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5 Aphasie und Partizipation am Alltag in:

Cornelia Zeller

Softwarebasierte Aphasietherapie, page 63 - 70

Entwicklung und Erprobung des kommunikativ-pragmatischen Übungsprogramms AKOPRA

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4167-3, ISBN online: 978-3-8288-7034-5, https://doi.org/10.5771/9783828870345-63

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
5 Aphasie und Partizipation am Alltag In diesem Kapitel wird auf mögliche Auswirkungen einer Aphasie auf den Alltag eingegangen, sodass hier die ICF Ebenen der A ktivitä t und Partizipation im Fo kus stehen (Schütz, 2013). D afür wird in Kapitel 5.1 zunächst der Stellenwert von Sprache und K om m unikation im alltäglichen Leben erörtert, um anschlie ßend auf die Beeinträchtigungen bei Aphasie einzugehen. Kapitel 5.2 bezieht sich auf mögliche psychosoziale Folgen einer Aphasie. 5.1 Veränderungen und Beeinträchtigungen des Kom munikationsalltags V on gesunden M enschen wird das M edium Sprache m it großer Selbstverständ lichkeit eingesetzt (Lamprecht, 2007; W erani, 1997). Sie gilt als W esensmerk mal des M enschen (Westrich, 2008), als zentrales M edium der Gesellschaft (Bauer, 2010) und als Zeichen sozialer Zugehörigkeit (Goldenberg, 2007). Erst wenn beispielsweise durch eine Aphasie die sprachlichen Fähigkeiten einge schränkt sind, wird der betroffenen Person und ihrem sozialen Umfeld bewusst, welche Bedeutung der Sprache im Alltag zukommt. In nahezu allen Bereichen des täglichen Lebens ist das Verstehen und/oder Produzieren sprachlicher Elemente notwendig (Lamprecht, 2007). Dabei ist zu bedenken, dass in Abhängigkeit der sprachlichen Anforderungen bereits gering fügige aphasische Beeinträchtigungen zu Schwierigkeiten in alltäglichen Kom m unikationssituationen führen können (G lindem ann et al., 2002). W ie erfolg reich M enschen m it Aphasie eine spezifische komm unikative Anforderung be wältigen, ist nicht ausschließlich auf die zugrundeliegende Störung zurückzufüh ren (Moriz et al., 2014; Stenneken, 1999), da es auch darauf ankom m t, ob und wie defizitäre sprachliche Teilleistungen kompensiert werden (Stenneken, 1999). Generell kann zwischen direkten und indirekten Kommunikationssituationen unterschieden werden: Dabei beziehen sich erstere auf Gespräche und letztere auf Situationen ohne alternierende kommunikative H andlungen (G lindem ann et al., 2002). So werden in Gesprächen sowohl rezeptive als auch produktive Sprachverarbeitungsleistungen gefordert und aufgrund ihrer Dynam ik sowie Interaktivität stellen sie für M enschen m it Aphasie häufig eine besondere Problematik dar 63 (G lindem ann et al., 2002). Jedoch weisen nicht alle Gespräche denselben Schwierigkeitsgrad auf, da dieser von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird (Schneider & Hansen, 2015), wie in Tabelle 7 ersichtlich ist. T abelle 7: E rw artete A usw irkungen spezifischer G esprächsbedingungen (Inhalte in A nleh nun g an: G lind em ann et al., 2002 u n d H e n n e & R ehbock, 2001) G esprä chsb e d in q un q e n E rw arte te A u sw irku n g e n Bekanntheitsgrad Bessere Kom munikation mit vertrauten Gesprächspartnern Symmetrie der sozialen Verhältnisse Soziokulturelle, fachliche oder gesprächsstrukturelle Asym m etrien kön nen zu kommunikativen Schwierigkeiten führen Grad derO ffen tlichke it Schlechtere Leistungen und höhere Belastung in öffentlichen Gesprä chen Spontan geführte vs. arrangierte Gespräche Besondere Schwierigkeiten in unvorbereiteten Gesprächen Anzahl der Gesprächs partner Je höher die Anzahl der Gesprächspartner, desto höher sind die kogni tiven Anforderungen Handlungsdimensionen des Gesprächs Eine Einschränkung der Freiheitsgrade kann sich positiv oder negativ auf die kommunikativen Fähigkeiten auswirken Themenfixierung Eine Themenfixierung kann sich ebenfalls positiv oder negativ auf die kommunikativen Fähigkeiten auswirken Grad der Emotionalität Emotionale Inhalte können die Kommunikation positiv oder negativ beeinflussen (Nobis-Bosch et al., 2013) Situative Einbettung Bessere Kom munikation in situativ eingebetteten Gesprächen Nutzbarkeit visuellen Inputs Bessere Kom munikation bei nutzbarem visuellen Input, w ie beispiels weise Mimik, Gestik und Mundbild N eben diesen in Tabelle 7 aufgeführten Gesprächsbedingungen beeinflusst das Auftreten aphasischer Symptome das Führen von Gesprächen: So können so wohl Beeinträchtigungen der rezeptiven als auch der produktiven Verarbeitungs leistungen zu Verzögerungen im Gesprächsablauf oder auch zum Abbruch ein zelner Gesprächsschritte führen. Mögliche Folgen von Defiziten im Sprachverständnis stellen Missverständ nisse und Verunsicherungen dar (G lindem ann et al., 2002). Dazu kann es bei spielsweise komm en, wenn W ortbedeutungen, morphosyntaktische M arkierun gen oder komplexe Satzstrukturen nicht adäquat verarbeitet werden (Stenneken, 1999). Erschwerend kom m t hinzu, dass aphasische Personen häufig ein ange messenes Gesprächsverhalten zeigen, sodass die Gesprächspartner davon ausge hen, dass die verm ittelten Inhalte verstanden wurden (Bornschlegel, 2010; Stenneken, 1999). Bezüglich der produktiven Verarbeitung ist anzumerken, dass Paraphasien Missverständnisse und Nichtverstehen zur Folge haben können und W ortabruf störungen Pausen m it lexikalischem Suchverhalten. V or allem bei Letzteren ist zu beobachten, dass Betroffene von ihrem Gesprächspartner häufig unterbro chen werden und der jeweilige Gesprächsschritt stellvertretend für sie vollendet wird (Stenneken, 1999). Darüber hinaus nutzen Aphasiepatienten häufig stereo type sprachliche Formen und weisen Schwierigkeiten auf, komplexere Sachver halte auszudrücken. Außerdem ist bei einigen Patienten ein starker Rededrang zu beobachten, der sich ungünstig auf die Beziehung zum Gesprächspartner 64 auswirken kann (Glindem ann et al., 2002; Glindem ann & Mebus, 1997), da dessen Äußerungen und Hörersignale nicht ausreichend berücksichtigt werden (Stenneken, 1999). In Gesprächen werden Betroffene direkt m it ihren Defiziten konfrontiert, was wiederum in Schamgefühlen oder Verärgerung resultieren kann (Stenneken, 1999). H inzu kom m t, dass sie aufgrund ihrer eingeschränkten sprachlichen Möglichkeiten von Laien gegebenenfalls als geistig oder psychisch beeinträchtigt eingeschätzt werden (G lindem ann et al., 2002; Nobis-Bosch et al., 2013). Eine weitere mögliche Folge aphasischer Defizite ist, dass Betroffene in der Konversation von der Kooperation ihres Gesprächspartners abhängig sind (Bau er, 2010; G lindem ann et al., 2002). Dies kann eine zusätzliche Belastung dar stellen (G lindem ann et al., 2002). In Gesprächen finden typischerweise eine Adaption an die Aphasie und ein Stigmamanagement statt, um trotz der Aphasie erfolgreich kom m unikativ zu handeln und das Gesicht der betroffenen Person zu wahren (Bauer, 2010). N eben diesen direkten Kom m unikationssituationen werden M enschen im Alltag m it einer Vielzahl indirekter Komm unikationssituationen konfrontiert. So erfordern beispielsweise das H alten eines Vortrags, das U nterrichten und das Bit ten um Hilfe produktive verbale Fähigkeiten. Rezeptives auditives Sprachvermögen ist hingegen für das Verfolgen von Radio- und Fernsehsendungen sowie Lautsprecherdurchsagen in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim A nhören von Vorträgen vonnöten (G lindem ann et al., 2002). Darüber hinaus spielen schrift sprachliche Fähigkeiten eine bedeutende Rolle und zwar sowohl für die Ge schäftsfähigkeit als auch die Freizeitgestaltung (Stenneken, 1999): So sind zum Beispiel für die N utzung von Hinweisschildern, Fahrplänen, Zeitungen und Be dienungsanleitungen Leseleistungen erforderlich. U m Notizen zu erstellen, E Mails oder Briefe zu schreiben und Formulare auszufüllen, werden ebenfalls schriftsprachliche Fähigkeiten benötigt (G lindem ann et al., 2002). Beeinträchti gungen während dieser Aktivitäten entstehen beispielsweise, indem beim Lesen Ganzwortersetzungen auftreten oder morphologische M arkierungen defizitär verarbeitet werden. Beim Schreiben kann sich ein erhöhter Zeitbedarf ergeben, wenn die Realisierung einzelner Graphem e sehr viel Zeit benötigt. Außerdem ist die Produktion von Paragraphien und Neologismen möglich (Stenneken, 1999). Die Bewältigung der beschriebenen sprachlichen Aufgaben kann durch spezifi sche Anforderungskontexte zusätzlich erschwert werden: Zu diesen zählen z. B. Zeitdruck, eine reduzierte Q ualität des sprachlichen Inputs, schnelle Inform ati onsabfolgen, Inform ationen, die im Arbeitsgedächtnis gehalten werden müssen, das Ausblenden irrelevanter Inform ationen sowie innere und/oder äußere Belas tungsfaktoren wie Ungeduld oder Versagensängste (G lindem ann et al., 2002). 65 5.2 Psychosoziale Folgen Im Allgemeinen kann das Eintreten einer Aphasie als kritisches Lebensereignis bezeichnet werden (Grohnfeldt, 2004). D enn wie sich bereits aus den in Kapi tel 5.1 dargestellten kom m unikativen Schwierigkeiten im Alltag ableiten lässt, sind durch eine Aphasie ein Verlust der Selbstbestimmtheit und des Selbst (Bornschlegel, 2010) sowie Beeinträchtigungen in Bezug auf die Partizipation am gesellschaftlichen Leben möglich (Dalemans, W itte, Beurskens, V an den Heuvel, & W ade, 2010; Lamprecht, 2007). O b es dazu kom m t, ist nicht allein vom Schweregrad der Aphasie abhängig, sondern auch von den Anforderungen an komm unikative H andlungen und dem Umgang des einzelnen Betroffenen m it seiner Erkrankung (Lamprecht, 2007). So kann die Partizipation beispiels weise durch Zielstrebigkeit gefördert und durch Ängste, andere Personen um Hilfe zu bitten, gehemm t werden. W eitere fazilitierende Faktoren stellen ein un terstützendes Verhalten von Familie und Freunden und Selbsthilfegruppen dar. Dagegen w urden u. a. fehlende oder nicht zufriedenstellende Rehabilitationsan gebote und Überprotektion durch Angehörige als hemm ende Faktoren genannt (Le Dorze, Salois-Bellerose, Alepins, Croteau & Halle, 2014). Prinzipiell kann eine Aphasie sowohl im beruflichen als auch im privaten U m feld zu Beeinträchtigungen führen, die Einbußen der bisherigen Lebensqualität (Steiner, 2001) und Änderungen der Lebensperspektive nach sich ziehen (Glin demann, 2006; Grohnfeldt, 2004). Im Detail betrachtet sind ein Verlust der Ar beitsstelle, Erwerbsunfähigkeit, Schwierigkeiten im Familien- und Freundeskreis sowie Depressionen und Aggressionen potenzielle psycho-soziale Folgen (Tesak, 2007). Fragen bezüglich der W iederaufnahme der Berufstätigkeit rücken meist erst im Laufe des Rehabilitationsprozesses in den Fokus des Interesses. So wächst bei vielen Betroffenen der W unsch, die vor der Erkrankung ausgeübten Aktivitäten wieder aufzunehmen, wozu oftmals auch die Berufstätigkeit zählt (Weikert, 2004). Grohnfeldt (2004) und W eikert (2004) zufolge erfolgt jedoch nach dem Auftreten einer Aphasie häufig eine Beendigung der Berufstätigkeit und eine Frühberentung. Es kann geschätzt werden, dass nur maximal 20 Prozent der vor der Erkrankung erwerbstätigen Aphasiepatienten nach der Rehabilitation ihren Beruf wieder aufnehmen können (H uber et al., 2013). Eine Beendigung der Er werbstätigkeit kann wiederum zur Folge haben, dass die Aufrechterhaltung des gewohnten Lebensstandards nicht m ehr gelingt (Grohnfeldt, 2004) und/oder finanzielle Schwierigkeiten auftreten (Weikert, 2004). Besonders problematisch ist diese Situation für junge Betroffene, da diese meist noch keine finanzielle Ba sis aufbauen konnten. H inzu kom m t, dass M enschen m it Aphasie, im Gegensatz zum altersabhängigen Renteneintritt, überraschend m it der Nicht-Berufstätigkeit 66 konfrontiert werden, sodass weder eine gedankliche noch praktische längerfristi ge Vorbereitung möglich ist (Weikert, 2004). Z ur U nterstützung Betroffener bei ihrer beruflichen Rehabilitation gibt es verschiedene Programme von Berufsbildungswerken und spezialisierten Rehabi litationskliniken (H uber et al., 2013). Diese sind entweder für M enschen m it erworbener Hirnschädigung oder spezifisch für Aphasiepatienten konzipiert, wie z. B. das Heidelberger Aphasie M odell (SRH Berufsförderungswerk Heidelberg, 2014) oder das N euroKom Bad Tölz (NeuroKom Bad Tölz, 2016). V erlauf und Erfolg einer therapeutisch begleiteten Wiedereingliederungs m aßnahm e nach erworbener Hirnschädigung wurden in der Abteilung für Neuropsychologie des Klinikums M ünchen Bogenhausen empirisch untersucht: D a bei zeigte sich, dass knapp 86 Prozent der hirngeschädigten Patienten, die eine W iedereingliederung begonnen hatten, wieder an ihren früheren Arbeitsplatz zurückkehren konnten, wobei bei der Hälfte dieser G ruppe eine zeitliche und/oder inhaltliche Reduktion der Arbeitsanforderung stattfand. Bei knapp über 14 Prozent war eine Rückkehr an den vorherigen Arbeitsplatz aufgrund starker Uberforderungssymptome nicht realisierbar, sodass eine Erwerbsminde rungsrente beantragt wurde. In dieser Subgruppe lagen im M ittel signifikant m ehr Defizitbereiche vor, wie beispielsweise Belastbarkeit, Sprache und Kognition, als bei den Arbeitsplatzrückkehrern, wobei für die einzelnen Defizitbereiche kei ne signifikanten Unterschiede festgestellt wurden. Fraglich ist jedoch, ob dieser hohe Anteil an Berufsrückkehrern langfristig bestehen kann, da die Erhebung nach vollzogener W iedereingliederung abgeschlossen wurde. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass dieses Konzept der therapeu tisch begleiteten W iedereingliederung erfolgsversprechend ist und auf diese W ei se einer der schwerwiegendsten Folgen einer erworbenen Hirnschädigung effek tiv entgegengewirkt werden kann. Als problematisch erweist sich aber, dass sol che Konzepte nicht sehr häufig angeboten werden (Schellhorn, Pössl, Kursawe & Goldenberg, 2005). D arüber hinaus würde sich auch bei flächendeckendem Angebot die Frage stellen, für wie viele Betroffene eine derartige W iedereinglie derungsm aßnahme in Betracht gezogen werden könnte. Ist eine Ausübung des Berufs schließlich nicht m ehr oder nur noch in verringer tem Umfang möglich, kann das neben den bereits erwähnten Folgen auch zu einer veränderten Rollenverteilung in der Familie führen (Bornschlegel, 2010; Lamprecht, 2007; W eikert, 2004). Das resultiert etwa daraus, dass der gesunde Partner nun m ehr Aufgaben übernehm en muss, wie zum Beispiel eine Aufsto ckung oder W iederaufnahme der Berufstätigkeit und/oder vermehrte hauswirt schaftliche Pflichten, weil der Primärbetroffene dazu nicht m ehr oder nur noch eingeschränkt in der Lage ist (H uber et al., 2013). Dies kann von letzterem auch als Verlust wahrgenomm en werden (Lucius-Höhne, 2009). Außerdem gilt es zu 67 bedenken, dass sich aufgrund der erkrankungsbedingten Beeinträchtigungen Partnerschaft und Familie für den Primärbetroffenen häufig zum Lebensmittel punkt entwickeln, was sich wiederum negativ auf diese auswirken kann (Glin dem ann et al., 2002). Aufgrund der Aphasie kann es auch innerhalb von Partnerschaft und Familie erschwert sein, Absprachen im Alltag zu treffen, Interessen auszuhandeln und zu koordinieren, sich em otional auszutauschen (Lucius-Höhne, 2009) sowie über Erlebtes zu sprechen und Zukünftiges zu planen. Mögliche Folgen auf Seiten der Angehörigen sind Überlastung, Einsamkeit, Angst und Ratlosigkeit (Schneckenburger, 2002). Besonders zu beachten sind Kinder, die ebenso von der Aphasie mitbetroffen sind (Steiner, 2001): So kön nen Irritationen entstehen, wenn ein Elternteil aufgrund der aphasischen Symp tome seine soziale Rolle nicht m ehr wie gewohnt wahrnehm en kann. Außerdem ist es möglich, dass Kinder Schwierigkeiten haben, sich m it ihrem aphasischen Elternteil zu identifizieren und sich an ihm zu orientieren (Glindem ann et al., 2002). Einige Heranwachsende em pfinden dem aphasischen Elternteil gegen über auch W ut, unterdrücken diese jedoch oder entwickeln deshalb Scham- und Schuldgefühle (Schneckenburger, 2002). M it spezifischen Schwierigkeiten ist außerdem während des Spracherwerbs eines Kindes zu rechnen, da der Primär betroffene meist nur eingeschränkt die Rolle eines sprachlich-kommunikativen Modells einnehm en kann (Glindem ann et al., 2002). Die bereits erwähnte Fokussierung auf die Familie ist auch dam it erklärbar, dass Primärbetroffene zwar zu Beginn der Erkrankung verm ehrt Besuch von Freunden und Bekannten bekomm en, dieser m it ansteigender Erkrankungsdau er aber meist seltener wird oder der Kontakt gänzlich abbricht (H uber et al., 2013). Folgende G ründe kom m en hierfür in Betracht: Unverständnis für die Erkrankung, Unsicherheiten im Umgang m it dem Primärbetroffenen und die Schwierigkeit, die Aphasie von einer Störung der geistigen Fähigkeiten zu diffe renzieren (Weikert, 2004). Auch ist von Seiten der Primärbetroffenen zu be obachten, dass ein Rückzug aus dem Bekannten- und Freundeskreis vollzogen wird (Goldenberg, 2007). Darüber hinaus werden Aphasiepatienten auch in ihrem Freizeitverhalten einge schränkt, da viele Tätigkeiten sprachliche und komm unikative Leistungen erfor dern. Hierzu zählen etwa Zeitung und Bücher lesen, im Internet recherchieren, telefonieren, U nterhaltungen führen (Weikert, 2004) und die Teilnahm e an Vereinsabenden. H inzu kom m t, dass einige Betroffene das Interesse an spezifi schen D ingen oder Tätigkeiten verlieren, für die sie sich vor ihrer Erkrankung begeisterten (H uber et al., 2013). W eiter erschwert werden kann das Ausüben von Hobbys durch M obilitätsprobleme, die entstehen, wenn Betroffene Fahr pläne, Hinweisschilder und Bezeichnungen von Haltestellen nicht lesen können 68 (G lindem ann et al., 2002) oder die N utzung von Verkehrsmitteln aufgrund von motorischen Einschränkungen um ständlich oder unmöglich wird (Lutz, 2010). W erden diese vielseitigen Beeinträchtigungen in Betracht gezogen, wird nach vollziehbar, dass Aphasiepatienten unter sozialer Isolation leiden können (Glin dem ann et al., 2002; Korsukewitz et al., 2013; Tesak, 2007), die sich z. T . auf die gesamte Familie ausweitet (Goldenberg, 2007). Eine weitere mögliche Folge von Aphasien stellen depressive Störungen dar (Bins, 1999; Grohnfeldt, 2004; Korsukewitz et al., 2013; Tesak, 2007). Diese entstehen auf der Basis neurobiochemischer Veränderungen infolge der H irnlä sion und/oder als Reaktion auf die veränderte Lebensperspektive (Bins, 1999; Grohnfeldt, 2004). Z u den Leitsymptomen dieser Störungen zählen Beeinträch tigungen der Stimmungslage, Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, ein verm inder ter Antrieb, Interessensverluste und diverse körperliche Symptome (Weikert, 2004). Depressionen können zu verschiedenen Schwierigkeiten führen: Z u diesen zählen eine reduzierte M otivation, eine eingeschränkte Durchführbarkeit thera peutischer M aßnahm en und begrenzte Rehabilitationserfolge. Insofern kom m en einer frühzeitigen Diagnosestellung und Behandlung eine besondere Bedeutung zu (Bins, 1999). H ier gilt es jedoch zu bedenken, dass nur wenige Möglichkeiten der Inanspruchnahm e von Psychotherapie bestehen, da viele Ansätze sprachliche Leistungen voraussetzen und Psychotherapeuten z. T . nicht über das notwendige Know-how verfügen, um trotz der Kommunikationsbeeinträchtigungen psycho therapeutisch arbeiten zu können (Steiner, 2001). Besonders in solchen Fällen wäre eine Zusamm enarbeit von Psycho- und Sprachtherapeuten empfehlens wert. 69

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References

Zusammenfassung

Software für Kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie – passt das wirklich zusammen? Dieser Frage geht Cornelia Zeller im vorliegenden Buch nach. In diesem Buch erhalten Sie zunächst fundiertes Wissen über das Krankheitsbild und die Behandlung von Aphasien. Anschließend geht Cornelia Zeller auf die theoriebasierte Entwicklung der Applikationen für kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie (AKOPRA) ein, die an das Kommunikativ-pragmatische Screening für Patienten mit Aphasie (KOPS) angelehnt sind. Daraufhin wird die Therapiestudie dargestellt, in der das Übungsprogramm auf seine Praktikabilität hin überprüft wurde. In diesen Kapiteln werden u.a. die Ergebnisse zur Anwendbarkeit von AKOPRA sowie zur Effektivität geschildert. Von diesem Buch können in Praxis oder Klinik tätige Sprachtherapeutinnen und Sprachtherapeuten profitieren, da neben der theoretischen Fundierung viele praktische Hinweise zur Anwendung von AKOPRA gegeben werden. Darüber hinaus können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsarbeiten finden.