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1 Einleitung in:

Mareike Beckmann

August Wilhelmj, page 1 - 8

Der deutsche Paganini?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4162-8, ISBN online: 978-3-8288-7036-9, https://doi.org/10.5771/9783828870369-1

Series: Frankfurter Wagner-Kontexte, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 1 Einleitung Die vorliegende Arbeit erforscht die Art und Weise des Violinspiels eines der international angesehensten Geiger der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. August Wilhelmj1 steht als Enkelschüler Louis Spohrs2 und Schüler Ferdinand Davids3 in der direkten Fortführung der im 19. Jahrhundert als klassisch deutsch bezeichneten Tradition des Violinspiels. August Wilhelmj war ein Geiger, dem Henry C. Lahee4 attestierte, mit Eugène Ysaÿe der einzige reife, großartige Künstler gewesen zu sein, der je als Violinvirtuose die Vereinigten Staaten bereist habe. Wilhelmjs Bearbeitungen „klassischer“ Violinliteratur nahmen großen Einfluss auf Interpreten des 20. Jahrhunderts und werden auch im 21. Jahrhundert noch gespielt. Als Sohn einer angesehenen Sängerin, welche bei einem der renommiertesten Gesangspädagogen des Pariser Conservatoires, Marco Bordogni, studierte, kann Wilhelmj als Schlüsselfigur des Konzertlebens bis hin zur Jahrhundertwende angesehen werden, welche zahlreiche Aufschlüsse über die Gemeinsamkeiten von Gesangskunst und der Art des Violinspiels vermitteln kann. Der Forschungsschwerpunkt der Arbeit liegt auf dem Interpretationsstil des Geigers und den daraus resultierenden Editionen von Bearbeitungen alter Musik sowie romantischer Kompositionen. Von besonderem Interesse sind die Entwicklung des Violinspiels im 19. Jahrhundert und die Einordnung Wilhelmjs in die Tradition des deutschen Violinspiels sowie seine Relevanz für das moderne Violinspiel in Deutschland. Da die enge Verknüpfung von Gesang und Violinspiel für das musikalische Verständnis im 19. Jahrhundert grundlegend ist, soll das Augenmerk in dieser Arbeit hauptsächlich auf das gesangsreiche Spiel 5 Wilhelmjs gelegt werden, ohne jedoch das virtuos instrumentale Spiel zu vernachlässigen. Für das sich am Gesang orientierende Spiel sind die Tonbildung und Tonmodifizierung sowie dem Gesang zugehörige Stilmittel wie Portamento, Tempo rubato und Vibrato relevant, ebenso jedoch Fragen der Phrasen- und Melodiebildung sowie die Betrachtung bogentechnischer Parameter. Die Verbindung von Violinspiel und Gesang ist bei Wilhelmj von besonderem Interesse, da er als Sohn einer Sängerin des Pariser Konservatoriums eine direkte Verbindung zur französischen Schule herstellt. Da Pierre Rode als einflussreiches Vorbild auf Louis Spohr wirkte, schließt sich der Kreis, und es lassen sich enge Bezüge verschiedener Schulen eruieren und miteinander in Beziehung setzen. Biographische Details über Wilhelmj sind in der Arbeit nur von Bedeutung solange sie Aufschlüsse über den Interpretationsstil des Geigers geben. Zur besseren Orientierung und 1 August Wilhelmj, 1845 (Usingen)–1908 (London). 2 Louis Spohr, 1784 (Braunschweig)–1859 (Kassel). 3 Ferdinand David, 1810 (Hamburg)–1873 (Klosters, CH). 4 Henry C. Lahee, Famous Violinists, S. 115. 5 Vgl. Spohr, Violinschule. 2 Einleitung zur Erschließung von Wilhelmjs Person werden die wichtigsten Lebensdaten und Lebenswege jedoch grundlegend dargestellt. Auf dieser Basis lassen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, wie sehr sich Wilhelmj auf Pfaden der durch Louis Spohr geprägten deutschen Tradition befindet, bzw. inwiefern er von diesen abweicht und neue Wege einschlägt, welche die Richtung zum modernen Violinspiel weisen. Als enger Freund und Konzertmeister Richard Wagners ist er maßgeblich für die Interpretation des Komponisten von Bedeutung. Sein Interpretationsstil erhellt somit Fragen der Aufführungspraxis Richard Wagners und anderer neudeutscher Komponisten, wie zum Beispiel Joachim Raffs, welcher Wilhelmj sein erstes Violinkonzert op. 161, vollendet 1871, widmete. Das Wirken Wilhelmjs spiegelt eine Entwicklung des Zeitgeists in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wider. An seinem Spiel lassen sich Veränderungen der Musikwahrnehmung dieser Zeit herausarbeiten, welche für Wilhelmjs Erfolg vorrangig von Bedeutung sind. Als äußerst populärer Interpret ist er jedoch ebenso maßgeblich für eine sich verändernde Musikästhetik verantwortlich. Die Arbeit berücksichtigt daher die durch Wilhelmjs Schaffen geprägten Auswirkungen auf das Violinspiel des 20. und 21. Jahrhunderts. August Wilhelmj ist Verfasser einer Violinschule, „a modern school of the violin“, welche Instruktionen und Erläuterungen enthält, die einen Einblick in die Grundlagen seines Spiels erlauben. Als Pädagoge, welcher bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts hinein in London wirkte, legte Wilhelmj in den 15 letzten Lebensjahren seinen Schwerpunkt auf die Musikvermittlung. Aufzeichnungen seiner Schüler geben Aufschlüsse über die Art und Weise seines Violinspiels und bilden die Schnittstelle zur Interpretationsweise des 20. Jahrhunderts. Ebenfalls wird deutlich, wie durch das Fortschreiten der Zeit die Absicht Louis Spohrs, „Die Idee des Komponisten ins Leben zu rufen“6, von der Idee abgelöst wird, das Werk des Komponisten am Leben zu erhalten. Es ist daher möglich, August Wilhelmj einen Platz in der Geschichte der Interpretationspraxis zuzuordnen und auf die Erwartungen seines Publikums zu schließen. 1.1 Abriss des aktuellen Forschungsstandes Das Forschungsfeld der Aufführungspraxis im 19. Jahrhundert ist noch relativ jung. Während die Interpretationsforschung des Barock und der Klassik einiges Interesse auf sich gezogen haben, wird die heutige Interpretation romantischer Musik aus der Perspektive des 20. und 21. Jahrhunderts vollzogen und als Resultat einer relativ geradlinigen Tradition beurteilt, ohne den verzweigten Weg über die Einflüsse anderer Nationalitäten zu berücksichtigen. Die Kategorisierung des romantischen Zeitalters bedarf ebenfalls einer Differenzierung, welche verschiedene Tendenzen der Musik des 19. Jahrhunderts aufzeigt und verschiedenen Strömungen zuordnet. Einige musikwissenschaftliche Werke behandeln die wesentlichen Parameter der romantischen Interpretationspraxis, in dem sie Lehrwerke des 19. Jahrhunderts auflisten und miteinander in Vergleich setzten. Sie vernachlässigen jedoch häufig die individuellen Züge verschiedener Interpreten, welche zudem verschiedene Schulen und Nationalitäten vertreten und nicht mehr allgemein als romantisch kategorisiert werden können. Die Hoch- 6 Spohr, Violinschule, Vgl. Kai Köpp, Nachwort. 3 Abriss des aktuellen Forschungsstandes schule der Künste Bern befasste sich mit der Analyse instruktiver Ausgaben, um ein individuelles Bild diverser Interpreten herauszuarbeiten. Dieses soll Rückschlüsse auf einen zu verallgemeinernden Interpretationsstil des 19. Jahrhunderts möglich machen. Das Projekt entwickelte sich im Rahmen der SNF-Förderungsprofessur Kai Köpps, welcher die „Angewandte Interpretationsforschung“ anhand von instruktiven Quellen bzw. „Interpretationsausgaben“ zu erschließen intendierte.7 Fehlendes Bewusstsein für die Individualität eines Musikers und deren Veränderung im Laufe einer Karriere verleitet oft zu einer Pauschalisierung der verschiedenen Interpretationsstile. Am Beispiel der „Wilhelmj-Cylinder“8, Tonträger der British Library, welche als von Wilhelmj eingespielt gelten, wird deutlich, wie sehr zwei Geiger wie August Wilhelmj und Émile Sauret z. B. zwei vollkommen unterschiedliche Interpretationsstile aufweisen konnten, obwohl sie zur selben Zeit am selben Ort zu einer Lehrtätigkeit berufen waren. Dass die Einordnung der einzelnen Interpreten des 19. Jahrhunderts auch im heutigen Forschungsstand noch große Lücken aufweist, zeigt die British Library mit ihrem Archiv historischer Tonträger. In der Rubrik „Wilhelmj Cylinders“ lässt sie Aufnahmen hören, deren Analyse die Schlussfolgerung nahe legt, dass es sich nicht um eine Einspielung Wilhelmjs handelt. August Wilhelmjs Bearbeitungen werden heute ausschließlich aus der Sicht moderner Geiger beurteilt. So werfen seine Editionen für diese nur selten Fragen auf, da sie in einer Tradition verhaftet sind, die mit Wilhelmjs Zeichenvokabular nach Hugo Riemann relativ vertraut zu sein scheint. Wilhelmjs Bezeichnungen stehen jedoch zu seiner Zeit in einem anderen Zusammenhang als heutzutage und erfordern spieltechnische Besonderheiten, die dem modernen Geiger nicht mehr uneingeschränkt geläufig sind. Im Vordergrund stehen dabei die Bestimmung der Tonqualität mittels des Bogens und deren Unterstützung durch das Vibrato der linken Hand. Bei dem im 19. Jahrhundert vibratoärmeren Spiel ergeben sich Veränderungen in der Tongebung durch Bogengeschwindigkeit, Bogendruck und Kontaktstelle des Bogens. Ein Augenmerk auf die Tongebung ist bei Wilhelmj von besonderem Interesse, da er in dem Ruf stand, einen besonders vollen, warmen aber auch tragenden Ton zu besitzen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie sehr bei der Suche nach „dem“ Interpretationsstil des 19. Jahrhunderts die Physiognomie, Psychologie und Individualität des jeweiligen Interpreten von Bedeutung sind. Sekundärliteratur über August Wilhelmj ist äußerst rar. Robin Stowell9 und Eduard Melkus10 z. B. bedienen sich der gängigen, bezüglich Wilhelmj wenig aussagekräftigen Quellen, wie Andreas Mosers „Geschichte des Violinspiels“. Der Bezug auf den Freund und Bewunderer Joseph Joachims, dem größten Konkurrenten Wilhelmjs, bringt politische Fragestellungen ins Spiel, die eine objektive Beurteilung des Geigers erschweren. Auch von Stowell aufgegriffene saloppe Äußerungen durch Wilhelmjs Schüler lassen keine fundierten Erkenntnisse zu. So liefert dieser ohne Quellenangabe den Hinweis auf ein Violinkonzert Wilhelmjs. Lediglich Goby Eberhardt erwähnt einen ersten Satz im Manuskript, welcher im Stile Wagners gehalten sei. Nach seiner Weltreise habe Wilhelmj seinen Schüler Eberhardt besucht und ihm aus dem Konzert vorgespielt: 7 http://www.hkb-interpretation.ch/index.php?id=140. 8 https://sounds.bl.uk/classical-music/wilhelmj. 9 Stowell, Romantic performance practice. 10 Melkus, Die Violine. 4 „Dann setzte er sich ans Harmonium und machte mich bekannt mit seinem ‚VIOLIN- KONZERT‘ – ganz im Wagnerstil gehalten.“ 11 Wilhelmj habe es ihm zudem vorgepfiffen und auf der Violine angespielt. Dieses Manuskript aufzufinden war jedoch nicht möglich. Selbst das umfangreiche Material des Usinger Heimatmuseums zeigte keinerlei Hinweise auf die Existenz eines Violinkonzerts. Ebenso wenig liefert der Familienbestand der Erben Wilhelmjs Hinweise darauf. Das Material des Museums und der Familienarchive ist hauptsächlich biografischer Art. Einen großen Teil des Bestands bilden zudem Rezensionen, Notendrucke und Handschriften. Die University of Leeds gibt durch Clive Brown eine schöne Übersicht über streicherspezifische Grundlagen des Violinspiels im 19. Jahrhundert. Der Schwerpunkt liegt bei Clive Brown auf der möglichen Interpretation der Musik von Johannes Brahms. Dessen enger Freund Joseph Joachim gilt als der am besten erforschte Geiger, wobei bezüglich seines konkreten Interpretationsstils noch zahlreiche Fragen offen sind. Wilhelmj wird in der Kritik seiner Zeit häufig als neben Joachim stehender, weltbester Geiger angesehen. Wilhelmjs Erforschung jedoch ist ungleich unterrepräsentiert. 1.2 Forschungsziel und Methode In der Arbeit soll anhand der grundlegenden Anweisungen der Wilhelmj’schen Violinschule auf eine mögliche Instruktion seiner Editionen geschlossen werden. Diese werden in Beziehung zu den Instruktionen seiner Vorgänger und Zeitgenossen gesetzt. Louis Spohr, Ferdinand David und das Werk Joachims und Mosers sind von besonderem Interesse. Wilhelmjs Interpretationsstil nach Traditionen und Neuerungen aufzuschlüsseln ist, vor allem unter Berücksichtigung der einzelnen Lebensphasen des Interpreten, eine der wichtigsten Herausforderungen der gegenwärtigen Studien. Darüber hinaus seinen Einfluss auf die moderne Art des Violinspiels aufzuzeigen ist ein wesentlicher Anspruch dieser Arbeit. Hierzu werden Aussagen seiner Schüler mit den Anweisungen des Pädagogen Wilhelmj, welcher als Professor für Violine an der Guildhall-Akademie in London tätig war, abgeglichen. Hieraus ergeben sich Erkenntnisse zur Funktion August Wilhelmjs als Wegbereiter des Geigenspiels des 20. Jahrhunderts und dessen Ästhetik. Eine wichtige Quelle bieten zahlreiche Konzertkritiken. Diese werden zueinander in Vergleich gesetzt, um Gemeinsamkeiten und Widersprüche aufzudecken und so ein geschlossenes Bild des Geigers entstehen zu lassen. Des weiteren bieten Tonaufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert die Möglichkeit, theoretisch erschlossene Merkmale von Wilhelmjs Interpretationsstil mit Geigern der nachfolgenden Generation in Beziehung zu setzten, bzw. diese miteinander abzugleichen. Einen wichtigen Beitrag dazu leistete das durch das britische Forschungsprojekt CHARM12 entwickelte Softwareprogramm „Sonic Visualiser“13. Dieses wurde für die Analyse historischer Tondokumente erdacht und kann Interpretationsmerkmale sichtbar zu machen, die dem Hörer durch bloßes Hören schwerer zugänglich sind. Durch die Visualisierung werden Vib- 11 Eberhardt, G., Erinnerungen. S. 21. 12 http://www.charm.rhul.ac.uk. 13 http://sonicvisualiser.org. Einleitung 5 rato, Tempo rubato, Portamento und Dynamik, sowie Fragen des Zusammenspiels mehrerer Stimmen deutlich und objektivierbar. 1.2.1 Zentrale Fragestellungen Um den Interpretationsstil Wilhelmjs zu erforschen, sind einige zentrale Fragestellungen nötig. Am Anfang steht die Frage nach den technischen Grundlagen des Geigers. Diese bestehen aus Geigenhaltung und technischen Prinzipien der Bogenführung, sowie der Griffweise der linken Hand. Die in Wilhelmjs Violinschule dargestellte Methode wird mit der seiner Vorgänger und Zeitgenossen verglichen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszustellen und Wilhelmjs Position in der Tradition zuordnen zu können. Des Weiteren steht die Frage nach den im 19. Jahrhundert gebräuchlichen Stilmitteln des Geigers im Vordergrund. Es wird herausgearbeitet, wie der Umgang mit Portamento, Tempo rubato und Vibrato in Wilhelmjs Editionen erkennbar wird. Da keine Tonaufnahmen zur Verfügung stehen, ergänzen Rezensionen die Suche nach Hinweisen über Wilhelmjs Verwendung der dem gesanglichen Spiel zugeordneten Prinzipien des „schönen Vortrags“.14 Im Mittelpunkt der Fragestellungen steht die Tonbildung August Wilhelmjs. Die seinerzeit überwältigende Klangfülle und Größe seines Tons stellt eine Eigenart seines Spiels dar, welche Bewunderung aber auch Ablehnung hervorrief. Die Arbeit ermittelt die Hintergründe seiner Tonstärke, deren technische Grundlagen und die musikalischen Anforderungen seines Spiels. Da Wilhelmj sowohl im gesanglichen als auch im virtuosen Spiel gleichermaßen Anerkennung erhielt, sollen die Mittel seiner überragenden Virtuosität aufgezeigt werden. Der häufig vollzogene Vergleich zu Niccolò Paganini soll auf seine Berechtigung hin überprüft werden. Schließlich besteht die Frage nach der Funktion Wilhelmjs in der Tradition des deutschen Violinspiels. Anhand der durch Hermann Danuser vorgenommenen Unterscheidung verschiedener Interpretationstypen15 kann Wilhelmjs Rolle in der Entwicklung der Tradition als neuschöpfender Interpret eingeschätzt werden, welcher seinerzeit als überaus innovativ angesehen wurde: „Auf der Geige muss er als Selbstschöpfer betrachtet werden. Er hat die Leistungsfähigkeit des Instruments erweitert und fortgebildet. […] das Ergebnis eines ganz neuen, tief durchdachten Systems.“16 August Wilhelmj steht damit an einer zentralen Stelle der Entwicklung des modernen Violinspiels. 14 Spohr, Violinschule, S. 195. 15 Danuser, Aspekte der Musikalischen Interpretation. 16 Undatierter Artikel aus der Zeitung „Über Land und Meer“, Wilhelmj-Archiv Usingen. S. 83/3. Forschungsziel und Methode 6 1.3 Untersuchungsmaterial Nachdem die Wilhelmj-Cylinder der British Library als nicht von Wilhelmj stammend erkannt werden konnten,17 entfällt die Analyse eines Tonträgers August Wilhelmjs. Zur Verfügung stehen lediglich Aufnahmen einiger Zeitgenossen, mit denen Wilhelmjs Spiel verglichen wurde. Analysen und allgemeingültige Annahmen, welche Rückschlüsse über die Art und Häufigkeit des Gebrauchs von Vibrato, Portamento und Tempo rubato Aufschluss geben könnten, lassen sich nur bedingt aus dem vorhandenen Tonträgermaterial ableiten. Die individuelle Spielweise der aufgenommenen Interpreten erschwert eine allgemeingültige Aussage über den Interpretationsstil des 19. Jahrhunderts und macht dementsprechend einen Abgleich mit Wilhelmj schwierig. Hinzu kommt die unzulängliche technische Qualität einiger Tonträger. Besonders im Hinblick auf die Verwendung von Vibrato wirft die Eigendynamik des Tonträgers viele Fragen auf. Das „Eiern“ und Auftreten von Störgeräuschen eines Wachszylinders z. B. lässt nur eingeschränkte Erkenntnisse zu. Dennoch geben sie Einblicke in die Spielweise der Wilhelmj folgenden Generation und machen Rückschlüsse auf Wilhelmjs Spiel möglich. Die Unterscheidung verschiedener Geschmäcker und Hörweisen erweist sich zusätzlich als schwierig. So ist es z. B. eine Frage des Geschmacks, wie eine Interpretation auf den Zuhörer wirkt. Jedoch auch vermeintlich objektivere Kriterien wie z. B. Intonation erweisen sich als äußerst relativ und von der persönlichen Auffassung des Hörers abhängig.18 Eine Zuordnung der verschiedensten Kriterien zur Beurteilung eines persönlichen Interpretationsstils lässt sich daher nur relativ und im Vergleich zu anderen Interpreten oder auch anderen Rezensenten vornehmen. Zum objektiveren Vergleich verschiedener Interpretationen dient der bereits erwähnte „Sonic Visualiser“, mit Hilfe dessen sich historische Tonaufnahmen optisch darstellen lassen. Das besondere Augenmerk liegt in dieser Arbeit auf der Darstellung und Ermittlung der verwendeten Parameter Portamento, Tempo rubato und Vibrato. Einen weit größeren Teil des Forschungsmaterials bilden Zeitungsrezensionen über Wilhelmjs Spiel. Sehr konkrete Beschreibungen, Vergleiche oder Abgrenzungen zu und von seinem Spiel erhellen viele Aspekte seiner Spielweise. Die Auswertung der Kritiken und deren Vergleich mit anderen Musikern, bzw. seinen eigenen Editionen machen eine Einordnung des Geigers in sein musikalisches Umfeld möglich. Einen beträchtlichen Teil des Materials bilden die Editionen Wilhelmjs. Bearbeitungen und Arrangements sind auf detaillierteste Weise bezeichnet und geben Einblicke in seine Arbeitsweise. Besonders im Vergleich mit vorangegangenen und konkurrierenden Editionen lassen sich Eigenarten Wilhelmjs ausmachen. Arrangements zeigen im Vergleich zum Original auf, welchen Kriterien Wilhelmj die größte Bedeutung zumaß, und wie er diese in den Vordergrund stellte. Gleichzeitig lassen Wilhelmjs Prioritäten Rückschlüsse auf den Zeitgeist zu. Weniger umfangreich sind Beschreibungen der Person Wilhelmj von Zeitgenossen, welche zudem oft sehr subjektiv sind. Dennoch lassen sich Übereinstimmungen und Widersprüche ausmachen, die sehr aufschlussreich sein können. Zahlenmäßig unterfrequentiert, 17 Vgl. Kapitel 6.3. 18 Vgl. Morgan-Browne, der die Intonationsweise Wilhelmjs und Ysaÿes als gegensätzlich beschreibt. S. 227. Einleitung 7 dafür jedoch sehr bedeutend für diese Arbeit sind einige, wenige Interviews und andere persönliche Äußerungen des Geigers. Da es in der Sekundärliteratur nur wenige Hinweise über Wilhelmj gibt, ist diese nur für die Ermittlung des musikalischen Umfelds des Geigers relevant. Literatur, welche Wilhelmjs Person betrifft findet sich selten, und die Quellenangaben sind sehr unvollständig. Die Biografie Ernst Wagners lässt sich mittels diverser Zeitungskritiken nachvollziehen und bedarf keiner grundlegenden Überarbeitung. Für die Arbeit relevante Punkte wurden aufgenommen und einer Überprüfung und Vertiefung unterzogen. Untersuchungsmaterial

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Zusammenfassung

August Wilhelmj (1845–1908) galt als einer der größten Geiger seiner Zeit. Von den bekanntesten Vertretern der neudeutschen Schule wurde er bewundert und verehrt. Berlioz urteilte: „nie habe ich einen Geiger mit einem solchen bezaubernden, großen und edlen Tone gehört, als der war, welcher der junge Wilhelmj seinem Instrumente zu entlocken wußte.“ Wie genau hat er gespielt? Welche Einflüsse hatte er auf die Entwicklung des Violinspiels? Wie spiegelt sein Spiel die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit? Sein Interpretationsstil gibt Aufschlüsse über die Aufführungspraxis der Romantik und gewährt tiefe Einblicke in die Musikästhetik des 19. Jahrhunderts.