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III THEORIE in:

Friedrich J. K. Gerstenlauer

Hierarchie und Heterarchie in Organisierungsprozessen, page 61 - 146

Mit einer Untersuchung der Münsterbauhütte in Freiburg i. Br.

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4171-0, ISBN online: 978-3-8288-7046-8, https://doi.org/10.5771/9783828870468-61

Tectum, Baden-Baden
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61 III THEORIE 1 Organisation als triviale und als nicht-triviale Maschine Der allgemeine Begriff ›Organisation‹ meint so ziemlich jede Konstellation oder Anordnung, wenn nur die Elemente des betreffenden Zusammenhangs einem Außen gegenüber in ihren wechselseitigen Beziehungen eine gewisse Stabilität und Regelmäßigkeit aufweisen. In anderen Worten: Dem allgemeinen Organisationsbegriff nach ist jeder Zusammenhang dann organisiert, bzw. hat dann eine Organisation, wenn er sich aufgrund seiner inneren Ordnung als Einheit von seiner Umgebung abspaltet oder abspalten lässt. Dabei spielt es erstens keine Rolle, wie diese Ordnung beschaffen ist – aus welchen Elementen und Relationen sie besteht, welchem Milieu sie trotzt, etc. Zweitens ist es für den allgemeinen Begriff nicht wichtig, ob die Grenzen des betreffenden Zusammenhanges von einem externen Beobachter festgelegt werden oder vom Zusammenhang selbst, sozusagen in Eigenregie. Damit erschöpft sich der Nutzen dieses allgemeinen Begriffes im Verweis auf die Ordnung eines irgendwie geordneten Zusammenhanges. Organisation kann dann beinahe beliebig als Synonym für Aufbau, Gestalt oder Struktur verwendet werden – ob man nun Kristallgitter nachzeichnet oder die Anatomie der Wirbel- und Weichtiere. Jede Wolke, jeder Baum und jedes Sternensystem zeigt in diesem allgemeinen Sinn eine gewisse Organisation. Inwieweit sich diese Ordnung dann tatsächlich von anderen Ordnungen unterscheidet – oder etwa von Unordnung insgesamt – muss eine spezielle Morphologie klären.135 Ein spezieller Organisationsbegriff kann sich inhaltlich auf bestimmte Elemente und deren Relationen beschränken, davon abgeleitet auf die Konstellationen und Anordnungen, die sich wiederholt, d.h. auf Dauer, zwischen den Elementen ergeben. Denkbar wäre etwa sich ganz auf Murmeltiere festzulegen und auf Murmeltierverhältnisse. So hätte man 135 Derart allgemein schreibt zur „Organisation von Pflanzen und Tieren“ bspw.: Heschl, Adolf: Das intelligente Genom, Berlin/ Heidelberg/ New York, 1998, S. 215. 62 einen Organisationsbegriff gerade für die Gruppierungen reserviert, die sich irgendwo oberhalb der Baumgrenze über Einzeltiere, Duftmarken, Pfiffe, Gänge, Höhlen, etc. zu Murmeltier-Kolonien ansammeln. Jede andere Beschränkung auf bestimmte ab- und eingrenzbare Entitäten ist dann ebenso zulässig – ob das nun Sterne sind, Stahlträger, Moleküle oder Menschen – und auf die Beziehungen, die sich dauerhaft zwischen den Entitäten ausbilden. Wenn man es genau nimmt, kann sogar jede Beziehung selbst als Entität interpretiert werden. Immerhin ist es reine Ansichtssache, ob Murmeltiere durch Pfiffe verbunden sind oder Pfiffe durch Murmeltiere. Eine andere Möglichkeit den Organisationsbegriff enger zu fassen ist eine Definition anhand der Form der betreffenden Konstellation oder Anordnung vorzunehmen, indem man also über gewisse formale Prinzipien und Regeln festlegt, was als Organisation zählt und was nicht. Das könnten bspw. Zusammenhänge sein, deren Elemente sich zu Kreisen oder Ellipsen anordnen. Man kann den Begriff genauso an liturgische oder grammatikalische Regeln koppeln. Denkbar ist auch eine Begrenzung anhand der Form des Prozesses, der die Ordnung erzeugt, aufrechterhält oder sichtbar macht. In dieser Hinsicht oft genutzt, da praktikabel, ist eine Beschränkung auf Formen, die sich allesamt klassisch darstellen lassen, d.h. mit endlichen Zeichenketten vollständig und widerspruchsfrei.136 Aber es lässt sich auch sinnvoll von Organisation sprechen, wenn der jeweilige Zusammenhang eine gewisse Komplexität und Eigendynamik entwickelt, um sich aus eigener Leistung von seiner Umwelt abzugrenzen. Diese Abgrenzung schließt zwar gewisse Formen ein, die sich nicht klassisch beschreiben lassen. Aber nichtsdestotrotz handelt es sich dabei um gewisse Formen. Sie zeichnen sich bspw. durch Autound Hetero-Referentialität aus, die im System eine eigene oder innere Zeit etablieren.137 Insgesamt bietet sich dann die Möglichkeit einer Definition über die Kombination inhaltlicher und formaler Bestimmungen. So lässt sich im Sinne der Arbeit eine Beschränkung auf arbeitsteilige Prozesse vornehmen – d.h. auf einzelne Arbeitsschritte als die Elemente der Organisation 136 Vgl.: Wiener, Oswald/ Bonik, Manuel/ Hödicke, Robert: Eine elementare Einführung in die Theorie der Turing-Maschinen, Wien u. a. 1998. Und vgl. hierzu: Weizenbaum, Joseph: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, Frankfurt a. M. 1978, S. 107-154. 137 Vgl.: Maturana, Humberto R.; Varela, F. J.: Autopoitische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation, in: Humberto R. Maturana: Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Ausgewählte Arbeiten zur biologischen Wirklichkeit, Braunschweig/ Wiesbaden 1985, S.170-234. 63 – um diese Prozesse zugleich über formale Prinzipien einzugrenzen – mithilfe derer sich die Arbeitsschritte zu besagten Prozessen verknüpfen. Den Weg gehen in der Betriebswirtschaftslehre (BWL) sowohl die Befürworter des instrumentellen, wie die des institutionellen Organisationsbegriffes. Eine ähnliche Kombination wählt auch die Ökonomik, sobald sie den Begriff mit der Trennung verknüpft, die freie Märkte einerseits und isolierte Akteure andererseits zum Ausgangspunkt nimmt.138 Ob man die Organisation dabei als gänzlich rationalen Akteur behandelt oder als eine Art Zwitterwesen, spielt noch nicht einmal die entscheidende Rolle, solange nur der Gegensatz der beiden Reinformen die Definition des Begriffes beherrscht. Dass man diesen Gegensatz mit der Welt „an sich“ verwechselt, ist so kurzsichtig, dass man es hier nicht gesondert behandeln will. Wir wenden uns im Folgenden den zwei maßgeblichen Organisationsbegriffen der BWL zu. 1.1 Organisation als Instrument Die Befürworter des instrumentellen Organisationsbegriffes (Organisation Nr. 1) sind zahlreich und das aus gutem Grund. Definitionsgemäß wird bei ihnen alles, was Teil der Organisation ist und was die Organisation leistet und leisten soll, von einem besonderen Ort aus festgelegt, gesteuert und kontrolliert. Dieser Ort kann leicht identifiziert werden. Ihn besetzt der Schöpfer und Konstrukteur der Organisation: der Organisator. Er legt ausnahmslos alle Elemente der Organisation planmäßig fest, deren Anordnung und die Wechselwirkungen zwischen ihnen, darüber das gesamte Verhalten der Organisation. Zwar kann dieser Ort von unterschiedlichen Personen – nacheinander oder in Gruppen – besetzt werden.139 D.h. der Organisator ist eine Funktion des betreffenden arbeitsteiligen Systems. Aber das ändert nichts am Charakter der Organisation. Sie soll das reine Mittel und Werkzeug eines übergeordneten Organisators sein, der sich – ob in Fleisch und Blut oder über Paragraphen – darin ausdrückt, dass er mithilfe der Organisation die Zwecke und Ziele des arbeitsteiligen Systems durchsetzen will. So zählt Gutenberg die Organisation zu den drei Schichten des dispositiven Faktors.140 Er ordnet sie – neben der Planung – dem eigentlich irrationalen Element des Gesamtsystems unter: das ist der ziel- und zwecksetzende Wille des Unternehmers. Die Organisation ist daher nach Gu- 138 Das ist immer der Fall. Vgl. Knight, Frank H.: The Economic Organisation, New York 1967, S. 15-30. 139 Vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, Berlin 1964. S. 39-53. 140 Der dispositive Faktor sichert die Kombination der drei Elementarfaktoren Arbeit, Boden und Kapital. 64 tenberg nicht mehr und nicht weniger als der verlängerte Arm der Betriebsleitung: „Sie kann nicht mehr sein und sollte auch nicht mehr sein als eben ein Instrument, dessen man sich in den Betrieben bedient, um vorgegebene Ziele und Ordnungen Gestalt werden zu lassen.“141 Unmittelbare Grenzen setzen dem Organisator bei der Verwirklichung der Organisation einzig die geltenden Naturgesetze und verfügbaren Ressourcen – Phantasie, Geschick, angrenzende Bevölkerungen etc. eingeschlossen. Eine zusätzliche, bzw. abgeleitete Forderung vermittelt die Ökonomik als Lehre vom guten Haushalten. Sie verweist – wie gesehen – auf die gleichsam naturgegebene Knappheit der Produktionsfaktoren und verlangt daher, dass man die Mittel und Ergebnisse der Haushaltung möglichst effizient aneinander ausrichtet.142 Ansonsten klärt der Vergleich der jeweils erwarteten Koordinations- resp. Transaktionskosten, ob es für die Haushaltung von größerem Nutzen ist Arbeitsteilung über den Markt anzustreben oder über eigenmächtige Organisation.143 Wenn sich die Befürworter des instrumentellen Begriffes dann erstens für eigenmächtige Organisation entscheiden und zweitens am Knappheitspostulat orientieren, versuchen sie mit der Organisation das optimale Verhältnis zwischen Faktoreinsatz (Input) und Faktorertrag (Output) zu erzielen. Als „gute“ Haushalter suchen sie die optimale Transformationsfunktion.144 Das Verhältnis von In- und Output kann als Ablauforganisation dargestellt und ins Werk gesetzt werden, d.h. als System von Geschäftsprozessen. Dazu werden einzelne Operationen als Elemente behandelt, um sie einander räumlich und zeitlich eindeutig vor- und nachzuordnen – in Form endlicher, linear-sequentieller Operationsketten. Simultane Operationen werden stets in übergeordnete Ketten integriert, um die Transitivität der Werte zu wahren. Man spricht dazu in Mitteln und Zielen. Ob man aber nur kurze Ketten entwirft – für einzelne Aufgaben – oder vielfach verzweigte Flussdiagramme, macht prinzipiell keinen Unterschied. Stets wird das Ergebnis der vorhergehenden Operation zum Ausgangs- 141 Gutenberg, Erich: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. Die Produktion, Bd. 1, Berlin 1983, S. 235. 142 Samuelson, Paul A.: Volkswirtschaftslehre. Das internationale Standardwerk der Makro- und Mikroökonomie, Landsberg a. Lech 2007, S. 21. 143 Zum Begriff der Transaktionskosten, mit ausgewählten Beispielen vgl. Richter, Rudolf/ Furubotn, Eirik G.: Neue Institutionenökonomik: Eine Einführung und kritische Würdigung, Tübingen 1999, S. 47-55. Darüber hinaus: Williamson, Oliver E.: Markets and hierarchies: analysis and antitrust implications : a study in the economics of internal organization, New York 1975. 144 Als Ertrags-/ oder Produktionsfunktion bei: Gutenberg, Erich: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. Die Produktion, Bd. 1, 1983, S. 9. 65 punkt der anschließenden Operation. Wir verdeutlichen das Prinzip an der Produktion von Stecknadeln mit den Symbolen des Programmablaufplanes (PAP) nach DIN 66001: Abb. 12 Dem Organisator bieten sich auch andere Symbole und Begriffe an. Ob er den Ablauf über Ereignisgesteuerte Prozessketten145 organisiert oder über Petrinetze146 macht aber keinen wesentlichen Unterschied. Ergänzt werden sollte nur, dass der Prozess als Routine eingerichtet und wiederholt wird. Das dient nicht zuletzt der Unterscheidung der standardisierten Geschäftsprozesse vom Projekt-Management. (Naturgemäß verschwimmt in freier Wildbahn die Grenze zwischen Routine und Projekt.) Ergänzt wird die detaillierte Beschreibung und Vorgabe der Abläufe durch die Beschreibung der Aufbauorganisation. Dazu werden Abteilungen und Stellen als die Elemente der Organisation betrachtet. Sie werden durch Verantwortungsbereiche, Weisungsbefugnisse und Kompetenzen voneinander abgegrenzt und aufeinander bezogen. Man trennt dazu in Linienstellen – weisungsbefugte und ausführende Stellen – sowie in Stabsstellen, die ohne Weisungsbefugnis weisungsbefugten Stellen zugeordnet sind. Der Aufbau der Organisation soll insofern die hierarchische Struktur des arbeitsteiligen Verbundes darstellen und sichern, indem die Stellen und Abteilungen einander eindeutig über-, unter- oder zugeordnet werden. Diese hierarchische Struktur ergänzt die Prozesse der Ablau- 145 Scheer, August-Wilhelm: ARIS – Vom Geschäftsprozess zum Anwendungssystem, Berlin 2002. 146 Petri, Carl A.: Kommunikation mit Automaten. Institut für instrumentelle Mathematik der Universität Bonn, Schriften des IIM Nr. 2, 1962. 66 forganisation in idealer Weise, da die Kommunikationsprozesse, die innerhalb dieser Struktur ablaufen, gleichfalls linear-sequentieller Natur sind. Das sind die offiziellen Entscheidungswege. Die inoffiziellen Wege der Organisationkultur lassen wir hier außen vor. Der Aufbau einer solchen Organisation wurde klassisch von Henri Fayol und Max Weber beschrieben.147 Wir verdeutlichen das Prinzip anhand eines simplen Organigrammes, indem wir der Leitung einen Stab zuordnen – bspw. einen Juristen – und ihr außerdem drei Abteilungen unterordnen – bspw. F&E, Produktion und Vertrieb. Darüber hinaus wird das Organigramm gewöhnlich durch detaillierte Stellenbeschreibungen erläutert und jeweils um die konkrete Person ergänzt, von der eine Stelle besetzt wird. Wir verzichten auf solche Details. (Der zur Darstellung benötigte Platz ist ein Nachteil von Organigrammen, besonders bei Organisationen mit vielen Abteilungen und Stellen.) Abb. 13 Bis auf die Stabstelle zeigt das Organigramm ein klassisches Einliniensystem. D.h. jede Stelle – bis auf den Leiter – ist einem Vorgesetzten untergeordnet, dem sie verantwortlich ist. Die Hierarchie kann durch Querschnittfunktionen – etwa Logistik, HR, QM oder Controlling – aufgeweicht werden, deren Aufgabenbereich sich über mehrere Abteilungen erstreckt. Man kann also die einzelnen Abteilungen und/oder Stellen systematisch mehreren Vorgesetzten mit verschiedenen Aufgabenbereichen unterordnen. Das führt zu Mehrliniensystemen, deren bekannteste Form die Matrixorganisation ist. Wir kommen darauf im nächsten Abschnitt zurück, weil diese Organisationsformen – wie gesagt – die Hie- 147 Henri Fayol: Allgemeine und industrielle Verwaltung. London 1929.; Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1972, S. 126 f.. 67 rarchie der Entscheidungswege aufweichen. Sie schaffen absichtlich Kompetenzkonflikte und benötigen Freiräume, die in einer – wie auch immer geführten – Organisationskultur gelöst werden müssen. Dasselbe betrifft Fayol´sche Brücken – die erzwungene Kooperation zwischen ausführenden Stellen, die keinen gemeinsamen Vorgesetzten haben – und das Linking-Pin-Model von Rensis Likert.148 Neuere Ansätze verwerfen solch eine strikte Trennung von Ablauf- und Aufbauorganisation, indem sie von Beginn an Prozess und Struktur als Gesamtheit betrachten.149 Ein gutes Beispiel bietet die schlanke Unternehmensführung (lean management), die sich von einzelnen Abteilungen löst und die gesamte Wertschöpfungskette organisiert.150 Falls aber dabei mit Organisation das klassische Werkzeug und Mittel des Organisators gemeint ist, ändert die neue Begrifflichkeit nichts Grundlegendes. Nach wie vor wird in der Organisation die Koordination der einzelnen Aufgaben über eine Hierarchie von Werten gesichert. D.h. es werden die jeweils relevanten Elemente über einen höchsten Wert als einem gemeinsamen Maß (summum bonum) in die gemeinsame Ziel- und Zwecksetzung integriert. Das Prinzip ist spätestens seit Aristoteles bekannt.151 Es wurde bereits eingangs an Robinsons Haushaltung dargestellt. Kurz und gut, die Vertreter des instrumentellen Organisationsbegriffes setzen an den Regelsystemen an, die sie formal in den Griff bekommen. Dabei betonen sie die Bedeutung der sogenannten „weichen“ oder „informellen“ Aspekte für das Gesamtsystem. Weil sich diese Aspekte der Kontrolle des Organisators entziehen – zu einem meist ungewissen Anteil – begnügen sie sich aber mit dem kontrollierbaren Bereich. Um dies aber zu betonen: Das heißt nicht, dass man als Vertreter des instrumentellen Organisationsbegriffes nicht um die Bedeutung der „weichen“ Aspekte wüsste, sondern dass diese Vertreter nur die harten Aspekte organisieren, genauer: dass sie nur an diesen harten Aspekte ansetzten, weil notwendig alle Aspekte zu harten Aspekten werden, wenn man sie konsequent als Instrument fasst. Formal lässt sich die Organisation dann als Algorithmus/Turing-Maschine beschreiben, d.h. als ein endliches und schrittweises Verfahren, „[...] das für jeden Fall, der in einem zuvor abgegrenzten Bereich von eindeutigen 148 Likert, Rensis: The Human Organization: Its Management and Value. New York 1967. 149 Schreyögg, Georg: Organisation. Grundlagen moderner Organisationsgestaltung, Wiesbaden 1998, S. 121f. 150 Womack, James P./ Jones, Daniel T.: Auf dem Weg zum perfekten Unternehmen, Frankfurt 1997. 151 Aristoteles: Politik, hrsg. von: Otfried Höffe, Berlin 2011. 68 Unterscheidungen auftreten kann, eine eindeutige und ausführbare Handlungsanweisung bereithält.“152 Das ist besonders bei der Ablauforganisation offensichtlich. Dabei spielt es keine Rolle aus welchem Material die Maschine besteht. „Was als Element in einer Maschine benutzt wird, ist ein Teil dieser Maschine.“153 Die bekanntesten Empfehlungen zur Konstruktion derart organisierter Mensch-Maschine-Interaktionen gibt Taylors Scientific Management. Seine Anweisungen sind mittlerweile ein wenig in Verruf geraten, führen aber in direkter Linie zur Prozessdefinition und Schnittstellenbeschreibung heutiger ERP-Systeme.154 Der Vorteil des instrumentellen Begriffes ist sicherlich, dass die Organisation nunmehr vollständig geplant und konstruiert werden kann. Damit kommt sie zur Recht überall dort zum Einsatz, wo repetitive Arbeit verlangt, d.h. standardisierte Verfahren zulässig und nützlich sind. Allerdings ist diese Organisation – wie Gutenberg betont – niemals in dem Sinne produktiv, „[...] daß sie neue Zielsetzungen, Verhaltensmöglichkeiten oder gar neue Werte (immanenter oder transzendenter Art) aus sich selbst heraus hervorzubringen vermag. Diese kreative Art von Produktivität ist notwendigerweise Sache derjenigen, die sich der Organisation bedienen, um ihre Zielsetzungen und Planungen Gestalt werden zu lassen.“155 In anderen Worten: Innerhalb dieses Apparates tauchen Abweichungen von der vorbestimmten Ordnung einzig als Störung auf. In einer dynamischen, d.h. wechselhaften und variantenreichen Umgebung ist somit die Ursache für die Effizienz und Vorhersagbarkeit des Systems zugleich dessen größter Nachteil. Aus diesem Grund stützen sich die meisten Fachleute, die arbeitsteilige Systeme betrachten, selten ausschließlich auf den instrumentellen Organisationsbegriff. In der Praxis wird daneben – mehr oder weniger fundiert und ausdrücklich und mehr oder weniger gleichberechtigt – ein institutioneller Organisationsbegriff verwendet. Dem widmen wir uns im nächsten Abschnitt. 152 Wiener, Oswald/ Bonik, Manuel/Hödicke, Robert: Eine elementare Einführung in die Theorie der Turing-Maschinen, Wien 1998, S. 28. 153 Wiener, Norbert: Mensch und Menschmaschine, Frankfurt a. M./ Berlin 1952, S. 194. 154 Vgl.: Taylor, Frederick W: The principles of scientific management. New York 2006. Gaitanides, Michael: Prozessorganisation. Entwicklung, Ansätze und Programme prozessorientierter Organisationsgestaltung. München 2007. Scheer, August-Willhelm (Hg.): Prozeßorientierte Unternehmungsmodellierung. Grundlagen – Werkzeuge – Anwendung, in: SzU, Band 53, Wiesbaden 1994. 155 Gutenberg, Erich: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre, Bd. 1, 1983, S. 236. 69 1.2 Organisation als Institution Der institutionelle Organisationsbegriff (Organisation Nr. 2) ist umfassender. Er zielt nicht nur auf das bewusst geschaffene Regelwerk ab, das ein eindeutig identifizierbarer Organisator durchgehend als Instrument und Werkzeug nutzt, sondern auf den gesamten arbeitsteiligen Verbund. Im ersten Fall hat dieser Verbund eine Organisation, im zweiten Fall ist er eine Organisation. Sieht man von feineren Unterscheidungen ab, lassen sich Schreyögg zufolge drei Aspekte ausmachen, die dem institutionellem Organisationsbegriff gemäß das arbeitsteilige Gesamtsystem auszeichnen: Erstens die beständigen Grenzen dieser Institution, zweitens deren intern geregelte Arbeitsteilung und drittens ihre jeweils spezifische Zweckorientierung.156 Wenn es nicht anders vermerkt wird, nutzen wir für die Arbeit den institutionellen Organisationsbegriff. Die Organisation ist dann ein gleichsam lebendes System. Erstens: Organisationen erzeugen eine relativ beständige Grenze gegen- über ihrer Umgebung. Diese Grenze müssen sie aus eigener Leistung aufrechterhalten. Sie spalten sich also selbsttätig von ihrer Umwelt ab. Dabei überdauern sie gerade so lange, wie ihnen ihre Grenzsetzung gelingt. In diesem Sinne darf man Organisationen als autopoietische Systeme bezeichnen.157 Darin gleichen sie Immunsystemen und Organismen. Falls man das Bild vom Lebewesen heraufbeschwört, sollte man allerdings eher an einen Regenwurm denken oder an andere Wirbellose, nicht etwa an höhere Lebensformen, wie Simon und March anraten.158 Dabei vollzieht sich die Grenzsetzung in einer Vielzahl simultaner Unterscheidungen, d.h. an vielen Orten gleichzeitig, eventuell mit unterschiedlichen Mitteln und Zielsetzungen. Die Differenzierung von System und Umwelt muss deswegen nicht nur permanent aktualisiert werden. Sie muss als Vielzahl von Operationen in einem übergeordneten Gesamtprozess zusammenfließen. Andernfalls zerfiele die Organisation. Es gäbe keinen Grund von einer Einheit zu sprechen. Ihre Dauer steht und fällt sozusagen mit diesem übergeordneten Prozess. Dass sie tatsächlich 156 Schreyögg, Georg: Organisation. Grundlagen moderner Organisationsgestaltung, Wiesbaden 2003, S. 9-11. 157 In Bezug auf Organisationen: Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, Wiesbaden 2011, S. 44-56. Weil hier allgemein vom institutionellen Organisationsbegriff die Rede ist, verzichten wir darauf, den Begriff in seiner ganzen Tiefe zu entfalten. Von einer operativen Schließung des Systems ist daher nirgends die Rede. 158 Vgl. March, James G./ Simon, Herbert A.: Organisation und Individuum. Menschliches Verhalten in Organisationen, Wiesbaden 1976, S. 9 70 öfter zerfällt, als steht, d.h. oftmals brach liegt, wurde in einflussreichen Studien betont und wird heute kaum mehr bestritten.159 Für die Befürworter des institutionellen Begriffes soll der Organisation der Vollzug ihrer Grenze/Einheit zumindest über zwei Wege gelingen: Erstens über die Bestimmung von Rollen und Mitgliedschaften, zweitens über die Integration der einzelnen Handlungen in die Ziel- und Zwecksetzungen des Gesamtsystems. Das wird sogleich unter Punkt zwei und drei eingehender besprochen. Zuvor sei erwähnt, dass der Einzelne nicht vollständig in der betreffenden Organisation aufgehen soll, sondern nur insoweit, wie es die Stellenbeschreibung der jeweiligen Mitgliedschaft vorschreibt. Menschen werden nur in den relevanten Aspekten integriert. Das ist in der Rolle von Handlungs- und Entscheidungsträgern.160 Das bedeutet mitunter, dass Menschen mehreren Organisationen zugleich angehören können. Man sollte dann auch annehmen dürfen, dass Personen mehrere Stellen in einer Organisation besetzen können, bspw. um parallel in zwei Projektgruppen zu arbeiten. Zweitens: Als Elemente des arbeitsteiligen Systems werden – wie angedeutet – nicht die beteiligten Menschen betrachtet oder die bearbeiteten Objekte, sondern einzelne Ereignisse/Operationen. Sie zerfallen naturgemäß in Operatoren und Operanden – ganz gleich, wie weit man im Einzelnen die Atomisierung der Handlungsfolgen treiben will. Falls man aber angibt, dass die Operationen Teil der Organisation sind, ist letztlich immer die Organisation selbst der dominierende Operator – meist indirekt, d.h. vermittels menschlicher oder nicht-menschlicher Stellvertreter. Inwieweit diese Stellvertreter zuverlässige Mittler sind, tut vorerst nichts zur Sache. Währenddessen klärt fürs Erste das Bürgerliche Gesetzbuch, in welchem Sinne die Operanden Teil der Organisation sind. Nun lassen sich für die einzelnen Operationen abermals Orte definieren. Diese werden – dem ökonomischen Prinzip gemäß – in eine optimale Anordnung gebracht, bzw. dementsprechend zum arbeitsteiligen Ge- 159 Siehe hierzu: Cohen, Michael/ March, James G./ Olsen, Johan P.: Ein Papierkorb- Modell für organisatorisches Wahlverhalten, in: James G. March (Hg.): Entscheidung und Organisation. Kritische und konstruktive Beiträge, Entwicklungen und Perspektiven, Wiesbaden 1990, S. 329-373. Meist wird dies von Beratern und Organisatoren – verständlicherweise – nicht zum Prinzip bewusster Gestaltung erhoben, sondern als Anlass genommen, um Regeln zu entwickeln – oder zumindest Empfehlungen für den ad hoc Gebrauch – die jener Auflösung entgegen wirken. 160 Vgl. Simon, Herbert A.: Das Verwaltungshandeln: Eine Untersuchung der Entscheidungsvorgänge in Behörden und privaten Unternehmen, Stuttgart 1955, S. 81ff. Zur Bestimmung von Rollen: Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, Berlin 1964, S. 39-53. Ders.: Organisation und Entscheidung, Wiesbaden 2011, S. 89-92. 71 samtprozess verknüpft. Dazu wird die Ordnung in spezifischen Regeln ausformuliert (Stellenbeschreibungen, Prozessdefinitionen, etc.). Daran können die Mitglieder der Organisation die Folgen ihres Handelns abschätzen, bzw. ihre Erwartungen danach ausrichten, was richtiges und falsches Verhalten betrifft – sei es eigenes oder fremdes. Dieses Regelungs- und Erwartungsmuster wird als Organisationsstruktur bezeichnet. Sie deckt sich mit dem formalen Apparat, den der instrumentelle Organisationsbegriff entwirft. Die Einhaltung der Regeln – und damit die Zuverlässigkeit der Stellvertreter – soll über Mitgliedschaftsbestimmungen abgesichert werden. Dasselbe gilt im Übrigen auch für nichtmenschliche Stellvertreter. Drittens: Die Organisation richtet sich als Einheit auf spezifische Ziele hin aus. D.h. es ordnen sich die einzelnen Elemente des Systems zu Zweck-Mittel-Ketten. Damit ist nicht gesagt, dass innerhalb der Organisation immer schon alle Operationen in einem einzigen Zweck gebündelt sind, bzw. dass die Zweck-Mittel-Ketten stets zueinander in konsistenter Ordnung stehen. Eine Transitivität der Werte herrscht nie selbstverständlich.161 Widersprüche und Differenzen in der Zielfindung stehen in Organisationen sozusagen auf der Tagesordnung. Längst hat man daher gelernt, Konflikte und Widersprüche absichtlich in der Organisationsstruktur zu verankern. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Matrixorganisation. Darin werden die Mitarbeiter oder Abteilungen jeweils zwei Dimensionen zugeordnet. Die Stellen sind dann jeweils zwei unabhängigen, aber gleichberechtigten Leitern untergeordnet. Durch die institutionalisierte Zweideutigkeit jeder Operation, wird die ständige Absprache zwischen den Dimensionen erzwungen. Wir bilden das ab: Abb. 14 161 Vgl. Cohen, Michael/ March, James G./ Olsen, Johan P.: Ein Papierkorb-Modell, in: James G. March (Hg.): Entscheidung und Organisation, 1990, S. 329-373. 72 Damit rückt für Vertreter des institutionellen Organisationsbegriffes der Prozess der Ziel- und Zwecksetzung in den Fokus. Es werden nunmehr die Kommunikations- und Entscheidungsprozesse betrachtet, die im Vollzug von Wahlakten eine Auswahl von Alternativen treffen.162 Dabei ereignen sich die Wahlakte simultan an verschiedenen Orten, eventuell mit widersprüchlichen Ergebnissen. D.h. letztlich müssen auch sie – die Bestimmung zweckmäßiger Mittel eingeschlossen – in einem übergeordneten Gesamtprozess zusammenfließen. Andernfalls verliert das arbeitsteilige System seine einheitliche Ausrichtung. Es zerfällt oder wird handlungsunfähig. Zusammengefasst können die vielen simultanen Grenzund Zwecksetzungen als die zwei Seiten einer Medaille behandelt werden, d.h. als der doppelte Vollzug der Organisation, die sich als Organisation mit jeder Operation einerseits von ihrer Umwelt abstößt und andererseits in einem richtungs- und maßgebenden Ziel bündelt. Für die spätere Untersuchung der MBH halten wir folgendes fest: Mit ›Organisation‹ meinen wir künftig das organisierte Gesamtsystem von Verhaltens-Atomen. Die MBH ist demnach eine Organisation. Dabei besitzt die Organisation eine gewisse Struktur von Stellen, die mit Personen als Mitgliedern der Organisation besetzt werden können. Diese Struktur nennen wir künftig Organisationsstruktur. Zugleich nehmen wir an, dass sämtliche Stellen idealerweise besetzt sind. Leere Stellen treten insofern als Störung auf. (Auf diese Annahme kommen wir in L2 zurück.) Die Stellen sind in der Organisation durch ihre Funktion aufeinander bezogen. Sie werden vom Organisator über Ziele aneinander ausgerichtet. Dementsprechend können sämtliche Operatoren und Operanden auf zumindest zwei Achsen thematisiert werden: Erstens anhand ihres rechtlichen Status, der sie als Personen ausweist. Die Menschen, die hinter den Personen stehen, sind das gewohnt und fordern es ein. In der Regel wird zu ihrer Verwaltung eine spezielle Abteilung (HR) gegründet. Wir werden das in der Untersuchung berücksichtigen, indem wir später in offizielle Akteure (Personen) und inoffizielle Akteure (Nicht-Personen) unterscheiden. Nicht-Menschliche Verhaltens-Atome werden hingegen in zielgerichteten Verfahren fixiert, d.h. in Maschinen. (Mehr dazu in L.2) Zweitens anhand gewissen Regeln, die ihre Mitgliedschaft/Nicht- Mitgliedschaft klärt. Wir werden uns in der Untersuchung aber nicht nur auf Verträge stützen, sondern auch auf den Ort der Arbeitsplätze und die Frage, ob die betreffenden Personen regelmäßig in gemeinsame Entscheidungsprozesse eingebunden werden. 162 Vgl. Simon, Herbert A.: Das Verwaltungshandeln, 1955, S. 102-104. 73 1.3 Was triviale und nicht-triviale Maschinen leisten Nun unterscheiden sich die beiden Organisationsbegriffe ganz erheblich. Während die Befürworter von Organisation 1 am Input/Output-Modell einer klassischen Maschine festhalten, entwerfen die Befürworter von Organisation 2 das Modell eines Systems, das sich selbst organisiert und eben nicht vollständig durch sein Input determiniert wird. Damit räumen die Letzteren ihrem Gegenstand ein gewisses Maß an Freiheit ein. Das hat zur Folge – spätestens beim Übergang zur Praxis – dass man innerhalb des arbeitsteiligen Systems Freiräume lokalisieren und nutzten will. Zwar kann man nicht im Umkehrschluss behaupten, die Vertreter des instrumentellen Begriffes hätten keinen Begriff von Freiheit oder würden schlichtweg alle Prozesse und Regeln ausblenden, die sie mit klassischen Mitteln nicht in den Griff bekommen. Immerhin sind ihre Hand- und Lehrbücher voll von Verweisen auf die Motivation der Mitarbeiter, eine förderliche Unternehmenskultur oder die Bedeutung anderer „weicher“ Faktoren. Um es zu wiederholen: Mit ihrem Begriff zielen sie nicht auf das gesamte arbeitsteilige System ab, sondern nur auf bestimmte formale Aspekte desselben. Im Weiteren erübrigt sich die Frage, inwieweit die Organisationstheorie insgesamt mit den beiden skizzierten Begriffen verschiedene Modelle arbeitsteiliger Systeme entwirft. Dem fehlt hier allein schon die Grundlage, ist doch die oben vollzogene Zweiteilung ein ziemlich grobes Mittel, um auf dem engen Raum einführender Seiten die weitverzweigte Familie der Organisationstheorie unter einen Hut zu bekommen – ein anerkanntes zwar, aber eben ein grobes.163 Abgesehen davon benötigt die Unterscheidung für die Zwecke der Arbeit keine feinere Zergliederung. Neben der Einführung dient sie der Gegenüberstellung zweier Systeme: Erstens der vollständig determinierten Maschine (System 1), zweitens dem lebenden oder gleichsam lebenden System (System 2). Man steht hier nicht an der Wegscheide jenes Konstrukteurs und Erforschers arbeitsteiliger Systeme, der sich gezwungen sieht, Position zu beziehen, entweder für die Tauglichkeit des einen oder des anderen Begriffes. Vielmehr können fortan beide Begriffe als gleichberechtigte Partner behandelt werden, oder genauer: als Bezeichnungen für zwei unterschiedliche Modelle, die sich nicht ausschließen, sondern ergänzen, weil sie mit verschiedenen Mitteln und von verschiedenen Standpunkten aus auf unterschiedliche Aspekte der Welt abzielen. Falls wir gelegentlich auf besonders radikale Vertreter der beiden Idealtypen verweisen, 163 Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon. A-Z: die ganze Welt der Wirtschaft: Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Recht, Steuern, Wiesbaden 2001. 74 sind das ebenso Konstrukte, wie die Idealtypen selbst. Das schließt nicht aus, dass man mit etwas Glück in freier Wildbahn dem einen oder anderen Fundamentalisten über den Weg läuft. Dessen ungeachtet ist es ratsam – um Verwirrung auszuschließen – eigenständige Bezeichnungen für die beiden Modelle einzuführen. Nach allem, was bisher gesagt wurde, bietet sich eine griffige Unterscheidung Heinz von Foersters an: die Trennung in triviale und nicht-triviale Maschinen. ›Maschine‹ und ›System‹ nehmen wir von nun an als Synonyme.164 Triviale Systeme verhalten sich von Foerster gemäß in dem Sinne trivial, dass sie festgelegte Operationen stets zuverlässig durchführen: „Eine triviale Maschine (TM) verbindet fehlerfrei und unveränderlich durch ihre Operationen »Op« gewisse Ursachen (Eingangssymbole, x) mit gewissen Wirkungen (Ausgangssymbolen, y).“165 Diese Maschine ist synthetisch determiniert, vergangenheitsunabhängig, vorhersagbar und analytisch determinierbar.166 Der Begriff formuliert damit mehr als nur ein Modell für den instrumentellen Organisationsbegriff. Mit der trivialen Maschine setzt von Foerster ein Erklärungsschema ins Bild, ohne das die moderne Wissenschaft undenkbar wäre: den Kausalnexus.167 Die folgende Tabelle sollte daher keine weitere Erklärung nötig haben: Tab. 2 164 Ashby, William R.: Einführung in die Kybernetik, Frankfurt a. M. 1974. 165 Foerster, Heinz von: Einführung in den Konstruktivismus, München 1997, S. 60. 166 Ebd. S. 62. 167 Ders.: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, Frankfurt a. M. 1993, S. 357 75 Das Schema lässt sich ausdrücken als Op(x) → y oder y = Op(x), bzw. als Wirkfunktion: y= f(x). Der Vollständigkeit wegen als triviale Blackbox: Der Terminus nicht-triviale Maschine bezeichnet hingegen Systeme, deren Input-Output-Relation variiert, weil der interne Zustand (Z) des Systems, der das aktuelle Verhalten des Systems bestimmt, durch vorhergehende Operationen festgelegt wird. Bereits durchlaufene Schritte legen insofern das gegenwärtige Verhalten dieses Systems fest. Es verhält sich in der Tat historisch. Ein externer Beobachter, der nicht in die Konstruktion involviert war, wird das Verhalten dieses Systems nicht vorhersagen können und das obwohl die Maschine synthetisch determiniert ist und also konstruiert werden kann.168 Von Foerster betont, dass bereits bei zwei möglichen Zuständen und jeweils vier Ein- und Ausgängen ungefähr 10155 Versionen solch einer nicht-trivialen Maschine möglich sind.169 Diese Blackbox bleibt für Außenstehende ein Buch mit sieben Siegeln: Tab. 3 Die Tabelle bildet das Verhalten der Maschine ab, wie es auf der Basis von zwei möglichen Zuständen festgelegt sein könnte. Die dritte und sechste Spalte der Tabelle geben den künftigen Zustand z´ an, den die Maschine nach der Durchführung der jeweiligen Operation einnimmt. Bspw. transformiert diese Maschine im Zustand I das Input B zum Output 2, sich selbst aber in den Zustand II. Im Zustand II transformiert sie B nicht länger zu 2, sondern zu 3, sich selbst in den Zustand I, usw. usf. Man bekommt es mit einer verschachtelten Maschine zu tun, mit einer 168 Ebd. S. 358-360. 169 Ebd, Abb. 15 76 Maschine in der Maschine.170 Sie lassen sich ausdrücken als Antriebsund Zustandsfunktion: y = F (x, z) z' = Z (x, z) Von Foerster hebt dabei vor allem auf den Wechsel interner Zustände ab, der es einem externen Beobachter nachträglich unmöglich macht, die Verbindungsglieder zwischen Ursache und Wirkung (Transformationsregeln, Naturgesetze, Funktionen des Operators, etc.) analytisch zu bestimmen.171 Dabei koppelt er die Rekursivität der Operationen an das Aufrechterhalten jener Grenze, mit der sich ein autopoietisches System eigenständig von seiner Umwelt abspaltet. Diese Grenze wird uns noch das eine oder andere Mal beschäftigen. Hier sei einzig auf die umfangreiche Forschung zur Kybernetik zweiter Ordnung verwiesen, insbesondere auf Spencer-Browns Calculus of Indication.172 Darüber hinaus wurde das Modell mit der Komplexität eines Systems in Verbindung gebracht.173 Das ist durchaus berechtigt. Die triviale Maschine zeigt dem Außenstehenden dasselbe Verhalten, wie ein komplexes System. Allerdings lässt sich vom diesem Modell nur ein eingeschränkter Begriff von Komplexität ableiten. Vorsichtiger formuliert: Falls man den Komplexitätsbegriff von einzelnen nicht-trivialen Systemen ableitet, verdeckt man in gewisser Weise, was die Form komplexer und nichtkomplexer Zusammenhänge unterscheidet. Das will demonstriert sein. Wir widmen dem T3 und T4 und bereiten das mit einer Vereinfachung des Modells nicht-trivialer Maschinen vor. Erneut eine Anweisung für den Bau einer nicht-trivialen Maschine: Ihr Gehäuse sei ein Zimmer mit vier Ein- und vier Ausgängen. Ins Zimmer setzen wir zwei Personen. Jede Person vertritt einen von zwei Zuständen. Das Zimmer ist immer in genau einem Zustand. Es kann seine zwei Zustände nur abwechselnd annehmen. Um den reibungslosen Verlauf des Wechsels zu garantieren werden die Insassen mit obiger Tabelle ausgerüstet, oder besser: Jeder erhält gerade die Spalten der Tabelle, die sein Verhalten festlegen, bzw. das Verhalten der Maschine, die er vertritt. 170 Ebd. S. 248. 171 „Die Kategorie der Kausalität hat in analytischen Untersuchungen [angesichts nicht-trivialer Systeme, Anm. d. Verf.] jeden Sinn verloren und ist unbrauchbar geworden.“ Ebd. S. 360. 172 Guten Überblick bietet: Baecker, Dirk (Hg.): Probleme der Form, Frankfurt a. M. 1993. 173 Ulrich, Hans/ Probst, Gilbert J.B.: Anleitung zum ganzheitlichen Denken und Handeln. Ein Brevier für Führungskräfte, Bern 2001. 77 Vorsichtshalber werden die Insassen darauf eingeschworen, den Anweisungen der Tabelle unbedingt Folge zu leisten. Um zu markieren, in welchem Zustand sich das Zimmer befindet, erhebt sich die zuständige Person von ihrem Stuhl. Sie kann auch in die Hände klatschen oder ein paar feierliche Worte sprechen. Bei uns zeigt ein Rahmen und gute Laune an, wer an der Reihe ist. Der Eingerahmte erledigt also lächelnd auf ein Input hin seiner Tabelle gemäß die vorgegebene Operation. Danach wechselt die Zuständigkeit je nach Vorgabe oder sie wechselt nicht. Beim nächsten Input kommt es zur nächsten Operation. Abermals wechselt die Zuständigkeit oder wechselt nicht, etc. Die Maschine lässt sich derart illustrieren: Abb. 16 Es lassen sich nun problemlos mehr als zwei Zustände für das Zimmer denken. Falls für jeden Zustand genau eine Person vorgesehen ist, wird es vielleicht ein wenig eng. Dem kann man begegnen, indem jede Person mehrere Zustände vertreten darf. Das soll aber nicht mit der Leistung des Zimmers verwechselt werden – das Zimmer ist die entscheidende Instanz – denn das Zimmer ist stets in genau einem Zustand. D.h. es gibt nur einen Rahmen, der durch die Bänke wechselt und den jeweiligen Zustand markiert. So gibt der Rahmen den Standpunkt an, der für den Moment alle anderen dominiert. Gewissermaßen schlummern die nichtmarkierten Zustände im Hintergrund. Das soll das folgende Schaubild mit vier Personen im Zimmer ausdrücken: Abb. 17 78 Wie sich nun unschwer erkennen lässt, steht zwar dem internen Entscheidungsprozess einer nicht-trivialen Maschine eine Mehrzahl gleichberechtigter Zustände zur Auswahl. Und diese Zustände hängen immerhin wechselseitig voneinander ab. Aber diese Wechselseitigkeit wird durch die lineare Abfolge einzelner Zustände gesichert. Das Verhalten einer nicht-trivialen Maschine lässt sich daher – trotz aller Rekursivität – vollständig in Form eines Algorithmus darstellen. Es herrscht ausdrücklich kein simultanes Nebeneinander mehrerer Standpunkte. Vielmehr zeigt das Modell immer gerade den Prozess, der im Verhalten komplexer Systeme Einheit schafft. Es zeigt – das ist sein Verdienst – was es heißt, dass jeder Akt des Systems, d.h. jede Entscheidung, die Vielzahl möglicher Zustände in einem Meta-Standpunkt bündelt. Eben darin erzeugt sich das Zimmer als Einheit. Es hält kontinuierlich einen Operator aufrecht – hier im Rahmen – der das Verhalten der nicht-trivialen Maschine bestimmt. Dieser Operator ist quasi ein Ort, der von unterschiedlichen Zuständen der Reihe nach besetzt werden kann. Von dort aus gelingt dann die Integration der Elemente oder sie gelingt eben nicht. Das Kontinuierliche an diesem Prozess als komplex zu bezeichnen, würde aber die Begriffsbildung verwirren, denn das Kontinuierliche daran ist die Einheit des Systems selbst. Im Weiteren wird die nicht-triviale Maschine vor allem interessant, weil man erstens neben dieses System ein zweites, drittes oder viertes nichttriviales System setzt, zweitens, weil man diese Mehrzahl an Systemen gleichzeitig miteinander interagieren lässt. Der Verbund scheint auf den ersten Blick chaotisch und wild. Dann drängt sich die Frage auf, inwieweit man dieses Nebeneinander verbindlich, d.h. allgemeingültig fassen kann. Es stellt sich die Frage nach einer geeigneten, wenn nicht gar richtigen Methode zur Betrachtung und Beschreibung einer Mehrzahl interagierender nicht-trivialer Systeme. Beim Vorschlag v. Foersters, das gesamte Netzwerk von Interaktionen selbst als nicht-triviale Maschine zu interpretieren, wollen wir es nicht belassen.174 Das lässt sich bereits vorausschicken und ist ein guter Abschluss dieses Kapitels, weil die Kehrseite dieses Nebeneinanders – das Knappheitspostulat hinzugenommen – eine ökonomische Betrachtung des menschlichen Mit- und Gegeneinanders ist, die unter der Bezeichnung Neo-Klassik stets aufs Neue für Furore sorgt. Bevor wir uns wieder den Besonderheiten komplexer Zusammenhänge widmen, muss aber – um einem falschen Verständnis von Ordnung entgegen zu wirken – eine weitere Unterscheidung gemacht werden: Die Trennung in beabsichtigte und unbeabsichtigte Ordnung. 174 Foerster, Heinz von: Wissen und Gewissen, 1993, S. 253. 79 2 Exkurs 1: Intendierte und Nicht-Intendierte Ordnung „Wenn man Intelligenz zu Ende denkt, erkennt man, dass sie lediglich eine Krücke der Phantasie ist.“ 175 Es ist naiv anzunehmen der Schnitt, den die Vertreter von Organisation 1 zwischen determinierten und nicht-determinierten Ordnungen vornehmen, sei insgesamt identisch mit der Grauzone, die zwischen intendierten und nicht-intendierten Ordnungen insgesamt verläuft. Eine beabsichtigte Ordnung muss keineswegs vollständig durch den Plan oder Entwurf eines Konstrukteurs determiniert sein. Indem man einigen – oder allen – angeordneten Elementen Wahlmöglichkeiten einräumt, können gewisse Freiräume durchaus mit Absicht offen gehalten werden. Das ist die aufgeklärte Antwort auf die Frage nach der Theodizee und der Grundgedanke des Ordoliberalismus.176 Die Freiräume werden im Konstruktionsplan für arbeitsteilige Systeme gewöhnlich mit den Stellvertretern, Stellen oder Versammlungen identifiziert, die Entscheidungen treffen.177 Sie vertreten dann Entscheidungsspielräume – nicht nur an der Spitze der Organisation, wie Simon betont.178 Sieht man von den Bereichen mit intendierter Ordnung ab, entziehen sich aber die Bereiche nicht-intendierter Ordnung in weiten Teilen der Betrachtung – und zwar ganz grundsätzlich. Definitionsgemäß wurden sie nicht vor(her)gesehen, geschweige denn geplant. Dessen ungeachtet können sie sich zwar als recht triviale Angelegenheiten entfalten, d.h. als vollständig determinierte Prozesse. Die Schwerkraft setzt jedem Freigeist gewisse Grenzen. In welchen Aspekten die nicht-intendierten Ordnungen aber erkannt und verstanden, ja überhaupt erst bemerkt wurden, zeigt sich, wenn sie sich – in den betreffenden Aspekten – reproduzieren, d.h. nachträglich entwerfen und konstruierten lassen. Erst die Reproduktion schafft gesichertes Wissen.179 Um das zu betonen: Ein klares, sozusagen simples Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung ist gewöhnlich 175 Tarde, Gabriel: Monadologie und Soziologie Monadologie, Frankfurt 2009, S. 74 176 Eucken, Walter: Die Grundlagen der Nationalökonomie, Berlin 1965. 177 Gutenberg, Erich: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. Bd.1. 1983. 178 Vgl. Simon, Herbert: Entscheidungsverhalten in Organisationen. Eine Untersuchung von Entscheidungsprozessen in Management und Verwaltung, Landsberg am Lech 1981. 179 Vgl. hierzu: Latour, Bruno/ Woolgar, Steve: Laboratory Life. The Construction of Scientific Facts, Princeton 1986, S. 176f. 80 die nachträgliche Interpretation komplexer Zusammenhänge.180 Erst in der Retrospektive wird der Prozess linear. Darum betont Wittgenstein, dass sich die Ereignisse der Zukunft nicht aus den gegenwärtigen erschließen. „Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.“181 Eine Reproduktion kann über wissenschaftliche Experimente zustande kommen, über Tradition, Zufall, mathematische Modelle oder Magie. Entscheidend ist, dass die nicht-intendierte Ordnung immer erst nach der Reproduktion in den Topf mit intendierter Ordnung fällt. Sie wird in der Wiederholung bestätigt und ist dann – in den erzeugten Aspekten – erkannt und verstanden. Daher lässt sich erst in der Retrospektive bestimmen – von einem bestimmten Standpunkt aus – ob eine Ordnung intendiert oder nicht-intendiert war. Falls sich die Ordnung jedoch eines Tages nicht mehr reproduzieren lässt, sich sozusagen gegen die Reproduktion sträubt, war sie immer schon unverstanden – zumindest in den besagten Aspekten und das sind meist grundlegende. Die Ordnung kann dann allenfalls klassifiziert werden. Es entstehen mehr oder minder präzise Zuschreibungen wie, „chaotisch“, „defekt“, „verrückt“, etc. So ist die Grenze zwischen den Bereichen an intendierter und nichtintendierter Ordnung ständig in Bewegung. Sie gleicht viel mehr der Differenz von „nass/trocken“ innerhalb einer Sumpflandschaft als dem Zaun, der säuberlich zwei Kuhherden trennt. Um die Situation in ein nüchternes Bild zu fassen, geben wir etwas schwarze Farbe in den Topf mit intendierter Ordnung. Alle Bereiche mit nicht-intendierter Ordnung bleiben hingegen weiß. Nun entstehen – bei der Reproduktion der Welt – schwarze Zonen, vor allem aber Grauzonen auf weißem Grund. Von da ab kommt alles auf die Maßgaben der Betrachter an. Je nach Einstellung ergeben sich unterschiedliche Zirkel, Zonen und Muster. Es lassen sich Grenzbereiche als exakte Ränder oder als endlose Fraktale beschreiben. Vor allem – und das ist wichtig – können je nach Fachgebiet und Fokus des Betrachters die einzelnen Elemente einer Konstellation als Elemente oder als Konstellation betrachtet werden. Mit Hobbes bspw. verklumpt die ganze Gesellschaft zu einem großen Tier. Mit Tarde hingegen ist jedes Ding eine ganze Gesellschaft.182 Alles kann sich von da ab mit allem verbinden. Wenn aber viele dieser Element-Konstellationen – um 180 Ähnlich Latour: „Ursachen und Wirkungen sind nur eine retrospektive Interpretationsweise von Ereignissen.“ Ders.: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, 2007, S. 70. 181 Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung, Frankfurt a. M. 2001, Satz 5.1361. 182 Vgl. Tarde, Gabriel: Monadologie und Soziologie, 2009, S. 51. 81 nicht Akteur-Netzwerke zu sagen183 – im wilden Mit-, Neben- und Durcheinander selbsttätig interagieren, ereignen sich zwischen diesen Element-Konstellationen mannigfache Kombinationsmöglichkeiten. Auf Günther vorgreifend: Die Welt ist poly-kontextural – nur um sie in diesem Zusammenhang wieder umgehend auf einen Begriff gebracht zu haben. Das Nebulöse an jener Grauzone zwischen den intendierten und nicht-intendierten Ordnungen rührt insofern vom Gegenstand selber her – sei es der Mond, der sich in Moleküle auflöst, oder eine Mikrobe, die ganze Landstriche verändert. Entgegen der Hoffnung Laplace´ ist die Welt kein Baukasten, dessen Klötze eindeutig etikettiert und restlos verteilt werden könnten. Die Grauzonen verbergen Regenbögen! Angesichts solch eines Durcheinanders ist es dienlich, wenn man die Betrachtung vorab auf bestimmte Elemente und Konstellationen ausrichtet. Hier, in dieser Untersuchung, werden es einzelne Verhaltens-Atome sein und arbeitsteilige Systeme. Die Untersuchung zählt sich insofern zur Familie der Sozialwissenschaften. Man sollte darüber allerdings nicht vergessen, dass jeder Maßstab letztlich eine Krücke ist, um die Vielfalt der Welt zu meistern. Inwiefern währenddessen – hinter unserem Rücken – die nicht-beobachteten Element-Konstellationen wechselseitig ineinander greifen, ist nicht nur in weiten Teilen unbeabsichtigt, sondern völlig ungewiss. Man weiß nicht, wie viele weiße Flecken es gibt. Im Übrigen: Dasselbe gilt für den allgemeinen Begriff von Ordnung. Insofern sind die Ränder des Wissens immer ausgefranst. Wissen ist stets Halbwissen, es bringt sein Nicht-Wissen mit sich. Wissen grenzt an Metaphysik – ob man sie lauthals verkündet oder bescheiden vollzieht, tut nichts zur Sache. Diesen Umstand – dass die Ränder des Wissens stets ausgefranst sind – sollte man sich als Experte eingestehen, als Forscher aber zur Grundannahme machen. Und dem soll auch die Arbeit Rechnung tragen. Das ändert allerdings nichts daran, dass sich die Arbeit besonders den Bereichen an intendierter Ordnung widmet – um diese Bereiche besser abzustecken oder mit anderen, etwa den nicht-intendierten Bereichen zu verknüpfen. Immerhin will man selbst einen Beitrag zu den Verfahren der zweckmäßigen Gestaltung von Organisationen leisten. Uns wird das später – den werten Leser huckepack – in die Rolle eines Forschers drängen, der mitten im Sozialen das Soziale nachzeichnet, bzw. Spuren davon. Dabei wird man während der Erhebung der Daten noch früh genug merken, dass der Forscher als Akteur und Beobachter mitten zwischen anderen Akteuren und Beobachtern steckt. Die Unter- 183 Latour, Bruno: Einführung ANT, 2007. 82 scheidung in triviales und nicht-triviales Verhalten wird dann eines der Hilfsmittel sein, die wir – Autor und Leser – zur Verständigung haben. Die Unterscheidung wird sogleich ergänzt von der Trennung in komplexe und komplizierte Prozesse, sowie später durch einige weitere Unterscheidungen. Am Ende versuchen wir dann in L2 das Problem aus P2 ein Stück weit zu lösen oder zumindest besser zu verstehen. Dabei drängt sich eine topographische Betrachtungsweise des Sozialen auf. Damit zurück zum Thema, d.h. zur Problematik der Arbeit. 3 Ordnung als Über-/Unter- und Neben-Ordnung 3.1 Komplizierte und komplexe Prozesse Wir kommen auf Böhms Unterscheidung in Subordination und Koordination zurück.184 Böhm koppelt die Unterscheidung an zwei Wirtschaftssysteme – freie Marktwirtschaft und zentrale Planwirtschaft. Er bestreitet vehement die Möglichkeit nützlicher Kombination.185 In beidem muss man ihm nicht folgen. Es ergeben sich zwei Bereiche in Reinform, die wir als komplexe und komplizierte Ordnung bezeichnen.186 Wir bilden beide Bereiche ab, indem wir die Elemente der Ordnungen als Knoten und deren Verhältnisse als Kanten fassen. Dann zeigen die Linien Wege an, über die sich die Elemente gegenseitig beeinflussen können. Das soll hier durch die Weitergabe eines äußeren Reizes sein. Die beiden Ordnungen geben also Strukturen wieder, in denen sich ein Entscheidungs- oder Kommunikationsprozess ereignen kann. Abb. 18 Das Ordnungsprinzip der komplizierten Ordnung ist die Über- /Unterordnung der Elemente. Ein Kommunikationsprozess, der sich darin ereignet, kennt nur zwei entgegengesetzte Richtungen: nach oben und 184 Böhm, Franz: Die Idee des ORDO im Denken Walter Euckens, aus: ORDO. Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 3, Bad Godesberg 1950, S. XXXII. 185 Ebd.: S. XXXV. 186 Das ist die Bedeutung, die Bruno Latour den beiden Begriffen gibt. Vgl. Latour, Bruno/ Strum, S. S.: Redefining the social link. From baboons to humans, in: Social Science Information; Dec. 1987, Vol. 26 Issue 4, S. 783-802, S. 790f. 83 nach unten. Natürlich kann man die Struktur um 90° drehen. Dann verläuft der Prozess in der Horizontalen. In jedem Fall sind für alle Stationen, die der Reiz durchläuft, Vorgänger und Nachfolger eindeutig bestimmt. In unserem Fall hat zwar jedes Element einen Vorgänger und genau zwei mögliche Nachfolger. Diese Dichotomie findet in Platons Methode der Begriffsbildung mithilfe einfacher Unterscheidungen (διαίρεσις) einen frühen Ausdruck.187 Aber wir wiederholen sie hier einzig aus Platzgründen. Man kann jeweils mehr als zwei mögliche Nachfolger zulassen, wenn diese als Nachfolger einem gemeinsamen Vorgänger untergeordnet sind. Dann nimmt jeder Prozess, der auf den Pfaden dieser Pyramide verläuft linear-sequentielle Formen an. Dann steht der Kommunikation zwischen den Elementen stets ein einzig möglicher Weg offen – egal, ob der Weg direkt zwischen zwei Elementen verläuft oder indirekt über mehrere Ebenen der Pyramide. Das Ordnungsprinzip einer komplexen Ordnung ist hingegen die Nebenordnung der Elemente. Es gibt dann keine übergeordneten Elemente mehr. Jedes Element ist direkt mit jedem anderen verbunden (Superadditivität) und so siedeln sich alle Elemente in einer Ebene an. Jedes Element kann nun direkt von jedem anderen Element beeinflusst werden, zugleich aber auch indirekt über vermittelnde Elemente. So stehen der Kommunikation zwischen den Elementen viele Wege offen. Ein Prozess, der auf den Pfaden dieses Netzes verläuft, muss nicht unbedingt linearsequentielle Formen annehmen. Sender und Empfänger können sich gleichzeitig über mehrere Wege beeinflussen, die nebeneinander liegen. Ein Kommunikationsprozess, der sich in diesem Netz ereignet, darf also parallel-simultane Formen annehmen. Sicher lassen sich die Ereignisse eines parallel-simultanen Prozesses auf das Verhältnis weniger Variablen reduzieren – im Bereich bestimmter Bedingungen, etwa auf den Kausalnexus zweier messbarer Größen. Diesem Verfahren verdanken wir den Benzinmotor und salivierende Hunde. Doch so erzeugt man aus dem komplexen Zusammenhang – durch die Quantifizierung der Wirkgrößen – einen Bereich komplizierter Ordnung. Das gilt auch für stochastische Verfahren, d.h. für die Maximierung der Variablen, anstelle ihrer Minimierung. Wie Weaver deutlich macht, sind diese Verfahren aber nutzlos, wenn man sich organisierter Komplexität zuwendet, d.h. komplexen Ordnungen, die als komplexe Systeme zugleich „wesentliche Züge einer Organisation aufweisen.“188 187 Platon: Politikos, in: Sämtliche Werke. Politikos, Philebos (u.a.), Bd. 5, in der Übers. von Friedrich Schleiermacher, Hamburg 1959, 287c. 188 Weaver, Warren: Wissenschaft und Komplexität, in: ORDO. Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 18, Düsseldorf 1967, S. 163-171, S. 169. 84 Sie verhalten sich für Außenstehende wie ein nicht-triviales System. In ihnen ist „[...] das Ganze mehr als die Summe seiner Teile, [...] in dem wichtigen pragmatischen Sinne, daß dann, wenn die Eigenschaften der Teile und die Gesetze ihres Zusammenwirkens gegeben sind, es keine triviale Sache ist, auf die Eigenschaften des Ganzen zu schließen.“189 Das muss man sich vor Augen halten. Offen bleibt die Frage, wie sich solche Systeme ordnen lassen. Das Kombinationsprinzip ist Simon gemäß simpel. Es werden die einzelnen Positionen der Pyramide mit Bereichen besetzt, in denen jeweils eine komplexe Ordnung herrscht. Damit ist gemeint, „[...] daß das komplexe System aus Subsystemen gebildet ist, die wiederum ihre eigenen Subsysteme haben und so fort.“190 Als Beispiel nennt Simon einen Uhrmacher, der sein 1000teiliges Werkstück folgendermaßen konstruiert: Er bildet 100 komplexe Untergruppen mit jeweils 10 Teilen. Dann fasst er 10 Untergruppen zu einer komplexen Übergruppe zusammen. 10 dieser Übergruppen ergeben endlich das komplexe Gesamtsystem.191 Es hat drei Ebenen der Komplexität. (Simon vergisst dabei zu klären, ob er die Gruppen auch als Teile zählt.) Solch ein System wird in Abb. 20 mit zwei Ebenen und 42 Teilen dargestellt. (Abb. 19) Es leuchtet ein, dass weitere Kombinationsmöglichkeiten zulässig sind, von denen wir nur zwei anzeichnen. Wir verzichten an dieser Stelle darauf, die beiden Ordnungen besonders kreativ zu kombinieren. Es lässt sich aber festhalten, dass man innerhalb eines solchen superadditiven Gesamtverbundes zwischen der Komplexitätstiefe und der Komplexitätsbreite unterscheiden kann, indem die Stufen oder Ebenen der Komplexi- 189 Simon, Herbert: Architektur der Komplexität, in: Klaus Türk: Handlungssysteme, 1978, S. 95. 190 Ebd.: S. 95. 191 Ebd.: S 100. 85 tät die Tiefe und die Anzahl der Subsysteme innerhalb eines Verbundes die Breite festlegt. Bis wir erklären können, wie der Gesamtverbund aus eigener Leistung an Breite und Tiefe zunimmt, ist es noch ein weiter Weg. Hier belassen wir es auf den Verweis auf L2. Im Detail ist es vorerst also jedem selbst überlassen, ob er die einzelnen Positionen seines Gegenstandes als komplizierte oder als komplexe Ordnungen begreift: (Abb. 20) Bisher haben wir nur die allgemeinen, d.h. abstrakten Voraussetzungen geschaffen, unter denen sich eine Ordnung bilden kann, die komplizierte und komplexe Prozesse kombiniert. Das ist das Verfahren, das v. Hayek der Ökonomik, bzw. Katallaktik an die Hand gibt. Sie hat einen Vor- und einen Nachteil: „Diese indirekte Methode, eine Ordnung zu schaffen, hat den Vorteil, dass auf diese Weise komplexere Ordnungen gebildet werden können, als wir schaffen könnten, indem wir die einzelnen Teile an den entsprechenden Platz setzen. Aber sie hat den Nachteil, dass wir nur den allgemeinen Charakter der sich so ergebenden Ordnung bestimmen können, nicht aber deren Einzelheiten. Ihre Anwendung erweitert also in einem Sinn unsere Macht, indem sie uns gestattet, sehr komplexe Ordnungen hervorzubringen, die wir nie hervorbringen könnten, indem wir die Einzelteile an ihren Platz setzen. Unsere Macht über die Einzelheiten der Anordnung der Elemente aber ist in einer solchen Ordnung viel begrenzter als im Falle einer Ordnung, die wir durch Anordnung der einzelnen Teile hervorbringen. Wir haben nur gewisse abstrakte Züge einer solchen Ordnung in der Hand, aber nicht ihre konkreten Einzelheiten.“192 192 Hayek, Friedrich A. von: Arten der Ordnung, in: ORDO Bd. 14, 1963, S. 3-20, hier: S. 6f. 86 Daher will v. Hayek nur die allgemeinen Grundsätze vorgeben, die als fixer Rahmen die individuelle Freiheit einhegen.193 Er nimmt bevorzugt auf die beiden zuletzt abgebildeten Strukturen Bezug. Seine frühe psychologische Schrift erklärt das Großhirn, als eine Hierarchie komplexer Subsysteme.194 Die Ordnung des Marktes hingegen erklärt er als komplexes System rationaler Pläne, bzw. transitiver Präferenzordnungen. Letzterem gehen wir im nächsten Abschnitt nach. Wir wählen dabei mit der neoklassischen Brille zwei große Container namens Marktmechanismus und Plan. Darauf darf man alle auffindbaren Zusammenhänge der Ökonomik verteilen – entweder als komplizierte oder als komplexe Ordnung – ohne in Gefahr zu laufen als weltfremd zu gelten. Will jemand anderen Brillen den Vorzug geben, findet er Verweise auf diese radikale Trennung in jeder etablierten Einführung in die Politikwissenschaft oder Soziologie – besonders wenn sie sich an die angelsächsische Forschung hält. Er muss nur nach Schlagworten, wie Utilitarismus, Gefangenendilemma oder homo oeconomicus Ausschau halten. 3.2 Was der Markt leistet: Robinson in Konstellation „Der Wert des Geldes besitzt eine rätselhafte zirkuläre Eigenschaft – Verkäufer sind bereit es zu akzeptieren, weil es andere Verkäufer gibt, die bereit sind, es ihrerseits zu akzeptieren. Trotz mehrerer hundert Jahre des Nachdenkens und zahlloser empirischer Untersuchungen ließ sich diese Ungereimtheit nicht erklären; wie dem aber auch immer sein mag, wir können die Akzeptanz des Geldes als gegeben ansehen.“195 Neben der einzelnen Ökonomie betrachtet die Ökonomik das Nebeneinander mehrerer Ökonomien. Zwar kann dieses Nebeneinander selbst in eine übergeordnete Maßgabe integriert sein – etwa dann, wenn Aristoteles einzelne Haushalter am übergreifenden Gemeinwesen ausrichtet.196 D.h. mehrere Ökonomien können leicht zu einer übergeordneten Zwecksetzung gebündelt werden – durch einen Haushalter, der oft genug mit 193 Ders.: Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung, in: ORDO, Bd. 18, Düsseldorf 1967, S. 11-34. 194 Ders.: Die sensorische Ordnung. Eine Untersuchung der Grundlagen der theoretischen Psychologie, in Manfred E. Streit (Hg.): Gesammelte Schriften in deutscher Sprache von F.A. Hayek, Bd. 5, Tübingen 2006, S. VIII. 195 Arrow, Kenneth J.: Reale und nominelle Größen in der Wirtschaftstheorie, in: Daniel Bell/ Irving Kristol (Hg.) Die Krise in der Wirtschaftstheorie, Heidelberg 1981, S. 175-189, hier S. 183. 196 Aristoteles: Politik, hrsg. von Otfried Höffe, Berlin 2011. 87 dem beobachtenden Volkswirt zusammen fällt.197 Im Absoluten wird eine letzte metaphysische Einheit oder prästabilierte Harmonie aber durch nichts garantiert. Davon kündet Nietzsches Wort vom Tode Gottes. Weniger drastisch: Unmittelbar herrscht im sozialen Gewebe kein summum bonum. So wurde vorgeschlagen, das Nebeneinander haushaltender Akteure als eine Katallaxie zu bezeichnen. Der Ausdruck orientiert sich am griechischen Wort für Ausgleich (καταλλαγή). Es soll v. Hayek gemäß als Verb neben „tauschen“ und „handeln“, zwei tiefer reichende Bezeichnungen haben: einerseits in die Gesellschaft aufnehmen, andererseits vom Feind zum Freund machen.198 Der Gegenstand der Katallaktik ist also die Neben- Ordnung unterschiedlicher Maßstäbe und maßgebender Haushalter, sowie der Austausch zwischen ihnen. Zwar werden die Haushalter für sich genommen durch eine transitive Präferenzordnung vertreten – das ist eine Hierarchie von Werten. Ihr Nebeneinander zeichnet sich aber durch das Fehlen eines summum bonum aus. Ihre Koordination entwickelt sich als Vielzahl komplexer Prozesse, ohne Abschluss und gemeinsames Ziel. Hayek bemerkt dazu: „An der Katallaxie als einer spontanen Ordnung ist hervorzuheben, daß ihre »Ordentlichkeit« nicht in ihrer Ausrichtung auf eine bestimmte Zielhierarchie besteht, weswegen sie als Ganzes nicht sicherstellen kann, daß das Wichtige vor dem weniger Wichtigen erreicht wird.“199 Oder anders: Die Katallaxie hat keinen Maßstab, auf dem sich die Güte oder Wichtigkeit eines Zusammenhanges messen ließe. Während die Ökonomie einen Bereich geplanter Ordnung erzeugt, entfaltet sich in der Katallaxie ein Bereich spontaner Ordnung – zwei weitere Bezeichnungen, die von Hayek einführt.200 In der geplanten Ordnung sind alle Elemente bewusst nach einem vorgefassten Plan angeordnet. Ordnung entsteht hier stets durch einen identifizierbaren Konstrukteur, der die Teile eines beabsichtigten Ganzen restlos zu eben diesem Ganzen fügt. Damit untersucht die Ökonomik jene Zusammenhänge, die bereits als Organisation 1. und als triviale oder komplizierte Maschine erklärt wurden – oben genanntes Knappheitspostulat eingerechnet. In Bereichen spontaner Ordnung bildet sich Ordnung hingegen in weiten Teilen ungeplant und unvorhergesehen.201 Sie bildet sich v. Hayek zufolge poly- 197 Das ist für Volkswirte nicht unbedingt „schlecht“, wie Keynes bekanntlich betont. 198 Friedrich A. v. Hayek: Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung, in: ORDO, Bd. 18, Düsseldorf 1967, S. 11-34. 199 Ebd. S.16f. 200 Ders.: Arten der Ordnung, in: ORDO, Bd. 14, 1963, S. 3-20. 201 Ebd. 88 Abb. 21 zentrisch, indem jedes Element einzeln und für sich genommen auf seine Umgebung reagiert. Dabei gelten zwar allgemeine/abstrakte Regeln. Diese werden aber lokal, bzw. standpunktabhängig vom einzelnen Element aus an die entsprechende Situation angepasst. „Die Ordnung resultiert so aus den gesonderten Reaktionen der einzelnen Elemente auf die besonderen Umstände, die auf jedes wirken und deswegen nennen wir eine solche Ordnung polyzentrisch.“202 Die Elemente spontaner Ordnung reagieren also selbsttätig auf ihre Umgebung oder Umwelt hin. Das soll dann für Eisenspäne in einem Magnetfeld genauso gelten, wie für Mücken oder Menschen im Schwarm. Nun untersucht die Katallaktik nicht alle Bereiche spontaner Ordnung gleichermaßen. Sie betrachtet vor allem, wie zwischen einer Mehrzahl von Ökonomien ein simultaner Austausch von Werten stattfindet. Verläuft der Tausch direkt, d.h. unvermittelt, macht er aus Feinden Freunde, indem er genau zwei entgegengesetzte Präferenzordnungen eindeutig zur Deckung bringt. Der Gegensatz der beiden Ordnungen lässt sich als Umtauschverhältnis von zwei Werten darstellen – klassisch als Negation der jeweils angebotenen Werte – denn im Tausch spiegelt die eine Ordnung die andere. Wählt angesichts der Alternative A oder B bspw. ein Robinson u A vor B und Robinson v wählt B vor A, ergibt sich für beide im Gegenüber – im entsprechenden Tausch-Ereignis, bzw. in einer Bude, um fortan mit Walras zu sprechen203 – ein optimaler Tauschpartner. Das ist ein Partner, der direkt am gewünschten Tausch teilnimmt, ohne dass ihm durch Zwischenstationen ein erhöhter Zeitaufwand entstünde – oder andere Transaktionskosten. Denn wer A hat und B will, findet B – in der entsprechenden Bude – aktuell und direkt gerade bei dem, der A will und vice versa. Wir demonstrieren den einfachen Zusammenhang in der folgenden Tabelle samt zugehöriger Bude: Tab. 4 Verläuft der Tausch hingegen indirekt, muss der Ausgleich der Interessen, d.h. der Wechsel von Werten, über vermittelnde Instanzen geregelt sein. 202 Ebd. S.10 203 Walras, Léon: Mathematische Theorie der Preisbestimmung der wirtschaftlichen Güter. Vier Denkschriften, unveränderter Neudruck der Ausgabe Stuttgart 1981, Glashütten im Taunus 1972, S. 29. 89 Wir ziehen keinen gesonderten Auktionator hinzu, der die Preise ausruft. Die Akteure vertreten sich selbst. Es genügt dann den Buden Schilder aufzukleben. Die Akteure müssen dann in ihren Präferenzordnungen mehr als zwei Werte ordnen – andernfalls stünden der Vermittlung keine „freien“ Werte zur Verfügung. Zur Demonstration beziehen wir uns auf Robinsons drei Produktionsfaktoren A, B und C. Die sechs möglichen Präferenzordnungen sind in der folgenden Tabelle angezeichnet. Die Tabelle ordnet ihnen jeweils einen Akteur zu. Darunter befinden sich die drei möglichen Buden und zwar zunächst noch ohne Besetzung: Tab. 5 Abb. 22 Es lassen sich nun leicht alle möglichen Besetzungen für die drei Buden ermitteln. Wir zeichnen sie für jede Bude gesondert in einer Tabelle an: Tab. 6 Es stehen gerade die Akteure in einer Zeile, die innerhalb ihrer dreistelligen Präferenzordnung jeweils den beiden Werten, die in der Bude zum Tausch anstehen, die entgegengesetzten Ränge zuweisen. Die subjektiv optimalen Paare finden sich jeweils in der obersten Zeile. Bei Ihnen liegt auf der Skala zwischen den getauschten Werten jeweils ein dritter Wert, 90 der nicht am Tausch teilnimmt. Sie tauschen also das, was sie am wenigsten wollen gegen das, was sie am meisten wollen. Da wir die Werte aber ordinal messen, wissen wir nichts über die Abstände zwischen benachbarten Werten einer Skala. Das zeigt sich dem Beobachter erst im Tausch. Es sei daher betont, dass innerhalb einer Bude problemlos jeder Akteur der linken Spalte mit jedem Akteur der rechten Spalte in Austausch treten kann. Bspw. kann y genauso gut B gegen A mit v, z, x tauschen, C gegen B mit z, v, u und A gegen C mit x, w, v. Falls man all diese Verhältnisse (einfach) berücksichtigt, ergibt sich zwischen den Akteuren – wie erwartet – ein komplexer Zusammenhang: Abb. 23 Jeder ist nun mit jedem über die Buden durch den möglichen direkten Austausch von Werten verbunden. Dabei tauchen in jeder Bude – bereits bei drei Werten – pro Anbieter und Abnehmer zwei konkurrierende Akteure auf. Der Verbund setzt sich damit selbst unter Druck und wir ahnen, was es bedeutet, durch Tausch in die Gesellschaft aufgenommen zu sein. Denn in konkreten Verbünden ist nicht jede mögliche Präferenzordnung genau durch einen Akteur vertreten – abgesehen davon, dass die Akteure in freier Wildbahn nicht nur unterschiedliche Mengen anbieten und nachfragen, sondern unterschiedliche Information haben. Falls in einem Verbund ein Akteur gehäuft vorkommt – er kommt dann genau genommen in mehreren Versionen vor, d.h. mit subjektiv unterschiedlichen Abständen zwischen den präferierten Werten – soll sich der klassischen Lehrmeinung zufolge das Verhältnis der angebotenen und nachgefragten Werte automatisch verschieben, wenn alle ungehindert Zugang zu den Buden haben. (Dass der Zugang ungehindert ist, nehmen wir an. Damit sparen wir uns die Berücksichtigung von Informationsunterschieden und Transaktionskosten.) Denn es entsteht im Tausch ein 91 Geflecht relativer Preise und darüber verbinden sich – zumindest in der Theorie – die Einzelnen zu Paaren und die Paare zur Gesellschaft, besser: zu einem sozialen Verbund.204 Ob und inwieweit in der Praxis der Verbund in ein allgemeines Gleichgewicht findet, ist längst nicht geklärt. Wir sprechen daher vorsichtig vom Idealfall vollständiger Vermittlung, nicht etwa von einem vollständig geräumten Markt. Nun braucht man etwas Geschick, um den Vorgang plausibel zu machen, der im zweiten Zug aus den relativen Preisen, die sich innerhalb der Buden ergeben, absolute Preise macht, d.h. Preise, die alle Buden, Werte und Standpunkte in einer übergreifenden Maß- und Recheneinheit verbinden. Man kann bspw. annehmen, dass die Geldmenge insgesamt auf Dauer konstant bleibt.205 Dabei soll sich die Qualität der gesuchten und angebotenen Werte – die ja erst standpunktabhängig Sinn hat – in eine Quantität von Werten verwandeln. Aber genau genommen gibt es nur relative Preise. Sie zeigen, inwieweit bestimmte Werte, Güter, Produktionsfaktoren, etc. verhältnismäßig, d.h. von bestimmten Standpunkten aus, begehrt oder nicht-begehrt sind. Das betrifft nicht nur Wasser und Diamanten, sondern auch Geld und die Bewertung möglicher zukünftiger Entwicklungen in Wahrscheinlichkeiten und Risiken. Real wird ein Wert für gute Haushalter und Ökonomen sobald sie ihn berechnen und in ihrer Haushaltung einkalkulieren – aber auch nur dann! Die Werte müssen sich also tauschen lassen, um beim Ökonom Geltung zu erlangen und zur Existenz zu kommen. Der Sinn und Nutzen einer Sache zeigt sich nur im Tausch, bzw. in Preissignalen. Sein heißt dann Wahrgenommen-Werden (Berkley). Indessen ist es wieder der gebräuchlichste Kniff, der die Stabilität des gemeinsamen Maßstabes rechtfertigt, das Knappheitspostulat geltend zu machen, d.h. abermals annehmen, dass in der pareto-effizienten Allokation der Werte – als einer Art Nullsummenspiel – alle Akteure ihr Streben nach maximalem Nutzen teilen.206 Wie es aussieht, hat man damit ein ganzes Stück weit Recht. Etwas Zucker, Fett und Farbstoff mag noch jeder. Insofern fungieren Preise zu Recht als Signale für die einzelnen Akteure. Man kann die einzelne Präferenzordnung dann als opake Schachtel fassen, d.h. als Monade oder Blackbox, deren innere Ordnung sich in den wirtschaftlich relevanten Handlungen zeigt – d.h. in messba- 204 Vgl. Arrow, Kenneth J.: Reale und nominelle Größen in der Wirtschaftstheorie, in: Daniel Bell/ Irving Kristol (Hg.) Die Krise in der Wirtschaftstheorie, Heidelberg 1981, S. 175-189. 205 Friedman, Milton: Die optimale Geldmenge und andere Essays, München 1970. 206 Das ist bspw. die Konsequenz aus der Annahme, dass die Geldmenge eine stabile Größe sein soll. 92 rem In- und Output. Für die interessierten Beobachter zählt dann nur noch das Ereignis, bzw. die Information, was, ob und zu welchem Preis gekauft, verkauft oder nicht-gekauft wird. So lässt sich das ökonomische Verhalten statistisch erfassen und auf die Zukunft hochrechnen. Bulle und Bär betreten das Parkett. Wichtig für uns ist, dass die Einführung absoluter Preise, bzw. eines Tauschmittels, jeden Tausch de facto als direkten Tausch behandelt. Das ist notwendig, andernfalls könnten sich die Buden nicht verbinden. Überhaupt: Der Austausch von Werten macht für die Einzelnen erst Sinn, wenn im Gegenüber dieselben Objekte betreffend eine möglichst gegensätzliche Werteskala herrscht. Identische Maßstäbe führen doch – eingedenk des Knappheitspostulates – geradewegs in Konkurrenz und Krieg. Ein Markt installiert sich insofern immer auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Dass also der Tausch aus Feinden Freunde macht, muss um den Hinweis ergänzt werden, dass Freundschaft beim Geld aufhört, d.h. bei der exakten Verrechnung von Werten. In Freundschaft tauscht man vielmehr – um auch das anzumerken – Gaben und Geschenke.207 Doch wir schweifen ab. Zum wichtigsten Teil dieses Abschnittes: Zwischen den sechs möglichen Robinsons, bzw. zwischen deren Präferenzordnungen, ist abseits der Buden für direkten Tausch eine Reihe merkwürdiger Dreier-Gruppen denkbar. Sie kommen zustande, indem jeweils drei Präferenzordnungen durch den Austausch von Werten zyklisch ineinander greifen. Dabei herrscht kein summum bonum. Vielmehr verbinden sich die Ordnungen aufgrund der Intransitivität der jeweils bevorzugten Werte. Zwischen den Ordnungen gilt dann entweder A > B, B > C und C > A oder A > C, C > B und B > A. Derart lassen sich alle linken Plätze der Bude 1 mit den linken Plätzen von Bude 2 und Bude 3 verbinden, sowie alle rechten Plätze von Bude 1 mit den rechten Plätzen von Bude 2 und Bude 3. Interessant sind vor allem zwei Besetzungen der Zyklen, weil in darin alle Akteure – abermals subjektiv – einen zweiten optimalen Tauschpartner finden. Dieser Partner ist dann allerdings auf zwei Partner verteilt, genauer: Er entsteht in der Dreier-Gruppe insgesamt. Dieser Austausch erfolgt simultan-parallel – oder er erfolgt nicht. Die drei verbundenen Ordnungen bilden eine Art Borromäischer Knoten, der zerfällt, sobald auch nur einer der Akteure aus dem Verbund austritt. Die Stabilität solcher Zyklen ist unter echten Insulanern und Insel-Forschern längst be- 207 Vgl.: Veyne, Paul: Brot und Spiele. Gesellschaftliche Macht und politische Herrschaft in der Antike, München 1994. Und siehe: Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 2004. 93 kannt.208 Denn erst der Gesamtverbund zeigt eine Ordnung höheren Grades, die sich keinem gemeinsamen summum bonum unterwirft. Das ist der Kern der Katallaxie, denn erst dadurch löst der Tausch ein Problem, das die Sozialwahl nicht lösen kann.209 Das zeigt das folgende Schaubild mit optimaler Besetzung: Abb. 24 Wir fassen zusammen: Genehmigt man einer Wertemenge alle möglichen Präferenzordnungen, herrscht insgesamt keine übergeordnete Präferenzordnung. Gleichwohl bietet der Austausch von Werten zwischen einzelnen Akteuren einen effizienten Mechanismus, der bereits ab drei Werten die möglichen Präferenzordnungen derart verteilt und untereinander vermittelt, dass alle Akteure ihr Ziel erreichen. Das gelingt – vollständige Information vorausgesetzt – wenn der Tausch-Mechanismus automatisch alle optimalen Tauschpartner entdeckt – direkte und jene, die auf einen Verbund verteilt sind. Versucht man dann für drei Werte alle optimalen Tauschpartner topologisch darzustellen, ergibt sich – ohne Überschneidungen – ein Torus. Wir geben das der Übersicht wegen als (Hohl-)Zylinder wieder, indem wir den direkten Tausch als gestrichelte Linien einzeichnen. Der Zylinder besteht aus drei Segmenten, in welchen jeweils für sich A, B und C zirkulieren: 208 Vgl. den verallgemeinerten Tausch und dessen Grundfomen in Lévi-Strauss, Claude: Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft, Frankfurt 1981, S. 372-380. Außerdem Needham matrilineare Kreuzkusinenheirat. Dazu mit den Methoden der Graphentheorie: Hage, Per/ Harary, Franck: The Logical Structure of Assymetric Marriage, in: L´homme, 1996, Ausgabe 36, Nr. 139, S. 109-124. 209 Vgl. Arrow, Kenneth J.: Social Choice und Individual Values, New York, London, Sydney 1963. Sen, Amartya K.: Collective choice and social welfare, Reihe: Advanced textbooks in economics, Bd. 11, Amsterdam1984. 94 Abb. 25 Bei Hinzunahme neuere Werte nimmt die Anzahl möglicher Präferenzordnungen rapide zu, wie die Anzahl an vermittelnden Zyklen. (Dann entstehen außerdem „kleine“ und „große“ Zyklen. Dazu mehr in T5.1.) Aufgrund der Vielfalt an möglichen Kombinationen, die sich bei Hinzunahme zusätzlicher Werte entwickelt, gibt es in konkreten Verbünden über kurz oder lang nur einen gangbaren Weg. Er bändigt und erhält die Komplexität des Tausches: Die Einführung eines allgemeinen Tauschmittels, das in Gegenrichtung zum Güter- und Faktorstrom fließt. So wird aber jeder Tausch de facto als direkter Tausch behandelt. Das verdeckt, wie erst die Zirkulation gegenseitiger Dienste Preise erzeugt. Wir fragen weiter, wie ein Entscheidungsprozess organisiert sein muss, damit er dieselbe Leistung vollbringt, die der Tausch an den Tag legt, damit er also den Wechsel von Präferenzen zwischen Standpunkten regelt, die keinem gemeinsamen Maß unterworfen sind. Wir stützen uns dazu auf den Text eines Neurophysiologen. Darin werden zwar die sechs Robinsons durch ein Geflecht neuronaler Verschaltungen vertreten. Aber der Kommunikationsprozess, der im Geflecht zirkuliert, bleibt formal derselbe. Der Text blieb bis heute weitgehend unbeachtet, definiert aber zwei Begriffe– Hierarchie und Heterarchie – an denen sich Günther in seinem Spätwerk maßgeblich orientiert hat.210 210 Vgl. Gotthard Günther: Number and Logos. Unforgettable Hours with Warren St. McCulloch. Stand: Januar 2007, http://www.vordenker.de/ggphilosophy/gg_ number-and-logos_en-ger.pdf (29.09.2013). 95 4 Exkurs 2: Gehirn, Boolesche Algebra und Heterarchie Im Jahr 1943 veröffentlichte Warren S. McCulloch mit dem jungen Mathematiker Walter H. Pitts einen kurzen folgenreichen Aufsatz über ein Logikkalkül für die der Nerventätigkeit immanenten Gedanken.211 Auf den wenigen Seiten gelingt McCulloch und Pitts der Nachweis, dass man neuronale Ereignisse und die Beziehungen zwischen ihnen mit den Regeln der Aussagenlogik behandeln kann. Denn aufgrund des „Alles- Oder-Nichts-Gesetzes“ neuronaler Aktivität – ein Neuron feuert ein Aktionspotential oder feuert es nicht – lässt sich das einzelne Neuron als eine Art digitaler Puls-Generator interpretieren. Das ist die Geburt der McCulloch-Pitts-Zelle. Durch deren Verschaltung in einem gerichteten Graph lassen sich AND-, OR- und NOT-Gatter simulieren. So bilden diese Zellen eine vollständige Basis der Booleschen Algebra.212 Der Text traf gleichsam den Nerv der Zeit und wurde bald zu einem Gründungstext der Kybernetik und Neuroinformatik.213 Zwar betonen McCulloch und Pitts die prinzipiellen Schwierigkeiten einer Analyse des Verhaltens gegebener Netze. Erstens kann nur die vollständige Spezifikation eines Nervennetzes die Gesetze aller notwendiger Verbindungen liefern, zweitens können in den Netzen zirkuläre Verbindungen (Endrome) eine beliebige Aktivität für längere Zeit – theoretisch endlos – aufrecht erhalten und so die Regenerationsphase des einzelnen Neurons überlisten. Das kann den Kausalnexus zwischen Inund Output freilich bis zur Unkenntlichkeit verschleiern.214 In gewisser Weise nehmen damit McCulloch und Pitts v. Foersters Einsicht vorweg, dass die Funktionsweise einer nicht-trivialen Maschine nur dem Konstrukteur bekannt ist. Vom pragmatischen Standpunkt aus ist es dann aber kein Widerspruch, den Text mit der optimistischen Einschätzung 211 Vgl. Piccinini, Gualtiero: The First Computational Theory of Mind and Brain. A Close Look at McCulloch and Pitts's Logical Calculus of Ideas Immanent in Nervous Activity, in: Synthese 141: 175–215, Niederlande 2004. Zur Tragik Pitts: Schlatter, Mark/ Aizawa, Ken: Walter Pitts and 'A Logical Calculus', in: Synthese, May, 2008, Vol. 162, Issue 2, S. 235-250. Mehr zu McCulloch: Kay, LilyE.: From Logical neurons to poetic embodiments of mind. Warren S. MCCulloch´s project in neuroscience, in: Science in Context, Dec2001, Vol. 14 Issue 4, S. 591-614. 212 Vgl. Minsky, Marvin: Some universal elements for finite automata, in: C. Shannon u. J. McCarthy (Hg.): Automata Studies, Annals of Mathematics Studies, 34, Princeton 1956. 213 Zusammen mit: Rosenblueth, Arturo/ Wiener, Norbert/ Bigelow, Julian: Behavior, purpose and teleology. Philosophy of Scinece, Volume X, Baltimore, Maryland 1943. 214 McCulloch, Warren S./ Pitts, Walter H.: Ein Logikkalkül für die der Nerventätigkeit immanenten Gedanken, in: Rolf Herken (Hg.): Verkörperung des Geistes. Warren McCulloch. Computerkultur VII, Wien/ New York 2000, S. 24-41, hier siehe S. 33. 96 des Konstrukteurs enden zu lassen, die Theorie stelle „[…] der mathematischen Biophysik ein Werkzeug zur Verfügung, das die strenge symbolische Behandlung bekannter Netze ermöglicht und eine einfache Methode für die Konstruktion hypothetischer Netze mit den geforderten Eigenschaften liefert.“215 Diesem Text schob McCulloch zwei Jahre später einen kurzen Aufsatz nach, der als Ergänzung verstanden werden muss, aber leider weit weniger Aufmerksamkeit erhielt. Dort behandelt McCulloch eine durch die Topologie der Nervennetze bestimmte Heterarchie von Werten und argumentiert für eine Theorie der Standpunkte, d.h. eine Lehre vom Ort. Er zeigt, dass damit eine Werteanomalie – das ist eine Heterarchie von Werten – als formaler Gegensatz zur Hierarchie gefasst werden kann. Sie definiert sich über die Intransitivität standpunktabhängiger Präferenzen. Dazu widmet sich McCulloch erneut der Verschaltung von Neuronen, speziell der Rückkopplung, die sich in einzelnen Reflexbögen, vor allem zwischen einer Mehrzahl von Reflexbögen ergeben kann. Er hält zunächst fest, dass der drome Charakter des Reflexbogens alle Formen zielgerichteter Aktivität einschließt – „drom“ bezeichnet hier die Eigenschaft, dass der Reiz immer vom Rezeptor zum Effektor wandert. Im Reflexbogen herrscht damit stets genau eine Richtung. Es sind insofern kleine teleologische Apparate. Um das Ziel, bzw. die Richtung der Aktivität des Bogens zu verdeutlichen, nennt McCulloch den geschlossenen Bogen selbst ein Drom – unabhängig davon, wie viele Neuronen in den Bogen integriert sind. Das ist aber nur eine Bezeichnung. Wichtiger ist, dass sich diese zielgerichteten Standpunkte topologisch behandeln und darstellen lassen. So kann geklärt werden, wie mehrere Drome miteinander in Wechselwirkung treten. Dann verhält sich zwar jedes Drom für sich genommen zielgerichtet. Zusammengeschlossen treten sie aber in Verbünden auf, die sich nicht unbedingt einem der einzelnen Ziele unterwerfen. Dass sie als Verbund dennoch zielgerichtetes Verhalten an den Tag legen, muss zumindest für jene Nervennetze angenommen werden, die man in Organismen finden kann. McCulloch führt dann für den geschlossenen Verbund mehrerer Drome aus, dass die Leitung in jedem einzelnen Drom drom (gerichtet) sein muss, in zwei verbundenen syndrom (gleichgerichtet), aber beim Übergang vom einen zum anderen Drom – unabhängig davon, ob die Leitung bahnt oder hemmt – ist die Leitung im einzelnen Zweig nicht syndrom oder antidrom (gegengerichtet), sondern streng genommen heterodrom 215 Ebd.: S. 40. Das ist die Geburt der McCulloch-Pitts-Zelle. 97 (nebengerichtet). „Ohne heterodrome Aktivität würden Reflexe unabhängig voneinander eintreten.“216 Es ließe sich dann in keiner Weise von einem geschlossenen Verbund sprechen, geschweige denn von einem Organ oder Organismus. „Deshalb muss man nach Überordnung, Unterordnung und Koordination der Reflexe suchen, also nach Verhalten, insbesondere alle wichtigen Aspekte zielgerichteter Aktivität.“217 In anderen Worten: Zur Darstellung verknüpfter Drome gibt es drei Richtungen: Erstens im Uhrzeigersinn, zweitens gegen den Uhrzeigersinn und drittens sozusagen auf dem Zeiger der Uhr selbst, gewissermaßen senkrecht zu den beiden anderen Richtungen. Es ergeben sich dann in einem Schaltkreis von bspw. drei Dromen (A, B, C) aus insgesamt sechs Neuronen drei Möglichkeiten, nämlich A oder B, B oder C und A oder C. Hierarchie impliziert in diesem Zusammenhang zweierlei: Erstens, dass in dieser Konstellation von Standpunkten jeder Standpunkt eigenständig sein Ziel, seinen Zweck oder seine Absicht bestimmt, „ […] und keine zwei Drome bestimmen genau dieselbe Absicht.“218 Zweitens herrscht darin nach McCulloch aber eine Ordnungsstruktur der Ziele derart, „[...] dass jedes Ziel alle untergeordneten Ziele zu hemmen vermag.“219 Die Anzahl der Standpunkte ist nun sicherlich groß, aber endlich. Insgesamt herrscht im Verbund eine Transitivität der Werte, was aus der Sicht der Logik nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als dass Werte eine bestimmte Art von Größe sind. Eine Hierarchie von Werten lässt sich in einer Ebene demnach problemlos darstellen: A erhält den Vorzug vor B, B vor C, C vor D und A vor D. Aber denkbar ist ohne weiteres auch ein Nervennetz mit sechs Neuronen in dem A den Vorzug erhält vor B, B vor C und C vor A. Hier herrscht eine Werteanomalie oder Intransitivität der Werte. Die Ziele, Zwecke und Absichten können dann nicht länger als messbare Größen verstanden werden. Sie beugen sich keinem gemeinsamen Maß. So hat aber jeder Organismus, wie McCulloch betont, der über ein solches Nervensystem verfügt, „[...] Potential genug, um nicht aufgrund einer auf einer [transitiven] Werteskala beruhenden Theorie vorhersagbar zu sein. Er besitzt eine Heterarchie von Werten und ist deshalb zu reich an Zwischenverbindungen, um sich einem summum bonum zu unterwerfen.“220 216 McCulloch, Warren S.: Eine durch die Topologie der Nervennetze bestimmte Heterarchie von Werten, in: Rolf Herken (Hg.): Verkörperung des Geistes. Warren McCulloch. Computerkultur VII, Wien/ New York 2000, S.41-47, hier S. 42. 217 Ebd.. 218 Ebd. S. 44. 219 Ebd.. 220 Ebd., S. 44. 98 Damit erweist sich „[...] die anscheinende Widersprüchlichkeit der Präferenzen als ein Anzeichen für die Widerspruchsfreiheit einer Ordnung, die zu hoch ist, als daß sie die Konstruktion einer Werteskala erlaubt, obwohl sie einer endlichen topologischen Analyse unterworfen werden kann, die auf der endlichen Anzahl der Nervenzellen und ihrer möglichen Verbindungen beruht.“221 Es wäre seltsam, hätte der blinde Meister „Evolution“ auf diesen Kniff bei der Wiederholung und Ausdifferenzierung komplexer Systeme verzichtet, einzig weil die klassische Logik an dem Zirkelschluss (circulus vitiosus) scheitert, den die Diallele aufrechterhält. Denn „[d]ie einfachste Oberfläche, auf die sich dieses Netz topologisch (ohne Diallele) abbilden lässt, ist ein Torus.“222 Zusammengefasst: Erstens ist der Begriff der Heterarchie eingeführt, indem man die Nebenordnung einer endlich Anzahl von Werten formal über die Intransitivität dieser Werte sichert. Zweitens darf man vermuten, dass die Intransitivität der Werte nur dann widerspruchsfrei zur Darstellung gebracht werden kann, wenn man sich einer Topologie bedient. Darin müssen die einzelnen Orte mit eigenständigen Akteuren oder Operatoren besetzt sein. Sie verhalten sich in dem Sinne autark, als dass sie ihre jeweils handlungsleitenden Ziele, Zwecke, Motive, Antriebe, Absichten, Präferenzen etc. selbst-tätig, d.h. aus eigener Leistung, setzen und aufrecht erhalten. Die Ordnung, die sie jeweils lokal erzeugen, kann man folgerichtig als transitive Präferenzordnung interpretieren, wie es die Ökonomik längst macht. Was aber folgen daraus für Regeln, die zwischen den Standpunkten und Werten vermitteln? Zunächst lässt sich feststellen, dass der Begriff der Hierarchie nunmehr eine sehr scharfe Kontur erhält. Das lässt sich auch für die Theorie der Organisation nutzen. Hierarchisch ist nunmehr eine Ordnung, wenn sie eine Transitivität von Werten erzeugt oder aufrechterhält. Zwar kann in der Struktur dieser Ordnung jeder zusätzliche Wert von einem neuen Standpunkt vertreten werden. Aber die Standpunkte selbst sind einander stets eindeutig über- oder untergeordnet. D.h. ein Kommunikationsoder Entscheidungsprozess, geht in dieser Struktur immer linear vor sich. Er ordnet die Standpunkte und Werte – als Ziele, Zwecke, Absichten, etc. – in Vorgesetzte und Untergeordnete. Jedes Verhalten, das von einem Standpunkt der Konstellation ausgeht, wird derart determiniert. Es erhält sein telos – entweder zwecksetzend in einem ersten Grund oder zielsuchend in einem letzten Zustand. Der Prozess ist kompliziert und endlich. Die Struktur lässt sich als Pyramide darstellen. Da wir eine binäre Logik voraussetzen, gleicht sie Platons Ideenpyramide aus P3. 221 Ebd., S. 41. 222 Ebd., S. 44. 99 So trifft der Entscheidungsprozess, der in einer hierarchischen Struktur vor sich geht – von Standpunkt zu Standpunkt wechselnd – lokale Unterscheidungen. Er vollzieht stets Übergänge, die zwischen einem Oben und einem Unten differenzieren. Jedes Verhaltens-Atom, das zwischen den Standpunkten vermittelt, vollzieht sich als ein Ereignis, als Einschnitt zwischen „vorher“ und „nachher“. Damit aber diese ereignisreiche Ordnung nicht auseinanderbricht, ist sie zugleich auf die festen Bahnen der Pyramide gebannt. Von der Spitze der Pyramide aus wirken gleichsam Auge und Hand des letzten Bewegers, „[...] als etwas, das eine Form von Macht oder Bedeutung hat, die in dem Begriff des Geweihten oder Heiligen kulminiert – das ist die religiöse Implikation von „Hierarchie“ angewendet auf Werte.“223 Das deckt sich gut mit unseren Ausführungen zu Organisation Nr. 1. In einer Notiz an den Herausgeber – Nicolas Rashevsky – bemerkt McCulloch, dass sich auch ohne Probleme eine zweite intransitive Ordnung erzeugen lässt, wenn jeder Standpunkt genau einen nötigen Partner hat. Es trägt dann B (und nur B) notwendig zu A bei; entsprechend C (und nur C) zu B und A (und nur A) zu C.224 Wir schließen daraus, dass auch der hierarchische Prozess aus Kooperation erzeugt werden kann. Den Hobbes´schen Weg, dies zu erreichen – die Sozialwahl – haben wir nur kurz erwähnt. Dabei muss es bleiben. Der Weg des Organisators – die planmäßige Koordination einer Gruppe auf ihr Ziel hin – wurde bereits mit den Verfahren besprochen, die von den Befürwortern von Organisation Nr. 1 empfohlen werden. Festhalten lässt sich insoweit, dass hierarchische Entscheidungsprozesse den Verbund der Standpunkte linear und schrittweise durchlaufen. Heterarchische Entscheidungsprozesse sind hingegen immer auf den betreffenden Gesamtverbund verteilt. Die Standpunkte verhalten sich darin simultan, d.h. parallel zueinander. Werte sind dann nicht länger messbare Größen, sondern irreduzible Qualitäten. Sie beugen sich keinem gemeinsamen Maß. Aber außerhalb der Theorie gibt es nur Hybride. Wichtiger als der Unterschied der beiden Ordnungsprinzipien ist also die Frage, wie sich die beiden Prinzipien kombinieren lassen. Simon gab uns im vorherigen Abschnitt einige nützliche Hinweise. Allerdings nennt er nur eine Möglichkeit komplizierte und komplexe Prozesse zu kombinieren. In anderen Worten: Noch ist offen, wie sich ein Gesamtverbund als Einheit verhält, wenn er aus Einheiten besteht, die sich nicht unbedingt einem gemeinsamen Ziel beugen. Es stellt sich im Folgenden also erstens die Frage nach der Vermittlung widersprüchlicher Präferenzordnungen in 223 Ebd., S. 44. 224 Ebd., S. 46. 100 einem komplexen Entscheidungsprozess, zweitens danach, wie dieser Prozess handlungsfähig wird. Wie sich bereits an Simons Architektur komplexer Systeme gezeigt hat, ist die Hierarchie in Hybriden nicht einfach aufgehoben ist. Sie schreitet an wortwörtlich entscheidender Stelle wieder ein. 5 Einführung in Günthers Theorie der Poly-Kontexturalität 5.1 Negation als Akzeption und Rejektion Wir sind wieder bei Gotthard Günther angelangt, bzw. bei seiner Antwort auf unsere Fragen. Zunächst beziehen wir uns in der Hauptsache auf einen späten Text Günthers, der sich ›Das Janusgesicht der Dialektik‹ zum Thema nimmt. Der Text widmet sich der Kombination hierarchischer und heterarchischer Prozesse in Form von Negationszyklen, klammert aber die tieferen Aspekte einer trans-klassischen Logik aus, „[...] wo die Mehrwertigkeit ganz in den Hintergrund tritt und der Kenogrammatik das Feld räumt.“225 Das soll den Einstieg erleichtern. Dem gehört dennoch zweierlei voraus geschickt: Erstens: Günther hat nie den Anspruch erhoben Vollender eines klassisch-formalen Apparates zu sein, in dem bereits alle zulässigen Regeln und Operatoren vollständig beschrieben wären. Die Rede von einer Günther-Logik kann von daher missverstanden werden. Günther suchte keine Logik, die an Wahrheits- oder Wahrscheinlichkeitswerte gebunden ist, sondern nach den grundlegenden Regeln, um mehrere zweiwertige Logik-Systeme parallel anzuordnen als einen Verbund simultaner Standpunkte. Günther griff dazu aus – anfangs eher tastend – nach einer Art prälogischem Raum, der sich durch unterschiedliche Plätze erzeugt und strukturiert. Er kennzeichnet diese Plätze zunächst in einem Stellenwertsystem, später durch Kenogramme (κενός = leer), um anhand der Muster, die sich zwischen den Orten ergeben, eine Theorie der Strukturtypen auszuarbeiten. In diesem abstrakten Raum lässt sich ein Verbund mehrerer Standpunkte als Vielzahl zweiwertiger Logik-Systeme verteilen und vermitteln.226 Als das bloße Gerüst möglicher Wertbesetzungen geht dieser Raum jedem klassisch-formalen System voraus – bzw. liegt ihm 225 Günther, Gotthard: Das Janusgesicht der Dialektik, in: Beiträge, Bd. 2, 1979, S. 307. 226 Zur Fundierung von Kenogrammatik und Polykontexturalitätstheorie siehe: Ditterich, Joseph/ Kaehr, Rudolf: Einübung in eine andere Lektüre. Diagramm einer Rekonstruktion der Güntherschen Theorie der Negativsprachen, in: Philosophisches Jahrbuch 86. Jahrgang, 2. Halbband, Freiburg/ München 1979, S. 385-408. Kaehr, Rudolf: Das graphematische Problem einer Formalisierung der transklassischen Logik Gotthard Günthers, in: Die Logik des Wissens und das Problem der Erziehung, Hamburg 1982, S. 254-274. 101 zugrunde. Im Verbund mehrerer nebengeordneter Standpunkte herrscht dann bspw. nicht länger die Identität eines gegebenen Weltdatums mit sich selbst – was an einem Ort Operand ist, kann bei Günther zugleich an einem anderen Ort Operator sein. Daher zeugt es auch von einem grundlegend falschen Verständnis, wenn man alle kombinatorisch möglichen Strukturtypen mit philosophischen, d.h. sprachlichen Mitteln interpretieren möchte.227 Nicht ohne Grund hat man Günther eine gewisse Verwandtschaft zum Post-Modernismus bescheinigt.228 Günther hielt aber unbedingt am „Projekt Moderne“ fest – quasi mit nicht-modernen Mitteln. Das lässt sich knapp in dem Nebensatz zusammenfassen, dass für ihn Fortschritt und Geschichte noch längst nicht zu Ende sind.229 Günther verstrickt sich daher nicht so sehr in Bildern und Wortspielen, um den Logozentrismus Alteuropas mit vormodernen Mitteln zu begegnen. Vielmehr suchte er nach exakten Regeln, um darüber die Verteilung und Vermittlung nebengeordneter Standpunkte im Objektiven zu reproduzieren – letztlich in Form transklassischer Maschinen. Dabei hat Günther der Nachwelt manches Terrain erschlossen – unter anderem die Proemialrelation, auf die wir noch zu sprechen kommen – sein Werk aber stets als work in progress aufgefasst, d.h. als einen ersten Schritt hin zu einer transklassischen Rationalität und Technologie.230 Inwieweit sich Aspekte seiner Theorie tatsächlich in der Maschine erzeugen lassen – das war Günthers eigene Messlatte – ist bis heute eine offene Frage.231 Sie wird aber in der Tat gelöst, nicht mit dem festen Entschluss Günthers Anliegen ungeprüft als wilden Mystizismus abzutun. 227 Vgl.: Ditterich, Joseph/ Kaehr, Rudolf: Einübung, in: Philosophisches Jahrbuch, 1979, S. 385-408, S. 297. 228 Vgl.: Rustemeyer, Reinhard: Zur Dezentrierung des Subjektes im neueren französischen Strukturalismus. Unter besonderer Berücksichtigung der transklassischen Logik Gotthard Günthers, in: W. L. Hohmann (Hg.): Reihe: Kleine Arbeiten zur Philosophie, Bd. 9, Essen 1985. 229 Vgl.: Bammé, Arno: „Amerika“ und der Kampf der Kulturen, in: Ernst Kotzmann (Hg.): Technologische Kultur. Kulturphilosophische Aspekte im Werk von Gotthard Günther, München/ Wien 1999. 230 Vgl.: Goldammer, Eberhard von: Vom Subjekt zum Projekt oder vom Projekt zur Subjektivität. Eine kleine Einführung in die Theorie der Polykontexturalität, in: Mario Goldmann, Jens Köhrsen (Hg.): Wozu noch Geisteswissenschaften?, Oldenburg 2007, S. 25-77. 231 Vgl.: Klagenfurt, Kurt: Technologische Zivilisation und transklassische Logik. Eine Einführung in die Technikphilosophie Gotthard Günthers, Frankfurt a. M. 1995, S.: 136- 138. 102 Zweitens: Günther hat seinen Fundus an Begriffen immer wieder erweitert und angepasst. Daher schieben wir einige Erläuterungen zur Terminologie ein. Von der Philosophie Hegels kommend über die technischen Begriffe der Kybernetik endet Günther bei einer Theorie der Negativsprachen, die keine Sprachen mehr sind im logozentrischen Sinne – mit der Trennung in linearer-sequentielle Zeichenfolgen gegenüber den Bedeutungen der Welt – sondern Denken und Handeln als komplexen Prozess vereinen. Immer wieder geht Günther aber zurück auf die Grundlage des abendländischen logos. Das sind Aristoteles´ Prinzipien der Wahrheitsfindung qua wohlgeformter Sätze: Erstens der Satz der Identität (Beispiel: „Eine Nase ist eine Nase.“), zweitens der Satz vom verbotenen Widerspruch (Beispiel: „Es ist nicht der Fall, dass etwas (zugleich und am selben Ort) eine Nase ist und keine Nase ist.“), drittens das tertium non datur (TND), bzw. der Satz vom ausgeschlossenen Dritten (Beispiel: „Die Nase tropft, oder es ist nicht der Fall, dass die Nase tropft.“). (Leibniz´ vierten Satz klammern wir hier aus.) Die drei Axiome begrenzen den Gültigkeitsbereich der klassischen Logik vollständig und lassen sich mit den drei Operatoren UND (∧), ODER (∨) und NICHT (¬) für eine beliebige Aussage A darstellen, erstens als Identität von A mit sich selbst (A = A), zweitens als Verbot der Identität von A mit der Negation von A (¬ (A ∧ ¬A)), drittens als Vorgabe, dass entweder A oder dessen Negation gelten muss (A ∨ ¬A). Dann kann jeder Aussage genau einer von zwei Wahrheitswerten zugewiesen: wahr (w) oder falsch (f). Bei zwei Aussagen A und B ergeben sich für Konjunktion (∧), Disjunktion (∨) und Negation (¬) folgende Wahrheitstabellen: Tab. 7 103 Das ist in der Booleschen Algebra mit 1 für „wahr“ und 0 für „falsch“: Tab. 8 Auf diese drei Operatoren werden wir zurückkommen. (Die 0 wird dann zur 2, damit sich weitere Werte einführen lassen.) Bisher dienen die Tabellen der Veranschaulichung, dass ein dritter Wert den drei aristotelischen Prinzipien gemäß ausgeschlossen bleibt. Der Ausschluss kann jedoch zweierlei bedeuten. Einerseits kann verboten sein zwischen den Wahrheitswerten weitere Werte zuzulassen – dass die Nase bspw. aus einem Loch tropft. Man findet diese Auffassung im angelsächsischen Ausdruck für den Drittensatz als dem principle of the excluded middle. Insofern hätte ein nicht-klassischer Kalkül seinen dritten Wert zwischen 0 und 1 einzuführen, zum Beispiel als ½ oder mit Łukasiewicz als u für „unbestimmt“.232 Auch kann der Kalkül zwischen 0 und 1 eine Abstufung in mehrere Grade zulassen – der Wahrscheinlichkeit, der semantischen Unschärfe, der Unsicherheit etc. etc. – um den einzelnen Abstufungen dann zusätzliche Zwischenwerte zuweisen, wie es bspw. die Fuzzy-Logik macht.233 Das läuft aber in beiden Fällen auf die Konstruktion einer Werteskala hinaus – sei es auch auf der Meta-Ebene – also auf die Quantifizierung der fraglichen Werte des Kalküls. Man erhält dann eine Art Pseudo-Mehrwertigkeit. Andererseits lässt sich der Drittensatz so interpretieren, dass er jeden dritten Wert verbietet, der gänzlich außerhalb der Werteskala liegt, die 0 und 1 verbindet. Das verbotene Dritte akzeptiert dann nicht länger die Alternative, die im Gegensatz der beiden Extreme bereitgehalten ist. Im Gegenteil: Der dritte Wert verwirft nun den angebotenen Wertebereich insgesamt. Er rejiziert ihn, um so in den betreffenden Kalkül – ontologisch gesprochen – eine gänzlich neue Seins-Thematik einzuführen – 232 Vgl.: Łukasiewicz, Jan: Philosophische Bemerkungen zu mehrwertigen Systemen des Aussagekalküls. In: Comptes rend. d. séances de la Soc. d. Sciences et d. Lettres d. Vars. Cl. III. 1930. 233 Vgl.: Lotfi A. Zadeh,: Fuzzy sets. Information and Control 8, Department of Engineering and Electronics Research Laboratory, University of California, Berkley, California 1965, S. 338–353. 104 oder genauer: neben der ersten Negation ein zweites me-ontisches Thema, d.h. eine neue Nicht-Seins-Thematik. Eben das ist Günthers Interpretation des Drittensatzes.234 Es macht sie zum Basislager seiner Erkundungsgänge hinein in die Bereiche transklassischer Logik und nimmt also für gesichert, dass der Drittensatz eine vollständige klassischlogische Domäne von ihrer Umgebung abschottet. Diese isolierte zweiwertige Domäne nennt er Kontextur. Sie kann zwar eine beliebige Reihe unterschiedlicher Kontexte umfassen, integriert diese aber stets nach Maßgabe einer lokalen Hierarchie von Werten. D.h. die intrakontexturalen Prozesse und Regeln sind durch und durch klassisch. Darin werden ihm noch die Meisten folgen. Mit dem Vorhaben exakter Vermessung und Rekonstruktion rückt Günther aber weiter vor in Bereiche, die man gewöhnlich den sogenannten „weichen“ Wissenschaften der Hermeneutik und Interpretation zuweist – um hier bloß nicht vom Geist zu sprechen. Dort untersucht er den möglichen Austausch von Werten, wie er inter-kontextural, d.h. zwischen zweiwertigen Domänen stattfindet. Wie das gehen soll, wird nun in einer ersten Annäherung betrachtet. Dabei können sicher nicht alle Aspekte des Günther´schen Werkes berücksichtigt werden. Aber dieses Werk hat ohnehin einen etwas ausgefransten, d.h. unabgeschlossenen Charakter. Es wäre ohnehin naiv anzunehmen Günther hätte in der Kürze eines Menschenlebens die immense Vielfalt technisch zu zähmen gelernt, die sich im Verbund von mehreren Kontexturen entwickelt, denn freilich: Die kombinatorischen Möglichkeiten nehmen rasant zu, wenn man den Verbund um zusätzliche Standpunkte anwachsen lässt. Für die Zwecke der Arbeit genügt es vorerst mit Günther zu zeigen, dass die sukzessive Hinzunahme neuer Werte tatsächlich bestimmten Regeln gehorcht. Damit sind wir zum Ausgangsproblem des Kapitels zurückgekehrt. Das war die Frage nach der Organisation eines Entscheidungsprozesses, der zwischen mehreren Standpunkten vermittelt, obwohl sich diese bei der Wahl ihrer Werte keinem gemeinsamen Wert beugen. Um nur nicht den Boden zu verlieren – die Positivität gesetzten Seins – beginnen wir mit der klassischen Negation. Aber wir geben mit Günther einen zusätzlichen, nicht-klassischen, Negationsoperator an. (Die 0 der Booleschen Algebra wird nun zur 2. Man soll sich von der unkonventionellen Darstellung nicht irritieren lassen.) 234 In Rauchs Weltraumbüchern schreibt er noch von einem „mittleren Dritten“. Vgl.: Günther, Gotthard: Kommentar des Herausgebers, in: Überwindung von Raum und Zeit. Phantastische Geschichten von morgen. Rauchs Weltraum-Bücher, Bd. 3, Düsseldorf/ Bad Salzig 1952, S. 223-238, hier S. 223. 105 Der Operator N1 negiert einen beliebig gesetzten Zusammenhang p, indem er die zwei möglichen Werte für p in ihr Gegenteil verkehrt. Der Operator N2 verfährt ebenso, negiert aber nicht länger den ersten Wert, sondern den zweiten und führt so einen dritten nunmehr transklassischen Wert ein. Mit Günther: „Dieses Dritte ist [...] das zweite Negative relativ zur klassischen Positivität. Aber es hat zu dieser Positivität kein unmittelbares Verhältnis, weil es ja nichts weiter in Gang bringt als ein neues Umtauschverhältnis zwischen sich selbst und dem klassischen Negationswert.“235 Man befindet sich noch an der Oberfläche der Theorie, bei der gewöhnlichen Interpretation von Werten. Die zwei Operatoren lassen sich anzeichnen als: Tab. 9 Für sich betrachtet sind die beiden Tabellen strukturell identisch, d.h. isomorph. So gelten für sie jeweils die drei aristotelischen Axiome. Die Leistung der isolierten Operatoren erschöpft sich darin, dass die doppelte Negation zurück führt, dass also N1.1p = p und N2.2p = p ist. Wendet man die beiden Operatoren aber im Wechsel auf eine nunmehr dreistellige Wertfolge p an, ergibt sich eine Verkettung, die erst nach sechs Stationen zurück zum Ausgangspunkt findet. Wir geben diesen Vorgang mit zwei weiteren Tabellen an. Die erste Negationskette lassen wir mit N1 beginnen, die zweite mit N2.236 Tab. 10 235 Günther, Gotthard: Das Janusgesicht der Dialektik, in: Beiträge, Bd. 2, 1979, S. 309. 236 Vgl. ebd., S. 310. 106 Tab. 11 Um das ungewohnte Vorgehen verständlich zu machen, gehen wir auf die Tab. 10 ein. Sie wendet N1 und N2 im Wechsel auf die Wertfolge p an. Im ersten Schritt wird p zu N1p: N1 verkehrt 1 in 2 und 2 in 1. 3 bleibt unangetastet. Beim nächsten Schritt wird N1p zu N1.2p: N2 verkehrt 2 in 3 und 3 in 2. 1 bleibt unangetastet. So setzt sich die Negationskette fort, um sich beim sechsten Schritt zum Kreis zu schließen, da N1.2.1.2.1.2p ≡ p. In Tab. 11 verhält es sich analog. Hat man die Tabellen erst verstanden, sieht man leicht, wie die beiden Operatoren – im Wechsel angewendet auf die Wertfolge p – alle sechs möglichen Anordnungen für p erzeugen. Der Unterschied der beiden Ketten besteht einzig darin „[...] dass wir die Permutationsfolge einmal von rechts und einmal von links lesen und feststellen können, daß sie ein Verhältnis der Widerspiegelung liefern.“237 In anderen Worten: Der Wechsel der zwei Operatoren beschreibt einen Kreis, der mit und gegen den Uhrzeigersinn durchmessen werden kann. Wir zeichnen der Verdeutlichung wegen beide Richtungen an: Abb. 26 Aber die sechs möglichen Wertfolgen lassen sich durchaus als die sechs Präferenzordnungen unserer Robinsons aus T3.2 interpretieren.238 Man 237 Ebd., S. 310. 238 Günther fasst die sechs Wertfolgen zwar nicht wörtlich als Präferenzordnungen, aber als Wertebereiche, die den anderen Wertebereichen des Kreises widerspre- 107 erhält so an jedem Punkt des Kreises eine eindeutige Hierarchie von Werten, sowie mit N1 und N2 zwei Operatoren, die sich ähnlich verhalten, wie die Buden bei Walras, weil sie ebenfalls zwischen den einzelnen Standpunkten einen Umtausch der Werte bewirken. (Dass der Tausch wie eine Negation wirkt, wurde bereits oben angemerkt.) Der Übersicht wegen geben wir noch einmal die sechs Robinsons an, diesmal mit 1, 2 und 3 für A, B und C. Tab. 12 Wir ordnen sie zu dem Kreis, den die beiden Negationszyklus ergeben und verbinden die beiden Dreiergruppen mit gestrichelten Linien, die im indirekten Tausch einen zweiten optimalen Tauschpartner abgeben. In den beiden herausgehobenen Dreiergruppen unterscheiden sich die Wertbesetzungen der Präferenzordnungen modulo 3, wie Günther es nennt. D.h. von jeder Station zur nächsten wechseln je einmal alle 3 verfügbaren Werte: „Also aus 1 wird 2. Aus 2 wird 3. Aus 3 wird wieder 1, chen. Er nimmt für die einzelnen Positionen des Kreises also gleichfalls eine Hierarchie der Werte an. Vgl. Ebd., S. 312-314. Abb. 27 108 und damit ist ein Wertzyklus geschlossen.“239 Man kann insofern sagen, dass der „große“ Kreis zwei „kleinere“ Kreise beherbergt. Sie berühren nur ausgewählte Stationen der Kreisperipherie.240 Das ändert sich nicht, wenn man den angebotenen Wertebereich abermals verwirft und also in einer weiteren Rejektion – über einen dritten Negationsoperators N3 – einen vierten Wert einführt: Tab. 13 Die kürzeste Negationskette umfasst nun bereits 24 Negationsschritte, ehe sie sich wieder zum Kreis abschließt.241 Abhängig von den drei verfügbaren Operatoren, die man bei den einzelnen Schritten wählt, erhält man bspw. die Äquivalenzen: p ≡ N1.2.3.2.3.2.1.2.1.2.3.2.3.2.1.2.1.2.3.2.3.2.1.2p p ≡ N2.1.2.3.2.3.2.1.2.1.2.3.2.3.2.1.2.1.2.3.2.3.2.1p p ≡ N3.1.2.3.1.3.2.1.3.1.2.3.1.3.2.1.2.1.2.3.1.3.2.1p Es gibt bei 4 Werten immerhin 88 Möglichkeiten, dass sich der Kreis nach 24 Stationen schließt. In anderen Worten: Es gibt viele, aber nicht unendlich viele Wege, über die eine Vermittlung der unterschiedlichen Präferenzordnungen erreicht werden kann. Wir zeichnen nur einen der 88 möglichen Zyklen an – wie Günther, den Kreis für die dritte angeschriebene Kette. Dabei tragen wir wieder die kleineren Kreise ein, die nur ausgewählte Stationen des großen Kreises berühren. Das sind die sechs möglichen Zyklen modulo 4, d.h. sechs Gruppen á vier Robinsons, die jedem Beteiligten als Verbund einen weiteren optimalen Tauschpartner bieten. (Es wurde oben bereits angemerkt, dass zwischen den Präferenzordnungen nicht alle Werte am Austausch beteiligt sein müssen. Bei Präferenzordnungen mit vier Werten können vom Austausch auch – neben dem direkten Tausch von zwei Werten – nur drei Werte betroffen sein. D.h. der angezeichnete Kreis beherbergt zusätzlich einige kleinere Kreise modulo 3, die jeweils einen der angebotenen Werte vom Aus- 239 Ebd., S. 312. 240 Vgl.: ebd. 241 Beim Übergang zu fünf Werten erhält man einen „großen“ Kreis mit 120 Stationen, bei sechs Werten 720, bei sieben Werten 5040 usw. usf. Vgl. ebd., S. 315. 109 tausch ausschließen. Das zeichnen wir der Übersichtlichkeit wegen nicht ein.) Abb. 28 Mit diesen Negationsketten erhält man ein Werkzeug, das die Verknüpfung widersprüchlicher Präferenzordnungen in einem Kommunikationsprozess auflöst und sichtbar macht, ohne dabei auf die unsichtbaren Kräfte des Marktes und ein allgemeines Tauschmittel angewiesen zu sein. Zwar gewinnen diese Ketten bei der Hinzunahme neuer Werte sehr schnell an Länge. Sie beherbergen dann eine ganz unerhörte Vielfalt an Kombinationsmöglichkeiten. Weil sich diese Ketten bei der Akzeptanz eines angebotenen Wertebereiches aber immer wieder zu Kreisen schlie- ßen, stehen sie der Analyse offen. Sie stecken alle möglichen Wege ab, die zwischen den einzelnen Präferenzordnungen vermitteln können. Nun wurde vielleicht bemerkt, dass man mit der Einführung zusätzlicher Negationsoperatoren auf Hegels Spuren wandelt. Dann wird es auch nicht wundern, dass man auf Zyklen kommt. Aber das interessiert 110 nur am Rande.242 Wichtiger ist nun erstens das Verhältnis von Hierarchie und Heterarchie, wie es in und zwischen diesen Negationszyklen zum Ausdruck kommt, zweitens die Frage, wer oder was die Hinzunahme neuer Werte vorantreibt. Der nächste Abschnitt sucht daher nach einer Möglichkeit die Beziehung zwischen Qualität und Quantität mit anderen Mitteln übersichtlicher darzustellen. Wie es scheint ist die Multinegationalität und Zyklizität dieses Negationssystems in der Lage die unendliche Iterativität, die das Denken des Denkens erzeugt, in gewisse Ebenen zu ordnen und über Kombinationsmöglichkeiten zu strukturieren.243 Erstens: Die Hierarchie ist aus den Negationszyklen nicht etwa verschwunden. Will man Günther weiter folgen, kehrt sie zwischen den Zyklen in neuer Gestalt zurück als Rangordnung von Systemen niederer und höherer Strukturkomplexität.244 „Der Übergang einer n-wertigen Logik zu einer Logik n + 1 stellt sich vom Standpunkt der Struktur zuerst immer als ein Sprung von einem niederen logischen Niveau zum nächst höheren dar. [..] Der klassischen Logik ist die Struktureigenschaft der Komplexität fremd. Sie kennt nur Kompliziertheit, die vermittels der Vermehrung der Variablen beliebige Grade annehmen kann. Im Rahmen der Zweiwertigkeit tendiert die logische Entwicklung immer auf die Einfachheit des Allgemeinen zu. Eine begriffliche Armut ist das Ideal, [..]. Das ist das Reich der ersten, vorhegelschen Negation. Die zweite, Hegelsche aber ist ein „Drängen zum reicheren Abbild“, das die Einführung immer höherwertiger Systeme erzwingt und in diesem neuen Sinne eine hierarchische Rangordnung von struktureller Armut zu struktureller Fülle erzeugt. Freilich ordnet sich dann doch auf jeder neu gewonnenen Stufe alles wieder zum heterarchischen Kreis, der als solcher nirgends über sich hinausweist, ein, weil – worauf wir noch einmal nachdrücklich hinweisen wollen – ihm das summum bonum fehlt.“245 242 Vgl.: Günther, Gotthard: Das Janusgesicht der Dialektik, in: Beiträge, Bd. 2, 1979, S. 315. Um den strukturellen Minimalbedingungen einer Theorie des objektiven Geistes zu genügen muss man bei einer 66wertigen Logik mit einem Kreis rechnen, bei dem die Zahl der Stationen zur Größenordnung 66! Gehört. Das sind etwa 55 x 1095 Negationsschritte. 243 Vgl.: Ditterich, Joseph/ Kaehr, Rudolf: Einübung in eine andere Lektüre, in: Philosophisches Jahrbuch,1979, S. 395. 244 Vgl.: Günther, Gotthard: Das Janusgesicht der Dialektik, in: Beiträge, Bd. 2, 1979, S. 314. 245 Ebd., S. 316. 111 Struktur entsteht bei Günther erst – darin folgt er McCulloch – in der Verbindung von Hierarchie und Heterarchie. „Die klassische Logik ist reine Form und liefert nur eine Komponente der Struktur, genauso wie die isolierte Heterarchie, d.h. das zyklische, resp. das Kreis-Verhältnis, reine Form und zweite Strukturkomponente ist.“246 Erst in der Kombination dieser beiden formalen Prinzipien entsteht somit auch Komplexität, „[...] weil Komplexität ein Charakteristikum von Struktur ist.“247 In der sukzessiven Hinzunahme neuer Werte entfaltet sich aber ein Reichtum an Kombinationsmöglichkeiten, der als anwachsender Zusammenhang unterschiedlicher Qualitäten erfasst werden muss. So verdichten sich die Formen auf der Skala niederer und höherer Komplexität allmählich zu Inhalt. Diese Skala, auf der sich die Verdichtung der beiden Grundformen über immer reichere Strukturen hin zum Inhalt vollzieht, ist also „[…] letzten Endes nichts anderes als die [Rangordnung] von geringerer und größerer Realitätsnähe des Begriffes.“248 Eine solcher Vermengung formaler und inhaltlicher Aspekte im Günther´schen Strukturbegriff ist für die Verfechter einer rein klassischen Rationalität gewöhnungsbedürftig. Aber es ist kein grober Unfug. Dass nämlich das Anwachsen an struktureller Komplexität bald über alle menschliche Vorstellungskraft hinausgeht – wie Günther nicht müde wird zu betonen249 – spricht nur gegen die Vorstellungskraft des Menschen, nicht gegen die Ordnungen, die sich zwischen den Werten entfalten. Daher betont Günther die Bedeutung der Rechenmaschine für eine transklassische Logik. Wie man eine solche mehrwertige Logik tatsächlich ins Werk setzten könnte, ist eine Frage, der wir in den nächsten Abschnitten nachgehen. Zweitens: Gesucht ist nun ein Operator, der den „Sprung“ zum jeweils nächsthöheren Niveau erzeugt, indem er den heterarchischen Kreis durchbricht, der doch als Kreis nirgends über sich hinausweist. Wie gesehen, kann dieser Operator zunächst als Kopie oder Verdoppelung der klassischen Negation eingeführt werden, indem man den ersten negativen Wert abermals negiert, um darüber einen dritten Wert einzuführen. Damit fällt das TND, genauer: im Sprung auf die nächsthöhere Stufe wird der Gültigkeitsbereich des TND verlassen. Das öffnet weiteren Werten Tür und Tor. Es muss dann theoretisch auch ein vierter, fünfter und sechster Wert zugelassen sein, usw. usf. bis ans Ende aller Tage, 246 Ebd., S. 314. 247 Ebd.. 248 Ebd.. 249 Vgl. etwa: ebd., S. 316. 112 d.h. ad infinitum. Die Komplexität, die sich zwischen den Werten entfaltet, ist in der Vorstellung – wie gesagt – nicht zu bändigen. Es ist aber in keiner Weise gesagt, dass die angebotenen Wertebereiche tatsächlich immer verworfen werden. Sie können genauso gut akzeptiert werden. Dann verschließt sich der Wertebereich gewissermaßen neuen Werten gegenüber. Es ergibt sich damit ein einfacher Gegensatz. Im Wahl- oder Entscheidungsprozess gibt es einerseits die Werte, die den angebotenen Wertebereich akzeptieren, andererseits jene, die ihn verwerfen. Günther nennt das die Dichotomie zwischen Akzeptions- und Rejektionsfunktion. Er macht darauf aufmerksam, dass sich darin ein transklassisches TND manifestiert.250 Zur Erläuterung: Es bleibt uns lokal, d.h. am Ort der Entscheidung, ein klassisches TND erhalten, wenn innerhalb der jeweiligen Präferenzordnung – intra-kontextural – ein Wert aus dem angebotenen Wertebereich gewählt wird. Wird aber vor Ort – über die Rejektion des gesamten Wertebereiches – ein neuer Wert in die betreffende Kontextur eingeführt, erlischt die Gültigkeit dieses klassischen TND. Es kehrt gleichsam verwandelt auf übergeordneter Stufe wieder als ein transklassisches TND. Immerhin lassen sich nun alle möglichen Werte einteilen in Werte einerseits, die zum angebotenen Wertebereich zählen, sowie Werte andererseits, die nicht dazu zählen. Das soll in der folgenden Tabelle deutlich werden. Sie gibt nur einen kleinen Ausschnitt des möglichen Werteangebotes wieder und ließe sich leicht erweitern: Tab. 14 So zeigt sich, dass vor Ort die beiden intra-kontextural angebotenen Werte entweder akzeptiert oder verworfen werden. Der betreffende Funktor kann die zweiwertige Alternative akzeptieren – indem er sich dem klassischen TND beugt – oder er führt der Kontextur aus deren Umgebung einen gänzlich neuen Wert zu – der ja in dem Sinne neu ist, 250 Vgl. ebd., S. 323. 113 als dass er nicht länger dem angebotenen Wertebereich zugewiesen werden kann. Eine vierwertige Logik bietet der jeweiligen Kontextur bereits zwei Rejektionswerte. Man bekommt es damit bei vier Werten, wie Günther anmerkt, „[...] mit einer Strukturtheorie eines Universums zu tun, in der bereits der Unterschied von Ich- und Du-Subjektivität in elementarster Form definierbar wäre.“251 Um diese Bemerkung Günthers zu verstehen, wollen wir uns noch einmal jenem „Sprung“ zuwenden, der qua Rejektion von einer n-wertigen Logik zu einer Logik n + 1 führt. Die Übergänge zur nächst höheren Stufe an Komplexität sind laut Günther gerade darum Sprünge, „[...] weil für jedes gegebene System einmal der Moment kommt, an dem alle seine kombinatorischen Möglichkeiten der Wirklichkeit gegenüber erschöpft sind und sich der Antrieb für die Produktion eines strukturell reicheren Systems aus der Objektivität einer noch nicht genügend begriffenen Welt ergeben muss.“252 D.h. die Negationszyklen, die sich über die besagten Sprünge zu einer Art Spirale anordnen, bilden die Subjektivität lebender Systeme ab, neutraler: die Willens- und Erkenntnisfunktionen selbstständiger Beobachter. Im Sprung auf die nächste Stufe drückt sich also dir Freiheit als Aktivität aus, die das Leben vom toten Sein unterscheidet. Oder mit Fichte: „Hierdurch [durch den Akt des Abstoßens] wird die Freiheit eigentlich zur Freiheit […] ihr Wesen ist Act (was unendlich wichtig ist).“253 Wir sind nun bei einem Problem angelangt, das wir zu Beginn der Arbeit in P2 kennengelernt haben. Wenn sich das Denken nämlich selbst zum Gegenstand nimmt, objektiviert es sich und versteinert. Der Denkprozess gerinnt dann zum Thema eines Denkprozesses zweiter Ordnung. Daher führt die Selbst-Reflexion auf unendliche Reihen. Das gilt aber für Selbst- Bewusstsein und Einzeller gleichermaßen, da lebende Systeme aus eigener Leistung eine Grenze zwischen sich und ihrer Umwelt aufrechterhalten. Das setzt aber die Selbst-Beobachtung anhand der Systemgrenzen voraus, d.h. die Wiederholung der Unterscheidung von System und Umwelt im Inneren des Systems. So ist der Operator, der immer höhere Stufen interner Komplexität erklimmt – oder eben nicht erklimmt – eine Funktion des lebenden Systems selbst: „[…] der Rejektionswert ist der Index der Subjektivität in einem 251 Ebd.: S. 323. 252 Ebd.: S. 316. 253 Fichte, Johann G.: Darstellung der Wissenschaftslehre. Aus dem Jahr 1801, Berlin 2013, § 17, S. 25. 114 transklassischen Kalkül.“254 Nun stößt sich das System mithilfe dieser Funktion je und je aufs Neue ab von den objektiven Gegebenheiten seiner Umwelt. Dadurch entsteht Qualität und dem Gesamtverbund Sinn, den er der Welt gibt. Wenn man dann weiter danach fragt, wer eigentlich den Zuwachs an interner Komplexität anstoßen und stiften kann, bleibt dem System nichts als der Reichtum, den es in seiner Umgebung findet, wenn es sich selbst-tätig davon absetzt. D.h. in anderen Worten, „[...] daß die Motorik der Subjektivität, die sich aus jeder positiven Beziehung immer wieder negierend zurückzieht, ausschließlich aus der Materialität der Welt stammen kann; jener Materialität, deren Kontingenz in keiner noch so komplexen Struktur endgültig zu bewältigen ist.“255 5.2 Neues als Iteration und Akkretion Indem wir weiter nach dem Innenleben von Systemen fragen, die sich selbsttätig von ihrer Umwelt abstoßen, wenden wir uns Günthers Unterscheidung in Qualität und Quantität zu. Günther bestimmt die Begriffe im gegenseitigen Verweis aufeinander, d.h. als Komplemente: „Das logische Verbindungsglied zwischen Qualität und Quantität liegt im Begriff der Einheit. Es ist selbstverständlich, daß jede Qualität qua Qualität als Einheit aufgefasst werden muß, die sich als solche von anderen Qualitäten absondert. Impliziert ist dabei, daß jede Einheit von der anderen grundsätzlich verschieden ist. Wäre das nicht der Fall, dann hätten wir es nicht mit Qualitätsdifferenzen zu tun. Soweit also ist die Welt eine Akkumulation von Qualitäten. Andererseits aber muß der Aufbau der natürlichen Zahlen ebenfalls als eine Akkumulation von Einheiten betrachtet werden. Aber diesmal wird impliziert, daß diese Einheiten sich nicht im geringsten voneinander unterscheiden. Es geht jetzt mithin um eine Akkumulation von Quantitäten. Das dialektische Problem ergibt sich also aus der Einsicht, daß Einheit einer doppelten Behandlungsweise zugängig ist – nämlich einer als Qualität und das andere Mal als Quantität – und es darauf ankommt, beide Behandlungsweisen in der dialektischen Systematik zu verschmelzen.“256 254 Günther, Gotthard: : Das Janusgesicht der Dialektik, in: Beiträge, Bd. 2, 1979,S. 321, kursiv im Original. 255 Ebd., S. 316. 256 Ders.: Natürliche Zahl und Dialektik, in: Beiträge, Bd. 2, 1979, S. 276. 115 Es ergeben sich zwei Möglichkeiten die Akkumulation von Einheiten als einen Zählprozess zu interpretieren. Im einen Fall wiederholt das Zählen identische Einheiten, im anderen Fall führt es mit jedem Schritt eine neue Einheit ein, eine Einheit also, die sich gegenüber allen bisherigen Einheiten unterscheidet. Für die beiden Zählweisen reservieren wir – im Anschluss an Günther – die Begriffe Iteration und Akkretion.257 Was man darunter verstehen soll, sieht man in folgender Tabelle ins Bild gesetzt: Tab. 15 Die Tabelle zeigt insgesamt drei Notationen der Peano-Folge – das ist die Zahlenreihe der natürlichen Zahlen , in der jede Zahl mit einen Vorgänger und einen Nachfolger hat. Die obere Zeile verwendet dazu die (arabischen) Ziffern des Dezimalsystems. Die mittlere Zeile wiederholt mit jedem Schritt einen identischen Buchstaben. Indessen reiht die untere Zeile Buchstaben aneinander, die sich alle voneinander unterscheiden. Über das Zählen qua Iteration und Akkretion erhält man also Zeichenketten, deren Länge mit jedem Schritt des Zählprozesses um eine Stelle zunehmen – im einen Fall durch Wiederholung, im anderen durch eine zunehmende Diversifikation der Zeichen – „[so] daß dieselbe Sequenz einmal als Zählung des Gleichen, das andere Mal als Zählung des Ungleichen erscheint.“258 In der Tabelle stehen die beiden Zählweisen unvermittelt gegenüber als zwei Interpretationen der Peano-Folge. Sie lassen sich kombinieren, wenn man bei den einzelnen Schritten des Zählprozesses sowohl Iteration, als auch Akkretion zulässt. Dann verbinden sich die beiden Notationen über hybride Zeichenketten: 257 Vgl.: ebd., S. 269. 258 Ebd., S. 271. 116 Abb. 29 Günther nennt diese Mischformen Vermittlungszahlen. Sie erzeugen – mitsamt maximaler Iteration und Akkretion – ein System dialektischer Zahlen. 259 Darüber lässt sich ein diskreter Anreicherungsprozess von Qualitäten und Quantitäten abbilden. Beim Schritt zur jeweils nächstlängeren Kette darf dazu entweder ein Zeichen der vorhergehenden Kette wiederholt werden oder man führt ein neues Zeichen ein. Die Anzahl möglicher Zeichenketten – maximale Iteration und Akkretion eingeschlossen – ist dann mit Kettengliedern . Es fällt auf, dass durch mehr mögliche Vermittlungszahlen gegeben sind, als Abb. 29 abbildet. Zwischen aaaa und abcd sollten der Formel gemäß bspw. ebenso die Ketten aabb, abcc oder etwa dcbb vermitteln. Aus didaktischen Gründen reduzieren wir die vermittelnden Ketten, indem wir – wie Günther – zwei weitere Regeln einführen: „Erstens soll es nur erlaubt sein, den Buchstaben a zu iterieren und weiterhin soll vorläufig die Position eines Buchstabens in jeder gegebenen […] Symbolfolge irrelevant sein.“260 (Die Buchstaben folgen einander überdies in gewohnter alphabetischer Reihenfolge.) Bei jedem Schritt des Zählpro- 259 Vgl.: Ebd., S. 273. 260 Ebd., S. 273. 117 zesses erhöht sich nun die Anzahl der Vermittlungszahlen immer um ein einziges Exemplar. Das genügt vorerst, um grundlegende Eigenschaften der möglichen Zählprozesse zu verdeutlichen. Dazu lassen sich die Ketten noch etwas kürzer anschreiben, indem man mit einer ersten Zahl des Dezimalsystems die Länge der Kette angibt, mit einer zweiten – nach einem Doppelpunkt – die Anzahl der unterscheidbaren Zeichen. So wird bspw. aa zu 2:1, aab zu 3:2 und abcd zu 4:4. Die Zahlen ordnen sich zu folgender Pyramide: Abb. 30 Es lässt sich nun in dieser Pyramide für jede Position genau angeben, was sie als einzelne Station im Verlauf des Zählprozesses über den Zuwachs an Qualität und Quantität festhält. Aber es besteht keine Eindeutigkeit, auf welchem Weg dieser Punkt erreicht wurde. Um stufenweise von 1:1 zu 5:3 zu gelangen gibt es bereits sechs Möglichkeiten. Man kann das leicht mit dem Finger prüfen. Die Anzahl der Möglichkeiten sind für bestimmt durch:261 So zeigt ein Zählprozess, der quantitative und qualitative Aspekte berücksichtigt, die Eigenart, dass die einzelnen Stationen nur dann genau einen Vorgänger und einen Nachfolger haben, wenn sie entweder rein iterativ oder rein akkretiv zustande kommen. Ansonsten ist der Weg vom Allgemeinen zum Speziellen und vom Speziellen zum Allgemeinen nicht eindeutig. Aber diese Pyramide gibt nichts anderes wieder, als die Hierarchie der Negationszyklen aus dem vorherigen Kapitel, bzw. das Verhältnis von Akzeptions- und Rejektionsfunktion, wie es sich im Anwachsen von niedriger zu höherer Strukturkomplexität niederschlägt. 261 Vgl.: Ders.: Life as Poly-Contexturality, in: Beiträge, Bd. 2, 1979, S. 300. 118 In anderen Worten: Da sich dialektische Zahlen schrittweise um quantitative und qualitative Aspekte anreichern, lässt sich der Zählprozess nunmehr als ein Verfahren bezeichnen, das zwar deduktiv vom Allgemeinen zum Besonderen schreitet und derart Objektklassen bildet. Aber das richtet keine Hierarchie der Klassen ein. Vielmehr verwirklicht sich die Klassifikation als eine Kombination hierarchischer und heterarchischer Aspekte. Das verwundert nicht, denn immerhin wird mit jedem akkretiven Schritt eine gänzlich neue Qualität eingeführt. Das ist nichts anderes als die Rejektion des bis dahin erzeugten Wertebereiches. Insofern zeigt die Pyramide eine Alternative zur klassisch-zweiwertigen Kunst der Unterscheidung (διαίρεσις) und damit zur Definition von Objekten, die seit gut zweitausend Jahren das logische Denken bestimmt. Anstelle der monotonen Wiederholung ein und derselben Unterscheidung zwischen Identität und Nicht-Identität (Diversität), etablieren sich in der Objektdefinition mit der Einführung eines dritten Wertes die Unterscheidung von Selbigkeit und Gleichheit und die Unterscheidung von Gleichheit und Verschiedenheit.262 Abb. 31 Diese Ausdifferenzierung vielfältiger Unterscheidungen setzt voraus, dass man die engen Grenzen einzelner Kontexturen übersteigt. Das sind – wie T5.1 vorgeschoben – klassisch logische Domänen, die sich über den Gültigkeitsbereich des TND von ihrer Umgebung als Kontexturen abschotten. Sowohl reine Iteration, als auch reine Akkretion verlassen diese Grenze nicht.263 Bei der Kombination ist ein Kontexturwechsel aber notwendig, da sich jede Kontextur durch ihre eigene Peano-Folge auszeichnet und sich diese Folgen bei der Kombination kreuzen und mischen.264 262 Abb. nach: Kaehr, Rudolf: Skizze eines … Gewebes rechnender Räume in denkender Leere, S. 64. Stand: 2004. http://www.vordenker.de/ggphilosophy/kaehr_ skizze_36-120.pdf. (29.09.2013). 263 Vgl.: Günther, Gotthard: Natürliche Zahl und Dialektik, in: Beiträge, Bd. 2, 1979, S. 275. 264 Vgl.: ebd., S. 253f. 119 Die Knotenpunkte der Pyramide zeigen insofern für jeden Richtungswechsel des Zählprozesses trans-kontexturale Übergänge an. Ein Zählprozess, der innerhalb dieser Pyramide vor sich geht und zumindest einmal die Richtung wechselt, verläuft in diesem Sinne poly-kontextural.265 Es lohnt sich, im Vergleich zu Abb. 31 noch einmal auf die Pyramide in P2.3 zu verweisen. Diese schöpft ihren gesamten strukturellen Reichtum aus zwei (Wahrheits-)Werten, indem sie mit jedem Schritt eine Unterscheidung zwischen den beiden Werten trifft und also einen angebotenen Wert entweder wiederholt oder negiert. Ein Drittes bleibt dabei ausgeschlossen. Die 16 möglichen Wege der Pyramide aus P2.3 liefern die Wertfolgen der 16 zweistelligen Junktoren, des Aussagenkalküls. Auch sie akzeptieren allesamt den angebotenen Wertebereich von 0 und 1. Die folgende Tabelle verdeutlicht das schnell.266 Zum Verständnis: Spalte 2 gibt an, dass bei der Konjunktion (∧) der jeweils höhere Wert vom Angebot p und q gewählt wird, d.h. 0 für 0 ∧ 0, sowie 1 für die restlichen drei Fälle 0 ∧ 1, 1 ∧ 0 und 1 ∧ 1: Tab. 16 Die Wertfolgen 1 bis 8 sind dabei isomorph mit den Wertfolgen 9 bis 16. Das zeigt der doppelte Strich an, der zwischen den Wertfolgen 8 und 9 verläuft, denn in ihm spiegelt sich die Struktur der jeweils 8 Anordnungen linker und rechter Hand. (Die Wertfolgen 1 und 16 sind strukturell identisch, die Folgen 2 und 15, 3 und 14, 4 und 13, usw. usf.) Das ist längstens bekannt. Und man weiß auch schon lange, dass mit Hinzunahme weiterer Werte nicht nur die einzelnen Wertfolgen länger werden, sondern vor allem – aufgrund einfacher Kombinatorik – die möglichen Wertfolgen zunehmen. Denn es gibt für Werte -stellige Junktoren. Damit ist eine dreiwertige Logik bereits reich genug für zweistellige Junktoren. Diese 19.683 Junktoren inhaltlich interpretieren, also 265 Vgl dazu auch Ders.: Life as Poly-Contexturality, in: Beiträge, Bd. 2, 1979, S. 283-306. 266 1. Kontradiktion, 2. Konjunktion, 3. Postsektion, 4. Präpendenz, 5. Präsektion, 6. Postpendenz, 7. Kontravalenz, 8. Disjunktion, 9. Peirce-Funktion, 10. Bijunktion, 11. Postnonpendenz, 12. Konversion, 13. Pränonpendenz, 14. Subjunktion, 15. Sheffer-Funktion, 16. Tautologie. 120 „verstehen“ zu wollen, wäre einigermaßen naiv. Das heißt aber nicht, dass sich damit nicht rechnen ließe. Die 16 zweistelligen Junktoren der klassischen Logik scheinen zwar leichter zu handhaben als die Massen möglicher Konstellationen, die sich in mehrwertigen Kalkülen ergeben. Aber der Preis ist, dass man sich bei zwei Werten mit einem sehr kleinen Ausschnitt an überhaupt möglichen Strukturen begnügt. Ersetzt man aber mit Günther die Wahrheitswerte 0 und 1 durch beliebige Symbole, die nur noch innerhalb der Wertfolge markieren, dass an der betreffenden Stelle ein Wert stehen kann – aber nicht stehen muss – erhält man eine Tabelle von Platzordnungen, in der sich die reine Struktur der Wertfolgen spiegelt. Man abstrahiert dabei von der Belegung durch zwei Wahrheitswerte. Die Spalten 1 bis 8 in der folgenden Tabelle geben insofern die Struktur der 16 klassischen Wertfolgen wieder. Falls man aber vier Plätze zur Verfügung hat, lassen sich aber 7 weitere, nunmehr trans-klassische Folgen denken: Tab. 17 Günther nennt diese Platzordnungen oder Leerformen Morphogramme.267 Sie setzen sich aus einzelnen Kenogrammen (κενόω = leer) zusammen (hier: +, ∆, ●, #), wobei betont sei, dass sich die Bedeutung eines Kenogrammes nur in der betreffenden Kenogrammsequenz ergibt. „Kenogrammkomplexionen [..] stellen selbstdifferenzierende strukturelle Ordnungen dar und sind als solcher Realisierung von Struktur.“268 Das erklärt auch die Erweiterung um 7 Spalten. Es ließe sich ansonsten Morphogramm 9 problemlos mit bspw. den Sequenzen 267 Vgl.: Günther, Gotthard: Das metaphysische Problem einer Formalisierung der transzendental-dialektischen Logik, in: Beiträge, Bd. 1, 1976, S. 189-249, hier S. 215. 268 Mahler, Thomas: Morphogrammatik. Eine Einführung in die Theorie der logischen Form, Dortmund 1993, S. 33. (Kursiv im Original) http://www.thinkartlab.com/pkl/media/mg-book.pdf (abgerufen am 29.09.2013). 121 darstellen. In anderen Worten: Man erhält mit diesen Symbolfolgen Ketten leerer Plätze, die nur am Stück, bzw. als Muster Sinn machen, indem sie reine Strukturtypen abbilden. Das ist kein fixes Alphabet von Atomzeichen! Aber derart kann man die Plätze indizieren, auf die sich ein Verbund mehrerer zweiwertiger Domänen (Kontexturen) verteilt. In T5.3 wir das an einem Beispiel verdeutlichen. Dort zeigt sich, dass mehrere Morphogramme nebeneinander in ihren übergreifenden Anordnungen und Mustern eine tiefere, sozusagen prä-logische Schicht etablieren, die mit Wahrheitswerten besetzt oder nicht besetzt sein kann. Kaehr führte dafür die Unterscheidung in globale und lokale Werte ein.269 Um Ordnung zwischen die Morphogramme zu bringen, unterscheidet Günther zwischen der Proto-Struktur, der Deutero-Struktur und der Trito- Struktur der Morphogramme.270 Die Regeln zur Erzeugung der Proto- Struktur haben wir bereits oben an Abb. 29 kennengelernt. Man fordert dazu das Minimum an Wiederholung innerhalb der einzelnen Morphogramme – nur ein Kenogramm darf wiederholt werden – wobei der Platz der Kenogramme im Morphogramm zusätzlich ohne Bedeutung ist, also willkürlich erfolgt. (Zur Darstellung muss man sich freilich für eine Folge entscheiden.) Die Deutero-Struktur ergibt sich, wenn ein Maximum an Wiederholung erlaubt ist – also in einem Morphogramm verschiedene Kenogramme zugleich wiederholt werden dürfen – aber der Platz der Kenogramme im Morphogramm wieder ohne Bedeutung ist. Die Trito-Struktur ergibt sich, wenn maximale Wiederholung erlaubt ist und endlich die Platzierung der Kenogramme im Morphogramm wichtig wird. Damit unterscheiden Proto-, Deutero- und Trito-Struktur in Gattung, Art und Individuum der Morphogramme, bzw. in einer Theorie reiner Strukturtypen, in die sich jede Wertlogik einschreiben muss.271 269 Vgl.: Kaehr, Rudolf: Materialien, Anhang zu: Gotthard Günther: Idee und Grundriss, 1978, 1-115. 270 Vgl.: Günther, Gotthard: Logik, Zeit, Emanation und Evolution, in: Beiträge, Bd. 3, 1980, S. 111-113. 271 Vgl.: ebd., S. 113. 122 Wir müssen im Rahmen der Arbeit nicht ausführlich auf die Transformationsregeln eingehen, die Günther und die Wenigen, die ihm bisher gefolgt sind, entdeckt, entwickelt und ausgearbeitet haben.272 Den Wechsel über Negationsketten haben wir bereits kennengelernt. Ergänzend genügt der Verweis auf den Reflektor R, der die Morphogramme unterhalb Tab. 17 in der Horizontalen spiegelt.273 Davon bleiben die Morphogramme 1, 4, 6, 7, 11, 12 und 15 unberührt. Aber es wird 2 zu 8, 3 zu 5, 9 zu 14, 10 zu 13 und umgekehrt. Rudolf Kaehr hat diesen transklassischen Junktor (Transjunktor) verfeinert, indem er – grob gesagt – die Morphogramme in Matrizen anzeichnet und daher – mit unterschiedlichen Reflektoren – in unterschiedlichen Achsen spiegeln kann.274 Wir werden R in T5.3 demonstrieren. Abschließend machen wir auf zwei Begriffe Günthers aufmerksam, weil man damit der Frage, wie sich Neues als Neues erkennen lässt, besser begegnen kann. Zur Illustration genügen vier Stufen der Trito-Struktur. Am Wechsel zwischen den Strukturtypen lässt sich den Begriffen Emanation und Evolution eine präzise Bedeutung geben. Beide Kategorien machen – so auch gewöhnlich – auf den Wandel von Zuständen aufmerksam, also auf Veränderung als Maßstab für Zeit und Geschichte. Mit Günther darf man nun präzisieren, dass Evolution einen Prozess der Komplexitätssteigerung und strukturellen Diversifikation meint, der irreversibel ist und auf die Zukunft hin völlig offen. Nur Evolution bringt neue Qualität ins Spiel. Wir kommen darauf in L1 zurück. Emanation hingegen bezeichnet die Ausdifferenzierung und Verwirklichung vorhandener Möglichkeiten. Sie führt vom Zustand maximaler Iteration eines Themas zum Zustand maximaler Diversität der Themata – oder umgekehrt, denn beide Zustände lassen sich als Anfang interpretieren. Wir zeichnen beide Entwicklungsprozesse grob an: 272 Hierzu siehe: Mahler, Thomas: Morphogrammatik, 1993. Und: Ditterich, Joseph/ Kaehr, Rudolf: Einübung in eine andere Lektüre, in: Philosophisches Jahrbuch, 1979, S. 385-408. 273 Vgl.: Günther: Gotthard: Das metaphysische Problem einer Formalisierung der transzendental-dialektischen Logik, in: Beiträge, Bd. 1, 1979, S. 221f. 274 Vgl.: Kaehr, Rudolf: Materialien, Anhang zu: Gotthard Günther: Idee und Grundriss, 1978, S. 87. 123 Abb. 32 Dem muss man zweierlei hinzufügen: Erstens sind diese beiden Maßstäbe für Geschichte und Wandel immer schon vermischt. Das zeigt sich bereits daran, dass der Unterschied evolutiver Prozesse, der sich zwischen Proto-, Deutero- und Trito-Struktur ergibt, erst im Verweis auf emanative Prozesse klar wird. Umgekehrt setzt Emanation evolutive Prozesse voraus.275 Zweitens helfen die Begriffe nur dann, wenn man ein Referenzsystem hat, in das sich das jeweilige Objekt integrieren lässt. Das ist nicht immer gegeben und zudem Sache der Interpretation. Aber es gibt doch die Richtung vor, will man echte Neuerungen ausmachen. 5.3 Kognitiv-volitive Systeme Subjektivität zeigt sich als Gegensatz zweier Kausalverhältnisse, einerseits in einem kognitiven Abbildungsprozess – als Wahrnehmen, Erkennen und Denken – der gewisse Teile der Welt im Inneren eines S-Systems wiederholt, andererseits in einem volitiven Abbildungsprozess – als Willensentscheid und Verhalten – der innere Aspekte des S-Systems ins Äußere projiziert, um sie dort in Form objektiver Zusammenhänge zu wiederholen. Denn einerseits ist ein S-System in seiner Erkenntnismöglichkeit „[...] an seine Umgebung insofern gebunden, als es nur das er- 275 Vgl.: Günther, Gotthard: Logik, Zeit, Emanation und Evolution, in: Beiträge, Bd. 3, 1980, S. 220f. 124 kennen kann, was da ist – einschließlich seiner eigenen Einbildungen und Irrtümer. Als Willensaktivität behauptet es andererseits eine gewisse Unabhängigkeit von seiner Umgebung. Es kann seine Umweltbedingungen in Grenzen ändern und die Einflüsse, die die Welt auf es ausübt, teilweise negieren.“276 Aus dem Widerspruch der beiden gegenläufigen Verhältnisse entstand den Philosophen ein Streit, der sich leicht bis in die Antike zurückverfolgen lässt. Immerhin kann man sich fragen, welches Kausalverhältnis in letzter Instanz das Dasein bestimmt – oder die Geschichte des Menschen. Der Streit wird bis heute lautstark geführt, bspw. mit den Schlagworten ›Freier Wille‹ und ›Determinismus‹. Das ist laut Günther aber ein Zeichen dafür, dass die Streithähne denselben Fehler machen. Sie nehmen offenbar an, „[...] dass Wille und Vernunft zwei unterschiedliche geistige Fähigkeiten des Subjektes sind, die getrennt identifiziert und dann einander gegenübergestellt werden können.“277 Aber Wille und Vernunft sind Ausdrucksformen derselben Tätigkeit, nur unter verschiedenen Vorzeichen, wie Günther betont: „Ein Wille der nichts als sich selbst will, hätte nichts Konkretes, das ihn in Bewegung bringen könnte; und ein Denken, das bloß mentales Bild ist ohne einen Willensprozeß, der es erzeugt und festhält, ist gleichermaßen unvorstellbar.“278 In anderen Worten: „Es gibt keinen Gedanken, der nicht stetig vom Willen zum Denken getragen wird, und es gibt keinen Willensakt ohne theoretische Vorstellung von etwas, das dem Willen als Motivation dient.“279 Da sich die beiden Ausdrucksformen der Subjektivität – Erkennen und Wollen – nicht simultan in einer abgekapselten Einheit individueller, d.h. unteilbarer Subjektivität identifizieren lassen – zumindest nicht ohne Widersprüche – schlägt Günther folgendes Theorem vor: „Subjektivität ist ein Phänomen, das über den logischen Gegensatz des 'Ich als subjektivem Subjekt' und des 'Du als objektivem Subjekt' verteilt ist, wobei beide eine gemeinsame vermittelnde Umwelt haben.“280 Aber erfahrungsgemäß weiß jeder, dass auch das Ich als handelnde Entität auftritt, die Entscheidungen trifft, d.h. als Quell eines eigenen Willens, dass im Du zugleich ein eigenständiger Denkprozess Erkenntnisse erzeugt und erinnert, „[...] daß das Ich als subjektives Subjekt mit jedem Du als objektivem Subjekt eine Umtauschrelation eingeht.“281 Denn aus der Sicht des Du ist jedes andere 276 Ders.: Cognition and Volition, 2002, S. 233. 277 Günther, Gotthard: Cognition and Volition, 2002, S. 236 f.. 278 Ebd., 237. 279 Ebd.. 280 Ebd., S. 238f. 281 Ebd., S. 240. 125 Ich ein Du, während das Du sich selbst als ein Ich erfährt. Das geht sogar so weit, dass auch das Ich sich selbst als Du nimmt, wenn es sich denkt. „Unser eigenes Ich ist sozusagen ein 'Seelen-Ding'.“282 In der Selbst-Referenz entwischt die Aktivität, die das Denken als Denken auszeichnet – als Gegensatz zum Gedachten. Umgehend gerinnt das Denken zum Gegenstand und Thema eines anderen Denkprozesses. Der Denkprozess versteinert in der Selbst-Schau und stößt sich im selben Zug ab als Prozess tiefer hinein in die unfassbare Innerlichkeit (Introszendenz) des Ichs.283 Man verfolgt in der Selbst-Schau seinen eigenen Schatten, ohne je darüber hinweg zu springen; oder man strebt nach ungreifbarer Höhe (Transzendenz) eines fernen Gottes oder Ideals. Aber wie man die Richtung auch dreht und wendet: Die Selbst-Referenz des Denkens führt auf unendliche Reihen.284 Wenn die Modernen dem einen Riegel vorschieben – bspw. in Russells Trennung in Objekt- und Metasprache – wird das Problem ausgeklammert, nicht etwa behoben. In der Hetero-Referenz richtet hingegen das Ich seine Aufmerksamkeit auf den nunmehr fremden Denkprozess. Das Denken erscheint dann abermals in der Gestalt des Du – analog zum gedachten Ich. Es ist dann ausschließlich als Volition – als Willensakt oder Willens-Ereignis – greifbar, genauer: als dessen Produkt, das man Entscheidungen nennt. Denn der Körper des Gegenübers zählt zwar zur eigenen, physisch erfahrbaren Umwelt und daher mischt er sich unter die anderen Teile der Welt, die erkannt, gedacht und einkalkuliert werden – soweit es die Naturgesetze, verfügbaren Ressourcen, etc. ermöglichen. Darüber, d.h. mittels dieser Umwelt, lässt sich mit dem Du in der Tat ein Kontakt herstellen und beibehalten. Aber dem entgegen bleibt der unmittelbare Zugang zur Introszendenz des Du – das ist die Unmittelbarkeit seines Denkprozesses – auf ewig verwehrt.285 D.h. die Vermittlung, die wir an uns selbst erfahren als Simultaneität von Erkenntnis und Wille, sollte in ihrer Struktur der Verbindung entsprechen, die zwischen der eigenen und der fremden Innerlichkeit abläuft. „Das Gehirn als Organ subjektiver Bewusstheit wiederholt innerhalb seiner selbst die Beziehung zwischen Ich und Du als vermittelt durch die physische Umwelt.“286 Gibt man das zu, folgt für den gesuchten Mecha- 282 Ebd., S. 239. 283 Vgl.: Hofmann, Paul: Sinn und Geschichte. Historisch-systematische Einleitung in die Sinn-erforschende Philosophie, München 1937. 284 Siehe hierzu: Hegel, Georg W. F.: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M./ Berlin/ Wien 1970. 285 Vgl.: Hofmann, Paul: Sinn und Geschichte, 1937. 286 Günther, Gotthard: Cognition and Volition, 2002, S. 240. 126 nismus der Vermittlung, dass es keinen Unterschied macht, ob er das Verhältnis des eigenen Erkennens und Wollens vermittelt oder das Verhältnis von Ich und Du. Wir werden diesen Mechanismus nun am Verhältnis von Kognition und Volition darstellen. Dahinter verbirgt sich zunächst das Verhältnis von Adaption und Innovation, wie es zu Beginn der Arbeit problematisiert wurde. Wir geben die beiden Verhältnisse abermals an. Wichtig ist, dass sich beide Seiten des Schaubildes auf dasselbe System beziehen, also als nebengeordnete Mechanismen gleichzeitig ineinander greifen. Abb. 33 Kognition und Volition sind zwei gegenläufige Ordnungsverhältnisse. In beiden Fällen besteht eine Asymmetrie zwischen dem System und seiner Umwelt, indem entweder die Umwelt ordnend eingreift in die Symmetrie zwischen möglichen Erkenntnissen oder das System in die Symmetrie zwischen möglichen Entscheidungen. Im ersten Fall ist das System restlos durch seine Umwelt determiniert, im zweiten Fall die Umwelt restlos durch das System. In der Kognition verursacht die Welt ein Ereignis im System, indem sie im System erstens einen Denkprozess anstößt und zweitens in seiner Form festlegt. Das System ist in der kognitiven Einstellung ein Eimer, in dem nur vermischt werden kann, was die Welt hineingibt und derart, wie es die Welt vorgibt. Das System ist vollständig determiniert. In der Volition hingegen verursacht das System aus sich selbst heraus ein Ereignis in seiner Umwelt. Es wählt aus einem Fundus an Möglichkeiten eine einzige Möglichkeit indem es sie verwirklicht. So wird Sein zu „gewesener Freiheit“ (Schelling). Der Rest an unverwirklichter Möglichkeit landet in der Rumpelkammer der Geschichte. Daher zeigen die gerichteten Pfeile des Schaubildes ein Ordnungsverhältnis an, zwischen dem Operator und dem Operanden. 127 Die Operanden selbst werden, wie bei Günther, durch Doppelpfeile als Umtauschverhältnisse angegeben, um anzuzeigen, „[...] daß der Fluß der Ereignisse immer auf eine strukturelle Konfiguration zusteuert, die symmetrisch und ambivalent ist und die eine Dualität impliziert – kurz gesagt: eine Umtauschrelation.“287 Denn es besteht zwar im System – resp. in der Umgebung – eine gewisse Bandbreite an Möglichkeiten. Aber sowohl die Denk-, als auch die Willensprozesse können sich nur – ungeachtet des Umfangs jener Bandbreite – einer einzigen Möglichkeit zuwenden. Das Denken kann nicht einen Inhalt thematisieren und zugleich nicht-thematisieren. Dasselbe trifft auf Entscheidungen zu, die man nicht treffen und zugleich nicht-treffen kann. Auch die schillerndste Kombination ist eine Kombination. Die Ordnungsverhältnisse in Kognition und Volition beziehen sich also auf eine strukturelle Konfiguration im System (S) oder in der Umwelt (U), die sich mit jedem Moment in zwei mögliche Innenwelten S1 und S2 oder Umwelten U1 und U2 aufteilt. In dieser Hinsicht sind lebende Systeme nicht-triviale Systeme. Sie befinden sich mit jedem Output in genau einem Zustand – und mehr sieht man bei schwarzen Schachteln nicht.288 Dass Günther mit dem Umtauschverhältnis eine Dualität annimmt ist insofern zulässig und sinnvoll. Wir müssen damit allerdings den Verbund aus P3 (Abb. 10) um eine zweite Interpretation ergänzen. Im erstens Verbund fundiert sich U in Bezug auf den Umtausch von S1 und S2. Wir zeichnen nun den gleichen Mechanismus mit dem Bezug von S auf U1 und U2: Abb. 34 287 Ebd., S. 248. 288 Vgl.: Günther, Gotthard: Die Theorie der „mehrwertigen“ Logik, in: Beiträge, Bd. 2, 1979, S. 198f. 128 Das Du fällt einmal – als U1 – unter den Bereich des Objektiven und einmal – als S2 – unter den Bereich des Subjektiven. Wegen dieser Doppeldeutigkeit spricht Günther vom objektiven Subjekt. D.h. das Du begründet sich im Umtausch von subjektivem Subjekt und Es. Dessen ungeachtet kommt man erneut auf ein doppeltes Verhältnis von Umtausch und Ordnung. Die Fundierungsrelationen haben wir abermals mit gestrichelten Pfeilen eingezeichnet. In zwei Fällen begründet sich darin Ordnung auf Ordnung. Das ist nicht weiter interessant. Sieht man davon ab, bleibt jeweils ein Ordnungsverhältnis, das ein Umtauschverhältnis begründet. Man kann aber genauso gut sagen, dass ein Umtauschverhältnis ein Ordnungsverhältnis begründet, denn immerhin beziehen sich beide Hälften des Schaubildes auf dasselbe System, greifen also gleichzeitig ineinander. Wir geben das wieder, indem wir Ordnung nur dort einzeichnen, wo sie Umtausch begründet. Abb. 35 Dieses doppelte Verhältnis von Umtausch und Ordnung soll nun in einem Mechanismus geregelt werden, der sich nicht in Widersprüchen verstrickt. Dazu braucht man zumindest zweierlei: Erstens leere, aber gekennzeichnete Plätze, zweitens einen Operator, der in der Lage ein und denselben Zusammenhang auf diese Plätze zu verteilen und von da ab gleichzeitig als Operator und als Operand zu thematisieren. Denn das, was an einem Ort – unter dem kognitiven Aspekt – Operator ist, muss zugleich, an einem anderen Ort – unter dem volitiven Aspekt – Operand sein und vice versa. Günther unterscheidet dazu in Relator, Relatum und Relation: „Die Relata sind die Entitäten, die durch den Relator miteinander verbunden sind, und die Gesamtheit eines Relators und seiner Relata bildet eine Relation, die sowohl den Relator als auch die Relata ein- 129 schließt.“ 289 Für den gesuchten Operator ergibt sich die Proemialrelation (PR).290 Sie entsteht aus der Relation möglicher Relationen und geht insofern sowohl der Umtauschrelation, als auch der Ordnungsrelation voraus, bzw. bildet deren gemeinsame Grundlage. Dieser Mechanismus zählt daher zur Ebene der kenogrammatischen Strukturen, „[...] weil [er] eine reine Möglichkeit darstellt, die nur entweder als symmetrische Umtauschrelation oder nicht-symmetrische Ordnungsrelation eine aktuelle Relation wird.“291 So zeigt sich an ihm „[...] ein eigentümliches Verhältnis von Formalisierbarkeit und Nichtformalisierbarkeit [der Dialektik]. Die Formalismen beanspruchen dialektisch zu sein, doch der Operator dieser Formalisierung bleibt als Operator nichtformalisiert. Er zeigt sich bloß. Umgekehrt lässt sich die PR selber wieder durch die dialektische Logik formalisieren. Sie ist also selbst proemiell.“292 Die PR entfaltet die strukturelle Möglichkeit des Wechsels von Ordnung und Umtausch. Dieser Wechsel ist nicht symmetrisch, wie bspw. die klassische Negation im Verhältnis zur Position. Der Umtausch, den die PR erzeugt, ist immer ein Umtausch niedriger und höherer logischer Ordnung. „Der Relator kann zum Relatum werden, doch nicht in der Relation, für die er zuvor die Beziehung einrichtete, sondern nur relativ zu einem Verhältnis bzw. Relator höherer Ordnung. Umgekehrt kann das Relatum zum Relator werden, jedoch nicht in Bezug auf das Verhältnis, in dem es als relationales Glied – als Relatum – aufgetreten ist, sondern nur in Bezug auf Relata niedrigerer Ordnung.“293 Ein Beispiel: Das Relatum „Beute“ aus dem Verhältnis „Jäger-Beute“ kann zwar leicht zum Relator „Jäger“ werden, allerdings nur in einem logisch niedrigeren Verhältnis „Jäger-Beute“– mutatis mutandis der „Jäger“ zur „Beute“ in einem logisch höheren Verhältnis. Das garantiert die Verknüpfung von Relatoren und Relata über mehrere Orte, wenn bspw. Väter Söhne sind und gleichzeitig Söhne Väter. Der Relator muss also auf der nächst-höheren Stufe als Relator R zum Relatum x werden.294 289 Günther, Gotthard: Cognition and Volition, 2002, S. 261. 290 προοίμιον = Vorspiel 291 Ebd., S. 265. 292 Kaehr, Rudolf: Materialien, Anhang zu: Gotthard Günther: Idee und Grundriss, 1978, S. 6. 293 Günther, Gotthard: Cognition and Volition, 2002, S. 264. 294 Er klärt damit auch die paradoxe Situation, dass ein System zugleich interne und externe Umgebungen haben kann. Vgl.: Goldammer, Eberhard von: Zeit – Mehrzeitigkeit – Polyrhythmie oder das polylogische orchestrion, in: Olivier Jahrhaus u. Nina Ort (Hg.): Theorie - Prozess – Selbstreferenz. Systemtheorie und transdisziplinäre Theoriebildung, Konstanz 2003, S. 129-185, hier S. 158. 130 Tab. 18 Damit kann man Proemialität, „[...] als eine Begriffsbildung verstehen, die es ermöglicht, ein bestimmtes Objekt auf mehrere logische Stufen (Bezugssysteme) verteilt in verschiedenen Funktionalitäten zu erfassen.“295 Weil die Ordnungsverhältnisse innerhalb der Bezugssysteme simultan thematisiert werden, müssen wir also mit einer Parallelität mehrerer logischer Stufen L rechnen. Erneut gibt der gerichtete Pfeil eine Ordnungsrelation an, der doppelte Pfeil eine Umtauschrelation. „Der Index i bezeichnet höhere oder niedrigere logische Ordnung.“296 Wir wollen das Ineinandergreifen demonstrieren. Die PR besteht dann als mindestens vierstellige Relation aus zwei Relatoren und zwei Relata. Es gilt . Nun lassen sich eine geschlossene und offene eine Form der PR voneinander unterscheiden.297 Für die geschlossen Form gilt . Sie zeigt sich als Zyklus: 295 Mahler, Thomas: Morphogrammatik, 1993, S. 36 296 Günther, Gotthard: Cognition and Volition, 2002, S. 264. 297 Siehe hierzu: Kaehr, Rudolf: Materialien, in: Gotthard Günther: Idee und Grundriss, 1978, S. 5. Siehe auch: Mahler, Thomas: Morphogrammatik, 1993, S. 214. 131 Für die offene Form gilt . Sie zeigt sich in folgender Kaskade: Im Gegensatz von offener und geschlossener Form begegnen wird der Hierarchie und Heterarchie von Ebenen unterschiedlicher und gleicher logischer Mächtigkeit. Während die Kaskade bspw. das Mutter- und Tochter-Dasein über mehrere Generationen verteilt thematisiert, gibt der Kreis bspw. ein Techtelmechtel wieder, in dem zwei Liebhaber einander genießen. Die Standpunkte der Stufen werden zwar in beiden Fällen simultan thematisiert, aber im Kreis koinzidieren Operatoren und Operanden als Operatoren und Operanden. In der geschlossenen Form wäscht die eine Hand die andere. Man kann sie als Chiasmus von vier Orten darstellen, der die Orte über Ordnung (Differenz), Umtausch (Selbigkeit) und Koinzidenz (Gleichheit) vollständig integriert: „Damit sind alle strukturellen Möglichkeiten zwischen Operator und Operand im Modus von Gleichheit und Selbigkeit durchgespielt. Deshalb, und weil mit der Unterscheidung Operator/Operand eine Elementar-Kontextur bestimmt ist, beginnt die Polykontexturalität nicht mit Eins, sondern mit Vier; daher hier die Vierheit.“298 Aber Struktur entsteht nur in der Kombination hierarchischer und heterarchischer Prozesse. Will man also mehrere Elementar-Kontexturen anordnen, sollten sie 298 Kaehr, Rudolf: Diskontexturalitäten. Wozu neue Formen des Denkens? Zur Kritik der logischen Voraussetzungen der Second Order Cybernetics und der Systemtheorie. Stand: 05.12.2010. http://www.vordenker.de/ggphilosophy/diskontext.htm (29.09.2013). 132 über Kaskade und Zyklus zu superadditiven Verbünden gruppiert und abgeschlossen sein.299 Der komplexe Verbund setzt sich dann aus Basisund Vermittlungssystemen zusammen. Jedes Basis- und jedes Vermittlungssystem wird in einer eigenständigen Elementar-Kontextur behandelt. Die Anzahl sämtlicher Kontexturen innerhalb einer Verbundkontextur für Werte ergibt sich aus der folgenden Tabelle:300 Tab. 19 Der Minimal-Verbund von drei Kontexturen setzt sich aus zwei Basisund einem Vermittlungssystem zusammen. Er hat für i = 3 die folgende Gestalt: Wir illustrieren das mit der komplexen Objektdefinition, die in einer Minimal-Katze abläuft: Im Basissystem L3 wird das Objekt im Verhältnis „Jäger-Beute“ mit der Eigenschaft „… ist Katze“ thematisiert. Parallel dazu wird das Objekt im Basissystem L2 im Verhältnis „Jäger-Beute“ mit der Eigenschaft „… ist Maus“ thematisiert. Zugleich wird im Vermitt- 299 Vgl.: Günther, Gotthard: Formal Logic, Totality and the Super-Additive Principle, in: Beiträge, Bd. 1, 1976, S. 337. Kaehr, Rudolf: Materialien, Anhang zu: Gotthard Günther: Idee und Grundriss, 1978, S. 34-37. 300 Vgl.: Ditterich, Joseph/ Helletsberger, Gerhard/ Matzka, Rudolf: Organisatorische Vermittlung verteilter Systeme, München 1985, S. 20. (Im Folgenden wird der Titel abgekürzt mit OVvS.) 133 lungssystem L1 das Verhältnis der Eigenschaften „… ist Katze“ und „… ist Maus“ thematisiert, bzw. das Verhältnis der Verhältnisse „Hund- Katze“ und „Katze-Maus“. Will man den Hunde-Katzen-Maus-Komplex insgesamt rejizieren, müssen ein neues Basis- und zwei weitere Vermittlungssysteme angeschlossen werden. Wir geben das für i = 6 wieder. Nun thematisieren L6, L5 und L4 den besagten Hund-Katze-Maus- Komplex.301 In L3 wird das Verhältnis zwischen den Eigenschaften „… ist Katze“ und „… ist Maus“ selbst zur Beute, bzw. zum Objekt eines übergreifenden Relators. Dadurch kann die gesamte Thematik von L6, L5 und L4 verworfen und erneuert werden. Um den Verbund abzuschließen muss in L2 die Eigenschaft „… ist Maus“ in Bezug auf das Verhältnis zwischen den Eigenschaften „ … ist Katze“ und „ … ist Maus“ thematisiert werden, in L1 hingegen die Eigenschaft „… ist Katze“ in Bezug auf das Verhältnis zwischen den Eigenschaften „ …ist Katze“ und „ … ist Maus“. In einer Tabelle: 301 Vgl.: Goldammer, Eberhard von: Vom Subjekt zum Projekt oder vom Projekt zur Subjektivität. Eine kleine Einführung in die Theorie der Polykontexturalität, in: Mario Goldmann, Jens Köhrsen (Hg.): Wozu noch Geisteswissenschaften?, Oldenburg 2007, S. 18. 134 Tab. 20 Es erfordert einige Imaginationskraft sich die einzelnen Funktionalitäten des Objektes in ihrer Simultaneität vorzustellen. Daher demonstrieren wir abschließend, wie sich im theoretischen Denken der Wechsel von Werten zwischen parallelen logischen Stufen abspielt. Dabei treten die Mechanismen freilich nur rudimentär zu Tage. Wir zeigen die klassische Wahrheitstabelle der Konjunktion aus T5.1 (Tab. 7) in einer Wertmatrize mit 1 für w und 0 für f: Tab. 21 In der Konjunktion wird der höhere Wert dem niedrigeren Wert vorgezogen. Führt man einen dritten Wert ein, lässt sich für p ∧ q die Struktur der klassischen Wertfolge wiederholen, indem man die Operation – analog zum zweiten Negationsoperator in T5.1 (Tab.9) – auf die drei zweiwertigen Wertebereiche B1,2, B2,3 und B1,3 anwendet: Tab. 22 135 Die drei Matrizen lassen sich in einem Stellenwertsystem verbinden. Dabei entscheidet immer der Wertebereich, dem die angebotenen Werte entstammen, in welcher Spalte der gewählte Wert angezeichnet wird, bspw. für das Angebot p = 2 und q = 2 unter B1,2 und B2,3, aber nicht unter B1,3, da 2 nicht zum Wertebereich B1,3 zählt. Wir geben zwei Stellenwertsysteme an, die alle drei Wertebereiche verbinden, einmal links für die dreimalige Konjunktion in B1,2, B2,3 und B1,3 und rechts für die zweimalige Disjunktion in B1,2 und B2,3 und die einmalige Konjunktion in B1,3, also links für p∧∧∧q und rechts für p∨∨∧q: Tab. 23 Zwar taucht bereits in p∨∨∧q – beim Nebeneinander von Disjunktion und Konjunktion – eine Heterarchie von Werten auf, indem zugleich 1 den Vorzug vor 2 und 2 den Vorzug vor 3, aber 3 den Vorzug vor 1 erhält.302 Aber noch sind die Werte wahrheitsgebunden. Die Wertebereiche verbinden sich zwar an Kontaktstellen – wir haben sie fett hervorgehoben – indem sie im Tableau direkte Brücken spannen zwischen den Werten, die in jeweils zwei Bereichen zugelassen sind. Aber innerhalb der Bereiche gilt ungehindert das klassische TND. Geht man mithilfe einer Wertabstraktion von den einzelnen Wertfolgen weiter zu reinen Strukturtypen, bzw. zu Morphogrammen, lassen sich die Wertebereiche als Elementar-Kontexturen Li fassen. An den Kontakt- 302 Dasselbe gilt mutatis mutandis für p∧ ∧∨q. Vgl. Günther, Gotthard: Cognition and Volition, 2002, S. 271-277. 136 stellen vermittelt nun die Proemialrelation leere Orte über Ordnung, Umtausch und Koinzidenz. Dabei herrscht innerhalb der einzelnen Kontextur – in der Wahl eines Strukturtyps – eine Asymmetrie von Operator und Operand, d.h. eine hierarchische Ordnung von Werten (Präferenzen). In der Verbundkontextur insgesamt zeigt sich hingegen die Distribution eines beliebigen Zusammenhanges über mehrere Orte. Das komplexe Objekt tritt darin simultan als Operator und als Operand auf. Injiziert man einer Kontextur den Transjunktor R aus T5.2, tauscht sie ihre Kenogramme mit anderen Kontexturen aus. Wir zeigen das für pR∧∧q: Tab. 24 So lässt sich in der Verbundkontextur ein Prozess darstellen, in dem ein komplexes Objekt gleichzeitig auf mehreren Stufen und in unterschiedlicher Funktionalität thematisiert wird. Während die klassische Semiotik nur die Gleichheit ihrer Grundzeichen und Zeichenketten formuliert – über den Verweis auf ein fixes Alphabet wohlunterschiedener Atomzeichen – zeigt sich in der Kenogrammatik mehr als nur die Gleichheit und/oder Differenz von Ausdrücken und Termen.303 Ein und derselbe Ausdruck kann nun an unterschiedlichen Standpunkten des Verbundes gleichzeitig unter unterschiedlichen Aspekten thematisiert werden. „Die 303 Vgl.: Mahler, Thomas: Morphogrammatik, 1993, S. 32. Wertabstraktion pR q 137 Selbigkeit eines Terms (die auf semiotischer Ebene nicht definiert werden kann) wird dann durch die Selbigkeit des Kenogramms, in das er eingeschrieben wird, bestimmt. Dieser in einem und demselben Kenogramm realisierte Term kann nun simultan innerhalb verschiedener semiotischer Prozesse sowohl als Operator, als auch als Operand dienen.“304 Wie in T5.1 und T5.2 geklärt, erhalten grundlegende Kategorien erst im Zuwachs an verbundenen Werten ihre Materialerfüllung. Erst wenn sie der Kombination mit anderen, ebenfalls grundlegenden Kategorien offen stehen, konkretisieren sie den Verweis auf die Welt, den sie vornehmen. D.h. die Tiefe des Ausdrucks – das, was man landläufig die Bedeutung einer Bezeichnung nennt – nimmt erst dann zu, wenn man die grundlegenden Kategorien vermehrt, die an dem betreffenden, auf die Welt verweisenden Zusammenhang teilhaben. Man bezeichnet dies etwas missverständlich als Definition, als wäre nur das Abgrenzen (Analyse), nicht auch das Zusammenbringen (Synthese) entscheidend. Dabei ist der Glaube, dass aus menschlicher Perspektive alle Kombinationen inhaltlich interpretiert werden können im besten Sinn des Wortes weltfremd. Man muss bedenken – nicht etwa sich vorstellen – wie die Kombinationsmöglichkeiten mit jedem zusätzlichen Element rapide zunehmen. 5.4 Organisatorische Vermittlung verteilter Systeme Bevor wir uns an die Untersuchung der MBH machen, entwerfen wir das Modell einer Organisation, in dem hierarchische und heterarchische Prozesse gleichermaßen stattfinden. So finden unsere Ausführungen zu Günthers Theorie einen geeigneten Abschluss. Denn es war Günther weniger um die Interpretation konkreter Zusammenhänge – etwa von Menschen und Dingen – und viel mehr um die Analyse und Konstruktion abstrakter Regeln, in denen sich ein polykontexturaler Zusammenhang verwirklicht und strukturiert. Wir orientieren uns beim Modellbau stark an einer Untersuchung zur organisatorischen Vermittlung verteilter Systeme.305 Das wird bereits am Titel des Kapitels deutlich. Darin wurde bereits in den 1980ern der Versuch unternommen, die damals neu aufkommende Software zur Produktionsplanung und -steuerung (PPS) nicht in der zweiwertigen Logik, sondern tiefer, in Günthers PK-Theorie zu fundieren. Bis heute ist es bei diesem Versuch geblieben. Wir wollen die PK-Theorie im Folgenden aber nicht an die gängigen PPS-Systeme anpassen oder an umfassende ERP-Systeme. Stattdessen demonstrieren wir allgemein, am sehr reduzierten Modell eines recht einfachen Profitzentrums, dass es lohnenswert ist Günthers Vorhaben weiter zu führen. 304 Ebd., S. 215. 305 Vgl.: Ditterich, Joseph/ Helletsberger, Gerhard/ Matzka, Rudolf: OVvS, 1985. 138 Der Ausgangspunkt ist ein Basis-Modell der klassischen Ablauforganisation. Über wohlunterschiedene Phasen der Objektbearbeitung – hier: Entwicklung (E), Fertigung (F) und Vertrieb (V) – transformiert sie Objekte (Mittel und Ressourcen) sukzessive in andere Objekte (Leistungen und Produkte). Die Objekte werden dazu an festgelegten Schnittstellen als Input eingeführt und wieder als Output auf die angrenzenden Bereiche übergeben. Das geschieht intern zwischen den einzelnen Phasen des Geschäftsprozesses und zur Abgrenzung des Geschäftsprozesses insgesamt seiner Umwelt gegenüber. Bereichswechsel finden nach der Maßgabe von „Null-Fehlern“ statt, indem eine übergreifende Objekt- und Verfahrensdefinition erstens einen stabilen Produkttypen annimmt, zweitens Bereichswechsel terminiert, d.h. einen einheitlichen Zeitrahmen vorgibt und drittens für jedes denkbare Objekt Ist- und Soll-Zustände festlegt. So werden alle zulässigen Verfahren vorgegeben und alle denkbaren Operationen in den Gesamtablauf der Geschäftsprozesse integriert. Dabei herrscht insgesamt eine stabile und widerspruchsfreie Präferenzordnung. Setzt man nun zusätzlich voraus, dass der Gesamtprozess unter dem Stern „guten“ Haushaltens steht, sucht man die optimale Transformationsfunktion, bzw. die Nutzenmaximierung qua In- und Output. Abb. 36 Wer die Verfahrens- und Objektdefinition im Detail durchsetzt, ist nicht wichtig. Man kann die Funktion als Leitung definieren oder diversen Querfunktionen zuweisen – Logistik, Controlling, QM, etc. Solange man die Ein- und Ausgänge der Effizienz der Verfahren wegen über eine übergeordnete Maßgabe ins Gesamt integriert, ist die Organisation eine Art Wurm oder Röhre. Die Ablauforganisation bleibt eine triviale Maschine und lässt sich in einer einzigen Kontextur darstellen. Dass die Röhre durch Hinzunahme von Variablen und Faktoren äußerst komplizierte Formen annehmen darf, ändert daran grundsätzlich nichts. 139 Freilich lassen sich die Funktionen der einzelnen Phasen konkreter fassen. Da wir die Freiheit haben, beginnen wir am Mittelstück. Dabei konzentrieren wir uns auf einzelne Produkttypen – a, b, c – und vernachlässigen den Gesamtstrom an Ressourcen und Mitteln, der zugleich durch den Wurm fließt. Nun übergibt E den Entwurf eines Prototypens an F. Anschließend fertigt F in möglichst kurzer Zeit viele identische Kopien (Routine). Dafür sucht und besetzt V beim Kunden möglichst viele Anwendungsfelder. Entstehen beim Kunden neue Anwendungsfelder veranlasst V in E die Entwicklung eines neuen Produkttypen (Adaption) oder E entwirft Ihn selbstständig und schafft dann über F und V die Einführung in den Markt (Innovation). Wir geben den Vorgang in E als Akkretion, in F als Iteration von Zeichen wieder: Abb. 37 Das Modell bleibt statisch. Zwar hat jeder Bereich eigene Ziele. D.h. jede Phase unterscheidet sich qualitativ von jeder anderen Phase, indem verschiedene Präferenzordnungen herrschen. Aber die einheitliche Objektund Verfahrensdefinition integriert diese Dominanzbereiche in eine übergreifende Präferenzordnung. Das zeigt sich in unserem Fall besonders deutlich in der strikten Trennung von Akkretion und Iteration, d.h. in der Unterscheidung der Bereiche für Quantität (Routine) einerseits und für Qualität (Adaption und Innovation) andererseits – wobei Routine in F abläuft, Adaption und Innovation aber erst im Verhältnis von E und V. In unserem Fall können daher Innovation und Adaption nur über einen festgelegten Regelkreis initiiert und bestätigt werden – über E und V von den Anwendungsfeldern der Kunden ausgehend. Neurungen in F treten durchweg als Störung auf. Das wird schnell deutlich, wenn Anwendungsfelder und Produkttypen in rascher Folge variieren. 140 Zwar lassen sich ohne weiteres zusätzliche Regelkreise zwischen den einzelnen Phasen einführen – will man bspw. in E möglichst zeitnah neue Fertigungsverfahren von F berücksichtigen. Aber das ist bloß Flickwerk. In der Vermehrung der Regelkreise zeigt sich der begrenzte Nutzen der Ablauforganisation. Sie strukturiert die Geschäftsprozesse als Abfolge wohlunterschiedener Phasen entgegen der faktischen Simultaneität dieser Phasen. Dem kann man in zweierlei Hinsicht begegnen – und natürlich darf man die Strategien mischen: Erstens kann man versuchen immer raffiniertere Röhrensysteme zu konstruieren. Das heißt Organisation 1 zu perfektionieren, ist aber mit einer gewissen Hektik verbunden, denn die Ausdifferenzierung des Wurms findet kein Ende. Man zerstückelt die Abfolge wohlunterschiedener Phasen in kleinere Bereiche und muss sie von da ab in immer komplizierteren Ketten den aktuellen Gegebenheiten anpassen. Dabei stützt man sich mit gutem Recht auf alle verfügbaren Mittel der Automation und EDV. Längst sieht sich ein Heer von IT-Beratern in die Produktion integriert. Aber in ihren verbindlichen Verfahrens- und Objektdefinitionen setzten diese Organisatoren stets aufs Neue Organisation 1 ins Werk. Die Simultaneität nebengeordneter Dominanzbereiche wird dabei linearisiert und verzeitlicht, also gerade nicht als Simultaneität berücksichtigt. Zweitens kann man die Ablauforganisation um ein mehr oder weniger dichtes Netzwerk von Koordinatoren ergänzen. Man versucht sich dann an der Konstruktion von Organisation 2 und integriert Bereiche – als Personen und Gruppen – die unter neuen Dominanzbereichen als selbstständige Organisatoren auftreten. Entweder schafft man abermals Querfunktionen, die nun allerdings die Bereichswechsel zwischen den Phasen thematisieren – als Produkt- oder Projektmanagement, mit Fokus auf den Kunden (CRM), hinsichtlich der Lieferanten- und Wertschöpfungskette (SCM), etc. etc. Oder man führt in die Bereiche Stellvertreter der anderen Bereiche ein, um am Ende möglichst alle Präferenzen in allen Bereichen repräsentiert zu haben. Sobald man einen der beiden Wege einschlägt, besteht die Gefahr die eigenständigen Organisatoren abermals über eine verbindliche Objekt- und Verfahrensdefinition anzuordnen, d.h. als Organisation 1. Will man aber die Simultaneität der Standpunkte zulassen, auf dass sie gemeinsam Entscheidungen fällen, bleibt nichts anderes übrig als Organisation 1 ein komplexes System unmittelbarer Absprachen und Berichte überzustülpen, am Besten in Form gemeinsamer Besprechungen. Wir führen zunächst einen Produktmanager (PM) ein, der einen Produkttypen über alle Bereiche und Bereichswechsel begleitet. Daneben deuten wir an, wie durch die stete Zunahme der Koordinatoren eine Art „Inflation der Besprechungen“ entsteht: 141 Abb. 38 Jede Besprechung ist mehr oder weniger geordnet – durch aktuelle Probleme und eventuell einen Moderator. Aber die Besprechung selbst sollte relativ offen und spontan ablaufen. Sie sollte nicht auf vorgegebenen Wegen auf vorgegebene Ziele stoßen, sondern stolpern können, d.h. ein gewisses Maß an Unerwartbarkeit bereithalten. Will sie komplexen Problemen ein geeignetes Gegenmittel sein, muss sich die Besprechung als komplexer Prozess entwickeln. Wird sie allzu sehr eingerüstet und hierarchisiert – die Abfolge und Länge der Beiträge, etc. – verlagert sich die Leistung der offiziellen Runde vermehrt auf Teeküchen, Hinterzimmer und Email-Verteiler. Das ist eine Binsenwahrheit. Aber darin zeigt sich ein grundlegendes Problem: Die Institutionalisierung einzelner Koordinatoren kann nicht nach den Regeln klassischer Aufbauorganisation erfolgen, ganz im Gegenteil. Man will nicht die Trennung, sondern das Überlappen der Stellen und Zuständigkeiten ins Werk setzen.306 Weil nicht vorab feststeht, welcher Bereich bei der Objektdefinition als Dominanzbereich auftritt, zerspringt der stabile Produkttyp und wird instabil. D.h. das Objekt der vielen Besprechungen ist komplex. Seine Definition erfolgt nicht länger von einem übergreifenden Standpunkt aus, sondern ist auf den Verbund mehrerer nebengeordneter Standpunkte verteilt. Wir demonstrieren, wie sich die Leistung der Besprechung auf eine Verbundkontextur verteilen lässt, um in der Kombination von Routine und Selbstorganisation ein Basis-Modell von Organisation 2 zu konstruieren. Das Modell kommt ohne übergeordnete Objekt- und Verfahrensdefinition aus. Es entwickelt diese erst im Verbund mehrerer Orte, die jeweils ihre eigene Präferenzordnung und Umwelt haben. Dazu fassen wir E, F 306 Vgl.: Likert, Rensis: Neue Ansätze der Unternehmungsführung, in: Schriftenreihe: Führung und Organisation der Unternehmung, Bd. 14, Bern/ Stuttgart 1971, S. 150- 160 142 und V als drei Basissysteme. An den Bereichswechseln verbinden wir sie über drei Vermittlungssysteme zum komplexen Verbund von sechs Subsystemen. Jedes bearbeitet ein Ordnungsverhältnis – bspw. zwischen Mitteln und Zwecken oder zwischen der Struktur und der Funktion des gesuchten Outputs. Aber jedes Subsystem erhält nun seine eigene Umwelt innerhalb des Verbundes. Wir haben dies in P2 und T5.3 die Fundierung einzelner Subsysteme genannt. Das ist der Bezug eines Subsystems auf das Vermittlungssystem, das die zwei anderen Subsysteme exklusiv verbindet, d.h. unter Ausschluss Dritter. Orientiert man sich an der inhaltlichen Bestimmung, die wir E, F und V oben gegeben haben, lassen sich die drei Vermittlungssysteme bspw. als Technische Realisierung (TR) Gebrauchsrealisierung (GR) und Produktplanung (PP) fassen.307 Im ersten Fall wird V ausgeschlossen, im zweiten Fall E, im dritten Fall F: Abb. 39 Eine Interpretation: E bearbeitet ein Ordnungsverhältnis zwischen dem logischen Entwurf des Produktes und dessen Konstruktionsplan. F bearbeitet ein Ordnungsverhältnis zwischen den Fertigungsverfahren und der Struktur des technischen Produktes. V bearbeitet ein Ordnungsverhältnis zwischen den Funktionen des verkaufsfähigen Produktes und der Struktur der Anwendungsfelder des Kunden. Aber PP bearbeitet das Verhältnis von E und V insgesamt, TR das Verhältnis von E und F und GR das Verhältnis von F und V. Das verdeutlicht folgender Strukturgraph, in dem Kanten Subsysteme und Knoten deren Schnittstellen angeben, d.h. direkte Bereichswechsel, die an keinem eigenen Ort thematisiert werden.308 307 Vgl.: Ditterich, Joseph/ Helletsberger, Gerhard/ Matzka, Rudolf: OVvS, 1985. 308 Vgl. ebd., S. 47. 143 Abb. 40 Gestattet man Vermittlungssystemen einen eigenen Ort, an dem sie ihre Ziele etablieren können, erhält man im Gesamtverbund drei kleinere Verbundkontexturen, die – anstelle der direkten Bereichswechsel – zwei Basissysteme über ein Vermittlungssystem verbinden. Abb. 41 In jedem der drei Verbünde zeigt sich das proemielle Verhältnis zweier Basissysteme und eines Vermittlungssystems, wobei in jedem Subsystem eine Hierarchie von Werten herrscht, bzw. eine Asymmetrie zwischen Operator und Operand. Jedes Subsystem ordnet seine eigenen Präferenzen hierarchisch, aber im Verbund herrscht kein summum bonum. Das proemielle Verhältnis zeigt sich etwa in der Asymmetrie, die jeweils zwischen Produktfunktion (Fu) und Produktstruktur (St) besteht: 144 Abb. 42 Man kann das Ordnungsverhältnis leicht umkehren, da nicht nur die Funktion des gesuchten Produktes dessen Struktur vorgibt, sondern auch die Struktur des Produktes dessen Funktion. Aber dieser Wechsel kann widerspruchsfrei nur in einem Verbund thematisiert werden, in dem autonome Vermittlungssysteme die Bereichswechsel reflektieren. Erst dann lassen sich die qualitativen Differenzen der einzelnen Bereiche auseinanderhalten und als solche thematisieren – bspw. beim Wechsel von der E-Funktion im logischen Entwurf auf die F-Funktion in der Planung der Fertigungsverfahren. Die Produktdefinition ist dann auf den Verbund der einzelnen Bereiche und Bereichswechsel verteilt. Dadurch können in den einzelnen Bereichen alle anderen Bereiche berücksichtigt werden. Wir geben die Protostruktur der Definition eines komplexen Produktes wieder, wenn der Definitionsprozess in E beginnt und auf sechs Orte sechs mögliche Präferenzen verteilen darf. Wir zeigen das im Folgenden der Kürze wegen mit TR als T, GR als G und PP als P: Abb. 43 Oder man beachtet pro Bereich nur zwei Bereiche als dominierenden und begleitenden Aspekt der Objektdefinition. Dann können sich im Verbund bereits 36 inhaltliche Bestimmungen des Produktes ereignen. In E kann das Produkt bspw. neben der Dominanz von E unter dem 145 zusätzlichen Aspekt von F, V, T, G oder P thematisiert werden, in F zusätzlich unter den Aspekten E, V, T, G oder P, mutatis mutandis für alle anderen Bereiche.309 Dann darf sich jedes Subsystem nicht nur durch die Iteration der eigenen Präferenz bestätigen, sondern auch das Verhältnis zwischen sich und einem fremden Dominanzbereich thematisieren – hier als Ordnungsverhältnis, bzw. als Entscheidung: Tab. 25 Die beiden Abbildungen – Protostruktur und Matrize – werfen zwei grobe Schlaglichter auf die Möglichkeiten der PK-Theorie. Aber eine konsequente Anwendung auf heutige PPS-Systeme benötigt den Versuch in der Praxis, d.h. den nötigen Willen und die entsprechenden Mittel. Hier fehlt es nur an Mitteln. Bald begeben wir uns daher in die freie Wildbahn, einzig mit Stift und Papier bewaffnet. Dort spüren wir einer kleinen Gruppe von Organistoren nach, die das Münster in Freiburg erhalten. Es beschäftigen dann wieder die zwei Grundprobleme der Arbeit: Wie lässt Neues als Neues erkennen? Wer und was verhält sich zwischen menschlichem Verhalten? Bevor wir zur Untersuchung weitergehen noch einige Worte zu unserem Modell und zwar die Frage betreffend, inwiefern es tatsächlich als Profitzentrum gelten darf und unter dem Stern „guten“ Haushaltens steht. Um die Frage zu beantworten, beginnt man dort, wo der Nutzen der Produktion realisiert und bestätigt wird. Das ist im Gebrauch der Produkte, beim Wechsel ins Anwendungsfeld des Kunden. Erst der Absatz zeigt, ob das Produkt brauchbar ist und effizient erzeugt wurde. 309 Vgl.: Ditterich, Joseph/ Helletsberger, Gerhard/ Matzka, Rudolf: OVvS, 1985. 146 Wie wir in Abb. 40 gezeigt haben, kann die Grenze von System und Umwelt in P als Bereichswechsel von E und V thematisiert werden, bspw. als Ordnungsverhältnis zwischen Produktkonzepten in der Organisation (System) und dem Gebrauch der Produkte beim Kunden (Umwelt). Sobald das Absetzen einzelner Produkte gelingt, lässt sich annehmen, dass P die freien Anwendungsfelder des Kunden treffend in der funktionalen Äquivalenz seiner Produkte abgebildet hat.310 Das setzt für diesen Moment invariante Anwendungsfelder voraus. Wir bilden das ab, indem wir den Verbund quasi auseinander ziehen. Abb. 44 Während P das Leistungsverhältnis von Aufwand und Ertrag realisiert, können gleichzeitig in F Innovation und Adaption umgesetzt werden, indem das Verhältnis von Fertigungsverfahren und technischem Produkt zwischen die variierenden Anwendungsfelder des Kunden und die funktionale Differenz unterschiedlicher Produkttypen eingespannt wird: Abb. 45 310 Vgl. zum Schaubild ebd.: S. 20, sowie S. 61-66.

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Zusammenfassung

Behandelt man Organisationen als Konstrukte, stellt sich früher oder später die Frage, wie diese Konstrukte einzurichten sind, damit sie adaptions- und innovationsfähiges Verhalten zeigen. Die Frage ist bereits seit Jahrzehnten virulent. Das Fehlen einer verbindlichen Antwort kommt daher, dass man diese Konstrukte nicht als determinierte Maschinen, sondern als autonome, gleichsam lebende Systeme behandeln muss. Immerhin sollen sie in der Lage sein, aus eigener Leistung sich selbst und ihre Umwelt zu erkennen und zu verändern. Dabei hilft dem Konstrukteur das vorhandene Wissen und Können der Ingenieure nur wenig. Das vorliegende Buch widmet sich dieser Problematik in ihrer ganzen Bandbreite und Tiefe. Dabei geht es interdisziplinär vor, so dass der Ökonom viel formale Logik, der Logiker viel Philosophie, der Philosoph viel Soziologie und der Soziologe viel Ökonomik vorfindet. Das Verbindende ist dabei stets die Suche nach den formalen Voraussetzungen der Adaptions- und Innovationsfähigkeit einer Organisation. Das Buch identifiziert dazu zwei fundamentale Ordnungsprinzipien – Hierarchie und Heterarchie – um diese in einem Modell zu kombinieren und das Modell anschließend am Beispiel der Münsterbauhütte in Freiburg zu überprüfen.