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4: Desidentifikation & die globalisierte Gesellschaft: Wege & Umwege von Welt zu Innenwelt in Die Unbeholfenen in:

Sascha Prostka

Implodierte Weltlichkeit, page 225 - 280

Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4177-2, ISBN online: 978-3-8288-7056-7, https://doi.org/10.5771/9783828870567-225

Series: Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
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225 Teil II: Grenzziehungen & Entgrenzungen »Sie sind nie hier in der Gegend gewesen. Sie kommen hier an zum ersten Mal. Sie wissen nicht, wo Sie sind. Sie kommen nicht näher, obgleich Sie nicht aufhören vorwärts zu gehen. Fragen Sie nicht, in welcher Gegend Sie sich befinden. Fragen Sie nicht nach dem Ort, sondern nach der atmenden Stelle hier, dem sitzenden Leib, dem einzigen Merkmal in der wüsten Ebene, Anhalt und Herberge, fragen Sie lieber: ›Wer bist du?‹, und zur Antwort bekommen Sie einen Menschen, lebendig und ganz, das ist mehr als ein Ort, ein Reich, ein Globus.« Botho Strauß, Wohnen Dämmern Lügen »Der neue Mensch ist ein erweiterter. Der neue Mensch ist Glaubenskrieger. Der neue Mensch ist Hedonist. Der neue Mensch ist ein Bildermensch. Der neue Mensch kennt nur die Lust am Funktionieren. Der neue Mensch besitzt ein hochaufgelöstes Bild von sich selbst und überblickt sich nicht mehr. Der neue Mensch ist eine Fiktion aus alten Tagen.« Botho Strauß, Die Unbeholfenen »Das neue Menschenbild als Verknotung von Beziehungen paßt uns nicht in den Kram, und daher auch nicht das auf dieser Anthropologie beruhende Stadtbild. Und doch muß dieses Menschenbild hingenommen werden. Es sieht ungefähr so aus: Wir haben uns ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen vorzustellen, ein ›intersubjektives Relationsfeld‹. Die Fäden dieses Netzes sind als Kanäle zu sehen, durch welche Informationen wie Vorstellungen, Gefühle, Absichten oder Erkenntnisse fließen. Diese Fäden verknoten sich provisorisch und bilden das, was wir ›menschliche Subjekte‹ nennen. Die Gesamtheit der Fäden macht die konkrete Lebenswelt aus, und die Knoten darin sind abstrakte Extrapolationen. Das erkennt man, wenn man sie entknotet. Sie sind kernlos wie Zwiebeln. Anders gesagt: Das ›Selbst‹ (›Ich‹) ist ein abstrakter, gedachter Punkt, um welchen sich konkrete Beziehungen hüllen. ›Ich‹ ist das, wozu ›du‹ gesagt wird.« Vilém Flusser, »Die Stadt als Wellental in der Bilderflut« 227 4: Desidentifikation & die globalisierte Gesellschaft: Wege & Umwege von Welt zu Innenwelt in Die Unbeholfenen 4.1 Die gemeinsame Isolation »Das Haus, in dem mich die Familie meiner neuen Freundin erwartete, lag draußen vor der Stadt und war das einzige Wohngebäude mitten in einem öden Gewerbepark. Verloren und trotzig übriggeblieben stand es zwischen den Fertigteilkonstruktionen der Lagerhallen und Containerbüros. Ein dreigeschossiger Fachwerkbau aus späterer Zeit, mit nachempfundenem mittelalterlichen Zierat, galt es seinen jetzigen Bewohnern je nach Laune für das einstige Domizil einer zu Wohlstand gelangten Wahrsagerin oder gar für das Haus des Scharfrichters außerhalb der Stadtmauer.« So lauten die ersten Sätze der 2007 erschienenen »Bewußtseinsnovelle« Die Unbeholfenen und sie vermitteln auf kleinem Raum das setting der Erzählung, die den Gattungsmerkmalen der Novelle weitestgehend folgt.355 In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises benutzte Strauß erstmals den Terminus »Bewußtseinsnovelle« und beschreibt diese als »hermetische[s] Spiel« (ERD 30). Ein Spiel übrigens, das schon in Paare, Passanten Erwähnung findet. Strauß reflektiert dort über die Pflicht des Dichters und dessen »Begabung, mit seiner Zeit zu brechen und die Fesseln der totalen Gegenwart zu sprengen« (PP 105). Gelingen kann ein derartiges Vorhaben durch das Mittel der Exklusion. Die Leitfrage, die Strauß zur Arbeit an der Novelle inspiriert haben könnte, formuliert er in Die Fehler des Kopisten: 355 Dieses Kapitel greift an einigen Stellen auf Ergebnisse eines Vortrags in Verbindung mit einer Konferenz zur Darstellung von Zeitgeschichte zurück. Vgl. auch: Sascha Prostka: »Ausgegrenzte Orte, ausgegrenzte Menschen: Zum Problem der sozialen und kulturellen Umwelt in der Welt(risiko)gesellschaft am Beispiel von Botho Strauß' Texten Die Unbeholfenen und Vom Aufenthalt«. 228 »Was wir sehen, ist durch Nähe versengt. Um jeden Preis muß man wieder entfernen, erhöhen, verschleiern. Was kann ich mir unerreichbar machen an meinem Nächsten? Was kann ich mir unerreichbar machen inmitten der Bedrängnis der zuhandenen Dinge, Redeweisen, Programme und Prognosen?« (FDK 73) Der Erzähler sieht sich auf verhängnisvolle Weise eingewoben in ein enges Netz, das ihm die nötige Distanz raubt. Aus der Zwangsnähe heraus betrachtet wird ihm alles indifferent und seine Lage ist exemplarisch für eines der Hauptprobleme, mit denen Strauß’ Figuren und Erzähler konfrontiert sind. Um sich herauslösen zu können, gilt es, mit anderen Worten, eine Position zu finden, von der aus die Welt in ihren so unterschiedlichen Facetten beobachtet werden kann. Die Essays weisen auf sehr unterschiedliche Standpunkte zurück, Beginnlosigkeit zeichnet das Denken in neu erschlossenen Grenzbereichen der Existenz nach und ermöglicht zugleich neue Perspektiven. In Die Unbeholfenen nimmt Strauß die Innensicht ein, indem er eine Gegengesellschaft konstruiert, ihre Gedankenwelt durch literarische Rückbezüge ästhetisiert und die Figuren als Gruppe aus sehr unterschiedlichen Individuen gegenüber einer (oder treffender: ihrer?) Umwelt positioniert. Die Gruppe wird bewusst von dem »[s]eltsam stagnative[n], lasche[n] Erörtern der Lage bei erhöhtem Mitteilungsdrang« abgegrenzt, den Strauß nahezu in allen Bereichen der Gesellschaft ausmacht und der dazu führt, dass »Worte nicht haften, sondern sich in einer leeren Ausgesprochenheit lose drehen« (FDK 74). Das Personal der Novelle erinnert in seiner Ausformung an eine Skizze über den Typus des sich gesellschaftlich ausgrenzenden Dichters, den Strauß in Paare, Passanten entwirft: »Aber sind wir nicht in dieser Gesellschaft bloß eine Minderheit unter anderen, eine Gruppe von Behinderten unter anderen, die längst auf die Allgemeingültigkeit ihrer Rede verzichtet hat? Hat uns die Macht des Vielfältigen, die Bunte Liste der tausend Spleens und Richtigkeiten nicht unfähig gemacht, einem wie auch immer imaginären Ganzen gegenüber die exzentrische oder avantgardistische Stellung zu beziehen, durch die es erst Gestalt gewinnt? Ich rede nicht von den Journalisten, die sich Schriftsteller nennen und die allemal das Bedürfnis ›dieser Tage‹ zu befriedigen verstehen. Ich rede einzig von den schwierigen Spielern, den Erben der Moderne, den unruhigen Traditionalisten, den pathetischen Manieristen und allen übrigen, die in den Augen der Mehrheit für überflüssige Spinner gelten.« (PP 105) 229 Anfang der 1980er Jahre schien »der Konsum total geworden« (PP 105) zu sein, es fehlt »doch an einer neuen Literatur, die aus der entschiedenen Absage an diese Konsumierbarkeit eine große und wesentliche Kraft bezöge« (PP 105), wie Strauß formuliert. Die Umwelt der zu erschreibenden Gruppe ist schnell vorformuliert. Strauß operiert mit der Opposition von gebildeter, weltbeobachtender Gruppe und verflachender Gesellschaft; in der literarischen Verarbeitung wird es vollends sichtbar. Die Reflexion über die Funktion von Büchern und über Medien legt das Fundament für die spätere Novelle: »Aber in einer Zeit, in der die Literatur selbst zum Außenseiter der Kultur geworden ist, wird der Außenseiter in der Literatur aus seiner exzentrischen Rolle verdrängt. [...] Das Buch zur Metapher für das universale Archiv unserer Kultur zu erheben, wäre heute ein ebenso harmloser wie obsoleter Privatspaß. Die Arbeit der Welt des Kopfes wird vermutlich in 87 Fernsehkanälen enden. [...] Wo die Schrift selbst aus dem Zentrum der Kultur verschwindet, wird der Außenseiter unter den Schriftstellern, der Exzentriker, zur trolligen Figur – der Radikale, der in die Wurzeln greift auf einem im ganzen abrutschenden Kontinent.« (PP 105f.) Anzumerken ist, dass Medienkritik sich nur an wenigen Stellen der Novelle findet, präsenter hingegen sind Gespräche über Literatur und ihre Verortung im Gesamtbild einer Auseinandersetzung mit der Moderne. Die Novelle schildert Innen- und Außenwelten der Figuren und angeschlossenen Veränderungen, die am gezeigten Schriftstellerbild ausgerichtet sind. Strauß benutzt den Dialog der Figuren, ihre Aussagen und Gedanken, um den Außenseiter in einer veränderten (und wieder: globalisierten) Gesellschaft klarer zu umreißen. Ihr Sprechen ist über weite Strecken von hohem Pathos geprägt, das, wie es scheint (und Strauß leidend formuliert), den »Geist«, der ansonsten »Knecht, Leidensorgan« ist, befreien soll, denn »[o]hne gewaltige Tendenz, ohne Passion und großes Verlangen ist kein Gedanke mehr glaubwürdig« (FDK 74). Das Zusammenleben in der Gruppe besitzt spielhafte Züge und verdeutlicht die kommunikative Offenheit des Bewusstseinssystems, das Strauß in der Novelle gestaltet. Dieser Ausgestaltung geht das vorliegende Kapitel nach. Christoph Bartmann rezensierte die Novelle kurz nach Erscheinen und ging zuerst der Frage nach, was Bewusstsein ist. Die von ihm angeführten Definitionen sind weitgehend, denn neurophysiologisch betrachtet ist es »ein spezifisches Instrument zur Selbstwahrnehmung und Introspektion, 230 das im Alltag üblicherweise ausgeschaltet bleibt«; literarisch definiert stellt es wiederum »ein reflexives, ein Vergewisserungs-Medium« dar, zusätzlich kann laut Bartmann auch ein »Zeitbewusstsein gemeint sein«, kurz »die Wahrnehmung, Diagnostik und Analyse der Zeit, in der wir leben«356. Sämtliche vorgenannte Aspekte sind in der Novelle vorzufinden, so dass Bartmann resümiert: »Schlanker kommt das Gewichtige selten daher«357. Der Handlungsort liegt, wie das Eingangszitat eröffnet, abgelegen in einer wenig einladenden Gegend, das konkrete Gebäude, in dem die Handlung spielt, wirkt neben den modernen Lagerhallen aus der Zeit gefallen, verloren und beinahe verwunschen. Die Bewohner werden als von den Eltern gelöste Geschwister-Familie eingeführt, in welche die Erzählerfigur Florian Lackner eintritt. Der erste Absatz stellt die Intimität einer Familie der menschenfeindlichen Aura des Industriegebietes gegenüber, in dem Menschen gewöhnlich auf ihre Produktivkraft reduziert werden. Die vermittelte Grundhaltung dieser ersten Zeilen provoziert im Rückblick des Erzählers ein kurzfristiges Unbehagen. Der erste Absatz endet mit der für die Verortung der nachfolgenden Handlung wichtigen Aussage, »man hatte sich ja freiwillig in die gemeinsame Isolation begeben und von der äußeren Alltagswelt entfernt« (DU 7). In dieser Form der Einleitung schwingt auch die Frage mit, ob »[d]as selbstbestimmte Zusammenwirken freier Bürger« tatsächlich, wie Irena Shikida behauptet, »nach Strauß an der modernen Unbeholfenheit der Individuen, die keine Individualitäten mehr sind«, scheitert.358 Shikida argumentiert mit dem Wegfall ›kollektiver Werte‹ und führt weiter aus, dass bei Strauß »[d]ie nationale Identität [...] eindeutig eine kulturelle« ist.359 Dieser Argumentation ist dahingehend zuzustimmen, dass sowohl »Anschwellender Bocksgesang« als auch »Der letzte Deutsche« diese These als Kern der Überlegungen vertreten. Hierzu passt auch, dass letztgenannter Essay mit einem Zitat aus Die Unbeholfenen beginnt,360 Über- 356 Christoph Bartmann: »Dieses Sausen der Leere«. 357 Christoph Bartmann: »Dieses Sausen der Leere«. 358 Irena Shikida: »Historisches Gedächtnis und nationale Identität im Werk von Botho Strauß: Geschichtsloses Bewusstsein?«. S. 178. 359 Irena Shikida: »Historisches Gedächtnis«. S. 178. 360 Dort heißt es: »Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein. Ja, es ist mir, als wäre ich der letzte Deutsche. Einer, der wie der entrückte Mönch von Heisterbach oder wie ein Deserteur sechzig Jahre nach Kriegsende sein Versteck verlässt und in ein Land zurückkehrt, das immer noch Deutschland heißt – zu seinem bitteren Erstaunen. Ich glaube, ich bin der letzte Deutsche. Ein Strolch, ein in heiligen Resten wühlender Stadt-, Land- und Geist- 231 führt man diesen kulturellen Rückzug in eine globalitätsgeprägte Gesellschaft, ergibt die folgende Aussage einen tieferen Sinn: »Eine Werte- und Schicksalsgemeinschaft kann sich dementsprechend ebenfalls nicht bilden, weil man sich der gemeinsamen Werte nicht mehr erinnert, also sie nicht erkennt. ›Genaues Erinnern an nationell Eigenes‹ wäre dringend notwendig, ist aber nicht möglich.«361 Die beschriebene Gruppe verdeutlicht durch ihr Handeln, dass gesamtgesellschaftlich tatsächlich eine gewisse Entfremdung diagnostiziert werden kann, welche gleichermaßen der Grenzdiffusion nationaler Einheiten bis hin zu politischen Großstrukturen (zum Beispiel der Europäischen Union) wie der medial vorangetriebenen Weltgesellschaft geschuldet ist. Beide Einheiten dienen gleichzeitig textintern als Opposition und Legitimation ihrer Exklusion: Die handlungsinternen Aussagen manifestieren die stetig fortlaufende gemeinsame Abschirmung gegen die Einflüsse der als schädlich und verroht aufgefassten globalisierten Außenwelt. Eine aus vier Personen bestehende Geschwistergruppe – Nadja, Albrecht und die Zwillingsschwestern Elena und Ilona –, an die sich eine weitere männliche Person, Nadjas Ex-Liebhaber Romero, anschließt, bilden das Grundpersonal der Erzählung. Der Erzähler Lackner stößt hinzu und durchbricht das »Pentatrop«, wie Strauß in Das Partikular eine vergleichbare Gruppierung bezeichnet.362 Eine ähnliche auf Exklusion fußende Gruppenkonstellation erschreibt Strauß in der Komödie Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle (1975), streicher. Ein Obdachloser« (DLD 122, auch: DU 83). In Die Unbeholfenen stammt diese Äußerung von Romero. Im Essay gibt Strauß wiederum zu erkennen, »dass sich der Autor als dieser Letzte sah« (DLD 122). 361 Irena Shikida: »Historisches Gedächtnis«. S. 178. 362 Strauß schreibt 2000 in besagtem Text: »Der Alltag meiner Mitbewohner oder der wiedergängerischen Mieter der beiden Zimmer zog derart hermetisch und unbeirrbar an mir vorbei, daß ich zuweilen an meiner eigenen körperlichen Anwesenheit zweifelte. Vielleicht gab es zwischen ihnen und mir eine durchsichtige Zeitmauer und ich selbst war nichts anderes mehr als der Geist eines Voyeurs, ein noch reizbares, aber unpersönliches Abstraktum, das seinen Namen und sein Gesicht verloren hatte. Ludwig Käthe Gilda Ortwin Stefan, so riefen sie einander in unentwegtem Wechsel und waren die rücksichtslosesten und entrücktesten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Sie waren wie besessen von ihrer Gemeinschaft und bildeten ein einheitlich fünfköpfiges Lebewesen, das sich von anderen gewöhnlichen Gruppenkörpern unterschied. Sie waren zu fünft, sie waren fünftig in allem, sie waren pentatrop, und sonst waren sie nichts« (PAR 76). 232 ohne dass Die Unbeholfenen dadurch zu einem Klischee werden würde, auch wenn gemeinsame Merkmale wie der abgeschiedene Handlungsort oder interne Verbandelungen und Gereiztheiten auszumachen sind. Die Unbeholfenen baut in der Komödie anklingende Verhältnisse erzählerisch aus und richtet das Augenmerk viel stärker auf die Gesellschaftsreflexion. Zu diesen literarisch-ästhetischen Perspektiven auf die Gesellschaft formuliert Strauß in Kongreß – Die Kette der Demütigungen (1989) einige relevante Fragen: »Wer ist draußen, wer ist drinnen? Wo findet Handlung statt, wo Warten?« (KKD 67) und »[w]ie sind Sie eigentlich hereingekommen in diese verschlossene Welt?« (KKD 75). Diese Überlegungen deuten Grenzen zwischen geschlossenen und voneinander getrennten Welten an, die nur durch Anpassungen und Dekodierungen passierbar sind. Und sie verdeutlichen eine Inhaltslinie in Strauß' Werk: Gegengesellschaften. Gemeinsam bilden die Protagonisten der Novelle eine »höchst gelehrt[e] Gesprächsrunde« und werden auf diese Weise zu einem »von der Außenwelt abgeschiedene[n] Brutkasten scharfsinniger Gedankenspiele«363, wie Volker Hage in seiner Rezension kommentiert. Zu ergänzen ist: Umwelt läuft ungenannt im Bewusstsein der Protagonisten mit. Die Gruppe sucht auf der Mesoebene, plastisch im Text als »Welt dieser Etage« (DU 31) ausgedrückt, eine gemeinsame Zuflucht in der Menschenleere und strebt auf der Makroebene eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft an. Es wird in Die Unbeholfenen mit anderen Worten eine Miniatur-Gesellschaft innerhalb der großen Außengesellschaft (ab)gebildet, welche die Bedingungen der globalisierten Gesellschaft in ihrem Inneren reflektiert. Die Gruppe verstetigt sich nach äußerst spezifischen Mustern, die – so die Annahme dieses Kapitels – stark von systemtheoretischer Kommunikation und daran angebunden Systembildung ausgehen. Die Gruppenbildung und vor allem fortlaufende Stabilisierung ist höchst substantiell für die in Die Unbeholfenen vorgenommene Diskussion der Bedingungen einer globalisierten Gesellschaft. Es zeigt sich an dieser Stelle mit dem Komplexitätsgleichgewicht zwischen der Innenund der Außenwelt eines der für die Globalisierungskonzeption notwendigen Etablierungsverfahren. Strauß entwickelt und stabilisiert die Gruppe entlang von Lackners sich langsam erweiternden Verständnis und erst als eine ausreichende Komplexitätsdichte nach der anfänglichen Irritation in Verbindung mit Lackners Eintritt erreicht ist, kann der Autor den Blick auf die soziale Umwelt der Gruppe richten. In diese Gesellschaft kann der Erzähler nur eintreten, weil er als neuer Freund von Nadja in die Familie ein- 363 Volker Hage: Letzte Tänze, erste Schritte. Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 286. 233 geführt wird, sich den Kommunikationscode der Gruppe jedoch erst erschließen muss. Lackner erlebt in ihrer anfänglichen Fremdartigkeit deutliche Entwurzelungsgefühle (DU 8) und ebenso eine ausgeprägte Erfahrung von Differenz. Sein zögerliches Herantasten an die Struktur und die innere Zusammensetzung dieser Gemeinschaft, die in einem »abgesonderten Milieu« (DU 12) existiert, lässt eine doppelte Unzugehörigkeit erkennen, die Lackner als Eindringling in diese Gemeinschaft verspürt und zugleich als langsame Entfremdung aus der Gesellschaft erlebt. Lackner befindet sich als einzige Person der Gruppe in einem schwebenden Übergang zwischen der äußeren Gesellschaft und der inneren Gemeinschaft, wird aber im Verlauf der Handlung immer intensiver in die Innenwelt hineingezogen. 4.2 Gemeinschaftsbildung: Konfrontation & Kommunikation Von Bedeutsamkeit ist vor allem die Frage nach den Mechanismen der Gruppenbildung; das heißt wie gelingt die Abgrenzung, auf welche Weise befreien sich die Figuren vom gesellschaftlichen Ballast? In Lackner regt sich als erste Empfindung die generelle Abwägung, an der Kommunikation teilzunehmen oder dies besser zu unterlassen. Auf der einen Seite lebt er mit dem Manko einer Schwächeempfindung in Gesellschaft, die zu der Erkenntnis führt, »ein unselbständiger Einzelner« (DU 17) zu sein, der dazu tendiert, sich einer stärkeren Person anzubiedern und sich ihr anzuschließen: »Ich muß hier einschalten, daß ich im Kreis geselliger Personen, sofern jemand von ihnen eine ausgeprägte Eigenart besitzt, schnell zu einem unsicheren, unselbständigen Menschen werde. Ich vergehe vor Neugier und Hinwendung, sobald ein deutlicher Charakter, eine Persönlichkeit sich in der Nähe befindet, und sei es auch nur ein deutlicher Schurke.« (DU 16) Auf der anderen Seite gewährleistet diese Eigenschaft auch eine möglicherweise unbewusste Wahl zwischen Angliederung und Anbiederung: »Ein Einzelner war ich denn wohl, aber eben ein unselbständiger Einzelner, um nicht zu sagen: ein Dilettant seines Ichs. Eine Disposition, an der ich litt und gedieh zugleich. Die mich oft zu einem Schemen verringerte und mir dennoch manchen Vorteil brachte. Ich war eben gern ein Mann unter Einfluß. Mich durchzog die Substanz deutlicher Menschen wie Nahrung die Zellmembranen. Gutes und Bestes drang ein, lagerte ab, doch nur in- 234 dem und solange ich mich ihnen anglich – das meiste schied ich wieder aus, sobald der jeweilige Einfluß versiegt. Zwar schämte ich mich dieser Schwäche, ich verurteilte mich für meine Durchlässigkeit, meine unkontrollierte Abhängigkeit vom anderen. Zugleich war ich davon überzeugt, ein Vorsprung in die nächste Zukunft zu sein. Ich hielt meine unglückliche Begabung für eine Übergangserscheinung auf dem Weg zu einer großen Fusion: der Auflösung und Öffnung der Person zu freien, jedermann zugänglichen Clustern von Eigenschaften, Bewußtseinswolken, die nicht mehr von den angeborenen Grenzen des Individuums aufgehalten und eingeschränkt wurden. In meinen Augen waren die besten Köpfe, denen ich begegnete, schon jetzt mehr oder weniger raffinierte Verschnitte wohlbekannter und widerstandsfähiger Geistgewächse. Zuweilen unterschied ich die Intelligenzen wie Zuchtrosen lediglich nach Farbvarianz und Schädlingsresistenz. Demnächst nach der Öffnung der alten Individual-Grenzen würde jedes einzelne dieser Gewächse in einer Kultur der Infiltrationen, Übertragungen und Durchdringungen seinen Überlebensvorteil erheblich verbessern.« (DU 17f., vgl. auch UAZ 62) Lackners Bedürfnis, eine der beiden Positionen zu wählen, verdeutlicht, dass der innere Konflikt weit mehr ist als ein Beispiel für seinen unsicheren oder möglicherweise sogar servilen Charakter. Sein Problem wird zum Richtungsanzeiger für eine menschliche Weiterentwicklung und zugleich eine Reaktion auf die ›im Draußen‹, wie die Umwelt im Text regelmäßig genannt wird, dargestellte vorherrschende Globalität, denn Lackner weist bereits vor dem Eintritt in die Gruppe Merkmale einer globalisierten Existenz, wie sie für viele in der globalisierten Gegenwart gilt, auf. Die kommunikative Schwächeempfindung wird zur Begabung umgedeutet und das Aufweichen der »Individual-Grenzen« führt nicht länger zu einem Malus sondern zu einem Bonus, der (nach der »Großen Fusion«, die auch in Der Untenstehende auf Zehenspitzen thematisiert wird) einen spürbaren Vorteil in Bezug auf die Gelingenswahrscheinlichkeit der angestrebten Anschlusskommunikationen verschafft. Lackners anfängliche Code-Unkenntnis kann auch auf eine Art Black-Box-Problem zurückgeführt werden. Dies bedeutet, dass Systeme – als ein solches können Lackner und die Gruppe aufgrund ihrer gemeinsamen Kommunikation betrachtet werden – im gegenseitigen Kontakt auf Unkenntnis stoßen, weil sie »hochkomplexe sinnbenutzende Systeme, die für einander nicht durchsichtig und nicht kalkulierbar sind«, bilden; »[d]ies können psychische oder soziale Systeme sein«364. 364 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. S. 156. 235 Gemeint sind Menschen und Gesellschaften mit jeweils unterschiedlichen Erwartungshaltungen an das Gegenüber und Anpassungen an die sich ver- ändernde Umwelt. Wie schon in den vorherigen Analysen deutlich wurde, spielt Strauß auf freie und doch sehr produktive Weise mit systemtheoretischen Bedingungen. Eine auf Lackners Beobachtungsunschärfen zutreffende Erklärung weist Luhmann unter dem Stichwort ›unmarked space‹ hin: »Dies können psychische oder soziale Systeme sein. Wir müssen von deren Unterschied einstweilen absehen und sprechen deshalb von ›black boxes‹. Die Grundsituation der doppelten Kontingenz ist dann einfach: Zwei black boxes bekommen es, auf Grund welcher Zufälle auch immer, miteinander zu tun. Jede bestimmt ihr eigenes Verhalten durch komplexe selbstreferentielle Operationen innerhalb ihrer Grenzen. Das, was von ihr sichtbar wird, ist deshalb notwendige Reduktion. Jede unterstellt das gleiche der anderen. Deshalb bleiben die black boxes bei aller Bemühung und bei allem Zeitaufwand (sie selbst sind immer schneller!) füreinander undurchsichtig. Selbst wenn sie strikt mechanisch operieren, müssen sie deshalb im Verhältnis zueinander Indeterminiertheit und Determinierbarkeit unterstellen. Selbst wenn sie selbst ›blind‹ operieren, fahren sie im Verhältnis zueinander besser, wenn sie sich wechselseitig Determinierbarkeit im System/Umwelt- Verhältnis unterstellen und sich daraufhin beobachten. Der Versuch, den anderen zu berechnen, würde zwangsläufig scheitern.«365 Zwei Folgen ergeben sich hieraus: Die Mitglieder bleiben sich trotz des Familienstatus immer zu einem gewissen Grad fremd und es erklärt eine gewisse Unberechenbarkeit in der Kommunikation, welche die Figuren untereinander durch kulturelle Bezüge sowie konkretes Wissen, vorrangig aus der Literatur, oder Interpretationen gesellschaftlicher Zusammenhänge zu lösen versuchen. Schrieb Christian Schärf noch zur Rolle der Literatur in der Wissensgesellschaft, dass »[d]as sogenannte ›kulturelle Gedächtnis‹ [...] ein hybrider Speicher ohne Ausgang«366 ist, gelingt es den Gruppenmitgliedern sich Zugänge zu diesem Speicher zu eröffnen, indem die Kommunikation aus der Verbindung einzelner Menschen in eine höhere Sphäre der kollektiven beziehungsweise groß-gesellschaftlichen Kommunikation gehoben wird, wie in den nachfolgenden Abschnitten ausführlich dargelegt wird. Lackner steht anfangs in gewisser Weise konträr zu den fünf ausge- 365 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 156. 366 Christian Schärf: Literatur in der Wissensgesellschaft. S. 36. 236 grenzten Personen. Seine ersten Annäherungsversuche an die Gruppenkommunikation im Haus scheitern noch an der Unvertrautheit mit dem gruppeninternen Code und vor allem mit dem zwischenmenschlichen Umgang und erscheinen daher recht holprig: »›Was soll ich Menschen antworten, die doch nur vor sich hin reden?‹ Mein erster Gesprächsbeitrag, halb Hilferuf, halb Beschwerde, zeigte unter den Anwesenden die unterschiedlichste Wirkung« (DU 20). Auf den provokanten Ausbruch folgen unterschiedliche Reaktionen und bereits am Anfang ist auffällig, dass die Gruppe von ihrer Kommunikation abhängig ist und sich über diese definiert. Dies geht soweit, dass die Aufrechterhaltung der Kommunikation über den individuellen Belangen steht. Doch wie definiert sich Kommunikation, die solcherart soziale und systemische Zusammenhänge bilden kann und bildet? Soziale Systeme sind in der Systemtheorie Luhmanns keine Einheiten, Verbände oder Verbindungen von Menschen, sondern sie bilden sich und bestehen aus Kommunikation367, was das Begreifen der Grundlagen dieser Variante der Systemtheorie anfangs erschwert, die Anwendung jedoch ungemein erleichtert. Um die Mechanismen der Systembildung im Umfeld der Gruppe zu verdeutlichen, ist ein Exkurs in die Systemtheorie unabdingbar. Die grundlegende Erhaltungsform aller sozialen Systeme ist Kommunikation, die als eine Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen verstanden wird. Luhmann distanziert die Kommunikation in der Systemtheorie von etablierten Sender-Empfänger-Modellen und spricht ihr eine grö- ßere Verbindungsfähigkeit zu. Eine Mitteilung kann auf vielfältige Weise geschehen beziehungsweise erzeugt werden, denn Schrift, Organisation, Rollen erweitern die Möglichkeiten der Mitteilungsgestaltung und verleihen 367 Vgl. hierzu auch die folgende Frage: »Besteht ein soziales System letztlich aus Kommunikationen oder aus Handlungen?« und die entsprechende Antwort: »Ich sehe das Problem darin, daß Kommunikation und Handlung in der Tat nicht zu trennen (wohl aber zu unterscheiden) sind und daß sie ein Verhältnis bilden, das als Reduktion eigener Komplexität zu begreifen ist. Der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierende Prozeß ist ein Kommunikationsprozeß. Dieser Prozeß muß aber, um sich selbst steuern zu können, auf Handlungen reduziert, in Handlungen dekomponiert werden. Soziale Systeme werden demnach nicht aus Handlungen aufgebaut, so als ob diese Handlungen auf Grund der organisch-psychischen Konstitution des Menschen produziert werden und für sich bestehen könnten; sie werden in Handlungen zerlegt und gewinnen durch diese Reduktion Anschlußgrundlagen für weitere Kommunikationsverläufe« (Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 192f.). 237 ihr darüber hinaus auch eine längere Haltbarkeit.368 Systemtheorie beobachtet vorrangig Kommunikationen, die entlang geäußerter Differenzen verlaufen, das heißt jedoch auch, dass anderes wie z.B. Empfindungen, Gedanken, Assoziationen nicht von ihr beobachtet werden können, weil diese interne und vor allem stumme Operationen von psychischen Systemen sind, solange das Andere nicht durch Kommunikation herausgetragen und kommuniziert wird. Systemtheorie kann eben nicht die Bewusstseinsoperationen von psychischen Systemen beobachten, zumindest nicht vordergründig, da ihr hierzu die theoretischen Mittel fehlen. Die Innenwelten (repräsentiert eben durch Empfindungen, Gedanken und so weiter) werden erst dann beobachtbar, wenn sie zu Mitteilungen werden. Bevor dies geschieht, kann ein psychisches System nicht beobachten und verstehen, was im Inneren eines anderen psychischen Systems vor sich geht.369 Was gesagt, was verstanden wird und die Weise, in der darauf reagiert und re-reagiert wird, sind Bestandteile fortlaufender Kommunikation. Und ebenso wichtig ist, dass sich soziale Systeme durch Kommunikation bilden und aufrecht erhalten: »Schon die Differenz von Information und Mitteilungsverhalten eröffnet weitreichende Möglichkeiten der Analyse. Da beides sinnhafte Deutungen verlangt, gerät der Kommunikant Alter dadurch in einen Zwiespalt. Seinem Selbstverständnis bieten sich zwei Anknüpfungen, die nicht miteinander in Übereinstimmung zu bringen sind. Was Information betrifft, so muß er sich selbst als Teil der Sinnwelt begreifen, in der die Information richtig oder falsch ist, relevant ist, eine Mitteilung lohnt, verstanden werden kann. Als jemand, der sie mitteilt, muß er sich selbst die Freiheit zusprechen, dies zu tun oder nicht zu tun. In der einen Hinsicht muß er sich selbst als Teil des wißbaren Weltwissens auffassen, denn die Information (sonst könnte er sie gar nicht handhaben) weist auf ihn zurück. In der anderen Hinsicht verfügt er über sich als selbstreferentielles System.«370 Die das System fortführenden Akteure – im Text meint dies handlungstragende Figuren – sind über kommunikative Anschlüsse verbunden und es entsteht eine gegenseitige Erwartungskodierung371 – ›was wurde gesagt, wie 368 Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 127f.. 369 Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 8-83. 370 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 195. 371 Die Soziologie bezeichnet diesen Sachverhalt gegenseitiger Erwartung und Anpassung ›doppelte Kontingenz‹. Armin Nassehis Erklärung anhand einer Ge- 238 kann darauf reagiert werden?‹ –, die auch einbezieht, was nicht gesagt wurde, an was nicht angeschlossen wurde. Die jeweils andere Seite der Differenz ist trotz ihrer augenscheinlichen Abwesenheit als Möglichkeit präsent und bestimmt durch den Differenzmarker und dessen Grenze, was zum System gehört. Auf die Novelle bezogen ermöglicht dies, zu benennen, was oder wer zur Gruppe oder zur Gesellschaft gehört. Luhmann formuliert das Prinzip als Doppelschritt: »Neben der Konstitution von systemeigenen Elementen ist demnach die Bestimmung von Grenzen das wichtigste Erfordernis der Ausdifferenzierung von Systemen. Grenzen können als hinreichend bestimmt gelten, wenn offen bleibende Probleme des Grenzverlaufs oder der Zuordnung von Ereignissen nach innen und außen mit systemeigenen Mitteln behandelt werden können – also wenn ein Immunsystem die eigene Operationsweise benutzen kann, um im Effekt zwischen intern und extern zu diskriminieren oder wenn das Gesellschaftssystem, das aus Kommunikationen schichte eines kommunikativen Missverständnisses aufgrund gegenseitiger Fehlinterpretationen ist in diesem Kontext so kurz wie erhellend: »Die Geschichte mit Herrn A und Frau B hätte so nicht stattfinden können, wenn die beiden je transparent für einander gewesen wären, denn sie hätten sich dann nichts unterstellen müssen, sie hätten es ja gewusst. Die Praxis des Handelns ist also genau genommen eine Praxis des Nicht-Wissens, der Unterstellung und Zurechnung, nicht der eindeutigen Wahrnehmung. Was an dem Beispiel auch deutlich geworden sein dürfte, ist dies: Es ist eine sträfliche Vereinfachung, das soziale Handeln tatsächlich allein auf abstrakte Normen, Werte oder sonstige Kalküle zurück zu führen – diese Redeweise dient lediglich der soziologischen Operationalisierung und Modellierung. An dem Beispiel lässt sich sehen, dass das reale Geschehen viel komplexer ist – wenn auch Werte, Normen und Kalküle hier durchaus eine Rolle spielen. Was in der ersten Situation zwischen Herrn A und Frau B geschieht, ist das, was manche Spielarten der Soziologie eine Situation ›doppelter Kontingenz‹ nennen. Kontingent ist etwas dann, wenn es nicht notwendig so ist, wie es ist, aber auch nicht zufällig. Kontingenzen verweisen auf Spielräume, auf andere Möglichkeiten. Und die Realisierung von Möglichkeiten verweist darauf, dass auch andere Möglichkeiten möglich gewesen wären. Doppelt kontingent ist eine Situation sozialen Handelns vor allem deshalb, weil sowohl das Verhalten egos als auch das Verhalten alter egos kontingent ist. Denken Sie an die Begegnung von Herrn A und Frau B. Herr A nimmt Frau B wahr, und er nimmt wahr, dass Frau B ihn wahrgenommen hat. Nun entsteht die Situation, dass Jeder der Beiden sein Verhalten vom Verhalten des Anderen abhängig macht – dies meint das Gedankenkonstrukt der ›doppelten Kontingenz‹« (Armin Nassehi: Soziologie: Zehn einführende Vorlesungen. S. 37). 239 besteht, durch Kommunikation entscheiden kann, ob etwas Kommunikation ist oder nicht.«372 Der Grenzverlauf auf der Handlungsebene der hier untersuchten Novelle wird plastisch durch die Abgeschiedenheit des Hauses beschrieben oder durch die anfängliche Ausgrenzung des Erzählers dargestellt. Wie schon in der Analyse zu Beginnlosigkeit deutlich wurde, sind initiale Unterscheidungen notwendig, die benannt, angenommen und zudem mit Anschlusskommunikationen erwidert werden müssen, um ein System erst zu ermöglichen und dann zu stabilisieren sowie fortzuführen. Hierbei spielt die gegenseitige »ins Unberechenbare gepflanzte Erwartung«373 an den Fortgang der Kommunikation eine wesentliche Rolle, die in Form von »Handlung [...] als Synthese von Reduktion und Öffnung für Auswahlmöglichkeiten konstituiert«374 und wahrgenommen wird, wie Luhmann verdeutlicht. Vor allem auf Die Unbeholfenen projiziert ist dies sehr aufschlussreich, da der Leser über den Ursprung des Systems nur wenig erfährt, aber mit einer trotz der anfänglichen Irritation relativ stabilen Ordnung konfrontiert wird, deren Stabilisierungsbestrebungen die Figur Lackner zu verstehen versucht. Die Verschränkung von Systemtheorie und literarischer Verarbeitung der Gruppenbildung verdeutlicht die tieferen Strukturen, die in Strauß’ Text vorhanden sind. Luhmanns Definition nach folgt auf die Systementstehung eine Art Orientierungsphase, die »zunächst durch die Frage, ob der Partner eine Kommunikation annehmen oder ablehnen wird, oder auf Handlung reduziert: ob eine Handlung ihm nützen oder schaden wird«375 geprägt ist. Auf der Textebene spiegeln sich diese Prinzipien und Abläufe folgendermaßen: Lackner nimmt am Beginn die Rolle eines Beobachters376 ein und versucht, möglichst viele Zusammenhänge zu erkennen, um zu verstehen, nach welchen Prinzipien sich die Gruppe konstituiert und vor allem ihren Fortbestand sichert. Mit anderen Worten versucht Lackner, den ›systemeigenen Elementen‹ auf die Spur zu kommen. Strauß stellt mit der Stimme Lackners hierzu fest: »Es fiel mir zu Anfang nicht leicht, die künstliche Anord- 372 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 54. 373 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 160. 374 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 160. 375 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 160. 376 So heißt es im Text: »Nun, dergleichen Erwägungen verdankten sich natürlich nicht den ersten Beobachtungen in meiner neuen, befremdlichen Umgebung. Sie nehmen bereits einige Schlüsse vorweg, die ich später aus meinem Aufenthalt zu ziehen versuchte« (DU 30). 240 nung zu überblicken, in der sich diese Familie, einschließlich des Romero, zueinander verhielt« (DU 11). Ferner heißt es im Text: »Ich wußte ja noch nicht, daß in diesem abgesonderten Milieu, diesem sehr engen zuchtvollen Miteinander jede Regung, der jemand nachgab, lediglich für eine kurze Impuls-Zeit existierte. Danach, wie nicht geschehen oder sofort vergessen, verschwand sie aus jedem Zusammenhang, ohne eine dauerhafte Wirkung in der Gemeinschaft oder bei einem ihrer Teilnehmer zu hinterlassen. Ich wußte noch nicht, daß Unbeständigkeit in der Haltung und Einstellung zueinander das eigentliche Prinzip, die organische Verfassung dieser lebhaften Gemeinschaft war – wodurch sie sich erhielt und immer neu bestimmte.« (DU 12f.) Der Erstkontakt zwischen zwei Menschen provoziert, wie oben gezeigt, Erwartungen und die Signale der Annäherung sind zu deuten, was gegebenenfalls zu Kommunikation und zu Anschlusskommunikation führt und Knotenpunkte zwischen Individuen bildet. Lackners Verständnisprobleme resultieren auch daraus, dass seine gewohnten Deutungsmechanismen für einen solchen Erstkontakt nicht greifen, da sich die einzelnen Mitglieder von als normal zu bezeichnenden Verhaltensweisen distanzieren. Die Hausbewohner sind auf unterschiedliche Art unbeholfen, weil sie aus dem Mehrheitsraster herausfallen, ihre Kontingenzsignale sind mit anderen Worten weit von den gesellschaftlich gängigen entfernt und erschweren den kommunikativen Anschluss377: »Sich irgendwelchen sozialen Rollen oder Standards des Wohlergehens anzupassen, das wäre ihnen gar nicht möglich gewesen. Sie entwarfen sich aus einem viel zu fragmentarisierten Innenleben, als daß sie zu festumrissenen Rollen hätten finden können. 377 Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 160: »Die Position des Eigeninteresses ergibt sich erst sekundär aus der Art, wie der Partner auf einen Sinnvorschlag reagiert. Die Verfolgung eigenen Nutzens ist eine viel zu anspruchsvolle Einstellung, als daß man sie generell voraussetzen könnte (und die entsprechenden Theorien sind auch sehr spät entwickelte Theorien). Dagegen käme kein soziales System in Gang, wenn derjenige, der mit Kommunikationen beginnt, nicht wissen kann oder sich nicht dafür interessieren würde, ob sein Partner darauf positiv oder negativ reagiert. Eine in dieser Hinsicht gänzlich unbestimmte Situation würde, wenn nicht jeder Kontakt sogleich abgebrochen wird, zunächst Bemühungen auslösen, die Voraussetzungen für die auf den Partner bezogene Differenz zu klären«. 241 Sie mußten nicht nach draußen gehen (was sie bei notwendigen Anlässen gleichwohl taten), um zu erfahren, was draußen vor sich ging. Ihr gemeinsames Verstehen, das fortgesetzte Erläutern und ihr eigenes Erläutertsein, hatte die Wirkung einer Parabolantenne, die das entfernteste soziale Geräusch empfing. [...] sie verkörperten ihr Verstehen, ohne es selbst zu verstehen.« (DU 30) Durch stilles Beobachten und langsames Erschließen der Gruppencodes verblasst Lackners unzulängliche Vorkenntnis und es öffnet sich ihm ein Zugang zur Gruppe, deren »boundary maintenance« (Luhmann) Lücken aufweist, die den Zutritt neuer Inputgeber ermöglichen soll. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Figuren auf den Innenseiten ihrer Psychen keine geschlossenen Einheiten mehr sind, die Gründe für das ›fragmentarisierte Innenleben‹ werden im Verlauf der Handlung deutlicher, wenn Strauß die Abgrenzungsbestrebungen beschreibt. ›Fragmentarisiert‹ mag auch meinen, dass die Figuren auf der Innenseite bereits – oder noch aus der Zeit vor der Flucht nach Innen? – von Globalisierung beeinflusst sind, weil durch die Erweiterung der innere Zusammenhalt gefährdet ist. 4.3 Beobachten & Systembildung Mit dieser die Geschehnisse bereits interpretierenden Beobachtung, die das »gemeinsam[e] Verstehen«, ein fortlaufendes Erklären und Erläutern und vor allem auch »Erläutertsein« als Beobachtung zweiter Ordnung betont, wird angerissen, dass sich um die Gruppe herum durch ihre flüchtige und doch nach festen ›Selektionsregeln‹ verlaufende Kommunikation ein System bildet.378 Aufgrund der vielfältigen Verbindungen innerhalb des Gefüges, die im Laufe des Textes beschrieben werden, wird sichtbar, dass das System über ein rein auf Personen gestütztes Interaktionssystem hinaus geht. Da es den Eintritt weiterer Personen nur über einen Eintritt in die 378 Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 178: »Ein soziales System kann seine Sinngrenzen mehr oder weniger offen und durchlässig definieren, muß dann aber intern Selektionsregeln festlegen, mit deren Hilfe Themen akzeptiert oder verworfen werden können. Dadurch, daß im Kommunikationsverlauf Selektionen an Selektionen anschließen, verdichtet sich ein Bereich des Annehmbaren und Zumutbaren, dessen Grenzen quer durch die Sinnwelt gezogen sind. Psychische Systeme werden dadurch zu Personen, das heißt zu Erwartungskollagen, die im System als Bezugspunkte für weitere Selektionen fungieren. Das mag mehr und auch weniger implizieren, als ihnen bewußt ist«. 242 Kommunikation (und Austritt aus der Groß-Gesellschaft) erlaubt, ist es als kommunikatives, komplexes und damit ebenso als soziales System einzustufen, das somit auch über eine Umwelt verfügt Für die Systembildung spricht auch, dass nicht-kommunizierte Ereignisse im gesellschaftlichen Draußen nicht relevant für das System sind; es wird, durchaus überführbar, ähnlich wie in Wohnen Dämmern Lügen (1994) wahrgenommen: »Draußenheit nur grosso modo, ungefähr und wie durch einen grauen Star gesehen« (WDL 78). Zum Erstaunen des Erzählers ist eine Irritation oder Stabilitätsgefährdung von außen durch spontane Ereignisse, hier konkret durch die nahende Entbindung von Romeros Ehefrau, wegen der festen inneren Stabilisierung unmöglich: »Am liebsten hätte ich mit einem Schrei der Empörung die eisige Gleichgültigkeit gebrochen, mit der man dieses Ereignis beiseite schob, nur weil grundsätzlich alles, was draußen geschah, und selbst die Geburt des eigenen Kinds, keine weitere Beachtung verdiente. Doch mein Aufschrei wäre nur einer dieser kurzfristigen Impulse, dieser Affekt-Pfeile gewesen, die hier andauernd die Luft durchkreuzten, ohne daß ein einziger Treffer erzielt wurde.« (DU 14) Die angeführte Stelle zeigt, dass alle Ausrufe Lackners so lange im Raum verhallen, bis er den Code der Gruppe kennt und anzuwenden gelernt hat und »mit dem Prinzip der Unbeständigkeit« (DU 37) vertraut ist: »›Man scheint hier nur in geheimen Absprachen miteinander zu sprechen‹, flüsterte ich Albrecht ins Ohr, ›ich kann mich nicht beteiligen.‹ ›Du wirst dich anpassen, und es wird dir nicht schwerfallen‹ antwortete Albrecht« (DU 25f.). Nicht an der Kommunikation teilnehmen zu können, führt zum Ausschluss beziehungsweise zum ausbleibenden Anschluss an das System. Die Codes verstehen zu können, leitet zur Inklusion. Es vollzieht sich anders ausgedrückt eine Anpassung durch Beobachtung und Folgebeobachtungen. Strauß vertieft den subtilen Systemverweis in langsamer Annäherung an die Kommunikation der Gruppe. In der Sphäre werden die jeweiligen Redebeiträge nicht auf Personen zurückgeführt, sondern einzig auf die Funktion des kommunikativen Anschlusses reduziert: »Über den Köpfen der Fünf gab es so etwas wie eine vermittelnde Instanz, eine empfindliche Regulatur, die mit allem, was diese Menschen sagten, verstanden und taten, gleichsam gefüttert und programmiert wurde. Sie schien es auch zu verhindern, daß je eine Äußerung oder ein Antrieb un- 243 mittelbar aus dem Wesen oder der Stimmung einer einzelnen Person hervorgingen. Denn jeder war mit dem anderen über dieses ideelle Relais verbunden, das ganz unvorhersehbare Anstöße in die Familie schickte und sie mitunter zu Versuchspersonen ihrer eigenen Verhältnisse entmündigte. Im Grunde versetzte das Vehikel sie immer wieder in ein Stadium der wechselseitigen Erprobung, der Test- und Prüffälle, und sorgte für die schon erwähnte Unbeständigkeit aller einzelnen Verbindungen und Zuordnungen. Instabilität aber verschaffte ihnen, den dauerhaft Unzertrennlichen, die Illusion, einander nicht verläßlich zu kennen. Das Relais tauschte Bekanntes in Unbekanntes, und so kam es, daß sie sich oft nicht daran erinnerten, was sie vom anderen bereits mehrere Male gehört oder schon einmal mit ihm erlebt hatten.« (DU 27) Es zeigt sich in Lackners Reflexion, dass Anschlusskommunikationen nach der systemeigenen (oder auch: diskurseigenen) Logik »dieser stehenden Geschichte« (DU 32) ablaufen, die sich im Fortschreiten selbst reguliert, korrigiert und neu ausrichtet, wenn es der Reduktion von Komplexität dient. Der fortlaufende Dialog (oder vielleicht besser: Monolog) der Gruppe legt verschiedene Wege (systemtheoretisch betrachtet: Programme) frei, die vertieft, verworfen oder verändert werden, um die Kommunikation aufrecht zu halten, weil »ein geringer spontaner Anstoß zu einer unverhältnismäßig tiefen Wirkung führen konnte. Wenngleich beide, Aktion und Reaktion, binnen kurzem wieder zu nichts zerfielen« (DU 37). Die grundlegende Frage lautet daher in Bezug auf die Kommunikation auch, ob es relevant beziehungsweise wichtig ist, wer etwas sagt oder ob nur bedeutsam ist, was gesagt wird. Es ist in Anlehnung an die zuvor besprochene Kybernetik ein kybernetisches Problem. Anders als in vielen der Dramen stimmen die Figuren sich auf einen gemeinsamen Ton, eine gemeinsame Frequenz ein und sind in der Lage, eine gemeinsame Kommunikation zu entwickeln. Der Titel sagt viel über diese Sonderkonstellation und -rolle im Werk aus. Unbeholfene Figuren sind abnorme Existenzen; so verstanden, dass sie aus der Umwelt fallen und als Gegenstrategie versuchen, einen neuen Halt in ihrem Zirkel zu finden. Die Figurenrede ermöglicht es Strauß, verschiedene Positionen einzunehmen und diese durch Rede und Gegenrede, aber beständig innerhalb einer geschlossenen Welt, auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen, hinzu kommt jedoch auch die vom Erzähler am Anfang beschriebene Metaunterhaltung über den Köpfen. Es handelt sich dabei um keinen statischen Prozess und folglich steigt die Dif- 244 ferenzierbarkeit im Verlauf der Handlung. Dadurch wird erkennbar, dass es durchaus einzelpersonenbezogene Positionen gibt, deren Existenz jedoch für die Ausrichtung des Systems unwesentlich sind, solange sie nicht in einer Form vorkommen, die keinen Anschluss mehr ermöglicht. Dies ist eine Art Weiterentwicklung des Strauß’schen Sprechprinzips, in dem häufig »menschenleere Menschen« (TDW 319) wie in der Trilogie des Wiedersehens (1976), eine sich selbst fortsetzende Schrift wie in der Erzählung Die Widmung von 1977 oder als Fundament der Welterhaltung in Das blinde Geschehen von 2011 (»Für mich besteht die Welt überhaupt nur aus unzähligen Zwiegesprächen« (DBG 33)) beobachtet werden können. Gabriele Betyna kommentiert dieses Prinzip in ihrer Untersuchung zur Widmung, ohne jedoch auf die prototypische Gültigkeit für Strauß Erzählstil einzugehen: »Innerhalb der Geschichte schafft sich eine ›von Figuren befreite Rede‹ Raum, und zwar in Form einer kulturkritischen Essayistik, als Aphoristik, als Erzählminiaturen sowie als allgemeine Reflexionen. Diese greifen vor allem den inhaltlichen Kontext der Geschichte auf – Erotik und Schwermut –, die fragen aber auch nach den Möglichkeiten der Literatur bzw. der Kunst in der Gegenwart. Wenn sich auch die ›freie‹, autornahe Rede nicht immer eindeutig von der Darstellung des Ich-Erzählers Schroubek abgrenzen läßt, so ist doch evident, daß dessen Geschichte Objekt einer kritischen Reflexion ist.«379 Eliminiert man nun die auf Die Widmung bezogenen Aussagen, wird das poetologische Grundprinzip deutlicher: Längere Reflexionen folgen auf Miniaturen, gemeinsam vollzieht sich der kritische Blick auf die Welt. Ein Effekt dieses Verfahrens besteht in dem so ermöglichten »Nebeneinander des Verschiedenen, von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«380, wie Betyna es nennt und dabei eine »›Ästhetik der Flüchtigkeit‹«381 sieht, in der Bruchstücke, Fragmente nicht primär auf eine »geschlossene, stimmige Geschichte«382 abzielen, »sondern dem Diversen und der Abschweifung, mithin der flüchtigen Szenerie, Raum gewährt«383 wird. Diese Aussagen zu 379 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie: frühromantische Ästhetik und die Selbstreferenzialität moderner Prosa: Thomas Bernhard, Peter Handke und Botho Strauß. S. 181. 380 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie. S. 193. 381 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie. S. 193. 382 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie. S. 193. 383 Gabriele Betyna: Kritik, Reflexion und Ironie. S. 193. 245 Die Widmung treffen ebenso auf Die Unbeholfenen zu, obwohl beide Erzähltexte divergente Schwerpunkte aufweisen. In der Widmung isoliert sich ein Einzelner aufgrund einer privaten Begebenheit, einer Trennung – in der untersuchten Novelle hingegen eine Gruppe von Individuen, teils über ein familiäres Band verbunden, aufgrund von und gegen Veränderungen in der Gesellschaft. In Die Unbeholfenen webt Strauß – im Gegensatz zum Briefmonolog in der Widmung – dieses Erzählverfahren in einen fortlaufenden und damit flüchtigen Dialog ein, der vor der Handlung beginnt. Es erklärt auch Lackners abrupten Einstieg in die Kommunikation ohne unmittelbares Verstehen des Dialogs und der allgemeinen Vorgänge, denn ihm fehlen die Aktualisierungen vorheriger Gespräche und Vorgeschichten der Gruppe. Die Verbindung der Mitglieder über ihre gemeinsame Vernetzung, in die auch Lackner im Verlauf der Handlung eingebunden wird, vollzieht sich über das oben genannte »Relais«. Es entspricht in etwa der strukturellen Kopplung von Systemen, da es Kommunikationsbeiträge (systemtheoretisch: Leistungen) auf der jeweils anderen Seite der Grenze zwischen Gruppenmitglied und Gruppensystem verwertbar gestaltet. Einige weitere Bemerkungen zum Verhältnis der Gruppenmitglieder untereinander und zur Gesellschaft sind erforderlich. Albrecht kann das Haus nur schwer verlassen. Ilona schreibt ständig SMS (mit wem wird nicht deutlich), Romero verlässt das Haus in regelmäßigen Abständen, da seine neue Partnerin au- ßerhalb der Gruppe lebt. Nadja hat Lackner irgendwo kennengelernt, folglich muss auch sie das Haus verlassen können. Ilona verlässt am Ende spontan mit Lackner das Haus und gefährdet auf diese Weise die Stabilität der Gruppe. Die poetologische Grundkonstellation einer Gruppe, die von der Gesellschaft abgeschieden lebt oder nur temporär ausgeschlossen wurde, erinnert an den Plot vieler whodunit-Kriminalromane384 oder auch, und das ist ebenso wahrscheinlich, an eine von Strauß imaginierte vierte Wand als räumliche Begrenzung der Handlung, aus der sich spezifische Formen der Interaktion ergeben. Dieser Aspekt einer Textgestaltung drängt sich auf, da der Text durch seine ausgeprägte Mündlichkeit, den szenischen Aufbau und das Hinarbeiten auf eine Eskalation, in diesem Sinne dem »Powercut« (DU 101) als eingestreute Regieanweisung, über weitere Merkmale eines Dramas verfügt. Eine frühe Planung des Textes als Drama oder eine nachgängige Theateradaption liegen durchaus im Rahmen einer mög- 384 Vgl. hierzu Peter Nusser: Der Kriminalroman. S. 22-30. Das Setting in der vorliegenden Novelle ist vergleichbar mit der eingeengten Ausgangssituation solcher Kriminalgeschichten: ›Wer war es?‹. Das langsame Herantasten durch Beobachtungen und Schlussfolgerungen geschieht dort wie hier auf vergleichbare Weise. 246 lichen Textausarbeitung. Auch fällt auf, dass Strauß häufig in den erzählenden Prosatexten Kommunikationen in einem personell begrenzten Raum stattfinden lässt. Und stellenweise scheint es, als wäre das Personal aus dem Roman Der junge Mann, vor allem Reppenfries, Almut oder Leon Pracht aus einem Werk in das nächste umgezogen und in neue Rollen geschlüpft. Dieserart intertextuelle Charakteristiken oder Prototypen zwischen den Werken können Zufall sein, demonstrieren indes auch Strauß’ Fähigkeit und Bestreben, sein Schreiben als vernetzten Kosmos voranzutreiben, wovon die Parallele zur erwähnten Figurenkonzeption in Paare, Passanten oder die Aussage »im Grunde immer am selben Buch« zu schreiben und »Verbesserungsversuche der schon geschriebenen. Der hinter ihm liegenden«385 Texte zu formulieren, zeugt. Fürsprache und Widerreden in Die Unbeholfenen verdeutlichen den Flow der Kommunikation, das heißt, wie Anschlüsse und Aufrechterhaltungen erzeugt werden. Daher wundert es nicht, dass Volker Hage Strauß hier, vor allem im oben bereits thematisierten Dialog zur Infodemenz, sehr deutlich dialektische Standpunkte ausgetragen sieht: »Da blitzt der vertraute intellektuelle Furor des Dichters und Denkers Strauß auf – allerdings in einen poetischen Schwebezustand gebracht, indem er mit verschiedenen Stimmen spricht und den Erzählton romantischer Vorbilder anschlägt. So sorglos hat zuletzt E.T.A. Hoffmann [...] den Gesprächsrahmen inszeniert. Auch bei Strauß werden die Reden der Teilnehmer betont lässig – manche Leser werden meinen: nachlässig – aneinandergereiht […].«386 Die Stärke des Textes besteht in just diesem beinahe-dramatischen Schwebezustand, der stark an das erinnert, was Strauß selbst in einem Gespräch über Rumor als »eine von Figuren befreite Rede« beschrieben hat, mit dem Unterschied, dass er in Rumor »die Figuren manchmal auftauchen und wieder verschwinden läßt«; in Verlängerung dieses Verfahrens enthält auch der Dialog in Die Unbeholfenen »[e]ine Art Fading: das kommt und geht wieder‹«387. Die Fortentwicklung und Selbstreproduktion der Kommunikation geschieht, wie Lackner reflektiert, nicht in, sondern über den Köpfen, ist 385 Volker Weidermann: »Der abwesende Herr Strauß. Ein Treffen mit dem unbekanntesten Schriftsteller der deutschen Literatur«. 386 Volker Hage: Letzte Tänze, erste Schritte. Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 287. 387 Volker Hage: Die Wiederkehr des Erzählers: neue deutsche Literatur der siebziger Jahre. S. 220. 247 aber stärker an die Figuren gebunden als es in den angesprochenen Werken der 1970er und 1980er Jahre der Fall war. Die an ein Drama angelehnte Grundstruktur der Novelle würde es auch ermöglichen, den Dialog ohne namentliche Nennung zu entwickeln, jedoch fielen dann die spezifischen Eigenschaften der Figuren fort, welche für die Positionierung der Gruppe (als geschlossenes System) gegen die Gesellschaft von immenser Wichtigkeit sind. Ähnlich der Osmose von Zellmembranen konstituiert sich das System über aus der Biologie bekannte Reproduktionsmechanismen. Hierin kann durchaus ein weiterer jedoch nicht kenntlich gemachter Verweis auf Maturana und Varela gesehen werden, auf deren Autopoiesis- Theorie Strauß bereits 1992 in Beginnlosigkeit hinwies und diese nun erneut aufgreift: »Ja, waren sie nicht wie Puppen an den Fäden einer Reflexion, die über ihren Köpfen und nicht in ihnen stattfand? Jeder flüchtige Gedanke, jede innere und äußere Regung, die den einzelnen beschäftigten, hing an den Strippen einer vorrangigen Gemeinsamkeit und leitenden Sympathie. Man muß es sich vorstellen wie ein Ektoplasma – eine Ausstülpung ihres zu fünft bewegten Geistes. Und dieses aus ihnen hervorgetretene Gebilde ließ sie denken, ließ sie auf den Wellen des Bewußtseins tanzen, als wären sie Marionetten in der Hand eines launenreichen Spielers.« (DU 28) Die Gegenüberstellung allgemeiner Begriffe wie Puppen und Marionetten auf der einen und Reflexion, Gedanken und Bewusstsein auf der anderen Seite zeugen von der dialektischen Denkweise Lackners, die es ermöglicht, das beobachtete Verhalten beschreiben zu können. Biologisch konnotierte Systemreproduktion verschmilzt mit bewusstseinsgesteuerter Kommunikation. Die von Albrecht ausgestoßene Losung »Niemand verlässt den Raum« (DU 31) fügt sich reibungslos in diese Schilderung ein, da sie die Komponenten und Akteure des Gruppensystems benennt: »Umgebung, Wände und Menschen« (DU 31). Zudem ist das System teilweise der Zeit enthoben, weil ein Aufhören nicht vorgesehen beziehungsweise an die Lebensdauer der Teilnehmer gekoppelt ist: »Wir sind als Einzelmenschen wie als Geistfiguren Endstationen. [...] Auch wir sind eine Gemeinschaft geretteter Figuren. [...] Eine vielschichtige Empfindung, die nur in dieser abgesperrten Gemeinsamkeit entstehen konnte: Sympathie. Das heißt soviel wie untereinander nicht nach Verständigung suchen, sondern sie von vorneherein als gegeben empfinden. Sie er- 248 laubt nun allerdings, ja zu ihrem Erhalt, ihrer Stärkung fordert sie sogar, daß von Zeit zu Zeit ein Gast zu uns stößt und sich an ihr beteiligt. Oder gegen sie verliert. Also, mit einem Wort: keine Eltern, keine Kinder. Kein Vorher, kein Nachher. Endstationen.« (DU 46f.) Es kann zu Irritationen in Form von »skandalösen Begebenheit[en] oder einer Periode der Entfremdung« (DU 32) kommen, die eingangs angeführte Geburt vermag jedoch nicht, die Stabilität des Systems zu irritieren. Die Autopoiesis »des Sympathie-Systems« (DU 47) schreitet entlang von Anpassung und Reaktion in einer steten Bewegung fort. Eine Annäherung an die Kommunikation der Gruppe bedeutet daher auch eine Bewegung aus der Gesellschaft in den Mikrokosmos. Und der Weg in das System ist somit gleichbedeutend mit dem aus der Globalität in eine Art unglobalisiertes Refugium. Der Eintritt in eine abgegrenzte Gruppe stabilisiert gemeinhin ein entwurzeltes oder entfremdetes Subjekt, indem ihm neue Orientierungslinien geboten werden. Diese Gruppe steht nicht für Sicherheit, da die Komplexität der Umwelt sich geradewegs in der Innenkomplexität der Gruppe spiegelt. In dieser Übergangssphäre (eines interpenetrativen Movens) ist die Wahrnehmung des Erzählers noch von Konfusion geprägt. Strauß nimmt hier eine Positionierung des Gruppensystems zur Außenwelt vor, die einen weiteren Rückschluss auf eine klare Grenze zwischen der Gruppe und der Gesellschaft, die hinter den Mauern des Hauses beginnt, ermöglicht. Er stellt das »draußen« (u.a. DU 30, 32) mit seinen ›sozialen Geräuschen‹ einer umgrenzten Innenwelt gegenüber, die sich von den globalisierten Mechanismen jener Außenwelt gelöst hat. Die Außenwelt verkommt zu diesem Zeitpunkt zu einem Stichwortgeber und Antipoden der Gruppe, ohne das Innensystem noch maßgeblich beeinflussen zu können. Ein Verstehen des Innenlebens dieser Gruppe kommt einer Reorientierung gleich, die durch den Wegfall der äußeren Bezugspunkte notwendig geworden ist. Eine Deckung ergibt sich insofern auch mit den Grundbedingungen sozialer Systeme, die als selbstreferentielle Systeme in eine Umwelt eingebettet sind. Aus dem Verhältnis des Systems zur Umwelt ergibt sich ein method(olog)ischer Zwang, so dass die eine Seite der Differenz nicht ohne die andere Seite existieren kann. In der Diktion Luhmanns heißt es zu den Gründen: »Sie hängen mit der Differenz von System und Umwelt zusammen und besagen, daß es weder ein ausschließlich selbstreferentiell erzeugtes System noch ein System mit beliebiger Umwelt geben kann. Diese Bedingungen 249 wären instabil in dem Sinne, daß in ihnen jedes beliebige Ereignis Ordnungswert gewinnen würde. Daraus folgt, daß Selbstreferenz nur als Modus des Umgangs mit einer nichtbeliebig strukturierten Umwelt vorkommt und anders nicht vorkommen kann.«388 Eine Projektion auf den untersuchten Text zeigt, dass das ›System der Unbeholfenen‹ ohne den Gegenpol Gesellschaft nicht möglich oder fortsetzungsfähig wäre. Die Gruppenbildung abseits der Gesellschaft funktioniert in letzter Konsequenz nur, weil die Gesellschaft noch besteht, denn ohne das Gegengewicht der Gesellschaft zerfiele das System. Die Selbstreferenz der Gruppe ist nur möglich, weil es eine ausgleichende Fremdreferenz auf die Umwelt beziehungsweise in sie hinein gibt, wie auch der Aufbau des Textes verdeutlicht. Nachdem Lackner (im Rückblick) die Gruppenexistenz erläutert hat, gleitet die Perspektive in eine Wiedergabe der Gespräche und damit auch der Abgrenzungen gegen die von Globalisierung geprägte Gesellschaft ab. Konkrete Menschen außerhalb ihrer Gemeinschaft sind für die Gruppe jedoch unbedeutend. Die an einigen Stellen erwähnte Figur der Mutter ist bis zu ihrem Eintritt in das Haus der Gruppe am Ende der Novelle lediglich ein eigenschaftsloser Teil der Umwelt. 4.4 Festigung der Innenwelt im Verhältnis zur Außenwelt Die Figur Albrecht ist der älteste Geschwisterteil und gilt zugleich als eine Art Oberhaupt beziehungsweise Initiator der Gruppe (vgl. DU 45f.). Die erste Begegnung mit ihm löst bei Lackner die Reaktion aus, »an die ganze Weltgemeinschaft« (DU 10) sprechen zu wollen, da er in Albrecht einen Menschen erkennt, der »seinen Glanz von innen nach außen« (DU 11) strahlt. Albrecht wird (im Zuge der Fortschreibung der Globalisierungsdiskussion) zwar die Teilnahme an der Gesellschaft erschwert, aber aus der Einschränkung durch die Rollstuhlbenutzung wird ein Vorteil gezogen, da der exkludierte Typus Albrecht die Gesellschaft auf andere Art reflektieren kann. Der andersartige Zugang zur Welt erlaubt demnach auch andere Grenzberührungen, indem er nur aus seinem Inneren heraus in die Welt kommuniziert, jedoch die Welt nicht in sich hineinlässt. Albrechts Stärke lässt Lackner erahnen, dass dieser die einzige vertrauensvolle Person in der Gruppe sein könnte, auch wenn er die Abgrenzung zur Mutter intensiv aufrecht erhält. Später bietet Albrecht Lackner durch eine Interpretation 388 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 31 250 von Goethes Wanderjahre eine Deutungshilfe an, anhand derer Lackner erkennen kann, wie das Gruppengefüge zu verstehen ist. Die innere Beweglichkeit der fünf Personen sowie ihr Redefluss bekommen erst durch die vorgenommene Beobachtung eine Form und werden so verständlich: »Ich erinnere mich auch an die Herrschaft des chemischen Elements, welche die Entsprechungen unter den Personen regelt oder steuert. Doch eigentlich ist es in dieser Erzählung der Beobachter, welcher das Beobachtungsfeld ständig verändert. Was der Erzähler bemerkt (zusammenfaßt, begutachtet, einwinkt), verändert zugleich das gegenseitige Bemerken der Personen.« (DU 39) Das Zitat zeigt auch das poetologische Konstruktionsprinzip von Die Unbeholfenen in Form vielfacher Spiegelungen. Die Metapher der chemischen Elemente bei Goethe erinnert an das Relais im Gruppen-System. Und ebenso wird ersichtlich, wie ein Erzählen überhaupt erst durch die Beobachtung der Elemente ermöglicht wird. Die Benennung von Unterschieden, Auffälligkeiten und letztlich auch anwendbaren Unterscheidungen schafft die Bedingungen für ein Erzählen. Ein wachsendes Verständnis für die Zusammenhänge zieht Lackner tiefer in das System hinein und er steht schon bald »mitten in einer fremden Gemeinschaft« (DU 49), an deren Art zu kommunizieren er zusehends leichter anschließen kann, weil ihm das Prinzip der »fortwährende[n] Unterhaltung, die anscheinend dieser Abgeschiedenen einzige Beschäftigung, ja ihr ehrgeiziges Lebenskunstwerk ist« (DU 50) vertrauter wird, auch wenn ihn das System ›zunächst abgrenzt und abstößt‹ (vgl. DU 50). Durch das rückblickende Erzählverfahren wird an dieser Stelle deutlich, dass der Erzähler zu diesem Zeitpunkt zwar eine der ersten Verstehenshürden überwinden konnte, jedoch noch kein gleichwertiger Beiträger zum Systemerhalt ist, da seine Art der Kommunikation noch zu stark auf Personen wie Nadja oder Romero und zu wenig auf den Erhalt der Unterhaltung konzentriert ist. Zusätzlich findet eine weitere Veränderung statt, indem sich die Unterhaltung thematisch weg von der Gruppenkonstituierung und hin zu einer Weltbeobachtung und Weltreflexion verschiebt. Die Umwelt ist nun nicht länger nur ein undefiniertes ›Draußen‹, sondern wird mit Konturen versehen und in einen Leistungstransfer in die Innenwelt der Gruppe eingebunden: »Und Romero übernahm im gleichen Atemzug, als sprächen sie aus vereintem Bewußtsein: 251 ›Deshalb wünschte ich mir, das große Programm des Schonens würde von der Umwelt auf den Menschenverkehr zurückübertragen. Der genetische Reparaturbetrieb, der verkümmerte oder kranke Organe erneuert, sollte seine Entsprechung im Sittlichen finden. Da wir bald alles künstlich wiederherstellen, weshalb sollte man nicht aus wachstumsstarken Nanomoralia, psychosozialem Gewebe, dem Menschen wieder eine zweite Natur aufbauen?‹« (DU 52) Das Innensystem erfüllt die Funktion eines alternativen Entwurfes für ein Leben jenseits der globalisierten Außenwelt, deren Notwendigkeit Romero mit einer Negativ-Analogie begründet, denn draußen regiert das Oberflächliche: »›Da ich von euch allen am häufigsten unter die Leute gehe, weiß ich wohl am besten, wovor wir uns bewahren. Ich befinde mich draußen erst recht in geschlossener Gesellschaft. [...] In einer Gesellschaft von durchtrainierten Angebern, Blendern, Vorteilsrittern, Gesinnungsgewinnlern, Gemeinplatzbewachern. Von den Ideen ist ihnen nur das untere Urteilen geblieben. Dies nicht mögen, jenes schnell noch in den Himmel heben. Ja, er kann kaum an sich halten damit, der Überalldabei! […]‹« (DU 53) Doch welche weiteren Merkmale weist die Umwelt aus Sicht der Gruppe auf? Was konstituiert sie? Wie sieht diese Gesellschaft aus, die sich durch Globalisierung verändert hat? 4.5 Reflexionen über die globalisierte Gesellschaft Die umgebende Gesellschaft ist, wie der Tirade Romeros zu entnehmen ist, durchsetzt von negativen Menschen und in unzählige Einzelfragmente zersplittert: »[...] in der Epoche nach Bismarck sei nichts zur Reife gediehen, seien sicherlich auch große Gelehrte oder Sieger in vielen Schlachten am Schlusse unreife Menschen geblieben. Nicht viel anders erging es den Zeitgenossen in der Epoche nach Hitler. Auch sie hat aus geschichtlicher Bedingung nur unreife Menschen zugelassen und eine ebensolche Kunst. Nur daß sie sich daraus eine Ehre machten, ihre Ideologie bezogen, ihr Selbstbewußtsein: Jugendliche lösten Jugendliche ab. Aus der Banalität des Bösen ging das Böse der Banalität hervor. Und nichts gab es mehr, das neue Vergangenheit bildete. Nichts, was 252 einst sein konnte, gewesen, sondern alles unablässig heut. Keine neuen Menschen sind unsere Kinder, sondern Kinder wie wir. Asthmatiker, Popfans, Kiffer und Stellungslose wie wir. Vielleicht, daß sie uns eines Tages mit Petroleum übergießen, in Flammen setzen, unsere brandschatzenden Kinder, aufgehetzt von einer Bande fanatischer Greisenhasser. [...] Kaum jemanden treffe ich also, der nicht wäre wie ein zerbrochnes Glas, das ein hundertfach kleineres Bild des Ganzen wiedergibt, um mich einer Metapher John Donnes zu bedienen. Es genügt ja im Mund von irgendwem eine einzige Feststellung oder Meinung, und diese winzige Bemerkung verwahrt das ideelle Ganze dessen, was man derzeit denken oder sagen kann. Und nicht anders denken und sagen kann! Selbst der Intelligente ist nur das Medium einer allgemeinen und aufs Allgemeine beschränkten Intelligenz.« (DU 54f.) An dieser Stelle kommt es in der Handlung der Novelle zu einer thematischen Verschiebung weg von den nach Lackners Eintreten notwendigen gruppenrekonstituierenden Beobachtungen und hin zu Beobachtungen der Umwelt. Es entwickelt sich ein längeres Gespräch, das die Merkmale der umgebenden Gesellschaft analysiert und reflektiert und die andauernden Krisen und den Verfall thematisiert. Das Gespräch bildet das Kernstück der Novelle, das auf relativ engem Raum einige der von Strauß in wiederkehrendem Rhythmus besprochenen grundlegenden Aspekte der globalisierten Gesellschaft behandelt. Die Positionen und Konflikte verändern sich im Zuge des fortschreitenden Austausches, vereinend für alle Beiträge ist die Abgrenzung zur veränderten Gesellschaft. Romero sieht in der zunehmenden Digitalisierung einen Beinahe-Rückfall in eine stratifizierte Gesellschaft, in der Technik »genauso wie bei Hof eine attraktive Zentralgewalt« ausmacht, die nicht mehr von einer Person (wie früher dem König) ausgeht, sondern von einer »allesdurchdringende[n] Öffentlichkeit, in der Licht und Schatten, Erhöhung und Erniedrigung ebenso nach Laune verteilt werden wie in jeder klassischen Monarchie« (DU 56). Hinzu kommen starke Auflösungstendenzen bei jenen Menschen, die an der digitalen Sphäre teilnehmen, wodurch ihre Differenzierbarkeit durch einen Beobachter schwindet: »Erschwerend für die Orientierung kommt hinzu, daß ich immer schlechter den leibhaftigen Menschen von seinem Schatten unterscheiden kann. Computeranimiert erscheinen sie mir beide, Realperson wie Schablone – doch wer gleicht sich wem an? Wer kommt aus wessen Werkstatt? Gerade 253 erst entworfene Geschöpfe, Atavare, [sic!] keuchen neben mir im Sportstudio oder servieren mir im Café das Frühstück. Kein Unterschied im Sprechen, Gehen, Meinen: lauter Animierte ohne anima.« (DU 56) Erneut begegnet dem Leser eine Variante der »menschenleeren Menschen« (TDW 319), die Strauß als Gegenpol zum verfallsgeretteten Individuum setzt und in Die Unbeholfenen zu einem entindividualiserten Kollektivmenschen weiterentwickelt. Die Zufluchtsmöglichkeiten der Gruppenmitglieder werden indes nicht beengt, da sie ihre Flucht aus der Umwelt vor den geschilderten Schädlichkeiten derselben schützt: »Kurz, ein Draußentag genügt, und alles Miteinander-Füreinander, das du in dir trägst, verfinstert sich. Endlich heimgekehrt, wirst du den Verdacht nicht los: Die Menschen sind nur noch als Menschheit interessant« (DU 56). Die letzte Aussage weist auf die zentrale Aussage des Textes hin. Die Beobachtung der jeweiligen Gegenwart, beginnend um ca. 1900, bis in die derzeitige Gegenwart zum Schreibzeitpunkt verdeutlicht die stattfindende Ausdifferenzierung während des gesamten Zeitabschnitts, in der durch Unterteilung »Zerfallsprozesse« (DU 58) stattfinden und »neue Strukturen« (DU 58) außerhalb »einer bildlichen Vorstellung« (DU 58) entstehen. Dies gilt gleichermaßen für die Analogie zur Teilchenphysik wie für die gesellschaftliche Ausdifferenzierung, die sich außerhalb einer konkreten und allumfassenden Wahrnehmbarkeit abspielt, mit anderen Worten hyperkomplex ist. Daher betont Albrecht in seiner an Romero gerichteten Antwort auch die Deutungsunsicherheit, die mit der Exklusion der Gruppe einhergeht: »Noch einmal zurück zu den ausgetretenen Pfaden, zu den zeitbedingten Mustern des Meinens und Denkens. Liegt es an der Überempfindlichkeit unserer Isolation, an dieser durchlässigen Zelle, die wir bilden und die für gewisse Schwingungen unter den Draußenmenschen besonders empfänglich ist, oder gibt es tatsächlich und allgemeingültig: ein ermüdetes, abgelenktes oder zutiefst stagnierendes Bewußtsein?« (DU 59) Die Anschlussmöglichkeiten an die Umwelt sind demnach selektiv. Die Gruppe kann wegen ihrer Isolation und des damit verbundenen Abstandes zur Gesellschaft die Kommunikation in der Umwelt anders wahrnehmen und verarbeiten. Hierdurch werden manche der repetitiven Äußerungen, die in der Umwelt (durch Medien, Religionen oder Politik) verbreitet werden, als fadenscheinig enttarnt. Hierzu heißt es: 254 »Die täglichen Äußerungen zu Schicksalsfragen der Menschheit werden immer dringender und umfassender, gleichzeitig merkt man selbst den gewissenhafteren unter ihnen an, daß sie, montiert und abgeleitet, sich aus lauter altgedienten Konzepten und Überzeugungen zusammensetzen. Sprechen nicht oft aus brandneuen Einsichten allzu bekannte Gesinnungsderivate zu uns?« (DU 59) Die Gesellschaft besteht aus dieser Beobachtungsperspektive betrachtet nicht länger aus der Summe ihrer Individuen. Sie verfügt in der kollektivierten und systemgeprägten Form zwar über ausgeprägte Anpassungsstrategien, aber nicht über die Fähigkeit, Katastrophen und Krisen proaktiv zu verhindern. Es stehen sich Transparenz, Aufklärung und eine Verdunklung durch zunehmende Selbstreflexion gegenüber (vgl. DU 62). Auch die sehnsuchtsvollen Rückverweise auf die moralischen oder kulturellen Segnungen der frühen Moderne (vgl. DU 74) ändern hieran nichts, denn sie sind, wie Albrecht im Dialog über das Bewusstsein Romero gegenüber betont, »stets Hervorbringungen einer Krise – der Krise eines reichen, oft übermüdeten Bewußtseins. Und als solche traten sie häufig im Zeitalter der Revolutionen in Erscheinung. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie profund die Literatur der Krise ist, der geistigen, die zusammenging mit der historischen, in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.« (DU 63) Neben den schon diskutierten Essays zeigen Textstellen wie diese Strauß’ Versuch, sich selbst thematisch in die angeführten Wertediskurse der frühen Moderne einzuschreiben, indem er Sehnsuchtspositionen und Erlösungsstrategien in die Redebeiträge der Figuren montiert. Übermäßiges Pathos in der Figurenrede erleichtert den Konsum nicht unmittelbar, erhöht aber die Dringlichkeit ihrer Aussagen. In der Textgestaltung wird dies durch den Erzähler reflektiert, auch wenn die fehlende Wiedergabe jedweder Gefühlsregungen den Dialog artifiziell erscheinen lassen. Aus der systemtheoretischen Deutungsoptik dieser Arbeit heraus überrascht die neutrale Darstellung nicht, da gelingende oder nicht gelingende Anschlusskommunikation keine Folge von kommunikativer Färbung wie beispielsweise Ironie ist, welche in gewisser Weise auch »eine Mitkommunikation von Zweifeln«389 bedeutet. Zumindest so lange der Sinn und somit die Anschluss- oder Selektionsfähigkeit innerhalb der Selbstreproduktion nicht 389 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 508, vgl. dort auch S. 459, Anm. 164. 255 gefährdet werden, denn »Kommunikation kommt nur zustande, wenn diese zuletzt genannte Differenz [von Information und Mitteilungsverhalten, S.P.] beobachtet, zugemutet, verstanden und der Wahl des Anschlußverhaltens zu Grunde gelegt wird. Dabei schließt Verstehen mehr oder weniger weitgehende Mißverständnisse als normal ein«390. Mit Blick auf den zu erhaltenden Kommunikationsprozess wird dessen Erfolg allein dadurch eingeschränkt, ob es sich dabei »um kontrollierbare und korrigierbare Mißverständnisse«391 handelt. Wie Luhmann hier darlegt, gefährden rhetorische oder emotionale Redemittel die Kommunikation keineswegs, sofern die Kommunikationsteilnehmer über ein mögliches Misslingen informiert sind und durch ihre Bemühungen um Anschlusskommunikation entsprechende Exit-Strategien entwickeln, die in Form von anschlussfähigen Kodierungen erfolgen. Das Wissen des Autors und der Akteure als dessen Sprachrohr, dass nur »[c]odierte Ereignisse [...] im Kommunikationsprozeß als Information, nicht-codierte als Störung (Rauschen, noise)«392 wahrgenommen werden, unterstützt diese Bestrebung. Für Die Unbeholfenen – wie auch für weitere Texte von Strauß – gilt, dass ein ausgeprägtes Formenbewusstsein für diese Art der Codierung den Textaufbau bestimmt. Der Fokus liegt auf der kommunikationserhaltenden Codierung, das heißt Gespräch, statt auf nicht anschlussfähigem Geschwätz, das als gesellschaftliches Rauschen ausgeblendet oder aber erst ironisch-distanziert nachgezeichnet und später negiert wird. Die in Beginnlosigkeit geäußerte Prämisse – »Der technische Kult frißt auf Dauer jede Regung von Differenz« (B 24) – gilt also weiterhin. Strauß’ Auseinandersetzung mit der menschlichen und medialen Geschwätzigkeit will auch, wie Diana Florea urteilt, vermitteln, »dass im Chor des allgemeinen Sprechens die zum Kommunizieren notwendige Selektion der Information aus mehreren Richtungen untergraben wird: Es wird gleichzeitig, ununterbrochen und über alles Mögliche gesprochen«393. Der Krisendialog verdeutlicht die Selektionsschwierigkeit: Zum einen erlaubt das Stichwort »Bewußtseinskrise« (DU 64) Nadja einen kommunikativen Anschluss, zum anderen verdeutlicht es eine Differenz zwischen der 390 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 196. 391 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 196. 392 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. S. 197. 393 Diana Florea: »Sprechen, Schweigen, Schreiben bei Botho Strauß. Das Thema der verbalen Kommunikation als selbstreflexive Auseinandersetzung des Schriftstellers mit den Möglichkeiten der Sprache«. S. 27. 256 (überhöhten) Moderne und der vom Kollektiv verachteten Gegenwartsform: »Vergessen wir nicht die großen Gestimmtheiten des Zwanzigsten Jahrhunderts. Sie sind es doch, in die wir uns zuweilen prüfend zurückversetzen, wenn wir in den Büchern der Moderne lesen. Denn es beherrscht uns eine unstillbare Sehnsucht nach der frühen Moderne. Zu ihnen zählen unter anderem: die Angst, der Ekel, der Wahn, die Langweile, das Absurde. Sie bildeten die intuitive Voraussetzung für die Krisenfähigkeit des damaligen Bewußtseins. Welche wäre denn für uns heute die beherrschende kollektive Gestimmtheit, Romero?« (DU 64) Die genannten Gefühlskodierungen sind, obwohl Beispiele einer historischen Stimmung, anschlussfähig innerhalb der Kommunikation der Gruppe. Über den Rückverweis wird die Information verdoppelt und zugleich gegen eine reine Vergangenheitssehnsucht und für eine Gegenwartsreflexion positioniert. Die Faszination für das Vergangene beruht auf der daraus resultierenden Kalkulierbarkeit fester Verläufe, während für die Gegenwart ein Dauerstörfeuer der Verflachung diagnostiziert wird: »›Die Imbezillität‹, antwortete der Lästerer unumwunden und schien nur auf die Verblüffung seiner Zuhörer zu zielen. ›Am Ende der modernen Bewußtseinsgeschichte [...] steht nur noch die Ruine des Informierten, der nichts mehr bedenkt und schließlich auch nichts mehr mitbekommt, Infodemenz. Der Wahn war das Risiko des einzelnen. [...] Die Imbezillität gehört – abrupt, mit einem Schlag – allen. Sie läßt dem einzelnen keine Chance mehr. Sicherlich, dieser neue Schwache [sic] Sinn entsteht unabhängig von persönlicher Disposition und Erziehung. Ihm geht voraus, daß die Begabung der zwischenmenschlichen Aufmerksamkeit auf der Skala heute erwünschter und geforderter Tugenden keine Rolle mehr spielt. Sie gleicht einem sich zurückbildenden Organ. Denn solche Begabung wird für das Andocken des Menschen bei einer höherentwickelten Menschenähnlichkeit (auf Grund der neuen, dem Nervensystem nachgebildeten Technologien) nicht mehr nötig sein.‹« (DU 64f.) Mit dem Redeeinstieg und der provokanten Aufmerksamkeitserregung reagiert Romero auf die zuvor angebotene Information und weitet seine Ausführungen zur Gegenwartsgesellschaft aus. Wie bereits in der Analyse von Beginnlosigkeit besprochen, wird auch in Die Unbeholfenen der psychisch 257 Erkrankte mit der Möglichkeit ausgestattet, Grenzen zu überschreiten und die »gute Gesellschaft der Vernunft« (DU 66) aus der Außenseiterposition fortzuentwickeln. Der Terminus »Masse der Schwachsinnigen« (DU 66) scheint an dieser Stelle der Novelle bereits auf die ›Mitteilungsinkontinenz der Blogosphäre‹, wie Strauß sie in Vom Aufenthalt als Menetekel der Digitalgesellschaft anführt (vgl. VA 175) oder den Essay Lichter des Toren von 2013 hinzuweisen. Die entrückten Texte und Autor(inn)en der frühen Moderne werden dem Kollektiv der ›Infodementen‹ und ihrer ›Schwarmintelligenz‹ (vgl. DU 66) gegenübergestellt, denn »[e]in zuvor nie gekanntes Sammeln, Mischen und Harmonisieren – Synchronisieren! – zeichnet es aus. Da gibt es Verfasser im mittleren Alter, sie schreiben Romane von mehr als dreitausend Seiten, phantastische Romane, in deren erweitertem Gedächtnis sich unzählige Figuren der abendländischen Literatur herumtreiben und neu erfundene Konstellationen eingehen. Auch auf anderen Gebieten finden sich Beispiele dafür, daß uns die technischen Gegebenheiten nicht bis zur Schwächung unserer Anlagen entlasten, sondern im Gegenteil zu einer positiven Assimilation führen. Die enormen digitalen Speicher wirken um- und ausbauend auf unser persönliches, spärliches Bewußtsein. Es ist vielleicht eher mit der Entstehung eines Hyper- Bewußtseins – oder gar einer Bewußtseinshybride – zu rechnen als mit einer Pandemie des Schwachsinns.« (DU 67f.) Die digitale Veränderung beschleunigt eine Loslösung vom Körper auch in Richtung eines oben angedeuteten virtuellen Nervensystems, in denen das »Innenleben in künstliche Neuronenspeicher« (DU 69) geladen wird, durch eine Virtualisierung des Bewusstseins, welches sich auch in den Verweisen auf den Netzcharakter der Umwelt oder einer Diskussion zum Stellenwert des persönlichen oder archivischen Erinnerns zeigt. Dies lässt sich auch mit Schärfs anfangs genannten Aussagen über das kulturelle Gedächtnis verbinden. Strauß setzt wachsende Archive mit »Assimilationsvorgängen« (DU 68) in Verbindung, in deren Verlauf die Differenz ›Aufbewahren/Bewahren‹ (vgl. DU 68) (heran)gezogen wird. Solche Assimilationsvorgänge sind, da die Reduktion von Komplexität als Ziel beider Entwicklungen steht, identisch mit einer Ausdifferenzierung. Und sie setzen das gewohnte Verständnis von Zeit und Raum außer Kraft. Mahnend schreibt Strauß bereits in Die Fehler des Kopisten von einer »Chemie der Erinnerung« (FDK 34), die dahingehend beeinflusst werde, »daß jeder beliebige Zeitpunkt der Vergangenheit aufrufbar und downloadbar wird, von einem Au- 258 genblick der Gegenwart nicht mehr zu unterscheiden. Die neurochemische Stimulation, die das Verlorene überwände wie früher ein Gedicht« (FDK 34f., vgl. auch FDK 26). Mit anderen Worten dominiert nun eine fremde Kraft das Gehirn auf chemische Weise, statt dass Erinnerungsfragmente während einer Lektüre reaktiviert werden. In vorliegender Novelle hingegen bedingen die Ausdifferenzierung und die darauffolgende Fragmentierung der Umwelt eine »Abfallhalde des Globus« (DU 69). Dennoch ist anzumerken, dass Fragmentierung nicht per se dafür steht, dass Zusammenhänge wegbrechen, viel eher verhält es sich so, dass neue Zusammenhänge oder Rahmungen entstehen, die erneut entschlüsselt werden müssen. Dieser langwierige Prozess lässt sich am ehesten noch auf die Bewegung in Richtung einer hyperkomplexen Gesellschaft zurückführen. Auf der Innenseite, das heißt in diesem Fall den Psychen der Individuen, sieht Albrecht eine ähnliche Auflösungstendenz, indem er die metaphorische Auflösung des Körpers als eine zeitlose, digitale und sphärenhafte Existenz beschreibt: »Von der Endzeit gelangt man so elegant hinüber zu einem Konzept der Endlos-Zeit. Diese wird dann unserem zerebalen (sic) Schatten gehören. Das Märchen vom Peter Schlemihl hat sich umgekehrt: Der Schatten hat seinen Körper verkauft. Er war ihm zu schwer, zu energieverschwenderisch, zu plump, zu krank und zu eingebildet. Der Schatten – der Geist – ist es, der nun allein zu Werke geht – lautlos, leicht und immerwährend. Das Denken hat endlich seinen Fluchtweg gefunden. Es wollte schon immer heraus aus dem Madensack. So wird es sich zuletzt entäußern an die technischen Gedächtnisse. Entäußerung des Menschengeists, Kenosis im Downloadverfahren.« (DU 69f.) Beachtenswert ist hierbei auch der implementierte Befund, dass die Gruppe eine Verlagerung in die Netzstruktur der Umwelt feststellt. Netz, Netzstruktur oder Vernetzung dienen – wie Romero antwortet – als Erklärung und möglicherweise auch als weitere Metapher für das Dasein. Und ähnlich klingende Befunde hat Strauß auch in anderen Kontexten schon gestellt: »Es gibt zwar seit einigen Jahrzehnten den beherrschenden Bildbegriff von Netz und Netzwerk, der inzwischen fast die ganze Lebenswelt umfaßt, gleich ob es sich um Kriminalität oder Sport, die Börse oder Botanik handelt. Jeder Bereich ist in sich und alle sind miteinander vernetzt. Man darf sogar sagen: nie zuvor gab es ein derart allzweckhaftes Instrument und Er- 259 kenntnismodul in einem. Denn man benutzt es ebenso alltäglich wie auch auf einer fortgesetzt erfinderischen Ebene. Ein Fertigteil des Erkennens ohne das keine Beschreibung unserer Erfahrungswirklichkeit mehr gelingen will.« (DU 70f.)394 In dieser literarischen Schilderung zielt die allgegenwärtige mediale Vernetzung von verschiedenen Unterbereichen der Gesellschaft sowohl auf die Ausarbeitung einer Zustandsbeschreibung als auch auf eine Kritik derselben ab. Es besteht demnach ein Zusammenhang zwischen Vernetzung und Erreichbarkeit. Über Knotenpunkte sind in der Theorie alle Elemente füreinander erreichbar, wodurch sich neue Folgeprobleme ergeben. Die textinterne Gedanken- und Argumentationsstruktur scheint stark von Vilém Flussers Netzdenken und der telematischen Gesellschaft inspiriert zu sein, ohne dass dies konkret benannt wird, jedoch ist der ›Bildgedanke‹ ähnlich. In der vermuteten Endphase unserer Epoche kommt es laut Flusser zu einer Verdrängung der Texte. Ereignisse werden nicht mehr schriftlich überliefert, sondern durch stehende oder bewegte Bilder erhalten, was somit eine grundlegend andere Wahrnehmung nach sich zieht: »Wenn Texte von Bildern verdrängt werden, dann erleben, erkennen und werten wir die Welt und uns selbst anders als vorher: nicht mehr eindimensional, linear, prozessual, historisch, sondern zweidimensional, als Fläche, als Kontext, als Szene. Und wir handeln auch anders als vorher: nicht mehr dramatisch, sondern in Beziehungsfelder eingebettet.«395 Dies heißt mit anderen Worten, dass der Mensch in einer Fläche aufgeht und die Vernetzung mit der Fläche die Individualität aufhebt, es kommt zum ›Individualitäten-Verlust‹ (in Anlehnung an Shikida). An anderer Stelle weitet Flusser diesen Gedanken aus. Als Netzexistenz, so sein Zukunftsentwurf, werde der Mensch zu einer Art »Gedankenknoten« und Beziehungsgeflecht, denn »die einzig denkbare Lebensform [ist] Leben als Ge- 394 Zur internen Ausdifferenzierung der Systemtheorie gehört auch, dass diese in Kriminalität, Sport und Börse Subsysteme des Funktionssystems Wirtschaft erkennt, die sich nach ähnlichen Leitdifferenzen reproduzieren (Profit/Sanktion, gewinnen/verlieren, Profit/Verlust) und strukturell gekoppelt sind. Die Botanik besteht aus organischen Systemen, sie operiert nicht im Medium Sinn und nicht durch Bewusstsein, und ist zwar hübsch anzusehen, aber im Luhmann-Kontext nicht relevant. 395 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 9. 260 spräch des Erkennens und über Erkanntes«396. Dies kombiniert in der Diktion Flussers das Netz als Über-Metapher der Gesellschaft mit der Methode der Beobachtung erster und zweiter Ordnung. Flussers Theoriekern schildert eine informationsbegründete Gesellschaft, welche die jetzige ablösen will – oder schon hat? Die in der Hyperkomplexitätstheorie plausibel gemachten Standpunkte deuten darauf hin, dass derzeit eine »telematische Gesellschaft«, wie Flusser die nächste Gesellschaftsform übergeordnet bezeichnet und beschreibt, entsteht. Diese ist eine sich selbst regulierende, vernetzte Gesellschaft, in der es keine eigentlichen Zentren oder Hierarchien mehr gibt und in die jedes Individuum – wie zuvor an verschiedenen Stellen bei Strauß nachgewiesen – medial bis in die Tiefe eingebunden ist: »Betrachtet man nun das ›Ich‹ als einen Knotenpunkt in einem dialogischen Netz, dann kann man nicht umhin, die Gesellschaft als ein aus individuellen Gehirnen zusammengesetztes Übergehirn zu sehen. Und die telematische Gesellschaft würde sich von allen vorangegangenen nur dadurch unterscheiden, daß dort der Zerebralnetzcharakter der Gesellschaft bewußt wird und man somit darangehen kann, diese Netzstruktur bewußt zu manipulieren. Die telematische Gesellschaft wäre die erste, die in der Erzeugung von Informationen die eigentliche Funktion der Gesellschaft erkennen würde und die Erzeugung daher methodisch vorantreiben könnte: die erste selbstbewußte und daher freie Gesellschaft. So wie die Bilder gegenwärtig geschaltet sind, ist unsere Gesellschaft ein armseliges Übergehirn, und was dabei herauskommt, ist ein Übergeist, der wenig begeistert. [...] Die gegenwärtige Gesellschaftsform verdankt ihr Entstehen einer ungenügenden und zum Teil falschen Erkenntnis des Zerebralnetzcharakters der Gesellschaft. Die Massenkultur, der überhandnehmende Kitsch, der Verfall der Gesellschaft in Langeweile, in Entropie, sind Folgen der falschen Schaltung.«397 Beachtenswert an Flussers Entwürfen ist deren visionäre Kraft, denn heute herrschen genau jene Zustände, die Flusser bereits 1985 prognostiziert und deren Beschreibung unter anderem Qvortrup um die grundlegende Komponente der Hyperkomplexität erweitert hat. Zur Erinnerung: Sie folgt der anthropozentrischen Gesellschaft und ist polykontextural. Sie wird ›Informationsgesellschaft‹ genannt, ihr Kern ist die Informations- und Kommunikationstechnologie und stützt sich auf ein enormes Netzwerk aus gegen- 396 Vilém Flusser: Angenommen: Eine Szenenfolge. S. 19. 397 Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 100f. 261 seitigen Beobachtungen und Beobachtungen von Beobachtungen.398 Strauß’ Diagnosen ähneln dem Zitierten nicht nur in der Diktion und seine Akteure wiederum sprechen so, als wüssten sie um diese Veränderung und greifen im Anschluss an die Netz-Diskussion das Beziehungsfeld- Bildflächen-Dilemma ähnlich klingend auf: »Ein Bild ist zunächst alles, was nicht Abbild ist. Ein Bild, das Bild werden will, darf die Sprache nicht verlassen. Es muß unsichtbar bleiben. Das Bild, nach dem wir suchen, ein Sinnbild oder Inbild, wird immer ein sprachliches Erzeugnis sein, das, obzwar visuell konzipiert, dennoch einem bildnerischen Erkennen entspringt.« (DU 88) Die Argumentationskette näher zu beleuchten, erweitert das Verstehen dieser zentralen Stelle. Der Befund der Figuren lautet bisher in Kurzform: Eine hyperkomplex-telematische Vernetzung findet statt und ist nicht aufzuhalten. Die Figurensicht will vermitteln, dass diese Vernetzung eine Reihe von Auswirkungen auf den Menschen nach sich zieht. Romero tritt in diesem Zusammenhang als Vertreter einer vernetzungskritischen Instanz auf, während Albrecht eine gegenläufige Position einnimmt. Festzustellen ist jedoch auch, dass Strauß den Figuren keine absoluten Standpunkte zuweist, sondern ihnen vielmehr eine gewisse Beweglichkeit innerhalb ihrer Haltungsradien ermöglicht. Ein ähnliches poetologisches Prinzip der flie- ßenden Positionierung formuliert Strauß schon in Paare, Passanten und stimmt es immer wieder in den Essays an. Die Konfrontation und den gegenseitigen Anschluss von Individuum und Kollektiv verschränkt Strauß dort als Balance aus »Entscheidungen«, »Schwächung seiner Auffassungsgabe« (PP 152) und »eingemeindeten Menschen« (PP 153) und Strauß verarbeitet die folgenden Personeneigenschaften spielerisch in der untersuchten Novelle: »Dementgegen der Typ der vorstehenden Persönlichkeit, die Autorität, der Führer, der die künstlich verminderte, nach unten abgerundete Intelligenz der Kollektive braucht, ganz nötig braucht, um sich daran zu stärken und sich tatsächlich immer als der Klügere zu erweisen. Der Führer, der als Einzelgänger eine glatte Null wäre; der schon im intimen Zwiegespräch wenn nicht als Dummkopf, so oft genug als glanzloser Durchschnittsgeist erscheint; nicht weil an ihm ›eigentlich gar nichts dran‹ ist, sondern weil seine Intelligenz sich erst bei einer gewissen Temperatur von Überlegenheit 398 Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 290f. 262 zu entfalten beginnt, das heißt bei Anwesenheit nicht unter einem Dutzend gruppierter, also unterlegener Menschen. Und selbst die empfindlichsten Regungen kommen ihm nie im Stillen, sondern erst am Orte, wo er Macht ausübt. Er öffnet sich nur öffentlich.« (PP 153) Die Anspannung und Verbindungsbeweglichkeit der Figuren und das grundlegende Verhältnis von Gruppe und Gesellschaft stellen in Die Unbeholfenen in adaptierter Form einen der Grundzüge der kommunikativen Struktur dar. Die Figur Romero kann als Anführertypus interpretiert werden. Der Aufbau der Figurenrede, die weitestgehend auf den Prinzipien der Selektion gegebener Informationen und einem nachfolgenden Anschluss an diese basiert, untermauert diese These. Romero geht in der Fortsetzung seiner Rede von einem Standpunkt aus, der die zuvor benannte Bewusstseinskrise ausblendet beziehungsweise ablehnt: »Eine Krise unseres Bewußtseins – von der nichts in Sicht ist – müßte eigentlich ihren Ursprung eben in dieser Allgültigkeit eines Begriffs finden. Wären wir noch zur Verwirrung zu bringen, so müßte uns der Schwindel ergreifen angesichts jener – der Phantasie eines Paranoikers nicht nachstehenden – Totalität des Zusammenhängenden: Alles miteinander vernetzt! Hier scheint jeder Unterschied zwischen innen und außen, zwischen Denken und Hirn, Militäroperation und dem Informationssystem der Ameisen, zwischen passiv und aktiv dahinzuschwinden. Das Netz ist dennoch keine metaphorische Bezeichnung. Sondern vielmehr die Variation eines Dings. Vom Fischernetz zum neuronalen oder elektronischen änderte es lediglich seine materielle und strukturelle Beschaffenheit. Eine Metapher für das Netz aber ließe sich nur schwerlich finden.« (DU 71) Bemerkenswert an dieser Replik ist neben der Absolutheit des Netzes (›keine Metapher‹) auch das angedeutete Überwinden der Grenzen, welches möglich wird, weil sich durch die Vernetzung andere Wege eröffnen, sobald eine Verbindung versperrt ist. Die Netzausdifferenzierung in mehr und mehr Knotenpunkte erhöht neben der Komplexität demnach die Mobilität und Anschlussfähigkeit, gleichzeitig zeigt sie auch die Orientierungslosigkeit und die drohende (gefühlte) Auflösung des Individuums durch ›Überdeterminierung‹399. Hingegen wird nicht impliziert, dass die Distinkti- 399 In den nachfolgenden zwei Kapiteln zu Der Untenstehende auf Zehenspitzen und zu den von Strauß verhandelten Konsequenzen der Globalisierung werden die verschiedenen Dimensionen des Begriffs verdeutlichen. 263 on zwischen System und Umwelt ihre absolute Trennschärfe verliert, sondern sie führt aus einer alternativen Beobachterposition heraus zu einer potentiellen Orientierungslosigkeit des Individuums im Netz. Die Konsequenz ist der (vorläufige) Verlust des Standpunktes, weil Orientierungspunkte undeutlicher sind oder fehlen. Es zeigt sich zudem, dass im Figurenrederausch auch der Bildgedanke nicht als Metapher für das Netz taugt: »Allzu leicht geht's mit der Allegorie – aber mit dem Symbol leider nicht. Die Bildgedanken zerbrechen wie die alten Gefäße. Sie können nicht fassen, was wir treiben und wo wir uns befinden. Wir selber wissen weder, an welchem Ort, in welchem besonderen Segment des unabsehbaren Gewebes wir gerade wirksam sind, noch wissen wir, ob wir mit unserem Tun oder Ruhn nützliche Teile des Gewebes etwa zerstören oder umgekehrt neue schaffen. Denn das Gebilde, das uns bildet, bewegt sich ohne ein endgültiges Ziel und ohne jede kausale Folgerichtigkeit. Ebensowenig wie wir darin unseren Ort begrenzen können, vermögen wir etwa die Position unserer Person, die Grenzen des Individuums zu bestimmen in diesem offenen Austausch von Erkenntnis und Widerfahrnis. Alles was wir wissen, auch das Wissen der Vergangenheit, ordnen wir jetzt mit Hilfe unseres neu erworbenen Organs, das noch keinen Namen trägt, unseres Netz-Gespürs jedenfalls. So kommt es, daß kein einziger mehr außerhalb eines Netzwerks denkt oder lebt. Es bleibt in ihm und um ihn herum nichts unverwoben.« (DU 72) Die Frage, die zu beantworten bleibt, widmet sich auch der Dichte und Widerstandskraft des Netzes. Dass es ›kein endgültiges Ziel‹ gibt, bedingt auch, dass die Netzausdehnung das eigentliche Ziel ist. Die Flächenerweiterung oder quantitative Erhöhung der Knoten dominiert die Wahrnehmung. Und so steht der Weg in das Netz auch für einen Blindflug über Beziehungsfelder, wie sie Flusser theoretisch und Strauß literarisch absteckt.400 Diese Reise kann, wie später auch Norbert Bolz formuliert, einen 400 Dass sich ein solches Problem auch visuell aufbereiten lässt und eine universelle Bedeutung besitzt, zeigen beispielsweise die Kinderbuchautoren Giancarlo Macri und Carolina Zanotti in ihrem Buch Punkte, indem sie die durch Globalisierungsfolgen wie Flucht und Vertreibung resultierende Vernetzungskomplexität anhand von schwarzen und weißen Punkten erklären: »Hallo, ich bin ein Punkt« heißt es am Anfang ihres Textes, zu sehen ist ein einzelner schwarzer Punkt in der unteren rechten Ecke. »Ich bin nicht allein, ich habe Freunde«, die Punktmenge ist gewachsen, die Folgeaussage »[u]nd die Freunde haben Freunde und Freunde von Freunden« wird von einer nochmals gewachsenen Punktmenge umgeben. Sie 264 gewissen Reiz haben, auch wenn sie eine Reminiszenz an eine verblasste Epoche ist: »Man möchte das Schauspiel genießen – aber aus der sicheren Distanz des Zuschauers. Genau das war ja die Leistung der antiken theoria: Welterkenntnis mit Distanzgenuß. Modern ist das aber nicht mehr möglich. Der Zuschauer weiß sich jetzt als Rezipient und Beobachter selbst in das Beobachtete einbezogen.«401 Wie schon im Kapitel zur Strauß’schen Essayistik festgestellt, ist die negativ aufgefasste Bindung an das umgebende Gesellschaftssystem sehr stark. Am Auszug aus Die Unbeholfenen lässt sich dies ein weiteres Mal beschreiben und es lässt sich auch die Parallele zwischen Netzwerk und Gesellschaft erläutern: Die Gesellschaft kann sich nur von innen selbst beobachten402, ein Netzwerk nur innerhalb der eigenen Vernetzung zu kongruenten visualisieren die Bewegung von Beziehungsfeldern und gesellschaftliche Veränderungen deutlicher als Literatur oder Theorien es können. 401 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 8. 402 Dass es sich in gewisser Weise dabei um einen Taschenspielertrick handelt, lässt Luhmann zwischen den Zeilen durchscheinen. Vor allem der Vorgang einer ›Gesellschaftskritik‹ gibt vor, von außen zu geschehen, geschieht aber ganz im Gegenteil von innen: »Mit dem Konzept des sich selbst beschreibenden, seine eigenen Beschreibungen enthaltenden Systems geraten wir auf ein logisch intraktables Terrain. Eine Gesellschaft, die sich selbst beschreibt, tut dies intern, aber so, als ob es von außen wäre. Sie beobachtet sich selbst als einen Gegenstand ihrer eigenen Erkenntnis, kann aber im Vollzug der Operationen die Beobachtung selbst nicht in den Gegenstand einfließen lassen, weil dies den Gegenstand ändern und eine weitere Beobachtung erfordern würde. Sie muß offen lassen, ob sie sich von innen oder von außen beobachtet. Wenn sie auch das noch mitzusagen versucht, legt sie sich auf eine paradoxe Identität fest. Der Ausweg, den die Soziologie dafür gefunden hat, wird als ›Kritik‹ der Gesellschaft stilisiert. Faktisch läuft das auf eine ständige Wiederbeschreibung von Beschreibungen, auf ein ständiges Einführen neuer oder Wiederbenutzen alter Metaphern hinaus, also auf ›redescriptions‹ […]« (Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 15). Später führt Luhmann diesen Gedanken weiter aus und stellt einen indirekt auch maßgeblich die Kunst betreffenden Grundsatz auf: »[D]ie Gesellschaft kennt als das umfassende soziale System keine sozialen Systeme außerhalb ihrer Grenzen. Sie kann also gar nicht von außen beobachtet werden. Zwar können psychische Systeme die Gesellschaft von außen beobachten; aber das bleibt sozial ohne Folgen, wenn es nicht kommuniziert, wenn also die Beobachtung nicht im sozialen System praktiziert wird. Die Gesellschaft ist, mit anderen Worten, der Extremfall 265 Schlüssen über sich selbst gelangen: ›kein einziger denkt oder lebt mehr außerhalb eines Netzwerks‹. In beiden Fällen ist alles, was außerhalb der eigenen Form liegt, Umwelt. Dies impliziert auch, dass ein Verlassen beider Beziehungsformen nicht möglich ist, denn das Maschenwerk ist gleich einnehmend wie das Menschenwerk. Es ist nur möglich, sich zurückzuziehen bei gleichzeitigem Verbleib in der Form. Auf den untersuchten Text bezogen bedeutet dies, dass die Gruppe trotz der Haltung gegen die Gesellschaft sich dennoch in ihr befindet. Maßgeblich für die Exklusion ist ein Kappen der Netzverbindungen, die als imaginäres Band erhalten bleiben. Die Figuren können dennoch und trotz aller Loslösungsversuche nicht ›unverwoben‹ existieren, wie aus Strauß’ Überlegungen hervorgeht. Man kann den Auszug zudem folgendermaßen deuten: Die Komplexität der Umwelt dringt in die Nahsphäre des Individuums ein, das heißt, dass sie die Systemgrenze im Zuge einer Interpenetration passiert und so auch die jeweils andere Seite der Differenz beeinflusst. Das ›soziale System Gevon polykontexturaler Selbstbeobachtung, der Extremfall eines Systems, das zur Selbstbeobachtung gezwungen ist, ohne dabei wie ein Objekt zu wirken, über das nur eine einzige richtige Meinung bestehen kann, so daß alle Abweichung als Irrtum zu behandeln ist. Selbst wenn die Gesellschaft routinemäßig sich selbst von ihrer Umwelt unterscheidet, ist keineswegs vorab klar, was damit von seiner Umwelt unterschieden wird. Und selbst wenn Texte, also Beschreibungen, angefertigt werden, die Beobachtungen steuern und koordinieren, bedeutet das nicht, daß es nur jeweils eine richtige Beschreibung gibt« (Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 88). Es gibt folglich unzählige Beschreibungsmöglichkeiten der Gesellschaft und so entspringt jeder Text, egal ob soziologische Analyse oder Literatur, einer individuellen Deutungsoptik der gesellschaftlichen Zustände oder Merkmale. Vor allem in Beschreibungen der Gegenwartsgesellschaft kommt ein schon benanntes Problem hinzu: die Komplexität beziehungsweise sogar Hyperkomplexität. Einfache Beschreibungen reichen nicht mehr aus, da sich diese nicht mehr mit der Gesellschaft messen können. Eine Erklärung für diesen Sachverhalt liefert Lars Qvortrup in seiner Untersuchung zur hyperkomplexen Gesellschaft, in der er unter dem Begriff des ›anthropozentrischen Zeitalters‹ betont, dass der Beobachtungspunkt (und damit auch der Beobachter und die Beschreibungen) in irgendeiner Weise mit der Komplexität des Systems vertraut sein muss. Dies impliziert eine Beobachtung von innen. Im Falle der hyperkomplexen Gesellschaft ist die Lage noch gravierender, da eine Vielzahl von Beobachtungspunkten mit individuellen Beobachtungscodes nötig ist. Es handelt sich um vielfach gewinkelte Beobachtungen von vielfachen Beobachtungen, wie Qvortrup ausführt, die das ›polyzentrische Zeitalter‹ einleiten (vgl. Lars Qvortrup: Det hyperkomplekse samfund. S. 30). 266 sellschaft‹ und das ›psychische System Mensch‹ interagieren, auch wenn dabei die andere Seite der Differenz nur eine untergeordnete Rolle spielt, denn es handelt sich um einen variablen Prozess. Bildlich gesprochen versetzen sie einander in Schwingungen, finden aber keinen gemeinsamen Rhythmus, wenngleich einzelne Tonfolgen auf der anderen Seite nachhallen und erwidert werden. Man sieht dies an der Gruppenunterhaltung, die nicht ohne Input von außen fortführbar ist. Ein Rückspiel in die Gesellschaft hinein findet immer dann statt, wenn ein Gruppenmitglied das Haus verlässt oder auf andere Weise mit Außenstehenden kommuniziert, beispielsweise Ilona per SMS. Diese Kontakte besitzen indes bis zum Zusammenbruch des Gespräch-Systems keine größere Durchschlagskraft. Was nun die Rolle der einzelnen Gruppenmitglieder zur Außenwelt betrifft, ist für das Erfassen der Abhängigkeiten und Relationen entscheidend, wohin der Blick fällt. Psychische wie soziale Systeme sind wie oben beschrieben doppelt kontingent und beeinflussen sich daher wechselseitig, bilden jedoch keine Einheit. Dirk Baecker äußert hierzu eine interessante Bemerkung, die über die Innenstrukturen der Novelle hinausgeht und durchaus auch für die Analysen anderer Strauß-Texte ergiebig ist. Baecker reflektiert, ob in der hyperkomplexen Gesellschaft nicht »auch die Kunst die Form des Netzwerks annimmt beziehungsweise sich mit der Form des Netzwerkes auf eine Art und Weise konfrontiert, die bisherige Motive, Modi und Ergebnisse der Kunstproduktion verändert«403. Diese Überlegung kann im Falle von Beginnlosigkeit und Strauß’ Essayistik positiv beantwortet werden. Die Binnenstruktur von Beginnlosigkeit imitiert (wie auch die vorangegangenen Analysen aufzeigten) ein Netz. Die Intertext-Struktur, die durch die prägnanten Inhalts- und Zeitlinien der Essays entsteht, etabliert ebenfalls eine Netzform vielfältiger Bezüge und Verbindungen. Die bisher herangezogenen Texte weisen Merkmale einer in diesem Sinne globalisierten Struktur auf. Globalisierung ist an dieser Stelle – auch unter der Gefahr einer Begriffsüberdehnung – als Ausdehnung und Ausdifferenzierung der Form zu verstehen. Strauß’ Schreibverfahren bezieht an dieser Stelle einerseits die gesellschaftliche Umwelt der Texte auf eine Weise ein, in der die Umwelt ihre Abgrenzung in Teilen einbüßt und in der Grenzen sprachlich ertastet und (in machen Fällen) im Anschluss überschritten werden. Andererseits dehnt sich innerhalb der Essays Strauß’ Ideen- und Bezugskosmos in der Fläche (gesellschaftlicher Fragen) und der Tiefe (eines kulturellen Erbes) aus. Das Formenexperiment Beginnlosigkeit 403 Dirk Baecker: »Possen im Netz«. S. 107. 267 bricht in der Konzeption mit Lese- und Verortungsgewohnheiten. Bleibt die Frage, wie Globalisierung und daran anhängig die Komplexitätssteigerung der Umwelt in den Texten besprochen und verarbeitet werden. Festzustellen ist, dass sich die Texte überaus präsent auf der Inhaltsebene mit den Auswirkungen der Globalisierung beschäftigen. Das geschieht insbesondere durch die Beobachtung ihrer jeweiligen Umwelten und der Selbstbeobachtung innerer Veränderungen. Dabei ist die initiale Komplexitätssteigerung in der Umwelt auf einen Ausdifferenzierungsprozess zurückzuführen – man denke nur an die Initialbeobachtung und die von ihr in Bewegung gesetzte Ereigniskette, wie Strauß sie in Beginnlosigkeit beschreibt. Der allgemeinere Beobachtungsprozess und die spezifische Verkettung der Ereignisse sind eng mit der Globalisierung verbunden. In aller Kürze ausgedrückt und die theoretischen Eingangsformulierungen resümierend bilden die Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die Globalisierung und die Selbstreproduktion der sich herausbildenden Systeme eine Art Trias mit dem Ziel, einerseits ein Fortlaufen der Verästelung und Verbreiterung (Ausdifferenzierung und Globalisierung) und andererseits den Fortbestand von Systemen zu gewährleisten. Im Falle der vorliegenden Novelle wird deutlich, dass keine Formveränderung vorliegt, sondern im Gegenteil auf das etablierte Gerüst der Novelle zurückgegriffen wird. In Die Unbeholfenen findet die Auseinandersetzung mit der Globalisierung auf der Inhaltsebene statt. Ein erneuter Blick auf die kurz zuvor herangezogene Sequenz aus der Novelle zeigt exemplarisch auf, wie Strauß mit dieser Trias verfährt: »Wir selber wissen weder, an welchem Ort, in welchem besonderen Segment des unabsehbaren Gewebes wir gerade wirksam sind, noch wissen wir, ob wir mit unserem Tun oder Ruhn nützliche Teile des Gewebes etwa zerstören oder umgekehrt neue schaffen. Denn das Gebilde, das uns bildet, bewegt sich ohne ein endgültiges Ziel und ohne jede kausale Folgerichtigkeit. Ebensowenig wie wir darin unseren Ort begrenzen können, vermögen wir etwa die Position unserer Person, die Grenzen des Individuums zu bestimmen in diesem offenen Austausch von Erkenntnis und Widerfahrnis.« (DU 72) Auch Albrecht vertrat zuvor diese Position. Ein solches Annehmen und Erproben fremder Ansichten dient der Aufrechterhaltung der Gruppenordnung und ermöglicht sowohl einverständliche als auch konträre Anschlusskommunikation. Der Dialog entspinnt sich hauptsächlich zwischen Romero und Albrecht; der Erzähler Lackner beobachtet das Geschehen 268 vom Rande aus. Angesichts der beschriebenen Individualisierung bis in eine (metaphorische) Auflösung hinein betont die Figur Albrecht eine Kollektivisierung als mögliche Reaktion auf die Krisen in der Gesellschaft. »Kehren, Krisen, Konversionen, Erweckungen, Epiphanien, wegweisende Sinnbilder werden in der Regel vorbereitet in der tieferen Empfänglichkeit eines Kollektivs. Sie verdanken sich einer gemeinschaftlichen Intuition, wenn es dann auch ein herausgehobener Einzelner ist, der den prägenden Ausdruck findet. Was aber ist heute vom berühmten Einzelnen übriggeblieben?«(DU 73) Zugleich kritisiert Albrecht die schwindenden Wahrnehmungsfähigkeiten des Gegenwartsmenschen, der von einer ausdifferenzierten »mediale[n] Öffentlichkeit« (DU 74) umgeben ist und sich in ihr zu verlieren droht. Beide Figuren schildern die Hintergründe und Auswirkungen dieser Virtualisierung des Bewusstseins. Das für die Gruppe wichtige ›draußen‹ als Gegenwelt und Gegenentwurf ihrer eigenen Existenz erhält durch die geleisteten Beobachtungen die Form einer Netzwelt, welche wiederum als ein Suprasystem, mit dem jedes Gesellschaftsindividuum verbunden ist, verstanden wird. In diesem laufen überkomplexe Öffnungs- und Ausdehnungsprozesse ab, die das einzelne Individuum nicht komplett erfassen kann. Die Erkenntnis, »daß Empfänglichkeit die kritischste Zone unseres Aufenthalts ist«, bildet laut Albrecht die Reaktion auf all diese Entwicklungen. Nadja ergänzt den Austausch zwischen Albrecht und Romero durch weitere Beobachtungen der Entwicklungen in der Umwelt, in der, wie sie sagt, eine »unablässig[e] Zufuhr von Neuerungen« (DU 75) die Reproduktion der Gesellschaft gewährleistet. Auch das Wachstum der »sozialen Entwicklungen im weltweiten Netz« (DU 75) folgt diesen Mechanismen. Ihr Zwischenfazit lautet daher auch, dass es sich bei der »soziale[n] oder [der] Schwarmintelligenz [...] allem Anschein nach um ein evolutionäres Produkt, das innerhalb der Informationskultur einen geistigen Überlebensvorteil gegenüber dem entfalteten Bewußtsein eines einzelnen Menschen besitzt« (DU 75), handelt. In solchen Situationen ist, mit einem Rückgriff auf die Theorie ausgedrückt, die Trias in Aktion sichtbar, weil das sich ausdifferenzierende Netz »keiner Herrschaft außerhalb seiner eigenen Voraussetzungen [gehorcht]« (DU 76). Das Figuren-Pentatrop verbalisiert seine Abgrenzung immer wieder, um sich der Aufrechterhaltung zu vergewissern. Die digitale Sphäre ist der analogen Gesellschaft voraus, weil sie beweglicher ist und, wie dies auch in früheren Sequenzen sichtbar wurde, 269 den individuellen Bezug abgelegt hat und somit zu einem Kollektiv gewachsen ist. Den Figuren bleibt in ihrer nach innen orientierten Gesinnung (und Gestimmtheit) nur, den Anschluss an die bis zur drohenden Auflösung veränderte Außenwelt über eine weitere Reflexion zu verweigern: »Unbestritten organisiert das Spiel der Schwärme aus sich selbst heraus neue soziale Gebilde, die unsere schwer beweglichen Gesellschaften vielleicht erst in hundert Jahren hervorbringen würden. Dies Reich der Leute, die Folks-Stätten, die Plattformen, Communities und Blogosphären kennen weder Grenzen noch Regierungsformen.« (DU 75) Die sich anschließende Diskussion kreist um die Themen Technik und Unbeholfenheit, Pseudonützlichkeit der technischen Hilfsmittel, die Hybridisierung des Menschen (die Metapher aufgelöster Körpergrenzen) und neue »Enhance-Techniken« (DU 78) oder hochauflösendes Sehen und segmentäres, fragmentarisches Verstehen, kurz: den von Strauß vielfach so genannten neuen Menschen. All dies führt dazu, dass das Individuum keine Unterscheidungen mehr treffen kann (DU 76-80). Daraus resultiert die Konsequenz, dass somit auch keine Trennung zwischen den Elementen mehr möglich ist, was zu Stillstand, Gleichgültigkeit und »Desidentifikation« (DU 80) in unterschiedlichsten Bereichen führt. Die diagnostizierte Krise des Bewusstseins, die in der Umwelt stattfindet und die vorrangig den Reflexions-Dialog der Gruppe auf der Innenseite motiviert, beruht auf einer mangelnden Anpassung an die veränderten Geschwindigkeitsverhältnisse in der Umwelt, wie Romero zu vermitteln versucht: »Das ›Ich‹, Held empfindsamerer Zeiten, ist heute eine minderbemittelte Instanz, wenn es um die vielfältigen Verarbeitungen von Informationen geht. Es wird letztlich nicht fertig mit der Last an Ungedachtem, Rohem, nämlich Informationen, die sich ihm nicht einbilden wollen. Während es Stunden braucht, um eine begründete Verbindung zwischen Ursache und Wirkung herzustellen, hat ein Computer in Sekundenbruchteilen alle denkbaren Schritte errechnet mitsamt ihren weitreichenden Folgen und wiederum den zahlreichen alternativ möglichen Folgen, die den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung am Ende vollkommen zufällig erscheinen lassen. Das alte erhabene Subjekt bleibt künftig ein altmodischer Behelf, eine bescheidene Nebenstelle bei der Vermittlung von den Daten zu den Begriffen, von Welt zu Innenwelt. Manchmal aber erhebt es dennoch seine alten Ansprüche, moralische, erotische, kritische – und wir spüren auf ein- 270 mal: wir brauchen es doch, wir kommen ohne unser Ich nicht aus! Ja, wir müssen sogar sein letzter Hüter sein ...« (DU 81f.) Demgemäß lässt sich ableiten, dass die voranschreitende Technisierung die Verarbeitung von Informationen erschwert und zu einer Auflösung in gedanklichen und überkomplexen Operationen führt. Zugleich erschwert es auch Anknüpfungen an bisherige Kommunikationen, da Kausalitätsverhältnisse undeutlich werden, wodurch auch die Deutung und Überführung der Geschehnisse oder Elemente (in) der Außenwelt in die Innenwelt erschwert wird. Ein längerer Gegen-Monolog Romeros versucht, einige dieser Standpunkte zu relativieren und diskutiert zudem das Verhältnis von Wahrnehmung und Darstellung der Welt. Es findet sich dort auch ein spöttischer Verweis auf die Systemtheorie und die »Systemtheoretiker, die so gern das Leerwort ›Komplexität‹ im Munde führen« (DU 84). Ob nun »Leerwort« ein berechtigter Begriff ist, kann diskutiert werden, jedoch untermauert die Nennung der Systemtheorie an mehr als einer Stelle im Werk von Botho Strauß in gewisser Weise die These dieser Arbeit, dass ein enger Zusammenhang zwischen einer Ausdifferenzierung in Form der Globalisierung als gesellschaftliches Phänomen und der Anwendbarkeit der Systemtheorie als Beschreibungsvokabular und Darstellungsmethode dieser Veränderungen existiert (vgl. u.a. B 8, VA 144). Die Wahl der methodischtheoretischen Herangehensweise sieht sich auf der internen Textebene bestätigt. Konkret gelesen zeichnet Strauß mit Romeros Stimme zwei der gängigen Positionen nach: Sprache und Weltvermittlung auf der einen, Überkomplexität und Orientierungslosigkeit des Subjekts auf der anderen Seite (DU 84). Sprache und Weltvermittlung vereinen sich in der Literatur, so ist die Funktion der Literatur klar umrissen: »Dichtung als Befreiung des Wissens vom Fluch des Nichtssagenden. Doch dem voraus geht Wißbegier und Wissensdurst. Nicht kritische Intelligenz. Die den sozialen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Disziplinen, von denen sie handelt, selten genügen kann und meist sogar unter deren Reflexionsniveau bleibt.« (DU 85) Die Spiegelungsfähigkeit der Literatur im Verhältnis zur Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht behandelt worden und der Konsens lautet, dass Literatur ein geeignetes Mittel ist, um Gesellschaft oder gesellschaftliche Veränderungen – vor allem in Krisenzeiten (DU 88) – zu verstehen, zu reflektieren, ja generell zu verarbeiten. Ein Standpunkt, den Strauß so auch im Subtext 271 seiner Essayistik vertritt und die diese Erkenntnis untermauert. Literatur ist, wie Schärf und Strauß404 feststellen, ein Kollektivgedächtnis, dem die Prosa von Musil, Broch und anderen Schriftstellern der frühen Moderne angehört, weil sie die Gesellschaft und das Wissen ihrer Zeit in den jeweiligen Texten bündelt. Vor allem Romero schließt in seinen Äußerungen an diese literarischen Kommunikationen an und tritt auf diese Weise als rückwärts gewandter Sinnsucher auf. Die Versuche, ihre Minimalgesellschaft in der Abgeschiedenheit aufrechtzuerhalten, greifen zum einen auf die Ideen und Vorstellungen der frühmodernen Literatur zurück, zum anderen auf Beobachtungen der Umwelt. Ihre Existenz an einem »abgeschirmten Ort« (DU 86) prädestiniert sie für ihre Doppelbeobachtung der längst vergangenen Zeit wie ihrer unmittelbaren Gegenwart. Wären sie stärker in die hektische, offene Gesellschaft eingebunden, fänden sie als Gruppe keine Ruhe, keine Zeit, keinen Zugang: »Denn hier, an diesem abgeschirmten Ort, stehen wir in der Freiheit des Erinnerns. Ja, wir bestehen überhaupt aus Erinnerung, und in jeder unserer Äußerungen ist ein Heraufrufen von etwas halb Vergessenem. Wir behaupten uns, so gut wir können, mit den Mitteln des unbeholfenen Existierens gegen den Sog einer daseinslosen Zerebralsphäre.« (DU 86f.) Das Vergangene und Gewesene dienen Romero als Erfahrungsfundus, um die Gegenwart verstehen und vor allem sich in ihr und gegen sie positionieren zu können. Deutlich klingt hier Strauß’ zyklisches Zeitverständnis 404 Vgl. als Ergänzung zu den Überlegungen in den Essays die Ausführungen in Paare, Passanten, die am Beginn dieses Kapitels besprochen werden. Den kulturellen Niedergang, in dessen Folge die Masse das Buch beziehungsweise die hohe Literatur nach Strauß’ Gusto vollends ignoriert, führt Strauß insbesondere auf die alles verdrängenden Medien zurück. »87 Fernsehkanäl[e]« (PP 105) erscheinen heute als geringe Anzahl, 1981 als schier unvorstellbare Menge – und für Strauß als Sinnbild der Auflösung aller Kultur im schwarz-weißen Bildschirmrauschen der Nacht. Seine Sicht auf die heranwachsende Informationsgesellschaft ist dialektisch und erkennt die Möglichkeit einer Bilanz, aber auch einer totalen Loslösung: »Indem wir die Maschinen der integrierten Schaltkreise erfanden und bauten, die Computer, Datenbänke, Superspeicher – wurden wir nicht insgeheim von der Idee geleitet, daß die entscheidende kulturelle Leistung unseres Zeitalters darin bestehen müsse, Summe zu ziehen, eine unermeßliche Sammlung, ein Meta- Archiv, ein Riesengedächtnis des menschlichen Wissens zu schaffen, um uns selbst gleichzeitig von diesem zu verabschieden, unsere subjektive Teilhabe daran zu verlieren? (PP 193f.). 272 an. Zur Selbstinszenierung der Kommunizierenden gehört, dass die Aussagen der einzelnen Figuren nicht immer kongruent sind und Positionen variiert werden, so dass Romero, der sich zuvor für das Netzwerk aussprach, nun aus theologischer Sicht dagegen argumentiert.405 Romero revidiert umgehend die eigene Position und knüpft an seine frühere Argumentation an: »Zum Dilemma des verlorenen Krisenbewußtseins gehört, daß Krisen bedeutungslos überall erkannt und benannt werden. [...] Aber seine Existenz spürt der Gegenwartsmensch allenfalls noch durch das Soziale. Sonst lebt er geradezu gegen sie abgepuffert, wenn nicht gar abgeschnitten von ihr.« (DU 88) Albrecht ergänzt wiederum diese Aussage durch Verweise auf den anstehenden Epochenwechsel sowie die Gegenfunktion der Umwelt. In dieser Form verläuft, wie vom Erzähler eingangs beschrieben, das gesamte Gespräch als Schlagabtausch zwischen den Mitgliedern der Gruppe. Nur ein sehr detaillierter Blick auf die einzelnen Redebeiträge oder ihre Kernaussagen ermöglicht das Nachvollziehen der Gesprächs(aus)richtung. Die Beobachtung der Reflexionen erlaubt zudem eine Annäherung an die Globalisierungskonzeption, zu der unter anderem die kommunikative Autopoiesis der Innenwelt und die sich ereignende Ausdifferenzierung der Umwelt gehören. Romero und Albrecht vertreten gegenläufige Ansichten, so dass auf diese Weise beide Seiten der Unterscheidung zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz im Wechsel beleuchtet werden. Ihr Gespräch ist somit als Einheit einer Differenz zu verstehen. Romero betont ein weiteres Mal die Hybridisierung des Individuums mit dem Netz, die zur Abgrenzung nach innen führt, um die Komplexität, das heißt die Anzahl der möglichen Anschlüsse, verringern zu können. So lange das Individuum mit seiner erzwungenen Suche nach Auswegen beschäftigt ist, wird es zu keiner Bewusstseinskrise kommen: 405 Vgl. DU 86: »Wie Hölderlin die Religion rettete vor den Totenvögeln der Aufklärung, vor ihren begreifenden Krallen, und zurückführte in die Sphäre des ›unendlicheren‹ (jawohl!) Lebens, so ist sie wieder und wieder zu retten, solange das menschliche Ingenium reicht. Dafür müßte man freilich die Person oder das Subjekt vor dem unwiderruflichen Übertritt in die modulare Verfügbarkeit, die falsche Unendlichkeit der Netzwerke bewahren können. Ich weiß wohl: Das reflektierende Subjekt gehört wie ehedem das sakrale nun schon zum Altertum des Menschengeschlechts«. 273 »Noch einen anderen Aspekt der unerfahrbaren Krise möchte ich anfügen. Der Geist hat das Ding, das ihn hervorbringt, seine Hardware, mit dem Emblem des Netzwerks verbunden. Er hat sich daraufhin, sozusagen auf dem Weg eines kognitiven Narzißmus, in sein neuronales Spiegelbild verliebt. In sich gekehrt, läuft er nun Gefahr, sich in sein technisches Geschehen zu vermindern. Seine Weltoffenheit einzubüßen. Am Ende wird sich aber unser Geist niemals als ein Netzwerk selbst begreifen. Das Netz- Emblem als Forschungsschlüssel kommt nicht als Passepartout infrage, da es nur eine beschränkte Zahl an Aufschlüssen innerhalb des Hirnuniversums ermöglicht. Vielleicht ahnt der Forscher bereits, daß das Emblem ihn sogar daran hindern könnte, mehr und besser zu verstehen. Ich will damit sagen, solange der Geist seine eingespielten Muster des Begreifens nicht durchbricht, solange er unerschöpflich die eigne Komplexität sondiert, wird ihm daraus eine Krise des Bewußtseins niemals entstehen.« (DU 90) Einige weitere Aspekte zur Verhinderung der Krise gehen aus dieser Aussage hervor, zum einen die Fähigkeit, die Welt wahrnehmen zu können (»Weltoffenheit«), sofern der Blick nicht zu sehr verengt wird, zum anderen die Negation einer vollständigen Auflösung im Netz und zum dritten der auf Beobachtungen gestützte Wahrnehmungsmodus, der die besagte Komplexität quantifiziert. Es geht anders ausgedrückt um das Begreifen und Wahrnehmen. Albrecht tritt, wie schon zuvor, als ein Fürsprecher der Komplexität auf, in der er ein Deutungsmuster für die Welt sieht. Einige seiner Ausführungen zur Weltwahrnehmung auf der neuronalen Ebene finden sich, die Analyse hat es zuvor gezeigt, auch in Strauß’ Text Beginnlosigkeit und die Wiederholung scheint die Dringlichkeit der Strauß’schen Argumentation unterstreichen zu wollen: »Jedes link ist nur ein hint. Der Fingerzeig regiert die Welt. [...] Du hast recht, wir sind besessen von der neuronalen Selbstbespiegelung. Darüber vergessen wir jede andere Vorstellung von der Welt. Und vergessen zuweilen sogar, daß diese weltbildhafte Welt explizit von jenem Teil des Hirns erzeugt wird, der jenseits der Neuronen arbeitet. Es käme jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemandem in den Sinn, daß es noch eine ganz andere Blaupause geben könnte, um die Welt zu verstehen. Als nur die Hardware des menschlichen Gehirns. Das Kriterium des höchsten Verstehens ist immer noch Komplexität. Während das Bild, das Symbol für archaisch gehalten wird. Doch unsere welterzeugenden Einbildungen haben diesen Apparat lediglich zur Voraussetzung, und er ist nur deshalb zur höchs- 274 ten Entfaltung gelangt, damit wir den Plan des Schöpfers sehen und seine einzigen Zeugen sind. Nieder mit dem Neuro-Materialismus!« (DU 91) Andere Weltsichten sind möglich, wie Albrecht einräumt, auch wenn sie außerhalb der unmittelbaren Wahrnehmung der »Bildscheinheiligkeit« (DU 98) der Metaphern liegen. Die Macht der Apparate hingegen scheint von größerer Bedeutung zu sein. Hierin könnte eine weitere Verwandtschaft zu Flussers telematischer Gesellschaft gesehen werden, die durch just diese Machtübernahme der Apparate geprägt ist. Alberts Beitrag ist zugleich ein paradoxer Lösungsvorschlag gegen die Hybridisierung und Auflösung durch die Technisierung: »Technik tröstet anscheinend den abendländischen Menschen für das schwere Schicksal seines untröstlichen Denkens« (DU 95). Ein Ausweg ist nur schwer zu finden und, wie Nadja einwirft, in gewisser Weise einer »Selbsttäuschung« geschuldet und Folge aller »Arbeit des Bewußtseins, egal ob ein Leben, ob eine Epoche lang« (DU 96). Zeitlichkeit ist innerhalb dieser Sicht ein Hauptproblem, weil der einzelne Mensch nur schwer die stete Veränderung überblicken kann. Perspektiven verschieben sich sowohl in Bezug auf das innere »Gedanken- und Interessensystem« (DU 96) als auch auf äußere »Unheilserwartungen, vom atomaren Weltenbrand bis zur Klimadämmerung« (DU 97). Die Zeitlosigkeit der Welt beziehungsweise Zeitdehnung ins nahezu Unermessliche bespricht Strauß bereits in Beginnlosigkeit und führt es in Die Unbeholfenen weiter: »Ungeachtet drohender Katastrophen bleibt aber das tiefere Zeitgefühl auf eine Welt gerichtet, die niemals enden wird, weder mit einem Krach noch mit einem Wimmern. Indem wir aber ins Aufhören keine Erwartung mehr setzen, uns gar nicht mehr in dieses einfühlen können, damit hat die Welt ihre innerste Weltlichkeit erreicht.« (DU 97) Ein weiteres Thema des Gesprächs wird mit der Dominanz der Wissenschaft angerissen, die eine weitere Art der Weltwahrnehmung darstellt. Als Reaktion führt die Figur Romero eine Unterscheidung zwischen »Wissen und dem Wissenwollen« (DU 98) ein, die das Vorhandensein von Wissen aus der Außenwelt in die Innenwelt überführt. Wissen besteht in diesem Fall aus Synthesen im Geiste, doch Wissen inkludiert auch Fremdreferenz an die Welt beziehungsweise dort zu findende Verhältnisse, Zustände oder Mechanismen, die durch die Wissenschaft erschlossen werden. Die Unterscheidung ist in höchstem Maße nur als Einheit beider Begriffe denkbar und so bewegt sich die Wissenschaft geradewegs auf »eine natürliche oder 275 übernatürliche Grenze« (DU 99) zu, die zwischen Fortschritt im Sinne von Bewegung und »Höchstgeschwindigkeiten« (DU 99) und Stillstand, der durch eine »ungeheure Dehnung von Zeit« (DU 99) repräsentiert ist, verläuft. Hierbei ist die Erfahrung von Zeit für den Erkenntnisgewinn von großer Bedeutung. An die Fremdreferenz schließt sich eine Innenperspektive des Wissens an (dies meint auch die ›Selbstreferenz der Wissenschaft‹). Wissen und Wissenschaft bilden die gedankliche Grundausstattung, die ein bewusstes Navigieren in der veränderten Welt erst ermöglicht. Aus der Grenzberührung von ›Wissen‹ und ›wissen wollen‹ entwickelt sich die Grundlage für den neuen Menschen, der, wie das vorangestellte Motto ausführt, von der Grundkonstitution her ästhetisch orientiert ist, da er aus einer »neue[n] Periode des bildhaften Denkens« (DU 100) entstehen wird, die auf »Implikate: Bilder, Symbole, Hieroglyphen, Pictogramme« (DU 100) aufbaut, welche auch als erneute Versinnbildlichung einer telematischen Gesellschaft mit ihren Technobildern fungieren,406 in der das durch Apparate erstellte Abbild der Welt in der Form der Fotografie den ›Augenblick tötet‹407. Es sei nur am Rande angemerkt, dass Strauß’ Blick auf Gerhard Richters Übermalungen von Fotografien durchaus seinem zyklischen Zeitbild entspricht. Die Übermalung geht in eine größere ästhetische Kontextualisierung ein und gibt dem Foto seine Seele zurück und die Zeit wieder frei, wie Botho Strauß schreibt: »Ja, der Maler befreit tatsächlich den gefangenen Zeitpunkt des Fotos, seine Aktion löst den Bann des anhaltend Gestrigen, der über ihm liegt, und versetzt es in die zeitbereinigte Präsenz des Kunstwerks. Inzwischen haben Digital- und Handykamera den festen Fotoabzug längst verdrängt und den einzelnen Schnappschuß durch die auswahllose Bildchenstrecke ersetzt. Solches Material läßt sich zweifellos elektronisch vielfältig bearbeiten, jedoch immer auf gleicher Ebene, auf selbem Pixelgrund. Kein Fixierbad hält 406 Zur Erinnerung: »Die telematische Gesellschaft wäre die erste, die in der Erzeugung von Informationen die eigentliche Funktion der Gesellschaft erkennen würde und die Erzeugung daher methodisch vorantreiben könnte: die erste selbstbewußte und daher freie Gesellschaft« (Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder. S. 100f.). Die Bedeutung der Technobilder wird im nächsten Kapitel näher erläutert. 407 Botho Strauß: »Gerhard Richter. Übermalte Fotos« (AUF 159). 276 es mehr fest – das Bildchen verliert durch Leichtigkeit und Häufigkeit ohnehin jede Fixierbarkeit.«408 Doch welches Verhältnis zur Absonderung besteht innerhalb der beschriebenen Gruppe? Hier ist der Umweg über die Beschreibung einer Strukturgleichheit zu gehen, denn auch die Figuren brechen durch ihre Gespräche ›den Bann des anhaltend Gestrigen‹ und sie heben durch die vielen Rückverweise auf die literarischen und künstlerischen Diskurse der Moderne »die zeitbereinigte Präsenz« hervor. Die Übermalung durchbricht die »eingespielten Muster des Begreifens« (DU 90), wie sie in der Novelle angesprochen werden, weil sie, die Folgeaussage variierend, neben ›der eigenen auch unerschöpflich die Komplexität des Kunstwerkes sondiert‹ (vgl. DU 90). Es ist von untergeordneter Relevanz, auf welche Weise die Digitalisierung in die Lebenswelten eingreift, denn die Widersetzung gegen dieselbe mithilfe der Ölfarbe wie bei Richter oder durch Sprache und Handeln in der untersuchten Novelle, läuft auf ein identisches Ziel hinaus: Eine andere »Fixierbarkeit« vergangener Zustände, die unabhängig davon, was gerade verhandelt wird (Freiheit, Wissenschaft, Niedergang), zu sehen ist. 4.6 Die unerhörte Begebenheit: Hereinbrechen von Umwelt Die im Text vorgefundene Gegenüberstellung der wiedergegebenen Positionen transportiert trotz aller Verschiedenheit eine spezifische Sicht auf die Welt und davon abhängig auch die Gegenwart und ihre Gesellschaft. Von einem konkreten Punktsieg für die Standpunkte einer bestimmten Figur kann schon aus Sicht der driftenden Erkundung keine Rede sein. Ein solcher ist auch nicht das Ziel des geschilderten Systems, das die Außenseiterfiguren mit ihrer Betrachtungsweise erzeugen. Die Diversität innerhalb der kritischen Sicht trägt vielmehr zum Selbsterhalt des Systems bei. Jedoch ist bei einer Lektüre durch eine von Globalisierung geprägte Sicht eindeutig festzustellen, dass der Dialog in Richtung einer Reflexion über unterschiedliche Themen der unsteten Gegenwart verläuft, die im Inneren der Gruppe gewendet werden. Jedes Argument, jeder Gedankensprung resultiert aus dem, was der Erzähler am Beginn der Novelle als Teile einer über den Köpfen hinwegrollenden Unterhaltung wahrgenommen hat. 408 Botho Strauß: »Gerhard Richter. Übermalte Fotos« (AUF 162). 277 Schier aus dem Nichts lässt eine von Ilona an den Erzähler gerichtete SMS den Kommunikationsstrom stocken. Ob die gehörlose Ilona durch das kontinuierliche Versenden von SMS bereits ein Hybrid aus Fleisch und Technik ist oder lediglich zeittypisch kommuniziert, bleibt unbeantwortet. Vielleicht auch, weil Strauß diesen Aspekt bereits wenige Jahre zuvor in kürzeren Essays sowie in Der Untenstehende auf Zehenspitzen verarbeitet hat. Der Erzähler in Die Unbeholfenen verliert seine Fähigkeit zur »Selbstbeobachtung« (DU 103) und folgt Ilona aus dem Haus, gemeinsam verlassen sie »die Schar bewegter Figuren, die drinnen auf dem höchsten Wellenkamm ihres Bewußtseins plötzlich angehalten worden war« (DU 103) und suchen die Mutter auf. Nach der Rückkehr in das Haus muss der Erzähler erkennen, dass Ilona und die Mutter ihm zuvorgekommen sind. Durch den Eintritt der ehedem stets abgewiesenen Mutter hat im Haus ein abrupter Wechsel in der Gruppendynamik stattgefunden. An Stelle der ernsten Reflexion bestimmt nun heitere Geschwätzigkeit und inhaltsleeres Geplänkel aus »lauter kleine[n] Schutz- und Fertigteile[n]« (DU 118) die Atmosphäre: »Die ausgewählten und bedachten Bewegungen, die Reflexionsmenuette, die mir als Neuankömmling soviel zu staunen gaben, waren nirgends mehr zu beobachten. Alles Sinnieren, das den Menschen verlangsamt, schien aus den Köpfen gewichen« (DU 110f.) Im Verlauf der Novelle lässt sich deutlich erkennen, wie die Systemkommunikation in Abgrenzung zur Umwelt verläuft und sich entlang im- und expliziter Unterscheidungen, die den Zustand der Welt behandeln, reproduziert, fortbesteht und am Ende doch wegen Lackners und Ilonas Verlassen des Hauses nach der damit einhergehenden Schwächung zerbricht, als die Umwelt in das System eindringt. Der Wegfall der kollektiv eingenommen Beobachtungsposition auf die Welt und die Gegenbildung – vielleicht auch die Gegenaufklärung? – bedeutet zugleich das Ende der besonderen Konstellation. Es deutet sich an, dass sich gegebenenfalls ein neues geschlossenes System herausbilden kann, doch dies fußt auf anderen Prämissen, hat andere Ziele als die Verarbeitung der globalisierten Umwelt. Auch ist die Basis der Kommunikation nun eine andere und wird als »Spiel« (DU 115) beschrieben. Keine (Meta-)Instanz greift mehr lenkend oder steuernd ein. Der Erzähler variiert an dieser Stelle zwischen Fremd- und Selbstreferenz und leitet so bereits das Ende seiner Erzählung ein. Fremdreferenz bezieht sich hier auf die verstummte Kommunikation und die Entmystifizierung beider Figuren. Als Konsequenz ihrer unzulänglichen Sprach- 278 fetzenkommunikation, der schon aus Paare, Passanten bekannten »Fertigteil- Sprache« (PP 163), entkommt Lackner ihrem Einfluss: »So schien es mir nämlich: als seien die Fäden, die sie mit der höheren Reflexion verbanden, für immer durchtrennt« (DU 115). Im Haus ist »Romero […] der eifrigste Netzeknüpfer in der Gemeinschaft« zwischenzeitlich verstummt, eine »übergeordnete Steuerungseinheit« oder »Oberhaupt« (DU 116f.) existiert nicht mehr. Die Selbstreferenz dieser Szene bezieht sich auf das Faktum, dass der Erzähler erstmals aus der Vergangenheit vor dem Gruppeneintritt berichtet. Dies ist für die hier behandelte Globalisierungskonzeption dahingehend von Bedeutung, dass Lackner in einer Branche arbeitete, in der Beobachtungen der umliegenden Gesellschaft zur Arbeitsmethode gehören. Als Berater409 analysierte er statt Fakten und Relationen Träume von Entscheidern im Wirtschaftssystem als Gegenentwurf zu der Datensammelwut (»Daten, Daten, Daten« (DU 120)) seiner Kollegen, ob nun zur Findung einer inneren Ruhe oder Steigerung äußerer Profite bleibt ungenannt. Dieser Typus des Wissenden begegnet dem Leser auch in Strauß’ Roman Rumor, dessen Protagonist Bekker für ein Institut arbeitet, das Zukunftsforschung betreibt.410 Auch der Erzählton hat sich im letzten Abschnitt der Novelle merklich verändert. Die Wiedergabe der Liebesepisode zwischen Lackner, Ilona und der Mutter verschleiert mehr als sie preisgibt. Auf den letzten Seiten bekommt das rückwärtige Erzählen eine besondere Verstehensfunktion für alles, was im Text geschieht. Auch wenn Lackner am Ende endgültig das Haus verlässt, bleiben alle Beobachtungen, Reflexionen und Redefragmente weiterhin gültig, da sie in Form des Textes für textinterne (und textexterne) Anschlusskommunikationen zugänglich bleiben. Trotz der thematisierten Exklusion aus der Gesellschaft bestehen Kontakte zwischen den Gruppenmitgliedern und der Gesellschaft, der Ausschluss ist also nicht vollständig vollzogen. Bleibt noch zu resümieren, welche Verbindung zur Globalisierung besteht, bevor die Entwicklungen der Au- ßenwelt näher untersucht werden. 409 Diese Arbeitsfunktion findet sich auch in Strauß’ Roman Rumor und mag einen Anschluss an den früheren Text darstellen. 410 Auf die Rolle von Berufen in Strauß’ Texten wird unter dem Gesichtspunkt ihrer Relevanz für die geschilderten Figurenverhältnisse und Weltspiegelungen eingehender im sechsten Kapitel zu den Konsequenzen der Globalisierung eingegangen. 279 4.7 Zwischenfazit: Hinter den Mauern eine eigene Welt In Strauß’ »Bewußtseinsnovelle« Die Unbeholfenen wird Globalisierung vorrangig als Veränderung der Gesellschaft wahrgenommen. Das Erzählprinzip fußt darauf, dass sich die Figuren durch ihr Handeln und insbesondere durch ihr Reden, Sprechen, Kommunizieren eindeutig gegen die Globalisierung sowie die Globalität positionieren. Ihr ›ewiger Dialog‹ errichtet ein System und ihre gemeinsame Grenze zur Gesellschaft ist eine Reaktion auf den individuellen Ausschluss aus der Gesellschaft und den Verlust der individuellen Grenze. Eine denkbare Folge eines solchen Verlustes wäre Verzweiflung über das Eindringen der Gesellschaft in die Einzelnen hin zu einem fragmentierten und orientierungslosen Fühlen und Denken, jedoch stellt Botho Strauß eine Alternative zur Disposition. Das System oder der Mikrokosmos, in dem die Figuren agieren, stellt neue (und sofern die Abgrenzung gelingt) auch stabile Grenzen her. Der Rückzug in das abgeschiedene Haus ist eine Reaktion auf die Globalität der Außenwelt und reduziert die Komplexität der Umwelt auf im Inneren handhabbare Grö- ßen. Desidentifikation mit der Mehrheits- oder Großgesellschaft steht stellvertretend für zahlreiche der Globalisierungsphänomene, die Strauß in den neueren Texten anklingen lässt und zugleich einer vielschichtigen Reflexion unterzieht. Das Kapitel zeigt, wie Strauß die veränderten Daseinsbedingungen in der Außenwelt literarisch verarbeitet und welche Formen der Referenzialität herangezogen werden, um der Gruppe der unbeholfenen Figuren einen Rückzugsraum zu stellen. Dieser etabliert sich vorrangig über Rückblicke auf frühere Zeiten und Epochen und die Kommunikation gegen die Gegenwartsgesellschaft. Inhaltlich betrachtet genügen die Figuren sich selbst und verstehen Umwelt vor allem als negativen Auslöser für innere Reflexionen. So stark wie kein anderer Text fußt die untersuchte Novelle auf Abgrenzung und die Figuren entgehen der Auflösung durch freiwillige Exklusion. Dieses Prinzip bildet eine weit verbreitete Komponente oder Methode innerhalb der Strauß’schen Globalisierungskonzeption.

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Zusammenfassung

Dieser Band widmet sich dem spezifischen Blick auf die Veränderungen der Welt in Texten des Gegenwartsautors Botho Strauß (*1944). Es handelt sich hierbei um einen neuen Deutungsansatz, und die verfolgte These lautet, dass Strauß in seiner Auseinandersetzung mit der Gesellschaft einen teils offensichtlichen, teils im Hintergrund verborgenen, rhizomatisch verbundenen Globalisierungsdiskurs führt. In Essays, Prosatexten und Dramen werden auf vielfältige Weise die Einwirkungen der Globalisierung auf das Individuum und die Gesellschaft in literarisch-ästhetischer Form verarbeitet. Die vorliegende Herausarbeitung der so genannten Globalisierungskonzeption analysiert und systematisiert in verschiedenen Detail- und Überblicksbetrachtungen, wie Strauß seine Sicht auf Zeit, Raum oder Gesellschaft vermittelt. Das übergeordnete Vorhaben besteht darin, die direkten und indirekten Bezugnahmen auf Globalisierung, Globalisierungsprozesse und Globalisierungskonsequenzen in seinen Texten zu beobachten, zu beschreiben und die Ergebnisse in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen.