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Vorwort des Herausgebers in:

Zeynep Arslan

Demokratisierung durch Selbstermächtigung, page 9 - 10

Zum Empowerment alevitischer Frauen* in der Türkei und in der Diaspora

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4163-5, ISBN online: 978-3-8288-7041-3, https://doi.org/10.5771/9783828870413-9

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
9 Vorwort des Herausgebers Die vorliegende Arbeit über die Rolle von Frauen in der alevitischen Religionsgemeinschaft ist in mehrfacher Hinsicht eine Pionierleistung. Die Autorin, die bereits in ihrer Dissertation über die unterschiedlichen Glaubensvorstellungen der Alevitinnen in vielerlei Hinsicht ein neues Feld beschritt („Eine religiöse Ethnie mit Multi-Identitäten. Die europäischanatolischen Alevit_Innen auf dem Weg zur Institutionalisierung ihres Glaubenssystems“, LIT: Münster u.a. 2016) beschäftigt sich hier mit einem Thema, das bisher ebenso wie die alevitischen Glaubensvorstellungen weitgehend tabuisiert bzw. nicht öffentlich diskutiert wurde. Gerade in der Gegenüberstellung zum sunnitischen Islam haben sich die verschiedenen Ausprägungen des Alevitentums immer wieder selbst als eine Religion definiert, in der Frauen gleichberechtigt seien. Festgemacht wurde dies vornehmlich an dem Faktum, dass alevitische Frauen in der Regel keinen Schleier tragen und bei den religiösen Zeremonien partizipieren können. Die Verfasserin stellt das in mehrfacher Hinsicht in Frage. Nicht nur, weil sunnitische Frauen keineswegs allesamt verschleiert sind und es durchaus auch in bestimmtem Maß Möglichkeiten der Partizipation an religiösen Zeremonien im sunnitischen Islam gibt, sondern auch, weil bei genauerem Erforschen die Rolle der Frauen bei den Aleviten keineswegs so stark von der Rolle der Frau im sunnitischen Islam differiert – weder in ihrer sozialen Stellung noch hinsichtlich der Inklusion und Partizipationsmöglichkeiten bei alevitischen Riten oder in alevitischen Organisationsstrukturen. Die Verfasserin, die selbst in verschiedenen Funktionen in alevitischen Gemeinden bzw. Verbänden tätig war, zeigt hier erstmals die Strukturen der alevitischen Gemeinden aus dem Blick der Genderthematik auf. Der Kampf für ein „Empowerment alevitischer Frauen in der Türkei und in der Diaspora“ ist insoweit ein sehr persönliches Thema, das sie als alevitische Frau existenziell betrifft. Ihr glühend-kämpferisches Bemühen darum, eine Veränderung zu bewirken ist nicht nur aus dem mit Ausrufezeichen versehenen Buchtitel „Demokratisierung durch Selbst- ermächtigung!“, sondern aus fast jeder Zeile zu entnehmen. Für eine Reihe, die sich einem religionswissenschaftlichen Ansatz verpflichtet fühlt, der vornehmlich deskriptiv-analytisch und nicht normativ geprägt ist, in dem eine gewisse methodische Distanzierung von der eigenen Prägung erforderlich ist, und die sich auch nicht dazu berufen fühlt, zu unmittelbaren Veränderungen von Gesellschaft oder von religi- 10 ösen Gruppen aufzurufen oder sie umzusetzen, ist die Aufnahme eines solchen Buches nicht unproblematisch.1 Dennoch wurde beschlossen, dieses Buch in dieser Reihe zu publizieren, weil es die seltene Gelegenheit bietet, der authentischen Stimme einer alevitischen Frau Raum zu geben und einen emischen Einblick in die sozialen Strukturen einer Religionsgemeinde zu gewähren, die noch relativ wenig erforscht ist. Die Verfasserin zeigt den inneren Diskurs in der Religionsgemeinschaft auf, der keineswegs abgeschlossen ist, sondern sich hier in westlichen Ländern erstmals formiert und etabliert. Dies betrifft nicht nur die Rolle der Frau, sondern auch die Glaubensgrundlagen, die inneren Strukturen und das Verhältnis zum Staat. Zu würdigen ist in diesem Zusammenhang, dass die Verfasserin ihre eigene Position, Betroffenheit und Einbindung in alevitische Strukturen transparent macht und reflektiert. Nicht zuletzt wurde das Buch auch in die Reihe aufgenommen, um einem Gender-Thema Raum zu geben, eine zentrale Thematik der Gegenwart, die bisher in der Reihe noch nicht behandelt wurde. Der Herausgeber und die Herausgeberin bemühen sich, dass noch weitere Gender- Studien folgen, insbesondere zur Rolle der Geschlechter in religiösen Minderheiten. Wien, im Juli 2018 Wolfram Reiss 1 Vgl. die Ausführungen in Band 1 der Reihe: Die Anwendungsorientierte Religionwissenschaft sollte „nicht selbst zur Akteurin werden. Sie kann nur sachgerechten Entscheidungen in Politik, Gesellschaft, Religionsgemeinschaften und Institutionen beratend zur Seite stehen. Es ist weder ihre Aufgabe in das Forschungsfeld unmittelbar einzugreifen noch sich hohe Ziele zu setzen, die wissenschaftstheoretisch nicht haltbar sind oder außerhalb ihrer Macht und ihres Einflussbereichs stehen. Aus diesem Grund wird hier der Begriff ‚anwendungsorientierte Religionswissenschaft’ den Begriffen ‚angewandte’ oder ‚praktische Religionswissenschaft’ vorgezogen. Sie wendet gerade nicht an, kümmert sich nicht um die Vermittlung von theologischen Inhalten in eine Religionsgemeinschaft, sondern überlässt die unmittelbare Anwendung und die Praxis anderen, bringt aber aktiv ihre Expertise zu aktuellen Fragestellungen in der Gesellschaft und Politik ein. Sie intendiert keine Weltverbesserung […], sorgt aber dafür, dass diejenigen, die sich dies zur Aufgabe gemacht haben, umfassende Informationen und Kenntnis über alternative Handlungsoptionen zu den Bereichen erhalten, die mit Religion(en) zu tun haben.” (Wolfram Reiss: Zur Einleitung der Reihe “Anwendugnsorientierte Religionswissenschaft” in: Thomas Schönberger: Der Islam im Öffentlichen Bewusstsein Tectum: Marburg 2012, 8).

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Zusammenfassung

Die alevitische Lehre propagiert den Grundsatz der Gleichheit der Geschlechter, und die alevitischen Frauen* sind sichtbar, allerdings haben sie in der Praxis keine gesellschaftspolitische Entscheidungs- und Gestaltungsmacht. Der vorliegende Band plädiert für die Entwicklung eines differenzfeministischen Ansatzes, um zunächst mit der Illusion über die Existenz der Gleichberechtigung der Geschlechter in den alevitischen Gesellschaftsgruppen zu brechen. Sechs Expert*inneninterviews zeigen, dass ein relevantes Bewusstsein für die organisierte Forderung von Gleichberechtigung nicht besteht. Zeynep Arslan zeigt Handlungsoptionen zur gemeinsamen Ausgestaltung heterogen (intersektional) geteilter Lebensräume auf. Dabei geht sie auch auf das immense demokratie- und friedenspolitische Potenzial der alevitischen Frauen* ein und verweist auf einen vorbildlichen Weg, mit den gesellschaftlichen Herausforderungen der neoliberalen Globalisierung konstruktiv umzugehen. Vor dem Hintergrund zunehmender globaler Konflikte und Herausforderungen bietet das Buch wichtige Ansätze zum Empowerment von Frauen* und demokratischer Alternativen.