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Christina Keimes, Lesen im Beruf in:

Paul Resinger (Ed.)

Förderung der Lesekompetenz bei Jugendlichen in Ausbildung, page 33 - 42

Grundlagen - Konzepte - Praxisbeispiele

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4159-8, ISBN online: 978-3-8288-7042-0, https://doi.org/10.5771/9783828870420-33

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 48

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Christina Keimes Lesen im Beruf Christina Keimes, Dr.in, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehr- und Forschungsgebiet Fachdidaktik Bautechnik an der RWTH Aachen University. Arbeitsschwerpunkte: Adressaten- und Domänenspezifität von Basiskompetenzförderung im Berufsfeld Bautechnik, inklusive Fachdidaktik im Berufsfeld Bautechnik. Kontakt: keimes@fdb.rwth-aachen.de Abstract Lesen gehört unzweifelhaft zu den grundlegenden Kulturwerkzeugen und ist Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die alarmierenden Befunde zur Lesekompetenz von Jugendlichen in Deutschland stellen den Ausgangspunkt dar, sich auch in der beruflichen Bildung mit dem Thema Lesekompetenz zu befassen. Im Rahmen des nachfolgenden Beitrags werden ausschnitthaft Ergebnisse einer Untersuchung berichtet, die die Bedeutung von Lesekompetenz für die Bewältigung betrieblicher Anforderungssituationen in zwei Ausbildungsberufen erhoben hat. In diesem Zusammenhang werden (ausbildungs-)relevante Texte und betriebliche Tätigkeitsfelder hinsichtlich ihrer jeweils inhärenten Leseaufgaben rekonstruiert. Insbesondere das Bewusstsein für den Wert von Lesekompetenz erweist sich hier als problematisch. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse werden abschließend erste Konsequenzen für die Förderung von Lesekompetenz formuliert. Ausgangslage Klagen über mangelnde Lesekompetenzen deutscher Schülerinnen und Schüler sind spätestens seit den alarmierenden Befunden der ersten PISA-Erhebung (siehe u.a. Baumert et al., 2001) hinlänglich bekannt. Trotz erster Erfolge bildungspolitischer Maßnahmen bleibt auch das Ergebnis der letzten PISA-Studie ernüchternd (Reiss et al., 2016). Auch die große Anzahl sog. funktionaler Analphabeten in Deutschland erscheint beunruhigend. Seit der Veröffentlichung der leo. – Level-One Studie wissen wir, dass ca. 7,5 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene im Alter zwischen 18 und 64 Jahren nicht die gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache erfüllen (Grotlüschen & Rieckmann, 2012). Sie verfügen nur über begrenzte Lese- und Schreibkenntnisse, die eine selbständige gesellschaftliche Teilhabe hemmen und einen enormen Chancennachteil für die Aufnahme eines Ausbildungsberufes und die Beschäftigung in der modernen Arbeitswelt bedeuten. Dass diese Befunde von erheblicher Reichweite sind, dürfte intuitiv klar sein. Geringe Lesekompetenz betrifft gleichermaßen das lebenslange Lernen wie auch die Frage nach den kulturellen, sozialen und nicht zuletzt ökonomischen Teilhabemöglichkeiten in einer Informationsgesellschaft. 1. 33 Auch in der beruflichen Bildung bzw. der Berufsbildungsforschung wird diese Problematik folglich zunehmend aufgegriffen. Nachdem die Förderung von Lesekompetenz hier lange eher im Hintergrund stand, wurden seit Anfang 2000 sowohl Instrumente für die Diagnostik von Lesekompetenz sowie spezifische Fördermaßnahmen entwickelt (siehe hierzu im Überblick z.B. Keimes & Rexing, 2011; Rexing & Keimes, im Druck). Obschon vergleichsweise wenige belastbare Befunde zur Wirksamkeit der Förderbemühungen vorliegen, verdichten sich Hinweise, dass eine Adaption von Förderkonzepten aus der allgemeinen Bildung nicht ohne Weiteres auf den berufsbildenden Kontext möglich ist (hierzu auch Norwig et al., 2013). Zusätzlich erschweren problematische motivationale Implikationen seitens der Auszubildenden die Förderung von Lesekompetenz. Der Wert des Lesens und die Bedeutung von Lesekompetenz insbesondere im Kontext der betrieblichen Ausbildung scheinen vielfach für Auszubildende nicht erkennbar zu sein. Insofern bedarf es einer stärkeren Kontext- und Adressatenorientierung, um die für die Anforderungen einer Berufsausbildung notwendigen Lesekompetenzen von Auszubildenden zielgerichtet zu fördern (siehe z.B. Keimes, Rexing, & Ziegler, 2011). Bislang liegen für das breite Feld der beruflichen Bildung insgesamt wenige Arbeiten vor, die Leseanforderungen systematisch ermitteln und systematisieren. Dies gilt insbesondere für Ausbildungsberufe in gewerblich-technischen Berufsfeldern. Hier fehlt weitgehend eine empirische Fundierung für eine berufsbezogene Leseförderung, die auf die realen textrezeptiven Anforderungssituationen der Berufsausbildung vorbereitet. Im Rahmen dieses Beitrags werden ausschnitthaft Ergebnisse einer Untersuchung berichtet, die die Bedeutung des Lesens für zwei ausgewählte Ausbildungsberufe im Berufsfeld Bautechnik skizzieren. In diesem Zusammenhang werden reale Leseanforderungen der betrieblichen (Ausbildungs-)Praxis ermittelt und kontextspezifisch in Form von textrezeptiven Handlungsfeldern systematisiert. Basierend auf der Ergebnisdarstellung werden gleichsam als Schlussfolgerung und Fazit sodann vier wesentliche Anregungen für die Förderung von Lesekompetenz im berufsbildenden Rahmen abgeleitet. Zur Studie Die folgenden Ausführungen basieren auf einer Dissertation der Autorin zur Relevanz von Lesekompetenz für Auszubildende in den Ausbildungsberufen Maurerin und Maurer bzw. Straßenbauerin und Straßenbauer. Im Rahmen der dualen Ausbildung wurden hier explizit die betrieblichen Anforderungssituationen fokussiert, um generell die Bedeutung von Lesekompetenz zu erheben und reale berufliche Leseaufgaben und -anforderungen zu erfassen. Methodisch bot sich für diese explorative Zielperspektive der Einsatz qualitativ-empirischer Methoden an. Durchgeführt wurden leitfadengestützte Experteninterviews mit 14 betrieblichen Ausbildern, die neben ihrem direkten Blick auf die betriebliche Ausbildungspraxis über praxisbasiertes Handlungs- und Erfahrungswissen in den hier untersuchten Ausbildungsberufen verfügten. Die Interviews ermöglichten neben der Erhebung objektiver Anforderungen 2. Lesen im Beruf 34 an die Lesekompetenz der befragten Auszubildenden und Facharbeiterinnen und Facharbeiter auch die Erfassung subjektiver Haltungen und Bewertungen zur Relevanz von Lesekompetenz im betrieblichen (Ausbildungs-)Alltag seitens der Ausbilderinnen und Ausbilder, die mit Blick auf die Gestaltung von sprachsensibler Ausbildung sicherlich aufschlussreich sind. Die Perspektive der Ausbilderinnen und Ausbilder wurde um Gruppeninterviews mit 32 Auszubildenden des zweiten und dritten Ausbildungsjahres ergänzt, um deren subjektiv wahrgenommene Bedeutung von Lesekompetenz in betrieblichen Arbeitsprozessen zu erfassen. Insoweit war die Untersuchung mehrperspektivisch angelegt, um ein möglichst reichhaltiges und gesichertes Bild der betrieblichen (Ausbildungs-)Realität zu generieren. Angesichts des Untersuchungsdesigns erheben die nachfolgenden Ergebnisse selbstredend keinen Anspruch auf Vollständigkeit bzw. Repräsentativität. Sie sind als Beitrag für eine empirische Fundierung zu verstehen, die über die Ermittlung von kontextspezifischen Leseanforderungen in der betrieblichen Ausbildung Anknüpfungsmöglichkeiten für eine adressatenspezifische Lesekompetenzförderung bieten kann. Ausgewählte Ergebnisse: Zur Bedeutung von Lesekompetenz Auf die explizite Frage, welche Bedeutung Lesekompetenz für Auszubildende habe, erklärten (nahezu) alle befragten Ausbilder, dass diese ein „ganz wichtiger Punkt“ sei. Zugleich wurde diese Einschätzung jedoch durch implizite Hinweise zum Stellenwert des Lesens konterkariert. Insbesondere die Interviews mit dem Ausbildungspersonal zeigen, dass betriebliche Lehr-Lernprozesse im Hinblick auf textrezeptive Anforderungen als reizarm einzuschätzen sind (siehe ausführlich Keimes, 2014; hierzu auch Keimes & Rexing, 2011). Demnach scheint Lesen zunächst nicht handlungsrelevant zu sein, um berufliche Anforderungssituationen im (Ausbildungs-)Betrieb bewältigen zu können. So erklärt ein Ausbilder beispielsweise, dass sein Auszubildender „auch acht Stunden ohne Lesen auf der Baustelle verweilen“ könne. Ein anderer Ausbilder weist darauf hin, dass seine Auszubildenden „nur im Bereich Berufsschule lesen, hier draußen in der Ausbildung und in der überbetrieblichen eher nicht“, und ein weiterer Ausbilder taxiert die Lesehäufigkeit folgendermaßen: „Auf der Skala von 1 bis 10 würde ich sagen, ist es eine 1.“ Die Äußerungen der Auszubildenden bestätigen dieses Bild weitgehend. Gleichwohl die Auszubildenden vereinzelte Leseanlässe – und somit auch Texte – aus ihrer Ausbildungspraxis beschrieben, ist einschränkend hinzuzufügen, dass sich Leseaktivitäten fast ausschließlich auf das Lesen von Bauzeichnungen bezogen. So sei „das Einzige, wo man da wirklich rangeführt wird, das Lesen der Pläne, weil das die Grundlage ist, um später mal ein vernünftiger Geselle zu werden“. Allerdings offenbart eine differenzierte Datenanalyse, dass mit zunehmender Verantwortung und Hierarchieebene im Betrieb Lesekompetenz durchaus an Bedeutung gewinnt. Aus der Synopse der Interviewtranskriptionen konnte für Facharbeiterinnen und Facharbeiter und Personen mit Führungsverantwortung ein deutlich breiteres 3. Lesen im Beruf 35 Spektrum an schriftlichen Dokumenten herauspräpariert werden, die im Berufsalltag bedeutsam sind (siehe Tabelle 1 auf S. 36). Für qualifizierte Facharbeiterinnen und Facharbeiter sind (neben den ausbildungsrelevanten Texten) beispielsweise auch Lieferscheine, gesetzliche Vorschriften, Leistungsverzeichnisse und Normtexte handlungsrelevante Dokumente zur Ausführung von Arbeitsaufgaben. Noch einmal breiter zeigt sich die Palette an Textmaterialien auf der Hierarchieebene von Personen mit bauleitenden Tätigkeiten. Hierarchieebene Auszubildende Gesellen (Facharbeiter) Personen mit Führungs-verantwortung Zeichnungen ∎ ∎ ∎ Betriebsanleitungen von Geräten ∎ ∎ ∎ Produkt-/ Verarbeitungshinweise ∎ ∎ ∎ Arbeitsanweisungen ∎ ∎ ∎ Sicherheitshinweise ∎ ∎ ∎ Unfallverhütungsvorschriften ∎ ∎ ∎ Lieferscheine ∎ ∎ Materialzettel ∎ ∎ Aufgaben- und Auftragsmappen ∎ ∎ Personaleinsatzpläne ∎ ∎ Leistungsverzeichnisse ∎ ∎ Checklisten ∎ ∎ gesetzliche Vorschriften ∎ ∎ Tabellenwerke ∎ Fachzeitschriften ∎ Normen ∎ Bodengutachten ∎ Statiken ∎ E-Mails/Schriftverkehr ∎ Genehmigungen ∎ Tagesberichte ∎ Bauzeitenpläne ∎ Kalkulationen ∎ Leserelevante Dokumente in der betrieblichen (Ausbildungs-)Praxis (Keimes, 2014, S. 168) Tab. 1: Lesen im Beruf 36 Demgegenüber wirken Eindrücke zur gelebten Lesekultur im Betrieb eher diskrepant. So scheinen Leseaktivitäten im Rahmen der Baustellenpraxis nicht unterstützt zu werden, wie beispielsweise die Reaktion eines Auszubildenden auf die Frage, ob er Fachzeitschriften lese, zeigt: „Nicht im Betrieb! Während der Arbeit hol‘ ich keine Fachzeitschrift raus und lese. Dann jagt der Chef uns aus der Baubude.“ Äußerungen dieser Art legen den Eindruck nahe, dass Lesen nicht mit Arbeit assoziiert wird. In eine ähnliche Richtung weist auch die Äußerung eines Ausbilders über seine eigene Arbeitstätigkeit: „Deswegen (gilt) bei mir: weniger schreiben, mehr arbeiten.“ Gleichwohl also auf globaler Ebene die Bedeutung von Lesekompetenz für Auszubildende als wichtige Fähigkeit herausgestellt wird, spiegelt sie sich nicht in realen betrieblichen Ausbildungsprozessen wider. Hierin dokumentiert sich gewissermaßen ein Spannungsfeld: einerseits wird Lesen (als Teil von Hochkultur und damit) als bedeutsam eingeschätzt, andererseits aber weder als ausbildungsrelevant herausgestellt noch bewusst gefördert (hierzu ausführlich Keimes, 2014). Dass Auszubildende offensichtlich nicht an den Umgang mit Texten herangeführt werden, die von qualifizierten Facharbeiterinnen und Facharbeiter nach Abschluss der Ausbildung rezipiert werden müssen, ist dabei durchaus überraschend. Im Hinblick auf die übergeordnete Zieldimension (berufliche) Handlungskompetenz (Heid, 1999) erscheint dies durchaus beunruhigend. Textrezeptive Handlungsfelder Anknüpfend an das Desiderat, Lesesituationen systematisch zu erheben und zu beschreiben, wurden – abstrahiert von Formulierungsnuancen der Befragten – textrezeptive Handlungsfelder (siehe Tabelle 2 auf S. 38) abgeleitet, die typische Anforderungen der betrieblichen (Ausbildungs-)Praxis an die Lesekompetenz abbilden. Der hier verwendete Begriff des Handlungsfeldes ist aus dem berufspädagogischen Kontext adaptiert und bezeichnet im Rahmen des Lernfeldkonzeptes „zusammengehörige Aufgabenkomplexe mit beruflichen sowie lebens- und gesellschaftsbedeutsamen Handlungssituationen, zu deren Bewältigung befähigt werden soll“ (Bader & Schäfer, 1998, S. 229). Die nachfolgende Systematisierung ist dabei als Vorschlag zu verstehen, einen Überblick über die arbeitsplatzunabhängigen berufstypischen Leseanforderungen darzustellen, die sich an den Strukturen der betrieblichen Arbeitsorganisation orientieren. Die Anordnung der Handlungsfelder erfolgt dabei keiner hierarchischen Logik. Die Handlungsfelder 1 bis 8 beschreiben Leseaufgaben, die situationsgebunden sind, d. h. im Rahmen einer konkreten beruflichen Handlungssituation bewältigt werden müssen. Demgegenüber haben die Handlungsfelder 9 bis 11 – hier in kursiver Schrift abgebildet – einen eher situationsübergreifenden Charakter, insofern es sich hierbei um Leseanforderungen handelt, die den Arbeitsprozess begleiten (können). 4. Lesen im Beruf 37 Textrezeptive Handlungsfelder Bezeichnung Textmaterial (Auswahl) HF 1 Arbeitsplanung/-organisation Zeichnungen Personaleinsatzpläne Leistungsverzeichnisse HF 2 Materialbeschaffung und -annahme Lieferscheine Materialzettel HF 3 Ausführung/Erstellung von Bauteilen Leistungsverzeichnisse HF 4 Arbeit mit Maschinen und Elektrogeräten Betriebsanleitungen von Geräten HF 5 Gewährleistung der Sicherheit Sicherheitshinweise Unfallverhütungsvorschriften gesetzliche Vorschriften HF 6 Reaktion auf Bauablaufstörungen Bodengutachten Statiken HF 7 Qualitätskontrolle und -sicherung Produkt- und Verarbeitungshinweise Checklisten HF 8 Kontrolle der Wirtschaftlichkeit Kalkulationen HF 9 Kommunikation mit internen Akteuren Arbeitsanweisungen Aufgaben- und Auftragsmappen HF 10 Kommunikation mit externen Akteuren E-Mails/Schriftverkehr HF 11 Lehr-/Lernprozesse im Kontext Aus- und Weiterbildung Tagesberichte Fachzeitschriften Textrezeptive Handlungsfelder (Keimes, 2014, S. 179) Wenngleich an dieser Stelle keine Elaboration aller textrezeptiven Handlungsfelder erfolgen kann, soll gleichsam exemplarisch zumindest ein Handlungsfeld vorgestellt werden (siehe ausführlich Keimes, 2014). Handlungsfeld 4: Arbeit mit Maschinen und Elektrogeräten Im Rahmen der Bauausführung werden Maschinen und Geräte verwendet, deren Bedienung und Wartung die Berücksichtigung entsprechender Vorgaben, die primär in Bedienungsanleitungen dokumentiert sind, voraussetzt. Diese müssen insbesondere vor Inbetriebnahme, bei auftretenden Störungen während des Betriebs und allgemeinen Wartungsarbeiten gelesen werden. Hierzu müssen die Informationen aus Betriebsanleitungen von Maschinen und Elektrogeräten entnommen, zu einem Vorver- Tab. 2: Lesen im Beruf 38 ständnis zur Funktionsweise derselben in Beziehung gesetzt und adäquat ausgeführt werden. Insofern gilt es immer wieder, Bedienungsanleitungen zu lesen, „in denen beschrieben ist, was beachtet werden muss, wo und wie es gehandhabt werden soll.“ Die textrezeptiven Handlungsfelder zeichnen sich durch ihre Nähe zu den realen betrieblichen Strukturen der untersuchten (Ausbildungs-)Berufe Maurerin und Maurer bzw. Straßenbauerin und Straßenbauer aus und beinhalten insbesondere jene Arbeitssituationen, in denen Lesekompetenz zur Bewältigung einer betrieblichen Anforderungssituation notwendig ist. Sie fokussieren die jeweiligen Leseanforderungen und reflektieren diese vor dem Hintergrund beruflicher Arbeitsprozesse. Die hier eingebetteten Texte können eine Grundlage für die systematische Entwicklung didaktischer Materialien und Lernsituationen darstellen, die authentische Leseaufgaben der betrieblichen (Ausbildungs-)Praxis kontextsensitiv abbilden. Konsequenzen für eine kontext- und adressatenspezifische Lesekompetenzförderung Vor dem Hintergrund der hier – in groben Zügen – skizzierten Ergebnisse zeigen sich für die Förderung von Lesekompetenz im berufsbildenden Kontext (insbesondere in handwerklichen Berufen) folgende Anknüpfungspunkte: Einsicht der Auszubildenden fördern Eine wesentliche Konsequenz besteht zunächst einmal darin, die Einsicht der Auszubildenden zu fördern, dass Lesekompetenz für die berufliche Entwicklung entscheidend ist. Mit Blick auf den Fördergedanken bedeutet dies, dass Auszubildenden die (berufsspezifische) Bedeutung des Lesens explizit vermittelt werden muss. Sensibilisierung des Ausbildungspersonals Dazu bedarf es Ausbilderinnen und Ausbilder, die selbst Lesekompetenz als ein zentrales Instrument der Berufskarriere und, mehr noch, als Voraussetzung zum selbständigen Denken und Handeln begreifen und vermitteln. Diese Verantwortung resultiert insbesondere aus der großen Bedeutung, die gerade Auszubildende in gewerblich-technischen Berufen dem Lernort Betrieb und seinen Wissensautoritäten (Zinn, 2012) zuschreiben. Andernfalls erscheint es fraglich, wie Auszubildende die Bedeutung von Lesefähigkeit erkennen sollen, wenn sie eine Lesekultur im Betrieb erleben, die den Wert des Lesens – auch als reflexive Handlungskompetenz – schlichtweg verkennt. Dabei scheinen die Ausbildungsbetriebe in besonderer Weise geeignet zu sein, die Relevanz des Lesens in authentischen beruflichen Handlungssituationen aufzuzeigen und Auszubildende für den Wert des Lesens zu sensibilisieren. 5. 1) 2) Lesen im Beruf 39 Arbeit mit beruflich relevantem Textmaterial Die in der (betrieblichen) Ausbildung relevanten Texte sollten im Sinne einer kontextund adressatengerechten Förderung systematisch aufgegriffen werden. Dabei können beispielsweise die textrezeptiven Handlungsfelder als konzeptionelle Basis für die in berufsfachliches Lernen bzw. allgemein in einen berufsbezogenen Handlungskontext integrierte Förderung von Lesekompetenz fungieren. Über diese wird eine enge Verknüpfung mit den tatsächlichen Strukturen konkreter Arbeitsplätze gesichert, die zumindest aus motivationaler Perspektive ebenso wichtig erscheint wie die Arbeit an realitätsnahen, beruflich relevanten Texten. Auswahl geeigneter Lesestrategien Wie die tabellarische Übersicht gezeigt hat, handelt es sich bei den berufsspezifischen Texten überwiegend um nicht-lineare und zugleich (häufig) unvertraute Darstellungsformen, deren Rezeption zuvor (in der allgemeinbildenden Schule) nicht angebahnt worden ist. Es bedarf also Lesestrategien, die sowohl für die Textspezifika und Leseanforderungen als auch die individuellen Lernvoraussetzungen (im Sinne kognitiver Dispositionen) der Auszubildenden geeignet sind. So gibt es bereits erste Hinweise, dass bestimmte analoge Lesestrategien, wie z. B. das Visualisieren von Informationen, für den hier fokussierten Adressatenkreis geeigneter zu sein scheinen als die häufig in der Sekundarstufe I eingeübten verbal-symbolischen Strategien, wie das schriftliche Zusammenfassen von Texten (siehe hierzu z.B. Leopold, 2009; Ziegler & Gschwendtner, 2010). Literatur Bader, R., & Schäfer, B. (1998). Lernfelder gestalten. Die berufsbildende Schule, 50 (7-8), 229-234. Baumert, J., Klieme, E., Neubrand, M., Prenzel, M., Schiefele, U., Schneider, W.,… Weiß, M.(Hrsg.). (2001). PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske + Budrich. Grotlüschen, A., & Riekmann, W. (Hrsg.). (2012). Funktionaler Analphabetismus in Deutschland. Ergebnisse der ersten leo. – Level-One Studie. Münster: Waxmann. Heid, H. (1999). Über die Vereinbarkeit individueller Bildungsbedürfnisse und betrieblicher Qualifikationsanforderungen. 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Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 109 (1), 67-93. Reiss, K., Sälzer, C., Schiepe-Tiska, A., Klieme, E., & Köller, O. (Hrsg.). (2016). PISA 2015. Eine Studie zwischen Kontinuität und Innovation. Waxmann: Münster, New York. Rexing, V., & Keimes, C. (im Druck). Förderung von Lesekompetenz im Bereich der beruflichen Bildung. In C. Efing, & K.-H. Kiefer (Hrsg.), Sprache und Kommunikation in der beruflichen Ausund Weiterbildung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Tübingen: Narr. Ziegler, B., & Gschwendtner, T. (2010). Leseverstehen als Basiskompetenz: Entwicklung und Förderung im Kontext beruflicher Bildung. Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 106 (4), 534-555. Zinn, B. (2012). Überzeugungen zu Wissen und Wissenserwerb von Auszubildenden in gewerblichtechnischen Berufen. Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 108 (1), 29-42. Lesen im Beruf 41

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References

Zusammenfassung

Dieser Sammelband mit Beiträgen aus Österreich und Deutschland thematisiert die Förderung von Lesekompetenz von Jugendlichen in Ausbildung. In Grundlagenbeiträgen wird der Frage nachgegangen, wie eine wirksame Förderung der Lesekompetenz und Lesemotivation aussehen kann, und wie Instrumente zur Lesediagnose (im Unterricht) eingesetzt werden können. Die Bedeutung von Lesekompetenz für die Bewältigung betrieblicher Anforderungssituationen wird anhand von Ergebnissen zweier qualitativer Studien diskutiert. Impulse und Vorgaben der Bildungspolitik stehen in einem weiteren Beitrag im Fokus. Im zweiten Teil werden konkrete, praxisnahe Ansätze im schulischen und außerschulischen Kontext, unterlegt mit empirischen Befunden, vorgestellt. Sechs reflektierte Praxisberichte von Lehrerinnen und Lehrern an Berufsschulen sowie berufsbildenden mittleren und höheren Schulen komplementieren den Sammelband und veranschaulichen, dass eine regelmäßige Förderung der Lesekompetenz als ein integraler Bestandteil des Unterrichts in allen Fachbereichen möglich ist.