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Kränkung und Katharsis in:

Ulf Faller

Der lange Schatten des Kopernikus, page 229 - 254

Wie die moderne Kosmologie den christlichen Anthropozentrismus überwindet

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4176-5, ISBN online: 978-3-8288-7054-3, https://doi.org/10.5771/9783828870543-229

Tectum, Baden-Baden
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Kränkung und Katharsis Sigmund Freud und die kosmologische Kränkung des Menschen 1917: In nie da gewesener Brutalität zerfleischen sich die europäischen Mächte in einem Krieg, in den die Völker nur zu oft mit Euphorie gezogen sind. Die führenden Eliten genauso wie die breite Masse. Man fragt sich, warum? In Wien schreibt Sigmund Freud, dessen Name seit zwei Jahrzehnten für die wissenschaftliche Erforschung seelischer Abgründe steht, an einem Aufsatz, der den Topos von der „narzisstischen Kränkung der Menschheit‟ durch wissenschaftliche Fortschritte in die Welt setzt. Der Titel des Aufsatzes: „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse‟173. Es fällt schwer, so Freud, zu akzeptieren, dass „seelische Vorgänge an sich unbewusst sind und nur durch eine unvollständige und unzuverlässige Wahrnehmung dem Ich zugänglich werden‟, weshalb wir von unbewussten Vorgängen unserer Psyche beeinflusst sind. Das Ich ist damit „nicht Herr in seinem eigenen Haus‟. Dies kränkt die narzisstische Eigenliebe des Menschen, der sich „souverän in seiner eigenen Seele‟ wähnt. Die Psychoanalyse macht ihm dies bewusst, was ihre Akzeptanz behindert. Dies sei, so führt Freud aus, die dritte große narzisstische Kränkung im Zuge des Fortschrittes der Wissenschaften. Die zweite ist mit dem Namen Darwins verbunden: „Der Mensch ist nichts anderes und nichts Besseres als die Tiere, er ist selbst aus der Tierreihe hervorgegangen, einigen Arten näher, anderen ferner verwandt.‟ Die erste Kränkung muss uns genauer beschäftigen, denn sie ist nach Freud mit dem Namen Kopernikus verbunden. Im Wortlaut heißt es: „Nach dieser Einleitung möchte ich ausführen, daß der allgemeine Narzissmus, die Eigenliebe der Menschheit, bis jetzt drei schwere Kränkungen von Seiten der wissenschaftlichen Forschung erfahren hat. a) Der Mensch glaubte zuerst in den Anfängen seiner Forschung, daß sich sein Wohnsitz, die Erde, ruhend im Mittelpunkt des Weltalls befinde, wäh- 229 rend Sonne, Mond und Planeten sich in kreisförmigen Bahnen um die Erde bewegen. Er folgte dabei in naiver Weise dem Eindruck seiner Sinneswahrnehmungen, denn eine Bewegung der Erde verspürt er nicht, und wo immer er frei um sich blicken kann, findet er sich im Mittelpunkt eines Kreises, der die äußere Welt umschließt. Die zentrale Stellung der Erde war ihm aber eine Gewähr für ihre herrschende Rolle im Weltall und schien in guter Übereinstimmung mit seiner Neigung, sich als den Herrn dieser Welt zu fühlen. Die Zerstörung dieser narzisstischen Illusion knüpft sich für uns an den Namen und das Werk des Nik. Kopernikus im sechzehnten Jahrhundert. Lange vor ihm hatten die Pythagoreer an der bevorzugten Stellung der Erde gezweifelt, und Aristarch von Samos hatte im dritten vorchristlichen Jahrhundert ausgesprochen, daß die Erde viel kleiner sei als die Sonne und sich um diesen Himmelskörper bewege. Auch die große Entdeckung des Kopernikus war also schon vor ihm gemacht worden. Als sie aber allgemeine Anerkennung fand, hatte die menschliche Eigenliebe ihre erste, die kosmologische, Kränkung erfahren.‟ Die von Freud postulierte „Kränkung‟ intellektuell zu verstehen, ist das eine. Ein ganz anderes ist es, sie innerlich nachzuvollziehen und auf diese Weise die unbewussten Tiefen der Psyche zu verändern. Die „Kränkung der Eigenliebe‟ des Menschen wird so eine „Katharsis der Eigenliebe‟. Eine Selbstverordnung, die sich durch ein erheblich grö- ßeres Maß an Bescheidenheit darüber auszeichnen könnte, wie der Mensch seine Rolle auf unserem Planeten Erde sieht. Dass dies ein Gebot der Stunde ist, muss wohl nicht besonders betont werden. Um den emotionalen Gehalt der „kosmologischen Katharsis‟ erfahrbarer zu machen, werfen wir zwei kosmologische Schlaglichter: Ein erstes vergegenwärtige uns die Harmonie des mittelalterlich-geozentrischen Weltbildes und ein zweites im Kontrast hierzu unser gegenwärtiges Verhältnis zum Universum. 1574: „Loblied auf die himmlischen Wissenschaften“ des Tycho Brahe Tycho Brahe zählte als fast 30-Jähriger zu den astronomischen Berühmtheiten seiner Zeit. Mit 13 Jahren packte ihn mit der Beobachtung einer Sonnenfinsternis die Begeisterung für die Himmelsbeobachtung. Seine universitäre Ausbildung erfuhr er in Leipzig, Wittenberg und Augsburg. Obwohl sein Ziehvater ihm ein Jurastudium abverlangte, galt seine Leidenschaft der Astronomie. Daher schrieb er Kränkung und Katharsis 230 sich 1566 für ein Studium der Mathematik und Astronomie in der Rostocker Universität ein. Zu seinen Lehrern gehörte der Mediziner und Astronom Heinrich Brucaeus. Unter seiner Leitung verdiente sich Brahe erste Achtungserfolge durch die Vorhersage einer Mondfinsternis und durch das Erstellen von Horoskopen. Die Verknüpfung von Medizin und Astrologie war damals üblich, um die besten Zeiten für eine medizinische Behandlung zu ermitteln.174 In Rostock wurde Brahe mit den Lehren des Kopernikus bekannt, die er wegen ihrer mathematischen Leistungen sehr schätzte, auch wenn er dem Kern, dem Heliozentrismus, skeptisch gegenüberstand.175 1571 kehrte Brahe nach Dänemark zurück, wo er im folgenden Jahr den „neuen Stern‟ im Sternbild Kassiopeia sichtete, wie wir schon besprochen haben. Seine Veröffentlichung hierzu machte ihn weithin bekannt. So kam es, dass der dänische König Frederik II. Brahe ersuchte, Vorlesungen zur Astronomie an der Kopenhagener Universität zu halten. Seine Antrittsvorlesung ist als „Loblied auf die himmlischen Wissenschaften‟ noch heute überliefert.176 In Brahes Gedankengängen kann man die Sichtweise des Geozentrikers erleben. Es wird deutlich, warum sich für den Renaissance-Astronomen die Astronomie noch nicht von der Astrologie emanzipiert hat und das Anfertigen von Horoskopen ohne Bruch zum Handwerk eines Astronomen dieser Zeit dazugehören konnte, auch wenn die Kirche das astrologische Handwerk ablehnte.177 Für die geozentrische Sichtweise waren der „Mikrokosmos Mensch‟ und der Kosmos der Welt eng miteinander verknüpft und aufeinander bezogen. „Nicht nur von einigen von euch, sondern auch von unserem allergnädigsten König bin ich gebeten worden, einige öffentliche Vorträge über die mathematischen Wissenschaften zu halten. [...] Mich beseelt von Jugend an eine solche Neigung zu diesen Wissenschaften, dass ich nicht nur auf die Erlangung derselben viel Zeit und Arbeit verwandte, sondern auch andere zu gleichem Tun eifrig ermunterte und ihre Versuche nach Kräften unterstützte. [...] Aus diesen beiden, der Geometrie und Algebra, entstammt jene den Niederungen dieser Erde weit entrückte Wissenschaft, die Astronomie genannt ist. Sie ist nicht damit zufrieden, in den engen Grenzen der Erde, der Meere und übrigen Elemente eingeschlossen zu werden, sie schreitet hin über den hohen und weiten Äther, über die leuchtende Sonne, den weißen, formenreichen Mond und über alle anderen, die wandelnden wie die festen Gestirne; alle ihre Bewegungen, Harmonien, Bahnen, Verhältnisse und Grö- ßen erforscht sie in erhabener Betrachtung. 1574: „Loblied auf die himmlischen Wissenschaften“ des Tycho Brahe 231 Was brauche ich viel von dem Nutzen der Astronomie zu sagen? Kann doch ohne die Zeiträume der Jahre, Monate und Tage und ihrer genauen Abgrenzung, welche von der Astronomie ausgeht, keine Gemeinde und kein Staat bestehen, um nichts anzuführen von anderem offensichtlichem Nutzen, den die Kenntnis der Astronomie im öffentlichen Leben bringt. Wenn jedoch diese Kunst weiterhin keinen Vorteil böte, so ist sie doch an und für sich so beschaffen, dass ihre Kenntnis mit Recht von edlen Geistern verlangt werden muss. Denn sie erfüllt des Menschen Geist mit einem unerhörten und wohltuenden Entzücken, schärft ihn, lenkt die Gedanken, aus denen sein Leben besteht, von diesen irdischen, lächerlichen und nichtigen Dingen zu den himmlischen, ernsten und bleibenden Betrachtungen und erfüllt und erquickt den Menschen mit wahrer Lust, die einigermaßen der Seligkeit der Himmelsbewohner gleicht, und erhebt ihn über sein sterbliches Los. Wozu hätte der weise und fürsorgliche Schöpfer des Weltalls so bewundernswerte, ewige Gesetze der himmlischen Bewegung in solcher Mannigfaltigkeit und doch so übereinstimmende Harmonie geschaffen, wenn er sie nicht erforscht haben wollte durch die Menschen, um derentwillen er großenteils die sichtbare Welt gemacht? Vielmehr wollte er, dass sie in unermüdlicher Arbeit genau durchforscht werden, damit die Größe seiner Majestät und Weisheit auch hieraus von den Menschen erkannt und gepriesen werde. Nach der wahren und zutreffenden Erkenntnis Gottes, die uns durch das von ihm gegebene Wort offenbart wurde, entspricht deshalb nicht der menschlichen Natur und dem Zweck, für den der Mensch auf die Erde, den Mittelpunkt der Welt, gestellt wurde, mehr, als dass er von da wie vom Mittelpunkt aus das durchschaue, was in der ganzen Werkstätte der Welt, sonders aber in jener himmlischen Strahlenwelt so viele ewiger Sterne leuchtet, und dass er in dieser köstlichen und sinnigen Betrachtung sein Leben angenehm verbringe, Gott den Schöpfer in seinen weisesten und mannigfaltigsten Werken erkenne und ihm die geschuldete Verehrung und Lobpreisung darbringe. Zu den ersten und vorzüglichsten Vorteilen der Astronomie muss das folgende gerechnet werden [...]: dass es möglich ist, aus den durch die Astronomie erkannten Bewegungen der Gestirne [...] über die menschlichen Schicksale, insofern diese von den Gestirnen abhängen, ein Urteil zu fällen und vieles vorauszusehen. Denn es ist nicht zweifelhaft, dass diese untere Welt von der oberen beherrscht und befruchtet wird. Die Kräfte und den Einfluss der Gestirne leugnen, heißt die göttliche Weisheit und Klugheit mindern und der offensichtlichen Erfahrung widersprechen. Gäbe es einen schieferen und absurderen Gedanken von Gott als den, dass er dieses unermessliche und bewundernswerte Schauspiel so vieler glänzender Sterne vergebens und zu keinem Nutze geschaffen habe, während doch kein Mensch auch nur das geringste Werk ohne bestimmten Zweck verrichtet? Wenn wir nämlich die Dauer der Jahre, Monate und Tage am Himmel wie an einer ewigen, unermüdlichen Uhr messen, so erklärt dies Nutzen und Zweck der himmlischen Maschine nicht befriedigend. Was sie nämlich zum Messen der Zeit tut, hängt nur vom Umlauf der Lichter Kränkung und Katharsis 232 und der Umdrehung der Fixsternsphäre ab. Wozu kreisen dann die fünf anderen Planeten in eigenen und voneinander verschiedenen formenreichen Bahnen? [...] Sollten alle diese Sterne mit ihren mannigfaltigen und verblüffenden Bewegungen umsonst gegründet sein? Wozu ist außerdem die ganze sogenannte achte Sphäre erfüllt mit so unzähligen leuchtenden Sternen in ihrer abwechslungsreichen Anordnung und ihren so langsamen Bewegungen? Sollten auch sie alle [...] untätig und nutzlos sein? Das würde nämlich notwendig daraus folgen, wenn der Himmel und alle die leuchtenden und ewigen Körper, die er enthält, nur der Unterscheidung der Zeit dienen sollten. Hat Gott also etwas ins Blaue hinein geschaffen? Hat Gott keinen Zweck und Nutzen für ein so großes Kunstwerk und eine so gewaltige Maschine vorausgesehen? Wie absurd ist es, dies zu denken, geschweige denn zu glauben, wird aus der vollkommensten Weisheit selbst bewiesen und kann aus jeden allerkleinsten Geschöpfen dieser niedrigen Natur deutlich erkannt werden. [...] Wenn also die himmlischen Körper von Gott aufgebaut sind, damit sie Zeichen seien, dann bedeuten sie notwendig etwas, und das für die Menschen, um derentwillen sie großenteils geschaffen sind.“ Seit 1970: Die Voyager-Mission Am 5. September 1977 startete die Raumsonde Voyager 1 von Cape Canaveral, 16 Tage nach ihrer baugleichen Schwestersonde Voyager 2, auf eine Reise zu den äußeren Planeten unseres Sonnensystems. Beide nutzten eine günstige Planetenkonstellation, die sich nur alle 176 Jahre wiederholt, um die Gasplaneten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun im Vorbeiflug zu untersuchen. Es sollte einer der aufsehenerregendsten und erfolgreichsten Weltraummissionen werden. Beide Sonden sendeten spektakuläre Bilder zur Erde, die Grundlage der kollektiven Vorstellung von den Planetenwelten mit ihren Monden geworden sind. Neben der Kamera haben die Sonden zehn weitere wissenschaftliche Instrumente an Bord, deren Messergebnisse sie mittels eines Radiosenders Richtung Erde sendeten und immer noch senden. Voyager 1 erreichte am 5 März 1979 den Jupiter, der etwa fünf Mal weiter (5 astronomische Einheiten, 5 AE, siehe oben) von der Sonne entfernt ist als wir. Am 11. November 1980 passierte Voyager 1 den Saturn mit einem Sonnenabstand von etwa 10 AE. Während Voyager 2 nach dem Ringplaneten noch an Uranus und Neptun vorbeiflog, ließ Seit 1970: Die Voyager-Mission 233 sich Voyager 1 durch den Saturn aus der Ekliptik-Ebene herauskatapultieren. Auf zwei Wegen sollten die Voyagersonden den äußersten Einflussbereich der Sonne ausloten. Bevor die eigentliche „Voyager Interstellar Mission‟ begann, wurde im Februar 1990 Voyager 1 auf Anregung des bekannten Astronomen Carl Sagan zurückgeschwenkt, um aus einer Entfernung von 40,5 AE eine Fotoserie als „Familienporträt‟ der Planeten unseres Sonnensystems zu erstellen. Diese „Familienfoto‟-Collage der Voyager 1 war wissenschaftlich nicht von Belang, für unsere Vorstellung von der Stellung unserer Erde im Universum umso mehr. Eines der Fotos zeigt die Erde, aufgrund der großen Entfernung von über 6000 Millionen km bzw. 40,5 AE, sehr nahe bei der Sonne. Es zeigt die Erde aus der größten Entfernung, aus der jemals ein Foto von ihr geschossen wurde. Die Kamera war für „Gegenlichtaufnahmen‟ wie diese nicht gemacht, daher streut das Sonnenlicht durch die Kameraoptik als Streifen durch das Bild. Die Erde selbst ist auf einen winzigen, leicht blauen Punkt geschrumpft, auf Pixelgröße. Daher ist das Foto als „Pale Blue Dot‟, als „fahlblauer Punkt‟, bekannt geworden (Abbildung 46178). Kränkung und Katharsis 234 Ein winziger Punkt neben einer schon aus dieser Entfernung kleinen Sonne, inmitten der schwarzen Leere des Weltalls. Ein Punkt, auf dem sich alles abspielt, was unser Leben ausmacht. Dabei war Voyager zum Zeitpunkt der Fotografie, selbst wenn wir nur die kosmologisch nähere Umgebung der Sonne ins Auge fassen, eigentlich noch nahe bei der Erde: So finden wir den der Erde nächsten Stern, Proxima Centauri, in 270.000 Astronomischen Einheiten Entfernung. Voyager würde hierhin 72.500 Jahre fliegen, obwohl sie in jeder Minute über 1000 km zurücklegt. Zum Vergleich: vor 72.000 Jahren lebten die Menschen noch als Jäger und Sammler. Die Liste der sonnennächsten Sterne, die bis zu 16 Lichtjahre entfernt sind, umfasst etwas über 50 Sterne, von denen einige ein Doppel- oder Dreifachsternsystem bilden. Um diesen Raum zu durchfliegen, würde Voyager fast 300.000 Jahre benötigen. Und Voyager reist weiter. Im Februar 1998 überholte Voyager 1 die fünf Jahre früher gestartete Raumsonde Pioneer 10, die nach ihrem letzten Funkkontakt im Januar 2003 in Richtung Aldebaran im Sternbild Stier unterwegs ist, den sie in ca. 2 Millionen Jahren erreichen wird. Voyager 1 ist seitdem das am weitesten von der Erde entfernte menschliche Produkt mit der schnellsten Entfernungsgeschwindigkeit. Diese beträgt ca. 63.000 km/h: Das heißt, in der Zeit, in der sie diese Zeilen über Voyager gelesen haben, hat sie sich erneut über 2000 km weiter von der Erde entfernt. Im August 2012 erreichte Voyager endgültig den interstellaren Raum in einem Sonnenabstand von 121 AE. Doch noch in 10.000 bis 50.000 AE in den Raum hinaus bindet die Gravitation der Sonne Milliarden von Kometenkernen in der sogenannten Oortschen Wolke. Erst jenseits dieses Bereiches wird Voyager den Einflussbereich unseres Sonnensystems verlassen. Sollte der Kontakt zu Voyager 1 aufrechterhalten werden können, so werden wir noch bis ca. 2025 mit ihr in Kontakt bleiben. Dann wird sie allein ihren Weg ins All fortsetzen mit 1000 km pro Minute, dem 3,7-fachen Abstand der Erde von der Sonne jedes Jahr. Sie wird alle rund 17.100 Jahre eine Entfernung zurücklegen, für die das Licht ein Jahr benötigt. Könnten wir sie orten, fänden wir sie im Bereich des Sternbildes Schlangenträger, zwischen dem Sternbild Skorpion und Waage, während Voyager 2 in 300.000 Jahren das Umfeld des Sternes Sirius im großen Hund passieren wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass Seit 1970: Die Voyager-Mission 235 sie im All mit einem größeren Himmelskörper kollidiert, liegt nahezu bei null. In etwa 1500 Millionen Jahren wird sie den Halo unserer Milchstraße verlassen und die Tiefen des Universums durchmessen, bis sie, wer weiß, in eine weitere Galaxie eindringt. Sie wird ihre Reise auch dann weiterführen, wenn die Erde aufgehört hat zu existieren. Und sie trägt in Gold verewigte Botschaften an „unbekannt‟ mit sich. „The Sounds of Earth‟: Grußworte in vielen Sprachen, Musik, die die Menschen der 70er bewegte, und Bilder aus dem Leben der Menschen auf unserem Heimatplaneten. Eingraviert in eine „Schallplatte‟ mit Bedienungsanleitung für die Entschlüsselung (Abbildung 47). Wahrscheinlich wird sie nie gehört werden, aber sie wird existieren, selbst wenn alle Spuren unserer Kultur auf dieser Erde vom Winde verweht sein werden. „Der Weltraum – unendliche Weiten‟: Es sind schon viele Versuche unternommen worden, die eigentlich nicht vorstellbaren Größenverhältnisse im Universum vorstellbar zu machen. Auch wir wollen dies nicht unversucht lassen. In unserer Vorstellung möge die Erde auf jenen Pale Blue Dot schrumpfen, auf einen gerade noch wahrnehmbaren Punkt (<0,1 mm). Auf Pixelgröße. Die Entfernung Erde-Sonne, beträgt in diesem Modell 1 Meter; die Sonne selbst hätte einen Durchmesser von 9 mm. Das Foto des Pale Blue Dot wurde in diesem Modell im Abstand von 40 Metern aufgenommen, Voyager 1 befindet sich 2014 in ca. 128 Metern Entfernung von der Sonne. Proxima Centauri müssten wir uns 268 km (!) Luftlinie von der Sonne entfernt vorstellen. Die etwa 50 sonnennächsten Sterne – Größenordnung 1 Zentimeter – befänden sich in einer Kugel mit Radius von über 1000 km! Die etwa 6000 mit bloßem Auge sichtbaren Sterne können bis zu 500 Lichtjahre von Kränkung und Katharsis 236 uns entfernt sein, selten mehr. Im Modell würden sie sich in einer Raumkugel verteilen, die den 2,5-fachen Erdradius hätte. In diesem Bereich sehen wir allerdings sehr viele Sterne nicht mit bloßem Auge, da sie zu leuchtschwach sind. Im Hintergrund leuchtet unsere Milchstraße. Ihr Zentrum ist 26.000 Lichtjahre von uns entfernt, im Modell etwa vier Mal so weit wie der Mond von der Erde. Das Modell der gesamten Milchstraße ‒ immer noch mit einem Erd-Sonnenabstand von einem Meter ‒ würde eine Scheibe umfassen, die acht Mal den Durchmesser der Mondumlaufbahn einnehmen würde. Die 2,5 Millionen Lichtjahre entfernte Andromedagalaxie wäre im Modell etwas weiter entfernt als die Sonne von uns. Für den imaginationsstarken Leser sei angemerkt, dass die kosmische Hintergrundsstrahlung im Pixelmodell als etwa ein Zehntel Lichtjahr von uns entfernt vorzustellen ist. Das Universum ist also vor allem eins: Unglaublich leer. Wegen seiner enormen Größe allerdings finden sich in dieser Leere als Inseln eingebettet unvorstellbar viele Sterne, allein in unserer Milchstraße schwanken die Schätzungen zwischen 100 und 300 Millionen! Man schätzt die Zahl der Milchstraßensysteme etwa als ebenso groß ein. So können wir sagen: Das Universum ist einerseits ungeheuer groß und leer, andererseits findet sich eine riesige, die menschliche Vorstellungskraft nicht minder übersteigende Anzahl von Sterneninseln. Diesen Raum durchmessen die Voyagersonden. Seit sie die Zeilen über ihre Mission lesen, sind sie – je nach Lesegeschwindigkeit – annähernd um einen Erdradius weitergezogen. In sechs Stunden wird sie sich um den Abstand zum Mond entfernt haben, morgen um das Vierfache. Unaufhaltsam. Warum „narzisstische Kränkung“? Wenn Sigmund Freud von einer kosmologischen Kränkung spricht, meint er den durch das Werk Nikolaus Kopernikus’ angestoßenen Niedergang des geozentrischen Weltbildes und dessen Ablösung durch die moderne Kosmologie. Hierin eine Kränkung zu erkennen, bedeutet, dass es sich um Einsichten handelt, die über die astronomische Forschung hinaus von Bedeutung sind. Neue Einsichten können erst dann Warum „narzisstische Kränkung“? 237 „kränken‟, wenn sie umfassend die kulturelle Identifikation des Menschen verändern. Im 21. Jahrhundert werden Geozentriker rar sein angesichts der Präsenz astronomischer Themen in den Medien. Von den faszinierenden „Weiten des Universums‟ hören wir oft. Ist uns aber bewusst, dass die kosmologischen Vorstellungen Konsequenzen haben für die Rolle, die wir uns Menschen in der Welt zusprechen? Im Kollektiv179 wohl kaum, denn es hätte uns längst von dem Thron gesto- ßen, auf dem wir immer noch zu sitzen meinen. Die „kosmologische Kränkung‟, von der Freud spricht, müssen wir uns als kulturellen Evolutions-Prozess vorstellen, der für die abendländische Geschichte von Nikolaus Kopernikus angestoßen wurde und heute keineswegs abgeschlossen ist. Es ist der lange Schatten des Kopernikus. Als „narzisstische Illusion‟ entpuppt sich das geozentrische Weltbild erst in der Rückschau. Der Geozentriker hatte guten Grund zur Annahme, sich „als den Herrn dieser Welt zu fühlen‟180. Die „narzisstische Kränkung‟ besteht gerade darin, dass das Gefühl der prinzipiellen Überlegenheit und Auszeichnung vor der übrigen Welt, das der Mensch im abendländischen Kulturstrom zweifelsohne und oft bis heute hat, eine wichtige Grundlage verliert. 181 Dies kränkt sein Selbstwertgefühl. Doch einer Krankheit folgt Genesung, und die Frage ist, ob es zu einer Katharsis, einer Läuterung, kommen kann und wie sich diese anfühlt. Doch zunächst sei eine genauere „Diagnose‟ der kosmologischen Kränkung versucht. Denn sie umfasst wesentlich mehr, als dass die Planeten nicht mehr unser Haupt umkreisen. „Wir sind nicht der Mittelpunkt des Kosmos und damit sehr wahrscheinlich weder einzigartig noch Fokus der Seinsgeschichte‟: Doch anfangs ist es genau diese Dezentralisierung des menschlichen Lebensraumes, die unser Selbstbild erschüttert. Die Mittelstellung der Erde im damaligen Universum zeichnete die Welt, in der wir leben, als besonderen Ort aus, der prinzipiell keinen weiteren vergleichbaren Ort zuließ. Denn der übrige Kosmos war in ewiger, idealer, gleichförmiger und damit göttlicher Bewegung begriffen und scharf von der ruhenden, vergänglichen sublunaren Welt getrennt. Gewiss, die Erde durch die heliozentrische Weltsicht in den Status eines Planeten zu erheben und ihr damit ebenfalls göttliche Qualitäten zuzusprechen, kann auch Kränkung und Katharsis 238 als Aufwertung verstanden werden. Dies wird gerne gegen Freuds Topos von der kosmologischen Kränkung ins Feld geführt. War doch für den christlichen Kosmos die Erde der Bereich der „gefallenen Schöpfung‟, der „Sünde‟, ja die Oberfläche der „Hölle‟ – man denke an Dantes „göttliche Komödie‟. Doch den Menschen als sündhaft und gefallen anzusehen, ist ein Spezifikum christlichen Denkens, das den antiken Menschenbildern fremd war und mit der Renaissance auch in Europa relativiert wurde. Und selbst aus christlicher Sicht ist der Einwand gegen Freud unberechtigt. Denn die „frohe Botschaft‟ des Christentums besteht gerade in dem Glauben, dass der Zustand der Sündhaftigkeit zumindest nicht für alle Menschen das letzte Wort ist. Denn der „Heilswille Gottes‟ hat durch das „Mysterium von Golgatha‟ die Erlösung der gefallenen Welt des Menschen möglich gemacht, um die „Schöpfung‟ durch die Zuwendung der Menschen zu Gott zu erlösen. Auch wenn sich der mittelalterliche Christ auf der Erde nicht auf dem von den himmlischen Heerscharen umkreisten Thron empfand, so konnte er sich doch als „Dreh- und Angelpunkt‟ des kosmischen Heilsgeschehens Gottes verstehen. Das tägliche Erleben himmlischer Bewegungen führte ihm dies eindrucksvoll vor Augen. Das kosmische Geschehen zeugt von einer Geschichte, in der es um das Heil des Menschen geht: um uns! Doch wenn unsere Erde nur ein Planet ist unter anderen? Unter vielen? Vielleicht unter sehr vielen? Belebten? Von anderen Kulturen bevölkerten? Gibt es extraterrestrische Intelligenzen? Uns vielleicht überlegene? Mit einer gänzlich anderen Geschichte? Sind diese extraterrestrischen Intelligenzen ebenfalls gefallene Geschöpfe? Oder nicht? Geht es „Gott‟ auch um diese „Spezies sapiens‟? Vielleicht mehr noch? Welche Stellung haben wir Menschen für ihn? Müssen wir uns seine Gunst teilen? Müssen wir uns einreihen? Unterordnen? Geht es in diesem neuen Universum wirklich nur um uns? – Wohl kaum! „Wir gleichen einem Staubkorn im All‟: Die Schwierigkeiten, die wir haben, uns die Größenverhältnisse im Universum vorzustellen, sagen etwas ganz Entscheidendes aus: Das Universum ist menschlichen Maßstäben kolossal fremd. Weder die menschliche Sinneserfahrung noch das am Lebensalltag geschulte Vorstellungsvermögen können sie angemessen erfassen. Vor dem Einsatz technischer Beobachtungshil- Warum „narzisstische Kränkung“? 239 fen, vom einfachen Teleskop zum Hightech-Weltraumdetektor, war es nicht möglich, die Dimensionen des Universums zu erforschen. Kopernikus ahnte etwas von der Größe der Fixsternsphäre, für ihn ergab sich dies aus seinem Festhalten am heliozentrischen Weltbild trotz der fehlenden Fixsternparallaxe. Für Tycho Brahe war gerade die fehlende Wahrnehmbarkeit der Sternenparallaxe der Grund, sein Kompromissmodell auszuarbeiten. Für den mittelalterlichen Christen, für den jenseits des Mondes alles einer idealen himmlischen, also göttlichen Physik gehorchte, war der Kosmos im Vergleich zur lebensweltlichen Vergänglichkeit der Erde auch fremd, aber Ausdruck seines göttlich-transzendenten Lebensziels. Lebenssinn war für ihn, jenseits des Todes, nach dem jüngsten Tag, dieser göttlichen Sphäre teilhaftig zu werden – ein Ziel, das sich für die Heiligen schon erfüllt hat. Damit war der vom mittelalterlichen Menschen wahrgenommene Kosmos zwar auch groß, aber diese Größe hatte mit menschlichen Maßstäben zu tun. Mit unserer Geschichte, unserem Sehnen, unserem Hoffen, mit, wenn alles gut lief, unserer Zukunft. Eine Ahnung der Glückseligkeit, die Gottes Barmherzigkeit für uns vorgesehen hat. Denn ihm geht es nur um eines: um uns. Mit den Dimensionen, mit denen sich das Universum zu Beginn des 21. Jahrhunderts präsentiert, ist dies radikal anders. Auch unser Versuch, die Größen im Pixel-Erde-Modell zu realisieren, ist kläglich und zum Scheitern verurteilt. Schon die Entfernung zum Mond stellen wir uns in aller Regel zu klein vor, dies gilt erst recht für die Entfernung zur Sonne und zu den Nachbarsternen. Die Dimensionen in der modernen Kosmologie übersteigen das menschliche Maß und sind dem Menschen fremd. Unsere Vorstellungswelt umfasst einen Mesokosmos zwischen den astronomischen Größen und den Dimensionen quantenphysikalischer Prozesse. Dementsprechend ist es auch nicht die unmittelbare Sinneserfahrung, sondern eine Empirie, die sich auf hochsensible technische Messinstrumente stützt, die uns diesen Bereich zugänglich macht. Auch die menschengebundene Vernunft benötigt hierzu Hilfe: von Computern, die eine Rechenleistung ermöglichen, die auch eine ganze Menschheit voller mathematischer Freaks zu Lebzeiten niemals vollbringen könnte. Detektoren und Computer schieben sich so zwischen den Menschen und die kosmische Realität und machen das dem Menschen radikal Fremde zugänglich. Sollte es Kränkung und Katharsis 240 einem Schöpfer wirklich um uns gehen – warum sollte er mehrere Sonnensysteme erschaffen, ja deren viele – unvorstellbar viele? Warum mehr als eine Galaxie, ja deren viele – unvorstellbar viele? Warum die unermessliche Leere des Raums? Warum bedeutet fast das gesamte Weltall, von dem wir Kenntnis haben, nicht mehr für uns als die Tatsache, dass wir in ihm leben? Selbst das Licht unserer Nachbargalaxie – die schnellste Wirkung, die uns von ihr erreichen kann – wurde vor 2.500.000 Jahren, zu Beginn der Eiszeiten, abgestrahlt. Alles, was sich hier in menschengeschichtlicher Zeit abspielt, wird uns als nicht weiter entzifferbare Photonen in ebendieser Zeit erreichen. Und Andromeda ist nur die kosmische Nachbargalaxie. Dieses Universum soll für den Menschen erschaffen sein? Von einem Schöpfer, dem es vornehmlich um uns geht? – Wohl kaum! „Das historische Zeitmaß des Menschen ist ein unbedeutendes Randphänomen der kosmologischen Geschichte des Universums‟: Wir haben mit unserem Blick in die „Schedelsche Weltchronik‟ gesehen, wie im christlich-geozentrischen Weltbild das Zeitmaß der kosmischen und der (biblisch-)menschlichen Geschichte zusammenfiel. Dies gilt bis heute für die „Junge-Erde-Kreationisten‟. Noch 1650 ver- öffentlichte der anglikanische Theologe James Ussher das aus der biblischen Chronologie abgeleitete Geburtsdatum der Welt: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt. Selbst Isaak Newton dachte ähnlich. Aufgeschlossene Theologen legen ihre Weltsicht anders aus. Man dürfe die Bibel „nicht wörtlich nehmen‟. Für Gott ist ein Tag wie tausend Jahre. Das Sieben-Tage-Werk ‒ eine Metapher. Doch 7000 Jahre, ja selbst 70.000 Jahre und mehr fallen durchaus noch in ein Zeitmaß, das den Bezug auf die menschliche Historie nicht gänzlich verliert. Was für den Blick in die Vergangenheit gilt, gilt auch für den Blick in die Zukunft: Das Christentum ist eine apokalyptische, eine Endzeitreligion182. Wie sollte es auch anders sein, denn auf das Heil im Jenseits wollen wir nicht Milliarden und Abermilliarden Jahre waren. Es sollte in historisch fassbaren Zeiträumen für uns beginnen. Denn um dieses unseres Heils willen ist die Schöpfung kreiert. Wie sollten wir auf dieses Heil unermesslich lange warten müssen? Damit dürfen auch die Apokalypse, das Ende und die Transformation des Kosmos nicht allzu lange auf sich warten lassen. Denn schließlich geht es um uns! Warum „narzisstische Kränkung“? 241 Diese Illusion wurde uns mit der Entdeckung der Tiefenzeit genommen.183 Hierauf macht der Paläontologe und Geologe Stephen Gould mit folgendem Zitat aufmerksam: „Was könnte tröstlicher und der Überlegenheit des Menschen angemessener sein als die herkömmliche Konzeption von einer jungen Erde, die schon wenige Tage nach ihrer Erschaffung dem menschlichen Willen Untertan ist? Und wie bedrohlich dagegen die Vorstellung von einer schier unbegreiflichen Unermesslichkeit, in der sich das menschliche Erdendasein letzten Endes auf eine Millimikrosekunde beschränkt!‟184 Abstrakt die Tiefenzeit zu verstehen, ist nicht schwer. Ihre Bedeutung zu verinnerlichen, stößt auf die gleichen Schwierigkeiten wie bei den kosmologischen Raumvorstellungen. Gesetzt den Fall, wir würden die 4500 Millionen Jahre der Biografie unserer Erde auf einen Tag herunterrechnen und in einem Film wiederholt abspielen lassen. Wir wollten den historischen Abschnitt seit der Sesshaftwerdung der Menschen (also die letzten 10.000 Jahre) erfassen und verfolgten daher den 24-stündigen Film mit höchster Aufmerksamkeit. Ein Niesreiz im entscheidenden Moment (ca. 0,2 Sekunden) und wir hätten unsere Historie verpasst! Doch das Universum ist drei Mal älter! Und der Blick in die Zukunft ist nicht weniger schwindelerregend: Unser Sonnensystem hat erst die Hälfte seiner kosmischen Zeit erlebt. Das Universum wird nach allem, was wir wissen, noch sehr viel länger existieren als die Zeit, die hinter ihm liegt. Dieses Meer der Zeit wurde nur geschaffen, um den Tropfen unserer menschlichen Geschichte zu ermöglichen? Äonen wartete alles auf uns? Auf die, auf die alles ankommt? – Wohl kaum! Kränkung und Katharsis 242 „Das Universum ist nicht auf den Menschen hin sinnstiftend geordnet, sondern der menschlichen Geschichte gegenüber teilnahmslos‟: Nomen est omen. Nannte man das Weltall seit alters her Kosmos, so sprechen wir heute meist vom Universum. Das Wort Kosmos stammt aus dem Altgriechischem und bedeutet so viel wie „Weltordnung, Schmuck, Ehre‟. Die „himmlischen Sphären‟ ordneten den Menschen nach oben hin in die „heilige Ordnung‟ ein, die in Gott gipfelt. Diese himmlische Ordnung hatte ihren Bezug zum Menschen, um dessentwillen alles geschaffen ist. In tiefster Überzeugung konnte noch Tycho Brahe sagen: „Die Kräfte und den Einfluss der Gestirne leugnen, heißt die göttliche Weisheit und Klugheit mindern und der offensichtlichen Erfahrung widersprechen.‟185 So stand in der alchemistischen Tradition der Makrokosmos der Sternen- und Planetensphären mit dem Mikrokosmos des menschlichen Körpers in Beziehung. Eine Beziehung, die die Astrologie für die Heilkunst zu nutzen versuchte. Noch Kepler suchte leidenschaftlich die im Kosmos eingeschriebene göttliche Ordnung. Er meinte sie gerade in den heliozentrischen Dimensionen der Planetenbahnen zu finden. Dass er mit seinen Ellipsenbahnen die Vollkommenheit der himmlischen Sphären beeinträchtigte, machte ihn zwar berühmt, war aber nicht sein Anliegen. Denn die kosmischgöttliche Ordnung ist eingeschrieben in das Buch der Natur. Die menschliche Vernunft ist befähigt, dieses Buch zu lesen. Der Kosmos wurde so zur spirituellen Heimat des Menschen. Durch ihn erhebt sich der Mensch über seinen Alltag hinaus und läutert seine Seele und bringt sie Gott näher. Um unseres Heils und Gottes Ehre willen ist der Kosmos so herrlich geordnet: wegen uns! Der Ausdruck Universum stammt aus dem Lateinischen und bedeutet nüchtern „das Gesamte‟. Wir haben gesehen, was dieser Kosmos alles umfasst: von unzähligen weiteren Sonnensystemen, Sternenhaufen, Staubwolken und Galaxien. Die Einstein’sche Relativitätstheorie macht deutlich, dass keine Wirkung sich im All schneller als mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitet. Sollte also der Stern Sirius einen Einfluss auf uns haben, würde dieser erst in acht Jahren, der Einfluss Spicas (in der Jungfrau) erst nach 262 Jahren wirksam werden. Und das sind nahe Objekte unseres Universums. Die Einflüsse von Sonne und Mond auf unser Leben sind unbestritten, der von katastrophalen Meteoriteneinschlägen ebenfalls. Auch Jupiter ist segensreich für uns, Warum „narzisstische Kränkung“? 243 fängt er doch mit seiner Gravitation viele kosmische Geschosse ab, die sonst viel häufiger die Erde träfen. Kometen und Meteoriten sind nicht Zeichen Gottes, sondern der Gravitation folgende Gesteinsbrocken, die uns treffen könnten, und wir müssen mit den Folgen leben, die sie dann anrichten. Nicht göttliche Vorsehung schickt sie auf die Erde, um in unsere Geschichte einzuwirken, sondern sie sind Teil eines Naturgeschehens, dem menschliche Betroffenheit gleichgültig ist. Und Merkur, Venus oder Mars? Sie inspirieren bestenfalls die Fantasie der Poeten. Oder man denke an Alpha Centauri, unseren kosmischen Nachbarn, an die zufälligen Sternbildkonstellationen, die erschreckende Leere des Weltalls, die Kunde von gigantischen kosmischen Katastrophen, beispielsweise in Form einer Supernova, an Gammablitze, die Großteile der Erde sterilisieren könnten, oder Meteoriten, die die Erde torpedieren würden! Alles vom Schöpfer erdacht, um unserem Leben Sinn zu vermitteln? – Wohl kaum! Die zentrale Stellung der Erde im geozentrischen Weltbild war dem Menschen Gewähr für seine herrschende Rolle im Weltganzen. Sie führte ihm täglich vor Augen, dass die Ordnung der Welt auf ihn hin organisiert ist, auf das einzig vernunftbegabte Wesen auf der Erde. Des Menschen Wohl und ewiges Heil war Sinn der Schöpfung und zentrales Anliegen der göttlichen Mächte. Alles drehte sich buchstäblich um den Menschen. Erst in der Rückschau entpuppt sich diese anthropozentrische Selbstwahrnehmung als narzisstisch. Der Mensch, der sich gerade noch auf dem Thron des Kosmos wähnte, ist nun auf sich selbst gestellt. Die anthropozentrische Selbstsicherheit ist ihm genommen. Darin besteht die narzisstische Kränkung, auf die Freud anspielt und die das nachgeozentrische Weltbild des Menschen auszeichnet – zumindest, wenn er die Befunde der Kosmologie und der modernen Naturwissenschaft ernst nimmt. Strategien, die anthropozentrische Weltsicht zu retten Die Korrektur des anthropozentrischen Selbstverständnisses des Menschen ist keineswegs Allgemeingut der abendländischen Kulturtradition. Am hartnäckigsten hält sich die kosmologische Selbstüberschätzung des Menschen in der christlichen Religion. Wie sollte es auch an- Kränkung und Katharsis 244 ders sein, steht doch im täglichen Fokus des Denkens und Verinnerlichens ein „heiliges‟ Buch, das mit der weiterlaufenden Kulturgeschichte nicht umgeschrieben wird, sondern, wenn überhaupt, durch moderne Interpreten zeitgemäße „theologische Exegesen‟ erfährt. Als Verdeutlichung sei ein kurzer Blick in den „Katechismus der katholischen Kirche‟ (KKK) geworfen in seiner Ausgabe von 2005186. Hier liest man, dass die Schöpfung „von Anfang an Heilsgeschichte [ist], die in Christus gipfelt‟, denn das Ziel, auf das hin Gott „Himmel und Erde erschuf‟, war seit Beginn die „Herrlichkeit der Neuschöpfung in Christus‟ (280). „Für den Menschen, der nach Gottes Bild ist, ist sie [die Schöpfung] bestimmt‟, sie ist ein „Geschenk an die Menschen‟ (299). In der Schöpfung verwirklicht Gott seinen Plan durch die „göttliche Vorsehung‟ (302ff.). Auch wenn die göttliche Ordnung durch Naturgesetze bestimmt ist, so liegen diesen „Zweitursachen‟ als „Erstursache‟ Gottes freier Wille zugrunde (308). Damit kümmert sich Gott „um alles, von den geringsten Kleinigkeiten bis zu den großen weltgeschichtlichen Ereignissen‟ (303). So heißt es, wenn es um den „Menschen‟ geht: „Gott hat alles für den Menschen geschaffen, aber der Mensch selbst ist erschaffen worden, um Gott zu dienen, ihn zu lieben und ihm die ganze Schöpfung darzubringen. [...] [Der Mensch ist] in den Augen Gottes wertvoller als alle Geschöpfe. [...] Für ihn sind der Himmel und die Erde und das Meer und die gesamte Schöpfung da. Auf sein Heil legt Gott sosehr Wert, dass er sogar seinen eingeborenen Sohn für ihn nicht verschont hat.‟ Wie wird dieses Selbstbild den Erkenntnissen der Naturwissenschaften gegenüber gerechtfertigt? Im Katechismus heißt es nur lapidar: „Die Frage nach den Ursprüngen der Welt und des Menschen ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Forschungen, die unsere Kenntnis über das Alter und die Ausmaße des Universums [...] unerhört bereichert haben. Diese Entdeckungen sollten uns anregen, erst recht die Grö- ße des Schöpfers zu bewundern.‟ (283) Dann heißt es weiter: „Das große Interesse für diese Forschungen wird stark angespornt durch eine Frage anderer Ordnung, die über das eigentliche Feld der Naturwissenschaften hinausgeht. Es handelt sich nicht bloß um die Frage, wann und wie der Kosmos materiell entstanden [...] ist, sondern es geht um den Sinn dieses Werdens‟ (284). Hier klingt die NOMA-Strategie187 an: Die Naturwissenschaft tummelt sich im Feld der „Zweitursachen‟, die christliche Offenbarung erzählt uns, was Gott als „Erstursache‟ mit uns gewollt Strategien, die anthropozentrische Weltsicht zu retten 245 hat. Dass man auch über die Grenzen der Naturwissenschaft hinaus redlich weiterphilosophieren kann, wird zugunsten „erglaubter Wahrheiten‟ ausgeblendet. Das einfache Gemüt mag sich hiermit zufrieden geben. Wer es mit der Selbsterkenntnis ernst meint, nicht. Aus heutiger Sicht hat das Universum einen Anfang und ist nicht ewig. Dies lässt sich mit der christlichen Vorstellung von einem Schöpfungsakt verbinden. Nicht umsonst gehörte der Theologe und katholische Priester Georges Lemaître zu den ersten Verfechtern einer Weltanfangshypothese. Wenn wir davon absehen, dass das letzte naturwissenschaftliche Wort über den tatsächlichen Beginn des Universums im Urknall noch nicht gesprochen ist und auch nie gesprochen werden wird, was für alle Theorien der Naturwissenschaft gilt, so erzwingt die Urknall-Theorie weder eine Schöpfervorstellung noch charakterisiert sie das Wesen dieses möglichen Schöpfers. Es lassen sich sehr wohl pantheistische, deistische oder polytheistische Schöpfervorstellungen hiermit verbinden, aber auch die Vorstellung von unpersönlichen „göttlichen Kräften‟, genauso, wie auf jegliche Gottesvorstellung im Zusammenhang mit dem Urknall verzichtet werden kann. Auch liefert die Gottesvorstellung keine Antwort auf die Frage, warum „überhaupt etwas sei und nicht nichts‟. Eine Frage, die gerne gestellt wird, um die Antwort „wegen Gottes Willens‟ dem Fragenden in den Mund zu legen. Diese Strategie verlagert und verkompliziert die Frage nach dem Sein, denn nun müsste man neben dem Dasein der Welt auch noch das Dasein eines Gottes begreifen, das womöglich in der Existenz noch übergeordneter Götterwelten liegt, und so fort.188 Ein Abbruch der Suche nach der „Warum-überhaupt-etwas-sei-Frage‟ ist zwingend notwendig. Es ist daher intellektuell nur redlich, die Suche dort abzubrechen, wo sich noch einigermaßen gesichert etwas über die Welt sagen lässt, und darüber hinaus keine „Glaubensgewissheiten‟ zu konstruieren, sondern eine offene, fragende Haltung einzunehmen. Mit einer solchen Haltung lässt sich allerdings kein anthropozentrisches Weltgebäude konstruieren. Eine weitere Strategie sei besprochen, und zwar jene, das Universum auch heute noch als „auf den Menschen hin geschaffen‟ zu begreifen. Sie zielt auf die Frage nach der „Feinabstimmung der Naturkonstanten‟, zu denen der Wert der schon besprochenen Gravitationskonstante, aber auch beispielsweise die Lichtgeschwindigkeit gehören. Kränkung und Katharsis 246 Das Problem besteht darin, dass sie durch kein bisher bekanntes Naturgesetz festgelegt sind und nach heutigem Wissen sehr präzise den messbaren Betrag haben müssen, um ein Universum zu ermöglichen, das Leben, wie wir es kennen, zulässt. Sie wirken „wie von der Hand des Schöpfers gewollt.‟ Auch in dieser Frage gelten die schon aufgeführten Argumente: Sollte sich in der Feinabstimmung der Naturkonstanten ein zielorientierter „Wille‟ schöpferischer Mächte ausdrücken, so ist nichts über den Charakter dieser Macht ausgesagt. Zudem bestünde das hierbei erkennbare Ziel allein darin, die Existenz von Leben möglich zu machen. Auch aus diesem Gedanken lässt sich ein Anthropozentrismus kaum ableiten. Wir können nur feststellen, dass wir in einem Universum leben, dass das Dasein des Menschen zulässt – mehr nicht. Diese Formulierung ist als das „schwache anthropische Prinzip‟ in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen. In Universen, die andere Werte der Naturkonstanten realisieren – sollte es sie geben –, wäre niemand da, der sich über Naturkonstanten Gedanken macht. Aus der „Feinabstimmung‟ anthropozentrische Glaubensgewissheiten abzuleiten, ist damit nicht möglich. Man darf aber dankbar sein, dass Leben in unserem Universum möglich ist, und mit der Vorstellung liebäugeln, dass in den Abermilliarden habitablen Orten unseres Alls nicht nur auf unserer Erde der „Funke des Lebens‟ gezündet hat und weitergeführt hat zu einer ersten kulturtragenden Spezies. Erschreckend geradezu wäre die Vorstellung, dass die habitablen Zonen des Universums ungenutzt ihre Runden drehen. Es würde das Gefühl der kosmologischen Einsamkeit und Verlassenheit unseres irdischen Paradieses nur potenzieren. Besonders problematisch für den christlichen Zentralitätsanspruch ist die Frage nach der Bedeutung extraterrestrischer Intelligenzen (ET) im Hinblick auf das Heilsgeschehen. Die Überzeugung, nicht allein zu sein im Universum, ist inzwischen so weit Allgemeingut geworden, dass die katholische Fundamentaltheologie nach Argumentationslinien sucht, ET in die Christologie zu integrieren. 2015 erschien hierzu eine Dissertation.189 Die Herausforderung, die durch die Überzeugung, es gäbe ET, für den christlichen Glauben entsteht, liegt in der Stellung, die das Christentum der Inkarnation Gottes in Jesus Christus beimisst. Ist „Christus auch für ET gestorben?190‟ Gibt es Mehrfachinkarnationen191 Christi? Haben ET auch gesündigt? Oder leben sie in Strategien, die anthropozentrische Weltsicht zu retten 247 sündenfreiem Urzustand? Wie erhalten sie gegebenenfalls Nachricht von der erfolgten Erlösungstat Christi? Wie steht es um das Heil der ET, die außerhalb des Einflussbereiches christlicher Mission leben? Wir müssen davon ausgehen, dass die christliche Mission auch nicht die nächsten von ET bevölkerten Planeten erreichen wird und eine der irdischen Weltmission vergleichbare kosmische Verbreitung des Christentums unmöglich ist. Sind alle ET damit der Verdammnis anheimgegeben? Dies widerspricht dem „unbedingten Heilswillen Gottes‟192, die „Heilsgeschichte würde zu einer Unheilsgeschichte‟. Wir könnten Gott nicht mehr als „Gott der unbedingten Liebe‟ begreifen. Diese Position vertrat schon Giordano Bruno, der angesichts vieler Welten im Kosmos am Inkarnationsverständnis der katholischen Kirche zweifelte. „Das Problematische an dieser Position ist, dass sich damit nicht mehr die Superiorität [Überlegenheit] des Christentums begründen lässt, da die Forderung nach der Einzigkeit von Inkarnation nicht mehr erfüllt werden kann.‟193 Die christologischen Probleme mit ET entsprechen denen, die Christen mit anderen Religionen haben, in kosmische Dimensionen potenziert.194 Irdisch ließen sie sich lösen durch Mission und Unterordnung der Anders- und Nichtgläubigen. Mit ET ist Vergleichbares nicht möglich. Das „Zentrum des christlichen Glaubens‟ muss aus dieser Warte neu begriffen werden, um die Überzeugung von der Superiorität des Christentums allen anderen Weltanschauungen gegenüber nicht zu verlieren. Christliche Theologie übersteigert den irdischen Anthropozentrismus in Form eines kosmischen Christozentrismus, den nur zu erwähnen, man möge die Anmerkung verzeihen, mir die Schamesröte ins Gesicht treibt. Während christliche Theologen über den unbedingten Heilswillen Gottes spekulieren, der sich auf noch unentdeckte extraterrestrische Zivilisationen ausdehnen soll, wird zum Beispiel domestizierten Tieren um unseres Eigennutzes willen unermessliches Leid zugefügt und Wildtiere ausgerottet, die unserem irdischem Wohl vermeintlich im Wege stehen. Zwei Fragen, die den kulturellen Narzissten „Mensch‟ viel zu wenig umtreiben. Ehe uns das vermeintliche Heil von ET ans Herz wächst, sollten wir uns um das Wohl aller auf der Erde existierenden Lebensformen kümmern. Kränkung und Katharsis 248 Konsequenzen des kulturellen Anthropozentrismus Die anthropozentrische Selbstgewissheit des Menschen der christlichabendländischen Kulturtradition ist weitaus mehr als ein tröstliches Gesprächsthema am knisternden Kaminfeuer. Denn unser Handeln in der Welt entspringt unserer Einstellung der Mitwelt gegenüber. Diese wiederum ist Ergebnis der kulturellen Prägungen, in die wir hineinwachsen. Bewusst oder unbewusst gestalten die Erzählungen der Kultur, in der wir leben, die Art und Weise, wie wir mit den Ressourcen unserer Mitwelt umgehen. Es ist hoffentlich an dieser Stelle nicht nötig, genauer auszuführen, dass das weltweite Artensterben, der Klimawandel mit seinen Folgen, die Bewältigung der Altlasten bei abnehmenden Vorräten fossiler Rohstoffe – um nur einige Themen zu nennen – die zentralen Herausforderungen der Gegenwart, wenn nicht gar kommenden Jahrhunderte darstellen. Den wenigsten ist allerdings bewusst, dass die geistigen Ursprünge ganz wesentlich in der anthropozentrischen Selbstüberschätzung des Menschen liegen, gepaart mit einer Technik, die den Zentralitätsanspruch des Menschen auf der Erde mit unmenschlichen Kräften und in gigantischer Geschwindigkeit irdische Realität werden lässt. Nicht wenige Menschen haben sich zum Lebensthema gemacht, die Folgen unseres Handelns in der Welt zu mindern und an einer nachhaltig gestalteten Zukunft zu arbeiten. Um dieses Handeln tragfähig zu machen, muss aber auch am inneren Motor menschlichen Gestaltens gearbeitet werden, an den Narrativen unserer Kultur. Ein erster Schritt besteht in einer Aufklärung über die Konsequenzen des kulturellen Anthropozentrismus. Schon das Denken der Römer stellte die menschlichen Bedürfnisse über alles. So findet sich in Ciceros zweitem Buch, „De natura deorum‟, folgende Passage: „Bleibt nur noch übrig, dass ich lehre [...], dass alles, was es auf dieser Welt gibt, [...] für die Menschen gemacht und bereitet sei. Denn die Welt ist sozusagen ein gemeinsames Haus für Götter und Menschen. [...] Schon bieten aber die Umläufe der Sonne und des Mondes und der übrigen Gestirne den Menschen ein Schauspiel, obwohl sie auch ihren Einfluss auf den Zusammenhang der Welt haben. [...] Wenn dies aber nur uns Menschen bekannt ist, muss man urteilen, dass es um des Menschen willen geschaffen wurde.‟ Konsequenzen des kulturellen Anthropozentrismus 249 Diese Haltung blieb nicht folgenlos. Schon in der Antike kam es zu einer weitgehenden Entwaldung des Mittelmeerraumes. Holz wurde für Hausbau, Schiffsbau und Heizmaterial benötigt, das Land für die Landwirtschaft und als Weide. Der Boden laugte aus und übrig blieb die magere Gebüschvegetation der Macchie, die noch heute weite Teile des ehemaligen römischen Kulturraumes prägt. Im 4. Jahrhundert trat das Christentum das politische und kulturelle Erbe der Römer an und begründete damit das „Abendland‟. Es brachte den Fokus auf die Heilsgeschichte des Menschen. Die Welt, die Natur, degradierte nunmehr zum Schauplatz des Erlösungsgeschehens. Sie ist mit dem Menschen Teil der gefallenen Schöpfung195. Der Psychoanalytiker und kritische Theologe Eugen Drewermann drückt dies in seinem Buch „Der tödliche Fortschritt‟ so aus: „Die gesamte Natur hatte jetzt dem Wohl und Wehe allein des Menschen zu dienen [...]; ja, indem Christus als Herrscher des Kosmos verstanden wurde, glaubte man den Menschen auch in kosmologischem Sinne zum Mittelpunkt des Weltalls erklären zu müssen. [...] wegen der Sünde Adams seien alle Geschöpfe bestraft worden, die gesamte Natur sei vom Menschen negativ beeinflusst und müsse durch den Menschen erlöst werden.‟196 Doch kümmert sich das Naturgeschehen tatsächlich um das Wohl des Menschen? Mitnichten, wie das viel diskutierte Erdbeben von Lissabon den Aufklärern des 18. Jahrhunderts verdeutlichte und jede weitere Naturkatastrophe unterstreicht. Die Theodizee197, die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids in der Welt, ist seitdem der Fels, an dem sich der Gottesglaube messen muss. Die einen sehen hierin eine „Glaubensprüfung‟ und halten nun erst recht an ihm fest198 – und sehen damit weiterhin den Menschen im Fokus der Heilsgeschichte. Für viele andere fiel und fällt an der Theodizee allerdings der Gottesglaube. Nicht unbedingt aber die Überzeugung von der Sonderrolle des Menschen. Darauf machte der deutsche Schriftsteller, Umweltaktivist und Mitbegründer der Partei „Die Grünen‟ in seinem Buch „Das Ende der Vorsehung‟ schon 1972 aufmerksam: „[Das Christentum] war erfolgreich in der Übermittlung selbstverständlichen Vertrauens in die Garantien der Genesis: qualitative Einzigartigkeit des Menschen, totale Profanität der Natur, ihre Verfügbarkeit als Ausbeutungsobjekt und ihr unerschütterliches ökologisches Gleichgewicht. Die Selbstverständlichkeit solchen Vertrauens geht heute weit über die Grenzen von Judentum und Christentum hinaus: räumlich, aber vor allem auch im Kränkung und Katharsis 250 Bewusstsein der Zeitgenossen. Das Christentum hat ferner seinen historischen Erben eine – möglicherweise tödliche – Überzeugung vermitteln können: die Überzeugung von der glanzvoll angeordneten Zukunft, von dem Neuen Jerusalem, das uns auf jeden Fall erwartet; sei es im Gang der Heilsgeschichte, sei es im ehernen Pendelschlag der historisch-materialistischen Uhr.‟199 Spätestens jetzt, im 21. Jahrhundert, ist deutlich geworden: Das ökologische Gleichgewicht ist zu fragil, um die überzogenen Ansprüche des Menschen unbeschadet bedienen zu können. Der Fortbestand der Menschheit in seiner heutigen Form steht infrage. Homo sapiens wird möglicherweise nur als ein weiterer katastrophaler Wimpernschlag in die Erdgeschichte eingehen, von dem sich die Biosphäre erholen wird – wie sie dies schon öfter bewiesen hat. Sollte sich die Selbstüberschätzung des Menschen nicht grundlegend ändern, wird das Naturgeschehen über ihn hinwegrollen und seine Hinterlassenschaften als kunststoffreiche Sedimentschicht im Buch der Natur archivieren – allein Voyager wird weiterziehen mit einer Botschaft, die wohl niemand je lesen wird. Katharsis Was bleibt, wenn der Kränkungsschmerz der Entthronung überwunden ist? Verunsicherung aufgrund entfallenen Glaubens? Flucht in vordergründiges Glück, weil einem das Gefühl genommen ist, von Göttern Geliebte zu sein? Hoffnungslosigkeit wegen fehlender Langzeitperspektive? Die „Golden Record‟ der Voyager-Missionen, die ständig weiter in den Weiten des Alls versinkt, trägt auch die Grußworte des damaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim: „Als Generalsekretär der Vereinten Nationen, einer Organisation von 147 Mitgliedsstaaten, die beinahe alle menschlichen Bewohner des Planeten Erde repräsentiert, sende ich Grüße im Namen der Völker unseres Planeten. Wir treten aus unserem Sonnensystem ins Universum auf der Suche nach Frieden und Freundschaft, um zu lehren, wenn wir darum gebeten werden, um zu lernen, wenn wir Glück haben. Wir sind uns ganz und gar bewusst, dass unser Planet und alle seine Bewohner nichts als ein kleiner Teil des uns umgebenden, immensen Universums sind, und wir machen diesen Schritt mit Demut und Hoffnung.‟ Katharsis 251 Ergänzt wird dieser Gruß durch die Worte des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter: „Dies ist ein Geschenk einer kleinen, weit entfernten Welt, eine Probe unserer Klänge, unserer Wissenschaft, unserer Bilder, unserer Musik, unserer Gedanken und unserer Gefühle. Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.‟ Die letzten Worte machen eines deutlich: An die Stelle der christlichen Heilsgewissheit tritt das bange Gefühl, dass das Überleben der Menschheit angesichts der Kräfte, die wir mit unserer Technik entfalten können, keine Selbstverständlichkeit ist. Wir sind nicht Ziel und Zweck einer auf uns ausgerichteten Schöpfung, sondern eine zur Kultur erwachte Spezies, die im Beziehungsgeflecht der Biosphäre unseres Planeten ihre Existenzberechtigung erst beweisen muss. Tun wir das, könnten wir für alle Lebensformen eine symbiontische Bereicherung darstellen. Versäumen wir unsere Chance, wird der Planet Erde die „parasitäre Homo-sapienitis‟ überwinden und ohne unsere Nachkommen weiterhin Evolutionsgeschichte schreiben, solange es die kosmischen Umstände zulassen. Man bedenke die Chancen, die in dieser Zukunftsperspektive stecken! Wie viele Generationen unserer Nachkommen könnten auf unserem Planeten ihr Glück suchen und finden. Und wer weiß in welcher Form würde in dieser Einheit des Lebens auch etwas von dem weiterleben, was uns als Subjekte auszeichnet. In dieser Krise der Menschheitsgeschichte einen positiven Beitrag zu leisten, gibt dem gegenwärtigen Leben mindestens ebenso Sinn wie vormals das Werben um die Gunst Gottes für einen Platz im himmlischen Jerusalem. Die Vogelperspektive, die wir bei der kosmologischen Selbstreflexion einnehmen, bringt zu Ende, was Kopernikus einst begonnen hatte. Wir kreisen nicht nur, wie uns Kopernikus lehrte, auf einem Planeten unter mehreren um die Sonne. Nein, wir kreisen um einen durchschnittlichen Stern, deren es unzählige gibt. Mit diesen driften wir in Schwärmen durch den kosmischen Sternenwirbel der Milchstraße, der auf eine weitere Sterneninsel, die Andromedagalaxie, zusteuert. Wir sind Teil des Virgo-Supergalaxienhaufens, der wiederum mit weiteren 100.000 Galaxien ein Gebiet unseres Universums formiert, das den wohlklingenden Namen Laniakea trägt200 und sich durch gemeinsame Bewegungsmuster auszeichnet. Alle zusammen sind zu einem Ge- Kränkung und Katharsis 252 spinst aus Milliarden und Abermilliarden Galaxien verwoben, das die gesamte Raumzeit unseres Universums durchzieht. Es wird unvorstellbar viele für Leben günstige Orte geben. Doch wir werden nie sicher wissen, ob Leben oder gar Kultur ein einmaliges oder gewöhnliches Phänomen im Universum ist. Wir werden wahrscheinlich nie erfahren, wie es gegebenenfalls um andere kulturtragende Lebensformen steht, wie sie denken und fühlen. Der Kosmos lehrt uns, dass unser Schicksal mit dem Schicksal unserer Erde unlösbar verbunden ist. Angesichts der dramatischen Kräfte, die vielerorts im Universum walten und Leben unmöglich machen, wird deutlich, dass unser Sonnensystem zwar ein bescheidener, aber doch besonderer Teil eines Teils des Universums ist, mit dessen Schicksal unsere Zukunft verbunden ist. Angesichts dieser Tatsachen ist anthropozentrische Überheblichkeit fehl am Platz. Gebot der Stunde ist vielmehr zu lernen, dass wir auf unsere Erde angewiesen und unauflösbar mit ihr verbunden sind. Ihr Schicksal ist unser Schicksal, ob wir wollen oder nicht. Lernen wir das, haben wir eine lange Zukunft. Für menschliche Vorstellung eine kleine Ewigkeit. Genau diese Selbstverortung ist der Kern des weltanschaulichen Paradigmenwechsels, den Kopernikus angestoßen hat, als er die Erde aus ihrer Zentralposition rückte. Er wusste nicht, wohin dieser Weg ein halbes Jahrtausend später führen sollte. Genauso wenig wie Kepler, Galileo oder Newton. Vielleicht wären sie zurückgeschreckt. Doch ginge es ihnen um ehrliche Selbsterkenntnis, um einen illusionslosen Blick auf die Welt, wie sie sich uns heute darbietet, würden sie nicht scheuen. Und der Weg geht weiter: Es wäre vermessen zu meinen, dass wir gegenwärtig den einzig realen Blick auf uns und die Welt einnehmen können. Doch auch dazu müssen wir stehen: zu dem, was wir heute wissen, und zu dem, was wir heute nicht wissen. Eine couragierte Geisteshaltung verbietet uns, unser Nicht-Wissen durch erglaubte Illusionen zu ersetzen. Der Kosmos, wie er sich darbietet, lehrt uns Bescheidenheit. Lehrt uns, mit geläutertem Auge auf unseren blauen Planet zu schauen. Damit ist die Voyager-Mission nicht nur eine Reise von der Erde weg, sondern auch eine innere Rückwendung zur Erde hin. Carl Sagan hat das neue kosmologische Paradigma in poetischer Weise in seinem Buch „Pale Blue Dot‟ zum Ausdruck gebracht.201 Auch wenn das eng- Katharsis 253 lische Original schöner klingt, sei hier eine Übersetzung vorgenommen: „Von einem entfernten Standpunkt aus scheint die Erde nicht besonders interessant zu sein. Für uns gilt das nicht. Vergegenwärtigen Sie sich diesen Punkt. Das ist Ihre Heimat. Das sind wir. Hier ist jeder, den Sie lieben, jeder, den Sie kennen, hier waren alle Menschen, die jemals gelebt haben. All unser Leiden, unsere Heiterkeit, Tausende überzeugter Religionen und Ideologien, [...] alle Schöpfer und Zerstörer von Zivilisation, jede Mutter, jeder Vater, jedes hoffnungsvolle Kind [...] lebten hier, auf diesem von Sonnenstrahlen umspülten Staubkorn. Die Erde ist eine sehr kleine Bühne in einer ausgedehnten kosmischen Arena. Denken Sie an die Ströme des Bluts, das von Generälen nur vergossen wurde, um für kurze Zeit Herrscher über einen Bruchteil dieses Punktes werden zu können. [...] Unsere Possen, unsere eingebildete Selbstüberhebung, die Wahnvorstellung, dass wir eine privilegierte Stellung im Weltall hätten, werden durch diesen Punkt als Absurdität entlarvt. Unser Planet ist ein einsamerer Fleck in der ihn umhüllenden kosmischen Dunkelheit. [...] Es ist gesagt worden, dass Astronomie demütig macht und zur Charakterbildung beitrage. So gibt es vielleicht keine bessere Demonstration der Albernheit menschlicher Eitelkeiten, als dieses entfernte Bild unserer winzigen Welt. Für mich unterstreicht es die Verantwortung, friedvoll miteinander umzugehen und unseren blassblauen Punkt, unsere einzige Heimat, die wir jemals haben werden, zu bewahren und zu pflegen.‟ Kränkung und Katharsis 254

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References

Zusammenfassung

Die Suche nach Leben im Weltall lässt nicht nur Astronomen hellhörig werden. Die Vorstellung, dass wir sehr wahrscheinlich nicht allein sind im Universum, rüttelt an unserem Selbstverständnis als Mensch. Ulf Faller behandelt die grundlegenden Phänomene des gestirnten Himmels und die Entwicklung des geozentrischen Weltbildes bis zu seiner spätmittelalterlichen Synthese mit dem christlichen Glauben. Nikolaus Kopernikus rüttelte erstmals in der abendländischen Geschichte am geozentrischen Weltbild, indem er die Erde zu einem Planeten unter ihresgleichen werden ließ. Der Autor zeigt auf, wie sich das Bild vom Universum in den letzten hundert Jahren verändert hat. Wir wissen heute, dass unser Sonnensystem keinen ausgezeichneten Ort im Kosmos einnimmt. Schon Sigmund Freud empfand die Feststellung, nur auf einem von vielen Planeten zu leben, als narzisstische Kränkung der Menschheit. Wir müssen heute erkennen, dass das Universum nicht den Eindruck erweckt, mit uns Menschen an sein Ziel gekommen zu sein. Das zu realisieren kann bescheiden machen, unseren blauen Planet für die unzähligen Generationen zu bewahren, die er noch beherbergen könnte.