreude, Heuchelei, Feigheit, Dreistigkeit, Verräterei. Lauter alte, uralte soziale und individuelle Mißbildungen, die sich im Wandel der Zeiten und Regime vollkommen unverfälscht erhalten haben. Aber sich selbst würde man niemals einen schlechten Charakter attestieren. Da umgeht man sich geschickt mit technischer Ironie. Wie siehst du dich? Oh, ich bin schroff und wehleidig. Ich verfüge über eine hastige Auffassungsgabe mit hoher Fehlerquote. Ich gebe gern ein Wissen-Wie des Wissens vor, ohne irgendein gründliches Wissen zu besitzen. Ich gebe gerne klein bei, wenn ich damit meine Überlegenheit beweisen kann. Ich argumentiere flott unter Verwendung vieler ungeprüfter Tatsachenbehauptungen. Aber: ich erliege jedem anderen, der sich mir eröffnet, ich bin sein Ministrant, er ist meine einzige Leidenschaft.« (UAZ 42) Die Figur schildert sich indirekt als moralisch fragwürdiges und unlauter agierendes Subjekt, dessen hauptsächliches Bestreben die Abgrenzung gegenüber seiner Mitmenschen und Umwelt ist. Sie ist insofern mit B aus Das blinde Geschehen oder einem Gros der Charaktere in Schändung vergleichbar. Der Ton ist von erhabener Verachtung und Hybris geprägt, jedoch vermittelt die Figur, dass sie im Grunde nicht anders beschaffen ist als jene, die sie verachtet; die Selbstverachtung kommt klar zum Ausdruck.777 In der Folge bedeutet es, dass authentische Individualität nur 776 »Die Sehnsucht will nicht Natur, nicht Wachstum, Differenz, nicht die Vermehrung der Unterschiede, des Abweichens, der Individualität« (WDL 188). 777 Vgl. dazu auch die Aussage bei Norbert Bolz, dass derartige Persönlichkeitsmerkmale oder Unmutsäußerungen in Teilen auf die Freiheiten der Moderne zurückzuführen sind: »Die Codes ordnen die sozialen Systeme jenseits von Gut und Böse, das erscheint vielen als Werteverlust. Die Positivierung auch dieses Problembegriffs macht dagegen deutlich, daß Wert modern immer heißt: das eine aufgeben, um das andere zu bekommen. ›Da Gesellschaften aus vielseitigen morali- 533 noch äußerst schwer zu erreichen ist. Die alles verachtende Figur bringt sich beispielsweise um die Anschlussmöglichkeiten und erwartet es nicht anders. Dieser Sachverhalt wird besonders deutlich in der Figurenrede oder in Erzählerreflexionen, in denen Anschlüsse misslingen. Das im weitesten Sinn derart verstandene Subjekt solcher Texte trifft eine thematisch oder inhaltlich falsche und somit unpassende Entscheidung, so dass die Kommunikation zum Erliegen kommt. Kontingenz manifestiert sich auch in übermäßiger Einbindung in Netzwerke oder Kommunikationen, bei denen es nicht darum geht, ein Gespräch fortzuführen, sondern es überhaupt erst zu beginnen. Wer wird auf welche Weise angesprochen? Lotte ist ein Beispiel für ein Mäandern durch ein Figurenkabinett und ihr fällt es schwer, sowohl Gesprächspartner zu finden als auch sie zu halten. Ihre Ermattung, und hierin ist sie dem Personal aus Strauß’ Drama Die Fremdenführerin nicht unähnlich, hängt eng mit nicht gelingenden Anschlüssen zusammen. Sie erleben Überdeterminierung als Überforderung oder als überbeziehungsweise polykontingente Hyperkomplexität. Ein anderes Beispiel ist der in Wohnen Dämmern Lügen beschriebene Trinker Helty, der aufgrund seiner zeitweisen Alkoholsucht aus der Gesellschaft herausfällt, sich erst aus der Stadt und dann auf das Land zurückzieht. Im Rausch gelingt es ihm nicht zu telefonieren, die Körpermechanik versagt, der Apparat fällt zu Boden (vgl. WDL 21), am Folgetag misslingt teilweise die Zeitungslektüre, »Zusammenhänge« (WDL 21) erschließen sich nicht, das (restalkoholisierte oder bereits hirngeschädigte?) Lesen offenbart »eine Strecke mit unberechenbar vielen Lücken, durch die man woandershin denken mußte« (WDL 21f.). Zudem offenbart das Lesen einen Verfall innerhalb der Figur, denn der Alkohol kappt auch die Verbindungen in der Psyche, er würde Helty ermöglichen, »wieder abzutauchen und … die Sprache zu verlieren« (WDL 25). Somit wären eigene Gedanken oder ein Anschluss an die Welt unmöglich. Die Trunksucht steht für einen Zerfall der Bindungen an die Umwelt, wie Strauß es ein Jahrzehnt zuvor mit der Figur Vasseli in Die Fremdenführerin andeutet und nun ausführlicher verarbeitet. Strauß variiert schen Gefühlen bestehen, kann die einseitige Erfüllung eines einzelnen Wertes nicht das Beste sein. Da nicht alles Wünschbare erfüllt werden kann, verwirklicht sich die gute Gesellschaft durch die Nichtverwirklichung von Werten.‹ Man kann also keine Werte verwirklichen, ohne andere Werte zu verwirken. So dreht sich das Wertekarussell immer schneller. Es mangelt der modernen Gesellschaft nämlich nicht an Werten; sie sind nur nicht mehr hierarchisch geordnet und kollektiv verbindlich. Deshalb drängen sich Bilder wie Wertekaleidoskop oder eben Wertekarussell auf« (Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 8). 534 das Thema und beleuchtet in Wohnen Dämmern Lügen eine weitere Dimension der sprachlichen Abgrenzung zur Welt. Ein altes Übersetzerpaar ist so tief in die Sprache versunken, dass es Kunstworte erschafft, um seine Gemeinsamkeit ausdrücken zu können, ohne jedoch außerhalb der Paarung verstanden zu werden. So »zieht« das Wort »Laßkraft« »eine neue Grenze« (WDL 33) zwischen dem Paar, der Sprache und seiner Umwelt. Auf diese Weise reiht Strauß weitere Episoden aneinander, um Figuren zu schildern, die an den Veränderungen der Gesellschaft scheitern, sich nicht länger anpassen können oder wollen. Im Gegensatz zu Strauß’ ähnlich aufgebauten Fragment-Sammlungen ist Wohnen Dämmern Lügen nicht in einzeln betitelte Abschnitte untergliedert, so dass zudem das satzzeichenfreie Asyndeton des Titels andeutet, dass alle geschilderten Szenen jeweils Teilaspekte aller drei Begriffe behandeln. Die meisten Episoden hinterlassen ein Gefühl von Tragik und Scham. Strauß’ Ziel mag sein, entweder »die letzte und beste« (AB 60) oder (bei ansonsten gleicher Fortsetzung) »die flüchtige Erfüllung allen gesellschaftlich nur möglichen Zusammenlebens« (WDL 101) zu schildern, denn die Flüchtigkeit der Verhältnisse wird immer deutlicher erkennbar hinter dem Handeln der Figuren. Im Übrigen gilt das auch für zahlreiche der nach 2001 erschienenen Texte, darunter Die Fabeln von der Begegnung (2013), Mikado (2006), Vom Aufenthalt (2009) und jüngst Oniritti Höhlenbilder (2016). Es geht Strauß anscheinend darum, durch die verschiedenen Szenen und Episoden »der Apologie der Schwebe, dem Gerade- Eben-Noch den angemessenen Ausdruck zu verleihen« (WDL 101). Einer Hausfrau wird »alles zu schwer« (WDL 35), weil »ihre Figur keine Erinnerung mehr vertrug. Daß das alles zuviel Aufwand war, zu schnell, zu plötzlich, zu rege« (WDL 34). Die Erinnerungsverweigerung führt geradewegs in als total wahrgenommene Gegenwart, in der sie räumliche Enge spürt: »Wie ein Erstickender um Atem, so rang sie um Raum … als die Zeit versiegte in ihren Adern« (WDL 35). Ein Angestellter wird von seinen Vorgesetzten als störender Idiot, als Schwächling und nicht als Mensch wahrgenommen (vgl. WDL 76). Oder es wird eine plötzlich ausbrechende Massenpanik geschildert, deren Ursache ungenannt bleibt, wodurch deutlich wird, dass es sich einerseits um einen instinkthaften Fluchtreflex und andererseits um antrainierte Verhaltensweisen handelt, denn »Unheil und Grauen hatten ihr Werk an diesen Menschen bereits zur Vollendung gebracht« (WDL 95); im Subtext klingt an, dass »Unheil und Grauen« medial implantiert werden. An anderer Stelle formuliert Strauß hingegen das Versagen anlässlich der Anforderungen der Gesellschaft expliziter. Ein Mann bastelt für einen Maskenumzug einen Roboteranzug, mit dem er seine »Anklage 535 gegen Technik, Rationalisierung, Automation« (WDL 110) auszudrücken versucht. Am Tag des lange herbeigesehnten Umzugs wird sein Vorhaben jedoch von einer plötzlich eintretenden Krankheit der Tochter torpediert. Er ist in seiner Kritikverbissenheit unfähig, adäquat auf die Bedürfnisse der Tochter zu reagieren, und ist gezwungen, nach wenigen Minuten den Umzug wieder zu verlassen. »[D]ie bittere, kunstvolle Anklage gegen die Technik, die das Opfer des arbeitenden Menschen fordert« (WDL 112), gelangt somit nicht zu den erwarteten Empfängern. Diffuser ist die kurze Geschichte (WDL 137-153) um einen gealterten verborgen homosexuellen Poeten, dessen – sich selbst gestellte – Hauptaufgabe die Pflege seiner betagten Mutter ist. Der Illusion der Mutter zuliebe hält er eine Scheinbeziehung zu einer Frau aufrecht. Innerlich betrauert er jedoch den sich unausweichlich ankündigenden Krebs-Tod des heimlichen Liebhabers. Über das parallele Siechtum beider Figuren verdeutlicht Strauß ein langsames Verblassen der Welt und die Zerrissenheit des Menschen zwischen Rolle und Willen. Krankheit und Tod wurden bereits an früheren Stellen in der vorliegenden Untersuchung als Möglichkeit der Grenzpassage genannt778 und veranschaulichen an dieser Stelle das genannte Verblassen der Welt. Der Erzähler beobachtet die Mutter bei logopädischen Übungen: »Ich höre das leise Pochen in diesen Verrichtungen, das ablaufende Zählwerk der Wiederholungen, das nichts mehr einläßt von einer Welt, die draußen schwankt und stürzt und rumpelt. Was hindert mich, daß ich einkehre unter ihre Hände? Weil sie und alles, was sie tun: der Kreis sind ... der Kreis, den man sein Lebtag suchte und dem man doch immer auf offenen fortstrebenden Linien entfloh. Sie ist der Kreis, und sie bereitet ihn mir.« (WDL 143f.) Eine solche Kreisform beschreibt Strauß übergeordnet auch in Herkunft und in Die Fehler des Kopisten. Sie beschreiben einerseits die Flüchtigkeit des Lebens an sich und andererseits den flüchtigen Anschluss an die Welt. Konkret vermag das Abbild der Welt hier nicht mehr zu den Kranken vorzudringen, sie sind abgesondert; die Mutter durch beginnende Taubheit, der Liebhaber durch die Morphiumeinnahme. Und auch der Erzähler selbst wendet sich von der Welt ab, will den Gefühlen, die in ihm herrschen, nicht nachgeben, solange die Mutter am Leben ist. Im Rückblick schildert er seine Absicht, ein Haus zu erwerben, das von Nonnen be- 778 Vgl. die Kapitel zwei, drei und sieben der vorliegenden Arbeit. 536 wohnt wurde. Der Erzähler ist aufgrund seiner inneren Disposition und des äußeren Kampfes um das Nichtaussprechen der Wahrheit auf vielfache Weisen von der bei den Nonnen vorgefundenen »Weltabgewandtheit in der harten Weltkugel, die ohne diese machtvollen Verstecke der Stille auseinanderflöge« (WDL 149), umgeben wie beeindruckt. Die Trinker, Alten und Kranken befinden sich außerhalb der technischen Entwicklung und sind auf unterschiedlichste Weisen gesellschaftlich Exkludierte und auch dem Mann im Roboterkostüm (vgl. WDL 109-112) gelingt es nicht, die gesellschaftlichen Missstände nachhaltig anzuprangern oder Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Tragik prägt den Gegenwartsmenschen, wenn dieser aufgrund von Zwängen und Überdeterminierung in einer Rolle steckt, aus der er nicht ausbrechen kann. Die Abkehr von der Gesellschaft kommt bei Strauß häufig nicht ohne die Referenz auf Welt aus; ein Verfahren, das die Existenz einer werkübergreifenden Globalisierungskonzeption bestärkt. Die Veränderungen in der globalisierten, modernen Gesellschaft, mit denen sich das Subjekt auseinandersetzen muss, sind vielfältig, wie die verschiedenen Theorieaspekte zeigen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in der Globalität zwar ein autonomes Subjekt herauskristallisiert, das allerdings zugleich aufgrund der vorhandenen angeschlagenen Differenz von Selbst- und Fremdsteuerung beschädigt wirkt. Es ist mit verschiedenen Friktionen und Fissuren konfrontiert, die dazu führen, dass die gesellschaftliche Komplexität eine innere Angst vor Identitätsverlust bis hin zur inneren Erosion auslöst. Für Strauß bildet dementsprechend der Avatar (als Rolle und als höchst denkbare Steigerung des autonomen Subjekts) den vorläufigen Endpunkt der Entwicklung technischer Körperspiegelungen und er beendet eine Linie, die mit der Fotografie begann. Fotografien und Fotografieren hatten lange eine leitmotivische Funktion in verschiedenen Texten von Botho Strauß inne, bis sie durch andere technische Reproduktionen abgelöst wurden. Die zunehmende und alleinige Einbindung in äußere Kontexte in der digitalen Informationsgesellschaft mündet in digitalen hybriden Selbstrepräsentationen in einem »Second Life«.779 Blickt man zurück auf frühere Texte, fällt auf, dass Strauß Fotografien und Fotografieren leitmotivisch verwendet, beispielsweise Blendtechniken für Szenen- 779 Ähnlich sagt das der Journalist und Fotograf Mario Sixtus: Wenn jeder einzelne Bürger seine Privatsphäre mit nach draußen nimmt und erwartet, dass sie dort unberührt bleibt, dann ist der öffentliche Raum nicht öffentlich, und dann ist es auch kein Raum, sondern allerhöchstens ein Strom aus einzelnen Privatschollen« (Mario Sixtus: »Über Fotografie, Kommunikation, dämliches Grinsen und den öffentlichen Raum«). 537 wechsel im Stück Trilogie des Wiedersehens, in dem zusätzlich ein Kind mit einer Kamera herumspielt und die anderen Bühnenpersonen mit der Kamera verfolgt und als dritte Ebene Fotografien – wie auch im 16. Bild der dritten Szene in Groß und klein (GUK 449-454) – die Kulisse bilden. Die Dialogskizze Jeannine, welche die erste Ausgabe der Aufsatzanthologie Text + Kritik zu Botho Strauß einleitet, schildert einen Streit zweier Männer über die Repräsentationsfähigkeit von Fotografien. Einer der Männer spielt auf die Bildhörigkeit der modernen Gesellschaft an. Das Gezeigte entspricht in dieser Auffassung der Wirklichkeit (»Aber hier, mitten in einer modernen Gesellschaft, wo ich bloß an der nächsten Ecke jemandem meine Bilder zu zeigen brauch, und schon hab ich recht …«780). In Schlußchor kulminiert diese Inhaltslinie, als ein Gruppenfoto geschossen werden soll. Die Gruppe verschwört sich gegen den Fotografen und entmachtet ihn. »Wir Zeitgenossen sind so sehr auf uns und unsere Selbstdarstellung in einer vertrauten, von Waren und Medienkonsum beherrschten Umwelt fixiert, dass wir nach Strauß auf die Herausforderungen unbekannter zukünftiger Katastrophen vollkommen unvorbereitet sind«781, schreibt Christoph Parry. Seine Aussage lässt sich auch auf andere Texte anwenden. Das Motiv des außer-Kontrolle-geratenden-Mobs findet sich bereits in der Debüterzählung Schützenehre und versprengt auch in anderen Texten wie Groß und klein, Rumor oder Schändung. Auffällig an der Verwendung des Motivs ist, dass Strauß mit ihm Ausnahmezustände schildert, in denen eine Stimmung plötzlich kippt und es vor allem Figuren sind, denen das Theater- oder Lesepublikum nicht zutrauen würde, in einen kollektiven Gewaltrausch zu verfallen. Dies kann als Exemplifikation aufgrund äußerer Faktoren überreizter Figuren angesehen werden. Die Angst vor Diebstahl von Gartenmöbeln in Groß und klein oder die besagten Ängste in Schlußchor oder Das blinde Geschehen, auf einem Foto nicht gut auszusehen oder als technische Repräsentation zu versagen, sind für sich betrachtet relativ banal und rechtfertigen das Verhalten nicht; und genau in dieser Bloßstellung der Handlungsweisen liegt das aufklärerische Moment der Texte. Der Mensch ist von banalen Ängsten dominiert, die aufgrund der zunehmenden Komplexität der Umwelt gesteigert werden. So wird die Angst von der auf das Ereignis folgenden Kette noch verstärkt – Anzeigen bei der Polizei, 780 Botho Strauß: »Jeannine. Dialogskizze aus den Vorarbeiten zu ›Der Park‹«. S. 4. 781 Christoph Parry: »Geschichtsbild und Mythos«. S. 107. 538 Störung der Privatsphäre, von anderen verlacht zu werden, kurz Machtlosigkeit – weil mit ihnen einhergeht, die eigene Autonomie gekränkt zu wissen. In den Texten wird die Angst nur beiläufig thematisiert, doch hallt sie gewissermaßen in den Dialogen und Situationen nach. Die Angst verdeutlicht so auch das Eindringen von außen in die Innenwelt der Figuren. In einer soliden Gesellschaftsordnung käme, so meint man die Figuren sagen zu hören, das nicht vor, Eigentum wäre sicher und niemand würde hinter das Foto blicken und Schwächen kommentieren. Die Resultate infolge der Entwicklung sind eine Dezentrierung des Subjekts, radikale Pluralität und die Neukonstruktion von Identität in einer deterritorialisierten Gesellschaft. Das einzelne Subjekt sieht sich mit einer nur schwer zu bewältigenden Überdeterminierung, Kontingenz und Komplexität konfrontiert. Die Vermassung des Individuums im Digitalen ist die äußerste Konsequenz, bei der Körper und Geist – metaphorisch verstanden – getrennt werden, sofern die Eigenkomplexität der Auslagerung in die digitale Gesellschaftssphäre nicht standhalten kann. Es ist eine Ermattung durch Überforderung zu erkennen. Die Ursache für derlei »groß[e] Müdigkeit« führt Norbert Bolz unter anderem auf den Begriff der »Blasiertheit«782 zurück, denn »[d]ie moderne Gesellschaft überfordert ihre Individuen durch den Dauerstress der allzuvielen Beziehungen. Die Netzwerke werden immer dichter (crowding), man hat zu viele ›Bekannte‹ und damit Verpflichtungen – und das führt zur ›Ermüdung aller sozialen Reaktionen‹«783. Bolz verweist auf eine exkludierende Praktik, die auch bei Strauß zu finden ist. Es handelt sich hierbei um »Selbsterhaltung durch Weltentwertung«, die darauf zurückzuführen ist, daß wir nicht genug Eigenkomplexität haben, um auf die Komplexität der modernen Welt angemessen zu reagieren«784. Dieses Dilemma – und es handelt sich vielleicht um das grundlegende Problem, das Strauß zum Leitmotiv Globalisierungskritik anregte – greift er in äußerst komprimierter Form in Der junge Mann auf: »Es wird uns unter anderem in die Lage versetzen, alle Daten der äußeren Welt, alle diese Veränderungen und ›Mutationen‹ überlegen zu prüfen, sie mit den Werten unserer Herkunft, unseres kulturellen Gedächtnisses, unse- 782 Norbert Bolz: »Theorie der Müdigkeit – Theoriemüdigkeit«. 783 Norbert Bolz: »Theorie der Müdigkeit – Theoriemüdigkeit«. 784 Norbert Bolz: »Theorie der Müdigkeit – Theoriemüdigkeit«. 539 rer Empfindungswelt zu verrechnen und zu unserem größtmöglichen Überlebens-Vorteil hin auszugleichen. Es wird dann auch keine Konkurrenz zwischen dem Gestern und dem Heute mehr geben, sondern wir werden in der Sphäre einer erweiterten, vielfältigen Gegenwärtigkeit leben, denken und schaffen. Trauern wir also nicht länger der verschollenen Tiefe, der verflüchtigten Höhe nach. Die komplexe Fläche zu erfahren ist keine mindere Leistung des menschlichen Geistes als seine Ausdehnung zu den Müttern nach unten und dem Vater nach oben. Gespür für das Gespinst, das vielfach Verbundene, wird die Achtung vor den Hierarchien vollwertig ersetzen. Nicht konservieren, im Erhalten erwürgen, sondern auf den Nerv der Großen Verwandlung treffen, dann, meine ich, können wir leben.« (JM 204f.) Die Aussage der Sequenz für die Globalisierungskonzeption besteht vor allem im Ausdruck von Hoffnung. Eine gestärkte Herkunft trägt laut Strauß dazu bei, »alle Daten der äußeren Welt« kontextualisieren und verstehen zu können. Angedeutet wird, mit Hyperkomplexität umgehen zu können, sofern gewisse Bedingungen erfüllt sind. Welche dies sein können, wird das folgende Kapitel zeigen.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dieser Band widmet sich dem spezifischen Blick auf die Veränderungen der Welt in Texten des Gegenwartsautors Botho Strauß (*1944). Es handelt sich hierbei um einen neuen Deutungsansatz, und die verfolgte These lautet, dass Strauß in seiner Auseinandersetzung mit der Gesellschaft einen teils offensichtlichen, teils im Hintergrund verborgenen, rhizomatisch verbundenen Globalisierungsdiskurs führt. In Essays, Prosatexten und Dramen werden auf vielfältige Weise die Einwirkungen der Globalisierung auf das Individuum und die Gesellschaft in literarisch-ästhetischer Form verarbeitet. Die vorliegende Herausarbeitung der so genannten Globalisierungskonzeption analysiert und systematisiert in verschiedenen Detail- und Überblicksbetrachtungen, wie Strauß seine Sicht auf Zeit, Raum oder Gesellschaft vermittelt. Das übergeordnete Vorhaben besteht darin, die direkten und indirekten Bezugnahmen auf Globalisierung, Globalisierungsprozesse und Globalisierungskonsequenzen in seinen Texten zu beobachten, zu beschreiben und die Ergebnisse in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen.