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3 Sprachverarbeitung bei intaktem Sprachsystem und Aphasie in:

Cornelia Zeller

Softwarebasierte Aphasietherapie, page 39 - 50

Entwicklung und Erprobung des kommunikativ-pragmatischen Übungsprogramms AKOPRA

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4167-3, ISBN online: 978-3-8288-7034-5, https://doi.org/10.5771/9783828870345-39

Tectum, Baden-Baden
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3 Sprachverarbeitung bei intaktem Sprachsystem und Aphasie Als Sprachverarbeitung werden diejenigen Prozesse bezeichnet, die für das Ver stehen und Produzieren von Sprache notwendig sind (Werani, 1997). U m diese Prozesse sichtbar zu machen, finden Sprachverarbeitungsmodelle Verwendung (Fischer, 2009). Mithilfe dieser Modelle können sowohl physiologische als auch pathologische Verarbeitungsmechanismen abgebildet werden (Schneider, 2014d). Dabei gilt es zu bedenken, dass in unterschiedlichen M odellen meist verschiedene Elemente fokussiert werden (Müller, 2013) und es sich um verein fachte Darstellungen der angenomm enen Verarbeitungsprozesse handelt (Fi scher, 2009). In Kapitel 3.1 erfolgt die Vorstellung einiger für die Sprachtherapie und Aphasiologie bedeutender Modelle, bevor es in Kapitel 3.2 darum geht, anhand dieser Modelle das Auftreten verschiedener aphasischer Symptome zu erklären. 3.1 Vorstellungvon Sprachverarbeitungsmodellen Sprachverarbeitungsmodelle können sich sowohl auf die Sprachrezeption als auch die -produktion beziehen. Grundsätzlich werden serielle, konnektionistische und hybride M odelle unterschieden (Schneider, 2014d). 3.1.1 Das Logogenmodell als Vertreter serieller Modelle Das Charakteristikum serieller M odelle besteht darin, dass die Reihenfolge der einzelnen Verarbeitungskom ponenten festgelegt ist und dass zwischen diesen keine Interaktion stattfindet (Schneider, 2014d). Die Arbeit der einzelnen Module wird auch nicht durch äußere Faktoren beeinflusst, sodass es sich um eine autonom e Verarbeitung handelt (Fischer, 2009). Erst nach abgeschlossener Be arbeitung innerhalb eines M oduls erfolgt eine W eiterleitung der Inform ationen an das nächste M odul (Rickheit, Weiss & Eikmeyer, 2010). Außerdem verläuft der Informationsfluss nur in eine Richtung (Drenhaus, 2012). So handelt es sich bei der Sprachproduktion um eine wissensgeleitete top-down-Verarbeitung, während der Sprachrezeption eine datenbasierte bottom -up-Verarbeitung zu G runde liegt (Fischer, 2009). 39 Im Folgenden soll nun auf das Logogenmodell eingegangen werden (siehe Ab bildung 2), das den bekanntesten Vertreter serieller M odelle darstellt (Schütz, 2013). Es handelt sich hierbei um ein Modell für die Verarbeitung m onom orphematischer W örter. Dabei werden ein unimodales semantisches System und modalitätsspezifische Lexika postuliert, die zusätzlich in Subkategorien für ver schiedene W ortarten unterteilt sind (Stadie et al., 2013). A bbildung 2: L ogogenm odell in A nleh nun g an Patterson (aus: Stadie et al., 2013: 19) Insgesamt werden vier Lexika unterschieden, da für die Laut- und Schriftsprache jeweils ein eigenständiges für Rezeption und Produktion vorliegt. D ie Lexika beinhalten ausschließlich die W ortform en in Laut- bzw. Schriftgestalt, wohinge gen die W ortbedeutungen im semantischen System verortet sind. Ü ber die Ver bindungen vom semantischen System zu den Input-Lexika lassen sich den W ort formen die entsprechenden Bedeutungen zuordnen (Stadie et al., 2013). Ergänzend zu diesem lexikalischen System wird ein nicht-lexikalisches Sys tem angenommen, das eine segmentale Verarbeitung ermöglicht. Dieses kann für auditive und graphematische W örter sowie Neologismen genutzt werden, wobei letztere ausschließlich nicht-lexikalisch verarbeitet werden können. Beim Nachsprechen verläuft die segmentale Verarbeitung über die auditivphonologische Korrespondenzroute (APK), beim Lesen über die G raphem Phonem -Korrespondenzroute (GPK) und beim Schreiben nach D iktat via Phonem-Graphem-Korrespondenzroute (PGK). Die segmentale Verarbeitung ba siert auf einem sprachspezifischen Regelsystem, das dafür verantwortlich ist, dass Einzelsegmente einander zugeordnet werden. Folglich können m it dem nicht lexikalischen System keine irregulären, sondern nur regelmäßige W örter korrekt 40 produziert werden. Ergänzend liegen die direkt-lexikalischen und semantisch lexikalischen Routen vor (Stadie et al., 2013). Für die lexikalische bzw. nicht-lexikalische Verarbeitung von W örtern und Neologismen müssen diese zuvor entweder in der auditiven oder visuellen Analy seeinheit erfasst, identifiziert und kategorisiert werden. Außerdem werden kurz fristige Arbeitsspeichersysteme angenommen. Hierbei handelt es sich um jeweils getrennte Buffer für Rezeption und Produktion sowie für Laut- und Schriftspra che, um Inform ationen für eine W eiterverarbeitung kurzfristig festhalten zu können (Stadie et al., 2013). U m diese Inhalte durch das sogenannte „interne Sprechen“ (Stadie et al., 2013: 21) zu reaktivieren, wird außerdem von einer phonologischen Rückkopplungsschleife (PRS) ausgegangen (Stadie et al., 2013). Basierend auf dem Modell zur Erklärung der m onom orphem atischen W ortver arbeitung erfolgte die Entwicklung des morphologisch erweiterten Logogenmodells (Cholewa & De Bleser, 1995). Dieses unterstützt die (De-)Kompositionshypothese (Lorenz, 2010), wonach komplexe W örter morphologisch dekom poniert gespeichert und verarbeitet werden (z. B. Taft & Forster, 1975). Zusätzlich besteht jedoch die Annahme, dass einige komplexe Vollformen ganz heitlich repräsentiert sein könnten (Cholewa & D e Bleser, 1995; Lorenz, 2010). Das Ziel dieses erweiterten Logogen-Modells ist es, die Leistungsmuster der jenigen Patienten zu erklären, die einen Störungsschwerpunkt in der Verarbei tung derivierter, komponierter und/oder flektierter W örter aufweisen, wohinge gen bei monomorphem atischem W ortm aterial geringere Auffälligkeiten zu be obachten sind (Cholewa & De Bleser, 1995). W ie in Abbildung 3 exemplarisch am phonologischen Input-Lexikon zu se hen, wird in den einzelnen Lexika von einer Fraktionierung in verschiedene Subkom ponenten ausgegangen. Diese basieren auf der Beobachtung von Leis tungsdissoziationen. So erfolgt eine Unterscheidung von N om ina, Adjektiven, Verben, Funktionswörtern und Affixen. Außerdem besteht die Annahm e einer modalitätsspezifischen morphologischen Fraktionierung aller Lexika (Cholewa & De Bleser, 1995). 41 A bbildung 3: Erw eitertes L ogogenm odell (aus: C holew a & D e Bleser, 1995: 269) W eiterhin wird vermutet, dass die morphologische Verarbeitung ausschließlich in den Lexika stattfindet und durch lexikalische Regeln determiniert ist. Für die Verarbeitung polymorphematischer W örter stellt die Intaktheit der Lexika und der lexikalischen Zugriffsmechanismen eine notwendige Bedingung dar (Lorenz, 2010). D er segmentalen, nicht-lexikalischen Verarbeitung kom m t bei der Verarbei tung polymorphematischer W örter hingegen keine wesentliche Bedeutung zu (Cholewa & De Bleser, 1995). Z u beachten gilt es, dass die meisten Erweiterungen des Logogenmodells vorläufige Hypothesen darstellen, da der Nachweis doppelter klassischer Dissozi ationen bisher fehlt (Cholewa & De Bleser, 1995). 3.1.2 Das WD- und SP-Modell als Vertreter konnektionistischer Modelle Konnektionistische bzw. interaktive Modelle basieren auf der Annahme, dass die Sprachverarbeitung in einem Netzwerk stattfindet (Blanken, Borm ann & Schweppe, 2011; Fischer, 2009). Dieses umfasst hierarchisch angeordnete lingu istische Ebenen (Fischer, 2009), die im Sinne der parallelen Verarbeitung simul tan aktiviert werden (Fischer, 2009; Schade & Eikmeyer, 2011). Außerdem kann sich die Aktivierung in alle Richtungen ausbreiten (spreading activation), sodass auch ein Informationsrückfluss möglich ist (Fischer, 2009). Es finden also sowohl top-down- als auch bottom-up-Prozesse statt (Blanken et al., 2011). Das W D - (Dell, Schwartz, M artin, Saffran & Gagnon, 1997) und das SP- M odell (Foygel & Dell, 2000) basieren auf der Zwei-Stufen-Theorie des lexikali schen Zugriffs und werden von den Autoren dafür eingesetzt, die physiologische und aphasische verbale Einzelwortproduktion zu erklären (Dell et al., 1997; Foygel & Dell, 2000). Beide Modelle verfügen über den gleichen Aufbau (Foygel & Dell, 2000), der in Abbildung 4 zu sehen ist. 42 Sem antics Onsets Vowels Codas Phonemes A bbildung 4: Lexikalisches N etzw erk der in teraktiven Z w ei-S tufen-T heorie , a u f der das W D u n d das SP-M odell basieren (aus: D ell et al., 1997: 805) W ie aus Abbildung 4 hervorgeht, bestehen die M odelle jeweils aus einer seman tischen, einer Lemma- und einer phonologischen Ebene (Dell et al., 1997). D a bei enthält die semantische Ebene semantische Eigenschaftsknoten, die Lemma Ebene abstrakte W ortknoten und die phonologische Ebene Phonem knoten (Dressel, Weiller, H uber & Abel, 2011). Exzitatorische bidirektionale Konnektionen verbinden die K noten benachbarter Ebenen, jedoch existieren keine inhibitorischen Verbindungen (Dell et al., 1997). Top-dow n-V erbindungen verlaufen von der semantischen Ebene über die Lemma-Ebene zur phonologischen Ebene; bottom -up-V erbindungen umge kehrt. Für den W ortabruf erfolgt die Aktivierung der semantischen M erkmale des jeweiligen Zielkonzepts. V on dort aus beginnt die Ausbreitung im Netzwerk. Daraufhin wird das Lemma m it der höchsten Aktivierung und der korrekten syntaktischen Kategorie selektiert, bevor die phonologische Enkodierung statt findet. Dabei werden erneut die Phonem knoten m it der höchsten Aktivierung ausgewählt und in einen vorgefertigten Rahm en eingepasst (Foygel & Dell, 2000). Anders als im Levelt-Modell, dessen Darstellung in Kapitel 3.1.3 erfolgt, wird für diese Modelle außerdem eine potenzielle Beeinflussung der Lemma Selektion durch die Phonem -Ebene angenomm en (Blanken et al., 2011). Das W D - und SP-Modell unterscheiden sich dadurch, dass mithilfe des zu erst entwickelten W D-M odells Schweregrad und A rt der Störung bestim m t wer den können, also ob eine Aktivierungszerfalls- oder Konnektionsstörung vorliegt (Dell et al., 1997). Das SP-Modell hingegen differenziert zwischen Konnektionsstörungen der semantisch-lexikalischen und der lexikalisch-phonologischen Ebe ne, sodass eine Spezifizierung der Störungsebene erfolgt (Foygel & Dell, 2000). Die K om ponenten und Eigenschaften beider Modelle wurden in ein C om puterprogram m implementiert, das zur Diagnostik der Einzelwortverarbeitung verwendet werden kann (Abel, W illmes & Huber, 2007a; Abel, Willmes & H u- 43 ber, 2007b), indem die Störungsursache beim W ortabruf erm ittelt wird4 (Dressel et al., 2011). 3.1.3 Das Levelt-Modell als Vertreter hybrider Modelle H ybride Modelle integrieren Charakteristika serieller und konnektionistischer Modelle (Blanken, 1991; Fischer, 2009). So arbeiten beispielsweise einzelne M odule unabhängig voneinander, wobei verarbeitete Elemente sprachlicher Einheiten bereits dann an das folgende M odul weitergereicht werden, wenn die Verarbeitung für diese, jedoch noch nicht für die gesamte Einheit, abgeschlossen ist (Müller, 2013). Dies wird als inkrementelle Verarbeitung bezeichnet (Corsten, 2016; Schneider, 2014d). Das Levelt-Modell stellt den bekanntesten Vertreter hybrider Sprachverarbeitungsmodelle dar. Dieses kann, im Gegensatz zum Logogen-Modell, nicht nur die Verarbeitung von Einzelwörtern, sondern auch diejenige von Sätzen ab bilden (Schneider, 2014d). Außerdem wird ein zweistufiger lexikalischer Zugang postuliert (Blanken et al., 2011). Die Besonderheit des Levelt-Modells liegt zum einen in der Betonung des Monitoringsystems, über das sowohl die interne Repräsentation und das bereits Geäußerte als auch die Botschaften anderer Sprecher kontrolliert werden können (Levelt, 1991), und zum anderen in der Ausdifferenzierung des mentalen Lexi kons (Fischer, 2009; Schneider, 2014d). A bbildung 5: Levelt-M odell (aus: Levelt, 1991: 9) W ie in Abbildung 5 zu sehen, beginnt der Sprachproduktionsprozess im soge nannten Konzeptualisierer, wo die pragmatische und semantische Verarbeitung stattfindet und schließlich die präverbale Botschaft entsteht (Fischer, 2009). Im Formulator erfolgt anschließend die grammatische und phonologische Enkodie- 4 D ie W ebsite m it diesem Program m findet sich unter: http://langprod.cogsci.illinois.edu/cgi bin/webfit.cgi (zuletzt geprüft am 26.02.2017) 44 rung. W ährend der grammatischen Enkodierung findet der Zugriff auf die Lemmata statt, die über die jeweilige Semantik und syntaktische Struktur verfü gen (Levelt, 1991). Zunächst wird eine gesamte Lemma-Kohorte aktiviert, wo raufhin dasjenige Lemma m it der höchsten Aktivierung ausgewählt wird (Blan ken et al., 2011; Levelt, Roelofs & Meyer, 1999). Nach A bruf aller benötigten Lemmata werden diese gruppiert, sodass die sogenannte Oberflächenstruktur ent steht. Anschließend erfolgt die W ortform enkodierung, welche sich in die drei Verarbeitungsschritte lexikalisch-phonologische, postlexikalisch-phonologische und phonetische Enkodierung untergliedern lässt (Corsten, 2016). Im M odell in Ab bildung 5 ist jedoch nur die erste Stufe zu sehen. H ier findet der A bruf der W ortform en statt (Levelt, 1991), wom it Inform ationen bezüglich der jeweiligen metrischen Struktur und der Segmente zugänglich werden (Corsten, 2016). Das Ziel der postlexikalisch-phonologischen Verarbeitung besteht darin, den m etri schen Rahm en für regelmäßige W örter zu erzeugen und die einzelnen Phoneme seriell hierin einzusetzen, sodass schließlich das silbifizierte phonologische W ort entsteht. A uf der Ebene der phonetischen Enkodierung werden die artikulatorischen Gesten für die Realisierung des phonologischen W ortes produziert. Für hochfrequente Silben wird ein mentales Silbenlexikon angenommen, woraus die entsprechenden Artikulationsprogramme abgerufen werden können, wohinge gen diejenigen für niederfrequente oder unbekannte Silben einer einzelheitlichen Verarbeitung bedürfen. Das Ergebnis dieser Prozesse stellt die gestische Partitur dar, die an das artikulatorische Netzwerk weitergeleitet wird (Corsten, 2016). Sowohl das M onitoring als auch das Sprachverstehen werden über das soge nannte Sprachverständnissystem vollzogen, das über einen Zugang zum Lexikon verfügt (Levelt, 1991). Zuvor erfolgt die auditive W ahrnehm ung im akustisch phonetischen Prozessor, woraufhin in den Kom ponenten des Sprachverständnis systems die Untergliederung in einzelne M orphem e und die lexikalische Bedeu tungszuweisung vorgenommen werden. Im Kontextualisierer finden schließlich die Integration in den aktuellen Äußerungskontext und die K onnektion m it den bisherigen W issensstrukturen statt (Fischer, 2009). 3.1.4 Das Kohorten-Modell als spezifischer Erklärungsansatz für die auditive Worterkennung Das Kohorten-M odell (Marslen-Wilson, 1987; M arslen-W ilson & Welsh, 1978) bezieht sich ausschließlich auf die komplexen Abläufe der W orterkennung (Tesak, 2006) und im Spezifischen auf den Prozess des lexikalischen Zugriffs (Scha de & Barattelli, 2003). In der ersten Version des Kohorten-M odells (Marslen-W ilson & Welsh, 1978) besteht die Annahme, dass nach dem H ören der ersten zwei bis drei Pho neme eines W ortes alle W örter im Lexikon aktiviert werden, die m it diesem sen sorischen Input übereinstimmen. Top-dow n-V erbindungen spielen für die Akti vierung zunächst keine Rolle, da keinerlei Vorselektion der W ortkandidaten 45 vorgesehen ist. Sobald ein Kandidat der W ortanfangskohorte nicht m ehr m it dem sensorischen Input oder dem Kontext kongruent ist, entfernt sich dieser, sodass hier sowohl bottom -up- als auch top-down-Prozesse postuliert werden. A uf diese Weise reduziert sich die Kohorte sukzessive bis schließlich nur noch ein Kandidat verbleibt und somit das entsprechende W ort erkannt wird. Einige W örter können auch bereits endgültig erkannt werden, bevor sie vollständig ge hört wurden (Marslen-W ilson & Welsh, 1978). In der zweiten Version des Kohorten-M odells (Marslen-Wilson, 1987) wur den einige Änderungen vorgenommen: So wird nicht m ehr von einer binären Kohortenzugehörigkeit ausgegangen. Vielmehr können nun auch Kandidaten in die Kohorte aufgenommen werden, die nicht gänzlich dem sensorischen Input entsprechen. Auch spielt die W ortfrequenz eine Rolle, indem hochfrequente W örter eine höhere Aktivierung erhalten. Es wird zudem keine inhibierende Funktion des Kontexts m ehr postuliert (Marslen-Wilson, 1987). 3.2 Modellbasierte Erklärungsansätze sprachpathologischer Symptome Nachdem in Kapitel 3.1 die Sprachverarbeitung im intakten Sprachsystem erläu tert wurde, zielen die folgenden Abschnitte auf eine modelltheoretische Erklä rung einiger typischer aphasischer Fehlleistungen ab. Dabei wird exemplarisch auf Störungen des auditiven Sprachverständnisses und des W ortabrufs eingegan gen. Grundsätzlich können Fehler aufgrund von Zugriffsstörungen entstehen, z. B. bei einer U nterbrechung der Verarbeitungswege oder einer gestörten W ei terleitung der Informationseinheiten. Außerdem kann es sich um eine Störung der W issensrepräsentation handeln, indem innerhalb der einzelnen Systeme D e fizite vorliegen. W eiterhin ist zu beachten, dass dieselbe Fehlleistung aufgrund unterschiedlicher Fehlerquellen auftreten kann (Kotten, 1997). 3.2.1 Störungen des auditiven Sprachverständnisses Störungen des Sprachverständnisses können anhand des Logogen-Modells be sonders gut erläutert werden, sodass es in den folgenden Abschnitten darum ge hen wird, in welchen Verarbeitungskom ponenten dieses Modells Defizite mög lich sind. So ist bei Beeinträchtigungen der akustischen Dekodierung m it phonetisch bedingten Diskriminationsstörungen zu rechnen, die sich auch auf die weiteren Verarbeitungskomponenten auswirken können (Cholewa & Corsten, 2010). W eiterhin kann es bei Störungen in der lexikalischen Dekodierung vorkommen, dass ein nicht zum prälexikalischen Code passender Eintrag im phonologischen Input-Lexikon aktiviert wird (Cholewa & Corsten, 2010), sondern ein phonologisch ähnlicher Eintrag. Dies ist auf die Annahm e eines phonologischen W ett bewerbs zurückzuführen (Allopenna, M agnuson & Tanenhaus, 1998; Marslen- 46 W ilson & Welsh, 1978)5. In der Folge können aufgrund der Z uordnung der fehlerhaft ausgewählten lexikalischen Einträge zur korrespondierenden Repräsen tation im semantischen System Beeinträchtigungen im W ortverstehen auftreten (Cholewa & Corsten, 2010). Erwartbar ist hierbei die W ahl phonologischer Ab lenker bei W ort-Bild-Zuordnungsaufgaben (Tesak, 2006). Auch Zugriffsstörun gen auf das phonologische Input-Lexikon oder das semantische System lassen Schwierigkeiten beim Verstehen erwarten, da in diesem Fall keine Inform ations einheiten an das semantische System weitergeleitet werden können. Störungen innerhalb des semantischen Systems können Verwechslungen von Kohyponym en zur Folge haben (Kotten, 1997). W ie anhand des erweiterten Logogen-Modells in Kapitel 3.1.1 ersichtlich, können sich rezeptive Verarbeitungsschwierigkeiten z. B. auch isoliert auf polymorphematische W örter oder einen spezifischen W ortbildungstypen beziehen (Cholewa & D e Bleser, 1995). Im Levelt-Modell sind Sprachverständnisstörungen im akustisch phonetischen Prozessor oder im Sprachverständnissystem zu verorten (Levelt, 1991). 3.2.2 Störungen der verbalen Wortproduktion Störungen der verbalen W ortproduktion können sowohl anhand des Logogenals auch des W D - und SP- sowie des Levelt-Modells erklärt werden. So führen W ortfindungsstörungen typischerweise zu Äußerungsabbrüchen, langen Pausen, Suchverhalten und/oder Fehlleistungen (Tesak, 2007). Für letzt genannte bietet sich eine U nterteilung in semantische, phonematische und ge mischte Paraphasien an (H uber & Ziegler, 2000), wobei zusätzlich formale Pa raphasien und Ganzwortersetzungen ohne erkennbaren Bezug zum Zielwort dif ferenziert werden (Blanken, 2010). In den folgenden Abschnitten sollen diese unterschiedlichen Paraphasien modelltheoretisch erläutert werden: D em Logogenmodell zufolge können semantische Paraphasien entweder entstehen, wenn der Zugriff auf das semantische System, dessen Repräsentation oder die V erbindung von der Semantik zum O utput-Lexikon eine Störung auf weist (H uber et al., 2013). Denkbar ist auch, dass im phonologischen O u tpu t Lexikon ein koaktivierter semantischer Eintrag fälschlicherweise den höchsten Schwellenwert erreichte (Blanken et al., 2011). Kotten (1997) führte dazu aus, dass eine nicht suffiziente Aktivierung aller semantischer M erkmale den A bruf des Oberbegriffs nach sich ziehen kann, wohingegen der A bruf eines Kohyponyms die Folge eines minderaktivierten distinktiven Merkmals darstellen könnte. Im Levelt-Modell wiederum wird der Störungsort semantischer Paraphasien auf der Lemma-Ebene gesehen (Fischer, 2009; Levelt et al., 1999). Dahingegen wird 5 Für weiterführende Inform ationen siehe A usführungen zum K ohorten-M odell in Kapi tel 3.1.4 47 im W D -M odell ein verstärkter Aktivierungszerfall für diese Auffälligkeit verant wortlich gemacht (Abel et al., 2007b; Dell et al., 1997). W eiterhin werden im SP-M odell reduzierte Konnektionsgewichte zwischen der semantischen und le xikalischen Ebene als Störungsursache angenomm en (Abel et al., 2007a; Abel et al., 2007b). Für phonem atische Paraphasien wird in jedem M odell ein anderer Stö rungsort postuliert: So können diese dem Logogen-Modell zufolge durch eine Beeinträchtigung im phonologischen O utput-Lexikon entstehen (Glindem ann, 2006; Kotten, 1997). Im Levelt-Modell werden phonematische Paraphasien als Konsequenz einer Störung der postlexikalisch-phonologischen Ebene betrachtet (Corsten, 2016). D en konnektionistischen M odellen zufolge werden phonem atische Paraphasien durch eine reduzierte Konnektionsstärke im Netzwerk (W D- Modell) (Dell et al., 1997) oder eine Herabsetzung der Konnektionsgewichte zwischen lexikalischer und phonologischer Ebene hervorgerufen (Abel et al., 2007a; Abel et al., 2007b). Für formale Paraphasien werden sowohl im SP- als auch im W D -M odell dieselben Störungen angenomm en wie für semantische Paraphasien: In ersterem herabgesetzte Konnektionsgewichte zwischen semantischer und lexikalischer Ebene (Abel et al., 2007a; Dell et al., 1997) und in letzterem ein verstärkter Ak tivierungszerfall (Dell et al., 1997). In seriellen M odellen liegt die Störungsursa che formaler Paraphasien hingegen entweder im beeinträchtigten Zugriff auf das phonologische O utput-Lexikon (Blanken, 2010) oder direkt hierin begründet (Kotten, 1997; Schneider et al., 2014b). W eiterhin kann dem Levelt-Modell zu folge diese A rt der Paraphasien auf eine Störung in der lexikalischphonologischen Enkodierung zurückgeführt werden (Corsten, 2016; Schneider et al., 2014b). Bezüglich der gemischten Fehler geht Blanken (2010) davon aus, dass diese auf keinem spezifischen Entstehungsmechanismus beruhen und durch Zufall auftreten. Dahingegen wird dieser Fehlertyp im SP-M odell auf reduzierte Konnektionen zwischen der semantischen und lexikalischen Ebene zurückge führt (Foygel & Dell, 2000) und im W D -M odell auf einen verstärkten Aktivie rungszerfall (Dell et al., 1997). Bezüglich der Auftretenshäufigkeit besteht im Levelt-Modell die Annahme, dass gemischte Paraphasien aufgrund von M onito ringprozessen häufiger vorkom m en als semantische Paraphasien, weil zusätzlich eine formbezogene Ähnlichkeit zum Zielwort besteht (Levelt et al., 1999). Die Produktion eines zum Zielwort unrelatierten W ortes kann im W D - M odell anhand reduzierter Konnektionsstärke erklärt werden (Dell et al., 1997) und im SP-Modell basierend auf verringerten Konnektionsgewichten zwischen semantischer und lexikalischer Ebene (Abel et al., 2007a; Foygel & Dell, 2000). Blanken (2010) hingegen führt als mögliche Erklärungen aberrante oder in tersubjektiv nicht nachvollziehbare semantische Assoziationen, perseveratorische M echanismen und semantische Fehlaktivierungen an. 48 Als weiterer potenzieller Störungsort kom m t im Logogen-Modell eine parti elle Unterbrechung zwischen semantischem System und phonologischem O u t put-Lexikon in Frage. Diese kann dazu führen, dass Patienten adäquate U m schreibungen produzieren, da das semantische System intakt, jedoch ein Zugriff auf die W ortform nicht möglich ist (Kotten, 1997). Im Levelt-Modell wird die Produktion von Um schreibungen anstatt des direkten Benennens ähnlich er klärt, indem ein fehlerhafter Zugriff vom aktivierten Lemma auf das korrespon dierende Lexem angenomm en wird (Fischer, 2009). 49

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References

Zusammenfassung

Software für Kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie – passt das wirklich zusammen? Dieser Frage geht Cornelia Zeller im vorliegenden Buch nach. In diesem Buch erhalten Sie zunächst fundiertes Wissen über das Krankheitsbild und die Behandlung von Aphasien. Anschließend geht Cornelia Zeller auf die theoriebasierte Entwicklung der Applikationen für kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie (AKOPRA) ein, die an das Kommunikativ-pragmatische Screening für Patienten mit Aphasie (KOPS) angelehnt sind. Daraufhin wird die Therapiestudie dargestellt, in der das Übungsprogramm auf seine Praktikabilität hin überprüft wurde. In diesen Kapiteln werden u.a. die Ergebnisse zur Anwendbarkeit von AKOPRA sowie zur Effektivität geschildert. Von diesem Buch können in Praxis oder Klinik tätige Sprachtherapeutinnen und Sprachtherapeuten profitieren, da neben der theoretischen Fundierung viele praktische Hinweise zur Anwendung von AKOPRA gegeben werden. Darüber hinaus können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsarbeiten finden.