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4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit in:

Fabian Fürst

Burnout bei Lehrkräften, page 69 - 88

Theorie - Ursachen - Prävention - Intervention

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4160-4, ISBN online: 978-3-8288-7040-6, https://doi.org/10.5771/9783828870406-69

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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Empirische Studien zur Lehrergesundheit Potsdamer Lehrerstudie Dass der Lehrerberuf in der heutigen Zeit eine hohe psychische Belastung mit sich trägt, kann heute nicht mehr bestritten werden. Die hohen Zahlen der Dienstunfähigkeit und der vorgezogenen Ruhestände stehen als Beweise für diese Aussage. Dem stetig wachsenden Druck, den sich immerfort verschlechternden Verhältnisse, den Verhaltensproblemen der Schülerinnen und Schüler und dem fehlenden Engagement der Eltern sind viele Lehrkräfte nicht mehr gewachsen. Die Potsdamer Lehrerstudie, welche im Jahre 2006 fertig gestellt wurde, hat sich intensiv mit der Lehrergesundheit beschäftigt. Sie versuchte, Beiträge zur Verbesserung der Belastungssituation in dieser Berufsgruppe zu leisten.83 Ziel der Studie Ziel der von Prof. Dr. Uwe Schaarschmidt durchgeführten Potsdamer Lehrerstudie war es, eine differenzierte Darstellung der Belastungssituation an den Schulen zu erlangen, sowie Vorschläge zu konzipieren, wie die Belastungen einer Lehrkraft im Schulalltag zu vermindern bzw. zu vermeiden sind. Dabei wird der Fokus auf individuelle Eigenschaften der Lehrpersonen gelegt, die den Betroffenen helfen sollen, diese Anforderungen zu bewältigen, um ein gewisses Niveau im Unterricht einbringen zu können.84 4. 4.1 4.1.1 83 Vgl.: Schaarschmidt, Uwe/Kieschke, Ulf: Beanspruchungsmuster im Lehrerberuf. Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus der Potsdamer Lehrerstudie. In: Rothland, Martin (Hrsg.): Belastungen und Beanspruchung im Lehrerberuf. Modelle, Befunde, Interventionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2007, S. 81f. 84 Vgl.: Ebd. 69 Untersuchungskonzept Insgesamt zehn Jahre lang hat Schaarschmidt mit weiteren Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern an der Universität Potsdam die psychischen Belastungen von Lehrerinnen und Lehrern aufgenommen. Die Untersuchungen wurden im Dezember beendet. Diese wurden wie folgt in zwei Etappen gegliedert. Die erste Etappe, die die Jahre 2000 bis 2003 beinhaltete, galt der differenzierten Analyse der vorgefundenen Belastungssituationen und der dafür verantwortlichen Bedingungen. Andere Berufe wurden hierbei miteinbezogen. Mit den einhergehenden Ergebnissen ging es in der zweiten Etappe, die die Jahre 2003 bis 2006 beinhaltete, darum, Maßnahmen zu prüfen und darauf gegründete Unterstützungsangebote auszuarbeiten. Diese sollen zu einer Belastungsreduktion bei den Lehrkräften führen. Insgesamt nahmen an beiden Abschnitten rund 16000 Lehrerinnen und Lehrer, sowie ca. 2500 Lehramtsstudierende und Lehramtsanwärter aus dem gesamten Bundesgebiet teil. Darüber hinaus waren 1500 weitere Lehrkräfte aus dem Ausland und 8000 Vertreter anderer Berufsgruppen miteinbezogen. Als diagnostisches Instrument diente das AVEM (Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster) von Schaarschmidt, welches bereits in Punkt 3.3 näher beschrieben worden ist.85 4.1.2 85 Vgl.: Ebd., S. 82f. 4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit 70 Ergebnisse Die Ergebnisse der ersten Etappe (2000-2006) ergaben, dass der Lehrerberuf die ungünstigste Musterkonstellation im Vergleich zu anderen Berufen besitzt. Dies wird in der folgenden Abbildung verdeutlicht: 58 Als diagnostisches Instrument diente das AVEM (Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster) von Schaarschmidt, welches bereits in Punkt 3.3 näher beschrieben worden ist.85 4.1.3 Ergebnisse ie Ergebnisse der rst n Etappe (2000-20 6) ergaben, dass der Lehrerb ruf die ungünstigste Musterkonstellation im Vergleich zu anderen Berufen besitzt. Dies wird in der folgenden Abbildung verdeutlicht: Abbildung 8: Musterverteilung im Berufsvergleich86 Es ist erkennbar, dass zum einen das erstrebenswerte G-Muster bei Lehrkräften sehr gering (17%), zum anderen die Risikomuster A und B sehr hoch (ca. 30%) sind. Gerade das Risikomuster B, welches durch Resignation und Erschöpfung gekennzeichnet ist, hebt sich den Lehrerberuf deutlich von anderen Berufsgruppen ab. Beim Vergleich mit anderen Regionen in Deutschland und mit den unterschiedlichen Schulformen konnte die Studie keine wesentlichen Unterschiede feststellen. Deutliche Unterschiede wurden allerdings beim Merkmal Geschlecht festgestellt. So ergab die Studie, dass Frauen empfindlicher auf schulische Belastungen reagieren als ihre männlichen Kollegen. Auch das Alter spielt bei der Belastungsbewältigung eine Rolle. So findet eine progressive 85 Vgl.: Ebd., S.82f. 86 Abb.9: Lehrerfreund.de URL: https://www.lehrerfreund.de/schule/1s/lehrertyp/2967 (entnommen am 15.06.2017). Musterverteilung im Berufsvergleich86 Es ist erkennbar, dass zum einen das erstrebenswerte G-Muster bei Lehrkräften sehr gering (17%), zum anderen die Risikomuster A und B sehr hoch (ca. 30%) sind. Gerade das Risikomuster B, welches durch Resignation und Erschöpfung gekennzeichnet ist, hebt sich den Lehrerberuf deutlich von andere Berufsgruppen ab. Beim Vergl ich mit anderen Regionen in Deutschland und mit den unterschiedlichen Schulformen konnte die Studie keine wesentlichen Unterschiede feststellen. Deutliche Unterschiede wurden allerdings beim Merkmal Geschlecht festgestellt. So ergab die Studie, dass Frauen empfindlicher auf schulische Belastungen reagieren als ihre männlichen Kollegen. Auch das Alter spielt bei der Belastungsbewältigung eine Rolle. So findet eine progressive Verschlechterung der Beanspruchungssituation meist 4.1.3 Abbildung 8: 86 Abb.9: Lehrerfreund.de URL: https://www.lehrerfreund.de/schule/1s/lehrertyp/29 67 (entnommen am 15.06.2017). 4.1 Potsdamer Lehrerstudie 71 über die Berufsjahre hinweg statt. Hierbei sind ebenso Frauen mehr gefährdet als Männer. Wie bereits oben erwähnt, waren auch Lehramtsstudenten und Lehramtsanwärter bei der Studie mit inbegriffen. Bereits der Berufsbeginn zeigt, dass ungünstige Voraussetzungen existieren. Dies beweist der hohe Anteil des Risikomusters B (je 25%) und des S-Musters (ca. 30%). Als Ursache der hohen Belastungen wurden von allen Teilnehmern der Studie problematisches Schülerverhalten, zu große Klassen, zu hohe Stundenzahlen und fehlende Unterstützung seitens des Kollegiums und der Schulleitung angegeben.87 In der zweiten Etappe werden die Ergebnisse der ersten Etappe von Schaarschmidt und seinen Mitarbeitern aufgenommen und Unterstützungsangebote herausgearbeitet. Bei diesen handelt es sich um die Entwicklung und Erprobung von Interventionsprogrammen und Erfassungsinstrumenten, ebenso um eine Ableitung und Begründung von Gestaltungsempfehlungen. Grundsätzlich handelt es sich um Präventionsmaßnahmen, die in jeglichen Situationen in der Schule von Lehrerinnen und Lehrern in der Praxis angewandt werden können. Diese Leistungen werden in folgenden vier Punkten zusammengefasst: Erstens: Einflussnahme auf die Rahmenbedingungen des Berufs Es wurde in Erfahrung gebracht, dass bedrohliche Anforderungen übergreifend für die komplette Lehrerschaft gelten. Deshalb wurden belastende Faktoren ausgewählt, um hier Veränderungen anzusetzen. Diese Faktoren stellen die drei Instanzen rebellische Schülerschaft, Klassengröße sowie Stundenzahlen dar. Diese drei Instanzen sind allerdings nicht isoliert zu betrachten, sondern beeinflussen sich gegenseitig, was dazu führt, dass mehrere Veränderungen gleichzeitig angestrebt werden müssen. Schaarschmidt setzt dabei zwei Zielsetzungen in den Fokus. Zum einen müssen Lehrkräfte besser unterstützt werden und dürfen, besonders bei kritischen und komplizierten Aufgaben, nicht alleingelassen werden. Zum anderen wird das Einengen der Lehrerschaft durch unterschiedliche Instanzen kritisiert. Es ist den Lehrerinnen und Lehrern somit durch unterschiedliche Regeln nicht möglich, sich pädagogisch zu entfalten und dadurch ist das professionelle Arbeiten eingegrenzt. 87 Vgl.: Ebd., S. 89f. 4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit 72 Zweitens: Gestaltung der Arbeitsbedingungen vor Ort Die Ergebnisse der Studie ergaben auch, dass die Belastungen im Schulalltag davon abhängen, wie dieser konkret an der Schule gestaltet wird. Die Atmosphäre innerhalb des Kollegiums, aber auch die mit der Schulleitung, ist enorm wichtig für das persönliche Wohlbefinden der Lehrerinnen und Lehrer. Je offener, sozialer und unterstützender die Beziehungen sind, desto souveräner ist der Umgang mit den Anforderungen. Des Weiteren sollten Konditionen und die Organisation der Schule in Augenschein genommen werden. Es müssen Fragen gestellt werden, wie z.B. „Wie kann der Erholungswert in den Unterrichtspausen gesteigert werden?“ oder „Wie lassen sich die Arbeitsorganisation und die Möglichkeit für die soziale Interaktion und gegenseitige Unterstützung in der Lehrerschaft erweitern?“ um die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer vor Ort zu verbessern. Drittens: Verbesserte Rekrutierung und Vorbereitung des Lehrernachwuchses Die Studie zeigt zusätzlich, dass es enorm wichtig ist, sich auf den Lehrerzuwachs zu konzentrieren. Bereits während des Studiums zeigen viele Lehramtsanwärter viele Defizite auf. So befinden sich 25% der Studierenden im Beanspruchungsmuster B, welches zeigen soll, dass bereits vor Studienbeginn eine Eignung für den Beruf gegeben sein muss. Gewisse Fähigkeiten und Fertigkeiten wie z.B. Selbstvertrauen, Widerstandskraft und sozial-kommunikative Kompetenzen etc. müssen vorhanden sein. Zudem sollten die Studierenden neben der theoretischen Ausbildung mehr praxisnahe Erfahrungen machen dürfen, um beim Eintritt ins Berufsleben selbstverantwortlich Alltagssituationen lösen zu können. Viertens: Entwicklungsbemühungen der Lehrer selbst Zuletzt ist zu erwähnen, dass jede Lehrerin und jeder Lehrer selbst Kraft und Mühe investieren muss, um ein guter Pädagoge zu sein. Den Lehrkräften sollte bewusst sein, dass es ihre Pflicht ist, sich stets weiterzubilden. Ganz oben steht dabei die Kompetenzentwicklung. Anliegend sollte auch die eigene Gesundheit nicht vernachlässigt werden. Bestimmte Mittel wie z.B. körperliche Fitness, Meditation etc. können 4.1 Potsdamer Lehrerstudie 73 angrenzend hilfreich sein. Die Selbsterkenntnis, Hilfe zu benötigen, gehört ebenso zur Selbstförderung. Leider ist erwiesen, dass die Mehrheit aller Lehrkräfte es meist zu spät oder gar nicht merkt, Hilfe zu benötigen.88 Die Kasseler Studie zu Lehrergesundheit und Lehrerbelastung Ziel und Versuchsaufbau der Studie Anhand eines Fragebogens ermittelt die Kasseler Studie in zwei aufeinanderfolgenden Erhebungswellen die Gesundheit, Belastungen, Bewältigungsformen, Unterrichtsformen und Ressourcen von Lehrerinnen und Lehrern. In der ersten Erhebungswelle, die von der DEBEKA-Krankenversicherung unterstützt wurde, wurden zwei Gruppen von Lehrkräften untersucht. Lehrerinnen und Lehrer ab 50 Jahren, die noch aktiv unterrichteten, wurden anhand der Krankheitskosten in gesunde und kranke Lehrkräfte aufgeteilt. Somit wurden 1500 Lehrerinnen und Lehrer mit hohen verursachten Krankheitskosten und 1500 mit niedrigen ausgewählt. Die DEBEKA teilte an diese Personen den Fragebogen aus, welchen sie anonym ausfüllten und an die Forscher der Universität Kassel übergaben. Somit war eine Trennung von personenbezogenen Versicherungsdaten und Fragebogendaten gewährleistet. Zeitgleich wurden 300 Lehrerinnen und Lehrer befragt, die eine Weiterbildung in Gestaltungspädagogik absolvierten bzw. diese zu dem Zeitpunkt der Befragung noch ausführten. In der zweiten Erhebungswelle wurden zwei weitere Personengruppen mit spezifischen Weiterbildungshintergründen befragt. Diese zweite Befragung wurde in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Supervision, sowie Nils Altner und Sebastian Sauer durchgeführt. Somit richtete sich die zweite Befragungswelle konkret an Lehrerinnen und Lehrer, die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Supervisionen sind und Lehrerinnen und Lehrer, die über Fortbildungen in unterschiedlichen Achtsamkeitsverfahren verfügen. Die Fragebögen 4.2 4.2.1 88 Vgl.: Ebd., S. 93ff. 4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit 74 wurden hier, anders als in der ersten Befragung, online zur Verfügung gestellt. Die Befragten wurden per E-Mail informiert.89 Das Modell Die Befragung orientiert sich an einem transaktionalen Modell zur Entwicklung und Durchführung von Stress und Belastung. Das Modell besagt, dass neutrale Ereignisse, Vorkommen und Erwartungen erst dann zu Stress und Belastungen führen, wenn sie einen subjektiven Bewertungsprozess durchlaufen haben, denn nur dann liegt eine subjektive Wertung vor. Somit kann eine Person ein Ereignis als unbedeutend, aber auch als positiv oder negativ bewerten. Als positiv werden die Situationen bezeichnet, die ohne Belastungen vollzogen werden. Negativ sind hingegen diejenigen Ereignisse, die mit Stress verbunden sind. Ebenso die, die nicht den eigenen Erwartungen entsprechen und das individuelle Wohlergehen belasten. Negative Ereignisse können unterteilt werden in herausfordernde Situationen, in bedrohliche oder in Schaden oder Verlust. In einem weiteren Schritt werden verfügbare Ressourcen bewertet und überprüft, ob sie für die Bewältigung der Situation brauchbar und ausreichend sind. Falls nicht, leidet das persönliche Wohlbefinden darunter. „Als „Bewältigung“ werden alle Anstrengungen verstanden, die sich darauf richten, Anforderungen, Belastungen, und damit verbundene emotionale und körperliche Reaktionen zu meistern, zu tolerieren, zu mildern oder zu vermeiden.“90 Es existieren unterschiedliche Bewältigungsformen. Die Wahl der Form scheint ein wichtiger Einflussfaktor zu sein, der darüber bestimmt, ob die Belastung die Gesundheit angreift oder ob diese überwunden werden kann. Zusammenfassend handelt es sich also bei diesem Modell um drei Gruppen von psychologischen Wirkungsfaktoren, nämlich subjektiven Bewertung, Ressourcen als Bewältigungspotenzial und unterschiedliche Bewältigungsformen.91 4.2.2 89 Vgl.: Döring-Seipel, Elke/Dauber, Heinrich: Was Lehrerinnen und Lehrer gesund hält, a.a.O., S. 55f. 90 Ebd., S. 56. 91 Vgl.: Ebd., S. 56f. 4.2 Die Kasseler Studie zu Lehrergesundheit und Lehrerbelastung 75 Der Fragebogen Ziel der Umfrage war es, die Gesundheitssituation von Lehrkräften zu erforschen und diese im Zusammenhang mit berufsspezifischen Belastungen, Bewältigungsstilen und -strategien sowie vorhandenen Ressourcen zu studieren. Anders als bei anderen empirischen Studien, wurde hier nicht nur der gesundheitspsychologische Aspekt betrachtet, sondern auch Ressourcen im Hinblick auf die Unterrichtsgestaltung und das pädagogische Handeln. Sollte erwiesen werden, dass dieselben personalen und sozialen Ressourcen, die für die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer verantwortlich sind, auch für die Qualität und Kompetenzen der Lehrkräfte maßgeblich sind, dann wäre ein Dreieck gewonnen, welches die Komponenten Ressourcen, Gesundheit und professionelles Lehrerhandeln enthält. Dadurch könnte Wissenswertes über die Aus- und Weiterbildungder Lehrerinnen und Lehrer sowie Prävention und Intervention gewonnen werden. Der Fragebogen ist in verschiedene Blöcke aufgeteilt, welche die zentralen Konzepte Gesundheit, Anforderungen und Belastungen, subjektive Bewertungen, Bewältigung und Ressourcen enthält und durch die Bereiche Unterrichtsgestaltung und pädagogisches Handeln ergänzt wurde.92 Tabelle: Aufbau des Fragebogens93 Konzept Erfasste Aspekte Itemzahl Demographische Merkmale Alter, Geschlecht, in Partnerschaft lebend, Kinderzahl 4 Körperlicher und psychischer Gesundheitszustand Globale, subjektive Gesundheitseinschätzung, Einschätzung der Arbeitsfähigkeit, körperliche Beschwerden, differenziert nach verschiedenen Krankheitsbildern, psychische Wohlbefindensbeeinträchtigungen, Depressions-, Angst-, Burnout-Symptome 29 Arbeitszufriedenheit Aufgeschlüsselt nach verschiedenen Arbeitsaspekten wie Entlohnung, Handlungsspielräume, Kollegium, Vorgesetzte, etc. 8 Lebenszufriedenheit Zufriedenheit insgesamt und mit verschiedenen Lebensbereichen 9 4.2.3 92 Vgl.: Ebd., S. 57. 4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit 76 Objektive Merkmale der beruflichen Situation Anzahl der Berufsjahre, Unterrichtsfächer, Schulform, Größe des Kollegiums, Unterricht an mehreren Schulen, Einsatz in neuen Unterrichtsfächern, Teiloder Vollzeittätigkeit, durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit, zusätzliche Funktionen in der Schule, außerschulische Zusatzaktivitäten, Wünsche nach Veränderungen wie zum Beispiel Reduzierung der Stundenzahl, Wechsel der Schule oder des Tätigkeitsfeldes, Fortbildung und Supervision 20 Private Situationen Private Belastungen in den letzten 6 Monaten 1 Subjektiv wahrgenommene Merkmale der beruflichen Situation Rollenambiguität, Kontrolliertheitserleben, Bedeutsamkeit der Arbeit 10 Belastungen durch berufsspezifische Anforderungen Belastungen durch schwierige Schülerinnen und Schüler, durch Interaktionen mit Eltern, Kollegium und Schulleitung, durch Umgang mit Behörden, durch Stundenzahl, durch Korrekturen, durch Mobbing am Arbeitsplatz 8 Bewertung der beruflichen Situation als Anforderungssituation Gesamtbewertung der beruflichen Anforderungssituation, aufgeschlüsselt nach den relevanten stressbezogenen Bewertungskategorien Herausforderung, Bedrohung, Verlust 4 Bewältigungsstrategien aktive Bewältigung: problemlösendes Handeln, Reflexion, Suche nach sozialer Unterstützung, Lernen/ Weiterbildung passive Bewältigung: Resignation, Ablenkung/Handlungsaufschub, palliativ/Pharmaka 28 Gesundheits- und Erholungsverhalten Aktivitäten zum Abbau von Belastungen und „aus Freude am Tun“ 8 Personale Ressourcen Selbstwirksamkeitserwartung allgemein, Lehrerselbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Kohärenzgefühl, Ungewissheitstoleranz, Distanzierungsfähigkeit, emotionale Stabilität, Transpersonales Vertrauen, Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) 47 Soziale Ressourcen Ausmaß wahrgenommener sozialer Unterstützung: soziale Unterstützung durch das Kollegium soziale Unterstützung durch die Schulleitung private soziale Unterstützung emotionale soziale Unterstützung instrumentelle soziale Unterstützung 10 Formen der Unterrichtsgestaltung und des pädagogischen Handelns Schülerorientierung, Bevorzugung selbstständiger Arbeitsformen, emotional-motivational, erlebnisorientierter Lernzugang, Betonung von Wissens- Stoffvermittlung, Flexibilität, Rigidität/Störanfälligkeit 38 Gesundheitszustand Abgefragt wurde der gesamte, momentane Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit, sowie Fragen zu physischen und psychosomati- 93 Ebd., S. 128f. 4.2 Die Kasseler Studie zu Lehrergesundheit und Lehrerbelastung 77 schen Beschwerden, psychische Defizite und Angst-, Depressions- und Burnout- Symptomen gestellt. Daneben wurden noch unterschiedliche Aspekte der Lebens- und Arbeitszufriedenheit erfragt. Anforderungen und Belastungen Zur Darstellung der beruflichen Lage der Lehrerinnen und Lehrer und der damit verknüpften Erwartung wurden unterschiedliche Frageperspektiven bestimmt: Objektive Merkmale der beruflichen Situation Hier werden neutrale Faktoren des Berufs, wie zum Beispiel die Schulform (siehe Tabelle), erwähnt. Subjektiv wahrgenommene Merkmale der beruflichen Situation Der Lehrkraft begegnen wiederkehrend unterschiedliche Erwartungen von unterschiedlichen Instanzen. Diese Widersprüchlichkeit von Erwartungen wird Rollenambiguität genannt, was zu Stress aufgrund eines Rollenkonflikts führen kann und dieses wiederum zu Burnout. Somit gilt die Rollenambiguität als ein beruflicher Belastungsfaktor und muss hier erwähnt werden. Als zweiter wichtiger Punkt ist das Kontrolliertheitserleben zu nennen. Das beschreibt die soziale Situation in einer Schule, besonders die „Kontrolle“ des Kollegiums, Schulleitung, etc. Das Gefühl, sich ständig rechtfertigen zu müssen, erhöht bei einigen Pädagogen den Druck, was als hohe Belastung anzusehen ist. Als dritter Punkt ist die Bedeutsamkeit der Arbeit zu nennen. Hierbei handelt es sich um den persönlichen Stellenwert der Arbeit. Dieser ist wichtig, um eine hohe Motivation und Engagement für seinen Beruf zu erhalten. Allerdings muss auch eine gewisse Distanz zwischen Arbeit und Freizeit herrschen, um eine Überbewertung des Berufs zu vermeiden. Wenn diese fehlt, herrscht ein hohes Burnout-Risiko. 4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit 78 Belastung durch berufsspezifische Anforderungen Die aufgezählten berufsspezifischen Anforderungen (siehe Tabelle) wurden durch mehrere empirische Studien als belastend eingestuft. Soziale Anforderungen wurden hier beabsichtigt in den Fokus gestellt, da diese für Lehrerinnen und Lehrer als besonders belastend empfunden werden. Die Befragten sollten bekunden, wie sehr sie die aufgezählten Anforderungen belasten; die subjektive Wahrnehmung ist wichtig, da sowohl theoretische Stressmodelle als auch empirische Studien besagen, dass objektive Anforderungen erst dann zur Belastung werden, wenn sie persönlich beurteilt und ausgelegt werden. Bewertung der beruflichen Situation als Anforderungssituation Die Befragten sollten in diesem Teil des Fragebogens eine Gesamtbewertung abgeben. Wird die Arbeit eher als Herausforderung oder als Bedrohung und Verlust angesehen? Eine vorzeitige Gesamtbewertung hat zur Folge, dass Personen ihren Lebensstil reflektieren und wissen, wie sie damit umgehen können. Bewältigungsstrategien Welche Bewältigungsstrategien, beziehungsweise ob Bewältigungsstrategien von Lehrerinnen und Lehrern verwendet werden, ist maßgebend dafür, ob Anforderungen zur Belastung werden und diese negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Die Befragten wurden deshalb nach ihren typischen Verhaltensweisen bei Schwierigkeiten und Stress befragt, um Aufschluss über visuelle Bewältigungsstrategien zu erlangen. Die in der Tabelle aufgeführten Strategien werden in der Literatur als wichtig beschrieben. Ressourcen Ressourcen wurden in personale und soziale Ressourcen aufgeteilt, da einmal der Fokus auf dem Aufrechterhalten der Gesundheit und einmal auf der Gestaltung des Unterrichts liegt. Personale Ressourcen umfassen individuelle Eigenschaften, den Charakter einer Person, ihre Fähigkeiten und Einstellungen. Soziale Ressourcen hingegen können unterschiedliche Formen der sozialen Unterstützung umfassen. Diese 4.2 Die Kasseler Studie zu Lehrergesundheit und Lehrerbelastung 79 können aber nur als Ressourcenquelle angesehen werden, wenn sie für die Person als verfügbar angesehen werden.94 Unterrichtsgestaltung und pädagogisches Handeln Die unterschiedlichsten Teilaspekte des Unterrichtshandelns der Befragten wurden mit einem allein für die Untersuchung vom Autorenteam entwickelten Fragenkatalog festgehalten. Empirisch wurden diese Fragen in sechs Dimensionen aufgeteilt: Schülerorientierung, Bevorzugung selbstständiger Arbeitsformen, emotional- motivational, erlebnisorientierter Lernzugang, Betonung von Wissens- und Stoffvermittlung, Flexibilität und Rigidität/Störanfälligkeit, die in weiteren Fragebogen-Items näher beschrieben werden sollen. Im Folgenden werden diese zugeordneten Fragebogen-Items näher charakterisiert: Schülerorientierung (1) 1. Soziales Lernen ist mir genauso wichtig wie Wissensvermittlung. 2. Ich interessiere mich für die persönliche/häusliche Situation meiner Schülerinnen und Schüler. 3. Ich versuche, mir immer wieder Zeit zu nehmen, um mit Schülerinnen und Schülern auch persönliche Gespräche zu führen. Bevorzugung selbstständiger Arbeitsformen (2) 1. Ich bin daran interessiert, dass die Schülerinnen und Schüler den Unterricht weitgehend selbstständig gestalten. 2. Ich bevorzuge indirekte, nicht vollständig von der Lehrkraft kontrollierte Unterrichtsmethoden wie selbstständige Einzelarbeit, Partner- und Gruppenarbeit, Projekt- und Stationenarbeit etc. Emotional-motivationaler, erlebnisorientierter Lernzuwachs (3) 1. Ich versuche, den Unterricht so zu gestalten, dass der Funke im Unterricht überspringt und die Schülerinnen und Schüler interessiert/ begeistert mitmachen. 2. Die Schülerinnen und Schüler zum Staunen zu bringen, ist mir wichtiger, als von ihnen richtige Antworten zu hören. Betonung von Wissens-/Stoffvermittlung (4) 1. Im Unterricht geht es darum, systematisch Wissen zu vermitteln. 2. In meinem Unterricht konzentriere ich mich auf den Stoff. 94 Vgl.: Ebd., S. 58ff. 4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit 80 Flexibilität (5) 1. Ich weiche von meinem vorbereiteten Unterrichtskonzept ab, wenn die Situation es erfordert. 2. In meinem Unterricht gehe ich auf Vorschläge und Anregungen der Schülerinnen und Schüler ein. Rigidität/ Störanfälligkeit (6) 1. Unterrichtsstörungen bringen mich leicht aus dem Konzept. Dieser Abschnitt des Fragebogens dient dazu, Auskunft über verwendete Methoden, Unterrichtsplanung und Handlungsweisen im Unterricht zu geben. Aber auch etwaige Probleme werden hier aufgedeckt.95 Die Befragten Insgesamt gingen aus beiden Erhebungsquellen 1234 komplett beantwortete Fragebögen hervor. Von 1500 gesunden Lehrerinnen und Lehrer (geringe Krankheitskosten) beantworteten den Fragebogen 404, aus Gruppe 2, 1500 kranke Lehrkräfte (hohe Krankheitskosten) antworteten 628. Die drei Gruppen mit einem Weiterbildungshintergrund waren etwas kleiner. Hier antworteten 64 Personen mit der Weiterbildung in Gestaltungspädagogik, 84 mit Supervisionsweiterbildung und 54 Personen mit achtsamkeitsbezogenen Weiterbildungen. weiblich männlich Durchschnittsalter in Partnerschaft lebend Kinderzahl Gruppe 1 Niedrige Krankheitskosten (gesunde Lehrkräfte) 233 (57,7%) 171 (42,3%) M*= 56 Jahre SD**= 3 Jahre 85,9% 1,8 Gruppe 2 Hohe Krankheitskosten (kranke Lehrkräfte) 408 (65%) 220 (35%) M= 56 Jahre SD= 3 Jahre 76,5% 1,2 Gruppe 3 Weiterbildung Gestaltungspädagogik 47 (73,4%) 17 (26,6%) M= 56 Jahre SD= 6 Jahre 85,9% 1,3 Gruppe 4 Weiterbildung achsamkeitsbasierte Verfahren 42 (77,8%) 12 (22,2%) M= 48 Jahre SD= 9 Jahre 72,2% 1,1 4.2.4 95 Ebd., S. 64f. 4.2 Die Kasseler Studie zu Lehrergesundheit und Lehrerbelastung 81 weiblich männlich Durchschnittsalter in Partnerschaft lebend Kinderzahl Gruppe 5 Weiterbildung Supervision 58 (69%) 26 (31%) M= 52 Jahre SD= 6 Jahre 85,7% 1,4 *Mittelwert **Standardabweichung 36,1% der Befragten (446 Personen) waren männlich, 63,9% (788) waren weiblich. Die gesamte Gruppe zeigte ein Durchschnittsalter von 55 Jahren auf (siehe Tabelle). Die Unterschiede lagen bei den fünf Gruppen im Geschlecht, Alter, Partnerschaft und Kinderzahl. In Gruppe 3 und 4 sind mehr Personen des weiblichen Geschlechts vorhanden als in Gruppe 1, 2 und 5. Die Gruppe 1 zeichnet sich durch die höchste Kinderzahl aus (durchschnittlich). Angehörige der Gruppe 2 und 4 leben häufiger allein als die der anderen Gruppen. Bei Angehörigen der Gruppen 1, 2 und 3 findet sich das gleiche Alter. Das liegt mit Sicherheit an der Tatsache, dass für die Gruppe 1 und 2 eine Altersgrenze von 50-65 Jahren erfolgt, wohingegen die anderen Gruppen unabhängig vom Alter in die Studie miteinbezogen wurden. Befragte mit spezifischen Weiterbildungen (Gestaltpädagogik, Supervision, achtsamkeitsbasierte Verfahren): Weiterbildung in Gestaltpädagogik (Gruppe 3): 57 von 64 Personen füllten den Fragebogen vollständig aus. Die durchschnittliche Dauer der Weiterbildung betrug 5,2 Jahre (Standardabweichung SD= 3,2 Jahre). Die Weiterbildung kostete den Angehörigen der Gruppe 3 1-16 Jahre. Die Mehrheit hat zum Zeitpunkt der Befragung die Weiterbildung seit längerem abgeschlossen. – 45.6% beendeten ihre Weiterbildung zwischen 1988 und 1995, davon 42,3% mit Graduierung, – 33,3% beendeten ihre Weiterbildung zwischen 1996 und 2000, davon 36,7% mit Graduierung, – 15,8% beendeten ihre Weiterbildung zwischen 2001 und 2005, davon 77,8% mit Graduierung und – 5,3% beendeten ihre Weiterbildung später als 2005 beziehungsweise befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung noch dabei. Die Recherche zeigt, dass 46,7% der Befragten ihre Weiterbildung mit Graduierung, 50% ohne Graduierung abgeschlossen und 3,3% diese noch nicht beendet hatten. Die Weiterbildung in Gestaltpädagogik 4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit 82 fand fast nur in privaten Instituten statt. 45% im Fritz Perls Institut (FPI), 8,3% im Gestaltungszentrum Berlin (GZB), jeweils 6,7% nannten die Gestalttherapeutische Vereinigung (GPV) und das Institut für Gestalttherapie und Gestaltpädagogik (IGG Berlin). Die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer, die diese Weiterbildung mit Erfolg abschlossen, verfügten des Weiteren über mindestens eine Aus- oder Weiterbildung. Meist handelt es sich um Gebiete in der Meditation beziehungsweise Supervision. Somit können Überschneidungen der Gruppen 3, 4 und 5 nicht ausgeschlossen werden. Fort- und Weiterbildung in achtsamkeitsbasierten Verfahren (Gruppe 4): 90,4% von 54 Befragte gaben an, formale Achtsamkeitsmethoden auszuführen; 14,8% praktizierten eine, 27,8% zwei und 35,2% drei und 13% sogar mehr. Neben Meditationen (67%) wurden noch Yoga (48,2%), Bodyscan (30,4), Kontemplation (21,4%), Qigong (16,1), Zen (14,3%), Vipassana (7,1%), Dzogchen (1,8%) und Sufi (0) ausgeführt. 21,4% gaben noch weitere Methoden an. Die Durchschnittszeit, in der die Befragten Achtsamkeit praktizieren, beträgt 9 Jahre (M= 9,01 Jahre, SD= 9,25 Jahre). Das Minimum lag bei einem Monat, das Maximum bei 33 Jahren. Achtsamkeit ist im Leben der Befragten integriert, wie folgende Tabelle zeigt: formal informal nie 9,3 14,8 weniger als einmal pro Woche 1,9 7,4 ca. einmal pro Woche 24,1 5,6 alle 2-3 Tage 25,9 11,1 einmal täglich 31,5 14,8 mehrmals täglich 7,4 46,3 50% der Befragten praktizierten in Gemeinschaft, 94,4% mit Freundinnen und Freunden, Familie, Kollegium, etc. Ziele, die durch die Achtsamkeitspraxis verfolgt wurden, zeigt die folgende Tabelle: 4.2 Die Kasseler Studie zu Lehrergesundheit und Lehrerbelastung 83 primäres Ziel % um besser mit Belastungen oder/und Beschwerden umzugehen 14,8 um mich zu entspannen 3,7 um meine Gesundheit zu fördern 13 um meine Beziehung zu Schülerinnen und Schüler und zum Kollegium zu verbessern 0 um meine Beziehung mit mir selbst zu verbessern 20,4 um mein Erleben zu intensivieren 9,3 aus einem spirituellen Bedürfnis heraus 22,2 ohne Ziel 3,7 andere Ziele 13 Die Hälfte der Befragten gab ebenso an, Achtsamkeit mit Schülerinnen und Schülern zu praktizieren. Supervisionsweiterbildung (Gruppe 5): 97,6% der Befragten, also 86 Personen, konnten eine Weiterbildung als Supervisor/-in nachweisen beziehungsweise befanden sich noch in der Ausbildung. Zwischen 1988 und 1995 schlossen die Weiterbildung 13% ab, zwischen 1996 und 2000 32%, im Zeitraum von 2001 bis 2005 28% und von 2006 bis 2010 28%. Somit schlossen insgesamt 85,7% der Befragten die Supervisionsweiterbildung mit Erfolg ab. 13,1% hatte zum Zeitpunkt der Befragung die Weiterbildung noch nicht abgeschlossen, 1,2% beendeten die Weiterbildung ohne Abschluss. Die befragten Personen gaben insgesamt 30 Institutionen an, an denen sie die Weiterbildung absolviert hatten, zum Teil an Fachund Hochschulen, aber auch an privaten Institutionen. 91,7% sind supervisorisch tätig. 54,8% bis zu 3 Stunden wöchentlich, 26,2% bis zu 6 Stunden wöchentlich und 10,7% mehr als 6 Stunden wöchentlich. 76,2% besitzen noch mindestens eine weitere Weiter- oder Ausbildung.96 Zusammenfassung der Ergebnisse Im Mittelpunkt der Befragung stand die Frage, welche Einflüsse die Gesundheit von Lehrerinnen und Lehrer stabilisieren und schützen. 4.2.5 96 Vgl.: Ebd., S. 65ff. 4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit 84 Werden die Ergebnisse unter dieser Fragestellung beobachtet, zeichnen sich einige Grundmuster ab. Erfahren wurde, dass objektive Eigenschaften des Lehrerberufs kaum bis keine gesundheitsgefährdenden Merkmale aufweisen. Das bedeutet nicht, dass die Lehrertätigkeit keine Belastung und Gefährdung für die Gesundheit darstellen kann, sondern dass die Tätigkeiten subjektiv bewertet werden müssen. Das heißt, dass eine subjektive Bewertung von Anforderungssituationen eine große Rolle spielt. Positive Bewertungen werden eher als Herausforderung wahrgenommen, wobei negative als Bedrohung angesehen werden und somit oft zur Überforderung führen. Obendrein beeinflusste die Art der Bewertung die Form der Bewältigung von Anforderungssituationen: Durch positive Bewertungen sinkt der Gebrauch passiver Bewältigungsformen, wohingegen negative Bewertungen diese erhöhen. Passive Bewältigungsformen sind z.B. Resignation, Verzicht auf aktive Lösungsversuche, Alkoholkonsum, usw. Gesundheitliche Belastungs- und Schutzfaktoren Der wohl größte Belastungsfaktor stellt, wie oben bereits erwähnt, die subjektive Belastung und Neigung zu passiven Formen dar. Der wichtigste Schutzfaktor sind die verfügbaren Ressourcen, besonders die personalen. Diese Studie hat erwiesen, dass eine ungünstige Bewertung von Anforderung die Entstehung von physischen und psychischen Krankheiten begünstigt, wobei die Psyche anfälliger ist als der Körper. Die Studie stellte auch fest, dass Optimismus, Lebensfreude und Zuversicht sich positiv auf die Art der Bewältigung auswirkt, das heißt, je positiver eine Aufgabe angegangen wird, desto gesünder bleiben wir. Die gesundheitsschützende Wirkung von Ressourcen Personale Ressourcen gelten als gesundheitlicher Schutzfaktor. Sie verringern das Risiko, an körperlichen oder psychischen Krankheiten zu leiden und fördern den Gebrauch aktiver Bewältigungsmuster. Lehrerinnen und Lehrer, die ein hohes Maß an personalen Ressourcen aufzeigen können, erkranken seltener als ihre Kolleginnen und Kollegen, die keine gut ausgebildeten personalen Ressourcen besitzen. Ebenso 4.2 Die Kasseler Studie zu Lehrergesundheit und Lehrerbelastung 85 verwenden Lehrkräfte mit guten personalen Ressourcen aktive Formen der Bewältigung, statt passive Formen (Resignation, Grübeln, Medikamente, usw.), was das Risiko senkt, psychisch und körperlich zu erkranken. Somit kommt den personalen Ressourcen eine doppelte gesundheitsschützende Funktion zu: einen positiven Effekt auf die Gesundheit und auf die Art und Weise, Anforderungen zu bewältigen, was wiederum gesundheitsfördernd ist. Ein Unterricht, der die Merkmale guten Unterrichts z.B. von Hilbert Meyer enthält, kann häufig nur von Pädagogen mit gut ausgebildeten personalen und sozialen Ressourcen konzipiert werden. Lehrerinnen und Lehrer mit einer eher geringen Ressourcenbasis konzentrieren sich meist nur an der Stoffund Wissensvermittlung und fühlen sich stark überfordert, sobald Störfaktoren im Unterricht auftreten. Somit beweist die Kasseler Studie, dass personale aber auch soziale Ressourcen bereits in der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrern gefördert und aufgebaut werden müssen, um diese dann stetig weiterzuentwickeln. Gesundheits- und Ressourcensituation von Lehrkräften mit Weiterbildung Die empirische Untersuchung beweist, dass Lehrerinnen und Lehrer, die eine Weiterbildung absolviert haben, psychisch und physisch fitter sind. Diese Lehrkräfte haben für sich Formen gefunden, mit Anforderungen umzugehen, die ihnen Freude bereiten, was dazu führt, dass Arbeit nicht als Belastung angesehen wird. Neben ihrer optimistischen Lebensweise fallen Lehrerinnen und Lehrer, die eine Weiterbildung durchlaufen haben, dadurch auf, dass ihre sozialen und personalen Ressourcen sehr gut aufgebaut und entwickelt sind. Obwohl die drei Weiterbildungen Gestaltungspädagogik, Supervision und Achtsamkeit unterschiedliche Inhalte aufzeigen, sind die Ergebnisse der Studie im Hinblick auf die Gesundheitssituation und Ressourcenausprägung weitgehend vergleichbar. Nicht bewiesen, aber naheliegend, ist es, dass Lehrerinnen und Lehrer mit Weiterbildung bereits im Voraus sehr engagierte und gute ausgebildeten Lehrkräfte mit hohen Ressourcen waren, da gesundheitsgefährdende Pädagogen in der Regel keine Weiterbildung anstreben. Ein weiterer Faktor, der erwähnenswert ist, ist die Tatsache, dass Lehrerinnen und Lehrer mit einer der drei Weiterbildung durch diese 4. Empirische Studien zur Lehrergesundheit 86 eine Balance zwischen Beruf und Alltag geschaffen haben und somit Möglichkeiten der Sinnstiftung jenseits des Lehrerdaseins finden.97 97 Vgl.: Ebd., S. 103ff. 4.2 Die Kasseler Studie zu Lehrergesundheit und Lehrerbelastung 87

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Zusammenfassung

Burnout ist schon lange kein Modebegriff mehr. Viele Lehrerinnen und Lehrer erkranken bereits in jungen Jahren an Burnout. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht nur persönliche Eigenschaften eine Rolle spielen, sondern die Hinführung zur Erkrankung auch durch bildungspolitische Systeme unterstützt werden. Für viele Lehrerinnen und Lehrer, aber auch anderen Personen im Erziehungs- und Bildungssystem, ist es wichtig, die Gefahr von Burnout oder anderen ähnlichen Erkrankungen vorzubeugen. Dieses Buch gibt Aufschluss darüber, was Burnout überhaupt ist und welche Ursachen es haben kann. Über spezifische Belastungsfaktoren aus der Schule wie z.B. schülerbezogene oder lärmbezogene Belastungen, werden auch gezielte Präventions- und Interventionsmaßnehmen gegen Burnout vorgestellt und erklärt.