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4 Schlussbetrachtungen und Ausblick in:

Zeynep Arslan

Demokratisierung durch Selbstermächtigung, page 195 - 210

Zum Empowerment alevitischer Frauen* in der Türkei und in der Diaspora

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4163-5, ISBN online: 978-3-8288-7041-3, https://doi.org/10.5771/9783828870413-195

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
195 versucht wird und wenn zum Beispiel, auf die Bedürfnisse der kurdischen und zazaischen Glaubensgeschwister wenig Rücksicht genommen wird (vgl. Arslan 2016a: 73-85, 170-172), wenn das Leid der armenischen Geschwister, die einst die Nachbar*innen der alevitischen Großeltern waren, nicht auf Empathie stößt (siehe Arslan 2016c und Arslan 2016e) oder wenn den alevitischen Frauen* wenig Möglichkeiten und ungünstigere Rahmenbedingungen für politische Mitsprache und Mitgestaltung eingeräumt werden. 4 Schlussbetrachtungen und Ausblick Der Wunsch und die Einsicht, dass sich die Situation der alevitischen Frauen* verändern sollte, sind zwar eher nur vereinzelt, aber doch vorhanden. Oft jedoch überwiegen die Themen, die nicht Frauen*, aber die alevitische Gesamtgesellschaft zum Inhalt haben. Eine organisierte Forderung der Gleichberechtigung der Geschlechter fehlt. Die Demokratisierung innerhalb der alevitischen Gesellschaft durch Selbstermächtigung, aber auch zur Selbstermächtigung alevitischer Frauen*, kann initiiert bzw. können die Rahmenbedingungen zur Gewährleistung dessen entwickelt werden. Die These ist, dass diese Demokratisierung durch Selbstermächtigung dann, im Idealfall, tatsächlich zu einer selbstermächtigten Demokratie(-sierung) in den Gesamtgesellschaften führen soll bzw. kann. Demokratisierung und Selbstermächtigung würden sich so gegenseitig bedingen. Je mehr Selbstermächtigung entwickelt wird, desto mehr würde die Demokratie bzw. würden Demokratisierungsprozesse gefördert werden; und je mehr basisdemokratische und pluralistische Demokratie gewährleistet bzw. demokratische Rahmenbedingungen ermöglicht werden, desto mehr würde das Empowerment der Menschen* und Gruppen – Frauen* wie Männer* – gefördert werden. Vorauszuschicken ist, dass nur in einer demokratisierten Türkei Menschen* unterschiedlichster Ethnizitäten, Spracheen, Glauben, Religionen, Weltanschauungen etc. und damit auch die Alevit*innen eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben ohne Sorge vor Diskriminierung, Benachteiligung oder gar vor neuen Massakern hätten. Aber auch nur in einer demokratisierten alevitischen Gesellschaft hätten der Pluralismus und die Heterogenität der Alevit*innentümer selbst eine Chance auf ein friedliches Zusammensein bzw. Agieren im Hinblick auf eine basisdemokratische Systematisierung des alevitischen Glaubens. (Arslan 2017 und 2016b) Und nur in einer demokratisierten alevitischen Gesellschaft gäbe es Chancen für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Gleichzei- 196 tig würden – mit der Voraussetzung eines Selbstverständnisses darüber, dass die Demokratie die Möglichkeit ist, Vielfalt zu leben – selbstermächtigte, empowerte Menschen und Gruppen die Stärkung der Demokratie fördern. Doch bezieht sich dieses Anliegen nicht nur auf die Türkei, auch in den europäischen Staaten, in denen Vielfalt immer mehr zur gesellschaftlichen Realität wird, gilt es, die Demokratie zu stabilisieren, weiterzuentwickeln und auszubauen. Gerade die Alevit*innen, die ausgehend von ihrer Lehre propagieren, dass das Leben, also das Can – unabhängig von Kultur, Sprache, Ethnie, Geschlecht – im Zentrum aller Existenz steht, können zur Stabilisierung der pluralistischen Demokratie (Türkisch: Çoğulcu Demokrasi) und bewussten Normalisierung der Vielfalt beitragen; vorausgesetzt, sie haben die Demokratie in den eigenen Reihen etabliert und Klarheit über ihre politische Positionierung und Mission in der Gesamtgesellschaft entwickelt. Mit dem Begriff der „bewussten Normalisierung” meine ich, dass ein Bewusstsein darüber entsteht, dass sich die gesellschaftliche Zusammensetzung tatsächlich verändert und das nicht schleichend, sondern – angesichts der globalisierten Wirtschaft und damit einhergehenden zunehmenden Mobilität der Menschen – rasch und offensichtlich. Diese Veränderungen haben ihre ökonomischen, sozialen und geopolitischen Zusammenhänge. Eine bewusste Wahrnehmung dieser Entwicklungen kann entsprechend bewusste Entwicklungen von Handlungen – im Hinblick auf das Begreifen von Herausforderungen, Chancen, aber auch von Potentialen, die diese Veränderungen haben – mit sich bringen, ohne Romantisierung und ohne Problematisierung von Menschen*, von Zuwander*innen, von Flüchtlingen etc. Der Schriftsteller Max Frisch sagte einst „Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen*” (1965). Heute kommen Flüchtlinge und es sind Menschen* mit neuen Potentialen und Herausforderungen für die europäischen Gesellschaften. Eine selbstermächtigte Demokratie(sierung), in der Entscheidungen und Verantwortungen nicht vollkommen an eine Repräsentanz abgegeben werden, bedingt eine starke Bewusstseinsbildung über das eigene und gemeinsame Sein in der Gesellschaft und im Weltsystem. Zum Beispiel könnten unter den Rahmenbedingungen einer „selbstermächtigten Demokratie“ die Wähler*innen, die ein entsprechendes Demokratieverst- ändnis entwickelt haben, ihre abgegebenen Stimmen verantworten und einschreiten, sobald das Allgemeinwohl angegriffen wird. Ebenso müssten sie sich nicht dazu gezwungen fühlen, zwischen den angebotenen 197 Kandidat*innen zu wählen. Sie könnten sich bemühen über die Aufstellung von wählbaren Kandidat*innen mitzuentscheiden. Damit könnten sie die politischen Entscheidungs- und Handlungsprozesse in der Gesellschaft mittragen. Das Instrument des vereinzelten Nicht-Wählens als Protest ist nur für die Verschiebung der Stimmen nützlich und verändert nichts an den Macht- und Entscheidungsmechanismen. Diese oft angewendete Protesthandlung hat nicht jenen Effekt, den ein „organisiertes, gezieltes, politisiertes, verantwortliches und freiwilliges Wählen“ hätte, mit der Verantwortung und Freiwilligkeit zu entscheiden, selbst(ermächtigt) über „Richtig“ und „Falsch“ zu bestimmen. Charles Taylor schreibt in seinem Buch „Das Unbehagen an der Moderne“ (1991) über den falsch verstandenen Individualismus und eigennutzenorientiertes Verschieben von Entscheidung zwischen „Richtig“ und „Falsch“. Dabei ist es mittel- bis langfristig nicht möglich, dass es manchen gut geht und manchen anderen schlechter in einem Weltsystem, das in Wirklichkeit ein gemeinsamer Organismus ist. Spätestens die aus dem Gleichgewicht geratene Ökologie wird entsprechend reagieren. Insofern fasst er zusammen: „Die Herausforderung, vor der wir stehen, ist eigentlich die: Wir müssen eine Reihe von Verfahrensweisen, die zwar zusammen notwendig sind für eine freie und gedeihende Gesellschaft, die aber zugleich Tendenz haben, einander zu behindern, derart unter einen Hut bringen, daß die eigenen Absichten nicht vereitelt werden. Die gemeinten Verfahren betreffen Marktallokationen, staatliche Planung, kollektive Bedürfnisversorgung, Schutz der Rechte des einzelnen sowie leistungsfähige demokratische Initiativ- und Kontrollmaßnahmen. […] Den Markt können wir nicht abschaffen, aber ebensowenig sind wir imstande, uns ausschließlich durch Märkte zu organisieren“. (Taylor 1991: 123) Er schreibt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Markt und dem Staat gibt und, dass es niemals eine „endgültige Lösung“ geben kann, läge in der Natur der Sache, doch „(d)ie Leistungsfähigkeit des Marktes kann durch wohlfahrtsstaatliche Kollektivvorsorge gedämpft werden“ (S. 124). Die allgemeine Gefahr liegt laut Taylor aber nicht in der Situation, dass Menschen*gruppen und Völker Staat und Markt mit Ohnmacht gegenüberstehen, sondern viel mehr darin, dass diese untereinander dermaßen fragmentiert (ent-solidarisiert) sind, dass sie „immer weniger imstande (sind), sich einen gemeinsamen Zweck zu setzen und diesen zu erfüllen. (S. 125). Er schreibt: „Zur Fragementierung kommt es dann, wenn sich die Menschen in immer höherem Maße atomistisch (ich-bezogener Individualismus und Authenzitität; Anm. Z.A.) sehen und, anders formuliert, immer weniger 198 spüren (Empathiemangel; bei Taylor: Sympathie; Anm. Z.A.), daß sie durch gemeinsame Vorhaben und Loyalitäten an ihre Mitbürger gebunden sind. […] Zunehmend stellt sich das Gefühl ein, die Wählerschaft als ganze sei dem staatlichen Leviathan schutzlos ausgeliefert. […] Die ohnehin schon schwindende Sympathie für andere wird durch den Mangel an gemeinsamem Handlungserleben weiter geschwächt, und ein Gefühl der Aussichtslosigkeit erweckt den Eindruck, der bloße Versuch sei Zeitvergeudung. Aber dadurch wird die Sache natürlich wirklich aussichtslos, und so kommt ein Circulus vitiosus (Teufelskreis; Anm. Z.A.) zustande“. (S. 126) In seinem Buch „Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie“ (2002) führt Charles Taylor seine Ideen zum Thema Individuum und Gesellschaft in der Moderne und Herausforderungen unserer Zeit detaillierter aus. Zur aktuellen Situation der Demokratie schreibt er: „[…], in einer funktionierenden Demokratie können nicht Zielsetzungen individuell sein […] Die Existenz des Gemeinwesens als solches samt seinen Gesetzen muß ein Gut darstellen, das respektiert und gepflegt wird. In diesem Licht läßt sich die in großen Demokratien zu beobachtende Entfremdung der Bürger von ihrem Gemeinwesen, die sich darin äußert, daß sie ihre Ziele tatsächlich als individuelle setzen und ein instrumentelles Verhältnis zur Gesellschaft haben, als parasitäres Phänomen verstehen“. (Taylor 2002: 16) Die Dimensionen der Begegnung verschiedenster Menschen* aus den unterschiedlichsten Regionen – vor allem Krisenregionen – der Welt sind vielfältig. Es könnten Voraussetzungen und Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Menschen* als Welt-Bürger*innen verstehen (Idee eines Weltbürger*innentum); dass das Weltsystem ein einziger gesamter Organismus ist und, dass Dinge, die zum Beispiel im Mittleren Osten passieren, sich nicht unabhängig von unserer eigenen Verantwortung ereignen. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass die Menschen* im globalen Westen ihre eigenen Lebensrealitäten und peripheren Zonen haben. Die Asymmetrien und Hierarchien, Einschließungs- und Ausschließungspraxen setzen sich im aktuellen Welt(wirtschafts)system in allen Dimensionen durch. Es sollten daher Möglichkeiten entwickelt werden, um klarzumachen, dass „wir“ im globalen Norden trotz allem bessere Voraussetzungen für Anti-Kriegs- und Pro-Solidaritäts-Aktionen haben. Schließlich sind es die Länder des globalen Nordens, die die Waffenlieferungen machen und dirigieren. Gleichzeitig muss Klarheit dar- über herrschen, dass es nicht zu romantisieren, aber auch nicht zu problematisieren ist, dass hier unterschiedliche Kulturen, Menschen*, Sprachen, Religionen, Weltanschauungen, psychologische und andere ge- 199 sundheitliche Situationen (z.B. Traumata) aufeinander treffen, die nicht ohne Herausforderungen und Konflikte – und zwar von allen Seiten – Aufnahme- und (Neu-)Zuwander*innengesellschaft – bewältigt werden können. Die gesellschaftliche Zusammensetzung verändert sich in jeder Hinsicht und diese Veränderung verlangt neue politische Instrumente und Strategien zur Gewährleistung des friedlichen Zusammenlebens, zur Betonung der g e m e i n s a m e n Werte für dieses friedliche Zusammenleben. Taylor schreibt hierzu: „Da die durch demokratisches Handeln herbeigeführte Setzung eines wirksamen Gemeinschaftszwecks die einzige Maßnahme ist, die gegen die im Markt und im bürokratischen Staatswesen angelegte Tendenz zum Atomismus und zum Instrumentalismus (nutzenorientierte Verhältnisse; Anm. Z.A.) etwas ausrichten kann, beraubt uns die Fragementierung im Grunde der Fähigkeit, dieser Tendenz Widerstand entgegenzusetzen. Mit dem Verlust der Fähigkeit, politisch wirksame Mehrheiten zu bilden, verhält es sich so, als käme einem mitten im Fluß das Ruder abhanden. […] Erfolgreiches gemeinsames Handeln kann ein Gefühl gesteigerter Macht auslösen und zugleich die Identifikation mit der politischen Gemeinschaft stärken“. (Taylor 1991: 132-133) Die Instrumentarien Meinungsmache und –manipulation durch die Medien sind immens. Daher ist es notwendig, Entwicklungen von unten hinauf in die komplexen Strukturen zu forcieren. Wir brauchen demokratische Freiräume für pluralistische Diskussionen und solidarische, aber auch empathische Wissensproduktionen und gemeinsame Entscheidungen, die darauf basieren. Die Demokratie funktioniert derzeit asymmetrisch im Sinne der mächtigen Entscheidungsträger*innen von oben nach unten. Sie kann und soll aber auch anders funktionieren und dazu braucht es eine gesellschaftliche Selbstermächtigung. Diese Selbstermächtigung verlangt die Entwicklung von Eigenverantwortung (Türkisch: Öz-irade) für das eigene und unser Sein in der Welt. Im Türkischen gibt es ein Sprichwort, das auf die Moral und Ethik des mensch*lichen Daseins hinweist „Bir göz ağlarken, diğer göz gülmez“ (Deutsch: Das eine Auge kann nicht lachen, wenn das andere Auge weint). Es stellt sich die Frage, wie lange es uns noch gut gehen kann, wenn es anderen in dieser Welt schlecht geht und die Flüchtlinge* sind nun hier und mit uns. Mein Ausgangspunkt war, dass die alevitischen Frauen* in der europäischen Diaspora tendenziell die besseren Voraussetzungen haben, sich zunächst für die Aufhebung der Ungleichberechtigung und Ungleichheit zwischen den Geschlechtern organisiert einzusetzen. Es ist ersichtlich, 200 und für die Alevit*innen klar, dass die alevitische Bewegung in der europäischen Diaspora einen positiven und motivierenden Effekt auf die Alevit*innen in der Türkei hatte bzw. hat. (Arslan 2016b) Wichtig ist nur, nicht den gleichen Fehler zu begehen wie die alevitischen Organisationen, nämlich zu denken, dass die westliche Diaspora fortschrittlicher ist und besser weiß, wie im ursprünglichen Herkunfts- land Türkei zu handeln ist. Gleichzeitig ist es wichtig zu erkennen, dass die Rahmenbedingungen und Umstände in der Türkei ganz andere sind als in den europäischen Staaten. Diese äußeren Umstände erfordern unterschiedliche Handlungsstrategien, was unter anderem bedeutet, dass es nicht einfach möglich sein wird, sich in der Türkei als Alevit*in als Nicht-Muslim*in zu deklarieren, wie dies unter den demokratische(re)n Voraussetzungen in der europäischen Diaspora seit Beginn der Anerkennungsbemühungen als Religionsgesellschaft und besonders mit der Anerkennung des islamischen Alevitentums in Österreich vonseiten der islam-kritischen Alevit*innen der Fall ist (Arslan 2016b). Die Uneinigkeiten und Diskrepanzen bezüglich der Glaubensinterpretationen und Definitionen der Alevit*innentümer werden – wie es scheint – noch eine geraume Zeit fortwirken. Eine ethnisierte Glaubensgemeinschaft, die erst seit ungefähr dreißig Jahren kommuniziert, redet, sich artikuliert, sich selbst neu entdeckt, neue Fragen erkennt etc. wird die (wissenschaftliche) Systematisierung ihres bis dato mündlich tradierten und transmittierten Glaubens nicht so schnell schaffen. Dazu braucht es eine interdisziplinäre Forschungsorganisation, welche die Alevit- *innentümer von mehreren verschiedenen interdependenten Ebenen aus erfasst. Allerdings drängen die politischen Umstände, insbesondere in der Türkei unter dem islamo-kemalistischen AKP-Regime, aber auch die gesellschaftliche Polarisierung in Kultur und Religion in der europäischen Diaspora dazu, sich politisch klar zu positionieren. Die alevitischen Initiativen haben bis dato versucht zu überleben, indem sie sich (strategisch) an politische Akteur*innen angehängt haben, von denen sie glaubten, diese würden ihnen zumindest nicht schaden und sie eher in Frieden lassen. Zuletzt haben, insbesondere die alevitischen Organisationen in den europäischen Staaten (und auch jene in der Türkei), sich im Sinne der Etablierung einer Demokratie in der Türkei mit der pro-kurdischen HDP solidarisiert und neue Hoffnungen geschöpft. Nachdem auch die HDP vom Regime des Recep Tayyip Erdoğan in die 201 Enge getrieben wird193, stehen die alevitischen Organisationen nach wie vor orientierungslos da und verlieren und verirren sich abermals in Solidaritätsaktionen mit ihren ehemaligen Unterdrücker*innen – der kemalistischen CHP. Diese inszeniert sich nun, im politischen Kontext einer islamo-kemalistischen AKP als (Sozial-)Demokrat*in. Grob genommen scheinen also nach wie vor zwei Pole – islamischer Nationalismus einerseits und ethnischer Nationalismus andererseits – zu existieren, die in Wirklichkeit keine Pole sind, sondern Politik mit kemalistisch(-islamischem) Diskurs (CHP) und Politik mit neoliberal-islamisch(kemalistischem) Diskurs (AKP), zwischen denen die Gesellschaft in der Türkei seit den 1980er Jahren fortlaufend hin- und herpendelt. Mit der Machtetablierung der AKP nach ihrer dritten Wahl zur Regierungspartei (Parlamentswahlen vom 01.11.2015) scheint eine Fusionierung der beiden Diskurse stattgefunden zu haben und wir können heute meines Erachtens von einem Islamo-Kemalismus reden. Der sunnitische Islam und der Kemalismus in der Türkei gingen seit jeher Hand in Hand. Durch die AKP kam es zu einem Machtwechsel von den sunnitischen Kemalist*innen zu den kemalistischen Sunnit*innen. Der Staat, der bis 2002 durch den kemalistischen Diskurs dominiert und bestimmt war, wurde durch den islam(ist)ischen Diskurs abgelöst und das neue Regime säuberte alle staatlichen Entscheidungsgremien von den Kemalist*innen. In beiden Fällen, kemalistisch und islam(ist)isch bleibt das Paradigma gleich, nämlich: „Türk-Türkisch-Sunnitisch-Islam“. So, wie die Kemalist*innen den sunnitischen Islam, der in der Bevölkerung tief und breit verankert ist, jahrzehntelang nicht beseitigen konnten, kann die AKP heute die kemalistischen Werte, die in der Bevölkerung ebenso breit verankert und tabuisiert sind, nicht gänzlich eliminieren. Nichtsdestotrotz handelt es sich um zwei Diskurse, die homogenisierend und vereinnahmend sind und letztendlich geht es um die Frage: Wer hat das Sagen im Land? Gleichzeitig wächst im Zuge der globalen wirtschaftlichen Entwicklungen der Kapitalismus. Der Neoliberalismus ist eine Folge der logischen Entwicklung des Kapitalismus und der kapitalistischen Weltökonomie. Die Weltwirtschaft ist interdependenter, ineinander verwobener und voneinander abhängiger denn je. Angesichts der rasant entwickelnden Informationstechnologien 193 Zu den Verhaftungen der Abgeordneten* der HDP seit dem 31.10.2016 und zu ihrem Ausschluss aus den politischen Entscheidungsprozessen seit den letzten Parlamentswahlen vom 01.11.2015: Anadolu Ajansı im Online Newsportal NTV (31.10.2016). 202 und der damit zusammenhängenden Ausweitung der Möglichkeiten und Instrumente der Manipulation haben sich die Achsen und Dimensionen der Macht verschoben und gesteigert. Die Dimensionen und Ausmaße des Kapitalismus haben sich ausgeweitet, sodass periphere und oppositionelle Abweichungen in den Zentren der Macht meist absorbiert werden. Viele NGOs und Alternativbewegungen fungieren technokratisch als verlängerte Arme von Staaten. Erneut werden Ausschließungsund Einschließungspraxen, Polarisierungen entlang der religiösen Identitäten getätigt, sodass wir heute Zeug*innen einer Re-Religionisierung der Weltgesellschaft werden, bei gleichzeitigem Erstarken des Neoliberalismus. 2001 interviewten die beiden Akademiker*innen Christoph Cox und Molly Whalen den Philosophen* und Aktivisten* Alain Badiou zu seinem 1993 erschienen Buch “Ethics: An Essay on the Understanding of Evil“ (Badiou 2001). In diesem Interview macht Badiou folgende Aussage: ”We live in a contradiction: a brutal state of affairs, profoundly inegalitarian—where all existence is evaluated in terms of money alone–is presented to us as ideal. To justify their conservatism, the partisans of the established order cannot really call it ideal or wonderful. So instead, they have decided to say that all the rest is horrible. Sure, they say, we may not live in a condition of perfect goodness. But we’re lucky that we don’t live in a condition of evil. Our democracy is not perfect. But it’s better than the bloody dictatorships. Capitalism is unjust. But it’s not criminal like Stalinism. We let millions of Africans die of AIDS, but we don’t make racist nationalist declarations like Milosevic. We kill Iraqis with our airplanes, but we don’t cut their throats with machetes like they do in Rwanda, etc.“ (Badiou 2001) Der Schriftsteller* und Theoretiker* Mark Fisher schreibt in seinem Buch „kapitalistischer realismus ohne alternative?“: „Die Grenzen des Kapitalismus sind nicht per Anordnung fixiert, sondern werden pragmatisch und improvisatorisch definiert (und redefiniert). So erinnert der Kapitalismus ein wenig an […] eine monströse, unendlich formbare Entität, die fähig ist, alles zu absorbieren und zu verdauen, mit dem sie in Kontakt kommt. Das Kapital, so Deleuze und Guattari, ist ein »kunterbuntes Gemälde« […] von allem, was jemals war; ein merkwürdiges Hybrid aus dem Ultra-Modernen und dem Archaischen. Seitdem Deleuze und Guattari die beiden Bände von Kapitalismus und Schizophrenie geschrieben haben, scheinen sich die deterritorialisierenden Impulse des Kapitalismus auf den Finanzsektor beschränkt zu haben, wohingegen die Kultur von den Kräften der Reterritorialisierung beherrscht wird“. (Fisher 2017: 12-13) 203 Festzustellen ist also eine Re-Religionisierung bzw. (auf kultureller und ethnischer Basis definierte) Re-Nationalisierung als eine Reaktion auf den stärker werdenden und wachsenden Kapitalismus, wobei sich beide im Endeffekt wechselseitig stärken.194 Beide funktionieren gut zusammen und stützen einander, denn beide bauen auf Hierarchie, Macht, aber auch auf Fragmentierung auf. Abbildung 4 Ähnlich wie Deleuze und Guattari (1977) argumentiert auch Mark Fisher (2017), dass der Neokonservatismus und der Neoliberalismus zusammenarbeiten (S. 72) und, dass die Menschen* im Neoliberalismus mehr als Konsument*innen funktionieren als Bürger*innen und er* appelliert am Ende des sechsten Kapitels in seinem Buch: „Die Beschwörung des Gedankens, dass »es keine Alternative gibt« und die Empfehlung, »smarter, nicht härter« zu arbeiten, zeigt wie der kapitalistische Realismus den Umgangston für Arbeitskämpfe im Postfordismus setzt. Das Regime der Inspektionen zu beenden, scheint unmöglicher als der Sklaverei zu entkommen, wie ein Dozent einmal sarkastisch anmerkte. Ein solcher Fatalismus kann nur bekämpft werden, wenn ein neues (kollektiv) politischen Subjekts entsteht“. (S. 64) Jede Anti-Bewegung, die auf Solidarität, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit; auf Menschen*rechte aufbaut, spricht eine andere Sprache. 194 Dr.in Ulli Weish schulde ich besonderen Dank, da diese Idee sich in unseren Gesprächsrunden und Diskussionen erst richtig manifestiert und an Klarheit gewonnen hat. 204 Eine Sprache, die nicht aus Gründen der Machtsicherung die Dominanz einiger weniger über jene, die sich in den unteren Bereichen der Hierarchie befinden, ausspielt, konnte noch nicht entwickelt werden. In der Türkei ist zugleich eine Re-Religionisierung, konkret Schiitisierung – eigentlich eher Sunnitisierung (Taşğın 2004, 2009), da die Einflussnahme durch die Safevidendynastie im 16. Jahrhundert längst vorbei ist – der alevitischen Bevölkerung zu beobachten. Die am Anfang der Arbeit in Zusammenhang mit den Erklärungen der Cem Zusammenkünfte der Alevit*innen zum Teil geschilderten Situationen deuten auf eine Sunnitisierung hin. Gleichzeitig propagiert die staatskonforme alevitische Cem Stiftung, die in der alevitischen Gesamtgesellschaft als die Vertretung der Islamischen Alevit*innen bekannt ist, eine immer stärkere Nähe zu den Jaferi und Azeri Schiit*innen. Den Vertreter*innen dieser Richtung werden in der Fernsehsendung Cem TV viel Platz zur Propagierung ihrer Ideen eingeräumt bei gleichzeitiger Hochpreisung des türkischen Nationalismus (insofern kann auch von einer „Re- Nationalisierung“ geredet werden195). Obgleich es in Richtung einer Schiitisierung oder einer Sunnitisierung geht, – und es kann sein, dass sich hier Bevölkerungsteile in diese und jene Richtung bewegen – eine Re-Religionisierung/Re-Nationalisierung ist zu beobachten. Verschwörungstheoretisch gemeint, kann hinter der fortdauernden und nachhaltigen staats-politischen Benachteiligung der Alevit*innen in der Türkei die große Angst vor einer organisierten, oppositionellen alevitischen Bewegung liegen. Die Verhandlungen über die Veränderung der türkischen Verfassung machten erneut deutlich, dass manche Regelungen für die Alevit*innen zwar vereinbart werden können, ihre staatsrechtliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft und die Anerkennung ihrer Cem Evleri dennoch ausbleiben. Diese Sorge machte eine Erklärung des ehemaligen CHP-Bürgermeisters des Istanbuler Distrikt Kadıköy, Selami Öztürk, der in eine TV-Sendung eingeladen war, um über die Lage im Syrienkrieg öffentlich zu diskutieren, offensichtlich. Am 12. Dezember 2016 erklärte Öztürk, dass die Türkei großes Glück damit hätte, dass sich die Alevit*innen sich niemals gewehrt haben und dies bis heute nicht tun (Tageszeitung Evrensel 12.12.2016). Es gibt einige Aussagen von politischer und akademischer Seite, die seit Jahren einen 195 Zum Thema „Fundamentalismen und Herausforderungen unserer Zeit“ siehe: Yuval Davis 2011 und 1997. 205 ähnlichen Bürger*innenkrieg in der Türkei erwarten wie derzeit im benachbarten Syrien. Die Diskussion über die Dimension der Kurd*innenfrage würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen, aber zu den Alevit*innen möchte ich abschließend einige Punkte anführen. Eine organisierte politische Bewegung der Alevit*innen würde eine Art Gegenpol zur sunnitischen Mehrheit in der Gesellschaft bilden. Diese organisierte, aber in den eigenen Reihen nicht-demokratisierte alevitische Gemeinschaft, würde in einem neoliberal-kapitalistischen Weltwirtschaftssystem, das auf Hierarchien, Ausschließung- und Einschließung, Stabilisierung und Anpassung aufbaut, langfristig der Kriegslobby in die Hände spielen und ein Syrien- ähnlicher, wenn nicht schlimmerer Bürger*innenkrieg, wäre dann auch in der Türkei möglich. Insofern ist es mehr denn je notwendig, dass die Demokratisierung zunächst in den eigenen Reihen der Alevit*innen stattfindet. Die Rekonstruktion der Alevit*innentümer beruht auf der Erkenntnis dieser Gefahr der Instrumentalisierung durch geopolitische und geostrategische Interessen. Nicht in diese Falle zu tappen, liegt in der Verinnerlichung der pluralistischen, pazifistischen und humanistischen alevitischen Werte. Anders gesehen würde die AKP-Regierung, allein dadurch, dass sie ihre Cem Evleri als religiöse Gebetsstätte anerkennt, einen großen Teil der Alevit*innen ziemlich zufrieden stellen. Die Re-Religionisierung der Alevit*innen in der Türkei setzt sich derzeit einigermaßen durch, allerdings ist das eher eine schiitische Islamisierung, die eben bei einem Drittel der Gesamtbevölkerung als instrumentalisierbare Größe die Weltbühne betreten kann. So scheint also das Bewusstsein der Machthabenden darüber, dass die Alevit*innen bei staatsrechtlicher Anerkennung ihrer Cem Evleri und ihres Glaubens eher das Potential dazu hätten, sich als organisiertes Gegengewicht im Land zu entwickeln, vorhanden zu sein. Erwünscht ist daher ihre Sunnitisierung, wenn überhaupt. Wenn die Alevit*innen also nicht mehr zwischen den beiden Polen des Kemalismus und Islamismus hin- und herpendeln möchten und wie bisher stets die bessere Wahl zwischen zwei Schlechten treffen möchten, ist es, auch im Sinne der geopolitischen Dimension, an der Zeit, dass sie einen „Dritten Weg“ einschlagen. Die HDP hat dies versucht und erweckte zunächst Hoffnung in der Gesamtgesellschaft der Türkei196. Al- 196 In den Parlamentswahlen vom 07.06.2015, die dann am 01.11.2015 wiederholt wurden, erreichte die HDP knapp über 13 %. Siehe: Online secim.haberler.com. Sie war damit um einiges über der Zehnprozent-Klausel 206 lerdings wird sie seit ihrem erfolgreichen Wahlergebnis vom 7. Juli 2015, in welchem sie sogar das Vertrauen einiger vor der AKP-Macht besorgter Kemalist*innen gewann, dass sie nicht nur Kurd*innenpolitik machen würden, sondern eine pluralistische, basisdemokratische Demokratie (Türkisch: Çoğulcu ve toplumsal Demokrasi) vertreten würde, durch das AKP Regime immer mehr in die Enge getrieben und in ihren bereits davor stark begrenzten politischen Handlungsspielräumen eingeschränkt. Angesichts der Gefahr der Etablierung eines immer realer werdenden Ein-Mann*-Regimes (Türkisch: Tek Adam Rejimi) in der Person* des Recep Tayyip Erdoğan und des damit zusammenhängenden Slogans des HDP-Führers Selahattin Demirtaş: Seni başkan yaptırmayacağız! (Deutsch: Wir werden es nicht zulassen, dass du zum Präsidenten* wirst!) (Tageszeitung Cumhuriyet, 17.03.2015), wurde die HDP durch die AKP-Regierung immer mehr in die Enge getrieben und letztendlich mundtot gemacht. Zum Vertrauensbruch mit der Idee, dass die HDP keine explizite Kurd*innenpartei ist, sondern als eine Partei der Türkei (Türkisch: Türkiye Partisi) für den gesellschaftlichen Friedensschluss in der Türkei ihren Weg weiterzugehen sich anschickte (2012), kam es unter anderem im Zuge der Uneinigkeiten innerhalb der kurdischen Fraktionen selbst (Kandil-Öcalan-HDP-HDK-KCK etc.). Die alevitische Bevölkerung, die allgemeinen Schätzungen nach ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Türkei ausmacht und deren Pluralismus in ethnischer sowie politischer Hinsicht den Pluralismus der Völker der Türkei einigermaßen wiederspiegelt, hätte unter den Bedingungen einer klaren demokratischen politischen Positionierung Chancen, die Hoffnung jener Wähler*innen (und auch anderer), die im Sinne des „Dritten Weges” am 7. Juni 2015 die HDP unterstützt haben, wieder zu wecken und sogar zu tragen. Im Zuge der Friedensgespräche (Türkisch: Barış Müzakeresi) und im Hinblick auf die Parlamentswahlen von 2015 solidarisierten sich auch Alevitische Organisationen mit den kurdischen Fraktionen unter dem Namen „Demokratik Güç Birliği” (Deutsch: Demokratische Kräftevereinigung), um die Macht der AKP-Regierung zu brechen. Spätestens die Diskussion um die Unterlassung der Verwendung von PKK-Flaggen in öffentlichen Demonstrationen, führte zum bis dahin und ging über ihre eigene Wähler*innenschicht hinaus, sie erhielt nämlich die Stimmen und das Vertrauen aus verschiedenen Wähler*innenschichten, die ihr eine Chance geben wollten, trotz ihrer Bedenken, dass es sich bei der HDP um eine kurdische Partei handelte, wovor sich sehr viele türkische Wähler*innen sorg(t)en. Siehe: Türkische Tageszeitung Cumhuriyet (07.06.2015). 207 unterdrückten Aufkommen des gegenseitigen Mistrauens (Tageszeitung Cumhuriyet, 14.11.2016). Eine Re-Consiliation (Deutsch: Wiedergutmachung, Versöhnung) zwischen der alevitischen Bevölkerung und der sunnitisch kurdischen Bevölkerung ist genauso ausständig, wie eine Gesamt-Wiedergutmachung, Empathieentwicklung und Kommunikation der erlebten Ungerechtigkeiten in der Türkei überhaupt. Die Rahmenbedingungen und Umstände für die Ermöglichung einer Re- Consiliation können im Sinne der Entwicklung einer gesamtgesellschaftlichen Demokratie durch einen organisierten und politisch-strategisch sich klar aufgestellt habenden alevitischen Willen (Türkisch: Alevi iradesi) mitinitiiert werden. Die Rekonstruktion der Alevit*innentümer und der alevitischen Frauen* ist für die Identitätssuche und -definition beider zentral, denn daraus kann sich eine Orientierungsfindung im Sinne der politischen Positionierung im Hinblick auf einen Demokratiesierungsprozess entwickeln. Die Rückbesinnung auf die auf humanistischen und universellen Menschen*rechten beruhende alevitische Lehre und die daraus zu erfassende Identität im Sinne der politischen Positionierung ist in Zeiten der steigenden sozialen Umbrüche zentraler denn je bzw. unabdingbar notwendig. Das demokratie- und friedenspolitische Potenzial, das sich aus der alevitischen Lehre und dem Dilemma der Alevit*innen in Bezug auf das herrschende Paradigma in der Türkei schöpfen lässt, kann erkannt und für die Initiierung, Förderung und Forcierung der Demokratieentwicklung in allen Gesellschaften, in denen sie leben, strategisch eingesetzt werden. Die Anwendung des strategischen Essentialismus ist zunächst für die alevitischen Frauen* und dann für die politischen Entscheidungsträger*innen in der alevitischen Gesellschaft, im Hinblick auf die Entwicklung bzw. Etablierung und Stabilisierung einer selbstermächtigten Demokratie, die im Endeffekt im allgemeinen Interesse liegt, von Bedeutung. Die selbstermächtigte Demokratisierung zuerst in den eigenen Reihen ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der politischen Positionierung für die gesamtgesellschaftliche Demokratie. Damit diese Demokratisierung eingeleitet werden kann, ist wiederum das Empowerment der alevitischen Frauen* ein wichtiges Kriterium, um mit den Widersprüchen zwischen der alevitischen Lehre und der Praxis von Alevit*innen zu brechen. Die selbstermächtigte Demokratie (von) innen und (nach) außen ist von größter Bedeutung für das Überleben der Alevit*innentümer, der Ale- 208 vit*innen in der Türkei und in der europäischen Diaspora und auch für alle Menschen* und Menschen*gruppen innerhalb nationalstaatlicher Grenzen und in der sich vor allem wirtschaftlich globalisierenden Welt. Diese Globalisierung wird stets Verlierer*innen und wenige Gewinner- *innen haben, wobei die Verlierer*innen, aber auch die Gewinner*innen (bis auf wenige, die ganz an der Spitze der Macht sitzen) nicht immer die gleichen, sondern nur auf Zeit sein werden. Polarisierung, Spaltung und Entsolidarisierung der Gesamtgesellschaft sind Konsequenzen der gro- ßen Konkurrenz zur Machtstabilisierung einiger weniger. Die selbstermächtigte Demokratie ist ein Weg, um einen gesellschaftlichen Friedenszustand in Pluralismus und Gleichberechtigung zu leben. Diese Diskursänderung kann mit dem demokratie- und friedenspolitischen Potenzial in den Alevit*innentümern, das auf Pazifismus, Gleichberechtigung und Pluralismus zentral aufbaut, in den Gesellschaften in denen Alevit*innen leben, durch klare politische Positionierung initiiert und getragen werden. Die Strategie hierzu ist, ein gemeinsames Bewusstsein (ein neues Narrativ) dafür zu schaffen, dass klar wird, dass nur im Rahmen einer selbstermächtigten und aufgeklärten Demokratie, alle Farben der Gesellschaft ein friedliches Miteinander und Nebeneinander erleben können. Dieser Diskurs ist im Interesse der Allgemeinheit mit all ihren Facetten und Farben, wenn sie den Frieden und nicht den Krieg möchte; wenn sie Gleichberechtigung und nicht Ungerechtigkeiten will; wenn sie den Pluralismus und nicht Formen des Fundamentalismus und Rassismus will; wenn sie ihren Nachkommen ein Leben in Menschen*würde schenken will. Ein Patentrezept gibt es nicht und es ist weder die eine Ansicht noch eine andere vollkommen richtig und einzig wahr. Ganz im Sinne von Helen Longino (1990), die* schreibt, dass es einen ständigen Austausch zwischen unterschiedlichen Standpunkten geben muss („sozialer Prozess“), schreibt Taylor über den „dialogischen Charakter“197 (Taylor 1991: 41-42) des mensch*lichen Wesens sowie jeglicher Existenz (die Natur und die Menschen* als Teil dessen) auf Erden und erklärt, dass es einen ewigen Kampf zur Gewährleistung dieses 197 Zur „Bestimmung der eigenen Identität“ und „zur definitorischen Selbstbestimmung nötige Sprache“ schreibt Taylor: „Diese [die eigene Identität; Anm. Z.A.] definieren wir stets im Dialog und manchmal in streitbarer Auseinandersetzung mit den Identitäten, die die signifikanten anderen in uns erkennen wollen“ (S. 41). An anderer Stelle schreibt Taylor: „Meine eigene Identität ist entscheidend abhängig von meinen dialogischen Beziehungen (S. 57). 209 weiter oben skizzierten Balancezustands bedingt. Der Kampf geht weiter („la lotta continua“; Taylor 1991: 82) und wir alle sind mitten drin…

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Zusammenfassung

Die alevitische Lehre propagiert den Grundsatz der Gleichheit der Geschlechter, und die alevitischen Frauen* sind sichtbar, allerdings haben sie in der Praxis keine gesellschaftspolitische Entscheidungs- und Gestaltungsmacht. Der vorliegende Band plädiert für die Entwicklung eines differenzfeministischen Ansatzes, um zunächst mit der Illusion über die Existenz der Gleichberechtigung der Geschlechter in den alevitischen Gesellschaftsgruppen zu brechen. Sechs Expert*inneninterviews zeigen, dass ein relevantes Bewusstsein für die organisierte Forderung von Gleichberechtigung nicht besteht. Zeynep Arslan zeigt Handlungsoptionen zur gemeinsamen Ausgestaltung heterogen (intersektional) geteilter Lebensräume auf. Dabei geht sie auch auf das immense demokratie- und friedenspolitische Potenzial der alevitischen Frauen* ein und verweist auf einen vorbildlichen Weg, mit den gesellschaftlichen Herausforderungen der neoliberalen Globalisierung konstruktiv umzugehen. Vor dem Hintergrund zunehmender globaler Konflikte und Herausforderungen bietet das Buch wichtige Ansätze zum Empowerment von Frauen* und demokratischer Alternativen.