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3: Deduktionen & »Sprünge, Interdependenzen, Übergänge, Auflösungen, Reichtümer des überschwenglichen Zerfalls aller Grenzen«: Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie in:

Sascha Prostka

Implodierte Weltlichkeit, page 163 - 224

Botho Strauß und die literarisch-ästhetische Kritik der Globalisierung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4177-2, ISBN online: 978-3-8288-7056-7, https://doi.org/10.5771/9783828870567-163

Series: Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
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163 3: Deduktionen & »Sprünge, Interdependenzen, Übergänge, Auflösungen, Reichtümer des überschwenglichen Zerfalls aller Grenzen«: Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie 3.1 Annäherungsversuche an eine beginnlose Form »Es wird dem Menschen nicht leichtfallen, an die Beginnlosigkeit der Welt zu glauben. Liegt es daran, daß er sie nicht denken kann? Daß es in seinem ›System‹ einen unauslöschlichen, unersetzlichen Mythos von Anfang und Ursprung gibt und geben muß? Der Wahrheit näher käme die physikalische Imago von einem steady state, das Zeit, Raum, Leben, Ich und andere in einen einzigen konturlosen Nebel hüllt – eine bewegte Aufgelöstheit der Dinge und Benennungen, in der das Alles zu einem Etwas zerrieben, das Ganze zu einer Sämtlichkeit abgewandelt erschiene und folglich vom einzelnen Ereignis nicht zu sagen wäre, ob es vorbei ist oder ankommt oder immer da war. Hatte man nicht erst vor kurzem den Augenaufschlag der Welt bis in sein allerfrühstes Zittern nachgewiesen? Nirgends in den Wissenschaften scheint noch eine Alternative zum Werden zugelassen. Der Zeitpfeil durchbohrt das Kleinste wie das Größte. Wozu dann die philosophische Plage des Seins? Der Geist bildet offenbar eine abgeschlossene, zierliche, zusätzliche Geheimwelt heraus, Raum für einen unbändigen Sinn. Er wäre vielleicht nicht nötig gewesen. Er schafft einen Trotz-Kosmos zur Werdewelt.« (B 38f.) Erst auf der 38. Seite der 138 Druckseiten von Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie (1992) findet sich so etwas wie ein erklärender Einstieg in den Gedankenkosmos, den der schmale Band vor den Augen der Le- 164 senden entwickelt, bis dahin folgt man einem fragmentarischen Schreibprinzip, das sich vergleichbar bereits im Text Paare, Passanten von 1981 und Niemand anderes von 1987 angedeutet findet274 und von Strauß, wie Nikita Gladilin in seiner Studie zur postmodernen Literatur feststellt, insbesondere im Roman Der junge Mann erprobt wird. Dieser verkörpert damit weit mehr als nur eine »ironische Mystifikation des traditionellen ›Bildungsromans‹«, da er über »eine nicht-lineare, fragmentarische Struktur« verfügt.275 Strauß entwickelt und verfeinert dieses Erzählverfahren hin zu jener erzählerischen Radikalität, wie sie in Beginnlosigkeit vorzufinden ist, und die Dirk M. Becker einen »kybernetischen Selbstversuch«276 nennt, jedoch ohne das Thema der Kybernetik zu präzisieren oder zu definieren. Bei Hans- Christian Dany findet sich eine Erläuterung kybernetischer Prinzipien, welche auch Beckers Äußerung über Strauß’ poetologische Vorgehensweise beleuchten kann: »Durch die Erkenntnis, dass B nun nicht mehr einfach nur aus A resultiert, sondern verschiedene Wirkungen kreisförmig ineinandergreifen, werden die Zusammenhänge vielfältiger und reicher. Doch lineare Ursache- Wirkungen waren noch einfacher zu erfassen als kreiskausale Wirkungsgewebe, weshalb auch die erweiterte Weltsicht auch die Aufmerksamkeit für die Kontrolle steigt. Der kybernetische Blick auf die Welt interessiert sich weniger dafür, was die Dinge sind, als für das, was sie tun. er fragt nach Verhältnissen, Unterschieden, deren Wandel, den Möglichkeiten des Zugriffs darauf.«277 274 Vgl. hierzu auch Klaus Modicks Formenstudie, in der es über Paare, Passenten heißt: »Dennoch zeigen die ›Paare, Passanten‹, was ihr Autor ›kann‹; die Improvisation ist vorgetäuscht, das Buch ist komponiert in allen noch so kleinen Stücken. Ein vorgeblich flüchtiges Notieren mobilisiert das flanierende Denken gegen die Passagen-Welt« (Modick: »Bauprinzip: Fragment als Methode«. S. 73). Strauß’ Formenbewusstsein ist, wie aus Text und Studie hervorgeht, ausgeprägt. Die Fragmente erfüllen durch ihr Zusammenspiel eine bestimmte Funktion, wie Modick feststellt: »Die Partikularisierung des Ganzen vermag das einzelne, vereinzelte Ich sinnvoll nicht zu rekonstruieren; nur künstlich läßt sich verlorene Integrität, zersprengte Einheit, Harmonie, wieder herstellen, quasi als zweite Natur« (ebd. S. 74). 275 Vgl. Nikita Gladilin: Postmoderne deutschsprachige Literatur: Genese und Haupttendenzen der Entwicklung. S. 223. 276 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. Die Auflösung von Wort und Objekt. S. 77. 277 Hans-Christian Dany: Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft. S. 26. 165 Es handelt sich um selbst- und fremdrefenzielle, flexible Abhängigkeitsverhältnisse, in der Zustände einander auf eine Weise beeinflussen, die mit Qvortrup hyperkomplex zu nennen ist. Die Regelmechanismen folgen nicht mehr einfachen Kausalzusammenhängen, sondern sind nun verschachtelt, vernetzt, abhängig. Auf der Textebene von Beginnlosigkeit verbindet (sofern dies möglich ist) die narrative Drift die Reflexionsfragmente. Der schwebende, luzide und wechselhafte Aufbau kann ebenfalls, so eine wegen Strauß’ Vorliebe plausible, aber nicht belegbare Annahme, von T.S. Eliots The Waste Land beeinflusst sein, obgleich es sich um unterschiedliche Genre handelt. Die rhythmische, tastende Verdichtung bei gleichzeitiger Trennung ist in beiden Texten erkennbar. Vordergründig beabsichtigt Strauß mit Beginnlosigkeit, den Zustand der absoluten Beginnlosigkeit, der in den Naturwissenschaften eine umstrittene Alternative zur Urknall-Theorie darstellt, mit den Mitteln der literarischen Fragmentierung und Ästhetisierung zu spiegeln und so den Bedingungen der Zeit und Zeitwahrnehmung nachzuspüren. Der Klappentext der Taschenbuchausgabe gibt Auskunft, dass Strauß »[v]om Denken und vom immerwährenden, ungeschaffenen Kosmos [...], der ohne Anfang und Ende auskommt« schreibt. »Von der Vorstellung, daß die Welt keinen Anfang im realen Sinne habe, wird der Begriff des Anfangs überhaupt und mit ihm jede zeitliche Gliederung in Frage gestellt. Mit dem Anfang verschwindet auch die Ursache, und jedes lineare Denken wird außer Kraft gesetzt. Fleck und Linie im Untertitel symbolisieren Chaos und Vernunft«, heißt es weiter. Die Welt als Referenzrahmen umfasst sowohl die Weltkugel als auch die gesellschaftlichen Dimensionen von ›Welt‹. Strauß vermischt seine Überlegungen dazu mit weiteren Themenfeldern wie Mythen, dem Theater, der Literatur, Grenzsuchen in menschlichem Handeln oder menschlicher Kommunikation oder Systemtheorie, um nur einige zu nennen. Auch in diesem Fall greift die gebundene Reflexion statt der willkürlichen Assoziation ein. Die Kombination aus Untertitel und Themenvielfalt lässt zudem die Vermutung zu, dass Beginnlosigkeit aus einem verengten Blick betrachtet eine Metapher der Gesellschaft sein kann. Aus der Sicht des Einzelnen existiert Gesellschaft seit Menschengedenken; Religionen, Mythen, Naturwissenschaftler bieten Erklärungsmodelle an, um einerseits die Gesellschaft und andererseits ihren räumlich-topographischen Hinter- beziehungsweise Untergrund verständlich zu machen. Der Subtitel Reflexionen über Fleck und Linie spricht darüber hinaus an, was auch Niklas Luhmann als elementares Bedürfnis benennt. Dieser formuliert zum bildlichen Verstehen der Welt als Raum für Gesellschaft: »Wenn unsere Gesellschaft sich auf ein Symbol einigen müßte, so 166 würde es vermutlich nicht der Kreis, nicht das Kreuz, nicht die Linie sein, sondern die schwindelerregende Exponentialkurve«278. Den Fleck nennt diese Überlegung nicht, aber vielleicht sind Kurve und Fleck als Ergänzungen zu einander zu sehen, denn der Verweis auf eine »Exponentialkurve« suggeriert, dass mit ihr ein Anstieg von Kontingenz und Komplexität einhergeht, der mit der Metapher des Flecks beschrieben werden kann. Dieses Kapitel widmet sich nach einer einleitenden Abschweifung zum Konstruktionsprinzip und dem mythischen Kern von Beginnlosigkeit der Verarbeitung von Grenzen, Grenzannäherungen und Grenzverteidigungen zwischen Innen- und Außenwelten. Die Befundaufnahme unterscheidet sich von den anderen Detailanalysen dahingehend, dass die Spiegelung sozialer Umweltbedingungen in den Reflexionen weniger ausgeprägt ist als beispielsweise in Die Unbeholfenen und Der Untenstehende auf Zehenspitzen, die in Teil II untersucht werden, aber sich dennoch zu einer globalisierten Umwelt positioniert. Trotz – oder gerade wegen – der experimentellen äu- ßeren und provokanten inneren Ausrichtung des Textes kann Beginnlosigkeit als Teil der Strauß’schen Globalisierungskonzeption gewertet werden, auch wenn die Bezüge zuweilen subtiler ausfallen und die Sprünge im Quelltext eine Analyse erschweren. Ein vorläufiges Fazit im Schatten der zuvor behandelten Gesellschaftsveränderungen lautet nun, dass die Abkehr vom linearen und handlungsbasierten Erzählen seit 1992 immer stärker in den Vordergrund tritt. Dies mag einerseits mit dem Übergang hin zum »kritisch-soziale[n] Zeitalter« (ASW 44) nach dem Mauerfall, andererseits aber auch mit Strauß’ eingenommener Distanz zum sich nähernden Jahrtausendwechsel zusammenhängen. Ähnlich bemerkt es auch Robert Rduch in den Texten der 1980er und 1990er Jahre, hierunter Rumor, Kongreß – Die Kette der Demütigungen oder Die Fehler des Kopisten. Rduch zufolge »scheut [Strauß, S.P.] es nicht, die zu Ende gehende Zeit kritisch zu betrachten, doch Zukunftsvisionen lehnt er als ›Schwächezustand des überinformierten Verstands‹ ab und stellt damit die Futurologie der ›Beginnlosigkeit‹- Prosa in Frage«279. Abstrahiert man vom »überinformierten Verstan[d]«, dann wird ersichtlich, dass in Strauß’ Beginnlosigkeit eine über einen langen Zeitraum etablierte Wahrnehmungsweise auf eine kurzfristig eintretende radikale Richtungsänderung trifft und mit dieser verschmilzt. Die komple- 278 Niklas Luhmann: Systemtheorie der Gesellschaft. S. 300. 279 Robert Rduch: »Fleck und Linie als metaphorische Instrumente einer Bilanz des 20. Jahrhunderts in Botho Strauß' Beginnlosigkeit«. S. 210f. 167 xen Langzeitentwicklungen werden durch die chaotischen Ereignisse gleichermaßen ergänzt und beeinflussen den Text stärker als es zuvor der Fall war. Beginnlosigkeit will somit auch ein literarisches Formenexperiment sein und aufzeigen, dass es Texte gibt, die beliebig angeordnet werden können und dadurch ihre Aussage(n) variieren. Jürgen Daiber geht sogar so weit, dass er im Aufbau des Textes einen ›sprachlichen Kosmos‹ sieht, der die Steady-State-Theorie zu spiegeln versucht.280 Sich von der das Papier begrenzten (linearen) Rezeption zu lösen, erscheint fremd und ungewohnt. Das in Beginnlosigkeit gespielte Spiel mit der Form versucht trotz der physischen Begrenzungen der Buchform, eine Auflösung etablierter Rezeptionsweisen vorzunehmen, denn es besteht die Möglichkeit – auch der Umschlag der Taschenbuchausgabe281 unterbreitet diesen Vorschlag –, die Fragmente in frei gewählter Reihenfolge zu lesen und diese so in immer wieder anderen Abfolgen zu verbinden. Um das Prinzip der Beginnlosigkeit auch in der Textgestaltung und -rezeption stärker auszuführen, hätte die Publikation des Textes in Anlehnung an Experimente wie Poesieautomaten und Hypertexte (und wie es im Jahr 1992 technisch durchaus möglich war) digital in Form von fragmentiertem Hypertext mit randomisierter oder fakultativer Rezeptionsfolge beziehungsweise analog in Form eines Zettelkastens geschehen können.282 Unabhängig vom tatsächlich gewählten 280 Vgl. Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. Zur Rezeption naturwissenschaftlicher Theorien im Werk von Botho Strauß. S. 69-71. 281 Vgl. Botho Strauß: Beginnlosigkeit: Reflexionen über Fleck und Linie. Im Klappentext der Taschenbuchausgabe heißt es: »Welcher von den fast 250 Textblöcken am Anfang stehen soll, ist – fast – willkürlich. Die Überschrift jedenfalls, ›Der sterbende Anfang‹, findet sich auf Seite 35. ›Beginnlosigkeit‹ ist keine Fabel, keine Erzählung, dennoch wird der Leser vom Anfang bis zum Ende von Motiven und Teilstrukturen begleitet«. Interessanterweise findet sich eine ähnliche Form des Re-Arrangierens und der Re-Konstruktion auch in den verschiedenen Druckfassungen des Essays »Anschwellender Bocksgesang«, vgl. Stefan Willer: Botho Strauß zur Einführung. S. 10-12. 282 Verwiesen sei auf Arno Schmidts Zettelkasten oder Vilém Flussers Vorhaben, Texte als Alternative zur Buchform auf Diskette herauszugeben (Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?, 1987 auf zwei Disketten publiziert). In den Benutzerhinweisen heißt es euphorisch: »Immatrix Publications beglückwünscht Sie zur elektronischen Ausgabe von Vilém Flussers ›Die Schrift‹. Sie haben sich zur Teilnahme an einem Experiment entschieden, das neue Dimensionen des Kommunizierens erschließen will. Vor Ihnen liegt das erste wirkliche Nichtmehrbuch«. Gilles Deleuze’ und Félix Guattaris A Thousand Plateaus bietet dem Leser ein ähnlich konzeptualisiertes Leseerlebnisse an. Das radikale Gegenteil einer solchen fragmentari- 168 Lesemodus spiegelt die Einteilung in Textfragmente die von Strauß angestrebte Auflösung der Linearzeit hin zu einer Gleichzeitigkeit, bei der jedes Fragment gleichberechtigt gewählt werden kann.283 In Oniritti Höhlenbilder (2016) kommentiert Strauß derartige hypervernetzte Erzählverfahren als »kugelrundes Buch« und sieht in ihnen Lesewege offeriert, die der linearen Rezeption weit überlegen scheinen: »Auf jeder Seite muß ein Buch beginnen können, in jeder geschilderten Begebenheit die ganze Geschichte enthalten. Es liefe darauf hinaus, ein kugelrundes Buch zu schreiben, dessen Anfang niemals auf Seite 1, sondern eher auf Seite 37 oder auf Seite 243 zu finden wäre. Ein solch vielköpfiger und versteckter Beginn streckte wie eine Nervenzelle seine Fasern, Dendriten oder Axone nach etlichen anderen Seiten aus und bildete mit anderen Neuronen schließlich ein reizbares Nervengeflecht. Dies erlaubt dann eine Lektüre in verschiedenen Richtungen, mit Ausnahme der von vorne nach hinten, der auf der Welt unergiebigsten Richtung.« (OH 134) Der Leser begegnet, wie Dirk M. Becker anführt, keinem »geschlossenen gedanklichen System«, sondern trifft auf »fraktale, stark diffundierende Strukturen«284. Becker greift Strauß’ Erzählweise eines »flicking around« auf und meint damit den nervös zuckenden Blick, der zuvor als narrative Drift aufgefasst wurde: »Er selbst nennt es eine Art flicking around des Geistes, indem er ständig das eigene Programm ändert, während er seine Gedanken in jeder Richtung versucht zu erproben, ohne dass er das Kriterium der Analytizität oder ein apriorisches Wissen voraussetzt. In ihnen sieht er nicht mehr als eine epissierten Publikation bildet Caroline Günthers Roman EinSatz, der als erzählerische Endlosschleife in Form nur eines Satzes besteht und Einstiege überall im Text zulässt wie provoziert. 283 Vgl. auch Herbert Grieshop: Rhetorik des Augenblicks: Studien zu Thomas Bernhard, Heiner Müller, Peter Handke und Botho Strauß. Behilflich sind in diesem Fall die Themenfelder des Textes: »Solche Verweisungszusammenhänge entstehen z.B. durch die sich wiederholenden und miteinander verknüpften Metaphern und Begriffe aus den Feldern von Undeutlichkeit (Fleck, Sprengung, Streuung, Chaos), Deutlichkeit (Linie, Schrift, Ordnung), Wahrnehmung (Ohr, Auge, Augenblick), Computertechnik (Code, Chip, Rückkoppelungschleife), Transzendenz (Gott, Gnade, Offenbarung), Wahnsinn und Erkenntnis (Verblödung, Schizophrenie, Gral), um nur die wichtigsten zu nennen« (S. 181). 284 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. S. 79. 169 temische Illusion, die er durch die Morphogenese der Kunst, welche er in der Beginnlosigkeit immer wieder literarisierte, überwinden will«285 Die Form bietet mit anderen Worten eine Anleitung zur inhaltlichen Erschließung. Und sie steht wie keine andere für zirkuläres Denken! Ob im formalen Aufbau des Textes bereits ein globalisiertes Schreiben auszumachen ist, kann und sollte kritisch diskutiert werden. Festzustellen ist ungeachtet des Ergebnisses dieser Diskussion eine Tendenz zur Auflösung, die allerdings eher als Metaphorisierung einer Vernetzung und weniger als reine Globalisierung des Textes gesehen werden sollte. Trotz aller formalen oder strukturellen Kühnheit von Experimenten wie Beginnlosigkeit ist die Tatsache nicht zu ignorieren, dass das narrative Verarbeiten einer naturwissenschaftlichen Annahme wie ›Beginnlosigkeit‹ als Ausdruck nichtbeginnender Zeit dennoch irgendwo beginnt, dass jede Episode durch Anfang und Ende von der anderen getrennt ist, dass es eine distinction zwischen dem chronologischen Erstelement der Erzählung und dem Letztelement der außertextuellen Umwelt gibt. Gunnar Decker formuliert analog über Die Fehler des Kopisten: »Anfang und Anfangslosigkeit sind gleichzeitig«286. In Relation zueinander entsteht ein endloses Band, das durch zwei Buchdeckel begrenzt ist und durch Intertextualität unendlich ist, so lange intertextuelle Bezüge, das heißt literarische Anschlusskommunikation, erzeugt werden. Das Korrelat von formaler und inhaltlicher Gestaltung ist in Beginnlosigkeit besonders deutlich. 3.2 Mythische Anfänge & naturwissenschaftliche Genesis Der Titel Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie erzeugt beinahe unvermeidlich als erste Assoziation einen diffusen Bezug zum diametralen Zeitbegriff der Endlosigkeit. Er lässt aufmerken, da Gedanken an einen Anfang selten präsent sind. Wann fing alles an, wenn es keinen eigentlichen Beginn gab? Die Suche nach dem Anfang konterkariert die vorherr- 285 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. S. 79. 286 Gunnar Decker: »Der Ursprungsbildner. Botho Strauß und die Macht der Anfänge«. S. 66. Nachfolgend heißt es: »Den Anfang hellt auch das Wissen nicht auf, es bleibt eine ›Anfangslücke‹. Den Anfang gibt es nicht: ›horror vacui‹ der historischen Geburt. Kunst erscheint so als ein Nachbilden des nicht abbildbaren Ursprungs – des Ur-Bildes« (S. 67). Überaus beachtenswert an Deckers Aufsatz ist jedoch, dass insbesondere Die Fehler des Kopisten untersucht wird. Beginnlosigkeit wird nicht erwähnt. 170 schenden Gedanken an das andere Ende des Zeitpfeils. Strauß weiß um dieses Paradox und formuliert als Lösungsvorschlag: »Sagen wir doch, um dem Zwiespalt zu entkommen: daß der Zeitpfeil aus unendlich vielen winzigen Kreisläufen bestehe, in deren Mitte die Leere: Raum für Emergenz« (B 40). Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit (2013) erläutert das Prinzip als »Chronoplexie«. Genauer noch als rückwirkende Erklärung der in Beginnlosigkeit geschilderten Vorgänge: »Die Wurzel ist eingespiegeltes Ge- äst. Selbstähnlichkeit, nicht Embryo der Gestalt. Ebenbildlichkeit, Spiegelscheinwürfe zwischen Anfang und Ende, früh und spät. Chronoplexie: verflochtene Zeiten halten mehr Erschütterung aus« (LDT 45). Mit anderen Worten steht bereits der Titel Beginnlosigkeit für eine ungewohnte und widersprüchliche Beobachterperspektive auf hyperkomplexe Strukturen. Johannes Bellmann ordnet den Text analog im Kontext zeitthematisierender Texte ein und sieht in ihm ausgeführt, dass eine »Zeitkrise […] zugleich Sprachkrise«287 ist. Die Zeitthematisierung schließt auch, wie neben Bellmann auch Christoph Parry und Helga Arend betonen, ein Wiederaufgreifen von Mythen ein, die es erlauben, zu den Ursprüngen des Wahrnehmens und Erzählens zurückkehren zu können.288 Das vorherige Kapitel über die Globalisierungskonzeption und Re- Orientierungsversuche in den essayistischen Texten zeigte bereits einige der nun erneut von Strauß in den Texten aktualisierten und verankerten Aktualisierungs- und Abgrenzungsbestrebungen wider den flüchtigen Zeitgeist auf. Die von Parry beschriebenen mythischen Grundmotive »in einer mythosfernen Zeit«289 stehen daher nur auf den ersten Blick in einem Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Sichtweise, die Strauß in Beginnlosigkeit einnimmt, denn im zeitlichen Umfeld des Textes findet eine »Rehabilitierung des Mythischen«290 statt, in die sich Beginnlosigkeit einerseits einreiht und andererseits von ihr unterscheidet.291 Zusammengeführt mit Parrys 287 Johannes Bellmann: »Poetologie und Zeit-Kritik in Botho Strauß’ ›Beginnlosigkeit‹«. S. 41. 288 Vgl. Johannes Bellmann: »Poetologie und Zeit-Kritik in Botho Strauß’ ›Beginnlosigkeit‹«. S. 41. Christoph Parry: »Der Aufstand gegen die Totalherrschaft der Gegenwart. Botho Strauß’ Verhältnis zu Mythos und Geschichte« und sehr ausführlich Helga Arend: Mythischer Realismus: Botho Strauß' Werk von 1963 bis 1994. 289 Christoph Parry: »Der Aufstand gegen die Totalherrschaft der Zeit«. S. 54. 290 Christoph Parry: »Geschichtsbild und Mythos – Botho Strauß und das mythische Substrat bundesdeutscher Identität«. S. 98. 291 Zu nennen sind in diesem Zusammenhang unter anderem Die Fremdenführerin (1986), Der Park (1983), Ithaka (1996) sowie Schändung (2005). 171 Diagnosen ist Bellmanns Verbindung mit dem Themenfeld der Mythen daher über die Negativdefinition erhellend. Kein Begriff will so recht passen und so verdeutlicht seine Aufzählung, was Beginnlosigkeit eben nicht ist. »Erzählungen vom absoluten Anfang, vom Ende der Zeit, Heils- und Unheilsgeschichte, von Stillstand und Ewigkeit, Beschleunigung und Dehnung, Verlust und Wiederholung der Zeit, dem Augenblick – irritierende unzeitgemäße Betrachtungen allemal. Die Zeiterzählungen des Mythos und der Literatur ermöglichen somit andere imaginative Zeiterfahrungen und konterkarieren zugleich die vorherrschende Auffassung von Zeit als Sukzession, sowohl als meßbare Zeit im quantitativen Sinne wie auch als Fortschritt im qualitativen Sinne.«292 Demnach bleibt festzustellen, dass literarische Annäherungen an naturwissenschaftliche und mythische Beschreibungen der Zeit sich an verschiedenen Stellen im Text finden und keineswegs im Widerspruch zueinander und zu folgender Aussage stehen: »Der Mythos webt sein Wissen über unseren Köpfen fort – jedem gehört eine Herkunft aus Dunkelheit. [...] Das selbstbestimmte Individuum ist die frechste Lüge der Vernunft. Alles Besondere ist Abspaltung, Ausfällung von Typen und Mustern« (B 109). Strauß’ Beschäftigung mit Mythen und dem Umgang mit ihnen durch andere lässt auch hervortreten, dass Mythen Beispiele für eine Ausdifferenzierung sind.293 Die Überlieferung verankert sie in einem kollektiven Gedächtnis und impliziert doch verschiedene Möglichkeiten der Annäherung. Strauß positioniert sich, wenn es um den Ursprung der Welt geht, gegen Genesis-Mythen und göttliche Schaffenskraft zugunsten einer naturwissenschaftlich geprägten Deutung. Die Berufung auf das Zeitphänomen Beginnlosigkeit ist nur ein Aspekt seiner Erklärungen. Die literarische Konstruktion Beginnlosigkeit bildet den Nährboden für eine grundsätzliche Kritik an der Gegenwart, indem Strauß ein neues, entrücktes Deutungsfundament herzustellen versucht. Die Welt, das heißt die Außen- oder Umwelt, verschließt sich laut Strauß gegenüber den Menschen. Sie umgibt diese, ist aber, wie in den nachfolgenden Betrachtungen gezeigt wird, nicht unmit- 292 Johannes Bellmann: »Poetologie und Zeit-Kritik«. S. 41f. 293 Hier zu verstehen als Beobachtung erster und zweiter Ordnung. 172 telbar zugänglich, sie ist eine »technische [Welt] in vollendeter Selbstbezüglichkeit« (B 43). Diese konstruktivistische Aussage legt indes nahe, sie mit Hilfe einer vergleichbar eingestellten Theorie eingehender zu untersuchen, um ihre Aussagen bezüglich der verschiedenen Formen der Globalisierungsprozesse erschließen zu können. Erneut bietet sich hierfür die Systemtheorie an. Vorerst sollen jedoch einige aus dieser Sicht resultierende Konsequenzen für den Menschen nachgezeichnet werden, bevor Detailbeobachtungen und -beschreibungen der Hauptthemen den Rahmen für weitere Analysen bilden. In der anfänglichen Weltbeobachtung, die Botho Strauß an dieser Stelle vornimmt, liegt zugleich eine Unterscheidung, ob das Entstehen der Welt als Produkt einer göttlichen Fügung angenommen wird oder auf naturwissenschaftlich belegbare Prozesse zurückgeführt wird. Strauß schreibt: »Gott schuf den Mythos des Anfangs« (B 38) und sät zugleich Zweifel an diesem Mythos: »Licht soll es ebenfalls am ersten Tag der Schöpfung nicht gegeben haben. Der Beobachter fehlte, das lichtende Auge« (B 8). Hier zeigt sich, dass der Beobachter jene Instanz ist, welche die Welt erst mit Umrissen und Bedeutung versieht. Eine durchaus vergleichbare Sicht thematisiert Niklas Luhmann, der systemtheoretisch zum Schöpfungsmythos anmerkt: »Man fängt mit einer Unterscheidung an, die aber, weil das Resultat der Unterscheidung als Einheit fungieren muss, nicht bezeichnet und benannt werden kann, nur da ist. In der Logik, in der Mathematik oder wie immer man sagen will, im Calculus von Spencer Brown wird dies in die Form einer Weisung, einer Injunktion gebracht: ›Draw a distinction.‹ Mach eine Unterscheidung, sonst geht gar nichts. Wenn du nicht bereit bist zu unterscheiden, passiert eben gar nichts. Das hat interessante theologische Aspekte, die ich hier nicht ausarbeiten will, aber ich will den Hinweis geben, dass in der avancierten Theologie etwa eines Nikolaus von Cues gesagt wird: Gott hat es nicht nötig zu unterscheiden. Offenbar ist die Schöpfung nichts anderes als die Weisung: Draw a distinction. Himmel und Erde, nachher Mensch und schließlich sogar Eva. Die Schöpfung ist also das Oktroi eines Unterscheidens, wenn Gott selbst jenseits aller Unterscheidungen ist.«294 Beginnlosigkeit anzunehmen, entspricht der Setzung einer vergleichbaren anfänglichen distinction, welche jedoch bei Strauß mit einem Zweifeln ein- 294 Niklas Luhmann: Einführung in die Systemtheorie. S. 73f. 173 hergeht. Er löst sich aus dem Strukturdilemma, indem er das Beobachten aktiv voraussetzt. Durch die getroffene Unterscheidung zwischen dem Jetzt und der Beginnlosigkeit, wird – so paradox es ist, dass ein immer schon von einem immer noch differenziert wird – sichtbar, was ist und was sein könnte: »Alle physikalischen Gesetze bedürfen des Beobachters, der sie formuliert. Ein Universum, das den Menschen nicht hervorgebracht hätte, könnte gar nicht existieren. Es wäre Chaos geblieben, universales Allerlei« (B 8). Strauß operiert mit drei sich widersprechenden Theorien (Urknall, göttlicher Schöpfung, Steady State) und entwickelt seine Darstellung über vielfältige Widersprüche, Reibungen und Gegenpositionierungen. Zweifel führt gemäß Strauß zu Verlorenheit und erzeugt ein Gefühl der Ausgrenzung. Diese Form der Exklusion aus gesellschaftlichen Zusammenhängen kann als religiöse, moralische oder ethische Übung beginnen, um in Gedankenschleifen (ähnlich der im Text anklingenden Autopoiesis) sich weiter und weiter aus der sicheren Verankerung zu lösen, um sich selbst in »Gedanken Zuflucht um Zuflucht zu verweigern« (B 74) und sich so »in den Abgrund der restlosen Zugehörigkeit alles Menschenerdenklichen zur Welt und zum Weltganzen« (B 74) zu begeben. Zweifel führt geradewegs in die Exklusion, weil die Begrenzungen das Menschenerdenkliche gering halten. Strauß betont zugleich, dass aus der Übung schnell mehr werden kann, da aus dem Gefühl eines Displacements letztlich Gewissheit wird. Die unerfüllte Sehnsucht nach einem Platz in der Gesellschaft kann zu einer Bewegung in Richtung religiöser Fragestellungen führen, welche Verortungsübungen sein können. Strauß formuliert zum Verhältnis vom »theologische[n] Zweifel« und dem Gefühl der Verlorenheit konkreter: »Der theologische Zweifel kann als Exerzitium dienen, um bis an den Nullpunkt jeder Gewißheit vorzustoßen, dem Gedanken Zuflucht um Zuflucht zu verweigern, ihn ohne Schutz in die kälteste Zone der Erkenntnis zu verwerfen, in den Abgrund der restlosen Zugehörigkeit alles Menschenerdenklichen zur Welt und zum Weltganzen: all das Heilige bloß Ordnungsbedarf, Mangelausgleich, autokatalytische Wärme, Bindungsangebot! Dieser Schock der ausweglosen Immanenz erzeugt schließlich Weltfremdheit: absolute Verlorenheit. Wer sie erfährt, steht zunächst lediglich vor dem Gesetz, von dem er sich losmachte; dann aber, eines Nachts, steht er auch nicht mehr im Blick eines anderen Menschen, sondern steht davor eisig allein. Das Davor-Sein verfolgt ihn nicht, es straft ihn nicht, es ist nur da und setzt ihn aus. Wie einen Raumfahrer, den man auf einem fremden Planeten zurückließ. Obwohl doch unter Menschen, obwohl doch scheinbar überall verständigt, hat freilich die Abtrünnigkeit in ihm keinen Halt 174 gemacht und ist er, ohne seinen Willen, weiter gefallen, aus der Welt hinaus.« (B 74) Diese Verkettung aus Zweifel und Glauben, die eine Folge des Erkennens der »absoluten Beginnlosigkeit« (B 6) ist, entreißt dem Zweifelnden den sicheren Halt und stößt ihn aus der Welt heraus. Es ist in gewisser Hinsicht eine Nacherzählung des Kampfes der Imbezillen um einen Platz auf dem Globus. Strauß schildert die totale Exklusion aus allen vormals bekannten und absichernden Verhältnissen, ohne eine Option für ein Re-Entry anzubieten. Darüber hinaus ist es innerhalb einer christlichen Tradition nicht leicht, überhaupt an die Beginnlosigkeit der Welt zu glauben trotz der ge- äußerten Glaubensrevision, dass die Schöpfung eben nicht mit einem fiat lux begann. Diese und andere Initialbeobachtungen führen zum Zweifel am religiösen Fundament, das wissenschaftlich widerlegt wird. Die Unterscheidung zwischen Licht und Dunkel ist »in Wahrheit die Fokuseinstellung des Gehirns. [...] Isolieren, Auswählen, Scharfstellen, Stabilisieren« (B 9). Die äußere Welt bekommt durch die dialektische Feinjustierung ihre neurologischen Umrisse. Die Abkehr von der Religion hin zur Wissenschaft bietet laut Strauß eine neue Interpretationsgrundlage hinter dem individuellen Handeln und kann, sofern das wissenschaftliche mit dem gleichen Ernst wie das religiöse Glauben betrieben wird, den Leerraum der verlassenen Religion ausfüllen: »Credo ut intelligam – nicht nur besteht zwischen Glaube und Wissenschaft kein letzter Widerspruch, denn Glaube und Erkennen sind im selben Menschengeist und nur in diesem angelegt; auch kann Wissenschaft niemals Geheimnisse an sich verplaudern oder gar lösen. Sie ist ihrem ganzen Bau und Streben nach in unseren zentralen, einzigen Auftrag gegeben: Zeuge des Alls zu sein, das unbeobachtet nicht existieren könnte.« (B 110) Doch bedeutet ein schlichtes Ersetzen nicht, dass sichere Positionen zurückerlangt werden, Nahblicke steigern die Komplexität. Vielmehr sind es erzwungene Standpunkte, von denen aus das Subjekt sich trotz augenscheinlich zurückgewonnener Deutungshoheit (vgl. UAZ 40) mehr und mehr in möglicherweise bereits obsolete Zukunftsvisionen verliert. Wechselbewegungen von einem Glaubensprinzip zum nächsten können ihre Ursache in der Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Außen- oder menschlicher Innenzustände haben. Die Übergänge der inneren Veränderung, 175 wenn der Mensch die Glaubensgrundlagen synthetisiert, schildert Strauß als eine Reise zum Rand des Bewusstseins: »Er war inzwischen mit seiner Sonde zu den gezackten und fetzenreichen Rändern des Bewußtseins vorgedrungen und stieß nur immer auf den einen Widerstand: alles in ihm wehrte sich gegen die von festen Dingen sprechenden Worte. In seiner Unvernunft hielt er es für das Werk des Durcheinanderwerfers, des Teufels Ritt durch alle Linien und Konturen. Beginnlosigkeit: die Tilgsaat, die das Versucher-Wort in all seine Begriffe gestreut hatte, ging auf. Katastrophe des verlorenen Gedankens an eine Unschuld, eine ursprüngliche Einheit, einen Platonschen Kugelmenschen, einen Uroboros-Grund.« (B 73) Es gibt, wie Strauß festhält, keine Einheit mehr, der Kugelmensch verliert seine Geschlossenheit und die Wiederkehr des ewig gleichen, symbolisiert durch das sich selbst vertilgende Fabelwesen, ist ebenso obsolet. Strauß begibt sich hier in einen problematischen Grenzbereich, indem (und in dem) er »das Verhältnis von fiktionaler Erzählliteratur und wissenschaftlicher Theorie« vermischt, um »auf die verwickelten Probleme aufmerksam zu machen, die ein Autor sich einhandelt, wenn er seine Poetik an szientischen Weltbildern ausrichtet«295, wie Josef Quack in Bezug auf Beginnlosigkeit feststellt und schlussfolgert, dass »Strauß [sich] bestimmter szientifischer Erkenntnisse [bedient], um zu einem Standpunkt jenseits des Wissens zu gelangen«296. Quack führt seine Kritik dahingehend aus, dass Strauß »als wißbegieriger Laie«297 übereifrig und betriebsblind an seine Untersuchung herangeht, auch wenn »die von ihm erwähnten sensationell klingenden Wissenschaftserkenntnisse doch nicht so prinzipiell neu und umstürzend sein könnten, wie es auf den ersten Blick erscheint.«298 Daher liegt die Frage nahe, was auf den Kugelmenschen zutrifft oder einwirkt, wenn die Neuronen die Wahrnehmung von Zeit dominieren? Was möchte Strauß mit seiner Untersuchung zur Zeitlichkeit und zur radikal wirkenden Beginnlosigkeit grundlegend bezwecken? Eine mögliche Antwort hat bereits Ralf Kühn gegeben, der Strauß’ Auseinandersetzung mit Fleck und Linie aus der Zeit-Perspektive mit den folgenden Worten beschreibt: 295 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens. Über Botho Strauß und Ingomar von Kieseritzky«. S. 125. 296 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens«. S. 125. 297 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens«. S. 126. 298 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens«. S. 126. 176 »Die Positionierung des Straußschen Konzepts als zeitlicher Gegenentwurf zur Moderne läßt sich vielfach belegen: So ist für ihn modernes Verständnis der Zeit als linear, wenn nicht netzwerkartig oder punktförmig defizitär, reicht aber auch Zyklizität als Widerpart nicht aus. Strauß definiert daher die Gestalt der Zeit mit Hilfe des Begriffs der Spiralität, die die Gestalt der Zeit ›unfaßlich‹ mache, aber nötig sei, weil der Mensch als linear denkendes Wesen in einer prinzipiell zyklischen Welt lebe, also den linearen Fluchtpunkt der Fortschrittsidee brauche, darin aber unerträglicherweise die Bestätigung der eigenen Vergänglichkeit finde, zugleich die Zyklizität als sicheren Hafen der Wiederholungen in der Zeit brauche, darin aber die eigene Marginalisierung in der Zeit erfahre. Einzige Möglichkeit der Synthese ist für Strauß die Kunst, der so eine Wächterfunktion gegen das Bemühen, Linearität oder Zyklizität einseitig überzubetonen oder zu marginalisieren, aber auch gegen jede Interdependenzen nicht beachtende Antithetik zugeschrieben wird. Strauß distanziert sich analog von vertakteter Zeit und fordert eine an der Natur orientierte Wiederentdeckung von Rhythmen unter Akzeptanz von Alter und Tod die romantische Fragmentarität der Texte.«299 Kühn nimmt Linearität und Zyklizität jedoch nicht als explizite Differenz wahr, sondern betrachtet sie als einander bedingend. Dies verdeutlicht dann auch, dass die Welt ein Beziehungsgeflecht beziehungsweise Beziehungskomplex ist. Der metaphorische Begriff des Flecks kann als Ergänzung zu Kühn auch als eine Exemplifizierung der postmodernen Hyperkomplexität gedeutet werden. Anschlüsse an Anschlüsse, Ergänzungen von Ergänzungen und Interpretation von Interpretationen verbinden sich zu dem besagten Fleck und tragen zum Erreichen der genannten Zyklizität bei. Dies setzt den Zugang zu den Kernthemen, um die Beginnlosigkeit kreist und die nachfolgend aus dieser Sicht analysiert werden. In Beginnlosigkeit widmet Strauß sich so unterschiedlichen Themen wie dem ex negativo definierten Verhältnis von Zeit und Raum, dem Zusammenspiel zirkulärer Erinnerungs-, Reflexions- und Reproduktionsprozesse, aber auch der Entgrenzung, Vernetzung und Fragmentierung einzelner Individuen und grö- ßerer Gesellschaften, die schließlich zu Displacement300 und Desintegration 299 Ralf Kühn: TempusRätsel zum TempusWechsel – Moderne Zeitdiskurse und Gegenwartsliteratur zwischen Berechnung und Verrätselung der Zeit. S. 1073. 300 Der Begriff des Displacement wird als Sammelbegriff einiger seiner möglichen Übersetzungen: Dislokation, Distanz( gefühl), Loslösung, Verdrängung, Verlagerung, Verrückung, Vertreibung verstanden, in geringerem Ausmaß auch als 177 führen. Strauß beleuchtet das Displacement mit Beschreibungen einer mentalen Ortlosigkeit ohne äußere Fixpunkte wie Religion oder Wissenschaft. Beginnlosigkeit ist somit mehr als nur ein Text. Durch die bewusst ermöglichte Rekombinierbarkeit der einzelnen Fragmente ergeben sich vielfältige Leseformen. Nach dieser exkursiven Annäherung verdeutlichen die folgenden Abschnitte nun diese Möglichkeiten. 3.3 Sich von innen der Grenze zur Umwelt nähern. Oder: Die Wahrnehmung der Außenwelt »Das Hirn verarbeitet Außenwelt, indem es sie erschafft. Die Poesie reagiert mit einem ähnlich autonomen Verlangen nach sich selbst. Niemals schuldet sie irgend etwas einem unmittelbaren Eindruck. Was man wie einen Hieb von draußen, aus der Anschauung empfängt, war schon als Zufallssprung aus einem ständigen Metaphernbilden vorgegeben.« (B 59) »Da wir alles und jedes unablässig in unseren Modus übertragen müssen und sonst gar keine Welt begriffen, da wir überhaupt nur als pausenlose Weltbild-Erzeuger überlebensfähig sind, ist es kaum verwunderlich, daß Erschaffen und Herstellen, Poesie und Poiesis, als Fortsetzung und Maß des kognitiven Betriebs, zur Menschennatur gehört wie der Flug zum Vogel. Daher auch behauptete einst der Poet seinen Vorrang als der leistungsstärkste unter uns Transformatoren, die wir vom ersten Pulsschlag an eine Maschine der Erfindung sind und vom ersten Gedanken an etwas Unfaßliches zu verkraften haben.« (B 10) Bereits diese beiden exemplarisch ausgewählten Textstellen verdeutlichen, dass gemäß Strauß die Außenwelt des Individuums, das impliziert auch die psychologische Verschiebung von Empfindungen oder Reflexionen aus einem Nahfeld des Individuums in ein anderes Nahfeld. All diese Begriffe vereint, dass Displacement für eine Exklusion aus den gewohnten (als normal angesehenen) Relationen und Bedingungen der Gesellschaft steht. In der Globalisierungsforschung bezieht sich Displacement häufig auf die Konsequenzen der Globalisierung, wie beispielsweise die Vertreibung aus Heimatgebieten durch Wegfall von Arbeitsmöglichkeiten oder durch Umweltzerstörung. Die Globalisierungsforschung hat den Begriff aus der Soziologie übernommen, wo er unter anderem von Eugene Kulischer im Zusammenhang mit kriegsvertriebenen- und verschleppten Personen (»displaced people«) erstmals Verwendung fand (Eugene Kulischer: The Displacement of Population in Europe). 178 Gesellschaft, ihre Umrisse vor allem durch Beobachtung bekommt. Die Außenwelt existiert nicht einfach nur, sie entsteht durch gezielte Beobachtungen und bewusste Bezeichnungen des Beobachteten, sie wird mit anderen Worten erst durch Beobachten verständlich, weil so Sinn gestiftet wird, der die Komplexität nicht gänzlich zu reduzieren vermag, sie aber auf ein erträgliches Maß reduziert. Aus diesem Grund verlangt das Beobachten eine Rahmung (den »Modus«) und ist nur durch solche Kodierungen erfahrbar und im Hinblick auf die Komplexitätsreduktion anwendbar, weil die Welt eine für den Einzelnen unfassbare Größe beziehungsweise Weite besitzt. Der Versuch, eine Vorstellung davon zu bekommen, wo die Au- ßenwelt beginnt oder endet, ist, wie Strauß hier zeigt, nahezu unmöglich und scheitert an der Begrenztheit der eigenen Vorstellungskraft. Strauß reduziert diesen Sachverhalt auf die kurze (und sich durchaus gegen Wittgenstein positionierende) Formel: »Kognition ist alles, die Welt nur ein Etwas« (B 10) und ferner ein »Ereignis eines kolossalen Überschwangs in unermeßlich[e] Enge« (B 10). Strauß nähert sich der Kognition auch in der Phantasie-Episode am Beginn des Prosatextes Kongreß – Die Kette der Demütigungen, der 1989 wenige Jahre vor Beginnlosigkeit erscheint. Dort verwendet Strauß den Begriff des »große[n] Vorstellungsraum[es]«, der sich »schließlich zum schwarzen Loch« in der »Kognition« des Protagonisten Friedrich Aminghaus, dessen Berufe professioneller Leser und Vortragshalter sind, verdichten wird (KKD 9). Der Text beginnt grenzenauflösend und wirkt auf diese Weise wie ein Nachhall des Romans Der junge Mann, vor allem, weil eine dort verhandelte Subkultur ähnlich archaisch ist.301 Die Kognitionsverdichtung setzt die etablierten Wahrnehmungsmodi außer Kraft, »so daß Ihnen nichts, gar nichts mehr lesbar sein wird und Sie endlich wieder lernen, auf Stimmen zu hören und in Bildern zu leben, ohne Trennung von nah und fern, von außen und innen, alles glaubend und allem gehorsam. Dann werden Sie Ihre Hände auf die Druckseiten legen wie auf feinstes Sägemehl und sie nicht-lesen, denn Ihr Sinn wird durch diesen Streu hindurchgehen verständnislos wie durch jede andere Materie…« (KKD 9) Strauß deutet an dieser Stelle eine der Figur aufoktroyierte Rückentwicklung aus der Schriftkultur hin zu einer oralen Bildkultur an, in der sich diese aufzulösen droht, wie die im verzweifelten Ton gehaltene Gegenrede erkennen lässt: 301 Das vorletzte Kapitel zu den Konsequenzen der Globalisierung geht in 6.13 detaillierter auf diesen Sachverhalt ein. 179 »›Ich erinnere mich an nichts und bestehe genau wie Sie selbst von innen nach außen nur aus Blättern und Geblättertwerden!‹ ›Aber ich! – Ich bin der Staubpuff des zugeschlagenen Buchs!‹ stöhnte sie den Bund entlang. ›Was sollte ich denn wohl mit einem zugeschlagenen Buch anfangen? Hinausgehen in die Welt und mich wieder unmöglich machen? [...] Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um mich von ihr blamieren zu lassen.‹« (KKD 9f.) Die wirkliche Welt wird demnach als ein feindlicher Ort wahrgenommen, dessen fiktive Gegenwelt aus der Literatur besteht. Es schimmert bereits jetzt durch, was Strauß 2009 in Vom Aufenthalt als ein Alleinsein mit der Literatur beschreiben würde und was im vorangegangenen Kapitel als aktiver Anschluss an frühere literarische Kommunikation herausgearbeitet wurde (vgl. VA 14f.). Literatur etabliert, so der Tenor im Werk, ein das Zeit- und Raumbewusstsein erweiterndes »Megagedächtnis« (KKD 17): »Literatur mag zu mancherlei nützlich sein. Gewiß dient sie auch dazu, daß sich der Mensch während seiner eigenen geringen Lebensspanne einen zweiten, größeren Zeitraum erschaffe, insofern er, was in Wirklichkeit vielleicht hundert oder mehrere hundert Jahre entfernt voneinander entstand, auf seiner Tischplatte genauso wie in seinem Geist enge zusammenrückt und in eine auffordernde, beunruhigende Nachbarschaft versetzt.« (KKD 17) Literatur und das Megagedächtnis provozieren in Aminghaus einen Wahrnehmungsmodus, der sich aus dem Anschluss an Literatur entwickelt und der sein gesamtes Weltverständnis prägt. In einer Einladung zu einem Kongress wird er gebeten, »zum Thema ›Entzauberte Welt und neue Zauberwelten‹« (KKD 22) zu sprechen. Aminghaus ist Vertreter eines gelehrten und veralteten Typus, der aus der von Strauß angelegten Sicht heraus zukünftig am stärksten unter den Veränderungen der Welt leiden wird, so wie es die eingangs angeführte Stelle ausformuliert. Seine Kognition basiert auf Signalen, die er dem alten, humanistischen Wissen entnimmt, das er in seine Gegenwart zu überführen versucht. In Beginnlosigkeit spielt diese altgelehrte Form des Weltanschlusses nur noch eine untergeordnete Rolle, jedoch lassen sich über das Kognitionsmotiv beide Texte verbinden, obwohl sich Strauß verschiedener Weltanschlüsse in der zuvor herausgearbeiteten Spannweite von Literatur bis zur Gentechnik bedient. Andrea Maria De- 180 derichs formuliert analog zur thematischen Offenheit, dass Strauß dezidiert auf ergänzende naturwissenschaftliche Theorien zurückgreift, um »[d]ie entsetzliche Kognitionsmaschine«302, die sich im Kopf austobt und »immerfort die Gedankenströme heraustreibt«303, sprachlich bändigen zu können: »Ein kognitives perpetuum mobile. Nun ist diese Maschine entlarvt und der Trieb zur Dichtung – zur Poesie und Poiesis – jetzt ein Neuronenverschaltungsprodukt, zum Menschen naturalisiert«304. Das heißt: Die Naturwissenschaft erkundet Phänomene und die Sprache macht diese Erkundungen verständlich. In Strauß’ Text dient das Naturphänomen als Startfunke für die sprachliche Verarbeitung von Naturwissenschaft – eine gewisse Unschärfe und Ungenauigkeit mag dem Transfer aus der Naturwissenschaft in die Kunst geschuldet sein, aber auch der Tatsache, dass einfache Metaphern »der ungeheuren Komplexität, deren Aufbau die Physik und Biochemie in zunehmendem Maße enthüllen«305, nicht mehr gerecht werden können. Dahinter verbirgt sich erneut eine auf Binäroppositionen gestützte Reflexion über das Dasein und mithin auch die Zukunft des Menschen, der auf die Erkenntnis der Beginnlosigkeit reagiert. Die Veränderungen führen zu dem Versuch, die eigene Selbststeuerung »unablässig« zu steigern. Dahinter verbirgt sich auch die Reaktion auf die einströmenden Impulse der Außenwelt, die eine Steigerung der Komplexität bedingt, wie Strauß in einem anderen Fragment formuliert. »[D]ie körpereigenen Stimulanzien machen aus uns einen anders erinnernden, anders gestimmten, anders sich fassenden Menschen«, dessen Reaktionen auf die Welt (»Angst und Glück, Ruhe und Zorn, schließlich auch das Empfinden für Gut und Böse« (B 90)) Teil einer Selbststeuerung oder gar Selbstoptimierung sind (›im Innersten nach eigenem Bedarf zusammengesetzt‹ (vgl. B90)). Die Reaktion auf die Technisierung und Veränderungen der Gesellschaft führt Strauß auf eine ›Vorprägung‹ zurück und registriert eine entsprechende Anpassung der Umwelt an die innere Konstitution: »Die Idee der völligen Auflösung des Ichs war schon so lange vorgeprägt, daß es kaum wundernimmt, wenn sie endlich industrielle Realität auf sich 302 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität: Eine soziologische Lektüre des Prosawerkes von Botho Strauß«. S. 305. 303 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 305. 304 Andrea Maria Dederichs: »Das Surreale der Realität«. S. 305f. 305 Vgl. auch Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. Zur Rezeption naturwissenschaftlicher Theorien im Werk von Botho Strauß. S. 41. 181 zieht. Tatsächlich sind ja die Ideen die Rezeptoren, um im zellbiologischen Vokabular zu bleiben, welche die Moleküle des Realen an sich binden, um dann ein entsprechendes Produkt, die vielfach stimulierte Persönlichkeit, herzustellen.« (B 90) Damit ist keine Komplexitätsveränderung der Umwelt verbunden, denn Angebote seitens der Umwelt an das Individuum sind als gewöhnliche Austauschprozesse zwischen System und Umwelt zu verstehen. Aus diesem Grund führt Strauß’ Deutung dieses Geschehens und des geschilderten Mechanismus über eine Wechselbewegung zur Bildung einer Einheit der beiden Unterscheidungselemente. Außen treibt die Technik die Ausdifferenzierung voran, innen die organische und neuronale Autopoiesis des Individuums. Das Ergebnis ist laut Strauß ein allumspannendes Netz, in das das Individuum als Teil des Ganzen eingeht: »Das Leben vollzöge sich als geschlossene Veranstaltung einer unablässigen Neuropsie. Schließlich: welcher Zellverband wäre nicht stimulationswürdig, welches Organ nicht prothetisch verbesserbar? Man sehnt den doppelten Sprung herbei: den Sprung in die Technik und den der Technik aus sich selbst heraus. Es ist dem alten Verständnis nach längst nicht mehr Technik, sondern es ist Neuromania. Die Sucht, den Riesen-Komplex zu erstellen, den Neocortex zur letzten und ganzen Großveranstaltung der menschlichen Selbstnachahmung zu machen. Der Akrolog: die Rede vom überspannenden Zelt der Netze. Vom uns alle Übertreffenden. Vom Klippenvorsprung, von schwindelnder Höhe.« (B 91) Der Gedanke an ein alles »überspannendes Zelt der Netze« wird kurz nach dem Erscheinen von Beginnlosigkeit auch im Essay »Anschwellender Bocksgesang« aufgegriffen. Der Luhmann’sche Ansatz einer sich herausbildenden Weltgesellschaft oder Flussers Telepolis liegen nicht weit von Strauß’ Sicht auf diesen wachsenden Netzkörper entfernt. In ihr kommen Verbindungen vor, die zu früheren Zeiten undenkbar waren und in denen sich die Gesellschaft stetig ausdifferenziert, während sich das umgebende Netz beziehungsweise System zu einem weltumspannenden Gewebe ausdehnt. Eine solche Wechselbewegung beeinflusst neben der Außen- auch die Innenwelt. Strauß zeigt an dieser Stelle, dass dem Individuum die Unterscheidungsfähigkeit abgeht und ihm somit auch die Möglichkeit fehlt, die Welten zu beobachten und die Beobachtungen zu benennen. Als Reaktion folgt ein Sprachverlust, der auch die Auflösung des Individuums potentiell 182 möglich erscheinen lässt.306 Strauß geht in seiner Darstellung noch einen Schritt weiter und hinterfragt die Grundpfeiler jener Existenz, die durch die Erkenntnis der Beginnlosigkeit ihre Grundlage verliert. Auch an dieser Stelle zeigt sich, dass die äußeren Veränderungen eine Art mentale Mobilität oder uneingeschränkte Anpassungsfähigkeit nötig werden lassen: »Überzeugungen, Gesinnungen, ideelle Bekenntnisse, Programme und Weltbilder, all die provisorischen Abgeschlossenheiten, die aus dem Ungleichgewicht des Geistes resultieren« werden auf eine Probe gestellt und Strauß setzt fort »Uns lösen sich große, alte, ärgste Unverträglichkeiten in einer weiten Schale mit feinsten, modernsten Differenziermitteln auf« (B 44). Weiterhin wird die Notwendigkeit einer gewissen Ausgeglichenheit in der Form der Außenwelt betont. Hierin liegt eine eindeutige Analogie zu den Formen- und Reproduktionsbedingungen von Systemen. Die Stabilität des Systems sichert zugleich dessen Fortbestand, obgleich dieser gefährdet ist, wenn Beobachtungs- und Reproduktionsmechanismen herangezogen werden, die nicht auf der Verwendung von systemkonstituierenden Leitdifferenzen beruhen. Ein Wegfall der Unterscheidungsfähigkeit würde den Beginn der individuellen und gesellschaftlichen Entropie bedeuten, sofern der Einzelne sich nicht in die angeführten (oder ähnlich gelagerte) Sonderrollen flüchten kann, die Konsequenzen wären umfassend. In diesen Überlegungen liegt auch eine knappe Zusammenfassung der Erzählungen Marlenes Schwester und Theorie der Drohung (1975) verborgen, in der vor allem Sinneseindrücke der Außenwelt nach diesem Muster gedeutet werden – nicht deutlich genug für eine intertextuelle Verknüpfung, aber durchaus als Form der Umweltinterpretation wahrnehmbar. Es gilt, dass die Individuen sich auflösen, weil sie die Codes der Umwelt nicht mehr deuten können und in diesen Fällen ebenso den Kontakt zu ihren Innenwelten verlie- 306 »Zuerst hatte er nichts mehr berühren wollen, dann nichts mehr benennen können. Er war vor den Dingen zu den Wörtern geflohen, dann von den Benennungen zu den Beziehungen, die die Wörter untereinander herstellen. Was ihm begreiflich war, hatten die Wörter unter sich zusammengefügt und ihm zu verstehen gegeben. Menschen, Handlungen und Gegenstände verloren ihre festen Umrisse, er sah nur noch Flecken und Hupfer, und statt einer Gestalt oder eines Charakters, in zeitliche oder biografische Kontinuität gefaßt, bemerkte er ein Bewegungsmuster von ziellosen, sprunghaften Veränderungen sowohl seiner Umgebung wie seiner inneren Konzepte. Jede Fähigkeit, eine stetige Abfolge zu begreifen, war ihm zerstört. Aber war es eine Zerstörung? War es nicht vielmehr das Vordrängen eines anderen, unterdrückten Sinnesvermögens, das keine Erklärungen, Zusammenfassungen, Schlüsse erlaubte und das ihn zu einer Station für ein unausgesetztes Gewärtigen umrüstete?« (B 131f.). 183 ren und dabei die Auflösungsprozesse sprachlich begleiten. Strauß stellt, dies indirekt aufgreifend, in Beginnlosigkeit fest, dass zwischen Poesie, Poesis und Poiesis ein enger Zusammenhang besteht. Körper- und Gedankenauflösungen sind insofern auch als Leitmotive der Globalisierungskonzeption zu betrachten. Der erlebte Selbstverlust der Individuen geht auf sich verschiebende Wahrnehmungsprozesse zurück, welches Strauß durch Verweise auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse veranschaulicht. Diese Argumentations- und Beschreibungsform der Überführung in Verbindung mit Strauß’ fragmentarischen Texten ist laut Daiber der Versuch, »zwischen der strengen Rationalität, welche die Naturwissenschaften aufgrund ihrer Methodik erfordern, und der nicht systematisierbaren Empfindungswelt der menschlichen Natur zu vermitteln«307. Es geht um ein »Erkenntnisverfahren«, das »die vollkommene Trennung von Rationalität und Empfindung«308 aufheben kann. Ein möglicher »Widerspruch« zwischen verschiedenen Aussagen und Perspektiven, die Strauß in Beginnlosigkeit tätigt oder einnimmt, ist laut Daiber »kalkuliert und Ausdruck einer [...] Denkbewegung, die sich jeder endgültigen Festlegung auf ein System hin verweigert. Ein solches Denken ist typisch für Strauß und muß bei der herausgelösten Betrachtung einzelner Fragmente immer berücksichtigt werden. Der Autor schult sein Denken in unterschiedlichen Perspektiven«309. Daibers Analyseergebnis, dass Strauß »eine Verbindung zwischen Wissen und Dichtung herzustellen versucht« und Theorien als »Rohmaterial«310 nutzt, ist zuzustimmen und lässt überdies einen weiteren Schluss zu. Das Erproben, Verschränken und Verzahnen einzelner Thesen und Gedankenfragmente schließt sich einer dem Text eigenen Logik an. Franziska Regner interpretiert diese Form der Verschränkung ihrerseits als »Resonanzraum«: »Das Verfahren der Verknüpfung verschiedener Diskurse ist für den Text Beginnlosigkeit konstitutiv. Indem der Text wiederholt Zusammenhänge zwischen Literatur und einzelnen zeitgenössischen Wissensbereichen herstellt, diese Zusammenhänge jedoch nicht wissenschaftlich herleitet oder weiter- 307 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 42. 308 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 42. 309 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 45. 310 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 191. 184 führt, bildet er in seiner Literarizität einen Resonanzraum für eine Vielzahl verschiedener und häufig fragmentarisch angeführter Diskurse.«311 Die von Strauß immer wieder neu belebte Poetologie des Widerspruchs und Anschlusses entpuppt sich aus einiger Distanz als ein bewegliches fragiles Netz des Austarierens, das bei noch größerer Entfernung zu einem Fleck wird, der nun plötzlich starr wirkt, obwohl in ihm Chaos herrscht. Gemäß Strauß muss (gerade im Sinne des zuvor benannten flexiblen Denkens und der stetigen Perspektivwechsel) interpretiert werden, es müssen permanent die äußeren Eindrücke sortiert und rekombiniert werden und Poiesis steht nicht nur etymologisch für die Fortsetzung und Reproduktion. Die kognitive Wahrnehmung der Außen- oder Umwelt durch das ›Dauerfeuer der Neuronenverbände‹ (B 5) erlaubt Interpretation(en) dieser durch beschreibende Metaphern und Weltbilder (auch in der immanenten Doppelbedeutung des Begriffs »Welt-Bild« (B 11)). Globalisierung lässt sich nun über die Variabilität des mikroskopischen Blicks mit dieser Darstellung verbinden, weil der Nahblick die stetige Neuausrichtung im Netz für die Beobachtung öffnet. Zudem gilt Folgendes: Die Deutung der Au- ßenwelt findet auf der Innenseite des Schädels statt. Die poetischsprachlich-ästhetischen Repräsentationen von Welt verlangen Nuancierungen, um auf die oben genannte Komplexität reagieren zu können, er differenziert daher im Falle der Poesie streng zwischen früherer hoher anspruchsvoller und ›ideeller‹ (B 83) Literatur und deren erhabener Sprache und der in seinen Augen oftmals trivialen und geschwätzigen Gegenwart. Strauß sieht im »Schriftsteller ausschließlich ein[en] diätetische[n] Belletrist[en]«, der »Welt- und Menschenbild[er]« mit reduzierter Komplexität ausformt (B 83). Josef Quack äußerte eine Beobachtung, welche die dialektische Sichtweise im schriftstellerischen Schaffen einzuordnen versucht. Auch wenn er sie mit anderen Passagen aus Beginnlosigkeit begründet, lässt sie sich auf die angerissenen Umsetzungsbedingungen anwenden. Er sieht in Beginnlosigkeit »zwei Textlinien«, die unterschiedliche Zwecke erfüllen. Er unterscheidet »poetologisch-weltanschaulich[e] Reflexionen eines Sprechers und die Beispielerzählungen, an denen der Sprecher seine Gedanken illustriert«312. Diesen Beispielerzählungen können – auch über die Analogie – durchaus die Verweise auf die Naturwissenschaften hinzugezählt werden. Die Funktion besteht darüber hinaus darin, dass der ästhetische Wert aus 311 Franziska Regner: »Horchendes Verlauten«. Globale Resonanzräume in den Prosatexten von Botho Strauß. S. 98. 312 Josef Quack: »Fiktionen des Wissens«. S. 125. 185 zwei Gründen eingeschränkt ist. Einerseits beobachtet Quack, dass »[d]er räsonierende Sprecher [...] sich von der Gegenwartsliteratur energisch« abgrenzt und andererseits »die neuen Erkenntnisse« ignoriert. Die Verbindung aus Daibers und Quacks Analyse und Strauß’ Literatur erleichtert die Einordnung der Thesen aus Beginnlosigkeit in die übergeordneten Zusammenhänge einer naturwissenschaftlichen Annäherung an die Bedingungen der Gesellschaft beziehungsweise Welt und die entsprechenden Reflexionen. 3.4 Innenwelten: Komplexe Strukturen aus Zeit, Kommunikation & künstlerischer Weltwahrnehmung In der Differenz zwischen dem Beobachter der Außenwelt und der Au- ßenwelt selbst verbirgt sich auch ein Deutungsmodell oder eine Erklärung des Differenzmarkers. Der Solidus ›/‹ als Kennzeichen der Differenz trennt Innen und Außen, Psyche und Welt nach dem Muster Innenwelt/Außenwelt. Die – nicht zwingend nur literarische – sprachliche Bezeichnung der Welt ist wie die ihr zugrundeliegende Beobachtung flüchtig: »[E]r sehnte sich nach dem TEXT vor der Schrift, der Botschaft vor dem Code, dem Fleck vor der Linie, er sehnte sich nach einem Verstehen von nicht absehbarem Entgleiten, auf dessen Welle das Bewußtsein dahintreiben konnte ohne Ziel und Schlußfolgerung, ohne verfrühte Figürlichkeit, nach Sätzen mit diffusem Hof und Hall und solchen, die einander sogleich in Vergessenheit senkten.« (B 18) An anderer Stelle beschreibt Strauß den Unterschied zwischen Innenwelt und Außenwelt über die Unterschiedlichkeit ihrer Ereignisse (B 75), wodurch deutlich wird, dass es sich um entgegengesetzte Zustände oder Sphären handelt. Hierin deutet sich auch ein systemtheoretischer Verständnismodus an. Beobachtungen können – so ein Grundprinzip der Systemtheorie – nur einmal originär erfolgen und die initial beobachtete Differenz besteht nur durch Beobachtung der Ursprungsbeobachtung fort.313 313 »Klar ist, daß wir unterscheiden müssen zwischen einfacher Beobachtung und komplexer Beobachtung, oder, wie man auch sagen kannte, zwischen Beobachtung erster und Beobachtung zweiter Ordnung. Im zweiten Fall liegen die Dinge anders«, schreibt Peter Fuchs in seiner als Lesedrama gestalteten Einführung in die Systemtheorie Niklas Luhmanns (Fuchs: Niklas Luhmann – beobachtet. Eine Einführung in die Systemtheorie. S. 46) und lässt eine der Figuren erwidern: »Aber ich 186 Und sie hallt, wie es verwandt in Beginnlosigkeit heißt, nach: »Etwas scheint blitzschnell auf, es erlischt blitzschnell. Wobei die Erscheinung mit dem Geräusch des Erlöschens hervortritt und ihr Sturz in den Punkt mit dem Knistern eines Beginns« (B 36). In dieser spiralförmigen Beobachtungsschleife, deren Beginn nicht erkennbar ist, verankert sich die Kette, in der »nach Identität Differenz und auf diese wiederhergestellte Identität« (B 36) folgt. Strauß exemplifiziert hier die ausgehebelte Kausalität zugunsten des kybernetischen Formenprinzips.314 Die Spirale ist zudem, und dies mag als Widerspruch gelten, von »Homöostase und Selbstregulation« (B 36) geprägt, denn sie befindet sich trotz aller internen fortlaufenden Selbstreproduktionen und ihrer »zahllose[n] zufallsgesteuerte[n] Entscheidungsprozesse[n]« (B 37) in einem Zustand äußerer Ruhe: »Was wir den Anfang nennen, ist bereits das Resultat langwieriger vor- und zurückfragender Selektionen« (B 37). Oder auch: »Nichts beginnt, alles schwebt und weilt. Steady state« (B 7). Die Ruhe ist nicht als statischer Gleichgewichtszustand zu verstehen, sondern meint eine Form des kontinuierlichen Ausgleichens von Beobachtungen und Folgebeobachtungen dessen, was für Sekundenbruchteile aufblitzt. In Folge der kontinuierlichen Anpassung reduziert sich die Komplexität der Außenwelt, indem Bilder der Welt segmentiert und selektiert werden, wie Strauß schreibt: bitte Sie! Wenn man beobachten will, wie ein Beobachter beobachtet, taucht das Problem auf, daß man mehrere Unterscheidungen machen muß. Einmal muß man unterscheiden zwischen dem Beobachter und seinem ›Objekt‹, aber im gleichen Atemzug muß auch noch unterschieden werden, wie dieses ›Objekt‹ erzeugt wird, also welche Art von Unterscheidung vom beobachteten Beobachter zur Bezeichnung seines Objektes benutzt wird« (ebd. S. 46). Die Figur Siebenschwan kontert und ergänzt, wie Systemtheorie mit Beobachtungsketten umgeht: »Die Beobachtung zweiter Ordnung muß gleichsam mit einigen Unterscheidungen jonglieren. Und dazu gehört mindestens, wie Sie es schon sagten, die Unterscheidung zwischen dem beobachteten Beobachter und seinem ›Beobachtungsobjekt‹ und, daß der Beobachtung zweiter Ordnung die Beobachtungsoperation, die er beobachtet, von anderen Vorkommnissen unterscheiden kann. [...] Jede Beobachtungsoperation ist an eine Unterscheidung gebunden, die sie mit der Bezeichnung aktualisiert. Jede Beobachtungsoperation ist immer auch eine der ersten Ordnung. Es gibt keine Beobachtung, und sei sie der hundertsten Ordnung, die nicht zugleich eine der ersten wäre. Damit wird jede Hierarchisierung aufgehoben, jedes ›besser‹ und ›schlechter‹ ausgeschaltet« (ebd. S. 47 und 49). 314 Vgl. Hans-Christian Dany: Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft. S. 26f. 187 »Die Abwehr von Buckeln und Zacken, von Knäulen und Wirbeln: der totalitäre Begradigungsdrang nicht der Vernunft, sondern des Willens, der Konstruktivismus der Sehnsucht und des Wünschens, das widernatürliche Streben nach Reinheit, Einfachheit, Klarheit – die Worte sind die schlimmsten Weißwäscher – als ginge es darum, das Heil in der Befreiung von Komplexität zu suchen, im Antiorganischen, in den Fiktionen des Ebenmaßes. Auch Werte haben Buckel und Zacken.« (B 62) Es geht Strauß an dieser Stelle auch darum, sich auf verworrene und komplexe Strukturen einzulassen und sie Analysen zu unterziehen. Der »Begradigungsdrang« weist dahingehend Ähnlichkeiten mit jener »Exponentialkurve« auf, die Luhmann als Sinnbild der Gesellschaft sieht, sowie darauf, dass eine Progression stattfindet, die bei näherer Betrachtung jedoch aus einer Vielzahl zyklischer, ausschweifender oder versiegender Mikroprozesse besteht. Den Menschen stellt er als überhöht dar, weil dieser zur Reflexion und Wissensbildung fähig ist. Die Entfremdung vom biologischen Fundament des Seins löst zugleich Sehnsucht und Heilungsversuche aus und führt den Menschen damit in ihm unbekannte Handlungsbereiche ein (es fehlt das tradierte Weltbild). Die Widersprüche sind Strauß bewusst, aber sie sind überwindbar, weil sie als solche erkannt werden, wie er in der gleichen Passage hervorhebt. Er schreibt über den Menschen »[g]leichwohl sind wir der Entwurf wider die Natur und betreiben ihn weiter und weiter«, dieser »überlebt nicht als wohlangepaßter Öko-Insasse eines ›komplexen Biotops‹, sondern er überlebt, indem er davon eine abstrakte Vorstellung gewinnt, ein präzises Wissen, schließlich eine Idee als modus operandi« (B 62). Strauß referiert auf gesellschaftliche Entwicklungsprozesse, die in der aktuellen Phase zu einem höheren Verständnis der Umwelt führen: »Die hylische Welt kann nicht länger zum Reich der Finsternis gehören. Wir sehen jetzt: das Dunkel besteht seinerseits aus feinsten Lichtrastern. Dinge, unterste Materie, besitzen ein Eigenleuchten. Die Aussaat des Lichts, die Aufteilung von Gut-Böse-Quanten ist anders, als das manichäische Schema es vorsah.« (B 62) Strauß geht an den Beginn der Wahrnehmung zurück bis zum nicht vorstellbaren Punkt vor der Zeit und weist im »Dunkel« Licht nach. Diese ästhetisierte Erforschung einer Grenze von Zeit und Welt öffnet den Fleck für eine Rezeption und Interpretation. Eine derartige Vorgehensweise bildet die elementare (nicht nur poetologische) Vorgehensweise des Textes, die aus einem Oszillieren zwischen zeitlichen oder räumlichen Mikro- und 188 Makroperspektiven besteht. Doch stößt man durch diese auch an Verständnisgrenzen. Strauß nennt im Zusammenhang seiner Überlegungen die Gegenwart die »kybernetische Welt« und grenzt diese gegen die »vorkybernetisch[e] Welt« ab (B 81) und spricht von einer »kybernetischen Epoche« (B 9), in der der Mensch in eine redundante Wahrnehmungsschleife eingebunden ist, wie anhand des Fabelwesens demonstriert wird. Sie ist die Reaktion (der Selbstbetrug?) auf die Dunkelheit, auf den Punkt vor dem Erschlossenen, vor dem Zeitpfeil315: »So stoßen wir in all unserem gegenwärtigen Wissen immer wieder auf die eine In- und Grundgestalt, allumfassendes Diagramm von Leben und Technik, Uroboros der Rückkopplungsschleife, die herrschaftliche Wahrnehmungsfigur der kybernetischen Epoche.« (B 9) Doch was sagt die Chimären-Metapher über diese Epoche aus? Norbert Bolz nähert sich der Kybernetik316 aus der Multiperspektivität der hyper- 315 Strauß kommt in Der Untenstehende auf Zehenspitzen auf dieses Dilemma zurück: »Innovationen im Religiösen sind ebenso unmöglich wie die Vermehrung des Unendlichen. [...] Die Einsicht in die Gestalt der Wiederkehr oder in Kreisläufe konnte nirgends den Flug des Zeitpfeils aussetzen, zuletzt nicht einmal mehr in der Quantenmechanik, die Gesetze irreversibler Prozesse gelten für universal. Daher sind wir auch nicht in den Grundfesten unseres Fortschrittsglaubens zu erschüttern« (UAZ 31). 316 Einen kurzen Abriss zur Spannweite des Begriffs gibt Käte Meyer-Drawe: »Ähnlich wie die Neurowissenschaften seit den 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Kybernetik etwa zwischen 1950 und 1975 ihre Hochkonjunktur. Sie führte nicht lediglich zu technischen Innovationen, sondern prägte einen Wahrnehmungs- und Denkstil, der nicht auf den wissenschaftlichen Raum beschränkt blieb. Dabei ist es in diesem Fall ausnahmsweise gerechtfertigt, von der Kybernetik zu sprechen; denn trotz der unterschiedlichen fachlichen Herkünfte und ungeachtet der Zielvorstellungen im Einzelnen herrschte Einigkeit über das gemeinsame Anliegen, die Welt dadurch zu optimieren, dass man sie dazu brachte, sich selbst zu steuern und zu kontrollieren. Indem allopoietiscbe Einflüsse wenn nicht beseitigt, so doch minimiert wurden, sollte der Wunsch nach Autonomie erfüllt werden. [...] Die Kybernetiker der Gründerzeit verfolgten deshalb von Anfang an ehrgeizige Ziele. Sie stellten in Aussicht, ein universelles Modell des Verhaltens von Menschen, Tieren und Maschinen zu entwickeln. Sie beschränkten sich demzufolge nicht allein auf Fragen der Nachrichten- sowie Regelungstechnik und deren Bedeutung für Informatik, Biologie, Politik, Ökonomie und Neuropathologie, sondern ganz im Sinne ihres Namensgebers Norbert Wiener auf die Reform des überlieferten Menschenbilds. Auf der Grundlage ihrer Forschungen verloren 189 komplexen Beobachtung an und hebt die damit verbundene Beobachtungsfähigkeit hervor: »Die Gesellschaftstheorien reduzieren die Distanz des Zuschauers auf die Beobachtung anderer Beobachter, die alle nicht trotz, sondern kraft ihres blinden Flecks sehen können, was sie sehen können«317. Der blinde Fleck ist dabei laut Bolz »die Schlüsselmetapher der sogenannten Kybernetik zweiter Ordnung. Sie macht uns mit erstaunlichen Gedanken vertraut, daß es Einsicht nur durch Blindheit gibt«318. Zu verstehen ist diese paradoxe Aussage als Sensibilitätssteigerung bei gleichzeitiger Ausblendung störender Faktoren. Kurz: »Die moderne Gesellschaft bewegt sich im Blindflug. Damit ist mehr gesagt als die Selbstverständlichkeit, daß Evolution blind verfährt. Blindflug heißt nämlich auch Instrumentenflug. Wenn man aus dem Fenster schaut, ist nichts zu sehen – aber man kann sich auf die Anzeigen der Instrumententafel verlassen«319. Der Blindflug ist Folge der polyzentrischen Beobachtungsperspektive mit ihrer Unübersichtlichkeit und Grenzenlosigkeit. Indem sich Strauß unter Berücksichtigung der Beginnlosigkeit auf selbigen begibt, kommt er zu dem Ergebnis, dass die gegenwärtige Gesellschaft durch eine gewisse Haltlosigkeit gekennzeichnet ist. Dieser Eindruck verwundert nicht, denn Beginnlosigkeit erschien 1992 und die politisch-gesellschaftliche Orientierungslosigkeit dieser Zeit fließt auf verschiedene Weisen in die Strauß’ Schaffen zwischen 1989 und ungefähr 1997 ein. Die Stücke Schlußchor oder Das Gleichgewicht sowie die Essays dieser Phase greifen beinahe tagesaktuell Wende und Annäherungsprozesse auf und ästhetisieren sie, während Beginnlosigkeit sich in weiten Teilen in abstraktere Beobachtungen flüchtet. Das vielleicht auch, weil mit anderen Worten Chaos die gegenwärtige Gesellschaftsform ist, in der die Komplexität der Gesellschaft ins Unermessliche anwächst: »Die Leute individualisieren sich ins Chaos. Sie akzeptieren nichts Gleiches, nichts Regelrechtes, nichts Doppeltes, weder im Konsum noch im Versorgungszuschnitt. Vielleicht handelt es sich um eine kollektive Überreaktion auf den Kollektivismus …« (B 66). Diese Individualisierung findet ihren Widerhall in einer eingeflochtenen Episode, in der während der Grenzen zwischen Natur und Artefakt, Zwischen Organismus und Apparat, Entscheidung und Schaltung sowie Unterschiede zwischen mentalen Akten und logischem Denken an Bedeutung« (Meyer-Drawe: »›Sich einschalten‹. Anmerkungen zum Prozess der Selbststeuerung«. S. 19f.). 317 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 8f. 318 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 8f. 319 Norbert Bolz: Blindflug mit Zuschauer. S. 8f. 190 Dämmerung allmählich alle Farben verblassen und »in eine matte graue Breite« (B 117) übergehen und, weil alles indifferent wird, den Beobachter der originalen Szenerie veranlasst, die eigene »Verfassung« (B 117) zu hinterfragen. Strauß’ Metapher schildert, dass die äußere Auflösung der Welt sich im Inneren spiegelt. Es findet aus Sicht der Globalisierungskonzeption eine innere Globalisierung statt. Es werden die Begriffe »›unendlich‹ oder ›unaufhörlich‹« (B 117) umgedeutet und durch widerstandsärmere Begriffe wie »erwiderungslos, konturlos … SELBSTEXPLIKATIV« (B 117) ersetzt. Die Selbstexplikation wird hier benutzt, um sich zu erklären, zu erläutern und so einen Standpunkt an der Grenze zur Gesellschaft zu markieren. Sie dient gleichzeitig der Selbstvergewisserung. Es klingt erneut die kybernetische Epoche – von Strauß synonym zur Informationsgesellschaft verstanden – in ihren Grundbedingungen und in der Abgrenzung zu vorherigen Epochen an. Chaos, Orientierungslosigkeit und erzwungene Neuorientierungen bestimmen die Inhaltsebene des Textes. Ein gradueller Unterschied besteht laut Strauß jedoch darin, dass nun Beobachter und Beobachtetes auf einer Stufe stehen und dass die Differenzierungslinie wegfällt: »Man darf sich eingestehen, daß man trotz aller Wissensvermehrung von seinen Mitmenschen heute keinen Deut mehr in Erfahrung bringt, als schon ein Tschechow, ein Musil oder Flaubert zu ihrer Zeit beobachtet haben. Nur daß in dieser selben Sphäre (des geselligen Menschen) der empfindliche Beobachter/Erdulder inzwischen mit seinem Gegenstand ein gemeinsames Feld der flüchtigsten Vibrationen und Schattierungen aufbaut, dessen exakte Beschreibung alle charakteristischen Grenzen einer Person auflösen muß. Doch bleibt die Menschenkenntnis der früheren Künstler unübertroffen, und jeder weiß, daß ihrem Blick nichts Helleres hinzuzufügen ist, gewisse Differenzierungen nicht feiner, gewisse Schwingungen nicht genauer erfaßt werden können, sondern daß alles noch Feinere, noch Genauere eben an ein technisches, an ein lebloses Bemerken grenzte – an das Kleinliche, das sowohl für das Wort wie den Blick des Menschen ein Unheil ist.« (B 99) Hier zeigt sich auch, wie die voranschreitende Ausdifferenzierung der Gesellschaft die Kommunikation untereinander erschwert, weil Relationen und Bedingungen nur bis zu einer bestimmten Tiefe beobachtet und beschrieben werden. Das von Strauß geschilderte gemeinsame Feld kann als Berührungs- und Interpenetrationsfläche unterschiedlicher Systeme gedeutet werden. Strauß beschreibt hier die Konsequenzen der Überkomplexität, 191 die in Unterkommunikation umschlägt beziehungsweise damit reagiert. Seine Beschreibungen verdeutlichen eine Exklusion aus der Außenwelt durch Geschwätz und Gepolter. Wer nicht mehr kommuniziert, kommunizieren kann oder will – und dies ist ein, wenn nicht das Leitmotiv bei Strauß – schließt sich selbst aus dem Kontext der Gesellschaft aus. (Mehr) Technik bedeutet nicht per se mehr Verständnis. Folgerichtig heißt es abweichend in Beginnlosigkeit daher auch: »Die Verweigerung von Verständigung kann sich eben auch darin vollziehen, daß man jemanden mit Verständlichkeiten überhäuft« (B 14). Sich im Schatten von Allgemeinplätzen abzuschotten und zu verbergen, mag ein Ausweg sein. Die Verweigerung von Anschlusskommunikation kann auch durch Hohlphrasen – das heißt »Fertigteil-Sprache« (PP 163) – erfolgen: »Wer oft vielen dasselbe mitzuteilen hat, der besitzt seine Einsichten als Wertsachen, als kommunikationsgeprüfte geistige Fertigteile, Standardbemerkungen, eine Handvoll obstinater Ideen, kleine körnige Begierderückstände« (B 15). Sprachverlust kann auch durch erhöhte Gedankenaktivität ausgeglichen und aufgegriffen werden. Die zwischenmenschliche Kommunikation und ihre schwierige Durchführbarkeit zeigt Strauß anhand der fehlenden und unmöglichen totalen Verständigung. Das Bewusstsein ist dahingehend eingeschränkt, dass das Gespräch zwischen Personen immer nur eine Annäherung und nie Vereinigung sein kann. Das Gespräch – als Gegenüber des Geschwätzes – dient neben der »Verständigung [...] der gemeinsamen Stimmfühlung und der Grenzbestimmung« (B 31). Kommunikation zwischen Menschen funktioniert aus systemtheoretischer Sicht über die Trias Information- Mitteilung-Verstehen (und die davon intendierte Verhaltensänderung als Bestätigung einer erfolgreichen Kommunikation). Sie verbindet Personen durch Bildung gemeinsamer Systeme und erhält sie im Idealfall aufrecht durch und über die erfolgende Anschlusskommunikation. Die Bildung von abgegrenzten Systemen dient dabei auch der Stabilisierung des Individuums gegen die von außen einwirkenden Veränderungsprozesse.320 Gelingt diese nicht, wird Bindung erschwert, denn »[w]as in der Hülle des anderen tatsächlich Ausstrahlung besitzt, ist wahrscheinlich weniger sein persönlich Erworbenes als vielmehr der Feinstaub des allgemeinen Formenerbes, das, was aus der Tiefe der menschlichen Zeit über ihn gestreut ist« (B 32). Hieran zeigt sich der innere Widerspruch von Kommunikation. Über die Kopplung kann eine Verbindung entstehen, die als ein kommunikationsbasiertes soziales System angesehen werden kann, auch wenn persönliche 320 Vgl. hierzu das folgende Kapitel zu Die Unbeholfenen sowie Abschnitt 6.3. 192 Innen-Erfahrungen auf gesellschaftliche Außen-Erfahrungen, das »allgemein[e] Formenerb[e]«, treffen und mit diesen um Deutungshoheit ringen, während der Kommunizierende über die Sinnhaftigkeit eines Anschlusses an die Kommunikation reflektiert: »›Warum erzählen Sie mir das alles?‹ Er hatte sich immer darüber gewundert, daß ihm die Menschen so viel von sich und anderen erzählten. […] Was sie erzählten, hatte selten eine tiefere Bedeutung. Da war er sich sicher. Aber daß sie’s ihm erzählten, darin lag wohl der Kern des Rätsels, und es hatte zu einem gewissen Zeitpunkt außerordentlich viel zu bedeuten. Er hatte es nie herausgefunden. Schließlich akzeptierte er das Spiel, das er nicht durchschaute. Er sah ein, daß man es eben so macht, um untereinander in Fühlungnahme, in eine Verbindung zu treten.« (B 32). Dieses Erzählfragment verdeutlicht Strauß’ Position und beschreibt die Stabilisierungs- und Abgrenzungsmechanismen der Kommunikation. Das Erzählte ist die in Mitteilungen kodierte Information, die in diesem Fall zu einem Nicht-Verstehen führt.321 Die Beobachtung führt hier zu Unverständnis sowie Ratlosigkeit und stößt eine Reflexion an, aus der verspätet eine Akzeptanz ungeschriebener Regeln resultiert, nachdem die Figur den kommunikativen Konsens hinterfragt hat. Es zeigt sich eine hyperkomplexe Beobachtungssituation, in der die ursprüngliche Beobachtung beobachtet und in Erkenntnis modifiziert wird. Die Figur erkennt die Differenz zwischen der inneren Reflexion und den äußeren Deutungen der Welt und gleichfalls, dass Kommunikation mit der Umwelt darüber entscheidet, ob sie selbst in der Welt existiert.322 Das kommunikative Netzwerk der Äußerungen erzwingt von der Figur eine Teilnahme und gleichzeitig legt Strauß ihr die Frage nach dem Warum der Kommunikation in die Reflexion. Der Mensch ist (in dieser Episode) nur Hülle, sein Wesen »eine Kugel von Ringbahnen […]. Nichts Inneres!« (B 31), während draußen »Einsamkeit« (B 33) und »Stimmengewirr« (B 33) vorherrschen. Sie führen zum Rauschen und dadurch ebenfalls zu einer »Stille« (B 33); in beidem ist nichts Individuelles mehr auszumachen, es zeigt sich eine innere Globalisierung, welche die Auflösungsprozesse in der Umwelt im Inneren adaptiert. Auf 321 In das Strauß gerne zurückkehren würde, vgl. SIG 50. 322 »Er sah das ein und begann sich daran zu beteiligen. Er wollte seinerseits keine Lücke bilden im fleißigen Gewebe der Mitteilungen, der unterschwelligen Verständigungen, die möglicherweise eher zum Innersten gehören, das die Welt zusammenhält, als die Weltanschauungen selber« (B 32f.). 193 diese Weise wird hintergründig ebenfalls auf eine Art soziales Rauschen angespielt, das maßgeblich zum Gefühl der Auflösung als Folge der Globalisierung beiträgt.323 Die Besonderheit dieser Szene liegt weiter in der Änderung der Perspektive. Die Figur merkt, dass die Umwelt auf Mitteilungen reagiert, versteht aber wiederum nicht, warum dies geschieht. »Was teilte er mit, aus welchen Gründen, und kannte sie selber nicht?« (B 33). So beleuchtet Strauß die andere Seite der Differenz Figur/Umwelt. Die Figur wird durch die Umwelt beobachtet und die Frage nach dem Erzählanlass gespiegelt und verdoppelt. Die Essenz der Kommunikation erkennt die Figur durch die Beobachtung der Beobachtung: Teilnahme an Kommunikation kann nicht zu völligem Verstehen führen, da sich in der Kommunikation immer Unsicherheiten einstellen und unbemerkt »das Unbewußte zum Unbewußten« (B 33) spricht. Anders formuliert ließe sich dazu mit Strauß auch sagen: »Vom Absoluten gleitet der Scharfsinn ab wie die Messerspitze auf der Glaskugel« (B 46). Die Figur wird Teil eines Spiels, bei dem besonders hervorzuheben ist, dass es sich bei dem Spieleinsatz dieser Figur nicht um authentische Kommunikation handelt. Auf der bewussten Ebene reiben sich aktive Teilnahme und passives Unverständnis an unbewussten Kommunikationsmechanismen. Die hierdurch fehlenden soliden Anknüpfungspunkte erzeugen eine von Einsamkeit geprägte Verstehenslücke und begründen die Exklusion der Figur. Die erste und zweite Beobachtungsebene beim Beobachten der Lücke beschreibt Strauß folgendermaßen: »Aber was tut man, wenn man sich in der Einsamkeit jemandes Ausdruckshülle so lebhaft vergegenwärtigt, derart erzeugend vorstellt, daß der Bestand weniger charakteristischer Impressionen, die man davontrug – eine Gebärde der Begütigung, ein gedrängtes Erstaunen, eine belehrende Darlegung -, ausreicht, um beliebige Sequenzen, Sätze, Situationen damit hervorzubringen, zu generieren, die niemals stattfanden, so daß Halluzination und tatsächliche Erinnerung nicht mehr zu unterscheiden sind?« (B 34) Wahrheit und Imagination verschwimmen und dezimieren die Anschlussmöglichkeiten an die Umwelt. Der Versuch der Figur, die Lücken des Kommunikationsnetzes durch neue Anknüpfungen zu füllen oder zu stärken, scheitert an der Unfähigkeit, die Beobachtungen und die Mitteilungen tatsächlich zu verstehen und adäquat reagieren zu können. Die Bemühun- 323 Die nachfolgenden Kapitel gehen ausführlicher auf die Funktion und Tragweite des sozialen Rauschens ein. 194 gen münden in Mutmaßungen: »Das, was ich mir merke an einem Menschen, was ihn mir besonders kenntlich macht, ist offenbar das, was ich schließlich von ihm vernommen habe, ein impact von seinem Gestirn« (B34). Kommunikation und Wahrnehmung geschehen vielschichtig, die Gesamtheit nennt Strauß die »tönenden Charakteristika« und das »Imponiergehabe der Stimme« mit dem Ziel eines »unaufhörliche[n] lautliche[n] Eindruckmachen[s], das unterschwelliger wirksam ist als Auge und Hände, mischfreudiger als Semantik oder Gebärde« (B 34) und zeigt so nochmals die un(ter)bewusste Wahrnehmung und das für diese Szene grundlegende Vernehmen. An dieser Stelle nimmt Strauß eine weitere erzählerische Wendung vor, indem er den Überlegungen über Kommunikation eine weitere Abstraktionsebene anheftet, in der es um die Positionierung zur Welt und die Erzeugung von Weltbildern geht. Als Erweiterung dient ihm das Theater und es handelt sich um eine Vertiefung jener Gedanken zum Verhältnis von Bühne, Gesellschaft und Umwelt, die er in den Rezensionen entwickelt. Die Begriffe »Ausdruckshülle« und »Gebärde« in Verbindung mit den performativen Aspekten der Stimme lassen eine Überleitung zum Typus des Schauspielers und dessen Außenwirkung zu, wie Strauß ihn in den Rezensionen einforderte. Strauß verwebt Kommunikation mit Performanz und thematisiert damit einerseits die sprachliche Verbindung zwischen Menschen und andererseits die Relevanz der Bewusstseinswahrnehmung über die künstlerische Weltwahrnehmung in der Darstellung des Schauspielers.324 Der performative Akt des Schauspielers trägt die Gebärde von der Bühne in das Publikum,325 indem zum einen eine in Schrift kodierte Wahrnehmung und Interpretation der Welt eines Künstlers in erneut Wahrnehmbares transferiert und zum anderen literarische Kommunikation vorgeführt wird, an der vom Rezipienten nicht auf auf gleiche Weise partizipiert werden kann wie bei gelesener Literatur. Zwischenrufe im Theater sind noch stärker verpönt als handschriftliche Anmerkungen in Bibliotheksbüchern. Strauß’ theoretische Perspektive sieht als Voraussetzung, dass der Künstler Weltbilder generiert, indem durch Kunstwerke Unter- 324 Vgl. hierzu auch den 18 Jahre später erschienenen Text über das Gegenwartstheater, in dem es heißt: »Da es Werktreue am Theater nicht geben kann, insofern bei jeder ernsten Regiearbeit Werk und Szene gemeinsam als ein Drittes neu entstehen, war der gute Schauspieler am Ende die verkörperte Interpretation. Man kann auch sagen: er kam nie einsam und unmittelbar mit dem Genie des Werks in Berührung, so daß es sich auf ihn hätte übertragen können« (Botho Strauß: »Was macht ihr denn da? Über Jutta Lampe und unser Theater« (AUF 99). 325 Vgl. Max Herrmann: »Das theatralische Raumerlebnis«. 195 scheidungen markiert und als dauerhaft abrufbare Beschreibungen gespeichert werden. Dieser Ansatz findet sich bereits im Roman Der junge Mann (1984) verankert, wo es heißt, dass »Schauspieler [...] unbestimmten Sonderwesen, mit denen man zwischen Gespenst und Gott beinah alles heraufbeschwören und vergegenwärtigen kann, wenn man es nur richtig anfängt« (JM 51) seien. Das Sprechen des Schauspielers ist, ähnlich dem des Exkludierten, nicht authentisch, seine Stimme »ist immer für das Publikum verlautet, mit dem er nicht spricht« (B 34). Die stimmliche Performanz des Schauspielers liefert eine an die Bühne gebundene Reproduktion der Welt, grenzt sich aber »mit bewußter Gebärde, mit Stil und Ausdruckskunst, Führung und Allüre« (B 34) vom Publikum ab. Sie schafft Differenz. In der Büchner-Preis-Rede verweist Strauß darauf, dass Theater der Ort ist, »wo die Gegenwart am durchlässigsten wird, wo Fremdzeit einschlägt und gefunden – und nicht wo Fremdsein mit den billigen Tricks der Vergegenwärtigung getilgt oder überzogen wird« (ERD 34). Über derartige künstlerische Speicherungsmechanismen kann wiederum ein Kunstprodukt wie die literarische Kommunikation »für immer verläßliche Echolote, die die Grenze des Menschen zur eisigen Stille ermitteln« (B 31), erzeugen. Vor dieser Schwelle agiert auch der Schauspieler, indem Eindrücke, Gesten und Gebärden als kommunikative Anschlusspunkte benutzt werden, um die Welt vom Geschehen abzugrenzen und sie dabei doch einem anderen Beobachter zugänglich zu machen. Die Bezüge zwischen der künstlerischen Wahrnehmung und Deutung der Welt und den Betrachtungen zur Kommunikation machen deutlich, dass »Einschläge von Werken und Menschen« (B 32) über ›Anwesenheit‹ und »Gebärde[n]« erfolgen (vgl. auch B 35). In der Kommunikation zwischen Menschen oder der Bühnenkommunikation geht es darum, dass Annäherungsbewegungen in Richtung der Umwelt vorgenommen werden, die aber die Grenze zur Umwelt nicht überschreiten können. Der Anschlusswille führt jedoch zu einer möglichst engen Annäherung an ihre jeweiligen Grenzen oder mit anderen Worten: an den Differenzmarker der Unterscheidung Individuum/Gesellschaft. Die Triebkräfte hinter diesen Versuchen sind Verstehen-Wollen und Neugierde, weil laut Strauß die »Gemeinschaft das eigentlich Mystische (zutiefst Unverständliche, Berührendste) [...] am Menschen [ist], gleich, ob es sich nun um den Stamm oder die moderne aufgeklärte Gesellschaft handelt. Zusammenhang und Bewegungsgestalt vieler dient zu mehr als bloß alltäglichen Zwecken: Organismus eines Verstehens, dessen Aufbau und Grenzen der einzelne unmöglich 196 abschätzen kann und das ihm nur in der membranhaften Nachgiebigkeit seines eigenen Verstehens bemerkbar wird. Das Selbst ist innen wie außen Abtausch und Widerhall. Wenn überhaupt jemand, so besitzt es die Gesamtheit der anderen.« (B 59) Die ausgewählte Textstelle verdeutlicht, dass der Begriff der Gemeinschaft beziehungsweise Gesellschaft beständig im sozialen Kontext verankert ist. In einer segmentären Stammesgesellschaft gewinnen, wie auch Luhmann betont326, Anschluss und Inklusion eine wesentlich größere Bedeutung für das Überleben des einzelnen Individuums als dies in der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft der Fall ist. Das vorherige Kapitel betonte bereits anhand Strauß’ Erzählung Die Widmung aus dem Jahr 1977, dass das Überleben in einer solchen Gesellschaft stark von finanziellen Mitteln und weniger von sozialer Integration reguliert wird. Übergeordnet festzuhalten ist, dass die Fortentwicklung des einzelnen Menschen von der parallelen Entwicklung der umgebenden Gesellschaft abhängt und nur soweit möglich ist, wie es der Ausdifferenzierungsstatus der Gesellschaft zulässt. Komplexe ausdifferenzierte Gesellschaften verfügen über eine größere Menge potentieller Anschlusspunkte als segmentäre oder stratifizierte. In der Gesellschaftsgeschichte ist demnach eine zeitliche Entwicklung in Richtung einer steten Verästelung in kleiner und feingliedriger werdende Strukturen und Fragmente bei gleichzeitiger Erweiterung der globalen Erreichbarkeit zu beobachten. Dementsprechend verändert sich auch die von innen stattfindende Wahrnehmung der Außenwelt hin zu einer vergrößerten Oberfläche. Die Themenmenge in Beginnlosigkeit und die fiebrigen Sprünge zwischen ihnen verleihen dem Text einen äußerst hohen Komplexitätsgrad. Daneben betonen die Reflexionen über die theoretischen Grundannahmen neben jenen Beschreibungen der chaotischen Innenzustände von Individuen zugleich den Netzwerkcharakter der Außenwelt durch Verweise auf die »Gewebe der Mitteilungen« (B 32) oder das »Gitter der Wahrnehmung« (B 129). Die Netzdimension ist wichtiger Teil der hinter dem Text liegenden Form der Globalisierungskonzeption und spiegelt sich im schnellen Wechsel der Themen wider. 326 Niklas Luhmann: »Inklusion und Exklusion«. S. 242f. 197 3.5 Netz(werk)e. Die Außenwelt ist ein Netz in der Zeit Wie zuvor herausgearbeitet wurde, tasten und fühlen sich die Figuren und Erzähler an ihre Grenzen zur Außenwelt heran und erleben wegen dieser Annäherungsversuche ein Gefühl der Auflösung im Sinne eines Verlustes. Dieses Gefühl ist einer inneren Ausdifferenzierung in Verbindung mit der Selbststabilisierung geschuldet. Die Darstellungen zur Netzstruktur möchten die Bewegung der Außenwelt in Richtung der Individuen, wie Strauß sie in Beginnlosigkeit anstrebt, verdeutlichen. Im Zentrum dieser Überlegungen stehen die Muster, Modelle und Programme der Außenwelt, die in den Figuren zu Empfindung und Wahrnehmung umkodiert werden. Die Gestalt der äußeren Welt wird, wie oben bereits geschildert wurde, über die strukturelle Kopplung zu Impulsen an Nervenbahnen verarbeitet und trägt durch konstant erfolgende Stimuli zur Herausbildung und Stabilisierung eines Bewusstseins bei. Das Verständnis der Welt geschieht daher auf Grundlage eigener wiederholter und eben nicht anhand fremdverursachter Deutungen. Hierzu heißt es am Anfang des Textes: »Die Neuronenverbände feuern im Gleichtakt, bis zu vierzigmal in der Sekunde, es entsteht eine gleichlaufende Kurve von Sehimpulsen, Wahrnehmung beginnt. Bevor ein Gegenstand sich abzeichnet, bedarf es noch unzähliger Verknüpfungen, synchronisierter Schwingungspakete zwischen den einzelnen Verbänden…« (B 5) An dieser Stelle ist besonders die innere Netzstruktur hervorzuheben, denn die Wahrnehmung hängt von Verbänden, Verknüpfungen und der Synchronizität dieses Netzes ab. Die Außenwelt wird laut Strauß von inneren Prozessen zwar aufgenommen und umkodiert, nicht aber berührt und beeinflusst, es findet sogar eine bewusste Abwendung von der Welt statt, indem nur die Innenwelt von Interesse ist. Strauß präzisiert es als »Erforschung der einbefaßten Welt, des Großen Internums« (B 11), das einer ungeheuren Komplexität entspricht.327 Die Hinwendung zur Innenwelt ändert jedoch nur wenig, daran, dass die Außenwelt dennoch wahrgenommen wird, so lange das Bewusstsein aktiv ist. Bei Strauß heißt es weiter: 327 »Man schätzt, daß wir über rund 100 Millionen Sinneszellen verfügen, unser Nervensystem aber an die 10000 Milliarden Schaltstellen oder Synapsen enthält. Mithin sind wir gegenüber Änderungen unserer Innenwelt 100000-mal empfänglicher als gegenüber Änderungen in unserer äußeren Umwelt« (B 11). 198 »Der Geist macht lauter Konstruktionen wider die Natur. Vom Ursprünglichen oder Fundamentalen z.B., einer verbohrten Einbildung, gefährlichen Erfindung, weiß die organische Welt nichts. Sie besteht aus komplizierten Wechselbeziehungen, nicht aus grundsätzlichen Gründen.« (B 67) Strauß nimmt, indem er die Wahrnehmungen von Innenwelt und Außenwelt gegeneinander stellt, eine Doppelung vor und äußert, dass dem Gehirn der konkrete »Zugang zur Welt« (B 9, vgl. auch FDK 87) fehlt, während diese »organische Welt« unberührt weiterexistiert. Im Text werden immer wieder Welten entlang einer Differenzmarkierung gespiegelt und von innen nach außen und von außen nach innen projiziert. Die Verarbeitung der Globalisierung zeigt sich in Beginnlosigkeit auch ex negativo, das heißt, dass die Innen- und Außenwelt füreinander Umwelt bleiben. Wie Strauß herausstellt, entstehen menschliche Innenwelten durch Verknüpfungen und Impulsbahnen aus einem Neuronenfeuer, während die Au- ßenwelt als ein Netz aus Projektionen328 verstanden wird. Dirk M. Becker 328 Projektionen sind, wie Vilém Flusser feststellt, Merkmale des Übergangs, in dessen Verlauf sich die Wahrnehmung der Welt massiv verändert: »Auch die gegenwärtige Revolution ist von einem Umkodieren des Denkens gekennzeichnet. Wir sind dabei, das numerische, jetzt digital kodierte Denken in Linien, Formen, Farben, Töne, bald auch Volumina umzukodieren. Zu diesem Zweck haben wir Apparate (Plotter, Synthesizer, Holographen usw.) erfunden. Wir denken nicht mehr numerisch, sondern in diesen ›synthetischen‹ Codes (für die wir noch keinen Sammelnamen haben). Dieses unser Umdenken wird von den Kulturpessimisten als Rückfall ins bildliche, magische Denken gedeutet. Aber darin sind sie im Irrtum. Soweit sie überhaupt den Namen ›Bild‹ verdienen, deuten die neuen synthetischen Bilder auf die Gegenseite der hergebrachten: die alten Bilder be-deuten die Dingwelt und/oder das Subjekt dieser Dingwelt, die neuen be-deuten Gleichungen, Kalkulationen. Die alten Bilder sind Ab-bilder von etwas, die neuen sind Projektionen, Vor-bilder für etwas, das es nicht gibt, aber geben könnte. Die alten Bilder sind ›Fiktionen‹, ›Simulationen von‹, die neuen sind Konkretisationen von Möglichkeiten. Die alten Bilder sind einer abstrahierenden, zurücktretenden ›lmagination‹, die neuen einer konkretisierenden, projizierenden ›Einbildungskraft‹ zu verdanken. Wir denken also nicht etwa imaginativ magisch, sondern im Gegenteil einbildend entwerfend« (Vilém Flusser: Vom Subjekt zum Projekt: Menschwerdung. 24f.). Die Folgen daraus bedingen einen Übertritt oder Übergang in die Vernetzung: »Wir sind an einem katastrophalen Punkt angekommen, von dem ab es nicht weiter möglich ist, sich aus der Affäre zu ziehen. In der Richtung zu immer ›höherer‹ Abstraktion, die wir bisher eingeschlagen haben, geht es nicht weiter. Wir können uns an nichts mehr halten (wie es damals die Hände nicht konnten): weder an Dinge noch an uns selber. Aus dieser verzweifelten Notlage 199 führt die von Strauß angewandte Dialektik auf »Wahrnehmungspartikel« zurück, die für die: »Turbulenz des Entgleitens in der Reflexivität von Innenwelt und Außenwelt in der Hypostase allgewaltiger Information« verantwortlich sind und Strauß vermag laut Becker nicht mehr zu differenzieren zwischen »Welt« und »Ich«, die als die besagten »Wahrnehmungspartikel neben Tausend gleichberechtigten anderen« existieren.329 Beginnlosigkeit bringt diese Sichtweise in zahlreichen weiteren Prosafragmenten zum Ausdruck und eine veränderte Empfindung und Wahrnehmung der Welt als Netz(werk) ist die Folge. Problematisch ist hieran aus der Außenperspektive jedoch, wie auch Jürgen Daiber anhand der Chaostheorie konkretisiert, »das Wechselspiel von Determinismus und Unvorhersehbarkeit«330. Was real oder was fadenscheinige Wahrnehmung ist, hängt von der Deutung der Signale ab. Strauß zeigt durch seine Deutungen, wie die Außenwelt gestaltet wird und wie grundlegend sie von der den verschiedenen Formen und Ausformungen der Netzstruktur konstituiert wird. Ihre einzelnen Knotenpunkte ent- und bestehen durch vielfältige Verbindungen und bilden über Kommunikationen unter anderem Interaktionssysteme, soziale Systeme, technische Signale, Strukturen und Verknüpfungen. Der Untertitel Reflexionen über Fleck und Linie verweist darauf, dass Fleck und Linie meta-räumliche Kategorien für gedankliche Operationen repräsentieren. Strauß schreibt: »Alles Denken beginnt (im limbischen System) mit Gefühlstönen« und er meint damit, dass »›Gedanken […] Stereotypen oder Vereinfachungen von Gefühlstönen [sind] … Sie sind wie Karikaturen der Wirklichkeit‹. Der Fleck, die verlaufende, diffuse Form ist vor der Distinktion, und sie ist ›viel mehr‹ als diese« (B 70), der Fleck ist somit auch nicht eindeutig eingrenzbar. Gedanken bilden die Wirklichkeit lediglich nach. Der Fleck existiert in diesem Nachbildungsprozess vor der initia- (aus diesem Glaubensverlust) beginnen wir also zu projizieren – wobei ›wir‹ nicht als eine Gruppe von Individuen, sondern als ein vernetzter Dialog zu verstehen ist. Da wir uns nicht mehr identifizieren können, beginnen wir uns als Knotenpunkte eines dialogischen Netzes und dieses intersubjektive Netz als ein Relationsfeld hinzunehmen, von dem aus auf andere Felder Projektionen entworfen werden, wobei sich hinterrücks diese Felder wieder mit dem projektierenden vernetzen. Also stellt sich der Glaubensverlust, aus dem heraus wir projizieren, nicht nur als der Verlust eines Glaubens an Stützpunkte heraus – etwa an Gott, an die Dinge oder an den Menschen –, sondern noch mehr als der Verlust eines Glaubens an Orientierungsmöglichkeiten« (ebd. S. 26). 329 Dirk M. Becker: Botho Strauß: Dissipation. S. 82. 330 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 55. 200 len Beobachtung (der ›Distinktion‹).331 Aus dieser Perspektive ist der Fleck anfangs unbeobachtet; sein gesamter Inhalt (die Menge seiner Elemente) ist unsortiert und demnach ein »nicht konturierbar[es], in mehrdeutiger Gestalt sich verlaufend[es]« (B 71) Chaos, das erst durch die Beobachtung einer initialen Differenz und nachfolgenden Bezeichnung eine Ordnung erhält. Beobachtungen strukturieren das Chaos und die vorgenommenen Bezeichnungen erzeugen Linien darin. Wie Strauß weiter ausführt, heißt das: »Die Streuung, der Fleck sind weder Zerfall noch Übergang, sie enthalten vielmehr die gesamte Virtualität einer neuen Struktur, die, sobald ihr ganzer Aufbau erkennbar und stabil wird, bereits um ihr Bestes verarmt, um ihre energetische Fülle gebracht ist. Zerfall betrifft vielmehr das, was eine oder seine Richtung beizubehalten sucht. Jeder einzelne Ort ist Zerfall.« (B 72). Der Fleck wiederum dient als Symbol für das nicht-Lineare und damit für das Komplexe, er beschreibt auch die paradoxe Grundsituation, dass die inneren Weltdeutungsmechanismen über durchgeführte Beobachtungen relativ präzise beschrieben werden können, obwohl der vollständige Innenblick nicht möglich ist. Strauß’ Darstellung verweist zugleich darauf, dass die Welt nur durch die Beobachtungen, die das jeweilige Individuum anstellt, eine Kontur bekommt. Und diese ist folglich auch nicht universal, da jedes Individuum über eine spezifische Wahrnehmungsweise verfügt.332 Im Kontext der Zeitdimension von Beginnlosigkeit können jedoch die 331 Helga Arend beschreibt dies mit einem Blick auf mythische Anfänge auf ähnliche Weise: »Um das Ganze in einem Bild auszudrücken, ist der Beginn nicht, wie es sich im modernen Denken festgesetzt hat, darstellbar als Anfangspunkt einer Linie, sondern der Beginn ist ein diffuser Fleck, der nicht klar umrissen werden kann, weil er sich ständig wieder auflöst. Dieses Auflösen aber ist das Ende des Denkens von einem Anfang aus. An dieser Stelle kommt nun das Denken des Poeten wieder überein mit einer Theorie aus der Physik, die den Anfang abstreitet« (Helga Arend: Mythischer Realismus. S. 193). 332 Jürgen Daiber stellt zum inhärenten Widerspruch von Fleck und Linie fest: »[D]ie Kunst muß sich nicht entscheiden. Strauß verwendet Motive in seinen Werken, die sowohl durch Erkenntnisse euklidischer als auch fraktaler Geometrie beeinflußt sind. Er pendelt zwischen ›Fleck und Linie‹. ohne sich letztlich von einem der beiden Wahrnehmungsmodi vereinnahmen zu lassen. Die Kunst bewährt sich gegenüber den Gebilden des Chaos › in Lebensnähe … (ebenso wie) … in Lebenswidrigkeit‹« (Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 67). 201 Wahrnehmungen des Chaos und der Netze dahingehend sortiert und gedeutet werden, dass sich allgemeinere (aber nicht allgemeingültige) Aussagen über die Formen der Welt formulieren lassen. Die Form ist hier auch die Verankerung im Raum über Abgrenzung. Die zweite (beziehungsweise dritte sofern Raum und Bewegung als different angesehen werden) Kategorie ist die Zeit. Jürgen Daiber widmet Strauß’ Besprechung dieser weite Strecken seiner Untersuchung und thematisiert ein aus seiner Sicht elementares Problem im Umgang mit der Zeit, mit dem auch Botho Strauß umzugehen hat: »Der Mensch ist nicht fähig, die Beginnlosigkeit der Welt und damit die Beginnlosigkeit des Menschen zu denken. Unser Gehirn unterliegt einem zeitlich linearen Wahrnehmungsmodus. Unser Bewußtsein bedarf der logischen Filter von Identität, Differenz und Widerspruch, um die wahrgenommenen Wirklichkeitsdaten sprachlich vermitteln zu können. Unsere Sprache wiederum bewegt sich in einem semantischen Raum innerhalb dessen kein Satz ohne Vergangenheits-, Gegenwarts- oder Zukunftsform gebildet werden kann. Beides, Denken und Sprache sind somit untrennbar an das Axiom eines zeitlichen und räumlichen Beginns gekoppelt. Darüber ist sich Botho Strauß im Klaren. Er akzeptiert den ›Mythos des Anfangs‹ als notwendige Hilfskonstruktion für Seele und Geist, die unser Organismus zum (Über-)Leben benötigt.«333 Das Dilemma besteht für Daiber nun darin, dass Sprache eigentlich kein adäquates Mittel ist, um den komplexen Sachverhalt ›Zeit‹ zu beschreiben. Wie in den einleitenden Betrachtungen zum Mythos festgestellt wurde, krankt Zeitkritik daran, dass sie zugleich Sprachkritik ist. Alle Annäherungen an die Zeit vernichten sie zugleich. Für Strauß ist der Anfang (trotz oder vor allem?) mehr als das religiöse Narrativ. Zwar mag der siebentägige Schöpfungsprozess (für Glaubende) fesselnd sein, doch bewertet Strauß ihn, wie oben bereits festgestellt, lediglich als ein solches Narrativ. Es bleibt gewissermaßen die Wiederholung des Offensichtlichen und ist doch, trotz der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zum Ursprung der Welt, fest in kulturelle Riten und Alltagssprache eingebettet. Es treffen zwei Konzepte aufeinander, die beide auf Einbildungskraft beruhen. Nicht zu ignorieren ist jedoch, dass das Narrativ für Irritation sorgt, da es an ein 333 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 77. 202 vergangenes und vor allem dimensionsloses Zeitverständnis334 anknüpft. Friederike F. Günther stellt dazu fest, dass sich Strauß’ Text ähnlich Nietzsches Zarathustra zugleich als eine Gegenposition manifestiert: »Beginnlosigkeit und ewige Wiederkunft richten sich in erster Linie gegen etwas, und zwar gegen eine lineare Konzeption der Zeit, sei es der Weltzeit, der historischen Zeit oder auch der Zeit eines individuellen Lebens und Erlebens. Der Gedanke der Beginnlosigkeit ist eine Provokation, weil er dem 334 Im Subtext schwingt die Unvereinbarkeit verschiedener Weltsichten zu so unterschiedlichen Interpretationen wie »Lebensraum« und »Spiralnebelraum« mit. Die Raumanalyse Flussers vereint und trennt Mythos, Historia und Steady State zugleich, weist sie als Interpretationen einer ungeheuren Komplexität aus, die letztlich der Entropie geschuldet ist: »Wir können demnach den Spiralnebelraum (problematisch) berechnen und dann versuchen, dies in Worte zu übersetzen, um es uns vorzustellen. Was dabei herauskommt, sind verkrüppelte oder chimärische Worte wie ›gekrümmter Raum‹ oder ›Raumzeit‹. [...] Dabei wird immer peinlicher deutlich, daß Raum mit Zeit unentwirrbar vorgestellt und begriffen zu sein hat. Das ist peinlich, weil bisher diese beiden (sagen wir einmal) Dimensionen als miteinander verbunden (und nicht als ineinander verworren) erlebt und angesehen wurden. Zum Beispiel sah man die Zeit als eine Strömung im Raum, welche die sich dort befindlichen Dinge ordnet (mythische Sehart). Oder man sah den Raum als einen Kahn, der im Strom der Zeit in Richtung Zukunft getrieben wird, und daß dabei alle Dinge mitgerissen werden (historische Sehart). Oder aber man hielt den Raum für ein nach allen Seiten hin offenes Achsenkreuz (für unendlich) und die Zeit für einen zwar eindeutig aus der Vergangenheit zur Zukunft fließenden Strom, aber ohne Quelle und Mündung (für ewig). Dieses sonderbare Weltbild rechtfertigte man durch die Tatsache, daß etwas ›jenseits von Raum und von Zeit‹ unvorstellbar ist (so, als ob andererseits eine grenzenlose Zeit und ein grenzenloser Raum vorstellbar wären). [...] Es wird immer peinlicher deutlich, daß wir angesichts der Berechnungen des Weltraums all diese Vorstellungen, Weltanschauungen und Erfahrungen (also sowohl das mythische wie das historische Bewußtsein) aufzugeben haben. Es stellt sich nämlich bei den Weltraumberechnungen heraus, daß die Welt ein sich mit der Zeit ausdehnender Raum oder eine sich mit dem Raum zusammenziehende Zeit ist. Das läßt sich so in Worte fassen: die Welt ist genau so groß wie alt, weil nämlich beide Messungen (Dimensionen) ein und dasselbe messen. Aber es läßt sich auch dramatischer sagen: die Welt ist zeitlich und räumlich begrenzt (sie hat einen quantifizierbaren Durchmesser, ein quantifizierbares Gewicht und ein quantifizierbares Alter), weil der Tod in der Raumzeit in Form der Gleichung des Zweiten Grundsatzes der Thermodynamik vorprogrammiert ist« (Vilém Flusser: »Räume«. S. 75f.). 203 menschlichen Bedürfnis nach zeitlich-linearer Orientierung zutiefst widerspricht.«335 Die Provokation liegt auch darin, dass die von Strauß untersuchte und herbeigeschriebene zyklische Zeit, die auch mit einem allerdings nicht im Text verbürgten Kunstbegriff wie ›Immerzeit‹ benennbar wäre, Etabliertes und Tradiertes negiert. Beginnlosigkeit (als Text und als Idee oder Vorstellung) ist ein Angriff auf das Selbstverständnis des Menschen. Wie oben ebenfalls erwähnt, formuliert bereits der Paratext die zeitliche Sicht. Strauß kontrastiert in den Fragmenten die absolute Beginnlosigkeit der Außenwelt mit der absoluten Endlichkeit des Individuums, dessen Lebenszeit in Relation zur Geschichte des Erdballs sich auf einen Bruchteil eines Wimpernschlages beläuft. Strauß’ geäußerte Provokation führt zu einem Erkennen, dass die Welt anders erlebt wird (B 7) als zuvor und versucht zugleich Antworten auf die Fragen nach dem Wie und dem Warum zu finden. Strauß konfrontiert zwei Erkenntnisse miteinander: Umwelt ist zeitlich und räumlich unendlich, Individuen sind es nicht. Und dies bestimmt ihr Erleben der Welt sowie die abgeleiteten Modelle der Gegenwart. Zusammengefasst heißt dies: Das Beobachten von Fleck und Linie ordnet die Eindrücke und schafft orientierende Koordinaten, welche die Ausdehnung der Umwelt erfassbar machen. Strauß klinkt sich bildlich gesprochen in den von ihm vielfach beschworenen Zeitpfeil ein und entwickelt Teile seiner Erzählung entsprechend dieser Linearität. Der Fleck hingegen ist eine verdichtete stationäre Ansammlung von Knotenpunkten. Robert Rduch interpretiert ihn zu den vorherigen Überlegungen passend sehr abstrakt als etwas »Ahnungsvolles, Amorphes, Verschwommenes, Undurchdringliches und Irreguläres« und führt weiter aus, dass in ihm »alle Gegens- ätze aufgehoben« werden. Kürzer ausgedrückt ist laut Rduch der Fleck »eine reichere, diffuse Vorstufe des Gedankens«336. Diese Beobachtung erzeugt weitere optische Repräsentationen des Flecks, die ihn trotz der gewählten Beschreibungen (›amorph‹) näher umreißen. Die Linie hingegen ermöglicht es, Bewegungsverläufe zu erkennen, durch welche die Welt (immer noch verstanden als gesellschaftliches Konstrukt) erst existiert und sich exponentiell fortwebt und Anknüpfungspunkte schafft, jedoch sollte 335 Friederike Felicitas Günther: »Vom Sterben des Anfangs? Botho Strauß: Beginnlosigkeit«. S. 208. 336 Robert Rduch: »Fleck und Linie als metaphorische Instrumente einer Bilanz des 20. Jahrhunderts in Botho Strauß' Beginnlosigkeit«. S. 213. 204 Welt laut Strauß als eine sich immer wieder neu bildende fragile Konstruktion aus Beobachtungen verstanden werden, die sich bei intensiver Reflexion immer weiter vom Beobachter entfernt, bis nur mehr Leere (oder kybernetische Abhängigkeiten, Kontingenz und (Hyper-)Komplexität) bleibt: »Wie lange erträgt man es zu wissen, daß nichts dahintersteckt...? Daß wir mit unzähligen Schichten von Fäden, Geweben, Netzen vollauf genug haben, und auch der Geist nicht mehr tun kann als ein um das andere Mal die Fäden zusammenzuziehen oder anderswo aus Knäulen zu lockern, wie die Finger sich wechselnd zur Faust schließen oder zum Fühlen und Zupfen vorstrecken (was sich ihm auch bewandte, es mußte seinen Flecht- und Websinn ansprechen, sonst entging es ihm; es mußte mit ihm wirken, weben, binden, flechten, basteln ... Lieber handlich den unlösbaren Knoten als unfaßlich lang den offenen Faden).« (B 73) Die genannten Knoten sind nichts anderes als Bezeichnungen der Beobachtungen und sie schaffen eine vorläufige Ordnung der »Schichten« durch die entstandenen Verbindungen. Jedoch geht damit das Problem einher, dass Beobachtungen der Beobachtungen aus Strauß’scher Sicht die Komplexität der Umwelt – repräsentiert durch Fäden – nicht reduzieren, sondern das Verstehen erschweren. Strauß’ Dilemma im Umgang mit der Globalisierung ist in den Grundzügen immer gleich: Wie weit lässt das Individuum die Veränderungen der gesellschaftlichen Umwelt aus Freiwilligkeit oder Zwang an sich heran und in sich hinein? Und wie verarbeitet es die Folgen aus dem Eindringen der Welt? Strauß schwankt in den meisten Textstellen, die in der vorliegenden Arbeit zur argumentativen Untermauerung der Existenz einer Globalisierungskonzeption herangezogen werden, zwischen einer intensiven Beschäftigung mit der Welt und ihren Daseinsbedingungen und einer völligen Abkehr von der Welt. Der »unlösbar[e] Knoten« und der »offen[e] Faden« sind, dies darf nicht übersehen werden, aus demselben Material und in sich ebenfalls schon eine Verbindung. Die Knäuel-Struktur der Verbindungen lässt, um weiter mit dem Bild zu operieren, ein Verfolgen der einzelnen Fäden nur unter erschwerten Bedingungen zu. Das von Strauß an dieser Stelle geschilderte Verhalten des Fadens, der sich an einer Stelle spannt, wenn an anderer Stelle die Verbindungen gelöst werden, beschreibt metaphorisch den Umgang des Individuums mit dem Gesamtgefüge. Der »Knoten« ermöglicht durch Anschlüsse die Teilnahme an der Welt, der »Faden« hingegen steht für Exklusion aus der Umwelt, da die unmittelbaren Anknüpfungsmöglichkeiten fehlen. 205 Das Knotengewirr der Umwelt, für Strauß gleichbedeutend mit dem Fleck, verliert durch Reflexionen seine klaren Umrisse und entpuppt sich als noch kleineres und engeres Geflecht von Knoten. Der Vorgang des aktiven Beobachtens enttarnt zum einen die Schärfung des Blicks und zum anderen, dass die innere Struktur des Flecks eine fortlaufende Ausdifferenzierung ist. Knoten symbolisieren in diesem Fall Momentaufnahmen eines fortlaufenden Prozesses. In der Reflexion über das Phänomen Beginnlosigkeit setzt Strauß daher auch grundsätzlich voraus, dass es eben keinen eigentlichen Anfang, sondern nur Standbilder von Sequenzen gibt.337 Um Verständnisschwierigkeiten vorzubeugen, darf an dieser Stelle nicht ausgeblendet werden, dass sich Hoyles Theorie von der Urknalltheorie abgrenzt, indem sie von einem Zustand des Immerwährenden ausgeht, wodurch auch Gedanken an eine geschichtliche Darstellung möglich werden. Christine Winkelmann formuliert (übrigens schon einige Jahre vor der Veröffentlichung von Beginnlosigkeit) in ihrer Untersuchung zum ›großen Gefühl‹ bei Strauß einen an Paare, Passanten angelehnten Gedanken, der die Differenz von Fleck und Linie als historische Kategorien vorwegnimmt: »Verstehen wir ›Geschichte‹ als Beschreibung einer Bewegung, so läßt sich bei Strauß ein linearer Geschichtsbegriff erkennen: von einem fiktiven Ursprung aus entwickelt sich die Geschichte weg. [...] Neben der Linearität wird an diesem Geschichtsbegriff [der Indifferenz, S.P.] hier ein weiterer entscheidender Aspekt deutlich: Da ist ein Riß in der Entwicklungslinie – der Faden ist gerissen. Doch es wird weitergestrickt. Unter dem offenen Ende setzt sich die Bewegung fort und schlingt sich um sich selbst. [...] Was damit beschrieben wird, ist der Sprung aus der Zeit in die Welt der Simulation: die Menschheit lebt inzwischen in einer Kunstwelt, die weder 337 Vgl. dazu auch die folgende Stelle in Der Untenstehende auf Zehenspitzen: »In der Kultur war der Urknall die Sprengung des Mythos. In unzähligen Substanzen fliegt er um uns und durch uns hindurch. Die zunehmende Entfernung vom gesprengten Einen, dem religiösen Glutkern, wird angeblich nie wieder rückgängig. Neuere Theorien über das Schicksal des Universums legen nahe, daß es nie wieder kontrahieren, nie wieder ineins, zu seiner Gänze zusammenstürzen wird. Mit anderen Worten, auch unser ins Unendliche auseinanderfliegende, hinausgestreute Geist müßte wie das All irgendwann zum Stillstand kommen, auskühlen und veröden« (UAZ 43). 206 von Gott noch vom Menschen beherrscht wird. Wir leben in einem ›langsamen gewaltigen Aufbruch in eine geschichtslose, statische Epoche.‹«338 Der Riss steht für den Differenzmarker zwischen der linearen Fortschreibung und der zyklischen Reparaturbewegung. Winkelmanns Bild ist deswegen so treffend, weil es die Unterbrechung und die Wiederaufnahme gleichzeitig trennt und vereint. Geschichte wiederholen – und korrigieren – zu können, erweist sich als Irrglaube in der Realität, einzig innerhalb der Kunst können solch korrigierenden und damit kontrafaktischen Wiederholungen inszeniert werden, auch wenn dies – wenig überraschend – in einem künstlichen setting geschieht. Auf diese Weise wird das Kunstprodukt zu einem Gegenentwurf, oder nach Alexandra Ludäscher zu einer »Gegenwelt«. Genauer noch: »Kunst wird dadurch in Bezug auf die vom Autor [...] kritisierte gegenwartsbesessene, da medial bestimmte Gesellschaft, zur Gegenwelt«339. Entscheidend für solche Wiederholungen ist, zu welchen Anschlusshandlungen sie führen, das heißt, ob sie in der Lage sind, Verhaltensänderungen bei den Rezipienten zu erzeugen. Konkret, ob zum Beispiel die Novelle Die Unbeholfenen dem Leser ein besseres Verständnis der Gesellschaft vermitteln kann oder ob eine Lektüre der Widmung Liebeskummer leichter ertragen lässt. Ähnlich erläutert Jürgen Daiber es, wenn er nacherzählt, wie Strauß »[d]as Zeitmaß der Kunst und die kybernetische Zeit« miteinander verbindet – Daiber interpretiert »den Prozeß der Rückkoppelung« dahingehend, dass er »zu einer Verbesserung seines [d.h. des Systems, S.P.] zukünftigen Verhaltens«340 führen soll. Daibers Sicht ist stark von der naturwissenschaftlichen Perspektive geprägt, wodurch Zeittermini von der Alltagsbedeutung abweichen können. Trotz der genannten und plausibel klingenden Gegenwelt bleibt grundlegend das Dilemma bestehen, dass für Strauß eine lineare und eine zyklische Zeit konkurrieren und er diese Annahme in Beginnlosigkeit poetologisch auf die Spitze treibt und sie so stark wie nur irgend möglich strapaziert. Wenige Jahre später distanziert er sich von der strikten Trennung, indem er in Die Fehler des Kopisten (1997) die zyklische Zeit als Jahreskreis den äußeren Rahmen für eine 338 Christine Winkelmann: Die Suche nach dem ›großen Gefühl‹: Wahrnehmung und Weltbezug bei Botho Strauß und Peter Handke. S. 46f. Das Binnenzitat stammt aus Paare, Passanten. 339 Alexandra Ludäscher: »›Sein ist Gesehenwerden‹: Spielarten des Sehens bei Botho Strauß. Zwischen Krise und Schöpfung«. S. 153. 340 Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 95. 207 Reflexion über die Tücken und Konsequenzen der linearen Zeit bilden lässt.341 3.6 Die Einheit der Differenz I: Systemtheoretische Perspektiven Als Erweiterung und Perspektivierung der bisher analysierten Themenfelder, die Strauß in Beginnlosigkeit bespricht, sollen nun systemtheoretische Sichtweisen auf die Globalisierung und daran angegliedert die Zeit, den Raum und die Vernetzung gesondert diskutiert werden. In Die Kunst der Gesellschaft formuliert Niklas Luhmann die Entstehung der initialen Beobachtung folgendermaßen: »Der Begriff der Form im differenztheoretischen Sinne setzt deshalb die Welt als ›unmarked State‹ voraus. Die Einheit der Welt ist unerreichbar, sie ist weder Summe, noch Aggregat, noch Geist. Wenn eine neue Operationsreihe mit einer Differenz beginnt, die sie selber macht, beginnt sie mit einem blinden Fleck. Sie steigt aus dem ›unmarked State‹, in dem nichts zu sehen ist und nicht einmal von ›Raum‹ gesprochen werden könnte, in den ›marked State‹ ein, und zieht, indem sie sie überschreitet, eine Grenze. Die Markierung erzeugt den Raum der Unterscheidung, die Differenz von ›marked space‹ und ›unmarked space‹. Sie wählt (irgendwie) aus unendlich vielen möglichen Unterscheidungen eine aus, um daran eine Beschränkung für den weiteren Aufbau des Kunstwerks zu finden. Sie kann mit Hilfe der ersten Differenz die eine von der anderen Seite unterscheiden, um im 341 Diese werden exemplarisch durch das Altern der Mutter und des Sohnes verdeutlicht. Der Text markiert eine Abgrenzung gegen die Gesellschaft, Strauß verlegt die Handlung in die von der Natur bestimmte Uckermark. Die Mutter befindet sich auf dem Weg aus der Gesellschaft, der Sohn auf dem Weg hinein. Strauß selbst positioniert sich mahnend in der Mitte. Die 2015 erschienene Erzählung Herkunft demonstriert nochmals schlüssiger, wie sehr der Rückzug ins Private für Strauß gleichbedeutend mit dem Rückzug aus der globalisierten Gesellschaft ist. Strauß resümierte in Mikado die Rückzugsgründe in aphoristischer Form: »Wenn man es ganz ins Enge treibt und alles Überflüssige wegnimmt, so bleiben am Ende nur zwei Grundformen des menschlichen Daseins: die Suche und das Warten. Ebenso, von allen Varianten abgesehen, gibt es nur zwei radikale Räume auf der Erde: die Höhle und die Wüste« (MIK 56). Oniritti Höhlenbilder aus 2016 baut grundlegend auf einer weiteren Entziehung auf: Eine Vielzahl der Fragmente propagiert den Eintritt in Höhlen; tatsächliche, erdachte, erträumte oder dunkle, abseitige Gedankenpfade. Strauß umreißt abgewandte Gegenwelten, zelebriert das Nachtseitige unterhalb der gewohnten Sicht- und Wahrnehmungssphäre. 208 marked space die nächste Operation anzuschließen. Das Unterscheiden dient dem Dirigieren von Anschlußoperationen.«342 Der »Raum der Unterscheidung« entspricht dem Fadenriss, durch den die Linie (eben auch: »›unmarked space‹«) den Fleck (»›marked space‹«) ermöglicht.343 Die initiale Unterscheidung schafft einen Raum und greift über diesen und in diesem die Beginnlosigkeit an und führt über Folgebeobachtungen zu einer sich langsam herausbildenden Kontur. Ohne Raum kann in Strauß’ Sinn die Zeit nicht existieren. Das Kerndilemma seiner Untersuchung liegt in der Frage, was vor der thematisierten Beginnlosigkeit liegt. Sie ist nicht zu beantworten, denn nicht dahinter blicken zu können, ist eine zu akzeptierende Grundbedingung dieser Überlegungen. Dies ist der blinde Fleck in Beginnlosigkeit. Die Frage kann jedoch umgangen werden, indem stattdessen die Initialbeobachtung als Anfangspunkt eines langen Reflexions- und Verstehensprozesses angenommen wird. Durch einen solchen Noteinstieg – den ›fiktiven Ursprung‹ (Winkelmann) – in die Zeit erlauben diese theoretischen Ausgangspunkte Strauß auch, von »ursachenlosen Prozessen im Aufbau der Welt« zu sprechen, in denen »der diffuse Fleck eines vielgestalten Verstehens« einzelne »Linien und Gründe« gleichermaßen aus dem Blickfeld eliminiert (B 29). Das Fehlen eines Anfangs stellt aus dieser Sicht folglich keinen Malus mehr dar. Es geht Strauß einzig darum, jenen Teil der Umwelt zu verstehen, den das Individuum durch Weben, Anknüpfen und Reflektieren wahrnehmen kann. Es gilt daher auch, dass eine Erstunterscheidung es ermöglicht, ›das Erste und das Blo- ße‹ zu unterscheiden. Nach Luhmann eine Grenze zwischen einem nicht näher bestimmten Vorher und jenem nun im Fokus stehenden Teil der Welt zu ziehen. So werden Beobachtungsprozesse angeregt, die Verstehen 342 Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft. 51f. 343 Luhmann bezieht sich hier explizit auf die Beobachtung der Welt durch Kunst, der blinde Fleck liegt am Anfang jedweder Unterscheidung. Vgl. hierzu auch den Essay »Erkenntnis als Konstruktion«, in dem es heißt: »Es ist nur eine andere Bezeichnung für denselben Sachverhalt, wenn wir sagen, die Unterscheidung, mit der ein erkennendes System jeweils beobachtet, sei ihr ›blinder Fleck‹ oder ihre latente Struktur. Denn diese Unterscheidung kann nicht ihrerseits unterschieden werden; sonst würde eine andere, eben diese, als Leitunterscheidung verwendet werden und dies seinerseits blind. Und wieder dasselbe ist gemeint, wenn man sagt, daß alles Beobachten eine Grenzziehung, einen Schnitt durch die Welt, eine Verletzung des ›unmarked space‹ voraussetzt und erzeugt« (Luhmann: »Erkenntnis als Konstruktion«. S. 224). 209 über ein differenzgestütztes Auflösen in der unendlichen Netzstruktur ermöglichen. Eintauchen in die immer feiner werdenden Verbindungen öffnet auch den Weg zu einem Verstehen der Komplexität der Umwelt, wie Strauß in Bezug auf das Verstehen äußert: »Denn ein Verstehen, das sich nicht auflöst, versteht nicht. Daß aber gleichwohl das Elementare vorausgesetzt werden muß, damit wir die Tragödie verstehen, daß es schon deshalb in der Seele konstruiert werden muß, selbst wenn es in der Welt sonst nirgends zu finden wäre. Irgendwo müssen wir dem Ersten und Bloßen begegnen in einem Raum, der nur aus Ornamenten und Fiorituren der einen Vielfältigkeit besteht. Gewiß, man wird sich damit abfinden: alles schwelgt, webt und bezieht sich, aber der Einschlag der Unlösbarkeit –« (B 29f.) Wie von Luhmann und Strauß unabhängig voneinander bei erstaunlich großer Schnittmenge dar- und festgestellt wird, definiert die Erstunterscheidung die Kette der Beobachtungen und entsprechend auch das Ergebnis und die Form dieser. Die chaotische Struktur des Suprasystems Welt zielt primär nicht auf Schönheit ab, sondern auf Fortbestand. Die stabile Selbstreproduktion ist das elementare Daseinsmerkmal der Welt. Einzig das in Kunst, im Künstlichen und im Künstlerischen manifestierte Bild der Welt operiert anhand der Leitdifferenz schön/nicht-schön und nur hier findet sich ein Ort für Ästhetik: »Verknüpfungswerke sind derb und ungleichmäßig. Sie scheuen den Webfehler, die Unschönheit nicht. Sie suchen nur: Dichte, Zerreißfestigkeit. […] Die Kunst hat sich in Lebensnähe ebenso bewährt wie in Lebenswidrigkeit, in der organischen Metamorphose genauso wie im konstruktivistischen Gegenbild. Fleck und Linie, Markt und Orden, Formel und Netz. Dazu noch gilt: das Künstliche ist organisch wie das Organische. Der Geist bringt kristalline wie vegetabile Formen hervor.« (B 67f.) An diese Beobachtung schließt sich die folgende thematisch an und ist ein erneutes Eindringen in die mikroskopisch kleine Knäuelstruktur des Flecks bei gleichzeitiger Abgrenzung zur räumlichen Ausdehnung der Welt: »Was ist der Raum der äußeren Ausdehnung schon verglichen mit der Vermehrung in der Enge! Die Verfilzung von Gefügen und Strukturen ist das gewaltigste organische Programm, nicht die Ausbreitung, Entfaltung« (B 75). Dass Strauß »Dichte« und »Zerreißfestigkeit« als die stabilisierenden Fakto- 210 ren anführt, bestätigt seinen Ansatz, in den Auflösungsprozessen feste(re) Wegmarken zu setzen und »Ausdehnung« und »Enge« als Einheit zu sehen. Eine der motivisch variierten Differenzen in Beginnlosigkeit äußert sich in unterschiedlichen Raum-Dichotomien. Bereits beschrieben wurde die Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelt mit ihren unterschiedlichen Attributen, zum Beispiel Weite der Umwelt, Enge des Individuums, Bewegungen in Richtung von Systemgrenzen oder auf das Netzwerk bezogen die unterschiedlichen Festigkeiten des Netz(werk)es. Dies sind verschieden ausgeformte Positionierungsversuche, die einerseits als ein Bewegungsmuster aus Anziehung und Abkehr sowie andererseits als sich an die Erstunterscheidung anfügende und auf Binäroppositionen beruhende Operationen gesehen werden sollten. Die Gegensätze und Grenzziehungen ermöglichen erst die Positionierungen und das Herantasten an etwas möglicherweise Greifbares in der Leere der Welt, wie Strauß entlang eines Mäanderns oder Oszillierens verdeutlicht: »Kommen und Gehen, Auf und Ab, Wiege und stetes Schwanken. Dieselben Dinge nähern sich, entfernen sich. Dieselben Dinge sind heute ein Geheimnis, morgen eine öde physische Gegebenheit. Das Erkennen schaukelt wie ein leerer Kahn auf den Uferwellen. Du kannst dich nicht dagegen wehren, dreimal in der Minute vom Nichts berührt und vom Leben zurückgerissen zu werden. Man zählt die Welt mit 0 und 1. Das ist bezeichnend genug. Aus der hellen Freude, die schon das Kindchen hat, wenn ein Augenpaar über der Tischkante auf- und abtaucht, entsteht der Taktschlag des Wissens. Annäherung und Rückzug, heißt es, bilden die Vorläufer von Ja und Nein. Wen wundert es, daß wir nirgends so geborgen schwanken wie zwischen echten Gegensätzen? Es ist die schaukelnde Welle, die mit dem Licht spielt, die eckig glitzert wie ein Kristall, die weder Kamm noch Schaum bildet, deren Geschichte nicht in Fortbewegung zählt, sondern in Lichtwechseln, Reflexen, Windmalen, in den Besuchen der Insekten auf ihrer gespannten Haut. Man war diese flache Welle und schaukelte ohne Ziel und Drang vom Mutterleib bis zum Abtransport.« (B 57f.) Interessant an diesem Fragment ist auch, dass dem Individuum teilweise abgesprochen wird, selbstbestimmt navigieren zu können. Wie zuvor das Verstehen benötigt auch das Ausloten der Gegensätze gelegentliche Rückwärtsbewegungen, um die ungefähre Ausdehnung und Bedeutung des Weltganzen abschätzen zu können. Eine (dennoch begrenzte) Rückgewinnung der eigenen Bewegungs- und Deutungshoheit geschieht über eine strukturelle Kopplung an die Umwelt, die es durch entsprechende Verste- 211 hensoperationen ermöglicht, den einströmenden Signalen einen rudimentären Sinn abzuringen. Strauß inszeniert ein »Rauschen und shiften« von »Abstraktionen«, die ihrerseits »beruhigen oder erregen wollen«, und betrachtet diese Begrenzung auf nur zwei Zustände als »das Schwarz-Weiß, die binäre Wahl der Sekrete, Hüpfer oder Dämpfer«, denn die höheren Abstraktionen sind unmittelbar mit den Neurotransmittern verbunden« (B 73). Beruhigung und Erregung markieren die Außenpunkte jenes Empfindungsspektrums, das nicht mit dem Bewusstsein verbunden ist. Strauß skizziert hier organisch-physiologische (und somit unterbewusste) Reaktionen auf das Rauschen der Welt, die außerhalb eines bewussten Wahrnehmens und Verstehens liegen. Dies ist mit anderen Worten eine Deutung der Welt auf der Ebene des unmittelbaren, instinktiven und nichtgefilterten Erlebens. Auf dieser Ebene wird die Umwelt nur erlebt, nicht beobachtet und nicht beschrieben und ist vergleichbar mit der Unterscheidung zwischen psychischen und organischen Systemen. Letztere erleben ihre Umwelt lediglich, psychische Systeme hingegen sind aufgrund des Heranreifens eines Bewusstseins (und Kommunikationsfähigkeit) zu gesteuerten Anschlüssen fähig; der Versuch zeigt sich auch in Beginnlosigkeit. Für das Verständnis dieses Teilaspektes ist es erforderlich, die einströmenden Signale sinnvoll kodieren zu können, um zugleich eine Grenze zwischen dem abgekoppelten Instinkt und dem mit den Netzprojektionen (in) der Umwelt verbundenen Bewusstsein zu ziehen. Hierbei wird, wie Strauß feststellt, zugleich ein räumlicher und zeitlicher Zwischenraum abgesteckt, der »eine tatsächlich unbekannte Welt verlorener Zusammenhänge, die man weder wachend noch träumend je erfuhr« (B 26) repräsentiert. Für Strauß der Anlass, mit einer Reflexion über die Zeit fortzufahren und erneut auf den steady state hinzuweisen: »Man hat dann das Gefühl, eine hinter allen Schnelligkeiten hausende, verlaufslose Welt zu betreten, in der die Zeit, noch fein gefaltet, eng geschichtet, sich verbirgt, vergleichbar dem Stratum geologischer Formationen« (B 26). Strauß weist der Zeit dieselben Attribute wie dem Fleck zu; beide sind gefaltet, geschichtet, verbergend. Es treffen unter dem zeitlichen Aspekt »der Raum der äußeren Ausdehnung« und die »Vermehrung in der Enge« (B 75) zusammen. Die gleichzeitige äußere und innere Ausdehnung entzieht der Zeit die Referenzpunkte. Diese Form der ästhetischen Repräsentation der Globalisierung lässt den »Zeit-Raum [wachsen], in dem die Nicht-Mehrs schwinden. Es kehrt, es könnte in sprunghaften Fristen manches wiederkehren, so daß man die Zeit nicht mehr nach Zyklus und Pfeil unterscheidet, sondern sie wie das 212 Ganze eines Gedächtnisses durchreist, das selbsttätig, inwärts, eher nach neuronalen als historischen Prinzipien sich erinnert … Auf dem Weg aber werden wir klein und kleiner sehen, immer enger und innerer sehen, Anschauung verlieren, Wälder vergessen, Zaun und Fluß nicht mehr unterscheiden, Fels und gepuderte Wange nicht – aber den Gedanken selber erblicken in seiner endlosen Knospe. Um dann noch inwendiger zu sehen, wie er aus einer kosmischen Menge verschalteter Flecken und Fasern gemacht wird in einer wortlosen Sprache, und schließlich begreifen, daß wir durch und durch retikulär sind: ein Netz-Wesen, das nur noch Netz erkennen kann.« (B 49f.) Diese Stelle beschreibt recht anschaulich die Mechanismen der Ausdifferenzierung und Globalisierung in Bezug auf die Netzstruktur der Umwelt sowie die bewusste und differenzverursachte Blindheit für alles, was sich außerhalb der Differenz befindet. Die Binäropposition wird in der Anwendung zu einem Schlüssel, mit dem sich die Umwelt deuten lässt, und ermöglicht durch Ausblendung anderer Aspekte die Reduktion von Komplexität durch selektive Wahrnehmung. Viel später in Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit (2013) reduziert Strauß diese Überlegungen auf die Frage, ob ›man vor der Welt noch die Augen verschließen könne‹ oder ob man einer »einheitliche[n] Schattenwelt [...] beigemischt« sei (LDT 160). Zugleich verdeutlicht Strauß in Beginnlosigkeit ein weiteres Mal die »grenzenlos[e] Oberfläche« (B 37) der Welt, die, mit der Umwelt zusammenfallend, ein überkomplexes Konglomerat aus unterschiedlichsten Anschlussmöglichkeiten besitzt. Aus dem notwendigen Richtungschaos leitet Strauß ab, dass Stillstand den Fortbestand gefährden würde: »Zerfall betrifft vielmehr das, was eine oder seine Richtung beizubehalten sucht. Jeder einzelne Ort ist Zerfall« (B 72). Dass Strauß hier die Entropie, die zugleich ein Zeitgebundener Prozess ist, in Bezug zu Orten setzt, dient auch dem Zweck zu erklären, dass zu starke Regulierungs- und Beeinflussungsversuche durch den Menschen den Fortbestand gefährden würden, da die Umwelt (als das System, das sie ist) sich selbst und dabei gegen die Entropie reproduziert. Das einzelne Individuum bleibt solange unbedeutend, bis das System ›Umwelt‹ über die Annahme oder Ablehnung der vom Individuum bereitgestellten Leistung entschieden hat, das heißt Partizipation erlaubt oder auf eine beibehaltene Exklusion aus dem System besteht. Und auch hier gilt erneut, dass einerseits das Individuum die Welt nur über Teilnahme an ihr erfahren kann, während andererseits die Welt von der Existenz oder Nichtexistenz einzelner Menschen unbeeinflusst bleibt, solange dem System Input in Form von Leistungen angeboten wird (vgl. B 56). Dass Sys- 213 temtheorie die Argumentations- und Inhaltsstruktur des Textes Beginnlosigkeit maßgeblich beeinflusst, drückt Strauß bereits auf den ersten Seiten aus. Die autopoietischen Steuerungsoperationen werden an diversen Stellen direkt, wie zum Beispiel in einer auf Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Francisco Varela verweisenden Fußnote (B 8), oder auch indirekt thematisiert, z.B. durch die oben angeführten Erzählweisen oder die Art der Bezugnahme.344 Zahlreiche der von Strauß angesprochenen und verarbeiteten Themen finden Entsprechungen in der von Luhmann weiterentwickelten beziehungsweise erarbeiteten Systemtheorie. Der folgende Grundsatz durchzieht das Werk von Luhmann an unzähligen Stellen und umfasst in Soziale Systeme weite Teile des Textes, aber ist im hier gewählten Essay knapper formuliert: »Unser Ausgangspunkt ist wieder: Kein System kann seine eigenen Operationen außerhalb seiner Grenzen durchführen. Jede Erweiterung der Operationsmöglichkeiten, jeder Zuwachs an Komplexität heißt eo ipso: Ausdehnung des Systems. Daraus folgt, daß kein System seine eigenen Operationen zur Erstellung eines Kontaktes mit der Umwelt einsetzen kann; denn das würde es erfordern, daß die Operationen zum Teil, sozusagen mit einem Ende, außerhalb des Systems stattfinden. So kann kein Gehirn Nervenimpulse verwenden, um außerhalb des Gehirns nach anschlußfähigen Nervenimpulsen zu suchen. Kein Bewußtsein kann operativ aus sich herausdenken, obwohl es natürlich in sich an etwas anderes denken kann. Kein Gesellschaftssystem kann mit seiner Umwelt kommunizieren.«345 344 Für eine kurze Zusammenfassung der biologischen Systemtheorie in Kombination mit den Mechanismen der Sinnesorgane sei auf Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft (S. 155) verwiesen. Die Luhmann’sche Weiterführung ist ergiebiger, vor allem auch im Hinblick auf die anderen Analysen in der vorliegenden Arbeit, sie gewährleistet eine größere Kohärenz. 345 Luhmann: »Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt?«. S. 130. Mit dieser Aussage zur inneren Systemstabilisierung über Kommunikation korrespondiert ein Fragment aus Beginnlosigkeit, das sich der Sprache widmet. Systemtheoretisch betrachtet ist Kommunikation zwar mehr als nur der Austausch sprachlich kodierter Botschaften, die Analogie in der Aussage ist dennoch verblüffend, da Strauß ebenfalls Mechanismen der inneren Stabilisierung beschreibt: »In der Sprache geht es, was den Zuwachs an Komplexität betrifft, geschichtlich offenbar umgekehrt zu wie bei der Entwicklung des Wissens, der technischen oder biologischen Formenwelt. Ältere Sprache befördert ein komplexeres Verstehen als neuere, technisch angepaßte. Sie ist einfach reicher, nicht unbedingt im Vokabular, sondern reicher in der ›Vernetzung‹ des Verstehens. Besitzt mehr ›Anklang‹, wie Heidegger sagen würde. Ornamentaler und stärker auf sich selbst bezogen, 214 Dass das Individuum in Beginnlosigkeit wie in der systemtheoretischen Sicht nicht ein Teil der Umwelt werden kann, wurde im vorherigen Abschnitt bereits dargelegt. Im Umkehrschluss kann auch die Umwelt nicht Teil des Individuums in seiner Funktion als psychisches System werden. Eine strickte Grenzziehung verhindert es. Strauß beschreibt an einer Stelle explizit die vielschichtige Umwelt als ein großes operativ geschlossenes Supra-System, an das kommunikative Anschlüsse immer nur bis zur Grenze, aber nicht darüber hinaus möglich sind. Die besondere Art des Zwischenfazits bezeichnet, unter welchen Bedingungen die Systemgrenzen überwunden werden können, wie der nächste Abschnitt aufzeigen wird: »Die große Regierung, die unerlaubte, mit ihren gewaltigen Quadraturen und kollektiven Ritualen, zentraler Macht und gezirkelter Ordnung ruht hinter geschlossenem Lid in einer imaginären, eigens für sie geschaffenen Schattenwelt. Lebensförmige Ordnung glauben wir inzwischen erkannt zu haben und praktizieren sie mit offenkundigem Erfolg. Markt, Netz, Autonomie, den ganzen ausladenden demokratischen Strukturenbaum vergleichen wir dem Meisterwerk des menschlichen Organismus selbst. Herrschaft aber aus der Quelle des Todes, Architektur der gebändigten Linie, kurz, das ästhetische Recht auf ein anorganisches Leben, kann sich nur in nächtlichen Konstruktionen erfüllen, das monumentale Imperium […]; es bleibt insgesamt der Gegenwart der Kunst vorbehalten, die freilich oft mit solch dunklen Assoziationen unangemessen leicht betört.« (B 71) Das Supra-System Gesellschaft ist die von Botho Strauß so genannte Schattenwelt, die sich an den Prinzipien biologischer Einheiten wie dem Menschen orientiert. Viel eher sollte man den Begriff Projektion statt Schattenwelt verwenden. Die nur kurz angerissene Möglichkeit der Grenz- überschreitungen besitzt beispielsweise die Kunst, in der derartige Überschreitungen möglich sind. Kunst (wie Träume und Wahnvorstellungen bewegte sie Dimensionen der Unterscheidung, der Integration, die wir eigentlich jetzt erst im vollen Umfang gebrauchen könnten. Ältere Sprache erweist sich folglich oft als das empfindlichere Instrument, um neue Nachrichten zu sondieren. Gerade dort, wo sie gewahrt, was sie nicht bei sich selber gewahren kann, wo sie auf eine prinzipielle Fremd-Sprache stößt, Formel und Zahl, reagiert sie mit einer Verdichtung von Bild und Gedanke, mit einer Steigerung ihrer internen Spannkräfte. Das komplikative Verstehen, das eingefaltete, anstelle des explikativen, wird dann zu ihrer »Neuheit«. Ältere Sprache also im Entstehen, nicht aber: alternde Sprache oder gar Sprache ›im alten Stil‹…« (B 80). 215 auch) ist von den durch einen gemeinsamen Konsens als normal akzeptierten Konstitutionsbedingungen der Gesellschaft losgelöst. In ihr ist möglich, was in der sozialen Wirklichkeit (um nicht reale Realität zu sagen) nicht möglich ist. Auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand bezogen (sowohl das Einzelwerk als auch das Œuvre) erlaubt das Kunstwerk Text eine exemplarische Beschreibung dessen, was innerhalb der Systemtheorie als die ›Einheit der Differenz‹ bezeichnet wird. Strauß beschreibt Einzelaspekte und übergeordnete Zusammenhänge. Die indifferente Systemgrenzüberschreitung der Kunst thematisiert Strauß schon in »Die Erde – ein Kopf«. Das vorherige Kapitel setzte die folgende Äußerung bereits in einen größeren Zusammenhang, jedoch ist im Detail aus ihr auch ableitbar, wie Strauß sich Differenzen und den entsprechenden Einheiten nähert: »Was ist Glashaus, was ist Welt? Was innen, was außen? Was Automat und was Organ? Nicht mehr zu unterscheiden. Wir fühlen unseren Kopf Globus werden und gehen auf einer Erde, die sich anschickt, ein einziger Kopf zu werden. Die verschaltete Welt ist das komplette artificium, die künstliche Kunst nur ihr oberster Verdichtungsgrad. Das hermetische Lustspiel ist kein satirisches Gleichnis mehr, sondern inzwischen ein Gestaltteil, Modul einer radikal erfundenen Wirklichkeit. Wir haben im Höchstkünstlichen noch ein mal die ganze Welt. Kein Einlaß, kein Auslaß: nach Schließung des Kunstwerks.« (ERD 25f.) Strauß kommuniziert in Literatur über Systemtheorie und ihre Mechanismen und überführt diese in seine Argumentation und Reflexion zur Beginnlosigkeit und in Verlängerung zur Globalisierung. Beginnlosigkeit kann im Subtext als ein verhältnismäßig weitläufiger Kommentar zur Systemtheorie gelesen werden, der deren Formen und Konsequenzen durch Anwendung systemtheoretischer Prinzipien literarisch ausleuchtet. Die Intention hinter dieser doppelten Aussagestruktur besteht darin, dass Strauß systemtheoretische Beobachtungs- und Reflexionsweisen anwendet, um Beschreibungen der gesellschaftlichen Ausdifferenzierungen erzeugen und formulieren zu können. Sie führen zu literarisch-ästhetischen Repräsentationen und Diskussionen der globalisierten Gesellschaft, wobei der Fokus häufig nicht auf konkrete Globalisierungsmechanismen gerichtet ist, sondern die Konsequenzen der Veränderung sowie der Globalität aufzeigen will. In Beginnlosigkeit spielen Differenzen eine maßgebliche Rolle, um die Deutungen der Welt zu erklären und die Erklärungen zu verorten. Kurz: 216 durch Systemtheorie erklärt Botho Strauß verschiedene Teilaspekte von Globalisierung unter der Prämisse, dass diese wie auch andere Theorien, die ins Werk einfließen, gebrochen und angepasst werden. Diese Transferschritte ermöglichen Wahrnehmungen der Welt über Beobachtungen samt anschließender Schilderung entlang von ›Gittersprüngen‹. Auch hier gibt es Transferverluste, weil Sachverhalte in neue Codes überführt werden müssen.346 Strauß formuliert die Verluste unter dem Aspekt der Form: »Formen sind eben auch Bewegungsformen. Oft geschehen sie in Bereichen der literarischen Materie, wo der Beobachter-Leser nicht zugleich Schönheit und Eile eines Gedankens, einer Chiffre bestimmen kann – beides ist so ineinander übergehend, daß man entweder die Schönheit oder die Flüchtigkeit selbst zum Erkenntniswert nimmt. Etwas ist schön: so schnell es sich innerlich auch bewegt, es ruht. Etwas ist flüchtig: so schön es auch sein mag, es fliegt vorüber. Formen sind Nervenformen, Gittersprünge, Gedächtnisläufe, organische, technische Morpheme, die die Trennung von Innen und Außen, von Materie und Geist, von Empirie und Imagination aufheben; Mikroprozesse, Systemverwebungen, die insgesamt von keiner Ursache herrühren und zu keiner Schlüssigkeit tendieren.« (B 61f.) Indem Strauß literarische Schönheit gegen Eile, in der eine Bewegung im Wettlauf mit der Entropie verankert ist, aufstellt, erhält er Zugriff auf beide Seiten der Differenz, auf diese Weise wird aus dem »Erkenntniswert« der Differenz ein Erkenntnisgewinn. An einer ähnlich aufgebauten Betrachtung in Paare, Passanten (1981) zum »Fading des Kunstwerks« (PP 104) lässt sich die Position von Kunst in der Welt und ihre Aussagekraft über sie ableiten: »Unwichtig: ohne Gewicht ist inzwischen jegliches Buch. Das erfüllte, komplexe, schwerdurchdringliche [...] findet ebensowenig einen Boden, um anzuwurzeln, wie das anschmiegsame und gerngesehene Werk der Saison. Wo nichts aufgebaut wird, kann auch das Widerstrebende sich nicht halten. Gemeinsam fallen alle Werke der Herrschaft der Geschwindigkeiten, der 346 Vgl. hierzu auch Jürgen Daiber: Poetisierte Naturwissenschaft. S. 159-161. Daiber konzentriert sich jedoch nur auf biologische autopoietische Systeme und übersieht, dass der Begriff der Selbstreferenzialität stark von einem Bewusstsein abhängig ist, das Zellen oder Organismen nicht aufweisen. Schlüssig hingegen sind seine Schilderungen, dass nur systemrelevanter Input vom System wahrgenommen wird. 217 wachsenden Beschleunigung und der totalen Passage zum Opfer. In der Dromokratie (dem Machtsystem der Beschleunigungen), in der wir, wenn Paul Virilio recht hat, inzwischen leben bzw. uns die Zeit vertreiben, ist Bestand haben etwas Gesetzwidriges.« (PP 104) Beide Betrachtungen widmen sich einerseits der Bewegung und insbesondere dem Geschwindigkeitszuwachs der Außenwelt des Kunstwerks und andererseits der kunstwerkinternen Differenzverarbeitung. 3.7 Die Einheit der Differenz II: Kunst & Idiotie als Grenzüberwindungen Laut Strauß kann durch Kunst die Grenze zwischen Individuum und Umwelt überschritten werden. Darüber hinaus ist es denkbar, eine Einheit aus der Differenz zwischen Individuum und Umwelt zu beschreiben. Eine Voraussetzung dafür besteht entweder in einem künstlerischen Zugang zur Welt, in der Auflösung des Menschen oder in etwaigen Sonderformen der psychologischen Wahrnehmung. Für den künstlerischen Zugang gibt es viele Beispiele. Die Auflösung des Menschen ist mit dessen Tod verbunden und daher nicht praktikabel.347 Die besondere Wahrnehmung innerhalb der Kunst eröffnet Wege zur Bildung einer solchen Einheit der Differenz von System und Umwelt. Betont werden muss, dass es sich um eine Wahrnehmung und anschließende Operationen innerhalb des Kunstwerkes 347 Mit einem Verweis auf ein Fragment in Beginnlosigkeit, das den Flug einer Taube beschreibt, stellt Friederike F. Günther fest, dass »ein Wesen der ziellosen Bewegung ausgesetzt und zur Materie reduziert [wird], was für einen Organismus gleichbedeutend mit dem Tod ist. Das organische Dasein kennt – anders als das beginnlose All – den Tod, und wenn man sich diesen vor Augen hält, dann ist es mit der Unterschiedslosigkeit vorbei: Isoliert und individualisiert, ganz Linie und nicht Fleck […]«. (Günther: »Vom Sterben des Anfangs? Botho Strauß: Beginnlosigkeit«. S. 209). In Kongreß – Die Kette der Demütigungen äußert wiederum eine der Figuren, dass der Tod ein Ausweg aus unlösbaren Verbindungen zweier Menschen ist (vgl. KKD 95). Tod ist auch ein Leitmotiv im Stück Die Hypochonder, in dem Strauß ein exaktes, wohlkalkuliertes und systematisches Chaos herausarbeitet, um die Grenzübertritte im Augenblick des Todes darzustellen. Mit einer Aussage von Peter Fuchs lässt sich zusammengefasst sagen: »Löscht man das Wahrgenommene, tilgt man zugleich den Wahrnehmenden« (Fuchs: Die Psyche: Studien zur Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt. S. 27). 218 handelt, denn das Kunstwerk348 ist ein geschlossenes System, das sich wiederum zu einer Umwelt (zum Beispiel den Betrachtern) positionieren kann. Auf der internen Ebene des Kunstwerkes ist gleichzeitige Selbst- und Fremdreferenz durchaus möglich, wie ein erneuter Verweis auf ein bereits kurz unter dem Stichwort der literarischen Archivierung beziehungsweise dem künstlerischen Speicherungsmechanismus herangezogenes Fragment zeigen soll. Die Fremdreferenz besteht aus dem Wirklichkeitsbezug und dem Referenzrahmen des Kunstwerkes (beziehungsweise hier der Erzählung). Der Selbstreferenz entsprechen das eigentliche Erzählen und die Autor-Funktion, bei der ein strenger Innenbezug hergestellt wird.349 Die Funktion der Kunst ist somit neben der (kodierten) Verständigung eine Grenzbestimmung, um beide Elemente des zum jeweiligen Inhalt bestimmten Differenzpaares zu vermitteln. Im Text heißt es: »Man spricht nicht nur aus einem Grund, dem der Verständigung. Mindestens auch zum Zweck der gemeinsamen Stimmfühlung und der Grenzbestimmung. Wie der Gesang den Walen, das Klickgeräusch den Delphinen dazu dient, die Grenzen ihrer Umgebung abzutasten, so gibt es auch menschliche Sprache, die horcht, indem sie verlautet. In einzelnen Kunst- 348 Der Bezug gilt für geschlossen angelegten Kunstwerken wie Texten, Bildern oder Skulpturen. Aber auch Performanz-Kunst wie Theater, Ballett, Musikaufführungen von Eingeweihten und mit einer repetitiven Grundstruktur oder performativ angelegte Aktionskunst von spontanerem Charakter wie Flashmobs, Happenings und so weiter sind einbezogen. Illusionen einer Aufhebung der Grenze zwischen Individuum und System sind in allen Kunstgattungen möglich, sonst wären es schlicht keine Kunstwerke. 349 Simone Gottschlich-Kempf greift diesen Gedanken in ihrer Studie auf. Sie stellt zur Selbstreferenzialität fest, dass »[j]ene ambivalenten Auswirkungen, welche die Anerkenntnis der Selbstreferenzialität unserer Wahrnehmung hinsichtlich der eigenen Identität sowie der zwischenmenschlichen Beziehungen zeitigt, […] in Strauß [sic!] Werk eine zentrale Stellung [einnimmt]« (Gottschlich-Kempf: Identitätsbalance im Roman der Moderne. Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil, Max Frisch und Botho Strauß. S. 710). Laut Gottschlich-Kempf ist »jede Erkenntnis als vollständig subjektiv zu werten« (ebd.). Dieser Gedanke ist nicht neu und sie führt ihn folgerichtig auf die in Beginnlosigkeit vorgefundene Wahrnehmungsweise zurück. Kontrastierend ist jedoch anzumerken, dass diese Perspektive nur für einen Teil der Aussagen in Beginnlosigkeit gilt, wie die vorherigen Teilkapitel gezeigt haben. Zuzustimmen ist jedoch den von der Autorin im Werk erkannten »komplexen Wechselbeziehungen« (ebd. S. 713) zwischen Individuum und Umwelt. 219 werken besitzen wir für immer verläßliche Echolote, die die Grenze des Menschen zur eisigen Stille ermitteln.« (B 31) So bieten Kunstwerke die Möglichkeit, eine Grenzbestimmung dauerhaft zu archivieren und sie durch wiederholte Deutungsoperationen zu manifestieren. Das gewählte Fragment macht die Unterscheidung zwischen der »gemeinsamen Stimmfühlung« und der »eisigen Stille« einer wiederholten Erfahrung und so auch einer Beobachtung zweiter Ordnung zugänglich. Strauß’ Ansatz geht nun davon aus, dass Grenzziehungen in der Kunst minder trennscharf ausfallen als es beispielsweise in anderen Kommunikationsformen der Fall ist. In einem Essay über Konrad Weiss reformuliert Strauß diesen Gedanken und sieht dort durch Sprache die Fähigkeit gegeben, auch die feinsten Nuancen zu transportieren, durch »Kraftfelder« überhaupt erst die zuvor genannte »gemeinsam[e] Stimmfühlung« zu erlangen und zugleich eine Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelt zu setzen: »Die Sprache ist gleichsam eine Infrarotsprache, welche die Wärme- und Kraftfelder eines Menschen darstellt. Sie unterscheidet allenthalben nur Gestalt, innere wie äußere, und erfaßt den Hauch, Pneuma und Nimbus, eines Menschen genauer als seine Lebensumstände«350. Strauß bewegt sich an dieser Stelle seiner Darlegungen in einem Unsicherheitsbereich – der Infrarotbereich bleibt dem menschlichen Auge verborgen, Wärmefelder sind diffus, ebenso der Lufthauch – der durch Sprache schärfer konturiert wird. Damit wird zugleich eine Beobachtungsperspektive aktiviert, welche die Überlegungen zur Ausdifferenzierung der Grenzfläche beziehungsweise des Grenzbereiches, die Strauß in Beginnlosigkeit propagiert, zugänglicher macht. Strauß rekapituliert Descartes Trennung zwischen Körper und Geist und synthetisiert diese mit Befunden zur Gegenwart, um die »Verschlingungen der Gegensätze« (B 69) aufschlüsseln zu können. Strauß sieht »[g]ebrochene Dimensionen« und meint damit, dass Grenzen »keine glatten Schnittflächen« sind, sondern dass »zwischen Ferne und Nähe, zwischen Schein und Sein, Tiefe und Oberfläche, zwischen Schweigen und Redbarem« bei näherer Betrachtung »zerklüftete Linie[n]« (B 69) existieren. »Was ist zwischen Schein und Sein, Maske und Gesicht?« (B 69f.), äußert Strauß. Reflektiert man diese Frage weiter, lässt sich aus ihr ableiten, dass Grenzbereiche feiner verästelt sind, als in der ersten Beobachtung angenommen. Strauß antwortet dazu: »Eine unendlich teilbare Strecke minimaler Übergänge. In Wahrheit gehen sie auseinander hervor, 350 Botho Strauß: »Die Entgegenkommende. Zu ›Die Löwin‹ von Konrad Weiss« (AUF 131). 220 laufen ineinander über« (B 70). Eine derartige Sichtweise auf mikroskopisch nahezu unendlich vergrößerte Grenzlinien verdeutlicht auch die Strauß’sche Globalisierungssicht, indem sich der Autor nicht mit einfachen Aussagen zu Grenzverläufen zufrieden gibt, sondern die Annäherung oder Berührung von einander abgegrenzter Teile so präzise wie nur irgend möglich erfassen möchte. Fleck und Linie stehen auch in diesem Punkt für differente Phänomene, die laut Strauß ohne den jeweiligen Gegenbegriff nicht vollständig sind. Das Denken in Einheiten von Differenzen ist konstituierendes Merkmal der Poetologie in Beginnlosigkeit. Vor der soeben beschrieben Passage findet sich eine Gleichstellung des Künstlichen (und darin ebenfalls mitgedacht: des Künstlerischen) mit dem Organischen »in der organischen Metamorphose genauso wie im konstruktivistischen Gegenbild« (B 67). Für das Text- wie für das Weltverständnis bedeutet dies nun, dass die ausdifferenzierte und in die Zusammenhänge zoomende Beobachtung die »minimale[n] Übergänge« sichtbar macht. Es ist ein Blick auf das Kapillarnetz und -gewebe des Grenzbereiches, in dem die Unterscheidung von dem einen in den anderen Begriff übergeht. Es ist mit anderen Worten die Stoffwechselaktivität der künstlerischen Darstellung von Welt, wenn der Künstler die wechselseitigen Beziehungen der Selbst- und Fremdreferenz beziehungsweise des Systems und dessen Umwelt austariert. In diesem Fall demonstriert der Künstler laut Strauß »die Befreiung von aller mimetischen Schlacke, das poetische Wesen in seinem Gespinst, mehr Puppe, Luftgeist an Drähten als verschmutzter Mensch, Epochenpaßgänger. Derzeit kann sich Kunst vor allem dort behaupten, wo sie solche Zwischensphärengeschöpfe einfängt. Figuren, die immer von oben, aus den splitternden, krachenden Lüften der Einbildung hinunterstürzen.« (B 92) Die zuvor schon angedeutete Funktion der Kunst ist es, eine andere (zum Beispiel nicht soziologische oder verhaltenspsychologische) Deutung der Welt vorzunehmen. Die Beobachtungen der Realität aus Sicht der Kunst mit der angegliederten Benennung von Unterscheidungen, welche die Realität auf eine weitere Weise verständlich machen, schafft einen Deutungsraum, in dem beide Elemente der Unterscheidung zusammengefasst werden. Es entsteht eine Einheit der Unterscheidung und innerhalb dieser Einheit entscheidet die Perspektive, was ad hoc System und was Umwelt ist. Der wechselnde Fokus ermöglicht es, beide Elemente der Unterscheidung gleichzeitig wahrzunehmen. Für die Kunst bedeutet das, diese (zum 221 Teil aufgrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen) einer gravierenden Neuausrichtung im Vergleich zur etablierten Sicht auf dieselbe zu unterziehen351. In dem Versuch einer Komplexitätsreduktion mögen auf den ersten Blick das Einfache und das Reduzierte prägend für die Kunst sein, jedoch täuscht der Eindruck, denn das Gegenteil ist der Fall. Die Einfachheit ist eine vorgetäuschte (oder irrtümlich angenommene), da unter der Oberfläche der Kunst eine kontinuierliche Komplexitätssteigerung durch Ausdifferenzierung zu beobachten ist.352 Mehr Anschlussmöglichkeiten führen jedoch zu einer gestiegenen Anzahl potentieller Irrwege. Es handelt sich dabei um ein Kontingenzproblem, das aus der Kommunikation und ihrer wechselseitigen Wahrnehmung entsteht und das Dirk Baecker folgendermaßen umschreibt: »›Ich nehme wahr, dass du mich wahrnimmst, und nehme wahr, dass du wahrnimmst, dass ich dich wahrnehme‹«, aufgrund dessen »kann man sich leicht vorstellen, wie schnell die Verhältnisse unübersichtlich werden, weil niemand mehr weiß, wer nun eigentlich worauf wie reagiert hat. Kausalität hilft hier nicht weiter, sondern nur Interpunktion, wie Paul Watzlawick gezeigt hat: Der eine nimmt dies an, der andere etwas anderes, und wenn bei- 351 Vgl. zur Durchbrechung der Epocheneinteilung, für die Gerhard Plumpe argumentiert: Gerhard Plumpe: Epochen moderner Literatur. Das Kapitel zu Strauß’ Der Untenstehende auf Zehenspitzen widmet sich eingehend den möglichen Referenzverhältnissen, die dieser Epocheneinteilung vorausgehen. 352 Zu bedenken gilt, dass Strauß’ Haltung aus einer Kunst-Sicht entsteht, die dumpf-plakative Unterhaltungsware ablehnt und diese weder als aussagestark noch als die Komplexität steigernd (bezogen auf die Innenseite des Kunstsystems) oder reduzierend (auf dessen Umwelt bezogen) auffasst. Diese Haltung zieht sich von den frühen Theaterrezensionen hin zu den jüngst in Lichter des Toren vertretenen Ansichten. Strauß schreibt dort über die Verflachung: »Der ästhetische Urfehler ist der Plurimi-Faktor: das Hohe zugunsten des Breiten abzuwerten. Das Untere zur obersten Interessensphäre zu machen. Das Breite zur Spitze zu erklären. Inzwischen paktiert auch die Kunst liebedienerisch mit Quote und breitem Publikum« (LDT 32). Sowie: »Man muß niemanden Zerstörung lehren. Die Künste, die den Müll der Welt zu spiegeln vorgeben, vermehren ihn nur. Den Kunstbegriff gilt es auf Brennpunktgröße zu verengen. Verkommenheit und Verwüstung menschlicher Verhältnisse waren eine Zeitlang zum selbstgefälligen Thema der Bühnen und Galerien geworden, sie wurden satt daran. Kein Wunder, daß diese beharrlich diagnostizierte Verkommenheit von ihrem ästhetischen Nachvollzug kaum zu unterscheiden war« (LDT 50). Nur die Reduzierung auf »Brennpunktgröße« kann, soweit das Fazit, Komplexität reduzieren. 222 des zusammenpasst, kann sich daraus die munterste Kommunikation ergeben, im Guten wie im Bösen.«353 Dieser Sachverhalt gilt für Kommunikation, die von zwei oder mehr Menschen ausgeht, aber auch für die Kommunikation zwischen Kunstwerk und Betrachter, der auf bestimmte Signale des Kunstwerkes reagiert und andere bewusst oder unbewusst ausblendet. Die Intention des Kunstschaffenden hinter dem Kunstwerk kann dabei übersehen oder vollständig verstanden werden und unzählige Zwischenstufen machen die Sache nicht minder kompliziert. Erneut gilt: ›Interpretation ist Arbeit‹ und beispielsweise erschweren unzureichende Kenntnisse antiker Stoffe den Anschluss an ihre Interpretationen oder Farbenblindheit die vollumfängliche Betrachtung eines Bildes. Eine andere Form der Einheitserzeugung ist eng mit der Figur des Idioten verknüpft. Der Idiot genießt bei Botho Strauß einen nicht ausschließlich negativ konnotierten Sonderstatus, da er als per se Entrückter die besondere Fähigkeit besitzt, auf beiden Seiten der Differenz zu agieren. Andere Texte, vor allem Lichter des Toren, widmen sich in expliziter Form dieser Sonderbegabung: »Es geht also nicht um den antigesellschaftlichen Affront des Idioten, sondern umgekehrt sind es seine hypersensorischen Orientierungen, die er der Gesellschaft infiltriert« (LDT 24). Über das beinahe schon überstrapazierte Bild, dass Genie und Wahn eng miteinander verwandt sind, wird der Idiot in Beginnlosigkeit als der wahre Seher der Welt dargestellt. Der »Menschenwelt« (B 21) ausweichend stellt der Idiot fest, dass die Bewegung des Menschen in die Außenwelt (welche die Deutung der einströmenden Neuronenimpulse ersetzt) daran scheitert, dass »Fragen seinerseits an eine Außenwelt […] in eine nachgiebige, wellige, dehnbare Umgebung [abgingen], die sich an keiner Stelle mehr zu einer Antwort verdichten, verkörpern oder verknorpeln wollte« (B 21). Dem Idioten, der eine Metapher für den mental abgeschirmten Menschen ist, stehen mehrere Deutungsrichtungen der Welt offen, weil die Reizüberflutung durch binäre Oppositionen, die als operative Codes funktionieren, gelöst wird. »Der Boulevard wie die Klause, die Sentimentalität wie der Sarkasmus, das Machtwort wie das Schlagwort« (B 21) taugen gleichermaßen zur Deutung der Welt und bedingen durch ihren Konterpunkt jeweils eine bestimmte Sichtweise. Der Idiot wird als Spiegelfigur inszeniert. Die Verrückung er- 353 Dirk Baecker: »Als Experte auf einem Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen«. S. 65. 223 möglicht ihm, beide Elemente der Unterscheidung gleichzeitig einzunehmen: »Wir können unkenntlich werden. Der Idiot geht als der Erstgeschlagene unter den Menschen in die Dämmerung des Verstehens …« (B 129). Dank des Verstehensvorsprungs beeinflusst der Idiot so auch das Handeln derjenigen, die nur auf einer Seite der Unterscheidung agieren. Der nicht- Verrückte kann die Einheit beider Unterscheidungselemente beobachten. Strauß resümiert das An- und Abschauen als eine weitere Möglichkeit zur Weltdeutung: »Er fühlte sich dem Narren auf bedrängende Weise angeschlossen; er sah durch ihn gewisse eigene Auffassungen gröblich parodiert und ad absurdum geführt. Vor allem diejenige, die mit der Vermutung spielte, daß das abrupte, unregelmäßige, das unsinns-tolerante Treiben unseres Geistes möglicherweise ein genaueres Abbild von der ›Welt da draußen‹ lieferte, als es sich der Verstand, da er das Brauchbare erkennen mußte, je leisten konnte. Allein unsere Orientierungs- und Verständigungsnöte hätten uns, so meinte er ja, frühzeitig beim vordersten Anschein, bei einem mäßigzweckmäßigen Provisorium haltmachen lassen.« (B 30) Eine Art Fazit lautet folglich, dass Strauß’ Faible für Randgestalten neben dem Exkludierten und dem Schauspieler auch den Idioten und den Schreibenden in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Diese Typen sind auf verschiedene Weise von Sprache oder Texten Abhängige und verfügen über die Fähigkeit, sich so zu verstellen, dass Teilnahme an der Gesellschaft auf einer parasitären als-ob-Basis möglich ist.354 3.8 Zwischenfazit: Das globale Formenexperiment Wie gezeigt wurde, bildet die Fragmentsammlung Beginnlosigkeit einen eigenständigen Kosmos aus Blicken auf sehr unterschiedliche und von Strauß gleichberechtigt ver- und behandelte Themen, darunter auch auf nachhallende Globalisierungsprozesse und die erreichte Globalität. Alle Elemente sind laut Strauß gleichzeitig anwesend und nichts Elementares kommt neu hinzu und vor diesem Hintergrund werden die Argumentationen selektiv entfaltet, Strauß operiert mit Differenzsetzungen und generiert über diese ein Bild der Beginlosigkeit. Und es gilt ferner, dass in diesem 354 Das siebte Kapitel der vorliegenden Arbeit widmet sich eingehend dem Stellenwert des Idioten innerhalb der Globalisierungskonzeption von Botho Strauß. 224 Kosmos der Verbindungs- und Vernetzungscharakter stärker hervortritt als in der sozialen Wirklichkeit. Botho Strauß’ beginnlose Sphärenwelt ist eine fiktionale Realität, in der lediglich noch Grenzen um Subjekte herum existieren, die Umwelt jedoch von ihnen befreit scheint, denn diese wird von Strauß zeitlich und räumlich grenzenlos aufgefasst, sie ist anders gewendet im Zustand totaler Globalität angekommen. Die Grenzziehung des Subjekts ist nicht länger festgelegt, sondern geschieht spontan und wird von der im jeweiligen Moment geltenden Kommunikation mit der Umwelt bestimmt, die als gegenseitiges Zuspielen von – gleichberechtigt: neuronalen, religiösen, mythischen oder kommunikativen – Codes zu verstehen ist. Der Kommunikationsbereich gibt die Art des Anschlusses und der Teilnahme an der Welt vor. Die kommunikative Teilnahme des Individuums an Gesellschaft beruht auf Entscheidungen, die auf Grundlage von Beobachtungen getroffen werden. Dadurch verliert eine generelle, feste und strikte Grenze ihre Funktion, denn sie verhindert Anschlüsse. Wie Strauß ausarbeitet, bildet die Grenze des Subjekts ein Netz aus Grenzpunkten. Grenzen können jedoch nur unter sehr spezifischen Bedingungen überschritten werden. Diese Erkenntnis betrifft ebenfalls die Lektüre der Novelle Die Unbeholfenen maßgeblich, wie das folgende Kapitel zeigen wird. Die Aussage von Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie im Kontext der Globalisierungskonzeption besteht darin, einen Gegenentwurf zur Indifferenz (in und) der Umwelt vorzuschlagen. Gleichermaßen werden Globalisierungsprozesse in Form von Auflösungswahrnehmungen besprochen.

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References

Zusammenfassung

Dieser Band widmet sich dem spezifischen Blick auf die Veränderungen der Welt in Texten des Gegenwartsautors Botho Strauß (*1944). Es handelt sich hierbei um einen neuen Deutungsansatz, und die verfolgte These lautet, dass Strauß in seiner Auseinandersetzung mit der Gesellschaft einen teils offensichtlichen, teils im Hintergrund verborgenen, rhizomatisch verbundenen Globalisierungsdiskurs führt. In Essays, Prosatexten und Dramen werden auf vielfältige Weise die Einwirkungen der Globalisierung auf das Individuum und die Gesellschaft in literarisch-ästhetischer Form verarbeitet. Die vorliegende Herausarbeitung der so genannten Globalisierungskonzeption analysiert und systematisiert in verschiedenen Detail- und Überblicksbetrachtungen, wie Strauß seine Sicht auf Zeit, Raum oder Gesellschaft vermittelt. Das übergeordnete Vorhaben besteht darin, die direkten und indirekten Bezugnahmen auf Globalisierung, Globalisierungsprozesse und Globalisierungskonsequenzen in seinen Texten zu beobachten, zu beschreiben und die Ergebnisse in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen.