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8 Alles ist Schönklang – Wilhelmjs Einflüsse auf das moderne Violinspiel in:

Mareike Beckmann

August Wilhelmj, page 225 - 226

Der deutsche Paganini?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4162-8, ISBN online: 978-3-8288-7036-9, https://doi.org/10.5771/9783828870369-225

Series: Frankfurter Wagner-Kontexte, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
225 8 Alles ist Schönklang – Wilhelmjs Einflüsse auf das moderne Violinspiel Schon Spohr fordert in seiner Violinschule den schönen Vortrag ein. Dass die Schönheit des Vortrags für Spohr besonders auf dem musikalischen Ausdruck basiert, wurde bereits dargestellt. Dennoch betont Spohr ebenfalls, dass der Ton an sich schön sein solle, was ein flei- ßiges Üben erfordere.827 Auch Pierre Baillot betont das Ideal der Schönheit, wenn er sagt, „Der Musiker der heutigen Zeit […] der Künstler des 19. Jahrhunderts […] ist der Mann voll Leidenschaft für alles Schöne und Wahre, der in seinen Werken stets das Gute zum Gegenstande und das Schöne zum Vorbilde hat.“828 Die von den Musikern des frühen 19. Jahrhunderts geforderte Schönheit des Violinspiels basiert auf dem gesanglichen Spiel und äußert sich in der größtmöglichen Ähnlichkeit zur menschlichen Stimme. Der Bezug zur Wahrheit ist dabei von großer Bedeutung und beinhaltet die Natürlichkeit des Vortrags, welcher sich frei von jeglicher Verlogenheit der Effekthascherei präsentiert. Louis Spohr wird diese Form der natürlichen Schönheit attestiert und bleibt maßgebend für die sich daraus entwickelnde deutsche Schule des Violinspiels. Mit der zweiten Generation nach Spohr lösen mit Wilhelmj andere, teilweise konträre Prinzipien von Schönheit die klassischen Ideale ab. Schönheit wird nunmehr nicht mehr ausschließlich über die vermittelte Seelentiefe des Ausführenden und deren innewohnenden, durchaus subtilen, Schönheit definiert, sondern basiert auf neuen Werten wie Kraft und Größe, Reinheit des Tons, bzw. der Intonation, sowie einer unfehlbaren, quasi übermenschlichen technischen Perfektion und Präzision. Mit diesen Prinzipien wird Wilhelmj in New York bereits 1878 als Begründer einer neuen Schule bewertet: „He has introduced to us a new school, in which breadth, vigor, sympathy, purity of tone and technique, simplicity, combined with the severest treatment of which his subjects are capable, all have found expression. […] He has revealed beauties of which the present generation at least were ignorant. In this respect he has proved a teacher“.829 Mit den genannten Grundsätzen wird August Wilhelmj als ein Geiger beschrieben, welcher eine „volle Sättigung und Schönheit des Tones und Reinheit der Intonation“830 besitze. Als wesentlich für die „seltene Schönheit und Größe des Tons“831 zeigt sich die individuelle 827 Vgl. Spohr, Violinschule, S. 123–126. 828 Baillot, L’ art du violon, S. 13. 829 Herald Tribune, 14.10.1878, Wilhelmj-Archiv, S. 8/8. 830 Dresdner Presse, 1874.11.18, Wilhelmj-Archiv, S. 98/1. 831 Unbeschrifteter Artikel. Wilhelmj-Archiv, S. 81/3. 226 Alles ist Schönklang – Wilhelmjs Einflüsse auf das moderne Violinspiel Spiel- und Bogentechnik Wilhelmjs, wie sie beschrieben wurde. Diese zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie keine Bogenansätze und Registerwechsel hörbar macht und dadurch frei wird von Nebengeräuschen. Die daraus resultierende Reinheit des Tons wird durch die, nicht zuletzt aus Transpositionen in resonante Tonarten entstehende, ungetrübte Intonation zum neuen Ideal von Schönheit: „Der Ton Wilhelmj’s ist einer schönen Menschenstimme zu vergleichen, aber einer Menschenstimme, die von ihren Schattenseiten, von dem Beigeschmacke der Häute und Bänder gereinigt ist, mit einer Stimme, wie wir sie uns etwa bei Engeln denken würden, wenn es solche Wesen gäbe.“832 Wilhelmj erlangt eine „göttergrosse Schönheit“833, als welche Max Goldstein sie empfindet, die über alles Menschliche erhaben ist. Die Bewertung von Schönheit erfolgt nun verstärkt über den Klang der Violinstimme. Wilhelmjs Spiel zeichnet die „immaterielle Schönheit des Tones“834 aus und „Die Klangschönheit des Spieles ist geradezu unbeschreiblich“.835 Immer wieder hebt die Kritik Wilhelmjs Loslösung vom Natürlichem im Sinne von menschlicher, irdischer bzw. materieller Unzulänglichkeit hervor. „Der wunderbar große, den edelsten Gesang athmende, alles Materiellen entkleidete Ton fesselte von der ersten Note an.“836 Die fortschreitende Industrialisierung prägt den Geiger in besonderem Maße und bestimmt die Klangqualität seines Spiels. „Der stets schön klingende Ton und die Sicherheit“837, welche Wilhelmjs Spiel auszeichnen, definiert zunehmend die Qualität des Klanges und damit der Interpretation. Die Sicherheit im Spiel wird größtenteils über die Intonation des Geigers bewertet. Eduard Hanslick beschreibt, dass Wilhelmj in der Reinheit der Intonation sämtlichen Geigern überlegen sei. Als einzigartig hebt er zudem „die Kraft, Süßigkeit und Fülle seines wunderbaren Tones“838 hervor, welche mit der reinen Intonation dadurch einhergeht, dass das genaue Abgreifen der Töne eine größere Resonanzfähigkeit der Violine ermöglicht. 832 Mainzer Tageblatt, 1.3.1873. Wilhelmj-Archiv, S. 95/3. 833 New Yorker Musikzeitung, 9.11.1878, Wilhelmj-Archiv, S. 15/1. 834 Undatierter Artikel der Berliner Börsenzeitung, Wilhelmj-Archiv, S. 127/3. 835 Unbeschrifteter Artikel über ein Konzert in Baltimore, 17.10.1878. Wilhelmj-Archiv, S. 9/1. 836 Danziger Zeitung, 1883.2.13. Wilhelmj-Archiv, S. 105/1. 837 Unbeschrifteter Artikel. Wilhelmj-Archiv, S. 63/4. 838 Undatierter Artikel aus „Über Land und Meer“, Wilhelmj-Archiv, S. 83/3.

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Zusammenfassung

August Wilhelmj (1845–1908) galt als einer der größten Geiger seiner Zeit. Von den bekanntesten Vertretern der neudeutschen Schule wurde er bewundert und verehrt. Berlioz urteilte: „nie habe ich einen Geiger mit einem solchen bezaubernden, großen und edlen Tone gehört, als der war, welcher der junge Wilhelmj seinem Instrumente zu entlocken wußte.“ Wie genau hat er gespielt? Welche Einflüsse hatte er auf die Entwicklung des Violinspiels? Wie spiegelt sein Spiel die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit? Sein Interpretationsstil gibt Aufschlüsse über die Aufführungspraxis der Romantik und gewährt tiefe Einblicke in die Musikästhetik des 19. Jahrhunderts.