Content

0 Einleitung in:

Dominik Meier, Christian Blum

Logiken der Macht, page 9 - 18

Politik und wie man sie beherrscht

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4147-5, ISBN online: 978-3-8288-7044-4, https://doi.org/10.5771/9783828870444-9

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 77

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
9 0 Einleitung 0.1 Vorrede Politik ist Macht und Entscheidung. Dieses Prinzip gilt für alle Epochen, für alle Systeme und Kulturen. Es gab und gibt keine herrschaftsfreien Räume. Egal ob wir die politische Arena bewusst betreten oder unfreiwillig in sie hineingeworfen werden, wir alle nehmen unweigerlich an einem Nullsummenspiel um Macht teil. Umso wichtiger ist es für jeden Einzelnen – ob Entscheidungsträger, Staatsbürger, Interessenvertreter oder politischer Berater –, die Regeln dieses Spiels zu verstehen und zu beherrschen. Dieses Buch wirft einen ehrlichen, umfassenden und durch zwei Jahrzehnte politischer Beratungserfahrung geschärften Blick auf die Logiken der Macht: von den begrifflichen Grundlagen bis zu den konkreten Werkzeugen, die das Fundament unseres eigenen, durch praktische Arbeit bewährten Power-Leadership-Ansatzes bilden. Ein solcher Blick ist dringend geboten. Demokratien leben vom Vertrauen, das die Mitglieder jedes Gemeinwesens täglich den politischen Prozessen, Institutionen und Akteuren schenken. Ohne ein aufgeklärtes Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten von Macht und Politik setzt die Mythenbildung ein. Utopische Erwartungen oder Vorurteile machen sich breit und erodieren über kurz oder lang unser demokratisches System. Dieses Buch ist daher auch eine analytische Entzauberung der Macht. Zugleich ist es eine Innenansicht des politischen Kosmos und eine Reflexion über die Strategien, mit denen seine verschiedenen Protagonisten um Positionen und Vorteile im großen Nullsummenspiel konkurrieren. Wir zeichnen nach, wie Macht in der Alltäglichkeit der Politik gemacht wird und welche Schlüsselrolle dabei Berater spielen. 10 Dominik Meier mit Christian Blum: Logiken der Macht Diese fundamentale Machtlogik erschließen wir anhand dreier aufeinander aufbauender Grundfragen, die einen roten Faden durch das gesamte Buch bilden und unseren Lesern eine Orientierung bieten sollen: Was ist das Wesen der Macht? Was sind ihre Erscheinungsformen und Felder? Wie wird sie in der politischen Praxis ausgeübt und legitimiert? Dieser Parforceritt durch den Themenkomplex der Macht von den Fundamenten bis zu den Fragen der spezifischen Machttechniken ist kein Selbstzweck. Unser Buch fußt auf einer festen, durch tägliche Erfahrung verbürgten Überzeugung: Die praktische Beherrschung von Macht setzt ein profundes Verständnis für ihre Grundprinzipien, Manifestationsformen und Legitimationsbedingungen voraus – und die theoretische Durchdringung der Macht eine tiefe Vertrautheit mit ihrer Anwendung. Theorie und Praxis der Macht müssen zusammengedacht werden, wenn man das Phänomen verstehen und beherrschen will. Aufgrund unseres Anspruchs, das Thema der Macht in einem kohärenten Gesamtentwurf zu durchdenken, richtet sich die Abhandlung an eine vielfältige Leserschaft. Mit diesen Zeilen führen wir das intensive Gespräch der letzten 20 Jahre mit Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Religion sowie mit der Beratungsbranche und dem wissenschaftlichen Publikum nun in Buchform fort. Zudem wollen wir jedem Bürger, der schon immer wissen wollte, wie Macht funktioniert, Einblicke und Anregungen bieten. Hierbei verzichten wir bewusst auf jede Moralisierung unseres Themas. Logiken der Macht ist zuerst und vor allem eine deskriptive Analyse, die den Leser nicht moralisch bevormunden will, sondern ihm selbst die Entscheidung überlässt, welche Schlüsse er für sein politisches Handeln aus der Lektüre ziehen will. Korrespondierend zu den drei Grundfragen gliedert sich das Buch in drei systematisch verbundene Kapitel: Das Wesen der Macht – Die Konkretionen der Macht – Die Praxis der Macht. Aufbauend auf unserer Analogie vom Machtkampf als Nullsummenspiel ließe sich auch von der Eröffnung, dem Mittelspiel und dem Endspiel der Macht sprechen. Trotz dieser organischen und inhaltlichen Verbindung kann jedes ein- 11 Einleitung zelne Kapitel unabhängig von den anderen gelesen werden. Dem eiligen Leser, der es nicht abwarten kann, sich mit dem Rüstzeug des Machtberaters oder den konkreten Herausforderungen der politischen Strategieentwicklung und -umsetzung zu befassen, bieten wir etwa den Sprung in das Kap. 3 an. Gleichwohl lässt ein solcher Sprung nicht nur die methodologischen Grundlagen der Machtlogik außer Acht, sondern auch die historische und soziologische Verortung, mithin die funktionale Genese, des politischen Machtberaters. Kurzum, wir ermutigen jeden Leser, sich die Zeit zu nehmen, Logiken der Macht vom Anfang bis zum Ende durchzulesen. Bevor wir in medias res gehen, wollen wir einen kurzen Überblick über Struktur, Inhalt und Methode des Buches geben, um die Navigation durch die Themenfelder der Macht zu erleichtern. 0.2 Struktur und Inhalt In Kap. 1, Das Wesen der Macht, stellen wir uns einer der grundlegendsten Fragen des ganzen Buches: Was ist Macht eigentlich? Für diese definitorische Annäherung nehmen wir den respektvollen Dialog mit den wichtigsten politischen Denkern der Menschheitsgeschichte auf: Aristoteles, Konfuzius, Ibn Khaldun, Niccolò Machiavelli, Thomas Hobbes, Max Weber, Michel Foucault und vielen anderen. Nach einer konstruktiv-kritischen Auseinandersetzung mit deren Thesen und Argumenten optieren wir für eine pragmatische, anwendungsorientierte Definition: Macht ist doppelte Potenzialität, genauer, Macht ist das potenzielle Vermögen von Personen und Organisationen, den potenziellen Widerstand anderer Akteure zu überwinden. Durch diese Charakterisierung gewinnt Macht eine probabilistische Komponente, sie wird zum Gegenstand der Strategie und der Szenarioprognose. Kurzum: Macht wird planbar. Allerdings ist mit dieser Definition die Analyse des Wesens der Macht keineswegs abgeschlossen. Ausgehend von unserer Begriffsbestimmung eruieren wir, ob Macht universellen Gesetzen folgt, die unabhängig von Ort und Zeit gelten und im Deutschland der Gegenwart oder in China ebenso zur Anwendung kommen wie im antiken Rom oder im mittelalterlichen Abbasidenreich. Die Ergebnisse dieser Analyse fassen wir in einer Liste kulturübergreifender Prinzipien der Macht zusammen: Macht ist in allen sozialen Feldern präsent und durchzieht alle sozialen Beziehungen, sie fußt in unserer Ver- 12 Dominik Meier mit Christian Blum: Logiken der Macht letzungsoffenheit und in unserem natürlichen Streben nach Einfluss, sie ist moralisch neutral und erhält erst durch den Menschen ihre Gestalt und ethische Valenz. Macht, so unser Zwischenfazit, ist ein wesentlicher, irreduzibler Bestandteil unserer Existenz. Deshalb hat es keinen praktischen Sinn, darüber zu reflektieren, wie man sie aus der Welt tilgen kann. Stattdessen stellt sich die Frage, wie Menschen Macht in den verschiedenen Gesellschaftsfeldern und vor allem in der Politik legitim, effektiv und effizient einsetzen oder mit ihr umgehen. Es gilt zu verstehen, wie sich Macht im politischen Gemeinwesen konkretisiert – und zwar sowohl als unbewusst wirksame Struktur, der wir ausgesetzt sind, als auch als bewusst eingesetzte Ressource zur Durchsetzung individueller Interessen. In Kap. 2, Die Konkretionen der Macht, fassen wir konsequenterweise die Erscheinungsformen, Felder und Ressourcen der Macht in den Blick. Angelehnt an Heinrich Popitz, den Doyen der deutschen Machtforschung, klassifizieren wir vier Grundformen: Aktionsmacht, instrumentelle Macht, technische Macht und autoritative Macht. Jede dieser Formen weist eigene Charakteristika und Effekte auf und setzt spezifische Fertigkeiten aufseiten des Macht-Habers voraus. Zudem manifestiert sich jede von ihnen in den drei großen Machtfeldern jeder Gesellschaft: Religion, Ökonomie und Politik. Diese Felder zeichnen sich nicht nur durch jeweils eigene Symbole, Praktiken und Habitus aus, sondern vor allem durch eigene Machtressourcen: unverzichtbare Mittel und Fähigkeiten, um im jeweiligen Feld Einfluss zu gewinnen und auszuüben. Allerdings sind Religion, Ökonomie und Politik nicht nur Arenen des Machtkampfes, sondern konkurrieren auch untereinander kontinuierlich um Macht. Ein Sonderstatus kommt hierbei dem Feld des Politischen zu, insofern es durch seine institutionelle Ordnung und seine kollektiv verbindlichen Normen in alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens hineinwirkt. Daher richten wir unseren Fokus auf die Legitimationsbedingungen und auf die Ressourcen politischer Macht. Die Legitimitätsfrage ist untrennbar mit dem Leitprinzip des Gemeinwohls verknüpft; politische Entscheidungen und Institutionen beziehen ihre Rechtfertigung zuerst und vor allem aus dem Wohl des Gemeinwesens als eines Ganzen. Die Ressourcenfrage führt uns wiederum zu einer Trias, die uns von nun an durch das Buch begleiten wird: Herrschaftskompetenz, Herrschaftswissen und Herrschaftsinstrumente. Diese Ressourcen politischer Machtausübung bilden einen Komplex interdependenter 13 Einleitung Bedingungen, weswegen wir sie auch die Machtvektoren nennen. Nur wenn ein Akteur alle drei Vektoren beherrscht, kann er im Ringen um politische Macht langfristig bestehen. Aufgrund der immensen Bedeutung dieser drei Vektoren für Theorie und Praxis politischer Macht widmen wir den Abschluss von Kap. 2 ihrer ausführlichen Diskussion. Herrschaftskompetenz definieren wir unter Rückgriff auf den Schlüsselbegriff der aristotelischen téchne als praktisch-intuitive Beherrschung des politischen Handwerks. Herrschaftskompetenz wird – wie wir anhand historischer Vignetten von der Antike bis zur Gegenwart zeigen – in politischen Eliten stets von Kindesbeinen an tradiert und eingeübt. Das Herrschaftswissen bildet demgegen- über die Seite der epistémé, also der Kenntnisse über politische Strategie, narrative Herrschaftsbegründung und Verwaltungstechnik. Unter dem Schlagwort der Herrschaftsinstrumente diskutieren wir schließlich die technologischen und sozialen Werkzeuge, derer sich die Akteure im Machtkampf bedienen können und müssen: Waffen, Kommunikationsmittel, Überwachungstechnologie und Massenmedien sowie Militär, Polizei, Geheimdienste, Verwaltungen und informelle Netzwerke. Die Beherrschung und die Koordination dieser drei Machtvektoren stellt eine hochanspruchsvolle, psychisch und physisch fordernde Aufgabe dar. Sie ist im Alleingang kaum zu bewältigen. Der politische Akteur erweist sich, wie wir inspiriert von Peter Sloterdijk diagnostizieren, als homo consultandus, als zu beratender Mensch. Ihm muss folgerichtig ein homo consultans, ein politischer Berater, zur Seite treten, um ihn bei der Machtausübung zu unterstützen. Dieser homo consultans betritt die weltgeschichtliche Bühne bereits in der Antike, und zwar in Gestalt des Sophisten. Er weicht von nun an – sei es als mittelalterlicher Königsberater oder als neuzeitlicher Geheimrat – nicht mehr von der Seite der Mächtigen. Damit steht gleichsam die zentrale Frage im Raum, was die Funktionen, Verantwortlichkeiten, Werkzeuge und Techniken dieses entscheidenden Protagonisten in der repräsentativen Demokratie unserer Gegenwart sind. In Kap. 3, Die Praxis der Macht, beantworten wir diese Frage. Wir entwickeln ein Curriculum des politischen Machtberaters für das 21. Jahrhundert: Power Leadership. Dieser Ansatz synthetisiert einerseits die Ergebnisse und Befunde unserer vorangegangenen Diskussion über die Logiken der Macht, und er speist sich andererseits aus der eigenen, mehr als zwei Jahrzehnte umspannenden Beratungserfahrung. 14 Dominik Meier mit Christian Blum: Logiken der Macht Dieses Curriculum ist sowohl Praxisleitfaden für den angehenden Berater als auch Diskussionsanstoß und Anregung für den erfahrenen Macht-Experten, der mit dem Beratungsrüstzeug bestens vertraut ist. Der Power-Leadership-Ansatz beschreibt das Aufgabenspektrum und das Ethos des homo consultans in Hinblick auf die Beratung von Amtsträgern und Institutionen sowie von wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Interessengruppen. Kurzum: Er legt die Grundlagen für jedes Einsatzgebiet des politischen Feldes. Dieses Curriculum kreist – korrespondierend zu den Vektoren der Macht – um drei Leitprinzipien: Befähigen, Verdichten, Gestalten. Unter dem Schlagwort des Befähigens beschreiben wir die Techniken der Kompetenzvermittlung und deren inhaltliche Schwerpunkte: politische Logik, politische Sprache, politisches Ethos. Dies ist der Punkt, an dem der homo consultandus für die Bewährung in der politischen Arena geschult wird und ein vertieftes Regelverständnis für das Nullsummenspiel um Macht erwirbt; entsprechend diskutieren wir in diesem Abschnitt sowohl die Grundelemente des individuellen Coachings und Trainings als auch die Organisationsberatung und Positionierungsberatung von Organisationen und Institutionen. Mit dem zweiten Schlagwort, dem Verdichten, sind die Beschaffung, Filterung und Priorisierung von Informationen sowie deren Einordnung und Evaluation durch Analysewerkzeuge, wie das Stakeholder-Mapping oder die Themen-Identifikation, beschrieben. Ziel dieses informationalen Beratungsprozesses, den wir anhand unseres praxiserprobten Vier- Phasen-Modells darstellen, ist ein kontinuierlich aktualisierter, kondensierter Wissensstand der politischen Arena. Dieser Wissensstand ermöglicht Berater und Klient eine gemeinsame, akkurate Lageeinschätzung externer Chancen und Bedrohungen sowie interner Stärken und Schwächen, und er kumuliert in der auf Risiko- und Szenarioanalysen gestützten Strategieentwicklung. Unter dem dritten und letzten Schlagwort, dem Gestalten, diskutieren wir entsprechend das Aufgaben- und Methodenset der Strategieumsetzung: Teamaufstellung, Projektkoordination, Planung und Organisation von politischen Formaten und Stakeholder-Dialogen, Allianzbildung, Mobilisierung und Campaigning. Das politische Gestalten, die konkrete Machtausübung im Feld der Politik durch Interaktion mit Organisationen und Personen, ist der eigentliche Lackmustest für die vorangegangene Befähigung und Verdichtung. Entsprechend diskutieren 15 Einleitung wir in diesem Kontext die praktischen Herausforderungen – vom politischen Eventmanagement über die sensible Kommunikation mit Klienten und Stakeholdern bis hin zur Strategieevaluation –, vor die jeder Machtberater im politischen Alltagsgeschäft kontinuierlich gestellt wird. Den Schlussstein des Buches bildet eine Reflexion über die kontinuierlich wachsende Relevanz der Globalisierung für den Machtberater und über die Disziplin der Global Governmental Relations. Wir skizzieren, was es heißt, politische Strategien über nationale Grenzen hinweg zu konzipieren und zu koordinieren, und welche organisatorischen Anforderungen aufseiten des homo consultans und homo consultandus bestehen. Die Zukunft der Machtberatung liegt in der politischen, ökonomischen, technologischen und informationalen Vernetzung des globalen Machtfelds. Die wichtigste Herausforderung des homo consultans ist es, dieses Machtfeld durch stete Optimierung seiner Werkzeuge und Methoden beherrschbar zu machen. 0.3 Methode Die Kapitel der Logiken der Macht, Das Wesen der Macht – Die Konkretionen der Macht – Die Praxis der Macht, werden durch eine gemeinsame methodologische Klammer verbunden. Unsere Analyse- und Darstellungsmethodik beruht auf der Kombination von fünf einander ergänzenden Elementen: politische Theorie und Philosophie, Anthropologie, Historiografie, Praxeologie, praktisches Erfahrungswissen. Unsere Auswahl ist nicht eklektisch. Wir haben uns bewusst für dieses Methodenset entschieden, um die gesamte thematische Breite des Phänomens der Macht – von der allgemeinen Definitorik und den Grundprinzipien bis zur Darstellung des Power-Leadership-Curriculums – nachvollziehbar und verstehbar zu machen. Der politischen Theorie und Philosophie kommt hierbei die grundlegende Funktion zu, die Definitorik der Macht und ihre Legitimationsbedingungen – insbesondere in Hinblick auf das Gemeinwohl – zu entwickeln. Zur Vermeidung eurozentrischer Befangenheit und zur größtmöglichen Ausschöpfung der intellektuellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte suchen wir den Dialog mit westlichen und nicht westlichen Autoren aus Vergangenheit und Gegenwart: von Laotse bis Jean-Jacques Rousseau, von Al-Mawardi bis Ernst Fraenkel. Auf diesem 16 Dominik Meier mit Christian Blum: Logiken der Macht Wege vermeiden wir eine dogmatische Festlegung auf doktrinäre Denkschulen und die mit ihnen verknüpften Paradigmen. Letzten Endes, so unser methodologisches Credo, muss sich jeder Denkansatz daran bewähren, ob er die Logiken der Macht in Theorie und Praxis erschließen kann oder nicht. Auf die Disziplin der Kultur- und soziologischen Anthropologie rekurrieren wir, um die Universalien der Macht zu explizieren, also die Faktoren, welche unabhängig von Kultur und Epoche gelten. So klären wir hier unter Rückgriff auf diskursbeherrschende Autoren wie Aristoteles, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen, welche Determinanten den Menschen als Zoon politikon, Techniker und Mängelwesen prägen und welche Auswirkungen diese anthropologischen Konstanten auf das Verhältnis von Mensch und Macht haben. Hierbei setzen wir freilich voraus, dass so etwas wie eine allgemeine Anthropologie überhaupt möglich und sinnvoll ist. Ohne generalisierbare Aussagen über das Wesen des Menschen sind auch keine generalisierbaren Aussagen über das Wesen der Macht möglich; beide Aspekte sind notwendig verknüpft. Dem Element der Historiografie kommt die Schlüsselrolle zu, das Phänomen der Macht an der Schnittstelle von Universalität und Kontingenz anschaulich zu machen. In unserer Darstellung rekurrieren wir zur Illustration sowohl auf zeitgeschichtliche als auch auf historische Beispiele für spezifische Techniken, Gesetzmäßigkeiten, Herausforderungen und Dilemmata der Herrschaftsausübung – von den Hochkulturen der Antike, wie den Sumerern, Persern und Römern, über die mittelalterlichen Reiche Europas und Asiens bis zur unmittelbaren Gegenwart. Diese Vignetten verdeutlichen einerseits, dass die Grundlogik der Macht in jeder Kultur und jeder Epoche stets dieselbe ist und sich als roter Faden durch die Weltgeschichte zieht. Sie illustrieren andererseits jedoch auch, dass Macht stets einen Prozess der kulturhistorischen Codierung und Kontextualisierung durchläuft, weswegen ihre Beherrschung ein Verständnis sowohl der Machtuniversalien als auch der Besonderheiten des jeweiligen Kontextes erfordert. Diese Herangehensweise an unser Thema ist nicht nur illustrativ. Sie hebt auch praktische Ressourcen, indem sie von den Erfahrungen vorangegangener Generationen profitiert und die Geschichte als Lehrbuch der Macht nutzt. Die Methode der Praxeologie kommt schließlich dort zu ihrem Einsatz, wo Macht als Analysegegenstand gesellschaftlich konkret wird und wo es darum geht, Politik in der Alltäglichkeit erfahrbar und greifbar zu 17 Einleitung machen. Unter Praxeologie verstehen wir hierbei eine aus der Soziologie und Kulturwissenschaft entlehnte Methode, mit der die wirkmächtigen Sozialstrukturen und faktischen Machtverhältnisse eines Gemeinwesens aus der Konvergenz bzw. Divergenz von politischem Diskurs und Praxis erschlossen werden. Die praxeologische Sichtweise vergleicht, kurz gesagt, Aussagen und Handlungen politischer Akteure – und zwar Personen und Organisationen gleichermaßen – und kontextualisiert auf diese Weise die Reproduktion oder Diskontinuierung von politischen Prozessen, Ritualen, Institutionen und Symbolen. Hinter dieser Methode steht die Einsicht, dass Macht und Herrschaft nur im und durch den praktisch-diskursiven Vollzug im kollektiven, menschlichen Handeln existieren und daher von einem Moment auf den anderen entweder immer wieder neu bestätigt oder modifiziert bzw. revidiert werden müssen. Durch ihre Ordnungsleistung schafft die Praxeologie Orientierung im Machtfeld der Politik und schärft den Blick für das Wesentliche. Die Grundierung für all diese Methoden muss freilich das eigene Erfahrungswissen bzw. die aus jahrelanger Beratungstätigkeit gewonnene Vertrautheit mit dem Ringen um Herrschaft und Einfluss bilden. Jedwede Theorie – egal ob Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie, Theologie oder Geschichte – bleibt bloß abstrakte Reflexion, wenn sie nicht durch die erstpersönliche, unmittelbare Erfahrung mit den Logiken der Macht ergänzt wird. Daher speist sich die vorliegende Darstellung nicht zuletzt aus einem jahrzehntelangen persönlichen Lernprozess bei der Beratung verschiedenster Personen und Organisationen im Machtfeld der Politik, aus unzähligen Erfolgen und Misserfolgen bei der Mitgestaltung demokratischer Prozesse und aus einer niemals verebbten Begeisterung für das große Nullsummenspiel um die Macht.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Politik ist Macht und Entscheidung. Wer sie verstehen und beherrschen will, muss die Logiken der Macht kennen. Dieses Buch wirft einen ehrlichen und durch zwanzig Jahre politischer Beratungserfahrung geschärften Blick darauf, wie politische Macht funktioniert: von den begrifflichen Grundlagen bis zu den konkreten Werkzeugen unseres eigenen, bewährten Power-Leadership-Ansatzes. Das Handbuch „Logiken der Macht“ ist ein unentbehrlicher Begleiter und Leitfaden für Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, für angehende und erfahrene Politikberater – und für jeden, der schon immer wissen wollte, wie Macht gemacht wird.