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9 Der Weg in das Zeitalter der Perfektion in:

Mareike Beckmann

August Wilhelmj, page 227 - 230

Der deutsche Paganini?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4162-8, ISBN online: 978-3-8288-7036-9, https://doi.org/10.5771/9783828870369-227

Series: Frankfurter Wagner-Kontexte, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
227 9 Der Weg in das Zeitalter der Perfektion Laut New York Herald ist es die unglaubliche Technik, welche Wilhelmj so berühmt machte, und lobte seine „marvellous technique for which he became so famous“.839 Wie in der Analyse dargelegt wurde, strebte Wilhelmj die höchste Perfektion seines Spiels an. Schon in der Kindheit und späteren Ausbildung beschäftigte Wilhelmj sich so lange mit technischen Schwierigkeiten, bis er sie absolut beherrschte. Die Auswirkungen der Industrialisierung setzten Maßstäbe, denen sich auch der Geiger verpflichtet zu fühlen scheint. Wilhelmj besticht durch seine Perfektion und hebt sich damit von den Geigern seiner Zeit ab. Seine überragende Technik fällt daher als eine Neuerscheinung um so deutlicher auf: „We are so accustomed to imperfections, even in the highest artistic training that we are in the habit of making allowances, but the playing of Wilhelmj is above all art.“840 Das Zitat verdeutlicht, dass das Publikum keine Perfektion erwartete, wie das seit den Möglichkeiten der Tonaufnahme immer mehr der Fall wurde. Der Hörer war bisher nicht an der mechanisch perfekten Aufführung interessiert, da er sie nicht kannte. Mit dem Fortschritt der Technik rückt auch die maschinelle Automatisierung der Bewegungsabläufe der Musiker in den Fokus des Interesses. Die Unfehlbarkeit wird ein wesentlicher Bestandteil vom Schönheitsbegriff des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Wilhelmj genügt diesem Spiel als einer der ersten Geiger seiner Zeit. Er setzt neue Maßstäbe, an denen sich nachfolgende Generationen messen müssen, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Die stets voranschreitenden technischen Anforderungen der Kompositionen lassen erkennen, dass dem Geiger immer mehr technische Fähigkeiten abverlangt werden. Für Richard Wagner im Besonderen gilt die Fähigkeit Wilhelmjs als Maßstab für das technisch Spielbare. Seine fabelhafte Technik wird als nicht mehr verbesserungsfähig anerkannt: „His playing is simply phenomenal, and beggars all description. It is useless to say that his technique is perfection itself. It can never be – even am maschine could not be more exact.“841 Bereits 1879 wird Wilhelmjs Technik als nicht mehr verbesserungsfähig angesehen und der Cleveland Herald fasst bestätigend zusammen: „Briefly, he has reached the highest point of perfection in technique.“842 839 New York Herald, 8.10.1878, Wilhelmj-Archiv, S. 4/3. 840 The Journal Evensville, 17.12.1879. Wilhelmj-Archiv, S. 45/1. 841 The Sun, 24.1.1879. Wilhelmj-Archiv, S. 30/2. 842 Cleveland Herald, 26.5.1879 Wilhelmj-Archiv, S. 41/1. 228 Der Weg in das Zeitalter der Perfektion Der Maßstab des Maschinellen bestimmt zunehmend die Schönheit eines Vortrags. Die Perfektion wird jedoch nicht nur in virtuosen Passagen bewundert, sondern nun auch in der Kantilene erwartet, welche ursprünglich den Ausdruck des Menschlichen und der Seelentiefe beinhaltet hatte. Der menschliche Ausdruck weicht einem neuen Perfektionsanspruch, welcher Parameter des Ausdrucks zunehmend ablehnt und sich an den Prinzipien der Technisierung orientiert. Wilhelmj bereitet damit den Weg in die im 20. Jahrhundert aufkommende neue Sachlichkeit der Musik. Er steht damit am Wendepunkt einer vollkommen neuen Musikästhetik, welche die Perfektion in nie dagewesenem Maße idealisiert. Nicht nur die Kantilene in ihrer technischen Ausführung, sondern die Schönheit des Klanges, sogar die Schönheit selbst, unterliegt nun dem Perfektionsanspruch: „No violinist that has come here has so fully developed the orchestral capacities of the violin, nor given the public so perfect an idea of the tonal beauties of the instrument as Wilhelmj. He is a versatile player, perfect in cantabile style, and as perfect in his bravura music. His technique is something remarkable, showing a superb bowing with a sweep that brings out all the sound in the instrument, his execution is beautifully clear and his intonations are as perfect as art can make them. Add to these his refined interpretations, and we have in the ensemble an artist who is very seldom equaled, if equaled at all.“843 Ein wesentliches Merkmal der Perfektion in Wilhelmjs Spiel ist die Präzision, wie sich in der Analyse seiner Editionen deutlich erkennen lässt. Nicht nur die Genauigkeit der Intonation und Strichtechnik, welche sein Solospiel betreffen unterliegen diesem Anspruch, auch das Zusammenspiel mit anderen Musikern ist von größerer Präzision geprägt. Während das Tempo Rubato traditionell ein vorübergehendes Auseinandergehen der Stimmen sogar erwünschte, vermeidet Wilhelmj die vertikale Verschiebung der Stimmen konsequent. Während bisher die verschiedenen Stimmen einer eigenen Persönlichkeit folgen durften, was sich darin bemerkbar machte, dass sich die Stimmen kurzzeitig scheinbar voneinander lösten, fordern Wilhelmjs Bearbeitungen die konsequente Orientierung an der Präzision zur Solostimme. Der langjährige, hauptsächliche Klavierbegleiter Rudolf Riemann wurde diesem Anspruch gerecht und folgte dem Solisten mit der von Wilhelmj erwarteten, größten Präzision: „In Herrn Riemann hat Prof. W. einen Genossen und Begleiter gefunden, wie er ihn wohl schwerlich sich besser wünschen mag. […] [Es ist bei seiner] virtuosen Begleitungskunst […] das bis ins kleinste Detail verständnisvolle Eingehen in die Eigenthümlichkeiten W.s’ zu rühmen. Ein ähnliches Zusammenspiel ist uns in der That noch nie vorgekommen.“844 Die Leistung Riemanns wird besonders in Anbetracht der äußerst individuellen Spielweise betont. Es sei eine „nicht gar einfache Kunst, mit der er Wilhelmj auf dem Clavier accompagnierte.“845 Selbst wenn die individuelle, improvisiert anmutende Spielweise des Geigers beim Hörer den Eindruck des Spontanen entstehen ließ, ist doch davon auszugehen, dass Wilhelmj seinen Vortrag bis ins letzte Detail ausarbeitete. Die Konversation mit 843 The daily inter-ocean, 13.12.1878. Wilhelmj-Archiv, S. 21/3. 844 Coburger Zeitung, 17.11.1874. Wilhelmj-Archiv, S. 96/2. 845 Unbeschrifteter Artikel vom 22.12.1882. Wilhelmj-Archiv, S. 101/3. 229 Der Weg in das Zeitalter der Perfektion seinen Verlagen, die akribische Art und Weise seiner Bezeichnungen deuten darauf hin, dass er wenig dem Zufall überließ. In der Präzision seiner Ausarbeitung des Vortrags gilt Wilhelmj als konkurrenzlos: „What can be said of a genius so far in advance of all the other artists in the world? Such a perfection of accuracy, such a wealth of soul.“846 Dass Wilhelmj nichts dem Zufall überlassen wollte, wird aus seinen Bearbeitungen deutlich und wird von der Kritik bestätigt. „his perfect control of himself, and his absolute command of the violin,847 bestätigen das Bild eines Geigers, welcher die Leidenschaft dem Verstand unterordnet. Die von einigen Hörern empfundene Gefühlskälte Wilhelmjs könnte darin begründet sein. Die Selbstkontrolle Wilhelmjs macht ihn unfehlbar, so dass er als „Geigen-Imperator“848 geadelt wird und den Titel des „Geigerkaisers“849 verdiene. Es scheiden sich die Geister, in welchem Maße das perfektionierte Spiel Wilhelmjs der Gefühlstiefe fähig sei. Die Frage muss unbeantwortet bleiben mit dem Verweis eines Wiesbadener Kritikers: „ein Cäsar ist eben Cäsar und nicht Romeo.“850 Unumstritten beherrschte Wilhelmj sein Instrument und die meisten seiner Hörer in höchstem Maße und setzte neue Maßstäbe, welche auf größtmöglicher Perfektion und Klangschönheit beruhen: „[Wilhelmj] has formed a style of which the striking characteristic qualitiy is its purity, its perfection.“851 846 The Pioneer Press, 4.6.1879. Wilhelmj-Archiv, S. 41/3. 847 The Cincinnati Daily Enquirer, 24.1.1879. Wilhelmj-Archiv, S. 30/3. 848 Unbeschrifteter Artikel Wilhelmj-Archiv, S. 81/2. 849 Unbeschrifteter Artikel Wilhelmj-Archiv, S. 59/4. 850 Unbeschrifteter Artikel vom 28.2.1878. Wilhelmj-Archiv, S. 101/1. 851 The New York Times, 6.10.1878. Wilhelmj-Archiv, S. 4/1.

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References

Zusammenfassung

August Wilhelmj (1845–1908) galt als einer der größten Geiger seiner Zeit. Von den bekanntesten Vertretern der neudeutschen Schule wurde er bewundert und verehrt. Berlioz urteilte: „nie habe ich einen Geiger mit einem solchen bezaubernden, großen und edlen Tone gehört, als der war, welcher der junge Wilhelmj seinem Instrumente zu entlocken wußte.“ Wie genau hat er gespielt? Welche Einflüsse hatte er auf die Entwicklung des Violinspiels? Wie spiegelt sein Spiel die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit? Sein Interpretationsstil gibt Aufschlüsse über die Aufführungspraxis der Romantik und gewährt tiefe Einblicke in die Musikästhetik des 19. Jahrhunderts.