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Raphael Klingler, Punktuelle Förderung der Lesekompetenz als integraler Bestandteil im Unterricht. Beispiele aus dem Fachbereich Zimmerei in:

Paul Resinger (Ed.)

Förderung der Lesekompetenz bei Jugendlichen in Ausbildung, page 191 - 198

Grundlagen - Konzepte - Praxisbeispiele

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4159-8, ISBN online: 978-3-8288-7042-0, https://doi.org/10.5771/9783828870420-191

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 48

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Raphael Klingler Punktuelle Förderung der Lesekompetenz als integraler Bestandteil im Unterricht. Beispiele aus dem Fachbereich Zimmerei Raphael Klingler, Ing. BEd, Lehrer an der Tiroler Fachberufsschule für Holztechnik in Absam. Arbeitsschwerpunkte: Fachpraktischer und Fachtheoretischer Unterricht im Bereich Zimmerei. Kontakt: r.klingler@tsn.at Einleitung Speziell in handwerklichen Lehrberufen wird es aufgrund des schnellen technischen Fortschrittes immer wichtiger für Lehrlinge, Pläne, Normen, Produktbeschreibungen, Leistungsbeschreibungen, technische Merkblätter und Sicherheitsdatenblätter lesen sowie inhaltlich verstehen zu können. Diese Fähigkeiten sind notwendig geworden, um in einer sich ständig verändernden Arbeitswelt eine fachliche und qualitativ hochwertige Leistung zu erbringen als auch konkurrenzfähig zu bleiben. Viele der Jugendlichen, speziell in den ersten Klassen, weisen eine Schwäche beim basalen Lesen und somit eine keinesfalls zu vernachlässigende Leseschwäche auf. Aus diesem Grund erfolgte eine Auseinandersetzung mit der Thematik, wie sich eine gezielte, regelmäßige Lesekompetenzförderung als ein integraler Bestandteil des Unterrichts an Berufsschulen umsetzen lässt. Vor allem sollte der Fokus auf Fördermaßnahmen im fachpraktischen und fachtheoretischen Unterricht gesetzt werden und zwar in Form von Entwicklung von Fördermaterialien für den Unterricht, welche auch zukünftig regelmäßig Einsatz finden sollten. Ausgangslage der TFBS für Holztechnik Die Tiroler Fachberufsschule für Holztechnik in Absam ist eine lehrgangsmäßige Berufsschule für den Bereich Zimmerei und Tischlerei. In vier Lehrgängen zu je zehn Wochen werden ca. 600 Jugendliche im Fachbereich Zimmerei zur Lehrabschlussprüfung begleitet beziehungsweise ausgebildet. Im Gegensatz zu anderen Berufssparten sind die Zahlen der Schülerinnen und Schüler im Bereich der Zimmerei relativ konstant. Grund dafür ist die gute Auftragslage und die hohe Nachfrage, in Holzbauweise Wohnraum zu schaffen. Auch das Umdenken in den letzten Jahren in Bezug auf 191 Nachhaltigkeit und Bauökologie verhalfen dem modernen Holzbau zum Aufschwung. Dadurch hat dieser Lehrberuf noch eine relativ hohe Attraktivität bei jungen Menschen. An der Tiroler Fachberufsschule für Holztechnik werden die fachbezogenen Gegenstände wie Werkstätte, Technologie (Fachkunde), Angewandte Mathematik, Fachzeichnen und Computergestützte Technologie unterrichtet. Hierbei ist es ein wesentlicher Schwerpunkt, die praxisbezogene Verknüpfung zwischen den verschiedenen Unterrichtsfächern herzustellen, indem man versucht, die Themen laut Lehrstoffverteilung in den verschiedenen Unterrichtsgegenständen möglichst zeitgleich zu erarbeiten und den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln. Lesekompetenzfördermaterial 1 Beschreibung der Unterrichtseinheit Zu Beginn der 1. Klasse stehen im Bereich der Angewandten Mathematik die mathematischen Grundlagen wie Flächenberechnungen und Materialbedarfsberechnungen im Vordergrund. Es sind pro Woche fünf Unterrichtseinheiten zu je 50 Minuten eingeplant. In den ersten Einheiten werden die wichtigsten Formeln zum Quadrat, Rechteck, Dreieck, Trapez und Kreis wiederholt und dazu praxisnahe Beispiele erläutert. Aufgrund der individuellen Vorbildung sind die Eingangsvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler sehr unterschiedlich. Um eine fachliche Basis zu schaffen wurde das Ermitteln von verschiedenen Baumaterialien mit dem Schwerpunkt Quadratmeter (m2), Kubikmeter (m3), Laufmeter (lfm) und Stückzahl (Stk.) mit Hilfe der Lehrperson geübt und in Form von Beispielen berechnet. Dies erfolgte durch eine schrittweise Heranführung der Schülerinnen und Schüler an die Thematik und die Erklärung von Rechenwegen. Als Hilfestellung wurde zusätzlich ein Grundriss an der Tafel skizziert. In der Folge sollte ein weiteres Beispiel in Einzelarbeit bearbeitet werden und zwar mit Hilfe eines Arbeitsauftrages. Einordnung der Lesefördermaße nach dem PISA-Modell der Lesekompetenz (Schwantner & Schreiner, 2013, S. 20 f.) Medium: gedruckter Text Textformat: linearer Text Texttypen: Beschreibung Leseprozess: Entwickeln eines allgemeinen Verständnisses Lesetechnik: Selektives Lesen Punktuelle Förderung der Lesekompetenz als integraler Bestandteil im Unterricht. Beispiele aus dem Fachbereich Zimmerei 192 Wie gefördert wird Die Aufgabenstellung bestand aus einem kontinuierlichen, vorgegebenen Text. Die Arbeitsschritte waren sequenziell aufbereitet, ebenso waren Hilfsmittel wie das Heft (als Informationsquelle) und Taschenrechner erlaubt (siehe S. 194). Die Schülerinnen und Schüler mussten die erforderlichen Informationen wie Raumgröße, Raumumfang und vorhandenes Material aus der Angabe ermitteln und diese mathematisch umsetzen. Dazu sollten sie im ersten Arbeitsschritt eine Skizze mit Bemaßungen des Raumes anfertigen und anschließend die Berechnungen durchführen. Um diese Aufgabe lösen zu können, mussten sie ein Textverständnis entwickeln und die Informationen bzw. Angaben ordnen und selektieren. Es war auch notwendig zu bewerten, welche Informationen für die Lösung relevant waren. Punktuelle Förderung der Lesekompetenz als integraler Bestandteil im Unterricht. Beispiele aus dem Fachbereich Zimmerei 193 • • • Punktuelle Förderung der Lesekompetenz als integraler Bestandteil im Unterricht. Beispiele aus dem Fachbereich Zimmerei 194 Reflexion nach dem Einsatz Bei dieser Förderungsmaßnahme zeigte sich, dass ein erheblicher Teil der Klasse massive Probleme hatte, die Aufgabe zu bearbeiten. Sie waren überfordert, aus der Textangabe die mathematischen Informationen zu ermitteln. Dies betraf auch Schülerinnen und Schüler, welche grundsätzlich bei mathematischen Aufgabestellungen leistungsstark waren. Speziell im Mathematikunterricht stellen Textaufgaben für Schülerinnen und Schülern eine große Herausforderung dar. Um in der Lage zu sein, Textaufgaben zu lösen, ist mehr erforderlich als nur die mathematischen Grundkompetenzen zu beherrschen. So ist es durchaus möglich, dass Schülerinnen und Schüler an Textaufgaben zur Flächenberechnung scheitern, und zwar nicht, weil ihnen die mathematische Kompetenz fehlt, sondern weil sie nicht fähig sind, den Angabetext für die Berechnung umzusetzen (Bremer & Dahlke, 1980, S. 7). Trotz Hilfestellung der Lehrperson (Zeichen des Grundrisses an die Tafel) war es einigen Schülerinnen und Schülern nicht möglich, die Aufgabe selbstständig zu lösen. Zusätzlich bereitete Verwirrung, dass der Text Informationen enthielt, die für die Berechnung nicht relevant waren. Lesekompetenzfördermaterial 2 Beschreibung der Unterrichtseinheit Das Thema „Teilungen“ ist ein wesentlicher Bestandteil des Mathematikunterrichts in allen drei Klassen der Berufsschule. In der ersten Klasse wird das Thema der Lattenteilung behandelt. Sie stellt ein wichtiges Kapitel im Gewerk des Zimmerers dar, da sie ein Teil der Dachkonstruktion aus Holz ist. In den Unterrichtseinheiten wurden anhand eines Models im Maßstab 1:10 die einzelnen Bauteile mit den dazugehörigen Fachbezeichnungen erklärt, die Rechenschritte und die notwendigen Kurzbezeichnungen parallel dazu erläutert und anhand eines einfachen Beispiels mit vorgegebenen Werten wurde der Rechenweg umgesetzt. In einer weiteren Unterrichtseinheit wurde ein Beispiel bearbeitet, bei welchem die erforderlichen Daten, vergleichbar mit der Praxis im beruflichen Alltag, aus einem Produktkatalog eruiert werden mussten. Jede Schülerin und jeder Schüler erhielt dazu einen Produktkatalog eines Dachplattenherstellers. Nach der Erklärung, wie die benötigten Informationen effektiv ermitteln werden können, wurde das Beispiel von der Lehrperson gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern schrittweise erarbeitet. Zudem wurde noch eine Materialliste für das Bauvorhaben erstellt. In der darauffolgenden Unterrichtseinheit erhielt jede Schülerin und jeder Schüler ein Arbeitsblatt. Das Bauvorhaben bzw. die Aufgabenstellung war in einer Textaufgabe dargestellt, in der die notwendigen Informationen beschrieben waren. Es sollten für ein Einfamilienhaus der Lattenaufzug und das erforderliche Material berechnet werden. Als Hilfestellung war zudem ein Schnitt des Satteldaches inklusive Dachauf- Punktuelle Förderung der Lesekompetenz als integraler Bestandteil im Unterricht. Beispiele aus dem Fachbereich Zimmerei 195 bau in Farbe abgebildet, aus welchem die Längenmaße und die Dachneigung beider Dachseiten ersichtlich waren. Die Saumlänge hingegen war in den Informationstext integriert, welche für die Quadratmeterberechnung benötigt wurde. Einordnung der Lesefördermaße nach dem PISA-Modell der Lesekompetenz (Schwantner & Schreiner, 2013, S. 20 f.) Medium: gedruckter Text Textformat: gemischtes Textformat Texttypen: Beschreibung Leseprozess: Entwickeln eines allgemeinen Verständnisses und Heraussuchen von Informationen Lesetechnik: Selektives Lesen und Scanning Wie gefördert wird Bei dieser Förderungsmaßnahme wurde sowohl mit nicht-linearen Texten in Form von Tabellen als auch mit linearen Texten bei der Aufgabestellung gearbeitet. Aufgrund der großen Schwierigkeiten bei der vorhergehenden Aufgabe wurde hier zusätzlich eine Grafik als Hilfestellung eingefügt. Aufgaben in Textform können auch mit Bildern, Grafiken oder Ähnlichem ergänzt werden. Durch Textaufgaben soll auch die mathematische Kompetenz gefördert und gestärkt werden. Hierbei wird unter anderem oft von Sachrechnen gesprochen (Schütte, 1995, S. 84, zit. nach Greefrath, 2010). Um solche Aufgaben lösen zu können, müssen die Schülerinnen und Schüler eine Verbindung zwischen Text und den gegebenen Daten herstellen können und diese auch mathematisch umsetzen. Der kognitive Schwerpunkt lag im ersten Arbeitsschritt darin, dass die Schülerinnen und Schüler in Einzelarbeit den gesuchten Dachziegel und dessen Daten zur Berechnung aus dem Katalog ermitteln sollten. Zunächst wurde wiederholt und geübt, wie ein Inhalts- bzw. Stichwortverzeichnis zu lesen ist und in der Folge wurde darauf hingewiesen, sowohl mit dem Inhaltsverzeichnis als auch mit dem Stichwortverzeichnis zu arbeiten. Die zweite große Hürde war, anschließend aus der Textangabe und der Grafik die Maße und Werte zu finden. Auch dazu gab es am Aufgabenblatt eine Hilfestellung in Form chronologischer Rechenschritte (siehe S. 197). Punktuelle Förderung der Lesekompetenz als integraler Bestandteil im Unterricht. Beispiele aus dem Fachbereich Zimmerei 196 • • • • Reflexion nach dem Einsatz Bei dieser Fördermaßnahme wurde eine Zeitvorgabe von 50 Minuten eingeplant, welche auch ausreichend war. Für den ersten Arbeitsschritt musste mit dem zuvor ausgeteilten Produktkatalog gearbeitet werden, da die Dachplattenausführung mit genauer Bezeichnung vorgegeben war. Der gesuchte Ziegel konnte von einem Großteil der Schülerinnen und Schüler schnell ermittelt werden. Probleme zeigten sich jedoch bei der Differenzierung zwischen Decklänge und mittlerer Deckbreite. Einige verwendeten hierbei den falschen Wert, wodurch eine Hilfestellung seitens der Lehrperson notwendig war, um die weiteren Rechenschritte richtig zu lösen. Punktuelle Förderung der Lesekompetenz als integraler Bestandteil im Unterricht. Beispiele aus dem Fachbereich Zimmerei 197 Dieses Beispiel konnte, mit Hilfestellungen, von allen Schülerinnen und Schülern gelöst werden. Literatur Bremer, U., & Dahlke, E. (1980). Schwierigkeiten im Prozeß des Lösens von Sachaufgaben. In H. Vollrath (Hrsg.), Sachrechnen. Didaktische Materialien für die Hauptschule (S. 7-21). Stuttgart: Ernst Klett Verlag. Greefrath, G. (2010). Didaktik des Sachrechnens in der Sekundarstufe. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag. Schwantner, U., & Schreiner, C. (Hrsg.). (2013). PISA 2012. Internationaler Vergleich von Schülerleistungen. Die Studie im Überblick. Graz: Leykam. Punktuelle Förderung der Lesekompetenz als integraler Bestandteil im Unterricht. Beispiele aus dem Fachbereich Zimmerei 198

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Zusammenfassung

Dieser Sammelband mit Beiträgen aus Österreich und Deutschland thematisiert die Förderung von Lesekompetenz von Jugendlichen in Ausbildung. In Grundlagenbeiträgen wird der Frage nachgegangen, wie eine wirksame Förderung der Lesekompetenz und Lesemotivation aussehen kann, und wie Instrumente zur Lesediagnose (im Unterricht) eingesetzt werden können. Die Bedeutung von Lesekompetenz für die Bewältigung betrieblicher Anforderungssituationen wird anhand von Ergebnissen zweier qualitativer Studien diskutiert. Impulse und Vorgaben der Bildungspolitik stehen in einem weiteren Beitrag im Fokus. Im zweiten Teil werden konkrete, praxisnahe Ansätze im schulischen und außerschulischen Kontext, unterlegt mit empirischen Befunden, vorgestellt. Sechs reflektierte Praxisberichte von Lehrerinnen und Lehrern an Berufsschulen sowie berufsbildenden mittleren und höheren Schulen komplementieren den Sammelband und veranschaulichen, dass eine regelmäßige Förderung der Lesekompetenz als ein integraler Bestandteil des Unterrichts in allen Fachbereichen möglich ist.