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Margit Ergert, (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt in:

Paul Resinger (Ed.)

Förderung der Lesekompetenz bei Jugendlichen in Ausbildung, page 121 - 130

Grundlagen - Konzepte - Praxisbeispiele

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4159-8, ISBN online: 978-3-8288-7042-0, https://doi.org/10.5771/9783828870420-121

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 48

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Margit Ergert (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt Margit Ergert, Dr.in, Dozentin für Linguistik und Didaktik der deutschen Sprache. Arbeitsschwerpunkte: Sprach- und Schrifterwerbsforschung in DaM und DaZ, Entwicklung von Campus- und Clusterschulen. Inhaberin des Unternehmens IDEUM e.U. Kontakt: margit.ergert@ideum.at Abstract Basisbildungsdefizite junger Lehrlinge, besonders Defizite in der Lesekompetenz, stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen. Der Wunsch nach pragmatischen Konzepten zur Kompensation der fehlenden Grundfertigkeiten ist besonders dort sehr laut, wo durch die demografische Entwicklung allgemein ein Mangel an qualifiziertem Personal herrscht. Der Beitrag erklärt eine grundlegende Intervention zur Leseförderung, die – eingebettet in ein ganzheitliches Trainingskonzept – deshalb erfolgreich ist, weil sie Sprache und Schrift in ihrer Systematik und ihren Zusammenhängen erklärt. Auf der Basis sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse werden Möglichkeiten der Kontrolle und ein innovativer Trainingsansatz vorgestellt. Einleitung Lesen ist die Schlüsselkompetenz um Wissen zu erwerben. Es ist die Schlüsselkompetenz zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Es ist die Schlüsselkompetenz für die fortwährende persönliche Entwicklung des Menschen. Wer nicht lesen kann, hat gerade in einer Informationsgesellschaft ein fundamentales Problem. In IDEUM, einem privatwirtschaftlichen und unabhängigen Unternehmen in der Bildung, setzen wir uns seit über einem Jahrzehnt mit diesem Thema in vielen unserer Geschäftszweige auseinander. Es hat sich herausgestellt, dass, im Gegensatz zur öffentlichen Meinung, die Ursachen fehlender Lesefertigkeit nicht in gesellschaftlichen Veränderungen, der Digitalisierung oder mangelnder Verantwortlichkeit der Eltern liegt, sondern vielmehr auf einer tiefer liegenden Ebene zu finden sind. Es ist die Art der Schriftvermittlung, die für die Lese- und Schreibkompetenz der Lernerinnen und Lerner ausschlaggebend ist. Setzt man dort an, gelingt es, jede Lernergruppe (Legastheniker, funktionale Analphabeten, Sprecher anderer Muttersprachen und sogar Aphasiepatienten) erfolgreich zu einer kompetenten Verwendung der Schrift zu führen. Die Arbeit im Lehrlingsbereich nahm ihren Anfang in einem Projekt mit schwer vermittelbaren Jugendlichen (Ergert, 2011), die in acht Wochen erfolgreich zu einem Hauptschulabschluss in Deutsch (und Mathematik) geführt wurden. Dabei konnte erstmals in der Arbeit mit Jugendlichen gezeigt werden, dass Basisbildungsdefizite in 1. 121 kurzer Zeit kompensiert werden können, wenn am Verständnis der fundamentalen Grundlagen der Systeme Sprache und Schrift gearbeitet wird. Die guten Ergebnisse des Projektes führten dazu, dass die so genannten PREP- Days ins Leben gerufen wurden, ein spezifisches Angebot für Unternehmen in der Obersteiermark, die von Beginn der Lehrzeit an – am Übergang von schulischer zu betrieblicher Ausbildung – aktiv den Bildungsprozess ihrer Lehrlinge mitbestimmen wollen. Ausgangslage in der Projektregion Die Obersteiermark West ist eine demografisch problematische Region. Die Industrie sorgte ehemals für eine stabile Bevölkerungsentwicklung. Wirtschaftliche Schwierigkeiten ab den 1980er-Jahren setzten jedoch einen Abwanderungsprozess besonders junger, fähiger Menschen in Bewegung. Die Bevölkerung ist mittlerweile sukzessive ausgedünnt und überaltert. Obwohl es nach der Schließung der größten Industrieunternehmen relativ rasch eine wirtschaftliche Neupositionierung gab und heute Betriebe mit höchsten technologischen Standards und eine junge Freizeit- und Tourismuswirtschaft die Region prägen, hat diese ihre frühere Anziehungskraft nicht wiedererlangt. Heute gibt es in der Wirtschaft der Region akuten Facharbeitermangel, und die Betriebe stehen vor dem Problem, offene Lehrstellen kaum besetzen zu können. PREP-Days sind ein Unterstützungsangebot für Wirtschaftsbetriebe in dieser Region, in der aufgrund der prekären demografischen Entwicklung der Mangel an Facharbeiterinnen und Facharbeitern sowie Auszubildenden zu einem ernsthaften Problem wird. Früher gab es für jede Lehrstelle dutzende Bewerberinnen und Bewerber. In komplexen Aufnahmeverfahren wurden in den Firmen die geeignetsten Lehrlinge ausgewählt. Das hat sich grundlegend geändert, denn gut qualifizierte Jugendliche, die gerade im Tourismus und in der Hochtechnologie dringend benötigt werden, sind rar. Um auf dem hart umkämpften Lehrlingsmarkt überhaupt noch Bewerberinnen und Bewerber zu ergattern, sehen sich die Betriebe gezwungen, die Anforderungsprofile für die Lehrstellen auf ein Minimum zu reduzieren. Die Firmen achten auf Handlungsbereitschaft und Durchhaltevermögen. Noten und Zeugnisse haben in den letzten Jahren an Aussagekraft verloren. Dadurch beginnen auch weniger qualifizierte Jugendliche, die früher eventuell nur für eine Anlehre als Hilfskräfte aufgenommen worden wären, heute eine Lehrlingsausbildung. Dazu kommt noch die Gruppe der Bewerberinnen und Bewerber mit Migrationshintergrund. Sie zeigen oft Handlungsbereitschaft und Interesse und haben das, was Lehrlingsausbildnerinnen und Lehrlingsausbildner gerne sehen, nämlich den nötigen „Biss“. Allerdings haben sie meist Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und Schrift. Damit stehen nun die Ausbildungsbetriebe vor neuen Herausforderungen, denn, wenn sie die Lehrlinge gut durch die Ausbildungszeit bringen möchten, müssen sie mithelfen, auch die schulische Ausgangssituation der Lehrlinge für die Anforderungen im Betrieb und in der Berufsschule zu verbessern. Eine Schlüsselkompetenz, die in allen Bereichen der betrieblichen und schulischen Ausbildung vorausgesetzt wird, 2. (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt 122 ist das sinnerfassende Lesen. Aufgrund mangelnder Lesekompetenz sind meist Probleme vorprogrammiert, die auch einen nicht erfolgreichen Abschluss der Lehre mit sich bringen können. Im Interesse der betrieblichen Personalentwicklung als Grundvoraussetzung der Standortsicherung sehen sich Betriebe deshalb mehr und mehr gezwungen, auch die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass ihre Lehrlinge fehlende schulische Grundbildung nachholen. Da diese Maßnahmen effizient sein müssen, das heißt in möglichst kurzer Zeit den gewünschten Erfolg bringen sollen, verlassen sich die Unternehmen häufig nicht mehr nur auf Angebote öffentlicher Einrichtungen (wie das Berufsförderungsinstitut (BFI), das Arbeitsmarktservice (AMS) usw.), sondern engagieren proaktiv Expertinnen und Experten, die durch individualisierte Lösungen Abhilfe garantieren. Duale Lehrlingsausbildung: Aktuelle Herausforderungen Das duale Ausbildungssystem ist (noch) ein Vorzeigemodell der beruflichen Bildung im deutschsprachigen Raum, auf das Deutschland und die Schweiz ebenso stolz sind wie Österreich. Dieses erfolgreiche Konzept bringt nicht nur fachlich tüchtige Handwerkerinnen und Handwerker, Spezialistinnen und Spezialisten und Allrounder hervor, sondern ist Teil der österreichischen Unternehmens- und Dienstleistungsqualität. Wie beinahe in allen Bereichen der Personalentwicklung zeigt sich auch hier, dass man die Stärke und Wichtigkeit von Gewohntem und gut Funktionierendem erst realisiert, wenn es droht, verloren zu gehen. Lehrlingsproblematik Mittlerweile ist es eine Tatsache, dass der Wirtschaft zunehmend die humanen Ressourcen für ihre spezifischen Ausbildungsangebote ausgehen. Diese haben sich mit der raschen technologischen Entwicklung in allen Sparten und Sektoren in den letzten Jahren zusätzlich spezifiziert. Ebenso sind in den Branchen viele neue Berufsbilder entstanden, von welchen man als Laie oft noch nicht einmal den Namen kennt. Die Wirtschaft Österreichs ist schon längst auf dem Weg zu Handwerk und Industrie 4.0 und für die jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die hier mithalten möchten, liegt die Latte hoch. In diesem Szenarium, in dem das Profil der Besten bzw. des Besten zählt, bräuchten die Unternehmen Bewerberinnen und Bewerber mit guten schulischen Grundlagen. Durch den Mangel an geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten beginnt der Kampf um die wenigen gut vorbereiteten Jugendlichen, die nicht dem Hype in die weiterführenden Schulen folgen (wollen). Diese können sich heute den Lehrplatz aussuchen, der ihnen am besten zusagt. Das wiederum ist für die Firmen zusätzlich problematisch, weil sich eine Bewerberin/ein Bewerber meist bei mehreren Betrieben be- 3. (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt 123 wirbt. Am Ende der Rekrutierungsphase wollen viele Unternehmen dieselben Lehrlinge aufnehmen und bleiben auf den vakanten Lehrplätzen sitzen. Es geht also darum, die Lehre für (hoch)qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber zu attraktivieren. Viele Initiativen der Wirtschaft bewerben daher seit Jahren die Lehre und versuchen ihr Prestige mit Hilfe von Werbekampagnen zu heben. Die Kampagne in Abbildung 1 zeigt beispielsweise die Lehrlinge als „Überfliegerinnen“ und „Überflieger“, denen die ganze Welt offensteht. Kampagne „Attraktiver Arbeitgeber“ (Credit: kraft.dasmurtal.at; Fotos: Georg Ott go-art) Die Betriebe investieren Unsummen an monetärem und organisatorischem Einsatz, um als attraktive Arbeitgebermarke (Employerbranding) (Becker, 2013) wahrgenommen zu werden. Sie versuchen, durch Projekte und vermehrte Öffentlichkeitsarbeit auf sich aufmerksam zu machen. Doch trotz aller Bemühungen im Bereich des Em- Abb. 1: (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt 124 ployerbrandings gelingt es kaum mehr, das bestehende Angebot an Lehrplätzen mit Wunschkandidatinnen und Wunschkandidaten zu besetzen. Vor allem im ländlichen Industrieraum, wie der westlichen Obersteiermark, verstärkt sich die Problematik noch durch die Landflucht. Die Unternehmen sind dadurch mit einer ganz anderen Gruppe an Lehrlingsanwärtern konfrontiert. Qualifikationsnotstand Besteht eine Dysbalance zwischen den schulischen Voraussetzungen, die der Lehrling in die Firma mitbringt, und den tatsächlichen Anforderungen, machen sich Probleme in der Kommunikation, im Verstehen und Umsetzen von Arbeitsaufträgen oder beim Verfassen von Protokollen oder Reflexionen (z.B. im Lehrlingsbuch) bemerkbar. Der Gap zwischen den kognitiven Herausforderungen der Lehre und dem Leistungsniveau in den schulischen Grundkompetenzen wird im Betrieb, in der Zusammenarbeit mit den Ausbildnerinnen und Ausbildnern oder spätestens in der Berufsschule offensichtlich. In der Folge rückt oft der Abbruch der Lehre als einzige Lösungsmöglichkeit ins Visier. Die Lehre abzubrechen ist natürlich die denkbar schlechteste Lösung – nicht nur für den Lehrling, sondern auch für den Betrieb. Statistisch gesehen ist in den ersten drei Monaten der Lehrzeit die Gefahr, dass die Lehre abgebrochen wird, am größten. Damit das nicht passiert, versucht hier auch die öffentliche Hand zu unterstützen. So erhöhte die Wirtschaftskammer in den letzten Jahren sukzessive Fördergelder, die sie den Unternehmen für Qualifizierungen ihrer Lehrlinge zur Verfügung stellt. Diese Angebote müssen folgende Parameter erfüllen: Sie sollen ökonomisch, leistbar, alternativ und nachhaltig sein. Das bedeutet, in kürzester Zeit, mit möglichst wenig finanziellem und zeitlichem Aufwand durch ein individualisiertes Training Defizite auszugleichen und zu kompensieren. Ein wesentliches Ziel in der Ausbildungszeit der Lehrlinge ist der positive Abschluss der Berufsschulklassen. Die Einberufung in die Berufsschule fällt möglicherweise schon in die ersten Monate der Lehrzeit. Der Zeitraum für die Arbeit an den Grundkompetenzen wie Lesen oder Schreiben ist also eng. Die Wirtschaftskammer bietet mit der Initiative „Lehre.Fördern“ den Ausbildungsbetrieben zwar finanzielle Unterstützung für Basisbildungstraining, doch die Unternehmen sind bestrebt, nicht die gesamte Förderung in den ersten Wochen der Lehrzeit zu verbrauchen. Zum finanziellen, kommt auch ein zeitlicher Faktor. Vor allem zu Beginn der Lehrzeit, wenn die jungen Menschen erst ihren neuen Lebens- und Arbeitsrhythmus finden müssen, sind auch die Zeitressourcen für zusätzliches Lernen beschränkt. Unternehmen suchen deshalb nach effizienten Konzepten, die einfach und pragmatisch die Bildungsbedürfnisse der Lehrlinge abfragen und die die festgestellten Bedürfnisse anschließend mit einem Training bedienen. Es ist ein Desiderat, in dem die positive Entwicklung nicht nur erwartet, sondern vorausgesetzt wird. Im wirtschaftlichen Kontext handelt es sich um einen Dienstleistungsauftrag, mit einer konkreten, messbaren und verbindlichen Zielformulierung. (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt 125 Zur Entwicklung der funktionalen Lesekompetenz Um zu verstehen, warum die traditionellen schulischen Schrifterwerbsmodelle vielen Schülerinnen und Schülern jene umfassende Unterstützung schuldig bleiben, die sie zur Entwicklung der funktionalen Lesekompetenz, also des sinnerfassenden Lesens benötigen, ist ein kurzer sprachwissenschaftlicher Exkurs nötig. Er soll die Korrelation zwischen dem deutschen Sprachsystem und seiner Kodierung in der Schrift erklären. Prosodie Grundlage jeder Sprache ist ein Zusammenspiel von verschiedenen dynamischen Merkmalen, die eine starke (körperliche) Signalfunktion haben. In der Linguistik werden sie unter „Prosodie“ zusammengefasst. Es sind die musikalischen Elemente in den Lautäußerungen, die Sprache erst für eine Kommunikation tauglich machen: Betonte und unbetonte Elemente, die der Sprache ihren Rhythmus verleihen und zusammen mit Höhen und Tiefen die Sprachmelodie ausmachen, sowie die Pausen, jene Phasen, in denen das akustische Signal völlig ausbleibt. Diese Basismerkmale einer Sprache oder Sprachfamilie sind zuständig für die Orientierung im Sprachsystem, für seine innere Ordnung, für die spezielle Bildung der Laute und die Beziehung der Laute zueinander, für die Grammatik, den Wortschatz. Sie sind die Elemente, die der gesprochenen Sprache ihre Funktion geben, die Verständlichkeit sichern – und in der Schrift kodiert sind. Sie machen es der kompetenten Leserin / dem kompetenten Leser möglich, Muster aus der Schrift wieder in verständliche, lebendige Sprache zurück zu übersetzen. Spracherwerb Diese auffälligen Markierungen prägen nicht nur die Sprache, sondern auch die Sprecherinnen und Sprecher (Kuhl, 2010). Als „Betriebssystem“ der Sprache sind die prosodischen Merkmale gleichsam Antrieb und Orientierungshilfe im Spracherwerb. Bereits im Mutterleib wird der Mensch durch den Rhythmus und die Melodie der Muttersprache vorgeprägt. So schreien z.B. Babys im Melodieverlauf (der Kontur) ihrer Muttersprache (Mampe, Friederici, Christophe & Wermke, 2009). Im gesamten Spracherwerb vom Lallen zum Erwerb der Wortmuster, von der Grammatik zum Lexikon, ist die Prosodie das Geländer, das den Menschen leitet. Sie ist auch die Grundlage für korrekte Sprache und effiziente Kommunikationskultur, die junge Menschen beim Eintritt in das Arbeitsleben bereits kennen sollten. Fehlen diese, ist das ein Grund für Verständnisschwierigkeiten und Lernprobleme. Prosodische Defizite sind zudem persistent, das heißt, sie können sich nicht „auswachsen“, sondern können nur durch professionelles Training behoben werden. 3. (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt 126 Schrift Geschrieben mit den Buchstaben des lateinischen Alphabets, wirkt die Schrift des Deutschen auf den ersten Blick unkompliziert: ein Buchstabe – ein Laut. Dies ist jedoch eine trügerische Ansicht, denn die Laute unserer Sprache verändern sich, je nachdem mit welchen anderen Lauten sie verbunden werden. Das bedeutet, dass nicht der einzelne Laut, sondern Bündel von Lauten die wesentlichen Segmente der Sprache sind. Deshalb sind auch nicht einzelne Buchstaben, sondern Bündel von Buchstaben die wesentlichen Segmente der Schrift. Die Segmente, um die es hier geht, sind die Silben als kleinste lautliche Einheiten. In der Schrift zeigen die Silben des Deutschen, was betont und was unbetont ist und geben implizit genau jene Informationen, die wir beim Lesen brauchen, um die Lautverbindungen so aussprechen zu können, wie sie auch beim spontanen Sprechen artikuliert werden (Ergert, 2018). Neben dieser phonologischen Codierung zeigt die deutsche Schreibung einen starken Bezug zum Wortstamm und den morphologischen Markierungen wie Vor- und Nachsilben, grammatikalischen Endungen, Komposita usw. (Ehlich, Bredel, & Reich, 2008). Diese komplexe doppelte Verschlüsselung müssen Lernende knacken, um Schrift in funktional richtige Sprache zurück übersetzen zu können. Die Funktionalität – also die kommunikative Verwendbarkeit – ergibt sich aus der Segmentierung der Schriftzeichen auf Wort-, Satz- und Textebene. Diese Fertigkeit erkennt man in der korrekten prosodischen Interpretation, der Atemökonomie und Sprechenergie, der Kontur mit der richtigen Betonung und Melodiebewegung und natürlich der Pausensetzung. Leserinnen und Leser, die als „kompetent“ gelten, sind in der Lage, Texte vorausschauend zu segmentieren und rhetorische Akzente zu setzen, die die Aufmerksamkeit der Hörerin bzw. des Hörers fokussieren. Kompetente Leserinnen und Leser verfügen auch beim leisen Lesen über dieselbe Fertigkeit Texte, Sätze, Wortgruppen und Wörter zu gliedern und – gemäß ihrer semantischen und grammatikalischen Zusammenhänge – zu interpretieren. Unsicherheiten in diesen elementaren Punkten spiegeln sich in Ausdrucksdefiziten und einer Leseschwäche der Lehrlinge wider, deren Korrektur nur durch gezieltes, therapieähnliches Training möglich ist. Die Problematik in der Entwicklung dieser funktionalen Lesekompetenz liegt darin, dass der Leselernprozess viel zu früh als abgeschlossen betrachtet wird. Die Fähigkeit, Buchstaben zu erkennen und zu Wörtern zusammenzuziehen oder auch Sätze zu lesen, ohne ihnen „Leben einzuhauchen“, bedeutet nämlich noch nicht, lesen zu können. Richtig lesen kann, wer prosodisch richtig liest. Dann wird das Lesen auch nicht mehr als anstrengende Arbeit empfunden und ein Nicht-Lesen von Geschriebenem ist nicht mehr möglich. Die Fehler im schulischen System liegen also vorrangig in der fehlenden Erklärung der Schriftkodierung auf Wort- und Satzebene und in der fehlenden Anleitung zum prosodisch richtigen Vorlesen. Damit Sprecherinnen und Sprecher anderer Muttersprachen das Schriftsystem des Deutschen überhaupt richtig verstehen können, müssen sie die Prosodie der neuen Sprache erst grundsätzlich lernen. (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt 127 Der gängigste und gleichzeitig fatalste Fehler aber ist der zu frühe Abbruch konsequenten Übens. Lesen lernen heißt, eine Technik zu erwerben, die sich an Codierungsmustern (Patterns) orientiert. Das braucht Training bis zur Automatisierung, bis zum Erlangen der wirklichen Kompetenz. Wenn dieses Training zu früh beendet wird, kann die erworbene Fertigkeit wieder regressieren und die Lernenden fallen sogar bis auf die Alphabetisierungsstufe zurück. So gibt es Lehrlinge, die laut Notengebung im Zeugnis über ausreichende Lesekompetenz verfügen sollten, sich in einer Überprüfung aber als Leseanfängerinnen bzw. Leseanfänger herausstellen. Praktische Anwendung in Testverfahren und Trainingsmaßnahmen Für den therapeutischen Bereich eröffnen diese Erkenntnisse einen sehr einfachen und pragmatischen Ansatz: Erstens ist die Überprüfung, wie gut prosodisch korrektes Lesen beherrscht wird, gleichzeitig ein Indikator dafür, wie weit das funktional richtige Lesen entwickelt ist. Diese Überprüfung kann prinzipiell mit jedem – für den Probanden neuen – Text durchgeführt werden. In der Linguistik wird hierfür häufig der Text „Nordwind und Sonne“ verwendet. Im Zuge des Forschungsprojektes in Südtiroler Grund- und Mittelschulen haben wir eine Überprüfungsmöglichkeit erforscht, die Lehrenden in einfachster Weise Aufschluss über die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler gibt (Ergert, 2016). Die einzige Voraussetzung zur Durchführung des Tests ist, dass die Lehrenden über die prosodischen Markierungen in der deutschen Sprache und Schrift Bescheid wissen. In der Testsituation liest die Lernende bzw. der Lernende den Text laut vor. Dabei wird eine Audioaufnahme gemacht, die anschließend nach verschiedenen makroprosodischen und mikroprosodischen Kriterien beurteilt wird. Erstere betreffen zum Beispiel die Atmung. Sie lässt Rückschlüsse darauf zu, ob der Textabschnitt vorausschauend erfasst wird, denn die richtige Atmung resultiert daraus, dass das Gehirn antizipiert, wie viel Luft notwendig ist und mit wie viel Energie gesprochen wird, damit bis zur gesetzten Pausenmarkierung gelesen werden kann. Makroprosodisch bewertet werden auch die Kontur im Satz, das Erkennen und Betonen des wichtigsten Wortteiles (Fokuswortes), die Pausen oder das Role-Taking in den Dialogen usw. (Gilbert, 2008). Zu den mikroprosodischen Markierungen zählen Wortakzente, die korrekte Reduktion von unbetonten Silben, die Aussprache der richtigen Vokalqualität (z.B. Rate versus Ratte) oder aber auch falsche oder fehlende Interpretation von Schriftzeichen. Die Auswertung gibt Aufschluss darüber, auf welcher Progressionsebene die Probandinnen und Probanden stehen. Viele Fehler in der Mikroprosodie zeigen eine sehr niedrige Kompetenzstufe, die ein Training auf Silben- und Morphemebene notwendig macht. Verstöße gegen die Makroprosodie dagegen weisen darauf hin, dass an der Durchgliederung von Sätzen gearbeitet werden muss. Da man davon ausgehen kann, dass die Entwicklung der Lesekompetenz einer kohärenten Progression folgt, ist das Erstellen von Trainingsplänen relativ unaufwändig. Diese Progression geht von der phonologischen (Silbe) zur morphologischen Kodierung (Wort), dann zu syntaktischen Anhaltspunkten (z.B. der Nominalgruppe mit 4. (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt 128 dem groß geschriebenen Wort an der letzten Stelle). Die Beachtung von Satz- und Redezeichen, die intonatorische Interpretation von verschiedenen Figuren und Sprechern im Text, der Ausdruck von Emotionen und das Anpassen des Sprechtempos und des Atemdrucks sind die weiteren Entwicklungsschritte. Für angehende Lehrlinge zur Vorbereitung auf die Lehrzeit in allen Branchen findet dieser Ansatz praktische Anwendung in den PREP-Days. In einem dreitägigen Training stellen sich die Lehrlinge neuen Aufgaben und müssen dabei zuhören, nachfragen, mitdenken, rechnen, schreiben, aktiv sein, lernen, sowie miteinander und lösungsorientiert arbeiten. Das Besondere an dieser Intervention ist, dass neben einem Training in der Natur, in dem persönlicher Einsatz, Selbstverantwortung und Teamgeist im Mittelpunkt stehen, gleichzeitig auch ein etwaiger „Reparaturbedarf “ schulischer Grundkenntnisse erhoben wird. So sind die PREParation-Days in gewisser Weise auch „REParation-Days“. Die Leistungsfeststellung geschieht während der Trainingstage, in der die jungen Lehrlinge auf ihre Basiskompetenzen in Lesen, Rechnen und Schreiben getestet und beobachtet werden. Sie müssen in der Umsetzung von praktischen Aufgabenstellungen zeigen, wie gut sie ihr schulisches Wissen im Alltag nutzen können. Das Trainingskonzept der PREP-Days ermöglicht, auch Lehrlinge zu fördern, die einen verhältnismäßig großen Nachholbedarf in ihrer Lesekompetenz haben, sodass sie im Betrieb rasch in der Lage sind, schriftliche Arbeitsaufträge und Arbeitsunterlagen besser lesen und verstehen zu können. Ein positiver Nebeneffekt des sehr stringenten Trainings ist, dass meist die gesamte Arbeitsweise der Jugendlichen strukturierter wird. Durch die Auseinandersetzung mit Sprache und Schrift verbessert sich ihre mündliche und schriftliche Kommunikationsfähigkeit. Für die jungen Menschen wird damit die Grundlage gelegt, nicht nur in der Berufsschule dem Unterricht positiv folgen zu können, sondern auch in allen anderen Bereichen in der Arbeitswelt erfolgreich zu sein. Literatur Becker, M. (2013). Personalentwicklung, Bildung, Förderung und Organisationsentwicklung in Theorie und Praxis (6. Aufl.). Stuttgart: Schäffer-Poeschel. Ehlich, K., Bredel, U., & Reich, H. (Hrsg.). (2008). Referenzrahmen zur altersspezifischen Sprachaneignung. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung. Ergert, M. (2018). Alphabetisierung – Mit der Schrift die Sprache lernen. Lehrerhandbuch. Wien: IDEUM Publishing. Ergert, M. (2016). Prosodie – Schlüssel zur Rechtschreibung. Neue Wege des Schrifterwerbs. In J. Drumbl (Hrsg.), IDT 2013: Sprachenvielfalt und Sprachenpolitik (Bd. 8, S. 67-98). Von pro.unibz.it/library/bupress/publications/fulltext/9788860460929.pdf abgerufen. Ergert, M. (2012). Prosodie & Didaktik Neue Ansätze für erfolgreichen Sprach- und Schrifterwerbs (Aufsatzsammlung). Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren. Ergert, M. (2011). Der Schlüssel zur Schrift: Neue Erkenntnisse zum Thema Lesen. In P. Schlögl, R. Wieser, & K. Dér (Hrsg.), Kalypso und der Schlosser – Basisbildung als Abenteuer im Land des Wissens und Könnens (S. 111-130). Wien: LIT. (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt 129 Mampe, B., Friederici, A.D., Christophe, A., & Wermke, K. (5. November 2009). Newborns’ cry melody is shaped by their native language. Deutsche Zusammenfassung abgerufen am 12. Februar 2018 von Max-Planck-Gesellschaft: https://www.mpg.de/572636/pressemitteilung20091105 Gilbert, J. (2008). Teaching Pronunciation, Using the Prosody Pyramid. New York: Cambridge University Press. Kuhl, P. (2010). The linguistic genius of babies [Videoclip]. Abgerufen am 21. Jänner 2018 von https:/ /www.ted.com/talks/patricia_kuhl_the_linguistic_genius_of_babies (P)REParation-Days: Lehrlingscoaching an der Nahtstelle zwischen Schule und Arbeitswelt 130

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Zusammenfassung

Dieser Sammelband mit Beiträgen aus Österreich und Deutschland thematisiert die Förderung von Lesekompetenz von Jugendlichen in Ausbildung. In Grundlagenbeiträgen wird der Frage nachgegangen, wie eine wirksame Förderung der Lesekompetenz und Lesemotivation aussehen kann, und wie Instrumente zur Lesediagnose (im Unterricht) eingesetzt werden können. Die Bedeutung von Lesekompetenz für die Bewältigung betrieblicher Anforderungssituationen wird anhand von Ergebnissen zweier qualitativer Studien diskutiert. Impulse und Vorgaben der Bildungspolitik stehen in einem weiteren Beitrag im Fokus. Im zweiten Teil werden konkrete, praxisnahe Ansätze im schulischen und außerschulischen Kontext, unterlegt mit empirischen Befunden, vorgestellt. Sechs reflektierte Praxisberichte von Lehrerinnen und Lehrern an Berufsschulen sowie berufsbildenden mittleren und höheren Schulen komplementieren den Sammelband und veranschaulichen, dass eine regelmäßige Förderung der Lesekompetenz als ein integraler Bestandteil des Unterrichts in allen Fachbereichen möglich ist.