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Petra Ziegler, Heidemarie Müller-Riedlhuber, Zur Vermittlung und Relevanz von Grundkompetenzen in der Lehrlingsausbildung. Mit einem speziellen Fokus auf Lesekompetenz in:

Paul Resinger (Ed.)

Förderung der Lesekompetenz bei Jugendlichen in Ausbildung, page 25 - 32

Grundlagen - Konzepte - Praxisbeispiele

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4159-8, ISBN online: 978-3-8288-7042-0, https://doi.org/10.5771/9783828870420-25

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 48

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Petra Ziegler und Heidemarie Müller-Riedlhuber Zur Vermittlung und Relevanz von Grundkompetenzen in der Lehrlingsausbildung. Mit einem speziellen Fokus auf Lesekompetenz Petra Ziegler, Mag.a Dr.in, Gründerin und Senior Researcher am Wiener Institut für Arbeitsmarkt- und Bildungsforschung (WIAB). Arbeitsschwerpunkte: Arbeitsmarktund Berufsbildungsforschung; insbesondere: Grundkompetenzen, gering Qualifizierte und Anerkennung von non-formalem und informellen Lernen. Kontakt: ziegler@wiab.at Heidemarie Müller-Riedlhuber, Mag.a MAS, Gründerin und Senior Consultant von WIAB. Arbeitsschwerpunkte: Consulting und Forschung zu Arbeitsmarkt und Berufsbildung; insbesondere: Grundkompetenzen, Kompetenzanerkennung, Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen von gering Qualifizierten und Umweltexpertinnen und -experten. Kontakt: mueller-riedlhuber@wiab.at Abstract Basierend auf einer 2015 durchgeführten Studie von Ziegler und Müller-Riedlhuber „Zur Relevanz der Vermittlung von Grundkompetenzen in der Lehre. Für ausgewählte Lehrberufe aus den Bereichen Tourismus, Handel, Handwerk“ wird zunächst auf die Auswahl der analysierten Lehrberufe sowie die Definition von Grundkompetenzen verwiesen. Daran anschließend werden Ergebnisse der Quellenanalyse (Rahmenlehrpläne und Ausbildungsordnungen) und der qualitativen Interviews mit Expertinnen und Experten mit einem Fokus auf Lesekompetenz präsentiert. Abschließend werden Empfehlungen für eine verbesserte Vermittlung von Grundkompetenzen in der Lehrlingsausbildung gegeben. Einleitung Der folgende Beitrag basiert auf einer 2015 durchgeführten Studie von Ziegler und Müller-Riedlhuber „Zur Relevanz der Vermittlung von Grundkompetenzen in der Lehre. Für ausgewählte Lehrberufe aus den Bereichen Tourismus, Handel, Handwerk“. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde der Frage nachgegangen, inwiefern Grundkompetenzen in Österreich in Ausbildungsordnungen und Lehrplänen in den Bereichen Tourismus, Handel und Handwerk vertreten sind; weiters wurde analysiert, wie Grundkompetenzen in diesen Bereichen vermittelt werden und wie Expertinnen und Experten die Relevanz von Grundkompetenzen sowie deren Vermittlung in der Dualen Ausbildung in Österreich einschätzen. Für diesen Artikel wird zunächst kurz 1. 25 auf die Auswahl der analysierten Lehrberufe sowie die Definition von Lese- und Schreibkompetenz eingegangen; daran anschließend wird auf die Ergebnisse zur Lesekompetenz fokussiert. Abschließend werden ausgewählte Empfehlungen für mögliche Weiterentwicklungen vorgestellt. Auswahl der Lehrberufe und Definition von Lese- und Schreibkompetenz Einerseits wurden Lehrberufe aus den Bereichen Tourismus, Handel, Handwerk ausgewählt, andererseits wurde ein Schwerpunkt auf die am häufigsten gewählten Lehrberufe bei Mädchen und Burschen gelegt. Im Detail wurden die folgenden 25 Lehrberufe untersucht: – Bäckerin/Bäcker; – Blumenbinderin/Blumenbinder; – Drogistin/Drogist; – Einzelhandel gesamt (Schwerpunktlehrberuf); – Elektrotechnik gesamt (Modullehrberuf); – Fitnessbetreuung; – Friseurin/Friseur und Perückenmacherin/Perückenmacher (Stylistin/Stylist); – Gastronomiefachfrau/Gastronomiefachmann; – Großhandelskauffrau/Großhandelskaufmann; – Hotel- und Gastgewerbeassistentin/Hotel- und Gastgewerbeassistent; – Installations- und Gebäudetechnik gesamt (Modullehrberuf); – Köchin/Koch; – Konditorin/Konditor; – Kraftfahrzeugtechnik gesamt (Modullehrberuf); – Malerin/Maler und Beschichtungstechnikerin/Beschichtungstechniker gesamt (Schwerpunktlehrberuf); – Maurerin/Maurer; – Mechatronik gesamt (Modullehrberuf); – Metalltechnik gesamt (Modullehrberuf); – Mobilitätsservice; – Pharmazeutisch-kaufmännische Assistenz; – Reisebüroassistentin/Reisebüroassistent; – Restaurantfachfrau/Restaurantfachmann; – Speditionskauffrau/Speditionskaufmann; – Systemgastronomiefachfrau/Systemgastronomiefachmann; – Tischlereitechnik gesamt (Schwerpunktlehrberuf). Im Rahmen der Studie wurden vier Grundkompetenzen analysiert: Lese- und Schreibkompetenz, für den Alltag erforderliche Rechenkompetenz, für den Alltag erforderliche technologische Problemlösekompetenz, grundlegende Kommunikationsund Ausdrucksfähigkeit. Basierend auf internationalen (u.a. PIAAC-Schlüsselkompe- 2. Zur Vermittlung und Relevanz von Grundkompetenzen in der Lehrlingsausbildung 26 tenzen (Statistik Austria, 2013), europäische Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen (Europäisches Parlament, Europäischer Rat, 2006) oder DeSeCo-Schlüsselkompetenzen der OECD (2005)) sowie nationalen Initiativen (z.B. TalenteCheck in Wien (Wirtschaftskammer Wien, o.J.) oder Betriebserhebungen zu Lehrlingsanforderungen in der Steiermark) wurden Definitionen für diese Grundkompetenzen erstellt. Lese- und Schreibkompetenz bzw. Literacy wurde folgendermaßen definiert: „Fähigkeit, geschriebene Texte zu verstehen, zu verwenden und Schlussfolgerungen zu ziehen sowie das Vermögen, einfache Texte zu erfassen und verfassen, Wörter und Sätze unter Berücksichtigung der Rechtschreib- und Grammatikregeln einer Sprache korrekt formulieren und notieren zu können. Literacy umfasst auch Teilkompetenzen wie das Erkennen geschriebener Wörter und Sätze, das Verstehen, Interpretieren und Beurteilen von (komplexen) Texten (Ziegler & Müller-Riedlhuber, 2015, S. 13).“ Ergebnisse aus der Quellenanalyse und Expertinnen- und Experteninterviews Methodisch wurde im Rahmen der Studie mit Quellenanalyse der Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrpläne zu den 25 Lehrberufen bzw. der entsprechenden Berufsschulen sowie mit qualitativen Expertinnen- und Experteninterviews (zwölf Interviews) gearbeitet. Lesekompetenz wird in den analysierten Dokumenten (Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrpläne zu den oben angeführten Lehrberufen bzw. der entsprechenden Berufsschulen) selten explizit angeführt, aber häufig als implizite Voraussetzung für berufliche Tätigkeiten angesehen, wie zum Beispiel für das Ausfüllen von Formularen und Dokumenten, das Erfassen von Kundendaten oder das Arbeiten mit Computer und Internet. Auch bei der Arbeit mit EDV-Anwendungen, wie Textverarbeitungs- und Kalkulationsprogramme sowie Terminplanungssoftware, oder bei Internetrecherchen wird Lesekompetenz implizit vorausgesetzt. Nur bei technischen Lehrberufen wie z.B. Elektrotechnikerinnen/Elektrotechniker, Kraftfahrzeugtechnikerinnen/Kraftfahrzeugtechniker, Metalltechnikerinnen/Metalltechniker, Tischlereitechnikerinnen/Tischlereitechniker wird Lesekompetenz hingegen häufiger explizit angeführt und meist auf das Lesen von technischen Unterlagen, Werkzeichnungen, Skizzen oder Plänen sowie Bedienungsanleitungen bezogen. Insgesamt unterscheiden sich die untersuchten Lehrberufe zwar durch das Ausmaß, in welchem Lese- und Schreibkompetenz für die Ausübung beruflicher Tätigkeiten erforderlich ist und daher implizit oder explizit in den Rahmenlehrplänen und Ausbildungsordnungen angeführt wird; es wird jedoch in allen untersuchten Lehrberufen grundlegende Lesekompetenz benötigt. So ist zum Beispiel das Ausfüllen von Checklisten, der Umgang mit Dokumenten, das Führen von Arbeitsdokumentationen oder das Einstellen von Maschinensteuerungen in vielen Lehrberufen erforderlich. Für manche Handelslehrberufe, wie Mobilitätsservicekaufleute, Hotel- und Gastgewerbe- sowie Reisebüroassistentinnen und -assistenten, spielt die Suche nach Informationen in berufs- oder betriebsspezifischen Informationssystemen und Datenbanken eine große Rolle. In einigen Handwerkslehrberufen, in denen Lese- und Schreib- 3. Zur Vermittlung und Relevanz von Grundkompetenzen in der Lehrlingsausbildung 27 kompetenz selten explizit angeführt wird – wie z.B. Blumenbinderin/Blumenbinder, Köchin/Koch, Maurerin/Maurer, Friseurin/Friseur oder Bäckerin/Bäcker – setzen aber berufliche Erfordernisse wie etwa das Arbeiten nach Rezepturen, die Dokumentation erbrachter Arbeitsleistungen oder das Notieren von Kundenwünschen grundlegende Lese- und Schreibkompetenz voraus (Ziegler & Müller-Riedlhuber, 2015, S. 87 f.). In den Interviews mit Expertinnen und Experten wurde ersichtlich, dass sich bei der Beherrschung der Lesekompetenz sehr unterschiedliche Voraussetzungen zeigen und die Berufsschülerschaft generell sehr heterogen ist (siehe dazu z.B. Schaffenrath, 2008, S. 36 f.). In der Berufsschule kommen Maturantinnen und Maturanten, Schulabbrecherinnen und -abbrecher aus BMHS oder AHS, Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf im Rahmen der integrativen Berufsausbildung, Schülerinnen und Schüler aus dem Polytechnikum und Repetentinnen und Repetenten aus der Hauptschule zusammen; weiters gibt es die integrative Berufsausbildung oder auch das Projekt „Lehre mit Matura“. Eine befragte Expertin drückt die unterschiedlichen Grundkompetenzniveaus beim Lesen folgendermaßen aus: „Die Problematik ist, wir haben, in der Berufsschule wirkliche Analphabeten, ganz wenige, aber doch, eine erkleckliche Anzahl von funktionalen Analphabeten und durchaus dann welche, wo man in der Stunde mit einem achtseitigen Fachartikel arbeiten kann. Also ist es falsch zu sagen, die Lehrlinge haben die oder die Kompetenz.“ Auch mangelnde Deutschkenntnisse und daraus resultierende geringe Lesekompetenz führen in der Berufsschule immer wieder zu Problemen bei der Aneignung des Lehrstoffs und auch hinsichtlich der Lehrabschlussprüfung – und das sowohl bei Personen mit als auch ohne Deutsch als Muttersprache. Dabei zeigt sich, dass auch Schülerinnen und Schüler mit deutscher Muttersprache oftmals große Schwierigkeiten haben, selbst kurze Texte zu verstehen. Im Regelunterricht der Berufsschule und mit den vorhandenen geringen zeitlichen und personellen Ressourcen ist es allerdings schwierig hier anzusetzen. Es wären zusätzliche Nachhilfe- und Förderangebote notwendig, wobei sich allerdings gleich ein weiteres Problem ergibt: die beschränkte Zeit, in der entsprechende Angebote auch besucht werden könnten. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass eine berufsrelevante Lesekompetenz, wie überhaupt die Förderung von Grundkompetenzen, aufgrund dichter Lehrpläne und bei der Zeitknappheit der Berufsschule als Teilzeitschule nicht in einzelne Fächer, wie z.B. Deutsch und Kommunikation, ausgelagert werden kann; dies sollte im engen Kontext mit den inhaltlichen und fachlichen Anforderungen bzw. Zielsetzungen des Unterrichts in möglichst allen Gegenständen gezielt gefördert werden (Resinger & Schaffenrath, 2012, S. 50 f.). Gleichzeitig gibt es auch in den Betrieben wenig Zeit, um Grundkompetenzen nachzuschulen bzw. sehen die Ausbilderinnen und Ausbilder die Vermittlung von Grundkompetenzen in der Berufsschule angesiedelt und sich selbst dafür nicht zuständig (siehe dazu auch den Beitrag von Margit Ergert in diesem Sammelband); dennoch könnten entsprechende Lernaufgaben – wie sie z.B. an der PH Tirol entwickelt wurden – dabei unterstützen, die Vermittlung von Lesekompetenz mit berufspraktischen Situationen zu verbinden und somit zu fördern (Schaffenrath & Wieser, 2005, S. 108-145 sowie zur Förderung von Lesekompetenz an Berufsschulen: Resinger & Zur Vermittlung und Relevanz von Grundkompetenzen in der Lehrlingsausbildung 28 Schaffenrath, 2012, S. 47-74). Mehrere von uns befragte Expertinnen und Experten wiesen darauf hin, dass eine strikte Verantwortungsaufteilung zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieben weder funktioniere noch erstrebenswert sei. Es wurde im Gegenteil dazu angeregt, dass Ausbildungsbetriebe die Förderung und Schulung der Grundkompetenzen aktiv in die praktisch-betriebliche Ausbildung integrieren und die Berufsschulen sich mittels komplexer, praxisorientierter Aufgabenstellungen vom abgegrenzten Fachunterricht weg zu mehr Kompetenzorientierung entwickeln sollten. Zur Förderung von Lesekompetenz wurde u.a. angeführt, dass über das Fach, Sachartikel und fachliche Interessen relativ schnell eine Steigerung der Lesemotivation erzielbar sei. Eine Interviewpartnerin führte als Beispiel an, dass im Rahmen eines Projekts Kfz-Technikerinnen/-techniker zuerst die Bilder einer Motorzeitschrift erklärten und dann – unter Annahme eines geplanten Motorradkaufs – die Bildunterschriften und kurze Absätze unter den Bildern lesen sollten. Auf diese Weise wurden die Jugendlichen schrittweise immer mehr zum Lesen animiert. Auch bei angehenden Friseurinnen und Friseuren wurde z.B. mit Modezeitschriften gearbeitet, welche zum Lesen anregten. An einem Beispiel aus der Lehrlingsausbildung für pharmazeutisch-kaufmännische Assistentinnen und Assistenten wurde sowohl die Wichtigkeit der Lese- und Schreibkompetenz für diesen Lehrberuf als auch die Möglichkeit einer fächerübergreifenden Nachschulung erörtert: Bei einem von Lehrenden durchgeführten Test zur Lesekompetenz habe sich gezeigt, dass zwei Drittel der getesteten Schülerinnen und Schüler grundlegende Begriffe wie z.B. Magenunverträglichkeit nicht verstehen. Diese Begriffe werden u.a. für die Beschriftung von in Apotheken hergestellten Mixturen benötigt. Um solche für den Beruf zentralen Lese- und Schreibkompetenzen effektiv nachzuschulen, bedarf es laut Befragten einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit aller Lehrenden (Ziegler & Müller-Riedlhuber, 2015, S. 67). Durch die wiederholte, auch von unterschiedlichen Personen und Perspektiven bereitgestellte Erklärung werden Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Möglichkeiten des Verstehens und nachhaltigen Begreifens angeboten und die Wichtigkeit des Themas wird unterstrichen. Lesekompetenz wurde von vielen befragten Expertinnen und Experten als die wichtigste Grundkompetenz angeführt, denn – wie eine befragte Expertin es ausdrückte: „Ohne Lesen kein Lernen, ohne Lesen kein Schreiben, und ohne Lesen auch nicht das Lösen einer Rechenaufgabe, weil sie ja nicht einmal den Text verstehen.“ Empfehlungen zur verbesserten Vermittlung von Grundkompetenzen Bei der Vermittlung von Grundkompetenzen wird von vielen Interviewten darauf hingewiesen, dass eine Verbindung mit der Praxis sehr wichtig ist. Dass die Jugendlichen nicht „in einen Schulungsraum geknebelt werden sollen, damit sie dort ihre schulischen Defizite aufholen“, sondern dass dies in die berufliche Tätigkeit eingebunden und somit mit der Praxis verbunden wird, wodurch klar wird, was am Ende herauskommt, d.h. wozu die Kompetenzen konkret benötigt werden. 4. Zur Vermittlung und Relevanz von Grundkompetenzen in der Lehrlingsausbildung 29 Weiters sollten die Jugendlichen einmal selbst etwas ausprobieren bzw. sich selbst kontrollieren und somit ein Problembewusstsein entwickeln. Eine Expertin meint: „Situationen schaffen, in denen Schülerinnen und Schüler aus eigenem Antrieb und aus eigener Motivation heraus lernen. Und dafür ist Grundvoraussetzung, dass das den Schüler interessiert, dass das mit seinem Leben zu tun hat – da rede ich jetzt insbesondere von den schwächeren“. Als wichtige Grundvoraussetzung für die befragten Berufsschullehrerinnen zur gelungenen Vermittlung von Grundkompetenzen wurde die fachliche Kompetenz genannt. Weiters wurde angeführt, dass für die von vielen Expertinnen und Experten geforderte Reduktion des Lehrstoffs auf die wesentlichen Punkte Lehrende sehr gute didaktisch-methodische Kompetenzen mitbringen müssten: Dabei müssten zunächst die Inhalte nach ihrer beruflichen Relevanz, aber auch nach ihrer Lebensrelevanz ausgewählt werden und der Lehrstoff anschließend entsprechend aufbereitet werden, um eine gezielte Förderung von Grundkompetenzen zu ermöglichen. Mehr Zeit wurde sowohl in den Betrieben als auch von den Berufsschullehrerinnen sowie den Expertinnen und Experten als zentrale Ressource genannt, wenn es darum geht, was es in der Lehrlingsausbildung noch braucht. Eine Expertin führt an, dass sie sich mehr Zeit in der Berufsschule wünschen würde, um vor allem auch die Klein- und Mittelbetriebe zu unterstützen, die ja die Mehrzahl der Lehrlinge in Österreich ausbilden. Im Gegensatz zu Großbetrieben mit oft umfassenden Angeboten ist es für KMUs schwierig, zusätzlich zu den fachlichen Anforderungen auch noch Grundkompetenzen zu vermitteln. Insbesondere für diese kleinen und mittleren Ausbildungsstätten sollten somit Möglichkeiten geschaffen werden, Grundkompetenzen in die praktische Arbeit zu integrieren bzw. zu vermitteln. Ein Ausbilder in einem kleinen touristischen Betrieb führte im Gespräch an, dass er sich mehr Zeit und Verständnis vom Arbeitgeber wünschen würde, da oft zu wenig Zeit zur Betreuung der Lehrlinge vorhanden sei, die sehr schnell einsatzbereit sein müssten und vom ersten Tag an funktionieren sollten. In diesem Zusammenhang stellt sich aber die Frage, wie Betriebe motiviert werden können, Schulungen und Weiterbildungen sowohl für Lehrlinge als auch Ausbilderinnen und Ausbilder zu finanzieren bzw. diese für die Zeit der Schulung von der Arbeit freizustellen. Generell können sich einige Ausbilderinnen und Ausbilder gut vorstellen, auch Grundkompetenzen stärker im Betrieb zu vermitteln, wenn genügend Zeit für solche „Extraaufgaben“ zur Verfügung steht. Ein Beispiel guter Praxis für die Nachschulung von Grundkompetenzen in Unternehmen ist die Firma Blum, die Lehrlinge schon vor und auch während der Lehre gezielt und durch verschiedene Maßnahmen (z.B. mittels eines Online-Tools oder Nachhilfeunterricht) unterstützt, Eltern aktiv miteinbezieht und eng mit Berufsschulen zusammenarbeitet (Ziegler & Müller-Riedlhuber, 2017, S. 197). Der inhaltliche Austausch von Schule und ausbildenden Betrieben wird mancherorts schon umgesetzt, in anderen gibt es ihn (noch) nicht. Wobei dieser Austausch von jenen, die ihn praktizieren, und auch von den befragten Expertinnen und Experten, als sehr wichtig angesehen wird, da dadurch Ausbildungsziele ernsthaft diskutiert und eine bessere Abstimmung zwischen Lerninhalten im Betrieb und in der Berufsschule erreicht werden kann. So könnten Inhalte, die z.B. gerade im Betrieb durchge- Zur Vermittlung und Relevanz von Grundkompetenzen in der Lehrlingsausbildung 30 nommen werden, in der Berufsschule gleichzeitig bearbeitet werden und umgekehrt – was zu einem Verfestigen der Inhalte führt. Eine solche Lernortkooperation funktioniert bei Großbetrieben schon recht gut, da diese oft eigene Klassen in den Berufsschulen haben; bei Berufsschulklassen, die aus vielen unterschiedlichen Unternehmen bestehen, ist es jedoch nicht so einfach, weil ja jede/r gerade etwas anderes im Betrieb durchnimmt, und hier eine inhaltliche Abstimmung sehr schwer möglich ist. Unternehmenszusammenschlüsse bei der Ausbildung von Lehrlingen (z.B. in ausgelagerten Kompetenzzentren) bieten ebenfalls die Möglichkeit zu einer intensiveren Abstimmung der Ausbildungsinhalte mit den Berufsschulen und gegebenenfalls zu einer gezielten Nachschulung bestimmter Grundkompetenzen. Literatur Europäisches Parlament, Europäischer Rat (2006). Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates vom 18. Dezember 2006 zu Schlüsselkompetenzen für lebensbegleitendes Lernen. Abgerufen am 24. Jänner 2018 von http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:32 006H0962&from=DE OECD (2005). Definition und Auswahl von Schlüsselkompetenzen. Zusammenfassung. Abgerufen am 24. Jänner 2018 von http://www.oecd.org/pisa/35693281.pdf Resinger, P., & Schaffenrath, M. (2012). Lesekompetenzförderung an Tiroler Fachberufsschulen. In I. Benischek, A. Forstner-Ebhart, H. Schaupp, & H. Schwetz (Hrsg.), Empirische Forschung zu schulischen Handlungsfeldern (Bd. 2, S. 47-74). Wien: Lit. Schaffenrath, M. (2008). Kompetenzenorientierte Berufsschullehrerbildung in Österreich: Das Lernaufgabenprojekt als Innovationsmotor. Bielefeld: Bertelsmann. Schaffenrath, M., & Wieser, I. (2005). Basiskompetenzen für lebenslanges Lernen aufbauen. In S. Exenberger, & P. Schober (Hrsg.), Baustelle Lehrlingsausbildung (S. 108-145). Innsbruck: Studienverlag. Statistik Austria (2013). Schlüsselkompetenzen von Erwachsenen. Erste Ergebnisse der PIAAC-Erhebung 2011/12. Abgerufen am 24. Jänner 2018 von http://www.oecd.org/skills/piaac/Austria_piaa c-erhebung_2011_12.pdf Wirtschaftskammer Wien (o.J.). TalenteCheck Berufsbildung. Beispielaufgaben. Abgerufen am 24. Jänner 2018 von https://www.talentecheckwien.at/pdf/TalenteCheck_Beispielaufgaben.pdf Ziegler, P., & Müller-Riedlhuber, H. (2015). Zur Relevanz der Vermittlung von Grundkompetenzen in der Lehre. Für ausgewählte Lehrberufe aus den Bereichen Tourismus, Handel und Handwerk. Abgerufen am 24. 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Zusammenfassung

Dieser Sammelband mit Beiträgen aus Österreich und Deutschland thematisiert die Förderung von Lesekompetenz von Jugendlichen in Ausbildung. In Grundlagenbeiträgen wird der Frage nachgegangen, wie eine wirksame Förderung der Lesekompetenz und Lesemotivation aussehen kann, und wie Instrumente zur Lesediagnose (im Unterricht) eingesetzt werden können. Die Bedeutung von Lesekompetenz für die Bewältigung betrieblicher Anforderungssituationen wird anhand von Ergebnissen zweier qualitativer Studien diskutiert. Impulse und Vorgaben der Bildungspolitik stehen in einem weiteren Beitrag im Fokus. Im zweiten Teil werden konkrete, praxisnahe Ansätze im schulischen und außerschulischen Kontext, unterlegt mit empirischen Befunden, vorgestellt. Sechs reflektierte Praxisberichte von Lehrerinnen und Lehrern an Berufsschulen sowie berufsbildenden mittleren und höheren Schulen komplementieren den Sammelband und veranschaulichen, dass eine regelmäßige Förderung der Lesekompetenz als ein integraler Bestandteil des Unterrichts in allen Fachbereichen möglich ist.