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Vorwort der Genderhistorikerin Margareth Lanzinger in:

Zeynep Arslan

Demokratisierung durch Selbstermächtigung, page 11 - 12

Zum Empowerment alevitischer Frauen* in der Türkei und in der Diaspora

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4163-5, ISBN online: 978-3-8288-7041-3, https://doi.org/10.5771/9783828870413-11

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
11 Vorwort der Genderhistorikerin Margareth Lanzinger Die Föderation der Aleviten Gemeinden steht im Zentrum dieses Buches. Ausgangspunkt von Zeynep Arslan ist, das nach innen und außen vertretene – und zugleich Differenz gegenüber den sunnitischislamischen konstituierende – Selbstbild der Gleichstellung von alevitischen Frauen und Männern, das im Glauben und der damit verbundenen Praxis verankert ist und quasi Geschlechterneutralität suggeriert, kritisch zu hinterfragen. Denn es zeigen sich deutliche Widersprüche zwischen der offiziellen Lehre bzw. Diktion und der Praxis, und zwar dort, wo es um das Agieren in und Nutzen von Gestaltungs- und Entscheidungsräumen geht, die de facto von Männern dominiert sind. Ausgehend von einer historischen Kontextualisierung ist es Ziel der Studie, mögliche Wege aufzuzeigen, die zu einem Empowerment der alevitischen Frauen führen können, das gleichermaßen in geschlechterpolitischer wie in demokratie- und friedenspolitischer Hinsicht wirkmächtig ist und vom Anspruch her über die alevitische Diaspora im deutschsprachigen Raum hinausreichen soll. Die Ausgangsthese dabei ist, dass als erstes ein interner Demokratisierungsprozess erforderlich ist. Ein erster Schritt führt über die Frage, wie die alevitischen Frauen* ihre Position in der Gesellschaft sehen und wie bewusst sie agieren. Die innere Fragmentierung und Heterogenität stellt zugleich vor die Frage, wie eine strategisch-politische Positionierung im gemeinsamen Interesse der Demokratieentwicklung erreicht werden kann. Davon ausgehend fächert die Verfasserin theoretische, historisch-politische und empirische Befunde auf, setzt sie in Verbindung zueinander wie auch zu aktuellen Ereignissen und Phänomenen – mit einem Schwerpunkt auf Gewalt im politischen wie im familialen Umfeld, aber auch mit Bezugnahme auf die Re- Religionisierung – und unterzieht sie einer Analyse. In ihrer Suche nach einer möglichen Basis für ein gemeinsames und selbstermächtigtes politisches Handeln bei gleichzeitiger Anerkennung von Vielfalt und in Anbetracht der postmodernen Dekonstruktionen und eines nicht (mehr) existenten feministischen ‚wir‘ und nicht zuletzt angesichts der von aletivischen Frauen in den verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich durchlaufenen Transformationsprozesse setzt sich die Autorin mit Identitätskonzepten, Intersektionalität und Differenzfeminismus sowie mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit und Möglichkeit eines strategischen Essenzialismus auseinander. Ihre eigene Involvierung und Betroffenheit als Angehörige der von ihr untersuchten alevitischen Minderheit macht Zeynep Arslan transparent und reflektiert deren 12 Implikationen, Vor- und Nachteile. In der Frage des Sprechens für die anderen werden dabei auch postkoloniale Ansätze eingebunden. Unabdingbar für das Unterfangen ist die historisch-politische Kontextualisierung, in der die Verfasserin religiöse und weltanschauliche Grundlagen, die soziopolitischen Folgen von Traumatisierung, politische Orientierungsangebote – vornehmlich den Kemalismus im Kontext der Frauenbewegung als einem zwar laizistischen Modell, das „die moderne türkische Frau“ propagiert, aber zugleich auch instrumentalisiert hat, national ausgerichtet war und Frauen über die Mutterrolle definierte – und Frauen, denen eine Vorbildfunktion zukommt ausführlich rekonstruiert und kritisch beleuchtet. Interviews mit Frauen, die in alevitischen Vereinen in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich aktiv sind, stützen den praxisbezogenen Teil des Buches und dienen auch dem Vergleich. Das Buch zeichnet sich durch die Verbindung einer Gegenwartsanalyse mit der Frage nach einem möglichen Handlungsmodell und nicht zuletzt durch das Engagement der Verfasserin aus. Wien, im Juli 2018 Margareth Lanzinger Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Neuzeit an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Universität Wien

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Zusammenfassung

Die alevitische Lehre propagiert den Grundsatz der Gleichheit der Geschlechter, und die alevitischen Frauen* sind sichtbar, allerdings haben sie in der Praxis keine gesellschaftspolitische Entscheidungs- und Gestaltungsmacht. Der vorliegende Band plädiert für die Entwicklung eines differenzfeministischen Ansatzes, um zunächst mit der Illusion über die Existenz der Gleichberechtigung der Geschlechter in den alevitischen Gesellschaftsgruppen zu brechen. Sechs Expert*inneninterviews zeigen, dass ein relevantes Bewusstsein für die organisierte Forderung von Gleichberechtigung nicht besteht. Zeynep Arslan zeigt Handlungsoptionen zur gemeinsamen Ausgestaltung heterogen (intersektional) geteilter Lebensräume auf. Dabei geht sie auch auf das immense demokratie- und friedenspolitische Potenzial der alevitischen Frauen* ein und verweist auf einen vorbildlichen Weg, mit den gesellschaftlichen Herausforderungen der neoliberalen Globalisierung konstruktiv umzugehen. Vor dem Hintergrund zunehmender globaler Konflikte und Herausforderungen bietet das Buch wichtige Ansätze zum Empowerment von Frauen* und demokratischer Alternativen.