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4 Kommunikatives Handeln in:

Cornelia Zeller

Softwarebasierte Aphasietherapie, page 51 - 62

Entwicklung und Erprobung des kommunikativ-pragmatischen Übungsprogramms AKOPRA

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4167-3, ISBN online: 978-3-8288-7034-5, https://doi.org/10.5771/9783828870345-51

Tectum, Baden-Baden
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4 Kommunikatives Handeln In diesem Kapitel werden die Grundlagen des kom m unikativen H andelns erläu tert. Eingangs geht es um die Begriffsbestimmung und um die Charakteristika von K om m unikation. Daran anschließend erfolgt im Rahm en der Sprechaktthe orie eine Klassifikation der verschiedenen sprachlichen Handlungen. U nd in den Kapiteln zur Skript- und Situationstheorie wird aufgezeigt, in welche Strukturen komm unikative H andlungen eingebettet sind und wie sich diese auf die Kom m unikation auswirken. 4.1 Kommunikationstheorie Als Kommunikation wird allgemein die Ü berm ittlung von Inform ationen be zeichnet (Rickheit, Sichelschmidt & Strohner, 2002; Strohner, 2006). Die Fä higkeit zu komm unikativem H andeln zählt zu den wichtigsten Charakteristika von Lebewesen, da diese gemeinsam m it dem Sozialverhalten die Grundlage für eine schnelle Adaptation an veränderte Umweltbedingungen ermöglicht (Müller, 2013). Kom m unikation determiniert das menschliche (Zusammen-) Leben in seinen psychischen und sozialen Im plikationen (Glindem ann, 2001) und dient der Bewältigung des Alltags (Rickheit et al., 2010). Sie ermöglicht spezifische Form en der Kooperation, da zum Beispiel H andlungen abgesprochen werden müssen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen (Glindem ann, 2001). Die Grundlagen für die K om m unikation stellen die W ahrnehm ung und dam it die Aufnahme von Inform ationen, deren Speicherung im Gedächtnis und deren A bruf dar (Rickheit et al., 2010). Außerdem setzt Kom m unikation auch Kooperation voraus, wie beispielsweise bei der Zuw endung der Aufmerksamkeit auf dasselbe Them a (Glindem ann, 2001). Entscheidend für eine erfolgreiche Kom m unikation ist auch das reziproke Wissen (Ehrhardt & Heringer, 2011), das die Partner voneinander besitzen (Strohner, 2006). D urch dieses Wissen, das im sogenannten Partnermodell enthalten ist, gelingen Perspektivenübernahme und empathisches Verhalten. Aufbauend auf der Kenntnis des Partnermodells und der jeweiligen Verhaltensabsichten wird intentionale Kom m unikation er möglicht (Strohner, 2006). 51 D urch den Kommunikationsprozess entsteht ein sogenanntes Kommunikati onssystem. Hierbei werden der Informationsproduzent, der den Ursprung der Kom m unikation darstellt und der über den Informationsträger Inform ationen vermittelt, sowie der Informationsrezipient, der die Inform ation empfängt, unter schieden (Strohner, 2006). W eiterhin wird zwischen unidirektionaler und interaktiver Kommunikation differenziert. Produziert der Rezipient selbst keine Inform ationen, handelt es sich um unidirektionale Kommunikation, wohingegen die Kom m unikation bei einer Interaktion in beide Richtungen verläuft (Strohner, 2006). Für den M enschen unabdingbar ist die interaktive Kom m unikation, da hier der Produzent erkennt, dass seine Botschaft angekommen ist. D arüber hinaus erhält der Rezipient die Chance, ein Feedback bezüglich seiner Informationsver arbeitung zu geben, das die weitere Interaktion beeinflusst. Die beiden Partner handeln hier auf einander zu, sodass Handlungssequenzen entstehen (Strohner, 2006). Ein Spezifikum, das nur der Inform ationsüberm ittlung des M enschen zur Verfügung steht, stellt die sprachliche K om m unikation dar (Fischer, 2009; Strohner, 2006). Sprache wird zur Kom m unikation benutzt (Ernst, 2002; Fi scher, 2009) und gilt dabei als wichtigstes Kom m unikationsm ittel (Fischer, 2009). Sie ist funktional ausgerichtet (Rickheit et al., 2010) und kann aufgrund ihres Symbolsystems, das nicht an Zeit und Raum gebunden ist, auf beliebige Referenzbereiche bezogen werden (Strohner, 2006). Die Grundlage für eine sprachliche Kom m unikation stellt das W elt- und Sprachwissen dar, da Sprache ansonsten weder verstanden noch produziert werden könnte (Rickheit et al., 2010). W ie K om m unikation funktioniert, wurde in der Literatur bereits mithilfe verschiedener Modelle veranschaulicht: Z u nennen ist beispielsweise das Orga nonmodell von Karl Bühler, in dem die Ausdrucks-, Appell- und Darstellungsfunk tion des sprachlichen Zeichens unterschieden werden (Bühler, 1982). Im Kom munikationsquadrat von Schulz von T h un wird zusätzlich eine Beziehungsebene postuliert, sodass von vier verm ittelten Botschaften pro Äußerung ausgegangen wird (von T hun, 2013). Einen anderen Ansatz, um K om m unikation zu erklä ren, verfolgte Paul H . Grice, indem er M aximen der Konversation als Basis für eine idealtypische K om m unikation entwickelte (Strohner, 2006). Diese umfas sen die Maxime der Q uantität, der Qualität, der Relation sowie die der A rt und Weise (Grice, 1975). Sie regulieren die K om m unikation und dienen der O rien tierung der Gesprächspartner (Ehrhardt & Heringer, 2011). K om m t es zu Ab weichungen von diesen M aximen, wird die Verständigung erschwert. Eine derar tige Verletzung dient dem H örer als Hinweis, nach einem G rund für diese Ab weichung zu suchen (Strohner, 2006). W ie im Modell von H einem ann (1976) zu sehen, ist für Kom m unikation nicht nur die Sprache von Bedeutung. D enn K om m unikation findet stets m ul 52 timodal statt (Wilken, 2006). W elche Kategorien der W ahrnehm ung und des Verhaltens während der Kom m unikation eine Rolle spielen, ist in Abbildung 6 veranschaulicht: A bbildung 6: K ategorien des V erhaltens u n d W ah rnehm en s w ährend der K om m un ika tion (in A n leh nun g an: H einem an n , 1976: 38) W ie das M odell in Abbildung 6 zeigt, wird eine N achricht über sprachliche und nichtsprachliche Kommunikationskanäle überm ittelt. M it jedem dieser Kanäle kann eine Botschaft produziert werden, wobei die nichtsprachlichen M ittel häu fig unbewusst eingesetzt werden, sodass es hier schwieriger ist, Botschaften zu verdecken. Passen die Botschaften aller Kanäle zusammen, ist die Aussage kon gruent und kann vom Gesprächspartner gut verstanden werden (Büttner & Q uindel, 2013). Die einzelnen Kommunikationskanäle sind voneinander unab hängig, lassen sich jedoch auch sim ultan einsetzen (Glindem ann, 2001). Außer dem kom m t es vor, dass einzelne Kom m unikationsm ittel isoliert genutzt wer den. So können beispielsweise Gesten die gesprochene Sprache substituieren, wie etwa bei starkem Lärm (Hogrefe & Goldenberg, 2010). Einschränkend ist zu jenen Komm unikationsmodellen anzumerken, dass sich diese auf nur zwei Kom m unikationspartner beziehen (Schütze, 2009). Außer dem ist es wichtig, K om m unikation nicht auf einen reinen Ü berm ittlungspro zess zu reduzieren, da die K om m unikationspartner die Botschaften wechselseitig interpretieren (Glindem ann, 2001). 53 Zusammengefasst handelt es sich bei K om m unikation also um ein komplexes, dynamisches und adaptives System, das sich an verschiedene Bedingungen an passen kann (Strohner, 2006). W ie in den folgenden Kapiteln beschrieben wird, folgt Kom m unikation be stim m ten Konventionen (Strohner, 2006) und findet in spezifische Situationen eingebettet statt (Rickheit et al., 2010; Strohner, 2006). 4.2 Sprechakttheorie Bei der Sprechakttheorie6, die auf die beiden Sprachphilosophen Austin und Searle zurückgeht, steht der Handlungscharakter von Sprache im M ittelpunkt (Fi scher, 2009). Sprachliche Äußerungen werden hier als H andlungen betrachtet (Meibauer, 2008), da m it diesen nicht nur Inform ationen weitergegeben, son dern auch spezifische komm unikative Absichten verfolgt werden (Fischer, 2009). Als Sprechakte werden die kleinsten sprachlichen Einheiten bezeichnet, die über eine komm unikative Funktion verfügen. Somit bezieht sich die Sprechakttheorie auf den kom m unikativen Sinn von Äußerungen (Staffeldt, 2008). D er Einteilung von Searle zufolge werden m it einer Äußerung in der Regel vier Akte parallel vollzogen (Searle, 1971): T abelle 4: T eilakte eines Sprechaktes (Inhalte in A n leh nun g an: Searle, 1971) T e ilak t E rläu te rung Außerungsakt Äußerung von W örtern (Morphemen, Sätzen) Propositionaler Akt Referenz und Prädikation lllokutionärer Akt z. B. behaupten, fragen, befehlen, versprechen Perlokutionärer Akt W irkung der Akte auf den Zuhörer M an kann m it dem gleichen propositionalen Akt verschiedene illokutionäre Ak te vollziehen und es ist auch möglich, einen Äußerungsakt ohne einen propositionalen oder illokutionären Akt auszuführen (Searle, 1971). W elcher illokutionäre Akt durch eine Äußerungsform ausgeübt wurde, kann zum Beispiel anhand sogenannter Hlokutionsindikatoren erkannt werden (H inde lang, 2010). Z u diesen zählen performative Verben, Satztypen, der Verbmodus, M odalverben, Satzadverbien, M odalpartikeln und Intonation bzw. Interpunkti on (Meibauer, 2008). M ithilfe performativer Verben ist es möglich, den jeweils bezeichneten Sprechakt direkt auszuführen. Diese explizit performative Verwendung wird im Alltag weniger häufig genutzt (Hindelang, 2010), wobei es auch kommunikative H andlungen gibt, die den Einsatz des performativen Verbs erfordern, da die spe zifische H andlung ansonsten nicht eindeutig erkennbar ist (Glindem ann, 1995). Ein Beispiel hierfür ist die komm unikative H andlung VERSPRECHEN (Glin demann, 1995). 6 Z um Begriff der Sprechakttheorie ist anzumerken, dass diese eher als Sprachhandlungstheorie zu bezeichnen ist, um die heute übliche U nterscheidung von Sprache und Sprechen zu be rücksichtigen. 54 Sind in einer Äußerung hingegen keine eindeutigen Indikatoren enthalten, lässt sich auch anhand der situativen Einbettung auf den intendierten illokutionären Akt des Sprechers schließen (Hindelang, 2010). D am it ein illokutionärer Akt erfolgreich ausgeführt werden kann, müssen spezifische Gelingensbedingungen erfüllt sein (Ehrhardt & Heringer, 2011). Am Akt des Versprechens entwickelte Searle neun solcher Bedingungen (Searle, 1971). Ehrhardt & Heringer (2011) fassten diese zu sechs Bedingungen zusam men, die sich jedoch nicht auf einen spezifischen Akt beziehen (siehe Tabelle 5). T abelle 5: G elingensbedingungen für illokutionäre A kte (Inhalte in A nleh nun g an: E hrhard t & H eringer, 2011) B e d inqunq E rläu te runq Normale Eingabe- und Ausgabe-Bedingungen Bedingungen fü r eine sinnvolle Kommunikation sind erfüllt Bedingungen des propositionalen Gehalts Charakterisierung der Proposition in Anpassung an den jeweiligen illokutionären Akt E inleitungsbedingungen Sinnhaftigkeit des Aktes Aufrichtigkeitsbedingung Ernsthaftigkeit des Aktes W esentliche Bedingung Spezifikation des illokutionären Aktes Bedeutungstheoretische Bedingung Äußerung gilt aufgrund von Konventionen als Vollzug des jeweiligen illokutionären Aktes Bei der ersten und sechsten in Tabelle 5 aufgeführten Bedingung handelt es sich um sogenannte allgemeine Bedingungen, die sich auf sprachliches H andeln im Allgemeinen beziehen. Die weiteren Bedingungen können dann auf die spezifi schen illokutionären Akttypen bezogen werden (Hindelang, 2010). Searle (1971) betonte jedoch, dass es nicht bei jeder Verletzung dieser Bedingungen zu einer ungültigen Ausführung kom m t. So sind beispielsweise auch Akte möglich, die gegen die vierte und sechste Regel verstoßen, da Akte auch unaufrichtig und auf Basis gemeinsamen Wissens gelingen können (Ehrhardt & Heringer, 2011). Darüber hinaus entwickelte Searle (1990) spezifische Kriterien, um eine Klassifikation illokutionärer Akte7 zu erstellen. N ach Staffeldt (2008) bilden der illokutionäre Witz, die Ausrichtung sowie der zum Ausdruck gebrachte psychische Zustand die drei wichtigsten Unterscheidungskriterien. Als illokutionärer W itz werden die kom m unikativen und praktischen Absichten bezeichnet, die der Sprecher m it seiner Äußerung erreichen m öchte (Hindelang, 2010). A uf die ge genseitige Beziehung von W ort und W elt wird anhand des Kriteriums der Aus richtung Bezug genom m en (Staffeldt, 2008) und als psychologische Einstellungen, die beim Vollzug von Sprechakten m it ausgedrückt werden, können beispiels weise W unsch, Bedauern oder Verärgerung gelten (Hindelang, 2010; Staffeldt, 2008). Tabelle 6 umfasst die Charakterisierung der fün f Sprechaktklassen. D urch diese Klassifikation ist es gelungen, eine Übersicht und ein fachsprachliches Vo D a für die Entw icklung von AKO PRA au f die Klassifikation von Searle zurückgegriffen w ur de, w ird in dieser Arbeit au f eine Beschreibung alternativer Klassifikationsmodelle verzichtet. 55 kabular zu schaffen. Sie ist jedoch nicht im mathem atischen Sinne zu betrach ten, da sich Sprechhandlungen aufgrund von inhaltlichen Überschneidungen nicht absolut eindeutig in Klassen einteilen lassen (Hindelang, 2010). T abelle 6: C harakterisierung der Sprechaktklassen (Inhalte in A nleh nun g an: Searle, 1990) lllo k u tio n ä re r W itz A u s r ic h tu n g P sych isch e r Zustand S p rech a k tb e ze ich nende V erben A sse rtiva Sprecher wird auf W ahrheit der Proposition festge legt W ort au fW e lt glauben behaupten, beschwö ren, durchblicken lassen D irek tiva Sprecher versucht, Hörer zu einer Hand lung zu bewegen W elt auf W ort w ol len/wünschen bitten, befehlen, e in laden K o m m iss iva Sprecher wird auf bestimmtes Verhal ten festgelegt W elt auf Wort Absicht versprechen, ankün digen, drohen (Ehr hardt & Heringer, 2011) D ek la ra tiva8 Erfolgreicher Vollzug führt zu Korrespon denz von propositionalem Gehalt und Realität W ort au fW e lt UND W elt auf W ort Keine Ausrich tung ernennen, entlassen, definieren E xp ress iva Ausdrücken des in der Aufrichtigkeits bedingung angege benen Zustands Keine Ausrich tung Keine spezifi sche Ausrich tung, da ver schiedene psy chische Zustän de ausgedrückt werden können danken, gratulieren, bedauern Außerdem werden direkte und indirekte Sprechakte unterschieden: Bei sogenannten direkten Sprechakten kann die komm unikative Absicht wörtlich der Äußerung entnom m en werden (Fischer, 2009). Bei indirekten Sprechakten hingegen wird m ehr verm ittelt als in der wörtlichen Produktion enthalten ist, indem ein illokutionärer Akt über einen anderen illokutionären Akt vollzogen wird. Die wörtliche Bedeutung der Äußerung bezeichnet m an als sekundären illokutionären A k t und die indirekte Illokution als primären illokutionären A k t. Searle entwickelte eine zehnschrittige Rekonstruktionsanleitung zur Ableitung der primären Illokution aus der sekundären. U m indirekte Sprechakte theoretisch erklären zu können, ist Wissen über sprechakttheoretische G rundla gen und Prinzipien kooperativer Konversation vonnöten sowie die Kenntnis ge meinsamer außersprachlicher H intergründe von Sprecher und H örer und die Fähigkeit des Hörers, Schlussfolgerungen zu ziehen. Entscheidend ist die Folge rungsstrategie: D urch die Anwendung der Konversationsprinzipien auf das ge meinsame Wissen des Sprechers und Hörers kann entschieden werden, wann Zusätzlich gibt es bei den assertiven Deklarationen eine Ü berschneidung zwischen Deklarativa und Assertiva. D abei handelt es sich um Assertiva, die in der Rolle von D eklarativa geäu ßert werden. Diese verfügen über eine W ort-auf-W elt-A usrichtung und über die Aufrichtig keitsbedingung glauben. Beispiel: Schuldigsprechung durch einen Richter (Searle, 1990). 56 eine primäre Illokution von der wörtlichen Illokution abweicht und der illokutionäre W itz wird mithilfe der Sprechakttheorie aus dem Hintergrundwissen ge folgert. Innerhalb der indirekten Sprechakte gibt es außerdem verschiedene G ruppen von Äußerungen, die konventional indirekt gebraucht werden. U m diese zu verstehen, sind keine bewussten Folgerungen von Seiten des Hörers notwendig, da die primäre Illokution direkt verstanden wird. So werden u. a. für den Vollzug von indirekten Direktiva Imperativsätze häufig durch Interrogativ sätze ersetzt, um z. B. bei B itten einem höflichen Verhalten zu entsprechen. N ach Searle gelingt es, illokutionäre Akte indirekt auszuführen, indem die Be hauptung aufgestellt wird, dass die Aufrichtigkeitsbedingung für den jeweiligen Akt erfüllt sei (Searle, 1990). Diese von Searle aufgestellte Theorie wird jedoch auch kritisiert: Ehrhardt & Heringer (2011) diskutieren, ob indirekte Sprechakte zum Teil ein Beschrei bungsartefakt darstellen könnten, da der in einer Studie nachgewiesene hohe Konventionalisierungsgrad Anhaltspunkte dafür gibt, dass häufig nur ein Akt vollzogen wird. H indelang (2010) konstatiert, dass es sich bei den sekundären illokutionären Akten nicht um Sprechakte, sondern um semantische M uster9 handele, da die dazugehörigen Handlungsbedingungen nicht erfüllt seien. Ü ber die Analyse einzelner Sprechakte hinaus können auch Sprechaktsequenzen erfasst werden (Hindelang, 2010). So treten Sprechakte in der Konversation sel ten isoliert, sondern meist in Kombination m it Sprechakten anderer Sprecher auf (Meibauer, 2008). Die Sequenzeröffnung wird als initialer Sprechakt und die Entgegnung auf diesen ersten Zug als reaktiver Sprechakt bezeichnet, wobei auch Sequenzen m it m ehr als zwei Zügen vorkom men. A uf eine Sequenzeröffnung können nicht beliebige Reaktionszüge folgen. Sprecher verfügen jedoch über das dialogische Wissen, welche Entgegnungen bei welchen initialen Sprechakten möglich sind10, sodass m it Ausnahme von z. B. Missverständnissen wohlgeform te Abfolgen entstehen (Hindelang, 2010). 4.3 Skripttheorie Skripts sind handlungs- und ereignisbezogene Schemata (Müller, 2013; Storch & W eng, 2010a), die über stereotype Handlungsschritte verfügen (Fischer, 2009; Rickheit et al., 2010). Bei Skripts handelt es sich also um festgelegte Er eignisfolgen in einem jeweils spezifischen Kontext. Sie bestehen aus einzelnen 9 Bei semantischen Mustern handelt es sich um eine semantische Charakterisierung von sprach lichen Äußerungsform en, m it welchen ein spezifischer illokutionärer A kt ausgeführt werden kann (H indelang, 2010). 10 In der sogenannten Theorie der Sprechaktsequenz w ird systematisch beschrieben, welche Re aktionen au f spezifische initiale Sprechakte m öglich sind (H indelang, 2010). Beispiele für R eaktionen au f die initialen Sprechakte Fragen und Vorschlagen finden sich z. B. in H inde lang (2010). 57 Slots, die aufeinander aufbauen und nach bestim m ten Vorgaben gefüllt werden müssen. Skripts beziehen sich auf stilisierte, alltägliche Situationen und stellen somit keine Anleitung für die Bewältigung neuer Situationen dar (Schank & Abelson, 2008). Insofern lassen sich Skripts als inhaltlich spezifische W issensstruk turen bezeichnen (Busse, 2012). Jedes Skript ist m it einer bestim m ten Anzahl an Rollen verbunden, wobei jede Rolle über ein eigenes Skript verfügt. Einige Skripts müssen eine Vielzahl an Variabilitäten beinhalten, wie beispielsweise das Restaurant-Skript. Ferner setzen sich Skripts aus aufeinanderfolgenden Szenen zusammen, die jeweils über eine Hauptaktivität verfügen. Vor dem Beginn einer neuen Szene muss die H andlung der vorherigen Szene erfolgreich abgeschlossen sein (Schank & Abelson, 2008). Ist die Reihenfolge der einzelnen Szenen strikt festgelegt, wird von starken Skripts gesprochen, während solche m it weniger strikter Abfolge als schwache Skripts be zeichnet werden (Heinem ann & Viehweger, 1991). Abweichungen oder eine plötzliche Beendigung des Skripts können entste hen, wenn Hindernisse auftreten, sodass die befähigenden Bedingungen für die bevorstehende Aktion fehlen und der Akteur entweder versucht, diese herzustel len oder sein Ziel nicht weiter verfolgt. Auch können unerwartete Zustände oder Aktionen eintreten, die eine veränderte Zielsetzung des Akteurs erforderlich m a chen. Ist ein Akteur häufig derselben Skriptabweichung ausgesetzt, lernt dieser verschiedene alternative Skriptpfade kennen, sodass das Skript erweitert wird (Schank & Abelson, 2008). Schank & Abelson (2008) unterscheiden situationsbezogene, instrumenteile und personale Skripts. Für erstere ist typisch, dass diese in spezifische Situationen eingebunden sind und die einzelnen Akteure über verschiedene Skripts verfügen, die auch den anderen Teilnehm ern bekannt sind (Schank & Abelson, 2008). Die Teilnehm er wissen über den grundsätzlichen Handlungsablauf Bescheid (Mandler, 1984), sodass nicht m ehr entschieden werden muss, welches Ziel der andere Akteur m it seiner kom m unikativen H andlung verfolgt und welche eigene Reaktion dieser entgegenzusetzen ist (Schank & Abelson, 2008). Auch instrumentelle Skripts bestehen aus einer vorgeschriebenen Sequenz von Aktionen, wobei die Reihenfolge der einzelnen Schritte starr ist, jeder der Schritte ausgeführt werden muss und es nur einen Akteur gibt. Solche Skripts beschreiben beispielsweise, wie m an ein Auto startet und beziehen sich somit auf andere Aktionsarten als situationsbezogene Skripts (Schank & Abelson, 2008). Personale Skripts existieren hingegen nur in den Gedanken des H auptak teurs und bestehen aus einer Sequenz möglicher Aktionen, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen (Schank & Abelson, 2008). Es zeigt sich also, dass Skripts für die verschiedensten H andlungen des tägli chen Lebens eine wichtige Basis darstellen (Mandler, 1984). Skripts werden aktiviert, wenn Schlüsselkonzepte in der Um welt vorkom men, wie z. B. ein spezifischer O rt oder bei der Erwähnung einer skriptspezifi 58 schen Rolle. Diese Konzepte müssen lim itiert sein, um zu verhindern, dass Skripts fälschlicherweise aufgerufen werden. Es ist jedoch auch möglich, dass mehrere Skripts gleichzeitig aktiv sind (Schank & Abelson, 2008). Das Skriptwissen ermöglicht die Teilnahm e an häufig vorkom m enden Er eignissen und deren Interpretation (Schank & Abelson, 2008). Außerdem spie len Skripts eine wichtige Rolle beim Textverstehen, da sie für die Konstitution von Erwartungshaltungen und Zuordnungsoperationen verantwortlich sind und es H örern somit gelingt, auch solche Einzelhandlungen zu verstehen, die nur implizit im Text enthalten sind (H einem ann & Viehweger, 1991). H inzu kom m t, dass durch Skripts weniger Verarbeitungskapazität benötigt wird (Schank & Abelson, 2008). Auch in der Aphasietherapie gibt es Verfahren, die Skripts als Übungsrah m en verwenden (siehe Kapitel 9.2.3). 4.4 Situationstheorie Sprachliche Äußerungen treten in der alltäglichen K om m unikation nie isoliert, sondern stets in spezifische Situationen eingebettet auf (Hundsnurscher, 1989; Rickheit et al., 2010), sodass Sprache eng m it Situationen verknüpft ist (Storch & W eng, 2010a). D er Situationsbegriff ist jedoch nicht einheitlich definiert, sondern es existiert eine Vielzahl heterogener Konzeptionen (D epperm ann & Spranz-Fogasy, 2001): H errm ann (1982) betrachtet Situationen als objektive Umweltbedingungen, auf deren Basis M enschen interagieren. Das bedeutet, Situationen beeinflussen das sprachliche Handeln. Unterschieden werden nichtpersonenbezogene Situa tionseinflüsse, wie beispielsweise der Objektkontext, sprecherseitige Situationsein flüsse, wie z. B. Inhalte, die bereits thematisiert wurden, und hörerseitige Situa tionseinflüsse. Letztere beziehen sich darauf, dass der Sprecher seinen T u rn an den vorherigen T u rn des Hörers anpasst. Das Situationsverständnis kann sich entwickeln, sobald spezifische Um gebungsbedingungen vorliegen und die Person über ein geeignetes Situationsschema verfügt (Herrm ann, 1982). Im Gegensatz zu H errm ann (1982) definiert Bayer (1984) den Begriff der Situation als subjektive Um weltinterpretation und -orientierung eines einzelnen Handelnden. Die Situation gilt hier als Voraussetzung für die jeweilige H and lung. Sie muss von jedem Sprecher vor Handlungsbeginn und nach jedem kom m unikativen Akt neu und individuell definiert werden, sodass für die Kom m unikationspartner eine Situationsfolge entsteht, in welche die kom m uni kativen H andlungen eingebettet sind. Die Situationsdefinition, die der Sprecher in der Begegnung und Interaktion m it seiner Um welt vornim m t, gelingt durch die Anwendung individueller und sozialer Regeln (Bayer, 1984). N ach Rickheit et al. (2010) enthält die Gesam tsituation sowohl die Objekte und Sachverhalte der umgebenden W elt als auch die beteiligten Personen. Spre cher verankern ihre Äußerungen in der jeweiligen Situation, berücksichtigen den 59 spezifischen H örer und die Rahm enbedingungen der Komm unikationssituation. Die Sprachproduktion wird vor allem durch die funktionalen Charakteristika der Situation beeinflusst. Z u diesen können die räumlich-zeitlichen Vorausset zungen, die eingesetzten M edien oder auch die sozialen und kulturellen Einflüsse gezählt werden. Strohner (2006) unterscheidet innerhalb der komm unikativen Situation zwi schen Handlungsbedingungen, zu denen die direkt wahrnehmbare Umwelt m it den beteiligten M edien zählt und Handlungsvoraussetzungen, die sich beispiels weise auf organisationale, kulturelle und gesellschaftliche Kom m unikationshin tergründe beziehen. N ach der Theorie von Storch & W eng (2010a), die auch für die Entwick lung von AKOPRA genutzt wurde, lassen sich Situationen über spezifische Orte, die sich dort befindenden Personen und Objekte, die Handlungen, die von die sen Personen ausgeführt werden und durch die zeitliche Situierung festlegen. Situationen eröffnen einen sprachlich-kommunikativen Handlungsraum, in dem sich die Kom m unikation auf spezifische Them en bezieht. In einigen Situationen ist die K om m unikation durch eine festgelegte Rollenverteilung geregelt, das heißt, von den einzelnen Sprechern werden bestim mte komm unikative H and lungen erwartet (Storch & W eng, 2010a). Die Auswahl des Them as und die sprachliche Komplexität der Äußerungen sollten an Alter und Weltwissen des Gesprächspartners adaptiert werden (Storch & W eng, 2010a), da ansonsten die erfolgreiche Inform ationsverm ittlung gefährdet werden kann. W erden sprachliche H andlungen häufig ausgeführt, stehen Sprechern sogenann te sprachliche Routinen zur Verfügung. Dabei handelt es sich um fertige Rede muster, wie beispielsweise Form ulierungen. D urch diese Routinen können sich Sprecher vollkommen auf die Inform ationsverm ittlung konzentrieren, ohne nach geeigneten Form ulierungen suchen zu müssen. Dies führt zu einem flüssi geren Sprechen und einer größeren Sicherheit im Verhalten (Lüger, 1993). Es gibt auch bestim mte Äußerungen, die nur durch den Situationsbezug korrekt interpretierbar sind: Dies trifft beispielsweise auf die Interpretation deik tischer Äußerungen zu, wenn Orts-, Zeit- oder Personenangaben sprachlich nicht explizit ausgedrückt werden (Rickheit et al., 2010). Das Wissen über Situationen ist in sogenannten Schemata gespeichert (Storch & W eng, 2010a). Diese verfügen über ein abstraktes und verallgemeinerbares W is sen, das durch Erfahrungen m it Objekten, Personen, Situationen und H andlun gen erworben wurde (Seel, 2003). D urch Schemata wird das Erkennen von O b jekten sowie das Verstehen von Sachverhalten fazilitiert, indem der H andlungs ort bzw. die Situation anhand weniger M erkmale identifiziert werden können (Storch & W eng, 2010a). Zudem übernehm en Schemata beim Wissenserwerb 60 und seiner Rekonstruktion aus dem Gedächtnis wichtige Funktionen, wie bei spielsweise die Inform ationsintegration und die Unterstützung der Inferenzbil dung. Sie bilden einen kognitiven Bezugsrahmen. Es wird davon ausgegangen, dass das Wissen dieser Schemata assoziativ verknüpft ist und während des Ler nens von dazugehörigen Einheiten aktiviert wird (Seel, 2003). Die Situations einbettung wirkt als Lernhilfe, da diese dazu führt, dass sprachlicher Input be deutungsvoll wird und somit die Z uordnung des neuen Wissens zu bereits orga nisierten semantischen Strukturen gelingt. Für die Aphasietherapie bedeutet dies, dass der Transfer der Therapieinhalte unterstützt wird und sich somit die Kommunikationsfähigkeit auch in authenti schen Situationen verbessern sollte (Storch & Weng, 2010a). W ie der Situati onsbezug in der Aphasietherapie genutzt wird, ist in Kapitel 9.2.4 skizziert. 61

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Zusammenfassung

Software für Kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie – passt das wirklich zusammen? Dieser Frage geht Cornelia Zeller im vorliegenden Buch nach. In diesem Buch erhalten Sie zunächst fundiertes Wissen über das Krankheitsbild und die Behandlung von Aphasien. Anschließend geht Cornelia Zeller auf die theoriebasierte Entwicklung der Applikationen für kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie (AKOPRA) ein, die an das Kommunikativ-pragmatische Screening für Patienten mit Aphasie (KOPS) angelehnt sind. Daraufhin wird die Therapiestudie dargestellt, in der das Übungsprogramm auf seine Praktikabilität hin überprüft wurde. In diesen Kapiteln werden u.a. die Ergebnisse zur Anwendbarkeit von AKOPRA sowie zur Effektivität geschildert. Von diesem Buch können in Praxis oder Klinik tätige Sprachtherapeutinnen und Sprachtherapeuten profitieren, da neben der theoretischen Fundierung viele praktische Hinweise zur Anwendung von AKOPRA gegeben werden. Darüber hinaus können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsarbeiten finden.