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9 Therapie in:

Cornelia Zeller

Softwarebasierte Aphasietherapie, page 105 - 116

Entwicklung und Erprobung des kommunikativ-pragmatischen Übungsprogramms AKOPRA

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4167-3, ISBN online: 978-3-8288-7034-5, https://doi.org/10.5771/9783828870345-105

Tectum, Baden-Baden
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9 Therapie Das übergeordnete Ziel der Aphasietherapie besteht darin, die kommunikative Handlungsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern und eine Partizipation an in dividuellen Lebensbereichen zu ermöglichen (Schütz, 2013). W elche Parameter für die Therapiegestaltung im Allgemeinen bedeutsam sind, ist im Münchener Modell (Wildegger-Lack & Reber, 2014) visualisiert, w orauf in Kapitel 9.1 am Beispiel der Aphasietherapie eingegangen wird. Im sich anschließenden Kapi tel 9.2 stehen die M ethoden der Aphasietherapie im Fokus, indem ein Überblick über das Behandlungsspektrum gegeben wird22. 9.1 Didaktik Die Therapiedidaktik bezieht sich auf die Wissenschaft des Therapierens und der hierdurch initiierten Lernprozesse (Wildegger-Lack & Reber, 2014). M ithilfe des M ünchener Modells, das von Wildegger-Lack & Reber (2014) für die Sprachtherapie modifiziert wurde und in Abbildung 9 zu sehen ist, kann der therapeutische Prozess anhand von sechs Planungsdimensionen konzipiert werden (Wildegger-Lack & Reber, 2014). 22 D a softwarebasierte Verfahren für diese Arbeit eine besondere Rolle spielen, w ird hierauf in K apitel 10 gesondert eingegangen. 105 A bbildung 9: A dap tio n des M ü n ch en er M odells für die Sprachtherapie (aus: Reber & Schönauer-Schneider, 2016: 174) Zunächst wird in Abbildung 9 deutlich, dass die individuellen Voraussetzungen der Betroffenen für die Gestaltung der Therapie eine wichtige Rolle spielen (Wildegger-Lack & Reber, 2014). W ie die Befunderhebung bei Aphasien er folgt, wurde bereits in Kapitel 8 thematisiert. Eine der sechs Planungsdimensionen stellen die Therapieziele dar. Hierfür ist es essenziell, das bereits erwähnte allgemeine Ziel der Aphasiebehandlung zu konkretisieren. D afür bietet sich beispielsweise die von Glindem ann, Pössl, Zieg ler & Goldenberg (2004) vorgestellte und an die ICF angelehnte Untergliede rung in ein Globalziel sowie Funktions- und Alltagsziele an. So bezieht sich das Globalziel auf das übergeordnete Ziel, das mithilfe der interdisziplinären Thera pien erreicht werden soll. In Abhängigkeit dieses Globalziels werden sowohl die Funktionsziele, die auf die sprachlich-kommunikativen Einzelfunktionen Bezug nehmen, als auch die Alltagsziele formuliert, die den individuellen Anwendungs kontext im Alltag fokussieren (Glindem ann et al., 2004). Für das Erreichen die ser Ziele ist die Festlegung der Therapieinhalte bedeutsam. So stehen für die Aphasietherapie verschiedene Übungsform ate zur Verfügung, wie etwa das Rei hensprechen, das Schreiben von W örtern mithilfe von Anagrammen sowie Rol lenspiele (Nobis-Bosch et al., 2013), wobei es bei der Auswahl die individuellen Alltagsziele der Betroffenen zu berücksichtigen gilt (Zeller, 2016). W eiterhin wird die therapeutische Vorgehensweise durch die Anwendung einer oder mehrerer M ethoden bestimmt. Für deren Auswahl spielen die Therapiezie le, der Schweregrad, die Symptome, die Ressourcen von Therapeut und Be troffenem und die wissenschaftlich belegte Effektivität eine Rolle. Außerdem ist auf die Anwendung erwachsenengerechter M ethoden zu achten, da diese meist 106 die beste Eignung aufweisen. D enkbar ist außerdem, dass sich Erwachsene bei einer kindzentrierten Vorgehensweise nicht ernst genom m en fühlen könnten (Zeller, 2016). U m detaillierter auf das Behandlungsspektrum eingehen zu können, werden die für die Aphasietherapie zur Verfügung stehenden M ethoden in Kapitel 9.2 gesondert thematisiert. Eine weitere Planungsdimension bezieht sich auf die Vermittlung therapeuti scher Inhalte, wofür die Sprache des Therapeuten und das eingesetzte Material relevant sind. In der Aphasietherapie finden Bild-, W ort-, Satz- und Textm ateri al sowie Tonaufnahm en, Videos und Realgegenstände Anwendung, wobei Therapeuten sowohl eigenes und individualisiertes Material erstellen und auch auf vorgefertigtes Material zurückgreifen können. Auch hier ist es wichtig, auf die Bedürfnisse Erwachsener sowie auf Attraktivität und Aktualität zu achten (Zeller, 2016). D arüber hinaus ist die Interaktion für die Therapie relevant. Beeinflusst wird diese durch die therapeutische Beziehung, das Form at des Lernens und die Form der Therapie (Wildegger-Lack & Reber, 2014). D a das aphasieauslösende Ereig nis m it den dam it einhergehenden Folgen meist einen schwerwiegenden Ein schnitt in das Leben des Betroffenen und seiner Angehörigen darstellt23 (Lutz, 2010), ist es unerlässlich, als Therapeut einen Perspektivenwechsel vorzunehmen und Verständnis für das subjektive Erleben des Betroffenen zu zeigen (W ehmey er, Grötzbach & Schneider, 2014), jedoch auch eine innere Distanz zu wahren (Büttner & Q uindel, 2013). W eiterhin findet die Behandlung von Aphasien sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting statt, wobei die Einzeltherapie überwiegt (Wehmeyer & Grötzbach, 2014b). G lindem ann et al. (2002) und Schütz (2013) beurteilen die Gruppentherapie als wichtige Therapieform, da so alltagsnahe Übungssituatio nen konstruiert werden und ein Erfahrungsaustausch möglich wird. D ennoch ist zu bedenken, dass diese Therapieform von einigen Betroffenen z. B. aufgrund von Schamgefühlen abgelehnt wird (Schütz, 2013). Bezüglich der Lernformen können in der Aphasietherapie das gemeinsame Ü ben von Betroffenem und Therapeuten (z. B. Rollenspiele), eine Anleitung zum selbständigen Ü ben (z. B. Besprechung von therapeutischen Hausaufgaben), begleitendes Ü ben (z. B. invivo-Training) und das selbständige Ü ben (z. B. therapeutische Hausaufgaben) differenziert werden. Prinzipiell ist eine Ergänzung der Therapiesitzungen durch selbständige Übungseinheiten des Betroffenen empfehlenswert, um eine Vertie fung der Inhalte und eine Erhöhung der Therapiefrequenz zu erreichen. Hierfür bietet sich besonders der Einsatz von Softwareprogrammen an (Zeller, 2016), w orauf in Kapitel 10 eingegangen wird. 23 Siehe auch Kapitel 5.1 zum Alltag m it Aphasie un d Kapitel 5 .2 zu den psychosozialen Fol gen. 107 Die letzte Planungsdimension betrifft die Organisation. So findet die Versorgung von M enschen m it akuten Aphasien in der Regel im neurologischen Akutkran kenhaus statt, wo es häufig Stroke Units gibt, die auf die Behandlung von M en schen m it akuten Schlaganfällen spezialisiert sind (H uber et al., 2013; Steiner, 2003). Daraufhin erfolgt die Anschlussheilbehandlung in einer Rehabilitations klinik. Nach deren Abschluss findet eine ambulante W eiterbehandlung statt, die sich über Jahre erstrecken kann (H uber et al., 2013). Es lässt sich zusammenfassen, dass das M ünchener M odell viele Möglichkeiten demonstriert, das didaktische Vorgehen an die individuellen Bedürfnisse des ein zelnen Betroffenen anzupassen, um so eine Verbesserung der Teilhabe an ge wünschten Lebensbereichen zu erzielen (Zeller, 2016). 9.2 Behandlungsmethoden Aphasien werden hauptsächlich m it dem Heilm ittel Sprachtherapie behandelt, wobei auch eine begleitende medikamentöse Behandlung und transkranielle Gleichstromstim ulationen imm er wieder diskutiert werden. So liegen Evidenzen für eine positive Beeinflussung der sprachtherapeutischen Behandlung in der chronischen Phase durch die Gabe der Wirkstoffe Donezepil und M emantin vor und erste Proof-of-Principle-Studien weisen darauf hin, dass die Lernleistung durch anodale transkranielle Gleichstromstimulation verbessert werden kann24 (Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 2012). Auf grund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit wird im Folgenden ausschließlich auf die M ethoden des Heilmittels Sprachtherapie eingegangen. Diese können gemäß ihrer Phasenspezifik, der Z uordnung zu den einzelnen IC F-K om ponenten oder ihrer Zielsetzung untergliedert werden. So orientiert sich die phasenspezifische Einteilung an den klinischen Rück bildungsphasen (H uber et al., 2013) (siehe Kapitel 2.3) und differenziert zwi schen Aktivierung, störungsspezifischem Üben und Konsolidierung (H uber & Zieg ler, 2009). In der Aktivierungsphase konzentrieren sich die Therapieinhalte auf Stimulierungs- und Deblockierungsübungen und bei überschießendem sprachli chen Verhalten auch auf dessen H em m ung (Glindem ann, 2006; H uber & Zieg ler, 2009). In der sich anschließenden störungsspezifischen Übungsphase rückt hingegen die M odifikation des sprachlich-kommunikativen Störungsbildes in den Vordergrund, während in der Konsolidierungsphase die Adaptation an die verbliebenen Symptome das allgemeine Therapieziel darstellt. Anzumerken ist jedoch, dass diese Phaseneinteilung nicht m ehr als strikt anzusehen ist und vor allem eine Kopplung von sprachlichen Fähigkeiten und ihrem funktionalen G e 24 W eiterführende Inform ationen un d Literaturhinweise zur m edikam entösen Behandlung und transkraniellen G leichstrom stim ulation finden sich beispielsweise in den Leitlinien der D G N D eutsche Gesellschaft für Neurologie (2012) und bei Nobis-Bosch et al. (2013). 108 brauch im Alltag bereits in der störungsspezifischen Übungsphase essenziell ist (vgl. Kapitel 7.1 zur ICF) (Glindem ann, 2006). Für diese Arbeit wurde eine Untergliederung nach den unterschiedlichen Zielsetzungen gewählt, sodass in den folgenden Unterkapiteln stimulierende, sprachsystematische, kommunikativ-pragmatische, verhaltensorientierte sowie kom binierte Verfahren, die Angehörigenarbeit und die Selbsthilfe unterschieden wer den. Dabei ist zu beachten, dass sich einzelne Therapieverfahren je nach Betrach tungsweise nicht nur einem, sondern auch mehreren Ansätzen zuordnen lassen. Analog zur Vorstellung der Diagnostika in Kapitel 8 erfolgt auch hier eine Fokussierung auf kommunikativ-pragmatische M ethoden und auf diejenigen Verfahren, die für die Entwicklung von AKOPRA eine besondere Rolle spielten. 9.2.1 Stim ulierenderAnsatz Das Ziel der stimulierenden Therapie besteht in der Reaktivierung der noch vorhandenen sprachlichen Verarbeitungsmechanismen (Glindem ann, 2006), wobei dies ohne Anregung bewusster Lernprozesse geschieht (Grande & H ußm ann, 2016) und keine Fokussierung auf gestörte Verarbeitungsleistungen er folgt (Schneider, 2014k). Hierzu werden häufig Verfahren der multim odalen Stimulation genutzt (Glindem ann, 2006), wie beispielsweise die Modalitätenak tivierung (M ODAK) (Lutz, 2009). M ithilfe von M O D A K wird die Aktivierung verschiedener sprachlicher Leistungen angestrebt, wie etwa das Sprachverstehen, das Referieren auf Objekte und das Führen eines Dialogs (Lutz, 2010). M ithilfe aktivierender M ethoden kann die Basis für weitere Interaktionen gelegt werden, wobei zu bedenken ist, dass die erzielten Effekte meist nur kurzfristig sind und häufig kein Transfer in die alltägliche Kom m unikation stattfindet (Schütz, 2013). 9.2.2 Sprachsystem atischer und modellorientierter Ansatz D er sprachsystematische Ansatz orientiert sich an den sprachlichen Ebenen Pho nologie, Semantik, Morphologie, Syntax und Text (Schütz, 2013). Das Ziel besteht darin, die Symptome so weit wie möglich zu modifizieren (Glindem ann, 2006) und semantisch, phonologisch sowie morphosyntaktisch korrekte Äußerungen der Betroffenen zu erreichen (Schneider, 2014k). Modellbasierte Ansätze beziehen sich hingegen auf die Behandlung beein trächtigter Verarbeitungsprozesse, welche zuvor mithilfe modellbasierter Diagnostika identifiziert werden. Somit erfolgt bei diesen Therapieansätzen eine Fo kussierung auf das dem Oberflächensymptom zugrundeliegende Defizit (Schneider, 2014k). Gemeinsam ist beiden Behandlungsrichtungen, dass die Alltagsbedingungen, welche die Basis für komm unikative H andlungen darstellen, vorübergehend aus geblendet werden (G lindem ann & Springer, 1989). 109 Ein Beispiel für den sprachsystematischen Ansatz stellt die Semantische Merkmalsanalyse dar, die von Boyle & Coelho (1995) entwickelt wurde. M it die ser M ethode wird das Benennen von O bjekten trainiert, indem dem Betroffenen O bjektkarten präsentiert werden und seine Aufgabe darin besteht, das O bjekt zu benennen und entsprechende semantische M erkmale zu nennen, die anschlie ßend schriftlich fixiert werden (Boyle & Coelho, 1995). D er Vorteil der Seman tischen Merkmalsanalyse liegt darin, dass hierfür verschiedene Effektivitätsnach weise vorliegen (z. B. Coelho, M cH ugh & Boyle, 2000; Falconer & Antonucci, 2012). Die kognitiv orientierte Sprachtherapie von Stadie & Schröder (2009) stellt einen Vertreter des modellbasierten Ansatzes dar und beruht auf den A nnahm en des Logogenmodells (Schneider, 2014k). Dabei handelt es sich um ein hypothe sengeleitetes Vorgehen für die Behandlung spezifischer W ortverarbeitungsstö rungen, das empirisch erprobte Therapiem ethoden sowie nach neuro- und psycholinguistischen Parametern kontrolliertes Therapiematerial umfasst (Stadie & Schröder, 2009). Kritisch anzumerken ist, dass sowohl in der sprachsystematischen als auch in der modellorientierten Therapie eine starke Fokussierung auf die vorliegende Stö rung erfolgt und die Kommunikationsbedürfnisse des Betroffenen eher wenig Beachtung finden (Schütz, 2013). H inzu kom m t, dass häufig kein Transfer der Therapieinhalte in den Alltag erreicht wird (G lindem ann & Springer, 1989; Schneider, 2014k). Das kann beispielsweise daraus resultieren, dass es Betroffe nen häufig nicht gelingt, ihre potenziellen Fähigkeiten auch in komplexen All tagssituationen zu nutzen (Glindem ann, 2006). 9.2.3 Kommunikativ-pragmatischer Ansatz D er kommunikativ-pragmatische Ansatz zielt auf die komm unikativen Fähigkei ten von M enschen m it Aphasie ab (W inkelm ann, 2000; Schneider, 2014j). Es sollen sowohl die verbliebenen als auch die reaktivierbaren verbalen und nonver balen Fähigkeiten für die Bewältigung komm unikativer Alltagshandlungen ge nutzt werden, dam it die Betroffenen wieder so selbständig wie möglich kom m u nikativ handeln können (G lindem ann et al., 2002) sowie eine Verbesserung der Teilhabe an der Gesellschaft und der Lebensqualität erreichen (Schneider, 2014j). Die Intervention orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen und an deren Alltag. Außerdem stellt K om m unikation nicht nur das Ziel, sondern auch den Inhalt der Therapie dar (Schütz, 2013). Im Folgenden sollen nun verschiedene Therapieverfahren dieses Ansatzes exemplarisch aufgeführt werden: Das wohl bekannteste Verfahren stellt Promoting Aphasics' Communicative Effectiveness (PACE) dar (W inkelmann, 2000), das von Davis & Wilcox (1985) entwickelt wurde und an die natürliche K om m unikation angelehnt ist (Glinde- 110 m ann & Springer, 1989). N ach den PACE-Prinzipien agieren die betroffene Per son und der Therapeut als gleichberechtigte Komm unikationspartner, die alter nierend die Rolle des Senders und des Empfängers übernehm en und neue In form ationen austauschen. Die Aufgabe des Senders ist es jeweils, den für den Empfänger nicht sichtbaren Inhalt einer Bildkarte zu verm itteln (Davis, 2005). Ein weiteres Prinzip besagt, dass Inform ationen mithilfe aller zur Verfügung ste hender Kommunikationskanäle überm ittelt werden dürfen (Davis, 2005), sodass spontane Kompensationsversuche stim uliert (Bauer, Berning-Hiel, Eith, Hanke, H ipp, Kaiser, M ache & Schumacher, 1991) und komm unikative Strategien ge übt werden können (Steiner, 1991). Das vierte Prinzip bezieht sich auf die N a türlichkeit des Feedbacks. Das heißt, der Therapeut gibt keine Rückmeldung bezüglich der Korrektheit oder dem Vorhandensein von Fehlern, sondern signa lisiert lediglich, ob er die M itteilung des Betroffenen verstanden hat. W ährend der Therapeut die Rolle des Senders übernim m t, soll er jenes komm unikative Verhalten modellieren, das die Kom m unikation des Betroffenen effektiver machen könnte (Davis, 2005). G lindem ann & Springer (1989) merk ten hierzu jedoch kritisch an, dass dieses M odellverhalten nicht ausreichen könn te, um die Anwendung von Strategien erfolgreich zu vermitteln. W eitere Kritik bezieht sich auf die mangelnde Eignung von PACE für störungsspezifisches Ü ben (Bauer et al., 1991; G lindem ann & Springer, 1989). Hierzu schafften G lindem ann & Springer (1989) Abhilfe, indem sie Vorschläge zur Verknüpfung von PACE m it sprachsystematischen Ü bungen entwickelten, sodass es sich folg lich um einen kom binierten Ansatz handelt (siehe Kapitel 9.2.4). Ein weiteres Verfahren stellt die Reduzierte Syntax-Therapie (REST) von Schlenck, Schlenck & Springer (1995) dar, die für Betroffene m it schwerem Ag rammatismus konzipiert wurde (Schlenck et al., 1995). Das Ziel dieses Ansatzes besteht darin, in Alltagsgesprächen eine höhere Anzahl an Inhalten zu verm it teln, und zwar unabhängig von grammatikalischer Korrektheit (Schlenck et al., 1995). R E ST besteht aus fünf aufeinander aufbauenden Therapiephasen (Schlenck et al., 1995), wobei die Anzahl der Satzkonstituenten systematisch er höht wird (Springer, Huber, Schlenck & Schlenck, 2000). D a die in R E ST erar beiteten Strukturen nicht den sprachlichen N orm en entsprechen, ist die Akzep tanz des Betroffenen selbst und der Angehörigen bezüglich der elliptischen Aus drucksweise bedeutsam (Schlenck et al., 1995) und eine wesentliche Vorausset zung für den Alltagstransfer (Schütz, 2013). Eine Therapiestudie zeigte, dass durch R E ST bei nahezu allen Probanden ei ne Steigerung der Äußerungslänge erreicht werden konnte und diese Verbesse rung bei drei von vier Studienteilnehm ern auch nach Beendigung der Therapie stabil blieb (Springer et al., 2000). Ähnliche Resultate ergab auch die Studie von Ruiter, Kolk & Rietveld (2010), wobei eine modifizierte Version von R E ST er 111 probt wurde, die aufgrund von zehn statt fünf Therapiestufen ein kleinschrittigeres Vorgehen ermöglicht (Ruiter et al., 2010). Eine weitere O ption stellt die Skripttherapie dar, die darauf abzielt, dass Aphasiepatienten wieder M onologe und Dialoge in natürlichen Konversationssi tuationen führen können. Hierfür wird das gewünschte Skript verschriftlicht, woraufhin ein massiertes Ü ben erfolgt, das teilweise auch m it spezifischen Com puterprogram m en durch geführt wird (Cherney, Halper, Holland & Cole, 2008). Die W irksamkeit von Skripttherapien wurde anhand von Einzelfallstudien nachgewiesen (z. B. Cherney et al., 2008; Youmans, Holland, M unoz & Bourgeois, 2005). Als mög liche Schwierigkeit ist anzuführen, dass die Alltagskommunikation im m er wieder eine M odifikation der eingeübten Skripts erforderlich macht, was für Betroffene schwer umsetzbar sein kann (Schütz, 2013). Eine M ethode, die explizit auf den außerhäuslichen Alltag Bezug nim m t, stellt die Alltagsorientierte Therapie (AOT) (Götze & Höfer, 1999) dar. Diese sieht vor, dass ein interdisziplinäres Therapeutenteam gemeinsam m it einer klei nen G ruppe von Betroffenen einmal wöchentlich die Rehabilitationsklinik ver lässt, um an individuellen Alltagszielen zu arbeiten (Götze, 1999a). Diese kön nen sich beispielsweise auf das Einkaufen an einem Kiosk, das Lesen eines Fahr plans oder das Einholen von Inform ationen erstrecken (Schütz, 2013) und soll ten ebenfalls Inhalt der klinischen Therapie sein (Götze, 1999a). Übergeordnetes Ziel der A O T besteht in der Erleichterung des Übergangs von der Klinik in den individuellen Alltag (Götze, 1999a). Somit handelt es sich bei der A O T um ein Training, das sich direkt auf die Bewältigung des Alltags bezieht. Es gilt jedoch zu bedenken, dass die A O T bei instabilem medizinischen Allgemeinzustand der Betroffenen nicht in Frage kom m t (Schütz, 2013), die rechtliche Absicherung abzuklären ist (Götze, 1999b) und ein hoher Zeit- und Personalaufwand erfor derlich sind (Schütz, 2013). W eitere kommunikativ-pragmatische Verfahren stellen beispielsweise die Kon text-sensitive Aphasietherapie (Grötzbach, 2008) sowie das auf der ICF basierende AphasiePartizipationsTraining (APT) (Grönke & Mebus, 2011) dar, die jedoch im Rahm en dieser Arbeit nicht näher erläutert werden können. Darüber hinaus zählen auch Gesten- und Zeichentrainings zu diesem Ansatz, w orauf bereits in den Kapiteln 6.1.2 und 6.2.2 eingegangen wurde. 9.2.4 Kombinierter Ansatz Kombinierte Ansätze integrieren sowohl sprachsystematische als auch kom m u nikativ-pragmatische Übungen, um spezifisch auf die Bedürfnisse des Betroffe nen eingehen zu können (Schneider, 2014i). 112 Ein solches Vorgehen ist gut m it der ICF (siehe Kapitel 7.1) vereinbar, wo rin gefordert wird, dass weniger der Symptomabbau im Fokus der Therapie steht, sondern vielmehr das Erreichen persönlicher teilhabeorientierter Ziele (Grötzbach, 2004). Ein Beispiel für ein derartiges Vorgehen stellt der Situative Ansatz (Storch & W eng, 2010a/b) dar, der auf der Skript- und Situationstheorie (siehe Kapitel 4.3 und 4.4) basiert. Alle Ü bungen beziehen sich zur Herstellung eines Anwendungsbezugs und zur Verknüpfung m it bisherigen W issensstruktu ren auf spezifische Situationen. Eingeführt werden die Situationen jeweils m it einem Situationsbild, wodurch das mentale Situationsschema aktiviert wird. H ierauf basieren sowohl die sprachsystematischen als auch die kom m unikativ pragmatischen Übungen, die in Abhängigkeit des alltagsorientierten Therapie ziels und der defizitären Teilleistungen ausgewählt werden (Storch & W eng, 2010b). Positiv ist bezüglich des situativen Ansatzes zu vermerken, dass dieser über einen hohen Alltagsbezug (Schütz, 2013) und einen fundierten theoretischen H intergrund verfügt, wobei bislang keine W irksamkeitsstudien vorliegen (Schütz, 2013). W eitere Verfahren dieses Ansatzes stellen die Alltagsrelevante Aphasietherapie (Coopmans, 2007) und das Komm unikationsorientierte W ortschatz- und H andlungstraining zur Verbesserung der Partizipationsmöglichkeiten bei Apha sie (KW HT) (Zeller, 2012; Zeller, 2014; Zeller & Glindem ann, 2015) dar. 9.2.5 Verhaltensorientierter Ansatz Im Rahmen verhaltensorientierter Ansätze wird die Sprachstörung als problema tisches Verhalten betrachtet, das erlernt wurde und mithilfe von Lern- und Ver haltensmechanismen modifiziert werden soll (Schneider, 2014j). So handelt es sich bei der Constraint-Induced Aphasia Therapy (CIAT) (Pulvermüller, Neininger, Elbert, M ohr, Rockstroh, Koebbel & Taub, 2001) um einen Vertreter dieser Therapierichtung (Schneider, 2014j), der bereits in verschiedenen Therapiestu dien untersucht wurde (Schütz, 2013). C IA T ist an die Constraint-Induced M o vement Therapy (CIM T) (Taub, Uswatte & Pidikiti, 1999) angelehnt und basiert auf der Annahme, dass durch intensives Ü ben geschädigter Funktionen eine Verbesserung zu erreichen ist, während die Anwendung von Kompensationsstra tegien verhindert werden soll (Taub et al., 1999). Bezogen auf die Aphasietherapie bedeutet dies die ausschließliche N utzung verbaler Kommunikationskanäle, wohingegen der Einsatz von Gesten und Zeichnungen unterbunden wird. W eiterhin ist eine zehntägige Gruppenthera piephase m it mindestens drei Sitzungen täglich vorgesehen, wobei im Rahmen eines Kartenspiels spezifische Karten von den M itspielern zu erfragen sind (Pul vermüller et al., 2001). W ird jedoch die fazilitierende W irkung von Gesten (siehe Kapitel 6.1.2) in Betracht gezogen (Schneider, 2014j), stellt sich die Frage, ob die Reduktion der 113 Kom m unikation auf den verbalen Kanal sinnvoll ist (Schütz, 2013). Darüber hinaus ist bislang ungeklärt, ob die nachgewiesene Effektivität nicht vor allem auf die hohe Therapieintensität zurückzuführen ist (Schütz, 2013). 9.2.6 Angehörigenarbeit Die Angehörigenarbeit stellt in der Klinik und der am bulanten Praxis einen wichtigen Pfeiler der Therapie dar (Gesellschaft für Aphasieforschung und behandlung und Deutsche Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinische Neuropsychologie, 2000; H uber & Ziegler, 2009). Hierfür ist das Einverständ nis des Betroffenen eine grundlegende Voraussetzung (Schütz, 2013). D urch die Angehörigenarbeit können die Folgen der Aphasie, die bereits in Kapitel 5 erläu tert wurden, sowohl für den Betroffenen als auch für das Umfeld verringert wer den (Tesak, 2007). W eiterhin können die Um gebungsbedingungen verbessert (de Langen-Müller, 2015) und ein Transfer der in der Therapie erarbeiteten Fä higkeiten in den Alltag unterstützt werden (Schütz, 2009). Mögliche übergeordnete Bereiche für die Angehörigenarbeit stellen die Bera tung, die Anamnese und Diagnostik sowie die Therapie dar (Schütz, 2009). Für die Beratung bieten sich Einzel- und Gruppensitzungen an (Schütz, 2009), wobei die Themenfelder Vermittlung von Basiswissen über Aphasie, Strate gien und Kommunikationstherapie fü r Angehörige und psychosoziale Hilfestellungen differenziert werden können (Tesak, 2007). W eiterhin ist es möglich, Angehöri ge in unterschiedlichem Umfang in die Behandlung einzubeziehen. Hierfür bie ten sich u. a. Hospitationen an (Schütz, 2009) oder spezifische Kom m unikati onstrainings für Betroffene und ihre Angehörigen (de Langen-Müller, 2015), wie etwa die Kommunikationstherapie m it Aphasikern und Angehörigen (Bongartz, 1998). Für M öglichkeiten, Angehörige in den Anamnese- und Diagnostikprozess einzubinden, siehe Kapitel 825. 9.2.7 Die Rolle des Aphasieverbandes und der Selbsthilfe D er Bundesverband fü r die Rehabilitation der Aphasiker e.V. (BRA) ist ein Selbst hilfeverband, der sich für die Rehabilitation von M enschen m it Aphasie einsetzt und hauptsächlich von Betroffenen und deren Angehörigen organisiert wird. Zum BRA gehören Landesverbände, Aphasiezentren und Selbsthilfegruppen. Die Landesverbände sind u. a. für die Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, die U nterstützung und den Aufbau von Selbsthilfegruppen sowie für Freizeitan gebote verantwortlich, während die Aphasiezentren bei der Koordination von Rehabilitationsm aßnahm en U nterstützung anbieten. W eiterhin informieren Selbsthilfegruppen über medizinische und soziale Hilfen und es finden regelmä ßige Gruppentreffen statt (Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker 25 W eitere Inform ationen zur Angehörigenarbeit finden sich beispielsweise in de Langen- M üller (2015) und Schütz (2013). 114 e.V., 2017). Diese bieten Betroffenen und ihren Angehörigen die Chance, sich über die Aphasie und ihre Folgen auszutauschen (Schütz, 2013). Außerdem können Betroffene so erfahren, dass sie trotz reduzierter sprachlicher Fähigkeiten komm unikative Ziele erreichen können (H uber & Ziegler, 2009). Abschließend ist anzuführen, dass durch die Teilnahm e an Selbsthilfetreffen einer sozialen Isolation (siehe Kapitel 5.2) entgegengewirkt werden kann (Schneider et al., 2014b). 115

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References

Zusammenfassung

Software für Kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie – passt das wirklich zusammen? Dieser Frage geht Cornelia Zeller im vorliegenden Buch nach. In diesem Buch erhalten Sie zunächst fundiertes Wissen über das Krankheitsbild und die Behandlung von Aphasien. Anschließend geht Cornelia Zeller auf die theoriebasierte Entwicklung der Applikationen für kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie (AKOPRA) ein, die an das Kommunikativ-pragmatische Screening für Patienten mit Aphasie (KOPS) angelehnt sind. Daraufhin wird die Therapiestudie dargestellt, in der das Übungsprogramm auf seine Praktikabilität hin überprüft wurde. In diesen Kapiteln werden u.a. die Ergebnisse zur Anwendbarkeit von AKOPRA sowie zur Effektivität geschildert. Von diesem Buch können in Praxis oder Klinik tätige Sprachtherapeutinnen und Sprachtherapeuten profitieren, da neben der theoretischen Fundierung viele praktische Hinweise zur Anwendung von AKOPRA gegeben werden. Darüber hinaus können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsarbeiten finden.