Content

3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf in:

Fabian Fürst

Burnout bei Lehrkräften, page 41 - 68

Theorie - Ursachen - Prävention - Intervention

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4160-4, ISBN online: 978-3-8288-7040-6, https://doi.org/10.5771/9783828870406-41

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf Das Klischee, dass Lehrer morgens recht und mittags frei haben, kann heutzutage nur noch widerlegt werden. Mit seiner enormen Verantwortung gegenüber den Schülerinnen und Schülern und somit auch gegenüber der ganzen Gesellschaft gehen für die Lehrkraft etliche Belastungen und Beanspruchungen einher. Mehrere Studien, u. a. Studien des BLLV (Bayrischer Lehrerinnen- und Lehrerverband), beweisen, dass die Belastungen einer Lehrkraft in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind. Zudem sind Lehrerinnen und Lehrer am häufigsten gefährdet, an Burnout zu erkranken. Die Folgen sind sehr häufig gesundheitliche Beeinträchtigungen, die oft sogar zu einer Frühpensionierung der Lehrkräfte führen. Die dargestellte Situation macht die Notwendigkeit, sich mit den Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf zu befassen, deutlich. Um mögliche Prä- und Interventionsmaßnahmen zu erstellen und durchzuführen, müssen erst mal die möglichen eingehenden Belastungen und Beanspruchungen, die auf die Lehrkraft einwirken, betrachtet werden. In den folgenden Kapiteln werden diese nach einer Begriffserklärung aufgegriffen und später in die unterschiedlichen Faktoren (schulorganisatorische Bedingungen, arbeitshygienische Bedingungen, soziale Bedingungen und gesellschaftlich-kulturelle Bedingungen) aufgeteilt. Um das theoretische Verständnis abzurunden, wird Rudows Beanspruchungsmodell herangezogen. Ebenso wird das Instrument AVEM von Schaarschmidt, das Verhaltens- und Erlebensmerkmale in Bezug auf Arbeit und Beruf untersucht, vorgestellt. 3. 41 Begriffsklärung und Definitionen Der größte Teil der Menschen wird unter dem Begriff „Belastung“ eine solche oder ähnliche Definition wie die aus dem Brockhaus verstehen. In der Enzyklopädie versteht man unter Belastung eine „starke körperliche und seelische Beanspruchung durch anhaltende äußere oder innere Aktivität[en] oder Reizeinwirkung[en].“ In der Literatur wird der Begriff allerdings meist nicht wie in der oben genannten Definition verstanden, sondern es werden Definitionen bevorzugt wie die von H. G. Schönwälder aus dem Jahr 1989. Bei seinem Versuch die Belastung zu beschreiben, orientiert er sich an den Arbeitswissenschaften und folgert, „dass alle aus Arbeitsaufgaben folgenden Anforderungen an einen Menschen, die geeignet sind, bei ihm physische oder psychische Reaktionen hervorzurufen, als Belastungen zu bezeichnen sind; deren Folgen werden als Beanspruchung benannt.“43 Rudow fertigt eine ähnliche Definition an, die allerdings körperliche (Anforderungen an Muskelkraft und physiologische Regulationssysteme), psychische (geistige Anforderungen) und soziale (sozial-interaktive Anforderungen) Belastungen unterscheidet.44 Für die psychische Belastung und Beanspruchung haben sich folgende Definitionen durchgesetzt: „Psychische Belastung: Die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn wirken. Psychische Beanspruchung: Die zeitlich unmittelbare und nicht langfristige Auswirkung der psychischen Belastung auf die Einzelpersonen in Abhängigkeit von ihren eigenen habituellen und augenblicklichen Voraussetzungen einschließlich der individuellen Auseinandersetzungsstrategie.“45 Heute werden die Begriffe „Belastung“ und „Beanspruchung“ oft mit dem Begriff „Stress“ verbunden. Der Begriff „Stress“ wird leider sehr unterschiedlich und weitgreifend verwendet. Deshalb sind die Be- 3.1 43 Schönwälder, Hans-Günther: Belastungen im Lehrerberuf, in: Pädagogik, Heft 6, 1989, S. 11. 44 Vgl.: Rudow, Bernd: Arbeits- und Gesundheitsschutz im Lehrerberuf. Schulmanagement, Heft 6, 2000, S. 36. 45 Ebd., S. 36. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 42 grifflichkeiten nur schwer zu unterscheiden und zu trennen. In bekannten Ausführungen wird verdeutlicht, dass Belastung zu Stress werden kann und sich dadurch ebenso äußert. Die Übergänge zwischen den Begriffen sind also fließend. Letztendlich verwenden die meisten Autoren die Begriffe „Belastung“, „Beanspruchung“ und „Stress“ nicht einheitlich. Rudow hat aus diesem Grund für die Belastungsforschung theoretische Ansätze entwickelt, die sich in seinem „Beanspruchungsmodell“ bzw. „Rahmenmodell der Belastung und Beanspruchung“ wiederfinden.46 Das Rahmenmodell der Belastung und Beanspruchung (nach Rudow) Das Rahmenmodell von Rudow aus dem Jahre 1994 stellt Belastungen, Beanspruchungsreaktionen und -folgen dar. Dazu erklärt das Modell die möglichen Beziehungen zwischen den einzelnen Komponenten. Rudow verfolgt dabei das Ziel, ein besseres Verständnis über Zusammenhänge zwischen Belastung, Beanspruchung, Tätigkeitsanforderungen und arbeitsbedingten Erkrankungen im Lehrerberuf zu schaffen. Wie im nachfolgenden Bild zu sehen ist, unterscheidet Rudow objektive und subjektive oder psychische Belastungen. Zu der objektiven Belastung zählt Rudow die von der Lehrkraft unabhängigen Faktoren in der Tätigkeit. Dabei meint er alle Arbeitsaufgaben einer Lehrkraft (Lehren, Verwalten, Organisieren) sowie die Arbeitsbedingungen unter denen diese zu erfüllen sind. Zu diesen Bedingungen zählen z.B. räumliche und materielle Ausstattung der Schule oder auch die Schüleranzahl. Für Rudow besteht die objektive Belastung aus den Komponenten körperlichen, sozialen und geistigen Anforderungen, welches als wertneutrales Phänomen zu sehen ist. 3.2 46 Vgl.: Urbutt, Anne: Belastungen im Lehrerberuf. Faktoren der Belastung und Strategien der Belastungsbewältigung. Diplomica-Verlag. Hamburg 2015, S. 11. 3.2 Das Rahmenmodell der Belastung und Beanspruchung (nach Rudow) 43 37 3.2 Das Rahmenmodell der Belastung und Beanspruchung (nach Rudow) Das Rahmenmodell von Rudow aus dem Jahre 1994 stellt Belastungen, Beanspruchungsreaktionen und -folgen dar. Dazu erklärt das Modell die möglichen Beziehungen zwischen den einzelnen Komponenten. Rudow verfolgt dabei das Ziel, ein besseres Verständnis über Zusammenhänge zwischen Belastung, Beanspruchung, Tätigkeitsanforderungen und arbeitsbedingten Erkrankungen im Lehrerberuf zu schaffen. Wie im nachfolgenden Bild zu sehen ist, unterscheidet Rudow objektive und subjektive oder psychische Belastungen. Zu der objektiven Belastung zählt Rudow die von der Lehrkraft unabhängigen Faktoren in der Tätigkeit. Dabei meint er alle Arbeitsaufgaben einer Lehrkraft (Lehren, Verwalten, Organisieren) sowie die Arbeitsbedingungen unter denen diese zu erfüllen sind. Zu diesen Bedingungen zählen z.B. räumliche und materielle Ausstattung der Schule oder auch die Schüleranzahl. Für Rudow besteht die objektive Belastung aus den Komponenten körperlichen, sozialen und geistigen Anforderungen, welches als wertneutrales Phänomen zu sehen ist. Abbildung 3: Belastungs-Beanspruchungsmodell nach Rudow Erst nach der Bewertung der objektiven Belastung entwickelt sich die subjektive oder psychische Belastung. Rudow bezeichnet dies als „Widerspiegelung“ objektiver Belastung. Für die Qualität der subjektiven Belastung sind die Vorerfahrungen entscheidend. Jede erlebte Situation hängt von bestimmten Attributstrukturen ab, Vgl.: Urbutt, Anne: Belastungen im Lehrerberuf. Faktoren der Belastung und Strategien der Belastungsbewältigung. Diplomica-Verlag. Hamburg 2015, S. 11. Belastungs-Beanspruchungsmodell nach Rudow Erst nach der Bewertung der objektiven Belastung entwickelt sich die subjektive oder psychische Belastung. Rudow bezeichnet dies als „Widerspiegelung“ objektiver Belastung. Für die Qualität der subjektiven Belastung sin die Vorerfahrunge entsch idend. Jede erlebte Situation hängt von bestimmten Attributstrukturen ab, welche zu einer Zuschreibung vermuteter Ursachen von Erfolgen bzw. Misserfolgen führen. Dabei schreiben sich internal attribuierende Menschen den Erfolg selber zu, während external attribuierende es dem Zufall oder der gegebenen Leichtigkeit einer Aufgabe zuschreiben. Für die Wahrnehmung künftiger objektiver Belastungssituationen haben diese Zuschreibungen großen Einfluss.47 Einen weiteren wesentlichen Einfluss auf den Prozess der Widerspiegelung haben die psychischen und körperlichen Handlungsvoraussetzungen. Kognitionen, Einstellungen, Emotionen und Motive sind dabei Komponenten der psychischen Handlungsvoraussetzungen. „Motive und Einstellungen zur Berufstätigkeit, die soziale Handlungskompetenz, die pädagogische Qualifikation, die Berufserfahrungen, die psychovegetative Stabilität und die körperliche Leistungsfähigkeit“48 sind hierbei von besonderer Bedeutung. Als kognitive und Abbildung 3: 47 Vgl.: Ebd., S. 12. 48 Abb.4: Rudow, Bernd: Arbeits- und Gesundheitsschutz im Lehrerberuf, S. 36. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 44 emotionale Belastung äußert sich die subjektive Belastung. In der Phase der konkreten Tätigkeit werden nun die Handlungsvoraussetzungen der Lehrkraft gefordert. Danach tritt eine psychophysische Beanspruchung bei dieser auf. Die Reaktionen auf die psychophysische Belastung lassen sich in die Bereiche psychische Anspannung und somatische Veränderungen aufteilen. Welche Reaktion nach der psychophysischen Belastung eintritt, hängt von der Bewertung der objektiven Belastung und von der Qualität der Belastungsbewältigung ab. Weiter unterscheidet Rudow Beanspruchungsreaktionen und Beanspruchungsfolgen. Unter den Reaktionen versteht er zeitlich begrenzte, reversible psychophysische Phänomene und unter den Folgen überdauernde, chronische, bedingt reversible psychophysische Erscheinungen. Prinzipiell wird dabei auch zwischen positiven und negativen Beanspruchungsreaktionen und -folgen unterschieden. Positive äußern sich in Wohlbefinden und Herausforderungen bei den Lehrkräften. Aus den Negativen resultieren psychische Ermüdung, Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit und psychische Sättigung. Zusammenfassend zeigt das Modell, dass objektive Belastungsfaktoren zu ermitteln sind (Arbeitszeit, Schülerzahl etc.), diese aber nicht auf die psychische Belastung einer Lehrkraft verallgemeinert werden können, da sie von jeder Persönlichkeit unterschiedlich aufgenommen werden. Also ist die Persönlichkeitsstruktur einer Lehrkraft ein weiteres Spektrum, das berücksichtigt werden muss. Somit kann man sagen, dass subjektive Belastungen zwar belastend wahrgenommen werden können, jedoch aufgrund geeigneter und subjektiver Bewältigungsstrategien nicht unbedingt zu negativen Beanspruchungsreaktionen führen.49 Das diagnostische Instrument AVEM (nach Schaarschmidt) Das AVEM- Konzept „Bei der Analyse beruflicher Belastung stürzen wir uns auf persönlichkeitsspezifische Stile der Auseinandersetzung mit den Arbeitsanforde- 3.3 3.3.1 49 Vgl.: Urbutt, Anne: Belastungen im Lehrerberuf, a.a.O., S. 13. 3.3 Das diagnostische Instrument AVEM (nach Schaarschmidt) 45 rungen, die sich in Form von Mustern arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens darstellen lassen.“50 Dies geschieht mittels des diagnostischen Instruments AVEM von Uwe Schaarschmidt. Das AVEM ist als ein ressourcenorientiertes Verfahren zu verstehen, welches nicht nach Belastungssymptomen wie körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen und Beschwerden fragt, sondern nach Gefühlen, erlebten Kompetenzen, Haltung und Einstellungen. Dabei wird die aktive Rolle des Menschen in seinem Verhältnis zu den beruflichen Anforderungen betont. Für das berufliche Befinden trägt nicht allein der Mensch mit dem Einbringen seiner persönlichen Ressourcen die alleinige Zuständigkeit, es kommen auch die äußeren Arbeitsbedingungen hinzu. Diese geben erst den Rahmen und die Voraussetzung für die Mobilisierung und Entfaltung der persönlichen Ressourcen. Das AVEM-Ergebnis zeigt also sowohl die persönlichen Voraussetzungen des Menschen als auch die Folgen der bisherigen Beanspruchung. Beides lässt sich nicht voneinander trennen.51 Die elf Dimensionen des AVEM Beim Erstellen der Konstruktion des AVEM-Modells wurde ein breites Merkmalsspektrum berücksichtigt, die unter dem Gesundheitsaspekt die Befindlichkeit und Einstellung von Menschen in Bezug auf Arbeit und Beruf widerspiegelt. Diesen Überlegungen folgten elf Dimensionen, die ein faktorenanalytisches Verfahren sichert und zwischen arbeitsbezogenen Verhalten und Erleben unterscheidet. Folgend werden diese elf Dimensionen mit Beispielitems erläutert: Bedeutsamkeit der Arbeit: Stellenwert der Arbeit im persönlichen Leben. Bsp.: Die Arbeit ist für mich der wichtigste Lebensinhalt. Beruflicher Ehrgeiz: Streben nach Zielen und Weiterkommen im Beruf. Bsp.: Ich möchte weiter kommen, als es die meisten meiner Bekannten geschafft haben. 3.3.2 50 Schaarschmidt, Uwe/Kieschke, Ulf (Hrsg.): Gerüstet für den Schulalltag. Psychologische Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer. Beltz-Verlag. Weinheim und Basel 2007, S. 18. 51 Vgl.: Ebd., S. 20. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 46 Verausgabungsbereitschaft: Bereitschaft, die persönliche Kraft für die Erfüllung der Arbeitsaufgabe einzuschätzen. Bsp.: Wenn es sein muss, arbeite ich bis zur Erschöpfung. Perfektionsstreben: Anspruch bezüglich Güte und Zuverlässigkeit der eigenen Arbeitsleistung. Bsp.: Was immer ich tue, es muss perfekt sein. Distanzierungsfähigkeit: Fähigkeit zur psychischen Erholung von der Arbeit. Bsp.: Nach der Arbeit kann ich ohne Probleme abschalten. Resignationstendenzen: Neigung, sich mit Misserfolg abzufinden und leicht abzugeben. Bsp.: Wenn ich keinen Erfolg habe, resigniere ich schnell. Offensive Problembewältigung: aktive und optimistische Haltung gegenüber Herausforderungen und auftretenden Problemen. Bsp.: Für mich sind Schwierigkeiten dazu da, dass ich sie überwinde. Innere Ruhe und Ausgeglichenheit: Erleben psychischer Stabilität und inneren Gleichgewichts. Bsp.: Mich bringt so leicht nichts aus der Ruhe. Erfolgserleben im Beruf: Zufriedenheit mit dem beruflich Erreichten. Bsp.: Mein bisheriges Berufsleben war recht erfolgreich. Lebenszufriedenheit: Zufriedenheit mit der gesamten, auch über die Arbeit hinausgehenden Lebenssituation. Bsp.: Im Großen und Ganzen bin ich glücklich und zufrieden. Erleben sozialer Unterstützung: Vertrauen in die Unterstützung durch nahestehende Menschen, Gefühl der sozialen Geborgenheit. Bsp.: Wenn ich mal Rat und Hilfe brauche, ist immer jemand da. Diese elf Dimensionen lassen sich durch eine weitere faktorenanalytische Strukturierung in drei umfassende inhaltliche Bereiche zuordnen. Diese sind das berufliche Engagement, die erlebte Widerstandskraft gegenüber Belastungen und die Emotionen, die die Ausübung der Tätigkeit begleiten. Jedem Bereich kommen eigenständige Bedeutungen zu. So sind dem Bereich „Arbeitsmanagement“ die Dimensionen „Bedeutsamkeit der Arbeit“, „Beruflicher Ehrgeiz“, „Verausgabungsbereitschaft“, „Perfektionsstreben“ und „Distanzierungsfähigkeit“ zugeordnet. Im zweiten Bereich, der „Widerstandskraft“, ist ebenso die Dimension „Distanzierungsfähigkeit“ beinhaltet, sowie im Weiteren die „Resignationstendenz“, „Offensive Problembewältigung“ und „Innere Ruhe und Ausgeglichenheit“. Der dritte Bereich „Emotionen“ 3.3 Das diagnostische Instrument AVEM (nach Schaarschmidt) 47 repräsentiert die Dimensionen „Erfolgserlebnis im Beruf “, „Lebenszufriedenheit“ und „Erleben sozialer Unterstützung“. Diese Merkmale kennzeichnen den stabilen Hintergrund, vor dem sich die Auseinandersetzung mit der Arbeitsanforderung vollzieht, kommt sowohl in ihnen auch in unmittelbarer Weise der Gesundheitsaspekt zum Ausdruck.52 Die verschiedenen Muster des AVEM Das AVEM beinhaltet vier Muster arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens. Die erzielten Ergebnisse des AVEM lassen sich nun auf der Ebene der Merkmale sowie in der Form der wahrscheinlichen Zugehörigkeit zu diesen vier Mustern ausdrücken. Für jede Person kann grundlegend im Weiteren der Grad der Passung zwischen dem Individualprofil und den vier Referenzprofilen bestimmt werden. Es folgt die Musterzuordnung. In der Mehrzahl der Fälle ergeben sich keine direkten Musterzuordnungen, also keine prototypischen Musterzugehörigkeiten, sondern eher Musterkombinationen. Demzufolge findet meist eine tendenzielle Zuweisung statt, die die Personen mit ihren möglichen Entwicklungen berücksichtigt. Im folgenden Bild wird das Zusammenspiel von Dimensionen und resultierenden Mustern verdeutlicht. 3.3.3 52 Vgl.: Ebd., S. 19. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 48 41 3.3.3 Die verschiedenen Muster des AVEM Das AVEM beinhaltet vier Muster arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens. Die erzielten Ergebnisse des AVEM lassen sich nun auf der Ebene der Merkmale sowie in der Form der wahrscheinlichen Zugehörigkeit zu diesen vier Mustern ausdrücken. Für jede Person kann grundlegend im Weiteren der Grad der Passung zwischen dem Individualprofil und den vier Referenzprofilen bestimmt werden. Es folgt die Musterzuordnung. In der Mehrzahl der Fälle ergeben sich keine direkten Musterzuordnungen, also keine prototypischen Musterzugehörigkeiten, sondern eher Musterkombinationen. Demzufolge findet meist eine tendenzielle Zuweisung statt, die die Personen mit ihren möglichen Entwicklungen berücksichtigt. Im folgenden Bild wird das Zusammenspiel von Dimensionen und resultierenden Mustern verdeutlicht. Abbildung 4: Unterscheidung nach vier Bewältigungsmustern53 Die vier Muster (Bewältigungsmuster) werden von Schaarschmidt wie folgt beschrieben: Muster G: Dieses Muster steht für ein gesundheitsförderliches Verhältnis zum Arbeiten. Es handelt sich dabei also um ein wünschenswertes Muster arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens. Dieses Muster beinhaltet deutlich ausgeprägte Merkmale eines gesunden, nicht exzessiven Arbeitsmanagements. Der Ehrgeiz tritt hervor, ist jedoch nicht im extremen Verausgabungsbereich angelangt. Das Perfektionsstreben liegt im mittleren bis leicht erhöhten Bereich. Trotz des hohen Engagements erhält die 53 Abb. 5: Ebd., S. 21. Unterscheidung nach vier Bewältigungsmustern53 Die vier Muster (Bewältigungsmuster) werden von Schaarschmidt wie folgt beschrieben: Muster G: Dieses Muster steht für ein gesundheitsförderliches Verhältnis zum Arbeiten. Es handelt sich dabei also um ein wünschenswertes Muster arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens. Dieses Muster beinhaltet deutlich ausgeprägte Merkmale eines gesunden, nicht exzessiven Arbeitsmanagements. Der Ehrgeiz tritt hervor, ist jedoch nich im extremen Verausgabungsbereich angelangt. Das Perf ktionsstreben liegt im mittleren bis leicht erhöhten Bereich. Trotz des hohen Engagements erhält die Person in diesem Muster die Distanzfähigkeit und ist zudem mit der nötigen Widerstandskraft gegenüber Belastungen ausgestattet. Für Lehrkräfte stellt dieses Muster die günstigsten Voraussetzungen dar, um überzeugend ihr pädagogisches Wissen und Können wirksam umzusetzen. Muster S: Die Musterbezeichnung S soll auf die Schonung hinweisen, die das Muster in diesem Fall in Bezug auf das Verhältnis zur Arbeit charakterisiert. Das Muster beinhaltet die geringste Ausprägung an subjektivem und beruflichen Ehrgeiz, sowie Verausgabungsbereit- Abbildung 4: 53 Abb. 5: Ebd., S. 21. 3.3 Das diagnostische Instrument AVEM (nach Schaarschmidt) 49 schaft und Perfektionsstreben. Hier ist die stärkste Distanzierungsfähigkeit aller Muster zu erkennen. Hervorzuheben ist, dass die innere Ruhe und Ausgeglichenheit stark ausgeprägt sind. Schließlich ist zu erkennen, dass ein positives Lebensgefühl vorherrscht. Im Lehrerberuf könnte dieses Muster als ein ernsthaftes Hindernis auftreten, da für das erfolgreiche pädagogische Arbeiten ein verstärktes eigenaktives und engagiertes Handeln notwendig ist. Risikomuster A: In diesem Muster steht das überhöhte Engagement im Vordergrund. Im Vergleich zu den anderen Mustertypen liegt hier die stärkste Ausprägung in der Bedeutsamkeit der Arbeit, der Verausgabungsbereitschaft und dem Perfektionsstreben vor. Die Distanzierungsfähigkeit zum Beruf ist dabei sehr niedrig. Es fällt der Lehrkraft in diesem Muster sehr schwer, Abstand zu Arbeit und Problemen zu gewinnen. Hervorzuheben sind die hohen Werte in der Resignation und die geringe Ausprägung an innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Daraus resultieren eher negative Emotionen. Lehrkräfte dieses Typs sind meist gekennzeichnet durch eine hohe Einsatzbereitschaft. Heute wird meist der Begriff des „workaholic“ genannt. Doch auf Dauer reicht die Kraft der Lehrkraft nicht aus. Die Belastungen werden immer größer und ihnen ist mit der Zeit nicht mehr standzuhalten. Meist ist mit einem Übergang in das Risikomuster B zu rechnen, welches zum Burnout-Prozess führt. Risikomuster B: Zweifelllos ist dies das problematischste Muster des AVEM. Das Muster beinhaltet ein permanentes Überforderungserleben, Motivationseinschränkungen, Resignation und Erschöpfung. Beruflicher Ehrgeiz, Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen, Bedeutsamkeit der Arbeit und das Arbeitsengagement sind nur schwach ausgeprägt. Solche Erscheinungen zählen zum Kern des Burnout-Syndroms in den letzten Stadien. Dennoch kann nicht in allen Fällen von Burnout gesprochen bzw. dieses Muster damit gleichgesetzt werden. Die Lehrkraft kann unter diesen Umständen keine gute Lehrkraft sein. Alle Kräfte und Tätigkeiten, die die betroffene Lehrkraft aufbringt, werden dazu verwenden, irgendwie „über die Runden“ zu kommen.54 54 Vgl.: Ebd., S. 22f. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 50 43 Abbildung 5: Kurzbeschreibung der AVEM-Profile55 Weitere Untersuchungen haben bewiesen, dass die Gesundheitsrelevanz der Musterunterscheidung eine enorme Rolle einnimmt. Zudem ist zu ergänzen, dass die Musterzuordnungen in Bezug auf psychisches oder physisches Befinden, Erholungsfähigkeit, Krankentage etc. sich deutlich voneinander abheben. Muster G zeigt anliegend die gesundheitsförderlichen Werte, die Risikomuster schlechte Werte. Die Risikomuster weisen dieselben körperlich-funktionellen Beeinträchtigungen auf, wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Nacken- und Rückenschmerzen, Beeinträchtigung des Verdauungssystems. Wobei das Risikomuster B bei den psychischen Belastungen, zum Beispiel Erniedrigung des Selbstwertgefühls, Erschöpfung, Leistungsinsuffizienzerleben, ausgeprägter ist. Die Musterbestimmung ist dafür ein geeignetes Raster, um die Beanspruchung für Gruppen und Individuen zu verdeutlichen. Dabei wird auch ein Veränderungsbedarf aufgezeigt. Um spezielle Akzentuierungen bei der Untersuchung auszumachen, können die einzelnen elf Dimensionen herangezogen werden.56 55 Abb.6: Ebd., S. 23. 56 Vgl.: Ebd., S. 24. Kurzbeschreibung der AVEM-Profile55 Weitere Untersuchungen haben bewiesen, dass die Gesundheitsrelevanz der M steru terscheidung ine enorme Rolle einnimmt. Zudem ist zu ergänzen, dass die Musterzuordnungen in Bezug auf psychisches oder physisches Befinden, Erholungsfähigkeit, Krankentage etc. sich deutlich voneinander abheben. Muster G zeigt anliegend die gesundheitsförderlichen Werte, die Risikomuster schlechte Werte. Die Risikomuster weisen dieselben körperlich-funktionellen Beeinträchtigungen auf, wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Nacken- und Rückenschmerzen, Beeinträchtigung des Verdauungssystems. Wobei das Risikomuster B bei den psychischen Belastungen, zum Beispiel Erniedrigung des Selbstwertgefühls, Erschöpfung, Leistungsinsuffizienzerleben, ausgeprägter ist. Die Musterbestimmung ist Abbildung 5: 55 Abb.6: Ebd., S. 23. 3.3 Das diagnostische Instrument AVEM (nach Schaarschmidt) 51 dafür ein geeignetes Raster, um die Beanspruchung für Gruppen und Individuen zu verdeutlichen. Dabei wird auch ein Veränderungsbedarf aufgezeigt. Um spezielle Akzentuierungen bei der Untersuchung auszumachen, können die einzelnen elf Dimensionen herangezogen werden.56 Anforderungen und Belastungsfaktoren: Übersicht Der Beruf einer Lehrkraft ist allen Menschen in Deutschland aus der eigenen Schulzeit bekannt. Die Tätigkeit der Lehrkräfte lässt sich in zwei Arten von „Arbeitsplätzen“ einteilen. Zum einen gibt es den schulischen Arbeitsplatz, der von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, zum anderen den häuslichen Arbeitsplatz, der von Vor- und Nachbereitung, Korrekturen von Schülerarbeiten, Organisations- und Verwaltungsaufgaben und Elternarbeit geprägt ist. Im Gegensatz zum letztgenannten, bei dem die Lehrkraft selbstverantwortlich arbeiten kann, herrschen am schulischen Arbeitsplatz sehr klar definierte und organisierte Abläufe und Regeln. Durch die hohen Erwartungen und Ansprüche der Lehrkräfte sind durch die Kultusministerkonferenz (KMK 2010) klare Aufgabenbeschreibungen definiert worden. Nach der KMK gehören zu den Aufgaben des Lehrers das Unterrichten, Erziehen, Beurteilen, Beraten, Weiterentwickeln der eigenen Kompetenzen und die Weiterentwicklung der eigenen Schulorganisation. Zu den Erwartungsträgern der Lehrkraft werden die Vorgesetzten, die Schüler, die Eltern, die Öffentlichkeit und die Kollegen gezählt.57 Die daraus resultierenden Anforderungen, Mehrfachbelastungen des Lehrerberufs und die mögliche Selbstüberforderung der Lehrerperson können eine Ursache für das Burnout-Syndrom darstellen. Bei einer Befragung von Ausbildungslehrern und Mentoren über schulische Ursachen für das Burnout-Syndrom wurden die neun Bereiche Problemschüler, Schulaufsicht, Rahmenbedingungen, Persönliches, 3.4 56 Vgl.: Ebd., S. 24. 57 Vgl.: Hedderich, Ingeborg: Schulische Belastungssituationen, a.a.O., S. 7f. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 52 Kollegen, Eltern, Schulleitung, Berufsimage und Qualifikationen angegeben.58 44 Problemschüler, Schulaufsicht, Rahmenbedingungen, Persönliches, Kollegen, Eltern, Schulleitung, Berufsimage und Qualifikationen angegeben.58 Abbildung 6: Ursachen für das Burnout-Syndrom59 In der Literatur gibt es etliche Ursachen für Burnout-Erkrankungen im Lehrerberuf. Allerdings ist keine Einheitlichkeit in allen Werken zu erkennen. Die Anforderungen und Belastungen im Lehrerberuf und somit auch mögliche Quellen und Ursachen für das Burnout-Syndrom werden, in Anlehnung an Rudow, durch die Belastungsfaktoren der Lehrerarbeit kategorisiert. Die nachfolgende Tabelle veranschaulicht die Belastungsfaktoren und -bereiche. Arbeitsaufgaben/ Schulorganisatorische Bedingungen Arbeitsumweltbedingungen Soziale Bedingungen Kulturelle Bedingungen Arbeitsaufgaben Arbeitszeit/ Pausenzeit Unterrichtsfach Lehrplan Klassenfrequenz Klassenrekrutierung Stundenplan Raumplan/-wechsel Schultyp/-größe Lehrerfunktionen Unterrichtsmethode Lehr-/Lernmittel Lärm Mikroklima Luftbeschaffenheit Beleuchtung Klassenraum Bildschirmarbeit Unterrichtsfachspezifische Faktoren Pausen/- Entspannungsraum Schulgebäude Schüler Kollegen/ Personalrat Eltern/-beirat Schulbehörde Betriebe Sozialarbeiter/pädagogen Externe Fachkräfte Schulsekretärin Hausmeister Schulkultur/-klima Gesellschaftliche Erwartungen Medien Berufsstatus/ Berufsimage/anerkennung Gehalt Schulreformen/innovation Schulimage 58 Vgl.: Becker E. Georg/Gonschorek, Gernot: Kultusminister schicken 55.000 Lehrer vorzeitig in Pension. Konsequenzen aus dem Heidelberger Burnout-Test. in: Gudjons, Herbert (Hrsg.): Entlastung im Lehrerberuf. Bergmann und Helbig Verlag. Hamburg 1993, S. 70. 59 Abb.7: Ebd. Ursachen für das Burnout-Syndrom59 In der Literatur gibt es etliche Ursachen für Burnout-Erkrankungen im Lehrerberuf. Allerdings ist keine Einheitlichkeit in allen Werken zu erkennen. Die Anforderungen und Belastungen im Lehrerberuf und somit auch möglich Quellen und Ursachen fü das Burnout-Synd om werden, in Anlehnung an Rudow, durch die Belastungsfaktoren der Lehrerarbeit kategorisiert. Die nachfolgende Tabelle veranschaulicht die Belastungsfaktoren und -bereiche. Abbildung 6: 58 Vgl.: Becker E. Georg/Gonschorek, Gernot: Kultusmin ster schicke 55.000 Lehrer vorzeitig in P nsion. Konsequenzen aus dem Heidelberger Burnout-T st. in: Gudjons, He bert (Hrsg.): Entlas ung im Lehrerberuf. Bergmann und H lbig Verlag. Hamburg 1993, S. 70. 59 Abb.7: Ebd. 3.4 Anforderungen und Belastungsfaktoren: Übersicht 53 Arbeitsaufgaben/ Schulorganisatorische Bedingungen Arbeitsumwelt-bedingungen Soziale Bedingungen Kulturelle Bedingungen Arbeitsaufgaben Arbeitszeit/ Pausenzeit Unterrichtsfach Lehrplan Klassenfrequenz Klassenrekrutierung Stundenplan Raumplan/-wechsel Schultyp/-größe Lehrerfunktionen Unterrichtsmethode Lehr-/Lernmittel Prüfungen Weiterbildung Physische Belastung Sprechbelastung Lärm Mikroklima Luftbeschaffenheit Beleuchtung Klassenraum Bildschirmarbeit Unterrichtsfach- spezifische Faktoren Pausen/-Entspannungsraum Schulgebäude Schulausstattung Sanitärräume Schulstandorte Infektionsgefahr Schüler Kollegen/ Personalrat Eltern/-beirat Schulbehörde Betriebe Sozialarbeiter/-pädagogen Externe Fachkräfte Schulsekretärin Hausmeister Schulkultur/-klima Gesellschaftliche Erwartungen Medien Berufsstatus/ Berufsimage/-anerkennung Gehalt Schulreformen/-innovation Schulimage Die Tabelle verdeutlicht, dass die sozialen und kulturellen Bedingungen des Lehrerhandelns im Mittelpunkt stehen und dass man die einzelnen Anforderungen und Belastungsfaktoren in materiell-physische, organisatorische, soziale und kulturelle Bedingungen untergliedern kann. Überlappungen der einzelnen Faktoren und Bereiche sind grundsätzlich möglich.60 In den folgenden Punkten werden einige der oben genannten Faktoren in ausgewählte Belastungskategorien miteinbezogen. Diese Punkte werden nach ihrer Wichtigkeit und Wertigkeit auf mögliche Entstehung von Burnout fallend abgehandelt und erläutert. Zu diesen Faktoren gehören, in Anlehnung an Schönwälder, die psychische und physische Belastung, die Arbeitszeitbelastung, die schülerbezogene Belastung, die Belastung seitens der Eltern, die Belastung auf der Organisationsebene, die Belastung auf der schulorganisatorischen Ebene und die Lärmbelästigung. 60 Vgl.: Schumacher, Lutz: Gesundheit und Professionalität von Lehrkräften. In: Kiebisch, Udo W./Meloefski, Roland (Hrsg.): Lehrergesundheit. Anregungen für die Praxis. Schneider Verlag. Baltmannsweiler 2009, S. 23. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 54 Individuelle und psychische Belastungen Alle im Punkt 3.4 erwähnten Belastungen und Beanspruchungen können auf die Psyche einer Lehrkraft negative Auswirkungen haben. Meist sind allerdings private und persönliche Gründe für eine psychische Belastung ausschlaggebend. Diese sind zwar nicht direkt berufsgruppenspezifisch auf den Lehrerberuf zurückzuführen, können allerdings enorme Auswirkungen auf diesen haben. Schicksalsschläge, Krankheiten, Probleme mit dem Partner, Eheprobleme oder Familienprobleme, die Pflege einer Person und/oder deren Tod sind für psychische Erkrankungen oft die Ursache. Gerade der Tod eines Familienmitgliedes wie der des Partners oder sogar des eigenen Kindes wirken sich hierbei enorm aus. Darauffolgen wirtschaftliche oder finanzielle Schwierigkeiten. Die Problematik des Alterns der Lehrkraft begünstigt die nachlassende Spannkraft und Einflussnahme auf die Schülerinnen und Schüler. Das Gefühl, zu wenig getan zu haben und noch mehr geben zu müssen, ist ein weiteres belastendes Kriterium für eine psychische Belastung. Verantwortungsbewusste Lehrkräfte stehen somit permanent durch ihre Aufgabenfülle und deren Qualität im Dauerstress. Die Sorge um eine unvollkommene Arbeit wird größer. Die Diskrepanz zwischen Berufsideal und Berufswirklichkeit reduziert sich zunehmend. Schließlich schwindet das hohe Niveau des Unterrichts.61 Die Forschung von Schönwälder in der Schriftreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kam zu folgenden Ergebnissen betreffend psychischer Belastungen im Lehrerberuf: Lehrkräfte aller Schularten empfinden die Beurteilung durch Lernentwicklungsberichte, das Zeugnis geben sowie Unterricht, Schulveranstaltungen oder das Durchführen von Klassenfahrten als besonders belastend. Als eher mittelbelastend werden Planung und Vorbereitung von Projekten und Schulveranstaltungen sowie Elternabende empfunden. Fort- und Weiterbildungen, Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen und auch das Korrigieren von Schülerarbeiten werden als weniger bzw. kaum belastend bezeichnet.62 Gerade aus diesen Forschungsergebnis- 3.5 61 Vgl.: Becker E. Georg/Gonschorek, Gernot, a.a.O., S. 72f. 62 Vgl.: Schönwälder, Hans-Günther (Hrsg.): Belastung und Beanspruchung von Lehrerinnen und Lehrern. Schriftreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Berlin 2003, S. 14. 3.5 Individuelle und psychische Belastungen 55 sen ist herauszulesen, dass es den Lehrkräften bedeutend schwer fällt, eine schriftliche Fixierung von Schülerbeurteilungen und Leistungsbewertungen zu verfassen. Die dabei aufkommenden emotionalen Belastungsgefühle wirken sich auf weitere Lehrertätigkeiten aus, was den psychischen Druck nicht mindert. Folgend zeigt eine weitere Studie von Kramis-Aebischer anhand der Befragung von 152 Lehrkräften deren Berufsbelastungen auf individueller und psychischer Ebene : 63 Mich belastet… …dass ich in einer Berufskrise stecke. …dass ich eher mit mir als mit dem Unterricht beschäftigt bin. …dass ich mich ärgerlich fühle. …dass ich nervös und unruhig bin. …dass ich entmutigt bin. …dass ich mich unsicher fühle. …und verletzt, fundierte Kritik zu akzeptieren. …die Frage, ob ich genügend Sachwissen besitze. …die Frage, ob ich meinen Aufgaben gewachsen bin. …dass ich an meinen Fähigkeiten zweifle. Physische und psychosomatische Belastungen Die Lehrertätigkeit bringt auch physische und psychosomatische Belastungen mit sich. Das täglich lange Stehen des Lehrers kann z.B. Muskel- und Gelenkbeschwerden oder Nackenverspannungen hervorrufen. Ebenso kommt eine meist ungesunde Sitzhaltung hinzu, die Schäden an Wirbelsäule und Bandscheiben nach sich ziehen kann. Neben den allgemeinen Muskel- und Gelenkschmerzen sind auch weitere Organe des Körpers betroffen. Da die Stimme eines Lehrers das persönliche Ausdrucksmittel und somit das wichtigste Instrument im Klassenraum darstellt, ist der Beruf des Lehrers ein sehr stimm- und 3.6 63 Vgl.: Urbutt, Anne: Belastungen im Lehrerberuf, a.a.O., S. 21. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 56 sprechintensiver Beruf. Durch Lärmbelästigung kann die Stimme erheblich belastet werden. Die Folgen sind Heiserkeit, temporärer Stimmverlust bis zu ernsthaften Stimmstörungen oder Kehlkopfentzündung. Die Häufigkeit einer Stimmerkrankung im Lehrerberuf liegt bei ca. 11%.64 Neben den psychischen und physischen Belastungen treten im Lehrerberuf immer häufiger psychosomatische Beschwerden auf. „Psychosomatische Beschwerden sind unangenehme Körperempfindungen, die man mit den gegenwärtigen Mitteln der Medizin nicht genauer diagnostizieren kann und von denen man annimmt, dass seelische, soziale, mentale oder andere Probleme sich in Schmerzen verwandeln, um Menschen zu veranlassen, sich mit den zugrundeliegenden Ursachen zu beschäftigen.“65 Diese Beschwerden fordern eine Problemlösung, um bleibende Schäden zu vermeiden. Die hier nur wenigen genannten physischen und psychosomatischen Beschwerden und Erkrankungen sind häufig der Grund für einen Arztbesuch. Für spezielle Beschwerden, sollten die gegebenen Hilfsangebote durch Psychiater oder Psychotherapeut wahrgenommen werden. Dies ist auch richtig. Jedoch ist es nie falsch, mögliche seelische Ursachen selbst in Betracht zu ziehen um den gegenwärtigen Lebensstil positiv zu verändern.66 Arbeitszeitbelastungen Wenn man Lehrkräfte fragt, wie viele Stunden sie in der Woche arbeiten, werden meist nur die Unterrichtsstunden genannt. Doch, wie auch aus den vorherigen Punkten zu entnehmen ist, haben sie mehr als nur den Unterricht abzuleisten. Unterricht vorbereiten, Materialien bereitstellen, korrigieren, Berichte und Zeugnisse schreiben, Schülerleistungen bewerten etc. kommen zu dieser Arbeitszeit hinzu. Daneben noch Tätigkeiten wie Leistungs- und Verwaltungsaufgaben, Konferenzen 3.7 64 Vgl.: Bründel, Heidrun/Bründel, Klaus-Heinrich: Fit für den Schulalltag. Psychosoziale Grundkompetenzen im Lehrerberuf. Carl Link Verlag. Köln 2010, S. 54f. 65 Hammer, Wolfgang/Vogt, Peter: Gesund im Lehrerberuf. Vermeidung und Bewältigung von Burn-out. Schneider Verlag. Baltmannsweiler 2009, S. 18f. 66 Vgl.: Ebd., S. 19. 3.7 Arbeitszeitbelastungen 57 und Beratung der Schüler und Eltern. Nur 40% der Arbeitszeit einer Lehrkraft geht somit auf die Unterrichtszeit zurück. Je nach Schulform ist jede Form der Arbeitszeitbelastung unterschiedlich. Die folgende Tabelle67 gibt eine Übersicht über die jährlich abgeleisteten Arbeitsstunden einer Lehrkraft: Bereich 1 2 3 4 5 6 7 Unterricht 39 39 39 32 31 36 37 Unterrichtsbezogene Aufgaben 27 30 32 37 32 33 29 Außerunterrichtliche Aufgaben 18 16 16 16 22 15 19 Entwicklungs- und Koordinierungsaufgaben 1 1 1 1 2 2 1 Verwaltungs- und Führungsaufgaben 9 6 6 5 6 6 8 Lehreraus-, Fortund Weiterbildungen 1 0 0 2 1 1 1 Eig. Fort- u. Weiterbildung 5 8 6 8 7 7 5 Jahresarbeitszeit in Stunden 1750 1791 1769 1900 1976 1839 1828 (1= Grundschule; 2= Hauptschule; 3= Realschule; 4= Gymnasium; 5= Integrierte Gesamtschule; 6= Berufsbildende Schulen; 7= Sonderschulen) Aus der Tabelle ist sehr deutlich herauszulesen, dass die Spannbreite der geleisteten Jahresarbeitszeit je nach Schulform unterschiedlich groß ist. Dazu kommen noch unterschiedliche Arbeitszeiten, die von Fachunterricht und Klassenstufe abhängig sind. Im Schulalltag gibt es immer wieder Pausen, die für die Lehrkraft meistens keinen Erholungswert haben und keine Entspannungsfunktion darstellen. In den Pausen werden fast immer Sachen erledigt, die einen reibungslosen Unterrichtsablauf, wie z.B. Kopieren, Absprachen mit Kollegen treffen, Telefonate führen etc. sichern sollen. Deshalb lastet auf den Schultern der Lehrkräfte ein hoher Zeitdruck. Wie bei anderen Arbeitnehmern auch, unterliegt der Arbeitstag Tagesschwankungen, bei de- 67 Bründel, Heidrun/ Bründel, Klaus-Heinrich: Fit für den Schulalltag, a.a.O., S. 45. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 58 nen sich negative Emotionen steigern und das Energiedefizit vergrö- ßert. Schaarschmidt (2005) stellte fest, dass die Arbeitszeit der Lehrkräfte, die in Teilzeit an der Schule tätig sind (meist Lehrerinnen, im Interesse der eigenen Familie), sich nicht wesentlich von der eines Vollzeitarbeitenden unterscheidet. Etwa 30% der Lehrerinnen und Lehrer arbeiten mit einem reduzierten Stundendeputat, fühlen sich jedoch trotzdem nicht weniger belastet. Die außerschulischen Verpflichtungen wie Konferenzen und Sprechtage sind immer noch vorhanden und allgegenwärtig. Neue Arbeitszeitmodelle, wie sie u.a. von Schaarschmidth, Kieschke und Heitzmann vorgeschlagen werden, berücksichtigen Erholungsmöglichkeiten für Lehrkräfte im Schulalltag. Eine wünschenswerte Zukunftsvision ist, Arbeitsräume in Schulen zur Verfügung zu stellen und realitätsnahe Arbeitszeitregelungen einzuführen.68 Schließlich haben empirische Befunde herausgefunden, dass deutsche Lehrkräfte im Durchschnitt länger arbeiten, als sie es sich selbst zugetraut und erwartet haben. Im europäischen Vergleich liegen die deutschen Lehrer bei der unmittelbaren Arbeit mit den Schülern hinter Schottland und Estland an dritter Stelle. Somit haben die Lehrerinnen und Lehrer hierzulande mit das höchste Arbeitspensum europaweit. Das allgemeine Zeitproblem veranlasste eine Stichprobe, bei der über 63% der Probanden angaben, zu wenig Zeit zu haben. Diese Datenlage deutet auf eine hohe und stets steigende quantitative Belastung bundesdeutscher Lehrkräfte hin.69 Schülerbezogene Belastungen Die Ausübung von Gewalt gehört zu den meistgenannten schülerbezogenen Belastungen im Lehrerberuf. Dazu gehören unterschiedliche Ausprägungen von Gewalt wie physische, psychische, sexuelle, geschlechterfeindliche oder fremdenfeindliche Gewalt. Die Gewalt an Schulen wird nicht nur individuell ausgeübt, sondern kann auch im 3.8 68 Vgl.: Ebd., S. 45f. 69 Vgl.: Stiller, Michael: Belastungen, Ressourcen und Beanspruchungen bei Lehrkräften. Verlag Julius Klinkhardt. Bad Heilbrunn 2015, S. 74. 3.8 Schülerbezogene Belastungen 59 Kollektiv stattfinden. Nicht selten sind auch Lehrkräfte davon betroffen. Die Schule und das ganze Bildungssystem selbst stehen unter einer „Ordnungsgewalt“ in ihrem institutionellen Rahmen. Diese Ordnungsgewalt wird durch Ministerium, Regierungsbezirke, Schulamt, Schulleitung, Lehrer und Schüler legitimiert. Diese werden in Erlassen, Verordnungen, Verfügungen, Versetzungen, Zeugnissen und Notengebung sichtbar.70 Die Schule selbst kann durch die unterschiedliche Herkunft und Religionszugehörigkeiten der Schüler und deren Einteilung in Klassen als „Forum für Gewaltausübung“ gesehen werden. Viele Schüler verbinden mit Schule negative Emotionen. Sie rebellieren gegen den Zwang, dort sein zu müssen, erleben Misserfolge durch schlechte Leistungen, sehen keinen Sinn in den eigenen Anstrengungen, fühlen sich stigmatisiert und sehen sich abgedrängt von der Leistungsgesellschaft. Durch auftretende Zukunftsängste verstärkt sich ihre antisoziale Haltung. Rivalitäten und Aversionen zwischen den Schülern werden meist in Form von Schlägereien ausgetragen. Die Lehrkräfte, vor allem weibliche Lehrkräfte bei älteren und größeren Schülern, stehen dem oft nur hilflos gegenüber. Deeskalationstechniken sind bei den Lehrerinnen und Lehrern meist nicht ausgeprägt vorhanden. Die aus Untersuchungen der Bezirksregierung Münster und der Landesunfallkasse Nordrhein-Westfalen (2005) festgestellten Ergebnisse ergeben, dass die Gewalt unter Schülerinnen und Schülern ausgeht. Die Gewalt gegen Lehrkräfte wird meist schamlos verschwiegen. Die Gewalt gegen Lehrer, meist sind Lehrerinnen betroffen, kommt in einer physischer, psychischer, sexistischer Form hervor. Beleidigungen, Belästigungen und Ehrverletzungen sind dabei keine Seltenheit mehr. Ein geeignetes Beispiel hierfür ist der Fall der Rütli-Schule in Berlin, bei der sich die Lehrerschaft verzweifelt an die Öffentlichkeit gewendet hatte und eine Kapitulationserklärung hervorging. Heute ist die berüchtigte Schule der „Campus Rütli“ und wird durch zahlreiche finanzielle Hilfen unterstützt.71 70 Vgl.: Bründel, Heidrun/Bründel, Klaus-Heinrich: Fit für den Schulalltag, a.a.O., S. 41. 71 Vgl.: Tagesspiegel- Online: URL: http://www.tagesspiegel.de/berlin/schulen-in-sozi alen-brennpunkten-was-hat-berlin-aus-dem-ruetli-brandbrief-gelernt/13309852.h tml (entnommen am 17.05.2017). 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 60 Eine relativ neue Gewaltform kam durch die neuen Medien. So ist Cyber-Mobbing für viele Lehrkräfte sehr belastend, da es anonym abläuft. Bilder, Videos oder Gerüchte landen somit schnell auf Internetplattformen wie YouTube oder Facebook. Eine Verbreitung ist kaum mehr zu verhindern. Ebenso war es bis dahin für die Lehrkräfte absolut ungewohnt, Schülerurteilen ausgesetzt zu sein. So können z.B. auf der Plattform „Spick-mich.de“ Schüler mit Noten ihre Lehrer bewerten. Dies kann einerseits zu mehr Stress, andererseits auch zu einem Umdenken der Lehrer führen. Unterrichtsstörungen kann man ebenso zur Gewaltskala hinzuzählen, auch wenn sie nur am unteren Ende dieser stehen. Laut Winkel (2005) liegt eine Unterrichtsstörung dann vor, „wenn der Unterricht gestört ist, d.h. wenn das Lehren und Lernen stockt, aufhört, pervertiert, unerträglich oder inhuman wird.“72 Für Lehrkräfte können die Unterrichtsstörungen zu sehr großen Belastungen führen. Das Stören geschieht in Form von Zwischenrufen, Albernheiten, störenden Geräusche, abfälligen Bemerkungen oder demonstrativen Mitarbeitsverweigerungen. Alle diese Formen machen einen guten Unterricht unmöglich, da die Lehrer ständig unterbrechen und zurechtweisen müssen. Oft führt das zu Schreien, ironischen, zynischen oder sarkastischen Bemerkungen des Lehrers. Langfristig fühlt sich der betroffene Lehrer unzufrieden und ausgelaugt, welches zu Traumatisierungen führen kann. Laut Hiller (2004) trägt dieser Stress zum Burnout-Syndrom mit psychosomatischen Beschwerden bei.73 Belastungen seitens der Eltern Für Lehrkräfte werden diejenigen Eltern als störend und belastend empfunden, die an ihre Kinder erhöhte Leistungserwartungen richten und von den Lehrkräften eine Erfüllung von direkten Wünschen fordern. Meist sind es die Eltern, die die Grundschule nur als Durchgangsstation zum Gymnasium, Abitur und Studium sehen. Als belas- 3.9 72 Unterrichststörungen.de: URL: http://www.unterrichtsstoerungen.de/html/definiti onen.html (entnommen am 17.05.2017). 73 Vgl.: Bründel, Heidrun/Bründel, Klaus-Heinrich: Fit für den Schulalltag, a.a.O., S. 43f. 3.9 Belastungen seitens der Eltern 61 tend werden auch die Eltern empfunden, die den Kontakt zur Schule zu stark pflegen und sich ständig in Aktivitäten und Entscheidungen der Lehrkraft mit einbringen. Andererseits gibt es auch die Eltern, die die Erziehung ihrer Kinder und Jugendlichen voll auf die Schule und die Lehrer abwälzen. Für kommende Erziehungsschwierigkeiten und schulisches Versagen werden danach die Schule und deren Lehrkräfte zur verantwortlich gemacht. Weiter gibt es einige Eltern, die sich von der Schule und ihren Kindern in dieser Institution fernhalten. Diese haben weder Kontakt mit den Lehrern noch besuchen sie Elternabende. Eine lehrer- und schulfeindliche Einstellung kann hierbei als Beispiel herangezogen werden. 74 Belastungen auf Organisationsebene Mehrere Studien, unter anderem von Becker und Gonschorek, sowie auch die von Terhart, Kramis-Aebischer und Rudow bestätigen, dass ein erheblicher Teil von Lehrkräften Probleme mit den Kollegen, der Schulleitung oder der Schulaufsichtsbehörde als belastend empfinden und diese eine mögliche Ursache für das Burnout-Syndrom darstellen. So zeigt die Studie von Becker und Gonschorek, dass die Schulaufsicht unter allen Belastungsfaktoren den zweiten Rang, die Kollegen den fünften Rang und die Schulleitung den siebten Rang einnehmen. Gesetze, Erlasse und Verordnungen hinsichtlich der Schulaufsicht, die Bevormundung, die Abhängigkeit erzeugt, belasten die Lehrkräfte enorm. Mangelnde Anerkennung oder sogar Ängste von Vorgesetzten, Probleme mit Kollegen durch mangelnde Offenheit und schlechter Austausch über fachliche, methodische oder organisatorische Fragen führen zu der Verschlechterung des Gruppenklimas. Hinsichtlich der Schulleitung werden Probleme durch kleinliches, ungerechtes, überbetontes und bürokratisches Verhalten genannt. Die Ergebnisse von anderen Autoren und anderer Literatur bestätigen dies.75 Auch bei Rudow berichten über 49% der 44 befragten Lehrerinnen und Lehrer über Schwierigkeiten im Umgang mit der Schulleitung, 3.10 74 Vgl.: Gudjons, Herbert (Hrsg.): Entlastung im Lehrerberuf, a.a.O., S. 74. 75 Vgl.: Urbutt, Anne: Belastungen im Lehrerberuf, a.a.O., S. 17. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 62 den Kollegen und der Schulaufsicht. Bei ihm werden auch die Angst vor dem Schulleiter und die Rivalitäten im Kollegium hervorgehoben. Als belastend werden auch unterschiedliche pädagogische Wertvorstellungen zu Bildungs- und Erziehungszielen gesehen. Durch die oben dargestellten Probleme berichten Lehrkräfte immer wieder von der dadurch entstehenden „Einzelkämpfer-Situation“, die eine Kooperationsbeziehung untereinander deutlich erschwert. Im Vergleich zu anderen Berufen ist diese Kooperationsbeziehung innerhalb des Kollegiums bei dem Beruf des Lehrers nicht geregelt. Lehrpersonen haben durch ihre relative Autonomie eine Eigendynamik, die nur schwer das Denken und Handeln verändern lässt. Es bleibt noch anzumerken, dass es sich bei den in Studien aufgezeigten Belastungsfaktoren rein um subjektive Belastungen der Lehrkräfte handelt. Es wird oft nicht deutlich, von welchen Personengruppen die Organisationsebene als belastend empfunden wird. So wird das Gefühl des „Alleingelassenseins“ als Belastung aller Kollegen verspürt, unabhängig von Alter und Schulform. Vor allem Grundschullehrer und Gymnasiallehrer belastet die Schulaufsicht, wobei unter Bürokratie und juristischen Hemmnissen vor allem die 40-45jährigen Lehrer leiden. Also kann man schlussendlich sagen, dass es bei Belastungen auf Organisationsebene immer auch auf den Leitungsstil des Direktors, die Arbeitsatmosphäre an der Schule, die Einstellungen der einzelnen Lehrer zum Kollegium und den jeweiligen Krankenstand ankommt.76 Belastungen auf der schulorganisatorischen Ebene Auf der schulorganisatorischen Ebene steht vor allem die Arbeitszeit der Lehrkräfte im Vordergrund. Die Arbeitszeit im Unterricht wird auf ca. 50% ihrer gesamten Arbeitszeit geschätzt. Die oben genannten zusätzlichen Tätigkeiten eines Lehrers stellen die anderen 50% dar. Gerade diese weiteren Aufgaben neben dem Unterrichten können für viele Lehrkräfte eine Überforderung und Lustlosigkeit auslösen. Die Machtlosigkeit über Klassengröße, Klassenzusammensetzung und über die 3.11 76 Vgl.: Ebd., S. 18. 3.11 Belastungen auf der schulorganisatorischen Ebene 63 zu unterrichtenden Stunden und Fächer zu entscheiden, unterstützen diese Belastungen.77 Bei einer Umfrage von Kramis-Aebischer stand der Belastungsfaktor durch Problemschüler auf dem ersten Platz. Die Belastungen durch Schülerinnen und Schüler können sehr vielseitig sein. Schwierigkeiten können kulturelle und sprachliche Unterschiede sein, ebenso familiäre Veränderungen. Mit dem Stichwort „Veränderte Kindheit“ kann dies bestätigt werden. Die Zeitschrift „Der Stern“ ver- öffentlichte 2001 eine Studie, die darauf aufmerksam machte, dass bereits jedes fünfte Kind in Deutschland psychisch oder körperlich so angeschlagen sei, dass diese Hilfe benötigten. Diese Probleme fallen im Unterricht und im Schulalltag auf die Lehrkräfte zurück. Gerade diese stellen eine enorme Belastung dar. Widersprüchliche Rollenanforderungen stellen ein weiteres Problem auf dieser Ebene dar. Zielkonflikte und Rollenkonflikte zwischen Selektieren und Fördern, Notwendigkeit der Stoffvermittlung und einer sozialpädagogischen Unterstützung, sowie die Erwartungen an Vorgesetzte, Kollegen, Eltern und Schülern wirken sehr belastend auf die Lehrkräfte ein. Dazu kommt noch, dass die öffentliche Wertschätzung des Berufs sich in den letzten 20 Jahren drastisch verschlechtert hat. Weiter sind auch Ausstattungsmängel zu beklagen. Fehlende Lehrund Lernmittel, Räume und klimatische, akustische und optische Verhältnisse stellen ebenfalls häufige Belastungsursache dar.78 Ebenfalls werden von Lehrerinnen und Lehrern eine gute Ausbildung sowie permanente Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen erwartet. Wichtig zu erwähnen ist die Tatsache, dass alle genannten Belastungsfaktoren nicht für jede Lehrkraft eine Belastung darstellen, sondern dass diese individuell von vielfältigen Faktoren abhängig sind. Lärmbelastung Unter Lärm versteht man eine unerwünschte Schalleinwirkung, die von einer Person als belastend und störend empfunden wird oder so- 3.12 77 Vgl.: Stiller, Michael: Belastungen, Ressourcen und Beanspruchungen bei Lehrkräften, a.a.O., S. 86ff. 78 Vgl.: Urbutt, Anne: Belastungen im Lehrerberuf, a.a.O., S. 23ff. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 64 gar als gesundheitsschädigend eingestuft werden kann. Allerdings ist Lärm nicht mit großer Lautstärke gleichzusetzen, denn auch leise Geräusche können als störend empfunden werden, wenn sie permanent auftauchen und auf den Menschen einwirken. Als Beispiel kann hier eine konzentrative Tätigkeit wie das Schreiben einer Klassenarbeit herangezogen werden, bei der schon minimale Geräusche wie Husten, Stühle rücken etc. als sehr störend auf die Konzentration einwirken können. Lärm wirkt sich somit nicht nur auf das Gehör aus, sondern auch auf das Wohlbefinden einer Person. Folgend werden in der Abbildung vier Lärmstufen unterschieden und mit Beispielen verständlich gemacht: 55 Abbildung 7: Lärmbelastung und Gesundheitswirkung79 Die Lärmbelastung stellt für viele Lehrkräfte eine meist zu wenig beachtete Beanspruchung und Belastung dar. Da die Kommunikationsform in der Schule verbalauditiv ist, sollte es umso wichtiger sein, dass mehr auf die Akustik in den Schulräumen und Schulgebäuden geachtet wird. Leider spielt dies auch bei Neubauten eine eher untergeordnete Rolle. Häufig ist bei der Lärmeinwirkung in Schulen die Nachhallzeit zu berücksichtigen. Meist findet man diese in Fluren und Turnhallen. Durch das verzerrte Sprachsignal und der Störung der Sprachverständlichkeit werden die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrkräfte, immer lauter und beginnen sogar zu schreien. Besonders Kinder haben somit erhebliche Probleme, Informationen zu verstehen. Bereits in jungen Jahren können viele Schüler durch ihre Musikhör- und Freizeitgewohnheiten als hörgeschädigt einstufen werden. Es ist erwiesen, dass Lärm einen negativen Einfluss auf Lernleistung, Konzentration und Wohlbefinden aufzeigt. Die Wahrnehmung von Lärm ist dabei bedeutend. Was für Schüler als mittlere Intensität von Lärm wie z.B. Schreien, Herumlaufen, Toben, Rangeln, Klatschen etc. wahrgenommen wird, ist bei vielen Lehrkräften jedoch eine enorme Störung und Belästigung. Lärm in Schulen ist ein Lern- und Gesundheitsproblem für alle Beteiligten und dort Anwesenden. Die Lärmbelastung durch Schülerstimmen in allen Räumen und Fluren ist 79 Abb.8: Bründel, Heidrun/Bründel, Klaus-Heinrich: Fit für den Schulalltag, a.a.O., S.48. Lärmbelastung und Gesundheitswirkung79Abbildung 7: 79 Abb.8: Bründel, Heidrun/Bründel, Klaus-Heinrich: Fit für den Schulalltag, a.a.O., S. 48. 3.12 Lärmbelastung 65 Die Lärmbelastung stellt für viele Lehrkräfte eine meist zu wenig beachtete Beanspruchung und Belastung dar. Da die Kommunikationsform in der Schule verbal-auditiv ist, sollte es umso wichtiger sein, dass mehr auf die Akustik in den Schulräumen und Schulgebäuden geachtet wird. Leider spielt dies auch bei Neubauten eine eher untergeordnete Rolle. Häufig ist bei der Lärmeinwirkung in Schulen die Nachhallzeit zu berücksichtigen. Meist findet man diese in Fluren und Turnhallen. Durch das verzerrte Sprachsignal und der Störung der Sprachverständlichkeit werden die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrkräfte, immer lauter und beginnen sogar zu schreien. Besonders Kinder haben somit erhebliche Probleme, Informationen zu verstehen. Bereits in jungen Jahren können viele Schüler durch ihre Musikhör- und Freizeitgewohnheiten als hörgeschädigt einstufen werden. Es ist erwiesen, dass Lärm einen negativen Einfluss auf Lernleistung, Konzentration und Wohlbefinden aufzeigt. Die Wahrnehmung von Lärm ist dabei bedeutend. Was für Schüler als mittlere Intensität von Lärm wie z.B. Schreien, Herumlaufen, Toben, Rangeln, Klatschen etc. wahrgenommen wird, ist bei vielen Lehrkräften jedoch eine enorme Störung und Belästigung. Lärm in Schulen ist ein Lern- und Gesundheitsproblem für alle Beteiligten und dort Anwesenden. Die Lärmbelastung durch Schülerstimmen in allen Räumen und Fluren ist hoch und Lehrpersonen können sich dieser kaum entziehen. Die Belastung durch Dauerbeschallung fördert Unlust, Ärger und Erschöpfung. Es können sogar Aggressionen entstehen.80 Resilienz: Persönliche Elastizität gegen Belastungsfaktoren Persönliche Elastizität, Spannkraft oder Widerstandskraft sind Begriffe, die ein treffendes Bild von Resilienz, der Toleranz gegenüber Störungen, zeichnen. Resiliente Menschen sind wie ein Gummiball, der, wenn man ihn fest unter Druck setzt und wieder nachgibt, immer wieder zu seiner alten Form zurückkehrt. Der Begriff ist bis heute nur in wenigen Wörterbüchern zu finden. Er leitet sich vom lateinischen 3.13 80 Vgl.: Ebd., S. 47ff. 3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf 66 Wort „resilire“ ab, was so viel wie abprallen oder zurückspringen bedeutet und mit „Widerstandsfähigkeit“ umschrieben werden kann.81 Das Konzept der Resilienz wurde im Rahmen des salutogenetischen Ansatzes entwickelt. In der deutschsprachigen Forschungsliteratur wird Resilienz meist im Kontext von Kindern und Jugendlichen aufgegriffen. Diese befasst sich größtenteils mit den Fähigkeiten, die Kindern in Problemsituationen helfen können, ihre persönlichen Krisen zu bewältigen. Dazu gehören Mitgefühl, Kooperationsfähigkeit, der Glaube an die eigene Wirksamkeit, Kommunikationsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, das Lösen von Aufgaben, Kreativität, Selbstregulationsfähigkeit und Planungskompetenzen. Im Zusammenhang mit Lehrkräften wird Resilienz als tagtäglicher Faktor gesehen, um Belastungen und Unregelmäßigkeiten zu verarbeiten um dabei die eigene Gesundheit zu erhalten. Hierbei wird spezifisch auf die psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen und pathogenen Bedingungen hingewiesen. Eine resiliente Lehrerperson bleibt demnach bei belastenden Lebens- und Berufsbedingungen gesund, während eine andere Lehrperson mit ähnlichen Einflüssen mit psychischen Störungen reagiert.82 Konzeptuell weist das Resilienz- Konzept Überschneidungen mit dem Konzept der Selbstwirksamkeit und des Kohärenzgefühls auf. Trotzdem gilt Resilienz als Persönlichkeitsmerkmal gegen riskante Lebensbedingungen und Belastungen – vor allem im Schulalltag. Jedoch gehen die Resilienz-Forscher davon aus, dass diese nicht über den gesamten Lebenslauf stabil bleibt. Ebenso ist sie auch nicht den Menschen angeboren, sondern vielmehr ein Persönlichkeitsmerkmal, das im Laufe der Entwicklung erworben wird. 81 Vgl.: Stiller, Michael: Belastungen, Ressourcen und Beanspruchungen bei Lehrkräften, a.a.O., S. 114. 82 Vgl.: Döring-Seipel, Elke/Dauber, Heinrich: Was Lehrerinnen und Lehrer gesund hält. Empirische Ergebnisse zur Bedeutung psychosozialer Ressourcen im Lehrerberuf. Vanderhoeck und Ruprecht. Göttingen 2013, S. 63. 3.13 Resilienz: Persönliche Elastizität gegen Belastungsfaktoren 67

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Burnout ist schon lange kein Modebegriff mehr. Viele Lehrerinnen und Lehrer erkranken bereits in jungen Jahren an Burnout. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht nur persönliche Eigenschaften eine Rolle spielen, sondern die Hinführung zur Erkrankung auch durch bildungspolitische Systeme unterstützt werden. Für viele Lehrerinnen und Lehrer, aber auch anderen Personen im Erziehungs- und Bildungssystem, ist es wichtig, die Gefahr von Burnout oder anderen ähnlichen Erkrankungen vorzubeugen. Dieses Buch gibt Aufschluss darüber, was Burnout überhaupt ist und welche Ursachen es haben kann. Über spezifische Belastungsfaktoren aus der Schule wie z.B. schülerbezogene oder lärmbezogene Belastungen, werden auch gezielte Präventions- und Interventionsmaßnehmen gegen Burnout vorgestellt und erklärt.