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2. Das Burnout-Syndrom in:

Fabian Fürst

Burnout bei Lehrkräften, page 3 - 40

Theorie - Ursachen - Prävention - Intervention

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4160-4, ISBN online: 978-3-8288-7040-6, https://doi.org/10.5771/9783828870406-3

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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Das Burnout-Syndrom Historische Begriffsentwicklung Ursprünglich stammt das Krankheitsbild von dem Begriff „Neurasthenie“ ab, welcher 1869 vom amerikanischen Arzt Georg M. Beard eingeführt wurde. Beard nutzte diesen Begriff in der Hinsicht einer Verarmung an Nervenkraft mit Symptomen wie Nervenschwäche und nervöser Erschöpfung. Für ihn war die Neurasthenie eine Krankheit der moderneren und fortschreitenden Zivilisation. Unter Sigmund Freud galt Beards Krankheit der Neurasthenie als psychovegetatives Syndrom, das er selbst als „Aktualneurose“ bezeichnet und mit Symptomerscheinungen eines aktuellen psychischen Konfliktes bei Menschen beschreibt.1 Erst in den 1970er-Jahre kam der Begriff „Burnout“ auf. Bis dahin kannte man diesen Begriff höchstens aus der Technikbranche im Zusammenhang mit durchgebrannten Brennstäben in einem Reaktor oder aus der Medizin im Zusammenhang mit bleibenden körperlichen Einstellungen der Leprakrankheit. Der Begriff Burnout kam erst durch den Roman „A Burn-out Case“ von Graham Greene im Jahre 1961 in das öffentliche Bewusstsein. Für den Begriff, wie man ihn heute versteht, ist der Physioanalytiker Herbert J. Freudenberg verantwortlich. Er gilt als geistiger Vater und eigentlicher Entdecker des Burnouts.2 Freudenberg selbst, als engagierter Mann mit eigener Praxis in New York, arbeitete mehr als 16 Stunden am Tag und klagte immer häufiger über körperliche und psychische Beschwerden. Wie er genau auf den Begriff Burnout im Jahre 1974 kam, bleibt Spekulation. Das Beschwerdebild bestand aus psychischen und physischen Merkmalen 2. 2.1 1 Vgl.: Lanz, Caroline: Burnout aus ressourcenorientierter Sicht im Geschlechtervergleich. Eine Untersuchung im Spitzenmanagement in Wirtschaft und Verwaltung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2010, S. 53. 2 Vgl.: Rothland, Martin (Hrsg.): Belastung und Beanspruchung im Lehrerberuf. Modelle, Befunde, Interventionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2007, S. 122. 3 wie Verausgabung, Müdigkeit, emotionaler Instabilität, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Magen-Darm-Problemen, Kurzatmigkeit, Infektanfälligkeit, Distanz zu Mitmenschen sowie Konzentrationsschwierigkeiten.3 Das Beschwerdebild wiederholte sich bei weiteren Untersuchungen und Studien bei Personen mit anderen Berufen wie z. B. bei Managern. Ab 1976 befasste sich auch die Sozialpsychologin Christina Maslach mit dem „Burnout-Phänomen“ indem sie mehrere Untersuchungen zu Burnout in Sozialberufen an der Universität Berkeley in Kalifornien begann. Im deutschsprachigen Raum bekommt der Begriff erst ab den 1980er-Jahren eine Bedeutung. Dies geschieht u. a. durch die Buch- übersetzung von Freudenbergers Arbeit mit dem Titel „Ausgebrannt“. Eine lange Zeit wurde in Deutschland diese direkte Übersetzung des englischen Begriffes Burnout benutzt, bis sich dann doch das englische Wort durchsetzte. Es folgten auch in Deutschland immer weitere Forschungsarbeiten über das Burnout-Syndrom und es stieß auch in der Öffentlichkeit auf ein enormes Interesse. Dieses wurde auch durch prominente „Burnout-Fälle“ unterstützt. Heute gibt es eine Vielzahl an Definitionen und Studien, die versuchen, das Burnout-Syndrom zu erklären, sowie seineUrsachen und dessen Behandlung herauszufinden und zu verdeutlichen. Offiziell ist Burnout noch heute kein eigenständiges Krankheitsbild. Jedoch wurde er in das Handbuch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der International Classification of Diseases (ICD-10) aufgenommen. Dies geschah allerdings nicht als Krankheitsbild, sondern im Rahmen von „Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ im Abschnitt Z73.4 Wenn man heute von Burnout spricht, spricht man vom Burnout-Syndrom, da hier alle Symptome, die zu Burnout gezählt werden, in einem Begriff gesammelt sind. 3 Vgl.: Ebd., S. 123. 4 Vgl.: Kunz Heim, Doris: Burnout im Lehrberuf: Entstehung- Ursachen- Prävention, in: Dür, Wolfgang/Felder-Puig, Rosmarie (Hrsg.): Lehrbuch Schulische Gesundheitsförderung. Hans Huber Verlag. Bern 2011, S139. 2. Das Burnout-Syndrom 4 Begriffserklärung und Definitionen Burnout hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten in wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Publikationen ein großes Interesse in der Bevölkerung hervorgerufen. Burnout wurde zu einem Sammelbegriff für ein breites Spektrum an uneinheitlicher Symptomen. Die Formulierung eines eigenständigen, wissenschaftlichen Krankheitsbilds konnte bis heute nicht anerkannt definiert werden. Nur durch eine Literaturdurchsicht kann eine Vielzahl an Definitionsvorschlägen mit Modellen, Konzepten und Symptomauflistungen gesammelt werden, anhand derer es möglich ist feststellen, was man unter dem Begriff Burnout versteht. Es ist dabei anzumerken, dass mit weiteren Veröffentlichungen eine einheitliche Definition schwieriger herzustellen sein wird, da diese immer umfassender, ausufernder und nichtssagender scheinen zu sind. Dies sehen auch Kleiber und Enzmann, die die Vielfalt der Definitionen als ein Problem der Burnout- Forschung bezeichnen. Sie erkennen, dass die Anzahl an Definitionen aus dem Zusammenhang mit den beobachteten Symptomen resultieren.5 Im Folgenden werden einige Definitionen und Zitate von einschlägigen Autoren wiedergegeben, die auch untereinander einige Übereinstimmungen aufweisen: Pines, Aronson und Kafry definieren 1985 Burnout als „einen seelischen Zustand […], der häufig bei Menschen auftritt, die mit anderen Menschen arbeiten (und zwar vor allem, aber nicht ausschließlich, in helfenden Berufen) und die in einer Beziehung zu ihren Patienten, Klienten, zu ihren Vorgesetzten oder Kollegen die Gebenden sind. Zu diesem Zustand gehört eine ganze Reihe an Symptomen: Man fühlt sich ganz allgemein elend – emotional, geistig und körperlich ermüdet. Man fühlt sich hilflos und hoffnungslos, man bringt keine Begeisterung für die Arbeit und keine Lebensfreude mehr auf. Das Ausbrennen tritt meist nicht als Folge vereinzelter traumatischer Ereignisse auf, sondern als schleichende seelische Auszehrung; tragischerweise be- 2.2 5 Vgl.: Körner, Sylvia C.: Das Phänomen Burnout am Arbeitsplatz Schule. Ein empirischer Beitrag zur Beschreibung des Burnout-Syndroms und seiner Verbreitung sowie zur Analyse von Zusammenhängen und potentiellen Einflussfaktoren auf das Ausbrennen von Gymnasiallehrern. Logos Verlag. Berlin 2003, S. 21. 2.2 Begriffserklärung und Definitionen 5 trifft es vor allem Menschen, die einmal besonders begeisterungsfähig und idealistisch waren. Wir haben immer wieder gefunden, dass ein Mensch einmal „entflammt“ gewesen sein muss, um ausbrennen zu können. […]. Es sind also gerade die allerbesten Leute bestimmter Berufsgruppen, deren Arbeitseffizienz nachlässt.“6 Kleiber und Enzmann bezeichnen Burnout 1989 als ein „Reaktionssyndrom“ und verbinden Burnout mit einer Form der Stressbewältigung. Nach den beiden Autoren ist Burnout eine „spezifische Form der Konfliktbewältigung und kann als eine besondere Form von Problemlösung oder Aufgabenbewältigung verstanden werden.“7 Barth bezeichnet 1990 Burnout als „eine Funktion von Stress […], der aus individuellen, arbeitsbezogenen und gesellschaftlichen Faktoren herführt, einschließlich der sozialen Komponente der Arbeit. Burnout ist nicht Stress an sich, sondern resultiert aus einer besonderen Art von Stress, der aus der sozialen Beziehung zwischen Helfern und Hilfesuchenden resultiert und mit dem auf eine bestimmte Art und Weise umgegangen wird.“8 1994 bezeichnet Rudow in seiner Definition Burnout ebenso als ein Syndrom, welches die Erschöpfung und die Depersonalisierung in den Vordergrund stellt. „Darüber hinaus treten Gefühle der Leistungsschwäche und -unfähigkeit auf, die überwiegend als Folge der Erschöpfung anzusehen sind. […]. Burnout ist eine Folge anhaltender Stress- und/oder Ermüdungszustände, wobei Stress ein besonderes Gewicht zu haben scheint.“9 Eine weitere Definition kommt 1998 von Richter und Hacker, die Burnout als einen „Zustand physischer und psychischer, kognitiver und emotionaler Erschöpfung in Tätigkeiten der Humandienstleistung […]“ sehen. „Dabei handelt es sich vorzugsweise um Tätigkeiten, die ein langzeitiges Engagieren für andere Menschen in emotional belas- 6 Pines, Ayala M./Aronson Elliot/Kafry Ditsa: Ausgebrannt. Vom Überdruss zur Selbstentfaltung. Clett-Kotta Verlag. Stuttgart 1987, S. 13. 7 Kleiber, Dieter/Enzmann, Dirk: Helfer-Leiden. Stress und Burnout in psychosozialen Berufen. Asanger-Verlag. Heidelberg 1989, S. 8. 8 Barth, Anne-Rose: Burnout bei Lehrern. Eine empirische Untersuchung. Dissertation Universität Erlangen-Nürnberg. Nürnberg 1990, S. 16. 9 Rudow, Bernd: Die Arbeit des Lehrers. Zur Psychologie der Lehrertätigkeit, Lehrerbelastung und Lehrergesundheit. Hogrefe-Verlag. Göttingen 1994, S. 125. 2. Das Burnout-Syndrom 6 tenden Situationen erfordern.“10 Weiterhin beschreiben die Autoren Burnout als einen Übergangszustand zwischen klinischen bzw. chronischen Ermüdungsformen der Erschöpfung und einer erhöhten Stressbelastung. Den genannten Definitionen und Zitaten könnten weitere unterschiedliche Umschreibung zum Burnout-Phänomen angefügt werden. All diese Definitionen gehen nach Richter und Hacker auf die wohl bekannteste Burnout-Definition von Maslach und Jackson 1986 zurück. Viele Autoren orientierten sich an dieser Arbeit. Maslach und Jackson erklären das Burnout-Phänomen wie folgt: „Burnout is a syndrome of emotional exhaustion, depersonalization and reduced personal accomplishment that can occur among individuals who do „people work“ of some kind. A key aspect of the burnout syndrome is increased feelings of emotional exhaustion; as emotional resources are depleted, workers feel they are no longer able to give of themselves at a psychological level. Another aspect is the development of depersonalization- i.e., negative, cynical attitudes and feelings about one´s clients. This callous or even dehumanized perception of others can lead staff members to view their clients as somehow deserving of their troubles […]. A third aspect of the burnout syndrome, reduced personal accomplishments, refers to the tendency to evaluate oneself negatively, particularly with regard to one´s work with clients. Workers may feel unhappy about themselves and dissatisfied with their accomplishments on the job.“11 Auf dieser Definition von Maslach und Jackson basiert auch der von ihnen entwickelte Fragebogen zur Erfassung von Burnout, der Maslach Burnout Inventory (MBI), dessen deutsche Version (MBI-D) auf Barth zurückgeht. Dieser Fragebogen gilt als das am häufigsten eingesetztes Instrument zur Erfassung von Burnout und wird durch drei Dimensionen zur Beschreibung dieses Syndroms unterstützt. Wie aus Maslach und Jacksons oben zitierter Definition hervorgeht, setzt sich Burnout aus drei entscheidenden Komponenten zusammen. Diese 10 Richter, Peter/ Hacker, Winfried: Belastung und Beanspruchung. Stress, Ermüdung und Burnout im Arbeitsleben. Asanger-Verlag. Heidelberg 1998, S. 144. 11 Maslach, Christina/ Jackson Susan E.: The Maslach Burnout Inventory Manual. CA: Consulting Psychologists Press. Palo Alto 1986, S. 1. 2.2 Begriffserklärung und Definitionen 7 sind die emotionale Erschöpfung, die Depersonalisierung und die subjektiv reduzierte Leistungsfähigkeit12 (siehe Kap. 2.7). Die enorme Anzahl an Definitionen und Erklärungsversuchen lässt viel Spielraum untereinander, auch werden einige Fragen nicht beantwortet. Doch neben den Differenzen zwischen den Definitionen bleiben einige Gemeinsamkeiten, wie die Begleit- und Folgeerscheinungen, die im folgenden Schaukasten aus allen Definitionen zusammengefasst wurden: Begleit-/Folgeerscheinungen Angst Depressionen Unzufriedenheit Resignation Probleme im Privatleben Ineffektive Bewältigung Isolation Psychosomatische Beschwerden Abgrenzung zu verwandten Konstrukten Aufgrund des Fehlens einer allgemein anerkannten Definition, aber auch wegen der großen Ähnlichkeit zu anderen Formen, ist es erforderlich, das Burnout-Syndrom von anderen verwandten Arten abzugrenzen. Als vergleichbare Dimensionen sind Stress, Depression, Angst, Überdruss, Arbeitsunzufriedenheit, Entfremdung (u.v.a.) zu nennen, wobei diese Arbeit nur die genannten Ansätze thematisieren wird. Stress Der Begriff „Stress“ ist, wie auch der Begriff „Burnout“, sowohl ein umgangssprachlicher als auch ein wissenschaftlicher Terminus. Im Allgemeinen soll „Stress“ eine erhöhte Belastung, Anspannung, Bean- 2.3 12 Vgl.: Körner, Sylvia C.: Das Phänomen Burnout am Arbeitsplatz Schule, a.a.O., S. 23. 2. Das Burnout-Syndrom 8 spruchung und Überforderung ausdrücken. Somit kann man Stress im Belastungs- und Beanspruchungskontext sehen. Ohne Zweifel besteht ein Zusammenhang zwischen Burnout und Stress. Nach Rudow (1994) kann Burnout eine Folge von langanhaltenden Arbeitsstress sein. Auch nach Hacker und Richter (1998) sind wesentliche Gemeinsamkeiten zwischen Burnout und Stress durch Erschöpfung und Übermüdung zu sehen. Man kann also sagen, dass bei der Entstehung von Burnout chronischer Stress eine enorme Rolle spielt. Allerdings ist unter Burnout sicherlich mehr zu verstehen, da hoher Stress nicht automatisch zum Ausbrennen einer Person führt.13 Barth (1990) sieht Burnout als letzte Stufe in einem Prozess, der wiederholt nicht erfolgreich gemeistert wurde und somit auch wiederholt negativen Stressbedingungen ausgesetzt ist. Ein erheblicher Unterschied zwischen Burnout und Stress sieht man darin, dass Burnout für das betroffene Individuum negativ erlebt wird, während Stress in der Wissenschaft in Eustress und Disstress aufgeteilt wird und somit auch positiv erlebt werden kann. Zusammenfassend entsteht Stress durch ein komplexes Zusammenspiel von externen Belastungsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten. Eine langfristige Stressfolge kann zum Burnout führen, muss es jedoch nicht. Ein weiterer bedeutender Unterschied liegt in der subjektiven Bewertung der Bewältigungsmöglichkeiten von Stresssituationen. „Burnout kann als letzte Stufe eines missglückten Prozesses angesehen werden, negative Stressbedingungen zu bewältigen.“14 Depression Im 19. Jahrhundert begann der Begriff "Depression" sich in der Medizin zu etablieren. Dieser leitet sich vom lateinischen Verb „deprimere“ ab, was mit „Niederdrückung“, „in die Tiefe gehen“ oder „nach etwas graben“ übersetzt werden kann. Burnout und Depression liegen als bestimmte Form der seelischen Krankheit inhaltlich sehr nahe und weisen gemeinsame Symptome auf. Sie sind beide durch ein aversives, ne- 13 Vgl.: Ebd., S. 30. 14 Hedderich, Ingeborg: Schulische Belastungssituationen erfolgreich bewältigen. Ein Praxishandbuch für Lehrkräfte. Klinkhardt-Verlag. Bad Heilbrunn 2011, S. 31. 2.3 Abgrenzung zu verwandten Konstrukten 9 gativ getöntes emotionales Erleben gekennzeichnet und gehen deshalb mit ähnlichen Beschwerden einher. Jedoch sind sie im Hinblick auf Entstehung, Verlauf, Intensität und Globalität voneinander zu trennen. Burnout hat sicher etwas mit geringer psychischer Gesundheit zu tun, allerdings lassen sich Burnout-Komponenten wie die Depersonalisierung (Dehumanisierung) bei dem Konzept seelischer Gesundheit nicht finden. Depression kann man als eine psychische Erkrankung definieren, die eine anhaltende getrübte Stimmung, einen großen Interessenverlust, körperliche Einschränkungen, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, sowie eine Hemmung von Antrieb und Denken mit sich bringt. Hinzu kommt noch der Gedanke an Selbstverletzung oder Suizidhandlungen sowie eine pessimistische Zukunftsperspektive. Dies sind allerdings nur wenige Symptome und Anzeichen einer Depression.15 Die Trennung zwischen Burnout und Depression gestaltet sich insofern schwierig, da sie Symptome wie Motivationsverlust, Apathie, geringes Selbstwertgefühl, Gefühl abnehmender Kompetenzen u.v.a. miteinander teilen. Nach Rudow (2000) ist die Depression als ein Resultat eines langwierigen Burnout-Prozesses zu deuten. Es ist aber darauf zu achten, dass bei Burnout das Gefühl von Hilflosigkeit sich nur zeitweise und schwankend einstellen kann, dieses aber bei der Depression anhaltend und stabil ist.16 Welche genaue Positionierung und Funktion die Depression im Burnout-Verlauf einnimmt, ist bis heute umstritten. Die Forscher sind sich darüber nicht einig, ob die Depression eine eigene Phase im Burnout-Prozess darstellt oder sie eine wichtige Begleiterscheinung im Erschöpfungsprozess ausdrückt. Angst Angst ist ein „negativer, unangenehmer Gefühlszustand, der bei der Wahrnehmung einer bedrohlichen Situation auftritt. Bedrohlich ist die Situation dann, wenn einerseits die Notwendigkeit der Handlungsaus- 15 Vgl.: Voderholzer, Ulrich: Neurologen und Psychiater im Netz: URL: https://www. neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherap ie/erkrankungen/depressionen/was-ist-eine-depression/ (entnommen am 23.03.2017). 16 Vgl.: Körner, Sylvia C.: Das Phänomen Burnout am Arbeitsplatz Schule, a.a.O., S. 33. 2. Das Burnout-Syndrom 10 führung besteht, andererseits aber die Bewältigung der Situation aufgrund objektiver Informationsdefizite (Ungewissheit) oder/und subjektiver Inkompetenz problematisch ist.“17 Nach Rudow (1994) wächst die Angst diesem Verständnis nach aus der Bedrohlichkeit negativer Konsequenzen aufgrund von unbestimmten Anforderungen. Neben der emotionalen Komponente und der kognitiven Komponente beinhaltet die Angst auch eine physische und psychische Erregungskomponente, die bewusst wahrgenommen wird. Burnout und Angst verbindet eine enge Beziehung zu Stress, allerdings auch mehrere Unterschiede. Angst kann im Gegensatz zu Burnout abrupt entstehen und wieder vergehen. Angst ist ein Erregungsund Besorgniszustand, jedoch keine Resignation, Depersonalisierung oder Erschöpfung wie bei Burnout. Dazu kommt, dass Angst sich in verschiedene Formen wie Existenzangst, soziale Angst oder Lebensangst klassifizieren lässt. Überdruss Überdruss und Burnout sind nach Pines et al. (1987) Zustände körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung. Bei den Betroffenen kommen Symptome wie körperliche Verausgabung, Hilflosigkeit, hoffnungslose und negative Einstellungen vor. Überdruss wie auch Burnout haben mit Unzufriedenheit, Unglücklichsein und erfolglosem Streben zu tun. Überdruss selbst entsteht meist aus den typischen Widrigkeiten und dem chronischen Stress des täglichen Arbeits- und Privatlebens. Er kommt dann vor, wenn in der Umwelt des Individuums die negativen Aspekte die positiven überwiegen und der Betroffene sich mit enormer Belastung, Konflikten oder hohen Anforderungen auseinandersetzen muss. Meist sind Menschen betroffen, die mehr Stress als Unterstützung und Anerkennung erfahren. Burnout beinhaltet fast immer auch Überdruss.18 17 Rudow, Bernd: Die Arbeit des Lehrers, a.a.O., S. 95. 18 Vgl.: Pines, Ayala M. et al., a.a.O., S. 25. 2.3 Abgrenzung zu verwandten Konstrukten 11 Arbeits- bzw. Berufsunzufriedenheit und Motivation Burnout und Arbeitsunzufriedenheit hängen zwar zusammen, sind jedoch nicht als identisch zu betrachten. In der Regel werden sie auch in der Literatur nicht synonym oder gleichbedeutend gebraucht, wie fälschlicherweise die verwendeten Begriffe Stress und Burnout. Nach Merz (1979) ist die Arbeitszufriedenheit als die Summe bzw. Funktion emotionaler und rationaler Teileinstellungen zur eigenen Arbeit bzw. zum Arbeitsverhältnis zu betrachten.19 Eine geringe Arbeitszufriedenheit kann zwar zu Burnout führen, trotzdem ist es nicht zwingend, dass Burnout unabhängig von geringer Arbeitszufriedenheit entsteht. Der Autor Bruggemann (1974) bezeichnet die Arbeitszufriedenheit als Ergebnis eines Ist-Soll-Wert-Vergleiches. Bei diesem Vergleich dürfen die gegensätzlichen Werte nicht weit voneinander abweichen. Nur dann kann eine Periode der Entlastung und der Stabilisierung im Arbeitsleben garantiert werden. Gehen diese Werte auseinander, tritt eine diffuse Arbeitsunzufriedenheit ein. In dieser Situation werden entweder die Erwartungen gesenkt oder, trotz Frustration, beibehalten. Für diesen Fall gibt es nach Bruggemann drei Möglichkeiten der Problembewältigung: eine aktive Suche nach einer Lösung (konstruktive Arbeitsunzufriedenheit), der Verzicht auf Anstrengungen der Problembewältigung (fixierte Arbeitsunzufriedenheit) oder der Einsatz psychologischer Abwehrmechanismen zur Verschleierung der Situation (Pseudo-Arbeitsunzufriedenheit).20 Zwischen Bruggemanns Theorie der Arbeitsunzufriedenheit und dem Burnout-Syndrom lassen sich unterschiedliche Parallelen ziehen. Meist geben ausgebrannte Personen die Schuld an ihren Schwierigkeiten den Menschen in ihrem Arbeitsumfeld, wobei es sich bei Bruggemann hierbei um eine Abwehrmaßnahme zur Verschleierung des beginnenden Burnout-Prozesses handelt. Der Verzicht auf die Problembewältigung könnte ein Indiz für eine fortgeschrittene Burnout-Entwicklung sein. Meist endet dies mit 19 Merz, Jürgen: Berufszufriedenheit von Lehrern. Eine empirische Untersuchung. Beltz-Verlag. Weinheim/ Basel 1979, S. 19. 20 Vgl.: Hedderich, Ingeborg: Schulische Belastungssituationen erfolgreich bewältigen, a.a.O., S. 31. 2. Das Burnout-Syndrom 12 einer psychosomatischen Störung oder mit der Kündigung des Arbeitsverhältnisses.21 Weiter hängt die Arbeitsunzufriedenheit nach Hackmann und Oldham (1975) von den drei psychischen Zuständen, der erlebten Sinnhaftigkeit, der erlebten Verantwortung und der Rückmeldung über die eigenen Arbeitsergebnisse ab. Diese drei Faktoren können natürlich auch bei der Entstehung von Burnout eine Rolle spielen. Für Arbeiter, die in sich mehr Stressoren als Motivation in sich tragen, sind hochgradig Burnout-gefährdet. Allerdings kommen noch weitere Komponenten, sogenannte „Mediatoren“ zusätzlich hinzu, um eine Person tatsächlich ausbrennen zu lassen. Somit sind die Phänomene Berufs(un)zufriedenheit und Burnout unabhängig und voneinander zu trennen, treten aber auch miteinander in Interaktion. Entfremdung Man kann mindestens vier Entfremdungsbegriffe unterscheiden. Darunter gezählt werden der psychologische, der sozialpsychologische, der soziologische und der marxistische Entfremdungsbegriff. Die Entfremdung selbst bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, bei dem eine ursprüngliche Beziehung aufgehoben oder zerstört wird. Der psychologische Aspekt der Entfremdung besagt, dass das betroffene Subjekt sich nicht mehr als sich selbst wahrnimmt bzw. sich selbst nicht mehr als authentisch erlebt. Der soziologische Aspekt hingegen geht auf die Gesellschaft ein und verfolgt die Ausgrenzung des Individuums von der Teilnahme an soziokulturellen Aktivitäten. Der sozialpsychologische behandelt die Auseinandersetzung des Individuums mit einem inneren Konflikt, welcher auf das Nichterreichen von gesetzten Normen oder Zielen zurückgeht. Der letzte Aspekt ist der der marxistischen Entfremdung. Dieser stellt einen zentralen Kritikpunkt Marx' am Kapitalismus dar. Er besagt, dass die eigene Tat eines Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, und diese ihn letztendlich beherrschen wird.22 Nicht jede Art und alle Symptome der Entfremdung können auf das Burnout-Syndrom abgeleitet werden. Pines et al. grenzen den Entfremdungsbegriff für das 21 Vgl.: Ebd. 22 Vgl.: Kleiber, Dieter/ Enzmann, Dirk: Helfer-Leiden, a.a.O., S. 82. 2.3 Abgrenzung zu verwandten Konstrukten 13 Burnout-Syndrom sogar komplett aus, da z.B. eine Arbeitsentfremdung nur bei Menschen gefunden wird, die von ihrer Arbeit nur einen Verdienst erwarten. Nach ihnen ist die erlebte Sinnhaftigkeit der Arbeit und eine persönliche Verantwortung für das Arbeitserlebnis für das Burnout-Konzept essenziell. Deshalb ist für viele Forscher der Entfremdungsbegriff für das Burnout-Syndrom vermutlich überflüssig.23 Resümee Der Versuch, das Burnout-Syndrom von anderen verwandten Konstrukten abzugrenzen, hat gezeigt, dass nicht alle Aspekte des Burnouts wie z.B. chronische Müdigkeit abgedeckt sind. Es sind meist nur große Ähnlichkeiten sowie mögliche Einflussfaktoren festzustellen. An einigen Konstrukten wurde der Unterschied zum Burnout klar deutlich. Der Vergleich des Stresskonzepts mit Burnout legt nahe, dass Burnout als Folge einer Stressreaktion aufgefasst werden kann. Wobei Burnout auch als berufsspezifische Reaktion auf stresshafte Bedingungen mit anderen Menschen verstanden wird. Die Depersonalisierung kann hierbei als Abgrenzung zu allgemeinen Stresssituationen und Burnout herangezogen werden. Weiter beinhaltet die Verbindung zwischen Burnout und Depression hinsichtlich ihrer Symptomatik und den Entstehungsbedingungen die größten Ähnlichkeiten. Die größten Unterschiede dürften in der Globalisierung und Intensität der Beeinträchtigungen liegen. Wieder kann die Depersonalisierung als bestmögliches Unterscheidungskriterium verwendet werden. Die Arbeitszufriedenheit korreliert zwar mäßig mit Burnout, ist jedoch nicht identisch. Auf den ersten Blick weist auch die Arbeitsunzufriedenheit mit den Aspekten emotionale Erschöpfung und Depersonalisierung eine erhöhte Korrelation auf, ist so jedoch sehr gering. Die Arbeitsunzufriedenheit kann also nur als Stressquelle verstanden werden, die einen möglichen Burnout- Prozess beeinflusst oder sogar beschleunigt. 23 Vgl.: Ebd., S. 83. 2. Das Burnout-Syndrom 14 Die Symptomatik des Burnout-Syndroms Wenn es um die Burnout-Symptomatik geht, ist zu betonen, dass es sich bei Burnout um einen sozialpsychologischen Begriff handelt und nicht um eine klinische Diagnose wie z.B. bei einer endogenen Depression. Durch die Komplexität des Burnout-Syndroms sind auch die Symptome sehr weitreichend und vielschichtig. In den meisten Zusammenstellungen der Symptome des Burnout-Syndroms durch bedeutende Autoren handelt es sich um die der Endstadien. Neben Cherniss (1980), die eine Symptomliste des Burnouts mit den häufigsten Merkmalen zusammenstellte, waren auch andere Autoren bemüht, ein umfangreiches Symptombild anzufertigen. Darunter war beispielsweise Patrick (1979), der die Burnout-Symptome in vier folgende Gruppen einteilte: 1. Kognitive Symptome, 2. affektive Symptome, 3. beobachtbare Verhaltenssymptome und 4. körperliche Symptome. Pines, Aronson und Kafry (1993) differenzieren die Symptome in ihren drei Burnout-konstituierenden Komponenten der Erschöpfung: 1. Körperliche Erschöpfung (Energiemangel, chronische Ermüdung, Schwächegefühle, Überdruss, erhöhte Unfallgefahr, Muskelverspannung und Rückenschmerzen, Gewichtsschwankungen, erhöhte Anfälligkeit für diverse Erkrankungen, Schlafstörungen, verstärkte Einnahme von Aufputsch-, Stärkungs- oder Schlafmitteln) 2. Emotionale Erschöpfung (Niedergeschlagenheit, Hilflosigkeit, häufiges Weinen u.a. unkontrollierbare Gefühlsausbrüche, emotionale Leere und Ernüchterung, Reizbarkeit, Gefühle von Vereinsamung und Mutlosigkeit) 3. Geistige Erschöpfung (negative Einstellung gegenüber der eigenen Person, zur Arbeit und zum Leben, Gefühle der Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit, mangelnde Selbstachtung, zunehmende Kontaktarmut und eingeschränkte Kommunikation gegenüber Klienten und Kollegen, dehumanisierende d.h. verachtende, zynische und aggressive Einstellung gegenüber Klienten)24 2.4 24 Vgl.: Pines, Ayala M. et al.: Ausgebrannt, a.a.O., S. 27-31. 2.4 Die Symptomatik des Burnout-Syndroms 15 Burisch (1994) arbeitete intensiv mit der Theorie des Burnout-Syndroms und hat sich dabei umfassend mit dem Symptombild auseinandergesetzt. Er liefert durch seine Synthese mehrerer publizierter Burnout-Studien eine vergleichsweise sehr ausführliche Zusammenstellung von Symptomen und differenziert diese in sieben Kategorien. Folgend werden die sieben Kategorien nach Burisch mit den Einzelsymptomen aufgeführt. Dabei ist die gegebene Reihenfolge nicht zwingend zu verstehen, da z. B. die psychosomatischen Reaktionen durchaus in der Anfangsphase vorhanden sein können. 1.Warnsymptome der Anfangsphase a) Vermehrtes Engagement für Ziele: – Hyperaktivität – Freiwillige unbezahlte Mehrarbeit – Gefühle der Unentbehrlichkeit – Gefühl, nie Zeit zu haben – Verleugnung eigener Bedürfnisse – Verdrängung von Misserfolg und Enttäuschungen – Beschränkung sozialer Kontakte auf Klienten b)E rschöpfung – Chronische Müdigkeit – Energiemangel – Schlafmangel – Erhöhte Unfallgefahr Kategorie 1: Schon die ältere Burnout-Literatur war sich einig, dass eine Person nur „ausbrennen“ kann, wenn sie vorher schon „gebrannt“ hat. Heute wird eher von einem Überengagement oder einem „aktiven“ Typen gesprochen. Die neuere Literatur stellt die ältere in Frage, indem sie herausgefunden hat, dass auch das Verfolgen von unrealistischen Ansprüchen dazu führen kann. Burisch geht dabei auf die Gemütslage der betroffenen Person ein, denn wer Freude an seiner Arbeit hat und dadurch sich selbst bestätigt fühlt, kann kein Burnout erleiden. 2. Das Burnout-Syndrom 16 2.Reduziertes Engagement a) für Klienten, Patienten etc. – Desillusionierung – Verlust positiver Gefühle gegenüber Klienten – Größere Distanz zu Klienten – Meidung von Kontakt mit Klienten und/oder Kollegen – Aufmerksamkeitsstörung in der Interaktion mit Klienten – Verschiebung des Schwergewichts von Hilfe zur Beaufsichtigung – Schuldzuweisung für Probleme an Klienten – Höhere Akzeptanz von Kontrollmitteln und Strafen oder Tranquilizern – Stereotypisierung von Klienten, Kunden, Schülern etc. – Dehumanisierung b) für andere allgemein – Unfähigkeit zugeben – Kälte – Verlust der Empathie – Unfähigkeit zur Transposition – Verständnislosigkeit – Schwierigkeiten, anderen zuzuhören – Zynismus c) für die Arbeit – Desillusionierung – Negative Einstellung zur Arbeit – Widerwillen und Überdruss – Widerstand, täglich zur Arbeit zu gehen – Ständiges Auf-die-Uhr-Schauen – Fluchtphantasien – Tagträume – Überziehen von Arbeitspausen – Vorverlegter Arbeitsschluss – Fehlzeiten – Verlagerung des Schwergewichtes auf die Freizeit, Aufblühen am Wochenende – Höheres Gewicht materieller Bedingungen für die Arbeitszufriedenheit 2.4 Die Symptomatik des Burnout-Syndroms 17 d) erhöhte Ansprüche – Verlust von Idealismus – Konzentration auf die eigenen Ansprüche – Gefühl mangelnder Anerkennung – Gefühl, ausgebeutet zu werden – Eifersucht – Partnerprobleme – Konflikte mit den eigenen Kindern Kategorie 2: Bei Maslach (1978, 1982) und Aronson (1983) stellt diese Kategorie den Kern des Syndroms dar. Nach ihnen ist die idealistische Überhöhung der Arbeit, vor allem die mit Menschen, betroffen. Nachdem bei der betroffenen Person ein gewisses Übersoll erreicht ist, folgt dann der Rückzug. Das reduzierende Engagement mit Klienten oder Patienten nimmt zu und die Arbeit wird nur noch negativ empfunden. Dadurch leiden auch das private Umfeld und die Familie darunter. Aus der vorherigen Begeisterung wird Überdruss, der sich über alle Lebensbereiche zieht. Die Arbeit wird nur noch als Tätigkeit empfunden, die Geld und dadurch materielle Sachen herbeischaffen soll. Andere Aktivitäten nach der Arbeitszeit werden aktiv gesucht und ausgelebt, die erneut hohen Ansprüchen begegnen. Dies kann wieder zu Spannungen mit der eigenen Person und mit Mitmenschen führen. 3.Emotionale Reaktionen; Schuldzuweisung a) Depression, Schuldgefühle – Reduzierte Selbstachtung – Insuffizienzgefühle – Gedankenverlorenheit – Selbstmitleid – Humorlosigkeit – Unbestimmte Angst und Nervosität – Abrupte Stimmungsschwankungen – Verringerte emotionale Belastbarkeit – Bitterkeit – Abstumpfung, Gefühl von Ausgestorbensein und Leere – Schwächegefühl – Neigung zum Weinen – Ruhelosigkeit 2. Das Burnout-Syndrom 18 – Gefühl des Festgefahrenen – Hilflosigkeits-, Ohnmachtsgefühle – Pessimismus/Fatalismus – Apathie, Selbstmordgedanken b) Aggression – Schuldzuweisung an andere oder an „das System“ – Vorwürfe an andere – Verleugnung der Eigenbeteiligung – Ungeduld – Launenhaftigkeit – Intoleranz – Kompromissunfähigkeit – Nörgeleien – Negativismus – Reizbarkeit – Ärger und Ressentiments – Defensive/paranoide Einstellungen – Misstrauen – Häufige Konflikte mit anderen Kategorie 3: Die betroffenen Personen erkennen, dass sie ihre Ziele und ihre Vorstellungen im Beruf nicht erreicht haben. Deshalb sollte eine Trauerarbeit bei diesen vollzogen werden. Wenn dies nicht geschieht, folgen eine emotionale Reaktion und die Schuldzuweisung. Dabei handelt es sich um die Schuldzuweisung zur eigenen Person oder der Umwelt. Richtet sich der Ausbrennende gegen sich selbst, so wird er depressiv. Dabei sieht er die Ursachen seiner Probleme in erster Linie bei sich. Durch dieses Vorgehen sinkt sein Selbstwertgefühl und wird als persönliches Versagen interpretiert. Der in Kategorie 2 beschriebene hochmotivierte Idealist, der nur den Rückzug vollzieht, bekommt in dieser Kategorie Schuldgefühle hinzu, die ihn unter Umständen das Gefühl der Existenzberechtigung verlieren lassen. Sucht der Ausbrennende die Schuld in seiner Umwelt, reagiert er aggressiv. Wutausbrüche und gereizte Stimmung gegen Kollegen, Untergebene oder Familienangehörige sind Anzeichen für eine unbegründete defensive Einstellung zur Umwelt und gelten für den Betroffenen als Rechtfertigung. 2.4 Die Symptomatik des Burnout-Syndroms 19 4.Abbau a) der kognitiven Leistungsfähigkeit – Konzentrations- und Gedächtnisschwäche – Unfähigkeit zu komplexen Aufgaben – Ungenauigkeit – Desorganisation – Entscheidungsunfähigkeit – Unfähigkeit zu klaren Anweisungen b) der Motivation – verringerte Initiative – verringerte Produktivität – Dienst nach Vorschrift c) der Kreativität – verringerte Phantasie – verringerte Flexibilität d) Entdifferenzierung – rigides Schwarz-Weiß-Denken – Widerstand gegen Veränderung Kategorie 4: Der Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit tritt ein. Dies wird durch Flüchtigkeitsfehler wie Fehler in Briefen, Motivationsabbau, Kreativitätsabbau oder vergessene Terminabsprachen deutlich. Zudem folgt eine bequeme Denkweise und chronisches Ablehnen von Veränderungsvorschlägen („Entdifferenzierung“). 5.Verflachung a) des emotionalen Lebens – Verflachung gefühlsmäßiger Reaktionen – Gleichgültigkeit b) des sozialen Lebens – weniger persönliche Anteilnahme an anderen oder expressive Bindung an Einzelne – Meidung informeller Kontakte – Suche nach interessanten Kontakten – Meidung von Gesprächen über die eigene Arbeit – Eigenbröteleien – Mit sich selbst beschäftigt sein – Einsamkeit 2. Das Burnout-Syndrom 20 c) des geistigen Lebens – Aufgabe von Hobbys – Desinteresse – Langweile Kategorie 5: Nach den Symptomen von Kategorie 4 kann eine generelle Verflachung des emotionalen, sozialen und geistigen Lebens eintreten. Gleichgültigkeit, Verlust von Anteilnahme, fehlende Aufmerksamkeit und Desinteresse sind die Folge. Ein Teufelskreis entsteht, denn dadurch können Freunde verloren gehen, wodurch eine nachfolgende Einsamkeit entstehen kann. Diese Situation macht alles noch aussichtsloser für den Ausbrennenden. 6.Psychosomatische Reaktionen – Schwächung der Immunreaktion – Unfähigkeit zur Entspannung in der Freizeit – Schlafstörung – Albträume – Sexuelle Probleme – Gerötetes Gesicht – Herzklopfen – Engegefühl in der Brust – Atembeschwerden – Beschleunigter Puls – Erhöhter Blutdruck – Muskelverspannungen – Rückenschmerzen – Kopfschmerzen – Nervöse Ticks – Verdauungsstörungen – Übelkeit – Magen-, Darmgeschwüre – Gewichtsveränderungen – Veränderungen der Essgewohnheiten – Mehr Alkohol/Kaffee/Tabak/andere Drogen Kategorie 6: Bereits parallel zu den oben genannten Symptomen der Anfangsphase zeigen sich psychosomatische Symptome wie steigende Häufigkeit von Krankheiten, Schlafstörungen, Verspannungen und Verdauungsbeschwerden. Durch veränderte Essgewohnheiten (über- 2.4 Die Symptomatik des Burnout-Syndroms 21 wiegend durch Süßigkeiten) kann das Körpergewicht nicht gehalten werden. Der Gebrauch von unterschiedlichen Drogen nimmt zu. Im weiteren Verlauf können Herzprobleme oder innere Geschwüre, wie z.B. im Magen-Darm-Trakt auftreten. 7. Verzweiflung – Negative Einstellung zum Leben – Hoffnungslosigkeit – Gefühl der Sinnlosigkeit – Selbstmordabsichten – Existenzielle Verzweiflung Kategorie 7: Das letzte Burnout-Stadium kann als existenzielle Verzweiflung bezeichnet werden. Das anfänglich temporäre Gefühl der Hilflosigkeit hat sich zum chronischen Gefühl der Hoffnungslosigkeit verdichtet. Das Leben hat für den Ausbrennenden keinen Sinn mehr. Selbstmordgedanken treten auf. Selbstverständlich müssen bei einem Burnout-Fall nicht alle aufgelisteten Symptome vorhanden sein. Der Symptombegriff wird hier insofern gebraucht, dass das Vorhandensein eines gelisteten Symptoms die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die anderen Symptome auftreten oder auftreten werden. Nur wenige Autoren legen sich auf hinreichende oder notwendige Bedingungen fest. Dies liegt daran, dass zum einen sich unterschiedliche Symptome gegenseitig ausschließen können, zum anderen an der Forderung einer ungefähren zeitlichen Reihenfolge der Symptome. Zudem ist zu erwähnen, dass die Gliederung, wie sie hier erfolgt ist, nicht zwingend eingehalten werden muss. Schließlich kann der Prozess durch innere und äußere Veränderung zu jedem Zeitpunkt verändert oder sogar gestoppt werden. Natürlich nicht immer ohne bleibenden Beeinträchtigungen.25 25 Vgl.: Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung – Zahlreiche Fallbeispiele – Hilfen zur Selbsthilfen. Springer-Verlag. Berlin/ Heidelberg/ New York 2010, S. 25ff. 2. Das Burnout-Syndrom 22 Erklärungsansätze des Burnout-Syndroms Gusy (1995) versucht die verschiedenen Erklärungsansätze von Burnout einzuordnen. Dabei teilt er Burnout in zwei Erklärungsansätze auf. Die persönlichkeitsorientierten Erklärungsansätze sehen die Ursache der Erkrankung in der Persönlichkeitsstruktur des Individuums. Die sozial-, arbeits- und organisationspsychologischen Erklärungsansätze gehen auf das Umfeld der Person auf der Arbeit und in der Gesellschaft ein. Folgend werden mehrere Erklärungsansätze von verschieden Autoren erläutert.26 Persönlichkeitszentrierte Erklärungsansätze Modell von Edelwich und Brodsky (1984) – Burnout als Prozess fortschreitender Desillusionierung Edelwich und Brodsky beschreiben vier Phasen der Desillusionierung bzw. des Ausbrennens. Diese Phasen reichen von Idealismus und enthusiastischem Engagement beim Helfen von Mitmenschen über Stagnation und Stillstand bei Enttäuschung oder negativer Erfolgsrückmeldung zur Frustration und wachsender privater sowie beruflicher Unzufriedenheit bis zur Apathie und vollkommenen Resignation. Dies kann zur inneren Kündigung und zum Burnout führen. Idealistische Begeisterung Stagnation/ Stillstand Frustration Apathie Die Ursachen für Burnout sehen Edelwich und Brodsky in arbeitsund organisationsbedingten Faktoren. Zu diesen Faktoren zählen die Überlastung durch bestimmte Arbeitsbedingungen, Undankbarkeit der Klienten oder Patienten, Bürokratismus, Handlungseinschränkung oder eine geringe Bezahlung. Nach den Autoren ist die berufliche Motivation ein entscheidender Grund für das Ausbrennen. Ein überhöhtes Machtbedürfnis, idealisierte Erwartungen der eigenen beruflichen Einflussmöglichkeiten und zu hohe Ziele können dabei zu Burnout führen. Maßnahmen und Behandlung müssen nach den Autoren beim 2.5 2.5.1 26 Vgl.: Lanz, Caroline: Burnout aus ressourcenorientierter Sicht im Geschlechtervergleich, a.a.O., S. 54. 2.5 Erklärungsansätze des Burnout-Syndroms 23 Betroffenen selbst aufgearbeitet (psychoanalytisch-therapeutisch) werden.27 Modell nach Freudenberger und Richelson (1983) – Burnout als Überanstrengung Freudenberger und Richelson geben vor, dass individuelle sowie gesellschaftliche Entstehungsbedingungen für das Ausbrennen einer Person verantwortlich sind. Dies kann durch unrealistische, überhöhte Erwartungen, ein zu idealistisches Selbstbild der eigenen Einflussmöglichkeiten sowie durch ein übertriebenes Bedürfnis zum Helfen geschehen. Weiter unterscheiden die Autoren zwei Stadien des Burnouts. Zum einen beschreiben sie das empfindsame Stadium, in dem chronische Müdigkeit, psychosomatische Beschwerden und Reizbarkeit auftreten. Zum anderen das gefährlichere empfindungslose Stadium. Dieses beinhaltet das Verdrängen der eigenen Gefühle, welches schließlich zur Abstumpfung, Gleichgültigkeit, Zynismus oder zum Ausbrennen führt. Nach den Autoren sind allerdings nicht nur psychosoziale und pädagogische Berufsgruppen von Burnout gefährdet, sondern auch andere Bevölkerungsgruppen wie Minderheiten oder Unterprivilegierte.28 Modell nach Meier (1983) – Burnout als Erwartungs- und Wirklichkeitsdiskrepanz Meier beschreibt in seinem Modell, dass die Burnout-Erkrankung infolge eines erwarteten Mangels an Erfolgen und Belohnung durch die Arbeit sowie durch fehlendes Feedback und Kompetenzrückmeldungen geschehen kann. Dieses Modell stellt Burnout als eine Funktion von personen- und umweltbezogenen Faktoren dar. Die arbeitende Person macht nach Meier unterschiedliche Erfahrungen, die zu bestimmten Erwartungen und dadurch auch zum Ausbrennen führen können. Meiers vier Erwartungen nehmen in seinem Model eine zentrale Rolle ein. Er skizziert sie wie folgt: 27 Vgl.: Körner, Sylvia C.: Das Phänomen Burnout am Arbeitsplatz Schule, a.a.O., S. 49f. 28 Vgl.: Ebd., S. 43. 2. Das Burnout-Syndrom 24 – die Erwartung positiver Bekräftigungen (niedrig) – die Erwartung von Bestrafung (hoch) – die Erwartung, dass Bekräftigungen im Prinzip kontrollierbar sind (niedrig) – die Erwartung, sie selbst kontrollieren zu können (ebenfalls niedrig).29 Das Modell berücksichtigt hierbei die Interaktion zwischen internalen und externalen Prozessen, bei welchen die Ursachen für das Ausbrennen sowohl in der Umgebung als auch beim Individuum gesehen werden. Modell nach Burisch (1994) – Burnout als gestörte Handlungsepisode Burisch beschreibt Burnout als einen Zustand der „inneren Erschöpfung“, welcher in jedem Berufszweig auftreten kann. Er beschreibt Burnout als einen in Gang gesetzten Prozess durch Autonomieeinbußen in gestörten Auseinandersetzungen des Individuums mit dessen Umwelt. Zum Beginn des Burnout-Prozesses muss laut Burisch mindestens eine gestörte Handlungsepisode, die nicht ausreichend bewältigt worden ist, stehen. Aufgrund dieser Annahme erstellte Burisch seine Handlungstheorie, die sich in ein ungestörten und einer gestörte Handlungsepisode aufteilen lässt. Die beiden Handlungsepisoden können als Analyseeinheiten angesehen werden. Bei der ungestörten Handlungsepisode handelt es sich um einen Plan, der von einem Ist-Zustand zu einem Soll-Zustand führen soll. Dieses Vorhaben beinhaltet auch die angestrebten Ziele. Gleichzeitig mit den ersten Handlungsentwürfen bilden sich verschiedene Arten von Erwartungen. Meist geschieht dies eher unbewusst als bewusst. Diese Erwartungen nehmen Bezug auf das Niveau des Ziels, auf den erfolgreichen Zeit- und Energieaufwand, die Erfolgswahrscheinlichkeit, mögliche Chancen und Risiken, und emotionale Kompetenzen. Wurde die Handlungsepisode planmäßig durchgeführt und somit das Ziel bzw. die Ziele erreicht, so entsteht beim Individuum Zufriedenheit, wodurch eine neue Handlungsepisode angestrebt wird. 29 Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom, S. 47. 2.5 Erklärungsansätze des Burnout-Syndroms 25 Ungestörte Handlungsepisode30 Bei der gestörten Handlungsepisode hingegen kommen Störungen beim Erreichen der Ziele hinzu. Burisch unterscheidet hier vier mögliche Störanfälle für diese Episode: Zielvereitelung, Zielerschwerung, Ausbleiben der Belohnung und negative Nebenwirkungen. In allen vier Fällen handelt es sich um subjektiven Misserfolg und alle können somit zu Burnout führen. Durch bzw. nach einer gestörten Handlungsepisode sind die Betroffen meist wenig an einer erneuten Handlungsepisode interessiert.31 Sozial-, arbeits- und organisationspsychologische Erklärungsansätze Modell nach Pines, Aronson und Kafry (1980) – Überdruss und Burnout Die Autoren gehen auf die Erschöpfung im Burnout-Modell ein und verdeutlichen, wie bei ihrer Definition von Überdruss, die Anwesenheit und Erfahrung von einstellungsmäßiger (geistiger), emotionaler und körperlicher Erschöpfung. Die Autoren, wie auch Maslach und Jackson, sehen eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur der Helfer wie z.B. Beziehungsorientierung, Empathie und Idealität als Entstehungsbedingungen für Burnout. Die Hauptursache dafür sehen sie jedoch Abbildung 1: 2.5.2 30 Abb. 1: Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom, S. 161. 31 Vgl.: Ebd., S. 159ff. 2. Das Burnout-Syndrom 26 bei der Arbeitstätigkeit und deren Bedingungen. Diese Bedingungen können im Aspekt der Arbeits- und Organisationsbedingungen durch einen Mangel an Vielseitigkeit, ungenügende Unterstützungssysteme oder unklare Rollenverteilung ins Negative verändert werden. Pines et al. vereinfachen ihre Theorie in folgendem Schaubild: Burnout-Modell nach Pines et al.32 Modell nach Harrison (1983) – Das „Soziale-Kompetenz-Modell“ des Burnouts Harrison erklärt mit seinem sog. „Soziale-Kompetenz-Modell“ die Entwicklung von Burnout als einen vergeblichen Versuch, Mitmenschen bzw. Klienten oder Patienten zu helfen, wodurch ein niedriges Kompetenzgefühl entsteht. Dies kann langfristig zum Ausbrennen führen. Harrison spricht dabei nur Personen und Arbeiter an, die in sozialen Berufen tätig sind. Der Kern seines Modells liegt im Kompetenzgefühl dieser Personen. Das Kompetenzgefühl der betroffenen Personen entwickelt sich durch ihre temporären Erfahrungen im Beruf, die Beeinflussung ihrer beruflichen Umwelt und durch Erfolgsoder Misserfolgsrückmeldungen. Sind diese Faktoren negativ belastet, entsteht ein geringeres Kompetenzgefühl, welches Motivationsverlust Abbildung 2: 32 Abb.3: Kleiber, Dieter/Enzmann, Dirk: Helfer-Leiden, a.a.O., S. 30. 2.5 Erklärungsansätze des Burnout-Syndroms 27 sowie geringe Erfolgserwartungen mit sich führt. Die Gefahr von Burnout ist nun gegeben.33 Modell nach Maslach und Jackson (1984) – Burnout als Folge emotionaler Überbeanspruchung Maslach und Jackson nehmen in ihrem Modell die angenommenen Entstehungsbedingungen von Burnout wieder auf, wobei der Fokus auf den zwei Dimensionen Depersonalisierung und abnehmende persönliche Leistungsfähigkeit liegt. Auf diese Dimensionen wird an mehreren Stellen dieser Arbeit eingegangen (vgl. Kap. 2.2). Nach Maslach und Jackson sind bestimmte Arbeitsbedingungen sowie die Art der Helfer- Klient-Beziehung Entstehungsbedingungen für die Depersonalisierung und emotionale Erschöpfung. Wie bei Aronson et al. sehen die Autoren die Hauptursache von Burnout in den Arbeitsbedingungen und der Organisationsstruktur. Natürlich erwähnen sie dabei auch noch bestimmte Eigenschaften der Einzelperson, die u.a. persönlicher Stil, Interessen, Erwartungen, Bedürfnisse oder ein Selbstkonzept beinhalten. Auch sie sehen als Burnout-fördernde Komponenten die fehlende Belohnung oder mangelndes Feedback, Rollenunklarheit und Rollenkonflikte, etc. an. Zudem legen die beiden Autoren gesellschaftlich-soziale Veränderungen als die Ursache für Depersonalisierung fest. Darunter zählt der Verlust an Gemeinschaftsgefühl, Veränderung der Familienstruktur etc..34 Eisenstat und Felner (1983) – Das „Stressmodell“ des Burnout-Syndroms Eisenstat und Felner gehen verstärkt auf die drei Burnout-Dimensionen ein. Nach ihnen ist für die emotionale Erschöpfung sowie die Depersonalisierung eine starke Anwesenheit von Arbeitsstressoren verantwortlich. Diese können sich als negative Einstellung und Verhaltensweisen gegenüber den Klienten äußern. Zu Arbeitsstressoren zählen sie eine hohe quantitative Arbeitsbelastung und fehlende Rückmeldung über den Arbeitserfolg. Aus dem folgenden Mangel an Arbeitsmotivation resultiert eine berufliche Unzufriedenheit, die das Nachlas- 33 Vgl.: Körner, Sylvia C.: Das Phänomen Burnout am Arbeitsplatz Schule, a.a.O., S. 45. 34 Vgl.: Ebd., S. 48. 2. Das Burnout-Syndrom 28 sen der persönlichen Leistungsfähigkeit zur Folge hat. Unter Arbeitsmotivation differenzieren die Autoren die intrinsische und extrinsische Motivation. Die intrinsische Motivation in sozialen Berufen bestimmt zumeist die Arbeitsqualität der Arbeiter. Abwechslung, Bedeutsamkeit, Identifikation, Autonomie und Feedbacks können die intrinsische Motivation aufrechterhalten oder sogar verstärken. Eine extrinsische Motivation kann z.B. die Bezahlung darstellen. Um Arbeitsunzufriedenheit oder Burnout zu vermeiden, ist eine Strukturierung der Arbeit vonnöten. Zwar wirken Stressoren nicht direkt auf die Arbeitsmotivation ein, jedoch sind ihre Auswirkungen auf die emotionale und körperliche Erschöpfung erkennbar. Im Stressmodell von Eisenstat und Felner wird Burnout als multidimensionales Syndrom interpretiert und postuliert, welches verdeutlicht, dass Stressoren sowie Motivatoren zur Entstehung dieses Syndroms beitragen. Dabei gehen sie auf die unterschiedlichen Auswirkungen und auf die Dimensionen ein.35 Fazit Durch die erläuterten Erklärungsansätze unterschiedlicher Burnout- Modelle von mehreren Forschern und Wissenschaftlern werden die Komplexität des Burnout-Syndroms und die unterschiedlichen Entstehungsfaktoren festgestellt und verdeutlicht. Die Modelle zur Entstehung basieren meist auf Modellen zur Erklärung von Stress, Arbeitszufriedenheit oder anderen Beanspruchungskonzepten. Trotz der Unterschiedlichkeit dieser Modelle und der einseitigen Betrachtungsweise, in der die Entstehung von Burnout entweder nur individuumsbezogen oder nur organisationsbezogen gesehen wird, ergeben sich oft inhaltliche Überlappungen und Gemeinsamkeiten. Die Modelle kann man vielmehr als „Puzzleteile“ zur Erreichung eines theoretisch fundierten und empirisch akzeptierten Burnout-Konzeptes verstehen. 2.5.3 35 Vgl.: Ebd., S. 46. 2.5 Erklärungsansätze des Burnout-Syndroms 29 Der Entwicklungsverlauf des Burnout-Syndroms Die Literatur ist sich einig, dass Burnout nicht abrupt einsetzt, sondern ein von außen beobachtbarer, schleichend einsetzender und langwieriger Prozess ist. Bis heute ist es noch nicht geschehen, den Beginn eines Burnout-Prozesses auf ein Initialerlebnis zu datieren. Eine Reihe von Autoren wie Edelwich und Brodsky (1980), Cherniss (1980), Freudenberger und Richelson (1983), Lauderdale (1982) sowie Pines und Maslach (1978) beschäftigten sich mit den Verlaufsstadien und behaupten somit, dass es eine gewisse Regelmäßigkeit im Auftreten von Symptomen bei Burnout gibt. Folgende Übersicht stellt die postulierten Verlaufsstadien genannter Autoren dar. Dabei ist zu erwähnen, dass es sich hierbei nicht um systematische, empirische Studien handelt, sondern um einen intuitiven Typisierungsversuch. Burnout-Phasentheorien Freudenberger: Phase 1: Empfindendes Stadium – Chronische Müdigkeit – Höherer Energieeinsatz zur Erreichung der gewohnten Leistungsstandards – Verdrängung negativer Gefühle Phase 2: Empfindungsloses Stadium Symptome von (1) plus – Gleichgültigkeit – Langeweile – Zynismus – Ungeduld – Erhöhte Reizbarkeit – Gefühl der Unersetzlichkeit – Angst, nicht anerkannt zu werden – Schuldzuschreibung an die Umwelt – Kognitive Desorientierung wegen Überlastung – Psychosomatische Beschwerden – Depressionen 2.6 2. Das Burnout-Syndrom 30 Cherniss: Phase 1: Berufsstress – Anforderungen übersteigen die Ressourcen Phase 2: Stillstand – Angst – Spannung – Reizbarkeit – Ermüdung – Erschöpfung Phase 3: Defensive Bewältigungsversuche – Emotionale Abkopplung – Rückzug – Zynismus – Rigidität Lauderdale: Phase 1: Verwirrung – Vages Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist – Gelegentlich grundlose Angst – Beginnende somatische Symptome, wie Kopfschmerzen, Angespanntheit, Schlaflosigkeit, Energiemangel Phase 2: Frustration – Unzufriedenheit und Ärger – Gereiztheit gegen Freunde und Kollegen – Evtl. Arbeitsplatzwechsel – Gefühl, betrogen zu werden – Ausgeprägtere somatische Symptome, wie Rückenschmerzen, Migräne – Entspannung nur noch mit Alkohol und Tranquilizern Phase 3: Verzweiflung – Insuffizienzgefühle – Gefühl der Sinnlosigkeit – Selbstanklagen – Zynismus – Misstrauen – Mechanisierung des Lebens – Erschöpfungsgefühl schon bei kleineren Anforderungen – Rückzug – Apathie 2.6 Der Entwicklungsverlauf des Burnout-Syndroms 31 Edelwich: Phase 1: Idealistische Begeisterung – Selbstüberschätzung – Hochgesteckte Ziele – Omnipotenzphantasien – Optimismus – Hoher Energieeinsatz – Überidentifikation mit Klienten und mit der Arbeit allgemein Phase 2: Stillstand – Erste Enttäuschungen – Bedürfnisse nach Komfort, Freizeit, Freunden, Karriereaussichten werden wichtiger – Beschränkung der Kontakte auf Kollegen – Reduzierung des Lebens auf die Arbeit – Familienleben leidet – Rückzug von Klienten Phase 3: Frustration – Erfahrung der Erfolglosigkeit und der Machtlosigkeit – Probleme mit Bürokratie – Fühlbarer Mangel an Anerkennung von Klienten und Vorgesetzten – Zu viel Papierkrieg – Gefühl der Inkompetenz – Psychosomatosen – Drogengebrauch – Überernährung Phase 4: Apathie – Völlige Desillusionierung – Verzweiflung wegen schwindender beruflicher Alternativen – Resignation – Gleichgültigkeit Phase 5: Intervention (fallspezifisch) 2. Das Burnout-Syndrom 32 Maslach: Phase 1a: Emotionale Erschöpfung – Müdigkeit schon beim Gedanken an die Arbeit Phase 1b: Physische Erschöpfung – Schlafstörungen – Anfälligkeit für Erkältungen, Kopfschmerzen, sonstige Schmerzen Phase 2: Dehumanisierung – Negative, zynische Einstellung zu Kollegen – Negatives Gefühl für Patienten/Klienten – Schuldgefühle – Rückzug ins Schneckenhaus – Vermeidung von Unannehmlichkeiten – Reduzierung der Arbeit auf das Allernotwendigste Phase 3: Terminales Stadium – Widerwillen gegen sich selbst – Widerwillen gegen alle anderen Menschen – Widerwillen gegen überhaupt alles Die Abgrenzung der Stadien verläuft größtenteils willkürlich. Von den Autoren selbst wird dies ausdrücklich betont. Weiter ist zu erwähnen, dass Freudenberger und Lauderdale ausschließlich über Wirtschaftsberufe forschen, wogegen Edelwich, Cherniss, Pines und Maslach sich ausnahmslos mit professionellen Helferberufen beschäftigen. Nur Cherniss beschreibt als einziger die auslösende Situation (Berufsstress) als eigenständiges Stadium, welches bei den anderen Autoren zeitlich vorangehend mitgedacht werden muss. Freudenberger und Edelwich nehmen als Initialreaktion die überhöhten Anforderungen und den durchzuhaltenden Energieeinsatz. Bei allen Autoren folgen nun die klassischen Warnsignale wie Ermüdung, Erschöpfung, verschlechterte Beziehungen in der sozialen Umwelt sowie Reizbarkeit, Ungeduld und Vorwürfe. Der Begriff der Dehumanisierung kommt allerdings nur in Berufen vor, bei denen die Beziehung im Zentrum steht, also bei Helferberufen. Die aufkommenden und begleitenden Psychosomatiken werden, außer von Cherniss, auch von allen Autoren erwähnt. Der Endzustand wird von allen mit den Begriffen Depression und Rückzug 2.6 Der Entwicklungsverlauf des Burnout-Syndroms 33 charakterisiert. Lauderdale, Cherniss und Maslach sprechen sogar von Apathie, Verzweiflung oder Widerwillen.36 Messinstrumente des Burnout-Syndroms Viele der früheren Burnout-Publikationen beinhalten Fragebögen, die eine Messung und Feststellung von Burnout verfolgten. Jedoch wurde ihre technische Qualität nie ganzheitlich überprüft. Aus der Fülle an Burnout-Fragebögen haben sich zwei Instrumente durchgesetzt: das Maslach Burnout Inventory (MBI) und das Tedium Measure (auch „Überdrussskala“). Folgend werden diese und drei weitere Messinstrumente vorgestellt und erläutert. Das MBI (Maslach-Burnout-Inventory) Die ursprüngliche Version des Maslach Burnout Inventory (MBI) besteht aus 22 Items, die in folgende drei Skalen gegliedert sind: – Emotionale Erschöpfung (Emotional Exhaustion, EE), 9 Items – Depersonalisierung (DP), 5 Items – Leistungs(un)zufriedenheit (Personal Accumplishment, PA), 8 Items Die Originalfassung des MBI beinhaltete eigentlich sechs Subskalen, die jedes Item auf die Intensität und nach der Häufigkeit befragten. Eine spätere Neuerung ließ dann die Intensitätsskala zugunsten des Häufigkeitsformats fallen. Mit der Zeit folgten weitere Neuerungen und Verbesserungsvorschläge. Diese spezialisieren sich meist auf bestimmte Tätigkeiten und Berufsfelder. So entsteht der MBI Human Services Survey (MBI-HSS), der mit sieben Items den allgemeinen Ausdruck „recipients“ nutze, welcher für Krankenpflegepersonal, Sozialarbeiter o. Ä. vorgesehen ist. Eine weitere Form ist der MBI Educators Survey (MBI-ES), der lediglich den Begriff „recipients“ durch „students“ ersetzt, welcher somit die Anwendbarkeit in pädagogischen Bereichen möglich macht. Zusätzlich gibt es noch eine neue Version. 2.7 2.7.1 36 Vgl.: Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom, S. 39-41. 2. Das Burnout-Syndrom 34 Der MBI General Survey (MBI-GS) ist für alle Berufstätige vorgesehen.37 Von allen MBI-Varianten liegen mehrere Übersetzungen vor. Die folgenden Fragen orientieren sich an der Fassung von Büssing/Perrar aus dem Jahr 1992. Diese ist die einzige Fassung, die von Maslach autorisiert wurde. Die Fragen mussten mit einem Kreuz auf einer 5- Punkte-Skala zwischen sehr stark/sehr oft und sehr schwach/sehr selten beantwortet werden. 1. Ich fühle mich durch meine Arbeit ausgebrannt. (ER) 2. Der direkte Kontakt mit Menschen bei meiner Arbeit belastet mich zu stark. (ER) 3. Den ganzen Tag mit Menschen zu arbeiten, ist für mich wirklich anstrengend. (ER) 4. Ich fühle mich von den Problemen meiner Patienten persönlich betroffen. 5. Ich glaube, dass ich manche Patienten so behandle, als wären sie unpersönliche „Objekte“. (DP) 6. Ich fühle mich durch meine Arbeit emotional erschöpft. (ER) 7. Ich habe das Gefühl, dass ich durch meine Arbeit das Leben anderer Menschen positiv beeinflusse. (PE) 8. Ich bin in guter Stimmung, wenn ich intensiv mit meinen Patienten gearbeitet habe. (PE) 9. Ich glaube, dass ich nicht mehr weiter weiß. (ER) 10. Bei der Arbeit gehe ich mit emotionalen Problemen ziemlich gelassen um. (PE) 11. Ich habe ein unbehagliches Gefühl wegen der Art und Weise, wie ich manche Patienten behandelt habe. 12. Am Ende eines Arbeitstages fühle ich mich verbraucht. (ER) 13. Es ist leicht für mich, eine entspannte Atmosphäre mit meinen Patienten herzustellen. (PE) 14. Ich fühle mich wieder müde, wenn ich morgens aufstehe und den nächsten Arbeitstag vor mir habe. (ER) 15. In vieler Hinsicht fühle ich mich ähnlich wie meine Patienten. 16. Ich fühle mich sehr tatkräftig. (PE) 37 Vgl.: Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom, a.a.O., S. 34f. 2.7 Messinstrumente des Burnout-Syndroms 35 17. Ich gehe ziemlich erfolgreich mit den Problemen meiner Patienten um. (PE) 18. Ich habe das Gefühl, dass ich an meinem Arbeitsplatz zu hart arbeite. (ER) 19. Ich fühle mich durch meine Arbeit frustriert. (ER) 20. Ich habe das Gefühl, dass Patienten mir die Schuld für einige ihrer Probleme geben. (DP) 21. Ich habe in meiner Arbeit viele lohnenswerte Dinge erreicht. (PE) 22. Ich befürchte, dass diese Arbeit mich emotional verhärtet. (DP) 23. Es fällt mir leicht, mich in meine Patienten hineinzuversetzen. (PE) 24. Es macht mir nicht wirklich viel aus, was mit manchen Patienten passiert. (DP) 25. Seitdem ich diese Arbeit ausübe, bin ich gefühlloser im Umgang mit anderen Menschen geworden. (DP)38 Diese Fassung besteht, im Gegensatz zur englischen Fassung, aus 25 Items, da noch drei Items der Skala Involviertheit hinzugekommen sind. Kritisch ist zu betrachten, dass das MBI sich auf die ganze Burnout-Forschung auswirkte. Das MBI hatte nach der Veröffentlichung eine ausgeprägte Monopolstellung zur Messung von Burnout. Weiterhin ist zu kritisieren, dass das Diagnostikum keine ausreichende Gültigkeit und Validität beinhaltet. Dadurch können verwandte Konzepte wie Arbeitsunzufriedenheit oder Depression nicht von Burnout abgegrenzt werden. Die Überdruss-Skala Die Überdruss-Skala, im Original Tedium Measure (TM), beinhaltet 21 Items, die nur hinsichtlich ihrer Häufigkeit beantwortet werden müssen. Das Tedium Measure wurde von Pines et al. entwickelt und stellt das Konkurrenzprodukt zum MBI dar. Allerdings gibt es auch in der theoretischen Ausrichtung deutliche Gemeinsamkeiten. Denn beide Autoren, Pines und Maslach, waren nach ihrer Berufsbiografie eher sozialpsychologisch ausgerichtet. Zu den Gemeinsamkeiten gehören, dass die wesentlichen Komponenten von Burnout, die körperliche, die 2.7.2 38 Hedderich, Ingeborg: Schulische Belastungssituationen erfolgreich bewältigen, a.a.O., S. 41. 2. Das Burnout-Syndrom 36 emotionale und die geistige Erschöpfung übereinstimmen. Die deutsche Fassung des TM wird im Folgenden wiedergegeben. Dabei werden die einzelnen Fragen mit einer Skala von 1-7 (niemals bis immer) beantwortet: Bitte beantworten Sie nach der folgenden Skala, ob Sie 1. müde sind, 2. sich niedergeschlagen fühlen, 3. einen guten Tag haben, 4. körperlich erschöpft sind, 5. emotional erschöpft sind, 6. glücklich sind, 7. „erledigt“ sind, 8. „ausgebrannt“ sind, 9. unglücklich sind 10. sich abgearbeitet fühlen, 11. sich befangen fühlen, 12. sich wertlos fühlen, 13. überdrüssig sind, 14. bekümmert sind, 15. über andere verärgert oder enttäuscht sind, 16. sich schwach und hilflos fühlen, 17. sich hoffnungslos fühlen, 18. sich zurückgewiesen fühlen, 19. sich optimistisch fühlen, 20. sich tatkräftig fühlen, 21. Angst haben.39 Die Autoren Hiller und Marwitz (2006) nehmen zu diesem Verfahren kritisch Stellung. Sie kritisieren, dass die mitgeteilten Normwerte nicht an einer repräsentativen Strichprobe erhoben wurden. Dadurch seien die Ergebnisse nicht interpretierbar. Für einen der zwei meistgenutzten Tests für Burnout-Messungen ist dies für das Tedium Measure ein sehr ernüchterndes Resümee. Die Vorteile dieses Verfahrens liegen sehr deutlich in der Ökonomie. Die Durchführung verläuft schnell und das 39 Ebd., S. 42. 2.7 Messinstrumente des Burnout-Syndroms 37 Ergebnis kann selbst diagnostiziert werden. Jedoch bleibt der wissenschaftliche Wert der Diagnostik zurück.40 Die SBS‑HP (Staff Burnout Scale for Health Professionals) J. W. Jones entwickelte 1981 die Staff Burnout Scale for Health Professionals. Jones bezieht in seinem Messverfahren die psychologische (affektive und kognitive), psychophysiologische und Verhaltensdimensionen mit ein. Sein Burnout-Verständnis sieht er so, wie es von Maslach und Pines definiert worden ist. Das Messinstrument besteht aus drei- ßig Items, die mit einer sechsstufigen Likertskala erfasst werden. Zehn Items davon sind sogenannte Lügenitems, die die Tendenz des Geprüften zum Lügen prüfen soll. Die zwanzig weiteren Items sollen vier Burnout-Faktoren wie psychische und interpersonelle Spannungen, allgemeine Arbeitsunzufriedenheit, körperliches Kranksein und Disstress sowie inadäquate Beziehung zu Patienten erfassen.41 Weitere Fragebögen und ihre Alternativen Das OLBI (Oldenburg Burnout-Inventar) entstammt einer Diplomarbeit von Ebbinghaus aus dem Jahre 1986. Sein Messinstrument enthält die zwei Skalen Erschöpfung und Engagement, die jeweils mit acht Items ausgestattet sind. „Nach der Arbeit brauche ich jetzt längere Erholungspausen als früher, um wieder fit zu werden“ und „Mit der Zeit engagiere ich mich immer mehr bei meiner Arbeit“ sind nur zwei Beispiele der inbegriffenen Items. Leider ist bis heute über die Validität des OLBI nur wenig bekannt. Ein weiteres Messinstrument für Burnout kommt von der Dresdner Arbeitsgruppe des Psychologen Winfried Hacker, der 1995 das sogenannte BHD-System entwickelte. Dieses System dient dem Beanspruchungsscreening bei Humandienstleistungen. Das BHD beinhaltet fünf Skalen von je 1-12 Items. Mit einer weiteren Checkliste werden bestimmte organisations-, patienten- und tätigkeitsbedingte Anforderungen erhoben. Das BHD-System dient primär für Pflegeberufe. 2.7.3 2.7.4 40 Vgl.: Ebd., S. 43. 41 Vgl.: Kleiber, Dieter/Enzmann, Dirk: Helfer-Leiden, a.a.O., S. 108. 2. Das Burnout-Syndrom 38 Alternativen zu Fragebögen sind rar und teuer. Deshalb genießen die oben genannten Fragebögen in der sozialwissenschaftlichen Forschung eine enorme Beliebtheit. Die einzige bekannte und nennenswerte Alternative kommt von Cherniss 1980, bei dieser mehrere unabhängige Beurteiler Interviews vergaben. Bei dieser Studie wurden 28 Teilnehmer mehrfach interviewt, was zeigen soll, welch ein Aufwand hinter dieser Forschungsarbeit steckt. Also können trotz des Aufwandes und der Kosten Interviews als mögliche Alternative zu Fragebögen in Betracht gezogen werden.42 42 Vgl.: Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom a.a.O., S. 36f. 2.7 Messinstrumente des Burnout-Syndroms 39

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References

Zusammenfassung

Burnout ist schon lange kein Modebegriff mehr. Viele Lehrerinnen und Lehrer erkranken bereits in jungen Jahren an Burnout. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht nur persönliche Eigenschaften eine Rolle spielen, sondern die Hinführung zur Erkrankung auch durch bildungspolitische Systeme unterstützt werden. Für viele Lehrerinnen und Lehrer, aber auch anderen Personen im Erziehungs- und Bildungssystem, ist es wichtig, die Gefahr von Burnout oder anderen ähnlichen Erkrankungen vorzubeugen. Dieses Buch gibt Aufschluss darüber, was Burnout überhaupt ist und welche Ursachen es haben kann. Über spezifische Belastungsfaktoren aus der Schule wie z.B. schülerbezogene oder lärmbezogene Belastungen, werden auch gezielte Präventions- und Interventionsmaßnehmen gegen Burnout vorgestellt und erklärt.