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VI DREI LÖSUNGEN in:

Friedrich J. K. Gerstenlauer

Hierarchie und Heterarchie in Organisierungsprozessen, page 287 - 340

Mit einer Untersuchung der Münsterbauhütte in Freiburg i. Br.

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4171-0, ISBN online: 978-3-8288-7046-8, https://doi.org/10.5771/9783828870468-287

Tectum, Baden-Baden
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287 VI DREI LÖSUNGEN Lösung 1: Mehr Vielfalt bei den Knappheiten Das erste Problem der Arbeit wurde an Robinson Crusoe anschaulich gemacht, der auf seiner Insel als Musterschüler moderner Ökonomik auftritt, indem er alles daran setzt seinen Nutzen zu maximieren. Mit der Zeit führt sein „gutes“ Haushalten aber in den Zustand der Sättigung und Stagnation, weil langfristig die ständige Optimierung des Faktoreinsatzes die Bedürfnisse Robinsons befriedigt – im Rahmen des Möglichen. Dann kann auf der Insel der Nutzen nicht weiter maximiert werden – zumindest nicht durch die Optimierung des Faktoreinsatzes – und Robinson muss sich im Konsum genügen, bzw. im Erhalt des status quo. Indem der Mangel mit der Zeit Überfluss erzeugt, erschöpft das „gute“ Haushalten die eigene Triebfeder. Freilich kann diese Triebfeder auf verschiedenen Wegen wieder aufgezogen werden – zunächst durch Hinzunahme weiterer Inseln und Insulaner. Wir konnten aber deutlich machen, warum nur Schumpeters Weg – die Einführung einer neuen Kombination von Produktionsfaktoren – einen gänzlich neuen Antrieb schafft und den Nutzen, der maximiert werden kann, insgesamt auf eine neue Stufe hebt. Nur Innovationen sind in der Lage grundlegend neue Bedürfnisse zu schaffen und derart den Rahmen des Möglichen insgesamt zu erweitern. Wir sammeln noch einmal in gebotener Kürze die Gründe für Robinsons Problem, um im Anschluss daran zu besprechen, inwieweit das Problem auch die MBH betrifft und wie sie dem begegnet. Insgesamt hat Robinson günstige Ausgangsbedingungen. Auf seiner Insel mangelt es zunächst nur an Arbeitskraft und an gewissen Gütern. Der Boden selbst ist nicht knapp. Kapital – der sekundäre Faktor – kommt in Form von Werkzeug und anderen Produktionsmitteln vom gestrandeten Schiff. Bevor Robinson mit Freitag eine zweite Arbeitskraft in seine Haushaltung integriert, bleibt ihm zur Nutzenmaximierung nichts anderes übrig, als die verfügbaren Produktionsfaktoren optimal zu nutzen. Das gelingt ihm, indem er seine Zeit effizient einsetzt und 288 darüber bestimmte Bereiche der Insel in seine Haushaltung integriert, d.h. Kapital werden lässt. Die Haushaltung erzeugt dann in der Kombination von Arbeit, Boden und Kapital größtmögliche Erträge, die entweder sofort konsumiert oder erneut als Kapital in die Haushaltung eingespeist werden. Derart schöpft Robinson nach einigen Jahren Isolation alle möglichen Kombinationen aus, die ihm auf der Insel offen stehen. Aber die Vermehrung des Kapitals macht für Robinson nur begrenzt Sinn. Ihm steht kein Partner für Tausch und Arbeitsteilung zur Verfügung und der Wert seiner Erträge muss sich immer im Gebrauch durch Robinson selber bestätigen. Er misst den Wert sinnvollerweise über die jeweils verbrauchte Arbeitszeit – dem einzig knappen Faktor auf der Insel. Als Wertspeicher kann Robinson nur konkrete Produktionsmittel gebrauchen, eventuell kleine Überschüsse, die ihn gegen widrige Einflüsse absichern. Aber Geld, ein abstraktes Äquivalent zu seinen Erträgen, das zugleich als Zahlungsmittel, Recheneinheit und Wertspeicher auftritt, ist auf der Insel völlig nutzlos. Das ist eine Konsequenz, wenn man Nutzen nur ordinal, d.h. standpunktabhängig misst. Indem Robinson den Wert seiner Erträge weder tauschen, noch beliebig speichern kann, aber stets im Konsum bestätigen muss, erreicht seine Haushaltung angesichts der vielen Ressourcen bei effizientem Faktoreinsatz eines Tages einen Zustand, in dem es nicht länger sinnvoll ist auf sofortigen Konsum zu verzichten. Dann sind alle nützlichen Kombinationen der verfügbaren Produktionsfaktoren durchgespielt und die Bandbreite möglicher Innovation ist ausgeschöpft. Sinnvollerweise kann er dann kein zusätzliches Kapital bilden. Die Haushaltung ist im status quo zu erhalten. Daneben darf Robinson in der Hängematte liegen oder Schmetterlinge sammeln. Durch eine Optimierung der Produktion lässt sich sein verwertbarer Nutzen jedenfalls nicht mehr steigern. Die Voraussetzung für diesen elysischen Zustand ist einerseits die Kombination von reichem Boden, effizienter Arbeit und mitgebrachtem Kapital, andererseits die restlose Befriedigung der Bedürfnisse im Rahmen möglicher Innovation. Die Sättigung rührt nicht daher, dass Robinson Angebot und Nachfrage in Personalunion verkörpert. Die Isolation begrenzt nur die Größe des Modells. Um zu erklären, was Robinsons Freizeit mit der MBH zu tun hat, erinnern wir also daran, wie sich der Wert eines Outputs zwischen mehreren Robinsons messen lässt, die in der Katallaxie Geld erzeugen. Der Wert der Erträge zeigt sich dann in jedem Tausch, der sich ereignet – als lokale Kopplung von Kauf und Verkauf – und zwar in den Preisen, die dabei zustande kommen. Sie dienen dem Beobachter als Signale der lokalen Tausch-Ereignisse. Dabei ergibt sich der Wert nicht nur aus der aufgewendeten Arbeit, sondern aus allen 289 verwendeten Produktionsfaktoren und -verfahren. Wir vertreten keine Arbeitswertlehre. Aber dessen ungeachtet muss sich der Wert erst noch in der Verwendung bestätigen, zwar nicht direkt im Konsum, aber im Kauf, der nur eine verallgemeinerte Form des Inputs darstellt.444 Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Das ist eine Binsenwahrheit. Aber das machen sie als Antagonisten. Unter drei Bedingungen droht Stagnation im Miteinander mehrerer Robinsons: Erstens muss allen Beteiligten eine Kombination von reichem Boden, effizienter Arbeit und verfügbarem Kapital zugutekommen. Wir nehmen also an, dass der freie Handel bereits die beste Verteilung der Produktionsfaktoren leistet. Was es dabei mit der Knappheit auf sich hat, die in der Ökonomik allgegenwärtig ist, klären wir sogleich. Zweitens dürfen im Miteinander nicht aus dem Nichts heraus zusätzliche Abnehmer entstehen, die das Volumen der Nachfrage schlagartig vergrößern. Drittens darf – ab einem gewissen Zeitpunkt – keine neue Kombination der Produktionsfaktoren in die Petrischale eingeführt werden, die neue Bedürfnisse schaffen und befriedigen könnte. Sind alle drei Bedingungen gegeben, droht auch zwischen mehreren Robinsons Stagnation, bzw. die Genügsamkeit in der Erhaltung des status quo. Der Einzelne kann dann auf Verteilungskämpfe umsteigen oder ausschlafen. Nun verweist die Ökonomik auf eine Art naturgegebener Knappheit des verfügbaren Inputs. Und tatsächlich hat der Planet nur eine Kruste, die verheizt werden kann. Laut Ökonomik ist daher vor Ort gutes Haushalten nötig und zwischen mehreren Haushaltungen ein effizienter Verteilungsmechanismus – nach allgemeinem Dafürhalten der freie Handel. Aber in der Preisbildung zeigt sich keine generelle Knappheit, sondern nur eine Knappheit, die irgendwo vor Ort herrscht. Auch sie lässt sich nur ordinal messen. Wie sich der angebotene Wert eines Outputs erst im Verkauf bestätigt – im Prozess der Preisbildung – drückt sich Knappheit als Nachfrage im vollzogenen Einkauf aus. Wert und Knappheit sind insofern zwei Seiten einer Medaille, die einen Ort benötigt – ein konkretes Tausch-Ereignis – damit sie in bare Münze umschlagen und verschiedene Werte und Knappheiten vergleichbar machen kann. Erst der Tausch zeigt in Preissignalen den Wert geleisteten Outputs und die Knappheit eines vollzogenen (oder vollziehbaren) Inputs. Die Knappheit, die sich in Preisen zeigt, ist keine absolute Knappheit im Sinne vollständiger Nicht-Verfügbarkeit. Sie bezieht sich immer auf die Menge von Gütern und Ressourcen, die in der Petrischale angeboten 444 Die Wiedereinführung der Erträge als Kapital klammern wir hier aus. Aber auch dabei misst sich der Wert der Erträge noch immer am Nutzen, den sie als Input für jemanden haben. 290 werden. Preise teilen in Erschwingliches und Nicht-Erschwingliches oder in Lohnenswertes und Nicht-Lohnenswertes, nicht in Sein und Nicht-Sein insgesamt. In der Betrachtung der Knappheit durch die Ökonomik kommt keine Metaphysik zur Sprache, sondern eine Wissenschaft, die aus allen Werten und Knappheiten berechenbare Größen macht. Die Werte und Knappheiten, die sich nicht in Preisen zeigen, fallen bei dieser Betrachtung schlichtweg durchs Raster. Eine generelle Knappheit kann der Ökonom daher nur anführen, wenn er zusätzlich Anthropologe wird und annimmt, dass der Mangel so tief in den Seelen sitzt, dass Bedürfnisse prinzipiell nicht zu stillen sind. Wenn aber in den Preisen keine generelle Knappheit zum Ausdruck kommt, sondern nur eine Knappheit für diejenigen Standpunkte, die das knappe Gut im Moment unter sich verhandeln, zeigt die Erfahrung, dass sich in diesen Verhandlungen immer wieder verschieden große oder starke Standpunkte ausbilden und durchsetzen. Deren Größe/Stärke misst sich dabei – im Prozess der Preisbildung – am Geldwert der Gesamtmenge knapper Güter und Produktionsfaktoren, die sie aufnehmen und ausscheiden können. Ihr Wachstum misst sich entsprechend an der Zunahme dieses Volumens, während sich die Rentabilität im Verhältnis von In- und Output bestimmen lässt, genauer: im Verhältnis der eingesetzten Produktionsmittel zum erzeugten Gewinn. Nimmt man zugleich an, dass die Erde nur eine sehr große Petrischale ist, ansonsten aber einen recht wirtlichen Schauplatz abgibt, an dem der freie Handel zudem eine optimale Verteilung der Ressourcen sichert, können bei drohender Stagnation zunächst mehr Haushalter an den Kreis derjenigen angeschlossen werden, für die ein angebotenes Gut knapp, aber erschwinglich ist. Man kann die Güter auch künstlich knapp halten. Aber ein Verhandlungsprozess, der einer begrenzten Anzahl an Akteuren alle Güter verfügbar macht und zugleich deren Bereitstellung optimiert, wird über kurz oder lang in die Stagnation führen, wenn er langfristig nicht dafür sorgt, dass grundlegend neue Bedürfnisse entstehen und befriedigt werden können. Andernfalls stillt die stete Optimierung der Bereitstellung knapper Güter tendenziell die Nachfrage nach eben diesen Gütern. Die Optimierung lässt dann die Rentabilität sinken. Nun haben wir bereits in T5.2 und T5.4 gesehen, dass eine Reihe von Quantitäten iterativ und eine Reihe von Qualitäten akkretiv zunimmt. Dabei haben wir gezeigt, wie man diese Wechsel in einem polykontexturalen Verbund zu Ketten und Kreisen zusammensetzen kann und wie man darüber hierarchische Präferenzordnungen heterarchisch vermittelt. In der Distribution der Quantitäten und Qualitäten auf einen polykontexturalen Verbund, wird dann erstens der strikte Gegensatz von Akteur 291 und Markt aufgelöst, zweitens zeigt sich, dass in Schumpeters breit gefassten Innovationsbegriff evolutive und emanative Prozesse verborgen sind. Aber was hat das alles mit der MBH in Freiburg zu tun? Zunächst fällt auf, dass das Münster keine Insel ist. Es gleicht vielmehr einem sinkenden Schiff, das langsam, aber stetig dem Wärmetod entgegen treibt und auseinanderbricht. Die stete Zunahme der Entropie macht auch vor Gotteshäusern nicht halt. Die Stagnation ist insofern ein Zustand, den die MBH geradezu anstrebt. Sie sucht den möglichst vollständigen Erhalt des Münsters, wenn nicht die Wiederherstellung seines ursprünglichen Zustandes. Das zeigt sich vor allem darin, dass sich die Baumaßnahmen der MBH besonders an den Vorgaben staatlicher Denkmalschützer und externer Statiker ausrichten, die gewissermaßen Vertreter des Stillstandes sind. Sie ergänzen sich gut. Die Statik untersucht, bewahrt und verändert das aktuelle Kräfteverhältnis im bestehenden Bau. Dabei versucht sie dieses Verhältnis in der Konstruktion des Bauwerkes dauerhaft zum Stehen (στάσις) zu bringen. Der Denkmalschutz erhält hingegen Kulturdenkmäler. Weil der Terminus vom Gesetz nicht näher bestimmt wird, ziehen wir den Duden hinzu.445 Kulturdenkmäler sind demnach Objekte und Werke, die als Zeugnisse einer Kultur gelten und von künstlerischem und historischem Wert sind.446 Da sich der künstlerische und historische Wert eines Denkmals nicht in Druckkräften ausdrückt oder in Preisen, muss man einen Zirkel setzen und annehmen, dass der Denkmalschutz jene künstlerischen und historischen Werte für gewisse Öffentlichkeiten bewahrt, deren Mitglieder mit diesen Werten eine gemeinsame Kultur wertschätzen. Insofern der Denkmalschutz das Land Baden-Württemberg vertritt, darf man sogar vermuten, dass er im Staat eine einheitsstiftende Funktion wahrnimmt, um dessen Subjekte in einer Art Leitkultur zu bündeln. Dazu werden die anstehenden Maßnahmen vor Ort an einem gewissen Idealzustand ausgerichtet, in dem Form und Substanz des Münsters möglichst lange unverändert überdauern sollen. Der Bau und die Bausteine erfahren 445 „Es ist Aufgabe von Denkmalschutz und Denkmalpflege, die Kulturdenkmale zu schützen und zu pflegen, insbesondere den Zustand der Kulturdenkmale zu überwachen sowie auf die Abwendung von Gefährdungen und die Bergung von Kulturdenkmalen hinzuwirken.“ Das Denkmalschutzgesetz Baden-Württemberg. Gesetz zum Schutz der Kulturdenkmäler. Stand: 14.12.2004. http://www.inobatec.de/ newsletter/News200702/Denkmalschutzgesetz-BW%5B1%5D.pdf (29.09.2013), hier 1. Abschnitt, §1. 446 Siehe hierzu die Definition des Duden zu Denkmal: „1. Zum Gedächtnis an ein Person oder ein Ereignis errichtete, größere plastische Darstellung; Monument. 2. Erhaltenes [Kunst]werk, das für eine frühere Kultur Zeugnis ablegt.“ Duden: http://www.duden.de/rechtschreibung/Denkmal (29.09.2013). 292 darin eine Art Weihe. Sie verwandeln sich von gewöhnlichem Stein in Originalsubstanz und von gewöhnlichen Mauern in ein Kulturdenkmal, das als Zeugnis auftritt und noch möglichst lange an das Werden und Geworden-Sein der wertschätzenden Gruppen erinnern soll. Dass der Idealzustand der Statiker und Denkmalschützer nicht abschlie- ßend erreicht werden kann, dass er eben ein Ideal bleibt, liegt zunächst am Idealismus der Aufgabe selbst, die sich gegen die Unumkehrbarkeit der Zeit stemmt und den Verfall des Münsters verzögert. Es liegt auch daran, dass Form, Funktion und Substanz im Steinverbund des Münsters unlösbar miteinander verschmolzen sind. Daher kann nicht vorab für alle Maßnahmen verbindlich festgelegt werden, wo bspw. die Grenze zwischen Form und Inhalt verläuft und wer jeweils das Primat hat. Statik und Denkmalschutz müssen immer wieder ad hoc entscheiden, was zulässig oder nicht-zulässig ist. Außerdem dürfen Denkmalschützer mit ihrem Idealzustand annehmen, dass der Erhalt des Münsters im Interesse „der“ Gesellschaft sei. Aber das können sich die MBH und der MBV nicht leisten, wie wir gleich sehen werden. Sie können nicht im Interesse „der“ Allgemeinheit irgendwelche Steuern erheben, um künstlerische und historische Werte zu bewahren. Auf die MBH und den MBV lasten insofern größere Erklärungsnöte bestimmten Öffentlichkeiten gegen- über, wenn sie angeben, dass der Erhalt des Münsters im Interesse der betreffenden Öffentlichkeiten sein soll. Indem sich die MBH den Stillstand des Münsters zum Ziel setzt, entgeht sie Robinsons Dilemma nicht notgedrungen. Es ist durchaus ein Zustand denkbar – eine gewisse Zeit lang – an dem alle erhaltenden Maßnahmen abgeschlossen sind und die MBH sich selbst nutzlos werden lässt. Aber dieses Ziel ist momentan in weiter Ferne und nur schnell zu erreichen, wenn man eine erhebliche Aufstockung der verfügbaren Gelder erwirken könnte. Zudem wird das Münster nicht in Serie produziert, sondern als Original erhalten. Die MBH übt sich nicht in Massenfertigung, sondern in der Wartung eines Einzelstückes. Es geht ihr daher schon immer um die Permanenz ihrer Betreuung – seit nunmehr 700 Jahren – und das ist durchaus zweckmäßig. Falls neue Schäden am Münster auftreten/entdeckt werden, geschieht das meist plötzlich und dann tut es Not, dass vorhandenes Wissen und Können möglichst schnell erinnert und wirksam gemacht werden kann. Höchstwahrscheinlich entgeht die MBH daher Robinsons Dilemma – dass die Erde eines Tages verglüht, steht auf einem anderen Blatt. 293 Dessen ungeachtet bewegt sich die MBH in einer turbulenten Umgebung. Will sie darauf einigermaßen flexibel und unabhängig reagieren, muss sie diese Turbulenzen als ihre Umwelt abbilden. Dazu sollte sie zwischen sich, dem Abgebildeten und dem Abbildungsverhältnis unterscheiden können und also intern sich selbst, die Umwelt und deren Relation wiederholen. Erst dann taucht im System die Umgebung als Umwelt auf, d.h. als spezifische Umwelt des betreffenden Systems.447 Wir haben in T5.3 gesehen, dass die Relation zwischen dem System und der Umwelt als Simultaneität von Kognition und Volition interpretiert werden muss, also als eine Dopplung von zwei Ordnungsverhältnissen. Im einen Fall verändert und bestimmt die Umwelt das System, im anderen das System die Umwelt. Um das Abbildungsverhältnis intern wiederholen zu können, benötigt das System einen dritten eigenständigen Ort, an dem es die beiden Ordnungsverhältnisse als Möglichkeiten auseinander halten und von da ab vermitteln kann. Die Spiegelung der Umwelt im System, die nicht nur das System und die Umwelt, sondern auch deren Relation abbildet, richtet ein Verhältnis von zwei Ordnungsverhältnissen und einem Umtauschverhältnis ein. Der Umtausch fundiert sich darin als Symmetrie zwischen zwei Asymmetrien (Kognition und Volition). Gleichzeitig begründet er eine Asymmetrie von zwei Symmetrien.448 Abb. 109 447 Vgl. P2. 448 Einerseits lässt sich der Umtausch als Leistung der Umwelt beschreiben, andererseits als Leistung des Systems. Es bleibt in der Schwebe, ob die Abbildung des Systems im System als Umwelt oder als System interpretiert wird. Das Du hat einen objektiven und einen subjektiven Anteil, um mit Günther zu sprechen. 294 Zwar hat ein dreikontexturaler Verbund noch keinen Ort, an dem sich diese Doppeldeutigkeit von Ordnung und Umtausch formulieren ließe. Aber er genügt, um aus zwei Basissystemen und einem Vermittlungssystem eine Schablone zu basteln. Wir haben in U1.2 gezeigt, dass man die Schablone inhaltlich näher bestimmen kann, indem man in ihr drei maßgebende Ziele der MBH unterbringt: Den Erhalt des Münsters (E), die Beschaffung der Mittel (M) und die Dokumentation (D). Schablone der MBH in zwei Darstellungen (Abb. 110) Bei der Verwendung der inhaltlich bestimmten Schablone ist Vorsicht geboten. Die drei Ziele stecken grob drei Aufgabenfelder ab. Daher muss vorab entschieden werden, ob man die kognitiv-volitive Leistung des Gegenstandes exklusiv der Gesamtorganisation zugeschreibt oder auch den einzelnen organisatorischen Einheiten – einzelnen Abteilungen, Projekten oder Mitarbeitern, je nachdem, was im Moment als Subsystem der MBH gilt. Im ersten Fall ließe sich innerhalb eines Subsystems immer nur ein einziges Ordnungs- oder Umtauschverhältnis thematisieren – weil etwa die Kognition nur in der Verwaltung stattfindet und die Volition nur in der Werkstatt. Im zweiten Fall darf die MBH weitaus komplexer werden als die Schablone. Wir wählen den zweiten Weg und nehmen an, dass die MBH ein komplexer Verbund komplexer Verbünde ist. Schablone und MBH (Abb. 111) 295 Wenn wir nun die Schablone mit den drei Subsystemen ins Spiel bringen, können wir nicht davon ausgehen, dass die Subsysteme, in denen sich die MBH zeigt – etwa in Abteilungen, Mitarbeitern oder Projekten – gesondert und ausschließlich für Kognition, Volition oder deren Vermittlung zuständig sind. Stattdessen darf nun jede organisatorische Einheit – bis hinunter zum einzelnen Mitarbeiter – die Vermittlung der drei Ziele leisten. Dann zählt zur Umwelt dieser Einheiten auch die Innenwelt der Gesamtorganisation, indem sich die Einheiten in ihren Aufgaben als Subsysteme der MBH Ziele setzen, um von da ab mit den anderen Subsystemen der MBH – und deren Aufgaben und Zielen – in Austausch zu treten. Die Schablone muss also immer erst ad hoc auf die einzelnen Subsysteme der MBH angewendet werden. Damit wir mittels der Schablone die MBH an ihre Umwelt anschließen können, behandeln wir jede Zielsetzung unter dem Gesichtspunkt einer leitenden Knappheit, bzw. eines herrschenden Mangels an Mitteln, der die MBH erstens an den Markt, zweitens an das Münster und drittens an die verschiedenen Öffentlichkeiten der MBH anschließt. Weil wir der MBH zugestehen, dass sie komplexer als unsere Schablone ist, zeigen sich die Knappheiten nicht nur exklusiv innerhalb eines einzelnen Subsystems der MBH. Die spezifischen Knappheiten wirken sich im Verbund der Subsysteme immer erst in dem Maße auf die einzelnen Subsysteme aus, in dem sie sich hier oder da den drei Zielen der MBH unterordnen, bzw. den entsprechenden Aufgaben widmen. Im ersten Basissystem E der Schablone wird die Erhaltung des Münsters thematisiert. Die Maßnahmen dazu orientieren sich im Groben und Ganzen an den Idealzuständen der Statiker und Denkmalschützer, denen zufolge das Münster noch möglichst lange überdauern soll. Dabei sind die Idealzustände durchaus Verhandlungssache. Man muss das Ideal immer wieder gemeinsam mit unterschiedlichen Fachleuten und Interessensvertretern ausloten und festlegen. Das geschieht bspw. in den Gremien des MBV und in der Absprache vor Ort am Münster, zwischen den internen und externen Fachleuten und Spezialisten, denen wir begegnet sind. Die Münsterbaumeisterin übernimmt dabei die zentrale Vermittlung zwischen den verschiedenen Interessen, indem sie dem Außen gegenüber innere Interessen und dem Inneren gegenüber äußere Interessen vertritt. Nach der Einigung auf einen gewissen Soll-Zustand, bzw. auf konkrete Verfahren, werden die erhaltenden Maßnahmen vom Werkmeister, von dessen Stellvertreter und vom Steintechniker geplant und an die Steinmetze weitergegeben. Die beherrschende Knappheit ist dabei die Knappheit der notwendigen Produktionsfaktoren. Diese müssen von der MBH gekauft, gemietet oder 296 selbst hergestellt werden – wobei man von Fall zu Fall entscheidet, welchen Weg man geht, abhängig von den Transaktionskosten, den Wartungskosten, dem freiem Personal, etc. Der Mangel an Mitteln lässt sich gut in benötigten Geldbeträgen ausdrücken. Wir gehen sogar soweit, die benötigten Mittel vollständig darauf zu beschränken, um im Preissystem einen Maßstab zu erhalten, an dem sich die Werte rein quantitativ messen und vergleichen lassen. Derart vereinfacht lässt sich über die Maßnahmen zur Erhaltung des Münsters sagen, dass sie Geld benötigen, um die Qualitäten das Münster zu erhalten in, denen es sich als Original präsentiert – bspw. in künstlerischen und historischen Werten. Die erhaltenden Maßnahmen vollziehen insofern den Wechsel von der quantitativen zur qualitativen Bewertung des Münsters und seiner Teile. D.h. die Maßnahmen zur Erhaltung des Münsters verwandeln Quantität und Qualität. Sie überführen die Bewertung von Gütern und Leistungen aus der Iteration in die Akkretion. Wir bilden das ab: Im zweiten Basissystem M der Schablone wird die Mittelbeschaffung thematisiert. Die Maßnahmen dazu zielen im Groben und Ganzen auf eine möglichst volle Kasse ab. Sie versuchen der erstgenannten Knappheit entgegenzuwirken. Dazu treiben sie alle möglichen Mittel auf, solange sie nur zum Erhalt des Münsters nützlich sind – auch Sachspenden, freiwillige Dienste, Empfehlungen, etc. Aber in der Hauptsache arbeiten sie auf finanzielle Mittel hin, indem sie einerseits jene öffentlichen Institutionen betreuen und mit Berichten versorgen, die sich seit Jahrzehnten und Jahrhunderten dem Erhalt des Münsters verpflichtet zeigen – durch regelmäßige Zuschüsse zum Etat der MBH. Das sind die katholische Kirche, die Stadt Freiburg, das Land Baden-Württemberg und mit wachsendem Anteil die Stiftung Freiburger Münster. Andererseits betreuen sie aber auch möglichst viele Öffentlichkeiten – vor allem lokale Gruppen und Akteure – die dem MBV bereits Mittel aus ihren Erträgen bereitgestellt haben oder bereitstellen könnten. Dazu zählen besonders die ungefähr 5000 Mitglieder des MBV und alle anderen Personen, Vereine, Stiftungen oder Unternehmen, die als einmalige oder regelmäßige Spender auftreten. Die leitende Knappheit, mit der sich die Mittelbeschaffung konfrontiert sieht, ist aber keine generelle Knappheit an Mitteln. Es ist ein Mangel an interessierten Öffentlichkeiten, genauer: an realisierbaren Verwendungsmöglichkeiten des Münsters für irgendwelche Geldgeber. Wie wir 297 gleich sehen, kann der MBV Nutzungs- und Verfügungsrechte am Münster nur begrenzt abgeben. Sie kann das Original zwar kopieren und deutlich kleiner in Serie herstellen, damit es als Ganzes den Besitzer wechselt. Daneben kann sie ausgemusterte Steine verkaufen. Aber vor allem sollte sie versuchen, den potentiellen Geldgebern eine Plattform zu bieten, auf der sie sich vor Ort als Spender und Teil einer Öffentlichkeit hervortun können, d.h. als moderne Stifter, Wohltäter und Euergeten der lokalen Gemeinschaft. Diesen alten Brauch der Guten und Edlen, muss man nicht mit Anglizismen etikettieren.449 Die MBH erhält satzungsgemäß nur das äußere Steinwerk des Münsters. Sie kann nur dafür Verwendungsmöglichkeiten finden. Ihr gelingt dies, indem sie das Münster als schönes, altes und bedeutsames Kulturdenkmal an den Mann bringt, d.h. als Original mit hohem historischem und künstlerischem Wert. Das geschieht über die Reproduktion des Münsters als einem leicht erkennbaren Zeichen in Kalendern, Postkarten, Schokolade, etc. Es geschieht auch über kurze und längere Berichte in mehr oder weniger allgemeinen Appellen an die Öffentlichkeiten der Kunstinteressierten, der lokalen Unternehmer, der Freiburger, der Badener, der Deutschen, der Christdemokraten, etc. Aber dabei tritt die MBH nicht nur in Konkurrenz mit anderen Anbietern von Schokolade, Postkarten und Kalendern. Mit ihren Berichten und Appellen begibt sie sich auf einen Markt, auf dem bereits andere Institutionen an dieselben Öffentlichkeiten, Gruppen und Personen berichten und appellieren, um Geld zu erhalten. Dieser Markt ist gesättigt, wie sich bspw. zeigt, wenn bei größeren Flüchtlingsbewegungen oder Naturkatastrophen die Spender global nur kurzzeitig zunehmen, ansonsten aber zu- und wieder abwandern, indem sie den Appellen folgen, die mit der größten Lautstärke durch den Äther tönen. Der Basar des guten Gewissens wird durch das Maß an Aufmerksamkeit begrenzt, das die interessierten Öffentlichkeiten im Moment aufbringen. Dem begrenzten Maß an verfügbarer Aufmerksamkeit begegnet die MBH, indem sie immer wieder interessierte Öffentlichkeiten herstellt. Das geschieht über Führungen – am Münster und in den Räumen des MBV – über die Publikation bau- und kunsthistorischer Berichte, über Informations- und Werbeveranstaltungen oder über die Betreuung der Mitglieder des MBV. Dabei erhalten die Spender größerer Beträge nicht 449 In der Regel ist das Explizit-Machen der eigenen CSR (corporate sozial responsibility) ein Indiz dafür, dass sie den gewinnmaximierenden Zielen untergeordnet ist. Das hat Tradition. Vgl. Machiavellis Rat an den Fürsten bezüglich Freigebigkeit und Knauserei, in: Machiavelli, Niccoló: Der Fürst, Frankfurt 2001, S. 79-82. 298 nur einen Blumenstrauß, d.h. besondere Aufmerksamkeit und Betreuung, sondern eingeschränkte Nutzungsrechte am Original. Dazu zählen Steinpatenschaften, weil sie beurkundet und eingerahmt werden, außerdem Inschriften am Münster, die den Spender eines Mindestbetrages namentlich erwähnen. Aber die Verfügungsrechte gehen nicht so weit, dass der Spender seine Mittel an die Ausführung gewisser baulicher Maßnahmen binden kann. So zieht der Spender einen sichtbaren Nutzen vor allem aus der Erwähnung in der lokalen Presse, in den Münsterblättern und in den jährlichen Arbeitsdokumentationen der MBH. Er erhält einen guten Ruf und ein gewisses Prestige – zumindest unter den gut 5000 Mitgliedern des MBV. Von der stillen Freude an der guten Tat schweigen wir anerkennend. Indem wir sämtliche Sachspenden und leistungsbezogene Spenden ausklammern, beschränken wir uns auch bei der Mittelbeschaffung auf Geldbeträge. Abermals erhalten wir im Preissystem einen Maßstab, an dem sich Werte rein quantitativ messen und vergleichen lassen. Aber diese Werte sind nun das Ziel, nicht das Mittel. Nun werden die vielen unterschiedlichen Qualitäten das Münster, in denen es sich als Original präsentiert – bspw. künstlerische und historische Werte – in Geld transformiert. Die mittelbeschaffenden Maßnahmen vollziehen insofern den Wechsel von der qualitativen Bewertung zur quantitativen Bewertung des Münsters und seiner Teile. D.h. die Maßnahmen zur Mittelbeschaffung verwandeln Qualität in Quantität. Sie überführen die Bewertung des Münsters und seiner Teile aus der Akkretion in die Iteration: Um die beiden gegenläufigen Wechsel der Werte in E und in M – von der Iteration in die Akkretion und von der Akkretion in die Iteration – als simultane Ordnungsverhältnisse zu vermitteln, braucht es einen dritten eigenständigen Ort. Er wird im Vermittlungssystem D der Schablone als Dokumentation thematisiert. Die einzelnen Maßnahmen darin zielen im Groben und Ganzen auf die Trennung und Vermittlung von E und M, indem sie einerseits möglichst genau die Soll- und Ist-Zustände des Münsters festhalten, andererseits möglichst vollständig über den Verbrauch der finanziellen Mittel buchführen. Insofern zeigt die Dokumentation zwei Gesichter. Erstens tritt sie als Rechnungswesen auf, das die Geld- und Leistungsströme, die in der MBH zirkulieren, quantifiziert – bspw. indem sie in der Bilanz zwischen der Verwendung der Mittel und der Herkunft der Mittel unterscheidet. Zweitens tritt sie als Forschung 299 und Entwicklung auf, die alle relevanten Qualitäten sammelt und klassifiziert – bspw. indem sie Materialzusammensetzungen und Farbverläufe bemustert oder indem sie die Formenvielfalt und Symbolik am Münster in Epochen oder Besonderheiten einteilt. In der Dokumentation wird die größte Mühe darauf verwendet Qualitäten und Quantitäten auseinander zu halten, also erstens darauf zu achten, dass nur Qualitäten an Qualitäten anschließen und Quantitäten an Quantitäten, zweitens die Kombination von Qualität und Quantität nach festen Regeln erfolgen zu lassen. Man verfertigt dazu Berichte – im weitesten Sinn des Wortes – damit die erhaltenden und mittelbeschaffenden Maßnahmen der MBH in ihrer Wirksamkeit und Effizienz erfasst und kontrolliert werden können. Insofern dient die Dokumentation auch der Rechtfertigung des eigenen Tuns und Lassens gegenüber den internen und externen Anspruchsträgern. Das war zu erwarten, immerhin bespricht D das Verhältnis zwischen der MBH insgesamt und ihrer Umwelt, indem sie die zwei möglichen, aber widersprüchlichen Umwelten der Basissysteme – den Preisbildungsprozess und das Münster – auseinanderhält und vermittelt. Die leitende Knappheit ist in D der Mangel an Wissen, bzw. an vertrauenswürdigen Quellen und Berichten, den es zu beheben gilt. Daher folgt die Berichterstattung den spezifischen Regeln, die es für diese oder jene Sorte von Berichten zu berücksichtigen gilt. Das beginnt mit den Regeln von Arithmetik und Buchführung und endet bei den Regeln der jeweiligen Wissenschaft, in der man sich gerade übt – Kunsthistorik, Materialkunde, Geologie, Statik, etc. In jedem Fall hat die MBH in ihren Berichten den Wahrheitsgehalt der auftauchenden Fakten und Werte nachzuweisen. Dabei werden die Werte säuberlich in Quantitäten und Qualitäten aufgeteilt und als Fakten ausgewiesen oder falsifiziert. Die Berichte weisen den Werten und Fakten insofern verschiedene Ordnungen zu, um am Ende über entsprechende Speichermedien einen Fundus an Fakten anzuhäufen, der in Archiven geordnet werden kann. Erst so überdauern die Fakten außerhalb der Köpfe einzelner Mitarbeiter und können zu gegebener Zeit auch von anderen Stellvertretern der MBH erinnert, d.h. als Wissen wiederholt und weitergegeben werden. Die Dokumentation führt unter gewissen Regeln vom Nicht-Wissen zum Wissen. Die Legende einer Schadenskarte bietet bspw. eine ausgeklügelte Ordnung, um der Qualität einzelner Schäden gerecht zu werden. Zur Dokumentation muss man aber wissen, welche Schäden vorliegen. Man muss sich ans Münster begeben und die vorhandenen Schäden aufnehmen. Dasselbe gilt für das Rechnungswesen. Die Buchführung stellt eine ausgeklügelte Ordnung bereit, mit der sich die Quantität einzelner Ein- 300 nahmen und Ausgaben verrechnen lässt. Zur Dokumentation der einzelnen Bewegungen benötigt man aber zuallererst Belege, die beweisen, welche Beträge wann auf welchen Konten ein- und ausgegangen sind. Insgesamt vollziehen die dokumentierenden Maßnahmen die Trennung der verschiedenen qualitativen und quantitativen Bewertungen des Münsters und seiner Teile. Sie erzeugen dabei Ordnungen, in denen die Quantitäten Quantitäten bleiben und die Qualitäten Qualitäten. Die Doppeldeutigkeit in D ist dem Umstand geschuldet, dass wir die Schablone mit Inhalt füllen, indem wir den Operator in E als Geld und in M als das Münster fassen und den Operanden in E als Münster und in M als Geld. Das Vermittlungssystem D der Schablone dient als Referenzoder Horizontsystem der beiden Basissysteme. Es stellt einen dritten, eigenständigen Ort bereit, an dem die Gleichheit des Münsters oder eines Geldbetrages mit sich selbst thematisiert werden kann, um die Vergleichbarkeit von Qualitäten und Quantitäten zu sichern. Es gibt daher zwei Möglichkeiten die Schablone auszufüllen: Abb. 112 Einerseits kann E in der Proemialrelation die höhere logische Stufe besetzen, indem dort thematisiert wird, wie das Geld als Operator das Münster und seine Teile als Operanden behandelt. Auf der niedrigeren Stufe in M wird dann zugleich thematisiert, wie das Münster und seine Teile als Operator das Geld als Operanden behandelt. Das Vermittlungssystem D thematisiert dann die Gleichheit des Operators von E mit dem Operanden von M. Wir haben diesen Fall als Rechnungswesen bezeichnet. Andererseits kann in der Proemialrelation aber genauso gut M die 301 höhere logische Stufe besetzen, während E die niedrigere Stufe besetzt. Dann thematisiert D die Gleichheit des Operators von M mit dem Operanden von E. Diesen Fall haben wir als Forschung und Entwicklung bezeichnet. Darin äußert sie die Symmetrie von zwei Asymmetrien, auf die vorher kurz verwiesen wurde. Man könnte die Schablone um ein weiteres Basissystem und zwei weitere Vermittlungssysteme anwachsen lassen und erhielte einen Verbund von insgesamt sechs Subsystemen, der sich in etwa wie das Modell OVVS in T5.4 interpretieren ließe. Darin würden sich die Wechsel zwischen Qualität und Quantität über den nunmehr größeren Verbund verteilen und weitere Unterscheidungen zwischen den Zielen, Mitteln und Knappheiten der MBH möglich machen. Aber die Schablone erhielte dadurch mehr und mehr die Funktion einer verbindlichen Organisationsstruktur. Da wir hier keine Möglichkeit haben die Nützlichkeit einer solchen Struktur zu prüfen – eben an der MBH – unterlassen wir das ganz. Stattdessen nehmen wir die weniger komplexe Schablone zur Hilfe. Sie genügt, um einen guten Haushalter an den Markt anschließen, ohne diesem Hausalter nur eine einzige transitive Präferenzordnung zuzuweisen. Der gute Haushalter mischt nun vielmehr als kognitivvolitiver Verbund im Prozess der Preisbildung mit, indem er mindestens drei nebengeordnete Präferenzen hat und derart nicht nur zwischen sich und seiner Umwelt unterscheiden kann, sondern auch in der Lage ist Güter und Faktoren selbstständig zu bewerten. Im Folgenden fassen wir E etwas allgemeiner als Produktion (P) und M als Verkauf (V). Der dreikontexturale Verbund von P, V und D hat nur das Mindestmaß an Komplexität, um das Produkt als komplexes Objekt zu thematisieren. Aber er kann bereits den Widerspruch von zwei Zielen auflösen – durch die Vermittlung über ein drittes Ziel. Er behandelt die zwei widersprüchlichen Ziele in P und V. Im einen Fall verwandelt sich Quantität in Qualität, im anderen Fall Qualität in Quantität. Das dritte Ziel ist die Dokumentation der Quantitäten und Qualitäten, die im Verbund sichert, dass sich die Basissysteme als Verbund mit derselben Umwelt konfrontiert sehen. Im dritten Subsystem kommt insofern das Verhältnis zwischen dem Haushalter insgesamt und seiner Umwelt zum Ausdruck. Der Haushalter misst dann aber den eigenen Nutzen – auch dessen Maximierung – längst nicht nur an den quantifizierbaren Werten, die er vorne aufnimmt und hinten wieder ausscheidet, bzw. am Verhältnis, in das er diese Ein- und Ausgängen zueinander setzt. Zwar fehlt es ihm auch an finanziellen Mitteln. Daher sollte er seine Mittel möglichst effizient einsetzen. Aber daneben herrscht ein Mangel an Verwendungsund Gebrauchsmöglichkeiten, die sich mit dem Produkt realisieren 302 lassen. Während sich die Mittel zur Produktion noch einigermaßen leicht in Geldbeträgen beziffern lassen, sind die Anwendungsmöglichkeiten des Produktes kaum in Geldbeträgen messbar. Der Nutzen, der bspw. beim Erhalt des Münsters entsteht und durch Mithilfe daran gesteigert werden kann, misst sich am Stolz und am guten Gefühl des Sponsors – ganz gleich, ob er die Wirkung seiner Spende still und leise genießt oder lautstark in der betreffenden Öffentlichkeit verkündet. P transformiert ein Quantum Geld in die Qualitäten des Produktes, während V diese Qualitäten in ein Quantum Geld umwandelt. Indem das gegenläufige Verhältnis in D auseinandergehalten und vermittelt wird, entsteht dort erstens eine dritte Knappheit – der Mangel an wahren Berichten – zweitens eine Umwelt des Systems, indem es nunmehr in der Lage ist die verhandelten Werte simultan am verhältnismäßigen Nutzen für Einzelne (ordinal) und in einem allgemeinen Maßstab (kardinal) zu bemessen. Das System erkennt dann den Wert der angebotenen Güter und Produktionsfaktoren in Preisen und zeigt seinen Willen aktiv, indem es die Güter und Faktoren beim Kauf qua Entscheidung in Geldmengen bewertet. Aber zugleich nutzt und erzeugt es spezifische, d.h. konkrete Güter und Produktionsfaktoren, um den Knappheiten seiner spezifischen Umwelt zu begegnen. Das System realisiert seinen Nutzen also immer erst in einem konkreten Habitat. Erst angesichts dessen mischt es im Prozess der Preisbildung mit. Dabei verkörpert es gleichzeitig die Unterscheidung zwischen Anbieter und Käufer und zwischen Produzent und Nutzer. Die interne Erzeugung und Bestätigung von Wert zeigt sich zunächst im Wechselspiel von P und V: Der Haushalter erzeugt und bestätigt Werte in P und V (Abb. 113) Der Gegensatz lässt sich nun intern in der Vermittlung von P und V durch D auflösen. Man erhält einen Haushalter, der sich nicht mehr durch eine stabile und transitive Präferenzordnung auszeichnet, sondern 303 durch minimale Komplexität. Er ist bereits in der Lage vor Ort die Welt zu erkennen und zu bewerten, aber eben nicht über eine stabile Hierarchie der Präferenzen, sondern indem er seine Werte intern über drei nebengeordnete Aspekte realisiert und bestätigt. Dieser Basis-Haushalter zeigt mit P, V und D folgende Gestalt: Basis-Haushalter als kognitiv-volitiver Verbund minimaler Komplexität (Abb. 114) Der Basis-Haushalter kann ein komplexes Objekt unter drei nebengeordneten Gesichtspunkten thematisieren. In unserem Beispiel war es das Münster der MBH. Die Gesichtspunkte, unter denen es thematisiert wird, werden nun allgemein durch die Bereiche P, V und D festgelegt, indem jede Kategorie trichotomisch durch alle Kategorien mitbestimmt wird.450 Die nebengeordneten Gesichtspunkte lassen sich zunächst als Dominanz- und Begleitaspekte kombinieren und derart in einer semiotischen Matrix zum Bestimmungs- oder Strukturschema des dreikontexturalen Objektes anordnen: Strukturschema des dreikontexturalen Objektes in den Bereichen E, M und D (Tab. 28) 450 Vgl. Ditterich, Joseph/ Helletsberger, Gerhard/ Matzka, Rudolf: OVvS, S. 73-76. Bekannt für seine intensive Beschäftigung mit der Strukturierung und Interpretation trichotomischer Zeichenkonstellationen wurde besonders Max Bense. Zur weiteren Formalisierung vgl. etwa: Ders.: Axiomatik und Semiotik in Mathematik und Naturerkenntnis, Berlin 1981. 304 Die Matrix lässt sich – mit etwas Mühe und Übung – in die Entscheidungsprozesse des Haushalters einführen, wenn man die Transformationsregeln angibt, nach denen sich an den möglichen Schnittstellen von P, V und D – etwa bei der Objektübergabe – die Wechsel der verschiedenen Aspekte des Objektes vollziehen. Dazu nehmen wir erstens an, dass an den Schnittstellen die Mitarbeiter einer Organisation aufeinander treffen, um ihre dominierenden und begleitenden Aspekte miteinander zu verhandeln/aneinander auszurichten. Zweitens soll jeder Mitarbeiter seinen dominierenden Aspekt an dem Aufgaben- und Funktionsbereich ausrichten, der ihm im Organigramm zugewiesen wird. Drittens legen wir fest, dass die Mitarbeiter immer nur zwei Aspekte zugleich berücksichtigen können. Jeder Standpunkt der einzelnen Mitarbeiter ist insofern zweiwertig. Man kann das – mutatis mutandis – genauso für Abteilungen, Projekte oder andere Subsysteme des Haushalters annehmen, wenn sie an Schnittstellen in Kontakt treten. Es ergeben sich an den Schnittstellen folgende Grundstrukturen, wobei wir auf eine umfassende Interpretation der Wechsel verzichten, weil diese ohnehin nur als Positionen in einem übergeordneten Entscheidungsprozess Sinn machen: Wechsel der Objektstruktur an den drei Schnittstellen (Tab. 29) Nun verdaut die MBH nicht nur das günstigste Medium, das sie finden kann, um möglichst schnell zu wachsen. Sie setzt sich den Erhalt eines 305 Originals zum Ziel, mit dem sie überdauern will. Ihr Wille zeigt sich demnach als Wille zum Stillstand und zur Stagnation. Doch das begrenzt nur die Anwendungsfelder der Ressourcen, die sie verdauen kann. Die Maßnahmen der MBH finden dessen ungeachtet in einer Umwelt statt, die sie mit den Vertretern fremder Interessen teilt. So wartet das Habitat der MBH mit drei nebengeordnete Knappheiten auf, die erstens am Münster, zweitens in lokalen Öffentlichkeiten und drittens in den Güterund Finanzmärkten, bzw. in den globalen Prozessen der Preisbildung Tauschpartner, Konkurrenten und Turbulenzen bereithält. Derart mischt die MBH unter ihren speziellen Voraussetzungen im sozialen Gewebe mit. Das gilt genauso für den Basis-Haushalter. Konzentriert man sich auf die Prozesse der Preisbildung, lässt er sich zunächst vervielfältigen, d.h. als Modell für sämtliche Haushalter verwenden. Das Gemenge mehrerer Haushalter agiert und reagiert nun unter verschiedenen, nebengeordneten Aspekten in einem gemeinsamen Habitat, dem man gewisse Ressourcen beimengen kann – etwa Arbeit, Boden und Kapital oder spezieller: Steine, Steinmetze, Förderer, Schadenskarten, Computer, Nägel, Schrauben, Dachlatten, etc. Kognitiv-volitive Systeme im gemeinsamen Habitat (Abb. 115) Sollten sich die verschiedenen Haushalter in diesem Habitat gemeinsam zum Tausch ihrer Ein- und Ausgänge zusammenfinden, kann man gutgläubig annehmen, dass der freie Handel in der Petrischale automatisch dafür sorgt, dass sich die unterschiedlichen Haushalter zu einer Katallaxie zusammenfinden. Der vollständige, bzw. superadditive Verbund verbindet dann jeden mit jedem qua Tausch und Preisbildung. Es entsteht eine Art Homunkulus, in dem das Ganze mehr ist als die Summe der Haushalter. Er zeichnet sich durch eine gewisse Intelligenz aus, die keinen besonderen Ort hat, sondern auf den Verbund insgesamt verteilt ist. Diese Intelligenz tritt etwa als die unsichtbare Hand des freien Marktes in Erscheinung, die ordnend ins Nebeneinander der Haushalter eingreift. Das ist ein alter Hut. Das einzig Neue, was wir dem Hinzufügen, ist der Umstand, dass die ordnende Leistung des Homunkulus erst dadurch zustande kommt, dass jeder nutzenmaximierende Haushalter 306 ein kognitiv-volitives System ist, das zwischen sich und seiner Umwelt unterscheidet, um die Welt und ihre Teile selbstständig zu bewerten und also die eigenen Knappheiten und Ziele aus eigener Leistung festzulegen. D.h. die nutzenmaximierenden Haushalter sind keine trivialen Maschinen, sondern zeichnen sich selbst wieder durch Komplexität aus. Wir bilden einen solchen Verbund ab: Basis-Haushalter in vollständiger Vermittlung (Abb. 116) Dabei sind durchaus mehrere Petrischalen denkbar, die wiederum ihre Ein- und Ausgänge miteinander tauschen – meinetwegen auch Geflechte und Verschachtelungen von Petrischalen über unterschiedliche Ebenen hinweg. Dabei darf man sogar annehmen, dass die Haushalter gleichzeitig in mehreren Schalen auftreten– genauso, wie sie auch in mehreren Organisationen auftreten können – wodurch man noch nicht einmal gezwungen ist, eine Unterscheidung zwischen Meta- und Objektpetrischalen anzunehmen – etwa für Güter, Geld und Wertpapiere auf der einen Seite und auf der anderen Seite für Preise, Zinsen und Kurse. Aber von solch einer Vermehrung der Petrischalen sehen wir hier ab. Wir lassen stattdessen im zweiten Lösungsteil die einzelnen Haushalter komplexer werden, weil es formal auf dasselbe hinausläuft. Viel wichtiger scheint uns zunächst, dass sich die Haushalter eines einzelnen Verbundes auf gewisse Aspekte hin spezialisieren können, um mit der Kombination der verfügbaren Eingänge innerhalb einer Petrischale gewisse Ausgänge bereitzustellen, die dann wiederum – von ihnen selbst oder von anderen Haushaltern – als Eingänge genutzt werden. So lässt sich die gemeinsame Nährlösung des Habitats möglichst vielfältig verwerten und nutzten. Dabei herrscht keine generelle Knappheit, sondern nur eine Knappheit für einzelne Haushalter, die sich hier in den einzelnen Haushaltern als Gemenge von jeweils drei nebengeordneten Werten bemerkbar machen. Injiziert man den Haushaltern keinen unauflösbaren Mangel und begründet man die Petrischale auch sonst nicht in 307 Malthus´ Annahmen, droht über kurz oder lang die Stagnation – zumindest wenn die Haushalter permanent ihren Faktoreinsatz optimieren und zugleich der freie Handel einen optimale Verteilung der Faktoren und Güter garantiert. Zwar kann der Forscher ohne weiteres mit den Ventilen hantieren, die den Zustrom regeln, der die Petrischale von außen mit Ressourcen versorgt. Er kann sie zudrehen, was wahrscheinlich dahin führt, dass die Ressourcen, die in der Petrischale verfügbar sind, allmählich verbraucht werden. (Das erzeugt noch immer keine generelle Knappheit, sondern nur Knappheiten für bestimmte Haushalter, eventuell freilich für sämtliche Haushalter einer Petrischale.) Genauso gut kann er die Ventile aufdrehen oder er dreht manche Ventile auf und manche zu. Der Forscher kann sogar gänzlich neue Ressourcen in seine Petrischale einführen. Aber das erklärt noch nicht, dass die Haushalter neue Ressourcen erkennen (Adaption) und als neue Ressourcen verwerten, genauso wenig, wie es erklärt, dass sie ihre Eingänge – alte oder neue – auf neue Art und Weise kombinieren (Innovation) und derart neue Ausgänge bereitstellen, die dann wiederum – von ihnen oder von anderen – als neue Ressourcen verwertet werden können. Dazu – zur Erklärung von Adaption und Innovation – kann der Forscher annehmen, dass die Haushalter einigermaßen blind im Nebel stochern, um gelegentlich ein Körnchen Neues zu finden oder einen ganzen Trog an neuen Körnern, der sich dann anstelle von anderen Trögen – alten und/oder neuen – durchsetzt. Tatsächlich sieht sich der Forscher in dieser Annahme oft genug bestätigt, allerdings nur in der Retrospektive, was eine freundliche Umschreibung dafür ist, dass er selbst blind für das Neue ist, weil er mit jener Bestätigung nur das findet, was er längst gesucht hat. Das trifft freilich auch für die Erforscher anderer Bereiche zu, insoweit sie altes Wissen bestätigen wollen. D.h. in diesem Fall jedoch, dass sich die neuen Ein- und Ausgänge der Haushalter immer erst durchsetzen müssen – anderen Ein- und Ausgängen gegenüber – damit der Forscher sie in seiner Petrischale berücksichtigen und als Neues gelten lässt. Um das zu betonen: Wir wissen sehr wohl um die ungeheure Macht, die der gleichsam blinde Variations- und Selektionsmechanimus im Gerangel der Haushalter entfaltet. Aber wenn man sich nur auf diesen Mechanismus stützt, um Adaption und Innovation zur erklären, läuft man in Gefahr, die Existenz eines Haushalters durch eben diese Existenz zu erklären. Die Dauerhaftigkeit, Größe oder Macht eines Haushalters in der Petrischale scheint dann schnell durch die bloße Faktizität dieser Dauerhaftigkeit, Größe oder Macht gerechtfertigt. 308 Daneben kann der Forscher zur Erklärung von Adaption und Innovation auf Günthers Unterscheidung in Akzeption und Rejektion zurückgehen. Dann muss er annehmen, dass der kognitive-volitive Haushalter aus eigener Leistung nur dann Neues als Neues erkennen und nur dann Neues als Neues aus sich selbst heraus schaffen kann, wenn er in der Lage ist die eigenen drei Ziele und Knappheiten insgesamt zu verwerfen und an deren Stelle ein viertes Ziel und eine vierte Knappheit zu setzen. Wir haben das eingehend in der Einführung in die PK-Theorie im T5.1 besprochen. Hier genügt es daher, wenn wir noch einmal betonen, dass ein adaptiv-innovativer Haushalter intern einen leeren Platz als leeren Platz bereithalten muss, um von dort aus die gesuchte Leistung zu vollbringen. Der leere Platz tritt dabei als eigenständiges Subsystem des Haushalters auf, das dann gemäß der Forderung nach Superadditivität mit den drei übrigen Subsystemen verbunden ist. Von dort aus kann der Gesamtverbund sogar bei Gelegenheit um ein fünftes Subsystem anwachsen. Dann begegnet er seiner Umwelt mit der Zunahme an Eigenkomplexität. Wir kommen darauf am Ende des nächsten Lösungsteils etwas ausführlicher zurück. Lösung 2: Mehr Spielraum durch freie Plätze Das zweite Problem der Arbeit eröffnete sich an der Frage, wie sich Neues als Neues erkennen lässt. Daran anschließend fragten wir uns, wie man die Innovations- und Anpassungsfähigkeit einer Organisation gezielt ins Werk setzen und also institutionalisieren kann. T5.1 hat dazu gezeigt, dass sich in der Erkenntnis des Neuen das erkennende System selbst erneuern muss – ganz gleich, ob es ein Immunsystem, ein Mensch oder eine Organisation ist – indem es qua Rejektion neue Elemente in seine Ordnungen einführt und an Eigenkomplexität gewinnt. Ansonsten ist Wissen Erinnerung, d.h. die Wiederholung des Alten. Ob dann in der Erinnerung ein Einzelmensch auf mentale Bilder und Ordnungen zurückgreift oder eine Organisation auf Berichte und Archive, macht keinen allzu großen Unterschied, solange bei der Abbildung der Umwelt nur die alten Elemente und Ordnungen des Systems wiederholt werden. Die Erinnerung beschränkt sich stets auf einen Bereich möglicher Muster und Konstellationen, in den es alle verfügbaren Elemente integriert – bspw. dadurch, dass es sie in Aspekten, Klassen oder Kategorien bündelt. Dabei können in diesem Bereich durchaus Über-, Unter- und Nebenordnungen kombiniert sein. Aber dessen ungeachtet ist der Bereich begrenzt. D.h. das System erhält in der Abbildung der Welt qua Erinnerung nur ein gewisses Maß an Eigenkomplexität, mit dem es von da ab der Komplexität der Welt begegnen muss. 309 Aber will sich das System in der Erkenntnis des Neuen selbst erneuern, kann es bei der Abbildung seiner Umwelt zuerst die neuen Elemente als eigenständige Qualitäten in alte Archive und Ordnungen integrieren. Dann kann es diese Ordnungen selbst verändern. Es kann Neues lernen, neues Lernen lernen, sogar ein neues Lernen des Lernen-Lernens lernen und sich also – indem es diese Stufen erklimmt – bis zu einem gewissen Grad als Beobachter beobachten, der sich gerade selbst beobachtet, etc. Der Grad an Selbsterkenntnis, der dabei erreicht wird, ist aber weit niedriger als gemeinhin angenommen. Immerhin beinhaltet jede zusätzliche Stufe alle vorhergehenden Stufen, indem sie diese im Erklimmen bereitund auseinanderhält. Es ist ratsam sich auf nur zwei oder drei solche Stufen zu beschränken, wie es sich auch bei den Vertretern des institutionellen Organisationsbegriffes durchgesetzt hat.451 Und tatsächlich lehrt die Erfahrung, dass der Hauptstrom der Wissenschaften eben der Hauptstrom ist, weil er neuen Wein in alte Schläuche füllt – nicht um das Neue verschleiert an den Mann zu bringen, sondern weil er sein Wissen schafft, indem er den Gegenstand in bewährte Ordnungen integriert. Die erste Stufe des Lernens setzt voraus, dass der Erkennende im Abbildungsprozess neue Elemente als eigenständige Qualitäten in seine alten Ordnungen integriert. Das Erklimmen der zweiten Stufe bedeutet, dass er die alten Ordnungen erneuert, dass er also in gewissem Maße fähig ist sich selbst, seine Umwelt und deren Verhältnis – den Erkenntnisprozess – abzubilden. Beim Erklimmen der dritten Stufe sollte er zusätzlich den Abbildungsprozess der zweiten Stufe abbilden können. Falls er auf den einzelnen Stufen Platz schafft für neue Qualitäten, nimmt seine Eigenkomplexität zu. Wie wir in T5.1 und T5.2 gesehen haben, erfolgt dieses Anwachsen dadurch, dass der verfügbare Wertebereich insgesamt verworfen und um neue eigenständige Werte bereichert wird. Das kann durch die bloße Iteration auf der ersten Stufe geschehen – und das ist die Regel – setzt aber voraus, dass darin – d.h. innerhalb des betreffenden Bereiches möglicher Muster und Konstellationen – die neuen Elemente neben alte Elemente treten, dass also erstens die alten Elemente nicht etwa verdrängt/vergessen werden, dass zweitens die neuen Elemente nicht (oder nicht nur) unter alte Elemente fallen, um mit ihnen Hierarchien von Aspekten, Klassen, Kategorien, etc. auszubilden. Nun zeigt schon der Blick in den Vorgarten, dass es für lebende Systeme oft genug ratsam ist an gewissen Mustern und Konstellationen festzuhal- 451 Vgl.: Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, Frankfurt a. M. 1985, S. 219-240. Darauf beziehen sich: Argyris, Chris/ Schön, Donald A.: Die lernende Organisation. Grundlagen, Methode, Praxis, Stuttgart 2002. 310 ten und nur das alte, bereits gesammelte Wissen zu wiederholen. So werden die erkannten Elemente in der Erkenntnis unter alten Aspekten gesammelt, bzw. in alte Ordnungen integriert. Indem das System bei der Abbildung der Umwelt immer nur die alten Elemente und denkbaren Muster und Konstellationen aktualisiert, selektiert es seine Möglichkeiten auf einen engeren Bereich hin, um sich auf Dauer selbst zu stabilisieren und im Gleichgewicht zu halten. „Es verwirft bestimmte Zustände und behält andere für seinen Verhaltensbereich zurück.“452 Im Ergebnis hält sich das Verhaltensrepertoire so mancher Lebensform erfolgreich seit Millionen Generationen. Wir haben diese Selektion auf das Bedeutsame hin – auf Aspekte, Klassen, Kategorien, etc. – im T5.1 nicht als klassische Zweiwertigkeit von Position und Negation interpretiert, sondern als Gegensatz von Akzeptions- und Rejektionswerten, der es ermöglicht, alte und neue Elemente gleichermaßen zu sammeln, indem mit der Rejektion immer neue Stufen einer Komplexität erreicht werden können. Wir haben im T3.1 zudem gesehen, dass sich mehrere Komplexitäten im lebenden System über eine Architektur der Komplexität anordnen – das ist über eine Kombination von Hierarchien und Heterarchien – um insgesamt ein stabiles Gefüge auszubilden und aufrechtzuerhalten. Wir kommen darauf sogleich zurück. Im T5.3 haben wir zudem angenommen, dass man zwischen der Erkenntnis (Kognition) und dem Willen (Volition) des lebenden Systems unterscheiden muss, allerdings nur um beide zu vermitteln. In Bezug auf das Erkennen und Einführen des Neuen bedeutet die Simultaneität von Kognition und Volition, dass sich die Anpassung des Systems an eine neue Umwelt (Adaption) und die Neugestaltung der Umwelt durch das System (Innovation), stets gegenseitig durchdringen. Man kann daraus schließen, dass die Integration des Neuen in alte Ordnungen nicht nur in der Verinnerlichung durch Lernen und Wissensbildung geschieht, sondern zugleich als Entäußerung in Form neuer Verhaltensweisen, die neben alte Verhaltensweisen treten. Erst in dieser Entäußerung zeigt sich die Freiheit und Spontaneität eines Systems – sogar dessen Wille, sobald die neuen Verhaltensweisen aufhören über Versuch und Irrtum blind im Nebel zu stochern und beginnen in irgendeiner Weise zielgerichtet zu sein – vom Standpunkt des Systems aus – um das betreffende System mit Techniken auszurüsten, d.h. mit zielgerichteten Verfahren.453 452 Günther, Gotthard: Bewußtsein als Informationsraffer, in: Klaus Türk (Hg.): Handlungssysteme, 1978, S. 175-181, hier: S. 177. 453 Ein zielgerichtetes Verfahren haben wir oben als List oder Technik bezeichnet. Daran halten wir fest. 311 Auch die Einführung neuer Verhaltensweisen ordnet sich in mehreren Stufen, wie schon das Lernen. Will das System neues Verhalten zeigen, kann es zunächst neue Elemente in alte Verfahren integrieren, dann die alten Verfahren insgesamt verändern oder die Verfahren verändern, die alte Verfahren verändern. Das System kann sich – indem es diese Stufen erklimmt – zu einem gewissen Grad selbst als Handelnden behandeln, der sich gerade selbst behandelt, etc. Doch der Grad an Selbstbehandlung, der zwischen Menschen erreicht wird, ist im Vergleich zum Grad an Selbsterkenntnis weit höher. Das liegt vor allem daran – nun werden wir zu Anthropologen – dass die Verfahren, die zwischen den Menschen und deren Umwelten vermitteln, nicht unbedingt performativ im Verhalten von Einzelnen und Gruppen wiederholt werden müssen. Sie können sich als Verfahren von den einzelnen Körpern ablösen, indem sie zwischen den Menschen Institutionen und Maschinen ausbilden. Einmal ent- äußert behandeln diese nicht nur die Welt, sondern auch den Konstrukteur, der daraufhin eventuell neue Institutionen und Maschinen baut, die sich nunmehr an alte Institutionen und Maschinen anschließen, usw. usf. Das „Selbst“ der Selbstbehandlung kann abgespalten und als Verhältnis von Operatoren und Operanden in Form zielgerichteter Verfahren ent- äußert und fixiert werden. Indem neue entäußerte Verfahren ständig an andere entäußerte Verfahren anschließen, ergeben sich auf Dauer immer längere Ketten der Selbstbehandlung. Aber dabei verteilt sich das entäußerte Selbst mit zunehmender Komplexität auf immer größere Zusammenhänge von Menschen und Dingen, um sich irgendwann gänzlich darin aufzulösen, weil doch die Selbsterkenntnis nur wenige Positionswechsel zugleich überschauen kann. Das Selbst verliert sich gleichsam aus den Augen. In der Gruppe – zwischen mehreren Konstrukteuren und deren Entäußerungen – verspinnen sich die Ketten der Selbstbehandlung allmählich zu einem dichten Gewebe der Selbst- und der Fremdbehandlung, bzw. der Auto- und der Heteroreferenz. Dieses soziale Gewebe stabilisiert sich einerseits in den entäußerten Operatoren und Operanden und fixiert sie in gewissen Verfahren. Andererseits reichert es sich mit jeder neuen Entäu- ßerung um neue Möglichkeiten an, während die Einführung neuer Kombinationen sichert, dass der Topf an Möglichkeiten ausgeschöpft wird, den im Moment das jeweilige Habitat bietet. Das Gesamtgewebe unserer Tage kann man „die“ Gesellschaft nennen oder etwas treffender die Technologische Zivilisation.454 Wir haben uns vorsichtshalber nur auf 454 Vgl.: Klagenfurt, Kurt: Technologische Zivilisation und transklassische Logik. Eine Einführung in die Technikphilosophie Gotthard Günthers, Frankfurt a. M. 1995. 312 die wenigen Fäden und Fetzen dieses Gewebes bezogen, die in der MBH in Freiburg verwoben werden. Der Einfachheit wegen beschränken wir uns im Folgenden erstens auf die Summe der zielgerichteten Verfahren, die ein bestimmtes System ausbildet, d.h. auf den Bereich seiner gesamten Technik, zweitens auf Menschen als vorerst maßgebende Akteure und auf die Verbünde, in denen sie ihre Techniken entfalten. Auf der ersten Stufe neuen Verhaltens können die einzelnen Operanden und Operatoren zielgerichteter Verfahren entäußert und vergegenständlicht werden, indem man sie in den Gegenständen der Umwelt fixiert. Sie lösen sich dabei von ihrem Schöpfer ab – etwa als Werkzeug, Fetisch oder Waffe – und verdichten das soziale Gewebe, indem sie umgehend wirksam werden, sobald sie in irgendwelchen alten oder neuen Verfahren Verwendung finden. Die entäußerten Operanden und Operatoren schließen sich dabei mit anderen Operatoren und Operanden zusammen. Im Zusammenschluss bereichern sie zwar den Topf an Möglichkeiten, aus dem das soziale Gewebe schöpfen kann, aber sie begrenzen das Gewebe zugleich, da jedes Ding naturgemäß nur gewisse Anschlussmöglichkeiten hat – bspw. als Schweizer Taschenmesser. So stabilisieren die verdinglichten Operanden und Operatoren auf Dauer die Verfahren, die zwischen den Menschen und deren Umwelten vermitteln. Auf der zweiten Stufe neuen Verhaltens werden neue zielgerichtete Verfahren entäußert und in der Umwelt des Konstrukteurs ins Werk gesetzt. Nun werden im sozialen Gewebe die ganzen Verhältnisse fixiert, in die bestimmte Operanden und Operatoren wiederholt zueinander gesetzt werden können. Das geschieht beim Bau von Maschinen und Institutionen. Maschinen treten idealerweise, d.h. solange sie „gut“ funktionieren, als Zwischenglieder (Latour) und triviale Systeme (v. Foerster) auf, indem sie Algorithmen bilden. Sie wiederholen ein vorab geplantes, endliches und schrittweises Verfahren, „[...] das für jeden Fall, der in einem zuvor abgegrenzten Bereich von eindeutigen Unterscheidungen auftreten kann, eine eindeutige und ausführbare Handlungsanweisung bereithält.“455 So verkörpert jede Maschine einen Bereich hierarchischer Ordnung, in den sie alle verfügbaren Operanden und Operatoren integriert, um vorhergesehenes Input zuverlässig in vorhersehbares Output zu transformieren. Die Transformation leistet die Maschine zwar in funktionaler und struktureller Unabhängigkeit von ihrem Konstrukteur, aber doch als dessen Konstrukt, d.h. in Abhängigkeit von den originalen Eingaben, 455 Wiener, Oswald/ Bonik, Manuel/Hödicke, Robert: Einführung in die Theorie der Turing-Maschinen, 1998, S. 28. 313 Befehlen und den vorgesehenen Anschlussmöglichkeiten. Die „gute“ Maschine ist immer vollständig determiniert. Sie hat weder einen Ort, an dem sie selbstständig durch neue Erkenntnisse eigenes Wissen bilden könnten, noch ist sie in der Lage einen eigenen Willen in neuem Verhalten zu zeigen. Sie ist in diesem grundlegenden Sinn nicht autonom, sondern funktioniert automatisch. Dessen ungeachtet können Maschinen zwischen den Menschen als Akteure auftreten, sogar als unberechenbare Akteure, falls sie sich im Zusammenschluss mit den Operanden, Operatoren und Verfahren des umliegenden sozialen Gewebes zu Mittlern und nicht-trivialen Systemen auswachsen. Sie funktionieren dann nicht länger automatisch, sondern halbautomatisch. Das bedeutet hier nicht, dass sich halbautomatische Maschinen auf einer niedrigeren Stufe der Entäußerung befinden, auf der sie halb Werkzeug, halb Maschine sind. Sie sollen nicht erst in der Verbindung mit einem Nutzer, bzw. mit vorab festgelegten Handgriffen vollen Maschinenstatus zu erhalten. Vielmehr soll ein Halbautomat zu einem gewissen Anteil offen sein für alle möglichen Zusammenschlüsse an die umliegende Operanden, Operatoren und Verfahren. Dabei kann er sich nach wie vor als triviales System verhalten. Aber er kann auch komplex werden und sich im Zusammenschluss mit der Umgebung zu einem kleinen Stück sozialen Gewebes ausweiten, das sich selbst stabilisiert und unvorhersehbares Verhalten zeigt. Institutionen sind immer schon halbautomatische Maschinen – lässt man den Unterschied von Automatik und Halbautomatik gelten, den wir eben etabliert haben. Sie sind immer schon ein mehr oder weniger gro- ßes, mehr oder weniger dichtes und mehr oder weniger stabiles Stück des sozialen Gewebes. Sicherlich kann man sie in ihrem Aufbau/in ihrer Struktur als reine Automaten denken und entwerfen. Aber es ist doch weit interessanter Institutionen auf ihre Komplexität hin zu befragen und auf die Vorgänge, in denen sie aufgrund ihrer Komplexität als Akteure zielgerichtetes Verhalten zeigen. Wir beschränken uns auf spezielle Institutionen, die wir Organisationen genannt haben. Die Eigenheiten des institutionellen Organisationsbegriffes wurden im T1.2 zu genüge besprochen. Eine Organisation zeichnet sich demnach durch ihre beständigen Grenzen aus, durch ihre intern geregelte Arbeitsteilung und durch ihre spezifische Zweckorientierung. Insofern sie ihre Grenzen, ihre funktionale Ausdifferenzierung und ihre Ziele und Zwecke aus eigener Leistung einrichtet und aufrechterhält, verhält sie sich als gleichsam lebendes System. Sie sollte dann über die Fähigkeit verfügen ihre Umwelt in sich selbst abzubilden und dabei zwischen sich, dem Abgebildeten und dem Abbildungsverhältnis zu 314 unterscheiden. Organisationen sind dann autonom – bis zu einem gewissen Grad zumindest. Einerseits halten sie intern Orte bereit, an denen sie eigenes Wissen durch neue Erkenntnisse bilden können. Andererseits sind sie in der Lage ihren Willen unvorhersehbar in neuen zielgerichteten Verfahren zu zeigen. Um die Vorgänge, die in Organisationen ablaufen, richtig zu erfassen, muss man zudem dem Umstand Rechnung tragen, dass zwischen den Menschen nicht nur der Wille, sondern auch das Wissen entäußert wird. Neben die List tritt die Rede, neben die Technik der vernünftige Bericht, neben die Maschine das Archiv und neben den Gesamtbereich an Techniken die Wissenschaft. Insofern tritt neben die Technologie, der um Wissenschaft erweiterte Technik, die Logotechnik, die um Technik erweiterte Wissenschaft. Sie entäußert und fixiert Erkenntnis seit Jahrtausenden mithilfe der Schrift, seit Jahrhunderten mithilfe des Buchdrucks und seit Jahrzehnten mithilfe der Rechenmaschine. Dabei sammelt und ordnet sie Erkenntnis in Berichten und Archiven. Zwar stehen Technologie und Logotechnik nicht unbedingt gemeinsam unter dem Stern guten Haushaltens, weil ja das gute Haushalten selbst nur eine Technik ist, indem es zielgerichtete Verfahren einführt. In anderen Worten: Es ist durchaus denkbar, dass die Wissenschaft in der Hauptsache andere Probleme löst als eine Knappheit an Mitteln. Das gilt im Übrigen auch für den Bau von Maschinen, der lange nur dem Spektakel diente. Allerdings ordnen sich Technologie und Logotechnik unter irgendwelche gemeinsamen Ziele, wenn sie als Funktionen einer Organisation auftreten. Organisationen zeigen dann in der Regel als Institutionen folgende Gestalt: Organisationen integrieren ihre Elemente – Operanden, Operatoren und Verfahren – indem sie sich erstens an gewissen Zwecken ausrichten, zweitens intern eine gewisse Funktionsteilung einrichten und drittens einem Außen gegenüber relativ beständige Grenzen ausbilden. Dabei aktualisieren und fixieren sie ihre Elemente laufend, entweder um deren Verhältnisse zu stabilisieren oder aber indem sie die alten Elemente und Verhältnisse verwerfen und um neue Elemente und Verhältnisse anreichern. Diese permanente Fixierung und Aktualisierung der Organisation greift nicht nur auf die Entäußerung von Erkenntnissen und Verfahren in Dingen, Maschinen und Archiven zurück, sondern integriert zudem Menschen als Personen, die sie auf gewisse Stellen der Organisation verteilt. Den Personen können, wie den Dingen, gewisse Funktionen (Rollen) und Zwecke zugewiesen werden. Aber die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit einer einzelnen Person zur Organisation wird mit eben dieser Person über Verträge geregelt. Einzelne Dinge, Maschinen und Archive tauchen darin nur als Gegenstände auf, nicht etwa als Verhandlungspartner. D.h. sie genießen in der Organisation keinerlei Per- 315 sönlichkeitsrechte. Darin kommt vor allem zum Ausdruck, dass man die einzelnen Dinge, Maschinen und Archive möglichst als triviale Systeme, aber die Einzelpersonen als mehr oder weniger komplexe Systeme in die Organisation integriert. Zwar können sich die einzelnen Dinge und Maschinen in Organisationen leicht zu einem Stück sozialen Gewebes ausweiten und also komplex werden. Aber dazu werden sie gerade nicht verwendet. Man integriert sie in der Regel nicht, um einen Zusammenhang komplex, sondern um ihn kompliziert werden zu lassen, auch wenn man mehrere Dinge, Maschinen und Archive zu größeren Maschinen verknüpft. Der Grad an Automatisierung, der dabei erreicht wird, misst sich dann schlichtweg an der Kompliziertheit der Zusammenhänge, die sich innerhalb einer einzelnen Maschinerie ins Werk setzen lassen. Im Gegensatz dazu werden Personen verwendet, wenn man sicherstellen will, dass die halbautomatischen Vorgänge innerhalb der Organisation reibungslos vonstattengehen. Dazu werden die Personen mit gewissen Entscheidungsbefugnissen ausgestattet und als mehr oder weniger autonome Systeme in die Organisation integriert. Personen treten dann an definierten Stellen als Entscheidungsträger auf, die eine gewisse Komplexität besitzen und der Organisation gewissermaßen eigenständige Standpunkte beimischen, die in der Lage sind aus eigener Leistung – in Wort und Tat – zwischen sich und ihrer Umwelt zu unterscheiden. Nun treten in der Organisation nicht nur Einzelpersonen als sinnverarbeitende Systeme auf. Wir haben oft betont, dass sich der Sinn, den eine Person vor Ort erzeugt, in ihrer Umwelt fixieren lässt, um fortan zwischen mehreren Personen und deren Umwelten zu vermitteln. Von da ab treten auch Gruppen – in Abteilungen, Projekten, Besprechungen, etc. – als autonome Entscheidungsträger auf. Auch sie zeigen, wie schon die Einzelperson, eigenes Wissen und einen eigenen Willen, sammeln neue Erkenntnisse und legen neue Verhaltensweisen an den Tag. Aber dabei stützt sich der Personenverbund längst wieder auf geteilte Objektbereiche – auf einzelne Dinge, Maschinen, Berichte und Archive etc. D.h. Personenverbünde, die als Akteure auftreten, sind zum Gutteil Hybride. Das war zu erwarten, denn immerhin ist die Organisation am Ende selbst solch ein Hybrid. Man muss sogar annehmen, dass die Einzelperson höchst selten in einem unmittelbaren Verhältnis zur Umwelt steht. Der Sinn, den sie lokal verarbeitet und erzeugt, ist vor allem auch der Sinn, den sie im Anschluss an das soziale Gewebe findet. Sinn entsteht besonders zwischen den Menschen. Nach diesem Resümee überlegen wir, welche Wege dem Organisator offen stehen, falls er Adaptions- und Innovationsvermögen institutiona- 316 lisieren will. Wir fragen uns zunächst nur, wie er die Verhältnisse von Personen und Personenverbünden ordnen und fixieren kann. Die Frage nach den Objektbereichen und Dingen, die dazwischen vermitteln stellen wir zurück und genauso die Frage nach den Verfahren, in denen die Einzelperson an Komplexität gewinnt. Damit werden wir uns im nächsten Kapitel bei der dritten Lösung der Arbeit beschäftigen. Der Organisator kann in einer fixen Struktur verschiedene leere Stellen funktional aufeinander beziehen, um sie mit Personen zu besetzen. Er setzt dann offizielle Entscheidungsträger in ein verbindliches Gerüst verschiedener Verantwortungs- und Aufgabenbereiche. Als Ideal gilt ihm ein Zustand, in dem alle Stellen besetzt sind. Dann repräsentieren übergeordnete Stelle untergeordnete Stellen und umgekehrt. Davon gehen auch wir vorerst aus. Das besetzte Gerüst lässt sich einerseits als Automat behandeln, der Entscheidungsprozesse effizient bündelt und auf gewisse Bedeutungen hin selektiert. Falls der Automat durchweg Hierarchien ausbildet, richtet er endliche Kette eindeutig getrennter Operationen ein. Aus Bedeutung wird Information. Andererseits kann der Organisator das Gerüst komplex werden lassen. Wir entfalten nun einige Regeln, die beim Bau eines komplexen Gerüstes gelten. Wir haben in L1 gesehen, dass der dreikontexturale Verbund einen rudimentären Haushalter abgibt. Die Preisbildung kann dann als Nebenordnung mehrerer dieser Haushalter dargestellt werden, indem vor Ort jeder seine Werte und Knappheiten selbstständig in Beziehung setzt. Man erhält dann zwei Schichten oder Stufen der Komplexität, erstens innerhalb der einzelnen haushaltenden Standpunkte, zweitens dazwischen, d.h. im Verbund der dreikontexturalen Verbünde. Es lassen sich von da ab weitere Stufen oder Schichten einführen und als Kombination von Hierarchie und Heterarchie fixieren, wenn man sich an die einfachen Regeln hält, die wir in T3.1 mit Simons Text zur Architektur der Komplexität entwickelt haben. So kann jeder Verbund auf der nächsthöheren Stufe als Element (Einheit) des übergeordneten Verbundes auftreten und jedes Element auf der nächstniedrigeren Stufe als Verbund (Vielheit) untergeordneter Elemente. Der Gesamtverbund zeigt eine Gestalt, die man als Anordnung von Stellen interpretieren kann, bzw. als Organisationsstruktur. Wir zeigen zuerst das Anwachsen eines Gesamtverbundes, der sich durchweg aus dreikontexturalen Verbünden (Dreiheiten) zusammensetzt. Er ist rein und ausbalanciert, bzw. symmetrisch: 317 Anwachsen eines reinen, symmetrischen Verbundes von Dreiheiten (Abb. 117) Auch aus vierkontexturalen Verbünden (Vierheiten) kann man einen reinen und symmetrischen Gesamtverbund bauen. Die ersten drei Stufen zeigen entsprechend die folgende Gestalt: Anwachsen eines reinen, symmetrischen Verbundes von Vierheiten (Abb. 118) Genauso kann man mit Fünf- und Sechsheiten verfahren. Die Anzahl der Stellen für n Stufen eines reinen und symmetrischen Gesamtverbundes von m-kontexturalen Verbünden ist dann bestimmt durch: Beim Basteln ist man nicht durch Konventionen gebunden. Es lassen sich problemlos gemischte, d.h. unreine Gesamtverbünde denken, also Verbünde, die sich aus Verbünden mit verschieden vielen Elementen zusammensetzen. Die einzige Vorgabe ist, dass jeder Verbund superadditiv sein muss und also auf jeder Stufe, bzw. in jedem Subverbund alle Ele- 318 mente mit allen Elementen verbunden sind. Wie viel Komplexität diese Elemente als Vielheiten beherbergen, ist damit nicht festgelegt. Zur Verdeutlichung, wählen wir ein einfaches Modell der MBH. Es setzt sich auf der untersten Stufe aus zwei Zwölf- und zwei Achtheiten zusammen – indem dort die Stellen aller Mitarbeiter als Elemente auftreten – auf der mittleren Stufe aus einer Vierheit – indem dort jede Abteilung als Element auftritt – auf der obersten Stufe als Einheit – indem dort die Münsterbaumeisterin alle untergeordneten Ein- und Vielheiten bündelt. Wir nennen die oberste Stufe fortan Stufe 0. Das gibt dem Anwachsen der Komplexität Richtung. Es lässt sich nun von der Komplexitätstiefe des Gesamtverbundes sprechen. Im abgebildeten Modell reicht die MBH bereits mit der zweiten Stufe auf ihren Grund: Die MBH als Gesamtverbund mit 45 Stellen auf 3 Stufen (Abb. 119) Das Modell in Abb. 120 zeichnet sich noch immer durch eine gewisse Symmetrie aus, indem es auf Stufe 2 zwei Acht- und zwei Zwölfheiten beherbergt und weil die Elemente der Stufe 1 dieselbe Komplexitätstiefe erreichen. Ein Gesamtverbund sollte aber nicht nur unrein, sondern auch unausgeglichen sein können, so dass die Elemente eines Verbundes als Vielheiten verschieden viele Stufen der Komplexität beherbergen. Es ist durchaus ein asymmetrischer Gesamtverbund denkbar, der nicht in allen Elementen des Verbundes dieselbe Tiefe erreicht. Wir bilden ein Beispiel für solch einen unreinen und asymmetrischen Gesamtverbund ab: Unrein, asymmetrischer Gesamtverbund mit 4 Stufen und 41 Stellen (Abb. 120) 319 Nun stellt sich die Frage nach einer geeigneten Notation, damit man den einzelnen Stellen Funktionen zuweisen und sie in einer Organisationsstruktur fixieren kann. Dabei ist erstens der Ort der Stelle im Gesamtverbund relevant, zweitens der Umstand, dass jede Stelle wiederum durch einen Verbund besetzt werden kann, dass also jede Stelle im Verbund sowohl eine Einheit, als auch eine Vielheit repräsentieren kann. Das lässt sich mit den Mitteln der Graphentheorie erreichen, wenn man sie um eine Mengenlehre erweitert. Zum Glück gibt es bereits ein Verfahren, das Baumstrukturen als verschachtelte Mengen (nested sets) abbildet.456 Die Notation der Knoten, die darin zur Anwendung kommt, lässt sich auch für unsere Zwecke verwenden. Wir greifen zur Verdeutlichung auf ein Organigramm zurück, das erst in der untersten Ebene drei Abteilungen aufweist, die sich als eine Dreiheit interpretieren lassen. Das genügt jedoch, um das Verfahren zu erläutern: Ableitung der Notation des NSM aus einer Baumstruktur (Abb. 121) Das Nested-Set-Modell (NSM) ordnet Daten in einer Hierarchie von Mengen und Teilmengen. Dazu greift es auf die Baumstrukturen der Graphentheorie zurück, die sich von einer Wurzel ausgehend über Knoten und Kanten in Ästen verzweigen, um irgendwann in Blättern zu enden. Das NSM zeichnet dabei die Umrisse des Baumes nach, indem es von der Wurzel ausgehend – bei Celko gegen den Uhrzeigersinn – an allen Ästen auf- und abwandert, bis es wieder zur Wurzel zurückkehrt. Währenddessen zählt es die Knoten, die es erreicht und markiert sie der Reihe mit fortlaufenden Ziffern zuerst auf der linken Seite und wenn es die Knoten 456 Vgl.: Celko, Joe: Joe Celko´s Trees and hierarchies in SQL for smarties, Amsterdam 2004, insbes. S. 45-100. 320 ein zweites Mal erreicht auf deren rechter Seite. Es tastet gleichsam die Kontur des gesamten Baumes ab und kann derart in einzelnen Knoten untergeordnete Knoten bündeln – hier nur in der Leitung und im Produktmanager (PM) – bzw. Stellen als Mengen und Teilmengen fassen oder eben als Verbünde untergeordneter Stellen. Die Grenzen einer Teilmenge innerhalb des Gesamtverbundes werden dabei durch zwei Werte festgelegt – einen linken (lft) und eine rechten (rgt) – um mit allen derart bezeichneten Stellen die Baumstruktur insgesamt vollständig abzubilden. In der Bezeichnung der einzelnen Stellen kommt damit nicht nur der Ort der Stelle eindeutig zum Ausdruck, sondern auch, dass die Stelle eventuell einen Verbund weiterer Stellen repräsentiert. Die folgende Abbildung hilft eventuell, das Verfahren vollends verständlich zu machen: Ableitung der Notation der NSM aus der Mengenlehre (Abb. 122) Sobald man die Bezeichnung aller Stellen kennt, kennt man die Gesamtstruktur des Baumes, weil ja die Bezeichnung jeder einzelnen Stelle festhält, welche anderen Stellen dieser Stelle untergeordnet sind. Deren Gesamtzahl für eine Stelle ergibt sich aus: 321 Man kann allerhand Regeln angeben, nach denen sich die Elemente des Gesamtverbundes etwa vermehren oder vermindern lassen.457 Dabei verändert solches Anwachsen oder Schrumpfen die Bezeichnung der Knoten, die bei einem erneuten Abtasten der Baumstruktur auf den verschwundenen oder zusätzlichen Knoten folgen. Das kann man als Vor- und als Nachteil sehen. Für Organisationen sehen wir darin einen Vorteil – wenn man die Notation etwa in einem ERP-System verwendet – weil die Veränderung dann automatisch andernorts thematisiert wird, zumindest an den übergeordneten Stellen. Bevor wir erstens Überlegungen anstellen, wie sich die Elemente einer Menge untereinander arrangieren – als nebengeordnete Stellen – und zweitens einen Weg vorschlagen, über den sich die Verbünde aus eigener Leistung um zusätzliche Stellen anreichern, zeigen wir die Notation in einem verschachtelten Graphen: Darstellung eines Gesamtverbundes mit 3 Stufen und 19 Stellen (Abb. 123) Um Einwänden vorzubeugen, die sich evtl. angesichts der ungewohnten Darstellung aufdrängen: Die Darstellung des Gesamtverbundes in Form eines verschachtelten Graphen ist neu. Sie hebt den Verbunds-Charakter von Verbünden hervor und will die Heterarchie der Gestaltung zugängig machen. Der Ansatz hat seine Berechtigung, sobald man von Diversität, Netzwerken oder Schwarmintelligenz – zumindest so sehr, wie die Rede 457 Vgl.: ebd. 322 von „flachen Hierarchien“, die nur unter Beweis stellt, dass die Eigenheit der Komplexität nicht formal erfasst wurde. Den Einwand, dass diese Darstellung ab einer gewissen Anzahl von Stellen allzu sehr ausufert, lassen wir nicht gelten. Erstens trifft der Einwand auf Organigramme insgesamt zu. Zweitens sollte man meinen, dass eine Organisation, die mehr als 50 oder 60 Stellen aufweist, über einen Computer verfügt, auf dem man in den Verbund „hineinzoomen“ kann. Geeignete Software zur Visualisierung sollte sich ohne viel Aufwand entwickeln lassen. Drittens kann die Abbildung des Gesamtverbundes mit einer Tabelle ergänzt werden. Darin lassen sich die Stellen der Reihe nach durchzählen und in der Hierarchie des Gesamtverbundes einer gewissen Komplexitätsstufe zuweisen. Dabei herrscht seltsamerweise an der Spitze der Organisation eine Komplexität nullter Stufe, weil sich die Komplexität des Gesamtverbundes erst in der Breite und Tiefe der Organisation entfaltet. Das heißt keineswegs, dass zur Leitung nur flache Köpfe taugen. Aber die leitenden Köpfe bündeln die Komplexität des Gesamtverbundes nur in dem Maße, wie sie die Breite und Tiefe des Gesamtverbundes – nach innen und außen – repräsentieren. Welchen Verbund eine Stelle im übergeordneten Verbund vertritt und welchen Stellen sie (direkt oder indirekt) vorsteht, ist in der Tabelle festzuhalten. Darüber hinaus lassen sich die Stellen darin mit Funktionen und Personen besetzen. Platz für weitere Eckdaten deuten wir nur an: Tabellarische Übersicht über den Gesamtverbund aus Abb. 124 (Tab. 30) Nun ist es eine Sache den Gesamtverbund von Stellen in einer ungewöhnlichen Darstellung abzubilden, aber eine andere ihn derart einzurichten, dass er sich selbst auf den verschiedenen Ebenen qua Rejektion um neue Stellen und Verbünde anreichern kann. Damit der Gesamtverbund aus eigener Leistung komplexer werden kann, setzen wir sein Gerüst zunächst als einen Verbund dreikontexturaler Verbünde ins 323 Werk, indem wir auf den Basis-Haushalter aus L1 zurückgreifen. Zudem geben wir die Vorstellung eines Idealzustandes auf, in dem sämtliche Stellen der Organisation mit Personen besetzt sind und binden in jeden einzelnen dreikontexturalen Verbund des Gesamtverbundes eine zusätzlich leere Stelle ein, die dann besetzt oder nicht besetzt sein kann. Zuerst begnügen wir uns im Gesamtverbund mit Verbünden von drei Subsystemen, bzw. mit drei nebengeordneten Funktionen. Wir setzen also einen reinen-symmetrischen Gesamtverbund aus Dreiheiten zusammen. Dazu können wir den Basis-Haushalter aus L1 verwenden, der intern nicht nur die Erzeugung und Bestätigung von Qualitäten und Quantitäten vermittelt, sondern sich darüber als kognitiv-volitives System von seiner Umwelt abgrenzt. Zwar macht es kaum Sinn die Entscheidungsprozesse, die sich in und zwischen Verbünden in Gang setzen, vorab festzulegen, weil die Bestimmung und Vermittlung der Werte eine Leistung des betreffenden Verbundes sein soll. Wenn wir abermals P, V und D annehmen, legen wir also nicht fest, was genau produziert, verkauft und dokumentiert wird. Aber es erhalten P, V und D im Verbund einen Index, der anzeigt, für welche übergeordnete Stelle sie eine Funktion sind und unter welchem Gesichtspunkt sie produzieren, verkaufen und dokumentieren. So hat die Stelle 10 im Verbund der Abb. 125 die Funktion D3 für V1. Sie hält einen Ort bereit, an dem für die Stelle 3 Qualitäten und Quantitäten dokumentiert werden. Wir verdeutlichen das Prinzip in einem Schema samt zugehöriger Tabelle: Abb. 124 324 Tab. 31 Eingedenk der Tatsache, dass wir P, V und D möglichst allgemein gefasst haben – als Ordnung und/oder Umtausch von Quantität und Qualität – erhält der Organisator bereits ein erstes Werkzeug. Das Hinzufügen neuer Komplexitätsstufen erfolgt dabei nach demselben Prinzip. Auf der dritten Stufe übernimmt bspw. die Stelle 26 die Funktion P10 als Produktion für die Dokumentation D3 des Verkaufs V1. Der Bezug jeder Stelle auf die darüber liegende Stelle genügt, um die Funktionen aller Stellen festzulegen, solange die Gestalt des Gesamtverbundes vollständig bekannt ist. Die Anzahl an Stellen für n Stufen eines reinen, symmetrischen Gesamtverbundes dreikontexturaler Verbünden ist bestimmt durch: Selbst wenn man sich auf Dreiheiten beschränkt, genügt die minimale Komplexität der Basis-Haushalter, dass der Gesamtverbund bei 10 Komplexitätsstufen beinahe 30.000 Stellen integriert. Mit 15 Stufen integriert er über 7 Millionen Stellen und sieht sich theoretisch in der Lage doppelt so viele Mitarbeiter einzustellen, wie der weltgrößte Arbeitgeber, das United States Department of Defense.458 Will man den reinen, symmetrischen Gesamtverbund von Dreiheiten nicht nur sukzessive um zusätzliche Stufen erweitern – um Komplexitätstiefe – sondern auch dazu befähigen, dass er sich selbstständig zum unreinen, asymmetrischen Verbund auswächst, muss man ihm gestatten, dass er auf allen Stufen um Subsysteme anwachsen und/oder schrumpfen kann. Das gelingt, wenn man den Basis-Haushalter um ein besonderes Subsystem erweitert, das als reine Leerstelle fungiert. Diese Leerstelle 458 Vgl.: Alexander, Ruth: Which is the world´s biggest employer?, in: BBC News Magazine. Stand: 20.03.2012. http://www.bbc.co.uk/news/magazine-17429786 (29.09.2013). 325 belegen wir nicht, weder mit einer Funktion, noch mit einer Person. Wir lassen sie ausdrücklich unbesetzt und überlassen es dem Verbund, dass er sie spontan mit einer konkreten Funktion und/oder Person besetzt. Damit setzten wir erst einzelne Verbünde, dann den Gesamtverbund in die Lage Neues zu erkennen und Neues in die Welt zu setzen. Mit der neuen Stelle erweitert sich der kognitiv-volitive Basis-Haushalter mit einem Male zu einem adaptiv-innovativen System, das sich an neue Umwelten anpassen und neue Umwelten schaffen kann. ›Umwelt‹ meint in dem Zusammenhang die Umwelt des erweiterten Basis-Haushalters und die ist nicht deckungsgleich mit der Umwelt des Gesamtverbundes. Das wurde oben mehrfach betont. Bevor wir uns überlegen, was die Verbünde und der Gesamtverbund mit den Leerstellen anstellen können, bilden wir den erweiterten Basis-Haushalter ab, der sich nunmehr in der Lage sieht Adaption und Innovation an den Tag zu legen. Basis-Haushalter als adaptiv-innovativer Verbund minimaler Komplexität (Abb. 125) Dann zeigen wir, was es bedeutet, wenn der erweiterte Basis-Haushalter gleichmäßig an Komplexitätstiefe zunimmt. Wir beschränken uns dabei wieder, wie oben, auf das Anwachsen um eine Stufe: Abb. 126 326 Tab. 32 Nun kann man leicht reine, symmetrische Gesamtverbünde basteln, die sich mitsamt der zusätzlichen Leerstellen aus Verbünden von mehr als vier Subsystemen zusammensetzen. Die Anzahl an jeweils hinzutretenden Leerstellen ist dann für n Stufen eines reinen und symmetrischen Gesamtverbundes m-kontexturaler Verbünden bestimmt durch: Aber das hilft hier kaum weiter, weil wir uns doch ausdrücklich daran machen wollen den Gesamtverbund mit Freiräumen auszustatten, damit er an allen Ecken und Enden selbstständig zum potentiell unreinen, asymmetrischen Gesamtverbund anwachsen und/oder schrumpfen kann. D.h. der Gesamtverbund soll sich am Ende ganz vom Organisator ablösen, indem er sich als Einheit und als Vielheit seinen mannigfachen Umwelten anpasst. Dazu besprechen wir eine relativ bekannte und eine relativ unbekannte Methode um in Organisationen Leerstellen zu institutionalisieren. Zuvor heben wir auf dreierlei ab. Erstens sehen wir im Folgenden von den Stellen ab, die als vakante, aber zu besetzende Stellen ausgeschriebenen sind – in Stellenbörsen, hinter vorgehaltener Hand, etc. – indem man die Funktionen und Aufgaben der Stelle eindeutig in einer Stellenbeschreibung festlegt und auf andere Stellen bezieht. Diese vakanten Stellen sind nicht frei, um leer zu bleiben, sondern möglichst schnell mit geeigneten Personen zu besetzen. Ihnen kommt im arbeitsteiligen Verbund eine spezifische Aufgabe zu und damit sie die Aufgabe erfüllen können, dürfen sie gerade nicht unbesetzt bleiben. Das zeigt sich in Form von Verzögerungen oder an der Überbelastung der Mitarbeiter, die im Umfeld der vakanten Stelle tätig sind. 327 Zweitens ist klar – hier der Vollständigkeit wegen – dass eine Stelle sehr gut mit einer trivialen Maschine besetzt werden kann und darf. Man nennt dies Automation. Ob die Maschine aus Haut und Knochen besteht, aus Kunststoff, Stahl oder einem Gemisch, ist nicht relevant, solange sie nur trivial ist. Die triviale Maschine ist dann ein Subsystem im Gesamtverbund, das nicht mit einer tieferen Stufe der Komplexität aufwarten kann. Sie setzt im Baum der Komplexitäten einen Endknoten. Dass der Knoten sich sehr leicht ent-trivialisiert und ein komplexer Zusammenhang werden kann, haben wir mehrmals betont. Wir kommen darauf in L3 noch einmal abschließend zu sprechen. Drittens erfordern die beiden Methoden, die wir sogleich präsentieren, ein gewisses Maß an Überfluss, den man in der Organisation aufs Spiel setzen kann, weil Leerstellen, wie sie sogleich entworfen werden, ansonsten nicht genutzt werden können. Der Zusammenhang zwischen Abundanz, Adaption und Innovation wird in der Organisationstheorie unter dem Schlagwort organizational slack untersucht und auf die Unvollständigkeit von Information und Wissen angesichts anstehender Entscheidungen bezogen.459 Dabei ist es kurzsichtig anzunehmen, dass man zuerst soundso viel Überfluss in die Organisation pumpen muss – etwa in Form von Kaffeepausen und bunten Sitzgelegenheiten – um das Adaptions- und Innovationsvermögen der Organisation soundso stark zu steigern. Abgesehen davon, dass sich Lernfähigkeit und Schöpferkraft nicht quantifizieren lässt ohne vorab festzulegen, was das Neue sein soll, muss doch immer im Detail berücksichtigt werden, wozu man den Überfluss an Ort und Stelle nutzt. Dem widmen wir uns zum Abschluss, indem wir zwei Möglichkeiten angeben, wie man in Organisationen Leerstellen sinnvoll fixieren kann. Im ersten Fall wird die Leerstelle als Stelle gefasst, die nur zeitweise zu besetzen ist, aber in der Stellenbeschreibung bestimmte Ziele, Funktionen und Tätigkeiten zugewiesen bekommt. Im zweiten Fall wird die Leerstelle als Stelle gefasst, die ebenfalls zeitweise zu besetzen ist, aber einzig die Aufgabe hat in den Verbund, zu dem sie gehört, irgendwelche Ziele, Funktionen und Tätigkeiten einzuführen. Diese sollen allesamt erlaubt sein, solange sie sämtliche Ziele verwerfen, die bereits in besagtem Verbund repräsentiert sind. Der Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Fall zeigt sich also darin, dass der Organisator im ersten Fall die Ziele, Funktionen und Aufgaben der Leerstelle inhaltlich festlegt, während er im zweiten Fall nur vorgibt, dass in der Leerstelle die Rejektion des gesamten Wertebereiches stattzufinden hat, den der betreffende 459 Vgl.: Cyert, Richard M./ March, James G.: Eine Verhaltenswissenschaftliche Theorie der Unternehmung, Stuttgart 1995, S. 40-43. 328 Verbund bereithält. Der Verbund erhält im zweiten Fall mit der Leerstelle eine kritische Instanz seinem Schöpfer gegenüber. Erstens: In einem gegebenen Gesamtverbund – ob er rein oder unrein, symmetrisch oder asymmetrisch – lassen sich bestimmte Stellen definieren, die im Gefüge der Aufgaben- und Funktionsteilung eine fixe Aufgabe und Funktion wahrnehmen, aber nur bei Bedarf besetzt sind. So lassen sich etwa Projekte und Arbeitsgruppen teilweise und/oder vollständig aus solchen Leerstellen zusammensetzen. Sinn und Zweck dieser Leerstellen ist dann die Rotation der Mitarbeiter im Gesamtverbund und das Erzeugen überlappender Verbünde, was besonders den Austausch von Wissen und Information begünstigt. Die Verwendung solcher Leerstellen ist bereits im Umstand begründet, dass es ohnehin eine Trennung zwischen Stelle und Person gibt. Warum also nicht die Stellen hier und da vermehren, während man die Anzahl der Personen konstant hält. Es werden dann einigen Personen Springer, die zwischen den Stellen hin und her wechseln. Es bietet sich eine ganze Reihe von Anwendungsmöglichkeiten, die wir über den Top-down- und den Bottom-up-Ansatz sammeln. Dazu bilden wir noch einmal die Struktur des Basis-Haushalters aus Abb. 125 ab, der ja bereits eine Komplexitätstiefe von n = 2 erreicht: Abb. 127 Der abgebildete Gesamtverbund hat 13 Stellen, die man mit 13 Personen besetzen kann, aber genauso gut mit weniger Personen, meinetwegen mit nur einer einzigen Person. Wir gehen von 9 Personen aus und beginnen mit der Herrschaft der Vielen (πολύκρατία).460 Dazu verteilen 460 Seltsamerweise wird der Begriff nur zur Analyse des NS-Regimes gebraucht. Vgl. etwa: Hüttenberger, Peter: Nationalsozialistische Polykratie, in: Geschichte und Gesellschaft, Jg. 2, Heft 4, 1976, S. 417–442. 329 wir diese 9 Personen auf die 9 Stellen der Stufe 2. Um den funktionalen Zusammenhang ihrer Funktionen festzuhalten, weisen wir den Dreiergruppen jeweils einen Büroraum zu. Ein vierter Raum dient als Besprechungszimmer. Falls dann eines Tages eine dringliche Frage zwischen den drei Dreiergruppen entschieden werden muss, bestimmt jede Gruppe – in Abhängigkeit vom jeweils dominierenden Aspekt – denjenigen, der die Gruppe vertreten soll. Im Anschluss daran treffen die drei Vertreter – im Besprechungszimmer – als die 3 Stellen der Stufe 1 eine Entscheidung, die entweder die einzelne Gruppen der Stufe 2 betrifft oder den Gesamtverbund. Falls sie den Gesamtverbund betrifft, bestimmen diese 3 Stellen der Stufe 1 wiederum einen Stellvertreter der Stufe 0, der dann den Gesamtverbund nach außen und innen vertritt. Nun ist dieses Stellvertretertum eine mühsame Angelegenheit und bindet die volle Kraft und Aufmerksamkeit der betreffenden Person. Daher setzten wir in der zweiten Besetzung des Gesamtverbundes eine einzelne Person als Leiter des Gesamtverbundes auf die einzige Stelle der Stufe 0 und widmen uns also der Herrschaft des Einzelnen (μόνοκρατία). Der Chef betraut dann 3 Personen auf der Stufe 1 mit den Funktionen P1, V1 und D1 und von da ab können die übrigen 5 Personen in ganz unterschiedlichen Konstellationen auf die 9 Funktionen der Stufe 2 verteilt werden. Aller Voraussicht nach wird diese Verteilung vom Aufwand der anstehenden Arbeiten für P1, V1 und D1 abhängig sein. Es ist bspw. gut möglich, dass D1 keine Hilfe benötigt, während P1 und V1 die 5 Personen unter sich aufteilen. Oder etwa V1 tritt irgendwann eine Person an D1 ab, die dann bspw. die Dokumentation für alle drei Subsysteme der Stufe 1 übernimmt. Es ist auch gut denkbar, dass eines Tages eine der Personen, die bisher eine Funktion auf der Stufe 1 besetzt hat, aus dem Verbund ausscheidet, weil sie bspw. ihre eigene Herrschaft gründen will. Dann muss die Stelle neu besetzt werden, eventuell mit einer Person, die ihren Dienst bisher auf Stufe 2 versah oder die beiden übrigen Personen der Stufe 1 rotieren oder eine Person der Stufe 1 übernimmt zwei Funktionen gleichzeitig oder der Chef lässt die vakante Stelle ausschreiben. Summa summarum: Indem die Stellen und die Personen voneinander getrennt sind, ist prinzipiell jede Stelle eine Leerstelle. Wenn man also einzelne Stellen mehr über ihre Funktion in Bezug auf andere Stellen definiert und weniger in Bezug auf die Person, die eine Stelle besetzt, kann man innerhalb des Gesamtverbundes eine recht große Flexibilität erreichen, sobald die Personen mehrere Stellen zugleich besetzen. Dem sind durch die Bereitschaft und Qualifikation der einzelnen Personen gewisse Grenzen gesetzt. Man sollte also versuchen die Bereitschaft und Qualifikation der verfügbaren Personen möglichst so einzusetzen – 330 wie man es längst macht – dass es mit den Funktionen der betreffenden Stellen zusammenpasst. Falls man versucht die Herrschaft der Vielen und die Herrschaft des Einen – als Delegation und/oder Repräsentation nach oben und nach unten – zu kombinieren, zieht man so ziemlich alle Register, die dem Organisator mit klassischen Mitteln zur Verfügung stehen. Nun können wir dem ein transklassisches Mittel hinzufügen, das beim einen oder anderen vielleicht auf Unverständnis stößt. Daher bringen wir es möglichst prägnant auf den Punkt. Zweitens: In einem gegebenen Gesamtverbund – ob rein oder unrein, symmetrisch oder asymmetrisch – lassen sich auch Stellen definieren, die im Gefüge der Aufgaben- und Funktionsteilung nur eine Aufgabe haben, nämlich einen Ort bereitzustellen, an dem die Ziele und Funktionen der zugehörigen Subsysteme insgesamt verworfen werden können. Dabei befinden sich diese gesonderten Leerstellen gemeinsam mit denjenigen Stellen in einem Verbund, deren Ziele und Funktionen sie rejizieren. Sie greifen nur indirekt auf die über- und untergeordneten Subsysteme und Verbünde aus. Das begrenzt ihre Reichweite und/oder Kompetenz. Überdies zeichnen sich diese Leerstellen dadurch aus – im Gegensatz zu den anderen Stellen des Gesamtverbundes – dass sie nie dauerhaft mit ein und derselben Person besetzt sein sollen – auch wenn ein ständiger Störenfried denkbar ist. Die Einschränkung liegt nicht so sehr daran, dass ein Vollzeit-Freigeist den anderen Personen auf Dauer lästig wird. Sie ist vielmehr dem Umstand geschuldet, dass die Leerstelle eben als Leerstelle zugänglich bleiben muss, damit sie möglichst viele unterschiedliche Standpunkte vorrätig hält. Damit die Umsetzung glückt, schlagen wir einige Regeln vor. Zuvor noch dies: Falls die Leerstelle wieder erwarten doch dauerhaft besetzt wird, ist daneben eine neue Leerstelle zu schaffen. Der Verbund kann also über die Leerstelle um neue Subsysteme anwachsen, bzw. an Komplexitätsbreite zunehmen. Zunächst zum Personenkreis, der eine bestimmte Leerstelle besetzen darf und zu den Voraussetzungen, die dabei gelten sollen. Dazu unterscheiden wir zwischen den Mitgliedern des Gesamtverbundes einerseits und andererseits seinen Gästen. Bei der Besetzung mit Mitgliedern dürfen auf der Leerstelle prinzipiell alle Ziele und Funktionen des Gesamtverbundes stark gemacht werden. Gäste hingegen dürfen alles äußern, was ihnen überhaupt in den Sinn kommt – wobei wir bei Gästen keine weitere Unterscheidung machen. Gästen wird in der Regel vorab eine Einladung ausgesprochen oder sie melden sich an. Aber wer das Neue als Neues begrüßen will, sollte grundsätzlich immer Besuch erwarten. 331 Als zweites treffen wir Sicherheitsvorkehrungen, damit im Verbund nicht etwa die Sitte einreißt, dass ein Mitglied ständig seine Kinder oder Kopfschmerzen in den Vordergrund stellt oder sonstige Themen, die für den Verbund von geringem Interesse sind. Auch soll verhindert werden, dass laufend Gäste hereinschneien und mitreden wollen. Am besten macht man dazu aus der Rejektion der regulären Ziele und Funktionen des Verbundes eine offizielle und möglichst ritualisierte Angelegenheit. Man sorgt vor allem dafür, dass die Rejektion des Alten immer erst noch im betroffenen Verbund bestätigt werden muss. Das geschieht dann entweder von oben nach unten – indem die Rejektion von der übergeordneten Stelle abgesegnet wird – oder von unten nach oben – indem sie im übergeordneten Verbund vom Stellvertreter des verworfenen Verbundes repräsentiert wird. Die Offizialisierung der Rejektion führt zunächst dahin, dass sie sich nicht mehr in Teeküchen und Kopierräumen formulieren muss. Indem die Rejektion explizit gemacht wird und offen ausgesprochen werden darf, liefern sich die herrschenden Funktionen und Ziele des Verbundes unzweideutig der Kritik aus. Man richtet gleichsam im Konferenz- und Besprechungsraum eine Art speaking corner ein, damit sich dort jeder, der sich berufen fühlt, auf eine Kiste stellen kann, um Reden zu schwingen, als wäre er im Hyde Park. Alle herrschenden Ziele und Funktionen des Verbundes werden mit einem Male zur Zielscheibe von Vorschlägen, die Veränderung anstreben. um mehr oder weniger radikal mit dem Alten zu brechen. Aber bevor man Verdis Gefangenenchor summt, verweisen wir auf die Macht und den Einfluss des Verbundes – man könnte es auch seine Trägheit nennen. Dieser soll die Rejektion bestätigen. Das beginnt gleich bei der ersten Äußerung, wenn er Interesse zeigt oder verweigert. Erst dann, wenn die Rejektion das Interesse des betroffenen Verbundes weckt, kann sie in ihrem Explizit-Werden eine gewisse Wirksamkeit entfalten. In anderen Worten: Das Explizit-Machen der Rejektion über gesonderte Leerstellen ist zuallererst ein Werben und Überzeugen der Betroffenen. Dies sorgt im Laufe der Zeit dafür – qua Selektion und Erfahrung – dass man sich bei einem unausgegorenen Gedankenblitz nicht umgehend auf die nächste Leerstelle schwingt. Vor allem wird man versuchen vernunftgemäße Argumente und Belege für seine Vorschläge vorzuweisen. Genau in diesem überaus wichtigen Moment äußern sich also erneut die Dinge in den sozialen Verbünden. Wir kommen darauf in L3 noch einmal zu sprechen. 332 Lösung 3: Mehr Übung in der Auto- und Heteroreferenz Das dritte Problem der Arbeit entzündete sich an der Frage, wer und was in sozialen Geflechten – genauer: zwischen menschlichem Verhalten – als Initiator einer Handlung gelten darf, d.h. als ein vollgültiger Akteur. Auf diese Frage wurden in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Sesshaft- Werden von homo sapiens und seiner Verflüchtigung in den Netzen der Technologischen Zivilisation verschiedene Antworten gegeben. Diese teilen miteinander, dass sie oft mit derselben Vehemenz und Schärfe durchgesetzt wurden – egal, ob man sich dabei auf Götter, Ahnen, Chromosomenpaare, Alter, Geschlecht, Bildung, Vernunft oder Vorsehung bezog. Es darf den Leser daher nicht wundern, wenn wir am Ende der Arbeit noch einmal zusammenfassen, wen oder was ein guter Soziologe unter die Akteure zählen sollte. Danach geben wir einen knappen Ausblick, wie man diese Akteure am besten zähmt und veredelt. Einerseits ging die Untersuchung so weit, alle denkbaren Operationen und somit auch einzelne Verhaltens-Atome in zwei Grundelemente zu zerlegen – Operatoren und Operanden. Diese finden sich immer erst in einem konkreten Ereignis zu einer Operation zusammen und wiederholen anschließend ihren Zusammenhalt oder zerfallen, um sich in der Umgebung zu zerstreuen. Dabei hinterlassen die Operationen immer wieder auch Spuren, denen man folgen kann. Im wirbelnden Mit- und Durcheinander der Operationen entstehen und vergehen dann ständig zigtausend neue Operatoren, die man aufgrund ihrer Stellung im Gewirbel allesamt als Akteure bezeichnen kann. Dabei zeigt die Erfahrung, dass sich einzelne Operationen in der Tat nicht immer nur ausbreiten und zerstreuen, sondern gegenseitig stabilisieren. Sie bilden mit der Zeit gewisse Konstellationen aus, die qua Wiederholung zwischen den Verbünden spezieller Operationen und deren Umgebung eine Grenze setzen. Dadurch erhalten die Operationen in konkreten Konstellationen auf Dauer feste Gestalt und in der umfassenden Wolke der Operationen bilden sich gewissermaßen kleine Körner harten Seins. Wenn die Konstellation dann aus eigener Leistung die Grenze zur Umwelt als ihre Grenze setzt und aufrechterhält, indem sie intern sich selbst, ihre Umwelt und deren Verhältnis abbildet, erzeugt sie sich als lebendes System. Aber das lebende System bändigt und bündelt sich noch immer als Vielzahl von Akteuren – auf verschiedenen Stufen der Komplexität – denn das Ganze ist nur mehr als die Summe seiner Teile, wenn der Verbund der Teile vollständig integriert, bzw. superadditiv ist. Die Anzahl möglicher Verbindungen übersteigt schnell die Anzahl der Teile. Die Konsequenzen, die man daraus für eine formale Theorie lebender System ziehen muss, haben wir in T5 ausführlich dargelegt. Man muss den inte- 333 grierten Akteuren gleichfalls gewisse Freiheitsgrade zuschreiben – nicht dieselben, aber irgendwelche – wie dem lebenden System, das selbst nur ein Teil umfassender Konstellationen ist. Ob man den Menschen als einzelnes Korn oder als Wolke mit mehr oder minder deutlichen Rändern betrachtet, hängt ganz vom Standpunkt der Betrachtung ab. Dann kann es freilich passieren, dass sich der Mensch in Nebel auflöst oder – in Foucaults Formulierung – eines Tages ganz verschwindet, wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Und damit ist nicht etwa gemeint, dass die Gattung ausstirbt – etwa weil sie den Ast frisst, auf dem sie sitzt – sondern dass die gängigen Blaupausen vom einzelnen Menschen – der homo faber, der homo rationalis, der homo oeconomicus – nur eine Perspektive auf den Menschen in vitro wiedergeben. Diese Ansichten unterschlagen meist geflissentlich, dass die Erkenntnis und das Handeln Einzelner auf Verbünde verteilt sind, die sich nicht ohne weiteres mit einem einzelnen, opaken Bereich zur Deckung bringen lassen. Falls man nur die fundamentale Grenze zwischen Operator und Operanden zu vergeben hat – altmodisch: zwischen Subjekt und Objekt – und entscheiden soll, wo der Mensch aufhört und die Welt beginnt, ist dies noch relativ einfach, wenn man etwa ein Jungtier betrachtet, das mit bloßer Hand im Sandkasten spielt. Die Entscheidung wird schwieriger, wenn man dem Jungtier Plastikschaufel und Förmchen zur Hand gibt. Aber die Grenz-Setzung wird beinahe beliebig, wenn sich zwischen den Sand und den Menschen ein Bagger von 40 Tonnen drängt, der mit allerhand Servomechanismen aufwartet und eventuell mit einem GPS- System.461 Der Mensch erweitert dann seinen Metabolismus – so in P1 an Robinson gesehen – indem er Operanden, Operatoren und sogar Operationen in seiner Umwelt fixiert. Die Lösung des Problems liegt dann für den Erforscher des Sozialen nicht darin, dass er das Innere des Menschen mit scharfen Reden schützt. Sie liegt in der hemmungslosen Vermehrung und Verschachtelung jener gleichwohl fundamentalen Grenze, die im Verlauf einer Operation die Operatoren und Operanden trennt. Daran schließt sich zwangsläufig eine Neuverteilung an, indem man den Menschen, die Erde und die vielen Bestandteile des Baggers als überaus wechselhaften und anschlussfreudigen Verbund vieler Operatoren und Operanden fasst – ausdrücklich ohne den Zwang eine letzte, umfassende Grenze zwischen Menschen und Dinge zu setzen. Damit der einzelne Mensch in seinem Körper dennoch ein Zentrum behält und nicht ständig zerfällt, muss er 461 Der Verfasser dieser Zeilen ist sich ziemlich sicher, von diesem Beispiel bereits andernorts gelesen zu haben, doch leider erinnert er sich weder an den Autor, noch an den Zusammenhang. 334 seine Auto- und Heteroreferenz in irgendeinem Punkt ausbalancieren. Wenn es der Forscher nicht macht, muss er selbst seine Einheit behaupten, um handlungsfähig zu sein. Dazu kommen wir weiter unten. Andererseits haben wir uns in der Arbeit nicht auf Menschen festgelegt, sondern alle Akteure untersucht, die zwischen menschlichem Verhalten mitmischen – besonders in Organisationen und speziell in und um die Münsterbauhütte in Freiburg. Um beim Zugriff auf die Akteure nicht in Gefahr zu laufen, dass sie sich die Menschen ständig in Nebel auflösen, gebrauchten wir einen gängigen Kniff der Sozialwissenschaften und bezogen uns nicht auf die einzelnen Menschen insgesamt, wie sie in vivo auftreten, sondern immer nur auf einzelne Personen, d.h. auf einzelne Oberflächen. Damit blieb uns die Frage erspart, ob darunter nur weitere Oberflächen liegen und der Mensch gleichsam eine Zwiebel ist oder ob unter der Maske nicht etwa ein Rudel steckt, wie unter einer Tarndecke. In jedem Fall können die Beteiligten des betreffenden Geflechtes erwarten, dass von bestimmten Personen bestimmtes Verhalten ausgeht. Die Person wiederholt dann gewisse Rollen und Eigenschaften – als Stellvertreter, Mitarbeiter, externer Fachmann, etc. – oder bekommt sie zugeschrieben. Das fängt schon bei den Jungtieren an. Die Vorhersagbarkeit einzelner Schritte, die man durch Personalisierung erzeugt, bietet zwar keine absolute Sicherheit, aber sie genügt den Beteiligten, um die eigenen Schritte daran auszurichten. Das kann auch vom Forscher genutzt werden, der Spuren nachzeichnet, um den zukünftigen Verlauf der einzelnen Schritte eventuell abschätzen oder manipulieren zu können. Aber keine Person verhält sich in luftleerem Raum. Sie benötigt erstens andere Personen, auf die sie ihr Verhalten ausrichten kann, zweitens Orte, um aufzutreten. Das sind Sandkästen, politische Bühnen und andere Bretter, die jemandem die Welt bedeuten, samt Bühnenbildern und Requisiten – um im Bild zu bleiben – also mitsamt der Dinge und Objektbereiche, die zwischen der Person, der Welt und anderen Personen vermitteln. Dabei haben wir mehrmals deutlich herausgestellt – besonders in P2 und in U1.1– dass auch die Dinge selbst als Akteure auftreten, wenn sie in sozialen Zusammenhängen Dauer stiften. Im Zusammenschluss mit anderen Dingen und Personen nehmen sie jedoch völlig unerwartet komplexe Gestalten an. Sie breiten sich im Zusammenschluss zu Mittlern aus, um von da ab völlig unvorhergesehen im sozialen Geflecht mitzumischen. Wenn man nun eins und eins zusammenzählt, sollten Erforscher sozialer Geflechte – entgegen Webers § 1 in ›Wirtschaft und Gesellschaft‹ – die Relevanz der untersuchten Operationen, Operatoren und Operanden nicht ausschließlich an menschlichen Absichten festmachen – am subjek- 335 tiv gemeinten Sinn – sondern vielmehr an der Wirkung, die sie in den sozialen Geflechten entfalten. Das ist nicht nur eine Vorsichtsmaßnahme, die man treffen muss, weil niemand unmittelbar Zugang zum Innenleben seines Gegenübers hat. Zudem zeitigt die gute Absicht oft genug nicht den gewünschten Erfolg. So kann man einen Diktator erklärterma- ßen stürzen, um sein Volk zu befreien. Aber vielleicht sitzt das Volk am Ende in zerschossenen Häusern und findet den ganzen Aufwand recht übertrieben, da Investoren wider Erwarten ausbleiben. Zum sozialen Geflecht zählen dann, nach der Befreiung, nicht nur die guten Absichten der Befreiungsmacht und die Taten, die in diesem Sinne verübt wurden, sondern bspw. die verschiedenen Facetten einer zerstörten Kanalisation. Und all diese Facetten können sich höchst individuell zwischen menschlichen Verhalten schließen, ohne dass dies vorab von jemandem beabsichtigt oder gar geplant gewesen wäre. Dennoch kann man Dinge und Objektbereiche nicht pauschal als lebende Systeme behandeln, selbst wenn sie komplex werden und sich als Mittler in bestimmten Figurationen zu mächtigen Akteuren auswachsen. Sie können durchaus lebende Systeme integrieren, anthropomorphe Züge annehmen oder sogar durch Personen repräsentiert sein, etwa durch Produktmanager. Aber das sind Sonderfälle, in denen die Dinge und Objektbereiche nicht nur zu Mittlern werden, sondern darüber hinaus aus eigener Leistung eine Grenze zwischen sich und ihrer Umwelt setzten. Dann äußern sie sich in mehr oder weniger institutionalisierten Gruppen oder Versammlungen als geteilte Objektbereiche. Um festzuhalten, dass Dinge, die zu Mittlern werden, nicht unbedingt kognitiv-volitive Systeme sind, haben wir in der Untersuchung zwischen offiziellen und inoffiziellen Akteuren unterschieden. Damit ist nicht gesagt, dass etwa die Standpunkte von Katzen, Menschen und Personen generell besonders wichtig sind. Aber sie sind es für eben diese Katzen, Menschen und Personen. Davon ist zumindest auszugehen, solange man keinen unmittelbaren Zugang zum Inneren des Gegenübers hat und den hat man nicht: „Wenn ich mit meiner Katze spiele – wer weiß, ob ich nicht mehr ihr zum Zeitvertreib diene als sie mir? [...] Ebensooft wie ich bestimmt sie, wann es losgehn oder aufhören soll.“462 Aber aufgepasst: In der Unterscheidung zwischen offiziellen und inoffiziellen Akteuren soll nicht die Hoffnung durchklingen, dass Personen völlig selbstbestimmte Vernunftwesen sind, sondern vielmehr der Unterschied zwischen den Mittlern insgesamt und den lebenden Systemen im 462 De Montaigne, Michel: Essais II 12; in der Übersetzung von Hans Stilett, Frankfurt M. 1998, S. 224. 336 Speziellen, die nur eine Unterart, bzw. besondere Mittler sind. Ihr Verhalten in sozialen Geflechten ähnelt sich sehr, aber ein lebendes System muss stets seine Grenze aktualisieren – egal ob es als Rudel, Gruppe, Person, Bewusstsein, Immunsystem oder einzelne Zelle gefasst wird. Da geklärt ist, wer in sozialen Zusammenhängen als Akteur gelten sollte, fragen wir uns am Ende der Arbeit, wie man einzelne Menschen nicht nur zähmen, sondern auch derart veredeln kann, dass deren Adaptionsund Innovationsvermögen gesteigert wird. Dies kann dem Organisator dienen, wenn er Personen entwirft, vor allem aber den Menschen selbst, die sich hinter den Personen verbergen, wenn sie ihren Rollen im sozialen Geflecht möglichst umfassend gerecht werden wollen. Erstens: Man kann mit Menschen, wie mit Dingen, triviale Maschinen bauen, wenn man die Menschen als Personen fasst, die vorgegebenes Input zuverlässig in vorgegebenes Output transformieren. Sie lassen sich dann problemlos auf entsprechende Stellen verteilen und in größere triviale Maschinen einspannen. Dass dies gut funktioniert, sieht man im Straßenverkehr, im Lateinunterricht, am Fließband oder beim Militär, solange man die Menschen nur dahin bringt, dass sie als Personen auf eindeutige Signale gewisses Verhalten zeigen. Die Beschreibung der Mittel und Methoden, die dazu notwendig sind, füllt viele Lehrbücher und Bibliotheken. Daher sehen wir hier keine Notwendigkeit besonders ausführlich darauf einzugehen. Die Grundlagen dazu wurden bereits in T1.1 ausreichend besprochen. Die Person, die sich dem Menschen aufpfropft, macht ihn in jedem Fall – ganz gleich wie kompliziert die Maske werden darf – ein Zwischenglied, bzw. eine triviale Maschine. Der Mensch kann in dem Korsett Neues nur dann als Neues erkennen und erschaffen, wenn er das Korsett abwirft und sich aus freien Stücken gegen den Konstrukteur oder Befehlshaber entscheidet. Zweitens: Man kann mit mehreren Menschen das Verhalten kognitivvolitiver Systeme ins Werk setzen und also – in begrenztem Maß – transklassische Maschinen bauen. Dabei fasst man die Menschen abermals als Personen, aber man verteilt sie nunmehr auf ein Raster nebengeordneter Stellen. Darin können sich Verbünde nebengeordneter Standpunkte erzeugen, die in der Lage sind gemeinsamen Gegenstände als komplexe Objekte zu thematisieren. Man errichtet eine Trennung von Personen einerseits und Dingen andererseits, indem man zwischen offiziellen und inoffiziellen Akteure unterscheidet. Aber solch eine Trennung dient seit Solons Tagen dazu, die Verbindung zu regeln. Die offiziellen Akteure fügen sich dann mit den inoffiziellen Akteuren zu einem hybriden Gesamtverbund, der einen eigenen Standpunkt behaupten und seiner turbulenten Umwelt mit Eigenkomplexität begegnen kann. Wir haben in 337 U3.3 an einem Netz von Rissen gesehen. wie sich eine solche Versammlung am Münster zusammenfand. Man kann auch versuchen, das Raster der offiziellen Mitglieder einer Versammlung absichtlich einzurichten. Dazu bieten die Vertreter des institutionellen Organisationsbegriffes ein Arsenal an Hilfsmitteln. Es wurde in L2 erweitert, um Organisationen so einzurichten, dass sie Neues als Neues verarbeiten können. Drittens: Ein Mensch kann sich selbst zum Gegenstand nehmen, um das eigene Adaptions- und Innovationsvermögen zu steigern. Dazu muss er leere Plätze in seinem Erkennen und Wollen freihalten, die es in die Lage versetzen sich selbst zu verwerfen. Erst dann wird der Einzelne aus dem eigenen Denken und Handeln heraus Neues als Neues in eben dieses Denken und Handeln einführen können. Das ist weit leichter gesagt, als getan – falls es denn überhaupt möglich ist. Auf den ersten Blick scheint es, dass dieses Problem, die Selbststeigerung menschlichen Denkens und Handelns qua Rejektion, nur am Rand unter die Problematik der Arbeit fällt – den Hierarchien und Heterarchien in Organisierungsprozessen. Man könnte also meinen, dass es beim flüchtigen Blick auf das angrenzende Gelände bleiben darf. Doch ehe man es sich versieht, verschwimmt die Grenze zwischen den beiden Problembereichen und wird selbst zu einem Bereich. Wir müssen daher sehr darauf achtgeben, dass wir nicht plötzlich in eine neue Problematik hineingezogen werden. Man wird sogleich sehen, wie das gemeint ist. Zuerst gehen wir abermals auf einen einzelnen Menschen zurück, der sich in vitro einer Welt gegenüber sieht, die außer ihm selbst keine anderen Menschen bereithält. Diesen einsamen Menschen nennen wir wieder Robinson. Dann fragen wir uns, wie er sich in Auto- und Heteroreferenz, also im Selbst- und im Fremdbezug, aktualisieren und eventuell erneuern kann. Umgehend zeigt sich, dass sich Robinsons Autoreferenz automatisch nach dem Muster der Heteroreferenz einrichtet. In der Heteroreferenz bezieht sich Robinson auf die Welt, um deren bloße Positivität und Gegenständlichkeit mehr oder weniger richtig zu erkennen und mehr oder weniger treffend zu behandeln. Dabei denkt er die Welt – innere Abbilder erzeugend – als seine Umwelt und er behandelt diese, indem sich sein Wille an den inneren Abbildern entzündet und qua Handlung nach außen richtet – auf Aspekte seiner Umwelt, in denen er die Welt erblickt. In beiden Fällen richtet die Heteroreferenz ein Ordnungsverhältnis zwischen Operator und Operand ein, wobei im Erkennen die Welt ganz Operator und Robinson Operand ist, während sich die Richtung im Handeln ins Gegenteil verkehrt und nunmehr Robinson den Operator mimt, der sich die Welt als Operanden vorknöpft. Die gegensätzliche Richtung der beiden Ordnungsverhältnisse haben wir 338 in P2 und T5.3 ausführlich als Kognition und Volition beschrieben. Der Gegensatz bleibt an dieser Stelle vorerst noch ungelöst bestehen. In der Autoreferenz soll sich Robinson zunächst als Erkennender selbst erkennen. Dann muss er sein Denken selber denken, d.h. sich selbst als einen Abbildungsprozess abbilden können. Doch dabei gerinnt ihm das Denken zum Gedachten eines nunmehr über- oder nachgeordneten Denkprozesses. Wir haben darauf in P2 hingewiesen: Das Denken des Denkens führt auf unendliche Reihen, weil sich darin der Abbildungsprozess (Operator) selber zum Abbild (Operand) macht. Der Erkennende kann sich im Selbstbezug nicht als Erkennenden erkennen. Er kann sich nicht in seiner Prozessualität begreifen, da er beim Zugriff einen Schritt neben sich tritt, um dort, wo er soeben stand, einen regungslosen Abklatsch vorzufinden. Der Abbildungsprozess versteinert im Selbstbezug augenblicklich zum bloßen Abbild, wie wenn sich Gorgonen im Spiegel sehn. Das einsame Ich, das sich selbst gegenübertritt, wiederholt demnach in der Selbsterkenntnis die Fremderkenntnis. Es sieht sich als Gegenstand unter Gegenständen – und damit sind keine komplexen Dinge im Sinne Latours gemeint. Falls Robinson sich unmittelbar selbst als Handelnden behandelt, falls sich also sein Wille direkt auf sich selbst bezieht, erstarrt der Handelnde in diesem Zugriff gleichfalls und tritt einen Schritt neben sich, wie wenn er sich ein Haar ausreißt. Man soll sich bewusst die Hände waschen und darauf achten, welche Hand dann eigentlich die andere wäscht. Dann wird man schnell bemerken, dass man sich entweder unweigerlich in eine – und nur eine – der beiden Hände hineinversetzt oder man sieht den beiden Händen zu, wie sie sich routiniert gegenseitig waschen, und bleibt dabei als unbeteiligter Beobachter außen vor. Im ersten Fall wird man zum Gegenstand des eigenen Handelns, im zweiten zum Gegenstand der eigenen Beobachtung. So wiederholt die Autoreferenz, in der sich der isolierte Operator auf sich selber bezieht, immer das Muster der Heteroreferenz – in der Selbsterkenntnis, wie in der Selbstbehandlung – indem der Operator schlichtweg zum Operanden wird. Aber die Situation, in der wir den einsamen Menschen zur Selbsterkenntnis, Selbstbehandlung und Selbsterneuerung ausgesetzt haben, ist wenig lebensnah, denn sie unterschlägt den Umstand, dass der Mensch in vivo niemals isoliert vorkommt. Auch Robinson hat eine Mutter. Vor allem bezieht sich der Mensch nicht immer nur direkt auf sich oder anderes. Oft genug wirkt er nur vermittels seiner Umwelt auf sich selber oder auf die Umwelt ein – etwa mit Pinzetten oder einem Stück Seife. Daher sammeln wir unsere letzten Reserven und streuen dem einsamen Menschen einen Zeitgenossen in die Welt, den wir der Gewohnheit we- 339 gen Freitag nennen. Unter der Voraussetzung, dass man Freitag nicht auf eindeutige Signale trimmen darf, ergibt sich für Robinson mit einem Male eine völlig andere Situation, wie in P2 und T5.3 dargelegt. Im Verhältnis von eigener und fremder Subjektivität offenbart sich das Janusgesicht von Subjektivität überhaupt, die zugleich als Erkennen und als Wollen auftritt. Ihr Doppelcharakter lässt sich im Verbund mit einem Male widerspruchsfrei als Differenz und als Umtausch darstellen – allerdings nur, wenn man Robinson und Freitag nicht nur direkt zueinander ins Verhältnis setzt, sondern zugleich über die Welt vermittelt. Daraus folgt die ketzerische Einsicht, dass Subjektivität über den Verbund von zumindest zwei nebengeordneten Standpunkten und die Welt verteilt ist. Sie richtet sich nicht nach Robinsons Vorbild ein, der sich auf seiner einsamen Insel hinter einer Palisade verschanzt, um sich gewaltsam von fremden Standpunkten und von der Insel selber noch abzuschotten. Aber wenn Subjektivität immer schon auf mehrere Standpunkte und die Welt verteilt, welche Schlüsse zieht man daraus für die absichtliche Selbststeigerung des Denkens und Wollens? Der erste und wichtigste Schluss, bei dem wir es dann auch belassen wollen, ist wohl der, dass sich das Denken und Wollen nicht aus sich selbst heraus um Neues anreichern kann, sondern immer nur in der Verbindung (Umtausch) und/oder in der Konfrontation (Differenz) mit dem fremden Denken und Wollen einerseits und andererseits mit den abertausend Aspekten und Bereichen der Welt, in der man sich selbst und dem Fremden begegnet. Wenn man die Welt aber zu dem Verbund hinzunehmen muss, der das eigene Denken und Wollen vermittelt, wird die Frage nach dem Ort, an dem sich das Selbst befindet, hinfällig. Es ist schon immer auf mehrere Orte verteilt. Deswegen ist das Problematik der Selbststeigerung qua Rejektion auf Engste mit der Frage verknüpft, wie sich das Adaptions- und Innovationsvermögen zwischen menschlichem Verhalten insgesamt steigern lässt. Spätestens hier breitet sich die Problematik aus und flutet zurück in den Bereich, den wir längst abgeschlossen glaubten. Wir umreißen die Problematik hier wohlweißlich in den allergröbsten Zügen. Das Denken einzelner Menschen ist notgedrungen zweiwertig. Zwar setzt es sich aus überaus komplexen Prozessen zusammen, die zwischen den Synapsen blitzen. Aber es kann nicht einen Gedanken fassen und ihn zugleich nicht fassen. Falls sich dieses Denken also selbst verwerfen sollte, gelingt ihm das höchstens in der Zeit, d.h. in einer Reihe von Zuständen, in der es die Positionen wechselt. Aber das Denken alleine genügt nicht, um Subjektivität zu bestimmen! Hinzu tritt von anderswo der Wille, der sich immer nur in einer Handlung zeigt. Zwar kann man nicht 340 etwas tun und es zugleich unterlassen. Aber man kann etwas tun und es im Anschluss daran ändern oder eben belassen. Die Welt hat ihre eigenen Erinnerungsfunktionen, die in ihrer Stofflichkeit wurzeln, die also in den Dingen liegt. Daher treten wir ständig mit uns selbst und mit anderen in ein verwirrendes Geflecht von geteilten und ungeteilten Objektbereichen. Das alles – das ist die Welt – hört sich sehr viel weniger verwirrend an, wenn man von Dingen, Systemen, Institutionen und Maschinen spricht, wie im vorhergehenden Lösungsteil. Aber das ist nur eine Ansichtssache und die verschleiert, dass Selbst- und Autoreferenz nur künstlich zu trennen sind. Die Illusion, die sie schafft, hält uns lebensfähig, aber sie verschleiert, dass wir immer schon viele sind. So muss sich paradoxerweise das Denken und Wollen des Einzelnen zur Selbsterneuerung auflösen. Es muss seinen Standpunkt aufgeben, sein eindeutiges Wissen und Erkennen und sein zweifelloses Streben und Wollen – beides zugleich, da beide Seiten stets im Verbund auftreten. Sie wurden hier nur getrennt, um vermittelt zu werden. Das Wissen und Wollen muss sich in die Umwelt hineinziehen lassen – in Gespräche, in Texte, in Freundschaften, als wären dies neblige Seitengassen. Denn erst dort, wo das Denken und Wollen in der Fremde ist, wo es sich ausliefert und öffnet, kann es neue Standpunkte sammeln. Dass ist mit einigem Risiko verbunden, weil zwischenzeitlich die eigene Position verlassen ist, die man schützen muss – vor Leuten, die auch etwas wissen und auch etwas wollen. Aber das Risiko wird immer wieder belohnt, meist unerwartet. Wenn sich das Denken dann abermals sammelt und zu einem Zentrum oder besser: zu einer dichteren Assoziation zusammenzieht, hat es sich angereichert und weiß oft nicht wie. Die Beweglichkeit im Denken und Wollen, die man erlangen muss, formiert sich dann als ein Pulsieren, zwischen Verflüchtigung und Konzentration.463 Man bewegt sich dann fort – im Denken und Wollen – wie eine Qualle, oder besser: wie ein Ameisenstaat, ein Hybrid aus Erde, Chitin und Duftmarken, der tagsüber ausschwärmt und nachts nach Hause kommt. Und so schließt sich der Kreis, denn am Ende ist jeder ein Wir. 463 Ähnlich skizziert A. N. Whitehead zwei Funktionen der Vernunft. Ders.: Funktion der Vernunft, Stuttgart 1974.

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Zusammenfassung

Behandelt man Organisationen als Konstrukte, stellt sich früher oder später die Frage, wie diese Konstrukte einzurichten sind, damit sie adaptions- und innovationsfähiges Verhalten zeigen. Die Frage ist bereits seit Jahrzehnten virulent. Das Fehlen einer verbindlichen Antwort kommt daher, dass man diese Konstrukte nicht als determinierte Maschinen, sondern als autonome, gleichsam lebende Systeme behandeln muss. Immerhin sollen sie in der Lage sein, aus eigener Leistung sich selbst und ihre Umwelt zu erkennen und zu verändern. Dabei hilft dem Konstrukteur das vorhandene Wissen und Können der Ingenieure nur wenig. Das vorliegende Buch widmet sich dieser Problematik in ihrer ganzen Bandbreite und Tiefe. Dabei geht es interdisziplinär vor, so dass der Ökonom viel formale Logik, der Logiker viel Philosophie, der Philosoph viel Soziologie und der Soziologe viel Ökonomik vorfindet. Das Verbindende ist dabei stets die Suche nach den formalen Voraussetzungen der Adaptions- und Innovationsfähigkeit einer Organisation. Das Buch identifiziert dazu zwei fundamentale Ordnungsprinzipien – Hierarchie und Heterarchie – um diese in einem Modell zu kombinieren und das Modell anschließend am Beispiel der Münsterbauhütte in Freiburg zu überprüfen.