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Warum der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Religion unwissenschaftlich, der zwischen Naturwissenschaft und der Philosophie umso wichtiger ist in:

Ulf Faller

Der lange Schatten des Kopernikus, page 215 - 228

Wie die moderne Kosmologie den christlichen Anthropozentrismus überwindet

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4176-5, ISBN online: 978-3-8288-7054-3, https://doi.org/10.5771/9783828870543-215

Tectum, Baden-Baden
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Warum der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Religion unwissenschaftlich, der zwischen Naturwissenschaft und der Philosophie umso wichtiger ist „Den Kern einer jeden wissenschaftlichen Forschung bildet eine tiefe spirituelle Sehnsucht: zu begreifen, zu erkennen, sich durch das Eindringen in die Geheimnisse der Natur mit dieser verbunden zu fühlen und im größeren Ganzen aufzugehen.‟ Carolyn C. Porco151 Naturwissenschaft und Religion „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.‟ Der Beginn des Alten Testaments ist wohl fast jedem Mitteleuropäer bekannt. Doch handelt es sich keineswegs um den einzigen Schöpfungsmythos, der erzählt wird. So entstand beispielsweise nach daoistischer Vorstellung aus einem chaotischen Nebel das weiblich-männliche Kräftepaar Yin und Yang, das Sonne, Mond, die Jahreszeiten, die fünf Elemente und zuletzt alles Leben und den Menschen hervorbrachte. Auch bei Hesiod stand am Anfang das Chaos, aus dem als eine der ersten Gottheiten Gaia mit ihren göttlichen Geschwistern hervorging, die eine komplexe Göttergenese einleitete, die letztlich auch Welt und Menschen entstehen ließ. Die Germanen erzählten sich vom Riesen Ymir und der Weltenesche Yggdrasil, in Borneo ist es eine Spinne, die in der ewigen Dunkelheit Silberfäden spinnt, und Indianermythen berichten von einem Kojoten, dessen Heulen die Stille durchbrach.152 Vorwissenschaftliche Schöpfungsmythen malen den Hintergrund, vor dem die jeweiligen Religionen dem endlichen Leben eine überzeitliche Orientierung geben. Sie sind mit dem Glauben, der religiösen Praxis und den Weltdeutungen der jeweiligen Religion fest verwoben 215 und lassen sich nicht so einfach austauschen. Auch die moderne Kosmologie entwirft ein Bild von der Genese des Universums. So bleibt nicht aus, dass sie mit religiösen Weltbildern in Konkurrenz tritt. Die Geschichte, die aufgrund astrophysikalischer Forschung von der Entstehung des Universums erzählt wird, hat Konsequenzen über den Tellerrand naturwissenschaftlicher Forschung hinaus. Neben der Evolutionsbiologie ist es besonders die Kosmologie, die religiöse Weltbilder herausfordert und irritiert. Das darf man bei aller Begeisterung für kosmologische Detailfragen nicht vergessen. So wird die Diskussion über das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaft, von Glauben und Vernunft vielerorts geführt, mal versöhnlich, ein anderes Mal kontrovers oder kämpferisch.153 Dieser Diskurs ist schon deshalb wichtig, weil Weltbilder, egal welchen Ursprungs, für das politische und gesellschaftliche Handeln mehr Konsequenzen haben, als es uns zumeist bewusst ist; sei es bildungspolitisch, sei es in Bezug auf die ethischen Grundlagen politischer Entscheidungen. Die Frage ist nur, ob sich naturwissenschaftliche und religiöse Weltdeutungen insofern auf Augenhöhe begegnen, als sie beide auf ihre Weise zu Erkenntnissen führen und den Anspruch erheben können, rational belastbare Aussagen über die Beschaffenheit der Welt und ihre Bedeutung für uns Menschen machen zu können. Die einen bestreiten dies, wie der italienische Mathematiker und Wissenschaftshistoriker Piergiorgio Odifreddi in seinem 2007 erschienenen Buch „Warum wir keine Christen sein können‟154. Odifreddi spricht den damaligen Papst Benedikt XVI. an, der als katholischer Garant vernünftigen Denkens gilt, und zeigt auf, inwiefern Theologie keine Wissenschaft, sondern Science Fiction sei. In einem offenen Brief erwidert Benedikt 2013, dass „Theologie dafür zu sorgen habe, dass die Religion mit der Vernunft und die Vernunft mit der Religion verbunden bleibe‟155. Aus innerreligiöser Perspektive ist das sicher wünschenswert. Die Frage ist nur, wie weit Theologie dabei gehen kann, ohne sich selbst aufzulösen. Hat der Glaube aber auch Aufgaben der Wissenschaft gegenüber, wie Benedikt behauptet? Denn es gäbe eine „Pathologie der Religion und – nicht minder gefährlich – eine Pathologie der Vernunft‟156. Damit will Benedikt XVI. seiner Religion ein wissenschaftliches Mitspracherecht verschaffen. Warum der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Philosophie umso wichtiger ist 216 Beim naturwissenschaftlichen Forschen muss man zwei Anliegen unterscheiden: Das eine ist pragmatischer Natur. Bei diesem Anliegen geht es darum, neue Techniken und medizinische Möglichkeiten zu entwickeln. Das andere – meist als „Grundlagenforschung‟ bezeichnet – entspringt dem Erkenntnisinteresse des Menschen. Der Mensch ist eine Spezies, die sich ihrer Endlichkeit bewusst ist und die mit diesem Bewusstsein umgehen muss. Damit ist dem Menschen in die Wiege gelegt, sein Leben und die Welt, in der er lebt, zu hinterfragen. Er möchte wissen, wie es um ihn und die Welt bestellt ist, er sucht trostreiche Antworten, um mit der Absurdität des Lebens, mit seiner bedrohlichen Seite – Krankheit, Tod, Trauer, Leid – zurechtzukommen. Genau dies aber ist der Punkt, an dem sich Wissenschaftlichkeit entscheidet: Was ist, wenn die Realität nicht so tröstlich ist, wie es sich der verletzliche Mensch wünscht? Auf dem Weg zur modernen Kosmologie hat der Mensch lernen müssen, von Wunschvorstellungen Abstand zu nehmen. Das christlich-geozentrische Bild vom Kosmos entsprach menschlichen Dimensionen. Das erlebte Diesseits war zwar mit dem Makel der Sünde und Vergänglichkeit behaftet, aber das erwartete Heil im „neuen Jerusalem‟ war zeitlich greifbar und das göttlich ideale Firmament zeigte sich allabendlich. Nun steht der Christ, der seine Religion ernst nimmt, vor der Herausforderung, die alles bestimmende Heilsgeschichte, von der die Bibel berichtet, mit den Vorstellungen eines zeitlichen und räumlichen Ozeans in Verbindung zu bringen, in dem die Erde und die historische Dimension menschlicher Geschichte zwar eine kostbare und besondere Insel darstellt, aber in Bezug auf eine übergeordnete Dimension im raumzeitlichen Materiegeschehen untergeht. Keinen, der Wissenschaft ernst nimmt und ein echtes Erkenntnisinteresse hat, kann die kosmologische Verortung von Erde und Menschheit kalt lassen: Die räumliche und zeitliche Tiefe des Universums stellt eine Herausforderung an die menschliche Psyche dar. Was bedeutet es aber, angesichts dieser Dimension den wissenschaftlichen Boden nicht zu verlassen, sich den Vorwurf nicht machen zu müssen, in einer persönlichen Fantasy-Welt zu leben? Hier ist nicht der Ort für lange wissenschaftstheoretische Ausführungen. Das ist auch nicht nötig. Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger hat in den letzten Jahren einen Begriff geprägt, der als Messlatte wissen- Naturwissenschaft und Religion 217 schaftlichen Handelns dienen kann: Den Begriff der „intellektuellen Redlichkeit‟. Wegen seiner Bedeutung sei Metzinger hier ausführlicher zitiert: „Intellektuelle Redlichkeit bedeutet, dass man einfach nicht bereit ist, sich selbst etwas in die Tasche zu lügen. Sie hat auch etwas mit sehr altmodischen Werten wie Anständigkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu tun, mit einer bestimmten Form von ,innerem Anstand‛. [...] Intellektuelle Redlichkeit ist möglicherweise aber auch gleichzeitig genau das, was Vertreter der organisierten Religionen und Theologien aller couleur einfach nicht haben können, auch wenn sie es gerne für sich in Anspruch nehmen würden. Intellektuelle Redlichkeit bedeutet ja gerade, dass man nicht vorgibt, etwas zu wissen oder auch nur wissen zu können, was man nicht wissen kann, dass man aber trotzdem einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt, und zwar selbst dann, wenn es um Selbsterkenntnis geht, und auch dann, wenn Selbsterkenntnis einmal nicht mit schönen Gefühlen einhergeht oder der akzeptierten Lehrmeinung entspricht.‟157 Bei genauerem Hinsehen muss der Text irritieren, denn dem vielerorts erhofften Bild vom Dialog zwischen Naturwissenschaft und Religion, zwischen Vernunft und Glauben entspricht er nicht. Um dies zu verstehen, müssen wir genauer hinterfragen, was man unter Glauben versteht. Welche Bedeutungen werden mit dem Wort „glauben‟ in Verbindung gebracht? Der diffuse Sprachgebrauch dieses Wortes führt im Dialog zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen zu vorprogrammierten Missverständnissen und gibt Glaubensvertretern mehr oder minder bewusst die Gelegenheit für Verbalstrategien, welche die Kultivierung religiösen Glaubens als legitimen Erkenntnisakt erscheinen lassen. Zunächst muss die alltagssprachliche Bedeutung von der religiösen unterschieden werden: „Ich glaube, dass es morgen regnen wird.‟ Glauben steht hierbei für eine begründete Vermutung. Man wird nie mit absoluter Sicherheit wissen, was in der Zukunft liegt, aber wenn jemand diese Aussage macht, kann er diese Glaubensaussage mehr oder minder gut begründen (Wetterbericht, typische Wolkenformationen). Entsprechend vertrauenswürdig ist dann seine Glaubensaussage. Glauben steht hier für „nicht sicher wissen, aber begründet vermuten‟. Oder auch unbegründet, wenn man wider alle Anzeichen mit grenzenlosem Pessimismus „glaubt, dass es morgen regnet‟. Wenn man unter Warum der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Philosophie umso wichtiger ist 218 freiem Himmel steht, hat die Aussage „Ich glaube, dass es jetzt regnet‟ keinen Sinn. Denn man erfährt ja unmittelbar, ob es regnet oder nicht. Das braucht man nicht zu glauben. In diesem Sinne steht „glauben‟ in diesem Kontext auch für „nicht sicher wissen‟. Eine zweite umgangssprachliche Bedeutung des Wortes „glauben‟ wird in der Aussage „Ich glaube an dich‟ oder „Ich glaube dir‟ deutlich. Hier spricht man einem Menschen sein Vertrauen aus, was eine besondere Bedeutung hat, wenn dieses Vertrauen durch eine missliche Lebenssituation infrage gestellt ist. Glaube als Ausdruck eines Vertrauens spielt natürlich auch im Wissenschaftsbetrieb eine wichtige Rolle. Man kann nicht alle empirischen Erfahrungen selbst machen. Man ist darauf angewiesen, den Ergebnissen der jeweiligen Forschungsteams zu vertrauen. Daher ist verständlich, dass Datenfälschungen und ein leichtfertiger, unkritischer Umgang mit der Interpretation von empirischen Befunden von der Wissenschaftscommunity geächtet werden. Dieser Vorbehalt, im Besonderen, wenn es um Ergebnisse geht, die Grundlagen infrage stellen, wird von Außenstehenden gerne mit religiösem Dogmatismus verwechselt. Im Gegensatz zu religiösen Dogmen kennt der wissenschaftliche Fortschritt Umbrüche und Paradigmenwechsel, bei denen auch die Grundvorstellungen, von denen man im wissenschaftlichen Diskurs bis dato ausgegangen war, infrage gestellt und neu gefasst werden. Die kopernikanische Wende von der aristotelisch-christlichen zur modernen Kosmologie ist hierfür ein Paradebeispiel. In diesem Sinne kann „Glaube‟, also Vertrauen in die Ergebnisse wissenschaftlichen Forschens, entstehen. Mit dem Vorwurf, auch Wissenschaft sei ein quasireligiöses Glaubenssystem, das Menschen zur „Wissenschaftsgläubigkeit‟ erziehen würde, hat dies allerdings nichts zu tun. Was ich für glaubwürdig im Sinne von vertrauenswürdig erachte, entspringt zunächst nicht rationalen Begründungen. Oftmals erscheint das, woran „die meisten in meiner Gemeinschaft glauben‟, als vertrauenswürdig; oder auch eine von mir verehrte Persönlichkeit besonderen Charismas. Wenn es um Fragen der Erkenntnis geht, sollte ein wesentliches Kriterium der Vertrauenswürdigkeit sein, ob es möglich ist, sich „hinaufzuirren‟. Ist man in der Lage, Grundüberzeugungen, von denen man bei jeder Erkenntnistätigkeit ausgehen muss, aufzugeben oder zumindest zu hinterfragen, wenn sie widersprüchlich erscheinen Naturwissenschaft und Religion 219 oder inkompatibel mit neuen Erkenntnissen sind? Genau dies aber können Offenbarungs-Religionen nicht. Am Fundament ihrer jeweiligen „göttlichen Offenbarung‟ können sie nicht rütteln, ohne sich selbst aufzugeben. Allein die Auslegung dessen, was sie für Offenbarungen halten, versuchen sie dem aktuellen Zeitgeist anzupassen. Dies ist das Kerngeschäft der jeweiligen Theologie. Damit kommen wir zur religiösen Bedeutung des Wortes Glauben. Der Religionspsychologe Sebastian Murken beantwortet die Frage, was das Wort Glauben bedeutet, folgendermaßen: „Das Wort Glaube hat im Deutschen eine emotionale und eine kognitive Bedeutung. Die emotionale Bedeutung ist eher ein Gefühl von Zuversicht, von Vertrauen, von sich aufgehoben fühlen, während die kognitive Bedeutung eher auf einen Inhalt geht, ein für wahr halten, eine Überzeugung in Bezug auf bestimmte Inhalte.‟158 Religiöser Glaube entsteht nach Murken dann, wenn die grundlegenden Bindungserfahrungen des Menschen in der frühen Kindheit verknüpft werden mit der Erfahrung gelebten Glaubens: „Glaube ist etwas, was sehr tief in der Seele verwurzelt in der frühen Kindheit entsteht und sich in seiner Entstehung aus verschiedenen Dimensionen speist. Da ist zum einen die grundlegende Erfahrung von in der Welt sein und Beziehung. Denn im Glauben reproduzieren sich die Dimensionen, die auch in der kindlichen Entwicklung wichtig sind, nämlich gehalten werden, vertrauen können, gesehen werden, Zuversicht bekommen. All das sind Dinge, die erst mal unabhängig von der Religion für den Menschen wichtig sind. Und wenn das noch zusammen kommt mit einer religiösen Erziehung, vielleicht sogar in einer religiösen Gemeinschaft, entsteht religiöser Glaube.‟ Murken bezweifelt, dass, abgesehen von Ausnahmen, jemand, der diese frühkindliche Verknüpfung zwischen Bindungserfahrungen und religiösem Glauben nicht in die Wiege gelegt bekommen hat, zu einem Menschen werden kann, für den religiöser Glaube lebensbestimmend wird. Für unsere Fragestellung wiegt noch schwerer: Das Umgekehrte gilt natürlich ebenso. Ist einmal ein religiöses Weltbild mit elementaren Bindungserfahrungen biografisch verknüpft, wird es sehr schwer, dieses Weltbild fundamental infrage zu stellen. Es ist ein mühsamer Weg, sich nicht „in die Tasche zu lügen‟, wenn es darum geht, sich von religiösen Vorstellungen deshalb zu trennen, weil sie vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnis nicht standhalten. Für das wis- Warum der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Philosophie umso wichtiger ist 220 senschaftliche Arbeiten in Detailfragen ist dies auch kein Problem, solange der persönliche religiöse Lebensentwurf aus dem wissenschaftlichen Diskurs herausgehalten wird, wie dies wohl meist der Fall ist. Probleme entstehen erst, wenn eingefordert wird, Glaube hätte im Erkenntnisprozess mitzureden. Geht man davon aus, dass ‚der religiöse Glaube‛ von etwas wissen kann, von dem die Naturwissenschaften nichts wissen oder aufgrund ihrer Methodik nichts wissen können, dann muss natürlich die Frage gestellt werden, wo die ‚Wissensquellen‛ des Glaubens liegen und wie seriös, also intellektuell redlich, diese Quellen sind. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft haben zwei Wissensquellen: die Empirie, also das, was mit und ohne Hilfsmittel beobachtet oder experimentell bestätigt werden kann einerseits, und die gedankliche, ggf. mathematische Durchdringung der empirischen Befunde, d. h. die Vernunft, genauer die Verknüpfung von beiden Erkenntnistätigkeiten. Die naturwissenschaftliche Empirie hat Grenzen, vorläufige, technisch überwindbare und prinzipielle. Der Kosmologe Gerhard Börner drückt dies in einem in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft‟ abgedruckten Gespräch mit dem Theologen Hans Küng so aus: „Tatsache ist doch, dass das naturwissenschaftliche Weltbild dieses Manko hat, dass das denkende Subjekt, also der Geist, darin nicht vorkommt.‟159 Schon die Tatsache, dass an dieser ‚Grenze empirischen Forschens‛ Theologen an den Diskussionstisch gebeten werden, suggeriert, dass diese methodisch quasi einen „dritten Weg‟ zur Realität hätten.160 Im gerade zitierten Spektrum-Gespräch nennt Hans Küng diesen Weg auch explizit, indem er sagt: „Die Methodik [der Theologie] ist dabei [gegenüber der naturwissenschaftlichen] grundverschieden. Wir gehen immer von einem Zentrum aus, der religiösen Botschaft, der Offenbarung. Von diesem Zentrum aus betrachtet der Theologe die Wirklichkeit, und das ist doch dieselbe Welt, die der Physiker vor sich sieht.‟ Als christlicher Theologe meint Küng hiermit in erster Linie die Bibel. So dachte auch Galileo Galilei, als er davon sprach, dass sich Gott im Buch der Offenbarung und im Buch der Natur mitteilt. Vor 400 Jahren mag diese Ansicht noch eine gewisse Berechtigung gehabt haben: In der scholastischen Denktradition waren Philosophie und Theologie eng verschwistert,161 als mögliche Offenbarungsquellen waren im Wesentlichen die der drei monotheistischen Religionen be- Naturwissenschaft und Religion 221 kannt, wobei die jüdische über das Alte Testament in die Bibel Eingang gefunden hat und damit lediglich der Koran als legitime göttliche Offenbarung abgelehnt wurde. Das ist heute im Zeitalter kultureller Globalisierung anders. Es gibt nicht nur eine Schrift, die mit dem Anspruch auftritt, eine Offenbarung transzendenter Wirklichkeit darzustellen und Antworten auf die großen Fragen des Lebens geben zu können, sondern deren viele und vor allem grundverschiedene. Man vergleiche nur einmal das Weltbild der katholischen oder protestantischen Theologie mit dem theosophischen (Offenbarungen der Helena Blavatsky) bzw. anthroposophischen (Offenbarungen Rudolf Steiners) oder mit den Gottesoffenbarungen des Baha’ullah der Bahai, ganz zu schweigen von der Offenbarungsflut der esoterischen Literatur. Religiösen „Glauben‟ als seriöse Erkenntnismöglichkeit zu sehen, bedeutet konkret zu akzeptieren, dass sich eine transzendente göttliche Realität nicht oder nicht nur via Vernunft und Empirie, sondern auch durch Offenbarungen mitteilt. Für den Gläubigen mag dies selbstverständlich sein. Rituelles Rezipieren der religiösen Texte steht im Zentrum der Glaubenspraxis in den Buchreligionen. Für den Glaubenden teilt sich auf diese Weise „Gott‟ täglich mit, was er ebenso wenig anzweifeln würde wie der Naturwissenschaftler den Zugang zur Realität über die Empirie. Ehe man diese oder jene Offenbarungsschrift als Wissensquelle akzeptiert, muss man allerdings über einige Fragen Rechenschaft ablegen. Ist es überhaupt vernünftig zu meinen, dass sich „Gott‟, wenn es ihn denn gibt, nur einzelnen Personen offenbart, damit diese in Erzähl- und Schrifttraditionen die Offenbarungsinhalte dem Rest der Menschheit weitergeben. Nach Ableben der Propheten bleibt den allermeisten Menschen nur, sich glaubend zu der jeweiligen Offenbarung zu bekennen und, wie Küng es zu Recht ausdrückt, im Denken von diesen Offenbarungen auszugehen ‒ oder nach Galilei im Buch der Offenbarung zu lesen. Überzeugend wäre dieses Argument, wenn die „Gottesoffenbarungen‟, die der Menschheit vorliegen, wenigstens in ihren Grundzügen zu vergleichbaren Aussagen kämen. In dieser Intersubjektivität liegt die Überzeugungskraft des empirischen Vorgehens. Wer den Mond beobachtet, kommt zu den gleichen Beobachtungsergebnissen wie andere Beobachter; sollte er Neues entdecken, wäre dies für alle Mondforscher von Interesse. Glaubensinhalte hingegen werden Warum der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Philosophie umso wichtiger ist 222 im Wesentlichen tradiert oder durch mehr oder weniger friedliche Mission anderen aufgedrängt. Ihre Unvereinbarkeit führt zur „Glaubensbindung‟ der Theologie162 und daher zur Tatsache, dass jede Glaubensrichtung, ist sie nur quantitativ ausreichend repräsentiert, ihre eigene theologische Fakultät hat, genauso, wie jede Konfession ihren eigenen Religionsunterricht bestreitet. Vor einem Dialog mit der Naturwissenschaft gälte es daher zu klären, welche der vorliegenden Offenbarungsschriften den Anspruch erheben können, authentische Offenbarungen göttlicher Mächte darzustellen, und welche nicht.163 Wenn dies entschieden ist, muss angesichts der Jahrhunderte, die zum Beispiel seit Niederschrift der Bibeltexte ins Land gegangen sind, entschieden werden, welche Textpassagen ursprünglich sind, das heißt sich auf tatsächlich stattgefundene Begebenheiten und Offenbarungen beziehen, und was im Laufe der Textweitergabe hinzukam. Die historisch-kritische Bibelforschung hat dies für die christlichen Schriften auch getan. Das hat allerdings, wenn man die Ergebnisse ernst nimmt, zu einer weitgehenden Entzauberung der Offenbarungstexte des biblischen Kanons geführt. Letzteres einzugestehen, dann aber ungehindert weiterhin theologische Dogmensysteme auf diesen aufzubauen, führt für den unbefangenen Outsider zu eigentümlichen Glaubenskonstrukten, die der studierte Theologe Heinz-Werner Kubitza mit gutem Grund als „Dogmenwahn‟164 bezeichnet. Es ist nicht zu erwarten, dass eine christliche Theologie von der Bibel oder eine islamische Theologie vom Koran Abstand nimmt. Nicht nur, dass sie sich damit selbst auflösen würde. Der gläubige Christ sichert sich sein Zutrauen zu seinem Glauben dadurch, dass für ihn der Glaube „nichts [ist], was man sich selbst gemacht hat, sondern ein Geschenk, das man durch eine lange Traditionskette hindurch aus Gnade erhalten hat‟, so der Theologe Christian Trapp in seinem Spektrum-Artikel165. Solche Selbstimmunisierungs-Strategien sind mit wissenschaftlichem Forschen unvereinbar. Innerreligiös mögen sie ihre Berechtigung haben, eine solide Basis für einen intellektuell redlichen Dialog auf Augenhöhe mit naturwissenschaftlicher Erkenntnissuche stellen sie sicher nicht dar. Naturwissenschaft und Religion 223 … und Philosophie? Bedeutet obige Abgrenzung der Naturwissenschaft gegenüber religiösen Weltinterpretationen und ihren Vertretern, dass naturwissenschaftliche Ergebnisse inhaltlich und methodisch sich selbst genügen? Entschieden nein! Wir reden jetzt nicht von Wissenschaften, deren Ziel es ist, technologisches Anwendungswissen bereitzustellen. Wir reden von Wissenschaft, die darauf zielt, die Welt zu verstehen, in der wir leben, und unsere Rolle in dieser Welt zu begreifen, um uns in der Welt zu orientieren. Seit den letzten großen Universalgelehrten haben sich die Forschungsgebiete hoch spezialisiert und als Teildisziplinen aus der allgemeinen Erkenntnissuche mit je eigener Methodik ausgegliedert. In diesem Sinne ist es berechtigt, die Physik als ‚Kind der Philosophie‛ zu bezeichnen, wie dies der Philosoph Nida-Rümelin tut166. Die notwendigerweise hochgradige Spezialisierung naturwissenschaftlicher Teildisziplinen hat zur Folge, dass die ‚Spezialisierung darauf, nicht spezialisiert zu sein‛, kein ausgewogenes Gegengewicht zum naturwissenschaftlichen Fokus bildet. Hier liegt nun eine der Aufgaben der gegenwärtigen Philosophie im Besonderen und der Geisteswissenschaften im Allgemeinen. In einer 2014 ausgestrahlten „Scobel‟-Sendung mit dem Thema „Wissenschaft in der Krise‟ drückt dies Nida-Rümelin folgendermaßen aus: „Wir brauchen die Geistes- und Kulturwissenschaften, weil jede Gesellschaft sich auch vergewissern will über Werte, Normen, kulturelle Inhalte, Zukunftsperspektiven, das wissenschaftliche Weltbild. Wir sind in einem permanenten Prozess der Selbstvergewisserung. Und wenn die Geistes- und Kulturwissenschaften da nicht mitreden, dann übernehmen das Esoterikbücher oder Weltanschauungsgemeinschaften, Ideologien oder Religionsgemeinschaften, was wir international gegenwärtig zunehmend erleben. Also sind die Geistes- und Kulturwissenschaften auch ein Beitrag zur Aufklärung der Gesellschaft, der Kultur über sich selbst, und zwar nicht nur national, sondern global.‟167 Ein wesentlicher Aspekt der in dieser Sendung attestierten Krise der Wissenschaften besteht darin, dass (Natur-)Wissenschaft an den Universitäten ganz wesentlich von ihrem volkswirtschaftlichen Nutzen her gesehen und finanziert wird. Sowohl für Studierende wie Lehrende schwinden die Freiräume, Warum der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Philosophie umso wichtiger ist 224 sich dem Erkenntnisgewinn um seiner selbst willen zu widmen. Diese Lücke nutzen religiöse Akteure, deren finanzielle Spielräume andere Wurzeln haben. Naturwissenschaftler wären gut beraten, wenn sie sowohl in ihrer Ausbildung als auch in der Forschung einen intensiven Dialog mit modernen Philosophen suchen würden. Folgen wir Nida-Rümelin im schon zitierten Spektrum-Artikel, so hat die Philosophie drei wesentliche Aufgaben: Sie ist Residual-168, Integrations- und Orientierungswissenschaft. „Es gibt Grundfragen, die sich nicht in das methodische Korsett einer Einzeldisziplin zwängen lassen. [...] Was ist ein gutes Argument für etwas? Das kann kein Thema sein für eine Einzelwissenschaft, und deshalb bleibt sie der Philosophie erhalten. Dasselbe gilt für metaphysische und ontologische Fragen.‟169 Gerade wenn man die berühmten Grenzen der Naturwissenschaft überschreitet, an denen eine empirische Absicherung seiner Annahmen nicht mehr möglich ist, muss man sich in besonderer Weise darüber Rechenschaft ablegen, wie solide und gut begründet die Aussagen sind, die man macht, und wie transparent, nachvollziehbar und in verschiedensten Kontexten haltbar die Schlussfolgerungen sind, die man zieht. Saubere Begriffsbildung und sorgfältiges Argumentieren sichern intellektuelle Redlichkeit auch dann, wenn man den Boden der Empirie verlassen muss. Katechismen, die Glaubensantworten präsentieren, wird man so nicht erstellen können. Dafür werden die Fragen klarer und verständlicher, die man stellt. Noch klingt mir ein Wort eines meiner Lehrer im Ohr, dass „eine gute Frage mehr Wert sei als ein Bündel Antworten‟. Ich kann ihm nur Recht geben: Fragen schließen auf, wecken Neugier, lassen weiterfragen und forschen, machen beweglich und sind das Geländer, an dem wir uns entlanghangeln. Der „volksnahe‟ Philosoph Richard David Precht drückt diese Haltung zu Beginn seiner Trilogie zur Geschichte der Philosophie folgendermaßen aus: „Alle großen philosophischen Fragen sind offene Fragen; und jede Antwort treibt sofort wieder neue Fragen hervor.‟170 Philosophie ist ganz wesentlich eine Integrationswissenschaft. Hierzu erneut Nida-Rümelin: „Sie sollte dazu beitragen, die verschiedenen Befunde aus den Einzelwissenschaften zu einem kohärenten wissenschaftlichen Weltbild zusammenzuführen. Ich glaube nicht, dass die wissenschaftlichen Disziplinen jeweils ihr eigenes Weltbild haben können, … und Philosophie? 225 sondern nur alle Gebiete zusammen eines.‟171 Wie alle Teildisziplinen der Naturwissenschaft haben auch die Befunde der modernen Kosmologie ihren Einfluss auf die Handlungsorientierung auf allen Ebenen persönlichen und gesellschaftlichen Handelns. Die Tatsache, dass die astronomischen Parameter für die Lebensbedingungen auf unserer Erde aller Wahrscheinlichkeit nach für noch Hunderte von Millionen Jahren günstig sein werden und kulturelles Leben für unsere Nachkommen ermöglichen könnten, ist eine ganz andere Prämisse als das von manchen Zeitgenossen geradezu herbeigesehnte Ende der Welt, das sie mit einem transzendenten Neuanfang verbinden. Der Orientierungsrahmen für gesellschaftliches Handeln ist hier ein ganz anderer. Wie aber lassen sich daraus gute Argumente im problembelasteten 21. Jahrhundert ableiten? Hier ist geschultes philosophisches Denken gefragt. Vielfach aber hat die Philosophie mit ähnlichen Vorbehalten zu kämpfen wie die Theologie. Nicht ohne Grund. Bei der Besprechung der Aristoteles-Rezeption im Mittelalter haben wir gesehen, wie sich die katholische Lehramtstradition von der vernunftorientierten Erforschung der Natur distanzierte, für die der Philosoph Aristoteles stand. Dies änderte sich durch die Verinnerlichung zweier Motive, die bis heute angeführt werden, um die Vernunftnähe des katholischen Glaubens zu belegen. Derselbe Gott, so das erste Motiv, der sich dem katholischen Glauben offenbart, zeigt sich auch in der Natur. Als Ebenbild Gottes ist dem Menschen mit seiner Vernunft ein Werkzeug gegeben, die Offenbarung Gottes in der Natur zu verstehen. Der Ursprung von beidem ist derselbe Gott, daher können sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen. Allerdings hat die Vernunfterkenntnis ihre Grenzen. Hier ergänzen geoffenbarte Glaubenswahrheiten, was der Vernunft zu erfassen nicht gelingt. Daher steht der Glaube über der Vernunft, so das zweite Motiv, und vernunftorientiertes Philosophieren behält seine Glaubensbindung. Die Philosophie bleibt im Selbstverständnis katholisch Glaubender somit im Einflussbereich der Theologie. Dieser Vereinnahmungs-Strategie der Philosophie vonseiten der Theologie begegnet man vielfach. Sie ist Signum eines noch nicht abgeschlossenen Emanzipationsprozesses der Philosophie von der ehemals das gesamte universitäre Denken bestimmenden Theologie. Kon- Warum der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Philosophie umso wichtiger ist 226 kordatslehrstühle, über deren Besetzung kirchliche Vertreter mitbestimmen dürfen, und beispielsweise die „Hochschule für Philosophie München‟ in der Trägerschaft der „Gesellschaft Jesu‟ (Jesuitenorden)172 sind Beispiele dafür, wie sehr Philosophie auch heute noch im Einflussbereich religiöser Akteure sein kann. Ich möchte dafür plädieren, die Grenze zwischen Theologie und Philosophie jederzeit klar und deutlich erkennbar zu machen. Das ist die Voraussetzung für einen fruchtbaren und intellektuell redlichen Dialog zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaften. Gemeint ist kein Denkverbot in Fragen nach „Gott‟ oder „dem Transzendenten‟! Fragen dieser Art ordnet man der Metaphysik zu. Doch gerade in diesen Themenbereichen gilt das soeben Ausgeführte in ganz besonderem Maße. Eine saubere Begriffsbildung und eine gute, weit abgesicherte Argumentation sind in höchstem Maße gefordert, wenn es um metaphysische Fragen geht. Und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, was „Antworten‟ anbelangt. Der „Gott der Philosophen‟, über den man in dieser Weise nachdenken kann, eignet sich sicherlich kaum für eine religiöse Lebenspraxis, genauso wenig wie einer der „Götter‟ der Religionen für die aufrichtige Suche nach Antworten auf große Fragen des Lebens. Daher ist der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Religion unwissenschaftlich, der zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie bzw. den Geisteswissenschaften umso wichtiger. … und Philosophie? 227

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Zusammenfassung

Die Suche nach Leben im Weltall lässt nicht nur Astronomen hellhörig werden. Die Vorstellung, dass wir sehr wahrscheinlich nicht allein sind im Universum, rüttelt an unserem Selbstverständnis als Mensch. Ulf Faller behandelt die grundlegenden Phänomene des gestirnten Himmels und die Entwicklung des geozentrischen Weltbildes bis zu seiner spätmittelalterlichen Synthese mit dem christlichen Glauben. Nikolaus Kopernikus rüttelte erstmals in der abendländischen Geschichte am geozentrischen Weltbild, indem er die Erde zu einem Planeten unter ihresgleichen werden ließ. Der Autor zeigt auf, wie sich das Bild vom Universum in den letzten hundert Jahren verändert hat. Wir wissen heute, dass unser Sonnensystem keinen ausgezeichneten Ort im Kosmos einnimmt. Schon Sigmund Freud empfand die Feststellung, nur auf einem von vielen Planeten zu leben, als narzisstische Kränkung der Menschheit. Wir müssen heute erkennen, dass das Universum nicht den Eindruck erweckt, mit uns Menschen an sein Ziel gekommen zu sein. Das zu realisieren kann bescheiden machen, unseren blauen Planet für die unzähligen Generationen zu bewahren, die er noch beherbergen könnte.