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6 Nonverbale Kommunikation in:

Cornelia Zeller

Softwarebasierte Aphasietherapie, page 71 - 82

Entwicklung und Erprobung des kommunikativ-pragmatischen Übungsprogramms AKOPRA

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4167-3, ISBN online: 978-3-8288-7034-5, https://doi.org/10.5771/9783828870345-71

Tectum, Baden-Baden
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6 Nonverbale Kommunikation W ie bereits in Kapitel 4.1 deutlich wurde, findet Kom m unikation sowohl verbal als auch nonverbal statt, indem Botschaften über unterschiedliche Kanäle ausge tauscht werden (Goldenberg, 2007; N onn, 2011; Tesak, 2007). Vor allem bei stark ausgeprägten Sprach- und Sprechstörungen werden auch nonverbale Aus drucksfähigkeiten in die Therapie einbezogen, um die Kommunikationsfähigkeit der betroffenen Personen zu verbessern (Daumüller, 1999; H errm ann, 1991; Hogrefe & Goldenberg, 2010). Z u diesen nonverbalen Kom m unikationsm itteln zählen der Einsatz von Gestik, Zeichnungen, Kom m unikationsbüchern und elektronischen Kommunikationshilfen (Hogrefe & Goldenberg, 2010). Der Vorteil von Gesten und Zeichnungen besteht in der freien W ahl der zu verm it telnden Inhalte, wohingegen das Repertoire bei K om m unikationsbüchern meist begrenzt ist (Sacchett, 2002; W ard-Lonergan & Nicholas, 1995). D a in die entwickelten Applikationen Gesten und Zeichnungen als Hilfsstu fen integriert wurden und auch in produktiven Aufgabentypen als Referenzmög lichkeit gewählt werden können, liegt der Fokus dieses Kapitels auf diesen bei den M odalitäten. 6.1 Gestik Das Ziel dieses Kapitels besteht darin, zunächst die theoretischen Grundlagen der Gestenverarbeitung darzustellen (Kapitel 6.1.1), um anschließend auf die Gestennutzung bei Aphasie einzugehen (Kapitel 6.1.2). 6.1.1 Definition, Präsentation verschiedener Gestentypen und modelltheoretische Einordnung Bei Gesten handelt es sich um Handbewegungen, die von gesunden Personen meistens parallel zur verbalen Sprachproduktion ausgeführt werden (Hogrefe & Goldenberg, 2010). Es sind jedoch auch andere Körperteile, beispielsweise der Kopf, für die G estenproduktion nutzbar (de Ruiter, 2000). In spezifischen Situa tionen ist es auch möglich, mittels Gestik die gesprochene Sprache zu substituie ren (Bauer & Auer, 2009; de Ruiter, 2000; Hogrefe & Goldenberg, 2010). Dies ist etwa bei starkem H intergrundlärm der Fall oder wenn zwei Personen, die aus 71 schließlich unterschiedlicher Sprachen mächtig sind, m iteinander komm unizie ren (Hogrefe & Goldenberg, 2010; Hogrefe, Ziegler, Wiesmayer, W eidinger & Goldenberg, 2013). D er Vorteil dieser körpereigenen Kommunikationsform liegt darin, dass diese zügig und ohne zusätzlich benötigte Utensilien eingesetzt werden kann (N onn, 2011), wodurch auch deren Akzeptanz erhöht wird (H o grefe et al., 2013). Gesten lassen sich nach verschiedenen Kriterien in Subgruppen unterteilen (Neill, 2000). Eine Untergliederung in unterschiedliche Gestentypen und ihre jeweiligen Funktionen ist in Tabelle 8 ersichtlich. T abelle 8: E inteilung der G estentypen (in A nleh nun g an: H ogrefe & G oldenberg , 2010: 412) Beats Piktographen: Ikonograph, Kinetograph, Panto mime Deiktische Gesten Embleme Diskurs regulatoren prosodisch semantisch pragmatisch Bei sogenannten Beats (Mc Neill, 1992) handelt es sich um prosodische Gesten (Hogrefe & Goldenberg, 2010). Dabei werden m it der H and oder den Fingern kleine Bewegungen ausgeführt, die dem Rhythm us der gesprochenen Sprache entsprechen (Hogrefe & Goldenberg, 2010; de Ruiter, 2000). In Bezug auf die nächste U ntergruppe, die semantischen Gesten, lässt sich unterscheiden, ob diese ausgehend von der verbalen Äußerung über supplemen täre oder redundante Inform ationseinheiten verfügen. Z u diesen bildhaften Ges ten zählen der Ikonograph, bei dem der Umriss eines Objekts in die Luft ge zeichnet wird, der Kinetograph, wobei es um die Darstellung der Bewegungsart oder Schnelligkeit geht und die Pantomime, bei der eine Simulation von H and lungen erfolgt (Hogrefe & Goldenberg, 2010), jedoch ohne eine tatsächliche N utzung des entsprechenden Gegenstands (Goldenberg, 2003). M ithilfe von Pantom im en können sowohl Hinweise auf einen Gegenstand als auch zur ent sprechenden Bewegung gegeben werden (Goldenberg, 2003; Hogrefe & Goldenberg, 2010). Diese Inform ationen müssen einem realen Gegenstand bzw. einer hierm it korrespondierenden H andlung entnom m en werden (Goldenberg, 2011), wobei es nur zum Teil Konventionen gibt. Folglich ist für die Entwick lung einer eigenen Darstellung häufig ein gewisses M aß an Kreativität erforder lich (Goldenberg, 2003). W eiterhin liegen deiktische Gesten vor. Dabei handelt es sich um Zeigeges ten (de Ruiter, 2000). Als letzter Gestentyp m it semantischem Gehalt sind Em b leme zu nennen, die in Form und Bedeutung festgelegt sind (de Ruiter, 2000; Hogrefe et al., 2010). An Emblemen existiert ein eingegrenztes und kulturab hängiges Repertoire (Goldenberg, 2011), sodass die Bedeutung in Abhängigkeit des jeweiligen Landes differieren kann (Hogrefe & Goldenberg, 2010). Z u die 72 sem Gestentyp zählen u. a. die OK-Geste sowie das N icken und Kopfschütteln (Hogrefe & Goldenberg, 2010). In der rechten Spalte in Tabelle 8 finden sich außerdem sogenannte Diskurs regulatoren, die eine pragmatische Funktion erfüllen. Als Diskursregulatoren werden bildhafte Gesten wie z. B. Zeigegesten eingesetzt. H ierdurch kann ein Sprecher in einer Konversation andeuten, dass er seinen Gesprächsschritt noch nicht beendet hat oder das W ort an den Partner weitergeben möchte (Hogrefe & Goldenberg, 2010). Im Anschluss an diese Beschreibung der Gestentypen bezieht sich Abbildung 7 auf eine Möglichkeit, die Gestenproduktion modelltheoretisch einzuordnen. lo n g term memory Working memory A bbildung 7: Sketch-M odell (aus: de R u iter & de Beer, 2013: 1023) 73 In Abbildung 7 handelt es sich um das sogenannte Sketch-Modell, das von de Ruiter (2000) entwickelt wurde11. W ie anhand der grafischen Darstellung zu sehen ist, stellt das Sketch-Modell eine Erweiterung des in Kapitel 3.1.3 be schriebenen Levelt-Modells dar. Diese Erweiterung eines bereits bestehenden Sprachproduktionsmodells basiert auf den angenomm enen Zusamm enhängen zwischen verbaler Sprachproduktion und Gestik (de Ruiter, 2000). Der Ursprung der Gesten wird, ebenso wie derjenige der verbalen Sprachproduktion, im Konzeptualisierer verortet, wo die Entscheidung erfolgt, welche Inhalte verbal und welche gestisch ausgedrückt werden. Darüber hinaus werden hier die sogenannten Sketches erstellt, die später für die motorischen Programme vonnöten sind. Die Sketches enthalten bei bildhaften Gesten eine räum lich zeitliche Repräsentation. Bei Pantom im e wird außerdem Wissen über m otori sche Abläufe integriert. Bei Emblemen und deiktischen Gesten beinhaltet der Sketch eine Referenz zum sogenannten Gestenlexikon, das die abstrakten Vorla gen dieser Gestentypen umfasst. Anschließend wird der Sketch an das Gesten planungsmodul weitergeleitet, das die motorischen Programme erstellt sowie über einen Zugriff zum Gestenlexikon und zu Um weltinform ationen verfügt. H ier wird entschieden, welche Körperteile für die Gestenausführung genutzt werden und ob M odifikationen erforderlich sind, weil womöglich ein benötigtes Körperteil nicht eingesetzt werden kann. Sobald das motorische Programm fertig gestellt ist, wird dieses an die motorischen Kontrolleinheiten weitergeleitet, wo schließlich die Um wandlung in reale Bewegungen erfolgt (de Ruiter, 2000). Dem Sketch-Modell zufolge werden Gestik und verbale Sprache, m it Aus nahm e der Prozesse im Konzeptualisierer, voneinander unabhängig, jedoch pa rallel verarbeitet. W eiterhin n im m t de Ruiter (2000) an, dass Gestik kompensa torisch eingesetzt wird, w enn z. B. basierend auf Feedbackmechanismen Schwie rigkeiten oder Fehler der verbalen Sprachproduktion registriert werden. Daher wird von einer kom m unikativen Funktion der Gestik ausgegangen (de Ruiter, 2000). 6.1.2 Gestik bei Aphasie W ie bereits in der Einleitung von Kapitel 6 erwähnt, stellt die N utzung von Ges tik prinzipiell eine Kompensationsmöglichkeit für eine beeinträchtigte verbale Sprachverarbeitung dar. Inwiefern das bei M enschen m it Aphasie tatsächlich möglich ist, wird kontrovers diskutiert (Hogrefe, Ziegler, W eidinger & G olden berg, 2012; Jakob, Bartmann, Goldenberg, Ziegler & Hogrefe, 2011): So besagt einerseits die sogenannte Asymboliehypothese, dass die Aphasie Teil einer umfassenden Störung des Symbolgebrauchs ist (Goldenberg, 2003; Hogrefe & Goldenberg, 2010). Beispielsweise interpretierten Glosser, W iener & Ka plan (1986) die Ergebnisse ihrer Studie als U nterstützung dieser Theorie, da 11 Eine Präsentation un d ein Vergleich verschiedener M odelle der Gesten- un d Sprachverarbeitung finden sich z. B. in de Ruiter & de Beer (2013). 74 Probanden m it mittelschwerer Aphasie im Vergleich zu Testpersonen ohne bzw. m it leichter Aphasie weniger komplexe, jedoch m ehr unspezifische und unklare Gesten produzierten. Daraus schlossen die Autoren auf vergleichbare Defizite in der verbalen und nonverbalen Kom m unikation (Glosser et al., 1986). Dafür sprechen könnte außerdem die Beobachtung von Goldenberg (2007), dass bei einigen Aphasiepatienten auch Schwierigkeiten im Umgang m it nichtsprachli chen Zeichen auftreten, indem Betroffenen beispielsweise die Ü berm ittlung von Botschaften mittels mehrerer aufeinanderfolgender Gesten nicht gelingt (Goldenberg, 2007). Andererseits liegen auch Studien vor, die dafür sprechen, dass bei Aphasie nicht grundsätzlich auch die nonverbale K om m unikation beein trächtigt ist, sondern solche Defizite eher auf eine begleitende Apraxie zurückzu führen sind (z. B. Goodglass & Kaplan, 1963), und dam it Evidenz für die soge nannte Unabhängigkeitshypothese darstellen (Hogrefe & Goldenberg, 2010). Goldenberg (2007) führt als mögliche Ursachen für nichtsprachliche Symptome semantische Gedächtnisstörungen und eine reduzierte Flexibilität der H and lungskontrolle an. W eiterhin kann basierend auf dieser Theorie auch die fehlen de strikte Korrelation zwischen der Schwere nichtsprachlicher und aphasischer Auffälligkeiten erklärt werden (Goldenberg, 2007). Die Unabhängigkeitshypo these wird auch von weiteren Studien unterstützt: So ergaben z. B. die U ntersu chungen von Jakob et al. (2011), Kong, Law, W at & Lai (2015) und Sekine, Rose, Foster, Attard & Lanyon (2013), dass Aphasiepatienten m ehr sprachbegleitende Gesten einsetzten als Sprachgesunde. Darüber hinaus zeichnete sich in den Ergebnissen von Jakob et al. (2011) und Kong et al. (2015) ab, dass Patien ten m it stärkeren Defiziten in der verbalen Sprachproduktion m ehr Gesten nutz ten als geringer beeinträchtigte Probanden, was als Bestätigung der Hypothesen des in Kapitel 6.1.1 erläuterten Sketch-Modells (de Ruiter, 2000) gesehen wird (Jakob et al., 2011; Kong et al., 2015). W eiterhin zeigte sich in der Studie von Jakob et al. (2011), dass Aphasiepatienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen vielfältigere Gesten verwen deten. Ferner fanden Kong et al. (2015) heraus, dass aphasische Probanden mehr Gesten m it semantischem Gehalt produzierten als Sprachgesunde, die Benenn leistung negativ m it der Gestenverwendung korrelierte und sich Hemiparesen nicht auf letztere auswirkten. Außerdem ergab die Untersuchung von Sekine et al. (2013), dass das Aphasiesyndrom, der -schweregrad und die Wortflüssigkeit die produzierten Gestentypen beeinflussten. Hogrefe et al. (2013) untersuchten anhand von nacherzählten Videoclips die Verwendung und Verständlichkeit von Gestik im Vergleich zum verbalen O u t put. Dabei zeigte sich in der gemischten Bedingung m it verbaler und gestischer Kom m unikation, dass zwei Probanden m it schwerer Aphasie einen höheren An teil an verständlichen Gesten als verbalem O u tpu t produzierten und somit die Gestik spontan zur Kompensation nutzten. Außerdem war in der Gestenbedin gung bei der Hälfte der Probanden ein höherer Anteil verständlicher Gesten zu 75 verzeichnen als in der kom binierten Bedingung, was wiederum darauf hindeutet, dass die Testpersonen ihr gestisches Potenzial nicht spontan, sondern erst nach Aufforderung ausschöpften. N eben Probanden m it leichten Aphasien, die even tuell nicht auf den Einsatz von Gesten angewiesen waren, fanden sich darunter auch zwei Probanden m it schweren Aphasien, die nur über eine eingeschränkte verbale Ausdrucksfähigkeit verfügten. D arüber hinaus fanden die Autoren her aus, dass die gestische Leistung basierend auf den Ergebnissen des Tests zur Pan tom ime des Objektgebrauchs prognostiziert werden konnte (Hogrefe et al., 2013). Dass Apraxien die Gestenverständlichkeit beeinflussen können, ergaben bei spielsweise auch die Vorgängerstudie von Hogrefe et al. (2012) und die U ntersu chung von Mol, Krahmer & van de Sandt-Koenderman (2013). W eitere Untersuchungen beziehen sich auf den Einsatz von Gesten in der Aphasietherapie. Hierbei wird unterschieden, ob diese der Kompensation oder Fazilitierung des W ortabrufs dienen (Raymer, M c.Hose, Smith, Iman, Ambrose & Casselton, 2012; Rose, Raymer, Lanyon & Attard, 2013). So untersuchten Daum üller & Goldenberg (2010), ob Aphasiepatienten ba sierend auf einem spezifischen Gestentraining die Produktion verständlicher Gesten lernen können. Dabei zeigten sich signifikante Verbesserungen trainierter Gesten, wobei nur geringe Generalisierungseffekte auf untrainierte Gesten auf traten. Darüber hinaus erwies sich das Gestentraining als sehr zeitintensiv. Aus diesen Ergebnissen folgerten die Autoren, dass das Ü ben alltagsrelevanter Gesten besonders bedeutsam sei (Daum üller & Goldenberg, 2010). Ähnliche Ergebnisse ergab die Studie von Marshall, Roper, Galliers, Wilson, Cocks, M uscroft & Pring (2013), in der überprüft wurde, ob die G estenproduk tion von Aphasiepatienten mithilfe eines softwarebasierten Gestentrainings ver bessert werden kann. Die Analyse wies auf eine geringe, signifikante Verbesse rung der Gestenerkennbarkeit hin, die auch in einer Follow-up-Untersuchung drei W ochen nach Therapieende noch erhalten war. Derartige Fortschritte wa ren jedoch nur nach der Therapiephase m it therapeutischer U nterstützung zu beobachten und nicht nach der ausschließlich eigenständigen Übungsperiode. W eiterhin traten keine Generalisierungseffekte auf ungeübte Gesten auf und auch das m ündliche Benennen verbesserte sich nicht. Letzteres wurde nicht ex plizit trainiert und die Probanden kamen nur punktuell m it den O bjektnam en in Kontakt, da die Objekte vor der Gestenpräsentation durch das Programm be nannt w urden (Marshall et al., 2013). Bezüglich des Einflusses von Gesten auf die W ortproduktion wiesen Rose & Douglas (2001) nach, dass sich die vorherige Ausführung ikonischer Gesten bei Aphasiepatienten m it postlexikalischem Defizit fazilitierend auf den W ortabruf auswirken kann, was aber nicht für Patienten m it semantischem Störungs 76 schwerpunkt galt (Rose & Douglas, 2001). Dieses Ergebnis bestätigte die U nter suchung von Marangolo, Bonifazi, Tomaiuolo, Craighero, Coccia, Altoe, Provinciali & Cantagallo (2010). Darüber hinaus konnte erm ittelt werden, dass aus schließlich bei Patienten m it phonologischem Störungsschwerpunkt bereits das Beobachten einer Geste den A bruf des korrespondierenden Verbs verbessern kann und diese Effekte auch zwei M onate nach Therapieende stabil waren (Marangolo et al., 2010). Anzuführen ist außerdem das Review von Rose et al. (2013), worin 23 Stu dien zum Einfluss eines Gestentrainings auf die verbale und gestische K om m u nikation bei Aphasie inkludiert wurden. Dabei handelte es sich größtenteils um Patienten m it flüssiger und mittelschwerer bis schwerer Aphasie. Als Ergebnis lässt sich zusammenfassen, dass symbolische Gesten von Aphasiepatienten er worben werden konnten, ein alleiniges Gestentraining die Gestenproduktion signifikant und die verbale Sprachproduktion nicht-signifikant steigerte. Außer dem zeigte sich, dass eine gemischte verbale und gestische Therapie bei über 50 Prozent der Probanden zu einem verbesserten verbalen N om en- und V erbabruf führte und eine solche M ethodenkom bination einige Vorteile gegenüber aus schließlich verbalen Therapieinhalten aufwies (Rose et al., 2013). W as die rezeptive Sprachverarbeitung anbelangt, liegen erste Hinweise diesbe züglich vor, dass sprachbegleitende Gesten das Verstehen bei Aphasie unterstüt zen können. So ergab die Studie von Eggenberger, Preisig, Schumacher, H opf ner, Vanbellingen, Nyffeler, G utbrod, Annoni, Bohlhalter, Cazzoli & M üri (2016), dass sich die Sprachrezeption bei Probanden m it Aphasie durch zum verbalen Input kongruente Gesten im Vergleich zu bedeutungslosen Gesten sig nifikant verbesserte und durch inkongruente Gesten verschlechterte, wohingegen bei gesunden Kontrollpersonen in der kongruenten Bedingung keine signifikan ten Veränderungen festgestellt werden konnten (Eggenberger et al., 2016). Aus dieser Studienzusammenschau lässt sich das Fazit ziehen, dass Gesten über das Potenzial verfügen, fazilitierende und kompensierende Funktionen in der aphasischen K om m unikation zu übernehmen. D ennoch ist zu bedenken, dass verschiedene Faktoren, wie beispielsweise das Vorliegen einer Apraxie, die Verwendung von Gesten einschränken können und auch nicht alle Personen zu nonverbaler Kom m unikation bereit sind. 6.2 Zeichnen Nachdem die theoretischen Grundlagen der Gestik und deren Verwendung bei Aphasie erläutert wurden, bezieht sich dieses Kapitel auf das Zeichnen. Zunächst wird in Kapitel 6.2.1 auf dessen Anwendungsmöglichkeiten und Charakteristika eingegangen, bevor es in Kapitel 6.2.2 um die spezifische N utzung in der Aphasietherapie geht. 77 6.2.1 Definition, Anwendungsmöglichkeiten und Charakteristika Das Zeichnen als grafische Darstellung von O bjekten und Tätigkeiten stellt ebenso ein Symbolsystem dar wie die verbale Sprache (Goldenberg, 2003) und zählt als Kulturtechnik (Bauer & Urbach, 2014). Somit unterliegt das Zeichnen einem kontinuierlichen W andel (Bauer & Urbach, 2014). Stellte es zu früheren Zeiten eine bedeutsame Dokum entations- und Reproduktionsmöglichkeit dar (Urbach, 2000), gilt es heutzutage häufig nur noch als H obby (Bauer & Urbach, 2014) und/oder reduziertes Kommunikationselement, das z. B. beim Skizzieren einer Anfahrtsweges oder eines Modells oder bei anderen nur schlecht bzw. ein geschränkt zu verbalisierenden Inhalten genutzt wird, jedoch die K om m unikati on erheblich erleichtern kann (Urbach, 2000). Einen anderen Stellenwert erhält das Zeichnen, wenn es z. B. bei Sprachund/oder Sprechstörungen die verbale Sprachproduktion ergänzt oder substitu iert. Diese Art des Zeichnens soll im Folgenden fokussiert werden und ist vom Zeichnen als Freizeitbeschäftigung zu differenzieren (Bauer & Urbach, 2014; Lyon, 1995), da es andersartige Anforderungen m it sich bringt. Beim Zeichnen handelt es sich um eine komplexe Leistung, wofür verschiedene kognitive Funktionen integriert werden (Bauer & Urbach, 2014). Ähnlich der Produktion einer bedeutungstragenden Geste ist es beim Zeichnen erforderlich, aus dem Gedächtnis eine symbolische Darstellung z. B. eines Gegenstands zu erstellen. D er symbolische Zusam m enhang kann dann auf Basis der visuellen Ähnlichkeit zum Realgegenstand erm ittelt werden (Goldenberg, 2003). Für die Erkennbarkeit einer Zeichnung ist die Selektion derjenigen M erkmale von Be deutung, die es von anderen O bjekten unterscheiden (Goldenberg, 2007). H ier spielen beispielsweise auch die Auswahl des Blickwinkels und die darzustellenden Konturen eine bedeutsame Rolle sowie die Abstraktion von Farbe, Größe, O ber flächenstruktur und Dreidim ensionalität (Goldenberg, 2003). Für das Zeichnen liegen auch einige einheitliche Konventionen vor: So finden sich etwa in öffentlichen Gebäuden häufig hoch konventionalisierte und in ihrer Bedeutung festgelegte Zeichnungen in Form von Piktogrammen, z. B. für Auf züge und Toiletten (Bauer & Urbach, 2014). W eiterhin lässt sich die Negation einer Aussage mittels Durchstreichen ausdrücken (Urbach, 2000). Auch die V erm ittlung sequenzieller Abfolgen ist anhand von Zeichnungen möglich, indem beispielsweise die Darstellung mehrerer Szenen unter- oder ne beneinander erfolgt oder durch Hinzufügen einer N um m erierung (Urbach, 2000). Die Besonderheit des Zeichnens, womit es sich sowohl von der verbalen Sprache als auch der Gestik abgrenzt, liegt in seiner Beständigkeit (Sacchett, 78 2002; Urbach, 2000). Diese weist verschiedene Vorteile auf: So wird die Fertig stellung von Zeichnungen fazilitiert, indem m itunter eine O rientierung an be reits Gezeichnetem erfolgen kann, wodurch die Ergänzung noch fehlender M erkmale leichter fällt (Goldenberg, 2003). W eiterhin können sich alle Ge sprächspartner im m er wieder auf das Gezeichnete beziehen, sodass sich die An forderungen an das Arbeitsgedächtnis verringern (Urbach, 2000). Vergleichbar m it einer verbalen Äußerung, durch die in verschiedenen K on texten unterschiedliche komm unikative H andlungen vollzogen werden können, ist auch bei einer Verständigung via Zeichnung typischerweise der Einbezug des Kontexts erforderlich. D enn hierdurch wird der Zeichnung eine Bedeutung zu gewiesen oder zwischen den Gesprächspartnern ausgehandelt. D er Unterschied zum gesprochenen W ort besteht jedoch darin, dass Zeichnungen über ein gerin geres Selbstverständnis verfügen (Bauer & Urbach, 2014; Lyon, 1995). W ird eine verbale Äußerung in einem spezifischen Kontext produziert, ist deren Illokution typischerweise eindeutig, wohingegen die Bedeutung einer Zeichnung häufig einiger Klärungssequenzen bedarf (Bauer & Urbach, 2014). Viele erwachsene Laienzeichner verfügen nur über ein kindliches Zeichenre pertoire, sodass für zahlreiche Inhalte keine entwickelten R outinen vorliegen. Insofern ist nachvollziehbar, dass sich ein großer Teil der Erwachsenen nur un gern zeichnerisch ausdrückt (Urbach, 2000). 6.2.2 Zeichnen bei Aphasie Analog zur Gestik ist auch das Zeichnen sowohl zur Kompensation als auch zur U nterstützung der verbalen Sprache bei Aphasie einsetzbar (Cubelli, 1995), wo bei es sich um das zeitaufwändigste M edium handelt (Urbach, 2000). Darüber hinaus können auch Sprachgesunde Zeichnungen nutzen, um dem aphasischen Gesprächspartner das Verstehen zu erleichtern (Bauer & Kaiser, 1995). Einige Therapieansätze zielen auch auf die interaktive Verwendung von Zeichnungen ab (Lyon, 1995; Sacchett, 2002). Komm en Zeichnungen im Gespräch zum Einsatz, ändern diese sowohl des sen mediale Zusammensetzung als auch den zeitlichen Aufwand und die Aufga benverteilung. D enn typischerweise ist es erforderlich, dass der gesunde Ge sprächspartner die Zeichnungen des Aphasiepatienten verbal interpretiert. Au ßerdem verlangt das komm unikative Zeichnen die Akzeptanz aller Beteiligten (Bauer & Urbach, 2014), die gegebenenfalls erst erarbeitet werden muss (Lyon, 1995). Auffällig ist, dass sich nur wenige Betroffene ohne spezifisches Training zeichne risch auszudrücken versuchen (W ard-Lonergan & Nicholas, 1995). Außerdem ist zu bedenken, dass bei einem Teil der Aphasiepatienten Schwierigkeiten be züglich des Zeichnens eines Gegenstands aus dem Gedächtnis zu beobachten 79 sind. Diese Probleme sind bei Patienten m it Hemiparese nicht ausschließlich auf das Zeichnen m it der nicht-dom inanten H and zurückzuführen (Goldenberg, 2003), da beispielsweise auch wesentliche M erkmale eines Gegenstands bei der zeichnerischen Ausführung unberücksichtigt bleiben (Goldenberg, 2007). Diese Befunde könnten die bereits in Kapitel 6.1.2 erläuterte Asymboliehypothese un terstützen (Goldenberg, 2003). Auch die U ntersuchung von Rumble & W hurr (1998) ergab signifikante Unterschiede bezüglich der Zeichenfähigkeit gesunder und aphasischer Testpersonen, wobei letztere unter anderem weniger Details visualisierten. Außerdem zeigte sich eine negative Beeinflussung der Zeichenfähig keit durch einen zunehm enden Schweregrad der Aphasie, wobei auch stark be troffene Studienteilnehm er ihre Zeichenleistung verbessern konnten (Rumble & W hurr, 1998). Sacchett & Blank (2011) führten eine Studie zum zeichnerischen Nacher zählen von Stumm film en durch. Dabei zeigte einer der beiden Probanden m it Aphasie ähnliche Leistungen wie die gesunden Kontrollpersonen, während der zweite Aphasiepatient schlechter abschnitt. Daraus folgerten die Autoren der Studie, dass im Rahm en von Aphasien Event-Konzeptualisierungsstörungen möglich seien, die sich sowohl auf die verbale als auch die nonverbale K om m u nikation auswirken können (Sacchett & Blank, 2011). Eine weitere Annahm e besteht darin, dass der Einsatz von Zeichnungen in der Therapie durch das Vorliegen von Apraxien, W ahrnehm ungsstörungen und/oder Neglect beeinträchtigt werden kann (Bauer & Urbach, 2014). Folglich liegen derzeit noch keine eindeutigen Ergebnisse bezüglich der Zeichenfähigkeit bei Aphasie vor. Im Folgenden wird nun auf zwei Studien eingegangen, die sich auf das Trainie ren der Zeichenfähigkeit bei M enschen m it Aphasie beziehen: So berichteten W ard-Lonergan & Nicholas (1995) von einer Einzelfallstudie m it einem globalaphasischen Probanden ohne adäquate Sprachproduktion. Er erhielt für etwas m ehr als zweieinhalb Jahre zwei M al wöchentlich Sprachthera pie, wobei ein aus verschiedenen M ethoden bestehendes Trainingsprogramm durchgeführt wurde. Begonnen wurde m it dem Kopieren von Zeichnungen nach dem sogenannten Back to the Drawing Board Program (M organ & Helm- Estabrooks, 1987), woran sich ein Zeichentraining nach dem Konzept von PACE (z.B. Davis, 2005) und dem von den Autoren der Studie entwickelten Functional Drawing Program anschlossen, wobei er beispielsweise Fragen nach Erlebnissen ohne Vorlage zeichnerisch beantworten sollte. N ach der Therapie wiesen seine Zeichnungen eine höhere Erkennbarkeit auf, was auf deren verbes serte Qualität zurückzuführen war. Darüber hinaus gelang ihm eine O ptim ie rung seiner Zeichnungen auf Nachfrage hin besser und er begann, diese durch Gesten, einzelne W örter und Zahlen zu ergänzen und auch im Alltag zu nutzen (W ard-Lonergan & Nicholas, 1995). 80 W eiterhin überprüften Sacchett, Byng, Marshall & Pound (1999), ob die kom munikative Zeichenfähigkeit von schwer betroffenen Aphasiepatienten mithilfe eines individuellen Trainingsprogramms verbessert werden kann. Das Ziel dieses Konzepts besteht darin, den spontanen Einsatz des kom m unikativen Zeichnens in der Konversation zu steigern, Ideen zeichnerisch auszudrücken und dabei auf eine ökonomische Gestaltung zu achten, auf Interpretationsversuche des Ge sprächspartners adäquat zu reagieren und die interpretativen Fähigkeiten der Angehörigen zu optimieren. Ein Vergleich der Prä- und Postmessungen ergab, dass die Zeichnungen nach der Therapiephase und in der Follow-up- Untersuchung bessere Bewertungen hinsichtlich Genauigkeit und Erkennbarkeit erhielten als vor dem Training. Dabei handelte es sich bei den meisten Proban den um geringfügige Fortschritte - wie es auch in einigen Studien zum Gesten training der Fall war (vgl. Kapitel 6.1.2). Außerdem gaben viele der Angehörigen an, dass die Probanden das Zeichnen nach der Therapie häufiger zu kom m uni kativen Zwecken einsetzten und auch eine allgemeine Steigerung der kom m uni kativen Effektivität zu beobachten gewesen sei. M odalitätenübergreifende Ver besserungen konnten nicht nachgewiesen werden (Sacchett et al., 1999). N ach diesen Studien zur Effektivität von Zeichentrainings beziehen sich die fol genden Abschnitte auf den fazilitierenden Einsatz von Zeichnungen: So weist eine Studie von Farias, Davis & H arrington (2006) auf einen fazilitierten W ortabruf bei Aphasiepatienten hin, wenn diese zuvor eine Zeichnung des zu benennenden Objekts anfertigen. Die Zeichenqualität spielte dabei je doch keine Rolle. W eiterhin waren im Vergleich zur Bedingung, in der die O b jekte vor dem m ündlichen Benennen schriftlich benannt wurden, eine verm in derte Fehleranzahl und geringfügigere Fehlleistungen zu beobachten. U ber diese Gruppenanalyse hinaus ist jedoch zu bedenken, dass sechs der 22 Probanden von keiner der beiden Bedingungen profitierten (Farias et al., 2006). Die sich anschließende fM RT-Untersuchung, wobei gesunde Probanden sich vorstellten, spezifische Objekte entweder schriftlich zu benennen oder zu zeichnen, ergab beim imaginären Zeichnen eine stärkere Aktivierung solcher Areale der rechten Hemisphäre, die denjenigen der linken Gehirnhälfte entspre chen, die während des m ündlichen Benennens aktiv sind. Daraus folgerten die Autoren, dass die verbesserten Benennleistungen auf eine Aktivierung der rechts seitigen semantischen Netzwerke zurückzuführen seien (Farias et al., 2006). Zudem stellte das Ziel der Studie von H arrington, Farias & Davis (2009) die Untersuchung derjenigen Gehirnareale dar, die während des simulierten Zeichnens eine Aktivierung aufweisen. Bei der M RT-U ntersuchung von acht gesunden Probanden zeigten sich einige signifikante Aktivierungsunterschiede bezüglich des imaginären Zeichnens von bekannten O bjekten gegenüber Fanta sieformen. So trat während des Zeichnens bekannter Objekte eine zusätzliche 81 Aktivierung in denjenigen Arealen auf, die auch für die semantische Verarbei tung und semantisch basierte Benennprozesse zuständig sind (H arrington et al., 2009). Dieses Ergebnis spricht, ebenso wie die Studie von Farias et al. (2006), für das Potenzial des Zeichnens im Rahmen der Rehabilitation, z. B. zur Verbes serung des verbalen W ortabrufs. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Zeichnungen sowohl kompensato risch als auch fazilitierend in der Aphasietherapie eingesetzt werden können. Die Effektivität wird jedoch durch vielfältige Faktoren beeinflusst, sodass der N utzen individuell abzuwägen ist. 82

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References

Zusammenfassung

Software für Kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie – passt das wirklich zusammen? Dieser Frage geht Cornelia Zeller im vorliegenden Buch nach. In diesem Buch erhalten Sie zunächst fundiertes Wissen über das Krankheitsbild und die Behandlung von Aphasien. Anschließend geht Cornelia Zeller auf die theoriebasierte Entwicklung der Applikationen für kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie (AKOPRA) ein, die an das Kommunikativ-pragmatische Screening für Patienten mit Aphasie (KOPS) angelehnt sind. Daraufhin wird die Therapiestudie dargestellt, in der das Übungsprogramm auf seine Praktikabilität hin überprüft wurde. In diesen Kapiteln werden u.a. die Ergebnisse zur Anwendbarkeit von AKOPRA sowie zur Effektivität geschildert. Von diesem Buch können in Praxis oder Klinik tätige Sprachtherapeutinnen und Sprachtherapeuten profitieren, da neben der theoretischen Fundierung viele praktische Hinweise zur Anwendung von AKOPRA gegeben werden. Darüber hinaus können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsarbeiten finden.