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Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema in:

Ulf Faller

Der lange Schatten des Kopernikus, page 255 - 264

Wie die moderne Kosmologie den christlichen Anthropozentrismus überwindet

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4176-5, ISBN online: 978-3-8288-7054-3, https://doi.org/10.5771/9783828870543-255

Tectum, Baden-Baden
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Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema Astronomie gehört seit den antiken Wurzeln unserer Kultur zu den Themen, an denen Menschen ihr Denken und Beobachten geschult haben. Sie war Teil der „septem artes liberales‟, der sieben freien Künste202. Im Früh- und Hochmittelalter verlor sie im christlichen Kulturraum an Bedeutung, erblühte währenddessen im islamisch-arabischen Kulturraum. Mit Beginn des Hochmittelalters drangen auch astronomische Grundwerke, wie die des Aristoteles und Ptolemäus, nach Europa und leiteten die Renaissance ein. Die Frage, wie astronomische Befunde mit dem christlichen Glauben vereinbar sind, schied die Geister so lange, bis eine Synthese im christlichen Geozentrismus beispielsweise durch Thomas von Aquin hergestellt wurde. Damit konnte astronomische Bildung wieder den Stellenwert einnehmen, auf den Nikolaus Kopernikus gleich zu Beginn seines bahnbrechenden Werkes hinweist: „Unter vielen verschiedenen Beschäftigungen mit Wissenschaft und Kunst, durch die menschliches Talent befördert wird, halte ich besonders die für ergreifens- und höchst eifrig betreibenswert, die es mit den schönsten und wissenswertesten Gegenständen zu tun haben. Derart sind die, welche von den göttlichen Welt-Umläufen und der Bahn der Gestirne, Größen, Entfernungen, Auf- und Untergang und den Gründen der übrigen Erscheinungen am Himmel handeln und endlich die gesamte Gestaltung darstellen. [...] Wenn es nun aber aller guten Künste Aufgabe ist, von Fehlern fortzuführen und den Menschensinn auf Besseres hinzulenken, so kann diese [die Astronomie], abgesehen von der unglaublichen geistigen Lust, das besonders reichlich leisten.‟203 Bis in die Neuzeit hinein hat man dem Blick in den Himmel und der mathematischen Durchdringung der Planetenbewegungen die Wirkung zugesprochen, den menschlichen Geist über sich zu erheben. Das scheinbar ewige und ungebremste Kreisen der Sterne und Planeten galt als Garant dafür, dass der Blick in die Sphären jenseits des Mondes 255 direkt göttliches Wirken erfahrbar machte. Astronomie hatte damit den Nimbus des Heiligen. Das legitimierte seinen Stellenwert, ein grundlegendes Bildungsthema im Kanon der freien Künste zu sein. Auch Kopernikus sah das nicht anders. Die modernen Vorstellungen von der Natur unseres Universums sprechen eine grundlegend andere Sprache. Die schiere Größe und Leere entzieht sich der menschlichen Vorstellungskraft. Physikalische Ereignisse mit einer Energiedichte, die man sich ebensowenig vorstellen kann, kennzeichnen einen Großteil des Kosmos als extrem lebensfeindliche Orte. Allein die Vielzahl der Sonnen und Planeten, von denen wir Kunde haben, lässt wiederum erahnen, dass die menschliche Kultur so einzigartig nicht ist, wie sie der christlichen Vorstellung im überschaubar geschlossenen, geozentrischen Kosmos erschien. Zwischen diesen beiden Weltbildern steht ein Weg menschlichen Denkens und Forschens, der in der Renaissance mit der kopernikanischen Wende begann. Seine gedankliche und empirische Überzeugungskraft trug dazu bei, dass der Mensch sich auf sich selbst besann und sein Heil im Diesseits selbst in die Hand nahm. Der Himmel war säkularisiert, das Göttliche ins Transzendente entrückt und damit der Weg frei, mit und zunehmend auch ohne Ausrichtung auf (vermeintlich) göttliche Offenbarungen und damit auf Vernunft und Erfahrung gegründet die Lebensbedingungen selbst zu gestalten. Der Mensch wird mündig und muss sein Verhältnis zur Welt und damit den „Sinn seines Daseins‟ selbst bestimmen. Grob skizziert kann man diesen Paradigmenwechsel als Übergang von einem theozentrischen zu einem humanistischen Weltverständnis beschreiben, das Wertebasis unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaftsordnung wurde. Dabei ist nicht wichtig, ob der Einzelne bemüht ist, in diesem Sinne humanistisches Denken mit überkommenen Glaubensvorstellungen in Einklang zu bringen, oder nicht. Entscheidend ist, dass für die Ausformung des alle betreffenden Gemeinwesens Glaubensvorstellungen keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen und an diese Stelle das Wohl aller Menschen mit ihren Grundbedürfnissen nach Sicherheit und individueller Freiheit rückt, wobei das vernunftorientierte demokratische Miteinander darüber entscheidet, wie sich das Gemeinwesen formt, nicht (vermeintlich) göttliche Offenbarungen. So sei das Wort Humanismus verstanden. Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema 256 Eine zentrale Rolle auf dem Weg zu unserer in diesem Sinne humanistischen Gesellschaft spielte hierbei die Erfahrung, wie weit die menschliche Vernunft in der Lage ist, die Welt zu verstehen. Das Erlebnis, einen Aspekt der Natur zu erkennen und durch diese Erkenntnis tiefer in die Wirklichkeit einzudringen, ist beglückend, dass es anfängliches Staunen nicht mindert, sondern vertieft. Wenn die Insel des Wissens größer wird, vergrößern sich zwangsläufig auch die Ufer der Fragen. So gelebte Rationalität führt nicht, wie oft behauptet, zu einem kalten, entzauberten Naturverständnis, das in dem berühmten Zitat von Max Frischs Homo Faber zum Ausdruck kommt: „Ich sehe den Mond über der Wüste [...] klarer als je, mag sein, aber eine errechenbare Masse, die um unseren Planeten kreist, eine Sache der Gravitation, interessant, aber wieso ein Erlebnis?204‟ Im Gegenteil ist offenkundig, dass naturwissenschaftliches Forschen, Erkunden und Verstehen von Kindes Beinen an bis ins hohe Alter faszinieren, beglücken und zum Weiterfragen motivieren kann. Die menschliche Spezies ist durch zwei Grundeigenschaften charakterisiert. Der Mensch ist in größerem Umfang Träger kultureller Evolution einerseits, andererseits aber immer auch ein seine Welt hinterfragendes, d. h. vernunftbegabtes Wesen. Humanistische Bildung sollte beidem gerecht werden. Sie muss den Einzelnen darüber aufklären, welche Wege der Kulturstrom genommen hat, dem er angehört, und in welche Richtungen er fließt. Denn wer nicht weiß, woher er kommt, hat auch kein Bewusstsein dafür, dass er auf dem Weg ist. Nicht minder wichtig ist die Aufgabe, die eigenen Vernunftquellen zu erschließen, um den Menschen damit zu einem mündigen Mitglied seiner Kultur werden zu lassen, das neue kulturelle Akzente zu setzen in der Lage ist. Voraussetzung für eine humanistische Bildung im hier angedeuteten Sinne ist so ein grundsätzlich positives Menschenbild und das Vertrauen darein, dass vernunftorientiertes Handeln auch humanitäre Lebensverhältnisse für Mensch und Umwelt nach sich zieht. Beides zeichnet das humanistische Weltverständnis grundlegend aus.205 Mit der kulturellen Entwicklung Europas vom christlich-theozentrischen zum humanistischen Weltverständnis ist auch eine Veränderung dessen verbunden, was man unter Bildung versteht. Das Wort „Bildung‟ wurde wahrscheinlich erstmals von Meister Eckhart im Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema 257 Rahmen seiner Imago-Dei-Lehre verwendet. Im Zitat von Nikolaus Kopernikus kommt diese Bedeutung wunderbar zum Ausdruck: Die Himmelsbewegungen sind Ausdruck des Göttlichen, im Nachvollziehen der kosmischen Verhältnisse „bildet‟ sich der Mensch zum „Ebenbild Gottes‟. Mit der Aufklärung wurde dieses Bildungsverständnis säkularisiert. Bildung dient nun dazu, den Menschen zu befähigen, ein selbstständiges und tätiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Entsprechend wird nahezu jede Lernsituation vom Kindergarten an als Bildung bezeichnet. Ein genauerer Blick lässt neben dem Erwerb grundlegender Kulturfähigkeiten zwei oftmals in Konflikt stehende Bildungsziele erkennen. Da geht es einerseits um das Anliegen, berufsbezogene Fähigkeiten und Qualifikationen zu vermitteln, die sich aus dem gegenwärtigen Stand der Technik und Wirtschaft ableiten. Dem zur Seite steht ein Bildungsbegriff, den Wilhelm von Humboldt geprägt hat und dessen Ergebnis das humanistische Gymnasium darstellt. Ihm ging es nicht um die Ausbildung spezifischer, in der gegenwärtigen Gesellschaft benötigten Fertigkeiten mit der Vermittlung entsprechender Wissensinhalte, sondern darum, mit zeitlosen Inhalten die Bildung der eigenständigen Persönlichkeit des Menschen zu ermöglichen. Es besteht ein Spannungsverhältnis zwischen Ausbildungszielen, die sich auf aktuelle Bedürfnisse der Gesellschaft beziehen, und dem humanistischen Bildungsanliegen, die Persönlichkeit des Menschen zu befähigen, Autor bzw. Autorin des eigenen Lebens zu werden. Humanistische Bildung will im Menschen eigenständiges Denken und ergebnisoffenes Beobachten anregen und ihn in die Lage versetzen, autonom und kreativ sein Leben zu gestalten und neuen Lebensanforderungen und Wissensgebieten mit ausgewogenem Urteilsvermögen zu begegnen. Kurz, das humanistische Bildungsziel ist die selbstständige, mündige Persönlichkeit. In einer nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell globalisierten Welt, die sich in bisher nicht gekannter Geschwindigkeit verändert, vertraut das humanistische Bildungsideal auf die Flexibilität und Sozialfähigkeit des in sich gegründeten mündigen Individuums. Entsprechend der Idealisierung des antiken Griechenland im Neuhumanismus eignete sich für Humboldt ganz besonders das Erlernen antiker Sprachen für die Verwirklichung seines Bildungsideals. Wie weit wir dem heute noch folgen können oder wollen, sei hier nicht dis- Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema 258 kutiert. Für uns wichtig ist die Humboldt’sche Suchbewegung: Nicht jedes Thema, nicht jede Tätigkeit oder Fertigkeit, die wir beispielsweise in Bildungsplänen formulieren, ist gleichermaßen geeignet, dem humanistischen Ziel der Persönlichkeitsbildung gerecht zu werden. Untersucht man naturwissenschaftliche Bildungsthemen, die in Lehrplänen, Curricula oder im populärwissenschaftlichen Mediensektor auftauchen, so lässt sich die angedeutete Dichotomie der Bildungsziele wiederfinden. Auf der einen Seite stehen naturwissenschaftliche Inhalte, die zu technischem Grundverständnis führen und damit befähigen sollen, sich in einer durch Hochtechnologie geprägten Welt beruflich und lebenspraktisch zurechtzufinden. Die Notwendigkeit hierfür steht außer Frage. Andererseits ist naturwissenschaftliches Forschen auch Ausdruck der zweckfreien Erkenntnissuche des Menschen, des neugierigen Hinterfragens und Verstehen-Wollens der Welt, der ergebnisoffenen Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Natur. Hier zählen eine gute Beobachtungsgabe, klares Nachdenken und intellektuelle Redlichkeit, wenn es darum geht, so erkannte neue Aspekte in den Horizont des aktuellen und immer fortschreitenden Wissens einzubauen oder gar auf ihre wertebildende Bedeutung zu hinterfragen. So steht die Naturwissenschaft der Philosophie nahe, ist sie doch aus der Naturphilosophie hervorgegangen. Diese Seite naturwissenschaftlicher Betätigung trägt zur humanistischen Bildung einer mündigen Persönlichkeit bei und befähigt, dem berühmten Leitmotiv der Aufklärung gerecht zu werden, sich „seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen‟206. Die Rechtfertigung technikbezogener Bildungsthemen findet heute weitgehend Gehör. Das Bewusstsein für die Bedeutung naturwissenschaftlicher Bildungsthemen für die Persönlichkeits- und Werteentwicklung hingegen ist längst nicht so ausgeprägt. Dabei zeigt die Wissenschaftsgeschichte immer wieder, dass sich die beiden Seiten naturwissenschaftlichen Forschens gegenseitig befruchten: Aus zweckfreier Grundlagenforschung werden technische Innovationen geboren und technische Anwendungen bestätigen gefundenes Wissen und ermöglichen beispielsweise durch neue Messtechniken tiefere Einblicke in die Natur. Das Gebot der Stunde in der Bildungsdiskussion ist daher, den humanistischen Bildungswert der Naturwissenschaften neu ins Bewusstsein zu heben. Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema 259 In diesem Sinne möchte ich die kopernikanische Wende als humanistisch bildendes Thema empfehlen. So wie noch in der Renaissance die Beschäftigung mit astronomischen Phänomenen im Rahmen der freien Künste einen Weg darstellte, sich göttlichem Wirken zu nähern, so begleitet die Auseinandersetzung mit der Frage, wie der Kosmos aufgebaut ist und wie sich die menschliche Existenz auf unserer wunderbaren Erde in das neue Wissen über das Universum einordnen lässt, das Nachdenken des modernen Menschen, ohne hierbei an Faszination zu verlieren. Im Gegenteil: Auch ohne in den Sternenbewegungen unmittelbar göttliches Walten erkennen zu können, ermahnen uns kosmische Phänomene, unseren zeitlich und räumlich äußerst beschränkten Bewusstseinshorizont zu weiten. Die so gewonnene neue Perspektive auf den Menschen mag, wie Freud sich ausdrückte, als „narzisstische Kränkung‟ empfunden werden. Sie stellt aber auch eine Läuterung auf dem Weg zum mündigen Mensch der Gegenwart dar. Der damit verbundene weltanschauliche Paradigmenwechsel ist keineswegs Allgemeingut, ist Teil des noch unvollendeten Projektes der Aufklärung; angesichts der problembelasteten Rolle, die der Mensch auf unserem „Raumschiff Erde‟ gegenwärtig spielt, allerdings ein äußerst wichtiges Projekt! Schon deshalb sollte die „kopernikanische Wende‟ ein zu bevorzugendes humanistisches Bildungsthema sein. Wie steht es aber um die Überzeugungskraft der kopernikanischen Wende? Viele Themen der modernen Naturwissenschaft entziehen sich bekanntlich dem unmittelbaren Verständnis und können beispielsweise nur mit wohlbegründeten Modellvorstellungen in Teilaspekten verstanden werden. Ist der Laie im Nachvollzug der kopernikanischen Wende zu Wissenschaftsgläubigkeit verdammt? Rationalismus als Bekenntnis? Dann stünde der humanistische Bildungswert infrage. Das Bestechende an unserer Thematik ist, dass der Laie den Werdegang des modernen kosmologischen Weltbildes bis in die neueste Exoplanetenforschung hinein, gegründet auf zugänglichen Phänomenen, sehr gut nachvollziehen kann.207 Naturwissenschaftliches Verstehen bedeutet „stehen auf den Phänomenen‟, wie sich Martin Wagenschein208 ausdrückte. Von den einfacheren Fragen, wie der Herleitung der Kugelgestalt der Erde und einer guten Begründung ihrer Eigenrotation, über ein Beobachten und Verstehen der Schleifenbewegungen Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema 260 der Planeten bis hin zu einem Verständnis dessen, wie wir zu den sprichwörtlich gewordenen „astronomischen‟ Entfernungsvorstellungen kommen oder zur Vorstellung eines expandierenden Universums, das seinen Anfang in einem Urknall genommen hat – all diese Fragen lassen sich überzeugend auf der Grundlage zugänglicher Phänomene beantworten. Es war ganz besonders diese Überzeugungskraft, welche die Träger der Aufklärung Vertrauen in die menschliche Vernunft fassen ließ. Im Nachvollzug der kopernikanischen Wende kann jeder Beobachtungsfähigkeit und Vernunftgebrauch schulen. Lässt man die so gewonnenen Erkenntnisse nah genug an sich heran – und nur dann kann man von Bildung sprechen –, dann wird sich die Frage der intellektuellen Redlichkeit stellen, die dazu auffordert, den kopernikanischen Paradigmenwechsel in sein eigenes Weltbild zu integrieren. Dies zu leisten, ist eine Angelegenheit des mündigen Individuums und sollte damit im Zentrum humanistischer Bildung stehen. Unsere Thematik steht kaum im Verdacht, Ausbildungszwecken zu dienen. Zwar führten die Anforderungen der Raumfahrt auch zu technischen Innovationen, und beispielsweise Satelliten sind in der modernen Welt ohne Zweifel wichtig. Kosmologische Themen in den Bildungskanon aufzunehmen, lässt sich allerdings über ihre Nützlichkeit für den Alltag kaum begründen. Wie die Freude an Musik und Kunst sind sie Ausdruck einer urmenschlichen Regung: der Neugierde, etwas über sich und die Welt zu erfahren, des Wunsches zu begreifen, wie es um die Welt bestellt ist und was dies für den Menschen selbst bedeutet. Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, sich in der Welt orientieren zu wollen und sein Handeln nach dieser Orientierung auszurichten. Zwei Kulturbereiche befriedigen dieses Bedürfnis des Menschen: Religion und Philosophie. So verwundert es nicht, dass die Historie der kopernikanischen Wende auch Teil der Philosophie- und Religionsgeschichte ist. In Bezug auf das humanistische Bildungsanliegen ist allerdings wichtig zu sehen, in welch unterschiedlicher Weise Religion und Philosophie hier „bilden‟. Blättert man durch den katholischen Katechismus, so findet man eine Ansammlung von Antworten. Das Wort Katechismus bedeutet „von oben herab tönen‟ für „unterrichten‟ – ein treffendes Bild für den Wesenskern aller Offenbarungsreligionen, die den Ursprung ihrer Weltinterpretation, ihres Glaubens in der jeweils für Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema 261 wahr befundenen Offenbarung dessen sehen, der alles geschaffen haben soll. Natürlich gibt es heute aufgeklärte religiöse Menschen, die bemüht sind, nicht nur blind zu glauben, sondern ihren Glauben zu hinterfragen.209 Wer sich religiös definiert, bleibt aber an den Kern der jeweiligen Offenbarung gebunden. Ganz anders ist die Grundhaltung in der – nicht religiös gebundenen – Philosophie. So formulierte Richard David Precht zu Beginn seiner Geschichte der Philosophie den Satz: „Alle großen philosophischen Fragen sind offene Fragen; und jede Antwort treibt sofort wieder neue Fragen hervor.‟210 Kein philosophischer Text wird als Absolutum wahrgenommen, sondern als mehr oder weniger bedeutender Teil der kulturellen Evolution. Im Gegensatz zur offenbarungsreligiösen Interpretation „unterrichtet‟ weder Philosophie noch Naturwissenschaft darüber, wie man entsprechend der „wahren Sichtweise‟ zu denken und zu glauben hat, sondern sie führen dem Lernenden den aktuellen Kenntnisstand der Phänomene und deren Interpretationsmöglichkeiten vor. So wird der Stab des Forschens und Denkens weitergegeben in der Hoffnung, zu neuen, besseren Sichtweisen der Welt zu gelangen. „Wir irren uns hinauf‟ ist ein häufiger gehörtes geflügeltes Wort. Es dürfte auf der Hand liegen, welche Haltung mehr der Bildung zur Mündigkeit dient. Einmal darauf aufmerksam geworden, vergegenwärtige man sich, welchen Raum der Religionsunterricht im heutigen Schulsystem im Verhältnis zu einem Philosophieunterricht oder zu „philosophischen Themen‟ innerhalb der Naturwissenschaften, wie der kopernikanischen Wende, einnimmt. Hier besteht ohne Zweifel Nachbesserungsbedarf. Der Nachvollzug der kopernikanischen Wende macht bewusst, dass die Bilder, die sich Denker von den grundlegenden Wesenszügen der Welt gemacht haben, nicht statisch, sondern im steten Wandel begriffen sind. Dies geschah nie willkürlich, neue Erkenntnisse erzwangen die Weiterentwicklung der kosmologischen Auffassungen. Oft war dies ein schmerzhafter, vielleicht erschütternder Prozess, wenn lieb gewonnene Vorstellungen aufgegeben werden mussten, weil sie sich im neuen Licht als falsch oder unvollständig herausstellten. Letztlich ist die Erweiterung des Wissenshorizontes aber eine beglückende Erfahrung. Sie belehrt darüber, dass auch kulturell der Weg das Ziel ist; dass wir auch in Zukunft unseren Blick auf die Welt verändern werden. Des Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema 262 Menschen Verhältnis zur Welt ist nie fertig und vollendet, sondern im steten Wandel begriffen. Die Erfahrung zu vermitteln, Teil eines weltanschaulichen Kulturstroms zu sein, der weitergetragen und modifiziert wird, gehört zum humanistischen Bildungsanliegen. Es führt zu Offenheit gegenüber neuen Erkenntnissen und Erfahrungen, zu einem gesunden Zweifel seinem eigenen Weltbild gegenüber, aber auch dazu, sich der Gründe bewusst zu sein, warum man gegenwärtig so und nicht anders denkt. Diese innere Spannung zeichnet eine mündige Persönlichkeit aus. Es gab gute Gründe dafür, die Erde ruhend ins Zentrum des Kosmos zu stellen. Es gab gute Gründe dafür, diesen Platz der Sonne zu überlassen, auch wenn es schmerzte, den Menschen nicht mehr im Zentrum der „geschaffenen Welt‟ zu sehen. Nicht minder gut waren die Gründe, auch die Sonne in Bewegung zu versetzen, erst mit den Planeten um gemeinsame Schwerpunkte, dann mit den Fixsternen zusammen um das Zentrum der Galaxie und heute als Teil der Galaxie in komplizierten Bewegungen durch das Universum, auch wenn die Bedeutung der irdischen Welt hierdurch immer mehr der eines vagabundierenden Staubkorns in der Wüste gleicht. Und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass wir auch heute nur einen Teil dessen erfasst haben, was das Universum ausmacht.211 Die kopernikanische Wende ist ein Thema, dessen Nachvollzug diese Vielschichtigkeit erfahrbar macht und das Beobachten und Denken schult. Deshalb sei es als humanistisches Bildungsthema empfohlen. Nachwort: Kopernikus als humanistisches Bildungsthema 263

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Zusammenfassung

Die Suche nach Leben im Weltall lässt nicht nur Astronomen hellhörig werden. Die Vorstellung, dass wir sehr wahrscheinlich nicht allein sind im Universum, rüttelt an unserem Selbstverständnis als Mensch. Ulf Faller behandelt die grundlegenden Phänomene des gestirnten Himmels und die Entwicklung des geozentrischen Weltbildes bis zu seiner spätmittelalterlichen Synthese mit dem christlichen Glauben. Nikolaus Kopernikus rüttelte erstmals in der abendländischen Geschichte am geozentrischen Weltbild, indem er die Erde zu einem Planeten unter ihresgleichen werden ließ. Der Autor zeigt auf, wie sich das Bild vom Universum in den letzten hundert Jahren verändert hat. Wir wissen heute, dass unser Sonnensystem keinen ausgezeichneten Ort im Kosmos einnimmt. Schon Sigmund Freud empfand die Feststellung, nur auf einem von vielen Planeten zu leben, als narzisstische Kränkung der Menschheit. Wir müssen heute erkennen, dass das Universum nicht den Eindruck erweckt, mit uns Menschen an sein Ziel gekommen zu sein. Das zu realisieren kann bescheiden machen, unseren blauen Planet für die unzähligen Generationen zu bewahren, die er noch beherbergen könnte.