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Teil 1: Die Genese der christlich-geozentrischen Kosmologie in:

Ulf Faller

Der lange Schatten des Kopernikus, page 1 - 76

Wie die moderne Kosmologie den christlichen Anthropozentrismus überwindet

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4176-5, ISBN online: 978-3-8288-7054-3, https://doi.org/10.5771/9783828870543-1

Tectum, Baden-Baden
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Die Genese der christlichgeozentrischen Kosmologie Teil 1: 1 Der geozentrische Kosmos der Antike Mesopotamische Astronomie Einen Einblick in die Ausgangspunkte des kosmologischen Denkens der europäischen Antike haben wir der Sammelwut eines assyrischen Königs mit dem Namen Assurbanipal (668–630 v. u. Z.) zu verdanken. In den fast 40 Jahren seiner Herrschaft füllte er die Bibliothek seines Palastes in Ninive, heute im Irak gelegen, mit über 25.000 Tontafeln. Er hatte den Anspruch, das gesamte Wissen seiner Zeit zusammenzutragen und zu katalogisieren. Kurz nach Assurbanipals Tod wurde Ninive zerstört und überdauerte als Ruine bis zu seiner Wiederentdeckung Mitte des 19. Jahrhunderts. Bis heute sind die Tontafeln eine zentrale Quelle für die Erforschung des mesopotamischen Kulturraums. Assurbanipal rühmte sich, als einer der wenigen Könige seiner Zeit lesen, schreiben und rechnen zu können und auch der „Wissenschaft von den Vorzeichen am Himmel‟ mächtig zu sein. So finden sich neben einer Abschrift des Gilgamesch-Epos und Werken der Mathematik und Medizin auch umfangreiche astronomische Beobachtungstabellen, die viele Jahrhunderte zurückreichen, darunter ca. 7000 sogenannte Omentafeln. „Wenn Venus in ihrem Feuerlicht die Brust des Skorpions beleuchtet, dessen Schwanz dunkel ist und dessen Hörner hell leuchten, so wird Regen und Hochflut das Land verwüsten. Ochsen und Großvieh wird dezimiert werden.‟ Für die Omensammlung typisch ist das „Wenn-dann-Schema‟. So heißt es darin beispielsweise: Zuerst steht eine astronomische Konstellation, die nachfolgend mit einem biografisch oder geschichtlich bedeutsamen Ereignis parallelisiert wird. Unschwer sind hier die Wurzeln der Astrologie zu erkennen. Der Himmel des jährlichen Wechsels der Sternbilder und des Erscheinens und Verschwindens der Planeten wurde als Teil der Natur verstanden, die das Leben einmal begünstigte, Der geozentrische Kosmos der Antike 2 ein anderes Mal bedrohte. Sterne stellten nicht, wie für uns heute, eine ferne Kulisse dar. Der Himmel wurde als Teil der Natur erlebt, die das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft bestimmte. So ergab es Sinn, auf Parallelen zwischen himmlischen Erscheinungen und irdischem Geschehen zu achten und diesen Erfahrungsschatz festzuhalten. Interessanterweise spielen hier die Planeten eine zentrale Rolle. Die sichtbaren Wandelsterne prägen dem sonst gleichförmigen Anblick des gestirnten Himmels eine belebende Vielfalt an Konstellationen ein, die der Unberechenbarkeit des menschlichen Lebens entspricht. Will man die „Zeichen am Himmel‟ korrekt deuten und vielleicht sogar Voraussagen treffen, so braucht es zweierlei: exakte und umfangreiche Beobachtungen des Sternenhimmels über Jahrhunderte hinweg und einen Schlüssel, um zukünftige Sternenkonstellationen vorherzusagen. Beides haben die mesopotamischen Kulturen hervorgebracht. So finden sich Listen mit vollständigen Aufzeichnungen der Daten von Mond- und Sonnenfinsternissen, der heliakische Aufgänge Dutzender Sterne und genaue Beschreibungen der Bewegungen des Mondes und der Planeten. Von diesen Kenntnissen profitierten alle späteren Astronomen der Antike. Allerdings entwickelten die Babylonier keine kosmologischen Modellvorstellungen, mit denen sie die Beobachtungsresultate zu erklären suchten. Vielmehr extrahierten sie aus den Beobachtungsreihen die Rhythmen der Konstellationen und projizierten diese Rhythmen in die Zukunft. So kamen sie zu erstaunlich guten astronomisch-astrologischen Vorhersagen. Sonnen- und Mondkalender Der Schwerpunkt der ägyptischen Astronomie lag im Kalenderwesen. So hat der von uns benutzte auf den Sonnenlauf bezogene Kalender in Ägypten seine Wurzeln. Er wurde von Julius Cäsar aus dem Land am Nil nach Rom übertragen („julianischer Kalender‟) um, wie noch zu zeigen ist, im Mittelalter seine bisher letzte Reform zu erfahren („gregorianischer Kalender‟). Man beschreibt die ägyptische Sternenkunde als „religiöse Astronomie‟, weil alles dem kultisch-zeremoniellen Gang durch das Jahr diente. Die rund 360 Tage des Jahres waren die bestim- Sonnen- und Mondkalender 3 mende Größe. So leitet sich heute noch die Gradzahl eines Vollkreises von dieser Gegebenheit ab. Die Sonne als dominierendes Gestirn vollendet nach dieser Zeit ihren Jahreskreis. Die fehlenden fünf bis sechs Tage zum tatsächlichen Jahreslauf galten als eingeschobene, heilige „Tage zwischen den Jahren‟, die religiös begangen wurden wie die „geweihten Nächte‟ anderer Kulturen.3 Das Leben in Ägypten hing am Nil, der durch jährliche Überflutungen für fruchtbare Böden sorgte. Diese wiederum trat etwa beim heliakischen Aufgang des Hundssternes Sirius (in Ägypten Sothis) ein; mit diesem Ereignis nahm daher das ägyptische Jahr seinen kalendarischen Anfang. Der Jahresbeginn mit der Wintersonnenwende ist dagegen für nördlichere Kulturen charakteristisch, wo das Wiederaufsteigen der Sonne die Verdrängung der Kälte verspricht. Für andere Kulturen Nordafrikas war der Jahreswechsel weniger bedeutsam. Der durch die Mondphasen bedingte Helligkeitswechsel am Abend und in der Nacht war in diesen Gegenden für das Leben wichtiger als die Veränderung der Tageslänge übers Jahr mit ihren Konsequenzen für das Klima. Hier wurden Mondkalender entwickelt, die im Islam und Judentum bis heute erhalten sind.4 Die Einteilung des Jahres in Monate und die Unterteilung des Monats in Siebentageswochen (dies entspricht etwa den Tagen zwischen den Mondphasen) geht auf die Babylonier zurück. Die Mondrhythmen zur Zeitberechnung zu verwenden und mit den Sonnenrhythmen in Einklang zu bringen, bildete eine der Herausforderungen der frühgeschichtlichen Astronomie, die zur Geburt der Wissenschaft beigetragen hat.5 Hesiod Aus dem antiken Griechenland ist ein Schriftzeugnis überliefert, das die Aufgabe der Himmelsbeobachtung in vorwissenschaftlicher Zeit dokumentiert. Es stammt von Hesiod. Er lebte als Landwirt nordwestlich von Athen. Neben Homers Ilias und Odyssee verdanken wir vor allem seinen Schriften unsere Kenntnisse der griechischen Mythologie. Viele dieser Mythen standen Pate für die europäische Benennung der Sternbilder: Man denke an Orion, Andromeda, Pegasus und Kassiopeia, um nur einige zu nennen. Zwei Schriften gehen auf ihn zurück, Der geozentrische Kosmos der Antike 4 die „Theogonie‟ und das Lehrgedicht „Werke und Tage‟, die beide etwa 700 v. u. Z. entstanden. Hier ein Ausschnitt aus „Werke und Tage‟: „Gehen des Atlas Töchter am Himmel dir auf, die Plejaden, Magst du die Ernte beginnen, die Saat, wann nieder sie sinken. Vierzig Nächte und Tage hindurch sind diese verborgen, erscheinen jedoch alsbald mit des rollenden Jahres Rücklauf wieder sobald für die Ernte das Eisen geschärft wird. […] Wenn jetzt mitten am Himmel Orion und Sirius aufsteigt, Eos zugleich den Arkturos, die rosenfingrige, anschaut, dann lies sämtliche Trauben, o Perseus, bring sie nach Hause […]. Aber sobald die Plejaden nun sinken, die Macht des Orion und die Hyaden, gedenk, rechtzeitig das Saatland zu pflügen. So nun dürfte das Jahr für den Landbau passend benützt sein.‟ Unmittelbar wird deutlich, dass die Beobachtung des Wechsels der Gestirne Kalenderfunktion hatte: Gepflügt, gesät und geerntet wurde, wenn die Sterne die passende Zeit anzeigten. Die Existenz der Menschen war bestimmt vom täglichen und jährlichen Rhythmus der Natur, zu der auch der Himmel gehörte. Weder Internet noch Fernsehen, ja noch nicht einmal elektrisches Licht lenkten sie vom Erleben der Landschaft ab. Wir müssen davon ausgehen, dass der Himmel mit seinen Sternbildern kein unbekanntes Terrain war, wie dies heute oftmals der Fall ist, sondern allgegenwärtiger Erfahrungsinhalt. Davon zeugen die Bilder im Lehrgedicht Hesiods. Man sah die Sterne sicher nicht als unendlich weit entfernte Objekte. Vielmehr wurde der Himmel wohl ähnlich wahrgenommen, wie ihn der naive Sinn eines Kleinkindes sieht – naiv im positivsten Sinne, also ursprünglich und unvoreingenommen. So fragte mich bei einer winterlichen Abendrunde mein dreijähriger Sohn: „Warum wandert der Mond immer mit uns mit?‟ Solche Fragen zeigen, was Erwachsenen meist nicht mehr bewusst ist. Der unmittelbare Eindruck, den wir vom Mond oder den Sternen haben, zwingt uns nicht, auf ihre ungeheure Entfernung zu schließen. Die Gestirne des nächtlichen Himmels werden vielmehr in den Eindruck der erlebten Landschaft integriert. Für die Menschen des antiken Griechenlands waren die Sternbildkonstellationen keine Kulisse, aufgestellt hinter der Horizontlinie, sondern Teil des Wechsels der Jahreszeiten in ihrer Landschaft. Und wenn Hesiod 5 wir davon ausgehen, dass die Menschen früher ebenso häufig in den Himmel geschaut haben wie wir in den Kalender, dann können wir sicher sein, dass ihnen die Sternbilder so vertraut waren wie uns die Morgenzeitung. Mit dem Anblick des am abendlichen Osthimmel aufsteigen Sternbilds Orion beispielsweise wird der Mensch der Frühzeit eine andere Naturstimmung verbunden haben als mit dem Anblick der liegenden, zarten Mondsichel am Westhimmel. Ersterer ist charakteristisch für den Winter, letztere für das Wiedererwachen der Natur im zeitigen Frühjahr. Dieser Gesamteindruck der Natur schwang bei den Hörern Hesiods mit, wenn es hieß: „[...] sobald des Orion Macht sich gezeigt hat [...].‟ So kraftvoll sich die Natur im Winter präsentiert, so markant ist auch das Sternbild Orion, in das sich leicht eine menschliche Gestalt hineinsehen lässt. Bei den Griechen ein Jäger, der von seinen Jagdhunden begleitet wird, die als Sternbilder im Umkreis des Orion zu finden sind. Orion stellt den schönen Plejaden, den sieben Töchtern des Atlas, nach, die er allerdings nie erreichen soll. Das Bild des von unstillbarem Verlangen getriebenen Jägers verband sich so mit dem erlebten Charakter des Winterhalbjahres. Diese Mischung aus Poesie und der Stimmung, die das Erleben der Jahreszeit hinterlässt, verbunden mit dem Anblick der dazugehörenden Sternbilder, muss den Gesamteindruck ausgemacht haben, der den Menschen das mythologische Verstehen der Welt ermöglichte. So wurde der Eindruck des gestirnten Himmels zum Bild für erlebte Qualitäten. Die Sonne mit ihrer Kraft, Leben zu spenden, aber auch zu versengen und auszudörren – im sommertrockenen Griechenland eine alljährliche Erfahrung –, wurde als männliche Qualität erfahren und in den Mythen des Sonnengottes Helios oder Apollon zum Ausdruck gebracht. Der Mond hingegen wurde als weibliche Qualität erfahren und mit dem Sagenkreis der Selene verbunden. Dies lässt sich durch seine Beziehung zum Wasser verstehen, die durch den im Mondrhythmus erfolgenden Wechsel von Ebbe und Flut erlebt wurde, durch seine wachsende und vergehende Lichtgestalt, das monatliche Motiv vom „Stirb und Werde‟, und nicht zuletzt durch den zeitgleichen Monatsrhythmus der Frau. Wenn man der Beobachtung der Sterne in der damaligen Zeit Kalenderfunktion zuspricht, so darf man dies nicht verwechseln mit dem Der geozentrische Kosmos der Antike 6 nüchternen Planen am „Timer‟ des modernen Menschen. Der Anblick der Sternbilder stand in Verbindung mit einem intensiven Erleben der Jahres- und Tageszeiten mit ihren Qualitäten. Wanderung der Sonne und die Bewegungen der Fixsternsphäre Vierzig Tage und Nächte sind die Plejaden, Atlas’ Töchter, verborgen, „erscheinen jedoch alsbald mit des rollenden Jahres Rücklauf wieder‟, so schildert Hesiod. Was meint er mit dieser eigentümlichen Ausdrucksweise? Hesiod lebte zwischen Athen und Delphi, dem Heiligtum des Sonnengottes Apollon, der als Lenker des Sonnenwagens dargestellt wurde. In Gestalt der Sonne steigt Apollon damit täglich im Osten empor, „rollt‟ über Süden und geht im Westen unter, damit folgt er der täglichen Bewegung aller Gestirne, seien es die Fixsterne oder die Planeten. Nach Süden gewendet, ist eine Kreisbewegung der Gestirne im Uhrzeigersinn zu beobachten, die exakt im Süden – am sogenannten Meridian – ihren höchsten Punkt der täglichen Bahn erreichen, ihre „obere Kulmination‟. Nach Norden gewendet, erscheint die gleiche Bewegung als Kreisen um den Nordstern gegen den Uhrzeigersinn, wobei die Gestirne unterhalb des Nordsterns ihren tiefsten Punkt der Tagesrotation erreichen, die sogenannte „untere Kulmination‟6. Doch „des rollenden Jahres Rücklauf‟ – was ist damit gemeint? Hierfür müssen wir das tägliche „Rollen‟ des Himmels gedanklich anhalten und darauf achten, wie sich die Gestirne untereinander verhalten. Abbildung 17 zeigt einen der markantesten Himmelsausschnitte: Im Zentrum befindet sich der Orion, dessen Gürtelsterne nach links unten auf den hellen Stern Sirius im Großen Hund weisen und nach rechts oben auf einen deutlichen „Sternpfeil‟. Dieser stellt das Zentrum des Sternbildes Stier dar, ein offener Sternhaufen mit dem Namen „Hyaden‟. Etwas weiter rechts oben befindet sich das Siebengestirn, die Plejaden. Wanderung der Sonne und die Bewegungen der Fixsternsphäre 7 Dieser Himmelsausschnitt wird dargestellt im Jahr 700 v. u. Z., am 21. März, mit Blick nach Süden (die senkrechte Linie stellt den Meridian dar, also die exakte Südrichtung). Betrachtet man den gleichen Himmelsausschnitt am 21. April bzw. am 21. Mai (hier in die gleiche Abbildung hineingezeichnet), dann fällt auf, dass in dieser Zeit die Sonne (Apoll) wandert, und zwar nicht von Ost nach West (d. h. von links nach rechts) wie während der Tagesrotation, sondern entgegengesetzt von West nach Ost: des rollenden Jahres rückwärts eben! Die Sonne bleibt also gegenüber den Sternen eine kleine Weile zurück (vier Minuten pro Tag).8 Sie wandert damit entgegen der Tagesbewegung, also „rückwärts‟! Die Sonne steht nicht still. Sie ist kein Fixstern und zählte in der Antike daher zu den Planeten (gr. planáomai = umherirren, umherschweifen), zu den Wandelsternen. Sie zieht binnen eines Jahres durch den Fixsternhimmel. Ihre Bahn wurde von den Griechen Ekliptik genannt, von „ekleipsis‟ (gr. das Verschwinden), da hier alle Mond- und Sonnenfinsternisse stattfinden. In der Umgebung der Sonnenbahn liegen zwölf markante Sternbilder, die von der Sonne ungefähr im Monatsabstand durchwandert werden. Es handelt sich um die Tierkreissternbilder, die den meisten als Zeichen seiner Geburt bekannt sind: der Stier etwa oder der Löwe. Alle beobachtbaren Planetenbahnen ge- Der geozentrische Kosmos der Antike 8 nauso wie die des Mondes verlaufen auf einem Band um die Ekliptik. Die Ekliptik verläuft direkt zwischen den Hyaden und den Plejaden, die das „goldene Tor der Ekliptik‟ bilden. Nun kann man die Sonnenbewegung vor den Fixsternen nicht direkt verfolgen, da das Blau des Himmels alle Sterne überstrahlt und wir die (auch am Tage vorhandenen) Sterne nicht beobachten können. Doch infolge der Sonnenwanderung verändert sich der Himmelsanblick kurz vor Sonnenaufgang bzw. kurz nach Sonnenuntergang. In Abbildung 2 ist zunächst die Situation im Jahr 700 v. u. Z., am 1. Juni morgens um 4:00 Uhr, bei Einsetzten der Morgendämmerung mit Blick nach Osten dargestellt.9 Am Horizont gehen gerade die Hyaden auf, während die Plejaden schon deutlich über dem Horizont stehen und so in der Morgendämmerung ausgemacht werden können. Von Tag zu Tag sind die Plejaden höher am Morgenhimmel zu sehen, gehen früher vor Sonnenaufgang auf und werden deutlicher erkennbar. In der Abbildung sind die Positionen am 15. Juni und 24. Juni dargestellt. Auf diese Beobachtung verweist in Hesiods Gedicht die Formulierung „Gehen des Atlas’ Töchter am Himmel dir auf, die Plejaden, magst du die Ernte beginnen‟. Man spricht vom „heliakischen Aufgang‟ der Gestirne, dem Sichtbarwerden der Sterne vor Sonnenaufgang im Osten, Wanderung der Sonne und die Bewegungen der Fixsternsphäre 9 nachdem sie viele Wochen hinter der Sonne standen und von ihr überstrahlt wurden. Denkt man die Bewegung weiter, so wird deutlich: Die Sterne erscheinen immer früher am Morgen, schließlich schon um Mitternacht, später am Abendhimmel, bis sie nur noch kurz nach Sonnenuntergang sichtbar sind, wenn sich die Sonne von Westen den Sternbildern nähert. Sie werden – entsprechend den Verhältnissen am Morgenhimmel – immer kürzer nach Sonnenuntergang sichtbar sein, bis sie in der Abenddämmerung verschwinden. Hier spricht man vom „heliakischen Untergang‟. Diese Sichtbarkeitsverhältnisse zeigen alle Sterne außer denjenigen, die so nah um den Polarstern kreisen, dass sie nicht unter dem Horizont versinken. Letztere nennt man zirkumpolare Sterne, da sie ganzjährig sichtbar um den Polarstern kreisen. Aus geozentrischer Sicht haben wir damit zwei Bewegungen vor Augen: – die tägliche Umdrehung aller Fixsterne von Ost nach West – das langsame Zurückbleiben der Sonne, die in einem Jahr die Tierkreissternbilder von West nach Ost durchwandert. Hesiods Bauernkalender Nun fällt es nicht mehr schwer, das Lehrgedicht weiter zu entschlüsseln: „Gehen des Atlas’ Töchter am Himmel dir auf, die Plejaden, magst du die Ernte beginnen […].‟ Dies war, wie Abbildung 2 zeigte, etwa Ende Mai, Anfang Juni der Fall. In Athen wurden am siebten Tag des Monats Thargelion (Mai/Juni) die Festzeit der Thargelien begangen, das Hauptfest des Apollon. Man feierte das Reifen der Feldfrüchte und bereitete damit die Ernte vor. Opfergaben sollten Apollon gnädig stimmen, damit er nicht mit dörrender Hitze die Ernte vernichtete. Man muss bedenken, dass Athen im sommertrockenen, mediterranen Klima liegt, das durch seine trocken-heißen Sommer gekennzeichnet ist. Das Pflügen des Ackers und die Aussaat müssen im niederschlagsreichen Winter geschehen: „Aber sobald die Plejaden nun sinken, die Macht des Orion und die Hyaden, gedenk, rechtzeitig das Saatland zu pflügen. [...] Die Saat, wann nieder sie [die Plejaden] sinken.‟ Nach Sonnenuntergang tauchten mitten im Winter die Hyaden und die Plejaden Der geozentrische Kosmos der Antike 10 im Süden aus der Dämmerung auf und begannen, während der Abendstunden herabzusinken.10 Im Mittelmeerraum ist die Winterzeit regnerisch und nicht zu kalt. Dann muss die Aussaat erfolgen, damit vor der sommerlichen Trockenheit genügend Zeit bleibt. Die Hyaden stellen in der griechischen Mythologie die um ihren getöteten Bruder weinenden Töchter des Atlas dar, deren Tränen als winterlicher Regen auf die Erde kommen. Sie werden auch als Regengestirn bezeichnet. Die Traubenernte für den Wein – wie auch die Olivenernte – ist im Herbst nach der Sommerhitze zu bewerkstelligen: „Wenn jetzt mitten am Himmel Orion und Sirius aufsteigt, Eos zugleich den Arkturos, die rosenfingrige, anschaut, dann lies sämtliche Trauben.‟ Eos, die Göttin der Morgenröte, gibt Arkturos frei. Dies ereignete sich Anfang Oktober. Tatsächlich waren Orion und Sirius zu dieser Zeit schon hoch am Himmel zu sehen. Das Erscheinen Arkturos’ in der Morgenröte gab den Startschuss für die Trauben- und Olivenernte.11 Drei Bewegungen der Fixsternsphäre In einer sternklaren Nacht mit freiem Horizontblick sieht man nahezu den halben Sternenhimmel, je nach Jahreszeit und Standort auf der Erde allerdings wechselnde Ausschnitte. Insgesamt sind etwa 5000 hellere und schwache Sterne auszumachen, zu jedem Zeitpunkt also durchschnittlich 2500. Alle Sterne erscheinen auf einer gewölbten Sphäre, der „Fixsternsphäre‟, da wir räumliche Tiefe in dieser Entfernung nicht ausmachen können. Der menschliche Blick, der daraufhin organisiert ist, im Chaos Ordnung zu sehen, hat die Verteilung der helleren Sterne zu Sternbildern zusammengefasst und diese zumeist mit mythischen Namen versehen. Die wichtigsten europäischen Bezeichnungen stammen aus der griechischen Sagenwelt. Ergänzt wurden sie in der Neuzeit, im Besonderen auf der den Griechen noch unbekannten Südhemisphäre. Satte 20 Sternbilder zählen in unseren Breiten zu den „Leitsternbildern‟, mit deren Hilfe man sich jederzeit am Himmel zurechtfindet. Entgegen landläufiger Meinung ist es nicht besonders schwer, diese Sternbilder zu erkennen und zu finden, wenn man einige wichtige Orientierungslinien im Kopf hat. Auf meiner Homepage findet der inter- Drei Bewegungen der Fixsternsphäre 11 essierte Leser eine Einführung, deren Ergebnis die hier abgedruckte Sternkarte darstellt (Abbildung 3). Die Fixsterne sind, wie schon der Name sagt, in ihren Verhältnissen zueinander unbeweglich. Deshalb sehen wir auch heute noch die gleichen Sternbilder, wie seinerzeit der Sternbeobachter der Antike. Die Verschiebungen der Fixsterne untereinander sind so langsam, dass nur äußerst präzise Messungen diese Bewegungen erkennbar machen. Aber vom irdischen Beobachter aus gesehen, sind drei Bewegungen beobachtbar: – Die erste ist die tägliche Umdrehung der Fixsternsphäre um die Erde. Die Rotationsachse steht über dem Nordpol der Erde senkrecht Der geozentrische Kosmos der Antike 12 und verläuft (fast) durch den Nordstern, der damit im Mittelpunkt der täglichen Kreisbewegungen aller Gestirne steht. 90° zum Nordpol findet sich als gedachte Linie der an den Himmel projizierte Himmelsäquator. Abhängig vom Standpunkt auf der Erde (Breitengrad) sind die dem Polarstern näheren Sterne jederzeit beobachtbar, also auch in ihrer niedrigsten Position im Norden; man nennt sie die „zirkumpolaren Sterne‟. Alle anderen gehen, wie die Sonne und die anderen Planeten, in westlicher Himmelsrichtung unter, in östlicher auf und sind damit in ihrer nördlichen Position nicht zu sehen.12 – Die zweite Bewegung ergibt sich durch die Wanderung der Sonne vor dem Fixsternhimmel entlang der Ekliptik. Wie beim heliakischen Aufgang schon gezeigt, verändert sich dadurch der Anblick des abendlichen, mitternächtlichen bzw. morgendlichen Himmels. Die Sonne befindet sich hierbei im Sommerhalbjahr nördlich des Himmelsäquators und im Winterhalbjahr südlich. Den höchsten Punkt ihrer Bahn erreicht sie am Sommer-Sonnenwendpunkt (21. Juni), dem längsten Tag des Jahres, den tiefsten am Winter- Sonnenwendpunkt (21. Dezember), dem kürzesten Tag. Zweimal im Jahr schneidet ihre Bahn den Himmelsäquator, was auf der Erde dadurch bemerkbar wird, dass dann die Tage und Nächte exakt gleich lang sind (Äquinoktien, um den 21. März und 23. September). Diese Schnittpunkte heißen Frühlings- und Herbstpunkt. Eine nicht selbstverständliche Besonderheit ist, dass alle Planeten einschließlich des Mondes ihre Bahnen entlang eines schmalen Bandes um die Ekliptik ziehen; dieser Bereich ist in der Sternkarte grau dargestellt. Schon seit der Antike nimmt man den Frühlingspunkt als Ausgangspunkt für eine Unterteilung des Himmels in zwölf gleiche Abschnitte (zu jeweils 30°), die Tierkreiszeichen. Sie sind den zwölf Tierkreissternbildern entnommen, durch welche die Sonne jährlich wandert, wobei sie während eines Mondumlaufes etwa ein Tierkreiszeichen weiterwandert. – Um die dritte Bewegung zu erkennen, muss man den Fixsternhimmel über Jahrhunderte beobachten, da sie nur sehr langsam voranschreitet. Trotzdem war sie schon in der Antike bekannt. Bei genauerer Betrachtung der Sternkarte fällt auf, dass sich die Sonne, Drei Bewegungen der Fixsternsphäre 13 wenn sie vor dem Tierkreissternbild Löwe vorbeiwandert, im Tierkreiszeichen Jungfrau befindet, also um einen Abschnitt im Kreis der Tierkreiszeichen verschoben. Wie kann das sein, wenn die Tierkreiszeichen die Sternbilder bezeichnen, die im jeweiligen Monat von der Sonne durchwandert werden. Dies war zur griechischen Antike der Fall! Das bedeutet, dass sich die Ekliptik selber langsam verschiebt, genau alle 2150 Jahre um ein Tierkreiszeichen bzw. in 25.800 Jahren einmal durch alle Tierkreissternbilder hindurch. Damit verbunden verschiebt sich auch die Rotationsachse der Fixsternsphäre. Sie kreist und wird sich in etwa 10.000 Jahren in der Nähe der Wega befinden, um in einem viertel Jahrhunderttausend erneut an heutiger Stelle vorbeizuwandern. Diese Bewegung nennt man Präzessionsbewegung. Die sieben Planeten der Antike Die Zahl der Himmelskörper, die man Planeten13 zugeordnet hat, schwankte im Laufe der Astronomiegeschichte. In der antiken Kosmologie betraf dies alle mit bloßen Augen sichtbaren Gestirne, die sich vor dem Fixsternhimmel bewegten. Das bedeutet, neben Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn waren auch der Mond und die Sonne ein Wandelstern, nicht hingegen die Erde, die unbeweglich im Mittelpunkt des Kosmos ruhte. Mit der kopernikanischen Wende wurde die Erde zum Planeten, während die Sonne diesen Status verlor. Allein der Mond kreist weiterhin um die Erde und wird wie andere um Planeten kreisende Körper nicht mehr den Planeten zugeordnet. Planeten sind nun Himmelskörper, die um die Sonne kreisen. 1781 wurde der Planet Uranus entdeckt und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sichtete man zwischen Mars und Jupiter die Himmelskörper Juno, Vesta und Astraea, wodurch sich die Zahl der Planeten erhöhte. Nachdem 1846 der Neptun hinzukam und zudem weitere Objekte zwischen Mars und Jupiter, nannte man diese Objekte Asteroiden. 1930 wurde jenseits des Neptun Pluto entdeckt und den Planeten zugeordnet. Seit 2006 zählt er zu den Zwergplaneten, die zwar genügend Masse besitzen, um eine annähernd kugelförmige Gestalt zu bilden, zu wenig allerdings, um ihre Umlaufbahn von weiteren Objekten freizuräumen. Aktuell zählen wir Der geozentrische Kosmos der Antike 14 in unserem Sonnensystem acht Planeten. Hinzu kommt eine ständig steigende Zahl von Exoplaneten außerhalb unseres Sonnensystems, von denen später die Rede sein wird. Doch zurück zu den Planeten der Antike. Alle Planeten tragen Götternamen. Sonne und Mond hießen bei den Griechen Helios und Selene, bei den Römern Sol und Luna. Merkur ist der Götterbote, Venus die Göttin der Liebe, Mars der Kriegsgott, Jupiter der höchste Gott der römischen Mythologie und Saturn der göttliche Vater Jupiters. Das scheinbar regellose Umherschweifen der Planeten wurde als göttliche Botschaft verstanden und hatte dadurch dem Menschen etwas mitzuteilen. Dies war für Astrologen aller Zeiten Anlass, die göttliche Sprache der Planeten zu verstehen und in Orakel umzusetzen. Das Bedürfnis, die „astrale Sprache der Götter‟ zu entziffern, und für Lebensentscheidungen zu nutzen, macht verständlich, warum das Planetenseptett aufmerksam beobachtet wurde, und ist ein Grund dafür, dass die Zahl „Sieben‟ als heilige Zahl galt. Nicht von ungefähr hat die Woche sieben Tage, die bis heute Planetennamen tragen. Auch in der deutschen Sprache ist dies beim Sonntag und Montag (Sonne und Mond) direkt zu sehen. Der Dienstag ist der Mars-Tag, was im Französischen „Mardi‟ erkennbar ist. Entsprechend ist der Mittwoch dem Merkur gewidmet, was im Französischen „Mercredi‟ deutlich wird. Der Donnerstag ist Jupitertag, wobei Jupiter im dem germanischen Pantheon dem Donnergott „Donar‟ entsprach. Der Freitag ist Venustag, gleichgesetzt mit der germanischen Freya, und zuletzt ist der Samstag dem Saturn gewidmet, was im englischen „Saturday‟ direkt sichtbar wird. Durch ihre ständig wechselnde Position machen Planeten Zeit erlebbar und begründen damit kalendarische Maßeinheiten. Die Siebenzahl der Planeten selbst, verbunden mit den alle sieben Tage wechselnden Mondphasen, prägt die Woche. Der Rhythmus des Sonnenlaufes markiert ein Jahr, der tägliche Umschwung der Gestirne einen Tag, während der Mond den Monatsrhythmus vorgibt. Bis heute. Ganz so chaotisch sind die Bewegungsmuster der Planeten allerdings nicht. Es gibt kein willkürliches Herumvagabundieren im gesamten Fixsternhimmel! Alle Bewegungsmuster der Planeten spielen sich auf einem begrenzten Band um die Ekliptik ab, was den hier verorteten Sternbildern eine wesentliche Rolle zukommen ließ. Es handelt sich um die Tierkreissternbilder, den Zodiakus, nach dem die Tier- Die sieben Planeten der Antike 15 kreiszeichen benannt sind. Eine nächste fast durchgängige Regelmä- ßigkeit ist die Tatsache, dass sich die Bewegungsrichtungen der Planeten gleichen: Sie ist, wie schon am Beispiel der Sonne dargestellt, der täglichen Bewegungsrichtung mit ihrem Aufgang im Osten und dem Untergang im Westen gegenläufig. Da die Wanderbewegung der Planeten vor dem Fixsternhimmel wesentlich langsamer erfolgt als der Tagesumschwung, fällt sie erst auf, wenn man in Gedanken die Tagesdrehung des Fixsternhimmels anhält und täglich etwa zur gleichen Stunde die Positionsveränderungen der Planeten notiert. Dann erkennt man, dass alle Planeten vor den Sternbildern des Tierkreises fast immer von West nach Ost wandern. Die genauere Beobachtung zeigt für alle Planeten charakteristische Bewegungsbilder. Sonne: Wie schon beschrieben, können wir die west-östliche Bewegung der Sonne nicht direkt beobachten, da diese bei Tag die Fixsterne überstrahlt. Wir bemerken vielmehr die Verschiebungen der zur gleichen Nachtzeit sichtbaren Fixsterne. Daher sehen wir am westlichen Abendhimmel die Tierkreissternbilder, durch die die Sonne in den darauffolgenden Wochen und Monaten ziehen wird. Umgekehrt gibt die Sonne vor ihrem Aufgang die Sternbilder frei, durch die sie in den Wochen zuvor gewandert ist. Da die Sonne in 365,24 Tagen einen Durchgang durch die Ekliptik durchläuft, kommt sie ca. 1° pro Tag von West nach Ost voran. Das ist etwa der zweifache Durchmesser der sichtbaren Sonnenscheibe. Indizien für die Veränderung der Sonnenposition am Himmel sind die Tagesbögen der Sonne, die zum Sommer hin länger und höher werden (aufsteigender Ekliptikbogen) und zum Winter hin niedriger (absteigender Bogen). Hierbei bewegt sich die Sonne keineswegs immer gleich schnell. Das Sommerhalbjahr dauert mit rund 186 Tagen deutlich länger als das Winterhalbjahr mit 178 Tagen. Mond: Der Mond bewegt sich von allen antiken Planeten am schnellsten. Ein siderischer Umlauf, also ein Durchgang durch den Tierkreis bis zur selben Position vor den Fixsternen, dauert 27,3 Tage. Das heißt, er legt pro Tag ca. 13° zurück, stündlich in etwa die Breite einer Vollmondscheibe – man kann seiner Bewegung also fast zusehen! Wer ein- Der geozentrische Kosmos der Antike 16 mal darauf achtet, wird diese Bewegung von Tag zu Tag sehr markant verfolgen können. Allerdings ist in den fast vier Wochen seines Umlaufes um die Erde die Sonne schon deutlich vorangekommen, sodass der Mond noch etwa weitere zwei Tage benötigt, um die Sonne einzuholen. So dauert der synodische Monat, also die Zeitspanne von Neumond zu Neumond, von Konjunktion zu Konjunktion, ca. 29,5 Tage. Denn, wie schon die Vorsokratiker erkannt hatten, die Mondphasen werden durch die Sonnenbeleuchtung des Mondes hervorgerufen. Da sich der Mond schneller bewegt als die Sonne, erscheint die zunehmende Sichel nach Neumond am westlichen Abendhimmel, d. h., dem heliakischen Aufgang der Sternbilder gegenüber, die sich am östlichen Morgenhimmel aus dem Licht der Sonne erheben! Der zunehmende Mond zeigt sich in der ersten Nachthälfte, als Vollmond steht er der Sonne gegenüber. Er geht auf, wenn die Sonne untergeht, und unter, wenn die Sonne aufgeht. Das Lichtspiel des abnehmenden Mondes lässt sich in der zweiten Nachthälfte beobachten, bis der Mond als abnehmende Sichel morgens vor Sonnenaufgang beobachtet werden kann. Er versinkt dort ins Sonnenlicht, wo die Sternbilder sichtbar werden. Venus und Merkur: Die Venus kann im Laufe ihres Sichtbarkeitszyklus zum dritthellsten Himmelsgestirn nach Sonne und Mond werden. Ein Zyklus dauert etwa 19 Monate. Hierbei taucht die Venus zunächst schwach leuchtend in der Abenddämmerung auf, wobei sie im Laufe von fünf Monaten der Jahreswanderung der Sonne vorauseilt und mehrere Stunden nach der Sonne untergeht. Sie wird dabei immer heller und dominiert den westlichen Abendhimmel. Dann allerdings hält sie inne, kehrt um und nähert sich relativ schnell der Sonne, um in der Abenddämmerung zu verschwinden. Nach etwa einem Monat taucht sie, immer noch schnell wandernd, am Morgenhimmel auf, wobei sie in etwa so weit hinter der Sonne zurückbleibt, wie sie vorher vor ihr zu finden war. Jetzt ist sie der Morgenstern. Doch erneut wendet sie ihre Bewegungsrichtung, um die Sonne wieder einzuholen und diesmal – allerdings viel langsamer – in der Morgendämmerung zu verschwinden. Die Venus wechselt auf diese Weise vom Morgen- zum Abendstern. Sie bleibt an die Sonne gebunden und ist niemals in den mittleren Nachtstunden in Opposition zu sehen.14 In der Abbildung „Venus Die sieben Planeten der Antike 17 am Abendhimmel‟ verfolgen wir die Venus über einen Zeitraum von fünf Monaten immer zur gleichen Zeit nach Sonnenuntergang (Abbildung 4). Die Position der Sonne lässt sich in etwa abschätzen, wenn man ihre Bewegung schon vor dem Sonnenuntergang verfolgt und extrapoliert. Die scheinbare „Venusschleife‟ entsteht durch drei sich überlagernde Bewegungen: Es verändert sich der Abstand der Venus von der Sonne, gleichzeitig folgt die Venus dem jährlichen Auf und Ab der Sonne – für Kenner lässt sich ein Abschnitt des Analemmas der Zeitgleichung an Sonnenuhren erkennen. Die dritte Komponente ergibt sich aus der relativen Lage der Ekliptik gegenüber dem abendlichen Horizont, wobei der Winkel zwischen Horizont und Ekliptik zur Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche am größten ist. Ein ähnliches Bewegungsbild zeigt der Merkur. Er bleibt allerdings viel näher bei der Sonne und ist daher nur für kurze Zeit am Abendoder Morgenhimmel in der Dämmerung auszumachen. Beobachter in höheren Breiten gehen dabei gerne leer aus, da hier die Ekliptik, von der Merkur maximal 7° abweicht, flach steht und Merkur die Dämmerung nur kurze Zeit überstrahlt. Auch Merkur ist demnach Abendund Morgenstern. Sein Sichtbarkeitsrhythmus wiederholt sich alle 116 Tage, also mehr als drei Mal im Jahr. Seines unsteten und nur für kurze Zeit sichtbaren Daseins wegen wurde Merkur mit den umherziehenden Händlern assoziiert (lat. mercari = Handel treiben). Den Grie- Der geozentrische Kosmos der Antike 18 chen war er Ausdruck des Gottes Hermes, des Schutzpatrons der Händler. Merkur und Venus bleiben somit in Sonnennähe und ziehen mit ihr rechtläufig (von West nach Ost) durch den Tierkreis. Jupiter und Saturn: Ein ganz anderes Bewegungsbild finden wir bei Jupiter und Saturn. Jupiter braucht für seinen Weg durch den Tierkreis 12 Jahre und kommt so pro Jahr etwa um ein Tierkreissternbild voran. Dies war ein weiterer Grund dafür, dass die Ekliptik in zwölf gleichgroße Abschnitte, die Tierkreiszeichen, eingeteilt wurde. Verfolgt man die Bewegung des Jupiter genau, taucht eine bemerkenswerte Besonderheit auf: Wir beginnen zu dem Zeitpunkt, in dem der Jupiter von der Sonne verdeckt wird. Wie bei den Fixsternen beginnt die Sichtbarkeit Jupiters am Morgenhimmel (heliakischer Aufgang) und erstreckt sich immer mehr in den Nachthimmel der zweiten Nachthälfte hinein. Hierbei wandert der Jupiter langsam rechtläufig von West nach Ost. Dann verlangsamt er seine Bewegung, bleibt stehen und kehrt um! Die rückläufige Bewegung wird hierbei immer schneller und erreicht in dem Moment ihre höchste Geschwindigkeit, wenn sie um Mitternacht genau im Süden zu beobachten ist. Hier stehen sich Jupiter und Sonne exakt gegenüber, d. h. in Opposition. Nach einer Verlangsamung der retrograden Bewegung bleibt er erneut stehen und zieht dann rechtläufig weiter in Richtung des nächsten Sternbildes. Notiert man die Bewegung vor dem Fixsternhimmel, so kann man zudem erkennen, dass wir keine einfache Vorwärts-Rückwärtsbewegung finden, sondern dass hierbei eine Schleife „gezeichnet‟ wird: die „Oppositionsschleife‟15. Der Sichtbarkeitszyklus des Jupiter beträgt ein Jahr und 34 Tage. Ein ähnliches Bild zeigt die Bahn des Saturns, mit dem Unterschied, dass er noch langsamer auf der Ekliptik vorankommt. Sein Sichtbarkeitszyklus beträgt ein Jahr und 13 Tage, er braucht also annähernd drei Jahre, um von einem Tierkreiszeichen zum nächsten zu wechseln, und benötigt so fast 30 Jahren für einen Umlauf. Während sich Venus und Merkur niemals in Opposition befinden und damit um Mitternacht sichtbar sind, haben wir zu dieser Zeit die auffälligste Sichtbarkeitszeit der Planeten Jupiter und Saturn, in wel- Die sieben Planeten der Antike 19 cher sie mit ihren Bahnschleifen eine besonders schöne Figur in den Fixsternhimmel zeichnen! Mars: Der Sichtbarkeitszyklus des Mars zeigt nun einige weitere Besonderheiten. Zunächst dauert er mit zwei Jahren und 49 Tagen von allen Planeten am längsten. Fast ein halbes Jahr versteckt er sich hierbei hinter der Sonne und taucht danach sehr langsam am Morgenhimmel auf (heliakisch, also wie die Fixsterne). Seine Bewegung wird dabei immer schneller und der Planet dabei immer heller, bis er eine sehr dynamische Oppositionsschleife durchläuft, für die er etwas mehr als ein halbes Jahr benötigt (Abbildung 5). Dann verlangsamt sich seine Wandergeschwindigkeit und er versinkt im Abendhimmel. Etwa ein Jahr nachdem er als heller Nachtplanet seine Oppositionsschleife gezeigt hat, befindet er sich wieder in Konjunktion mit der Sonne und ist nicht auszumachen. Erst im darauffolgenden Jahr, etwas über einen Monat später, zeigt er die nächste Oppositionsschleife, wobei er um gut ein Sternbild im Tierkreis fortschreitet. Dieses dynamische Bewegungsmuster ist eines Kriegsgottes würdig. Die Geburt der wissenschaftlichen Kosmologie mit der ionischen Naturphilosophie Um das Jahr 469 v. u. Z. fiel ein Meteorit auf die thrakische Halbinsel am Hellespont. Sein Einschlag hinterließ Spuren in der Philosophiege- Der geozentrische Kosmos der Antike 20 schichte. Der Philosoph Anaxagoras zählte zu dieser Zeit etwa dreißig Jahre. Er stammte aus Klazomenai an der kleinasiatischen Westküste im griechischen Ionien. Die heute zur Westtürkei zählende Region war in dieser Zeit Umschlagplatz für den Handel mit dem Orient und damit Berührungsfläche westlicher und östlicher Kulturen. Die Folge waren nicht nur blühende Städte, wie Milet und Ephesos, sondern auch die Beflügelung des Denkens. Es ist nicht verwunderlich, dass hier der Geburtsort der westlichen Philosophie auszumachen ist. Bekannt sind Namen wie Thales von Milet, dessen „Satz des Thales‟ zum Bildungskanon gehört, oder Heraklit mit seinem „panta rhei‟ („alles fließt‟). Diese Denker werden der ionischen Naturphilosophie zugerechnet. Als der Meteorit einschlug, lebten die meisten dieser als Vorsokratiker bezeichneten nicht mehr. Anaxagoras stand in ihrer Denktradition. Er sah in den Erscheinungen der Natur nicht das Walten der Götter, sondern suchte nach natürlichen Erklärungen für die Naturphänomene. Den ionischen Naturphilosophen interessierte, wie der Kosmos entstanden ist, welche Grundprinzipien dem Werden und Vergehen zugrunde liegen, aus welcher Stofflichkeit die Gestirne bestehen und welchen Gesetzmäßigkeiten sie gehorchen. Mythologische Vorstellungen, die das Naturgeschehen als Ausdruck göttlicher Taten und Leiden begriffen, sollten dadurch überwunden werden, dass man nach natürlichen Ursachen und Naturgesetzmäßigkeiten fragte. Nachdem Anaxagoras den Meteoriten untersucht und seine stoffliche Natur erkannt hatte, „erklärte [er] die Sonne für eine glühende Gesteinsmasse‟ und für „größer als den Peloponnes.‟ Und: „Der Mond [hat] bewohnte Gegenden, auch Berge und Täler.‟ Dies berichtete Jahrhunderte später der Doxograf und Philosophiehistoriker Diogenes Laertios.16 An anderer Stelle wird Anaxagoras’ Ansicht überliefert, Sonne, Mond und alle Sterne seien glühende Gesteinsmassen, die von dem Umschwung des Äthers mit herumgerissen würden. Die Wärme der Sterne ist nicht zu spüren, da deren Entfernung zu groß ist. Der vom Himmel gefallene Meteorit war für Anaxagoras Indiz für die physische Natur der Himmelserscheinungen. Um das Jahr 462 geht Anaxagoras nach Athen, wo er Lehrer, Berater und Freund des bedeutenden Staatsmannes Perikles wird. Dieser hatte nach der Zerstörung Athens durch die Perser 480 v. u. Z. die der Die Geburt der wissenschaftlichen Kosmologie mit der ionischen Naturphilosophie 21 Stadtgöttin Athene geweihte Akropolis als Tempel- und Burganlage wieder aufbauen lassen ‒ ein kulturgeschichtlicher Ausdruck für den Aufstieg der attischen Demokratie zum Zentrum der hellenistischen Welt. Durch Anaxagoras’ Einfluss kam die Philosophie nach Athen, die schon wenige Jahrzehnte später mit Sokrates, Platon und Aristoteles dort ihren klassischen Höhepunkt erlebte. Anaxagoras selber allerdings hatte noch einen schweren Stand: Neider, wie der Politiker und Heerführer Kleon, klagten Anaxagoras wegen Asebie (Gottlosigkeit) an. Die Entzauberung der Sonne brachte ihm die Anklage ein! Anders als wenige Jahrzehnte später Sokrates entgeht Anaxagoras durch Perikles’ Fürsprache dem Todesurteil und wird aus Athen verbannt. Er verbringt die letzten Jahre seines Lebens auf der Insel Lampsakos, wo er hoch geehrt starb. Es ist erhellend, einige der wenigen überlieferten Zitate über das astronomische Denken der vorsokratischen Naturphilosophen auf sich wirken zu lassen. Man muss berücksichtigen, dass diese Zitate zumeist nicht Überlieferungen aus erster Hand darstellen, sondern oftmals erst Jahrzehnte oder Jahrhunderte später von sogenannten Doxografen aufgezeichnet wurden. So verstand schon Aristoteles den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt als einen historisch wachsenden Prozess und setzte sich daher ausführlich mit Ansichten (gr. Doxai) seiner Vorgänger auseinander. Zudem gab es Doxografen wie den im 1. Jahrhundert u. Z. lebenden Aetios, die umfangreiche Sammlungen der überlieferten Ansichten alter Philosophen zusammentrugen. Einige wenige dieser Werke haben den großen Kulturverlust am Ende der Antike überdauert. Blitzlichtartig wird in den überlieferten Sätzen erkennbar, welche astronomischen Fragen die ersten Naturphilosophen bewegten und wie sie diese zu erklären versuchten: Anaximander (610–547): „Anaximander behauptet, dass sich die Erde (im Weltraum) in schwebender Lage befinde, und zwar im Mittelpunkt der Welt.‟ (Theon Smyrnaeus) Anaximenes (585–528): „(Anaximenes lehrte) Sonne, Mond und die übrigen Gestirne hätten ihren Ursprung von der Erde. Er erklärte demnach die Sonne für Erde; sie sei aber infolge ihrer raschen Bewegung erhitzt worden und in diesen Verbrennungszustand geraten.‟ (Pseudoplutarch) Der geozentrische Kosmos der Antike 22 Pythagoras (571–510): „Weiter wir berichtet, dass Pythagoras als Erster den Himmel das Universum (Kosmos) genannt und die Erde für eine Kugel erklärt habe.‟ (Diogenes Laertios) Heraklit (540–470): „Nach Heraklit ist die Sonne neu an jedem Tag.‟ (Aristoteles) – „Die Gestirne ernähren sich von den Ausdünstungen der Erde.‟ (Aetios) Parmenides (515–450): „Parmenides lokalisiert den Morgenstern, den er für identisch mit dem Abendstern hält, als ersten [Planeten] in den Äther; nach ihm kommt dann die Sonne und unter dieser wieder die Sterne in dem feurigen Wesen, das er Himmel nennt.‟ (Aetios) – „Erdumwandelnd erhellt er (der Mond) die Nacht mit geliehenem Lichte.‟ (Plutarch) Anaxagoras (499–428) glaubte: „Sonne, Mond und alle Sterne seien glühende Gesteinsmassen, die von dem Umschwung des Äthers mit herumgerissen würden.‟ Empedokles (480–430): „Empedokles meint, dass die Sonne doppelt so weit von der Erde entfernt sei als der Mond.‟ (Aetios) – „Empedokles lehrte, dass die Fixsterne am Himmelsgewölbe festsäßen, während die Planeten sich frei bewegen könnten.‟ (Aertios) Leukippos (5. Jh. v. u. Z.): „Es sei aber der Kreis der Sonne der äu- ßerste, der des Mondes dagegen der Erde am nächsten, während die anderen Gestirne zwischen diesen beiden sich befänden. Und sämtliche Gestirne seien infolge der Schnelligkeit ihrer Bewegung glühend.‟ (Diogenes Laertios) Demokrit (460–371): „Demokrit nahm das All als unendlich an, weil es keinesfalls von jemandem geschaffen sei.‟ Man muss sich vergegenwärtigen, dass die hier zitierten Philosophen hochgebildete Persönlichkeiten waren, die heute möglicherweise der naturwissenschaftlichen Elite angehören würden. Trotzdem muten aus heutiger Sicht viele dieser Aussagen geradezu naiv an. Dadurch wird deutlich, wie wenig der unmittelbare Sinneseindruck der Gestirne über ihre kosmologische Natur Auskunft gibt und wie viel wir uns denkend erschließen müssen. Die Sinne bringen uns in Berührung mit der Welt, doch erst unser Nachdenken erkennt die kosmologischen Zusammenhänge! – Dieses Nachdenken begann für die europäische Geistesgeschichte mit den oben zitierten Denkern. Die Geburt der wissenschaftlichen Kosmologie mit der ionischen Naturphilosophie 23 Mit den Meinungen der ionischen Naturphilosophen sind die Fragen angesprochen, die im geozentrischen Weltbild ihre Beantwortung fanden, bevor sie von Kopernikus eine neue Interpretation erfuhren: – Zum einen geht es um die Reihenfolge und Bewegung der Gestirne: Wie stehen Fixsterne und Planeten zueinander? Wie steht es um die Position der Erde und des Mondes? Wo bewegen sich die Planeten? Interessant ist, dass vielfach noch nicht zwischen Wetterphänomenen der Atmosphäre und kosmischen Phänomenen unterschieden wurde. „Die Gestirne ernähren sich von den Ausdünstungen der Erde.‟ Noch Aristoteles zählt Meteoriten zu den atmosphärischen Erscheinungen (Meteorologie = Wetterkunde); aus Gründen, auf die noch einzugehen ist. – Dann geht es um die Größenverhältnisse des Kosmos: Ist der Himmel Teil des irdisch-atmosphärischen Geschehens? Ist er größer? Wie groß sind die Planeten? So wird staunend zur Kenntnis genommen, dass „die Sonne größer (ist) als die Peloponnes‟ (Anaxagoras), d. h. etwa 200 km im Durchmesser. Man betrachte einmal die Sonne und stelle sich vor, sie hätte (aus heutiger Sicht „nur‟) den Durchmesser von beispielsweise Baden-Württemberg. – Wie vergleichsweise greifbar wird die Sonne und mit ihr der ganze Kosmos! – Des Weiteren geht es um die Natur der Gestirne: Aus welcher Substanz bestehen Sonne, Planeten, Sterne bzw. der Mond? Wieso leuchten sie? Diese Fragen zielen auf eine naturalistische Beantwortung: In der Sonne wird jetzt ein physischer Körper gesehen, nicht mehr das Antlitz eines Gottes. – Grundlegend ist die Frage nach der Ursache für die stete Bewegung der Gestirne: Woher kommen die nicht nachlassende Bewegung der Planeten und die tägliche Fixsternrotation? Unsere Alltagserfahrung lehrt uns, dass alle Bewegungen, die wir irgendwo erleben, nach mehr oder weniger langem Zeitraum zur Ruhe kommen. Jedes rollende Fahrzeug bleibt irgendwann stehen, jedes flie- ßende Wasser kommt spätestens beim Erreichen des Meeres zur Ruhe, wie auch der Wind, der die Oberfläche bewegt. Jeder fallende Gegen- Der geozentrische Kosmos der Antike 24 stand bleibt irgendwann liegen, solange er nicht erneut angestoßen wird. Nur Sonne, Mond und die Gestirne bewegen sich ohne Unterlass weiter! Waren diese Bewegungen im mythologischen, vorwissenschaftlichen Bewusstsein noch direkt Ausdruck des Willens eines Gottes, so musste man jetzt eine materielle Ursache hierfür finden. Ein spezielles himmlisch-physikalisches Prinzip, der Äther, wurde hierfür angenommen. So wendeten die ionischen Naturphilosophen ihren Blick nach au- ßen auf die Phänomene (gr. fainómenon = ein Erscheinendes), zum anderen aber auch nach innen, auf das Denken, den Verstand, der in der Vielfalt der Phänomene ordnende Prinzipien findet. Anaxagoras prägt hierfür den Begriff „nous‟, also ein geistiges Prinzip, das dem Chaos Ordnung verleiht. Pythagoras, der die Schule der Pythagoreer begründet und den meisten Schülern durch seinen berühmten „Satz des Pythagoras‟ bekannt ist, wirft in diesem Zusammenhang einen besonderen Blick auf die Mathematik und Geometrie. Mathematische Gesetzmäßigkeiten waren für ihn nicht nur ein pragmatisches Regelwerk, sondern direkter Ausdruck der Harmonien der Welt, die die Pythagoreer vor allem auch in der Musik wiederfanden. Auch die himmlischen Erscheinungen waren ihrer Auffassung nach von einer mathematisch zu fassenden Harmonie bestimmt, sie sprachen von einer Sphärenharmonie. So wurde von ihnen der Ausdruck „Kosmos‟ geprägt, was sowohl „Weltordnung‟ als auch „Schmuck‟ bedeutet. Aristoteles und die wissenschaftliche Begründung des geozentrischen Weltbildes Die Jahrzehnte von Anaxagoras (499–428 v. u. Z.) bis Aristoteles (384– 322 v. u. Z.) umspannen die klassische Periode der griechischen Antike. Im Gegensatz zum späteren Römischen Reich gliederte sich der griechische Kulturkreis politisch in einzelne Stadtstaaten und Kolonien, deren stärkste, wie Sparta, Athen, Theben oder später Makedonien, mit wechselndem Erfolg um ihre Vorherrschaft kämpften. Hier erlebte die griechische Kultur eine kulturelle Blüte, die in Architektur, Theater und Kunst ihren Niederschlag genauso fand wie in der Philosophie und damit in den Wissenschaften. Aristoteles und die wissenschaftliche Begründung des geozentrischen Weltbildes 25 Ein Zentrum dieses geistigen Schaffens bildete Athen. Hierher kam 367 v. u. Z. der siebzehnjährige Aristoteles, um der Akademie beizutreten, die Platon zwanzig Jahre vorher gegründet hatte. Hier blieb er, erst als Schüler, nachher als Lehrer, bis Platon 348 starb. Als nicht er, sondern der Neffe Platons, Speusippos, zur Nachfolge der Akademieleitung benannt wurde, verließ Aristoteles mit einigen getreuen Philosophen Athen. Er wurde vom makedonischen König Philipp II. beauftragt, den dreizehnjährigen Kronprinzen Alexander zu unterrichten. 336 wurde Alexander Thronfolger und tritt seinen beispiellosen Eroberungsfeldzug an. Aristoteles kehrte zurück nach Athen, wo er zusammen mit seinem Freund und Mitarbeiter Theophrast am Lykeion lehrte und forschte, einem Park im Süden Athens. Später erst entwickelte sich aus dieser Einrichtung eine eigene Philosophenschule, die nach einer „Wandelhalle‟, in der gelehrt wurde, Peripatos und deren Mitglieder Peripatetiker genannt wurden. Gute zehn Jahre dauerte diese fruchtbare Schaffenszeit Aristoteles’, bis sich Athen nach dem plötzlichen Tod Alexanders des Großen 323 gegen die makedonische Vorherrschaft auflehnte und Aristoteles der Gotteslästerung angeklagt wurde. Aristoteles wollte, wie er sich äußerte, den Athenern nicht zum zweiten Mal die Gelegenheit geben, sich gegen die Philosophie zu versündigen. So geschehen 80 Jahre zuvor an Sokrates, der wegen Gotteslästerung den tödlichen Schierlingsbecher trinken musste. So floh er nach Chalkis auf Euboia auf das Landgut seiner Mutter und starb dort in Jahresfrist an einem Magenleiden im Alter von 62 Jahren. Aristoteles hinterließ ein umfangreiches Werk. Seine für ein breites Publikum geschriebenen exoterischen Werke sind verloren gegangen. Viele für den internen Gebrauch in seiner Philosophenschule geschriebene esoterische Werke sind überliefert. Sie befassen sich mit allen nur erdenklichen Themen, von der Staatsphilosophie, Ethik und Sprachwissenschaft über Kernthemen der Philosophie, der Logik, Metaphysik und Seinslehre, bis hin zu einer umfangreichen Zusammenschau all der Themen, die heute in den verschiedenen Disziplinen der Naturwissenschaft behandelt werden. Voraussetzung für die geozentrische Kosmologie bildeten Aristoteles’ Vorstellungen von der Natur der Bewegung. Im naturwissenschaftlich geprägten Denken verbindet man mit dem Wort Bewegung in ers- Der geozentrische Kosmos der Antike 26 ter Linie eine materielle Ortsbewegung. Aristoteles hatte einen weiter gefassten Begriff der Bewegung. In seiner physike theoria (= Naturforschung) entwickelt Aristoteles Vorstellungen von den Ursachen der Bewegung, die so überzeugend an die Alltagserfahrungen anknüpfen, dass sie über nahezu zwei Jahrtausende Wissenschaftler beeinflussten. Das lässt ihn zum zentralen Begründer naturwissenschaftlichen Denkens werden: Nicht Spekulation oder Glaubenswahrheiten, sondern die gedanklich durchdrungene Erfahrung, die Empirie, ist Ausgangspunkt seiner wissenschaftlichen Gedankengänge. Der 2001 verstorbene ungarische Physiker Károly Simonyi gibt in seiner Kulturgeschichte der Physik eine anschauliche Schilderung des Ausgangspunktes aristotelischer Physik: „Nehmen wir an, wir hätten unsere Schulkenntnisse über die Newton’schen Grundgesetze der Bewegung vergessen und sollten aus unseren Alltagsbeobachtungen ohne Zuhilfenahme von Experimenten irgendeine Systematik in die Vielfalt der Bewegungsformen bringen sowie irgendeinen Zusammenhang zwischen [...] z. B. der Geschwindigkeit und einer wirkenden Ursache finden müssen. Wir versetzen uns in Gedanken auf eine Promenade am Ufer des Plattensees, wo wir alle Bewegungen, die durch die Menschen sowie durch die Dynamik der Natur verursacht werden, beobachten wollen. Im seichten Wasser des Sees schwimmen viele kleine Fische, in der Luft fliegen Möwen umher, und Spaziergänger gehen an uns vorbei. Allen diesen Bewegungen ist etwas gemeinsam: Die Ursache für die selbstständige Bewegung ist offenbar darin zu suchen, dass es sich hier um Lebewesen handelt. Lassen wir nun einen Gegenstand aus der Hand gleiten, dann ist es natürlich, dass dieser auf die Erde fällt. Aus dem Schornstein eines vorüberfahrenden Schiffes steigt Rauch nach oben auf, was wir auch als naturgegeben ansehen. Ein Kind zieht hinter sich einen kleinen Handwagen, vor einem anderen Kind fährt ein modernes Spielzeugauto von allein, ohne dass ein unmittelbarer Kontakt zwischen Kind und Auto zu sehen ist. Diese beiden Bewegungen sehen wir nicht als naturgegeben an; wir suchen bei jeder nach der Ursache der Bewegung, nach dem Antrieb. Offenbar werden beide Bewegungen erzwungen, einmal von dem Kind, also einem Lebewesen, das andere Mal durch einen im Auto eingebauten Motor. Es ist Abend, die Sonne versinkt langsam hinter dem Horizont, und die Sterne werden sichtbar. [...] Am Himmel beobachten wir etwas völlig anderes, als wir es von den irdischen Bewegungen her gewohnt sind. Die langsamen und gleichförmigen Bewegungen am Firmament stehen in einem scharfen Gegensatz zu all den schnell veränderlichen, unruhigen und schließlich abklingenden Bewegungen auf der Erde. Es ist offensichtlich, zumindest ist es unser unmittelbarer Eindruck, dass in den himmlischen Sphären andere Bewegungsgesetze gelten müssen, als auf der Erde.‟17 Aristoteles und die wissenschaftliche Begründung des geozentrischen Weltbildes 27 Es fällt nicht schwer, diese Reflexionen am Plattensee auf unzählige eigene Erfahrungen zu übertragen. Sie spiegeln die Grundelemente, auf denen Aristoteles seine Physik des geozentrischen Weltbildes aufbaut: – Der irdische Bereich ist von Natur aus geordnet. Das schwere und feste Gestein ruht im untersten Bereich der Erde, die jeweils leichtere Substanz in höheren Bereichen. Daher gliedert sich die Welt in vier Sphären (Sphäre = Kugelschale): Die ruhende Erde bildet das Zentrum des Kosmos, gefolgt von einer Wassersphäre, über der die Luft liegt, wobei heiße Luft mit dem Feurigen verbunden ist und als noch leichteres Element in höheren Sphären ihren Platz hat. So wird die feste und kugelförmige Erde der Reihe nach von einer Wasser-, Luft- und Feuersphäre umgeben. Die Natur durchzieht das Bestreben, diese „natürliche Ordnung‟ herzustellen. – Alle Bewegungen, auch gleichförmige Bewegungen, werden durch Kräfte hervorgerufen. Diese Kräfte sind: – Lebewesen, die sich aus eigenem Willen heraus bewegen. – erzwungene Bewegung, wie ein Stein, der geworfen wird. – natürliche Bewegungen, die die gestörte irdische Ordnung wieder herstellt. Wird beispielsweise ein Stein hochgehalten und losgelassen, fällt er zu Boden, weil dadurch die natürliche Ordnung wiederhergestellt wird, der zufolge Festes im Zentrum ruhen. Umgekehrt steigen Luftblasen im Wasser nach oben, da sich ihr natürlicher Ort über dem Wasser findet. – Nach Aristoteles sehen wir überall, wo wir Bewegungen erkennen können, auch wirkende Kräfte am Werk: Lebewesen, die etwas tun wollen, Gegenstände, die durch Kräfte zur Bewegung gezwungen werden, oder Bewegungen, die die natürliche Ordnung wiederherstellen und zur Ruhe kommen, wenn dies erreicht ist. Bewegungen sind also Ausdruck von Prozessen, von wirkenden Kräften, es sind demnach keine Zustände, hinter denen keine aktuell wirkenden Kräfte stehen. Hierbei ist die Bewegung umso schneller, je größer die Kraft ist, die auf den Körper einwirkt. Wirken keine Kräfte mehr auf den bewegten Gegenstand, erlischt sie in dem Moment, in dem der Zustand der natürlichen Ordnung wiederhergestellt ist. – Durch das Werden und Vergehen der Lebewesen, deren Dasein durch Geburt und Tod begrenzt ist, haben wir im irdischen Bereich eine Welt der Vergänglichkeit und Unvollkommenheit. Der geozentrische Kosmos der Antike 28 – In scharfem Kontrast hierzu stehen die Bewegungen, die sich am Himmel beobachten lassen: Die täglichen Bewegungen der Gestirne kommen nie zur Ruhe, vollführen die vollkommenste denkbare Bewegung, die Kreisbewegung. Sie müssen der irdischen Physik entrückt sein. Aristoteles stellt fest, dass im irdischen und himmlischen Bereich unterschiedliche Naturgesetzte gelten, wobei die himmlischen vollkommen und damit göttlich sind, während der irdische Bereich von Wandel, Werden und Vergehen geprägt ist. Besteht der irdische Bereich aus den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer, so muss der Kosmos aus einer anderen, „fünften‟ Stofflichkeit bestehen, der „Quintessenz‟, die Aristoteles „Äther‟ nannte. – Die Grenze dieser zwei Seins-Bereiche stellt der Mond da, denn er vollführt ebenfalls ewige Kreisbewegungen, zeigt aber mit seiner zunehmenden und abnehmenden Lichtgestalt den Duktus der irdischen Sphäre: das Werden und Vergehen. Der Mensch lebt im sublunaren Bereich des Kosmos und ist damit von der vollkommenen, göttlichen Welt der Sterne und Planeten getrennt. – Die „sublunare Welt‟ zwischen Mond und der Fixsternsphäre wird durch die Planetensphären untergliedert. Am schnellsten rotieren die Fixsterne um die Erde, täglich kommen sie um ein Grad weiter voran als die Sonne. Saturn, Jupiter und Mars bleiben zurück. Sie werden in dieser Reihenfolge immer langsamer, vollführen im Schnitt ebenfalls täglich mehr als eine Umdrehung. Denn der Tag wird durch die Sonne bestimmt. So ergibt sich die Reihenfolge der „obersonnigen Planeten‟: Sonne, Mars, Jupiter, Saturn und dann die Fixsternsphäre. Ein Problem sind die „untersonnigen Planeten‟ Merkur und Venus. Beide rotieren täglich im Schnitt genauso schnell wie die Sonne. Da es keine Opposition gibt, sondern nur untere Konjunktionen, siedelte Aristoteles ihre Sphären unterhalb der Sonne an. Wer aber ist näher an der Sonne? Nun fällt der synodische Umlauf von Mars und Venus aus dem Rahmen. Die Zeit zwischen ihren Konjunktionen beträgt beim Mars 780 Tage, bei der Venus 584 Tage, während Jupiter und Saturn hierfür nur etwas länger als ein Jahr benötigen (399 bzw. 378 Tage) und Merkur mit 116 Tagen den kürzesten synodischen Rhythmus zeigt. Es liegt nahe, den Grund hierfür darin zu sehen, dass sowohl Venus als auch Aristoteles und die wissenschaftliche Begründung des geozentrischen Weltbildes 29 Mars die sonnennähesten Planeten darstellen. Heliozentrisch wird die Erklärung für diese Besonderheit umgekehrt darin liegen, dass beide Planeten die erdnächsten sind! Zentral war für das geozentrische Weltbild die hierdurch vollzogene Trennung der irischen und kosmischen Physik. Eine Physik beschreibt die irdischen Verhältnisse als Welt des Vergänglichen, eine ganz andere Physik die Welt des Ewigen, Idealen, Göttlichen. Aus der Erklärungslogik der aristotelischen Physik folgt die Zentralstellung der ruhenden Erde im ewig bewegten göttlichen Kosmos (Abbildung 6). Damit ergibt sich ein kosmologisches Gesamtbild, das mit einem Zitat aus dem Werk „de mundi‟ („Über die Welt‟) zusammengefasst werden Der geozentrische Kosmos der Antike 30 soll. Ob „de mundi‟ Aristoteles selbst zugeschrieben werden kann, ist umstritten – Sprachanalysen lassen vermuten, dass dieses Werk erst später verfasst wurde. Der Text beschreibt in komprimierter Form den aristotelischen Kosmos und sei deshalb ausführlicher zitiert: „Den Stoff von Himmel und Sternen nennen wir Äther, nicht, wie manche sagen, weil er wegen seiner Feuernatur leuchtet, [...] sondern weil er ewig im Kreis läuft, ein unvergängliches, göttliches Element und den anderen völlig ungleich. Von den Sternen nun, die der Himmel umfasst, kreisen die einen als Fixsterne mit dem ganzen Himmel und bleiben immer am selbigen Ort; mitten durch sie ist der sogenannte Tierkreis als schräger Gürtel zwischen den Wendekreisen gespannt, unterteilt in die Regionen der zwölf Tierbilder; die anderen Sterne aber, die Planeten, sind weder den Fixsternen noch untereinander an Geschwindigkeit gleich, sondern laufen auf jeweils verschiedenen Kreisbahnen, so dass sie teils erdnäher sind, teils höher stehen. Die Zahl der Fixsterne nun kann der Mensch nicht ergründen, mögen sie ihre Bahn auch auf der einen sichtbaren Oberfläche des ganzen Himmelsgewölbes ziehen. Die Planetenschar hingegen, im Ganzen sieben, ist in ebenso vielen ineinander liegenden Kreisen so angeordnet, dass immer die jeweils höhere Bahn größer ist als die untere, die sieben aber eine von der anderen umschlossen und alle zusammen von der Fixsternsphäre umfasst werden. [...] An den göttlichen Äther, den wir ein Reich der Ordnung, dazu unverrückbar, unwandelbar und unveränderlich nennen, grenzt der gänzlich wandelbare, veränderliche und, kurz gesagt, vergängliche und sterbliche Bereich. In ihm wiederum kommt als erstes die feine, feurige Substanz, die vom Äther durch seine Ausdehnung und reißend schnelle Bewegung entzündet wird. In dieser, wie man sagt, feurigen und ungeordneten Region [...] treten [...] Kometen auf und verlöschen wieder. Gleich unter dieser Sphäre breitet sich die Luft aus, ihrem Wesen nach dunkel und eisig. Da sie aber von der Sphäre über ihr erleuchtet und zugleich durchglüht wird, wird sie hell und warm. In diesem Bereich aber, der gleichfalls von veränderlicher Wesensart ist und sich vielfach wandelt, ballen sich Wolken, stürzt Regen herab [...]. An das Reich der Luft grenzt die Feste der Erde und des Meeres, die in Fülle Pflanzen und Tiere hervorbringt. [...] Dann erst folgt in den Tiefen, in der eigentlichen Mitte des Weltalls, fest und geballt die Erdmasse, die unbewegt und unerschütterlich ist. Und diesen Punkt im Weltall nennen wir „ganz unten‟. Diese fünf Elemente also liegen in fünf Schichten kugelförmig ineinander, wobei stets die kleinere von der größeren umschlossen wird, ich meine: Erde von Wasser, Wasser von Luft, Luft von Feuer, Feuer von Äther; und diese haben die gesamte Welt gebildet und den ganzen oberen Bereich zum Wohnsitz der Götter gemacht, den unteren aber zur Stätte von Eintagswesen.‟18 Aristoteles und die wissenschaftliche Begründung des geozentrischen Weltbildes 31 Damit ist sowohl die ruhende Erde im Mittelpunkt des Kosmos als auch die göttliche Natur der Gestirne, die sich um die Erde drehen, philosophisch-naturwissenschaftlich begründet. Es entstand ein in sich schlüssiges Weltbild voll Schönheit und Überzeugungskraft, das eineinhalb Jahrtausende führende Denker überzeugte. Erst vor wenigen Jahrhunderten wurde es zu Fall gebracht. Der endgültige Sargnagel war ein neuer Blick auf die Natur der Bewegung durch Isaak Newton, der die Trennung zwischen irdischer und kosmischer Physik hinfällig machte. Doch dazu später. Astronomie im hellenistischen Alexandria So kurz das politisch-militärische Feuer Alexanders des Großen brannte, so tief greifend veränderte es die kulturelle Landschaft der Antike. 331 v. u. Z., zwei Jahre nach dem entscheidenden Sieg bei Issos, gründet Alexander am westlichen Ende des fruchtbaren Nildeltas eine Stadt, die in den kommenden Jahrhunderten zu einer der größten antiken Städte und zu einem geistigen Zentrum heranwuchs: Alexandria. Nach seinem Ableben wurde Alexandria zur Residenzstadt der Ptolemäer, die den ägyptisch-nordafrikanischen Teil des alexandrinischen Reichsriesen erbten und bis zur Einverleibung ins Römische Reich für fast 300 Jahre beherrschten. Wie am Beispiel Assurbanipals in Ninive dargestellt, wurden bereits in babylonischen Zeiten Wissensschätze gesammelt und in Bibliotheken zusammengetragen. Genauso ergänzte Alexander der Große die Bibliothek seines Lehrers Aristoteles um Schriftrollen aus allen Teilen der Welt ‒ ein Vorbild, das im entstehenden hellenistischen Kulturraum Schule machte. In allen zentralen Städten der Diadochenreiche entstanden Bibliotheken, die Gelehrte anzogen und den wissenschaftlich-philosophischen Austausch förderten. Berühmte Beispiele sind die Bibliotheken von Pergamon und Antiochia. Zu einem herausragenden Zentrum entwickelte sich die Bibliothek von Alexandria als Herzstück des Museions, des Tempels der Musen (Schutzgöttinnen der Künste und Wissenschaften). Staatlich besoldete Gelehrte aller Disziplinen konnten dort ihr Leben der Wissenschaft widmen, wodurch die „Schule von Alexandria‟ zu einem der wichtigsten Forschungszentren Der geozentrische Kosmos der Antike 32 der Antike heranwuchs. Nicht umsonst ist Claudius Ptolemäus, der fast fünfhundert Jahre später, im zweiten Jahrhundert u. Z., das geozentrische Weltbild zusammenfassend darstellt, Bibliothekar in Alexandria! Die politisch stabile Zeit bis zur Einverleibung des östlichen Mittelmeerraumes in das Römische Reich, die staatliche Förderung wissenschaftlicher Tätigkeit und der ständige Wissensaustausch über die Bibliotheken im hellenistischen Kulturbereich waren die Voraussetzungen für die erste Blüte wissenschaftlichen Denkens. Der italienische Physiker, Mathematiker und Wissenschaftshistoriker Lucio Russo19 spricht von einer „vergessenen Revolution‟. Weil die meisten Primärtexte der Forscher dieser Zeit verloren gegangen sind, wird sie im historischen Bewusstsein nicht angemessen gewürdigt. Was sich allerdings aus den Sekundärtexten rekonstruieren lässt, reicht aus, um das Niveau zu erahnen, auf dem damals gedacht wurde. So entstand das wohl meistgelesene Mathematikbuch, die „Elemente‟ des Euklid von Alexandria. Straton von Lampsakos, der von Theophrast die Leitung des Lykeion übernommen hatte, beschäftigte sich mit fallenden Körpern und kam so zu einer Bewegungslehre, die sich von Aristoteles abhob und die Forschungsergebnisse Galileis oder Newtons vorausahnen lässt. Auch die wissenschaftliche Medizin erlebte eine erste Blüte in dieser Zeit. So beschrieb beispielsweise der griechische Arzt Herophilos von Chalcedon von der alexandrinischen Schule den Blutkreislauf mit Arterien und Venen, erkannte die diagnostische Bedeutung des Pulses und konstruierte eine spezielle Taschenwasseruhr für seine Messungen. Bekannter ist Archimedes von Syrakus, der die Hebelgesetze entdeckte sowie das Auftriebsprinzip und damit das spezifische Gewicht verschiedener Stoffe. Überliefert ist sein Buch „Die Sandzahl‟, in dem er versucht, die Zahl der Sandkörner mathematisch zu erfassen, die in eine Kugel von der Größe des Universums passen. Natürlich wurden in dieser Zeit kosmologische Fragestellungen intensiv diskutiert und der Himmel vermessen. Eine wesentliche Frage war, wie man sich die Größenverhältnisse im Kosmos vorzustellen hat. Wie groß sind bspw. Mond und Sonne? Eine schwierige Frage, erscheinen doch beide für den Betrachter etwa gleich groß. Wie weit sind Mond und Sonne von der Erde entfernt, wie die Planeten verteilt? Und Astronomie im hellenistischen Alexandria 33 wie groß ist unsere Erdkugel? Dass die Erde ein kugelförmiger Körper ist, war zu dieser Zeit unstrittig. Denn man konnte bei Mondfinsternissen den runden Erdschatten beobachten. Zwei Wissenschaftler spielen bei der Erforschung dieser Fragen eine zentrale Rolle: Eratosthenes von Kyrene und Aristarch von Samos. Mit genialen und für jedermann nachvollziehbaren Methoden erkannten sie erstmals die schwer vorstellbare Größe unseres Sonnensystems und sprengten die damals geläufigen Größenvorstellungen. Eratosthenes von Kyrene (275–194 v. u. Z.) leitete fast ein halbes Jahrhundert die Bibliothek von Alexandria und fertigte in dieser Funktion ein umfangreiches Werk an, das nur in Fragmenten erhalten ist. Die bekannteste Leistung, die sich mit seinem Namen verbindet, ist die Messung des Erdumfanges. Das Interesse an diesem Unterfangen wuchs aus seinem Versuch, eine Karte der damals bekannten Welt zu zeichnen. Um eine einigermaßen zutreffende Vorstellung von der Größe der Erde zu erhalten, nutzte er folgende Beobachtung (Abbildung 7). In Syene, dem heutigen Assuan, so wusste er, steht die Sonne mittags zur Sommersonnenwende senkrecht, d. h. Syene liegt auf dem Wendekreis. Nun glaubte er, dass Alexandria auf dem gleichen Längenkreis läge – das stimmt nur annähernd – woraus folgt, dass der Kreis, der durch diese beiden Städte gezogen werden kann, ein „Erdumfangs-Kreis‟ ist. Mit einem Schattenstab maß er in Alexandria mittags zur Sommersonnenwende den Winkel des Schattenwurfes (siehe Abbildung), der – da die Sonnenstrahlen parallel auf der Erde eintreffen – gleich dem Winkel sein muss, der vom Erdmittelpunkt aus zu den beiden Städten weist (Z-Winkel!). Er betrug ein Fünfzigstel eines Vollkreises (7° 12‛). Das bedeutete, dass die Strecke von Alexandria nach Syene ein Fünfzigstel des Umfangs der Erde beträgt. Es galt also, diese Entfernung zu ermitteln. Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass nicht eine Wegstrecke, sondern die „Luftlinie‟ gefragt ist. Möglicherweise bediente sich Eratosthenes hierfür beamteter Schrittzähler und verglich deren Berichte mit Schilderungen der Nil-Schifffahrt und Kamelkarawanen. Indem er eine gerundete Zahl von 5000 Stadien als Entfernungswert angibt, macht er die Unsicherheiten in der Entfernungsbestimmung deutlich. Der geozentrische Kosmos der Antike 34 Der Erdumfang beträgt damit 50 x 5000 = 250.000 Stadien! Eine Einschätzung der Genauigkeit dieses Wertes ist heute nicht mit Sicherheit möglich, da wir nicht wissen, welche Länge das Längenmaß „Stadion‟ bei Eratosthenes hatte. Nimmt man das ägyptische Stadion von 157,5 m, so käme der ermittelte Erdumfang von über 39.000 km dem heute gemessenen Wert von etwa 40.000 km sehr nahe. (Beim römischen Astronomie im hellenistischen Alexandria 35 Maß, d. h. ein Stadion entspricht 185,6 m, wären dies 46.800 km, ebenfalls kein schlechter Wert.). Fünfunddreißig Jahre jünger als Eratosthenes war der auf der ionischen Insel Samos geborene Aristarchos von Samos (310– 230 v. u. Z.). Auch er war Wissenschaftler des Museion in Alexandria. Überliefert sind die Schrift „Von den Größen und Entfernungen der Sonne und des Mondes‟ (ca. 260 v. u. Z.) und eine Würdigung seines Werkes in der Schrift „Die Sandzahl‟ von Archimedes. Die Vorstellung von der Größe des Universums ist verknüpft mit dem Bild, das man sich von den Vorgängen im Universum macht. Fixsterne, die sich unvorstellbar weit von der Erde entfernt in einem unendlichen Universum befinden, können unmöglich täglich um die Erde rotieren, daher zwingt uns das geozentrische Weltbild, die Fixsternsphäre als endlich und von der Erde nicht allzu weit entfernt zu denken. Interpretiert man astronomische Erscheinungen als atmosphärische Phänomene, wie es der unmittelbare Sinneseindruck nahelegt, rückt der Himmel nah an die Erde. Genau diese Probleme beschäftigten Aristarch von Samos. Er ermittelte mit raffinierten, gut nachvollziehbaren Messungen und Berechnungen die relativen Entfernungen von Erde, Mond und Sonne. Sein Ergebnis sollte ihn zu einen Heliozentriker machen, der nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt der Planetenbewegungen sah. Seine Astronomie ist über Archimedes „Sandzahl‟ überliefert und war auf diesem Weg auch Kopernikus bekannt. Ausgangspunkt von Aristarchs Überlegungen ist die Vorstellung, dass der Mond nicht selbst leuchtet, sondern sein Licht von der Sonne erhält, die er sich als Feuerkugel vorstellte. Abbildung 8 zeigt die Ver- änderung der Mondposition im Verhältnis zur Sonne. Damit erklären sich die Mondphasen. Aristarchs erste Frage lautete: Um welchen Betrag ist die Sonne weiter von der Erde entfernt als der Mond? Schon durch die Existenz einer Sonnenfinsternis ist einsichtig, dass die Sonne weiter entfernt ist, da hier der Mond die Sonne verdeckt und nicht umgekehrt. Aber hat die Sonne einen doppelten, dreifachen oder einen noch größeren Abstand von der Erde als der Mond? Der geozentrische Kosmos der Antike 36 Aristarch beobachtete einen zunehmenden Halbmond an einem Nachmittag. Erscheint der Mond von der Erde gesehen genau halb beleuchtet und halb im Schatten, so heißt dies, dass die Verbindungslinie vom Beobachter zum Mond genau rechtwinklig auf der Verbindungslinie vom Mond zur Sonne steht. Aristarch ermittelte in dieser Konstellation den Winkel zwischen der Blickrichtung zum Mond und der zur Sonne: Nach Aristarch beträgt er 87° (siehe Abbildung 8). Dieser Wert ist ungenau, was daher rührt, dass der genaue Zeitpunkt des Halbmondes nur sehr schwer abzuschätzen ist. Entsprechend den heutigen Vorstellungen liegt der Wert des Winkels bei 89,85°. Was bedeutet das? Verringert man in Gedanken den Winkel von 87° auf der Abbildung beispielsweise auf die Hälfte, so wird erkennbar, dass dann die Sonne näher an den Beobachter heranrückt; je größer der Winkel also ist, desto weiter ist die Sonne entfernt. Der Rest ist Mathematik, die Aristarch taufrisch zur Verfügung stand. Lehrte doch der wahrscheinlich etwas ältere Euklid ebenfalls in Alexandria. Hierbei setzt Aristarch die Strecke Erde‒Mond gleich 1. Dann ergibt sich (Trigonometrie): – Das bedeutet: Die Sonne ist nach Aristarch etwa 19-mal weiter von der Erde entfernt als der Mond! Aristarchs zweite Frage lautete: Wie verhalten sich die Größen von Sonne und Mond zueinander? Erneut kommen Sonnenfinsternisse ins Spiel, bei denen man beobachten kann, dass Mond und Sonne annä- Astronomie im hellenistischen Alexandria 37 hernd den gleichen Winkeldurchmesser haben: Einmal ist die Mondscheibe etwas größer und bedeckt die Sonne wenige Minuten, ein anderes Mal ist sie etwas kleiner und es kommt nur zu einer ringförmigen Sonnenfinsternis. Abbildung 9 zeigt diese Verhältnisse. Der Rest ist Grundlagengeometrie. Denn nach den Strahlensätzen ist das Verhältnis der Entfernung Erde‒Mond zur Entfernung Erde‒Sonne gleich dem Verhältnis des Durchmessers des Mondes zum Durchmesser der Sonne. – Das bedeutet: Die Sonne ist nicht nur 19-mal weiter entfernt, sondern ihr Durchmesser ist auch 19-mal größer als der des Mondes! Des Weiteren ermittelte Aristarch die Zeit, die der Mond bei einer Mondfinsterns benötigt, um durch den Kernschatten der Erde zu wandern, und kam auf etwas raffinierterem Wege zu folgenden Ergebnissen20: – Damit ist sowohl der Radius als auch der Durchmesser der Erde sind 2,85-mal größer als der Monddurchmesser. – Der Sonnendurchmesser entspricht 6,66-mal dem der Erde. – Der Mond ist etwa 40 Erddurchmesser von der Erde entfernt, die Sonne 760 Erddurchmesser. Hatte Aristarch nur relative Entfernungs- und Größenangaben ermitteln können, so wird unmittelbar deutlich, welche Bedeutung die Größenbestimmung der Erde durch Eratosthenes hatte. Es wurde möglich, kosmische Größen auf irdisch erfahrbare Entfernungen zu beziehen. Hier die Ergebnisse der Schule von Alexandria: Der geozentrische Kosmos der Antike 38 Archimedes berichtet, dass Aristarch zu dem Schluss kam, die Sonne stehe still und die Erde bewege sich um die Sonne und gleichzeitig um sich selbst. Denn es wollte ihm nicht einleuchten, dass ein Himmelskörper, der 760 Erddurchmesser von der Erde entfernt ist, täglich um die Erde rast. Über eineinhalb Jahrtausende vor Kopernikus entwickelte Aristarch aus diesen Überlegungen heraus ein heliozentrisches Weltbild. Aristarchs „kopernikanischer Versuch‟ blieb zu dieser Zeit allerdings ohne Überzeugungskraft. Er widersprach den Grundzügen der aristotelischen Physik, wonach das „Schwere‟ im Zentrum des Kosmos, also auf der Erde, an seinen natürlichen Ort anlangt und zur Ruhe kommt. Nur sie kann also im Zentrum ruhen. Die Planeten allerdings, also auch die Sonne, bestünden aus masselosem (gewichtslosem) Äther und könnten so die enorm schnelle tägliche Drehung um die Erde vollführen. Damit setzten sich Aristarchs fortschrittliche Ideen über Jahrhunderte nicht durch. Ob er, wie manche Quellen berichten, wegen dieser Anschauung auch der Gottlosigkeit angeklagt wurde, ist allerdings umstritten. Hipparchos von Nicäa und weitere Bewegungen der Fixsterne Über ein Jahrhundert nach Aristarch von Samos krönt Hipparch von Nicäa die astronomische Forschung der frühen hellenistisch-wissenschaftlichen Glanzzeit. Von ihm fehlen Primärquellen, ein Teil seines Werkes hat Ptolemäus in den noch zu besprechenden Almagest aufgenommen. Daher sind seine astronomischen Messungen überliefert. Die Beobachtungen Hipparchs belegen angesichts der instrumentalen Hipparchos von Nicäa und weitere Bewegungen der Fixsterne 39 Möglichkeiten der damaligen Zeit eine bewundernswerte Genauigkeit, was dazu führt, dass sein Datenmaterial noch heute wissenschaftlich interessant ist. Vom persönlichen Leben Hipparchs weiß man allerdings nichts. Anstoß zu einem seiner Projekte gab ein irritierendes kosmisches Ereignis. Im Jahr 135 v. u. Z. erschien ein neuer Stern am Fixsternhimmel – aus heutiger Sicht wahrscheinlich eine Supernova. Um zukünftig diese Ereignisse besser einordnen zu können, entschied sich Hipparch, einen Sternenkatalog zu erstellen mit den Positionen und Helligkeiten der Fixsterne. Die von ihm gemessenen annähernd 1000 Sternpositionen übernahm Ptolemäus, womit die Grundlage für die heutige Sternenkatalogisierung geschaffen war. Hipparch verglich seine Positionsmessungen mit den überlieferten Messungen aus babylonischer Zeit und stellte fest: Die Sternpositionen aller Sterne haben sich seither um einen regelmäßigen Betrag verändert. Dies deutete er so, dass der Himmelsnordpol, um den sie täglich rotieren, wandert. Damit verschiebt sich die Lage der Ekliptik samt Frühlings- und Herbstpunkt. Heute sprechen wir von der Präzessionsbewegung. Geozentrisch betrachtet, kann man sich die rotierende Erde als Kreisel vorstellen, dessen Rotationsachse langsam ihre Neigung verändert. Hipparch bestimmte in äußerster Genauigkeit die Geschwindigkeit dieser Bewegung. Sie ist der Grund dafür, dass Tierkreissternbilder und Tierkreiszeichen heute nicht mehr zusammenpassen, was sich auf der Sternkarte erkennen lässt. Es gilt als sicher, dass Hipparch nicht an eine Fixsternsphäre glaubte, sondern von langsamen Bewegungen der Sterne zueinander ausging. 2000 Jahre später wies der englische Astronom Edmond Halley (1656–1742) diese Relativbewegung der „Fix‟-Sterne nach, indem er die Positionen von Sirius, Aldebaran und Arkturus bestimmte und mit den Angaben Hipparchs verglich. Damit ist deutlich: Auch die Fixsterne und damit die Sternbilder, wie sie sich uns heute zeigen, sind keineswegs starr, sondern in, wenn auch sehr langsamer Veränderung begriffen! Der geozentrische Kosmos der Antike 40 Der Einfluss Platons auf die Kosmologie Abbildung 11 zeigt eine von mir zügig angefertigte Bleistiftskizze. Ich hoffe, es ist deutlich, dass sie einen Kreis darstellt. Allerdings, man schaue genauer hin: Hat das dargestellte Gebilde etwas mit einem Kreis zu tun? Mitnichten! Je exakter man es betrachtet, desto krummer erscheinen die Linien, desto ausgebeulter die Konturen. Und der Strich? Eine geometrische Linie mit nur einer Dimension? Sicher nicht. Niemand wäre in der Lage, sie zu sehen. Eine gezeichnete Linie ist immer eine dreidimensionale „Pigmentwurst‟! Genau genommen ist es erstaunlich, dass man überhaupt in dieser oder einer ähnlichen Zeichnung einen Kreis entdeckt, denn grundsätzlich sieht niemand in keiner noch so genauen Zeichnung einen Kreis! Da ein Punkt keine räumliche Ausdehnung hat, ebenso wenig wie eine Linie, ist der Kreis seinem Wesen nach kein wahrnehmbares Gebilde, wohl aber ein denkbares! Trotzdem erkennt man beim Betrachten des Bildes den Kreis, der vom Zeichner „gemeint‟ ist. Man projiziert den gedachten Kreis in die Abbildung hinein. Somit trennt sich die Welt in zwei grundsätzlich verschiedene Bereiche: einen wahrnehmbaren, die Zeichnung, und einen denkbaren, die Kreisgeometrie. Ersterer hat Abbild-Charakter, letzterer ist das Urbild, das dem Abbild zugrunde liegt. Dieser Gedankengang führt zu einem Zentralpunkt der Philosophie Platons. Er ist neben Aristoteles einer der einflussreichsten Philo- Der Einfluss Platons auf die Kosmologie 41 sophen der klassischen Antike. Er lebte von 428 bis 348 v. u. Z., war Aristoteles’ Lehrer und der Begründer der Platonischen Akademie in Athen. Das hier Dargestellte gilt nicht nur für Kreise, nicht nur für geometrische Figuren, sondern genau genommen für alle sinnlich wahrnehmbaren Objekte, seien es Lebewesen oder tote Gebilde: Man muss unterscheiden zwischen der Wahrnehmung des Objektes in Raum und Zeit und dem Begriff, den wir denkend erfassen. Platon spricht hier von „Abbildern‟ oder „Erscheinungen‟, die sich im ständigen Werden und Vergehen befinden, also von dem, was „wird und nie ist‟ auf der einen Seite. Dem gegenüber steht das, was „immer ist und nie wird‟, die „Urbilder‟ oder die „Ideen‟, das dem Menschen durch Denken Erfassbare. „Idee‟ nicht in dem Sinne, wie wir es umgangssprachlich meinen, wenn wir davon sprechen, wir hätten eine „gute Idee‟, einen schnellen Einfall. Gemeint ist der denkend aufzufindende Zusammenhang, der den Erscheinungen zugrunde liegt. Für Platon stellte sich die Frage nach der „Wirklichkeit‟ dieser beiden Bereiche, eine Frage, die sich bis heute durch die Philosophiegeschichte zieht. Platon spricht der Ideenwelt eine höhere Wirklichkeit zu als der Erscheinungswelt, denn sie ist unveränderlich und ewig, während die Erscheinungen sich ständig verändern und vergehen. Wir werden heute keinen anderen Begriff, keine andere Idee vom Kreis haben als Platon, während die Zeichnungen, die Platon in seinem Leben angefertigt haben mag, längst vergangen sind. Die Welt besteht damit aus einer ewigen Qualität, der Ideenwelt, und der vergänglich-sinnlich wahrnehmbaren Welt der Erscheinungen. Für die kosmologischen Vorstellungen war Platons naturphilosophisches Werk, der „Timaios‟, von besonderer Bedeutung. Hier geht er auf die Frage ein, wie das Ewige, Urbildliche zum Veränderlichen, zum Abbild, wurde. Um diese Frage zu lösen, führt Platon ein göttliches Prinzip ein, das er als „Demiurg‟ (gr.: Handwerker) bezeichnet. Der Demiurg erschafft nicht die ewigen Ideen – denn sie sind ewig, haben damit keinen Ursprung, keinen Anfang. Er schafft nach den ewigen Gesetzmäßigkeiten die vergängliche Welt, die damit geschaffen und zeitlich ist. Von diesen Gedanken ausgehend, entwickelt Platon im Timaios seine Kosmologie. Die Fixsternsphäre ist dem Ewigen am nächsten, ge- Der geozentrische Kosmos der Antike 42 folgt von den Planetensphären jenseits des Mondes. Aufgrund dieser Nähe zum Ewigen bewegen sie sich auf den idealen und vollkommenen Bahnen. Dies sind Kreisbahnen. Denn im Gegensatz zur Ellipse oder anderen Formen sind im Kreis alle Punkte gleichwertig, d. h. gleich weit vom Mittelpunkt entfernt. Zudem hat die Kreisbahn in jedem Punkt die gleiche Krümmung. Jenseits des Mondes, wo Planeten und Fixsterne in ungebremster, ewiger Bewegung zu beobachtet sind, lässt sich daher nach Platon nur eine ideale und immer gleiche Bewegungsform denken. Ewig gleichförmige Kreisbewegungen. Dies wurde für fast zwei Jahrtausende für die meisten Denker und Astronomen zu einem nicht hinterfragbaren Ausgangspunkt ihres Denkens. Der „Timaios‟ war während der Spätantike und dem Frühmittelalter die einflussreichste der Schriften Platons. Deshalb sei ein Zitat angeführt: „So entstand denn die Zeit zugleich mit dem Weltall, auf dass beide, zugleich erschaffen, auch zugleich wieder aufgelöst würden, wenn es jemals zu einer Auflösung derselben kommen sollte: Das Urbild für sie aber war die eigentliche Ewigkeit; diesem sollte das Weltall so ähnlich wie nur möglich werden; denn dem Urbild kommt ein schlechthin ewiges Sein zu, das Abbild aber ist der Art, dass es die ganze endlose Zeit hindurch geworden, seiend und sein werdend ist. Solche Absicht und Erwägung des Demiurgen lag der Entstehung der Zeit zugrunde: Auf dass die Zeit entstünde, wurden Sonne, Mond und die fünf Sterne geschaffen, welche den Namen der Wandelsterne tragen, zur Unterscheidung und Bewahrung der Zeitmaße.‟21 Zusammenfassung des geozentrischen Weltbildes: Der Almagest des Claudius Ptolemäus Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet vom Leben der Persönlichkeit kaum etwas bekannt ist, deren Werk uns zur wichtigsten Quelle für das Denken der griechischen Astronomen wurde. Das Wenige ist schnell erzählt: Claudius Ptolemäus lebte etwa von 100 bis 175 u. Z. Geboren als Grieche oder hellenisierter Ägypter in der Nähe von Theben, verbrachte er wohl die meiste Zeit seines Lebens in Alexandria als Bibliothekar am Museion. Dort tätigt er in den Jahren 127 bis 141 astronomische Beobachtungen, die in sein Hauptwerk Eingang Zusammenfassung des geozentrischen Weltbildes: Der Almagest des Claudius Ptolemäus 43 fanden. Sein Name legt eine Verwandtschaft mit der Ptolemäer-Dynastie nahe, was aber keineswegs sicher ist, da dieser makedonische Herrschername häufig vorkam. Viel mehr ist nicht bekannt. Zweihundert Jahre trennen Ptolemäus von Hipparch von Nicäa, Jahrhunderte, in denen der Faden hellenistisch-wissenschaftlicher Forschung abriss. Politisch unruhige Zeiten, verbunden mit der Expansion des Römischen Reiches, tragen hierfür Mitverantwortung. Das Römische Reich expandierte und nahm die hellenistische Welt in sich auf; griechische Gelehrte wurden versklavt und dienten als Hauslehrer oder Verwalter in den Privatbibliotheken der Patrizier. Erst Ptolemäus’ Jahrhundert gilt wieder als ruhigere Zeit; das Römische Reich hatte unter Kaiser Trajan seine größte Ausdehnung erreicht, bevor es in den nächsten Jahrhunderten seinem Zerfall entgegenging. Ptolemäus Hauptwerk ließ seinen Namen unsterblich werden. Es ist unter dem Namen „Almagest‟ bekannt. Er nannte es „Mathematike Syntaxis‟, später „Megiste Synthaxis‟ („mathematische oder größte Zusammenstellungen‟), ein Titel, der auf seinem Überlieferungsweg in Arabien („al-magisti‟) zu Almagest mutierte. Ptolemäus fasste in diesem Werk das geozentrische Weltbild der antiken Astronomen zusammen. Er stellte Rechenwege zusammen, mit denen die Positionen der Planeten in für Jahrhunderte unübertroffener Genauigkeit ermittelt werden konnten. Das überzeugte die gelehrte Welt eineinhalb Jahrtausende, machte den Almagest zum astronomischen Standardwerk und ließ den Autor zum Namenspatron des geozentrischen Weltbildes werden, das von nun an als „ptolemäisches Weltbild bezeichnet wurde‟. Die Positionsberechnungen der Gestirne hatten einen praktischen Nutzen, der in Ptolemäus zweitem Werk zum Ausdruck kommt, dem „Tetrabiblos‟. Die „vier Bücher‟ beinhalten eine Zusammenfassung des astrologischen Wissens der Antike und wurden zum Standartwerk der Astrologie. Uns verwundert aus heutiger Sicht die Verbindung von Astrologie und Astronomie. Zu Ptolemäus’ Zeit gewannen die Schriften des Aristoteles erneut an Bedeutung und damit eine Physik, die hinter Bewegtem einen Beweger sah. Der Kosmos mit seinen Planeten wurde auf diese Weise als göttlich beseelt erlebt. Ihre Konstellationen können dem irischen Schicksal nicht gleichgültig gegenüberstehen. Im ersten Buch des Tetrabiblos verteidigt Ptolemäus die Astrologie: Der geozentrische Kosmos der Antike 44 „Zuvörderst liegt es mehr als augenscheinlich auf der Hand und bedarf keiner wortreichen Versicherung, dass Kräfte vom Himmel auf alles Irdische, das den Veränderungen der Allnatur unterworfen ist, niederströmen. So in die sublunarischen Grundelemente, in Feuer und Luft, die durch die himmlischen Bewegungen erregt werden, und welche alles übrige Untergeordnete in sich tragen und also Erde und Wasser, Pflanzen und Tiere beeindrucken.‟ (Tetrabiblos)22 Offensichtlich musste Ptolemäus sein astrologisches Engagement rechtfertigen. Denn einerseits ist von keinem Astronomen der hellenistischen Glanzzeit ein astrologisches Werk überliefert. Andererseits bildete das Empfinden der göttlichen Natur der Himmelskörper einen Grundpfeiler des damaligen öffentlichen Bewusstseins. Im „Tetrabiblos‟ verbindet Ptolemäus schicksalswirksame Kräfte mit den Planeten. Dem Mars zum Beispiel ordnet er aufgrund seiner Nähe zur Sonne und wegen seiner blutroten Färbung feurige, kriegerische Eigenschaften zu, die astrologisch für einen maskulin-durchsetzungsstarken Einfluss stehen. Aus heliozentrischer Sicht rückt der Mars weit von der Sonne ab, wodurch diese Argumentation ihre Basis verliert. Ähnliches gilt für viele Versuche, astrologische Argumentationen gedanklich zu untermauern. Ptolemäus verteidigte daher das geozentrische Weltbild gegen die zu seiner Zeit noch geführte, von Aristarch angestoßene Diskussion um eine heliozentrische Interpretation des Kosmos. Die astrologische Praxis erfordert eine genaue Berechnung der Planetenbewegungen. Nach Aristoteles sollte dies kein Problem darstellen. Alle Gestirne bestehen seiner Physik zufolge aus masselosem „Äther“ und bewegen sich gleichförmig auf idealen Kreisbahnen um die Erde. Nichts wäre leichter, als diese zu berechnen. Wie schon beschrieben, ist dies nicht der Fall. Zwei „Ungleichheiten‟ findet man bei genauerer Messung: – Die erste Ungleichheit besteht darin, dass die verschiedenen Bahnabschnitte der Planeten in unterschiedlicher Geschwindigkeit durchlaufen werden. Beispielsweise dauert das Winterhalbjahr 179 Tage und das Sommerhalbjahr 186 Tage: Die Sonne benötigt für den Bogen von der Frühlings- zur Herbst-Tagundnachtgleiche länger. – Die zweite Ungleichheit bezeichnet die von den Planeten vollführten Schleifen. Zusammenfassung des geozentrischen Weltbildes: Der Almagest des Claudius Ptolemäus 45 Somit musste ein Weg gefunden werden, diese „Ungleichheiten‟ auf ideale, gleichmäßig durchlaufene Kreisbewegungen zurückzuführen und mathematisch zu beschreiben. Dabei lässt sich die Genauigkeit jederzeit überprüfen. Im Almagest leistet Ptolemäus diesen Spagat exzellent – weshalb man ihm nicht ohne Grund die größte Bewunderung entgegenbrachte. Abbildung 12 zeigt sehr vereinfacht den Lösungsansatz des Ptolemäus.23 Die Planeten bewegen sich nicht auf einer Kreisbahn um die Erde, sondern auf einer Kreisbahn, deren Mittelpunkt sich auf einer Kreisbahn um die Erde bewegt. Die Kreisbahn des Planeten (P1, P2) heißt Der geozentrische Kosmos der Antike 46 Epizykel, „Auf-Kreis‟. Der Kreis, auf dem sich der Mittelpunkt des Epizykels (e1 und e2) bewegt, heißt Deferent, „Trägerkreis‟. Sowohl der Planet auf dem Epizykel als auch der Mittelpunkt des Epizykels auf dem Deferent bewegen sich gleichförmig und folgen so dem Paradigma Platons. In der Abbildung ist der Moment dargestellt, in dem (zwischen P1 und P2) von der Erde aus eine Rückwärtsbewegung des Planeten zu beobachten ist. Die zweite Ungleichheit wird damit mathematisch beschrieben. Bei geschickter Wahl der Größe von Epizykel und Deferent bzw. der Umlaufgeschwindigkeiten lassen sich die beobachteten Planetenschleifen darstellen. Die Kunst besteht in der richtigen „Wahl‟ dieser Parameter. Abweichungen von den beobachteten Planetenpositionen werden dabei immer kleiner. Sie lassen sich aber nie ganz vermeiden. Für noch genauere Vorhersagen fügte Ptolemäus auf dem Epizykel einen weiteren Epi-Epizykel hinzu, gegebenenfalls noch weitere. Wie „modelliert‟ Ptolemäus die erste Ungleichheit? Er rückt den Mittelpunkt des Deferenten vom Zentrum der Erde ab. Da sich der Epizykel auf dem Deferenten gleichmäßig bewegt, ist nun ein Halbjahr (dunkleres Segment in der Abbildung) von der Erde aus gesehen kürzer als das andere (das hellere Segment). Durch geschickte Kombination dieser mathematischen Hilfsmittel lassen sich die Planetenpositionen mit hoher Genauigkeit vorhersagen. Ptolemäus’ Mathematik hat aber ihren Preis: Sie passt nicht zur aristotelischen Physik! Der aristotelischen Physik zufolge müssten alle Planeten gleichförmig auf exakten Kreisbahnen wandern, die ihr Zentrum im Mittelpunkt der Erde haben; nicht, wie der Deferent, einen exzentrischen Mittelpunkt außerhalb der Erde. Zudem ist ein Epizykel nur ein mathematisches Hilfsmittel ohne physikalische Entsprechung. Heute würde kein Naturwissenschaftler diese krassen Widersprüche zwischen Mathematik und physikalischer Erklärung zulassen. Genau das ist eine der Folgen der kopernikanischen Wende in der Renaissance: Die Mathematik hatte seinerzeit die Aufgabe, die „Phänomene zu retten‟, wie man sich ausdrückte. Heute beschreibt sie die physikalischen Verhältnisse. Im ptolemäisch-geozentrischen Weltbild sind zwei Bereiche getrennt. Die Kosmologie nach Aristoteles erklärt die Planetenbewegung Zusammenfassung des geozentrischen Weltbildes: Der Almagest des Claudius Ptolemäus 47 physikalisch, und die astronomische Mathematik macht die Planetenpositionen berechenbar. Beide Beschreibungen der kosmologischen Verhältnisse passten nicht zusammen. Sie standen nebeneinander. Wollte man den Kosmos erklären, bediente man sich der Physik Aristoteles’, wollte man Planetenpositionen voraussagen, der Mathematik Ptolemäus’. Dieses Nebeneinander sorgte für Unbehagen. Es war ein Stachel, der erst mit der Überwindung des geozentrischen Weltbildes durch die kopernikanische Wende gezogen wurde. Das Schicksal der Schule von Alexandria Zur Zeit des Claudius Ptolemäus war die Schule von Alexandria die tonangebende Philosophenschule der antiken Welt. Seit Kaiser Caracalla (211–217 röm. Kaiser) zur Finanzierung seiner Thermen die Pensionen der Gelehrten einzog, begann ihr schleichender Niedergang, doch blieb sie noch lange eine wichtige Bildungseinrichtung. Die mathematisch-astronomische Tradition in der alexandrinischen Schule endete mit Theon von Alexandria (305–405) und seiner Tochter Hypatia (355–415) auf tragische Weise. Theon gilt als letzter Leiter der alten Bibliothek am Serapeion. Überliefert ist seine redaktionelle Herausgabe der „Elemente‟ des Euklids, die Grundlage für die Euklid-Übersetzungen bis in die Neuzeit wird, und ein vielbändiger Kommentar zu Ptolemäus’ Almagest. Die Jahre seiner Lehrtätigkeit waren in Alexandria geprägt von blutigen Zusammenstößen zwischen Heiden und Christen unter der Führung des Patriarchen Theophilos von Alexandria (385–412). In diesem Zusammenhang wurden auf Geheiß Theodosius’ 393 alle heidnischen Tempel, darunter das Serapeion mit seinen wissenschaftlichen Schätzen, zerstört. Theon unterrichtete seine Tochter Hypatia, die ob ihrer Intelligenz und ihres Charismas in Alexandria zu hohem Ansehen kam.24 So erhielt sie einen Lehrauftrag am Museion. Auch von Hypatia haben wir keine direkten Überlieferungen. Ihr werden Kommentare zu mathematischen Werken und zur Astronomie Ptolemäus’ zugeschrieben, womit sie eine der Letzten der astronomischen Tradition Alexandrias ist. Ebenso ist überliefert, dass sie eine wissenschaftliche Abhandlung über die Kegelschnitte des Apollonius von Perge verfasste. Johannes Der geozentrische Kosmos der Antike 48 Kepler dienten diese zur Berechnung der Planetenbahnen.25 Tragisch endete das Leben Hypatias. Der Kulturkampf zwischen Christen und Heiden setzte sich auch unter dem Nachfolger des Patriarchen fort, dem später zum Heiligen und Kirchenvater erhobenen Kyrill von Alexandria. Der Tod Hypatias ereignete sich wenige Jahre nach Kyrills Machtantritt im Jahr 415. Sie wurde von christlichen Eiferern auf brutale Weise ermordet.26 Mit dem Tod Hypatias endet die astronomisch-mathematische Forschungstradition der Schule von Alexandria. Die Philosophenschule blieb allerdings bestehen, passte sich aber dem christlichen Umfeld an. Der Bildungsschwerpunkt verlagerte sich hingegen in Richtung Konstantinopel, wohin auch Teile der alexandrinischen Bibliothek gebracht worden sein sollen. Das Ende kam mit der arabisch-islamischen Eroberung durch den Kalifen Umar ibn al-Chattab in den Jahren 639 bis 642. Das christlich-geozentrische Weltbild Kulturverlust im Zuge der Christianisierung Während der Besprechung der antiken Astronomie haben wir feststellen müssen, dass die meisten Primärquellen der antiken Forscher und Denker verloren gegangen sind. Viele ihrer Werke lassen sich nur aus den Spuren rekonstruieren, die sie in den überlieferten Schriften hinterlassen haben. Angesichts des hohen Bildungsgrades der spätantiken römisch-hellenistischen Welt ist das mehr als verwunderlich. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts hatte jede größere antike Stadt öffentliche Bibliotheken, in Rom gab es über zwanzig, ganz zu schweigen von privaten Buchsammlungen reicherer Bürger. Die Schriften waren auf Papyrusrollen verfasst, die immer wieder kopiert wurden. Hierfür gab es einen öffentlichen Kopierdienst, meist Sklaven, die des Lesens und Schreibens kundig waren. Nicht selten umfassten diese Bibliotheken Hunderttausende Schriften. Ein öffentliches Schulsystem sorgte für einen hohen Alphabetisierungsgrad, sodass die Schriftstücke auch ge- Kulturverlust im Zuge der Christianisierung 49 lesen und rezipiert werden konnten. Die Themen der Schriften umfassten alle kulturellen Bereiche, wie Literatur, Philosophie, Wissenschaft, Medizin und ethische Reflexionen. Wenige Jahrhunderte später, im Frühmittelalter, zeigt sich anderes Bild. Statt öffentlicher Bibliotheken finden sich vergleichsweise dürftig ausgestattete Büchersammlungen in den neu entstandenen christlichen Klöstern. Schwerpunkt der gesammelten Themen sind theologische Ausführungen. Des Lesens und Schreibens kundig sind im Wesentlichen Geistliche. Analphabetentum ist die Regel. Selbst Herrscher in der sich herausbildenden Feudalgesellschaft können weder lesen noch schreiben – auch Karl der Große gesellt sich in diesen Reigen. Geistiger – oder besser geistlicher – Kulturträger im westlichen Europa ist die römisch-katholische Kirche. Hier stellen sich zwei Fragen. Erstens, wie kommt es zu diesem vielfach unwiderruflichen Verlust schriftlich fixierter und gelebter kultureller Vielfalt zum Ende der Antike? Und zweitens, wo haben antike Schriftstücke, wo hat das antike Wissen überlebt? Denn die hoch- und spätmittelalterliche Kulturblüte hat ihre Substanz dem Wiederentdecken der römisch-griechischen Kultur zu verdanken. Meist wird der Untergang der antiken Kultur als Folge der Völkerwanderung vom 4. bis ins 6. Jahrhundert beschrieben. Klimawandel, Bevölkerungsdruck und nicht zuletzt der Hunnenvorstoß ließen germanische Stämme wandern, um neue Siedlungsräume zu suchen. In der Folge brach das westliche Imperium Romanum zusammen, es entstanden im geschichtlichen Wechsel Germanenreiche, bis sich der politische Schwerpunkt im 8./9. Jahrhundert unter Karl dem Großen nach Norden verlagerte. Das östliche Imperium blieb noch über tausend Jahre bestehen und mutierte zum christlichen Byzantinischen Reich mit dem erstarkenden kulturellen Zentrum in Konstantinopel, heute Istanbul. Im Selbstverständnis der „Oströmer‟ empfand man sich in der Kontinuität des Gesamtimperiums – doch auch hier zeigt sich ein vergleichbares, etwas gemäßigteres Bild des Kulturverlustes. Hier wie dort macht man es sich mit dem Argument, den Kulturverlust vor allem den „wilden Barbaren‟ zuzuschreiben, zu leicht, denn zum einen zeigt die Geschichte immer wieder, dass Kulturgüter auch gravierende politische Wechsel überdauern. Zum anderen fragt sich, Das christlich-geozentrische Weltbild 50 welches Interesse Germanen an einer Kulturzerstörung dieses Ausma- ßes haben sollten. Andere Gründe wirkten einleuchtender. Das Römische Reich in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung war nicht nur von philosophischer, sondern auch von religiöser Vielfalt geprägt. Der berühmte Kult um das Gottkaisertum diente als rituelle Klammer, verpflichtete aber keinen, sich einer Staatsreligion anzuschließen. In diesem Milieu gediehen vielfältige christliche Strömungen. Viele lagen in heftigem Disput miteinander, an dem das Christentum als aufblühende Religion zu zerbrechen drohte. Ein zentraler Streitpunkt war der zwischen Arianern und Trinitariern, bei dem es um die Frage nach dem Wesen Jesus von Nazareth ging. Die Arianer als konsequente Monotheisten lehnten die Gott-Natur Jesu ab, ihre Gegner vertraten die Lehre der Dreifaltigkeit Gottes in Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die Verbissenheit, mit der um diese wie um andere Fragen gestritten wurde, machte das Christentum für Außenstehende nicht gerade sympathisch, die Verweigerung des Kaiserkultes sogar verdächtig. Das gab Anlass zu mehreren Christenverfolgungen, die aber meist lokal begrenzt blieben, bis Kaiser Konstantin (der Gro- ße), das Christentum im „Toleranzedikt‟ den anderen Religionen im Reich gleichstellte. Die gute innerkirchlich-hierarchische Organisation nutzte er zur innenpolitischen Stabilisierung seiner Macht. Diesem Beispiel folgten andere Kaiser, bis es im Jahr 380 zum „Cunctos populos‟ kam, dem „Dreikaiser-Edikt‟, u. a. des Kaisers Theodosius I., später der Große genannt. Es beendete die Religionsfreiheit der Antike: „Alle Völker [...] sollen sich [...] zu der Religion bekehren, die der göttliche Apostel Petrus den Römern überliefert hat [...]; das bedeutet, dass wir gemäß apostolischer Weisung und evangelischer Lehre an eine Gottheit des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes in gleicher Majestät und heiliger Dreifaltigkeit glauben. Nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, katholische Christen heißen dürfen; die übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen. Auch dürfen ihre Versammlungsstätten nicht als Kirchen bezeichnet werden. Endlich soll sie vorab die göttliche Vergeltung, dann aber auch unsere Strafgerechtigkeit ereilen, die uns durch himmlisches Urteil übertragen worden ist.‟ 27 Dem Cunctos populos folgten weitere Gesetze, die das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Sie gaben den kirchlich organisierten Vertretern eine politische Macht, die sie in der Folgezeit sowohl gegen in- Kulturverlust im Zuge der Christianisierung 51 nerchristliche Gegner als auch gegen Heiden einzusetzen wussten. Die beginnende Verfolgung Andersdenkender und die Zerstörung antiker Schätze und Traditionen suchen ihresgleichen. So fanden beispielsweise die letzten antiken Olympischen Spiele 393 statt, und die auch in römischen Zeiten viel besuchte Orakelstätte Delphi musste 394 schlie- ßen. Manche Strömungen hielten sich noch eine Weile. So schloss die Platonische Akademie erst im Jahr 529 unter dem oströmischen Kaiser Justinian. Bibliotheken mussten schließen, das Lesen heidnischer Literatur wurde untersagt. Damit versiegte das Interesse an dieser Literatur, Schriftrollen wurden nicht mehr kopiert und überlebten die Jahrhunderte nur vereinzelt.28 Träger des geistigen Lebens wurde die christliche Kirche. Bibliotheken verschwanden hinter Klostermauern, die vor allem dem Klerus zugänglich waren. Ins Zentrum des Denkens rückten religiöse Texte, allen voran die Bibel. Kirchliche Institutionen wachten über die korrekte Auslegung der göttlichen Offenbarung und darüber, dass es zu keinen Häresien kam. Das Denken wurde über Jahrhunderte gleichgeschaltet. Was nicht zur christlichen Vorstellungswelt passte, wurde entweder verboten und verfolgt oder einfach ignoriert und vergessen. Die religiöse Vormachtstellung stellte die römisch-katholische Kirche über das Auf und Ab weltlicher Machtverhältnisse, wodurch sie über Jahrhunderte die Kultur des entstehenden Europa dominierte. Die klerikale Dogmatik der Kirche gab allgemein verbindlich vor, was als wahr zu gelten hatte, und wachte mit Inquisitionstribunalen über die unverfälschte Tradierung dieser Wahrheiten. Der Glaube daran, dass der allwissende und alleinige Gott sich in einem Buch geoffenbart habe, rückte die Inhalte der Bibel ins Zentrum allen Nachdenkens über die Welt. Sie wurde zum Angel- und Ausgangspunkt für die Lebensorientierung einerseits und das Weltverständnis andererseits. Die Vielfalt „heidnischer‟ Gedankenwelten störte die Ausrichtung auf die „allein seligmachende‟ christliche Weltinterpretation, ja säte Zweifel. Das galt es zu verhindern durch Leseverbote oder einfach dadurch, dass der kulturelle Fokus auf das christliche Narrativ wenig Raum für die Inspiration aus Quellen ließ, die sich mit diesem nicht vereinbaren ließen. So kam es zu einer geistigen Engführung, die kulturell ihresgleichen sucht. Die Bibel und ihre Interpretationen besetzten die Köpfe über die christliche Ära und tun dies für viele bis heute noch. Das christlich-geozentrische Weltbild 52 Als Staatskirchentum hielt sich das Christentum auch im Byzantinischen Reich, das sich im sogenannten „Morgenländischen Schisma‟ 1054 endgültig von der katholischen Westkirche abtrennte und zur griechisch-orthodoxen Kirche wurde. Im „Abendland‟ erstarkte das römische Bischofsamt zum Papsttum und trat seinen jahrhundertelangen Machtkampf mit den europäischen weltlichen Herrschern an, der heute die Geschichtsstunden füllt. Dieses Milieu, das immer gründlicher den europäischen Kulturkreis beherrschte, erstickte am Übergang der Antike zum Frühmittelalter die gedanklich-kulturelle Vielfalt der Antike nachhaltiger, als dies politische Umwälzungen je vermocht hätten. Nachdem das Christentum aus dem Kulturkampf gegen die „heidnische Welt‟ siegreich hervorgegangen war und diese nicht mehr als existenziell bedrohlich empfunden wurde, konnte man sich den Resten antiker Zeugnisse öffnen. Es sickerten Kenntnisse aus der Antike in den europäischen Kulturraum ein. So inspirierte die Wiederentdeckung der aristotelischen Schriften im 12. Jahrhundert die Scholastik. Die Epoche der Wiederentdeckung des antiken Schriftwerkes vom 14. bis 17. Jahrhundert wird seit dem 19. Jahrhundert als „Renaissance‟, Wiedergeburt, bezeichnet. Hierdurch öffnete sich der Horizont des Denkens und ermöglichte so die Wende hin zur Aufklärung und zur modernen Naturwissenschaft. Die voraristotelische Kosmologie des christlichen Mittelalters Im Zentrum des christlichen Glaubens steht das Seelenheil jenseits der Todesschwelle. Die Bibel schildert die Geschichte der Welt als Heilsgeschichte. Nach der Schöpfung hatte der paradiesische Urzustand keinen langen Bestand. Es kam zum Sündenfall. Das diesseitige Leben wird grundsätzlich als von der Erbsünde belastet und erlösungsbedürftig aufgefasst. Der Erlösung wird jeder einzelne Mensch durch die Gnade Gottes teilhaftig. Möglich wird dies durch die „Erlösungstat‟ des christlichen Heilsbringers auf dem Hügel Golgatha. Um am apokalyptischen Ende der Welt erlöst zu werden, ist für jeden Einzelnen vor allem eines wichtig: der rechte Glaube. Denn „wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ Die voraristotelische Kosmologie des christlichen Mittelalters 53 (Markus 16,1629). Angesichts der Tragweite christlicher Lebensgestaltung für das ewige Heil ist es nicht verwunderlich, dass die Bedeutung der Naturforschung um ihrer selbst willen verblasste, ja nicht selten als Gefahr für die rechte Ausrichtung der Seele auf Gott hin gesehen wurde. Mit dem Ende der Antike wird das Wissen in der abendländischen Kultur von Klostermauern umschlossen. Astronomische Forschung hatte den Bedürfnissen der christlichen Liturgie zu dienen. So beschäftigte die Bestimmung des korrekten Osterdatums die christliche Astronomie über Jahrhunderte und mündete 1582 in die Kalenderreform Papst Gregors XIII. Kosmologische Vorstellungen wurden aus der Bibel abgeleitet. Astronomische Forschung hatte diese Vorstellungen zu stützen oder zu schweigen, damit sie den Glauben und das Seelenheil nicht gefährdeten. Kein Wunder, dass unter diesen Vorzeichen auch die Kugelgestalt der Erde wieder infrage gestellt wurde. So schrieb der nestorianische Christ Kosmas Indikopleustes um 550 eine „christliche Weltbeschreibung‟, in der er die ptolemäische Auffassung von der Welt als Kugel zu widerlegen suchte. Entgegen landläufigen Vorstellungen allerdings stand die Kugelgestalt der Erde meist nicht zur Disposition. Ein Grund hierfür kann man darin sehen, dass der letzte lateinische Kirchenvater, Isidor von Sevilla, die Kugelgestalt der Erde ausführlich begründet. Isidor trug um 600 das im Westen noch vorhandene antike Wissen in seinen „Etymologien‟ zusammen, die zu den meistgelesenen Werken im Mittelalter gehörten.30 Ein Jahrhunderte langer Streit drehte sich allerdings um die Existenz von „Antipoden‟, also Menschen und Kulturen, die auf der gegenüberliegenden Seite der Welt lebten31. Meist wurde sie bestritten. Die Nachkommen Noahs hätten die Ozeane nicht überwinden können, welche die antipodischen Ländereien von uns trennten. Zudem könnten diese Völker, deren Missionierung ein göttlicher Auftrag der christlichen Völker war,32 die Wiederkunft Christi in den Wolken verpassen, da die Erde selbst die Sicht versperrte. Dies ist ein Beispiel dafür, wie die Erzählungen der Heiligen Schrift herangezogen werden, um wissenschaftliche Fragen zu beantworten. Und das ist konsequent. Denn wer überzeugt ist, dass der allwissende, allmächtige und allgütige Gott in der Bibel ein für alle Men- Das christlich-geozentrische Weltbild 54 schen aller Zeiten verbindliches Schriftzeugnis vorgelegt hat, der wird nicht umhin kommen, diesem Schriftzeugnis höchsten Erkenntnisrang einzugestehen. Mit dem flauen „Man darf die Bibel nicht wörtlich nehmen‟ versuchen Christen heute, die religiöse Bedeutung der Heiligen Schrift hochzuhalten, obwohl der Horizont, den die Bibel aufspannt, mit dem der modernen Kosmologie unvereinbar ist. Doch davon später. Bis ins Hochmittelalter dominierte das Studium des heiligen Buches über ein unabhängiges Naturstudium, und im abendländischen Kulturkreis wurden das aristotelisch-geozentrische Weltbild und die mathematische Astronomie des Ptolemäus weitgehend vergessen. Die arabisch-islamische Periode Der Strom wissenschaftlicher und astronomischer Tätigkeit riss nur im christlich-abendländischen Kulturkreis ab. Anders sah es in der arabischen Welt aus. Viele Bezeichnungen aus der Astronomie weisen uns den Weg in den arabischen Sprachraum. Nehmen wir das Wort „Zenit‟ für den Himmelspunkt direkt über dem Sternenbeobachter. Es kommt von „samt ar-ra’s‟ („Weg des Kopfes‟), wurde in der Übersetzung zu „zemt‟ und später zu „Zenit‟ abgewandelt; entsprechend das Wort „Nadir‟ als dem Zenit entgegengesetzter Himmelspunkt, was sich von „nazir‟ („das Entsprechende‟) ableitet. Oder Azimut als Horizontwinkel, von Süden oder Norden aus gesehen, das von „as-sumut‟ abgeleitet ist, in dem das Wort „samt‟ für Weg steckt. Andere, gebräuchlichere Worte wie „Algebra‟ oder „Alkohol‟ erinnern an eine Jahrhunderte dauernde Wissenschaftsepoche im arabischen Raum. Ihr haben wir beispielsweise auch unsere dezimale Mathematik und die Schreibweise der Zahlen zu verdanken, die die Araber aus dem indischen Kulturkreis übernommen hatten. Das Zehnersystem vereinfacht das Rechnen und ebnet den Weg zur Mathematisierung der Naturwissenschaften – man stelle sich nur vor, wir würden nach wie vor mit römischen Ziffern hantieren! Wenn man die Namen der Sternbilder und einzelner Sterne betrachtet, so fällt auf, dass Sternbilder gerne griechische Namen tragen (Kassiopeia, Herakles, Perseus etc.), während viele markante Sterne Namen arabischen Ursprungs aufweisen. Beispiele sind die Sterne des Die arabisch-islamische Periode 55 Sommerdreiecks Wega, Deneb, Atair, oder Beteigeuze, Rigel und Aldebaran. Dies hat zwei Gründe: Zum einen pflegten die Hellenen nicht einzelnen Sternen, sondern Sternbildern Namen zu geben, während arabische Nomadenkulturen markante Sterne benannten. Zum anderen wurden in Astrolabien aus technischen Gründen nicht Sternbilder, sondern Leitsterne markiert. Astrolabien dienten der Orientierung am Sternenhimmel und wurden in der hellenistischen Astronomie-Tradition entwickelt. Theon von Alexandria, der Vater Hypatias, verfasste eine Schrift zum Astrolabium. Weiterentwickelt wurde es in den arabischen Jahrhunderten astronomischer Forschung. Arabische Astrolabien fanden im Mittelalter weite Verbreitung, womit sich die Namen der Leitsternbilder in unseren Kulturraum einprägten. Insgesamt haben etwa 200 Sterne Namen, die sich aus dem Arabischen ableiten. Weder Sterne noch Sternbilder tragen hingegen christliche Namen, obwohl es nicht an Bemühungen gefehlt hat, den stellaren Namenskosmos zu christianisieren.33 Zu Beginn des 7. Jahrhunderts entstand als neuer kultureller Faktor der Islam, der sich in den ersten zwei islamischen Jahrhunderten rasant in den Vorderen Orient und über Nordafrika bis nach Spanien ausdehnte. Die entstandene arabische Weltmacht vereinte Völker verschiedener Herkunft und Religion, wobei der Islam durch das theokratische Staatssystem die führende Rolle übernahm. Da der Koran nicht in andere Sprachen übersetzt werden darf, wurde das Arabische zur verbindlichen Kultursprache. Mit der Übernahme des Kalifats durch die Abbasiden begannen eine Zeit relativer politischer Stabilität und eine kosmopolitische Atmosphäre. Bagdad am Tigris im heutigen Irak wurde zur Hauptstadt und damit zu einem zentralen Zentrum des islamischen Kulturkreises. Dort gründete der Abbasiden-Herrscher al- Ma’mun im Jahr 825 das „Bait al-Hikma‟, das „Haus der Weisheit‟, nach dem Vorbild der 271 im Sassanidenreich gegründeten persischen Akademie von Gondishapur (die im heutigen Iran liegt). Vergleichbar der Akademie von Alexandria war das Haus der Weisheit Bibliothek und Forschungsstätte zugleich. In Byzanz verfolgte nestorianische Christen sowie Juden und andere Gelehrte fanden dort eine weltoffene Einrichtung. Es begannen lebhafte Übersetzertätigkeiten, sodass bis zum Ende des 9. Jahrhunderts viele der wesentlichen Arbeiten der Antike von Aristoteles, Euklid, Ptolemäus, Archimedes und Apollonius Das christlich-geozentrische Weltbild 56 ins Arabische übertragen wurden. Damit war die Grundlage für eine rege naturwissenschaftliche und medizinische Tätigkeit geschaffen mit einer die Völker verbindenden Sprache, dem Arabischen. Das spezifisch islamische Interesse an der Astronomie hatte vor allem drei die religiöse Praxis betreffende Hintergründe: 1. Das tägliche Gebet der Muslime richtet sich bekanntlich gegen Mekka, sodass die für den aktuellen Ort korrekte Gebetsrichtung, die „Qibla‟, bestimmt werden muss. Dies ist eine geometrisch und astronomisch sehr anspruchsvolle Aufgabe. 2. Zudem mussten die Gebetszeiten sicher bestimmt werden. 3. Der islamische rituelle Kalender ist ein Mondkalender, wobei der Monat mit der ersten Sichtung der Neumondsichel beginnt. Neben den islamischen Akademien fanden Astronomen als Hofastronomen eine Anstellung. Hier waren sie für die Gebetszeiten zuständig. Zur Berechnung diente das ptolemäische Werk. Es wurde nicht unkritisch übernommen, sondern kommentiert und verbessert. Durch die Beobachtungsvergleiche über die Jahrhunderte konnte die Präzession exakter bestimmt und damit das ptolemäische Werk ergänzt werden. So gab der in Isfahan lebende persische Astronom Abd ar-Rahman as-Sufi (903–986) in Anlehnung an Ptolemäus einen Sternenkatalog heraus, der die arabischen Namen festhielt, exaktere Helligkeitsangaben zu den Sternen machte und neue Sterne und Nebel, wie den Andromedanebel und die Magellan’sche Wolke, umfasste. Ein herausragender Gelehrter dieser Epoche war Alhazen (965– 1040), der in Kairo lehrte. Er tat sich vor allem auf dem Gebiet der Optik hervor, wo er Brechungsphänomene untersuchte, parabolische Brennspiegel entwickelte und ein „Leseglas‟, indem er Sehsteine zu Lupen schliff. Aufgrund der Brechungsgesetzmäßigkeiten konnte er erklären, warum die Sonne bei Sonnenuntergang noch zu sehen ist, obwohl sie schon untergegangen sein muss. Aus diesem Phänomen errechnete er eine lichtbrechende Luftschicht von etwa zehn Kilometern Höhe. Ptolemäus stand er skeptisch gegenüber und veröffentlichte ein Werk mit dem Titel „Zweifel an Ptolemäus‟, in dem er vor allem die reale Natur des Äquanten infrage stellte. Der persische Gelehrte al-Biruni (973–1048) entwickelte neue Methoden zur Bestimmung des Erdumfangs und machte sich um die Bestimmung der geografischen Länge verdient. Die geografische Breite Die arabisch-islamische Periode 57 eines Ortes ist leicht festzustellen, indem man die Höhe des Nordsternes vermisst. Um die Längengraddifferenz zwischen zwei Orten zu bestimmen, braucht man gleich gehende Uhren, um dann die Positionsdifferenz der Sonne oder einiger Sterne zu messen. Zur „Taktung‟ der Uhren benutzte al-Biruni die Mondfinsternis am 24. 5. 997! Sein durch politische Unruhen bewegtes Leben führte ihn nach Samarkand, wo er zusammen mit dem Astronomen al-Khudjandi einen 20 Meter großen Sextanten in der Meridianlinie bauen ließ, um so die Schiefe der Ekliptik in erhöhter Genauigkeit zu bestimmen. Damit legten sie die Grundlage für das Ulug-Begs-Observatorium, das über Jahrhunderte eine astronomische Forschungsstätte blieb. Damit ist deutlich: Die Schriften der hellenistischen Antike haben im arabisch-islamischen Kulturkreis nicht nur überlebt, sondern sind dort kommentiert, hinterfragt und wissenschaftlich weitergeführt worden. Der arabische Raum erlebte bis Ende des 15. Jahrhunderts eine kulturelle Blütezeit, die auch die Wissenschaften beflügelte. Übersetzerzentrum Toledo und die Universität Paris Auf der Iberischen Halbinsel kam es über viele Jahrhunderte zu einem fruchtbaren Austausch zwischen arabischen und lateinischen Gelehrten. Die von den Arabern geretteten antiken Werke wurden ins Lateinische übersetzt und damit im Abendland bekannt. Ein Zentrum dieser Übersetzertätigkeit war Toledo im Herzen der Iberischen Halbinsel. Hier lebte und wirkte Gerhard von Cremona (1114–1187). Innerhalb von vierzig Jahren übersetzte er in Toledo mindestens 70 philosophische und naturwissenschaftliche Texte, darunter Euklids Elemente, Aristoteles’ Buch zur Physik und den Almagest des Ptolemäus. Hinzu kamen Texte der arabischen Aristoteles-Kommentatoren Avicenna (980–1037) und Averroes (1126–1198). Von Toledo aus fanden diese Schriften im lateinischen Europa schnell Verbreitung. Mit der christlichen Rückeroberung Spaniens 1492 durch Ferdinand II. fand die arabisch-lateinische Begegnung in Spanien ihr Ende (siehe Abbildung 13). Das christlich-geozentrische Weltbild 58 Die durch den Kulturaustausch geförderte geistige Regsamkeit überstieg die Möglichkeiten der mittelalterlichen Kloster- und Domschulen. In schneller Folge entstanden Universitäten wie Mitte des 12. Jahrhunderts die Sorbonne in Paris. Die Universitäten wurden Träger einer eigenen theologisch-philosophischen Methodik. Gründungsväter waren beispielsweise Anselm von Canterbury (1033–1109), der für seinen ontologischen Gottesbeweis bekannt ist, und Petrus Abaelard (1079– 1142). In seiner Schrift „sic et non‟ zeigt Abaelard, wie man mit einer ausgefeilten Argumentationsmethode Widersprüche zwischen der Dogmatik des Glaubens und den Aussagen führender Autoritäten abhandeln kann. Die mit äußerster Akribie durchgeführte Argumentationstechnik ist als scholastische Methode bekannt (von lat. schola = Schule). Ab 1221 lehrt der Engländer Johannes de Sacrobosco (1195–1256) an der Artistenfakultät der Sorbonne. Sacrobosco erkennt die zentrale Bedeutung des Almagest und stellt ein Lehrbuch zur ptolemäischen Astronomie zusammen, den 1230 erschienenen „Tractatus de Sphaera‟. Knapp und gut verständlich geschrieben, wurde es schon bald zum Standardwerk der Astronomie – bis ins beginnende 17. Jahrhundert! So gehörte die „Sphaera‟ auch zu den ersten Büchern, die nach der Erfindung des Buchdrucks gedruckt wurden, wobei sie zu den am häu- Übersetzerzentrum Toledo und die Universität Paris 59 figsten aufgelegten Büchern der Astronomie überhaupt gehört. Die Abbildung 14 zeigt die Seite einer Druckausgabe mit zahlreichen Anmerkungen.34 Das christlich-geozentrische Weltbild 60 Die Kluft zwischen der aristotelischen Physik und den christlichen Glaubenswahrheiten Paris im Jahr 1277. Der Bischof Étienne Tempier veröffentlicht auf Geheiß Papst Johannes’ XXI. einen Syllabus von 219 Thesen. Jeder, der eine der aufgezählten Thesen vertritt, muss mit schweren Konsequenzen rechnen: Exkommunikation, Verurteilung. Adressat ist der Lehrkörper der Universität Sorbonne, eines geistigen Zentrums dieser Zeit. Der Syllabus wird als die „Pariser Verurteilung‟ in die Geschichte eingehen. Er markiert den vorläufigen Höhepunkt einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung zwischen der Kirche und der erst vor einem knappen Jahrhundert entstandenen Universität. Die Verurteilung richtete sich gegen die „Artistenfakultät‟, die alle Studierenden zu durchlaufen hatten. Denn jedes Studium begann mit den „sieben freien Künsten‟ (septem artes liberales). Es umfasste das „Trivium‟ Grammatik, Rhetorik und Logik und das „Quadrivium‟ Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Nach diesem „Studium generale‟ entschied man sich für die Fachrichtung Theologie, Jurisprudenz oder Medizin. Der Verurteilung durch Bischof Tempier gingen päpstliche Verbote voraus, die Physik und Metaphysik des Aristoteles zu unterrichten, bevor sie vor dem Verdacht der Irrlehre bereinigt sind. Um welche Fragen ging es in der Auseinandersetzung an der Sorbonne? Die Schriften des Aristoteles boten dem Gelehrten ein Gedankengebäude, das dem Verstand schlüssige Wahrheiten über den Gesamtaufbau der Welt lieferte. Ausgangspunkt war die alltägliche Erfahrung ohne religiösen Überbau. Aristoteles überzeugte in seiner Argumentation dermaßen, dass man ihn schlichtweg „den Philosophen‟ nannte. Allerdings ließen sich seine Vorstellungen nicht so einfach mit den christlichen Glaubenswahrheiten vereinbaren. Schwieriger wurde es noch, wenn man die Aristoteles-Kommentare des Averroes hinzuzog, was man so geflissentlich tat, dass man Averroes als „den Kommentator‟ bezeichnete. Auch die islamische Orthodoxie hatte ähnliche Probleme, weshalb Averroes seinerzeit aus Spanien nach Marokko fliehen musste, wo er in Marrakesch starb. Die Kluft zwischen der aristotelischen Physik und den christlichen Glaubenswahrheiten 61 Die aristotelische Philosophie störte die jahrhundertealte Synthese von Philosophie und christlichem Glauben. Der Gelehrsamkeit des Mittelalters drohte eine Zerreißprobe zwischen der geistlichen Wahrheit des Glaubens und der weltlichen Wahrheit der Vernunft. Tatsächlich betonte Siger von Brabant, Magister der Artistenfakultät seit spätestens 1266, die Differenz zwischen der Vernunftserkenntnis (scientia) und dem Glauben (fides) und sprach von einer doppelten Wahrheit. Den hierdurch entstehenden Grundkonflikt formuliert Bischof Tempier in seinem Verurteilungsschreiben. Darin stellt er fest, „dass einige Lehrer der freien Künste zu Paris die Grenzen ihrer eigenen Fakultät überschreiten und es wagen, die verabscheuenswürdigen Irrlehren und falschen Hirngespinste [...] [gemeint sind die 219 Thesen, die nun folgen] als behandlungswürdige Probleme abzuhandeln und zu disputieren. [...] Sie sagen nämlich, diese Irrlehren seien wahr im Sinne der Philosophie, aber nicht im Sinne des christlichen Glaubens, als gebe es zwei gegensätzliche Wahrheiten und als stehe gegen die Wahrheit der Heiligen Schrift die Wahrheit in den Schriften der gottverworfenen Heiden.‟35 Betrachten wir zwei weitere „verdammungswürdigen Thesen‟: These 37: „Nichts ist zu glauben, sei es denn evident36 oder aus Evidentem beweisbar.‟ Und These 153: „Das theologische Wissen bringt keinen Erkenntnisgewinn.‟ Als Leser des 21. Jahrhunderts verstehen wir den Konflikt als Dissonanz zwischen geglaubten Wahrheiten und wissenschaftlich gefundenen Erkenntnissen. Doch im Mittelalter wurde Aristoteles vor allem als überzeugende Autorität wahrgenommen und noch nicht primär als jemand, der auf naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse verweist. Somit musste das Problem nicht mit wissenschaftlicher Forschung im heutigen Sinne, sondern mit scholastischer Disputation geklärt werden. Es ging, die Kosmologie betreffend, um folgende Fragen: – Wie stehen die Wahrheiten des Glaubens zu den Wahrheiten, wie sie die Vernunft im Sinne Aristoteles’ erfassen kann? – Wie steht der trinitarische Gott der Christenheit zum „unbewegten Beweger‟ im aristotelischen Weltbild? – Wie steht das im Sinne der Genesis geschaffene Universum zum ewigen Kosmos des Aristoteles? Das christlich-geozentrische Weltbild 62 – Wie lässt sich der geozentrische Kosmos Aristoteles’ in das christliche Weltbild integrieren? Thomas von Aquin und das Verhältnis von Glauben und Vernunft Es ist eine Ironie des Schicksals: Die Geistesgröße, die für die katholische Welt die eingeforderte Synthese zwischen Glauben und Vernunft vollbracht hatte, war zum Zeitpunkt der Pariser Verurteilung schon drei Jahre verstorben. Thomas von Aquin steht bis auf den heutigen Tag für den Vernunftoptimismus der katholischen Theologie. Thomas wurde zu Beginn des Jahres 1225 in Aquino bei Rom in den ländlichen Hochadel hineingeboren. Mit fünf Jahren übertrug man seine Erziehung und Ausbildung dem Kloster Montecassino, das zu den bedeutendsten geistlichen Zentren des Mittelalters zählte. Keine zwanzig Jahre alt, entschließt er sich, in den Dominikanerorden einzutreten. Dies war für seine reiche Familie ein Affront, denn der gerade erst gegründete Orden gehörte zu den Bettelorden, die sich bewusst gegen den Prunk der Kirche stellten. Entsprechend vehement geriet der Widerstand gegen seine Entscheidung. Thomas wurde ein Jahr in einen Turm des elterlichen Schlosses eingesperrt, um ihn von dem Entschluss abzubringen. Ohne Erfolg. Dass Thomas von Aquin seine geistige Heimat bei den Dominikanern suchte und fand, ist bezeichnend. Der Orden bekam sein Gepräge mit den Albigenser Kreuzzügen gegen die Katharer. Es war die Aufgabe dieses Predigerordens, sich geistig mit Häretikern auseinanderzusetzen, diese wenn möglich zu bekehren und wenn nötig einer gerechten Strafe zuzuführen. Gerecht konnte nach Thomas von Aquin nur die Todesstrafe sein, wie er in seinem Falschmünzer-Vergleich ausführt. Wenn schwerwiegende weltliche Straftaten die Todesstrafe nach sich ziehen, so galt dies mehr noch für schwerwiegende geistliche Straftaten. Und die Häresie ist eine der schwerwiegendsten, wendet sie sich doch gegen die geoffenbarte Wahrheit Gottes. Die Schärfe, die das Denken der Dominikaner in der Auseinandersetzung mit Häresien gewann, machte sie zum Träger der Inquisition. „Domini canes‟, „Spürhunde des Herrn‟, wurden sie in dieser Funktion auch genannt. Thomas von Aquin und das Verhältnis von Glauben und Vernunft 63 Der geistlichen Dramatik des Dominikanerlebens stand eine materielle Bescheidenheit gegenüber. Dominikaner legten beispielsweise ihre Wege grundsätzlich zu Fuß zurück. Dies gab Gelegenheit zu naturkundlichen Beobachtungen. Ebenfalls zum Dominikanerorden gehörte der bedeutendste Lehrer des Aquiners, Albertus Magnus (1200– 1280). Man rühmt ihn nicht nur für seine literarischen Kenntnisse, sondern auch für sein umfangreiches naturkundliches Werk. In der Aufarbeitung seines Erfahrungswissens orientierte sich Albertus Magnus an der Naturphilosophie des Aristoteles. Ihm wurde dabei sogar vorgeworfen, ein „Affe des Aristoteles‟ zu sein. Allerdings kommt bei Albertus Magnus ein für die damalige Zeit neuer Zug hinzu. So erklärt Albertus Magnus in seinem Werk „De Mineralibus‟: „Aufgabe der Wissenschaft ist es nicht, alles, was berichtet wird, einfach hinzunehmen. Sie hat vielmehr die Ursachen im Naturgeschehen zu ergründen.‟37 Aus heutiger Sicht ist in diesen Zeilen eine naturwissenschaftliche Grundhaltung zu erkennen. Denn die Erfahrung wird in diesen Zeilen höher gewichtet als die Überlieferung. Während der Scholastiker die Werke der Großen für seinen Erkenntnisgewinn akribisch studiert, ist für den Naturwissenschaftler zweitrangig, wer die „Ursachen im Naturgeschehen ergründet‟ hat. Sie selbst sind die Lehre. Papst Pius XII. sah sich daher 1941 veranlasst, Albertus Magnus zum Schutzpatron der Naturwissenschaftler zu ernennen. Albertus Magnus setzte sich auch mit der Kosmologie des Aristoteles auseinander. Er hielt die Leugnung von Antipoden für unvernünftig – bei aller biblischen Argumentation, die wir schon kennengelernt haben. In der Art, wie er argumentiert, wird Albertus’ Primat der natürlichen Vernunft deutlich: „Obwohl keiner der Bewohner der unteren Hemisphäre zu uns gekommen ist, kann daraus nicht geschlossen werden, dass niemand dort lebt, denn das Ausmaß des Ozeans, der diese Länder umgibt, erlaubt ganz einfach nicht, ihn segelnd zu überqueren. [...] Keine Beachtung sollte denen geschenkt werden, die sich vorstellen, Menschen könnten diese Gebiete nicht bewohnen, da sie von der Erde fallen würden. Zu behaupten, dass die fallen könnten, welche die Antipodenseite bewohnen, mit anderen Worten die, welche ihrer Füße entgegengesetzt zu unseren haben, kann nur das Ergebnis der Ignoranz der einfachen Leute sein. Der untere Teil der Erde sollte nicht im Verhältnis zu uns, sondern in absoluter Weise gesehen werden. Was absolut un- Das christlich-geozentrische Weltbild 64 terhalb ist, was also von überall aus unten genannt werden muss, ist der Mittelpunkt der Erde.‟38 Vernünftiges Nachdenken über die Naturverhältnisse entscheidet darüber, ob man Antipoden für möglich hält ‒ oder nicht. Biblische Hintergründe sind bestenfalls zweitrangig. Was aber, wenn es hierbei zu Widersprüchen kommt? Wenn die eine Sicht die andere ausschließt? Hier liegt das zentrale Grundproblem des mittelalterlichen Denkens: In welchem Verhältnis stehen die in der Bibel und in den Dogmen geoffenbarten Wahrheiten des christlichen Glaubens zu den Wahrheiten, die durch die Vernunft in Auseinandersetzung mit der Natur erfasst werden können. Diese Grundfrage wird seinem berühmtesten Schüler zur Lebensaufgabe. Viele Jahre lernt Thomas von Aquin bei Albertus, zunächst in Köln, dann in Paris. Thomas wird als bescheiden und zurückhaltend beschrieben und als von immenser Leibesfülle. So nannten ihn seine Kommilitonen einen „stummen Ochsen‟. Albertus Magnus soll darauf geantwortet haben, dass das Brüllen des stummen Ochsen die Welt über die Jahrhunderte erfüllen werde. Da hatte er recht. Allerdings brüllte Thomas mit der Feder und hinterließ trotz seines kurzen Lebens – er überlebte seinen Lehrer Albertus Magnus nicht – ein umfangreiches Werk. Neben Aristoteles-Kommentaren und theologischen Gesamtdarstellungen, wie die „Summe der Theologie‟, bzw. Schriften zur christlichen Dogmatik hinterließ er Schriften, die den christlichen Glauben rechtfertigen, wie die „Summe wider die Heiden‟, die vor allem gegen die Araber gerichtet ist. Wie stellt sich für Thomas das Verhältnis von Glauben und der durch Aristoteles verkörperten Vernunft dar? Das „Credo, quia absurdum est‟ („ich glaube, weil es unvernünftig ist‟) des Tertullian lehnt er entschieden ab. Allerdings teilt er auch nicht mehr uneingeschränkt das „Credo ut intelligam, intelligo ut credam‟ („ich glaube, um zu verstehen, und ich verstehe, um zu glauben‟) des Anselm von Canterbury, wonach die christlichen Glaubensüberzeugungen aus der Vernunft hergeleitet werden können. Glaubens- und Vernunftwahrheiten können sich für den Aquinaten nicht grundsätzlich widersprechen, denn beide Wege zur Wahrheit sind von Gott gegeben. Die zentralen christlichen Wahrheiten, die 325 u. Z. im Konzil von Nicäa dogmatisiert wurden – den Christen aller Konfessionen als Thomas von Aquin und das Verhältnis von Glauben und Vernunft 65 „Credo‟ geläufig –, sind nur mit dem Glauben zu erfassen. Die trinitarische Struktur Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist, die Doppelnatur Christi als wahrer Mensch und wahrer Gott und seine Heilstat am Kreuz sind nach Thomas von Aquin der Vernunft nicht zugänglich, sondern ausschließlich dem Glauben. Der Philosophie kommt die Aufgabe zu, christliche Wahrheiten gegen widersprechende Argumente zu verteidigen. Damit erhalten Glaubenswahrheiten gegenüber der Vernunft eine Vorrangstellung. Von ihrer Wahrheit hat das Denken auszugehen. Sie können der Vernunft nicht widersprechen, da sie aus der Gnade Gottes dem rechtgläubigen Menschen gegeben wurden. Glauben heißt, von dieser Überzeugung ausgehend, die Welt zu verstehen und sein Leben zu gestalten. Die Philosophie bleibt die „Magd der Theologie‟, zumindest was übernatürliche Wahrheiten anbelangt. Das Feld der Natur ist der Vernunft freigegeben, solange die in der Überlieferung offenbarten Wahrheiten unangetastet bleiben. Damit konnte Thomas die skeptische Haltung gegenüber der aristotelischen Philosophie aufgeben. Solange die Grenzen des Glaubens akzeptiert werden, die der Vernunft durch Gottes Offenbarung in den kirchlichen Dogmen gesteckt sind, kann sich die menschliche Vernunft im Felde der natürlichen Dinge austoben. Mit dieser Grundhaltung schafft der Aquinat sein umfangreiches schriftliches Lebenswerk. Den Siegeszug seiner Gedanken konnte nichts aufhalten, auch nicht die Pariser Aristoteles-Verurteilung. Schon 1323 wurde Thomas von Aquin heiliggesprochen, 1567 in den Stand des Kirchenlehrers erhoben. Diese Auszeichnung erhielten nur 33 Persönlichkeiten, unter anderem Albertus Magnus, Anselm von Canterbury, Augustinus von Hippo und Kyrill von Alexandria. Der Primat des Glaubens und seine Magd, die Philosophie: Dieses Verhältnis prägt die thomistische Philosophie der katholischen Theologie bis auf den heutigen Tag. So leitet Papst Johannes Paul II. 1998 seine Enzyklika „Fides et Ratio‟39 („Glaube und Vernunft“) mit den Worten ein: „Glaube und Vernunft sind die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.‟ Und er endet mit Blick auf die Jungfrau Maria, die das „Gebet der Kirche als Sitz der Weisheit anruft‟: „Wie die Jungfrau berufen wurde, ihr ganzes Sein als Mensch und Frau darzubringen, damit das Wort Gottes Fleisch [...] werde, so ist die Philosophie berufen, ihre kritische Vernunftarbeit zu Das christlich-geozentrische Weltbild 66 leisten, damit die Theologie als Verständnis des Glaubens fruchtbar und wirksam sei.‟ In seinen Darstellungen würdigt Johannes Paul II. die Philosophie des Thomas auch für die Theologie nach der katholischen Erneuerung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) und bekräftigt das Anliegen der Enzyklika Aeternie Patris des Papstes Leo XIII. Papst Leo hatte 1879 mit dieser Enzyklika eine neue Phase der thomistischen Philosophie eingeleitet und Thomas zum zentralen katholischen Philosophen erhoben. In unmissverständlichen Sätzen bekräftigt er die katholische Erkenntnishaltung. Im Folgenden einige Zitate aus dieser Enzyklika:40 „Der eingeborene Sohn [...] hat der Welt eine wahrhaft wunderbare Wohltat erwiesen, als er [...] die von ihm gegründete Kirche als oberste Lehrerin aller Völker zurückließ. […] In der Tat hat der barmherzige Gott [...] nicht bloß jene Wahrheiten durch das Licht des Glaubens geoffenbart, welche der menschliche Verstand aus sich nicht zu erkennen vermag, sondern auch solche, [...] welche für die Vernunft nicht vollständig unbegreiflich sind. [...] Auch das endlich ist die Aufgabe der philosophischen Wissenschaften, die von Gott geoffenbarten Wahrheiten sorgfältig zu verteidigen und denen, welche sie zu bekämpfen wagen, entgegenzutreten. Zu dieser Beziehung verdient die Philosophie großes Lob, da sie als eine Schutzwehr des Glaubens und ein festes Bollwerk der Religion gilt. [...] Die Philosophie soll als Dienerin der göttlichen Lehre folgen. [...] Sie darf sich nicht über die Lehren des Glaubens hinwegsetzen. [...] Sie ist nicht irrtumslos. [...] Ohne Glauben geht die Philosophie in die Irre. [...] Mit dem Glauben leistet sie Großes. [...] [Thomas von Aquin ist] der Fürst unter den Scholastikern. [...] Er zeigt die Harmonie von Vernunft und Glaube. [...] [Die Lehre des heiligen Thomas] ist keine Feindin des Fortschritts in den Naturwissenschaften.‟ Die Naturwissenschaft ist nach katholischer Auffassung keine Feindin des Glaubens, solange sie sich in den Grenzen bewegt, die ihr die geoffenbarten Wahrheiten Gottes setzen. Man darf fragen, wie sollte sie, wenn es ihr verboten ist. Doch würdigen wir den Fortschritt. Mit der thomistischen Philosophie tat sich eine Arena der Legitimation auf, in der sich der forschende Geist mit der Natur beschäftigen konnte. Das ist ganz sicher ein Verdienst des Thomas von Aquino. Und in dieser Arena wurde Aristoteles „getauft‟, seine Physik zum Mainstream wissenschaftlichen Denkens und seine geozentrische Kosmologie ein Glauben und Wissen befriedigendes Bild der Welt – mit einigen Makeln, wie wir sehen werden. Thomas von Aquin und das Verhältnis von Glauben und Vernunft 67 Die Erde im Zentrum und Gott über allem ‒ der christianisierte aristotelische Kosmos Die auf Thomas von Aquin folgenden etwa 250 Jahre bis zur Veröffentlichung von Kopernikus’ Werk sind von einem Wechsel des Zeitgeistes bestimmt. Das vorchristliche Erbe Europas inspirierte die gebildete Schicht. In Kunst und Literatur besann man sich auf antike Vorbilder, suchte die Reste der literarischen Überlieferung, um an authentische antike Quellen zu kommen. „Ad fontes‟ lautete die Devise, zu den Quellen. Der antike Geist wurde überhöht, idealisiert. Viele fühlten sich in einer neuen Zeit, die an die Antike anknüpfte, unterbrochen von einer abfällig als „Mittelalter‟ bezeichneten Epoche41. Mit dieser kulturellen Wiedergeburt, der Renaissance, begann man sich mit allen Sinnen dem Diesseits zuzuwenden. Lebensbejahende Bilder und Skulpturen waren das Ergebnis, genauso wie die Entdeckung Amerikas, die Erfindung der Buchdruckerkunst und der Aufstieg des Bürgertums, das durch Handel und Bankwesen reich geworden ist. Dies ist die Blütezeit der christlich-geozentrischen Kosmologie. Der Mensch als Krone der Schöpfung, um den der Kosmos kreist – auch wenn die einen die Erde als Jammertal, die anderen das Leben als Freudenfest interpretierten: Im Zentrum von allem, umworben von den Mächten des Guten und des Bösen, stand der Mensch. Das entsprach dem Selbstbewusstsein des Renaissancemenschen. Ob man christlich das Leben auf eine nachtodliche Vereinigung mit Gott ausrichtet oder mit dem aufblühenden Humanismus im Menschen die Maßstäbe des Lebens sucht: Die kosmische Zentralstellung der Erde befriedigte das Selbstbewusstsein des Menschen. Die geozentrische Kosmologie war von nun an Mainstream. Zeichnen wir den Kosmos nach, den Kopernikus so kühn ins Wanken brachte! Zur Illustration diene uns eine berühmte Abbildung aus der Weltchronik des Humanisten und Historikers Hartmann Schedel, die im Jahr 1493 erstmals erschien und zu den ersten Büchern gehörte, die gedruckt wurden (Abbildung 15). Das christlich-geozentrische Weltbild 68 Sie behandelte die Weltgeschichte von der Genesis über die Sintflut, Abraham, David, das babylonische Exil, die Geburt Christi bis zur damaligen Gegenwart mit einem Ausblick auf den Weltuntergang und das Jüngste Gericht. Dieser Kontext zeigt, wie sehr die Welt durch die Brille der biblischen Darstellung gedeutet wurde. Da bildete auch die Kosmologie keine Ausnahme. Die Erde im Zentrum und Gott über allem ‒ der christianisierte aristotelische Kosmos 69 Der materielle Aufbau des Weltganzen wurde von Aristoteles übernommen. Wir sehen im Bild der Chronik sein sphärisches Schalenmodell. An den Universitäten wurde über „die Sphären‟ gelesen, wenn eine Astronomie-Vorlesung auf der Tagesordnung stand. Jenseits des Mondes herrschen physikalisch andere Gesetze als auf der Erde. Alle Planeten bewegen sich auf gleichmäßig durchlaufenen idealen Kreisbahnen, von der äußersten Sphäre her durch einen unbewegten Beweger in einem ewigen Akt bewirkt. Die jeweils äußeren Sphären übertragen die Bewegung auf die jeweils inneren, sodass die Planetensphären von außen nach innen gegenüber der täglichen Umdrehung des Himmels etwas zurückbleiben. Was heißt das konkret? Campanus von Novara, selbst Herausgeber eines „Tractatus de Sphaera‟, der Thomas von Aquin um elf Jahre überlebte, überliefert uns seine konkrete Vorstellung von der Größe des Kosmos. Er schätzte den Durchmesser der Saturnsphäre auf 117.000.000 km, der Saturn wäre demnach 58 500 000 km von der Erde entfernt, das entspricht etwa dem 5000-fachen Erddurchmesser. Für die damalige Vorstellung waren das beachtliche Größen, erst heute muten sie uns bescheiden an.42 Alle Sterne stellte man sich im gleichen Abstand von der Erde vor, auch sie lagen damit auf einer Sphäre, die auf die Saturnsphäre folgte. Gehen wir davon aus, dass die Fixsternsphäre etwas größer ist als die Saturnsphäre und damit ca. 125 Millionen Kilometer Durchmesser hätte, so hieße das, dass sich die sichtbaren Fixsterne innerhalb von 23 Stunden und 56 Minuten um die Erde drehten und damit eine Geschwindigkeit von etwa 16 000 000 km/h hätten. Das war eine die menschliche Vorstellungskraft strapazierende Feststellung! Etwas schneller noch bewegte sich die Kristallsphäre, die der Araber Thabit ibn-Qurra (836–901) eingeführt hatte, um auch die Verschiebung des Frühlingspunktes (Präzession) mit dem Sphärenmodell erklären zu können. Den physischen Kosmos umschließt die Sphäre des Primum Mobile, des unbewegten Bewegers. Beide Sphären können wir in der Abbildung aus der Scheddelschen Weltchronik ausmachen. Alle nach innen folgenden Sphären bleiben in ihrer täglichen Umdrehung um den Weltmittelpunkt gegenüber der Fixsternsphäre zurück: Das christlich-geozentrische Weltbild 70 – die Saturnsphäre um 0,03° täglich, sodass sie nach dreißig Jahren von den Fixsternen überholt wird, – die Jupitersphäre um 0,08° täglich, sodass sie nach zwölf Jahren von den Fixsternen überholt wird, – die Marssphäre um 0,52° täglich, sodass sie nach fast zwei Jahren von der Fixsternsphäre überholt wird, – die Sonnensphäre und mit ihr durchschnittlich auch die Venusund Merkursphäre um etwa 1° täglich, sodass sie nach einem Jahr von der Fixsternsphäre überholt werden, – gefolgt von der Mondsphäre, die täglich um 13,2° zurückbleibt und somit zwölf bis dreizehn Mal im Jahr von den Fixsternen überholt wird. – Im Zentrum schließlich ruht die Erde mit ihren vier Sphären! Man halte im Lesen inne und versuche, sich dieses kosmische Wettrennen konkret vorzustellen. Es ist intuitiv verständlich, dass die physikalischen Gesetze auf der ruhenden Erde und im rasenden Kosmos nicht die gleichen sein können – wenn der Geozentrismus wahr wäre! Jenseits dieses sphärischen Kosmos ist NICHTS – da sich ein Etwas nur dadurch sinnvoll ausgrenzen lässt, dass es neben einem anderen Etwas etwas ist. Wo also nichts ist, ergibt es keinen Sinn, von einer Existenz zu sprechen. Das Bild der Schedel’schen Chronik zeigt über dem materiellen Kosmos den metaphysischen Überbau der christlichen Kosmologie. So schließt sich an die Sphäre des „Primum Mobile‟ das Empyreum an. Dieser Bereich taucht in Dante Alighieris „Göttlicher Komödie‟ (1320) als „Ort des Lichtes‟ auf. Das griechische Wort „empyros‟ bedeutet „im Feuer befindlich‟. Hier finden sich die christlichen Heiligen zusammen mit den himmlischen Heerscharen um Gottes Thron versammelt. Aus der Sicht der Scholastik müssen wir uns diesen Ort ganz unstofflich vorstellen. Der einfache Mensch lokalisierte dort den Himmel. Nach Thomas von Aquin ist der Kosmos hierarchisch gegliedert. Der irdische Bereich ist zugleich der von Gott am weitesten entfernte. Gott überragt die Schöpfung. Er ist ungeschaffene, höchste Wirklichkeit. Unschwer lässt sich der „unbewegte Beweger‟ des Aristoteles als „christlicher Gott‟ identifizieren. Gott überträgt in der mittelalterlichen Vorstellung die Bewegung nicht direkt auf die Fixstern- und Planetensphären, sondern mittelbar Die Erde im Zentrum und Gott über allem ‒ der christianisierte aristotelische Kosmos 71 über Engelwesen, die ‒ von außen nach innen ‒ immer unvollkommener werden. Die Bewegung der Gestirne garantiert erhabene Seelen, die für ihre Bewegung verantwortlich waren. Wenn also der geozentrische Astronom den Nachthimmel betrachtete, „sah‟ er nicht nur sich bewegende Materie, sondern er erlebte in der andauernden Bewegung der Gestirne kosmische Intelligenzen, Engel, Gott. Engel waren in der damaligen Zeit keine blassen Vorstellungen, weder barocke Baby-Engel noch kindergerechte Schutzengelgestalten. Thomas von Aquin widmet große Teile seines Werkes der seelischen Anatomie von Engelwesen. Streng hierarchisch entsprechend ihrer Vollkommenheit geordnet, zählte Thomas neun Engelschöre: Seraphime, Cherubime und Throne, Herrschaften, Gewalten und Fürsten, Mächte, Archangeloi und Angeloi.43 Den Engelshierarchien entsprechend, war der Kosmos hierarchisch aufgebaut: außen die vollkommenste Gottesnähe, innen die Erde als Ort größter Gottesferne. Der geozentrische Himmel war nicht nur ein materielles Gebilde, sondern ein durch den himmlischen Äther vermittelter sichtbarer Ausdruck der hinter ihm wirkenden übermenschlichen Engelswesen. Die hierarchische Ordnung des sichtbaren Kosmos spiegelt sich in der gleichfalls hierarchischen Ordnung des Kirchenvolkes. Eines wurde als Ausdruck des anderen verstanden. Damit überzeugte das geozentrische Weltbild. Nicht nur, dass es auf den ersten Blick den beobachteten Verhältnissen entsprach. Es gab Orientierung für die Gestaltung des Zusammenlebens auf der Erde. Ein zentrales Problem des ins christliche Weltbild integrierten Aristoteles musste noch befriedigend gelöst werden. Aristoteles dachte den Kosmos zeitlich unendlich, die biblische Heilsgeschichte ergibt nur in einem sehr überschaubaren Zeitrahmen Sinn. Hier half das beschriebene Verhältnis von Glauben und Vernunft weiter. Denn sowohl die Endlichkeit als auch die Ewigkeit des Kosmos sind mit dem Verstand nicht beweisbar. Da kann der Glaube aus der Pattsituation helfen. „Am Anfang schuf Gott …‟: Gott offenbart uns in der Bibel die endliche Schöpfung – Aristoteles, der vor Christus lebte, konnte hiervon nichts wissen. Der Glaube leitet die Vernunft in der Endlichkeitsfrage, Aristoteles ist getauft. Das christlich-geozentrische Weltbild 72 Der kosmologische Gottesbeweis des Thomas von Aquin Wir beobachten mit dem Blick des christlichen Geozentrikers die Welt. Ein nach oben loderndes Feuer hier, Wasser, das den Fluss hinabstürzt, dort und über allem das ewige Kreisen der Gestirne. Jede Bewegung hat ihre Ursache, alles Bewegte wird von einem Bewegenden in Bewegung versetzt. Das entzündete Feuer strebt dem natürlichen Ort, der Feuersphäre, zu, das Wasser strebt dem Meer zu, um in dieser Wassersphäre zur Ruhe zu kommen. Die Mondsphäre wird von der Merkur-, Venus- und Sonnensphäre bewegt, diese wiederum im täglichen Umlauf von der Mars-, Jupiter- und Saturnsphäre. Die äußerste Planetensphäre wird von der Fixsternsphäre bewegt. Wir finden nichts Bewegtes, das nicht von etwas anderem bewegt wird. Die Bewegungen der sublunarisch-irdischen Sphären kommen an ihrem natürlichen Ort zur Ruhe, der auf diese Weise in die Erd-, Wasser-, Luft- und Feuersphäre gegliedert ist. Die supralunaren Planetensphären bewegen sich ewig, weil ihre Bewegung die ideale geometrische Gestalt hat. Vermittelt wird diese himmlische Bewegung durch Engelswesen, wobei die unvollkommensten Engel erdnah, die jeweils vollkommeneren immer fixsternnäher gesehen wurden. Ein harmonischer, hierarchisch gegliederter Kosmos entsteht vor dem Beobachter. Alles verweist auf eine vollkommenere Ursache, auf ein Höheres. Denn hinter jeder Wirkung steht eine höhere Ursache. Ein ewiges sich gegenseitiges Bewegen ist aber nicht vorstellbar, ein Stufenbau ohne Abschluss nach oben ebenfalls nicht. Es muss einen ersten, selbst unbewegten Beweger geben, eine nicht verursachte Ursache, ein vollkommenstes Wesen, das die Stufenordnung der Unvollkommenheiten umgreift. Dieses Höchste nennen wir Gott, wie es Aristoteles schon getan hat, und ein Christ identifizierte es mit dem trinitarischen Vater, Sohn und Heiligen Geist. So verweist die erlebte kosmische Schöpfung auf ihren Schöpfer, so führt glaubensgeleitete Vernunft zu einem Beweis Gottes. Gott als notwendigerweise erster Beweger, Gott als erste Ursache und Gott als vollkommenstes Wesen.44 Diese von Thomas von Aquin formulierten Gedanken sind als kosmologischer Gottesbeweis in die Philosophiegeschichte eingegangen. Er war mehr als eine gedankliche Spitzfindigkeit. Er verknüpft Der kosmologische Gottesbeweis des Thomas von Aquin 73 den Blick in die Sterne mit einem erhabenen religiösen Gefühl. Das Studium der Astronomie war Teil gelebten Glaubens. Würdigung des christlich-geozentrischen Weltbildes Bevor wir sehen, wie der mittelalterliche Kosmos nach und nach zu unseren heutigen Vorstellungen vom Aufbau des Universums umgewandelt wurde, kommen wir um eine Laudatio nicht herum. Für uns Europäer sollte es das letzte Mal sein, dass der Sinn suchende Mensch in einem geschlossenen Weltbild leben konnte. Gott als höchste Sinn gebende Instanz zeigte sich den Menschen in zweierlei Weise. Seine Schöpfung lag ihm im „Buch der Natur‟ vor. Er war, ausgehend von seinen Alltagserfahrungen, fähig, mit der von Gott geschenkten Vernunft in diesem Buch zu lesen und Gott zu erkennen. Zudem offenbart sich Gott durch die Bibel, die Dogmen und Traditionen der Kirche und schenkt den Menschen ihren christlichen Glauben. Offenbarung und Schöpfung haben den gleichen göttlichen Ursprung. Dadurch kam der menschlichen Vernunft in der Philosophie die Aufgabe zu, zwischen Wissen und Glauben Brücken zu bauen und das christliche Weltbild gegen Ungläubige zu verteidigen. Klar ist das ewige und ideale Sein des Himmels von der vergänglichen Existenz der irdischen Sphären geschieden, in denen der Mensch lebt. Er stand hierbei im Zentrum des Kosmos und damit im Zentrum der Aufmerksamkeit Gottes. Alles dreht sich buchstäblich um Mensch und Welt. Gleichzeitig war die Erde der Ort größter Gottesferne, größter Unvollkommenheit, moralisch gesehen der Bereich der Sünde. Die Notwendigkeit, das Leben auf den gleichermaßen fernen wie nahen Gott auszurichten, konnte man auch in den als beseelt erlebten Bewegungen am Himmel täglich erfahren. Mit dieser individuellen Ausrichtung ist der Mensch Teil der Heilsgeschichte, die ihren Anfang im Schöpfungsakt hatte, von dem das erste Buch Mose der Bibel berichtet. Das statische Bild, das sich der Geozentriker vom Kosmos machte, ließ einen Schöpfungszeitpunkt denken, der in historischen Zeitskalen beschreibbar ist. Die biblische Chronologie datiert das Sechstagewerk im Oktober 4004 vor der Geburt des Erlösers. Den Predigten Jesu von Nazareth Das christlich-geozentrische Weltbild 74 folgend, muss der Zeitpunkt des Endes der Welt und damit der Wiederkunft Christi in Kürze erwartet werden. Beispielsweise setzt Nikolaus von Kues, Kardinal und bedeutender Philosoph des ausgehenden Mittelalters, das Datum des Weltenendes auf das Jahr 1734. Heilsgeschichte des Menschen und Naturgeschichte des Kosmos waren eins, die Phänomene der Natur und der christliche Glaube waren widerspruchsfrei verwoben ‒ zumindest, solange man nicht allzu genau schaute. Aber sollte man wirklich die kosmisch-menschliche Harmonie von ein paar Unregelmäßigkeiten der Planetenbahnen stören lassen? Würdigung des christlich-geozentrischen Weltbildes 75

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Zusammenfassung

Die Suche nach Leben im Weltall lässt nicht nur Astronomen hellhörig werden. Die Vorstellung, dass wir sehr wahrscheinlich nicht allein sind im Universum, rüttelt an unserem Selbstverständnis als Mensch. Ulf Faller behandelt die grundlegenden Phänomene des gestirnten Himmels und die Entwicklung des geozentrischen Weltbildes bis zu seiner spätmittelalterlichen Synthese mit dem christlichen Glauben. Nikolaus Kopernikus rüttelte erstmals in der abendländischen Geschichte am geozentrischen Weltbild, indem er die Erde zu einem Planeten unter ihresgleichen werden ließ. Der Autor zeigt auf, wie sich das Bild vom Universum in den letzten hundert Jahren verändert hat. Wir wissen heute, dass unser Sonnensystem keinen ausgezeichneten Ort im Kosmos einnimmt. Schon Sigmund Freud empfand die Feststellung, nur auf einem von vielen Planeten zu leben, als narzisstische Kränkung der Menschheit. Wir müssen heute erkennen, dass das Universum nicht den Eindruck erweckt, mit uns Menschen an sein Ziel gekommen zu sein. Das zu realisieren kann bescheiden machen, unseren blauen Planet für die unzähligen Generationen zu bewahren, die er noch beherbergen könnte.