Content

Johannes-Paul Kögler

Ehre als tragbares Zeichen

Zur politischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen am Beispiel des Königreichs Hannover 1814-1866

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4165-9, ISBN online: 978-3-8288-7030-7, https://doi.org/10.5771/9783828870307

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG Reihe Geschichtswissenschaft WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG Reihe Geschichtswissenschaft Band 36 Johannes-Paul Kögler Ehre als tragbares Zeichen Zur politischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen am Beispiel des Königreichs Hannover 1814–1866 Tectum Verlag Johannes-Paul Kögler Ehre als tragbares Zeichen. Zur politischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen am Beispiel des Königreichs Hannover 1814–1866 Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Reihe: Geschichtswissenschaft; Bd. 36 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 Zugl. Diss. Helmut-Schmidt-Universität Hamburg 2018 E-PDF: 978-3-8288-7030-7 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4165-9 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1861-7468 Umschlagabbildung: Historisches Museum Hannover Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Für Johann und Klara Ein Mann, der mit fünfunddreißig stirbt ist auf jedem Punkt seines Lebens ein Mann, der mit fünfunddreißig stirbt. Das ist das, was Goethe die Entelechie nannte. Hugo von Hofmannsthal VII Inhaltsverzeichnis Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .I. 1 Forschungsstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 6 Die Geschichte der Ehre als Teil der Emotionsforschung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.1. 6 Orden und Ehrenzeichen im 19. Jahrhundert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.2. 9 Methodische Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 12 Umfang und Einordnung der Quellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 18 Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . II. 23 Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 24 Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. . . . . . . . .2. 34 Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 48 Auszeichnungen in der Moderne. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 65 Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .III. 73 Die Kultur der Ehre im 19. Jahrhundert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 74 Ehre als symbolische Praktik – Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 79 Zur Rolle militärischer Konflikte für das Auszeichnungswesen in den deutschen Staaten am Beispiel der Befreiungskriege. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. 85 Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. 91 Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV. 109 „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover als Spiegel der Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. 110 Bürokratie und Abwicklung. Die Aufgaben der General-Ordens-Kommission . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 154 Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 161 IX Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo- Medaille. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. 171 Ehre oder Pension? Die Guelphen-Ordens-Medaille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5. 182 Dienst und Erinnerung. Die militärischen Dienstehrenzeichen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6. 189 Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. . . . . . . . . . . .7. 193 Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8. 205 Die Rolle der Frau im Auszeichnungssystem Hannovers. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9. 212 Die Erinnerung an das Königreich Hannover in preußischen Auszeichnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10. 218 Zusammenfassende Betrachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .V. 223 Orden und Ehrenzeichen als Herrschaftsinstrument . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 224 Orden und Ehrenzeichen im gesellschaftlichen Ranggefüge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 226 Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen als emotionales Ereignis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 228 Anlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Tabellarische Übersicht über die Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 Bibliographieverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 Inhaltsverzeichnis X Einleitung. Der Essayist und Dichter Hans-Magnus Enzensberger schreibt in seiner 1991 erschienenen Glosse Die Vorzüge der Peinlichkeit über die öffentliche Wahrnehmung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland: „Ich bedaure sagen zu müssen, daß die höchste Anerkennung, welche die Bundesrepublik Deutschland für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht, ein Phantom ist. Handgreifliche Beweise für ihre Existenz habe ich nicht.“1 Er zeichnet im Weiteren ein Bild einer deutschen Öffentlichkeit, welche mit überwiegendem Desinteresse den tragbaren Auszeichnungen, die der Bundespräsident verleiht, gegenübersteht. Von „Dekorationsscham“ in der hiesigen politischen Kultur ist außerdem die Rede. Dieser führe dazu, dass „ganze Berge von Verdienstkreuzen in Kommoden, Nachttischschubladen und Hausapotheken“ verstauben, „weil sich ihre Inhaber offenbar lieber im Pyjama als im Glanz ihres Ordens sehen ließen.“2 Doch woraus begründet sich diese doch vornehme Zurückhaltung bei der Zurschaustellung, sprich des Tragens von Orden, die der Autor vor allem den Intellektuellen zuschreibt? Handelt es sich etwa um ein deutsches Phänomen, und welche Entwicklung ging dem voraus? Theodor Fontane, der wie Enzensberger ein begnadeter Beobachter seiner Zeit war, schrieb im Jahre 1889 an seinen Freund Georg Friedländer über den damaligen Stellenwert von Orden in der deutschen Öffentlichkeit: „Angesichts der Thatsache aber, daß man in Deutschland und speziell in Preußen nur dann etwas gilt, wenn man ‚staatlich approbirt‘ ist, hat solch Orden einen wirklichen praktischen Wert: man wird respektvoller angekuckt und besser behandelt. Und so sei denn Goßler gesegnet, der mich ‚eingereicht‘ hat.“3 Noch erstaunlicher wirkt diese Einschätzung des Romanciers, wenn man bedenkt, wie seine innere Einstellung gegenüber solchen äußeren Zeichen war: „...so bedeutete mir solche Auszeichnung, mit der ich mich übrigens kaum je vor der Welt herumzieren werde, so gut wie nichts.“4 Und tatsächlich sucht man vergebens ein Portrait des Schriftstellers mit auch nur einem seiner vielen ihm verliehenen Orden5 im Knopfloch. Selbst zu feierlichen An- I. 1 Enzensberger, Hans Magnus: Mittelmaß und Wahn – Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main 1991. S. 221. 2 Ebd., S. 224. 3 Schreinert, Kurt (Hrsg.): Theodor Fontane, Briefe an Georg Friedländer. Heidelberg 1954. S. 102. 4 Ebd. 5 Fontane war Träger des Großherzoglich-Mecklenburgischen Hausordens der Wendischen Krone, des Königlich-Preußischen Kronenordens und des Königlichen Hausordens von Hohenzollern. Siehe da- 1 lässen in Abendgarderobe trug er keinerlei Dekoration, was seinem damaligen Umfeld auffällig erschien.6 Dennoch zeigte er sich in dem Brief an Friedländer dankbar für die Auszeichnung und beschreibt die Inhaberschaft derselben als gesellschaftlich geradezu als notwendig. Dieser extreme Gegensatz zur heutigen Zeit, in der Orden und Ehrenzeichen keinesfalls mehr notwendig sind, um respektvoll oder besser behandelt zu werden oder Voraussetzung sind, um sich in besser gestellten gesellschaftlichen Kreisen zu bewegen, wirft die Frage auf, warum dies im 19. Jahrhundert anders war. Unter dem Begriff Orden versteht man heutzutage eine tragbare Auszeichnung, die vom Staat unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialer Stellung für erbrachte Verdienste um das Allgemeinwohl verliehen wird. Der Umstand, dass der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland der breiten Masse der Bevölkerung offen steht und dass kaum noch zwischen den Kategorien Orden und Ehrenzeichen unterschieden wird, ist das Ergebnis einer langjährigen gesellschaftlichen Emanzipation, die sich auch auf das Auszeichnungswesen übertragen hat. Im 19. Jahrhundert, als sich das staatliche Belohnungssystem in Form von Orden und Ehrenzeichen entwickelte, wurden sehr strenge Maßstäbe angelegt, was den Zugang zu diesen betraf. Winfried Speitkamp sieht den Grund dafür in einer etablierten symbolischen Praktik, bei der Ehre in Form von visuellen Merkzeichen verliehen wurde.7 Der Verleihung einer Auszeichnung ging also ein gemeinsames Verständnis von Ehre voraus und die Vorstellung darüber, dass der Souverän als Stifter von Orden und Ehrenzeichen darüber entscheiden konnte, wem diese Ehre letztlich zuteil wurde. Doch woraus entwickelte sich diese Vorstellung im Zuge des Übergangs von der ständischen auf die nationale bzw. bürgerliche Ehre im 19. Jahrhundert? Welchen Zweck verfolgte der Verleihende mit der Vergabe tragbarer Auszeichnungen und welche Vorteile versprachen sie dem Beliehenen? Welche Rolle spielte dabei am Ende der Verdienst? War Ehre ein zuteilbares Allgemeingut? Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern Orden und Ehrenzeichen im 19. Jahrhundert als Bestandteil einer Kultur der Ehre fungierten, die nach damaligem Verständnis weit über eine individuelle Wahrnehmung hinausging und als Regulativ zwischen und innerhalb gesellschaftlicher Gruppen diente. Dabei kommt insbesondere auch dem Aspekt der Ausübung und Sicherung von Herrschaft eine besondere Bedeutung zu, die eine wesentliche Motivation für die Stiftung und Verleihung von Orden und Ehrenzeichen darstellte. Ziel der Arbeit ist es daher, unter Zuhilfenahme der Phaleristik (Ordenskunde) als Historische Hilfswissenschaft, sozialwissenschaftlicher Theorien, den politischen Rahmenbedingungen des 19. Jahrhunderts und kulturhistorischer Thesen, Erkenntnisse über die Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, die Handhabung bei deren Verleihung und die innere zu: http://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/berlin-abc/stichwortehn/603-lessingdenkma l.html (Stand: 11.06.2015). 6 http://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/berlin-abc/stichwortehn/603-lessingdenkmal.ht ml (Stand: 11.06.2015). 7 Vgl. Speitkamp, Winfried: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord – Eine Geschichte der Ehre. Stuttgart 2010. S. 145. I. Einleitung. 2 Haltung ihrer Träger zu diesen Symbolen zu sammeln, um so eine verdichtetes Bild über die Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu zeichnen. Das 19. Jahrhundert steht aus verschiedenen Gründen im Fokus der vorliegenden Arbeit. Zum einen ist es aus phaleristischer Sicht von herausragender Bedeutung, da sich erst in jenem Jahrhundert in Mitteleuropa ein umfassendes System an tragbaren Auszeichnungen entwickelt hat. Zwar verliehen am Ende des 18. Jahrhunderts etliche deutsche Souveräne Haus- und Verdienstorden, allerdings nur an einen sehr begrenzten Personenkreis. Die Stiftung und Verleihung von Ehrenzeichen an weniger privilegierte Teile der Bevölkerung war um 1800 eine große Ausnahme. Lediglich Preußen, Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Schwerin, Baden und einige Freie Städte, wie etwa Augsburg und Frankfurt, verliehen Verdienstmedaillen oder –kreuze für Militär-, bzw. Zivilverdienst an ihre Untertanen. Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, das später im Königreich Hannover aufging, verlieh dagegen gar keine Orden und Ehrenzeichen. Die Kurfürsten griffen lediglich in ihrer Eigenschaft als Könige von Großbritannien auf britische Orden und Ehrenzeichen zurück. Knapp 100 Jahre später verfügten die deutschen Staaten über ein sehr komplexes System von tragbaren und nichttragbaren Auszeichnungen, fein ausdifferenziert nach Art des Verdienstes, gesellschaftlichem oder militärischem Rang, Dienststellung, Geschlecht oder sogar Religion des Beliehenen8. Tapferkeits- und Verdienstmedaillen wurden verliehen, Dienstehrenzeichen für Militärs, Dienstboten und Hebammen, Rettungsmedaillen, Erinnerungskreuze für mitgemachte Feldzüge oder sogar Auszeichnungen für Verdienste im Kriegervereinswesen. Die Tendenz ging zu einer immer größeren Vielfalt an Ehrenzeichen mit Höhepunkt gen Ende des Kaiserreiches, wobei sich viele deutsche Souveräne bei der Stiftung von Auszeichnungen gegenseitig inspirierten. Dieses Phänomen war vor allem zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu beobachten, als die Erneuerung des Eisernen Kreuzes durch Wilhelm II. andere Fürsten dazu animierte, eigene Tapferkeitsauszeichnungen für ihre Kontingente zu stiften oder zu erneuern. Auch die Relevanz des Ehrbegriffs, der mit dem Verständnis des äußeren Zeichens als Zeichen der Ehre einhergeht, spricht für eine Bevorzugung des 19. Jahrhunderts gegenüber dem vorherigen oder folgenden Jahrhundert. Dies trifft in besonderem Maße auf den Paradigmenwechsel zu, den einige Historiker der fortschreitenden Entwicklung der Gesetzgebung in dieser Hinsicht zuschreiben. Demnach wird die Ehre durch den Staat konstituiert oder zumindest geschützt.9 Die Konzeption des Ehrenzeichens, bzw. Verdienstordens als staatlich reglementierte Belohnung für Untertanen fällt somit genau in diesen Paradigmenwechsel. In das 19. Jahrhundert fällt schließlich auch in Gänze die Geschichte des Königreichs Hannover, dessen Gründung und Untergang durch zwei bedeutende militäri- 8 Gemeint ist in diesem Fall eine Sonderform für Nichtchristen des Roter-Adlerordens, bei der für Juden und Moslems das Kreuz im Ordenszeichen durch einen Stern ersetzt wurde. Diese Form wurde 1851 eingeführt und kam nur wenige Jahre zur Verleihung. Siehe dazu: http://www.medalnet.net/Nichtchris ten_Roter_Adler.htm (Stand 16.06.2015). 9 Vgl. Speitkamp: Geschichte der Ehre, S. 120. I. Einleitung. 3 sche Konflikte bedingt wurde. Einerseits führten die Befreiungskriege und das anschließende Ringen um eine politische Ordnung in Europa dazu, dass das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg zum Königreich Hannover aufstieg. Andererseits endeten die Bemühungen Preußens um eine neue politische Ordnung in Deutschland im Jahre 1866 in einem Krieg, den Hannover als dessen flächenmäßig bedeutendster Konkurrent im norddeutschen Raum verlor. Hannover war nach Preußen, Österreich und Bayern der viertgrößte Staat des Deutschen Bundes und ist im Vergleich zu diesen Staaten in der Geschichtswissenschaft bis in die jüngere Forschung hinein nachlässig betrachtet worden. Mijndert Bertram sieht eine Ursache dafür in einem mehrfachen Traditionsbruch, wonach durch die Annexion des Königreichs Hannover im Jahre 1866 wesentliche Entwicklungslinien abgeschnitten wurden und die Erinnerung an das Land durch die Umwälzungen, die Preußen selbst bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges erfuhr, verschüttet wurde.10 Erst im Jahre 2014, mit dem 300jährigen Jubiläum der Personalunion zwischen dem Kurfürstentum bzw. Königreich Hannover und Großbritannien, rückte die Geschichte Hannovers nicht nur mit vielen Sonderausstellungen und Veranstaltungen mit Bezug zum britischen Königshaus in den Fokus der Öffentlichkeit, sondern fand auch in Form von Publikationen zunehmend Beachtung. Die mit vier Bänden sehr umfangreiche Reihe Als die Royals aus Hannover kamen11 wurde 2014 vom Niedersächsischen Landesmuseum herausgegeben und nimmt schon im Titel direkten Bezug auf das Jubiläum. Weitere jüngere Publikationen in diesem Zusammenhang sind Der Traum vom Weltreich von Margarete von Schwarzkopf12 oder auch Hannover, Großbritannien und Europa. Erfahrungsraum Personalunion 1714-1837. von Ronald Asch13. Spezifisch mit dem Ende des Königreichs Hannover im Zusammenhang mit der Reichseinigung beschäftigen sich Ernst Gottfried Mahrenholz (Ein Königreich wird Provinz. Hannovers Schicksalsjahr 1866.)14 oder auch Alexander Dylong mit biographischem Fokus auf König Georg V. von Hannover (Hannovers letzter Herrscher. König Georg V. zwischen welfischer Tradition und politischer Realität.)15. Ein gutes Übersichtswerk zur hannoverschen Geschichte bietet der bereits erwähnte Mijndert Bertram mit seiner Publikation Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates16. Das Königreich Hannover genießt durch seinen rasanten Aufstieg und seine Geschichte im Spannungsfeld zwischen welfisch-britischer Personalunion, Industrialisierung und geopo- 10 Vgl. Bertram, Mijndert: Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates. Hannover 2003. S. 5. 11 Niedersächsisches Landesmuseum (Hrsg.): Als die Royals aus Hannover kamen (4 Bände). Hannover 2014. 12 Schwarzkopf, Margarete von: Der Traum vom Weltreich. Geschichte und Geschichten zur Personalunion Hannover – England 1714 bis 1837. Springe 2014. 13 Asch, Ronald G.: Hannover, Großbritannien und Europa. Erfahrungsraum Personalunion 1714-1837. Göttingen 2014. 14 Mahrenholz, Ernst Gottfried: Ein Königreich wird Provinz. Hannovers Schicksalsjahr 1866. Göttingen 2011. 15 Dylong, Alexander: Hannovers letzter Herrscher. König Georg V. zwischen welfischer Tradition und politischer Realität. Göttingen 2012. 16 Bertram, Mijndert: Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates. Hannover 2003. I. Einleitung. 4 litischen Einflusssphären im norddeutschen Raum zunehmende Aufmerksamkeit für die geschichtswissenschaftliche Betrachtung des 19. Jahrhunderts. In Bezug auf das staatliche Auszeichnungswesen bot Hannover ein umfangreiches Repertoire, wie es für einen deutschen Flächenstaat zu jener Zeit typisch bzw. repräsentativ war. Es kamen Haus- und Verdienstorden zur Verleihung, genauso wie zivile Ehrenzeichen und Verdienstmedaillen, fein ausdifferenziert nach Anlass und gesellschaftlicher oder aber beruflicher Stellung des Beliehenen. Die militärischen Kriegsdenkmünzen, Dienstehrenzeichen und Tapferkeitsauszeichnungen stellten hingegen einen Spiegel der hannoverschen Militärgeschichte dar. Bei der Betrachtung der Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover überwiegen nicht nur auf den ersten Blick die militärischen Dekorationen. Zwar wuchs die Anzahl der zivilen Auszeichnungen im Laufe des Bestehens des Königreichs, dennoch waren es hauptsächlich die militärischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts, die das Auszeichnungssystem Hannovers nachhaltig prägten. Sie stellten wesentliche Zäsuren dar, die sich sowohl auf die Stiftungstätigkeit als auch die Verleihungszahlen insgesamt auswirkten. I. Einleitung. 5 Forschungsstand Die Geschichte der Ehre als Teil der Emotionsforschung. Die Tendenz, menschliche Gefühle in den Fokus geschichtswissenschaftlicher Forschung zu rücken, ist seit der Jahrtausendwende zunehmend erkennbar und basiert im Wesentlichen auf einem Paradigmenwechsel, der Jahrzehnte zuvor in der Psychologie stattfand. Hier war „die Überwindung des starren Gegensatzes zwischen Emotion und Kognition“17 entscheidende Voraussetzung dafür, dass Gefühle „vom Odium des Irrationalen und tendenziell Nicht-Erforschbaren befreit“18 wurden. Dieser ausgelöste „Emotionsboom“ fand zügig Eingang in die Sozial- und Kulturwissenschaften. Der gesellschaftliche Trend, sich mit den eigenen Gefühlen im Sinne eines emanzipatorischen Akts und einer zunehmenden Demokratisierung auseinanderzusetzen19, sowie diverse zeitgeschichtliche und politische Geschehnisse wie etwa der Kalte Krieg und der damit zusammenhängenden Angst vor einem Atomkrieg, gingen mit ihm einher. Auch in der Geschichtswissenschaft legte man schließlich den vermeintlichen Nimbus ab, Gefühle seien irrational, ahistorisch und aufgrund ihrer tiefen Verankerung im Innern eines Individuums nicht sichtbar.20 Stattdessen werden Gefühle mittlerweile als die wesentlichen Triebkräfte menschlichen Handelns wahrgenommen und finden daher umfängliche Beachtung in zahlreichen Monographien und interdisziplinären Veröffentlichungen. Die deutsche Historikerin Ute Frevert, die im Bereich der Emotionsgeschichte umfangreich veröffentlicht und sich in diesem Zusammenhang auf die Rolle des Duells in der bürgerlichen Gesellschaft spezialisiert hat, vertritt die These, dass Gefühle historischen Konjunkturen unterliegen: „Zu manchen Zeiten und in manchen Gesellschaften sind sie stärker, sichtbarer, kraft- und machtvoller als in anderen. [...] Dabei verändern sie sich: in ihren Bezügen, ihrer sozialen Wertigkeit, ihrem Ausdruck, ihrer Intensität. Sie fühlen sich anders an.“21 Dies trifft in gleichem Maße auf die Begrifflichkeiten zu, die bestimmte Gefühle bezeichnen und sich ebenfalls verändern. Frevert verdeutlicht dies am Gefühl der Scham, bzw. Schamhaftigkeit. Während im 18. Jahrhundert die Scham in erster Linie als Gefühl verstanden wurde, das je nach Alter, Geschlecht und Standeszugehörigkeit variiere, war sie hundert Jahre später in moralischer Hinsicht objektneutral und betraf hauptsächlich die Genitalien.22 Sie wurde daher 1929 in Lexika ausschließlich als „äußeres Genital des Weibes und der weiblichen Säugetiere“23 beschrieben. Das Gefühl der Scham fand hier keine Erwähnung mehr. 1. 1.1. 17 http://soziologieblog.hypotheses.org/7297 (Stand: 14.07.2015). 18 Ebd. 19 Ebd. 20 https://docupedia.de/zg/Geschichte_der_Gef%C3%BChle (Stand: 14.07.2015). 21 Frevert, Ute: Vergängliche Gefühle. Göttingen 2013. S. 9. 22 Ebd., S. 23. 23 Ebd., S. 23ff. I. Einleitung. 6 In einem Atemzug mit der Scham nennt Frevert eben auch das Ehrgefühl, das einen ähnlichen Wandel durchlaufen hat. So greift sie denn eingangs die Frage auf, ob Ehre überhaupt ein Gefühl sei, wobei „die Frage selber ein Indiz für die These, dass Ehre an den Rand des sozialen Gefühlsraums gerückt ist“24, sei. Max Weber sagte den Bedeutungsverlust der Ehre bereits um 1900 voraus, obwohl er selbst aus einem Milieu stammte, in dem Ehrvorstellung und Ehrpraktiken noch eine erhebliche Rolle spielten.25 Doch der Soziologe erkannte die dominierende Kraft der Ökonomie, des technischen Fortschritts und des konsumorientierten Verhaltens der Menschen, weswegen der Ehre ihre Basis und Geltungsgrundlage entzogen werde.26 Auch wenn Winfried Speitkamp den Historikern der Gegenwart bescheinigt, sich vor vielen Fragen, die die Emotion und insbesondere die Ehre betreffen, zu fürchten oder ihnen gar nicht erst nachzugehen, so muss sich die Geschichtswissenschaft zwingend mit dem Ehrbegriff auseinandersetzen. Wie etwa mit der Frage, ob Ehre an den Menschen oder die Person gebunden sei und was beides überhaupt voneinander unterscheide27. Durch die Migrationsbewegungen, welche seit Mitte des 20. Jahrhunderts nach Europa stattfanden und derzeit wieder in größerem Rahmen stattfinden sowie durch die Destabilisierung des Nahen Ostens, haben Vorstellungen von Ehre und Schutz dieser Ehre wieder Einzug in die europäischen Gesellschaften gefunden. Diese kollidieren in der öffentlichen Wahrnehmung und Debatte regelmäßig mit den Grundprinzipien des Rechtsstaats. Während die Rechtsprechung in der Bundesrepublik eine kollektive Ehre der Familie verneint, da es kein „Familienoberhaupt“ mehr gebe, der schließlich auch eine „Familienschande“ feststellen und vergelten könne, bestimmen diese Strukturen und Vorstellungen in zugewanderten Familien aus den Regionen der Türkei, des Balkans oder arabischen Raums nach wie vor die Vorstellung von Ehre. Dieses Phänomen wird im politischen Diskurs oft als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet. Hinzu kommt noch das Gefühl von verletzter Ehre seitens religiös-praktizierender Moslems in Hinblick auf veröffentlichte Mohammed-Karikaturen, die großes Gewaltpotenzial beherbergt, welches in jüngerer Vergangenheit auch freigesetzt wurde. Um diese Vorstellungen nachvollziehen zu können, ist es notwendig, ähnliche Erscheinungen, die mit dem Konzept der Ehre zusammenhängen, in der europäischen Geschichte aufzuzeigen und zu erklären. Recht und Ehre scheinen heutzutage durch solche Debatten mit wenigen Ausnahmen als gegensätzlich wahrgenommen zu werden.28 In der Vergangenheit genoss die Ehre jedoch auch durch die Gesetzgebung besonderen Schutz und äußerte sich im Bereich von „Ehrlosigkeit und Ehrminderung, von Beleidigungsrecht und Ehrenschutz, von Ehrenzeichen und Ehrenämtern.“29. Die Privilegien von Mitgliedern und Trägern von Orden und Ehrenzeichen waren genauso gesetzlich geregelt, wie die Maßnahmen 24 Ebd., S. 17. 25 Vgl. ebd., S. 18. 26 Vgl. ebd. 27 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 17. 28 Eine Ausnahme ist der Straftatbestand der Beleidigung, der im Strafrecht Deutschlands nach § 185 ein Ehrdelikt darstellt. 29 Speitkamp: Eine Geschichte der Ehre, S. 19. 1. Forschungsstand 7 des Entzugs derselben, wenn sich diese Personen infolge einer Straftat als unwürdig erwiesen hatten. Eine einzige Geschichte der Ehre ließe sich jedoch auch in diesem Zusammenhang nicht schreiben, wie Speitkamp in seiner Einleitung feststellt, „denn der Gegenstand scheint kaum zu greifen“.30 Die Vorstellungen von Ehre in der Geschichte sind hochkomplex und definieren sich zu verschiedenen Zeiten über verschiedene Regularien, Diskurse oder soziale Praktiken. Eben eine dieser Praktiken ist die Zuteilung von Ehre in Form von Orden und Ehrenzeichen durch den Staat, die heute jedoch anders wahrgenommen wird, als im 19. Jahrhundert. Welche innere Gefühlswelt die Beliehenen gegenüber den Dekorationen und dem eigentlichen Prozess der Auszeichnung in jenem Jahrhundert besaßen und wie sie diese in bestimmten Situationen, sei es bei Verlust oder ausbleibender bzw. vollzogener Verleihung, reflektierten, soll auch mit Hilfe der zahlreichen persönlichen Schreiben, Stellungnahmen und Bittstellungen dargestellt werden, die dieser Arbeit als wichtiges Quellenmaterial zugrunde liegen. 30 Ebd. I. Einleitung. 8 Orden und Ehrenzeichen im 19. Jahrhundert. Darstellung und Beschreibung Der Forschungsschwerpunkt in der Phaleristik für den Bereich der Orden und Ehrenzeichen deutscher Staaten bis 1918 ist deren qualitative und quantitative Beschreibung. Nachdem Hessenthal und Schreiber 1940 ihr Überblickswerk zu deutschen Ehrenzeichen veröffentlichten, galt dieses jahrzehntelang als wichtigste Referenz in der Kategorie der Phaleristik. Erst 2001 veröffentlichte Jörg Nimmergut mit seinem fünfbändigen Hauptwerk Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 194531 eine lexikongleiche Reihe, die den Hessenthal und Schreiber in der Darstellungsqualität bei weitem übertrifft. Es ist das erste Überblickwerk, das nach deutschen Staaten geordnet sowohl Orden als auch Ehrenzeichen erfasst und sehr detailreich darstellt. Üblicherweise gibt es zu jeder Auszeichnung auch eine oder gar mehrere Abbildungen, wodurch der Autor in mehreren Bänden publizieren musste. Die dargestellten Fakten zu den einzelnen Auszeichnungen sind vereinheitlicht und umfassen Bezeichnung, Verleihungszeitraum, Material, Größe, Gewicht, Größe einzelner Details, Angaben zum Band und gegebenenfalls prominente Beliehene. Zur jeweils laufenden Nummer gehört auch fast immer eine Spalte „Anmerkungen“ mit weiteren Informationen. Nimmergut hat mit diesem Lexikon, welches sich in erster Linie an Sammler richtet, wichtige Voraussetzungen geschaffen, um Orden und Ehrenzeichen auch interdisziplinär betrachten zu können. Ergänzt wird die Publikation durch zahlreiche Monographien, die sich mit den Orden und Ehrenzeichen deutscher Teilstaaten bis 1918 beschäftigen. Als ältere Publikationen sind zu nennen: – Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen von Georg Schreiber (1964), – Die Orden und Ehrenzeichen des Kurfürstentums Hessen-Kassel von Werner Sauer (1978), – Die Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover von Andreas Thies und Wilhelm Hapke (1981). Seit den neunziger Jahren setzt sich diese Reihe in jeweils höherem Umfang, was die Informationen und Bebilderung angeht, fort. Friedhelm Beyreiß publizierte 1997 zu den Orden und Ehrenzeichen des Großherzogtums Oldenburg, Gerd Scharfenberg zu den anhaltinischen Herzogtümern (1999), Peter Ohm-Hieronymussen zum Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz (2000), Gert Efler zum Fürstentum Waldeck und Pyrmont (2004), Frank Bartel und Gert Oswald zum Königreich Sachsen (2011), Lutz Fritzsche zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach (2012). Friedhelm Beyreiß veröffentlichte darüber hinaus eine länderübergreifende Übersicht zu den Rettungsmedaillen deutscher Staaten 1782-1918 (2006). Während die Autoren älterer Monographien im Wesentlichen die Verleihungsstatuten der einzelnen Orden und Ehrenzeichen rekapitulierten oder gar eins zu eins abdruckten, bringen jüngere Publikationen weitere Erkenntnisse mit ein, die auf intensiver Quellenrecherche oder empirischen Daten basieren. Des Weiteren geht die Tendenz noch stärker in die Darstellung 1.2. 31 Nimmergut, Jörg: Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945. 5 Bände. München 1997-2004. 1. Forschungsstand 9 materieller Einzelheiten der Auszeichnungen sowie umfangreichen Bildmaterials in immer besserer Qualität. Es fehlen jedoch in allen Publikationen mit phaleristischem Schwerpunkt interdisziplinäre Betrachtungen und Methoden. Insbesondere die Frage, welche Rolle Orden und Ehrenzeichen in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext spielen und welche Funktion sie für den Staat erfüllen, bleibt zumeist ebenso unbeantwortet wie die individuelle Wahrnehmung der Beliehenen zu ihrer Auszeichnung. Forschungsrelevante Themen wie Erinnerung, Tradition oder Ehre fanden bisher in phaleristischen Publikationen ebenfalls kaum Beachtung. Lediglich Eckart Henning und Dietrich Herfurth gehen in ihrem Handbuch der Phaleristik32 phasenweise auf die Funktion des staatlichen Auszeichnungswesens ein und ordnen dessen Existenz in einen weiter gefassten politisch-geschichtlichen Kontext ein. So beschreiben sie Tendenzen und Umbrüche, was die Gestaltung, Benennung oder Verleihungspraxis von Orden und Ehrenzeichen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen betrifft. Es gibt jedoch auch Veröffentlichungen, in denen phaleristische Themen in einem anderen Zusammenhang, also eher beiläufig Erwähnung finden. Der Autor Peter Wacker, der sich in etlichen Publikationen auf die Geschichte des Herzogtums Nassau und insbesondere dessen Militärgeschichte spezialisiert hat, greift in seinem Werk Das herzoglich-nassauische Militär 1813-186633, in dem er Militärgeschichte im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und sozialen Verhältnissen betrachtet, an mehreren Stellen auch das Thema Orden und Ehrenzeichen des Herzogtums auf. Darin beschreibt er beispielsweise nicht nur die Stiftung und Verleihung von nassauischen Auszeichnungen im Zuge der Schlacht von Waterloo 1815, sondern auch die Verfahrensweise bei der Annahme von ausländischen Orden für Angehörige des Generalkommandos oder den Entzug einer Waterloo-Medaille eines Sergeanten, weil dieser sich des Kameradendiebstahls schuldig gemacht hatte.34 Durch diese Beispiele gibt der Autor bereits eine Vorstellung vom gesellschaftlichen Stellenwert der Orden und Ehrenzeichen also deren ideellen Wert und geht über die reine gegenständliche Beschreibung der Dekorationen hinaus. Allerdings ist das Werk von Peter Wacker auch ein gutes Beispiel dafür, dass für die Phaleristik relevante Forschungsergebnisse in Monographien publiziert werden, die sich in diesem Zusammenhang nicht ohne weiteres bibliographieren lassen. Juristische und ordensrechtliche Aspekte Eckart Henning weist in seinem Handbuch der Phaleristik darauf hin, dass der Begriff des Ordensrechts in deutschsprachigen Lexika fehle und entsprechende Rechtskapitel auch in einschlägigen ordenskundlichen Einführungen keine Erwähnung fänden.35 Doch gerade dieser Bereich ist für die sozial- und kulturgeschichtliche Erforschung 32 Herfurth, Dietrich/ Henning, Eckart: Orden und Ehrenzeichen. Handbuch der Phaleristik. Köln 2010. 33 Wacker, Peter: Das herzoglich-nassauische Militär 1813-1866. Wiesbaden 1998. 34 Ebd., S. 184. 35 Vgl. Herfurth/Henning: Handbuch der Phaleristik, S. 199. I. Einleitung. 10 des Auszeichnungswesens von großer Bedeutung, da erst die juristischen Rahmenbedingungen in Form von Statuten festlegten, wer welche Orden und Ehrenzeichen stiften und verleihen durfte, wer damit beliehen werden konnte und welche, auch rechtlichen, Privilegien damit einhergingen bzw. -gehen.36 Die Forschungsansätze im Ordensrecht sind bisher sehr schwach ausgeprägt. Jürgen Schreiber veröffentliche 1958 eine Monographie mit dem vielversprechenden Titel Ordensrecht37, wobei es sich jedoch nur um ein Erläuterungsbuch für Soldaten handelte, das sich auf das Ordensgesetz von 1957 bezog. Deutlich konkreter wird Dr. Karl Eckhart Heinz in seinem Aufsatz Titel, Orden und Ehrenzeichen – Gesellschaftlicher Rang als Rechtsanspruch38, der in knapper Form, aber sehr präzise die rechtlichen Rahmenbedingungen des Auszeichnungswesens behandelt. Der Autor richtet sich dem Publikationsorgan und der Terminologie nach an eine juristisch vorgebildete Leserschaft. Er definiert und kategorisiert in erster Linie Begrifflichkeiten und grenzt diese voneinander ab (z.B. Orden und Ehrenzeichen, Verleihen und Stiften, Inhaberschaft und Besitz). Eckart Henning wiederum widmet dem Begriff und der Geschichte des deutschen Ordensrechts ein eigenes Kapitel im Handbuch der Phaleristik. Für das 19. Jahrhundert sind die rechtlichen Rahmenbedingungen der Hausorden und im zunehmenden Maße auch die der Verdienstorden von großer Bedeutung, denn aus ihnen lassen sich die rechtlich garantierten Privilegien (z.B. Nobilitierung und Teilnahme am Hofzeremoniell) ableiten, aus denen darüber hinaus auch gesellschaftliches Ansehen und berufliche Förderung erwachsen konnte. Es handelte sich bei solchen Privilegien um eine künstliche Regelung des gesellschaftlichen Rangs, „die eine Abkehr von den natürlichen gesellschaftlichen Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens und seiner Regelung durch Moral und Sitte bedeutet und zu einer Rechtsordnung des gesellschaftlichen Ansehens führt.“39 Um Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen gesetzlich garantierten Privilegien, dem kaum messbaren gesellschaftlichen Ansehen eines Beliehenen durch seine Auszeichnung und der daraus folgenden inneren Einstellung, die die Angehörigen bestimmter sozialer Gruppen im 19. Jahrhundert gegenüber Orden und Ehrenzeichen hatten, ist es zwingend notwendig, sich mit den juristischen und ordensrechtlichen Aspekten tragbarer Auszeichnungen auseinanderzusetzen. 36 Vgl. ebd. 37 Schreiber, Jürgen: Ordensrecht. Frankfurt am Main 1958. 38 Heinz, Karl Eckhart: Titel, Orden und Ehrenzeichen – Gesellschaftlicher Rang als Rechtsanspruch. In: Bayerische Verwaltungsblätter. Zeitschrift für öffentliches Recht und öffentliche Verwaltung, Bd. 138 (2007). München 2007. S. 745-750. 39 Heinz: Titel, Orden und Ehrenzeichen, S. 746. 1. Forschungsstand 11 Methodische Ansätze Materielle Kultur als Zugang zur Geschichtswissenschaft Ein wichtiger und unübersehbarer Bestandteil menschlicher Kultur ist die verdinglichte Sache, an der sich, wie Andreas Ludwig feststellt, Technik- und Kommunikationsgeschichte abspielt.40 Die Relevanz für die modernen Geschichtswissenschaften wurde dabei bereits im 19. Jahrhundert von Gustav Droysen festgestellt und zu den intentionalen Quellen qualitativ abgegrenzt. Das heißt, Dinge stellten lange Zeit nur eine Art Ergänzung zu den schriftlichen Quellen dar oder rückten erst dann in den Fokus, wenn schriftliche Quellen in Gänze fehlten. Seit wenigen Jahren jedoch hat die Betrachtungsweise auf Dinge, die den Menschen umgeben in Form der materiellen Kultur eine völlig neue Gewichtung und gleichermaßen große Bedeutung erfahren. So schreibt Wolfgang Ruppert dem Material nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale und kulturelle Komponente zu, die im Wesentlichen auf dem „selbstverständlichen Verhältnis zu den industriellen Dingen unseres Alltagslebens“41 basiert. Dabei liege nach Ludwig die interdisziplinäre Herausforderung nicht nur in der systemischen Analyse der Konzeption und Herstellung von Dingen, sondern gleichermaßen auch „in ihrem Erwerb, in der Nutzung und kulturellen Sinnaufladung.“42 Beschäftigt man sich also mit der Frage, inwiefern Orden und Ehrenzeichen die Lebenswirklichkeit der Menschen im 19. Jahrhundert beeinflusst haben, ist es unumgänglich, sich mit der materiellen Kultur als methodischen Zugang zu beschäftigen. Orden und Ehrenzeichen unterscheiden sich allerdings in einem wichtigen Punkt von der üblichen Forschungspraxis im Bereich der materiellen Kultur. Bisher fokussierte man in erster Linie Gegenstände und Dinge, die dem überwiegenden Teil der Bevölkerung oder gar allen sozialen Schichten, wenn auch in unterschiedlicher Form, zur Verfügung standen – wie zum Beispiel Kleidung und Schuhwerk oder Einrichtungsgegenstände von Wohnungen. Dies vereinfacht es, Entwicklungen und Vergleiche zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu verdeutlichen und Folgerungen daraus abzuleiten. Orden und Ehrenzeichen waren jedoch zu keinem Zeitpunkt ein „Massenphänomen“, selbst in ihrer Blütezeit um 1900 oder während der Weltkriege. Auf die gesamte Bevölkerung gesehen war die Gruppe derer, die mit Orden und Ehrenzeichen ausgezeichnet waren, immer eine kleine Minderheit, auch wenn letztlich alle gesellschaftlichen Gruppen vom Auszeichnungsprozess erfasst wurden. Orden und Ehrenzeichen waren kein Alltagsgegenstand, der in jedem Haushalt zu finden war und dennoch hatten sie eine enorme kulturelle Sinnaufladung, die allgemein anerkannt war und nur über das zeitgenössische Ehrkonzept zu verstehen ist. Hierfür ist es notwendig, einen Zugang zum ideellen Wert auch über das Material und dessen Analyse zu erlangen. Material, Symbole und Darstellungen hängen dabei 2. 40 Vgl. Ludwig, Andreas: Materielle Kultur. Siehe: https://docupedia.de/zg/Materielle_Kultur (Stand: 04.01.2017) 41 Ruppert, Wolfgang: Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, in: ders. (Hrsg.), Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, Frankfurt a.M. 1993, S. 27. 42 Vgl. Ludwig: Materielle Kultur, siehe Link. I. Einleitung. 12 ganz entscheidend von der Art der Auszeichnung ab, sowie von deren Klasse, Stufe oder auch dem Stiftungszweck. Diese Faktoren münden schließlich in die Kontextund Bedeutungsebene, welche den Orden und Ehrenzeichen in einem räumlich und zeitlich festgelegten Bereich zugeschrieben werden. Die Bedeutung von Herrschaft und Loyalität Die politische Dimension des Auszeichnungsprozesses bildet mit der Stiftung einer tragbaren Auszeichnung den Ausgangspunkt für deren soziale und kulturelle Bedeutung. Diese Dimension wirkt sich in erster Linie durch den Loyalitätsbegriff aus, über den Herrschaft und Macht eng miteinander verzahnt sind.43 Seine Anwendung basiert also auf der Frage, inwiefern Herrschaft über Individuen und soziale Gruppen ausgeübt wird und inwiefern Orden und Ehrenzeichen dabei als Herrschaftsinstrument fungieren. Allein durch ihre festgelegten Verleihungsbestimmungen und Statuten fördern Orden und Ehrenzeichen schließlich die Vorstellung einer legitimierten Ordnung, die ihren Ausdruck in den zahlreichen Klassen, Stufen oder Abteilungen der tragbaren Auszeichnungen findet. Der zu erwartende Zweck war für den Verleihenden in jedem Fall gleich, nämlich die entgegengebrachte Loyalität, doch ist es für die Forschung von entscheidender Bedeutung „wie diese legitime Ordnung mit individuellen Loyalitätspositionen korrespondiert“44. Weiterhin erlaube der Loyalitätsbegriff es nach Grandits nicht, „bei der Perspektive des herrschenden Systems und seiner Vertreter zu verbleiben“45, sondern sich den anderen beteiligten Akteuren zu widmen, um sowohl ihre Rationalität als auch Emotionalität zu verstehen, insbesondere dann, wenn es um Loyalitätsbeweise und Loyalitätsverweigerungen geht.46 Die Systematik des Auszeichnungsprozesses bietet dabei durch ihre Bestandteile Antrag, Verleihung und Reklamation die Möglichkeit, die Perspektive der Beliehenen umfassender zu rekonstruieren, als es vielleicht bei anderen Formen der Ausübung von Loyalität, die nicht auf Material beruht, der Fall wäre. Die Verbindung zwischen Herrschaft und Symbolen, die sich in Form von Orden und Ehrenzeichen auch materiell greifen lassen, spielt gerade im Königreich Hannover eine besondere Rolle. Nach der von Max Weber definierten Typologie liegt dabei mit der traditionalen Herrschaft die für Monarchien typische Form der Herrschaft vor. Sie basiert nicht auf sachlicher Amtspflicht, „sondern persönliche Dienertreue bestimmten die Beziehungen des Verwaltungsstabes zum Herrn.“47Diese persönliche Dienertreue drückt die besondere Verbundenheit aus, die zwischen dem Herrschen- 43 Vgl. Schulze Wessel, Martin: „Loyalität“ als geschichtlicher Grundbegriff und Forschungskonzept: Zur Einleitung. In: Schulze Wessel, Martin (Hrsg.): Loyalitäten in der Tschechoslowakischen Republik. Politische, nationale und kulturelle Zugehörigkeiten. Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 101. München: Oldenbourg. S. 1-22. 44 Grandits, Hannes: Herrschaft und Loyalität in der spätosmanischen Gesellschaft am Beispiel der multikonfessionellen Herzegowina. Wien 2008. S. 16. 45 Ebd. 46 Vgl. ebd. 47 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Siehe dazu: http:// www.textlog.de/7349.html (Stand: 13.01.2017) 2. Methodische Ansätze 13 den und seinen Untergebenen besteht und sich am ehesten durch den Begriff der Loyalität umreißen lässt. Im Königreich Hannover mag die Herrschaft des Königs in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens seit 1814 nur sehr eingeschränkt spürbar gewesen zu sein. Bereits mit König Georg II. (1683-1760) regierte ein Monarch in Personalunion als König von Großbritannien und Kurfürst von Hannover, sein Enkel und Nachfolger Georg III. dann auch als König von Hannover. Der Umstand, dass die beiden Königreiche geographisch sehr weit auseinanderlagen und das Weltreich Großbritannien mit allen seinen überseeischen Besitzungen den Großteil der Regierungsarbeit auf sich zog, führte zwangsläufig zur Vernachlässigung der Hannoverschen Lande. Georg III. hatte während seines langen Lebens sein Stammland nicht ein einziges Mal betreten und verhielt sich ihm gegenüber äußerst passiv.48 Über ein Regierungskollegium und später noch eine Deutsche Kanzlei in London wurde das Königreich Hannover mehr verwaltet denn regiert, sodass sich in Hannover ein „nach außen kastenartig abgeschotteter Kreis ritterschaftlicher Familien, der an einer Veränderung bestehender Verhältnisse nicht interessiert war“49 bildete. Diese Besonderheit in der politischen Struktur des Königreichs Hannover lässt auf das Spannungsfeld zwischen Herrschaft und Loyalität schließen, in das sich ab 1815 die Stiftung von Orden und Ehrenzeichen drängte. Sozialgeschichtlicher Ansatz Die sozialgeschichtliche Betrachtungsweise tritt immer dann in den Vordergrund, wenn „historische Prozesse durch die Analyse des Wechselverhältnisses von Wirtschaft, Gesellschaft und Herrschaft“50 erklärt werden sollen. Die Integration sozialwissenschaftlicher Theorien und ihrer Methoden ist also zwingend erforderlich, um den Komplex aus handelnden Akteuren, äußeren Zeichen und Emotionen zu umschreiben. Schon der Umstand, dass Orden und Ehrenzeichen in verschiedenen Klassen und Unterteilungen vergeben wurden, die sich teilweise nach dem gesellschaftlichen Ranggefüge richteten, macht deutlich, dass die Existenz und Verleihungspraxis solcher Auszeichnungen tief in die zeitgenössischen Vorstellungen von sozialer Segmentierung eingebettet war. Aus dem Gebiet der Soziologie bietet Pierre Bourdieus‘ Kapitaltheorie wichtige Ansatzpunkte, um den Prozess der Auszeichnung als komplexes gesellschaftliches Phänomen, das auf eben jenem Grundsatz der Konvertibilität basiert, zu verstehen. Insbesondere die Form des symbolischen Kapitals ist hierbei von großer Relevanz, da es sich sowohl auf die Kultur der Ehre als auch Zeichen der Anerkennung übertragen bzw. anwenden lässt: 48 Vgl. Mijndert, Bertram: Das Königreich Hannover, S. 17. 49 Ebd., S. 18. 50 Borowsky, Peter/Vogel, Barbara/ Wunder, Heide: Einführung in die Geschichtswissenschaft I. Grundprobleme, Arbeitsorganisation, Hilfsmittel. Opladen 1989. S. 16. I. Einleitung. 14 „Das symbolische Kapital (die Mannesehre in den Gesellschaften des Mittelmeerraums, die Ehrbarkeit des Notabeln oder des chinesischen Mandarins, das Prestige des berühmten Schriftstellers usw.) ist nicht eine besondere Art Kapital, sondern das, was aus jeder Art von Kapital wird, das als Kapital, das heißt als (aktuelle oder potentielle) Kraft, Macht oder Fähigkeit zur Ausbeutung verkannt, also als legitim anerkannt wird.“51 Symbolisches Kapital, das für den Einzelnen mit Anerkennung und Ansehen verbunden ist, kann also verschiedenste Formen annehmen: Ämter und Würden, materielle Preise und Ehrungen oder auch Beteiligungen und Weihen. Orden und Ehrenzeichen erwähnt Bourdieu nicht ausdrücklich, doch lassen sie sich zweifelsohne in diesen Kontext einreihen. „Weniges ist so ungleich und wohl nichts grausamer verteilt als das symbolische Kapital, das heißt die soziale Bedeutung und die Lebensberechtigung.“52 Dekorationen dienen im Sinne eines Symbols nach Pierre Bourdieu also als Mittel, um „signifikante Unterscheidungsmerkmale“ zu generieren, „die die Differenzen von [sozialer] Stellung und Lage in logischer Systematik ausdrücken.“53 Der österreichische Kultursoziologe Justin Stagl ist nach derzeitigem Stand der einzige Autor und Wissenschaftler, der sich, wenn auch nur in einem kurzen Aufsatz, aus soziologischer Sicht ganz konkret mit der Thematik Orden und Ehrenzeichen beschäftigt hat. Zwar gab es zuvor auch schon Soziologen, die sich mit der Rolle der äu- ßeren Zeichnung beschäftigt haben, so etwa Georg Simmel oder eben Pierre Bourdieu, doch stellte bisher noch niemand Orden und Ehrenzeichen in den Fokus der Betrachtung im Kontext zum Prozess der Auszeichnung. Stagl greift dabei zunächst einmal das Motiv einer „Manipulation des persönlichen Erscheinungsbildes“54 auf, wie es durch Mode, Kosmetik, Schmuck oder Haar- und Barttracht bereits beschrieben wurde und sich auch in Form von Dekorationen manifestiert.55 Zeichnung und Auszeichnung versteht Stagl als gegensätzliche „soziale Prozesse, zu denen ein ‚Sender‘, ein ‚Empfänger‘ und ein von jenem auf diesen übertragenes ‚Zeichen‘ gehört.“56. Für das Auszeichnungswesen bedeutet dies ein geschlossenes Beziehungssystem, bestehend aus Verleihendem (Sender) und Beliehenem (Empfänger) sowie einer anwesenden Gemeinschaft, die eine solche Manipulation des Erscheinungsbildes idealerweise akzeptiert und somit auch über den Wert der Auszeichnung bestimmt.57 Der Empfänger muss die Akzeptanz der Gemeinschaft zum Verleihen einer Auszeichnung besitzen, während der Empfänger gleichzeitig als geeignet betrachtet werden muss, da ansonsten die Autorität beider Akteure in diesem Auszeichnungsprozess leidet: „Wer indes den „Richtigen“ auszeichnet (oder zeichnet), mehrt damit zugleich seine Autorität, im Namen der Gemeinschaft zu handeln; er zeichnet sich also gleichsam selber mit aus.“58 51 Fuchs-Heinritz, Werner / König, Alexandra: Pierre Bourdieu. Eine Einführung. Konstanz 2014. S. 136. 52 Ebd., S. 137. 53 Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt am Main 1991. S. 57. 54 Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 177. 55 Vgl. Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 177. 56 Ebd., S. 178. 57 Vgl. ebd, S. 178. 58 Ebd., S. 179. 2. Methodische Ansätze 15 Das Konzept der Ehre ist für Stagl für das Verständnis des Auszeichnungswesens „als unerlässliche[r] Steuerungsmechanismus“59 von zentraler Bedeutung. Zwar habe die moderne Rationalisierung und Individualisierung das Konzept der Ehre dem der Moral angeglichen und damit beinahe obsolet gemacht, doch jüngere Forschungstendenzen in der Soziologie haben die Ehre für moderne Gesellschaftsordnungen wiederentdeckt.60 Justin Stagl sieht darin sogar eine Notwendigkeit, wenn man die quantitative Dimension öffentlicher Ehrungen bedenkt. Innerhalb eines Jahres von 1997 auf 1998 wurden im österreichischen Bundesland Salzburg 1764 tragbare und nicht tragbare Auszeichnungen verliehen.61 Basierend auf der Einwohnerzahl Salzburgs würde das für Europa eine Auszeichnungsdichte von 2,340.000 öffentlichen Auszeichnungen bedeuten, sodass der Autor daraus schlussfolgert: „Es handelt sich hier also ganz eindeutig um eine Massenerscheinung, der die Soziologie ruhig etwas mehr Aufmerksamkeit schenken könnte als bisher.“62 Gedächtnis und Erinnerung als Perspektive der Beliehenen Einen hohen Stellenwert innerhalb der Kulturgeschichte stellt der Themenkomplex Gedächtnis und Erinnerung dar. Dieser beschäftigt sich mit der „Rolle von Texten, Medien und Objekten bei der Konstitution solcher kollektiver Gedächtnisse sowie für die Speicherung und die Zirkulation ihrer Wissensbestandteile“63 und hat mit Maurice Halbwachs, Aby Warburg und Jan Assman wichtige Vertreter der Theorien um das kollektive bzw. kulturelle Gedächtnis. Kollektives Gedächtnis und individuelle Erinnerung sind dabei wesentliche Bestandteile einer Sinnproduktion, die nicht mehr den Untersuchungsgegenstand fokussiert, sondern die Beobachtungsweise darauf. In diesem Sinne sind Orden und Ehrenzeichen unter dem Konzept der Ehre als symbolische Organisationsformen zu verstehen, unter denen Individuen und soziale Gruppen soziale Praktiken vollziehen. Der Auszeichnungsprozess bietet grundsätzlich drei Beobachtungsperspektiven auf das Objekt der Orden und Ehrenzeichen, die es im Rahmen der Arbeit zu betrachten gilt. Zunächst die Perspektive des Verleihenden, sprich des Staates oder des Souveräns einschließlich seines administrativen Gefolges mit den Ansprüchen und Auflagen, die seitens der Obrigkeit gestellt wurden. Des Weiteren die des Beliehenen mit all seinen Erwartungen, Hoffnungen und Erfahrungen, die mit den Dekorationen und ihrem ideellen Wert verbunden sind. Schließlich die Perspektive der Außenstehenden, die über diesen ideellen Wert ganz erheblich mitentscheiden. Die zur Verfügung stehenden Quellen spiegeln diese drei Perspektiven nicht in gleichmäßiger qualitativer und quantitativer Ausprägung wider. Vorherrschend sind die Betrachtungen aus Sicht der Verleihenden und der Beliehenen, während die Sichtweise der Außenstehenden in Form von zeitgenössischen Quellen als selten zu bezeichnen ist. 59 Ebd., S. 178. 60 Vgl. ebd. 61 Vgl. ebd., S. 180. 62 Ebd., S. 181. 63 Landwehr: Kulturgeschichte, S. 52. I. Einleitung. 16 Die Quellen, die die Sichtweise der Beliehenen zu ihren Orden und Ehrenzeichen veranschaulichen, geben zu einem beträchtlichen Anteil Auskunft zu ihren persönlichen Erinnerungen und darüber hinaus auch zum kollektiven Gedächtnis der jeweiligen Generation. Solche Erinnerungen, die sich in Anträgen oder Vorschlägen auf Verleihung einer Auszeichnung wiederfinden oder auch den Vorgang des Auszeichnungsprozesses beschreiben, sind eng mit Emotionen verbunden. Deswegen ist die Emotionsforschung nicht nur für die Deutung von Ehre und Ehrdelikten unerlässlich, sondern auch bei der Betrachtung von Erinnerungen als Perspektive aller gesellschaftlichen Schichten auf das Zeitgeschehen. Welche Rolle Orden und Ehrenzeichen als Symbole und möglicherweise Erinnerungsorte (nach Pierre Nora) spielen, die „die Verbindungen greifbar machen, die zwischen den individuellen Gedächtnissen jedes Einzelnen und den übergreifenden sozialen Gedächtnissen größerer gesellschaftlicher Gruppen bestehen“64, ist eine wesentliche Frage, die dieser Dissertation zugrunde liegt. Der kulturgeschichtliche Zugang ist dabei ein wichtiger methodischer Forschungsansatz, um gebietsübergreifend die materielle Kultur, die auch Symbole beinhaltet, mit der durch den Auszeichnungsprozess hervorgehobenen sozialen Differenzierung sowie Emotionen als Ausgangspunkt für Tradition und Erinnerungspolitik zu verbinden. 64 Ebd. 2. Methodische Ansätze 17 Umfang und Einordnung der Quellen. Um die Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen im 19. Jahrhundert kultur- und sozialgeschichtlich zu erforschen, steht dem Historiker eine große Bandbreite an Quellen zur Verfügung, die sich grob in drei Kategorien unterteilen lassen. Zunächst einmal steht der Orden oder das Ehrenzeichen an sich zur Verfügung, als gegenständlicher Typ. Die Dekorationen werden dabei nach dem Drei-Stufen-Interpretationsschema von Erwin Panofsky zunächst in ihren haptischen und symbolischen Bestandteilen beschrieben, bevor sie im weiteren Verlauf der Arbeit gedeutet und schließlich in den ganz konkreten politischen und kulturgeschichtlichen Zusammenhang eingeordnet werden. Die Sachquelle der Auszeichnung lässt sich hinsichtlich ikonographischer Merkmale untersuchen. So lassen sich einerseits mögliche Informationen zum Stifter der Auszeichnung ableiten (z.B. durch Portraits, der namentlichen Erwähnung oder dem Motto der Dynastie), andererseits zum Ereignis oder dem Zweck der Stiftung (für einen mitgemachten Feldzug, für erbrachte Dienstzeit oder eine Rettungstat) und zudem auch zu verwendeten Materialien und die daraus resultierende Wertigkeit der Auszeichnung (Silber oder Gold oder aus der Geschützbronze eroberter feindlicher Geschütze). Insgesamt lassen sich also der Dekoration als Gegenstand die Kategorien Symbolik, Text, Material und Form zuordnen, die man jeweils einer eigenen Analyse unterziehen kann. Ferner besteht bei einigen hannoverschen Ehrenzeichen die Möglichkeit, den Träger der Auszeichnung namentlich zu ermitteln und möglicherweise die genauen Hintergründe der Verleihung zu recherchieren, da beispielsweise bei den Allgemeinen Ehrenzeichen für Zivil-, bzw. Militärverdienst die Namen der Träger in den Rand graviert waren, teilweise sogar mit zugehöriger Einheit, wie bei der Waterloo-Medaille. Ordensschnallen, die aus mehreren verliehenen Auszeichnungen bestehen und wegen der besseren Tragbarkeit von den Trägern bzw. einem Juwelier zusammengebunden wurden, zeigen heute, welche Orden und Ehrenzeichen nebeneinander in Kombination getragen wurden, vor allem wenn es sich der Herkunft nach um Auszeichnungen verschiedener Staaten handelte, die politisch und militärisch miteinander konkurrierten. Trug ein vormals hannoverscher Soldat nach 1866 seine hannoverschen Ehrenzeichen neben den preußischen, die er später im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erhielt, obwohl Preußen das Ende des Königreichs Hannover durch eine Annektierung besiegelte? Was sagt das über die innere Einstellung des Trägers gegenüber der alten und neuen Obrigkeit aus? Solche Gewohnheiten lassen sich ebenso gut auf Bildquellen feststellen, der zweite für die Phaleristik relevante Quellentyp. Fotos und Gemälde geben uns Aufschluss darüber, welche Orden und Ehrenzeichen überhaupt getragen wurden, wie und bei welcher Gelegenheit und zu welcher Kleidung. Wurden sie dem Selbstverständnis des Trägers nach nur zu festlichen Anlässen zur Schau gestellt oder sollten sie Bestandteil alltäglicher Wahrnehmung sein? Wie auch der gegenständliche Typ befindet sich der bildliche Typ hauptsächlich in Museen, mehr jedoch noch in Privatsammlungen oder im Antiquitäten- und Militaria-Handel. 3. I. Einleitung. 18 Der dritte Quellentyp ist die Textquelle, die für die Forschungsarbeit im Bereich der Phaleristik die wichtigste Grundlage bildet, da sie je nach Fragestellung umfangreiche Hintergrundinformationen zu dem Orden oder dem Ehrenzeichen an sich, zum Träger oder auch zum Prozess der Verleihung generiert. Für den Bereich der Auszeichnungen des Königreichs Hannover sind im Niedersächsischen Landesarchiv große Bestände erhalten geblieben und in den verschiedenen Archivtektoniken, also den Standorten Aurich, Bückeburg, Hannover, Oldenburg, Osnabrück, Stade und Wolfenbüttel verteilt und einsehbar. Die Bestände beinhalten üblicherweise Statuten zu den Orden und Ehrenzeichen, sowie Reklamationen und Eingaben an die General-Ordens-Kommission, die sich bis 1866 um Vorschläge und Aberkennungen von Auszeichnungen im Auftrag des Königs kümmerte. Die einzelnen Vorgänge sind dabei nicht immer vollständig vorhanden. Zumeist besteht ein Vorgang aus der Eingabe einer Person oder unterer Behörde, zum Beispiel einer Landdrostei, einer im 19. Jahrhundert im Königreich Hannover eingerichteten Mittelbehörde. Hinzu kommen dann eine amtliche Stellungnahme und die Weiterleitung an die General-Ordens-Kommission oder ein Ministerium, gefolgt von einer Entscheidung und der Antwort an die Mittelbehörde. Unter Umständen wurden Eingaben von Einzelpersonen auch direkt an die General-Ordens-Kommission gerichtet oder es kommt noch Schriftverkehr zwischen Ministerien und Behörden hinzu, wenn es um die Recherche über erfüllte oder nichterfüllte Verleihungsbedingungen geht. Anträge von Militärangehörigen wurden üblicherweise von der General-Adjutantur bearbeitet, deren Bestände ebenfalls in großem Umfang zur Verfügung stehen und die in vielen Angelegenheiten mit der General-Ordens-Kommission korrespondierte. Neben den öffentlich zugänglichen Beständen existieren weitere Akten mit ordenskundlichem Bezug im Familienarchiv der Welfen an den Standorten Hannover und Marienburg und sind nur mit Genehmigung des Depositars einsehbar. Die Auszeichnung und Belohnung von Untertanen betrachteten Souveräne im 19. Jahrhundert im Wesentlichen als ihre Privatangelegenheit. So entschied der König von Hannover grundsätzlich über die Vergabe von Orden und Ehrenzeichen, seien es auch die niedrigsten Verdienstauszeichnungen in der Hierarchie gewesen, wie etwa das Allgemeine Ehrenzeichen. Ausnahme blieben die Medaillen für Kriege und Feldzüge, die in so großer Zahl verliehen wurden, dass die Entscheidung über erfüllte Verleihungsvoraussetzungen delegiert werden konnte und musste. Der Rest fiel nach damaligem Verständnis in die Privatsphäre des Monarchen, weswegen Preußen im Zuge der Annektierung 1866 keinen Anspruch auf Bestände zu Ordenssachen erhob. Sie kamen stattdessen auf das Schloss Marienburg bei Hannover und Teile davon später auch nach Gmunden in das Exil des Königs, wo sich diese Akten teilweise mit den Akten der Exilverwaltung vermischten. Die Eingaben, Reklamationen und Vorschläge bezüglich der Orden und Ehrenzeichen sind außerordentlich ergiebige Quellen. Sie geben uns Auskunft zu bürokratischen Abläufen vom Vorschlag für eine Auszeichnung bis zum Akt der Verleihung und lassen durch die Darstellung von Ereignissen und Verhalten, die zur Verleihung einer Auszeichnung führten, das bloße Artefakt der Dekoration aus seiner Anonymität heraustreten. Die mit den Ordenszeichen einhergehenden Verleihungsurkunden 3. Umfang und Einordnung der Quellen. 19 oder auch Militär- und Wehrpässe enthalten üblicherweise keinerlei Informationen zu den Gründen einer Auszeichnung. Wer dies erfahren will, muss zwangsläufig in Archivbeständen recherchieren und auch dann ist eine Dokumentation nicht selbstverständlich. Nicht jede Verleihung eines Verdienstordens oder einer Tapferkeitsauszeichnung konnte umfassend dokumentiert werden. Dieser Aufwand wäre beispielsweise bei der millionenfachen Verleihung des Eisernen Kreuzes im Ersten Weltkrieg kaum zu bewältigen gewesen. Die Schreiben der Antragsteller, vorwiegend Veteranen, die um nachträgliche Verleihung einer Auszeichnung oder Ersatz für eine verlorengegangene Medaille baten, lassen Rückschlüsse auf ihre Motivation erkennen. Was bedeutete so eine Auszeichnung für jeden Einzelnen und was erhofften sie sich schlussendlich dadurch? Wie und mit welchen rhetorischen Mitteln versuchten sie eine Behörde oder gar den König persönlich davon zu überzeugen, ihnen noch Jahrzehnte nach einem Krieg eine prestigeträchtige Auszeichnung zu verleihen? Um die Bedeutung von Orden und Ehrenzeichen für die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund einer Kultur der Ehre zu verstehen, ist die umfangreiche Auswertung solcher Quellen unverzichtbar. In die Kategorie der schriftlichen Quellen fallen weiterhin Gesetzestexte, die in Zeitungen oder Büchern veröffentlicht wurden, um über die Stiftung neuer Auszeichnungen zu informieren. Dies beinhaltet auch die Privilegien, die mit bestimmten Auszeichnungen verbunden waren, wie etwa bei der höchsten Tapferkeitsauszeichnung für Unteroffiziere und Mannschaften im preußischen Heer – dem Goldenen Militärverdienstkreuz. Neben dem monatlichen Ehrensold erweiterte man im Dritten Reich die Privilegien von Inhabern höchster Tapferkeitsauszeichnungen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs sukzessive. Die meisten dieser Erlasse wurden im Reichsgesetzblatt veröffentlicht oder aber sie waren für den internen Gebrauch in einer Behörde gedacht. Sie geben Zeugnis darüber, wie unter ideologischen Gesichtspunkten Orden und Ehrenzeichen nachträglich mit Privilegien aufgewertet werden konnten, um so das Ansehen ihrer Träger zu erhöhen und sie gleichzeitig möglichst in das Bewusstsein der Gegenwart zu rücken. Für die Zeit der ersten Hälfe des 19. Jahrhunderts kommen ebenfalls noch Flugblätter und Bekanntmachungen hinzu, die damals in Umlauf gebracht wurden und sich inhaltlich mit Orden und Ehrenzeichen, ihrer Trageweise und der Abstellung von Missbräuchen beim Tragen beschäftigten und darüber informieren sollten.65/66 Dies war aufgrund der Vielzahl an Ehrenzeichen, die in dieser Zeit gestiftet wurden, notwendig geworden. So setzte man auch Trageverbote für Orden und Ehrenzeichen vor dem Hintergrund politischer Veränderungen, wie der Gründung und Auflösung des Königreichs Westphalen, durch. 65 Bekanntmachung, betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westphälischer Orden und Ehrenzeichen. Berlin 1815. / Bekanntmachung wegen Abstellung der Mißbräuche, welche in den willkührlichen Abänderungen der Krieges-Denkmünzen, Orden und Ehrenzeichen stattfinden. Berlin 1816. 66 Friedrich Wilhelm III von Preußen: Allerhöchste Kabinetsorder, die Bestrafung des unbefugten Tragens von Orden und Ehrenzeichen betreffend. De Dato Troppau, den 19ten November 1820. Berlin 1820. I. Einleitung. 20 Den letzten wichtigen Typus im Bereich der schriftlichen Quellen ist der aus Literatur und Prosa. Dazu zählen biographische Schriften, die Bezug auf Auszeichnungen oder ihre gesellschaftliche Bedeutung nehmen, wie etwa die Memoiren des hannoverschen Infanteristen Friedrich Freudenthal, der im Rahmen seiner Kindheitserinnerungen auch die Verehrung alter Waterloo-Veteranen in einem dörflichen Umfeld beschreibt.67 Hans Magnus Enzensberger liefert uns mit seinem Essay Die Vorzüge der Peinlichkeit68 aus dem Jahr 1991 eine wichtige zeitgenössische Stimme zur gegenwärtigen Wahrnehmung des Auszeichnungswesens, auf die im Laufe der Arbeit immer wieder Bezug genommen wird. Der Text macht im Stil einer Glosse die auffällige Zurückhaltung bei der Annahme und dem Umgang mit verliehenen Orden in der Bundesrepublik Deutschland deutlich und bietet damit einen krassen Kontrast zum Kaiserreich oder der Zeit des Nationalsozialismus, in Bezug auf den Status solcher Ehrungen. Die Schriftsteller des 19. oder beginnenden 20. Jahrhunderts zeichnen in einigen ihrer Prosawerke dagegen ein anderes Bild, was das Tragen von Orden und Ehrenzeichen und die damit einhergehende Anerkennung angeht. Romanciers wie Honoré de Balzac, Leo Tolstoi, Heinrich Mann oder auch Theodor Fontane beschreiben in ihren Werken Angehörige der Aristokratie, die mit ihren Auszeichnungen in Erscheinung treten. Diese meist in knappen Nebensätzen wiedergegebene Information spielte jedoch eine wichtige Rolle für das Selbstverständnis jener Protagonisten, auf das diese Autoren genauestens Wert legten, wenn es um die Beschreibung der bürgerlichen oder adligen Gesellschaft ging. Es handelt sich zwar um fiktive Texte, doch waren die Schriftsteller des Realismus genaue Beobachter ihrer Umgebung und viele ihrer Beschreibungen geben dem Leser heute noch eine Vorstellung davon, welche Nuancierungen solche Symbole in einer stark hierarchisierten Welt ausmachen konnten. 67 Freudenthal, Friedrich: Erinnerungen eines hannoverschen Infanteristen von Lüneburg bis Langensalza 1866. Bremen 1895 (Reprint Bad Langensalza 2003). 68 Enzensberger, Hans Magnus: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main 1991. S. 221 ff. 3. Umfang und Einordnung der Quellen. 21 Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. II. 23 Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter Im mittelalterlichen Orden liegen die Wurzeln des modernen Auszeichnungswesens, auch wenn der Begriff Orden im Sinne einer tragbaren Auszeichnung gegenwärtig nicht mehr viel mit der religiösen Lebensgemeinschaft gemeinsam zu haben scheint. Zunächst meint der lateinische Begriff Ordo so etwas wie Ordnung (von eben jenem Wort abgeleitet), Reihe oder Regel, Stand oder Rang. Er wird ferner auch heute noch im Sinne einer religiösen Gemeinschaft verwendet, die verbindlichen Regeln folgt, zum Beispiel der Franziskaner-, Zisterzienser-, oder Benediktinerorden.69 Orden waren im Mittelalter Gemeinschaften, deren Mitglieder sich einer Ordo unterwarfen, also einer festgeschriebenen Lebensweise, zu deren Einhaltung sie sich nach Ablegung eines Gelübdes verpflichtet hatten.70 Diese Mönchsorden dienten im Frühmittelalter zunächst der Ausbreitung und Festigung kirchlicher Strukturen, indem sie einerseits den christlichen Glauben verbreiteten und gleichzeitig bei der Kultivierung großer Teile Europas halfen. Zur Zeit der Kreuzzüge kamen mönchisch-ritterliche Ordensgemeinschaften hinzu, die sich zunächst dem Hospitalwesen annahmen (Orden des Heiligen Lazarus und Orden vom Spital des heiligen Johannes zu Jerusalem) und später ihre Tätigkeiten auf den ganzheitlichen Schutz der Pilger in das Heilige Land ausweiteten.71 Einige Orden sahen im Laufe der Kreuzzüge im Heiligen Land oder auch in Europa ihre Hauptaufgabe im bewaffneten Kampf, zu diesen geistlichen Ritterorden zählten beispielsweise der Templerorden, der Malteserorden oder auch der Deutsche Orden. Auch bei diesen Orden war ein Gelübde Teil der Initiation und man achtete bei den geistlichen Ritterorden streng auf die ständische Zugehörigkeit. Mit einer Ahnenprobe, die bei einigen Orden bis zu den Ururgroßeltern gefordert wurde (die sogenannte „Sechzehnerprobe“) musste die aristokratische Herkunft einwandfrei belegt werden.72 Die Mitglieder trugen auch erstmals ein äußeres Zeichen, wodurch sie ihre Zugehörigkeit zur Schau stellten. Grundsätzlich handelte es sich dabei um christliche Symbole, Kreuze in verschiedenen Ausführungen: achtstrahlig oder in Form von gekreuzten Balken, Lateran- oder Lilienkreuze, Tatzen- und Georgskreuze, die auf den Mänteln der Ritter aufgestickt wurden.73 Eine entsprechende Abstammung war die Voraussetzung für den Eintritt in einen solchen Orden und verdienstvolles Handeln wurde von seinen Mitgliedern in der Folge erwartet, daher betrachtet die phaleristische Forschung die geistlichen Ordensgemeinschaften als Vorläufer der späteren Orden.74 Die Ritter orientierten sich an den Augustinusregeln und entwickelten darüber hinaus in ihrer Lebens- und Verhaltensweise einen eigenen Kanon ritterlicher Werte und Ethik. Sinnbildlich hierfür ist der St.Georgs-Orden. Dieser spätmittelalterliche Ritterorden wurde eigens zu militärischen Zwecken, nämlich dem Kampf gegen 1. 69 Vgl. Henning/Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 16. 70 Vgl. Fuhrmann, Horst: Pour le Mérite. Über die Sichtbarmachung von Verdienst. Sigmaringen 1992. S. 22 71 Vgl. ebd. 72 Vgl. ebd., S. 23. 73 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 25. 74 Vgl. ebd., S. 17. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 24 die Türken gegründet und nach einem römischen Offizier benannt, der 303 den Märtyrertod fand und noch heute als Drachentöter bekannt ist.75 Die sich daraus ergebenden Attribute der Tapferkeit, Ritterlichkeit und gleichzeitig christlichen Aufopferung scheinen geradezu ein Idealtypus für die Ordensgründung gewesen zu sein. Immerhin wurde auch in der Neuzeit immer wieder an das Symbol des Drachentöters angeknüpft und daher finden sich in vielen europäischen Staaten gleichnamige Ordensstiftungen, wie etwa im Heiligen Stuhl, in den Königreichen Hannover und Bayern, im Zarenreich Russland oder auch im Vereinigten Königreich. Der burgundische St. Georgs-Orden etablierte im Spätmittelalter ein Prozedere, wie es später für viele vergleichbare Ritterorden üblich werden sollte. Am St.Georgstag trafen sich jedes Jahr alle Ordensmitglieder und feierten in Anwesenheit der heiligen Reliquien einen Gottesdienst, an den sich eine Jahresversammlung anschloss. Jedes der Mitglieder hängte sein Wappenschild im Ordenshaus auf und ein Stabmeister, der für die Zeremonie verantwortlich war, sorgte für das leibliche Wohl der Anwesenden „mit zweierlei gutem und reinem Wein, jedoch ohne Übermaß“.76 Im weiteren Verlauf der Jahresversammlung wurden Ordensangelegenheiten geklärt, beispielsweise Neuaufnahmen oder Ausschlüsse von Mitgliedern, die Zahlung von Beiträgen oder auch Strafzahlungen bei Verstößen gegen die Ordensstatuten.77 Auch ideelle und soziale Solidarität spielten eine wichtige Rolle in der Ordensgemeinschaft, in der „die Brüder freundlich und einander behilflich sein, in Not einander unterstützen, in Gefahren beistehen, einer für alle und alle für einen, jeden gefangenen Bruder sollte der Verein oder jede einzelne vermögliche Bruder auslösen, Witwen und Waisen jedes Bruders sollten auf adlige Unterstützung des Vereins zu standesgemäßem Leben rechnen dürfen.“78 Zweifelsohne mussten die Mitglieder eines solchen Ordens wohlhabend gewesen sein, damit der soziale Zweck, so wie er in der Quelle beschrieben wurde, gewährleistet werden konnte und im Hoch- oder Spätmittelalter war die materielle Situation eines Menschen in den allermeisten Fällen mit seiner Standeszugehörigkeit verknüpft. Da spielte auch das Geschlecht eine untergeordnete Rolle, denn der Stand war auch für die Frauen verpflichtend. Dem burgindischen Georgsritterorden hatte sich im Laufe seines Bestehens auch eine Schwesternschaft beigeordnet, die sogenannten „Damen von Rougemont“. Sie trugen als äußeres Erkennungszeichen das Bildnis des Heiligen zu Pferde mit dem Drachen zu Füßen an einem blauen Band um den Hals,79 womit sich wie auch bei vielen anderen Orden die Verbindung zwischen der Gemeinschaft und dem Kleinod als zugehöriges Erkennungszeichen manifestierte. Doch viel älter als Schmuckstücke, die die Zugehörigkeit zu einem Orden zeigen, sind die sogenannten Ordensgewänder oder auch Ordenstrachten. Der im Jahre 1190 in Akkon gegründete Deutsche Orden sollte dabei mit seiner Symbolik eine wichtige 75 Vgl. Honig, Werner: Die Ehre im Knopfloch. Orden und Ehrenzeichen im Wandel der Zeit. Bergisch Gladbach 1986. S. 29. 76 Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 30. 77 Vgl. ebd., S. 30f. 78 Ebd., S. 31. 79 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 31. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 25 Rolle für die Stiftung deutscher Ehrenzeichen im 19. und 20. Jahrhundert haben. Zunächst trugen die Ritter des „Hospital St. Mariens der Deutschen zu Jerusalem“, wie der Orden sich offiziell nannte, weiße Mäntel, was jedoch den Templerorden zu einem Protest bei Papst Innozenz III. veranlasste, da dessen Angehörige das alleinige Recht in Anspruch nahmen, weiße Mäntel zu tragen.80 Die Legitimation dafür zogen die Templer aus den Beschlüssen der Synode von Troyes (1128), wonach ihnen das weiße Gewand des Zisterzienserordens zugewiesen wurde.81 Papst Eugen fügte 18 Jahre später dem Mantel ein rotes Kreuz zu, das auf der Brust getragen werden sollte.82 Der Deutsche Orden etablierte schließlich, auch mit Unterstützung Kaiser Friedrichs II, den weißen Mantel, der sich nun durch ein schwarzes Kreuz auf der Brust von den Gewändern des Templerordens unterscheiden sollte.83 Papst Gregor IX. beendete schließlich den sogenannten Mantelstreit, indem er dem Templerorden untersagte, sich nachhaltig über die Mäntel des Deutschen Ordens zu beschweren.84 Die wiederholte Beschwerde der Templer zeigt jedoch, wie wichtig ihnen ein Alleinstellungsmerkmal, insbesondere in Form des auffallenden weißen Mantels gewesen ist, denn das Ansehen, das mit der Mitgliedschaft in einem Orden verbunden war, basierte auf der Identifikation mit einem äußeren Zeichen: man wollte als Ritter des Templerordens erkannt werden. Welche Bedeutung dem Deutschen Orden bei der Stiftung des Eisernen Kreuz noch zukommen soll, darauf wird in einem der folgenden Kapitel noch eingegangen. Im Spätmittelelter formierten sich die ersten weltlichen Hof- und Ritterorden, die aus den geistlichen Ritterorden hervorgingen, was durch den Umstand erleichtert wurde, dass „die Mitglieder beider, der geistlichen wie der profanen Orden, aus denselben Ständen und aus denselben Familien stammten.“85 Ursächlich für deren Entstehung waren einerseits der intensive Ausbau höfischen Lebens und andererseits die Gründung von Bünden und Gemeinschaften als gesamtgesellschaftliches Phänomen, um die Interessen und Ziele bestimmter Schichten und Berufsgruppen zu verfolgen.86 So gab es beispielsweise die Martinsvögel in Schwaben oder die Gesellschaft vom Stern in Hessen, sowie Patrizierbünde und Rittergesellschaften, die oftmals nur sehr kurzlebig waren und ein Gegengewicht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zur Allmacht der Fürsten und Landesherren bilden sollten.87 Diese wiederum waren daran interessiert, ihre Macht zu festigen und Gefolgschaft an sich zu binden. Der erste heute auch noch existierende weltliche Ritterorden ist der britische Hosenband-Orden („Hochedler Orden vom Hosenbande“), um dessen Gründung im Jahre 1348 sich verschiedene Mythen ranken. Einer zufolge soll König Edward III. das Strumpfband einer Hofdame aufgehoben und einigen Rittern gesagt 80 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz, S. 23. 81 Vgl. ebd. 82 Vgl. ebd. 83 Vgl. ebd. 84 Vgl. ebd. 85 Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 23. 86 Vgl. ebd. 87 Vgl. ebd., S. 23f. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 26 haben, „dass sie es sich [bald] zur höchsten Ehre anrechnen [ließe], ein solches Strumpfband, a garter, tragen zu dürfen.88 Ein weiterer Ausspruch des Königs in diesem Zusammenhang soll gewesen sein: „Hony soyt qui mal y pense.“89 (ein Schelm, wer Böses dabei denkt) als er sich selbst das Strumpfband anlegte. Daraus ergab sich schließlich das Motto des heute noch bestehenden Ordens.90 Diese Gründungslegende stammt aus dem 16. Jahrhundert und hat nicht sehr viel mit der tatsächlichen Motivation König Edwards III. zu tun diesen exklusiven Hoforden zu gründen, auch wenn bis heute nicht geklärt ist, wie der Orden schließlich zu seinem Namen kam. Stattdessen dürfte es sich um einen Gründungsprozess gehandelt haben, an dessen Anfang die Idee Edwards stand, eine neue Tafelrunde mit 300 Rittern zu gründen, so wie es einst der legendäre König Artus getan hatte.91 Über die Statuten des Hosenbandordens aus der Gründerzeit wissen wir nur wenig, da alle hierzu relevanten Quellen zu Beginn des 15. Jahrhunderts einem Brand zum Opfer gefallen sind.92 Heinrich VIII. erneuerte die Statuten im Jahr 1519. Der Souverän des Ordens war gleichzeitig der König von England und um sich herum versammelte er eine Zahl von 25 Rittern des Ordens, sowie 26 Weltgeistliche und 26 Veteranenritter, die ihrer Abstammung nach berechtigt waren, Mitglieder des Ordens zu sein, jedoch in erster Linie aus karitativen Gründen zu den Ordensversammlungen eingeladen wurden (sogenannte „verarmte Ritter“).93 Die Aufnahme in solch einen Orden war indessen für beide Seiten, den Aufnehmenden und den Aufgenommenen, von großer Bedeutung. Der König sicherte sich die Loyalität und Treue seiner Ritter, die als Kardinaltugend angesehen wurde, während die Ritter von der Exklusivität des Ordens profitierten, indem sie in ihren Einflusssphären durch die Aufnahme in den Orden und folglich der Nähe zum König hohes Ansehen genossen. Dabei hing das Ansehen des Ordens ganz entscheidend von der Mitgliederzahl ab. Auch heute noch ist die Mitgliederzahl des Hosenbandordens auf 26 lebende Personen begrenzt, Mitglieder des Königshauses und ausländische Ritter nicht mitgezählt. Gegenwärtig in diesen Orden aufgenommene Briten sind zu allermeist adliger Herkunft oder hochverdiente Personen des öffentlichen Lebens wie zum Beispiel John Major, Edmund Hillary oder Margaret Thatcher.94 Eine Besonderheit stellt die Aufnahme ausländischer Monarchen in den Hosenbandorden dar, die später auch noch beispielhaft für andere Orden sein sollte, denn der Orden fungierte zugleich als „Instrument der Diplomatie“95. Zunächst wurden andere Souveräne noch in den Hosenbandorden gewählt, wie es bei König Heinrich III. (1402) von Kastilien der Fall gewesen war, weiterhin bei Erich I. von Dänemark 88 Ebd., S. 24. 89 Ebd., S. 26. 90 Vgl. ebd. 91 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 26. 92 Vgl. ebd., S. 27. 93 Vgl. ebd. 94 Vgl. http://www.royal.gov.uk/monarchUK/honours/Orderofthegarter/orderofthegarter.aspx oder auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Tr%C3%A4ger_des_Hosenbandordens (Stand 01.09.2014). 95 Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 28. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 27 (1404) und Johann I. von Portugal (1408).96 Noch heutzutage ist es üblich, Diplomaten mit Orden auszuzeichnen, bzw. sie aufzunehmen, sobald sie ihren Dienst in dem Land beenden, in dem sie akkreditiert wurden. Es hat sich zu einer symbolischen Geste entwickelt, deren Unterlassung gegebenenfalls als Affront aufgefasst wird. Als im Juli 2014 der israelische Botschafter in Brasilien, Rafael Eldad, bei seinem Abschied nicht mit dem Großkreuz des brasilianischen Ordens vom Kreuz des Südens ausgezeichnet wurde, wurde dies als Protest der brasilianischen Regierung gegen die israelische Intervention im Gaza-Streifen gewertet.97 Zu den historischen Ritterorden, die im ausgehenden Mittelalter gestiftet wurden, zählen neben dem englischen Hosenbandorden98: – der savoyische Höchste Orden der Verkündigung, gestiftet 1362 durch Graf Amadaeus VI., – der dänische Elefanten-Orden, gestiftet 1462 durch König Christian I., – das Goldene Vlies, gestiftet 1430 durch Philipp den Guten, Herzog von Burgund, – der Hubertus-Orden in Bayern, gestiftet durch Herzog Gerhard IV. im Jahre 1444. Diese Orden erlaubten allesamt nur eine begrenzte Anzahl von Mitgliedern und drei von ihnen entlehnten sich einer Sage oder Legende. Der Herzog von Burgund, der selbst das Angebot, als Ritter in den Hosenbandorden aufgenommen zu werden99, ausschlug, griff auf die antike Argonautensage zurück und Herzog Gerhard IV. berief sich wieder einmal auf ein christliches Motiv, den heiligen Hubertus, der im 7. Jahrhundert von einem prächtigen Hirsch bekehrt worden sein soll und daher als Schutzheiliger der Jagd gilt. Wer Mitglied eines Ordens war, der konnte nicht gleichzeitig einem anderen zugehörig sein, so gebot es die Exklusivität. So teilten sich die Souveräne und Aristokraten Europas in regelrechte Ordenszirkel auf, so wie sich heutzutage nach politischen Parteien und Fraktionen orientiert wird. Während beim Hosenbandorden der militärische Aspekt der Ordensgründung umstritten bleibt (so fällt die Stiftung in einen zeitlichen Zusammenhang mit der Schlacht bei Crécy, in der nach landläufiger Diktion die englischen Langbogenschützen dem vermeintlich ritterlichen Zweikampf ein jähes Ende setzten), verpflichteten sich die Mitglieder des Ordens vom Goldenen Vlies der Unterstützung eines Waffengangs für den christlichen Glauben.100 Die weltlichen Ritterorden erlegten sich nach dem Vorbild der geistlichen Ritterorden feste Regeln und Ordensstatuten auf. Ihre Mitglieder trugen als äußeres Zeichen eine spezielle Ordenstracht, die zu besonderen Anlässen getragen wurde sowie die Ordensinsignien in Form eines Kleinods, das immer mehr an Bedeutung gewinnen sollte. Die Trachten sind heute noch bei ganz wenigen Orden existent, in der Regel nur bei sehr traditionsreichen, sprich alten Orden, wenn diese über eine über- 96 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 28. 97 http://www1.folha.uol.com.br/internacional/en/world/2014/07/1493718-israeli-ambassador-in-bra zil-leaves-office-without-receiving-order-of-distinction.shtml (Stand 02.09.2014). 98 Vgl. Sauerwald, Peter: Über die Aufnahme von fürstlichen Standespersonen in den Preußischen Schwarzen-Adlerorden im Jahre 1708. In: Orden und Ehrenzeichen Nr. 52 (2007). Hof 2007. 99 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 28. 100 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 29. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 28 schaubare, also limitierte Mitgliederzahl verfügen, wie etwa dem Hosenbandorden. Andere Orden wie zum Beispiel der preußische Rote-Adlerorden, der immerhin seit 1705 existierte und sich im Laufe des 19. Jahrhundert zu einem Verdienstorden wandelte, verfügte über keine Ordenstracht mehr. Der bayerische Georgsorden allerdings schon. Bis 1918 wurde alljährlich am 23. April, dem Georgstag, in München eine Parade abgehalten, bei der der bayerische König nach einem Gottesdienst als Ordensherr „im prächtigen Ornate den Zug der Georgsritter anführte und die einzelnen Ordensmitglieder, von Pagen geleitet, die Front des Inf. Leib-Regiments abschritten auf dem Wege von der Georgskapelle zum Hofgarten [...]“101 Die Ordensstiftungen im Spätmittelalter, aber auch in der frühen Neuzeit, waren oftmals nicht zufällig an bestimmte Ereignisse geknüpft. Die Gründung, bzw. Stiftung des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler in Preußen fand genau einen Tag vor der Selbstkrönung des Kurfürsten Friedrichs III. von Brandenburg zum preußischen König statt, nämlich am 18. Januar 1701. Auf eine bestimmte zeremonielle Ordensaufnahme, bzw. Verleihung sei an dieser Stelle noch eingegangen, weil sie sich doch vom Ordenswesen im Spätmittelalter in einigen Punkten erheblich unterscheidet. Die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“ des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde nur an die Mitglieder einer einzigen Adelsfamilie, nämlich derer von Dalberg, verliehen. Es handelte sich hierbei um eine symbolische Ordensaufnahme, bzw. einen symbolischen Ritterschlag. Die Freiherren von Dalberg waren ein Ministerialengeschlecht, das dem Wormser Bischofssitz entsprang und seit dem 15. Jahrhundert in Diensten des römischen Kaisers stand.102 Seit der Kaiserkrönung Friedrichs III. im Jahre 1452 ist uns eine Zeremonie überliefert, wonach der Kaiserliche Herold dreimal rief: „Ist kein Dalberg da?“, woraufhin das Familienoberhaupt der Dalbergs hervortrat, um dem gerade gekrönten Kaiser als erster zu huldigen, um von diesem wiederum als erster zum Reichsritter geschlagen zu werden.103 Dieses Privileg geht wohl auf die Tapferkeit eines Dalbergs zurück, der unter Friedrich Barbarossa mit deutschen Rittern die Tiberbrücke gegen die Italiener verteidigt haben soll, womit des Kaisers' Rückzug gesichert worden sein soll.104 Seither und bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation blieb den Dalbergs nicht nur die erbliche Kämmererwürde, sondern auch die Teilnahme an diesem Brauch, die zweifelsohne mit einem hohen Ansehen am Hofe verknüpft gewesen sein dürfte. Diese Geste an sich rückt den Ritterschlag noch nicht in den Fokus phaleristischer Forschung. Erst das bereits zur Zeit Kaiser Maximilians I. erwähnte „Cleinot und gezierde“105 dürfte die Dekoration des Ersten Erblichen Ritters zu einem der ersten Ordenszeichen überhaupt machen, von dem seit 1738 auch genaue Bestimmungen über Aussehen und Trageberechtigung vorliegen: 101 Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 29. 102 Vgl. Autengruber, Michael: Die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“ des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. In: Orden und Ehrenzeichen Nr. 49 (2007). Hof 2007. S. 2. 103 Vgl. Autengruber: Die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“, S. 2. 104 Vgl. Kneschke, Ernst Heinrich: Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon. Bd.II. Leipzig 1860. S. 403f. 105 Autengruber: Die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“, S. 3. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 29 „[...] in einem hierbey abgezeichneten Gezierd eines doppelten Adlers mit der kayserlichen Cron und guldenen Schein um die Köpff, den Reichsapffel in der linken, Schwert und Scepter in der rechten Klauen haltend, mit einem mit vier Diamanten besetzten ovalen Schild [...]“106 Trageberechtigt waren die jeweils ältesten männlichen Familienmitglieder derer von Dalberg, die auch gleichzeitig die Kämmererwürde innehatten.107 Sollte diese Personalunion nicht bestehen, das heißt, war das Familienoberhaupt nicht gleichzeitig Kämmerer, so musste zwischen Besitz und Zeremonie unterschieden werden. Bei den Kaiserkrönungen von 1790 und 1792 war Karl Theodor Freiherr von Dalberg der Senior des Hauses, nicht aber Kämmerer des Hochstifts zu Worms, da er aufgrund seiner geistlichen Laufbahn auf dieses Amt verzichtete, welches dafür wiederum sein Bruder Wolfgang Heribert in Anspruch nahm.108 Nachdem also Wolfgang Heribert von Dalberg bei der Kaiserkrönung von 1790 zum ersten Ritter des Reiches geschlagen wurde, gelangte das Ordenszeichen in den Besitz des eigentlichen Familienoberhauptes Karl Theodor. Dieser war, wie Kaiser Karl VI. es 1738 bestimmte, wohl auch trageberechtigt, für den Fall, dass die Personalunion nicht bestünde.109 Ironischerweise war der letzte Träger der Würde des „Ersten Erblichen Ritters“, Karl Theodor von Dalberg maßgeblich an der Abwicklung des Altreiches und dem Aufbau einer neuen Kirche als Fürstprimas des Rheinbundes beteiligt.110 Was die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“ betrifft, so ist dieses Phänomen in der Ordensgeschichte wohl einmalig. Es handelt sich um einen Orden, der ganz ursprünglich mit dem Ritual der Ritterschlagung verbunden war, noch zu einem Zeitpunkt, als dies für die allermeisten Ritterorden keine Rolle mehr spielte. Gleichzeitig wies er die kleinste Anzahl an Mitgliedern auf, nämlich einen pro Generation und das auch nur aus einer einzigen Familie. Autengruber bezeichnet ihn zu Recht als einen Reichsorden, dessen äußerst seltenes Kleinod im Jahre 2007 bei einer Auktion für 35.000 Euro ausgerufen wurde.111 Die Ehre und das Ansehen, welche mit der Aufnahme in einen Hoforden verbunden waren, wurden bei den streng limitierten Mitgliederzahlen bereits im Spätmittelalter zu einem begehrten Gut, das sich unter Umständen mit finanziellen Mitteln beschaffen ließ. Besonders am Heiligen Stuhl praktizierte man die Gründung weltlicher Hoforden als Mittel die finanzielle Situation des Staates aufzubessern: „Leo X. stiftete 1521 den Orden vom heiligen Peter. Von den 24 Ordensmitgliedern verlangte er zwar 1000 Gulden Aufnahmegeld, übertrug ihnen aber die Aufsicht über die Tulfaer Werke.“112 Zusätzlich erhielten sie noch den erblichen Titel Pfalzgraf von Lateran und waren nun Teil eines exklusiven Zirkels im Umfeld des heiligen Vaters und weiterhin 106 Ebd. 107 Vgl. ebd. 108 Vgl. ebd. 109 Vgl. ebd. 110 Vgl. ebd., S. 4. 111 Künker, Fritz Rudolf: Auktionskatalog 128 Orden und Ehrenzeichen. Osnabrück 2007. S. 12. 112 Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 108. Bei den Tulfaer Werken handelte es sich um Alaunwerke, die zu den Krongütern des Kirchenstaats gehörten. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 30 noch wirtschaftlich mit ihm verflochten.113 Mit dem Petersorden, einer goldenen Medaille, die an einer goldenen Kette getragen wurde, zogen die Ritter des Ordens folglich an den Krönungstagen der Päpste in rotem Ornat durch Rom, bis schließlich Papst Pius V. deren Privilegien deutlich beschnitt, indem er die Zeremonien für die Petersritter eingrenzte, den Adelstitel entzog, genauso wie die Aufsicht über die Tulfaer Alaunwerke.114 Die Mitgliedschaft im Petersorden war nach wie vor erwerbbar, jedoch waren damit neben dem Ansehen nur noch ein paar öffentliche Ämter im Kirchenstaat verbunden.115 Finanzielle Gründe führten auch zur Stiftung eines weiteren vatikanischen Ordens, nämlich dem Orden des heiligen Paulus. Papst Paul III. rief ihn 1540 ins Leben, da er zeitnah 200.000 Scudi benötigte.116 Der Orden war auf 200 Mitglieder beschränkt, was für damalige Verhältnisse eine sehr hohe Zahl war, aber nur so kam der Papst schließlich auf eine beachtliche Summe von 100.000 Scudi Mitgliedsgebühr.117 Neben dem Ordenszeichen, das einen nackten Arm mit einem Schwert in der Faust zeigte, durften die Paulusritter eine Lilie in ihrem Familienwappen tragen und erhielten einen entsprechenden Zusatz zu ihren bereits vorhandenen Titeln.118 Mit dem Paulusorden waren allerdings keine wirtschaftlichen Privilegien mehr verbunden, in Form von Ämtern oder Aufsichtsfunktionen, sondern es wurde vielmehr mit dem Ansehen des Ordens und der damit verbundenen Ehre „gehandelt“. Der Heilige Stuhl bot eine ganze Reihe solcher Orden auf, die meistens keinen langen Bestand hatten und von denen Titel übriggeblieben sind, die heute noch getragen werden. Giacomo Casanova beschreibt in seinen Memoiren anschaulich, wie ihm als Angehöriger der Aristokratie ein solcher Orden angeboten wurde: „Um zwei Uhr nachmittags ließ sich ein Kammerherr Seiner Heiligkeit beim Cavaliere Mengs anmelden. Wir waren alle noch bei Tisch. Er fragte gleich, ob ich hier wohne, und Mengs stellte mich vor. Daraufhin übergab er mir im Auftrag Seiner Heiligkeit das Ordenskreuz vom Goldenen Sporn mit der Verleihungsurkunde und außerdem eine gesiegelte Urkunde, die mich als Doktor des bürgerlichen und kanonischen Rechts zum Apostolischen Protonotar extra urbem ernannte. [...] Mengs als mein Ordensbruder umarmte mich sogleich; aber ich hatte vor ihm voraus, daß ich nicht dafür bezahlt hatte. Den Cavaliere Mengs hatte die Ausstellung der Verleihungsurkunde fünfundzwanzig Scudi gekostet.“119 Diese sehr interessante Quelle zeigt uns die tatsächliche Verleihungspraxis der „erwerbbaren“ Ordensmitgliedschaften im Vatikan. Casanova selbst rechnete nicht mit einer Verleihung und hatte auch nicht um eine solche gebeten, vielmehr wurde sie ihm angetragen, obgleich er nicht dafür bezahlt hatte, wie sein Bekannter Mengs. 113 Vgl. ebd., S. 109. 114 Vgl. ebd. 115 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 109. 116 Vgl. ebd. 117 Vgl. Ramelsberg, Johannes Wilhelm.: Beschreibung aller sowohl noch heutiges Tages florirenden als bereits verloschenen Geist- und Weltlichen Ritter-Orden in Europa. Berlin 1744. S. 72. 118 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 110. 119 Casanova, Giacomo: Geschichte meines Lebens. Band 7. Frankfurt/Main – Berlin 1965. S. 251. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 31 „Alles kostet Geld, und für Geld erhält man in der heiligen Stadt alles.“120, schreibt Casanova weiterhin und heftet sich das Kreuz mit dem roten Band um den Hals. Ursprünglich wurde der Orden für Verdienste in Kunst und Wissenschaft verliehen, doch aufgrund der hier exemplarisch beschriebenen Verleihungspraxis verlor er rasch an Ansehen.121 Zunächst freute sich Casanova über die Verleihung und plante weiterhin, das Kleinod mit Edelsteinen zu verzieren „um damit in Neapel Staat zu machen.“122 Doch bei seinen zahlreichen Auslandsbesuchen musste er schließlich feststellen, dass ein Orden, in den sich jeder hineinkaufen konnte, kein hohes Ansehen besaß: „Ich legte es fünf Jahre später in Warschau ab, als mich der russische Großfürst Czartoryski fragte, was ich denn mit diesem Kreuz wolle. Einen solchen Kram tragen heute nur noch die Scharlatane, sagte er.“123 Selbst innerhalb des diplomatischen Korps, in denen Ordensverleihungen bereits im 18. Jahrhundert zum guten Ton gehörten und mehr symbolischen Charakter hatten als einen tatsächlichen Verdienst, hatten die Orden des Heiligen Stuhls einen sehr niedrigen Stellenwert: „Aber die Päpste verleihen es den Gesandten, obwohl sie wissen, daß diese es ihren Kammerdienern schenken; es ist sehr leicht, so zu tun, als wisse man etwas nicht, und einfach weiterzumachen.“124 Das Beispiel Casanovas verdeutlicht sehr eindrucksvoll, dass die Aufnahme in einen weltlichen Ritterorden und die damit verbundene Übergabe eines Ordensschmucks zwar einen rechtlichen Anspruch nach sich zog, diese Ordenszeichen zu tragen, jedoch keine Garantie dafür war, dass die Träger gegenüber anderen Personen ihres sozialen Milieus ein höheres Ansehen genossen.125 Nach den Betrachtungen des Soziologen Justin Stil läge in diesem Fall eine Störung im Prozess des Auszeichnungswesens vor. Demnach habe eine Auszeichnung einen Sender und einen Empfänger, die durch ihre jeweilige Interaktion dessen Wert begründen. Zu Beginn steht demnach die Akzeptanz eines Ordens, die aus der Autorität des Stifters erwächst.126 Bis zum heutigen Tage genießt der Papst als religiöse Autorität hohes Ansehen, auch in Ländern, die nicht christlich geprägt sind. In der Stiftungszeit des Ordens vom Goldenen Sporn, also im 16. Jahrhundert, kam auch noch die bedeutende politische Autorität des Papstes hinzu, somit waren die Merkmale für eine hohe Akzeptanz des Ordens durch seinen Stifter gegeben. Im Gegenzug muss der Stifter auch die „Richtigen“ in 120 Ebd. 121 Ebd., S. 377. 122 Ebd., S. 252 123 Ebd. 124 Casanova: Geschichte meines Lebens, S. 252. 125 Vgl. Heinz, Karl Eckhart: Titel, Orden und Ehrenzeichen – Gesellschaftlicher Rang als Rechtsanspruch. In: Bayerische Verwaltungsblätter. Zeitschrift für öffentliches Recht und öffentliche Verwaltung, Bd. 138 (2007). S. 745-750. München 2007. 126 Vgl. Stagl, Justin: Orden und Ehrenzeichen. Zur Soziologie des Auszeichnungswesens. In: Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive. Konstanz 2001. S. 177f. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 32 einen Orden aufnehmen, bzw. an jene verleihen, sonst stimmt die Erwartungshaltung mit der gegebenen Akzeptanz nicht überein.127 Die richtige Personengruppe auszuzeichnen oder aufzunehmen, färbt also in nicht geringem Umfang auf den Stifter ab: „Wer indes den Richtigen auszeichnet (oder zeichnet), mehrt damit zugleich seine Autorität, im Namen der Gemeinschaft zu handeln; er zeichnet sich also gleichsam selber mit aus.“128 Wenn der Papst also einen Orden stiftete, in den eine begrenzte Zahl an Rittern aufgenommen werden durfte, schaffte er die Voraussetzungen für dessen hohes Ansehen, doch entwertete ihn wieder, wenn die Mitgliedschaft mit der Zahlung eines Beitrages erkauft werden konnte. Weder Verdienste noch die Nähe zum Stifter und verbunden damit eine gewisse Wertschätzung durch ihn zeichneten den Träger aus. Dies warf ein schlechtes Licht auf den Papst und die von ihm gestifteten Orden, sodass bald darauf das Tragen der Ordensinsignien kein Ansehen mehr versprach oder möglicherweise sogar belächelt wurde, wie es uns in der Quelle durch Casanova und den russischen Großfürsten Czartoryski überliefert wurde. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte sich langsam die Praxis durch, dass Souveräne Orden für Verdienste verleihen, auch wenn Adlige, insbesondere die Angehörigen fürstlicher Familien, weiterhin qua Geburt prädestiniert für die Erlangung höchster Ordensklassen waren. 127 Vgl. ebd., S. 179. 128 Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 179. 1. Geistliche und weltliche Ritterorden im Mittelalter 33 Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. Mit der Ausprägung höfischen Lebens in der frühen Neuzeit und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Differenzierung veränderte sich auch das Ordenswesen. Herfurth konstatiert bereits für das späte 17. Jahrhundert als wesentliche Veränderung zum spätmittelalterlichen Ordenswesen: „Das Neue bestand darin, dass hier nicht mehr der Orden Handlungssubjekt war, sondern die Dynastie, der Staat.“129 Die in dieser Zeit gestifteten Orden erfüllten gleich mehrere Zwecke. Zum einen waren die Mitglieder der jeweiligen herrschenden Familie durch das Ordenskleinod nach außen hin erkennbar, auch wenn sie in andere Dynastien hineingeheiratet hatten.130 Zum anderen waren Aufnahmen in einen Orden oder auch Ordensverleihungen ein Mittel der Diplomatie, „um Bündnisse zu schließen und das höfische Repräsentationsbedürfnis zu befriedigen.“131 Für letzteren Zweck spielte die Exklusivität eine entscheidende Rolle, da nur niedrige Verleihungs- und Aufnahmezahlen ein entsprechend hohes Ansehen garantierten. Bürgerliche Herkunft war in vielen der nachfolgenden Orden ein absolutes Ausschlusskriterium, auch wenn sich im 19. Jahrhundert bei einigen (!) der Orden diese Bestimmungen lockerten oder zumindest eine Verleihung des erblichen oder persönlichen Adelstitels der Aufnahme in den Orden einherging. Die bedeutendsten Hausorden, die ihren Ursprung in der frühen Neuzeit haben, waren: – der russische St. Andreas-Orden, gestiftet 1698 von Zar Peter I., dem Großen – der preußische Hohe Orden vom Schwarzen Adler, gestiftet 1701 von König Friedrich I. – der polnische Orden vom Weißen Adler, gestiftet 1705 von König August II., dem Starken – der badische Hausorden der Treue, gestiftet 1715 von Markgraf Wilhelm von Baden-Durlach – der schwedische Seraphinen-Orden, neu statuiert 1748 von König Friedrich I. – der österreichische Orden vom Goldenen Vlies, erneuert 1757 von Kaiserin Maria Theresia – der sächsische Orden der Rautenkrone, gestiftet 1807 von König Friedrich August I.132 Einige dieser Orden wurden bereits im vorherigen Kapitel als weltliche Ritterorden aufgezählt (z.B. der Orden vom Goldenen Vlies). Sie wurden demnach im Laufe ihrer Existenz erneuert, bzw. reformiert. Bei einem Orden bedeutete die Restitution, dass die Verleihungsbestimmungen und das Aussehen des Kleinods verändert oder auch 2. 129 Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 103. 130 Vgl. ebd. 131 Ebd. 132 Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 103. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 34 bestätigt wurden, ferner konnte der Stifter die Klassen des Ordens weiter ausdifferenzieren, wie es im 19. Jahrhundert bei vielen Verdienstorden der Fall gewesen war. So wurde zum Beispiel eine Klasse hinzugefügt oder eine Verdienstmedaille als niedrigste Stufe dem Orden affiliiert. Die oben genannten Hausorden waren allerdings allesamt einklassig, auch sprach man nicht von der Verleihung eines Ordens, sondern noch von der Aufnahme in den Orden. Hier waren durch die Einklassigkeit alle Ordensmitglieder gleich, nur der Großmeister, der in allen Fällen auch der Souverän war, war ihnen vorgesetzt.133 Diese Eigenschaft hatte sich seit der Existenz geistlicher und weltlicher Ritterorden erhalten. Die Funktion des Großmeisters eines Hausordens hatte der Monarch in der Regel mit seiner Krönung übernommen. Justin Stagl konstatiert für die Gründung von Hofund Hausorden eine Domestizierung des Rittertums, die für die einzelnen Mitglieder Verpflichtungen mit sich brachten, deren Adressat der Fürst, bzw. Souverän war.134 Auch innerhalb adliger Kreise konnte durch stark limitierte Aufnahmen in einen Orden noch einmal differenziert werden, da das Bedürfnis befriedigt werden konnte, mehr Ansehen und damit Ehre als andere zu erwerben und sich vor ihnen auszuzeichnen: „Sie fungierten nunmehr in ihrem jeweiligen Umfeld als lebende Symbole, der durch ihn repräsentierten Wert- und Herrschaftsordnung“.135 Da auch an den Höfen Europas die Menschen bürgerlicher Herkunft in immer größerer Zahl vertreten waren und eingebunden wurden, man denke vor allem an die zahlreichen Komponisten, Künstler und Schriftsteller, die von etlichen Fürsten protegiert wurden, ist deren Aufnahme in den erblichen oder persönlichen Adelsstand als Zugeständnis der Souveräne an diese gesellschaftlichen Entwicklungen zu werten. Ziel war es, die Angehörigen des aufstrebenden Bürgertums an sich zu binden, was von den bürgerlichen Rezipienten zweifelsohne als Belohnung für Verdienste angesehen worden sein dürfte. Damit ist der Übergang zum Verdienstorden sicherlich flie- ßend, wenn dies in den Statuten auch nicht so formuliert wurde. Im 18. Jahrhundert blieb die Aufnahme von Bürgerlichen in einen Hausorden jedoch die Ausnahme. Am Beispiel des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler lässt sich deutlich machen, dass dieser Übergang durch die gesellschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert notwendig wurde und sich in den Statuten und in der Verleihungspraxis widerspiegelte. Einen Tag vor der Proklamation des Königreichs Preußen, am 17. Januar 1701, wurde Der Hohe Orden vom Schwarzen Adler als Haus- und Hoforden zunächst für die Familie des regierenden Hauses gestiftet, wobei die Anzahl der inländischen Mitglieder auf maximal 30 festgesetzt wurde.136 Die umfassenden Statuten des Ordens wurden vom Oberzeremonienmeister von Besser in enger Absprache mit Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (später König Friedrich I. von Preußen) verfasst und orientierten sich weitgehend an den Ordensbestimmungen andere europäischer Hof- 133 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 103. 134 Vgl. Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 183. 135 Ebd. 136 Vgl. Gritzner, Maximilian: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden aller Kulturstaaten der Welt innerhalb des XIX. Jahrhunderts. Leipzig 2000 (Reprint von 1893). S. 351. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 35 und Hausorden.137 Diese wiederum waren bereits das Ergebnis eines jahrhundertelang gewachsenen Protokolls gewesen, das die Erfahrungen mit den verschiedenen Formen von Orden beinhaltete, angefangen bei den weltlichen Ritterorden über die Hof- zu den Haus- und Ritterorden. Das Reglement für den Schwarzen-Adlerorden wies für damalige Verhältnisse eine moderne Ausrichtung auf, deren Vorbild im höfischen Leben und dem Ordenswesen Frankreichs lag.138 Doch auch Einflüsse aus den Statuten des Hosenbandordens, um dessen Mitgliedschaft sich Friedrich redlich bemühte, wurden geltend gemacht. Bereits sein Vater, der Große Kurfürst, war Mitglied in diesem höchsten englischen Orden und sein Sohn eiferte nachweislich um eine Aufnahme.139 Welchen hohen Stellenwert die Aufnahme in den englischen Hosenbandorden hatte, lässt sich auf den Portraits Friedrichs III., die seit der Ordensaufnahme 1690 entstanden, nachvollziehen. Bis zur Stiftung seines eigenen Ordens ließ er sich nämlich ausschließlich mit den Insignien des Hosenbandordens verewigen und ließ darüber hinaus eigens eine Medaille kreieren, um an das Ereignis der Aufnahme zu erinnern.140 Um den Hohen Orden vom Schwarzen Adler an den europäischen Höfen bekannt zu machen, wurde ein Aufnahmereglement, sprich die Statuten des Ordens, im Jahre 1708 gedruckt und versendet. Der unter dem Motto suum cuique stehende Orden richtete sich zunächst wie seine europäischen Vorbilder an Monarchen und ihnen gleichgestellte Personen, um insbesondere die inländischen Ritter nachhaltig an den Souverän zu binden. Das Ordenszeichen war ein blau emailliertes Malteserkreuz mit goldener Bordierung, wobei sich zwischen den Kreuzarmen jeweils ein schwarzer Adler befand. Das Band des einklassigen Ordenszeichens war in orange gehalten, zur Erinnerung an die Mutter des ersten preußischen Königs, Luise Henriette von Oranien, die aus den Niederlanden stammte.141 Materiell weniger aufwändig gestaltet waren zunächst die Bruststerne zum Orden, die im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Pappe, Leder, Seide, Silberlahn und Pailletten bestanden, bevor sie später dann aus Metall und Gold gefertigt wurden.142 Auf die Unveränderlichkeit des äu- ßeren Erscheinungsbildes legte König Friedrich I. großen Wert, indem er in den Ordensstatuten manifestieren ließ: „ [...] also wollen Wir auch allen Unsern Nachkommen an der Preußischen Kron ausdrücklich aufgegeben, und sie verbunden haben, daß sie zum Andencken des Stifters und der neu-gestiffteten Krone, auch den mit dieser Krone zugleich gestiffteten Orden unver- 137 Vgl. Sauerwald: Über die Aufnahme von fürstlichen Standespersonen in den Preußischen Schwarzen-Adlerorden im Jahre 1708. In: Orden und Ehrenzeichen Nr. 52 (2007). Hof 2007. S. 11. 138 Vgl. ebd., S. 11f. 139 Vgl. ebd., S. 12. 140 Vgl. ebd. 141 http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungsk riege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen (Stand 10.10.2014). 142 http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungsk riege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen (Stand 10.10.2014). II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 36 ändert beybehalten, und selbigen dem Königreich Preußen auf ewig einverleibet seyn lassen sollen.“143 Die Existenz des Königreichs Preußen wird in dieser Passage mit dem des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler gleichgesetzt und symbolisch durch eben die Unveränderlichkeit des Ordenszeichens allegorisiert. Tatsächlich blieb die äußere Form des Schwarzen Adlerordens bis zum Ende seines Bestehens unverändert, wenn man von Abweichungen absieht, die durch modernere Herstellungsbedingungen im Laufe der Jahrhunderte verursacht wurden. Um inflationäre Verleihungen zu verhindern, wurde die Limitierung der Mitgliederzahl von Anfang an festgelegt und so als wesentliche Voraussetzung definiert, um das hohe Ansehen und den Bestand des Ordens langfristig zu sichern: „ [...] sondern es auch die Erfahrung gegeben, daß gewisse Ritterliche Orden, durch die große Menge derer, so dazu gelanget, in Verachtung gerathen, und endlich gar verfallen und erloschen, also wollen Wir die eigendliche Zahl der Ritter dieses Ordens auf dreyssig hiermit gesetzet und beschrenket haben [...].“144 Diese Formulierung schien aus damaliger Sicht notwendig, wenn man sich die zeitgenössische Verleihungspraxis im Vatikan vor Augen hält. Wie aus den Memoiren Giacomo Casanovas hervorgeht, hatten die Orden des Heiligen Stuhls im europäischen Ausland zuweilen kein besonders hohes Ansehen. Doch blieb im Laufe seiner Existenz auch der Schwarzer-Adlerorden nicht davor bewahrt, in seiner Mitgliederzahl die vorgeschriebene Zahl von 30 Rittern zu überschreiten. Zwar waren ausländische Souveräne und Repräsentanten von Anfang an von der Limitierung ausgenommen, ebenso die Söhne und Brüder des jeweiligen preußischen Königs, doch erwähnt Maximilian Gritzner in seinem 1893 erschienenen Handbuch der Ritter- und Verdienstorden: „Diese Anzahl (Anm.: gemeint ist 30) scheint nicht mehr festgehalten zu werden, war jedenfalls schon beim Regierungsantritt Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II. erheblich überschritten.“145 Weitere Auflagen waren, dass die Beliehenen nichtfürstlicher Herkunft bei Aufnahme in den Orden nicht jünger als 30 Jahre alt sein durften und Angehörige der königlichen Familie erst aufgenommen werden durften, wenn sie bei Erreichung des 10. Lebensjahres die Offiziersuniform empfingen.146 Bis zur Überarbeitung der Ordensstatuten unter König Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1848 war auch der Nachweis von acht adligen Vorfahren notwendig. Durch die Reform war auch die Verleihung des erblichen Adelstitels mit der Aufnahme in den Hohen Orden vom Schwarzen Adler möglich.147 143 http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler (Stand 11.10.2014). 144 http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler (Stand 11.10.2014). 145 Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 351. 146 Vgl. ebd. 147 Vgl. ebd. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 37 Wurde einer fürstlichen Standesperson die Ehre zuteil, in den Hohen Orden vom Schwarzen Adler aufgenommen zu werden, so wurde nach den 1701 erlassenen Statuten folgendermaßen verfahren: „Wenn Wir Königlichen Chur= und Fürstlichen Personen, ohne daß sie in Unserem Hoflager zugegen seyn, den Orden geben, so wird Ihnen solches durch ein Schreiben, so von dem Souverain unterschrieben, und von dem Ordens=Cantzler contrasigniret, bekannt gemachet, und lässet entweder solcher König, Churfürst und Fürst durch eine an Uns, als des Ordens Souverain, thuende Abschickung, die Insignia des Ordens abholen, oder aber, Wir wollen Ihm dieselbe durch Unseren Ordens=Ceremonien=Meister zusenden und überliefern lassen. Alle übrige aber, so in den Orden aufgenommen werden, müssen, zu Empfahung der Investitur, bei Unserm Hofe persöhnlich sich gestellen.“148 Erst anlässlich der 44. Aufnahme in den Orden, es handelte sich um den Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach im Jahre 1708, wurde dann in einem gedruckten Reglement der genaue Ablauf der Aufnahme bei Hofe beschrieben, einschließlich der Einkleidung des Aufzunehmenden und der musikalischen und zeremoniellen Gestaltung des gesamten Vorgangs.149 Der Herzog war über die Aufnahme in den Schwarzen-Adlerorden hocherfreut, so ließ er das Ordenszeichen in sein Wappen aufnehmen und sich im Ornat des Ordens porträtieren.150 Um das hohe Ansehen des Schwarzen-Adlerordens von Anfang an zu garantieren, wurden in den Statuten neben der nichtadligen Herkunft (bis 1848) noch weitere Ausschlusskriterien formuliert, die dem damaligen Ehrbegriff zweifelsohne zuwiderliefen. Als ehrmindernd galt in der frühen Neuzeit nicht nur die uneheliche Geburt, sondern auch nicht standesgemäßer Lebenswandel.151 Beide Umstände werden in den Ordensstatuten (Kapitel VII152) in Zusammenhang mit der Unvereinbarkeit einer Aufnahme ausdrücklich erwähnt. Ein vorheriger Eid auf diese Bestimmungen (Kapitel X und XI153) sollte hierbei die religiöse und rechtliche Garantie bekräftigen und den Orden und seine Gemeinschaft bei möglicher Nichteinhaltung schützen bzw. „rein halten“. Die Mitglieder des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler sollten ganz nach mittelalterlicher Tradition auch als solche zu erkennen sein und erhielten eine Ordenstracht, von der bis 1918 der Ordensmantel übrigblieb: „Derselbe ist von rotem Samt, mit himmelblauem Moiré gefüttert, wird mittels goldener Quastenschnüre am Halse zusammengebunden und ist links mit dem Ordensstern versehen.“154 Das Ordenskleinod bzw. die Ordenskette konnten dann zu jedem anderen Anzug getragen werden und mussten es sogar. Wenn ein Ritter öffentlich in Erscheinung trat, ohne das Ordenskreuz am orangefarbenen Bande zu tragen und dabei gesehen wurde, 148 Sauerwald: Über die Aufnahme, S. 10. 149 Vgl. ebd, S. 10f. 150 Vgl. ebd, S. 13. 151 Vgl. Speitkamp, Winfried: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord. Eine Geschichte der Ehre. Stuttgart 2010. S. 100 152 http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler/ (Stand 16.10.2014). 153 Ebd. 154 Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 354. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 38 so musste derjenige eine Strafe in Höhe von 50 Dukaten zahlen, die an ein Königsberger Waisenhaus abzuführen waren, beim zweiten Mal 100 Dukaten und wenn der Ritter ein drittes Mal ohne Kleinod in der Öffentlichkeit gesehen wurde, wurde er aus dem Orden ausgeschlossen (Kapitel XXIV).155 Dieser Abschnitt wurde mit der Überarbeitung der Ordensstatuten 1848 obsolet. Bereits mit dem ersten Herrscherwechsel im Königreich Preußen im Jahre 1713 änderte sich die Aufnahme- bzw. Verleihungspraxis des Schwarzen-Adlerordens. König Friedrich Wilhelm I. pflegte im Gegensatz zu seinem Vorgänger eine sparsame und auf Zweckmäßigkeit bedachte Hof- und Staatskultur, weshalb unter ihm die Aufnahme in den Orden zunehmend für Verdienste erfolgte, auch wenn er nicht den Charakter eines Verdienstordens besaß.156 Insgesamt bleibt seine Verleihungsgeschichte ambivalent. Friedrich der Große trug ihn als einziges Ordenszeichen stets an seiner Uniform und verlieh ihn an seine Generale in den zahlreichen Kriegen, die er führte. Andererseits bestrafte er Offiziere mit der Aberkennung des Ordens – so wie den General Friedrich August von Finck wegen seiner Kapitulation in Pirna oder General von Schmettau wegen seiner Übergabe Dresdens an die Österreicher.157 Kaiser Napoleon erhielt den Schwarzen Adlerorden ebenso wie seine Marschälle Murat und Talleyrand.158 Vielleicht mag es sich bei diesen Verleihungen um Beschwichtigungen seitens des preußischen Königs Friedrich Wilhelms III. gehandelt haben oder vielleicht auch nur um eine diplomatische Gepflogenheit. Wie der etablierte Kreis der Ritter des Schwarzen-Adlerordens über diese Aufnahmen gedacht haben mag, ist uns nicht überliefert. Aber es erscheint heute wie ein krasser Gegensatz, spätestens seit 1806, dass die Feinde und Sieger über das Königreich Preußen Mitglieder seines höchsten Ordens waren und es auch zu späterem Zeitpunkt blieben. Immerhin wurde es im Laufe des 19. Jahrhundert weiter so gehandhabt. Kaiser Napoleon III. wurde 1856 ebenfalls der Orden verliehen, genauso wie den meisten deutschen Souveränen, waren sie Preußen wohlgesinnt oder auch nicht. Besonders die Herzöge und Fürsten kleinerer deutscher Staaten trugen in Ermangelung eigener Hausorden auf Gemälden häufig nur den Bruststern zum Schwarzen-Adlerorden.159 Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen dann auch ihre eigenen dazu. Wer vom preußischen König und deutschen Kaiser bedacht wurde, in den elitären Kreis der Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler aufgenommen zu werden, wurde gegebenenfalls von der Öffentlichkeit begutachtet, ob er für diese Aufnahme auch würdig genug war. Tilo Wahl bemerkt in seinem Aufsatz Zur Verleihung des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler an Emil Graf und Herr von Schlitz, genannt von Görtz, dass man in zeitgenössischen Autobiographien im Kaiserreich und auch noch 155 http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler (Stand 16.10.2014). 156 Vgl. Sauerwald: Über die Aufnahme, S. 13. 157 Vgl. Stapf, Fred Frank: Rund um den Hohen Orden vom Schwarzen Adler. Geschichte und Geschichten. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik, Nr. 47.S 14. 158 Vgl. ebd, S. 13. 159 Vgl. ebd, S. 15. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 39 in der Weimarer Republik kritisch Stellung dazu nahm, wer in welchen Orden aufgenommen wurde und ob ihm dieser denn aus damaliger Sicht zustand.160 Der breiten Öffentlichkeit war im Kaiserreich die feine Ausdifferenzierung von Titeln, Ämtern und Orden gut bekannt. Der frühere Hofmarschall Kaiser Wilhelms II., Graf Robert Zedlitz-Trützschler äußerte sich in seinen 1924 erschienen Memoiren sehr erstaunt über die Aufnahme des Grafen von Görtz in den Schwarzen-Adlerorden: „Heute früh wurde das Coligny-Denkmal vor dem Schloß enthüllt. Der Kaiser verlieh hierbei dem Grafen Görtz, dem Schöpfer des Kunstwerks, den Schwarzen-Adler-Orden. Ich drückte darüber dem Kabinettschef, Exzellenz v. Lucanus mein Erstaunen aus. Dieser aber sagte: ‚Ja, der Kaiser kennt immer weniger irgendwelche Grenzen, ist gar nicht mehr zu halten und verleiht nun schon seinen höchsten Orden für Herstellung eines Denkmals‘. Daß der Graf Görtz überhaupt diesen Orden erhielt, wäre an sich diskussionsfähig gewesen, da er Chef eines reichsunmittelbaren Hauses ist, daß aber die Verleihung in diesem Augenblick erfolgte, setzte meiner Ansicht den Orden herab.“161 Kaiser Wilhelm II. verlieh in diesem Fall den höchsten preußischen Orden ereignisbezogen. Sicherlich haben persönliche Sympathien auch eine Rolle gespielt, wenn man sich die Beziehung des Kaisers und des Grafen von Görtz ansieht. Wilhelm II. wurde mit dem Grafen Görtz in Kindheitsjahren durch dessen Zivillehrer Dr. Georg Hinzpeter bekannt gemacht und pflegte mit ihm eine lebenslange Freundschaft, die sich in besonderer Weise im Austausch künstlerischer Begabungen ausdrückte. Görtz gehörte zu jenem engsten Kreise, der wiederholt zu den Nordlandfahrten des Kaisers auf der SMS Hohenzollern eingeladen wurde.162 Auch die Verleihung des Schwarzen-Adlerordens an den Maler Adolph von Menzel, dessen Mäzen eben kein geringerer als der deutsche Kaiser war, passt in dieses Schema. Während in den Jahren 1701 bis 1888 durchschnittlich drei bis acht Schwarze-Adlerorden pro Jahr verliehen wurden, stieg die Zahl bei Wilhelm II. auf über elf.163 Dennoch bleibt die Zahl der Mitglieder des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler insgesamt übersichtlich und von einer inflationären Verleihung kann selbst bei elf Verleihungen pro Jahr nicht die Rede sein. Es wird deutlich, dass die Anpassung der Verleihungspraxis, also die Änderung von einem reinen Hausorden zu einem Verdienstorden, sich in den Verleihungszahlen niederschlägt. Wird die Aufnahme vom Stifter als Belohnung verstanden, dann erweisen sich niedrige zweistellige Verleihungszahlen mit einer Gesamtbegrenzung von 24 als nicht mehr praktikabel. Insgesamt hat sich der Hohe Orden vom Schwarzen Adler zu einer Art „Mischorden“ entwickelt, wenn man die Gruppe der Rezipienten betrachtet. Einerseits wurde er immer noch an die Angehörigen des herrschenden Hauses Hohenzollern verliehen sowie an hohe fürstliche Standespersonen aller deutschen Staaten und auch Souveräne im Aus- 160 Vgl. Wahl, Tilo: Zur Verleihung des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler an Emil Graf und Herr von Schlitz, genannt von Görtz (1851-1914). In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik, Nr. 61.S. 153. 161 Wahl: Zur Verleihung, S. 153. 162 Vgl. ebd., S. 155. 163 Vgl. ebd., S. 154. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 40 land164 und andererseits drängte sich der Charakter der längst etablierten Verdienstorden spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Verleihungspraxis des Schwarzen-Adlerordens. Ein rein ständischer Orden, in den Personen qua Geburt aufgenommen wurden, war im Zuge gesellschaftlicher Umwälzungen und der Emanzipierung des Bürgertums nicht mehr denkbar. Auch in den ältesten noch bestehenden Orden Europas, wie etwa dem englischen Hosenbandorden oder auch dem dänischen Elefanten- und Dannebrogorden musste man spätestens im 20. Jahrhundert vom Grundsatz abrücken, ausschließlich Edelleute aufzunehmen. Einen Hausorden zu stiften und zu verleihen, war im 18. Jahrhundert ein wichtiger Teil höfischer Kultur, die sich freilich an zeitgenössischen Vorbildern orientierte. Das Nachahmen von Ordensstiftungen befriedigte nicht nur das kosmopolitische Geltungsbedürfnis der Souveräne kleinerer Fürstentümer, sondern verwirklichte auch das absolutistische Herrscherprinzip. Dieses basierte im 18. Jahrhundert ganz wesentlich auf dem Wechselverhältnis zwischen dem Herrscherhaus, das als einigendes Band und konzentrierte Vertretung der Interessen des Hochadels fungierte. Zudem stützte sich die Herrscherdynastie auf den Adel als staatserhaltenden Faktor. Ein Orden symbolisierte dieses absolutistische Wechselverhältnis, indem der Herrscher die Mitglieder des Hochadels um sich versammeln und sie durch die Aufnahme in den Orden staatlich legitimieren konnte. Die aufgenommenen Ritter konnten gleichzeitig als eine Interessengemeinschaft in Erscheinung treten, die nach außen hin als exklusiver Zirkel wahrgenommen wurde. Die Unvereinbarkeitsbestimmungen vieler frühneuzeitlicher Orden verstärkten diesen Charakter der Exklusivität zusätzlich und wurden bis etwa 1700 auch konsequent angewendet.165 In das Kapitel der Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit gehören auch die sich seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts etablierenden Damenorden. Waren die angesehensten Haus- und Ritterorden Europas ausschließlich Männern vorbehalten, erwuchs bald aus dem Kreise gut situierter Hofdamen adliger Abstammung das Bedürfnis eine Gemeinschaft zu gründen, die sich an den Grundsätzen der hochangesehenen Orden ihrer Zeit orientierte. Diese Damenorden waren allerdings kein Selbstzweck, sondern wurden aus karitativen Gründen gestiftet, sozusagen dem weiblichen Gegenstück zum männlichen Ideal der Ritterlichkeit. Man unterscheidet zum einen die Stiftsorden, die adlige Damen aufnahmen, die in Not geraten waren oder nicht standesgemäß heiraten konnten. Durch eine fürstliche Ordensstiftung kam ihnen eine lebenslange Versorgung zuteil.166 Die Anzahl der Mitglieder war jedoch stark limitiert, wodurch die Ordenszeichen heutzutage von großer Seltenheit sind. Ähnliches gilt auch für klösterliche Damenorden. Als Beispiele für diese Stiftsorden sind zu nennen: 164 Vgl. David, Stijn und Sauerwald, Peter: Verleihungen des Königlich Preußischen Schwarzen Adler- Ordens an Belgier. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik. Nr. 55. S. 133 ff. 165 Vgl. Müller, Helmut-Theobald: Autre n’auray – Einen anderen will ich nicht! Unvereinbarkeitsbestimmungen am Beispiel österreichischer Ritter und Verdienstorden. In: Barock – Blütezeit der europäischen Ritterorden. St.Pölten 2000. S. 47. 166 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 111. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 41 – das Adelige Fräuleinstift zu Mosigkau bei Dessau, – das Damenstift zu Heiligengrabe bei Pritzwalk, – das Damenstift der heiligen Anna zu Würtzburg, – das Adelige Damenstift in Laibach, – oder der Stiftsorden des Hochadligen Stiftes für unverheiratete Töchter adliger Familien der Oberlausitz zu Görlitz. Zu der zweiten Gruppe von Damenorden gehören die höfischen Orden. Unter ihnen ist der österreichische Hochadelige Frauenzimmer-Sternkreuzorden einer der ältesten. Er wurde im Jahre 1668 von Kaiserin Elenore gegründet, zur Erinnerung an die Rettung einer heiligen Reliquie.167 Als in der Hofburg im Februar desselben Jahres ein Feuer ausbrach, wurde das Zimmer, in dem sich ein Holzspan befand, der einst vom Heiligen Kreuz Jesu abgesplittert sein soll, fast vollkommen zerstört. Später fand man eben jenen Kreuzes-Span unversehrt unter den Trümmern und die Kaiserin nahm dies zum Anlass der Gründung eines Damenordens.168 Die Sternkreuz-Ordensdamen mussten auf „sechzehn Schilde“169 hin, also nach allen Seiten ihre adlige Abstammung nachweisen sowie standesgemäß verheiratet sein. Jungfrauen waren auch zugelassen, insofern sie alle anderen Bedingungen erfüllten, wie etwa die Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche oder einen tadelsfreien Lebenswandel.170 Im Laufe ihres Ordensdaseins sollten sich die Damen „sowohl in geistlichen als leiblichen Werken christlicher Liebe üben, vor allem die Spitäler besuchen, den Kranken dienen, ihnen die Speisen selbst reichen, zur Bekehrung der Lasterhaften verhelfen, die Jungfräulichkeit beschützen, den hausarmen Leuten Almosen erteilen u.s.w.“171 Werner Honig bezeichnet diese Ordensgründung als „eine durchaus dem Geiste des 17. Jahrhunderts gemäße, barocke Angelegenheit, mit allem Pomp und aller religiösen Großartigkeit, dieser Epoche ausgestattet.“172 Dementsprechend verschaffte sich diese Ordensgemeinschaft, wie es dem Zeitgeist nach üblich war, auch ein Ordenszeichen zur äußeren Erkennung. In diesem Fall handelte es sich um einen ovalen, verzierten Reifen, der in blau gehalten war und den eine goldene Bordierung umgab.173 Über dem Oberteil des Kleinods befand sich ein emailliertes Band mit der Devise des Ordens SALUS ET GLORIA (Heil und Ruhm) in schwarz gehaltenen Lettern.174 Innerhalb des Reifens war ein doppelköpfiger, schwarzer Adler zu sehen, der von einem roten griechischen Kreuz überdeckt war. Das Band war schwarz und wurde schleifenförmig, wie es für Damenorden üblich war, an der linken Brust getragen.175 167 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 78. 168 Vgl. ebd. 169 Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 288f 170 Ebd. 171 Ebd., S. 289. 172 Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 79. 173 Vgl. Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 289. 174 Vgl. ebd. 175 Vgl. ebd. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 42 Nach dem Vorbild des Sternkreuz-Ordens gründete Kurfürstin Elisabeth Augusta mit der Genehmigung ihres Gatten, des pfälzischen Kurfürsten Carl Theodor, im Jahre 1766 den Elisabethen-Orden.176 Er wurde unter das Patronat der Heiligen Elisabeth von Thüringen gestellt und in den ersten drei Jahrzehnten seines Bestehens maßgeblich durch die Gründerin als Großmeisterin des Ordens vor dem Hintergrund christlich-karitativer Arbeit geprägt. So „eiferte die edle Churfürstin durch ihr leuchtendes Beispiel die Ordensdamen zur Nachfolge im Wohlthatenspenden, so dass durch das charitative Wirken der Ordens-Mitglieder manche Thräne getrocknet, manche Noth gelindert worden ist.“177 Doch bestand hierin die tatsächliche Motivation, einen Damen-Orden ins Leben zu rufen oder ihm beizutreten? Wenn man sich die ersten Ordensdamen ansieht, die freilich an stiftungsmäßigen Adel und das katholische Glaubensbekenntnis gebunden178 waren, dann wirkt es analog zu den von hochadeligen Männern gegründeten Orden, wie ein Netzwerk von Gleichgestellten. Maria Josepha, Fürstin zu Anhalt, wurde ebenso aufgenommen wie Maria Christine, königliche Prinzessin von Polen und Litauen oder auch eine Landgräfin zu Hessen, eine kurfürstliche Prinzessin und Gräfinnen verschiedenster Regionen Deutschlands.179 Es wurde also auch unter den privilegierten, adligen Damen zur Mode einem Orden anzugehören, der möglichst hohes Ansehen genoss, das dann durch die Aufnahme auf sie selbst widerspiegelte. Sie schmückten sich sinnbildlich mit dem Ansehen des Ordens. Destouches konstatierte diesbezüglich bereits für die Gründungszeit: „Schon in seinem Stiftungsjahre genoss der Orden in Deutschland grosses Ansehen, das beweisen die vielen Gesuche um Aufnahme in denselben, welche bei der erlauchten Stifterin noch in diesem Jahre angebracht wurden.“180 Zu diesem Ansehen trug sicherlich auch bei, dass sich die Kurfürstin den Orden akkreditieren ließ, nicht nur in Form der Genehmigung bzw. Duldung durch ihren Gatten. Denn Papst Clemens XIII. selbst verlieh dem Orden die Bulle „Pietatis Officia“, womit unter anderem Ablässe und Gnaden für dessen Mitglieder verbunden waren.181 Die Einrichtung des Amtes eines Groß-Almoseniers im Jahre 1773 verstärkte noch einmal den religiösen Charakter des Elisabethen-Ordens. Seine Aufgabe war es, jedes Jahr am Tage der heiligen Elisabeth sowie zu gesondert festgelegten Terminen für die verstorbenen Ordensdamen ein Seelenamt zu halten.182 Im krassen Gegensatz zu der christlichen Mildtätigkeit für die sich alle Mitglieder einsetzen sollten, stand das prunkvolle Zeremoniell, in das die Aufnahme in den Orden gebettet war. Die Ordensdamen waren mit Ausnahme einiger religiöser Würden- 176 Schreiber, Georg: Die Bayerischen Orden. München 1964. S. 114. 177 Destouches, Ernst von: Geschichte des Königlich Bayerischen St. Elisabethen-Ordens. In: Kleine Reihe für Freunde der Ordens- und Ehrenzeichen-Kunde Nr. 18. Hamburg. Unveränderter Nachdruck von 1873. S. 14 178 Schreiber, Georg: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen. München 1964. S. 114. 179 Destouches: Geschichte des Königlich Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 1f. 180 Ebd., S. 14. 181 Vgl. ebd. 182 Vgl. ebd., S. 18. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 43 trägerinnen wie z.B. Äbtissinnen höfisches Leben gewohnt. Im 18. Jahrhundert hatten sich Etikette und Zeremoniell „ [...] zu einem gespenstischen Perpetuum mobile, das deswegen ganz unabhängig von jedem unmittelbaren Nutzwert weiter bestand und weiter lief [...]“183entwickelt, wie Norbert Elias für das 18. Jahrhundert feststellte. Er spricht von den Status-, Macht- und Prestigechancen, die ständig bedroht waren und einer „Masse der Ausgeschlossenen“184 im Zusammenhang mit höfischer Kultur und Privilegienverteilung. Dies ließe sich kaum besser als an einem Orden verdeutlichen, der innerhalb einer höfischen Gesellschaft noch einmal eine Segregation bedingte. Warum Elias in seinem bedeutenden Werk über die sozialen Strukturen am Hofe von Versailles nicht auf die in Frankreich schon längst etablierten Orden eingeht, bleibt daher unklar. Immerhin beschreibt er, dass die Verteilung von Ämtern, waren sie auch nur symbolischer Natur, beispielsweise die Anwesenheit bestimmter Personen bei der morgendlichen Ankleide des Königs, ein wichtiger Gradmesser „für die Position des Einzelnen innerhalb der Machtbalance zwischen den vielen Höflingen, die vom König gesteuert und äußerst labil war.“185 Für die Verleihung des bayerischen Elisabethen-Ordens wurde eine aufwändige Zeremonie entworfen, die dem damaligen Verständnis einer Ordensaufnahme voll und ganz entsprach. In einer genau festgelegten, nach Rang und zeremonieller Bedeutung geordneten Reihenfolge trat ein feierlicher Zug in einen Saal. Vor einem gro- ßen Portrait der Ordensstifterin wurden sodann die Statuten des Ordens vorgelesen, sowie das kurfürstliche Diploma und das päpstliche Breve.186 Nach einer weiteren Rede hängte der Commissär der Aufzunehmenden das Ordenszeichen um, wofür in der Folge eine Dankesrede gehalten wurde. Begleitet wurde das Ganze noch von Trompeten- und Paukenschall, sowie dem Abfeuern von Kanonen und Musketen.187 Ein Festmahl, aber auch die symbolische Verteilung von 400 Laiben Brot an Bedürftige schlossen sich endlich an die Zeremonie an.188 Zu einem späteren Zeitpunkt wurde zur Ausgestaltung und Überwachung der Ordenszeremonie eigens das Amt des Zeremonienmeisters eingeführt.189 Nahezu dreißig Jahre konnte die Stifterin die Geschicke des Ordens leiten und den Mitgliederkreis maßgeblich bestimmen, um so für das hohe Ansehen der Vereinigung zu sorgen. Nach dem Tode der Kurfürstin Elisabeth Augusta verlor der Elisabethen-Orden zunehmend an Bedeutung, weshalb König Maximilian II. im Jahre 1854 Prinzessin Auguste, Gemahlin des Prinzen Luitpold, zur neuen Großmeisterin bestimmte.190 Sie besetzte die vakanten Stellen zweier Ordensbeamten, nämlich den Ordensschatzmeister und den Ordenssekretär und beantragte beim bayerischen König die Festlegung der Hof- und Collegiatskirche zum Heiligen Cajetan in München 183 Elias, Norbert: Die höfische Gesellschaft. Frankfurt am Mai 1989.S. 132. 184 Ebd. 185 Ebd., S. 130. 186 Vgl. Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 19. 187 Vgl. ebd, S. 20. 188 Vgl. ebd. S. 20. 189 Vgl. ebd. 190 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 114. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 44 zur Ordenskirche.191 Dadurch sollte dem Orden ein fester Ort zugeteilt werden, an dem die Ordensgottesdienste abgehalten werden konnten. Im Jahre 1872 reformierte die Großmeisterin Prinzessin, später Königin, Maria Therese nach Genehmigung durch den bayerischen König, die Statuten des Ordens.192 Von nun an war die Mitgliederzahl nicht mehr begrenzt und für den Adelsnachweis reichten acht adelige Ahnen statt sechzehn.193 Es wurde eine Aufnahmegebühr eingeführt, und zwar in Höhe von 500 Mark für inländische Kandidaten und 1000 Mark für Ausländer, sowie eine jährliche Gebühr von 25 Mark für die bayerischen Ordensdamen.194 Diese Beiträge wurden zur Errichtung einer Stiftung verwendet, die zielgerichtet Wohltätigkeiten im Sinne der Ordensgründerin verwirklichte. Darüber wurde gleichzeitig mit der konkreten Verwendung des Ordensvermögens halbjährig in einem Bericht Rechenschaft abgelegt.195 Die Mitgliederschaft des Elisabethen-Ordens wurde im Zuge der Neustiftung nicht nur numerisch erweitert, sondern erfuhr auch eine Ausdifferenzierung. Es wurde zwischen Ordens- und Ehrendamen unterschieden.196 Ordensdamen waren verpflichtet, sich an den karitativen Tätigkeiten des Ordens zu beteiligen und die Eintrittsgebühr sowie den Jahresbeitrag zu entrichten. Ehrendamen dagegen waren zwar Teil des Ordens, aber nicht verpflichtet, einen Geldbetrag in die Ordenskasse zu zahlen.197 Gleichzeitig waren die Ehrendamen ausschließlich von fürstlichem Rang.198 Ordens- und Ehrendamen trugen das gleiche Ordenszeichen, nämlich ein weiß emailliertes Kreuz mit dem Bildnis der Heiligen Elisabeth auf der Vorderseite und dem Namenszug der Stifterin auf der Rückseite.199 Allerdings war das zugehörige Band der Ordensdamen blau mit roten Streifen, das der Ehrendamen rot mit blauen Streifen.200 An dem Beispiel des Elisabethen-Ordens lässt sich eine interessante Entwicklung im Ordenswesen nachvollziehen. Zunächst mutete die Ordensgründung wie eines von vielen Elementen höfischer Kultur an, das sehr eng an die Vorstellungen und persönlichen Verbindungen der Stifterin gebunden gewesen zu sein schien. Nach ihrem Tod und sicherlich auch durch die gesellschaftlichen Umwälzungen am Ende des 18. Jahrhunderts bedingt, verlor der Orden an Bedeutung, bis er in einer Zeit reformiert wurde, in der sich die bayerische Monarchie unter Ludwig II. auch gegenüber der preußischen Dominanz im Kaiserreich zu stärken versuchte. In den Jahren 1869/71 hatte bereits der bayerische St. Georgs-Orden eine Erneuerung erfahren. Um wieder ein weitreichendes Netzwerk katholischer Damen mit edler Herkunft aufzubauen, wurde eine hochrangige Großmeisterin bestimmt, die auch in anderen, mehrheitlich katholischen Gegenden Deutschlands große Bekanntheit genoss und 191 Vgl. Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St. Elisabethen-Ordens, S. 29f. 192 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 115. 193 Vgl. ebd. 194 Vgl. Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 36. 195 Vgl. ebd. 196 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden, S. 115. 197 Vgl. Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 45. 198 Vgl. ebd. 199 Vgl. ebd., S. 45f. 200 Vgl. ebd., S. 46. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 45 das hohe Ansehen der Gemeinschaft garantieren sollte. Nicht nur in der Differenzierung der Mitgliederschaft, auch in der Einführung finanzieller Verpflichtungen lässt sich das Bestreben erkennen, die unternehmerische Komponente dieses Ordens zu stärken. Tiefergehende karitative Arbeit und die Versorgung in Not geratener Ordensdamen erforderte schließlich eine fundierte finanzielle Organisation. Nur dadurch sah man den „edelsten Sinne christlicher Mildthätigkeit“ verwirklicht, bei gleichzeitiger Förderung der Ordensehre.201 Was die Erfüllung gemeinnütziger Aufgaben anging und die dabei an den Tag gelegte Effizienz, so waren die Damenorden wesentlich besser organisiert. Zwar hatten sich die allermeisten Orden, in denen nur adlige Männer Mitglieder sein durften, auch der Gemeinnützigkeit verschrieben, jedoch wirkte sich das im Vergleich weniger aus. Beim Hohen Orden vom Schwarzen Adler beschränkte sich die christliche Mildtätigkeit in materieller Form auf Strafzahlungen an das Königsberger Waisenhaus, wenn man als Ritter nicht täglich das Ordenszeichen trug.202 Dies war zumindest bis zur Reform der Ordensstatuten im Jahre 1848 der Fall. Beim bayerischen St. Georgs- Orden wurden erst 1869 die Ordensstatuten hinsichtlich der ursprünglichen karitativen Zweckbestimmung konkretisiert bzw. wiederbelebt. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 bot hierbei den Anlass zur Errichtung eines Spitals für Verwundete und Kranke.203 Dem sächsischen Hausorden der Rautenkrone oder dem badischen Hausorden der Treue fehlte ein konkreter karitativer Aspekt gänzlich. Der Elisabethen-Orden war in seiner Organisation und Ausdifferenzierung Vorbild für andere Damenorden seiner Zeit. Der 1827 gegründete, bayerische Theresienorden unterschied ebenfalls zwischen präbendierten Damen (entspricht dem Status der Ordensdamen) und Ehrendamen und erhob eine Aufnahmegebühr von zuletzt 200 Mark.204 Der Orden verfolgte zwar auch das Werk der Nächstenliebe, jedoch war der Empfängerkreis dafür sehr übersichtlich, denn der Fonds sollte armen und unverheirateten Damen adliger Herkunft eine Leibrente und somit standesgemäßes Leben verschaffen.205 Auch der St. Annen-Orden, der zunächst einen Würzburger und Münchener Stift besaß, die dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammengelegt wurden, verfolgte dieses Ziel. Die Stiftsdamen bezogen hierbei Präbenden, wohnten gemeinsam im Stift und hatten freie Kleidung. Bemerkenswert erscheint allerdings die spätere Änderung der Statuten, wonach auch Damen protestantischen Glaubens und Töchter von nichtadligen Offizieren und Beamten aufgenommen werden durften.206 Bei der Aufzählung der im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts gestifteten Damenorden wird deutlich, dass diese sich vor allem auf den süddeutschen Raum konzentrierten. Weder die norddeutschen Kurfürstentümer bzw. Königreiche, noch 201 Destouches: Geschichte des Königlich-Bayerischen St.Elisabethen-Ordens, S. 35. 202 Vgl. http://www.ehrenzeichen-orden.de/deutsche-staaten/schwarzer-adler-orden-ordenskreuz-188 8-1918.html (Stand: 23.07.2017) 203 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 42. 204 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 112. 205 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 87. 206 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden und Ehrenzeichen, S. 118. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 46 die sächsischen oder hessischen Herzogtümer brachten einen höfischen Damenorden hervor. Eine Erklärung hierfür ist möglicherweise das gerade in den protestantischen Ländern schwächer ausgeprägte Hofzeremoniell und ein damit verbundenes bescheideneres Leben, das viele adelige Dynastien führten. So waren doch gerade die ostelbischen Gegenden wesentlich ärmer an barocken Metropolen als dass es in Bayern oder Österreich der Fall war. Der Anspruch, einen hohen Lebensstandard zu halten und keinesfalls zu verarmen, war dadurch möglicherweise in einigen Gegenden Deutschland geringer ausgeprägt. Religiöse Stiftsorden existierten dagegen sowohl im katholischen als auch protestantischen Raum. In Norddeutschland waren es vor allem die Souveräne Preußens, Mecklenburgs und Hannovers, die protestantischen Stiftsorden, welche oftmals nur für Frauen zugänglich waren, auch mit tragbaren Ordenszeichen bedachten. 2. Ordensstiftungen als Modeerscheinung – Die Haus- und Ritterorden in der frühen Neuzeit. 47 Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit Mit der zunehmenden Verbreitung von Verdienstorden Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam das Bürgertum bzw. auch der niedere Adel zu sichtbaren Ehren, die durch die bisherigen Haus- und Ritterorden, bedingt durch deren geringe Mitgliederzahl, nicht betrachtet wurde. Durch die hohen Verleihungszahlen dieser Verdienstorden und dem bürokratischen Apparat, der sich administrativ damit auseinandersetzte, trat der Staat als Verleihender in den Vordergrund. Zwar hatte nach wie vor der Souverän einen Verdienstorden gestiftet undverliehen, jedoch trat die Funktion als Chef eines Hauses zugunsten der des Staatsoberhauptes in den Hintergrund. Die mit dem Verdienstorden Bedachten hatten schließlich Verdienste um das Allgemeinwohl erworben und nicht um eine einzelne Herrscherdynastie. Dennoch hatte die Verleihung eines sichtbaren Zeichens nach wie vor den Zweck, den Beliehenen an das Herrscherhaus zu binden.207 Verdienstorden glichen in ihrer Klassifikation den Haus- und Ritterorden, wobei im Laufe des 19. Jahrhunderts noch zusätzliche Klassen hinzukamen. Diese Klassen waren dann an Rang und Stand des Beliehenen gebunden.208 Über den Bedeutungswandel des Begriffs Orden schreibt Herfurth: Der Begriffsinhalt des Ordens wandelte sich mit der Entstehung der Verdienstorden von der Ordensgemeinschaft hin zur Institution eines bestimmten Ordens und zum Ordenszeichen.“209 So gab es weder eine Ordenskleidung, noch komplexe Ordenszeremonien oder jährliche Treffen der Ordensgemeinschaft. Die Verleihung eines Verdienstordens entwickelte sich zu einer vereinfachten Prozedur, die der Souverän oder, bei größeren Verleihungszahlen, ein beauftragter Beamter entsprechenden Ranges auf kommunaler Ebene vollzog. Herfurth bemerkt in seinen Ausführungen, dass die Verdienstorden zunächst überwiegend militärischen Charakter aufwiesen, der in der damaligen „Dominanz des Militärs über alle anderen Gesellschaftsbereiche210 begründet liegt.211 Daher war der erste reine Verdienstorden, der von König Ludwig XIV. von Frankreich gestiftet wurde, nicht nur vom Namen her ein Militärverdienstorden: Ordre royal et militaire de Saint-Louis, im deutschen Sprachgebrauch häufig verkürzt Orden des heiligen Ludwigs genannt. Seine Klasseneinteilung sollte die Grundlage für die Klasseneinteilung von Verdienstorden bis in die heutige Zeit darstellen. Die niedrigste Stufe war das sogenannte Ritterkreuz, das an einem Band an der linken Brust getragen wurde, gefolgt von der Klasse der Offiziere (zumeist als Steckkreuz oder am Band mit aufgelegter Rosette), darüber die Kommandeurklasse mit dem Kreuz am Halsband und schließlich das Großkreuz, das an einer breiten Schärpe, von der Schulter zur Hüfte verlaufend, getragen wurde.212 Die Klassen entsprachen dem Ranggefüge des Militärs seit 3. 207 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 104. 208 Vgl. ebd. 209 Ebd. 210 Ebd. 211 Vgl. ebd. 212 Vgl. ebd., S. 106. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 48 dem 18. Jahrhundert, wobei die Subalternoffiziere mit dem Ritterkreuz, die Stabsoffiziere mit der Kommandeurklasse und die Generale mit dem Großkreuz bedacht werden sollten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden diese Klassen bei vielen Verdienstorden weiter ausdifferenziert, was jedoch nicht zwangsläufig der Fall sein musste. Der Ordensstifter oder seine Nachfolger fügten dem Orden zusätzliche Stufen und Klassen hinzu, wie sie es für nötig hielten. Zumeist basierten solche Änderungen auf der Inspiration, die durch Ordensstiftungen und Erweiterungen in anderen Ländern ausgelöst wurde. In den höheren Klassen von Verdienstorden etablierten sich Steigerungs-formen in Form von Brillanten (St. Andreas- und Alexander-Newsky-Orden, Zarenreich Russland) oder einem goldenen Eichenlaub (Pour le Mérite und Roter-Adlerorden, Königreich Preußen). Diese standen für wiederholte Verdienste und wurden an höchste Militärs und Würdenträger des Landes verliehen, falls der jeweilige Orden in einer anderen Klasse schon an selbige verliehen worden war. Die Klasse der Kommandeure und Ritter wurde durch die Einführung der jeweiligen 1. und 2. Klasse weiter unterteilt. In der Kommandeurklasse unterschied sich die 1. Klasse nur durch einen zusätzlichen Bruststern zur Halsdekoration, der ebenfalls das Ordenszeichen zeigte. Bei den Ritterkreuzen war die 1. Klasse in Gold gefasst, die 2. Klasse in Silber.213 Beispiel hierfür ist der dänische Dannebrog-Orden. Das Ritterkreuz dieses Ordens besteht aus roter und weißer Emaille, darüber ein Monogramm und eine Krone, sowie seitlich des Kreuzes noch Verzierungen aus Silber oder Gold (je nach Klasse).214 Die weitreichendsten Veränderungen in der Klassifizierung der Verdienstorden ergaben sich jedoch unterhalb der Klasse der Ritterkreuze. Viele Orden wurden um eine Klasse der Verdienstkreuze und/oder Verdienstmedaillen ergänzt. Damit sollten Angehörige niederer Schichten der Bevölkerung oder Soldaten und Beamte niederen Ranges, für die ein Ritterkreuz nicht in Frage kam, belohnt werden. Die Medaillen und Verdienstkreuze waren im Gegensatz zu den Ritterkreuzen nicht emailliert und bestanden aus Silber (2.Klasse) oder Gold (1.Klasse). Beim preußischen Roten-Adlerorden und dem russischen St. Anna-Orden waren die jeweiligen Medaillen dem Orden nur affiliiert, also angegliedert und bewegten sich außerhalb des Ordenssystems, sodass sie eigentlich auch nicht als niedrigere Stufe des jeweiligen Ordens anzusehen waren. Sie wurden vom Souverän zumeist als bloße Aufmerksamkeit vergeben (nicht verliehen!), wenn beispielsweise König Friedrich-Wilhelm IV. von Preußen während der Feier zur silbernen Hochzeit des Zaren Nikolaus I. allen Soldaten der angetretenen Grenadier-Kompanie die Roter-Adler-Orden-Medaille verlieh.215 Ein schriftlicher Nachweis über die Vergabe einer solchen Medaille erfolgte üblicherweise nicht. 213 Vgl. ebd. 214 Vgl. Stevnsborg, Lars: Kongeriget Danmarks Ordener Medaljer og Hæderstegn. Syddansk 2005. S. 72 ff. 215 http://www.medalnet.net/RAO_Medaille.htm (Stand 01.12.2014). 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 49 In der Regel war die Vergabe dieser affiliierten Medaillen Ausländern vorbehalten, so etwa den „Hoflakaien“ ausländischer Höfe bei Besuchen, Mannschaftssoldaten befreundeter Armeen oder, wie bei der Roter-Adler-Orden-Medaille, eingeborenen Zivilpersonen in den deutschen Schutzgebieten.216 Die russische St. Anna-Ordens- Medaille konnte auch als Tapferkeitsauszeichnung an Russen vergeben werden, allerdings in Form einer der Medaille ähnlichen Dekoration, die als Griffauflage an die Blankwaffe des Soldaten angebracht wurde. Ansonsten vergab der Zar die Medaille als Aufmerksamkeit an Ausländer niederer Chargen. In der Tat repräsentieren diese affiliierten Medaillen eine sehr krasse Form gesellschaftlicher Segmentierung und Ausgrenzung. Sie waren dem Namen nach zwar einem Orden zugehörig, schlossen sich ihm aber nicht als niedrigste Klasse an. Sie standen also außerhalb des Ordens, wie deren Träger in gewisser Weise außerhalb der Gesellschaft standen, als Ausländer, Eingeborene der Kolonien oder niedere Chargen. Grund für die Ausgrenzung der affiliierten Medaillen von den Verdienstorden dürfte gewesen sein, dass eben kein Verdienst notwendig war, um in den Besitz der Medaille zu gelangen. Nachgewiesene Verleihungen der Roter-Adler-Orden-Medaille an preu- ßische Untertanen im Jahre 1910 erfolgten mehr oder weniger aus Versehen und wurden als Fauxpas empfunden.217 Die folgende Tabelle218 zeigt die Ausdifferenzierung des Herzoglich-Anhaltinischen Hausorden Albrechts des Bären, der als Haus- und Verdienstorden verliehen wurde. Im 19. Jahrhundert trat diese Zusammenlegung bei etlichen Neustiftungen auf und manifestierte sich auch namentlich, wie etwa beim Oldenburgischen Haus- und Verdienstorden des Herzogs Peter Friedrich Ludwig. Die in der Tabelle klassifizierten Ordenszeichen mit Schwertern weisen auf militärischen Verdienst hin, solche mit Krone auf besondere Verdienste: Großkreuz mit Krone Großkreuz mit Krone und Schwertern Großkreuz Bruststern zum Großkreuz mit Brillanten Großkreuz mit Schwertern Kommandeur I. Klasse mit Krone Kommandeur I. Klasse mit Krone und Schwertern Kommandeur I. Klasse Kommandeur I. Klasse mit Schwertern Kommandeur II. Klasse mit Krone Kommandeur II. Klasse mit Krone und Schwertern 216 Ebd. 217 http://www.medalnet.net/RAO_Medaille.htm (Stand 01.12.2014). 218 Scharfenberg, Gerd: Die Orden und Ehrenzeichen der Anhaltinischen Staaten. 1811-1935. Offenbach 1999. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 50 Kommandeur II. Klasse Kommandeur II. Klasse mit Schwertern Ritter I. Klasse mit Krone Ritter I. Klasse mit Krone und Schwertern Ritter I. Klasse (bis 1854: Ritter) Ritter I. Klasse mit Schwertern Ritter II. Klasse mit Krone Ritter II. Klasse mit Krone und Schwertern Ritter II. Klasse Ritter II. Klasse mit Schwertern Goldene Verdienstmedaille mit Krone Goldene Verdienstmedaille mit Krone und Schwertern Goldene Verdienstmedaille Goldene Verdienstmedaille mit Schwertern Silberne Verdienstmedaille mit Krone Silberne Verdienstmedaille mit Krone und Schwertern Silberne Verdienstmedaille Silberne Verdienstmedaille mit Schwertern Dieser Grad der Klassifikation bei deutschen Verdienstorden ist typisch für den Zeitraum des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Monarchie 1918. Die Idee und Praxis, einen Orden überhaupt für Verdienst zu verleihen, war zu diesem Zeitpunkt zumindest in Deutschland gerade einmal 150 Jahre alt. Der preußische Orden Pour le Mérite war schon dem Namen nach ein Orden, der ausschließlich verdienstvolle Handlungen würdigen sollte. Allerdings geschah dies erst nach der Erneuerung des Ordens durch König Friedrich II. von Preußen. Der Vorläufer des Ordens war unter dem Namen Ordre de la générosité oder auch „Gnadenkreuz“ bekannt und wurde von einem Kind gestiftet. Der zehnjährige Markgraf Friedrich, der später einmal der erste König von Preußen werden sollte, rief ihn 1667 ins Leben, wobei die Ordensstatuten nur ungenau ausfielen.219 Es fehlten Angaben zu den genauen Verleihungsbedingungen und der Anzahl der Mitglieder. Unter den vier Paragraphen fand sich lediglich die Aussage, wonach ein Träger des Ordens „in allen Dingen der Generosität gemäß“220 leben sollte. Diese Ungenauigkeit führte schließlich dazu, dass das Gnadenkreuz zu einem späteren Zeitpunkt ohne genaues Kriterium verliehen wurde und völlig an Ansehen verlor, wenn es denn überhaupt jemals angesehen war. Unter König Friedrich Wilhelm I. verkam der Ordre de la générosité zu 219 Vgl. Fuhrmann, Horst: Pour le Mérite. Über die Sichtbarmachung von Verdiensten. Sigmaringen 1992.S. 31. 220 Fuhrmann, Horst: Pour le Mérite. Über die Sichtbarmachung von Verdiensten. Sigmaringen 1992.S. 31. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 51 einem Souvenir, das von Werbern als Fangprämie für die Werbung von „Langen Kerls“ mitgeführt wurde.221 Als Friedrich II. 1740 den preußischen Thron bestieg, wollte er sich die Bestimmungen dieses Ordens vorlegen lassen, jedoch waren keine entsprechenden Statuten verfügbar.222 Daraufhin beschloss der König, einen neuen Orden zu stiften, übrigens den einzigen in seiner Amtszeit, der den aufklärerischen Idealen nach nicht aus Gnade sondern für Verdienst verliehen werden sollte, eben pour le mérite.223 Fuhrmann wertet dies als Teil von Friedrichs Regierungsprogramm und als Vorgriff auf seine kriegerischen Unternehmungen, die er mit einem Ruhmeszeichen bedenken wollte.224 Möglicherweise steht diese Stiftung tatsächlich für ein neues Verständnis zwischen Obrigkeit und Untertanen, was die Belohnung von Verdienst angeht. Die Verleihungspraxis sprach indes eine andere Sprache. Der Pour le Mérite, der zunächst ebenfalls über keine Ordensstatuten verfügte, sollte ursprünglich Militärs und Zivilisten gleichermaßen zugänglich sein.225 Doch durch die Kriege, die die Regierungszeit Friedrichs des Großen begleiteten, entwickelte sich der Orden zu einem Militär- bzw. Kriegsorden und diesen Charakter sollte er schließlich bis zum Ende seines Bestehens beibehalten. Friedrich II. verlieh den Orden für völlig unterschiedliche militärische Leistungen. Sicher war nur, dass er den Offizieren vorbehalten war und dass kein zweiter Orden neben ihm getragen werden durfte. Wenn ein Pour le Mérite-Träger in den Schwarzen-Adlerorden aufgenommen wurde, so hatte er den Pour le Mérite abzulegen. In diesem Fall war es üblich, einen Nachfolger für den abgelegten Pour le Mérite vorzuschlagen und so entwickelte der Orden die Eigenschaften eines Standesordens.226 Verstärkt wurde diese Tatsache dadurch, dass der Hauptempfängerkreis das Offizierskorps war, welches im 18. Jahrhundert zu einem überwiegenden Teil aus Adeligen bestand. Die Leistungen, die für die Verleihung eines Pour le Mérite erbracht werden mussten, definierte bzw. bewertete allein König Friedrich II. und entschied auch über die Höhe des Geldgeschenkes, das stets mit der Verleihung des Ordens verbunden war.227 Es reichte von durchschnittlich 100 bis ausnahmsweise 1000 Friedrichsdor.228 Horst Fuhrmann hat in seinem Werk über den Orden die Verleihungspraxis König Friedrichs II. nach den in seiner Regierungszeit 900 verliehenen Pour le Mérite aufgeschlüsselt und kommt hierbei zu sehr interessanten Ergebnissen, was die doch ungleiche Verteilung der Belohnung von Verdiensten angeht. 221 Vgl. ebd. 222 Vgl. ebd., S. 33. 223 Vgl. ebd., S. 31f. 224 Vgl. ebd., S. 34. 225 Vgl. Honig: Die Ehre im Knopfloch, S. 117. 226 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 34. 227 Vgl. ebd., S. 35. 228 Vgl. ebd., Zum Vergleich lag der Herstellungswert für ein Ordenskreuz zu jener Zeit bei 20 Friedrichsdor. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 52 Während des Siebenjährigen Krieges wurden 332 Ordenszeichen des Pour le Mérite verliehen, davon allein 54 für die vergleichsweise unbedeutende Schlacht bei Lobositz in Nordböhmen am 1. Oktober 1756.229 Ebenso kamen im ereignisarmen Bayerischen Erbfolgekrieg 1778 ganze 82 Kreuze zur Verleihung.230 Im Vergleich dazu wurde in der Schlacht von Kunersdorf, die durch eine Fehlentscheidung des Königs zu einer bitteren Niederlage für das preußische Heer wurde, kein einziger Orden verliehen, obwohl den Soldaten und Offizieren in dieser schwersten Stunden des Siebenjährigen Krieges nachweislich viel abverlangt wurde und es einige Fälle hingebungsvoller Tapferkeit gab.231 Nicht einmal jener Rittmeister von Prittwitz, der den König vor russischer Gefangennahme rettete, erhielt einen Pour le Mérite.232 Niederlagen waren offensichtlich der Vorstellung König Friedrichs II. nach mit der Verteilung von Belohnungen nicht vereinbar und selbst wenn ihm Vorschläge für eine Verleihung gereicht wurden, so war ihm der persönliche Eindruck bzw. die unmittelbare Zeugenschaft wichtig, um mögliche Fehlentscheidungen zu vermeiden. In einem Fall aus dem Jahre 1760 wurden dem König mehrere Infanterieoffiziere für den Pour le Mérite vorgeschlagen, wobei er eine Verleihung ablehnte, weil er die Offiziere bei einem Angriff habe laufen sehen.233 Der Orden könne niemandem verliehen werden „der am raschesten läuft und die besten Füße hat“234. War der König nicht Zeuge einer tapferen Handlung, erwartete er darüber in Kenntnis gesetzt zu werden, da er die betreffenden Offiziere unmittelbar belohnen wollte. In einer Kabinettsordre aus dem Jahr 1782 bemängelte er „daß Mir das eher hätte gemeldet werden sollen, denn Ich muß das gleich wissen, wenn ein und der andere Meiner Offiziere sich distinguieren, damit Ich sie auf der Stelle dafür rekompensieren kann.“235 Bis zum Ende seiner Regentschaft delegierte König Friedrich II. die Entscheidung über die Verleihung eines Pour le Mérite an keine andere Person oder Institution wie beispielsweise eine General-Ordens-Kommission, sondern nahm jeden Vorschlag selbst in Augenschein. Dies mag einerseits am Charakter des Königs gelegen haben, der bei militärischen Angelegenheiten, seien es Schlachten oder Paraden, persönlich zugegen sein wollte, andererseits war sein Vertrauen nicht in alle Regimenter gleich. Aufgrund des damals üblichen hohen Anteils an ausländischen Söldnern war die Zahl an Überläufern und Deserteuren ungemein hoch, wie das Jahr 1744 zeigt, in dem die Hälfte aller ausländischen Söldner in preußischen Diensten fahnenflüchtig wurde.236 Daher hatte wohl der persönliche Eindruck beim König einen ungemein hohen Stellenwert, was die Belohnung von Tapferkeit anging, auch wenn dies keine Garantie für Loyalität war, wie eine Anekdote des Königs aus dem Jahre 1759 ver- 229 Vgl. ebd., S. 36. 230 Vgl. ebd. 231 Vgl. ebd. 232 Vgl. ebd. 233 Vgl. ebd. 234 Ebd. 235 Ebd., S. 38. 236 Vgl. ebd. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 53 deutlicht. Demnach hatte sich während des ersten Schlesischen Krieges ein einfacher preußischer Grenadier durch besondere Tapferkeit hervorgetan, indem er trotz Verwundung ein reiterloses Pferd ergriff, sich in ein Gefecht stürzte und mit einem österreichischen General als Gefangenem zurückkehrte. Zur Belohnung ernannte Friedrich ihn später zum Offizier und an seinem ersten Tag in dieser Funktion desertierte der Soldat.237 Was am Ende seiner Regentschaft mit dem Orden Pour le Mérite verbunden war, war so ambivalent wie die Persönlichkeit Friedrichs II. Dem Motto nach passte der Orden zu den Idealen der Aufklärung, die der König zu Beginn seiner Regierungszeit proklamierte. Das Verdienst stand im Mittelpunkt und die erbrachte Leistung war Voraussetzung dafür, dieses äußere Zeichen tragen zu dürfen. Doch zivile Verdienste blieben von Anfang an stark unterrepräsentiert und wie das Militärische Friedrichs Regierungszeit dominierte, so entwickelte sich der Pour le Mérite zu einem reinen Militärverdienstorden für Offiziere. Wenn man jedoch annimmt, Friedrich II. hätte im Laufe der vielen Feldzüge und Schlachten seiner Regierungszeit ein bestimmtes Maß an Tapferkeit oder zumindest die Teilnahme an kriegerischen Auseinandersetzungen zur Grundlage für die Verleihung des Ordens gemacht, so irrt man. Der König, der im Laufe der Jahre so viel Tapferkeit auf dem Schlachtfeld zu Gesicht bekam, verlieh den Pour le Mérite in seinen letzten Jahren reichlich für gelungene Revuen und Manöver, was ihn schon aus damaliger Sicht entwertet haben dürfte. König Friedrich Wilhelm IV. griff im Jahre 1842 die Idee des Zivilverdienstes für den Pour le Mérite wieder auf. Jedoch erweiterte er nicht einfach den Empfängerkreis des etablierten Militärverdienstordens, sondern stiftete eine zusätzliche Friedensklasse unter demselben Namen, welche für Verdienste im Bereich der Künste und Wissenschaften verliehen werden sollte. Interessanterweise weist der König in den Ordensstatuten darauf hin, dass „Aeltere, wenngleich seltene Beispiele bezeugen, daß eine solche Erweiterung der Statuten ganz der ursprünglichen Absicht des erhabenen Stifters des Ordens entspricht, welcher nicht nur durch sein Beispiel Wissenschaften und Kunst belebte, sondern sie auch durch Königliche Gunst und Auszeichnung mächtig zu fördern bestrebt war.“238 Undenkbar wäre es gewesen, den gleichen Orden an Professoren und Maler zu vergeben, den seit den Schlesischen Kriegen schon Generationen von Generalen und Stabsoffizieren erhalten hatten. Stattdessen wurde die Friedensklasse geschaffen, die weder ausdrücklich etwas mit Frieden noch mit Zivilverdienst im erweiterten Sinne zu tun hatte. Es gab keine zeitliche Beschränkung, wonach der Orden nicht im Kriege hätte verliehen werden dürfen und bedeutende Bereiche des Zivillebens wie etwa Staatsdienst und Beamtentum oder auch die Wirtschaft waren ausgenommen. Ebenso blieb „[...] die theologische Wissenschaft, ihrem Geiste gemäß, hiervon ausgeschlossen.“239 237 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 38. 238 Fuhrmann: Pour le Mérite. Statuten, abgedruckt auf der Innenseite des Einbandes. 239 Ebd. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 54 Mit dem Begriff Friedensklasse ist also mehr oder weniger das Gegenteil von Militär gemeint, was bei Künstlern und Wissenschaftlern gegeben war. Nicht gemeint war jedoch eine umfassende Würdigung von Zivilverdiensten durch den Orden. Hierfür gab es in Preußen den Kronenorden und Roter-Adlerorden, mit denen in verschiedenen Klassen und Abstufungen Zivilverdienste jeglicher Art gewürdigt wurden. Der Pour le Mérite in der Friedensklasse wirkte schon allein durch seine limitierte Mitgliederzahl von 30 Rittern eher wie eine Ansammlung an Protegés des Königs, wobei nur die ersten 30 Ritter nach der Stiftung vom König persönlich ausgewählt wurden.240 Starb einer der Ritter, so wurde die Stelle nachbesetzt und zwar durch schriftliche Abstimmung der restlichen Mitglieder.241 Dieser Umstand ist bis heute im Ordenswesen ungewöhnlich und auch einmalig und „die zum Theil demokratische Verfassung dieser Ordensklasse“242 rief damals erhebliche mediale Aufmerksamkeit hervor, wie in diesem Fall in der Kölnischen Zeitung. Zwar behielt sich der König als Ordenssouverän eine endgültige Entscheidung vor, wen er in den Orden aufnahm und wen nicht, jedoch bewies Friedrich Wilhelm IV. erstaunliche Toleranz bei der Wahl der Mitglieder und ließ seinem Ordenskanzler Alexander von Humboldt freie Hand.243 Der Pour le Mérite in der Friedensklasse erarbeitete sich bis zum Ende der Monarchie in Deutschland aber auch im Ausland einen ganz hervorragenden Ruf und so waren es die Künstler und Wissenschaftler selbst, die nach 1918 eine Wiederauflage des Ordens anregten. In der Weimarer Republik verlieh der deutsche Staat keine Orden und Ehrenzeichen und daher kam eine staatliche Verleihung des Pour le Mérite für Künste und Wissenschaften nicht in Frage. Stattdessen organisierten sich die noch lebenden Mitglieder in einer freien Gemeinschaft, die den Orden als nichtstaatliche Auszeichnung verlieh.244 Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland fanden sich erneut die noch lebenden Träger der Gemeinschaft zusammen und beschlossen eine Wiederbelebung des Ordens, diesmal jedoch unter dem Protektorat des Bundespräsidenten.245 In Theodor Heuss fanden sie auch einen geeigneten Förderer. Er selbst hatte im Jahre 1942, zum 100. Jahrestag der Stiftung des Ordens als Autor eines Zeitungsartikels darüber publiziert und verschaffte nun dem Orden einen halboffiziellen Status, indem seither jeder Bundespräsident als Protektor des Ordens fungiert.246 So gibt es bis heute eine Kontinuität von der Stiftung eines Ordens für Verdienste durch Friedrich II. bis in die Gegenwart, in der es selbstverständlich geworden ist, dass der Verleihung einer Auszeichnung ein subjektiv wahrgenommener Verdienst vorangeht. Dennoch sehen sich die Träger des Ordens heutzutage als Gemeinschaft, denen maximal 40 Deutsche und noch einmal so viele Ausländer angehören dürfen 240 Vgl. ebd., S. 46. 241 Vgl. ebd., Innenseite des Einbandes. 242 Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 48. 243 Vgl. ebd., S. 46. 244 Vgl. ebd., S. 51. 245 Vgl. ebd., S. 52. 246 Vgl. ebd., S. 52. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 55 und somit auch als elitärer Kreis. Zu ihnen zählen derzeit Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Wim Wenders, Durs Grünbein oder Christiane Nüsslein-Vollhard. Auch wenn der Pour le Mérite sich am Leistungsgedanken orientierte, so unterlag er bei der Zuteilung den ständischen Vorstellungen seiner Zeit, indem er ausschließlich an Offiziere und damit zu einem überwiegenden Teil an Adlige verliehen wurde. Das Eiserne Kreuz spielt in der Emanzipation im Auszeichnungswesen eine noch bedeutendere Rolle, wenn man bedenkt, dass sich dieses Ehrenzeichen unterschiedslos an alle Dienstgradgruppen richtete, vom Gemeinen bis zum General. Die Stiftung des Eisernen Kreuzes fiel in eine Zeit umfassender politischer (auch restaurativer) und gesellschaftlicher Umwälzungen in Europa und eben diese bilden auch die Ursache der Veränderungen im Auszeichnungswesen. Die Stiftungsurkunde vom 10. März 1813 gibt eindeutige Hinweise darauf, inwiefern der Pathos, mit dem das Volk zum Verteidigungskampf gegen die Franzosen aufgerufen wurde, auch die Schaffung des Eisernen Kreuzes beeinflusste: „[...] Wir haben daher beschlossen, das Verdienst, welches in dem jetzt ausbrechenden Kriege entweder im wirklichen Kampf mit dem Feinde, oder außerdem, im Felde oder daheim, jedoch in Beziehung auf diesen großen Kampf um Freiheit und Selbständigkeit erworben wird, besonders auszuzeichnen und diese eigenthümliche Auszeichnung nach diesem Kriege nicht weiter zu verleihen. [...] 3.[...] Das Eiserne Kreuz ersetzt diese Orden und Ehrenzeichen und wird durchgängig von Höheren und Geringeren auf gleiche Weise in den angeordneten zwei Klassen getragen. [...]“247 Mit den ersetzten Orden und Ehrenzeichen waren der Roter-Adlerorden zweiter und dritter Klasse, der Pour le Mérite (jeweils für Offiziere) sowie das Militär-Ehrenzeichen (für Mannschaften und Unteroffiziere) gemeint, die bis dato für erwiesene Tapferkeit verliehen werden konnten.248 Der Pour le Mérite wurde dennoch rund zweieinhalbtausendmal während der Befreiungskriege verliehen, davon rund fünfzehnhundertmal an Ausländer.249 Das in seiner äußeren Form schlicht gehaltene Eiserne Kreuz wurde in zwei Klassen gestiftet, wobei die zweite Klasse an einem Band und die erste und gleichzeitig höhere Klasse an einer rückseitigen Nadel getragen wurden. Bei der Variante mit der Nadel handelte es sich jedoch zunächst nur um eine Zusatzdekoration, die die erste Klasse nach außen hin kenntlich machen sollte, da laut Stiftungsurkunde „beide Klassen des Eisernen Kreuzes [...] ein ganz gleiches in Silber gefasstes schwarzes Kreuz von Gusseisen“250 waren, die am Band im Knopfloch getragen werden sollten. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wurde die erste Klasse mit einer rückseitigen Nadel versehen und war dadurch von der zweiten Klasse äußerlich zu unterscheiden. 247 Nimmergut, Jörg: Das Eiserne Kreuz 1813-1957. Zweibrücken 1990. S. 32. 248 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 32. 249 Vgl. Fuhrmann: Pour le Mérite, S. 39. 250 Wernitz, Frank. Das Eiserne Kreuz 1813 – 1870 – 1914. Geschichte und Bedeutung einer Auszeichnung. Wien 2013. Vgl. Band 1, S. 153 und Band II, S. 16 ff. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 56 Das von Karl-Friedrich Schinkel entworfene Kreuz war an das Ordenskreuz des Deutschen Ordens angelehnt251 und bestand aus einem schwarz emaillierten Kreuz aus Eisen, welches von einer Silberzarge eingefasst wurde und auf der Vorderseite die Initialen des Königs sowie das Stiftungsjahr 1813 zeigte. Die Verleihung der ersten Klasse setzte den Besitz der zweiten Klasse voraus. Für hohe militärische Führer, die eine entscheidende Schlacht gewinnen konnten, „nach welcher der Feind seine Position verlassen muß“252, durfte das Großkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen werden. Dieses war größer als die anderen beiden Klassen und wurde an einem Halsband getragen. Obwohl das Eiserne Kreuz bis heute der Inbegriff einer Auszeichnung für unmittelbare Tapferkeit ist und daher seit dem Bestehen der Reichswehr als Hoheitszeichen für deutsche Streitkräfte verwendet wird, war eine Verleihung an sogenannte Nichtkämpfer von Anfang an vorgesehen. Für die zweite Klasse wurde in solch einem Fall das Eiserne Kreuz am weißen Band mit schwarzen Randstreifen (im Gegensatz zum schwarzen Band mit weißen Streifen in der Version für Kämpfer) verliehen. Im preu- ßischen Heer gab es eine ganze Reihe von Funktionsträgern, die als Nichtkämpfer für so eine Verleihung in Frage kamen, wie zum Beispiel Ärzte, Sanitätspersonal, Militärgeistliche, Veterinäre oder auch Militärbeamte. Aber auch zahlreiche Zivilisten wurden mit dem Eisernen Kreuz für Nichtkämpfer ausgezeichnet, darunter 31 Land- Edelleute, 11 Kaufleute, 4 Professoren und 70 Zivilärzte.253 Bei Militärärzten und Feldgeistlichen kam es jedoch entgegen der Verleihungsbestimmungen gelegentlich auch zur Verleihung der Eisernen Kreuze für Kämpfer. In diesen Fällen betrachtete man nicht die Zugehörigkeit des Beliehenen zu einem kämpfenden oder nichtkämpfenden Teil des Heeres als Grundlage, sondern ob die Tat persönlichen Mut und Tapferkeit verlangte und verlieh dann entsprechend das Eiserne Kreuz am Kämpferband. Als Beispiel sei die Verleihung an den Bataillonsarzt Kuhn genannt, der im Gefecht bei Möckern mehrere französische Kavalleristen gefangen nahm.254 Durch diese Verleihungspraxis kamen etwa 180 Eiserne Kreuz am Kämpferfand an Nichtkämpfer zur Verleihung.255 Eine weitere Besonderheit bei der Verleihung der Eisernen Kreuz war die Vererbung der Kreuze oder die sogenannte indirekte Verleihung. Grundüberlegung war es einerseits, eine inflationäre Vergabe dieser Tapferkeitsauszeichnung zu verhindern und so den immateriellen Wert des Ehrenzeichens beizubehalten oder gar zu erhöhen und andererseits die Kosten für die Herstellung gering zu halten. Dies bedeutete, dass die Eisernen Kreuze von Soldaten, die noch während des Krieges fielen oder später verstarben, an das jeweilige Regiment zurückgegeben werden mussten und dort an Soldaten verliehen werden konnten, die zwar im Kriege tapfere Handlungen vollbrachten, aber nicht mehr mit einem Eisernen Kreuz geehrt 251 Vgl. Autengruber, Michael: Der indirekte Einfluss des Deutschen Ordens auf die Entstehung des Eisernen Kreuzes. In: Nimmergut, Jörg: Das Eiserne Kreuz 1813-1957. Zweibrücken 1990. S. 23ff. 252 Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 34. 253 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 183-1957, S. 47. 254 Vgl. ebd. 255 Vgl. ebd. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 57 wurden.256 Ihre jeweiligen Namen wurden auf Listen innerhalb des Regimentes geführt und bei Ableben eines Beliehenen erhielten sie dann das Eiserne Kreuz.257 Dabei sollten „die Kreuze der Offiziere wieder an Offiziere, die der Soldaten aber an Feldwebel, Unteroffiziere und Gemeine ohne Unterschied des Ranges vergeben werden.“258 Sollte in dem jeweiligen Regiment kein Anwärter für eine erneute Verleihung anstehen, mussten die Kreuze schließlich an die General-Ordens-Kommission zurückgesandt werden. Diese war wiederum auch an jeder Wiederverleihung zu beteiligen. Sie führte akribisch Listen darüber, wann welcher Soldat mit einer nachträglichen Verleihung bedacht wurde und sie erließ in insgesamt 27 Jahren 62 Verordnungen über die Abwicklungsproblematik.259 Der General-Ordens-Kommission wurde durch die Vererbungspraxis ein enormer bürokratischer Aufwand zuteil, da es im Laufe der Jahre immer schwieriger wurde, Verleihungsberechtigungen nachzuvollziehen, weil im Laufe der Reorganisation des Heeres zahlreiche Regimenter aufgelöst und neue wieder aufgestellt wurden.260 Die Ansprüche der Angehörigen von Freiwilligenverbänden waren zeitweise ebenso schwer zu realisieren wie die der Pionier-, Artillerie-, oder Gendarmerie-Einheiten, da hier der Corpus des Regimentes fehlte, der den kontinuierlichen Ablauf der Wiederverleihungen gewährleistete.261 Erbberechtigte Soldaten warteten zehn oder mehr Jahre auf das Ableben ihres jeweiligen Vorgängers, um das Eiserne Kreuz auf diese Weise zu erhalten. Friedrich Ludwig Jahn war ein bekannter Anwärter auf dieses Ehrenzeichen und erhielt das Eiserne Kreuz sogar erst mit 27 Jahren Verspätung, da mehrmals eine Verleihung wegen Jahns politischer Betätigung abgelehnt worden war.262 Erst nach Jahrzehnten, im Jahr 1834, hatte sich König Friedrich Wilhelm III. dazu entschlossen alle noch lebenden Anwärter mit einer neuen Fertigungsserie des Eisernen Kreuzes zu bedienen, wodurch das Vererbungsprinzip unnötig wurde.263 Friedrich Wilhelm IV. bestätigte im Jahre 1840 die Absicht seines Vorgängers, das Eiserne Kreuz nicht weiter zu verleihen, jedoch brachte er seine Verbundenheit zu dieser Auszeichnung durch eine sogenannte Seniorenstiftung zum Ausdruck. Am 3. August 1841, am Geburtstag seines Vaters und Stifters der Tapferkeitsauszeichnung, erließ er ein Versorgungsgesetz, wonach „[...] den Inhabern des Eisernen Kreuzes erster Klasse 12 Senioren aus dem Offizierstande und 12 Senioren aus dem Stande vom Feldwebel abwärts einen jährlichen Ehrensold von Hundert und fünfzig Thalern, und 256 Vgl. ebd., S. 48 257 Vgl. ebd. 258 Ebd. 259 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 50. 260 Vgl. ebd. 261 Vgl. ebd. 262 Vgl. ebd. 263 Vgl. ebd., S. 51. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 58 b) von den Inhabern des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse 36 Senioren aus dem Offizierstande und 36 Senioren aus dem Stande vom Feldwebel abwärts einen jährlichen Ehrensold von Fünfzig Thalern auf Lebenszeit empfangen.“264 In der Forschung wurde die Einführung dieser Privilegien zuweilen als Absicht gedeutet, das Eiserne Kreuz in einen Orden umzuwandeln, da ja zahlreiche Hoforden über einen solchen Pensionsstift verfügten.265 Allerdings hätte dies allein nicht ausgereicht, um die wesentlichen Eigenschaften eines „echten“ Ordens zu erfüllen, der ähnlich hohes gesellschaftliches Ansehen genoss wie beispielsweise der Hohe Orden vom Schwarzen-Adler. Vielmehr handelte es sich um eine soziale Maßnahme aus Fürsorgegründen des Staates gegenüber seinen Veteranen, wobei die Stiftungsidee des Eisernen Kreuzes, nämlich die Gleichstellung der verschiedenen Dienstgradgruppen unter der gemeinsamen Auszeichnung, immer wieder ausdrücklich hervorgehoben wurde. So erfolgte für Veteranen, die in Invalidenhäusern wohnten und Träger des Eisernen Kreuzes waren, eine Anpassung ihrer Versorgungsbezüge, indem ehemalige Mannschaftssoldaten die Bezüge von Unteroffizieren und ehemalige Unteroffiziere die Bezüge von Feldwebeln zugeteilt bekamen.266 Zur symbolischen Gleichstellung aller Träger der Auszeichnung trug auch die Jubiläumsfeier zum fünfzigsten Jahrestag der Stiftung des Eisernen Kreuzes im Jahre 1863 bei, als die 1500 noch lebenden Träger dieser Auszeichnung an den preußischen Hof geladen wurden und am König vorbei marschierten.267 Unter ihnen waren alle gesellschaftlichen Schichten vertreten, vom Obdachlosen bis zum Prinzen und die meisten von ihnen waren bei weitem nicht hoffähig. Dennoch saßen sie mit dem Kreuz an der Brust, als einziges verbindendes Element aller Anwesenden, zum gemeinsamen Essen im königlichen Schloss.268 Die zahlreichen Maßnahmen des preußischen Staates seit Stiftung des Eisernen Kreuzes im Jahre 1813 führten zu einer erheblichen Mystifizierung dieses Ehrenzeichens, das sich so zu einem Symbol für die Befreiungskriege entwickelte. Zwar hatte Preußen die Verleihung dieser Kriegsauszeichnung auf die Jahre 1813-15 begrenzt, doch gab die Verleihungspraxis der Vererbung innerhalb der Regimenter dem Staat die Möglichkeit, tapfere Handlungen noch Jahrzehnte nach dem Krieg gegen Napoleon zu würdigen und so im kollektiven Gedächtnis der Öffentlichkeit und insbesondere des Heeres wirken zu lassen. Eine Neustiftung des Eisernen Kreuzes wurde nach 1815 in den zahlreichen, mehr oder weniger umfangreichen militärischen Konflikten, die Preußen führte, zunächst nicht betrachtet. Während der Kriege gegen Dänemark (1864) und Österreich- Ungarn (1866) kamen daher wieder die nach Dienstgradgruppen getrennten Tapferkeitsauszeichnungen zur Verleihung, wie etwa das Pour le Mérite für Offiziere und das Militär-Ehrenzeichen für Unteroffiziere und Mannschaften. Erst im Krieg gegen Frankreich 1870/71 erkannte König Wilhelm I. den Anlass für eine Neustiftung dieser Tapferkeitsauszeichnung. Sowohl derselbe Gegner Frankreich als auch der Um- 264 Ebd., S. 53. 265 Vgl. ebd., S. 55 266 Vgl. ebd. 267 Vgl. ebd. 268 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz, S. 56. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 59 stand, dass sich alle deutschen Staaten mit einem Kontingent an der Seite Preußens an dem Krieg beteiligten, beflügelten die Öffentlichkeit dazu im Krieg gegen Frankreich eine Kontinuität zu den Befreiungskriegen von 1813 zu sehen. Da schien die Erneuerung des Eisernen Kreuzes, mit dem sich über Jahrzehnte Begriffe wie Tapferkeit, Freiheit und Ehre verknüpft hatten, eine logische Konsequenz zu sein: „Angesichts der ernsten Lage des Vaterlandes und in dankbarer Erinnerung an die Heldenthaten unserer Vorfahren in den großen Jahren der Befreiungskriege, will ich das von Meinem in Gott ruhenden Vater gestiftete Ordenszeichen des Eisernen Kreuzes in seiner ganzen Bedeutung wieder aufleben lassen.“269 Die Verleihungspraxis des Eisernen Kreuzes 1870 knüpfte an die Traditionen der Stiftungszeit an, was die Klassifizierung und die Voraussetzungen anging. Persönliche Tapferkeit vor dem Feinde war unbedingt Voraussetzung für die Verleihung der zweiten und ersten Klasse und kriegsentscheidende operative Erfolge die Grundlage, um das Großkreuz des Eisernen Kreuzes zu erhalten.270 Eine Verleihung an Nichtkämpfer (weißes Band mit schwarzen Seitenstreifen) war ebenfalls vorgesehen, auch wenn man bei der Erneuerung darauf achtete, die Wertigkeit der Nichtkämpfer-Klasse durch die Verleihung alternativer Auszeichnungen auf hohem Niveau zu halten. Üblich war es hierbei, schon vorhandene Orden und Ehrenzeichen an einem anderen Band zu verleihen, um somit eine eigene Kategorie für Ärzte, Sanitäter, Feldgeistliche oder Militärbeamte zu schaffen. Beispiele sind der preußische Kronenorden oder das Allgemeine Ehrenzeichen, welche man für Nichtkombattanten am sogenannten Erinnerungsband (sechs Mal gestreiftes weißes Band) verlieh, um so die Verleihungszahlen für das Eiserne Kreuz am Nichtkämpferband niedrig zu halten.271 Die äußere Form des Kreuz blieb im Wesentlichen unverändert, man änderte lediglich die Jahreszahl von „1813“ auf das Jahr der Erneuerung „1870“ sowie das Monogramm des Königs von „FW“ auf „W“. Vom Prinzip der Vererbung der Kreuze sah man, wahrscheinlich aufgrund des erheblichen bürokratischen Aufwandes, den man deswegen nach den Befreiungskriegen geführt hatte, ab und delegierte die administrative Abwicklung des Eisernen Kreuzes von der General-Ordens-Kommission auf das Militärkabinett und somit auch die untergeordneten Dienststellen.272 Dadurch war es auch möglich geworden, die Auszeichnung den anderen deutschen Kontingenten im Krieg gegen Frankreich zugänglich zu machen und die symbolische Bedeutung des Eisernen Kreuzes vom erneuerten Freiheitskampf auf ein übergeordnetes patriotisches Zeichen zu erweitern, das die verschiedenen deutschen Staaten verbindet: „Doch meinen Enkeln weisen Noch an des Grabes Rand Will ich mein Kreuz von Eisen Mit hellem Silberrand. Und will sie lassen schwören Aufs Kreuz am schwarzen Band 269 Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813 – 1957, S. 94f. 270 Vgl. ebd., S. 96. 271 Vgl. ebd., S. 98. 272 Vgl. ebd. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 60 Daß Herz und Hand gehören Allstund dem Vaterland. Bricht dann aus alten Gleisen Noch mal hervor der Krieg, Hurra! Du Kreuz von Eisen – Dann wieder auf zum Sieg!“273 Diese Zeilen des Dichters Julius Wolff aus dem späten 19. Jahrhundert spiegeln die patriotischen Gefühle wider, die mit den siegreichen Reichseinigungskriegen, dem Eisernen Kreuz und vor allem der Erwartung einer Wiederauflage des Krieges gegen Frankreich in Verbindung gebracht wurden. Das Eiserne Kreuz war der breiten Bevölkerung bekannt und begegnete den Menschen vielerorts. Es zierte Denkmäler, Friedhöfe und Schautafeln in den Kirchen. Es fand sich an den Fahnenspitzen der Truppenfahnen vieler Regimenter wieder und auch auf den Truppenfahnen selbst. Es war zugegen in den Vereinsheimen der Kriegervereine und allerlei Souvenirs wurden damit bedruckt: Briefbeschwerer, Tischdecken, Bierkrüge, Schmuck oder Kaffeetassen. Als dann im August 1914 der Krieg gegen den „Erbfeind“ Frankreich ausbrach, führte aufgrund dieser starken Symbolik kein Weg an der zweiten Erneuerung des Eisernen Kreuzes vorbei. Kriegsminister Falkenhayn realisierte die Stiftung im Auftrag des Kaisers und in der Tagespresse genoss die Erneuerung große Aufmerksamkeit.274 Die Verleihungsbestimmungen deckten sich im Wesentlichen mit denen von 1870, wobei die administrative Abwicklung aufgrund der erheblichen Heeresstärke weiter heruntergebrochen wurde. Von nun an hatten kommandierende Generale das Recht, tapfere Handlungen mit dem Eisernen Kreuz zu würdigen und die entsprechenden Verleihungsurkunden zu unterzeichnen.275 Was dann in den folgenden vier Kriegsjahren mit dem Eisernen Kreuz passierte, kann man als regelrechte Verleihungsflut bezeichnen, die mit einer umfassenden Entwertung, vor allem der zweiten Klasse, einherging. Während bis Mai 1915 die Verleihungszahlen noch eher moderat ausfielen (die Wahrscheinlichkeit auf Verleihung der zweiten Klasse war 1:36), lag die Chance im letzten Kriegsjahr bei 1:6 für den Erhalt der zweiten Klasse.276 Im krassen Vergleich dazu lag die Wahrscheinlichkeit auf Verleihung des preußischen Goldenen Militärverdienstkreuzes, der höchsten preußischen Auszeichnung für Unteroffiziere und Mannschaften, bei 1:7332, wenn man die dokumentierten Verleihungen auf die in Frage kommenden Dienstgradgruppen aufrechnet.277 Am Ende des Weltkrieges gab es knapp 5,2 Millionen Träger des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse, also beinahe jeder zweite deutsche Soldat erhielt diese Tapferkeitsauszeichnung.278 273 Wolff, Julius: Aus dem Felde – Kriegslieder. In: Reichel, Arthur: 127 Jahre Eisernes Kreuz. Dresden 1940. S. 32. 274 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 137. 275 Vgl. ebd., S. 140. 276 Vgl. ebd., S. 142. 277 Vgl. ebd., S. 143. 278 Vgl. ebd., S. 142f. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 61 Dass Tapferkeit längst keine Voraussetzung mehr war, um in den Besitz des Eisernen Kreuzes zu gelangen, wird in zahlreichen zeitgenössischen Beschwerden von Offizieren deutlich: „Es konnte dem Eisernen Kreuz nur zum Schaden gereich, wenn Armee-Oberkommandos und Generalkommandos die erste Klasse nicht nur an Generalstabsoffiziere und Adjutanten, sondern an sämtliche Offiziere dieser Stäbe, an Ordonnanz-, Nachrichten-, und sogar Verpflegungs-Offiziere, ferner an die zum Stabe gehörigen Sanitätsoffiziere und Indendanturbeamten verliehen.“279 Die Ursache für diese zügellose Verleihungspraxis ist wahrscheinlich mit dem spezifischen Kriegsalltag im Ersten Weltkrieg zu begründen. Während des jahrelangen Grabenkrieges, in dem in monatelangen Offensiven bei unglaublich hohen personellen Verlusten kaum Geländegewinne oder nennenswerte operative Erfolge erzielt werden konnten, wurden Orden und Ehrenzeichen zu einer wichtigen Motivation für die Soldaten. Zumindest legte die übergeordnete Führung die massenhafte Verteilung von Eisernen Kreuzen so aus, wenn man sich die Steigerungsraten bei der Verleihung bis 1918 ansieht. Auf deutscher Seite schieden andere Möglichkeiten, die Truppe andauernd zu motivieren, z.B. durch bessere Versorgung mit Lebensmitteln oder ein häufigeres Herauslösen der Regimenter und Division aus vorderster Linie, aufgrund der hohen Personalverluste und zeitweise katastrophalen Versorgungslage aus. Scheinbare Kompensation bot dafür das symbolträchtige Eiserne Kreuz. Auch in anderen Ländern stiegen die Verleihungszahlen für Ehrenzeichen, die in der Klassifikation in etwa mit dem Eisernen Kreuz vergleichbar waren, im Laufe der Kriegsjahre deutlich an. Diese waren beispielweise in Österreich-Ungarn die silberne Tapferkeitsmedaille, das Croix de Guerre in Frankreich oder auch die russische St.Georgs-Tapferkeitsmedaille. Ein weiterer Grund für die massenhafte Verleihung des Eisernen Kreuzes, vor allem die erste Klasse betreffend, war die Bedienung der Stäbe und Kommando-Ebene, wie aus der aufgezeigten zeitgenössischen Bewertung hervorgeht. Das Auszeichnungssystem der deutschen Staaten wies zur damaligen Zeit eine Lücke auf, was die Belohnung von Verdiensten bei der Führung von Verbänden und Großverbänden anging. Zwar war es den Armee-Kommandeuren möglich, bei operativen Erfolgen statutenkonform das Großkreuz des Eisernen Kreuzes zu erhalten, aber die zahlreichen Offiziere der Stäbe, die ihren Kommandeuren auf allen Führungsgrundgebieten zuarbeiteten und sich dabei Verdienste erwarben, waren im Auszeichnungssystem nicht berücksichtigt. Daher ging man dazu über, Orden und Ehrenzeichen, die an der Front für Tapferkeit verliehen wurden, auch den Angehörigen der Stäbe zugänglich zu machen, um ihre Leistungen mit denen der Frontsoldaten gleichzusetzen. Dass das Eiserne Kreuz trotz der außerordentlich hohen Verleihungszahlen nicht an Ansehen und Symbolkraft einbüßte, zeigen die zahlreichen Anträge auf nachträgliche Verleihung desselben bis in das Jahr 1925. Nach dem Krieg untersagte die Reichsregierung die Vergabe von Titeln, Orden und Ehrenzeichen, da sie als „Relikt 279 Ebd., S. 141. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 62 einer endlich überwundenen Monarchie“280 angesehen wurden. Nach Artikel 175 der Reichsverfassung durften jedoch Auszeichnungen für Verdienste in den Kriegsjahren 1914-18 bis spätestens 1925 weiterverliehen werden.281 Handlungsbedarf bei der Bearbeitung von Anträgen auf Orden und Ehrenzeichen in dieser Zeit gab es vor allem aufgrund der vielen heimgekehrten Kriegsgefangenen und Angehörigen der Schutztruppen, die teilweise bis Kriegsende in Afrika gekämpft hatten und während der Krieges nicht mit dem Eisernen Kreuz beliehen werden konnten, da sie von regelmä- ßiger Versorgung abgeschnitten worden waren. Die Verleihungspraxis wurde im Vergleich zum Ersten Weltkrieg offenkundig nicht verändert. So war eine tapfere Handlung nicht zwangsläufig Voraussetzung für die Erlangung dieser Auszeichnung, wenn man sich vor Augen führt, dass nach dem Krieg noch über 250.000 Verleihungen erfolgten.282 Man kann praktisch ausschließen, dass die bearbeitenden Stellen im preu- ßischen Staatsministerium und später im Reichswehrministerium sich für jeden eingereichten Antrag eine konkrete tapfere Handlung über die Stellungnahmen ehemaliger, noch lebender Vorgesetzter und Zeugen nachweisen ließen. Der damit verbundene Aufwand wäre kaum zu bewältigen gewesen. Stattdessen ließen sich die Verantwortlichen die Kriegsranglisten vorlegen und überprüften damit die tatsächliche Zugehörigkeit der Antragsteller.283 Auf welcher Grundlage dann eine Entscheidung für oder gegen die Verleihung eines Eisernen Kreuzes getroffen wurde, geht aus der zugrunde liegenden Literatur nicht hervor. Die preußische Regierung sah sich jedoch noch im Jahr 1934, also neun Jahre nach Einstellung des Verleihungsverfahrens gezwungen, sich wegen der immer noch eingehenden Anträge in hoher Zahl an die Öffentlichkeit zu wenden: „Der preussischen Staatsregierung gehen noch immer zahlreiche Anträge auf nachträgliche Verleihung von Eisernen Kreuzen zu. Die preussische Staatsregierung sieht sich zu ihrem Bedauern ausserstande, den ihr vorgelegten Anträgen zu entsprechen oder sie an andere Dienststellen weiterzuleiten, da die Wiederaufnahme der Verleihung Eiserner Kreuze schon wegen der Unmöglichkeit, geltend gemachte Verdienste heute noch zuverlässig festzustellen, ausser Betracht bleiben muss. Die Einreichung von Anträgen auf Verleihung, von Eisernen Kreuzen an preussische Dienststellen ist also zwecklos.“284 Aufgrund seiner bedeutenden Symbolkraft blieb das Eiserne Kreuz, welches auch 1939 von Adolf Hitler erneuert wurde, in seiner Form von 1914 trotz seiner hohen Verleihungszahlen eine begehrte Auszeichnung, um die sich noch viele Veteranen bemühten. Auch das 1934 vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg gestiftete Ehrenkreuz für Frontkämpfer, das es in den Versionen für Kämpfer, Nichtkämpfer und Hinterbliebene gab, lehnt sich äußerlich an das Eiserne Kreuz an, da es sich beinahe allegorisch auf das deutsche Soldatentum bezog. Seit 1813 war es systematisch tradiert worden, indem man es nach 1815 nach dem Prinzip der Vererbung weiterverliehen hatte und es somit im Gedächtnis des preußischen Heeres lebendig hielt. Diese 280 Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 151. 281 Vgl. ebd. 282 Vgl. ebd., S. 152. 283 Vgl. ebd., S. 152. 284 Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 153. 3. Pour le Mérite und Eisernes Kreuz – Für Verdienst und Tapferkeit 63 militärische Symbolik konnte während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 und vor allem in den folgenden Jahrzehnten schließlich zu nationaler Bedeutung erweitert werden, da es von einer breiten Öffentlichkeit mit der Reichseinigung als vornehmlich militärisches Ereignis in Verbindung gebracht wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Auszeichnung dann zum Symbol für eine nationale Tragödie, nämlich dem Mythos, als ungeschlagenes Heer den Krieg verloren zu haben. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 64 Auszeichnungen in der Moderne Wenn im 19. Jahrhundert die Systematik der Orden und Ehrenzeichen im Sinne einer unlängst überholten ständischen Gesellschaftsordnung bis zur Perfektion fein ausdifferenziert wurde, so steht das 20. Jahrhundert im Rahmen seiner umfassenden gesellschaftlichen Umbrüche in Europa vor allem für eine Vereinfachung bei der Vergabe von Orden und Ehrenzeichen. Mit dem Erlöschen einiger europäischer Monarchien wurden auf einen Schlag hunderte staatliche Orden und Ehrenzeichen nicht mehr verliehen, wohl aber von den Empfängern weiterhin getragen (sogenannte „quieszierende Auszeichnungen“285). In Deutschland wurde die Stiftung und Verleihung staatlicher Auszeichnungen bis 1934 vollkommen ausgesetzt, da man sich von dieser scheinbar monarchistischen Praxis distanzieren wollte. In Österreich oder auch Ungarn schuf man neue Orden und Ehrenzeichen, die man teilweise schon durch die offizielle Bezeichnung eng mit der neuen republikanischen Staatsform verband, wie etwa beim österreichischen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik. Aus heutiger Sicht scheint der Verzicht auf Verleihung von Orden und Ehrenzeichen in der sogenannten Weimarer Republik aus zweierlei Gründen problematisch. Erstens konnte der Staat die internationale Gepflogenheit nicht mehr bedienen, Orden als diplomatische Geste zu verleihen, so wie es etwa bei Staatsbesuchen von Politikern und Würdenträgern oder auch innerhalb des diplomatischen Korps üblich war. Stattdessen wich man auf Sachgeschenke aus, wie etwa wertvolles Porzellan, oder man verlieh halbstaatliche Ehrenzeichen, wie beispielsweise das 1922 gestiftete Ehrenzeichen des Roten Kreuzes, das jedoch keinen adäquaten Ersatz zu den bisher verliehenen Orden darstellte. Zweitens bieten staatlich verliehene Auszeichnungen ein wichtiges Mittel zur Identifikationsstiftung. Das Tragen von Orden und Ehrenzeichen war vor allem bei uniformierten Staatsbediensteten weit verbreitet und diente dazu, Untergebene an sich zu binden. Die Republik bot dies den Soldaten der Reichswehr, um deren Loyalität und Verfassungstreue sie stets ringen musste, nicht. Stattdessen trugen die Soldaten an der neuen Uniform der Reichswehr die Orden und Ehrenzeichen der vergangenen Monarchie. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss erkannte die Notwendigkeit der Existenz eines Verdienstordens in der gerade gegründeten Bundesrepublik und stiftete 1951 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Dabei wollte man sich von der großen Zahl an gestifteten Orden und Ehrenzeichen in den deutschen Staaten bis 1918, im Dritten Reich und in der DDR distanzieren und konzentrierte sich auf einen Verdienstorden, den man vom ausländischen Diplomaten bis zum Arbeiter mit 60jährigem Arbeitsjubiläum unterschiedslos verleihen konnte. Tatsächlich hat man sich bei der Stiftung von tragbaren Auszeichnungen bis heute in diesem Sinne sehr zurückgehalten. Der Bundespräsident verleiht auch heutzutage als tragbare Auszeichnungen lediglich den Verdienstorden, das Silberne Lorbeerblatt als Ehrenzeichen für Verdienste im Sport und in der Musik, das Grubenwehr-Ehrenzei- 4. 285 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 122. 4. Auszeichnungen in der Moderne 65 chen in Silber und Gold, sowie im Zeitraum von 1978-93 die Silbermedaille für den Behindertensport.286 Verglichen mit anderen europäischen Ländern ist das eine kleine Anzahl an staatlich verliehenen Auszeichnungen. Frankreich verleiht je nach Zweck der Verleihung einen Orden der Künste und Literatur, den Orden der Ehrenlegion oder den Nationalverdienstorden. Großbritannien verleiht derzeitig sechs Orden, die mit der Ritterwürde verbunden sind, sowie vier weitere ohne Ritterwürde. Hinzu kommt eine gro- ße Zahl an Ehrenzeichen ziviler oder militärischer Form. Europäische Länder mit einem Monarchen als Staatsoberhaupt haben sich nach wie vor ein sehr vielfältiges Auszeichnungssystem beibehalten, da die Wurzeln hierfür im 18. bzw. 19. Jahrhundert liegen. Dennoch gab es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen dieser Länder Vereinfachungen, was die Anzahl und Ausdifferenzierung der Orden und Ehrenzeichen angeht. Während Großbritannien einige koloniale Auszeichnungen im Zuge der Dekolonialisierung gänzlich abschaffte, wie zum Beispiel den Order of the Crown of India oder den Order of Burma, setzte man im Königreich Dänemark die Sonderstufe des Dannebrog-Ordens aus, das sogenannte Dannebrog-Ehrenzeichen. Dieses Kreuz aus Silber hatte man 1808 in Ergänzung zum emaillierten Dannebrog- Orden geschaffen, um zunächst Personen zu ehren, die einen niedrigen sozialen Status hatten.287 Später erhielten auch Personen dieses Ehrenzeichen, die bereits einen Dannebrog-Orden trugen.288 Hier wurde es als eine Art Steigerung gehandhabt. Da im Laufe gesellschaftlicher Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg breite Schichten der Bevölkerung Zugang zu den staatlichen Orden und Ehrenzeichen haben und sich die Verleihungen nicht mehr nur auf bestimmte Personengruppen konzentrieren sollten und weil man bei wiederholter Leistung auf eine höhere statt zusätzliche Klasse zurückgriff, fiel das Dannebrog-Ehrenzeichen weg. Es liegt außerdem nahe, dass der Eindruck einer Geringschätzung der sozialen Herkunft aufgrund der Verleihung des Ordens einer entsprechenden Stufe vermieden werden sollte. In den europäischen Diktaturen, waren sie nationalistischer oder kommunistischer Prägung, wurde ein hochkomplexes Auszeichnungswesen etabliert, das in Bezug auf die Masse der verliehenen Orden und Ehrenzeichen die zuvor beseitigten Monarchien bei weitem übertraf. In der Sowjetunion verbot man die Verleihung und das Tragen zaristischer Auszeichnungen289 und schuf ein neues System an Dekorationen, das den ideologischen Gegebenheiten genauestens angepasst war. So gab es einen Rotbannerorden der 286 Eine aktuelle Übersicht zu den derzeitig verliehenen Auszeichnungen des Bundespräsidenten: http:/ /www.bundespraesident.de/DE/Amt-und-Aufgaben/Orden-und-Ehrungen/orden-und-ehrungen-n ode.html (Stand 01.10.2015). 287 Vgl. Stevensborg, Lars: Kongeriget Danmarks ordener medaljer og hæderstegn. Frederiksberg 2004.S. 214. 288 Vgl. ebd. 289 Einzige Ausnahmen waren das Soldatenkreuz für Tapferkeit und die Medaille des St. Georgsordens. Diese Tapferkeitsauszeichnungen für Mannschaften und Unteroffiziere wurden zwar unter Lenin nicht mehr verliehen, durften aber durch Veteranen offiziell weiterhin getragen werden. Ob diese Praxis im Alltag tatsächlich und dann vor allem auch noch nach der Machtübernahme durch Stalin vollzogen wurde, bleibt zu bezweifeln. Siehe: Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 124. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 66 UdSSR, einen Orden des Roten Arbeitsbanners der UdSSR, einen Lenin-Orden oder auch die Ehrentitel Held der Sowjetunion und Held der Sozialistischen Arbeit. Verleihungen erfolgten ohne Beschränkungen was die Herkunft der Beliehenen betraf. Arbeiter und Kollektive standen jedoch deutlich im Mittelpunkt. Mit dem Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion 1941 herrschten militärische Auszeichnungen bei den Neustiftungen vor. So wurden während des Krieges oder in der Folge sieben militärische Orden gestiftet, 15 Medaillen für den Kampf um Städte und Territorien, zwei Medaillen für Verdienste in der Seekriegsflotte und eine für den Partisanenkampf.290 In den folgenden Jahrzehnten spiegelte sich der Kult um den Sieg über Deutschland und Japan auch in den Neustiftungen von Ehrenzeichen wider. Es wurden etliche sogenannte Jubiläumsmedaillen verliehen wie beispielsweise die Medaillen zum 20., 30., oder 40. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945, die Medaille 30 Jahre Sowjetische Armee und Flotte, die Medaillen 40, 50 oder 60 Jahre Streitkräfte der UdSSR, die Medaille XX Jahre Rote Arbeiter- und- Bauern-Armee oder die Medaille Für militärisches Heldentum zum Gedenken an den 100. Geburtstag Wladimir Iljitsch Lenins.291 Viele dieser Ehrenzeichen waren Wiederholungsauszeichnungen an Veteranen des Zweiten Weltkrieges, andere dienten jedoch auch der Aufrechterhaltung der Erinnerung an den Sieg bzw. die siegreichen Streitkräfte. Die Medaille 30 Jahre Sowjetische Armee und Flotte wurde zum Beispiel an alle Personen verliehen, die am 23. Februar 1948 Angehörige der Streitkräfte oder des Ministerium für Innere Angelegenheiten, bzw. Staatssicherheit waren.292 Dieses minimale Verleihungskriterium war mit keinerlei persönlichem Verdienst oder bestimmter Dienstzeit des Einzelnen verbunden. Vielmehr zählte die Zugehörigkeit zum Kollektiv. Nach dem sowjetischen Vorbild gestalteten alle sozialistischen Länder Europas und oftmals auch auf anderen Kontinenten ihr Auszeichnungssystem. Christliche Symbole, wie zum Beispiel das Kreuz, verschwanden aus der Ikonographie und die bisherige Klassifikation in Ritter-, Kommandeur- und Großkreuze wurde abgeschafft. Stattdessen gab es Heldentitel in Form eines goldenen Sterns, Ehren- und Aktivistentitel, Jubiläumsmedaillen und Kollektivauszeichnungen in allen Ländern des damaligen Ostblocks. Selbst die Trageaufhängung der Medaille, die typische Pentagonalspange, wurde mit Ausnahme der Volksrepublik Polen und der Tschechoslowakei von den sozialistischen Ländern Europas adaptiert. Ähnlich tiefgreifende und ideologisch gefärbte Veränderungen brachte das sogenannte Dritte Reich in das damalige staatliche Auszeichnungssystem. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges ließ Hitler ein sehr komplexes System an Orden, Ehrenzeichen und Kampfabzeichen einführen, das zum überwiegenden Teil auf das Militär ausgerichtet war und mit den Kriegsereignissen aufwuchs. Von zentraler Bedeutung war die Erneuerung des Eisernen Kreuzes im Jahre 1939, von der man sich zweifelsohne historische Legitimation für einen Expansions- 290 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 127. 291 Vgl. Herfurth, Dietrich: Militärische Auszeichnungen der UdSSR. Berlin 1987. S. 134 ff. 292 Vgl. ebd., S. 139 4. Auszeichnungen in der Moderne 67 krieg und die Revision des Versailler Vertrages erhoffte. Für die Generation an Offizieren und Soldaten, die den Ersten Weltkrieg durchlebt hatte, war die Wiederbelebung dieser Auszeichnung hoch angesehen. Generalfeldmarschall Erich von Manstein schrieb nach dem Krieg in seinen Memoiren: „In einem allerdings dachte Hitler durchaus soldatisch: In der Frage der Kriegsauszeichnungen. Durch diese wollte er in allererster Linie die eigentlichen Kämpfer, die Tapferen, ehren. So waren die von ihm zu Beginn des Feldzuges erlassenen Bestimmungen für die Verleihung des Eisernen Kreuzes mustergültig.“293 In den bisherigen Klassen unverändert, wurde das Eiserne Kreuz um eine Stufe erweitert – das sogenannte Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Dabei handelte es sich nicht etwa um ein Ritterkreuz im Sinne einer Ordensklasse, wie es bei den Orden seit dem 18. Jahrhundert gängige Klassifikation war. Das Wort Ritter ist hier im Sinne von Ritterlichkeit, sprich Tapferkeit zu interpretieren. Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes war in seiner Grundform die höchste Tapferkeitsauszeichnung für den deutschen Soldaten in der Wehrmacht. Das Oberkommando des Heeres sah für seinen Zuständigkeitsbereich die Verleihungsvoraussetzungen bei einer durch selbständigen Entschluss ausgeführten Tapferkeitstat mit ausschlaggebendem Erfolg für die Kampfführung, unabhängig von Dienstgrad oder Dienststellung, erfüllt.294 Dadurch kamen sowohl Einzelleistungen von Soldaten als auch taktische Erfolge der Truppenführer in Betracht. Die Einzelleistungen, besonders der Jagdflieger und U-Boot-Kommandanten, aber auch die zahlreichen operativen Erfolge verschiedener Kommandeure machten die Stiftung zusätzlicher Stufen für das Ritterkreuz notwendig. Im Zusammenspiel mit dem Eisernen Kreuz bei Kriegsende ergab sich folgendes System an Tapferkeitsauszeichnungen 295: Großkreuz des Eisernen Kreuzes (1) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Goldenem Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten (1) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit dem Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten (27) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit dem Eichenlaub und Schwertern (150) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit dem Eichenlaub (860) Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes (ca. 7000) Das Eiserne Kreuz 1.Klasse und die Spange 1939 zum E.K. 1.Kl. von 1914 (300.000) Das Eiserne Kreuz 2.Klasse und die Spange 1939 zum E.K. 2.Kl. von 1914 (2,3 Mio.) 293 Manstein, Erich von: Verlorene Siege. Bonn 1957. S. 312. 294 Vgl. Nimmergut: Das Eiserne Kreuz 1813-1957, S. 191. 295 Die Tabelle beginnt mit der höchsten Stufe, hinter den Klassen, bzw. Stufen die Verleihungszahlen. Die Spangen zu den beiden Klassen des Eisernen Kreuzes wurden an Soldaten verliehen, die bereits im Ersten Weltkrieg ein Eisernes Kreuz erhalten hatten und erneut für Tapferkeit ausgezeichnet wurden. Verleihungszahlen nach Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 126. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 68 Eine Nichtkämpferversion war entgegen der vorherigen Stiftungen und Erneuerungen des Eisernen Kreuzes im Jahre 1939 nicht vorgesehen. Stattdessen wurde eine eigene Auszeichnung gestiftet, das sogenannte Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern (für Militärs) und ohne Schwerter (für Zivilisten). Dieses gab es jeweils in zwei Klassen sowie als Ritterkreuz und (in der Version ohne Schwerter) noch als Medaille zum Kriegsverdienstkreuz.296 Weitere Besonderheiten waren das Deutsches Kreuz in Gold und Silber (rangierte in der Wertigkeit etwa zwischen dem Eisernen Kreuz 1. Klasse und dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes) sowie die Tapferkeits- und Verdienstauszeichnung für Ostvölker, die eigens für die zahlreichen Angehörigen der Hilfstruppen slawischer Herkunft gestiftet wurden. Ihnen wollte man nicht die gleichen Auszeichnungen verleihen wie den Angehörigen der deutschen Wehrmacht. Innerhalb der Wehrmacht etablierte sich neben diesen Tapferkeitsauszeichnungen ein System verschiedener Kampfabzeichen, die nicht direkt für eine tapfere Handlung, sondern für die andauernde Teilnahme an Kampfhandlungen verliehen wurden. So gab es je nach Truppengattung z.B. das Infanterie-Sturmabzeichen, das Panzerkampfabzeichen, die Nahkampfspange des Heeres, das Heeres-Flakabzeichen, das Erdkampf-Abzeichen der Luftwaffe, das Bandenkampfabzeichen, das Schnellboot- Kriegsabzeichen, die Frontflugspange oder das U-Boot-Kriegsabzeichen. Insgesamt gab es 35 solcher Kampfabzeichen, sowie sechs Ärmelschilde und vier Ärmelbänder mit der Aufschrift eines Operationsgebietes oder Feldzuges als Erinnerungsabzeichen. Solche Art von Auszeichnungen förderte den Kriegerethos im Dritten Reich in ganz erheblicher Weise und diente als Motivationsstütze seitens der Militärführung, vor allem im späteren Verlauf des Krieges. Die zuvor erwähnten Ärmelschilde und Ärmelbänder wurden zumeist in Anerkennung an eine Schlacht gestiftet, wie sie am Ende des Krieges immer häufiger vorkam, um so den Durchhaltewillen der Soldaten zu fördern. Das Ärmelband Kurland wurde zum Beispiel an jene Soldaten verliehen, die im von der Roten Armee eingeschlossenen Kurlandkessel ab Oktober 1944 an Kampfhandlungen teilnahmen. Ähnliches galt für Angehörige der Kampfgruppe Siegroth, die im Herbst 1944 die Festungsstadt Metz verteidigten. Für sie wurde das Ärmelband Metz gestiftet, allerdings kam es nicht mehr zur Verleihung. Manstein urteilte nach dem Krieg über die Vielzahl an Ehrenzeichen und Kampfabzeichen der Wehrmacht: „Wenn nachträglich über die vielerlei Abzeichen gespottet worden ist, die Hitler im Verlaufe des Krieges geschaffen hat, sollte man sich nur vergegenwärtigen, welche Leistungen unsere Soldaten während der langen Dauer des Krieges vollbracht haben. Ein Abzeichen, wie zum Beispiel die Nahkampfspange oder wie das der 11. Armee verliehene Krimschild, wurden jedenfalls mit Stolz getragen.“297 Erfolgte seitens Adolf Hitlers keine offizielle Stiftung eines solchen Erinnerungsabzeichens, gingen örtliche militärische Führer dazu über, diese selbst zu stiften und zu verleihen. Als Beispiel sei das Lappschild genannt, welches der Armee-Kommandeur General der Gebirgstruppe Franz Böhme für die Rückzugskämpfe der 20.Gebirgs-Ar- 296 Vg. ebd., S. 126 f. 297 Manstein: Verlorene Siege, S. 313. 4. Auszeichnungen in der Moderne 69 mee aus Finnland stiften und umsetzen ließ, sowie der Dünkirchenschild und Lorientschild, die von den jeweiligen Festungskommandanten gestiftet und aus behelfsmäßigen Materialien hergestellt wurden. Das Verleihen von Orden und Ehrenzeichen ist ein Merkmal von staatlichem Handeln oder dem Anspruch darauf. Im 20. Jahrhundert gab es aufgrund der zahlreichen ideologisch gefärbten Konflikte in Europa viele Exilregierungen. Diese verfügten im Exil kaum über Möglichkeiten, den Anspruch auf Staatlichkeit umzusetzen. In einigen Fällen stellten Exilregierungen im Zweiten Weltkrieg Exilarmeen aus Freiwilligen auf, die vor der Besetzung des jeweiligen Landes durch die Deutschen geflohen waren. Des Weiteren verliehen viele Exilregierungen ihre bisherigen staatlichen Orden und Ehreneichen weiter oder stifteten neue. So verlieh die polnische Exilregierung zunächst in Frankreich, dann in Großbritannien Auszeichnungen an die Teilnehmer des Krieges von 1939 gegen das Deutsche Reich, an Kontingenttruppen, die ab 1940 an der Seite der Westalliierten kämpften und schließlich auch an Partisanen der sogenannten Heimatarmee, die auf vormals polnischem Territorium im Untergrund kämpften. Bei den verliehenen Auszeichnungen handelte es sich beispielsweise um das Tapferkeitskreuz (1939), das Kreuz für Monte Cassino (1944) oder die Armeemedaille (1945). Der Landesnationalrat, der mit polnischen Verbänden auf sowjetischer Seite kämpfte, stiftete in Konkurrenz dazu ebenfalls eigene Orden und Ehrenzeichen, wie den Orden des Grunwaldkreuzes (1944), die Medaille für Verdienste auf dem Felde des Ruhms (1943) oder das Partisanenkreuz (1945).298 Beide Regierungen konkurrierten um die Vorherrschaft in einem Nachkriegspolen und versuchten Legitimität und historische Kontinuität auch über Erneuerungen von historischen polnischen Orden zu demonstrieren. Allein die westliche Exilregierung verlieh den ältesten polnischen Orden vom Weißen Adler (1713), während die Orden Polonia Restituta und Virtuti Militari sogar von beiden Exilregierungen parallel, in leicht unterschiedlicher äußerer Form, verliehen wurden. Beide Regierungen knüpften somit an die Symbole der bis 1939 existierenden polnischen Republik an, um somit Herrschaftsansprüche zu legitimieren. Orden und Ehrenzeichen scheinen seit dem Ende des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Leben in Deutschland eine immer kleinere Rolle zu spielen. Zwar finden die Verleihungen, vornehmlich bei Prominenten, durchaus mediale Aufmerksamkeit, doch unterscheiden sie sich in dieser Hinsicht nicht oder kaum von den unzähligen nichttragbaren Preisen der Musik- oder Filmbranche. So stellt der Essayist und Dichter Hans Magnus Enzensberger nicht umsonst fest: „Dagegen müßten die gewöhnlicheren Ausführungen [Anm.: gemeint sind die niedrigen Klassen des Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland], ganz gleich, ob mit glatter oder gekörnter Rückseite, wenn es mit rechten Dingen zuginge, geradezu massenhaft auftreten; denn es liegt doch auf der Hand, daß wir sozusagen auf Schritt und Tritt mit Bürgern zusammenprallen, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht haben, und ihre Zahl nimmt naturgemäß von Jahr zu Jahr zu. Wo, so frage ich also, sind diese Zehn, wenn 298 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 130. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 70 nicht gar Hunderttausende von Auszeichnungen geblieben? Die Antwort kann nur lauten: Sie sind spurlos verschwunden.“299 Neben den seit 1991 stetig fallenden Verleihungszahlen des Verdienstordens300, dürfte eine weitere naheliegende Erklärung in der gegenwärtigen Mode zu suchen sein. Die Statuten legen nämlich genauestens fest, zu welcher Anzugsart die verschiedenen Klassen überhaupt getragen werden dürfen: „Die Halterung des Kreuzes muß auf dem flachgebundenen Krawattenknoten oder unter dem Querbinder auf dem Oberhemd aufliegen [...] Die Kleine Ordensschnalle wird auf dem linken Revers des Gesellschaftsanzuges waagrecht so befestigt, daß zwischen der oberen Kante der Ordensschnalle und dem Kragenansatz in der Reversmitte ein Zwischenraum von 3-4 cm bleibt.“301 Daher stellt sich die Frage, inwiefern Beliehene denn überhaupt noch mit ihrer Auszeichnung wahrgenommen werden. Kaum jemand kommt heutzutage noch in die Verlegenheit, einen Gesellschaftsanzug oder Frack zu tragen und auch der Anzug mit Hemd und Krawatte oder der Hosenanzug bei Frauen, zu dem ein Verdienstorden getragen werden darf, gehört nicht mehr zu der alltäglichen Kleidung vieler Menschen in Mitteleuropa. Selbst in der Bundeswehr sind Anlässe, bei deinen Orden und Ehrenzeichen in Originalgröße getragen werden dürfen, von einem Disziplinarvorgesetzten mindestens in der Dienststellung eines Divisionskommandeurs (also Brigadegeneral oder Generalmajor) aufwärts zu genehmigen. Der Maßstab ist also streng angelegt. Enzensberger sieht darin eine „Dekorationsscham“302, die eng mit der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland verbunden ist: „Ganze Berge von Verdienstkreuzen [...] verstauben hierzulande in Kommoden, Nachttischschubladen und Hausapotheken, weil sich ihre Inhaber offenbar lieber im Pyjama als im Glanz ihres Ordens sehen lassen.“303 Möglicherweise ist diese Zurückhaltung und Verlegenheit in Bezug auf das öffentliche Tragen von Orden und Ehrenzeichen in Deutschland mit der politischen Kultur verbunden, die sich seit den siebziger Jahren auch auf das Zeigen von Staatssymbolen auswirkt. Das Verhältnis vieler Intellektueller zum deutschen Staat war spätestens seit den siebziger Jahren ambivalent und die Liste derjenigen, die die Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ablehnten, ist lang und prominent besetzt. Sie reicht von Günter Grass, Siegfried Lenz304 über Dieter Hildebrandt305 und Inge Meysel, Hans-Olaf Henkel bis hin zu Helmut Schmidt, wobei dieser sich auf die hanseatische Ablehnung von Orden und Ehrenzeichen berief. In den Freien Hanse- 299 Enzensberger, Magnus: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main 1991.S. 222. 300 http://www.bundespraesident.de/DE/Amt-und-Aufgaben/Orden-und-Ehrungen/Verdienstorden/S tatistik/statistik-der-ordensverleihungen-node.html (Stand 09.04.2015). 301 Enzensberger: Mittelmaß und Wahn, S. 222f. 302 Ebd., S. 224. 303 Ebd. 304 Vgl. Lübecker Nachrichten vom 08. Oktober 2014, S. 4. 305 http://www.epochtimes.de/Dieter-Hildebrandt-ist-auch-mit-84-kein-bisschen-leise-a727154.html (Stand 22.04.2015). 4. Auszeichnungen in der Moderne 71 städten Hamburg, Bremen und Lübeck war es seit dem 19. Jahrhundert gute Tradition, „[...] daß bei den Hanseaten die Vergabe und Annahme von Orden und Ehrenzeichen seit alters her nicht üblich ist.“306 In diesem Kontext ist erwähnenswert, dass die Bundesländer Bremen und Hamburg bis heute die einzigen Bundesländer sind, die keine eigenen Verdienstorden gestiftet haben. 306 Friedel, Alois: Deutsche Statussymbole. Herkunft und Bedeutung der politischen Symbolik in Deutschland. Frankfurt am Main 1968. S. 71. II. Der Orden: Von der Ordensgemeinschaft zur Verdienstauszeichnung – Begrifflichkeiten im Wandel. 72 Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts III. 73 Die Kultur der Ehre im 19. Jahrhundert. Um zu verstehen, welchen ideellen Stellenwert Orden und Ehrenzeichen für die Menschen im 19. Jahrhundert hatten, ist es notwendig, das zugrunde liegende kulturelle Selbstverständnis bestimmter sozialer Gruppen zu verstehen. Das Konzept der Ehre hatte dabei eine Art Schlüsselfunktion inne. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hingen das Verständnis von Ehre und dessen konkrete Ausübung im Zusammenleben der Menschen entscheidend von der Standeszugehörigkeit ab. Dabei wurde zwischen der äußeren und inneren Ehre unterschieden.307 Die äußere Ehre bezog sich auf das Verhalten eines Individuums, das darauf abzielte den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen, während die innere Ehre „die Selbstachtung oder die eigene Behauptung der freien sittlichen Persönlichkeit und Würde bildet“.308 Sie war nach damaligem Verständnis etwas Natürliches, unveränderbar und machte zusammen mit der äußeren Ehre „die ganze und wahre Ehre“ aus.309 Im Zuge der Französischen Revolution und zunehmender republikanischer Tendenzen in der bürgerlichen Denkweise vieler europäischer Gesellschaften entwickelte sich auch eine neue Sichtweise auf den Ehrbegriff. Er bezog sich auf den Begriff der Nation. Die Ehre eines Individuums beruhte also auf der Nation, der er angehörte und der er gegenüber unbedingt verpflichtet war, sowohl moralisch als auch körperlich.310 Diese Tendenz verstärkte sich im Rahmen der Befreiungskriege, die vor allem in Deutschland den „Mythos einer nationalen Erweckung“311 beschworen und setzte sich fort in andauernden und immer wieder in Kriegen aufflammenden Konflikten mit Frankreich und Dänemark. Philosophen, Schriftsteller und Gelehrte förderten den Zusammenhang zwischen Ehre und Nation in ihren Schriften, so etwa Johann Gottlieb Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation (1807/08), Theodor Körner in seiner Lyrik oder auch der Historiker Heinrich Luden, der in seinen 1810 veröffentlichen Vorlesungen über das Studium der vaterländischen Geschichte ganz konkret auf die Verbindung zwischen individueller und nationaler Ehre eingeht312: „Darum muß sein Streben zusammenfallen mit der Bestrebung des Volks, dessen Teil er ist; darum muß des Volks Ehre seine Ehre, so wie die Schande des Volks, seine Schande sein. [...] Darum liebt der Verständige oder der, den ein menschliches Gemüt beseelt, sein Volk, wie er sich selbst liebt, weil sein Volk in ihm ist, wie er im Volke...“313 Diese Umdeutung der Ehre erfolgte überwiegend aus Kreisen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts als politisch radikal und konträr zur herrschenden Obrigkeit galten, wie etwa die Burschenschafter und Turner, die die Identifikation „mit der Ehre Deutschlands zum Kern des Ehrempfindens“314 machten. Am Ende desselben Jahrhunderts 1. 307 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 113. 308 Ebd., S. 120. 309 Ebd. 310 Vgl. ebd., S. 123. 311 Vgl. ebd. 312 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 123 313 Ebd., S. 124. 314 Ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 74 wurde diese Attitüde von konservativ-national gesinnten Teilen der Bevölkerung vertreten und umfänglich in der deutschen Innen- und Außenpolitik des Kaiserreiches umgesetzt. Nationale Ehre wurde an militärischen Siegen und der Vergrößerung von Staatsgebieten und Einflusssphären gemessen und gipfelte in der Beanspruchung von Groß- und Allreichen im Zuge der Kriegszielpolitik vieler europäischer Staaten im Ersten Weltkrieg. Darüber hinaus kam im 19. Jahrhundert auch ein Aspekt von Ehre zur Geltung, der sich nicht auf die Nation, sondern auf das Individuum bezog, nämlich das Duell. Die Ursprünge dieses Ehrenkults reichen weit zurück und wurden durch verschiedene Motive bedingt, wie etwa der Fehde, dem ritterlichen Zweikampf oder der frühneuzeitlichen Standesehre, nach der der Adel das Duell praktizierte, um seinen Anspruch auf Autonomie als Stand zu bekräftigen.315 Im 19. Jahrhundert erweiterte sich der Teilnehmerkreis der Duellkultur und wurde durch die Satisfaktionsfähigkeit bestimmt, die neben Adligen und Offizieren auch bürgerliche Zivilstaatsdiener, wohlhabende Bürger und Studenten inne hatten, wobei letztere tatsächlich den Großteil der Duelle austrugen.316 Es bot für die Angehörigen dieser sozialen Gruppen die Möglichkeit, sich bei verletzter Ehre, die durch vielerlei Handlungen hervorgerufen werden konnte, wie etwa Beleidigung, Ehebruch, Betrug oder sonstiger, insbesondere öffentlicher Beschädigung des Ansehens, staatliches Recht und Gesetz zu umgehen und eine gesellschaftlich anerkannte Wiederherstellung der Ehre zu bewirken.317 Die Gefühle der Betroffenen standen dabei ursprünglich im Vordergrund wie Winfried Speitkamp es treffend zusammenfasst: „Hier war der Mann noch ein Mann – und kein Staat und kein Gesetz sollten ihm da hereinreden. In seiner Unbedingtheit und Konsequenz, aber auch demonstrativen Unvernunft entsprach es dem Bedürfnis nach Freiräumen, nach Herausforderungen, nach Gelegenheit für Mut und Bewährung, die in der kapitalistischen, materialistischen Gesellschaft, in der nur die ökonomische Ration zählte, und im Rechtsstaat, der bloß nach formalen Regeln vorging, verloren zu gehen schien.“318 Doch sicherlich ging es dabei nicht bei jedem Duellanten um ganz konkrete Gefühle, denn je stärker sich die Duellkultur in den genannten Kreisen etablierte, desto stärker war auch der Druck auf deren Angehörige, Genugtuung für beschädigtes Ansehen zu fordern, da sie gegebenenfalls bei entsprechender Unterlassung mit gesellschaftlicher Ächtung zu rechnen hatten. Gleiches galt auch für die Annahme einer Duellaufforderung. Ehre war in diesem Fall nicht mehr die Sache des Einzelnen, sondern musste im Sinne der sozialen Gruppe bzw. des Standes verteidigt oder wiederhergestellt werden.319 Militärs konnten mittels des Duells ihren Rang und das damit verbundene Ansehen in der bürgerlichen Gesellschaft behaupten und verteidigen. Es gab dem Offizier gleichzeitig die Möglichkeit „seinen Mut praktisch [zu] bewähren“ und „seiner 315 Vgl. ebd., S. 130. 316 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 135f. 317 Vgl. ebd., S. 136. 318 Ebd., S. 130. 319 Vgl. Frevert, Ute: Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft. München 1991. S. 99. 1. Die Kultur der Ehre im 19. Jahrhundert. 75 Stellung [...] mit Ehre zu genügen“320 wie der preußische General von Müffling 1839 in einem amtlichen Gutachten feststellte. Ferner schrieb er: „Die Welt muß es wissen, daß Ehre ihm alles und Gefahr nichts gilt.“321 Gradlinigkeit, Entschlusskraft, Mut und Traditionsbewusstsein – also die wesentlichen Vorstellungen über soldatische Erziehung in jener Zeit – stützten die flächendeckende Praktizierung des Duells bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und machten sie zusammen mit der Vorbildfunktion, die ein Offizier gegenüber seinen Untergebenen inne hatte, zu einem wesentlichen Bestandteil des Ehrenkodex im Offizierkorps. 322 Dieses Berufsverständnis fand schließlich in der sozialen Abgeschlossenheit des Offizierstandes ideale Bedingungen, um sich nachhaltig zu festigen und vor äußerer Kritik und Veränderung zu schützen. Darüber hinaus konnten diese Vorstellungen von Verletzung und Wiederherstellung von Ehren durch die Wehrpflicht und die Laufbahn der Reserveoffiziere in andere Teile der Gesellschaft vordringen und Fuß fassen. Die sogenannten Einjährig-Freiwilligen waren Wehrpflichtige mit höherem Schulabschluss, die sich auf eigene Kosten einkleiden, verpflegen und ausrüsten mussten und die nach entsprechender Examinierung zum Offizier im Beurlaubtenstande, sprich in der Reserve, ernannt werden konnten.323 Das ihnen vorgelebte Brauchtum des Duells im Militär fungierte als Vorbild für die Durchführung im Zivilleben und was die Strafgerichtsbarkeit anging, so unterlagen Reserveoffiziere in Duellfragen sogar ausdrücklich der militärischen Strafgerichtsbarkeit, auch im Beurlaubtenstande.324 Die militärische Ehre ragte daher in nicht unbedeutendem Maße in andere, vornehmlich privilegierte Bereiche der Gesellschaft hinein und löste auch deswegen zunehmend politische und juristische Debatten aus. Diese reichten von der Infragestellung rechtsstaatlicher Prinzipien durch die Praktizierung des Duells, über die Befürchtung einer zunehmenden Militarisierung von Staat und Gesellschaft bis hin zu einem divergierenden Verständnis des Ehrbegriffs.325 Kaiser Wilhelm II. und die deutsche Regierung ließen sich jedoch durch die öffentliche Kontroverse nicht dazu bewegen, sich gegen die Durchführung des Duells auszusprechen bzw. die juristische Strafverfolgung zu verschärfen. Stattdessen drohten denjenigen Offizieren die Entlassung aus dem Militärdienst, wenn sie ihrer Duellpflicht nicht nachkamen.326 Neben dem Duell entwickelten sich im 19. Jahrhundert zahlreiche Symboliken und Praktiken, die die gängigen Vorstellungen der Zuteilung, Inhaberschaft und Wiederherstellung von Ehre widerspiegelten und regulieren sollten. Die Ehrdelikte privilegierter Teile der Gesellschaft genossen dabei große öffentliche Aufmerksamkeit und wurden auch in der Literatur verarbeitet, während das Ehrverständnis von Bauern, 320 Ebd. 321 Ebd. 322 Vgl. ebd. 323 Vgl. Mertens, Lothar: Das Privileg des Einjährig-Freiwilligen Militärdienstes im Kaiserreich und seine gesellschaftliche Bedeutung. Zum Stand der Forschung. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 39. München 1986. S. 61. 324 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, 137. 325 Vgl. ebd. 326 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 140. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 76 Handwerkern und Arbeitern weitaus seltener dokumentiert wurde.327 Beleidigungen wurden mit Ohrfeigen, Fäusten und Worten gekontert oder landeten vor einem Gericht, seit 1871 mit jährlich etwa 80.000 Klagen.328 Diese enorme Zahl ist auf die ausgedehnte Dimension des Beleidigungsbegriffes zurückzuführen, der nicht nur sprachliche Metaphorik und Gleichsetzung beinhaltete, sondern beispielsweise auch das Anstarren eines Menschen, die Veröffentlichung einer Verlobung, die noch geheim bleiben sollte oder auch das Verunstalten des Nachbargiebels mit einem hässlichen Bild.329 Frauen teilten grundsätzlich den Ehrenkodex des Ehemanns und dieser nahm auch gegebenenfalls die Satisfaktion für seine Gattin wahr. Lediglich Frauen, die eigenständig in der Öffentlichkeit auftraten, konnten auch auf Beleidigungen und Ehrverletzungen reagieren, wie es im Kaiserreich vor allem für Vertreterinnen der Frauenbewegung oder Sozialdemokratinnen üblich war.330 Der Ablauf zur Wiederherstellung der Ehre glich dabei dem der Männer, nur eine Austragung des Konflikts mit Waffen fand grundsätzlich nicht statt.331 Die Schriftstellerin und Sozialistin Lily Braun beschreibt eine solche Begebenheit in ihren Memoiren. Demnach sei sie von einer Genossin beschuldigt worden, sich absichtlich eines Vortrages vor Textilarbeiterinnen entzogen zu haben, dabei war ihre Abwesenheit laut eigener Aussage durch eine falsche Angabe in der Einladungskarte bedingt.332 Bei der Gewerkschaft forderte sie nun ein Schiedsgericht ein, das zahlreiche Zeugen vernahm und die Einladungskarte prüfte und verglich.333 Am Ende erhielt sie eine schriftliche Ehrenerklärung, die sie letztlich vom Vorwurf freisprach und ihr öffentliches Ansehen wiederherstellen sollte.334 Die Forderung Brauns nach Genugtuung scheint eine logische Konsequenz zu sein, wenn man sich die Herkunft der Frauenrechtlerin vor Augen führt. Als Tochter des preußischen Generals Hans von Kretschmann stammte sie aus konservativem, militärisch geprägtem Milieu und war mit den entsprechenden Vorstellungen von Ehre bestens vertraut. Diese nahm sie auch in einem wenig aristokratischen Milieu, nämlich im Kreise der Arbeiterschaft und Gewerkschaft für sich in Anspruch, um ihren scheinbar geschädigten Ruf wiederherzustellen. Nicht nur die politisch-juristische Debatte um das gesellschaftliche Phänomen der Ehre genoss die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, sondern in besonderen Maße auch die literarische Verarbeitung dieser Thematik. Der Roman Effi Briest von Theodor Fontane ist ein häufig zitiertes Werk zur Debatte über Ehre und Duell im 19. Jahrhundert, doch bei weitem nicht das einzige. Auch der heutzutage weitgehend in Vergessenheit geratene Dramatiker und Schriftsteller Hermann Sudermann beschäftigte sich in seinem frühen Bühnenstück Die Ehre (1889) mit der Deutung des Ehrbegriffs unter besonderer Berücksichtigung der Klassenverhältnisse. Etliche mehr oder 327 Vgl. ebd., S. 146f. 328 Vgl. ebd., S. 147. 329 Vgl. ebd., S. 147f. 330 Vgl. ebd., S. 150. 331 Vgl. ebd., S. 150. 332 Vgl. ebd. 333 Vgl. ebd. 334 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 151. 1. Die Kultur der Ehre im 19. Jahrhundert. 77 weniger triviale Fortsetzungsromane erschienen zu dieser Thematik in Zeitungen und Zeitschriften, ferner Groschenhefte und Reiseberichte aus fernen Kontinenten.335 Hierbei spielte die interkulturelle Perspektive zum Konzept der Ehre eine besondere Rolle: „Die Ehre kam dadurch zu neuer Bedeutung, sie wurde Gegenstand sehnsüchtiger Gefühle von Heranwachsenden nach einer anderen Welt jenseits von Schule, Lehrlingszeit oder ödem Militärdienst. Ehre war ein ferner Traum.“336 Der Schriftsteller Karl May hat in seinen zahlreichen Romanen dazu beigetragen, Ehre populär zu machen und sie völkerübergreifend zu betrachten, dies jedoch nur scheinbar. May, der weder in Nordamerika noch im Nahen Osten persönlich Kontakt zur hiesigen Bevölkerung bzw. Urbevölkerung hatte, dichtete exotischen Völkern ein Gefühl von Ehre an, das eigentlich den eigenen nationalen Gefühlen entsprechen sollte. Speitkamp weist in diesem Kontext darauf hin, dass bei Karl May die Indianer beinahe wie die Germanen Nordamerikas dargestellt werden sollten und einige Textstellen in den Romanen Karl Mays lassen auch kaum einen Zweifel über diese Behauptung: „Aber zu welchem Stamm gehörst du? Darauf der Weiße: Ich gehöre zu dem großen Volk der Germans, die Freunde der roten Männer sind und noch niemals ihre Wigwams angegriffen haben. Uff! sagte er überrascht. Die Germans sind gut. Sie haben nur einen Gott, nur eine Zunge und nur ein Herz.“337 Diese interkulturelle Perspektive lässt sich nicht nur mit dem zunehmenden Interesse an fernen Kontinenten, Kolonien und Schutzgebieten erklären, das im wilhelminischen Zeitalter das eigene Nationalbewusstsein untermauerte, sondern es ist auch ein Hinweis darauf, dass der Wandel des Ehrbegriffs als ein Zeichen für grundsätzliche soziale und ökonomische Umwälzungen zu deuten ist. Die Öffentlichkeit trug in diesem Sinne eine Debatte über gesellschaftliche Zwänge, Erwartungen aber auch Tradition, Geschlechterrollen und Selbstbehauptung aus, die letztlich zu einer Krise des bisherigen Ehrkonzepts führte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien die Ehre kein Garant mehr für den Schutz von Standesehre, Männlichkeit oder militärischem Ethos zu sein, vielmehr wurde sie zum Forschungsgegenstand soziologischer Überlegungen oder erlebte einen Paradigmenwechsel im Zuge des Nationalismus, der in Deutschland bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten in eine „Sache des Blutes“338 kulminieren sollte. 335 Vgl. ebd., S. 152 336 Ebd. 337 Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 153. 338 Ebd., S. 173ff. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 78 Ehre als symbolische Praktik – Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Orden und Ehrenzeichen waren im 19. Jahrhundert nicht die einzige Form staatlich erteilter Gratifikation. In den Fürstentümern war vor allem die Standeserhöhung ein übliches, wenn auch vergleichsweise seltenes Mittel, um Verdienste zu belohnen. Dies reichte von der Verleihung des persönlichen oder erblichen Adels für bürgerliche Personen bis zur weiteren Standeserhöhung bereits adliger Personen. Auch Schenkungen von Land und Gütern waren mögliche Belohnungen, jedoch kamen solche Privilegien nur für einen sehr kleinen Personenkreis in Betracht. Reichskanzler Bismarck wurde für seine Verdienste als Politiker beispielsweise sowohl mit einer Standeserhöhung zum Fürsten bedacht als auch mit dem gesamten Sachsenwald östlich von Hamburg. Andere Formen der Gratifikation waren Geldgeschenke, die zum Beispiel in Kriegszeiten zur Belohnung an alle Soldaten für einen erfolgreichen Feldzug oder eine gewonnene Schlacht ausgegeben werden konnten (so etwa geschehen nach der Schlacht von Waterloo) oder auch öffentliche Belobigungen für erfolgreiche Rettungstaten. Diese Form der Ehrung war der Vorläufer einer tragbaren Rettungsmedaille oder kam in Fällen zur Anwendung, bei denen die Tat nach Einschätzung der entscheidenden Behörde für ein Ehrenzeichen nicht ausreichte. Diese Mittel der Belohnung wurden jedoch nicht ansatzweise so systematisch angewendet wie die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Sie waren viel seltener und fanden in der Öffentlichkeit viel weniger Beachtung als jene äußeren Zeichen, die auch noch Jahre nach der Verleihung an den Grund der Belohnung erinnern sollten. Winfried Speitkamp weist dem „Ringen um Ehre“ verschiedene Formen zu, durch die es zu einer Zuweisung bzw. Regulierung von Ehre kommen kann.339 Zu ihnen gehören beispielsweise der Zweikampf, die Identifikation mit der nationalen Ehre oder die Vergabe von Orden, Titeln und Ämtern. Spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden in den meisten deutschen Staaten entehrende Körperstrafen wie etwa der Pranger oder das Reiten auf einem Schandesel abgeschafft. Stattdessen rückten andere symbolische oder ökonomische Strafen an deren Stelle, welche sich auch als ehrmindernd etablierten, wie etwa die Aberkennung von Orden und Ehrenzeichen, Titeln, dem Wahlrecht oder die Pensionen bei Beamten: „Ausgezeichnete Ehre und öffentliches Vertrauen kann im Allgemeinen derjenige nicht genießen, der durch seine Handlung an den Tag, daß er selbst die Rechtsordnung und die Rechte seiner Mitbürger nicht achtet, und es ergiebt sich daraus, daß er [...] von den Rechten und Vorzügen ausgeschlossen bleiben muß, welche eine ehrenwerthe Gesinnung und öffentliches Vertrauen zu derselben voraussetzen.“340. Orden und Ehrenzeichen sind, wie dieser Gesetzgebung der Herzogtümer Schleswig und Holstein aus dem Jahre 1851 zu entnehmen ist, im 19. Jahrhundert ein wichtiges Regulativ des damals gesellschaftlich anerkannten Ehrkonzepts. Dabei kommen im komplexen Prozess der Auszeichnung verschiedene Akteure zum Einsatz, die im engen Zusammenspiel über den ideellen Wert einer Dekoration entscheiden. Justin 2. 339 Vgl. Speitkamp, Winfried: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 171. 340 Ebd., S. 122. 2. Ehre als symbolische Praktik – Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. 79 Stagl weist dem Begriff der Auszeichnung verschiedene Bedeutungen zu, unter anderem handele es sich dabei um einen sozialen Vorgang der Zuteilung von Ehre, „die in einem mehr oder minder formalisierten Verfahren [...] von einem Sender an einen Empfänger überreicht werden, womit sie dann an diesen Vorgang sowie an die Person des Überreichenden kommemorativ anknüpfen. Die Wertschätzung, die eine Auszeichnung genießt, hängt weniger von ihrem Gebrauchs- oder Eigenwert als vom Charisma des Senders und der Eignung (Würdigkeit) des Empfängers ab. “341 Doch nicht nur durch dieses Patron-Klienten-System wird der Wert einer Auszeichnung bestimmt. Im staatlichen Auszeichnungswesen kommt der Öffentlichkeit eine ganz entscheidende Bedeutung zu, die dieses System zu einer Dreiecksbeziehung macht. Die Öffentlichkeit bewertet nämlich in letzter Instanz die Gaben, die als ein materialisiertes Zeichen der Ehrzuteilung fungieren. Nur wenn der Beliehene sich dieser Zuteilung auch dauerhaft würdig zeigt, bleibt die Auszeichnung im Kreise der Nichtbeliehenen ein begehrtes Gut und der Verleihende kann sich dem Zweck seiner Ordensstiftung sicher sein, nämlich die Sicherung von Loyalität und politischer Meinungsbildung bei den Untertanen. Zu hohe Verleihungszahlen oder ein, aus Sicht der Öffentlichkeit, falscher Empfängerkreis können die Auszeichnung entwerten. Ist die Auszeichnung einmal verliehen, so die Hoffnung des Stifters, steht der Beliehene ein Leben lang in dessen Schuld: „Der Patron hat dem Klienten soziales Kapital vorgestreckt, das dieser mit der Münze kleiner Dienstleistungen verzinsen, aber niemals ganz zurückzahlen kann.“342 Pierre Bourdieu und James Coleman beschreiben und interpretieren die Ehre als soziales oder auch symbolisches Kapital, also als Chance, soziale Anerkennung und soziales Prestige zu gewinnen.343 Die bei Bourdieu ausdrücklich erwähnte Mannesehre sei dabei als symbolisches Kapital keine eigene Kategorie von Kapital, „sondern das, was aus jeder Art von Kapital wird, das als Kapital [...] Macht oder Fähigkeit zur Ausbeutung verkannt, also als legitim anerkannt wird.“344 Die Akkumulation von symbolischem Kapital spielt in der jüngeren europäischen Geschichte im Zuge der Zentralisierung der Staatlichkeit eine zentrale Rolle. Ludwig XIV. verteilte an seinem Hof zahlreiche Ämter und Titel (teilweise sogar gegen Bezahlung der Beliehenen) und schuf somit einen stark ausdifferenzierten Hofstaat, der die wichtigsten Eliten des Landes zusammenfasste. Der König besaß das Monopol über die Verteilung des symbolischen Kapitals und die am Hofe lebende Aristokratie strebte nach diesem Prestige.345 Bei Orden und Ehrenzeichen gilt dasselbe Prinzip. In Deutschland glich sich die Dichte an Auszeichnungen, die Anzahl und Art der Stiftungen und die entsprechenden Anlässe dazu zwischen den verschiedenen Fürstentümern im Laufe des 19. Jahrhunderts an. Mit einer zunehmenden Zentralisierung des Staatswesens und unter den verschiedenen aufkommenden politischen Strömungen 341 Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 179. 342 Ebd., S. 180. 343 Vgl. Fuchs- Heinritz/König: Pierre Bourdieu, S. 135f. 344 Vgl. ebd., S. 136. 345 Vgl. Fuchs-Heinritz/König: Pierre Bourdieu, S. 136. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 80 nutzten die deutschen Fürsten diese Symbole, um Treue und Anhänglichkeit zu belohnen. Durch das richtige Platzieren von Auszeichnungen ließe sich also Macht gewinnen.346 Darüber hinausgehend schreibt Stagl dem zentralisierten Auszeichnungswesen sogar eine hohe Bedeutung für die politische Integration der modernen Industriegesellschaft zu, „in welcher ja unspezialisierte Sozialbeziehungen und intermediäre Instanzen eine größere Bedeutung beibehalten haben als zunächst angenommen.“347 Neben Sozialbeziehungen schlugen sich auch politische Präferenzen und administrative Belange in den Verleihungen von Auszeichnungen wieder. Insbesondere aufstrebende bürgerliche Schichten mit großem wirtschaftlichem Einfluss wurden bei den Ordensverleihungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Maße erfasst. Dies führte zu einer Erweiterung des bisherigen Repertoires an Auszeichnungen oder zu einer weiteren Unterteilung bei den bisherigen Orden. So fand im Königreich Preußen im Jahre 1912 eine Umstrukturierung bei den subalternen Ehrenzeichen statt. Die niedrigste Verdienstauszeichnung, das Allgemeine Ehrenzeichen, wurde nach oben hin ergänzt, indem Kaiser Wilhelm II. ein Verdienstkreuz in Silber und Gold stiftete, um so die stark ansteigenden Verleihungszahlen des Königlichen Kronenordens abzubremsen und ihn somit in den Augen der etablierten Trägerschaft nicht abzuwerten.348 Der Ehrgeiz nach Orden und Ehrenzeichen war bei vielen Untertanen groß, davon zeugen die vielen Bittschriften und Vorschläge, die jährlich bei den Behörden der deutschen Königreiche, Herzogtümer und Fürstentümer eingingen und die für den Bereich des Königreichs Hannover für die vorliegende Arbeit eine unverzichtbare Grundlage bilden, um Intention, Motivation und Emotion der Menschen in Bezug auf das staatliche Belohnungssystem zu erforschen. Militärische und zivile Vorgesetzte nutzten die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen an ihre Untergebenen, um Karrieren und Laufbahnen zu fördern. Wer über einschlägige Auszeichnungen verfügte, gewann an Reputation und Aufmerksamkeit oder untermauerte damit seine erreichte Stellung in Staat und Gesellschaft.349 Interessant ist in dem Zusammenhang die unterschiedlich gehandhabte Praxis beim Zeremoniell der Verleihung. Während beim Militär Orden und Ehrenzeichen in einem würdigen Rahmen verliehen wurden und werden, wodurch dem Stellenwert der Auszeichnung zusätzlich Rechnung getragen wird, verhält es sich in zivilem Umfeld höchst unterschiedlich. Als im Königreich Hannover in Blumlage bei Celle einem alten Waterloo- Veteran mit Jahrzehnten Verspätung die Waterloo-Medaille verliehen wurde, so geschah das durch den örtlichen Pastor nach einem Gottesdienst vor den Augen der Gemeinde: „Dem frommen alten Kriegsmanne standen dabei die Thränen der Rührung in den Augen, und hat derselbe die Bitte ausgesprochen, [...] daß er bis zu seinem Lebensende täglich für seinen Königlichen Herrn und Wohlthäter zu Gott beten werde. [...]“350 346 Vgl. Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 180. 347 Ebd. 348 Vgl. Sauerwald, Peter/Tewes, Lothar: Das Königlich Preußische Verdienstkreuz. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Sammler und Forscher Nr. 16 (2001). Hof 2001. S. 7ff. 349 http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0102dokb.htm (Stand 06.09.2015). 350 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann.38 D Nr. 1203. S. 21. 2. Ehre als symbolische Praktik – Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. 81 Knapp 50 Jahre später, Ende des Jahres 1901, erhielt der Professor der philosophischen Fakultät an der Universität zu Göttingen, Dr. Gottfried Diedrich Wilhelm Berthold, im Gegensatz dazu einen Brief vom Königlichen Kurator der Georg-August- Universität, „mit welchem ihm ergeben das von der Königlichen General-Ordens-Kommission vollzogene Besitzzeugniß über den allerhöchst verliehenen Adlerorden gesandt worden ist.“351 Er erhielt die vierte Klasse des Roter-Adlerordens also postalisch zugesandt, ohne Pomp und weitgehend ohne öffentliche Wahrnehmung. Die Verleihung verkam zu einem bürokratischen Akt ohne jegliche Form des Zeremoniells. Entweder wurde dies durch die hohen Verleihungszahlen bedingt, sodass selbst auf kommunaler Ebene nicht jede Verleihung durch einen Staatsbediensteten vollzogen werden konnte oder aber im Bereich der Universitäten war ein Zeremoniell generell nicht üblich. So verkam die Verleihung einer staatlichen Auszeichnung beinahe zur Privatsache. Die Begehrlichkeit nach Orden, Ehrenzeichen und Titel war dennoch so groß, dass sie schließlich sogar Titelhändler auf den Plan rief, die gegen Bezahlung Kontakte zu offiziellen Stellen vermittelten, sodass der Interessent für eine Auszeichnung vorgeschlagen wurde.352 Ärzte, Juristen und Kaufleute erhofften sich von staatlichen Ehrenzeichen oder Ehrentitel wie „Kommerzienrat“, „Sanitätsrat“ oder „Justizrat“ Reputation und schließlich auch ökonomische Vorteile.353 Diese Nachfrage konnte in Extremfällen sogar kriminelle Motivation hervorrufen. Aus dem Jahre 1885 ist ein Fall bekannt, wonach ein ehemaliger persischer Gesandter und ein österreichischer Bankier in Wien „einen sehr einträglichen Handel mit falschen persischen Orden getrieben haben.“354 Weiterhin heißt es in einem Liechtensteiner Zeitungsartikel: „Durch die Vorspiegelung, daß er eine Vertrauensstellung bei der persischen Gesandtschaft einnehme und ein Verwandter des Schahs sei, gelang es ihm aber, den Ordensschwindel zu betreiben. [...] Mirza Hassan hatte in Teheran Freunde, welche die Ordens- Fermans fälschten, mit der Unterschrift des Schah versahen und dann nach Wien schickten, wo die Falsifikate verwerthet wurden.“355 Dieser Betrug zog zumindest eine Verhaftung nach sich, ob und wie die beiden Männer verurteilt wurden, ist nicht bekannt. Jedoch soll der Handel mit Orden in der Wiener Öffentlichkeit hohe Wellen geschlagen haben.356 Die Hoffnung auf gesteigertes Ansehen und Zugehörigkeit zu Netzwerken beflügelten die Beliehenen von Orden und Ehrenzeichen. Die Verleihungspraxis des Staates versprach gewissermaßen eine Akkumulation von Ehre, da es üblich war, schon beliehenen Personen erneut eine weitere Auszeichnung oder eine höhere Stufe eines bereits verliehenen Ordens zu ver- 351 Ruttig, Katharina/Friedl, Thomas/Wissemann, Volker: „Ob Dir es sauer wird mit Deiner Nahrung und Ackerwerk, das laß Dich nicht verdrießen, denn Gott hat es also geschaffen“. Gottfried Dietrich Wilhelm Berthold (1854-1937). Ein Beitrag zur Geschichte der Biologie an der Georgia Augusta Göttingen. Göttingen 2012. S. 121. 352 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 145. 353 Vgl. ebd. 354 Liechtensteiner Volksblatt vom 20. März 1885, abgedruckt in: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 98 (2015). Hohenstein 2015. S. 198. 355 Ebd. 356 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 82 leihen. Reichskanzler Otto von Bismarck war, um ein herausragendes Beispiel aufzuführen, Träger von 65 Dekorationen.357 Er erhielt alle Orden, die der deutsche Kaiser und König von Preußen verleihen konnte, einschließlich der höchsten Kriegsauszeichnungen wie dem Eisernen Kreuz oder dem Pour le Mérite in der Kriegsklasse358, die es beide nur für an der Front erwiesene Tapferkeit oder hervorragende Truppenführung gab. Beide Voraussetzungen konnte Bismarck als Politiker kaum erfüllen. Die Verleihung des Großkomturkreuzes mit Brillanten des Königlichen Hausordens von Hohenzollern, die der Reichskanzler für seine Verdienste um den preußischen Staat am Sedantag 1873 erhielt, bedeutete ihm jedoch nicht besonders viel, da ihm „ein Faß guten alten Rheinweins oder ein gutes Pferd viel lieber gewesen“ wäre.359 Diese Einstellung scheint anhand der Fülle von Orden und Ehrenzeichen kaum verwunderlich. Eine emotionale Bindung scheint Bismarck jedoch zu der ersten ihm verliehenen Auszeichnung gehabt zu haben, nämlich der preußischen Rettungsmedaille am Bande, die er 1844 während seiner Militärdienstzeit erhielt, als er einen Reitknecht vor dem Ertrinken rettete.360 Als einzige Auszeichnung ließ sich Bismarck diese Rettungsmedaille nach seinem Tod in den Sarg legen.361 Orden und Ehrenzeichen wurden zum Spielball gesellschaftlicher Umwälzungen und politischer Verwerfungen. Der Staat konnte durch die Verleihungen von Dekorationen seine Sympathiebekundungen unmittelbar zum Ausdruck bringen und die Praktik der Auszeichnung wurde zu einem undurchsichtigen, mitunter skandalträchtigen Unterfangen, da nicht jeder der neuen Eliten in gleichem Maße bedacht wurde.362 In Bereichen mit großer politischer Auseinandersetzung, wie etwa dem deutschen Reichstag, distanzierten sich „selbstbewusste Kreise“363 vom Tragen der Ehrenzeichen, obwohl in Wilhelminischer Zeit rund ein Fünftel der Konservativen, Nationalliberalen oder Zentrumsabgeordneten Auszeichnungen erhalten hatte.364 Bei Kriegsausbruch 1914 sollen laut Speitkamp etwa 100.000 Personen in Deutschland Träger einer Auszeichnung gewesen sein, das sind in etwa die Hälfe aller jemals in der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichneten Menschen, seit 1951.365 Auf den Verleihungszeitraum und die Bevölkerungszahl gerechnet, waren es 1914 wesentlich mehr Menschen, die eine Dekoration trugen. In den gesellschaftlichen Eliten dürfte dieser Umstand kaum zu übersehen gewesen sein, denn der Erhalt von Orden und 357 http://www.bismarck-stiftung.de/index.php/standort-friedrichsruh/forschen-und-entdecken/expon at-des-monats/item/460-dekoration-nr-65-oder-noch-ein-orden-der-k%C3%B6nigliche-hausordenvon-hohenzollern-gro%C3%9Fkomturkreuz-mit-brillanten (Stand: 08.09.2015). 358 Vgl. Pflanze, Otto: Bismarck. Der Reichsgründer. München 1997. S. 547. 359 http://www.bismarck-stiftung.de/index.php/standort-friedrichsruh/forschen-und-entdecken/expon at-des-monats/item/460-dekoration-nr-65-oder-noch-ein-orden-der-k%C3%B6nigliche-hausordenvon-hohenzollern-gro%C3%9Fkomturkreuz-mit-brillanten (Stand 08.09.2015). 360 Vgl. Rogge, Bernhard/Matthias, Adolf/Geppert, Franz: Otto von Bismarck. Drei frühe Biographien im Sammelband. Hamburg 2013. S. 53. 361 Vgl. Meier-Bergfeld, Peter: Volk, begnadet für das Schöne? Zehn Jahre Korrespondent in Österreich. Reportagen, Essays, Kommentare, Interviews. Norderstedt 2003. S. 429. 362 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 146. 363 Ebd. 364 Vgl. ebd. 365 Vgl. ebd. 2. Ehre als symbolische Praktik – Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. 83 Ehrenzeichen wurde umfänglich angestrebt, um Rang und Status in der Gesellschaft deutlich zu machen oder zu beanspruchen. Heinrich Mann versinnbildlicht den Aufstieg und das Verhalten seines Protagonisten Diederich Heßling im Roman Der Untertan mit dem Erhalt zweier Orden, worauf er am Ende seines Werkes noch einmal explizit eingeht: „Nach dieser Sorge erinnerte er sich seines Ordens: Der Wilhelms-Orden366, Stiftung Seiner Majestät, wird nur verliehen für hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des Volkes...Den haben wir! Sagte Diederich laut in der leeren Gasse. Und wenn es Dynamit regnet! Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war ein Versuch mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte: Ätsch – worauf er ihn sich anstecke, neben den Kronenorden vierter Klasse.367 366 Im Königreich Preußen gab es einen Wilhelm-Orden, der 1896 von Kaiser Wilhelm II. zur Erinnerung an seinen Großvater Wilhelm I. gestiftet wurde, jedoch handelte es sich dabei nicht um eine typisch-repräsentative Verdienstauszeichnung, da der Orden nur 65 mal verliehen wurde. Träger waren beispielsweise Reichskanzler Otto von Bismarck oder der Generalpostdirektor des Deutschen Reiches, Heinrich von Stephan. 367 Mann, Heinrich: Der Untertan. Frankfurt am Main 2012. S. 424. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 84 Zur Rolle militärischer Konflikte für das Auszeichnungswesen in den deutschen Staaten am Beispiel der Befreiungskriege. Die europäischen Befreiungskriege lösten bei den kriegführenden Nationen, insbesondere aber in den deutschen Königreichen und Fürstentümern eine Stiftungswelle an Ehrenzeichen und Kriegsdenkmünzen aus, wie es sie vorher noch nicht gegeben hatte. Diese Auszeichnungen waren zumeist auf einfache Art und Weise hergestellt, also geprägte Medaillen aus Silber, Bronze oder Eisen und einklassig. Einige deutsche Staaten wie etwa Preußen, Hessen-Kassel oder auch Hannover ließen ihre Kriegsdenkmünzen aus der Geschützbronze eroberter französischer Geschütze prägen und zum Teil auch durch die Randinschrift AUS EROBERTEM GESCHUETZ markieren.368 Klaus-Peter Merta, Peter Groch und Gerhard Scharfenberg katalogisieren für die Befreiungskriege, aber auch etliche Kriege zuvor, die im Zusammenhang zu ihnen stehen, 235 gestiftete Ehrenzeichen in Europa, wobei 184 auf deutsche Staaten entfallen.369 Dies zeigt nicht nur wie umfänglich Deutschland durch seine geopolitische Lage in diese Kriege verwickelt war, sondern auch wie sich bei den hiesigen Souveränen die Vorstellung verfestigte, ihren Soldaten und Untertanen für absolvierte Feldzüge Ehrenzeichen zu verleihen. Die politischen Rahmenbedingungen und Bündnisse, die seit der Französischen Revolution zu militärischen Konflikten in Europa führten, waren komplex, was sich auch in den Stiftungen der Erinnerungszeichen widerspiegelte. Während das Königreich Preußen nur die Soldaten mit einer Kriegsdenkmünze bedachte, die von 1813-15 gegen Napoleon gekämpft und somit gesiegt hatten, stiftete König Wilhelm von Württemberg im Jahre 1840 eine Kriegsdenkmünze für die Soldaten, die seit 1793 „einen Feldzug in württembergischen Diensten mitgemacht hatten“370, egal ob gegen oder an der Seite Napoleons. Preußen blendete, was die Stiftung eines Denkzeichens angeht, nicht nur die Niederlage von 1806, sondern auch die nur widerwillig gestellten Hilfskorps für den Russlandfeldzug Napoleons aus. Die erwähnten 184 deutschen Ehrenzeichen waren jedoch nicht ausschließlich Denkmünzen für mitgemachte Feldzüge, sondern Auszeichnungen, die auch nur im Entferntesten auf die Ereignisse der Befreiungskriege zurückzuführen waren. Einige Souveräne nutzten die Stiftungstätigkeit für militärische Ehrenzeichen, um ihr gesamtes Auszeichnungswesen zu überarbeiten bzw. zu erneuern. So stiftete der König von Württemberg nicht nur tragbare Feldzugsmedaillen für einzelne Tage der Kämpfe gegen Napoleon, wie beispielsweise die Ehrenmedaille für den Sieg am 1. Februar 1814 bei Brienne oder die Ehrenmedaille für den Sieg am 25. März 1814 bei la Fère Champenoise, sondern auch eine silberne und goldene Zivilverdienstmedaille.371 Für das Fürstentum Isenburg-Birstein, dessen Landeskinder 1814 in die Truppen des Generalgouvernements Frankfurts eingereiht waren und welches 1815 auch ein selbständi- 3. 368 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 115. 369 Vgl. Merta, Klaus-Peter/Scharfenberg, Gerd/Groch, Peter: Ehrenzeichen für die Teilnahme an Feldzüge und Ereignisse der napoleonischen Kriege und der Befreiungskriege 1813-1815. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Sammler und Forscher (Jahrbuch 2003). Hof 2003. S. 98-118. 370 Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 543. 371 Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 526ff. 3. Zur Rolle militärischer Konflikte für das Auszeichnungswesen in den deutschen Staaten am Beispiel der Befreiungskriege. 85 ges Bataillon besaß, war die Silberne Kriegsdenkmünze für 1814 und 1815 das einzige verliehene Ehrenzeichen überhaupt.372 Doch wie kam es in einem deutschen Fürstentum überhaupt zur Stiftung einer Kriegsdenkmünze und welche Rolle spielte die Verteilung solch einer Medaille im Nachgang zu den militärischen Ereignissen? Das umfassende Belohnungssystem, das nicht nur Dekorationen beinhaltete, lässt sich am Beispiel des Herzogtums Nassau systematisch nachvollziehen. Nassau verfügte im Jahr 1815 über zwei Infanterie-Regimenter, wobei eines der Königlich-Niederländischen Armee unterstand und das zweite unter britischem Oberbefehl bei Waterloo zum Einsatz kam.373 Beide Regimenter standen in verschiedenen Phasen dieser militärischen Ereignisse im Schwerpunkt des Geschehens und erlitten dementsprechend hohe Verluste.374 Wenige Wochen nach der Schlacht gab es die ersten Belohnungen, zunächst an hohe militärische Führer wie den General von Kruse, der am 30. August 1815 den russischen St.Anna-Orden 1. Klasse erhielt.375 Es folgten Verleihungen des niederländischen Militär-Wilhelms-Ordens in allen Klassen, zunächst an Angehörige der beiden Linien-Regimenter und anschließend auch an Offiziere des Divisionsstabes, wobei diese Auszeichnung aufgrund der Löhnungs- und Gehaltszulage bei den Beliehenen außerordentlich beliebt war.376 Dies galt auch für die nassauische Tapferkeitsmedaille in Silber und Gold, die aufgrund der Schlacht von Waterloo insgesamt 132 Mal an Gemeine und Unteroffiziere verliehen wurde.377 Auf politischer Ebene wurde eine an alle beteiligten Militärs gerichtete Waterloo-Gratifikation durchgesetzt. Die Gelder hierfür mussten vom besiegten Frankreich entrichtet werden und betrugen für das Herzogtum Nassau 850.522 Francs, wobei ein General 30.589 Francs und ein Gemeiner nur knapp 61 Francs erhielt.378 Die verwundeten Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaftssoldaten Nassaus sowie die Hinterbliebenen der Gefallenen, die dem 2. Infanterie-Regiment angehörten, das dem niederländischen Oberbefehl unterstand, erhielten darüber hinaus Zuwendungen aus dem Amsterdam-Fonds, „einer aus Geldspenden eingerichteten Unterstützungskasse“379, deren Höhe sich nach Rang, familiären Verhältnissen und Anzahl der minderjährigen Kinder richtete.380 Das Herzogtum Nassau selbst richtete keinen vergleichbaren Unterstützungsfonds ein, hier waren die Invaliden und Hinterbliebenen sich selbst überlassen und auf mildtätige Spenden und Gaben seitens der Bevölkerung angewiesen. Schließlich erfolgte noch die Verleihung der nassauischen Waterloo-Medaillen am 372 Vgl. ebd., S. 196. 373 Vgl. http://www.napoleon-online.de/armee_nassau_infanterie1815.html (Stand 27.09.2015). 374 Das erste Regiment verlor 25 Offiziere und 883 Mann, das zweite 24 Offiziere und 323 Mann an Toten, Verwundeten und Vermissten. Vgl. http://www.napoleon-online.de/armee_nassau_infanteri e1815.html (Stand 27.09.2015). 375 Vgl. Wacker: Das herzoglich-nassauische Militär, S. 177. 376 Vgl. ebd. 377 Vgl. ebd. 378 Vgl. ebd., S. 177. 379 Ebd., S. 178. 380 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 86 29. Dezember 1815.381 Einen Tag zuvor waren die Soldaten des Herzogtums in Wiesbaden eingetroffen und von der Bevölkerung und dem Herzog mit umfangreichen Feierlichkeiten empfangen worden.382 Die am 23. Dezember des Jahres gestiftete Waterloo-Medaille war bestimmt für „sämtliche Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten der Nassauischen Division sowohl, als des späterhin erst in solche übersetzten Oranien-Nassauischen Regiments, welche in der Schlacht bei Waterloo gefochten haben.“383 Neben den über 6.000 silbernen Medaillen, die hauptsächlich vergeben wurden, sollen auch zehn Exemplare in Gold „für Fälle besonderer Auszeichnung“384 zur Verleihung gekommen sein. Das Herzogtum ließ sich diese Ehrerweisung an die siegreichen Kämpfer einiges kosten, wenn man den Stückpreis von einem Gulden und sieben Kreuzern pro Medaille berücksichtigt, was in etwa dem Tageslohn eines Maurers zur damaligen Zeit entsprach.385 Das kleine Herzogtum Nassau war in diesem Punkt nicht nur großzügig, sondern ließ bei der Realisierung einer Denkmünze auch nicht viel Zeit verstreichen, wenn man bedenkt, dass Großbritannien seine Waterloo-Medal erst im Frühjahr 1816 stiftet, gefolgt von Hannover 1817 und Braunschweig 1818.386 Es war nicht ungewöhnlich, dass sich die Regenten bei solchen Stiftungen voneinander inspirieren ließen. In den Königreichen Hannover und Großbritannien begünstigte allein schon die Personalunion durch Prinzregent Georg die Stiftungen der beiden, sich auch äußerlich sehr ähnelnden Medaillen. Feldmarschall Fürst Blücher persönlich regte in einem Brief um den Jahreswechsel 1815/16 an den Großherzog von Oldenburg die Schaffung einer Kriegsdenkmünze für die Soldaten des oldenburgischen Kontingents an, woraufhin dieser die Prägung von 1750 solcher Medaillen in Auftrag gab.387 Die aufgezählten Waterloo-Medaillen wurden jedoch im Vergleich zu den Feldzugsmedaillen für die Kriege 1813-15 allesamt zeitnah gestiftet und verliehen. Im Königreich Hannover wurden erst 1841 die Kriegsdenkmünzen für 1813 und 1814 gestiftet388, das Fürstentum Waldeck folgte 1850389 und das Herzogtum Sachsen-Altenburg verlieh erst 1863 ein Erinnerungs-Zeichen in Form einer Medaille an noch denkbar wenige lebenden Veteranen des kleinen Kontingents aus den Befreiungskriegen.390 Das Königreich Preußen bedachte seine Soldaten unmittelbar nach den Feldzügen 1813-15 mit einem Ehrenzeichen und zeigte sich auch im Zeitraum der Befreiungskriege insgesamt, was das Auszeichnungswesen betraf, äußerst verleihungsfreu- 381 Vgl. ebd., S. 183. 382 Vgl. ebd., S. 180f. 383 Ebd., S. 183. 384 Ebd. 385 Insgesamt betrugen die Herstellungskosten etwa 6.700 Gulden. Vgl. Wacker: Das herzoglich-nassauische Militär, S. 184. 386 Vgl. ebd. 387 Vgl. Beyreiß, Friedhelm: Der Hausorden und die tragbaren Ehrenzeichen des Großherzogtums Oldenburg 1813-1918. Norderstedt 1997. S. 106. 388 Vgl. Thies/ Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10 und 11. (Das Werk besitzt keine Seitenzahlen). 389 Vgl. Merta, Klaus-Peter/Scharfenberg, Gerd/Groch, Peter: Ehrenzeichen für die Teilnahme an Feldzüge und Ereignisse der napoleonischen Kriege und der Befreiungskriege 1813-1815. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Sammler und Forscher (Jahrbuch 2003). Hof 2003. S. 98-118. 390 Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 463. 3. Zur Rolle militärischer Konflikte für das Auszeichnungswesen in den deutschen Staaten am Beispiel der Befreiungskriege. 87 dig. Die militärischen Ereignisse gegen Napoleon führten in Preußen diesbezüglich zu einer tiefgehenden Zäsur. Die Stiftung des Eisernen Kreuzes führte zu einer Aussetzung bisher verliehener Ehrenzeichen, wie etwa der Militär-Verdienstmedaille oder dem Militär-Ehrenzeichen, das ausnahmsweise noch an die Angehörigen verbündeter Streitkräfte vergeben wurde.391 Die Militär-Verdienstmedaille war bis dato die preu- ßische Tapferkeitsauszeichnung für Mannschaften und Unteroffiziere gewesen. Mit der Stiftung des Eisernen Kreuzes, das unterschiedslos nach Rang und Herkunft verliehen wurde, hätte sich eine Verleihung der bisherigen Tapferkeitsauszeichnung gar nicht mehr begründen lassen. Zudem hätte es einen Unterschied in der Interpretation von Tapferkeit gegeben, nämlich jene erwiesene Tapferkeit, die zur Verleihung der Militär-Verdienstmedaille führt und jene zur Erlangung des Eisernen Kreuzes. Dennoch erfolgte 1814 noch einmal eine Veränderung dieser ersten Tapferkeitsauszeichnung für Mannschaftssoldaten und Unteroffiziere. Die Militär-Verdienstmedaille wurde durch das zweiklassige Militär-Ehrenzeichen ersetzt und kam während der Befreiungskriege größtenteils an Nicht-Preußen, vorrangig Russen, zur Verleihung.392 49 Exemplare des Militär-Ehrenzeichens 2.Klasse gingen ausnahmsweise an Preußen, allesamt Kavalleristen, die während des Russlandfeldzuges von 1812 an der Seite Napoleons kämpfen mussten.393 So verlieh Preußen die gleiche Auszeichnung an Soldaten, die sich an derselben Front gegenüberstanden. Die Orden des Königreichs Preußen waren indes nicht von solchen Suspendierungen betroffen. Der Hohe Orden vom Schwarzen Adler, der Rote Adlerorden, der Pour le Mérite und der Johanniter-Orden kamen grundsätzlich unverändert zur Verleihung, jedoch lassen sich bei Qualität und Quantität der Vergaben Trends erkennen, die mit Besonderheiten der Befreiungskriege zusammenhängen. Der naturgemäß in geringer Zahl verliehene Hohe Orden vom Schwarzen Adler wurde im Zeitraum zwischen 1813 und 1815 insgesamt 38 Mal verliehen.394 Weniger als acht Dekorationen gingen an Preußen, der Rest an Ausländer, wobei die Russen mit 11 Verleihungen den größten Anteil stellten.395 Die enge militärische Verzahnung mit anderen Staaten spiegelte sich also in erheblichem Maße bei den Verleihungen der Orden und Ehrenzeichen wider, insbesondere das preußisch-russische Bündnis. Auch die 1.Klasse des Roter-Adlerordens ging fast zur Hälfte (39 von 80 Verleihungen im Zeitraum 1813-15) an russische Staatsangehörige, während lediglich 12 Preußen diese Klasse des Ordens erhielten.396 Andere ausländische Beliehene kamen üblicherweise aus Österreich, Schweden und Großbritannien, die ebenfalls mit Preußen gegen Napoleon im Felde standen. Am deutlichsten lässt sich die russische Dominanz bei der Verleihung preußischer Auszeichnungen am vorrangig für Militärverdienste ver- 391 Vgl. http://www.medalnet.net/Militaer_Ehrenzeichen.htm (Stand 04.10.2015). 392 Vgl. http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiu ngskriege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen/ (Stand 04.10.2015). 393 Vgl. ebd. 394 Vgl. http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiu ngskriege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen/ (Stand: 06.10.2015). 395 Vgl. ebd. 396 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 88 liehenen Orden Pour le Mérite erkennen. Zunächst wurde der Orden mit 1603 Verleihungen in den Jahren 1813-15 doppelt so häufig verliehen wie im Ersten Weltkrieg397. Das ist sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass schon aufgrund der Dauer des Weltkrieges und der Millionenstärke des Heeres die deutschen Tapferkeitsauszeichnungen höchste Verleihungszahlen erfuhren. Mit einigen Nachverleihungen erhielten bis in das Jahr 1821 1405 (!) Russen oder in russischen Diensten stehende ausländische Offiziere den preußischen Orden Pour le Mérite.398 Dagegen wirkt der Anteil beliehener preußischer Offiziere, die ja die eigentliche Zielgruppe dieses Ordens darstellten, lächerlich gering. Zweifelsohne zeigte sich der preußische Staat sehr großzügig, was die Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an russische Staatsbürger anging. Diese Praxis kann als wichtiges diplomatisches Mittel angesehen werden, mit dem die Wertigkeit der zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen Preußen und Russland und der gemeinsamen militärischen Erfolge gegen Napoleon zum Ausdruck gebracht werden sollte. Die gegenseitige Wertschätzung in Form von Orden und Ehrenzeichen setzte sich noch einige Jahrzehnte fort. So wurde auf preußischer Seite beispielsweise schon im Jahre 1813 das Kulmer Kreuz gestiftet. Nach Hessenthal und Schreiber wurden von dem äußerlich an das Eiserne Kreuz angelehnten Erinnerungszeichen 443 Offizierkreuze und 11.120 Mannschaftskreuze nach St. Petersburg geschickt, von denen letztlich 7.131 Stücke verliehen wurden.399 Weiterhin verlieh man in Preußen seit 1835 in größerem Umfang die Krieger-Verdienst-Medaille unter anderem an russische Militärs, die die Pariser Medaille des Jahres 1814 oder das St.-Georgs-Kreuz trugen.400 Zar Nikolaus stiftete im Gegenzug im Jahre 1839 eine Form des St.-Georgs-Kreuzes, welches ausschließlich an noch lebende preußische Veteranen der Befreiungskriege zur Verleihung kam.401 Das Kreuz glich äußerlich dem St.-Georgs-Kreuz annähernd und erhielt wie dieses auch eine in die Kreuzarme eingeschlagene Matrikelnummer.402 Anlass für die Stiftung dieses besonderen Erinnerungszeichens war die Errichtung eines Denkmals in Borodino, welches an die gleichnamige Schlacht im Jahre 1812 erinnern sollte.403 Die Befreiungskriege lösten zweifelsohne eine große Welle an Stiftungen von Ehrenzeichen und Denkmünzen, vornehmlich mit militärischem Bezug, aber auch für Zivilverdienste aus. Preußen war nicht nur durch seine grundsätzliche Umstellung und Erweiterung des Auszeichnungswesens Vorbild für andere deutsche Staaten, sondern auch durch seine Verleihungspraxis, nämlich Orden und Ehrenzeichen in gro- ßem Stil an Angehörige verbündeter Armeen zu verleihen und somit als diplomatisches Mittel zu gebrauchen. 397 Vgl. ebd. 398 Vgl. ebd. 399 Vgl. Hessenthal / Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 357. 400 Vgl. ebd., S. 367. 401 Vgl. Kögler, Johannes-Paul: Deutsch-russische Beziehungen im Spiegel gegenseitiger Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik. Dresden 2018. S. 20. 402 Vgl. ebd. 403 Vgl. ebd. 3. Zur Rolle militärischer Konflikte für das Auszeichnungswesen in den deutschen Staaten am Beispiel der Befreiungskriege. 89 Das nach Herkunft, Rang und sozialer Stellung unterschiedslos verliehene Eiserne Kreuz war ebenfalls eine Neuerung im deutschsprachigen Raum, jedoch wurde es von anderen deutschen Souveränen nicht adaptiert. Bis zum Ende der Monarchien in Deutschland im Jahre 1918 war es üblich, bei der Auszeichnung von Tapferkeit zwischen Offizieren (Orden), Unteroffizieren und Mannschaften (Ehrenzeichen für Militärverdienst oder Tapferkeit) zu unterscheiden. Der egalitäre Charakter des Eisernen Kreuzes dürfte daher auch der Grund für dessen starke Symbolkraft gewesen sein, die immer wieder in der Erneuerung dieser Auszeichnung oder in Form des Hoheitszeichens verschiedener deutscher Streitkräfte Ausdruck fand. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 90 Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. Die Privilegien der Träger von Orden und Ehrenzeichen Die Stiftungen an Verdienstorden und Ehrenzeichen haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den deutschen Staaten ein sehr umfangreiches Maß erreicht, wodurch sich einige Souveräne gezwungen sahen, bestimmte Orden und Ehrenzeichen mit zusätzlichen Privilegien zu versehen. Auf diese Art und Weise sollten die Auszeichnungen in besonderem Maße inszeniert werden und ihre Träger zusätzliche gesellschaftliche Verehrung erfahren. Es stellte zunächst keine Neuerung dar, dass vor allem Orden und deren Mitgliedschaft reglementiert waren. Die Begrenzung von Mitgliederzahlen bei Haus- und Hoforden sorgten bereits seit der frühen Neuzeit für ein hohes Ansehen seiner Mitglieder, die sich dem damaligen Verständnis entsprechend als Teil einer exklusiven Korporation verstehen durften. Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert waren im deutschsprachigen Raum Nobilitierungen mit der Verleihung einiger Verdienst- und Militärverdienstorden verbunden. Dieses Privileg war von außerordentlich hohem Wert, da der Träger den durch Verdienste jeglicher Art erworbenen Prestigegewinn in eine erkennbare Erhöhung der sozialen Stellung zum Ausdruck bringen konnte. Dies war sonst weder durch Geld noch durch Einfluss oder die reine dauerhafte Anwesenheit in einem sozialen Milieu möglich, also beispielsweise durch den Dienst am Hofe eines Souveräns. Bei dieser seltenen Durchbrechung der sozialen Schranke vom Bürgertum zum Adel behielt sich der Stifter eines Ordens jedoch gegebenenfalls eine Unterscheidung zwischen der lediglich unmittelbaren und der nachhaltigen Privilegierung durch die Vergabe von Adelstiteln vor. So war mit der Vergabe des bayerischen Militär-Max-Joseph-Ordens für bayerische Offiziere nur der persönliche Adel der Ritterklasse verbunden404, was bedeutet, dass der Titel nicht auf die Erben des Beliehenen überging. Gleiches galt für den Verdienstorden der Bayerischen Krone. Die Träger seiner drei oberen Klassen erhielten den persönlichen Adel und „wurden Ritter der bayerischen Adelsmatrikel“405. Durch diese Begrenzung der Nobilitierung auf die jeweils gegenwärtig beliehene Generation wurde verhindert, dass durch die in Kriegszeiten naturgemäß ansteigenden Verleihungen von Orden die zahlenmäßig begrenzte Struktur des Adels aufgeweicht wurde und dadurch deren elitäres Selbstverständnis litt. Dennoch gab es in Bayern auch über Orden einen Zugang zum erblichen Adel. So durfte gebührenfreie Verleihung des erblichen Adels beanspruchen, wer den Verdienstorden der Bayerischen Krone erhielt und dessen Vater und Großvater bereits mit dem Militär-Max-Joseph-Orden oder dem Verdienstorden der Bayerischen Krone beliehen wurde, also dann, wenn eine Etablierung der Nobilitierung über drei Generationen stattgefunden hatte.406 Diese Kombination blieb je- 4. 404 Vgl. Schreiber: Die Bayerischen Orden, S. 64. 405 Vgl. ebd., S. 88. 406 Vgl. ebd., S. 87. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 91 doch kompliziert und denkbar selten und ein übermäßiges „Eindringen“ von Bürgerlichen in die soziale Schicht der bayerischen Adligen war daher nicht zu befürchten. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., war indessen bereits im Jahre 1806 darin bestrebt, auch die Ehrenzeichen für Unteroffiziere und Mannschaften seiner Armee durch symbolische und materielle Privilegien aufzuwerten. Er ließ die Verleihung der goldenen Militär-Verdienstmedaille mit einer Zulage von einem Reichstaler monatlich verbinden, die bei einer Verpflichtungszeit von 20 Jahren auch nach der Entlassung weitergezahlt wurde.407 Weiterhin heißt es: „Ein Soldat mit der Medaille darf keine Stockschläge erhalten, sondern wird höchsten (sic!) mit Fuchteln bestraft.“408 Entehrende Körperstrafen waren mit dem hohen Ansehen der Medaille und der damit verbundenen Zuteilung von Ehre also nicht vereinbar, wenngleich der Staat auch darum bemüht war, das Ehrenzeichen vor allzu groben Verstößen des Trägers zu schützen: „Wenn sich aber ein solcher grobe Excesse erlauben sollte, auf welche Spießruthenstrafe steht, so wird ihm die Medille (sic!) und die damit verbundene Zulage abgenommen; verkauft oder verspielt Jemand seine Medaille, so verliert er mit der goldenen auch sogleich seine Zulage.“409 Solche Befreiungen von Strafen in Verbindung mit der Verleihung einer Auszeichnung waren auch in anderen Ländern üblich. Im Zarenreich Russland war die Verleihung des St.-Georgs-Soldatenkreuzes für Tapferkeit für die Mannschaften und Unteroffiziere ebenfalls mit der Befreiung von der Prügelstrafe und jeglicher körperlicher Bestrafung verbunden.410 Schließlich, so sah es die Königlich-Preußische Verordnung über die Militär-Verdienstmedaille vor, sollte die Erinnerung an die Träger der Medaille auch ihren Tod überdauern, indem „die Namen derselben von einem jeden Regimente oder Bataillon besonders auf einer Tafel verzeichnet werden, welche in der Kirche ausgehängt wird, zu welcher sich das Regiment oder Bataillon in der Friedensgarnison hält.“411 Eine ähnliche Praktik regelte übrigens eine preußische Kabinetts-Order vom Februar 1815, wonach die Kriegsdenkmünzen 1813-15 von verstorbenen Trägern zum ewigen Andenken in ihren heimatlichen Kirchspielen aufzubewahren seien, während solche Medaillen von Ausländern und Selbstmördern durch die Angehörigen an die preußischen Behörden zurückzusenden waren.412 In den folgenden Jahren und Jahrzehnten gab es noch einige Ergänzungen und Änderungen, was die Privilegien für Inhaber des Militär-Ehrenzeichens oder Träger von Verdienst- und Hausorden angeht, so etwa die Ehrerbietung durch andere Soldaten. Einer Erweiterungsurkunde aus dem Jahre 1810 ist zu entnehmen, dass die 407 Vgl. Patzwall, Klaus (Hrsg.): Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz. Norderstedt 1986. S. 19f. 408 Ebd., S. 20. 409 Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 20. 410 Vgl. Werlich, Robert: Russian Orders, Decorations and Medals. Washington 1981. S. 26. 411 Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz., S. 20. 412 Vgl. http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiu ngskriege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen/ (Stand: 12.10.2015). III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 92 „Schildwachen [...] vor den militairischen Verdienst-Medaillen Front, Gewehr im Arm, vor dem Orden pour le mérite aber Front mit geschultertem Gewehr machen“413 sollen. Aus den Bestimmungen wird deutlich, dass die Ehrerbietung jedoch nicht der Person, sondern dem Gegenstand der Medaille galt bzw. auch der erwiesenen Tapferkeit: „Das Kriegs-Verdienst zu ehren, ist Beruf des Militairs.“414 Im Jahre 1864 strukturierte man in Preußen die Tapferkeitsauszeichnungen für Unteroffiziere und Mannschaften um und benannte die bisherige silberne und goldene Militär-Verdienstmedaille in Militär-Ehrenzeichen 2. und 1. Klasse um und stiftete zusätzlich ein Militär-Verdienstkreuz, „welches für erhöhte nochmalige und besonders tapfere Thaten bestimmt ist.“415 Für das Militär-Ehrenzeichen 1.Klasse gab es eine monatliche finanzielle Zulage von 1 Taler, für das Militär-Verdienstkreuz 3 Taler.416 Das Militär-Verdienstkreuz, welches in den Kriegen 1864 und 1866 verliehen wurde, jedoch durch die Erneuerung des Eisernen Kreuzes 1870 im Deutsch-Französischen Krieg nicht zur Verleihung kam, genoss zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem aber in der Zeit des Dritten Reiches, eine umfängliche Aufwertung, was die Privilegien der Beliehenen anging. Gesetzlich vorgeschriebene Rechte der Träger des Militär- Verdienstkreuzes waren nach 1918: 1. Vorzügliche Versorgung durch die Behörden. 2. Ein Ehrensold von monatlich 9 RM auf Lebenszeit. 3. Militärische Ehrenbezeugung durch den Präsentiergriff. 4. Trauerparade beim Tode des Inhabers.417 Spätestens seit 1935 erfuhren die Inhaber dieser höchsten Tapferkeitsauszeichnung für preußische Unteroffiziere und Mannschaften zunehmende Aufmerksamkeit durch die nationalsozialistische Propaganda, die einen Gegensatz zwischen der soldatischen Leistung der Träger und deren teilweise schlechten wirtschaftlichen Situation herausstellte: „Im Jahre 1935 gab es im Deutschen Reich über 200 Inhaber des Goldenen Militär-Verdienst-Kreuzes418, die arbeitslos, in erbarmungswürdigstem Zustande ihr Leben fristen mußten, und über 240 Ordensinhaber, die mit einem Hungerlohn, in einer nur als Notbehelf angenommenen Tätigkeit, sich selbst und ihre oft zahlreiche Familie kümmerlich durschlagen müssen. Diese notleidenden Inhaber des Goldenen Militär-Verdienst-Kreuzes sind eine Anklage gegen die vergangenen Jahre nach dem Krieg.“419 413 Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 24. 414 Ebd. 415 Ebd., S. 38. 416 Vgl. ebd., S. 39. Der damalige monatliche Verdienst eines Unteroffiziers betrug 4 Taler. Der Sold eines Inhabers dieser Auszeichnung wurde durch die Zulage beinahe verdoppelt und kann somit als nicht unwesentliche finanzielle Unterstützung betrachtet werden. (Vgl. Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 48.) 417 Vgl. ebd., S. 40. 418 Nach dem Ersten Weltkrieg hat sich der Begriff „Goldenes Militär-Verdienstkreuz“ im allgemeinen Sprach- und Schriftgebrauch in der Öffentlichkeit und bei Behörden durchgesetzt. Die offizielle Bezeichnung lautete jedoch nur „Militär-Verdienstkreuz“ 419 Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 44. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 93 Die Gruppe der Inhaber dieser Auszeichnung war aus verschiedenen Gründen in den Fokus der NS-Propaganda gerückt. Zum einen handelte es sich um eine äußerst sparsam verliehene Tapferkeitsauszeichnung. Lediglich 1760 preußische Soldaten und Unteroffiziere erhielten das Militär-Verdienstkreuz und es war rechnerisch, auf die Gesamtstärke der deutschen Armee bezogen, die seltenste Tapferkeitsauszeichnung im Ersten Weltkrieg. Nur einer von 7.200 deutschen Soldaten war Inhaber des Militär-Verdienstkreuzes, während jeder dritte Soldat ein Eisernes Kreuz 2.Klasse erhielt, jeder 40. Offizier das Ritterkreuz zum Hausorden von Hohenzollern und auf einen von 480 Offizieren kam der Pour le Mérite.420 Zum anderen war die soziale Zusammensetzung der Trägerschaft im Wesentlichen identisch mit der Zielgruppe nationalsozialistischer Politik und Propaganda, wie die Nationalsozialisten selbst feststellten: „Auf Grund der eigenen und amtlichen Angaben wurde festgestellt, daß etwa 45 Prozent dieser mit dem höchsten deutschen Kriegsorden ausgezeichneten Soldaten einen Handwerksberuf erlernt haben, etwa 18 Prozent waren Landwirte (Bauern) und etwa 12 Prozent ehemalige Berufssoldaten. Ein großer Teil der Handwerker und Berufssoldaten sind nach dem Kriege Beamte geworden, ein Teil der Handwerker ist zu ihrem handwerklichen Beruf zurückgekehrt, ebenso die Bauern zu ihrer Scholle.“421 Die Nationalsozialisten wollten also in ihrer Klientel, kleinbürgerliches bzw. ländliches Milieu mit vornehmlich protestantischer Prägung, idealtypische Eigenschaften des preußischen Soldaten ausfindig gemacht haben: „der Handwerker war Qualitätsarbeiter; Dienst war für ihn ein gewohnter Begriff und der Geist seiner Berufsarbeit wurde von ihm auch auf den Soldatenberuf übertragen.“422 Schließlich waren unter den um 1935 1200 noch lebenden Inhabern des Militär-Verdienstkreuzes ganze 300 Mitglieder der NSDAP, weitere 300 der SA und 200 des Stahlhelms und somit politisch als rechtsextrem einzustufen.423 Da scheint es also kaum verwunderlich, wenn seit Mitte der 30er Jahre dieser „Idealtypus“ des preußischen Soldaten staatlicherseits, auf Initiative der NSDAP, gefördert wurde. Sie wurden bei Anstellung und Beförderungen im Staatsdienst den sogenannten „Alten Kämpfern“ der Partei gleichgestellt, was die jeweiligen Ressortleiter von Ministerien und Behörden in ihrem Verantwortungsbereich auch umgehend umsetzten. So ließ der Reichs- und Preußische Minister des Innern, Dr. Frick 1935 an die Landesregierungen bekanntgeben: „ [...] (2) Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, daß die Dienststellenleiter und alle Vorgesetzten die mit dem höchsten preußischen Kriegsorden für Unteroffiziere ausgezeichneten Beamten in jeder Hinsicht fördern und in ihrem zukünftigen Leben betreuen [...].“424 420 Vgl. ebd., S. 93. 421 Ebd., S. 45. 422 Ebd. 423 Vgl. ebd., S. 47. 424 Ebd., S. 42. Insgesamt gab es 82 Angehörige der preußischen Polizei, die diese Förderung betraf. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 94 Nicht anders lauteten die Anweisungen für den Geschäftsbereich des Reichsministers der Justiz aus demselben Jahr: „Es ist eine Ehrenpflicht der Dienststellenleiter, die Justizbeamten, die mit dem höchsten preußischen Kriegsorden für Unteroffiziere, dem Preußischen Goldenen Militär-Verdienst-Kreuz, ausgezeichnet sind, in jeder Hinsicht zu fördern und zu betreuen. Ich bitte dementsprechend zu verfahren.“425 Ähnliche Bekanntmachungen gab es für das Reichs- und Preußische Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, das Reichspostministerium, das Reichswirtschaftsministerium, das Reichsministerium der Finanzen, das Reichsarbeitsministerium und selbst auf lokaler Ebene wie der Stadt Berlin für ihre Stadtbediensteten.426 Doch ausgerechnet in der Wehrmacht, die eigentlich den stärksten Bezug zu den Inhabern höchster Kriegsauszeichnungen hatte, kamen Beschwerden darüber auf, dass die Förderung dieses Personenkreises nicht in dem Maße erfolgte wie es ursprünglich angedacht war. Daher erließ der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht 1940 einen Erlass herausgeben, in dem genau festgehalten wurde, welche konkreten Maßnahmen im Sinne einer Förderung in Frage kämen: „Erwünscht ist die Förderung der Träger höchster Kriegsauszeichnungen, bei sonstiger Eignung, insbesondere durch Überführung von Arbeitern bei Wehrmachtdienststellen und Betrieben in das Angestelltenverhältnis; durch Schaffung erleichterter Bedingungen für die Überführung in das Beamtenverhältnis; durch eine einmalige vorzugsweise Beförderung; durch wohlwollende Rücksichtnahme auf Gesundheitsstörungen, die auf die Teilnahme am Weltkriege zurückzuführen sind; durch wohlwollende Berücksichtigung von Dienstort- und Stellenwünschen u.a.“427 Der Ehrensold wurde am 27. August 1939 durch einen Erlass des Reichskanzlers gesetzlich neu geregelt und durch den Anschluss Österreichs wurden auch Auszeichnungen der K.u.K. Monarchie darin integriert. Zulageberechtigt (20 Reichsmark monatlich) waren die Träger folgender Orden und Ehrenzeichen428: Land Auszeichnung Königreich Preußen Orden Pour le Mérite Goldenes Militär-Verdienstkreuz Kaiserreich Österreich-Ungarn Militär-Maria-Theresien-Orden Goldene Tapferkeitsmedaille Königreich Bayern Militär-Max-Josef-Orden Militär-Sanitätsorden Goldene Tapferkeitsmedaille Silberne Tapferkeitsmedaille 425 Ebd. 426 Vgl. ebd., S. 64ff. 427 Ebd., S. 71. 428 Ebd., S. 72. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 95 Land Auszeichnung Königreich Sachsen Militär-St. Heinrichsorden (Komman-deurklasse und Goldene Medaille) Königreich Württemberg Militärverdienstorden (Kommandeurklasse) Goldene Militär-Verdienstmedaille Großherzogtum Baden Militär-Karl-Friedrich-Verdienstorden Militärische Karl-Friedrich-Verdienst-Medaille Erhielt ein Soldat mehr als eine der aufgeführten Auszeichnungen, konnte er nur einmal Ehrensold beziehen.429 Inhaber dieser Auszeichnungen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt vom Ehrensold erfuhren, hatten das Recht, eine rückwirkende Zahlung zu beantragen und zu erhalten.430 Auch die bereits erwähnten Privilegien der Ehrenbezeigung wurden fortgeführt, wonach Posten mit Gewehr den Rittern und Inhabern höchster deutscher Kriegsauszeichnungen eben jene Ehrenbezeigung durch Stillstehen mit präsentiertem Gewehr zu erweisen hatten. Ferner konnten auf Antrag der Angehörigen eines verstorbenen Inhabers diesem bei der Trauerparade militärische Ehren nach einem genau festgelegten Zeremoniell erwiesen werden.431 Sollte ein Inhaber des Militär-Verdienstkreuzes Selbstmord begangen haben, so war es in den Bestimmungen ausdrücklich festgelegt, entschied der Kommandeur des für die Trauerfeier zu stellenden militärischen Personals über die Durchführung. Er hatte demnach Rücksprache mit dem zuständigen Pfarrer zu halten, „ob die Beerdigung mit militärischen Ehren (Trauerparade, Halbstockflaggen), mit Trauergefolge oder in aller Stille zu erfolgen hat. Hierbei ist zu prüfen, ob der Verstorbene die Tat aus unehrenhaftem Anlaß oder unter Ärgerniß gebenden Umtänden ausgeführt hat.“432 Interessant scheinen gerade in dieser Ausführungsbestimmung die miteinander konkurrierenden Ehrvorstellungen. Selbst in der Mitte des 20. Jahrhunderts und unter der NS-Ideologie, die sich von kirchlich geprägten Wertvorstellungen zu lösen versuchte, waren die zum einen ehrenhafte Tat im Kriege, die mit höchster Auszeichnung bedacht wurde, und zum anderen der unehrenhafte Selbstmord nicht miteinander vereinbar. Die beiden Ehrdelikte, positiv wie negativ, konnten also gegeneinander abgewogen werden und so entschied sich letztlich die bleibende Reputation des verstorbenen Inhabers. Die Möglichkeit, dem Suizid ein ehrenhaftes oder unehrenhaftes Motiv zu unterstellen, überließ es jedoch dem Pfarrer und dem verantwortlichen Kommandeur, über die Ehrhaftigkeit des Verstorbenen zu entscheiden. Da die Bundesrepublik Deutschland die Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches angetreten hatte, wurde im Rahmen der Neuordnung des Auszeichnungswesens durch das Ordensgesetz 1957 auch die Frage der Weiterzahlung des Ehrensolds gere- 429 Vgl. ebd. 430 Vgl. ebd., S. 75. 431 Vgl. ebd., S. 87. 432 Ebd., S. 89. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 96 gelt. Eine Zulage gab es nur für höchste Kriegsauszeichnungen, die bis 1918 verliehen wurden (nachträgliche Verleihungen eingeschlossen), wobei man sich an jenen Orden und Ehrenzeichen orientierte, die auch schon 1939 für den Erhalt eines Ehrensolds433 festgelegt wurden.434 Auszeichnungen des Dritten Reiches waren für eine finanzielle Zulage nicht vorgesehen. Der Ehrensold wurde für die Zeit vom 1. Oktober 1956 an rückwirkend gezahlt und zwar in Höhe von 25 DM auf Antrag des Anspruchsberechtigten.435 Die Abwicklung der Anträge erfolgte über die Versorgungs- ämter Berlin, München, Stuttgart und Karlsruhe und die Finanzierung erfolgte aus dem Etat des Bundesministeriums der Verteidigung.436 Eine strafgerichtliche Verurteilung war mit dem Erhalt des Ehrensolds unvereinbar. Einem Inhaber konnte also die Auszeichnung auch noch Jahrzehnte nach dem Erhalt aufgrund einer Verurteilung nach bundesdeutschem Recht entzogen werden.437 Die Träger der höchsten deutschen Kriegsauszeichnungen des Ersten Weltkriegs organisierten sich nach 1945 in Kameradschaften und Ordensgemeinschaften, die sich dem Zweck der Traditionspflege und der gegenseitigen Solidarität aber auch der gegenseitigen wirtschaftlichen Unterstützung verschrieben hatten. Im Jahre 1990 starb der letzte Inhaber des preußischen Militär-Verdienstkreuzes, Karl Heinzmann, im Alter von 101 Jahren.438 Im Jahre 1996 wies der Etat des Bundesministeriums der Verteidigung noch drei Ehrensoldempfänger aus, letzter Ehrensoldempfänger war der Schriftsteller und Träger des Ordens Pour le Mérite Ernst Jünger (1895-1998).439 Materielle und protokollarische Privilegien gab und gibt es auch in etlichen anderen Ländern. So mussten die Träger des Ordens der Roten Fahne erster Klasse (UdSSR) von allen Angehörigen der Streitkräfte, seien sie auch im Dienstgrad höhergestellt gewesen, zuerst mit der Ehrenbezeigung gegrüßt werden. Gleichzeitig durften dieselben Inhaber frei mit allen Staatsbahnen in der Sowjetunion fahren.440 Die Träger höchster britischer Orden dürfen die Bezeichnung der Klasse eines verliehenen Ordens als Abkürzung in ihrem Nachnamen tragen wie etwa „KG“ für Knights Cross (Ritterkreuz) oder „DSO“ für Distinguished Service Order (Orden für hervorragenden Verdienst, eine britische Kriegsauszeichnung). Ebenso dürfen britische Inhaber höchster Kriegsauszeichnungen den Namen des Ortes, für den sie einen Orden erhielten, als Teil des Familiennamens führen.441 Ehrensoldregelungen gibt es auch für 433 Der Begriff „Ehrensold“ bezeichnet neben der Zulage für Auszeichnungen nach § 11 des Gesetzes über Titel, Orden und Ehrenzeichen vom 26. Juli 1957 auch die Ruhebezüge eines Bundespräsidenten (Gesetz über die Ruhebezüge des Bundespräsidenten). 434 Vgl. Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 81. 435 Vgl. ebd., S. 81ff. 436 Vgl. Balk, Jörg: Lohn der Tat. Ehrensold für die Inhaber höchster Tapferkeitsauszeichnungen des I.Weltkrieges nach dem Ordensgesetz von 1957. S. 11. Siehe: http://www.kyffhaeuser-kv-lauenburg. de/Ehrensold.pdf (Stand: 25.10.2015). 437 Vgl. Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 82f. 438 Vgl. Balk, Jörg: Lohn der Tat. Ehrensold für die Inhaber höchster Tapferkeitsauszeichnungen des I.Weltkrieges nach dem Ordensgesetz von 1957. S. 11. Siehe: http://www.kyffhaeuser-kv-lauenburg. de/Ehrensold.pdf (Stand: 25.10.2015). 439 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 223. 440 Vgl. Patzwall: Das preußische Goldene Militär-Verdienstkreuz, S. 86. 441 Vgl. ebd. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 97 die Träger belgischer, finnischer, niederländischer und italienischer Auszeichnungen.442 Besonders umfangreich sind jedoch die Privilegien der noch heute verliehenen höchsten amerikanischen Tapferkeitsauszeichnung, der Medal of Honor. Ihre Träger erhalten neben dem monatlichen Ehrensold in Höhe von 1.259 $, einen Zuschlag von 10% zu ihrer jeweiligen Pension und sie dürfen Inlandsflüge der US-Streitkräfte nutzen.443 Die Kinder von Inhabern der Medal of Honor sind dazu berechtigt, abseits der Quoten die US-Militärakademien zu besuchen und schließlich erhalten sie ein Begräbnis mit allen militärischen Ehren und einen Grabstein, der sie als Träger dieser höchsten Tapferkeitsauszeichnung ausweist.444 Unerlaubtes Tragen von Orden und Ehrenzeichen Mit der Stiftung dutzender Orden und Ehrenzeichen im Zuge der Befreiungskriege etablierte sich ein neues Ehrdelikt, das darin bestand Auszeichnungen zu tragen, die einem nicht verliehen wurden oder sie in nicht statthafter Weise zu tragen. Die Gründe für diese Entwicklung sind bei den theoretischen Betrachtungen zum Wert einer Auszeichnung eine logische Konsequenz aus den Abhängigkeiten, die zwischen Sender, Empfänger und Gesellschaft diesbezüglich vorherrschen. Zweifelsohne mussten durch die öffentliche Wahrnehmung, künstlerische Verarbeitung und Aufrechterhaltung der Erinnerung an die Kriege gegen Napoleon und insbesondere einzelne Kampagnen daraus Begehrlichkeiten geweckt werden, was die Teilnahme und Teilhabe an diesen Ereignissen betrifft. Für die Schlacht von Waterloo spricht Marian Füssel von einem regelrechten „Sakralisierungsprozess“445 bei der Herausbildung einer Erinnerungskultur. Die Sehnsucht nach Vergegenwärtigung dieser Schlacht drückte sich nicht nur durch intensiven Tourismus zu den Orten des Geschehens aus, sondern gegebenenfalls auch durch die individuelle Vortäuschung „dabei gewesen“ zu sein. So besuchte beispielsweise der englische Prinzregent Georg, der spätere König Georg IV., im Jahre 1821 zusammen mit General Wellington erstmalig das Schlachtfeld von Waterloo und behauptete später immer wieder, persönlich an der Schlacht teilgenommen zu haben.446 Der wichtigste Beweis für eine tatsächliche Teilnahme war jedoch ein äußeres Zeichen, nämlich die unterschiedslos verliehene Kriegsdenkmünze oder Waterloo-Medaille. Wer sie trug, war für seine Umwelt als Teilnehmer der Schlacht auf den ersten Blick erkennbar. Dementsprechend kam es bei diesen Ehrenzeichen zu missbräuchlichen Handhabungen, die erstmalig zu einer behördlichen Regulierung führten. Die preußische General-Ordens-Kommission stellte bereits zu Beginn des Jahres 1816 einen großflächig auftretenden Missbrauch bei der Trageweise der in hohen Zahlen verliehenen preußischen Kriegsdenkmünzen 1813-15 fest. Daher wurde eine Kabinettsorder erlassen, wonach „nicht nur die Nachbildung der Denkmünzen, son- 442 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 223. 443 Vgl. http://www.army.mil/medalofhonor/process.html (Stand: 30.10.2015). 444 Vgl. ebd. 445 Füssel, Marian: Waterloo 1815. München 2015.S. 97. 446 Vgl. ebd., S. 99. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 98 dern auch das Anfertigen von Zierrathen, Veränderungen oder sinnbildlichen Darstellungen der Allerhöchsten Orts verliehenen Orden und Ehrenzeichen künftig allgemein unterbleiben“447 muss. Gleiches galt generell ebenso für den Handel mit Orden und Ehrenzeichen. Staatskanzler von Hardenberg verzichtete laut Bekanntmachung in diesem Kontext ausdrücklich auf eine eigene Gesetzgebung, die diese Abänderungen unter Strafe stellen sollte und verließ sich bei der Umsetzung wohl auf die Hörigkeit der Untertanen gegenüber der Weisung des Königs. Anders sah es beim unbefugten Tragen von Orden und Ehrenzeichen aus, das je nach „Beschaffenheit der zu Bestrafenden“448 mit dreimonatiger Festungshaft oder Gefängnis geahndet werden konnte, wobei Festungshaft nach damaligem Verständnis als nicht entehrend galt.449 Im Königreich Preußen waren die Strafen für das unbefugte Tragen von Orden und Ehrenzeichen sehr dezidiert festgelegt. In der Übersicht über Verbrechen und Strafen nach Preußischem Rechte450 aus dem Jahre 1833 wurde im Paragraphen über die Anmaßung von Orden und Ehrenzeichen zunächst zwischen „betrüglicher Absicht“ und „Unbefugtes Tragen ohne solche Absicht“ unterschieden. Für den ersten Straftatbestand war die Strafe mit der des Betruges identisch, bei der zweiten wurde genauestens unterschieden: „2. Unbefugtes Tragen ohne solche Absicht a. der Kriegsdenkmünze von 1813, 1814, 1815. α. zum ersten Male. 6 Wochen Gefängniß. [...] ß. zum wiederholten Male. Verdoppelung der Strafe. [...] b. des Bandes vom eisernen Kreuze. α. in betrüglicher Absicht Die Strafe des Betruges und öffentliche Bekanntmachung derselben. ß. aus Eitelkeit 20-100 Rthlr. Geldstrafe. [...] c. das Tragen anderer Orden und Ehrenzeichen. 3 Monate Festung oder Gefängniß. [...] „451 Während des Zweiten Weltkriegs spielte die Ahndung des unbefugten Tragens von Orden und Ehrenzeichen eine durchaus beachtliche Rolle. Dies basierte im Wesentlichen auf der propagierten soldatischen Heldenverehrung, die auch in Form von Kriegsauszeichnungen ihren Ausdruck fand. Im Laufe des Krieges fanden Neustiftungen und Erneuerungen zahlreicher Auszeichnungen statt. Damit knüpfte man einer- 447 Fürst von Hardenberg, Karl August von: Bekanntmachung wegen der Abstellung der Mißbräuche welche in den willkührlichen Abänderungen der Krieges-Denkmünzen, Orden und Ehrenzeichen statt finden. Berlin 1816. 448 Friedrich Wilhelm III. von Preußen: Allerhöchste Kabinetsorder, die Bestrafung des unbefugten Tragens von Orden und Ehrenzeichen betreffend. De Dato Troppau, den19ten November 1820. Berlin 1820. 449 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 136ff. 450 Hafemann, Julius Ferdinand: Übersicht über Verbrechen und Strafen nach Preußischem Rechte. Berlin 1833. 451 Ebd., S. 15. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 99 seits an alte Traditionen an und konnte sich somit auf eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung und vor allem bei militärischen Eliten verlassen, weiterhin erfolgte durch eine systematische Etablierung des Auszeichnungswesens innerhalb der Jugendund Parteiorganisationen sowie der Wehrmacht die Sozialisierung junger Menschen hinsichtlich eines umfassenden staatlichen Belohnungssystems. Orden und Ehrenzeichen wurden „zu einem prägenden Bestandteil der Lebenswirklichkeit des Dritten Reiches“452. Das militärische Auszeichnungswesen unterschied genau und sichtbar zwischen der „Etappe“ und dem „Frontsoldaten“ und seine Wirkung verfehlte es bei den Beliehenen und Beobachtern nicht: „Gestern bekamen wir 5 EK I in mein Btl., davon 4 für Gefreite und Obergefreite. Man freut sich so darüber, als wenn man es selbst noch einmal bekäme. Die strahlenden Augen der Männer müsstest Du sehen, dann sind die Strapazen und alles Leid der letzten Wochen verflogen [...].453 Da erscheint es kaum verwunderlich, wenn es im Laufe des Krieges zu Delikten kam, bei denen Soldaten Auszeichnungen trugen, die ihnen gar nicht verliehen wurden, um so einen Prestigegewinn zu erzeugen. Christoph Rass gibt uns in seinem Werk über die Innenansichten der 253. Infanterie-Division einen umfassenden Einblick über die Vorgänge zu diesem Tatbestand innerhalb eines militärischen Großverbandes. Die Soldaten, die sich des unerlaubten Tragens von Orden und Ehrenzeichen schuldig machten, gehörten in gleichem Maße zu älteren wie zu jüngeren Jahrgängen. Der älteste gehörte zum Jahrgang 1901, der jüngste war 1922 geboren. Kampftruppe und rückwärtige Dienste der Division waren gleichermaßen betroffen.454 Bis auf eine Ausnahme trugen die Betroffenen ihre nicht verliehenen Auszeichnungen während des Fronturlaubs und wurden dabei durch den Heeresstreifendienst bei der Überprüfung des Soldbuchs entdeckt.455 Im Urlaub konnte einerseits das Dienstvergehen nur sehr viel schwieriger aufgedeckt werden, da es keine Kontrolle durch Vorgesetzte und Kameraden gab, die genau wussten, wer welche Auszeichnung in der Einheit erhalten hatte und andererseits war das Motiv für den vorgetäuschten Prestigegewinn im Heimaturlaub am größten. Ein Unteroffizier, der 1943 verhaftet wurde, gab zu Protokoll: „Ich wollte zu meinem Mädchen nach Allenstein fahren. Da ich mich schämte, nach anderthalb Jahren noch keine Auszeichnung zu besitzen, kaufte ich mir ohne Ausweis vor Urlaubsantritt die Bändchen zum EK II und zur Ostmedaille sowie das Verwundetenabzeichen in schwarz.“456 Diese Minderwertigkeitsgefühle werden bei nahezu allen Vernehmungen beschrieben und zeugen vom ausgeprägten Leistungsdruck dem soldatischen Idealbild auch in der Heimat zu entsprechen. Der Soldat Anton P., der 1943 nach Erkrankung von einer Feldeinheit der 253. Infanterie-Division zu einer Ersatz-Einheit versetzt wurde, wurde 452 Rass, Christoph: Menschenmaterial: Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-1945. Paderborn 2003. S. 250. 453 Ebd., S. 255. 454 Vgl. ebd. 455 Vgl. ebd., S. 256. 456 Ebd., S. 257. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 100 wegen des unerlaubten Tragens des Infanterie-Sturmabzeichens und des Eisernen Kreuzes 2.Klasse vor ein Gericht gestellt. Er gestand die Tat, da „ich mir [...] ohne das EK II als minderwertiger Soldat vorkam und die Leute in meinem Heimatdorf denken würden, ich sei ein schlechter Soldat gewesen.“457 Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die Wehrmachtsstreifen dazu angehalten wurden, bei der Kontrolle eines Soldbuches akribisch auf die tatsächlich eingetragenen Auszeichnungen zu achten. Widersprüchlich dazu scheint der Umstand, dass der Erwerb von Orden und Auszeichnungen im Spezialhandel auch ohne Besitzzeugnis offenbar problemlos möglich war.458 Insgesamt kam es beim Divisionsgericht der 253. Infanterie-Division im Verlauf des Krieges zu 14 Verfahren wegen des unerlaubten Tragens von Orden und Ehrenzeichen.459 In der Regel schrieb das Kriegsgericht den Angeklagten eine krankhafte Neigung zur Unwahrheit, übersteigerte Geltungssucht und andere Charakterschwächen zu. Die Fälle wurden allesamt mit niedrigen Gefängnisstrafen von sechs bis neun Monaten geahndet, die bei der Urteilsverkündung in Arreststrafen von wenigen Wochen umgewandelt oder sogar gänzlich ausgesetzt wurden. Der Mechanismus des Belohnungssystems im Dreiklang – Auszeichnung des Individuums, Aufwertung der Gruppe und Hervorheben der militärischen Führer460 – wurde von den Soldaten mehr oder weniger stark verinnerlicht, konnte jedoch auch über den Krieg hinaus funktionieren, wie ein Prozess vor dem Bundesverwaltungsgericht aus dem Jahre 1961 zeigt. Ein ehemaliger Feldwebel der Wehrmacht, der während des Krieges mehrfach, teilweise schwer, verwundet und hoch ausgezeichnet wurde, trat im Jahre 1956 in die neu gegründete Bundeswehr ein. Viele der Soldaten, die Vordienstzeit in der Wehrmacht hatten, verfügten durch Kriegseinwirkungen und Gefangenschaft oftmals nicht mehr über Besitzzeugnisse und Dokumente, um ihre Auszeichnungen nachzuweisen. Diesen Umstand nutzte der besagte Feldwebel, und hat „eine beglaubigte Abschrift eines gefälschten Auszuges aus dem Wehrmachtsoldbuch über die angebliche Verleihung des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes vorgelegt, die er mit Hilfe eines gutgläubigen Bürgermeisters hatte herstellen lassen, und sich zugleich auf die Einreichung des gefälschten Auszuges aus dem Wehrmachtsoldbuch zu seinen Personalunterlagen bei seiner Einstellungsüberprüfung berufen.“461 Folglich erhielt der Soldat eine Genehmigung zum Tragen des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes und trug die Auszeichnung bis 1960 an seinem Dienstanzug und zu Veranstaltungen der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger. Der Soldat wurde schließlich wegen des unberechtigten Tragens von Orden und Ehrenzeichen nach § 15 des Gesetzes über Titel, Orden und Ehrenzeichen vom 26.07.1957 zu einer Geldstrafe von 150,- DM verurteilt und im Zusammenhang mit weiteren Dienstvergehen und Urkundenfälschung aus dem Dienstverhältnis entlassen.462 457 Ebd., S. 258. 458 Vgl. ebd., S. 257, Fußnote 207. 459 Vgl. ebd., S. 256ff. 460 Vgl. ebd., S. 258. 461 https://www.jurion.de/Urteile/BVerwG/1961-12-03/W-D-24_61 (Stand: 20.09.2015). 462 https://www.jurion.de/Urteile/BVerwG/1961-12-03/W-D-24_61 (Stand: 20.09.2015). 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 101 Obwohl der Feldwebel im Zweiten Weltkrieg schon mehrfach ausgezeichnet wurde, so unter anderem mit dem Eisernen Kreuz 1.Klasse, reichte ihm dieser Prestigegewinn nicht aus. Der Mythos der Ritterkreuzträger und die in diesem Sinne aufwändig getätigte Propaganda während des Dritten Reiches haben in diesem Fall ihre volle Wirkung erzielt, indem der Soldat noch über den Krieg hinaus nach dieser hohen Auszeichnung strebte und letztlich bereit war, die Verleihung des Ritterkreuzes vorzutäuschen. Der Umstand, dass es mit dem Ordensgesetz von 1957 sogar möglich war, diese Auszeichnung in veränderter Form zu tragen, dürfte als ebenso motivationsfördernd gewirkt haben wie die Existenz einer Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger. Der ideelle Wert einer militärischen Auszeichnung, und das zeigen alle angeführten Beispiele, war vor allem abseits der Front, in der Heimat, während des Urlaubs oder Jahre bzw. Jahrzehnte nach einem Krieg so groß, dass immer wieder Menschen nach dem Besitz und der Zurschaustellung bestimmter Orden und Ehrenzeichen strebten, um in den Genuss eines als vorteilhaft beurteilten Prestigegewinns zu kommen. Entzug und Rückgabe von Orden und Ehrenzeichen Bei der Rückgabe von Orden und Ehrenzeichen unterscheidet man zwischen der Rückgabe der Ordensdekoration nach dem Tod des Beliehenen und der freiwilligen Rückgabe einer Auszeichnung durch den Beliehenen, in der Regel aus Protest. Die pflichtgemäße Rückgabe von Orden und Ehrenzeichen war in den jeweiligen Statuten geregelt und hatte verschiedene Gründe. Eine Rückgabe konnte den besonderen Stellenwert eines Ordens ausdrücken, indem das Kleinod unmittelbar an den Träger und dessen Lebensdauer gebunden war. Der Staat schützte seine Dekoration gleichzeitig, indem er sie einer möglichen, in seinem Sinne missbräuchlichen Verwendung durch Hinterbliebene und Erben entzog, wie etwa dem Verkauf oder unerlaubten Tragen. Ein anderer und weitaus wichtigerer Grund für die Rückgabe waren die Kosten und aufwändige Herstellung einiger Auszeichnungen, weshalb vor allem Orden betroffen waren und weniger die einfacher herzustellenden Ehrenzeichen: „Die Orden werden von Juwelieren hergestellt und zwar von Geschäften, die auf diese Arbeit besonders eingerichtet sind und besondere Ateliers dafür haben. Die Herstellung des Ordens ist keine Kleinigkeit. Der Goldschmied, der Emaillierer, der Maler, der Polierer, der Zusammensetzer sind bei der Entstehung des Ordens tätig.“463 Die Preise für die niedrigsten Klassen von Verdienstorden deutscher Bundesstaaten im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewegten sich mit etwa 60 Mark auf etwa gleichem Niveau.464 Die Preise stiegen mit der Höhe der Klasse um das Vielfache, da in der Regel noch ein Bruststern, Schulterband und gegebenenfalls noch Brillanten hinzukamen, wobei die Brillanten zumindest im Königreich Preußen ein 463 Sauerwald, Peter: Zur Verleihung und Rückgabe von Orden im Königreich Preußen, ihrer Kosten und Herstellung. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik. Nr. 57 (2008). Hof 2008. S. 242. 464 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 102 Geschenk des Monarchen und somit auch nicht rückgabepflichtig waren.465 Der höchste preußische Orden, der Hohe Orden vom Schwarzen Adler, kostete in seiner Grundform 2400 Mark, mit Brillanten betrugen die Kosten sogar 6000 Mark.466 Angesichts der hohen Preise für Orden war in allen deutschen Staaten eine Rückgabepflicht geregelt. In den Königreichen Preußen und Hannover waren die jeweiligen General-Ordens-Kommissionen (GOK) damit beauftragt, Ordensdekorationen wieder einzuziehen, in anderen Ländern war eine Ordenskanzlei oder entsprechende Behörde damit beauftragt. Nach dem Tod eines Beliehenen und der entsprechenden Kenntnisnahme der GOK davon, wurden die nächsten Angehörigen angeschrieben und um Rücksendung der Dekoration gebeten. Kamen diese der Bitte nicht nach, wurden Polizeibeamte mit der Abholung des Ordens beauftragt.467 Selbst die Rückgabe einer Dekoration geriet mitunter zu einer symbolträchtigen Zeremonie, die sowohl das Ansehen des Ordens als auch die Ehre des verstorbenen Trägers in den Fokus rücken sollte: „Ist ein Inhaber hoher Ordensdekorationen gestorben, so ist es in den deutschen Bundesstaaten üblich, daß der Sohn, Schwiegersohn oder ein anderer männlicher Familienangehöriger in feierlicher Audienz dem Landesherrn die Orden persönlich zurückreicht.“468 In Preußen soll es als Zeichen der Ehrerbietung üblich gewesen sein, dass der Monarch den Orden in der Kleidung zurücknahm, die sich auf den Beruf des Verstorbenen bezog, also „War dieser zum Beispiel Seeoffizier, so empfängt der Kaiser den Angehörigen, der ihm die Orden zurückreicht, in Marineuniform, und war der Verstorbene Artillerist, so legt der Kaiser diese Uniform an.“469 Die Rückgabeaudienzen erfreuten sich schließlich großer Beliebtheit, sodass sich „die Anträge bei Seiner Majestät dem Kaiser und Könige um Genehmigung von Audienzen behufs persönlicher Rückgabe der Orden Verstorbener in sehr erheblicher Weise gemehrt haben.“470 Als Konsequenz aus der hohen Nachfrage nach dieser Zeremonie durften schließlich nur noch Audienzen bei der Rückgabe von Dekorationen des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler und anderer Orden in der jeweiligen 1.Klasse beantragt werden.471 Rückgabepflichtig waren neben den Orden verstorbener Träger auch Dekorationen, wenn deren Inhaber eine höhere Klasse desselben Ordens erhielten. Die GOK sandte den Orden dann zum Hersteller bzw. einen Juwelier, um ihn gegebenenfalls restaurieren oder polieren zu lassen, da es tragebedingt zu Schäden kommen konnte und schließlich wurde der Orden wieder verliehen. Trotz dieser Praxis waren die Ordenszeichen bei der preußischen GOK grundsätzlich Mangelware. Selbst von der niedrigen vierten Klasse des Kronenordens oder Roter-Adlerordens, von der etliche tausend verliehen wurden, waren ständig höchstens 30 bis 40 Stück 465 Vgl. ebd. 466 Vgl. ebd. 467 Vgl. ebd., S. 243. 468 Ebd. 469 Ebd. 470 Ebd., S. 247. 471 Vgl. ebd. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 103 vorrätig, sodass auch immer wieder Exemplare nachbestellt werden mussten.472 Den Angehörigen verstorbener Beliehener stand es übrigens offen, die Orden gegen den Herstellungspreis, den sie an die General-Ordens-Kommission zu zahlen hatten, zu erwerben und als Erinnerung zu behalten, ebenso mussten verlorene Orden ersetzt werden.473 Ausländische Orden waren generell rückgabepflichtig.474 Da die Annahme einer ausländischen Auszeichnung durch den jeweiligen Souverän zu genehmigen war und die General-Ordens-Kommission oder eine vergleichbare Dienststelle die Anträge hierzu bearbeitete, wurden die entsprechenden Verleihungen aktenkundig festgehalten und gegebenenfalls auch veröffentlicht, beispielweise in den jährlichen Ranglisten der Offiziere. Daher war es den Behörden auch möglich, die ausländischen Orden nach dem Tod eines Beliehenen zurückzufordern und an die betreffende Ordens- Kommission zu senden. Länder wie Brasilien, China, Frankreich, Serbien, Japan, Montenegro, Persien, Portugal und das Osmanische Reich verzichteten im Laufe der Zeit auf eine Rückgabe von Orden sowohl für in- als auch ausländische Inhaber, während Russland die Rückgabe auch bei Ausländern zunächst streng verfolgte.475 In Preußen waren Orden der Monarchie (sogenannte erledigte Orden) auch nach 1918 rückgabepflichtig, obwohl Verleihungen nicht mehr stattfanden. Hierfür wurde eigens eine Nachfolgebehörde der General-Ordens-Kommission eingerichtet, die sogenannte „Abwicklungsstelle der früheren General-Ordenskommission“.476 Der Staat betrachtete die verliehenen Orden trotz der abgeschafften Monarchie nach wie vor als seinen Besitz, auf den er nach dem Tod des Beliehenen Anspruch besaß. Da es keine Wiederverleihungen gab, dürfte der Staat in erster Linie an der Veräußerung des wertvollen Materials der Orden, insbesondere des Goldes, interessiert gewesen sein. Ein Indiz dafür ist, dass niedrige Klassen von Orden wie etwa die 4. Klasse des Roten- Adlerordens, die keinen Anteil von Gold aufwiesen, aus der amtlichen Ordenstafel für rückgabepflichtige Orden herausgenommen wurden. Die folgende Liste zeigt die Ordenszeichen, nach denen der Staat noch begehrte: „1. Schwarzer Adlerorden: Kreuz 120,— RM, Stern 40,— RM 2. Roter Adlerorden: Großkreuz 115,— RM, mit Eichenlaub 120,— RM, Stern 42,— RM, mit Eichenlaub 45,— RM; 1. Klasse 46,— RM, mit Eichenlaub 60,— RM, Stern 32,— RM, mit Eichenlaub 40,— RM; 2. Klasse 40,— RM, mit Eichenlaub 45,— RM, Stern 40,— RM, mit Eichenlaub 43,— RM; 3. Klasse 30,— RM, mit Schleife 32,— RM. 472 Vgl. ebd., S. 242. 473 Vgl. ebd., S. 247. 474 Vgl. ebd., S. 243 475 Vgl. ebd. 476 Ebd., S. 249. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 104 3. Kronenorden: 1. Klasse 75,— RM, Stern 50,— RM, ohne die Zahl 50 40,— RM; 2. Klasse 60,— RM, Stern 40,— RM; 3. Klasse 35,— RM, 4. Klasse 12,— RM. 4. Hausorden von Hohenzollern: Stern der Großkomture 55,— RM, Kreuz der Komture 90,— RM, Stern der Komture 50,— RM, Kreuz der Ritter 60,— RM, Adler der Ritter 43,— RM. 5. Johanniterorden: Ehrenritterkreuz 45,— RM.“477 Die Preise hinter den Auszeichnungen beziehen sich auf den staatlichen Verkaufspreis, falls die Angehörigen der verstorbenen Inhaber den Orden als Erinnerung kaufen wollten. Erst am 01. Mai 1935 wurde die Abwicklungsstelle aufgelöst und die weitere Einziehung von Orden und Ehrenzeichen oblag von nun an in Preußen den Bürgermeistern, Landräten und Polizei-Direktionen, wobei der Polizeipräsident Berlin für die Überwachung der Durchführung verantwortlich war.478 Für die Beamten, die auf Regionalebene mit der Einziehung beauftragt waren, gab es genaue Durchführungsbestimmungen, die wesentlich umfangreicher waren als zur Zeit der Monarchie: „Die Landräte, usw. erhalten von der Abwickelungsstelle Karten über diejenigen Ordensinhaber, die zur Zeit der Verleihung in ihrem Bezirk wohnhaft waren. Nach Eingang dieser Karten haben sie zu prüfen, ob die Ordensinhaber in ihrem Bezirk noch ansässig sind. Stellen sie fest, dass ein Ordensinhaber verstorben ist, so haben sie die Einziehung der Orden sofort zu betreiben. Wird festgestellt, dass ein Ordensinhaber verzogen ist, so ist auf der Rückseite der Karte der Vermerk „verzogen nach ……“ auszufüllen und die Karte an die nunmehr zuständige Dienststelle weiterzusenden. Diese setzt die Ermittelungen fort. Die Dienststelle, die festgestellt hat, dass der Ordensinhaber in ihrem Bezirk seinen neuen Wohnsitz hat, meldet dies dem Polizeipräsidenten in Berlin.“479 Bei den Ehrenzeichen wurde die Praxis der Rückgabe sehr unterschiedlich gehandhabt und individuell festgelegt. Erinnerungszeichen, Kriegsdenkmünzen und Auszeichnungen für Verdienste oder Tapferkeit im Kriege waren in den allermeisten deutschen Staaten nicht rückgabepflichtig, Ehrenzeichen, die für Verdienste in Friedenszeichen verliehen wurden, dagegen oftmals schon.480 Je kleiner das Fürstentum war, desto weniger durften die Hinterbliebenen auf die Kulanz hoffen, ein Ehrenzeichen als Erinnerungsstück behalten zu dürfen. Der Grund hierfür dürfte in den bescheidenen finanziellen Mitteln der kleinen Länder für die Beschaffung von Auszeichnungen liegen. Im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz, dessen Regent Friedrich Wilhelm zur äußersten Sparsamkeit neigte481, waren selbst die Militärdienstkreu- 477 Ebd., S. 250. 478 Vgl. ebd. 479 Ebd., S. 249. 480 Auf folgender Internetseite (Ordensjournal Ausgabe 20, herausgegeben von Uwe Brückner aus dem Jahr 2010) findet sich eine Aufstellung aller Ehrenzeichen der deutschen Staaten bis 1918, die rückgabepflichtig waren oder nach dem Tod des Beliehenen bei den Angehörigen verbleiben konnten: http://ordensmuseum.de/Ordensjournal/Ordensjournal20Sep10Infl.pdf. (Stand 15.11.2015). 481 http://wafr.lbmv.de/ (Stand 15.11.2015). 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 105 ze für Offiziere und Unteroffiziere sowie die niedrigste Verdienstmedaille in Bronze (gestiftet 1904) rückgabepflichtig.482 Im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt waren sämtliche Dekorationen nach dem Tode des Beliehenen zurückzugeben, während im Fürstentum Waldeck-Pyrmont die goldene und silberne Verdienstmedaille nur auf besonderen Antrag hin bei den Hinterbliebenen verbleiben durfte.483 Mit dem Zusammenbruch staatlicher Strukturen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fand die Einziehung von Orden und Ehrenzeichen in Preußen bzw. Deutschland ein Ende. Auch die Bundesrepublik Deutschland führte diese Praxis nicht weiter fort, sowohl was die Orden und Ehrenzeichen der Monarchie betraf als auch die Neustiftung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Lediglich der halboffizielle heute noch verliehene Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste, dessen Protektor der Bundespräsident ist, ist nach wie vor rückgabepflichtig, nämlich an die den Orden betreuende Abteilung des Bundesministerium des Innern.484 So, wie es dem Träger einer Auszeichnung frei steht, seine Auszeichnung zurückzugeben, eine Handlung, die in den meisten Fällen die Unzufriedenheit des Trägers mit dem Verleihenden bzw. dessen Politik zum Ausdruck bringen soll, steht es dem Verleihenden zu, eine Auszeichnung einzuziehen oder abzuerkennen. Erstaunlicherweise spielen dabei in den wenigsten Fällen Trageverbote vor dem Hintergrund nationaler Rivalitäten eine Rolle, wie man es beispielsweise bei Kriegsgegnern erwarten würde. So gab es auf deutscher Seite während des Ersten Weltkriegs keine gesetzlichen Bestimmungen, die das Tragen sogenannter „Feindauszeichnungen“ untersagte. Auch nach den Befreiungskriegen gab es keine Verbote für das Tragen der von Napoleon verliehenen Orden und Ehrenzeichen, insbesondere dem Orden der Ehrenlegion, obwohl er auch zahlreichen Politikern, Künstlern und Gelehrten verliehen wurde, wie etwa Johann Wolfgang von Goethe oder Christoph Martin Wieland. Es existiert lediglich eine Kabinettsorder aus dem Jahre 1815, die sich mit einem konkreten, generellen Trageverbot der Orden und Ehrenzeichen eines Landes beschäftigt, nämlich denen des Königreichs Westphalen. In der „Bekanntmachung betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westphälischer Orden und Ehrenzeichen.“ heißt es dazu: „Seine Majestät der König haben, mittelst Allerhöchster Kabinetsordre vom 26sten Februar d. J., festzusetzen geruhet, daß keinem Höchst Ihrer Unterthanen gestattet werden soll, die von der ehemaligen Westphälischen Regierung erhaltenen Orden und Ehrenzeichen zu tragen, weshalb insbesondere auch den in diesseitigen Diensten stehenden Soldaten das Tragen der Westphälischen Verdienst-Medaille untersagt ist.“485 Das Tragen der Auszeichnungen des Königreichs Westphalen zu verbieten, war zweifelsohne eine Maßnahme, um dessen Symbolik und somit auch sein Andenken aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verbannen. Der Umstand, dass Armeen und Kon- 482 Vgl. Ohm-Hieronymussen, Peter: Die Mecklenburg-Strelitzer Orden und Ehrenzeichen. Kopenhagen 2000. S. 84/132. 483 Vgl. http://ordensmuseum.de/Ordensjournal/Ordensjournal20Sep10Infl.pdf. S. 9. (Stand: 15.11.2015). 484 Herfurth: Handbuch der Phaleristik., S. 217. 485 Hardenberg, Fürst von: Bekanntmachung betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westphälischer Orden und Ehrenzeichen. Berlin 1815. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 106 tingente an der Seite Napoleons kämpften, bedingte nicht automatisch die Verachtung der späteren Sieger. Immerhin verlieh der preußische König zahlreiche Tapferkeitsauszeichnung an die preußischen Hilfskontingente, die für den Russlandfeldzug 1812 abgestellt werden mussten und andere Länder wiederum bezogen diesen Personenkreis in die gestifteten Kriegsdenkmünzen und Erinnerungszeichen mit ein. Doch das Königreich Westphalen, das sich bei seiner Gründung große Teile Preußens einverleibte, war mit dem Bruder Napoleons, Jérome Bonaparte, zum Sinnbild des verhassten Vasallenstaates geworden. Dies spiegelte sich auch im zeitgenössischen Auszeichnungswesen in Form von Trageverboten wider. Der Entzug von Auszeichnungen stellt den Gegensatz zur Verleihung dar und basiert auf individuellem Fehlverhalten, das in der Regel zu einer gerichtlichen Verurteilung führt. In diesem Fall ist in den Statuten der meisten Orden und Ehrenzeichen der Entzug der Dekoration geregelt. Dies galt im 19. Jahrhundert beispielsweise für einen Hausorden wie etwa dem Oldenburgischen Haus- und Verdienstorden, bei dem im „Falle einer rechtskräftigen Verurteilung durch ein ordentliches Gericht [...] der Ausschluß des Ordensmitgliedes und die Abnahme der Dekoration.“486 erfolgte. „Das Ehrenkreuz487 konnte bereits wegen unehrenhaften Verhaltens aberkannt werden.“488 Aber auch ein einfaches Ehrenzeichen wie die Kriegervereinsmedaille des Großherzogtums Mecklenburg-Strelitz, welche als „Anerkennung hervorragender Leistungen und Verdienste auf dem Gebiet des Kriegervereinswesens“489 gestiftet und verliehen wurde, wurde durch Bestimmungen vor dem möglichen Fehlverhalten seiner Beliehenen geschützt: „Verletzung der Diensttreue und unehrenhaftes Betragen hatten den Verlust der Medaille zur Folge.“490 Die Formulierungen über die möglichen Gründe des Entzugs einer Auszeichnung wurden bewusst wenig konkretisiert und ließen somit Raum für eine Auslegung „unehrenhaften Verhaltens“. Am Ende hatte ein Ordenskanzler oder Großmeister eines Ordens darüber zu entscheiden. Auch in der Gegenwart sind Kriminalitätsdelikte und die Inhaberschaft des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland nicht miteinander vereinbar, was sich in § 4 des Ordensgesetzes von 1957 widerspiegelt: „Erweist sich ein Beliehener durch sein Verhalten, insbesondere durch Begehen einer entehrenden Straftat, des verliehenen Titels oder der verliehenen Auszeichnung unwürdig oder wird ein solches Verhalten nachträglich bekannt, so kann ihm der Verleihungsbe- 486 Beyreiß: Der Hausorden und die tragbaren Ehrenzeichen des Großherzogtums Oldenburg, S. 19. 487 Beim Ehrenkreuz handelt es sich um eine dem Oldenburgischen Haus- und Verdienstorden angeschlossene Auszeichnung, die in der Rangordnung unter den beiden Ritterkreuzklassen stand. Warum gerade die niedrigere Klasse die strengeren Bestimmungen zur Aberkennung aufwies, nämlich schon „unehrenhaftes Verhalten“ im Gegensatz zum Orden, für den eine rechtskräftige Verurteilung notwendig war, bleibt unklar. 488 Beyreiß: Der Hausorden und die tragbaren Ehrenzeichen des Großherzogtums Oldenburg, S. 19. 489 Ohm-Hieronymussen: Die Mecklenburg-Strelitzer Orden und Ehrenzeichen, S. 162. 490 Ebd. 4. Ehrensold, unerlaubtes Tragen und Entzug. Kategorien der Aufwertung und des Entzugs von Ehre. 107 rechtigte den Titel oder die Auszeichnung entziehen und die Einziehung der Verleihungsurkunde anordnen.“491 Fahrlässigkeit und einfache Vergehen werden Eckart Henning zufolge heutzutage kaum noch gewürdigt, um einen Orden einzuziehen, vielmehr kommen „Steuerhinterziehung in größerem Umfange, Verfehlungen gegenüber Schutzbefohlenen, Veruntreuung in ehrenamtlicher Tätigkeit oder Beratungsverfehlungen.“492 in Betracht. Der Fußball-Manager Uli Hoeneß ist ein prominentes Beispiel. In seiner Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe wegen Steuerhinterziehung sah die bayerische Staatskanzlei einen Widerspruch zur Inhaberschaft des ihm verliehenen bayerischen Verdienstordens, weshalb ihm die Rückgabe nahegelegt wurde: „Das sei so Brauch, wenn man zu einer Strafe ohne Bewährung verurteilt wurde, habe die Regierungszentrale von CSU- Chef Horst Seehofer an Hoeneß ausrichten lassen.“493 Dieses Verfahren des „Nahelegens“ sei bei Staatskanzleien üblich, um die offizielle Aberkennung einer Auszeichnung durch den Bundespräsidenten oder Ministerpräsidenten zu vermeiden. Ähnliche Fälle wurden bei Peter Hartz und Klaus Zumwinkel praktiziert, die jeweils durch ein deutsches Gericht rechtskräftig verurteilt wurden und den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland zurückgaben.494 Lediglich in einem Fall musste ein Verdienstorden tatsächlich förmlich entzogen werden. Dem deutschen Literaturwissenschaftler Hans Ernst Schneider, der unter dem falschen Namen Hans Schwerte akademische Karriere machte und bei dem sich erst nachträglich dessen einschlägige Rolle während des Nationalsozialismus herausstellte, wurde sein Bundesverdienstkreuz offiziell aberkannt.495 Der Zweck einer Aberkennung oder Rückforderung des Ordens ist sowohl der Schutz der übrigen Trägerschaft, die über die gemeinsame Auszeichnung nicht in Verbindung mit dem Delinquenten gebracht werden soll, als auch die öffentliche Bloßstellung des Betroffenen durch den Verleihungsberechtigten. Eine automatische Aberkennung aller Orden und Ehrenzeichen im Zuge des Verlustes bürgerlicher Ehrenrechte (praktiziert nach § 32 und 33 StGB) findet seit der großen Justizreform von 1969 nicht mehr statt. 491 http://www.germantik.de/militarialexikon_html/57er/ordensgesetz/das_deutsche_ordensgesetz_vo m_.html (Stand: 19.11.2015). 492 Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 216. 493 http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-12/uli-hoeness-verdienstorden (Stand: 23.11.2015). 494 http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-18445/bundesverdienstorden-verweigern-zurueckgeb en-entziehen_aid_514088.html (Stand: 23.11.2015). 495 Vgl. ebd. III. Ehre als tragbares Zeichen – ein Phänomen des 19. Jahrhunderts 108 Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. IV. 109 „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover als Spiegel der Gesellschaft Der Aufbau eines eigenständigen Auszeichnungssystems in Hannover begann mit dessen Ausrufung zum Königreich auf dem Wiener Kongress im Jahre 1814. Dieses ging aus dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg hervor, dessen Regenten seit 1701 in Personalunion als Könige auch das Königreich Großbritannien und Irland regierten. Bis 1815 kamen daher für die hannoverschen Untertanen und Angehörigen des Königshauses ausschließlich britische Orden und Ehrenzeichen zur Verleihung. Die Könige von Großbritannien und Irland nutzten ihre zumeist seltenen Besuche im Kurfürstentum dazu, die welfischen Prinzen in den englischen Hosenbandorden aufzunehmen. So schlug König Georg I. 1716 seinen Bruder Ernst-August II., Bischof von Osnabrück, und seinen Enkel Friedrich Ludwig bei seinem ersten Besuch in Hannover zu Rittern des Hosenbandordens.496 Weitere Aufnahmen in diesen oder andere britische Orden folgten bei den Besuchen von Georg II. und Georg III., vornehmlich an Angehörige der königlich-kurfürstlichen Familie, höchstens aber an politische und militärische Würdenträger.497 Britische Ehrenzeichen kamen hauptsächlich an hannoversche Soldaten, die seit Ende des 18. Jahrhunderts für englische Kolonialkriege angeworben wurden, in nennenswertem Umfang zur Verleihung. So hatten 1775 fünf hannoversche Bataillone britische Truppen auf Gibraltar und Menorca abgelöst, die wiederum in den Kriegen in Nordamerika benötigt wurden und 1781 kamen zwei weitere Regimenter in der ostindischen Kompanie zum Einsatz.498 Bei den hier verliehenen Ehrenzeichen handelte es sich um die Defense of Gibraltar Medal, die 1311 Mal zur Ausgabe gelangte und ein Ärmelband mit der Aufschrift GIBRAL- TAR.499 Die genannte Denkmünze war „schön und sehr fein ausgearbeitet, sie wurde nicht an einem Bande getragen, indessen sollten zu jener Zeit manche Veteranen mit der Medaille die Brust geschmückt haben, was man gern gewähren ließ.“500 Die Anmerkung, dass sich Veteranen die Medaillen teilweise auf eigene Kosten henkeln ließen und an einem selbstbestimmten Band trugen, zeigt, dass sie großen Wert darauf legten auch als Veteranen erkannt zu werden. Nichttragbare Ehrenzeichen konnten diesem Bedürfnis nicht entsprechen und eigneten sich daher nur bedingt als Erinnerungszeichen. Die Stiftung der Medaille fällt mit 1783 jedoch in eine Zeit, in der die Stiftung tragbarer Ehrenzeichen in deutschen Fürstentümern generell nicht üblich war. Spätestens seit den Befreiungskriegen kamen jedoch ausschließlich tragbare Kriegsdenkmünzen zur Verleihung. Nach der Besetzung Hannovers durch die Truppen Napoleons traten viele weitere Soldaten in britische Dienste über und kamen in einem eigens für die deutschen Soldaten geschaffenen englischen Verband, der King’s German Legion (KGL), die von 1. 496 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Vorwort. 497 Vgl. ebd. 498 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 22. 499 Vgl. Poten, von: Die Althannoverschen Überlieferungen des Infanterie-Regiments von Voigts-Rhetz (3.Hannoverschen) Nr. 79. Berlin 1903. S. 37. 500 Ebd., S. 40. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 110 1803 bis 1816 bestand, zum Einsatz. Im Laufe ihres 13jährigen Bestehens gehörten der King’s German Legion 30.000 Soldaten an und sie kämpfte in über 70 Schlachten, 144 kleineren Gefechten und Scharmützeln und nahm an 20 Belagerungen und Blockaden teil.501 So stand der Verband auf Rügen, bei Stralsund, bei Kopenhagen, bei Gothenburg, auf Walchern, in Italien, in Portugal, in Spanien, im südlichen Frankreich, in Norddeutschland und auch in der Schlacht von Waterloo.502 Für diese Kampagnen kamen einige britische Ehrenzeichen für die vorrangig hannoverschen Soldaten der KGL zur Verleihung. So etwa die Military General Service Medal, gestiftet am 01. Juni 1847 durch Königin Victoria von England für die Teilnahme an verschiedenen militärischen Konflikten und rückwirkend verliehen oder auch die Eisenguss-Medaille auf den Einzug Wellingtons in Madrid 1812.503 Da die King’s German Legion in britischen Diensten stand, erhielten ihre deutschen Angehörigen auch die britische Waterloo-Medaille, die am 10. März 1816 von Prinz-Regent Georg gestiftet wurde und die in ihrer äußeren Form und den Verleihungsbestimmungen Vorbild für die ein Jahr später gestiftete Waterloo-Medaille des Königreichs Hannover war.504 Die während der napoleonischen Herrschaft ebenfalls an hannoversche Untertanen verliehenen Auszeichnungen des Königreichs Westphalen, in das das südliche Territorium Hannovers eingegliedert wurde, durften dagegen nicht getragen werden. Den Untertanen wurde dabei bereits 1813 bekannt gegeben: „[...] die unter der usurpierten Gewalt erteilten Orden sind aufgehoben."505 Dies betraf in erster Linie den von Gerome Bonaparte gestifteten Orden der Westphälischen Krone sowie die Goldene und Silberne Ehrenmedaille als militärisches Ehrenzeichen. Damit kam man in Hannover ähnlichen preußischen Bestimmungen zwei Jahre zuvor.506 Im Jahre 1815 etablierte Prinzregent Georg schließlich per Dekret ein eigenständiges Auszeichnungssystem für das Königreich Hannover. Es bestand zunächst aus dem Guelphen-Orden als Verdienstorden einschließlich der gleichnamigen Guelphen- Ordens-Medaille als militärische Tapferkeitsauszeichnung für Unteroffiziere und Mannschaften sowie der Goldenen und Silbernen Verdienstmedaille als vorrangig zivile Ehrenzeichen. Auf Grundlage dieser Klassifikation sollte sich das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover in den folgenden Jahrzehnten nach politischen, militärischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Erfordernissen weiter ausdifferenzieren. Besondere Anlässe für die Verleihung dieser ersten Orden und Ehrenzeichen waren der Besuch Georgs IV. in Hannover im Jahre 1821 oder auch die 501 Vgl. Finkam, August: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen. Hamburg 1974 (Nachdruck aus dem Jahre 1901). S. 14. 502 Vgl. ebd. 503 Vgl. ebd., S. 21f. 504 Vgl. ebd., S. 14. 505 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Vorwort. 506 Die von Fürst von Hardenberg für den Geltungsbereich des Königreichs Preußen herausgegebene „Bekanntmachung betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westphälischer Orden und Ehrenzeichen.“ wurde erst 1815 veröffentlicht. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 111 Einweihung der Waterloo-Säule 1832 ebenso wie die unzähligen Militär- und Regimentsjubiläen.507 Die Stiftung des bis 1865 einzigen Verdienstordens Hannovers, dem Guelphen- Orden, fiel in eine Zeit umfangreicher politischer Neuordnung und Reformen. Die militärischen Siege der Jahre 1813-15 sowie die Erhebung zum Königreich boten Anlass, neu gewonnenes Selbstbewusstsein und Machtanspruch nach außen hin durch die Stiftung eines Verdienstordens zu präsentieren. Auch politische Reformen und gesellschaftlicher Wandel fanden in der Verleihungspraxis des Ordens ihren Ausdruck. Zwar gab es, bedingt durch die militärischen Siege gegen Napoleon und die rasch einsetzende Mystifizierung des Sieges bei Waterloo, ab 1815 Bestrebungen, den Einfluss des Militärs im Lande zu verstärken, unter anderem was das Mitspracherecht auf die Regierungsgeschäfte und die Truppenzahl angeht, jedoch konnte sich General Friedrich von der Decken mit diesem Ansinnen nicht gegen die Ständeversammlung und den einflussreichen Kabinettsminister Graf zu Münster durchsetzen.508 Andererseits wurden zunächst im Militär Vorstellungen ständischer Ordnung und der Zuteilung von Bildungs- und Karrierechancen überholt. So beschrieb es Heinrich Heine 1826 in seinen Reisebildern: „Was aber die allgemeinen deutschen Klagen über hannövrischen Adelsstolz betrifft, so kann ich nicht unbedingt einstimmen. Das hannövrische Offizierkorps gibt am wenigsten Anlaß zu solchen Klagen. Freilich, wie in Madagaskar nur Adlige das Recht haben, Metzger zu werden, so hatten früherhin der hannövrische Adel ein analoges Vorrecht, da nur Adlige zum Offizierrang gelangen konnten. Seitdem sich aber in der deutschen Legion so viele Bürgerliche ausgezeichnet, und zu allen Offizierstellen emporgeschwungen, hat auch jenes üble Gewohnheitsrecht nachgelassen. Ja, das ganze Korps der deutschen Legion hat viel beigetragen zur Milderung alter Vorurteile, diese Leute sind weit herum in der Welt gewesen, und in der Welt sieht man viel, besonders in England, und sie haben viel gelernt, und es ist eine Freude ihnen zuzuhören, wenn sie von Portugal, Spanien, Sizilien, den jonischen Inseln, Irland und anderen weiten Ländern sprechen, wo sie gefochten und ‘Vieler Menschen Städte gesehen und Sitten gelernet‘, so daß man glaubt, eine Odyssee zu hören, die leider keinen Homer finden wird. [...]509 Verdienste sollten unabhängig von der Herkunft eines Bürgers belohnt werden, so wie es beim Aufstieg in die Laufbahn der Offiziere, zunächst nur in der King’s German Legion, bereits gehandhabt und nach deren Auflösung auch für die reguläre Armee praktiziert wurde. Der Guelphen-Orden sollte diesem Prinzip folgen und stand dadurch ausgerechnet in der Tradition des französischen Ordens der Ehrenlegion, der ausschließlich für Verdienste verliehen wurde und nicht in erster Linie den Zweck hatte, politisch-soziale Korporationen aufzubauen und zu erhalten. Gänzlich unterschiedslos wurde der Guelphen-Orden jedoch nicht verliehen, so heißt es in Absatz 9 der Allgemeinen Bekanntmachung der geschehenen Errichtung des Königlich-Hannoverschen Guelphen-Ordens aus dem Jahre 1815: 507 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Zur Geschichte des Königreiches Hannover und seiner Orden. 508 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 39. 509 Heine, Heinrich: Reisebilder. Frankfurt am Main 1997. S. 123-124. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 112 „Das Commandeur-Kreuz erhält im Civil der Regel nach niemand, der nicht General-Majors Rang hat. Das Ritter-Kreuz ist an keinen Rang gebunden, giebt aber gleichfalls dem Ritter den oben beygelegten Vorgang in seiner Classe und den Zutritt bey Hofe.“510 Auch das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens wurde in der Praxis nicht unterschiedslos nach Rang verliehen. Soldaten aus dem Stande der Mannschaften und Unteroffiziere kamen zu keinem Zeitpunkt für die Verleihung des Guelphen-Ordens in Betracht, weder für das Ritterkreuz noch für die seit 1842 bestehende 4. Klasse (vorher „silbernes Kreuz“), die unterhalb des Ritterkreuzes rangierte.511 Für sie kam stattdessen die Guelphen-Ordens-Medaille in Frage, die verliehen wurde „[...] für solche Unteroffiziere und Soldaten, welche sich durch Tapferkeit und Klugheit vor dem Feinde ausgezeichnet haben [...]512. Die Medaille rangierte außerhalb der Klassifikation des Guelphen- Ordens und war ihm stattdessen angegliedert. Offiziere konnten für Tapferkeit im Kriege mit einer Klasse des Guelphen-Ordens ausgezeichnet werden. Für sie gab es dann zur äußerlichen Unterscheidung die sogenannte Kriegsdekoration, die „bey Stern und Kreuz, statt des Eichenkranzes einen Lorbeerkranz, und unter der Krone über dem Kreuze zwey Schwerdter“513 zeigte. Entgegen dieser Statuten, wonach die Kriegsdekoration „niemand blos wegen hoher Geburt, langjähriger Dienste, vor dem Feinde erhaltener Blessuren, noch vielweniger aus bloßer Gnade und auf das Vorwort anderer“514 erhalten sollte, wurde diese Form der Dekoration über die langen Friedensjahre seit 1815 hinweg grundsätzlich an Militärs ausgegeben. Durch die Symbolik der Schwerter wurde die Dekoration damit zum äußeren Zeichen des militärischen Standes schlechthin, auch in Friedenszeiten. 1856 wollte man sich schließlich wieder an den Ordensstatuten orientieren und den Offizieren die Kriegsdekoration ausschließlich für besondere Tapferkeit vor dem Feinde verleihen. Dieses Vorhaben wurde „aus Befürchtungen, das Militär könne über die Entziehung des Zeichens ihres Standes verärgert sein“515 nicht ausgeführt. Der Verzicht auf die genaue Einhaltung der Ordensstatuten zugunsten einer Gewohnheit, die sich bei der Verleihung des Guelphen-Ordens an Militärs im Laufe der Jahre ergeben hatte, ist ein erstaunlicher Umstand. Er zeugt von vom großen Bedürfnis des Offizierstandes nach Unterscheidung und Hervorhebung gegenüber den zivilen Trägern dieses Verdienstordens. Immerhin wurde seitens der Behörden auf dieses Selbstverständnis eingegangen, um so kein Gefühl der Verärgerung innerhalb des Offizierkorps zu erzeugen. Stattdessen wurde eine weitere Form der äußerlichen Unterscheidung geschaffen, nämlich die Schleife zum Ritterkreuz des Guelphen-Ordens.516 Der König behielt sich vor, diese Schleife „denjenigen Personen, welchen Wir hinfüro als Anerkennung und Belohnung ganz besonderer und außergewöhnlicher Verdienste“517 zu verleihen. Ergän- 510 Thies/Hape: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Kapitel 3. 511 Vgl. ebd. 512 Ebd. 513 Ebd., Kapitel 3.15. 514 Ebd., Kapitel 3.18. 515 Ebd., Kapitel 3. Nachtrag 3. 516 Ebd., Kapitel 3. Nachtrag 2. 517 Ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 113 zend wurde 1857 durch den König festgelegt, dass ein Träger der Schleife, die übrigens am Band befestigt wurde, auch bei Verleihung einer höheren Klasse des Guelphen-Ordens die Schleife weiterhin anlegen durfte.518 Wie oft diese Schleife verliehen wurde, ist nicht belegt. Thies und Hapke bezeichnen Verleihungen dieser Form als extrem selten, sodass Verleihungszahlen hier nicht ermittelt werden konnten.519 Auch bei Zivilisten, die keine Staatsbediensteten waren, wurde bei der Vergabe von Auszeichnungen eine Rangabfolge entsprechend des Militärs und der Beamten konstruiert, auch wenn sich diese Einteilung nicht so offensichtlich gestalten ließ. So kam etwa an den preußischen Industriellen und Erfinder Alfred Krupp im Jahre 1857 wegen der Anerkennung seiner gewerblichen Leistungen im Allgemeinen und der im Jahre 1855 erfolgten Einführung eines 12-Pfund Kanonenrohres aus Gussstahl für die hannoversche Artillerie die vierte Klasse des Guelphen-Ordens zur Verleihung.520 Ein Gutsbesitzer aus Hamburg kam für den Guelphen-Orden ebenfalls in Betracht, weil er im Feldzug 1849 des Deutschen Bundes gegen Dänemark einen hannoverschen Rittmeister und Brigade-Adjutanten bei sich aufnahm und gesundpflegte, als dieser heftig an Gallenfieber erkrankt war.521 Ein russischer Maître d’hôtel aus St. Petersburg erhielt dagegen im Jahre 1859 lediglich die Goldene Verdienstmedaille522, die zwar das hochrangigste Ehrenzeichen war, im Auszeichnungssystem jedoch unterhalb des Guelphen-Ordens stand. Industrielle und Gutsbesitzer waren also der Verleihung eines Ordens würdig, während ein Restaurantbesitzer „nur“ ein Ehrenzeichen erhielt. Zweifelsohne muss der Maître d’hôtel aus St. Petersburg Gastgeber für diplomatisches Personal gewesen sein und sich hierbei beachtliche Verdienste erworben haben, um diese hohe Auszeichnung aus dem fernen Königreich Hannover zu erhalten. Im Zuge der Stiftung des Guelphen-Ordens wurde eine goldene und silberne Verdienstmedaille geschaffen, „um jegliches Verdienst öffentlich anzuerkennen und zu belohnen“523. Dabei richtete sich dieses Ehrenzeichen, das im Laufe seiner Existenz vier Mal erneuert oder äußerlich verändert wurde, an eine Empfängergruppe, die für eine Verleihung des Guelphen-Ordens nicht oder zunächst nicht in Frage kam. Bis 1841 war die silberne Verdienstmedaille die niedrigste Verdienstauszeichnung des Königreichs, wobei die Verleihung der goldenen Verdienstmedaille „nur für ganz ausgezeichnete Verdienste“524 erfolgte und auch bereits den Besitz der silbernen Medaille voraussetzen sollte. Die Voraussetzungen für eine Verleihung der Verdienstmedaille waren in den Bestimmungen ganz bewusst wenig konkretisiert, sodass letztlich immer eine Einzelfallentscheidung getroffen werden musste, welches der zahlreichen, täglich erbrachten Verdienste in der Bevölkerung und im Staatswesen belohnt werden konnte, ohne dabei das Ehrenzeichen durch eine zu häufige Vergabe zu entwerten. Es konnten langjährige treue Dienste von Beamten in Amtsvogteien oder einer Land- 518 Vgl. ebd., Nachtrag 4. 519 Vgl. ebd., Unterpunkt „Verleihungen mit der Schleife“ im Kapitel 3. 520 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 121. S. 33. 521 Ebd., S. 43. 522 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996. S. 32. 523 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 12 und 13.. 524 Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Großdeutschen Reiches, S. 143. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 114 drostei mit einer Verdienstmedaille ebenso belohnt werden wie tapfere Handlungen von Soldaten, Verdienste im Sinne der christlichen Mildtätigkeit oder die Pflege öffentlicher Gärten. Bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurden auch noch Taten aus der Zeit der napoleonischen Besatzung und den Befreiungskriegen geehrt, die teilweise erst Jahre später behördlich wahrgenommen wurden. So erhielt im Jahre 1822 der Assistenzwundarzt Dr. Dittmer aus Hannover die goldene Verdienstmedaille, weil er im Jahre 1813 französische Soldaten daran hinderte „das ansehnliche Observatorium des berühmten Astronomen Schröter“525 zu plündern. Interessanterweise ließ sich der Arzt seine Tat durch die Behörden bescheinigen und legte sie dem Staatsminister Graf von Münster vor, zweifellos um eine öffentliche Auszeichnung anzuregen, was ihm schließlich auch gelang.526 Ein Bürger namens Rengstorff erhielt die Medaille „wegen seines braven und patriotischen Betragens, während der französischen Occupation“527; dem Buchhändler Wahlstab aus Lüneburg wurde die goldene Verdienstmedaille wegen des „bei Einnahme dieser Stadt und sonst im J. 1813 bewiesenen Patriotismus und seiner nützlichen Dienste“528, verliehen. Der König529 selbst bemerkte bei der Verleihung dieser Medaille im Jahre 1817: „Gewiß ist noch manches andere Verdienst nicht zur öffentlichen Kunde gekommen.“530 Im Laufe der Jahrzehnte hatte die Verdienstmedaille eine Funktion inne, die über die Auszeichnung des allgemeinen, unspezifischen Verdienstes hinausging. Sie wurde zunehmend auch dann verliehen, wenn durch eine Lücke im Auszeichnungssystem kein anderes Ehrenzeichen in Frage kam. So gab es mit dem Ernst-August Kreuz eine Auszeichnung für das 50jährige Dienstjubiläum der Offiziere, ein entsprechendes Ehrenzeichen für Mannschaften und Unteroffiziere fehlte jedoch. Daher schlug im Jahre 1860 der Kommandant der Garnison Lüneburg den als Hospital-Unteroffizier fungierenden Sergeanten 1.Klasse Friedrich Koch I. aus dem 5.Infanterie-Regiment „in Anlaß der am 6. Juni d. J. eintretenden Erfüllung von 50 Dienstjahren betreffend [...]“531 für eine goldene Verdienstmedaille an die General-Adjutantur vor. Verleihungen aus gleichem Anlass erfolgten beispielsweise auch an den Musiker Blume aus dem 2. Infanterie-Regiment oder den Stabssattler Abicht.532 Die Medaille kam ebenfalls im Rahmen militärischer Unternehmungen zur Verleihung. Im Jahre 1848 beteiligte sich König Ernst August, der gesamtdeutschen Fragen und Interessen gegenüber eher wenig aufgeschlossen war, auf Drängen Preußens mit einer Observationsdivision im Rahmen des Bundeskontingents am Krieg gegen Dänemark. Hier waren die hannoverschen Verbände bei der Besetzung Schleswigs in einige kleine Gefechte verwi- 525 Horn, Johann von: Der Guelfenorden des Königreiches Hannover nach seiner Verfassung und Geschichte dargestellt; nebst einem biographischen Verzeichnisse der einheimischen und auswärtigen Mitglieder dieses Ordens. Leipzig 1823. S. 196f. 526 Vgl. ebd., S. 197. 527 Ebd., S. 191. 528 Ebd., S. 553. 529 Unklar ist hier, ob der Autor tatsächlich König Georg III. meint oder vielmehr Prinzregent Georg IV., der seit 1811 für seinen erkrankten Vater die Regierungsgeschäfte ausgeübt hatte. 530 Horn: Der Guelfenorden, S. 553. 531 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1506. 532 Ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 115 ckelt.533 Eine Kriegsdenkmünze wurde für die beteiligten Truppen nicht gestiftet und auch eine Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille scheint eher zweifelhaft.534 So kam auch in den Fällen erwiesener militärischer Tapferkeit die Verdienstmedaille zur Verleihung. Der Stabsfourier Hamisch erhielt die Verdienstmedaille im Krieg 1848: „Am 5ten Juni führte Hamisch einige Zeit, als nämlich Officiere der Compagnie verwundet waren, das Commando der Compagnie bei dem Angriffe auf das Dorf Nübel [...]“535 Ein Capitain von Plato, wahrscheinlich ein Vorgesetzter des Stabsfouriers, bescheinigte diesem in einem Schreiben an den General Wyneken, Kommandeur der 2. Infanterie-Division, „sich durch Zuverlässigkeit, guten Einfluß auf die Unterofficiere“536 bei der Erstürmung Nübels ausgezeichnet zu haben. In einem anderen Fall schlugen zwei ehemalige Soldaten sich selbst für eine Auszeichnung ihrer geleisteten Dienste im Krieg gegen Dänemark von 1848 vor: „In einem Königlicher General-Adjudantur unterm 5. Octbr. v. J. mitgetheilten Gesuche der vormaligen Husaren Heinrich Wintel und Conrad Meyer I. vom Regiment Königin-Husaren hatten die Bittsteller unter Bezeugungen auf einen im Feldzuge 1848 bei Broacker ausgeführte kühne That den Wunsch geäußert, daß ihnen für jene That eine Medaille zu Theil werden möge.“537 Daraufhin entschied der König, dass beiden Soldaten das Allgemeine Ehrenzeichen zu verleihen sei. Die General-Ordens-Kommission teilte mit, dass dem Wintel aus Sorsum bereits 1860 das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen worden war. Stattdessen wurde einem ebenfalls ehemaligen Husaren Windel aus Sorsum fälschlicherweise das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen. Daraus ergaben sich für die Ordens-Kommission zwei Herausforderungen, nämlich welches Ehrenzeichen dem Wintel zu verleihen sei, wenn er bereits Träger des Allgemeinen Ehrenzeichens war und wie man mit der fälschlicherweise verliehenen Medaille an den ehemaligen Husaren Windel umging, denn immerhin wurde diesem eine Ehre zuteil, für die ihm die entsprechende Voraussetzung, also das anzuerkennende Verdienst fehlte. Aus den Vorgängen geht nicht hervor, dass letzterem das Allgemeine Ehrenzeichen aberkannt wurde. Vermutlich wollte man den Veteranen nicht für einen Fehler der Behörde bestrafen, denn die Aberkennung einer Auszeichnung käme einer Bestrafung bzw. Entehrung durchaus gleich. Dem König von Hannover wurde der Vorgang schließlich vorgetragen, sodass dieser entschied, dem Johann Heinrich Friedrich Wintel die silberne Verdienstmedaille für seine erbrachte Tat im Krieg von 1848 zu verleihen.538 Eine weitere Lücke im Auszeichnungswesen ergab sich bei der wiederholten Rettung von Menschenleben durch ein und dieselbe Person. Zwar stiftete König Ernst August am 8. August 1845 die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr für alle Per- 533 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 72. 534 Finkam und Hessenthal und Schreiber gehen davon aus, dass die Guelphen-Ordens-Medaille auch für militärische Verdienste nach 1815 zur Verleihung kam, Hapke und Thies bezweifeln dies jedoch. Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.10.2. 535 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1506. 536 Ebd. 537 Ebd. 538 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 116 sonen, „welche durch ein entschlossenes und mutvolles Benehmen, ohne Berücksichtigung der ihnen selbst drohenden Gefahr, das Leben oder das Eigentum anderer gerettet oder durch außerordentliche Anstrengungen zu solcher Rettung beigetragen haben.“539 Jedoch gab es in den seltenen Fällen, in denen eine Person mehrmals zum Lebensretter wurde, keine Erweiterung dieses Ehrenzeichens und eine Doppelverleihung der Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr wurde nicht praktiziert. Stattdessen kam zur Belohnung einer wiederholten Rettung von Menschenleben die Verdienstmedaille in Betracht, so geschehen im Fall des Pioniers Stardeur. Der Kommandeur des Königlich-Hannoverschen Ingenieur-Korps schrieb dazu an den General-Adjutanten, Generalleutnant von Tschirschnitz: „Eurer Excellenz habe ich ehrerbietigst zu melden, daß der vor kurzem durch die allerhöchste Gnade Sr. Majestät des Königs mit der Rettungs-Medaille aus Gefahr decorirte Pionier 1.Cl. Stardeur gestern wieder einen Knaben (Sohn des Arbeiters Müller) der auf dem Stadtgraben durch das Eis gebrochen war mit großer eigener Lebensgefahr vom sicheren Tode gerettet hat. Der Knabe ist bereits unter das Eis gerathen gewesen, worauf Stardeur sich ins Waßer gestürzt und das Eis über dem Versunkenen zerschlagen hat. Dann hat er den schon bewußtlos gewordenen Knaben erfaßt und schwimmend ans Ufer getragen.“540 Dieser Fall wurde dem König von Hannover vorgetragen, woraufhin dieser entschied, dem Pionier Stardeur die Verdienstmedaille in Silber zu verleihen.541 Ähnlich wurde es auch beim Maler Joseph Hochecker gehandhabt, der am 19. Oktober 1851 wegen wiederholter Rettungstaten die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr und die goldene Verdienstmedaille gleichzeitig erhielt.542 In anderen deutschen Staaten wurde die wiederholte Lebensrettung ebenfalls durch andere Ehrenzeichen gewürdigt oder es wurden separate Auszeichnungen gestiftet, wie etwa im Großherzogtum Hessen- Darmstadt. Dort existierte seit 1862 eine Silberne Medaille des Ludwigsordens für wiederholte Rettung von Menschenleben543. Im Großherzogtum Oldenburg gab es zur Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr eine Bandspange, die bei wiederholter Rettungstat verliehen werden konnte.544 Als König Wilhelm IV. im Jahre 1837 starb, endete nach fast 123 Jahren die britisch-hannoversche Personalunion, da es in Hannover und Großbritannien unterschiedliche Regelungen zur Thronfolge gab. In Hannover hatten nach einer Änderung im Hausstatut sämtliche Söhne beider Linien des welfischen Hauses in der Erbfolge Vorrang vor den Töchtern, während in Großbritannien erstgeborene Töchter gleichberechtigt waren.545 Dadurch erhielt das Königreich Hannover mit dem 66jäh- 539 Beyreiß, Friedhelm: Rettungsmedaillen deutscher Staaten 1782-1918. Norderstedt 2006. S. 44. 540 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1506. 541 Vgl. ebd. 542 Vgl. Beyreiß: Die Rettungsmedaillen deutscher Staaten, S. 47. 543 Es erfolgte nur eine Verleihung dieser Medaille. Vgl. Beyreiß: Die Rettungsmedaillen deutscher Staaten, S. 51. 544 Auf der Bandspange wurde das Datum der wiederholten Rettung eingraviert. Es erfolgte nur eine Verleihung an den Matrosen Gerhard Behrens aus Brake, der 1895 und 1901 für eine Rettungstat ausgezeichnet wurde. Vgl. Beyreiß: Die Rettungsmedaillen deutscher Staaten, S. 107. 545 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 50. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 117 rigen Ernst August erstmals einen eigenen Regenten, der auch in Hannover Residenz bezog. Ernst August, der ein großes Interesse für das Militär hegte, wurde durch seinen Vater mehrfach, auch während der Befreiungskriege, ein Truppenkommando in der britischen Armee verwehrt. Dieser Umstand, aber auch die Nichtbeachtung seiner Person bei der Ernennung eines Militärgouverneurs für Hannover, sorgte bei Ernst August für große Enttäuschung und Frustration.546 Zudem war er wegen seiner politisch-erzkonservativen Ansichten, die er als Mitglied des britischen Oberhauses vertrat, bei der Opposition und Teilen der Öffentlichkeit unbeliebt.547 Durch die Änderung der Thronfolgeregelung wurde Ernst August unerwartet König von Hannover, verfolgte jedoch von Anfang an eine klare politische Linie, die darauf abzielte, fortschrittliche Änderungen im Staats- und Verfassungswesen wieder rückgängig zu machen. Auch im Auszeichnungswesen hatte Ernst August klare Vorstellungen für einen Ausbau bzw. Änderungen. Bereits vor seiner Regierungszeit versuchte er von Berlin aus auf die Schaffung hannoverscher Ehrenzeichen Einfluss zu nehmen und regte sogar klassenlose Auszeichnungen an, was seinen politischen Auffassungen eher widersprach.548 Dennoch war es schließlich Ernst August, der das Repertoire an Orden und Ehrenzeichen vergrößerte, weiter ausdifferenzierte und nach ständischen Vorstellungen prägte. Zunächst stiftete der König im Jahre 1839 einen Hausorden, nämlich den St.-Georgs-Orden und rundete das Auszeichnungssystem Hannovers nach oben hin ab. Dies war notwendig geworden, als durch den Wegfall der Personalunion mit Großbritannien Hannover über keinen eigenen Hausorden mehr verfügte. Bisher wurde der englische Hosenbandorden als Hausorden auch für den Geltungsbereich des Königreichs Hannover verliehen. In den einklassigen St.-Georgs-Orden sollten nur „Personen adeligen Geschlechts, deren Leben, Wandel und Ruf ohne Tadel ist, und welche, insofern sie zu Unterthanen des Königreichs gehören, in Kriegs- oder anderen Diensten sich um unsere Krone, Land und Leute besonders verdient gemacht und Uns und Unserm Königlichen Hause stets treu sich bewiesen“549 aufgenommen werden. Die Aufnahme in den Orden sollte das soziale Prestige merklich erhöhen, wie es auch in den Statuten des Ordens ausdrücklich hinterlegt war: „Die Ritter des St. Georgs-Ordens haben außerhalb ihres Dienstverhältnisses den Vorgang vor denjenigen desselben Ranges, welche den Orden nicht besitzen.“550 Die Mitglieder wurden des Weiteren seitens der Behörden mit dem Titel „Ritter des St.-Georgs-Ordens“ angesprochen und durften ihr Familienwappen mit den Insignien des Ordens gestalten.551 Die Ritter des hannoverschen Hausordens gehörten zweifelsohne zum privilegiertesten und sozial höchstgestellten Personenkreis des Königreichs mit direkter und bereits langjährig etablierter Verbindung zum Königshaus. 546 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 53. 547 Vgl. ebd. 548 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Vorwort. 549 Ebd., Kapitel 2. 550 Ebd. 551 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 118 Das Repertoire an zivilen Ehrenzeichen wurde unter Ernst August auch nach dem Zweck der Verleihung weiter ausgebaut. So stiftete er zunächst im Jahre 1840 eine nichttragbare Goldene und Silberne Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art, die entgegen der Bezeichnung spezifisch für Verdienste im Bereich der Kunst und Wissenschaft verliehen wurde.552 Sie wurde 1843 durch die Goldene Ehren-Medaille für Kunst und Wissenschaft ersetzt, die einschließlich der Exilverleihungen in 89 Exemplaren verliehen wurde.553 Eine weitere zweckgebundene Auszeichnung war die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr, die 1845 gestiftet wurde und als tragbares Rettungsehrenzeichen dem 1831 geschaffenen sächsischen Vorbild folgte.554 Die Medaille wurde an alle Personen verliehen, „welche durch ein entschlossenes und mutvolles Benehmen, ohne Berücksichtigung der ihnen selbst drohenden Gefahr, das Leben oder das Eigentum anderer gerettet oder durch außerordentliche Anstrengungen zu solcher Rettung beigetragen haben.“555 Die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr war in Hannover, wie in allen anderen deutschen Fürstentümern, eine Auszeichnung mit besonders hohem Ansehen. Selbst die Freien Hansestädte Hamburg und Lübeck, die nach hanseatischer Tradition keine tragbaren Auszeichnungen stifteten, schufen jeweils eine Rettungsmedaille am Band.556 Taten, bei denen durch entschlossenes und mutiges Verhalten einem anderen Menschen das Leben gerettet wurde, animierten den Staat bereits frühzeitig zu öffentlichen Bekanntmachungen und Belobigungen, die jedoch nur einmal ausgesprochen werden konnten. Um das vorbildliche Verhalten der Lebensretter auch dauerhaft kenntlich zu machen, griff man auf tragbare Ehrenzeichen zurück, die auch ganz bewusst motivationsfördernd wirken sollten, wie aus den Verleihungsbestimmungen für die hannoversche Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr hervorgeht, „welche nicht allein [...] als Belohnung ihrer aufopfernden Handlungsweise dient, sondern diese letztere auch in bleibendem Andenken ihrer Mitbürger erhält und zur Nacheiferung auffordert...“557 Unterschiede in der Herkunft der Träger wurden bei Rettungsmedaillen, sowohl im Königreich Hannover als auch in allen anderen deutschen Staaten nicht gewürdigt558. Im Fokus stand allein die Rettungstat, die alle Beliehenen miteinander verband. Die unterschiedslose Verleihung einer Auszeichnung war im Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover sonst nur bei den Kriegsdenkmünzen vorgesehen, die für die Teilnahme an einem Feldzug in gleicher Form an Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften in gleicher Form zur Verleihung kamen. Bis zum Jahre 1866 wur- 552 Vgl. ebd., Kapitel 15 und 16. 553 Vgl. ebd., Kapitel 17. 554 Zwar hatte das Königreich Preußen bereits 1802 eine „Medaille für Rettung aus Lebensgefahr“ gestiftet, jedoch war diese nicht tragbar. Eine tragbare Version folgte erst im Jahre 1833. Das Königreich Sachsen war demnach der erste deutsche Staat mit einer tragbaren Rettungsmedaille. 555 Beyreiß: Rettungsmedaillen, S. 44. 556 Vgl. Beyreiß: Rettungsmedaillen, S. 40/84. 557 Ebd., S. 45. 558 So erhielten zum Beispiel in der Hansestadt Lübeck im Jahre 1914 je ein Arzt, ein Rathauswächter, ein Hilfsschutzmann und ein Reedereidirektor die hiesige Rettungsmedaille am Bande. Vgl. Beyreiß: Rettungsmedaillen, S. 85. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 119 den 197 Verdienstmedaillen für Rettung aus Gefahr verliehen, darunter auch häufig an Ausländer.559 Üblicherweise handelte es sich dabei um die Besatzungsmitglieder englischer und norwegischer Schiffe, die die Medaille offensichtlich für eine Rettung vor dem Tod des Ertrinkens erhalten hatten.560 Durch die Stiftung des Allgemeinen Ehrenzeichens im Jahre 1841 wurde dem Bedürfnis Rechnung getragen, immer größere Teile der Bevölkerung für ihre Anhänglichkeit und Loyalität zu belohnen. Dies traf insbesondere auf soziale Schichten zu, die ihrem gesellschaftlichen Rang nach bis dahin üblicherweise nicht für eine Auszeichnung in Frage kamen. Das Allgemeine Ehrenzeichen gab es in zwei Varianten: für Militärverdienst und für Zivilverdienst. Beide Medaillen bestehen aus Silber und unterscheiden sich durch ihre verschiedenen Bänder und rückseitigen Inschriften. Das Allgemeine Ehrenzeichen für Zivilverdienst war vorgesehen „‘für ausgezeichnete Dienste jeder Art‘, verliehen an untere Beamte und Zivilpersonen ohne Rang“.561 Ähnlich war auch die Empfängergruppe innerhalb des Heeres für das Allgemeine Ehrenzeichen für Militärverdienst definiert. So waren etwa „Zur Decorirung mit der Verdienst-Medaille [...] brave Wachtmeister, Führer, der Regiments-Profoß, Stabs und Divisions-Trompeter, zum allgemeinen Ehrenzeichen Corporale, Escadrons-Trompeter, und ausnahmsweise auch besonders brave, lang dienende Gemeine“562 vorgesehen. Zudem kam diese niedrigste Verdienstauszeichnung auch in erwähnenswerter Anzahl an Mannschaftssoldaten ausländischer Regimenter zur Verleihung. Eine Briefkorrespondenz von 1882 zwischen dem Sohn des letzten Königs von Hannover, Ernst August (II.), und einem Oberstleutnant im K.u.k. Husaren-Regiment (Großfürst Nicolaus Großfürst von Russland) N. 2, der als Erbprinz von Nassau betitelt wird, gibt Aufschluss darüber. In einer beigefügten Abschrift eines Reichs-Kriegs-Ministerial-Erlasses vom 23. März 1864 heißt es, dass „der jetzt regierende König von Hannover die mitfolgenden acht silbernen Verdienst-Medaillen mit dem blauen Guelphenbande, dann zehn allgemeine Ehrenzeichen an gelbweißem Bande zum Ersatz jener von dem höchstseligen König Georg-August von Hannover im Jahre 1847 für brave Unteroffiziere, Musiker und Gemeine des Regiments, das während der Ereigniße von 1848/9 in Verlust gerathenen gleichen Decorationen als Geschenk erfolgen zu lassen geruth.“563 Diese Ehrenzeichen waren bei der Übersendung noch nicht namentlich zugeteilt gewesen. Vielmehr handelte es sich um ein Kontingent von Auszeichnungen, das dem Regiment als eine Art Geschenk offeriert wurde, wobei es dem Regimentskommandeur nach den oben zitierten Empfehlungen oblag zu entscheiden, an welche seiner Soldaten er die Medaillen verlieh. Der Grund für dieses Geschenk dürfte die Inhaberschaft über das Husaren-Regiment sein, die König Ernst August von 1847-52 ausübte. Durch die wenig aufwändige Herstellung des Allgemeinen Ehrenzeichens und die 559 Vgl. Beyreiß: Rettungsmedaillen, S. 47. 560 Vgl. ebd. 561 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover: Kapitel 14. 562 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V, Nr. 14. 563 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 120 vergleichsweise geringen Kosten kam es auch nach 1866 durch König Georg V. reichlich zur Verleihung.564 Die zweite bedeutende Säule im Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover stellte die Gruppe der militärischen Ehrenzeichen dar. Das Heer genoss im Königreich vor allem aufgrund der Siege über Napoleon großes Ansehen und war damit eng mit dem Aufstieg des Landes zum Königreich verknüpft. Insbesondere König Ernst August kümmerte sich intensiv um militärische Belange. Der durch die Allgemeine Ständeversammlung initiierten zahlenmäßigen Verringerung des Heeres entgegnete der König die ständige technische Modernisierung und Veränderungen in Fragen der Gliederung.565 So konnte sich beispielsweise die hannoversche Kavallerie ihren hervorragenden Ruf, wonach sie eine der besten in Europa war, erhalten und sich auch in kleineren militärischen Konflikten behaupten.566 Neben der Schlacht von Waterloo wurde auch die King’s German Legion zu einem prägenden Bestandteil im Traditionsverständnis des hannoverschen Heeres. Dieser weltweit kampferprobte Verband wurde nach seiner Auflösung ab 1816 teilweise in die reguläre Armee überführt und veränderte das soziale Gefüge der Truppe. Ihre Angehörigen erhielten zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo die 1816 gestiftete britische Waterloo-Medaille. Für die hannoversche Armee wurde nach deren Vorbild im Dezember 1817 eine eigene Waterloo-Medaille gestiftet und zwar durch Prinz-Regent Georg IV. im Namen seines Vaters, des Königs Georg III. von Großbritannien und Hannover.567 Dieses Ehrenzeichen blieb für etliche Jahre neben der englischen Waterloo-Medaille und der überaus selten verliehen Guelphen-Ordens-Medaille568 das einzige sichtbare Zeichen, das einen aktiven oder beurlaubten Soldaten im Königreich Hannover als Veteran der militärischen Ereignisse gegen das napoleonische Frankreich auswies. Dadurch wurde die symbolträchtige und frühzeitig zum Mythos verklärte Bedeutung der Schlacht von Waterloo, in der sich „das Schicksal Europas entschied“569 weiter hervorgehoben. Erst im Jahre 1841 erweiterte König Ernst August diese Kennzeichnung der Veteranen um zwei weitere Ehrenzeichen. Die Kriegsdenkmünze für die im Jahre 1813 freiwillig in die hannoversche Armee eingetretenen Krieger wurde rückwirkend „für diejenigen Untertanen, welche 1813 freiwillig zu den Waffen griffen, als auch für die Ausländer, die damals in die Hannoversche Armee traten“570 gestiftet und verliehen. Die Kriegsdenkmünze für die bis zum Abschluß des Pariser Friedens 1814 freiwillig in die Königlich-Großbritannische Deutsche Legion (K.G.L.) eingetretenen Krieger war dagegen für die Angehörigen der King’s German Legion gedacht, die zwischen 1803 564 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 14. 565 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 109f. 566 Vgl. Ebd., S. 109. 567 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Kapitel 5. 568 Auf die Guelphen-Ordens-Medaille und die Waterloo-Medaille wird in den folgenden Kapiteln noch detailliert eingegangen. 569 Füssel: Waterloo, S. 12. 570 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 121 und 1814 unter britischer Flagge gekämpft hatten. Eine Nationalität spielte dabei keine Rolle, es zählte nur die Zugehörigkeit zur Legion.571 Durch diese beiden Kriegsdenkmünzen konnten schließlich alle Veteranen, die auf der Seite Hannovers, sei es in den Linienverbänden, der Landwehr oder in der King’s German Legion, seit 1803 gegen Napoleon gekämpft hatten, mit einem äußeren Zeichen bedacht werden. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang, dass bereits in der Bezeichnung der Medaillen die Bereitschaft der Freiwilligkeit der Träger betont wird. Tatsächlich scheint die Rekrutierung von Soldaten für die King’s German Legion und die regulären hannoverschen Verbände zu dieser Zeit grundsätzlich auf der Anwerbung von Freiwilligen basiert zu haben. Eine Militärdienstpflicht wurde erst 1820 im Rahmen der Reorganisation des Heeres durch das Militärgesetz manifestiert.572 Eine andere Auffälligkeit ist der Umstand, dass bei den Kriegsdenkmünzen eben zwischen der hannoverschen Armee und der King‘s German Legion unterschieden wurde. Welche Überlegung dieser Unterscheidung zugrunde lag, geht aus der Forschungsliteratur nicht hervor. In anderen deutschen Staaten wurde auf eine Differenzierung, was die Zugehörigkeit zu Verbänden oder Bündniskategorien angeht, weitgehend verzichtet und so erhielten Soldaten, die für ihren Landesherrn mit oder gegen Frankreich gekämpft hatten, dieselbe Feldzugsmedaille.573 Die sehr ähnlich gestalteten Kriegsdenkmünzen, die aus der Bronze eroberter französischer Geschütze geprägt wurden574, unterschieden sich im Wesentlichen nur durch ihre rückseitige Inschrift. Während die Medaille für die hannoverschen Truppen rückseitig die Jahreszahl „1813“ zeigte, wies die Version für die King’s German Legion die dreizeilige Inschrift TAPFER/UND/TREU auf, umgeben von der Umschrift KÖNIGLICH-DEUT- SCHE LEGION.575 Mögliche Gründe für diese Unterscheidung könnten in der Zugehörigkeit der Legion zum britischen Heer liegen, unter dessen Flagge sie stand oder aber in der Hervorhebung der King’s German Legion gegenüber den hannoverschen Verbänden. Die ausdrückliche Formulierung des Mottos TAPFER/UND/TREU auf der Kriegsdenkmünze und der besondere Bezug, den der Stifter König Ernst August zur Legion hatte576, sprechen für diese Begründung. Die beiden Kriegsdenkmünzen schlossen die staatliche Würdigung in Form von Ehrenzeichen für die Teilnahme an den Befreiungskriegen ab. 571 Ebd., Kapitel.11. 572 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 108. 573 Als Beispiel ließe sich das Königreich Württemberg anführen. Die im Jahre 1840 von König Wilhelm I. gestiftete Kriegsdenkmünze wurde an alle württembergischen Soldaten verliehen, die zwischen 1793 und 1815 an einer militärischen Auseinandersetzung ihres Landes teilgenommen hatten. Dies konnte sowohl für den Winterfeldzug an der Seite Napoleons als auch dem anschließenden Krieg gegen ihn zutreffen. Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die Ehrenzeichen des Großdeutschen Reiches, S. 543. 574 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10 und 11. 575 Ebd. 576 Ernst August war maßgeblich an der Aufstellung der King’s German Legion in England beteiligt und hatte Anteil an der Einübung der Kavallerie dieses Verbandes. Vgl. Malortie, C.E.: König Ernst August. Barsinghausen 2013 (Nachdruck). S. 20. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 122 Eine weitere Gruppe von militärischen Ehrenzeichen im Königreich Hannover stellen die Dienstehrenzeichen dar. Hierbei handelt es sich um Auszeichnungen, die für eine bestimmte erbrachte Dienstzeit im aktiven Heeresdienst zur Verleihung kamen. Das Königreich Preußen war mit seinen im Jahre 1825 gestifteten Dienstauszeichnungskreuzen der erste deutsche Staat, der seine Soldaten mit einem Erinnerungszeichen bedachte, das sich nicht auf eine bestimmte militärische Unternehmung oder im Kampf erbrachte Tapferkeit bezog. Stattdessen belohnte man die reine Ableistung der zunächst aktiven Dienstzeit, später auch die Zugehörigkeit zum Beurlaubtenstande in Form der Landwehr577. Zahlreiche Fürstentümer folgten dem preu- ßischen Vorbild und stifteten ebenfalls diese neue Form der Auszeichnung, so auch das Königreich Hannover im Jahre 1837. Dessen Dienstauszeichnungen waren nach Dienstgradgruppe und Anzahl der erbrachten Dienstjahre differenziert. Die silberne Wilhelmsmedaille wurde „an Unteroffiziere und Soldaten verliehen, die 16 Jahre treu gedient hatten“578, ferner die goldene Wilhelms-Medaille an Soldaten und Unteroffiziere für 25 erbrachte Jahre seit der Ernennung zum Korporal, sowie das Wilhelms- Kreuz an die Offiziere für 25 Dienstjahre.579 Offiziere, die 50 Dienstjahre erreicht hatten, wurden mit dem 1844 dafür eigens geschaffenen Ernst-August Kreuz geehrt. Dieses Ehrenzeichen war mit seinen weit unter 100 Verleihungen sehr selten.580 Für Unteroffiziere und Mannschaftssoldaten, die ein so hohes Dienstjubiläum erreichten, gab es keine eigene Auszeichnung, vielmehr wurde in diesem Fall die Verleihung der Goldenen Verdienstmedaille in Betracht gezogen.581 Noch vor der Stiftung des Ernst-August Kreuzes feierte König Ernst August im Jahre 1840 selbst sein 50jähriges Militär-Jubiläum. In diesem Zusammenhang stiftete der König das mit Abstand seltenste Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, nämlich die Silberne Medaille zum 50jährigen Militär-Jubiläum des Königs Ernst August.582 Am 17. März 1840 überbrachte eine Abordnung von Veteranen aus dem Dorf Isernhagen, namentlich Heinecke Stöckmann, Arend Runge, Friedrich Betge, Jürgen Heinrich Rahlves, Arend Krüger und Friedrich Wismer, dem König ihre Glückwünsche zum Jubiläum.583 Alle Männer hatten einst mit Ernst August im 9. Leichten Dragoner-Regiment gedient als dieser noch Hauptmann gewesen war.584 Bei einem Gegenbesuch des Königs in Isernhagen am 26. August 1840 verlieh er dann den Veteranen die eigens für sie geprägten Medaillen am Band des Allgemeinen Ehrenzeichens (allerdings für Zivilverdienst).585 Das letzte gestiftete Ehrenzeichen des Königreichs Hannover hängt durch die Schlacht von Langensalza unmittelbar mit dessen Ende im Jahre 1866 zusammen. 577 Ohm-Hieronymussen, Peter: Landeværns tjenestehæderstegn i de Tyske forbundsstater 1842-1918. 1988. 578 Thies/Hapke: Die Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 8. 579 Vgl. Thies/Hapke: Die Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 6 und 8. 580 Vgl. ebd., Kapitel 9. 581 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1506. 582 Vgl. Thies/Hapke: Die Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 18. 583 Vgl. ebd. 584 Vgl. ebd. 585 Vgl. ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 123 Schon bald nach der Schlacht, die unter hohen Verlusten gewonnen werden konnte und doch zu einer Niederlage des Königreichs Hannover im Krieg gegen Preußen führte, stiftete König Georg V. am 27. Juli 1866 die Langensalza-Medaille „für alle, welche in dieser Schlacht tapfer, wenn auch ohne Erfolg gekämpft haben“586. Wie kein anderes Symbol stand diese Medaille, die übrigens noch vor der offiziellen Annexion Hannovers durch Preußen gestiftet wurde, für das Ende des Königreichs und die Erinnerung daran. Zuletzt sei noch der am 15. Dezember 1865 von König Georg gestiftete Ernst-August-Orden erwähnt. Durch seinen kurzen Verleihungszeitraum von gerade einmal knapp über einem halben Jahr spielte er in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle, doch seine Schaffung ist dennoch eine erwähnenswerte Ergänzung im Auszeichnungswesen Hannovers. Im Laufe des 19. Jahrhunderts und sogar bis über die Jahrhundertwende hinaus war es in vielen deutschen Fürstentümern üblich, einen zweiten oder gar dritten Verdienstorden zu stiften. So war dies beispielsweise in Preußen der Kronenorden (1861) in Ergänzung zum Roten-Adlerorden, im Königreich Württemberg kam der Friedrichsorden (1833) zum Orden der württembergischen Krone hinzu, im Großherzogtum Hessen-Darmstadt folgte der Orden Philipps des Großmütigen (1881) dem Ludewigsorden und im Großherzogtum Mecklenburg- Schwerin gab es neben dem Hausorden der Wendischen Krone seit 1884 noch den Greifen-Orden. In Hannover wurde der Ernst-August-Orden von König Georg V. zur Erinnerung an „zwei der Erlauchten Vorfahren Unseres Hauses, welche diesen Namen führten, zugleich diejenigen waren, welche im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte [...] Unser Königreich auf den Standpunct zu heben, auf dem es jetzt steht...“587 gestiftet. In die Verleihungsbestimmungen des Ordens wurden dabei wesentliche Erfahrungen verarbeitet, die man in der 50jährigen Existenz des Guelphen-Ordens gemacht hatte. Zunächst einmal sollte die Schaffung eines neuen Verdienstordens die Verleihungszahlen des Guelphen-Ordens entlasten. Dieser stand in der Hierarchie über dem Ernst-August-Orden, wie es ausdrücklich in den Statuten festgelegt wurde: „Im Uebrigen hat der Guelphen-Orden in den einzelnen Classen den Vorrang vor den gleichbezeichneten Classen des Ernst-August-Ordens und ist von jetzt an die Verleihung der ersten Classen des Guelphen-Ordens, einschließlich des Ritterkreuzes, durch die frühere Verleihung des Ernst-August-Ordens gleicher Classe bei Einländern bedingt.“588 Dadurch wurde eine Höherwertigkeit des Guelphen-Ordens erzeugt und gleichzeitig ein weiterer Anreiz in Form einer Auszeichnung. Der Ernst-August-Orden war ansonsten nicht mit weiteren Privilegien versehen, wie etwa dem Zugang zum Hofe, einem erblichen Adelstitel oder einer Pension. Seine Klasseneinteilung war feingliedriger als die des Guelphen-Ordens und vor allem in den unteren Klassen vielfältiger. Die fünf Klassen des Ordens waren: – Großkreuz – Komturkreuz 1. Klasse 586 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 74 Liebenburg Nr. 477. 587 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 4. 588 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 124 – Komturkreuz 2. Klasse – Ritterkreuz 1. Klasse – Ritterkreuz 2. Klasse Des Weiteren war „um die Mittel zur Auszeichnung zu vermehren“589 ein Verdienstkreuz in Silber und Gold vorgesehen, die dem Orden angegliedert waren, also nicht zur eigentlichen Klasseneinteilung zählten. Die Empfänger dieser beiden Abteilungen des Verdienstkreuzes hießen Inhaber. Im Ranggefüge des Auszeichnungssystems sollten sie mit diesem Verdienstkreuz bedacht werden, weil sie aufgrund ihres Ranges oder Standes über dem Empfängerkreis der Verdienstmedaille standen, aber noch unter dem für die niedrigste Ordensklasse, dem Ritterkreuz.590 Auf welche Gruppe von Personen dieser Umstand ganz konkret zutraf, lässt sich kaum umreißen. Es erfolgten 84 Verleihungen591 des Verdienstkreuzes in Silber und Gold aber eine namentliche Zuteilung mit Informationen zum Beruf des Beliehenen, woraus sich auch eine Zuordnung zu dessen sozialer Stellung ableiten ließ, liegt der Arbeit nicht zugrunde. Eine Dekoration mit Schwertern, die nur an Angehörige des Militärstandes oder für Verdienste in Kriegszeiten verliehen wurde, gab es im Gegensatz zum Guelphen-Orden nicht. Offiziell erlosch der Ernst-August-Orden am 20. September 1866, als das Königreich Hannover zur preußischen Provinz wurde. Doch sein bedeutender Verleihungszeitraum war der im österreichischen Exil König Georgs V. Von dort aus kam der Großteil der hannoverschen Orden und Ehrenzeichen, teilweise noch Jahrzehnte, zur Verleihung. In den folgenden Jahren versuchte der König durch verschiedene politische aber auch protokollarische Maßnahmen seinen Anspruch auf den Thron zu bekräftigen. Er bewegte sich nicht nur in Ländern, die dem Königreich Preußen und einem deutschen Kaiserreich ablehnend gegenüberstanden, wie etwa Frankreich oder Österreich-Ungarn, sondern ließ auch in Form von Publikationen und Periodika vornehmlich im Ausland auf die öffentliche Meinung im Sinne der hannoverschen Sache einwirken.592 Georg verfolgte mit der Aufstellung der sogenannten Welfenlegion sogar eine militärische Option zur Befreiung seines Landes. Dieser aus freiwilligen Hannoveranern aufgestellte Verband, der zeitweise bis zu 1.000 Mann umfasste, sollte im Falle eines Krieges Preußens gegen Frankreich auf französischer Seite kämpfen und den König wieder zu seinem Thron verhelfen.593 Die insgesamt sehr offizierlastige Legion wurde jedoch noch vor dem deutsch-französischen Krieg 1870 aus finanziellen Gründen aufgelöst, da Bismarck von diesen Plänen erfuhr und Georgs Privatvermögen beschlagnahmen ließ.594 Die symbolträchtigste Handlung, die dem exilierten König noch mit seiner aktiven Regierungszeit verband, war jedoch die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Hier kam einmal mehr die wichtigste Bedeutung des Konzeptes der tragbaren Aus- 589 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 4. 590 Vgl. ebd. 591 Vgl. ebd. 592 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 132. 593 Vgl. ebd. 594 Vgl. ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 125 zeichnungen für den Verleihenden zur Geltung, nämlich die Sicherung von Loyalität des Beliehenen. Weitab von seinen Untertanen wurde es für den König mit jedem Jahr schwieriger, sich in das Gedächtnis der Öffentlichkeit seines früheren Königreiches zu spielen. Die Dekorationen mit seinem oder seiner Vorfahren Antlitz schienen daher ein geeignetes Mittel, um sich auch im Exil die Anhänglichkeit bestimmter sozialer Kreise oder gar Eliten zu sichern. Während die Beliehenen die Auszeichnung als Akt der Belohnung schätzen durften, trugen sie die Symbole des Königreichs als Teil ihrer äußeren Erscheinung und waren somit auch Repräsentant der welfischen Herrscherdynastie. Welchen Orden König Georg in seinem Exil verlieh, hing weniger von einer Systematik ab als vielmehr von den Kosten. Die mit dem Guelphen-Orden verbundenen Privilegien fielen weg, da Georg die Auszeichnungen in seinem Exil als Privatmann verlieh. Also bestimmten der Aufwand der Herstellung und der damit verbundene Anschaffungspreis Typ und Anzahl des verliehenen Ordens. Die Guelphen-Orden, die sich bei Annexion des Königreichs Hannovers noch in den Beständen der General-Ordens-Kommission befanden, wurden zunächst von preußischer Seite beschlagnahmt, später jedoch wieder zurückgegeben.595 So konnte man zunächst noch auf diese Bestände zurückgreifen, bevor man bei Juwelieren nachbestellen musste. Der Guelphen-Orden war in der Herstellung teuer und wurde nach 1866 nur sehr sparsam verliehen, zugunsten des günstigeren Ernst-August-Ordens.596 So kam beispielsweise das Ritterkreuz II. Klasse des Ernst-August-Ordens zwischen 1866 und 1878 409 Mal zur Verleihung.597 Diese Zahl steht entgegen der Wertung bei Thies und Hapke, wonach „die verschiedenen Klassen des Ordens sowie die Verdienstkreuze [...] äußerst sparsam, weiterverliehen“598 wurden. Wenn man bedenkt, dass das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens zwischen 1837 und 1858 1158 Mal verliehen wurde599, scheint man von äußerster Sparsamkeit bei der Verleihung des Ernst-August-Ordens im Exil nicht reden zu können. Diese Verleihungen waren ein sehr teures Vergnügen, wenn man bedenkt, dass die Beschaffung der Dekorationen aus dem Privatvermögen Georgs V. genährt wurde. Erschwerend kam hinzu, dass die Orden gemäß den Statuten auch nach 1866 rückgabepflichtig waren, doch wenn die Angehörigen des verstorbenen Trägers dem nicht nachkamen, hatte die hannoversche Exiladministration keine rechtliche Handhabe mehr, die Dekorationen gegebenenfalls zu konfiszieren. Für Juweliere und Ordenshersteller war die rege Verleihung hannoverscher Orden und Ehrenzeichen nach 1866 ein gutes Geschäft. Carl Büsch in Hannover und C.F. Rothe in Wien waren die hauptsächlichen Lieferanten der Ordenszeichen.600 Ab 1868 ist sogar von einem regelrechten Konkurrenzkampf zwischen beiden Firmen die Rede, die etwa seit diesem Zeitpunkt die Anfertigung aller noch im Exil verliehenen Orden und 595 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3, Nachtrag 6. 596 Vgl. ebd. 597 Vgl. ebd., Kapitel 4. 598 Ebd. 599 Vgl. ebd., Kapitel 3, Nachtrag 6. 600 Vgl. ebd., Kapitel 4 IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 126 Ehrenzeichen unter sich aufteilten.601 Mit der Verleihung eines Großkreuzes des Ernst-August-Ordens im Jahre 1900 durch den letzten Kronprinzen Ernst August II. endete die Verleihung der vormals staatlichen hannoverschen Orden und Ehrenzeichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kronprinz seine Ansprüche auf den Thron nicht aufgegeben und erst sein Sohn Ernst August III. konnte als welfischer Fürst wieder staatliche Orden und Ehrenzeichen verleihen, da er ab 1913 als Herzog von Braunschweig regieren konnte. Privat gestiftete Ehrenzeichen spielten jedoch auch nach 1900 im österreichischen Exil der Welfen noch eine Rolle. Im Jahre 1903 kam es seitens Ernst Augusts, dem früheren Kronprinzen von Hannover, zur Stiftung eines Dienstzeichens für Hofbedienstete in drei Stufen.602 Dabei handelt es sich um eine rechteckige silbervergoldete Spange in den Maßen 20 x 55 mm, die von einer 12 mm hohen Herzogskrone überragt wird.603 Äußerlich ähnelt es also den zahlreichen Dienstauszeichnungen der deutschen Fürstentümer, die häufig ebenfalls als Spange und nicht etwa als tragbare Medaille gestiftet wurden. Das Dienstzeichen war mit dem hellblauen Bande des Guelphen-Ordens hinterlegt und nimmt damit ganz klar Bezug zum Auszeichnungssystem des vormaligen Königreiches Hannover. Das Dienstzeichen 1. Klasse gab es für 50jährige Dienste am Hof der Welfen, die 2. Klasse für 40 Jahre und die 3. Klasse für 25 Jahre.604 Die jeweiligen drei Dienstjubiläen fanden sich auch im Schriftzug der Spange wieder. Für die Verleihung kamen sowohl männliche als auch weibliche Bedienstete in Frage, die gleichzeitig eine Verleihungsurkunde sowie ein aufwändig gestaltetes Etui „mit goldgeprägter und gekrönter 25, 40 bzw. 50 auf dem Deckel“605 erhielten. Vergleichbare Auszeichnungen als Schnalle wurden häufig ohne Etui vergeben. Das lässt Rückschlüsse auf die besondere Wertschätzung dieses Ehrenzeichens durch den Stifter zu, der durch ein solches Etui höhere Kosten bei der Herstellung zu tragen hatte. Der Kreis der Beliehenen war jedoch zu keinem Zeitpunkt besonders groß. Zwar wurde das Dienstzeichen mit Übernahme der Regierungsgeschäfte des Herzogtums Braunschweig durch Ernst August, dem Enkel des letzten Königs von Hannover, auch in das offizielle Auszeichnungssystem Braunschweigs übernommen, jedoch war der Verleihungszeitraum mit den Jahren 1913-18 entsprechend kurz.606 Im Herzogtum Braunschweig wurde das Ehrenzeichen mit dem rot-gelben Band des Hausordens Heinrich des Löwen verliehen.607 Nach 1918 wurde es wiederum zu einem privaten Ehrenzeichen für die Bediensteten des ehemaligen Herzogs.608 Friedhelm Beyreiß hat in seinem Artikel zu diesem Ehrenzeichen ein Verleihungsschreiben aus dem Jahre 1940 abgedruckt, darin schreibt Ernst August an den Haushofmeister a.D. Börsing: 601 Vgl. ebd. 602 Vgl. Beyreiß, Friedhelm: Dienstzeichen für Hofbedienstete. In: Orden-Militaria-Magazin Nr. 38 (1990). S. 11. 603 Vgl. ebd. 604 Vgl. ebd. 605 Ebd. 606 Vgl. ebd. 607 Vgl. ebd. 608 Vgl. ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 127 „Wie mir berichtet wird, haben Sie am heutigen Tage 50 Jahre in unseren Diensten gestanden. Ich benutze diesen Anlass gern, um Ihnen für die treuen, wertvollen Dienste, die Sie meinem Vater und mir während dieser langen Zeit geleistet haben, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Nach den Bestimmungen würde Ihnen das von meinem Vater gestiftete Dienstzeichen I. Klasse zu verleihen sein. Da dies aber nach den neueren Bestimmungen nicht zulässig ist, sende ich Ihnen ein Dienstzeichen als Erinnerungsstück, bemerke aber ausdrücklich, dass es nicht getragen werden darf.“609 Ernst August weist in diesem Zusammenhang auf die Neuordnung des staatlichen Auszeichnungswesens durch die Nationalsozialisten hin. Diese hatten im Jahre 1937 ein Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen erlassen, in dem es hieß: „Orden und Auszeichnungen kann nur der Führer und Reichskanzler verleihen. Weitere Bestimmungen hierüber sind dem Führer und Reichskanzler vorbehalten.“610 Ernst August war demnach also gar nicht befugt ein tragbares Ehrenzeichen zu verleihen und weist in seinem Schreiben aus diesem Grund darauf hin, dass das Dienstzeichen den Charakter eines Erinnerungsstückes hätte und eben nicht getragen werden dürfe. Es ist davon auszugehen, dass Ernst August auch nach dem Zweiten Weltkrieg und bis zu seinem Tod im Jahre 1953 auf dem Schloss Marienburg bei Pattensen die Dienstzeichen weiterverlieh, insofern sie denn verfügbar waren. Gesellschaftlicher Rang spielte für die Verleihung dieser Auszeichnung keine Rolle, sondern vielmehr die Dienstleistung und die damit verbundene Loyalität zum Chef des Hauses Hannover. Neben dem bereits erwähnten vormaligen Haushofmeister waren beispielsweise auch der Oberhofmundschenk Ernst Schultz oder der Futtermeister Heinrich Evers unter den Beliehenen.611 Das Dienstzeichen „für 25 Jahre treuer Pflichterfüllung im Kampf gegen die Maulwürfe“612 erhielt der Maulwurfjäger Louis Steinweh ebenso wie die Ehrenstaatsdame Baronin Lonnie von Heimbruch.613 Beyreiß hat als ungefähre Größenordnung für die Verleihungszahlen des Dienstzeichens für Hofbedienstete für das Jahr 1913 (Stand 01.08.) ermittelt: „7 Personen das Dienstzeichen 1. Kl., 8 Personen die 2. Kl. Und 34 Mitglieder des Hofstaates die 3. Kl.“614 Für den Bestand des Herzogtums Braunschweig bis 1918 sowie für einen deutlich kleineren, privaten Hofstaat Ernst Augusts in den folgenden 35 Jahren, ließe sich gut und gern eine Trägerschaft im niedrigen dreistelligen Bereich annehmen. Eine weitere tragbare Auszeichnung war die am 12. Dezember 1903 von Ernst August, Herzog von Cumberland, gestiftete Medaille zur Silberhochzeit mit seiner Frau Thyra, Herzogin von Cumberland und Kronprinzessin von Dänemark. Die Medaille, die auf der Vorderseite das herzogliche Paar zeigt, wurde an einem rot-blauen Bande getragen und „am Tage der silbernen Hochzeit an Bedienstete und treue Anhänger des ehemaligen Königlichen Hauses von Hannover vergeben“.615 Solche Ereignisse boten immer wieder die Möglichkeit, private Ehrenzeichen oder vielmehr Erinne- 609 Ebd. 610 http://www.verfassungen.de/de/de33-45/orden37.htm (Stand: 31.03.2018). 611 Vgl. Beyreiß: Dienstzeichen für Hofbedienstete. S. 11. 612 Ebd. 613 Vgl. ebd. 614 Ebd. 615 Gusovius, Hans Georg: Die Orden norddeutscher Staaten des 19. Jahrhunderts. Celle 1984. S. 37. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 128 rungsgaben an das direkte Umfeld der exilierten Monarchen zu verteilen. Bereits 1898 hatte Ernst August zum 81. Geburtstag seiner Mutter, der Königin Marie von Hannover, eine Erinnerungsmedaille an die entsprechenden Feierlichkeiten gestiftet und „an die Familienmitglieder, das Gefolge und sonstige der Königin noch nahgestandenen habende Personen“616 verliehen. Die Medaille wurde sowohl in Bronze als auch in Silber verliehen und wurde am Band des St. Georgs-Ordens getragen.617 Es existieren auch nichttragbare Erinnerungsmedaillen an den Geburtstag. Hinweise auf die Differenzierung zwischen bronzener und silberner Medaille gibt es in der Forschungsliteratur nicht, jedoch machte man bei solchen Erinnerungszeichen häufig einen Unterschied bei Herkunft und Stand des Beliehenen, was sich auch äußerlich in der Form des Ehrenzeichen widerspiegelte. Bei der 1909 verliehenen nassauischen Erinnerungsmedaille, die „anläßlich der Einweihung des Denkmals für den verstorbenen ehemaligen (letzten) Herzog Adolph von Nassau“618 gestiftet und vergeben wurde, erhielten die anwesenden Fürstlichkeiten und noch lebenden Offiziere der ehemaligen nassauischen Armee die silberne Ausführung des Ehrenzeichen und die noch lebenden Unteroffiziere und Mannschaften die bronzene Medaille.619 Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover sehr eng mit Verhältnis zwischen Staatlichkeit, Regentschaft und Gesellschaft verbunden ist. Diese Entwicklung kann man in drei Phasen nachvollziehen. Erst die Erhebung Hannovers zum Königreich im Jahre 1814 initiierte die Errichtung eines eigenständigen Auszeichnungs-systems, das mit einem Verdienstorden, einer Verdienstmedaille und der Waterloo-Medaille zunächst sehr grob gegliedert war und das sich vorrangig vor dem Hintergrund der Befreiungskriege etablierte. Durch die Trennung der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien und die ständige Residenz von König Ernst August in seinem Land konsolidierte sich das Auszeichnungswesen. Ernst August brachte, teilweise durch Preußen beeinflusst, neue Ideen für Orden und Ehrenzeichen mit in seine Regentschaft und verwirklichte sowohl die Stiftung von anlassbezogenen Ehrenzeichen als auch weiteren Verdienstauszeichnungen, um soziale Gruppen in dem Empfängerkreis aufzunehmen, die bisher üblicherweise nicht mit einer Auszeichnung bedacht wurden. Dies führte zu einer zunehmenden Differenzierung nach „Rang und Stand“, sodass sich die Art der Auszeichnung nicht nach der Art des Verdienstes, sondern der gesellschaftlichen Zuordnung, also der Herkunft des Empfängers richtete. Diese Entwicklung war nicht spezifisch für Hannover, sondern auch in den anderen deutschen Fürstentümern und auf europäischer Ebene zu beobachten. Zweifelsohne fanden unter Ernst August die umfangreichsten Stiftungen und Erweiterungen zu Orden und Ehrenzeichen in der Geschichte des Königreichs Hannover statt. Die dritte Phase wurde durch den Verlust der Regentschaft König Georgs V. im Jahre 1866 eingeleitet. Nicht nur das letzte offiziell gestiftete Ehrenzeichen, die Lan- 616 Hessenthal/Schreiber: Die Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 151. 617 Vgl. ebd., S. 151f. 618 Ebd., S. 266. 619 Vgl. ebd. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 129 gensalza-Medaille, zeugt von dem Bedürfnis nach Erinnerung an den untergegangenen Staat, auch der Umstand, dass der König und später auch sein Sohn von seinem österreichischen Exil aus hannoversche Orden und Ehrenzeichen weiterverlieh, zeigt, welche tiefgreifende Symbolkraft diese Dekorationen für die ehemals Herrschenden inne hatten. Aus dem Exil heraus kam ihnen nämlich vor dem Hintergrund der preu- ßischen Annexion die wichtige Funktion zu, Loyalität zum Welfenhaus wiederherzustellen bzw. zu erhalten. Orden und Ehrenzeichen wurden also vom König weiterhin als Herrschaftsinstrument verstanden und auch so gebraucht, wobei sich die Zielgruppe der Beliehenen im Laufe der Jahre nach 1866 zunehmend von den Bürgern Hannovers auf Ausländer verlagerte, mit denen Georg V. in seinem Exil Verbindungen pflegte. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 130 Bild 1 – Dieser vormalige Offizier des Königreichs Hannover trägt eine Ordensschnalle ausschließlich mit hannoverschen Auszeichnungen (v.l.n.r.): Ernst-August-Orden, Guelphen-Orden mit Schwertern, Wilhelmskreuz für 25 Dienstjahre der Offiziere sowie die Langensalza-Medaille. Nach den Statuten des Ernst-August-Ordens hatte der Guelphen- Orden in den einzelnen Klassen den Vorrang vor den gleichbezeichneten Klassen des Ernst-August-Ordens. Beim Guelphen-Orden des Offiziers handelt es sich daher vermutlich um die vierte Klasse, wenn die Dekoration an zweiter Stelle steht und der Ernst- August-Orden könnte hier als Ritterkreuz I. Klasse verliehen worden sein. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 131 Bild 2 – Guelphen-Orden, Kommandeur II. Klasse mit Schwertern. Vorderansicht. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 132 Bild 3 – Ein ehemaliger Offizier der hannoverschen Armee, der nach 1866 in preußische Dienste übergetreten ist und darüber hinaus mit russischen Orden ausgezeichnet wurde. Er trägt in der Kommandeurklasse den russischen St. Stanislaus-Orden, sowie den russischen Orden vom heiligen Wladimir 4. Klasse an den Ordensschnalle, gefolgt vom Ernst-August-Orden sowie der preußischen Kriegsdenkmünze für den Krieg 1870/71 und der Langensalza-Medaille. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 133 Bild 4 - Guelphen-Orden. Stern zum Großkreuz. (Zivil Bruststern zum Kommandeur des Guelphen-Ordens) 1815-1866. Ordensdevise: „NEC ASPERA TERRENT“ (Widrigkeiten schrecken nicht). Emailliertes Medaillon mit Sachsenross auf rotem Grund. Auf der Rückseite Nadel und Bezeichnung „Hossauer/Berlin 15 Löth.“ Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 134 Bild 5 – Ein Langensalza-Veteran des Königreichs Hannover, der nach 1866 in preußische Dienste übergetreten ist. Er trägt mit dem Kreuz des Allgemeinen Ehrenzeichens und dem Allgemeinen Ehrenzeichen zwei typische preußische Beamtenauszeichnungen und an dritter Stelle die Langensalza-Medaille. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 135 Bild 6 - Militär-Guelphen-Orden 4. Klasse mit Band. 1851 verliehen an den damaligen Kapitän Carl Schäfer im 2. Infanterie-Regt. "MDCCCXXXIX", Silber und Email. Vorderseite. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 136 Bild 7 – Die Familie von Boetticher in einer Aufnahme aus den 1870er Jahren. Ernst August von Boetticher war zunächst Offizier der hannoverschen Armee und nahm später als preußischer Offizier am Deutsch-Französischen Krieg teil. Hier wurde er mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Mit seiner Frau Marie hatte er zwei Söhne (Kuno und Wilhelm), die dem Vater als Offiziere folgten. Der hier abgebildete Sohn Kuno starb später in Afrika und Wilhelm in Hannover. Für das Offizierkorps stellte die Annexion Hannovers durch Preußen eine schwerwiegende Zäsur dar. Einerseits verbot die Loyalität zu König Georg V. den Dienst für den vormaligen Gegner, andererseits waren viele adlige Offiziere mittellos und sahen nur durch den Verbleib im preußischen Militär ihre gesellschaftliche und ökonomische Existenz gesichert. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 137 Bild 8 - Goldene Verdienstmedaille, 1846-1878. VS: König Ernst August, größerer Kopf, Stempelschneider "BREHMER F." Durchmesser: 3,6 cm. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 138 Bild 9 – König Georg V. mit seiner Frau Marie in einer Aufnahme aus dem französischen oder österreichischen Exil. Die rückseitige Inschrift deutet auf die gesellschaftliche Spaltung hin, welche die Einverleibung Hannovers in das Königreich Preußen bewirkte: „Georg Thies zum Andenken an seine jugendliche welfische Gesinnung, gewidmet von einem Nichtwelfen. Wilh. Stellmann.“ An letzter Stelle seiner Ordensschnalle trägt der König die Langensalza-Medaille zur Erinnerung an die siegreiche Schlacht gegen die Preußen, die doch das Ende seiner Herrschaft einleitete. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 139 Bild 10 – Guelphen-Ordens-Medaille, verliehen an den Husar Heinrich Becker aus Fallingbostel. Er erhielt als Angehöriger der King’s German Legion diese Tapferkeitsauszeichnung, weil er 1812 bei Canizal in Spanien in ein Handgemenge mit einem französischen General geriet, diesen überwältigte und gefangen nahm. Neben den 24 Reichstalern, die mit der Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille verbunden waren, erhielt der Husar Becker weiterhin eine lebenslange, zusätzliche jährliche Pension von 100 Reichstalern für seine außergewöhnliche Tat. Das Band der Medaille ist stark zerschlissen, die blaue Farbe beinahe gänzlich vergangen. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 140 Bild 11 – Ein ehemaliger Unteroffizier der hannoverschen Armee im Jahre 1898 mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen für Militärverdienst und der Langensalza-Medaille. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 141 Bild 12 – Goldene Wilhelms-Medaille für 25 Jahre der Unteroffiziere, Vorderseite mit dem älteren Bild des Königs Ernst August von Hannover. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 142 Bild 13 – Dieses Foto zeigt den Fürstlich-berittenen Gendarmen, Herrn Winter. Die Langensalza-Medaille äußerst links an seiner Ordensschnalle weist ihn als vormaligen hannoverschen Soldaten aus. Später trat er in die Dienste des Fürstentums Schaumburg- Lippe ein und erhielt dessen Verdienstmedaille (an zweiter Stelle). Hinzu kommen noch die Centenar-Medaille sowie eine Dienstauszeichnung. Viele hannoversche Soldaten verließen ihre neue preußische Heimat und traten in die Dienste eines anderen deutschen Fürsten über. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 143 Bild 14 – Silberne Verdienstmedaille mit dem jüngeren Kopf des Königs Ernst August und der Jahreszahl 1837, Stempelschneider „FRITZ F.“ Das hellblaue Band ist vollständig verblasst. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 144 Bild 15 – Ein ehemaliger hannoverscher Offizier mit glatt vernähter Ordensschnalle, dabei (v.l.n.r.) das Ritterkreuz des Ernst-August-Ordens, die Langensalza-Medaille und das Wilhelmskreuz für 25 Jahre der Offiziere. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 145 Bild 16 – Ernst-August-Orden, Ritterkreuz 1. Klasse. Die meisten Exemplare des erst Ende 1865 gestifteten Verdienstordens wurden aus dem österreichischen Exil des Königs heraus verliehen. Quelle: Historisches Museum Hannover. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 146 Bild 17: Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr mit kurzem Bandstück. Das Band war orangegelb mit hellblauen Seitenstreifen, die bei dem vorliegenden Exemplar bereits stark verblasst sind. Quelle: Historisches Museum Hannover. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 147 Bild 18: Dienstzeichen für Hofbedienstete für 40 Dienstjahre am hellblauen Band des Guelphen-Ordens. Quelle: Privatsammlung. Bild 19: Allgemeines Ehrenzeichen für Zivilverdienst (Trägername HANNEMANN in den Rand graviert.) IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 148 Bild 20: Allgemeines Ehrenzeichen für Militärverdienst (Trägername SENNE in den Rand graviert.) Bild 21: Silberne Verdienstmedaille mit dem größeren Kopf des Königs Ernst August (Trägername mit Berufsbezeichnung und Rang: SECTIONS-KOMMANDANT 3.Kl. TREU.) 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 149 Bild 22: Waterloo-Medaille des Königreichs Hannover. Die Medaille trägt die Randinschrift: SOLDAT JOHANN MARHEINECKE, GRENADIER BATAILLON VERDEN. Der große Bandring war aus Eisen gefertigt und dementsprechend magnetisch, ebenso wie die Verbindungsklammer zwischen Medaille und Bandring. Bild 23: Die Kriegsdenkmünze für die im Jahre 1813 freiwillig in die hannoversche Armee eingetretenen Krieger. Die Medaille war aus Geschützbronze gefertigt und hatte keine Randinschrift. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 150 Bild 24: Langensalza-Medaille mit dem Trägernamen G. SCHWEERS II. Bei den Langensalza-Medaillen finden sich in der Randinschrift im Gegensatz zur Waterloo-Medaille keine Angabe mehr zum Truppenteil des Beliehenen. Bild 25: Silberne Wilhelms-Medaille mit dem Bild des Königs Wilhelm IV. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 151 Bild 26: Silberne Wilhelms-Medaille mit dem jüngeren Bild des Königs Ernst August. Bild 27: Wilhelms-Kreuz für 25 Jahre der Offiziere. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 152 Bild 28: Große Ordensschnalle eines vormals hannoverschen Soldaten, der später in preußische Dienste übertrat. Die silberne Wilhelms-Medaille (in der Mitte) zeugt davon, dass der Soldat mindestens 16 Jahre Soldat in der Armee des Königreichs Hannover war, bevor er vermutlich als unterer Charge eine Beamtenlaufbahn einschlug und hierfür das Allgemeine Ehrenzeichen für Zivilverdienst (rechts) erhielt. Später nahm er als Nichtkombattant am Deutsch-Französischen Krieg teil und bekam dafür die preußische Kriegsdenkmünze 1870/71 für Nichtkämpfer (links). Beim Allgemeinen Ehrenzeichen ist der Trägername OTTEMANN eingraviert. 1. „Das Ritterkreuz ist an keinen Rang gebunden.“ Das Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover 153 Bürokratie und Abwicklung. Die Aufgaben der General-Ordens-Kommission Mit der umfangreichen Neuordnung des Auszeichnungssystems unter Ernst August von Hannover befasste man sich auch mit der Frage, wer für die neu gestifteten und auch bisher existenten Auszeichnungen den Geschäftsverkehr für In- und Ausländer wahrnehmen sollte. Der durch das Königreich Preußen beeinflusste und geprägte König nahm sich auch in dieser Frage das Nachbarkönigreich zum Vorbild. In einem „Patent, die Anordnung einer General-Ordens-Commission betreffen“ wurde am 29. Oktober 1841 bekannt gegeben, dass „Unsere General-Ordens-Commission, welche in Unserer Residenzstadt Hannover ihren Sitz hat, bereits in Wirksamkeit getreten ist“620. Wie in Preußen sollte die namensgleiche Behörde „die Geschäfte in Betreff Unserer sämmtlichen Königlichen Orden und Ehrenzeichen“621 abwickeln und wurde hierzu in vierköpfiger Besetzung bestellt. So bestand die erste Kommission namentlich aus dem Generalleutnant von dem Bussche, dem Generalmajor von Linsingen (gleichzeitig Generaladjutant des Königs), dem Hofmarschall von Malortie (Kammerherr und Reise-Marschall) sowie Dr. Brauer (Sekretär aus dem Königlichen Justiz-Ministerium). Letzterer war in der General-Ordens-Kommission mit der Wahrnehmung der Sekretariatsgeschäfte beauftragt.622 Die General-Ordens-Kommission blieb dem König unmittelbar unterstellt und bereitete ihm administrativ alle Vorschläge und Vorgänge zu Verleihungen von Orden und Verdienstauszeichnungen zur Entscheidung vor. Kriegsdenkmünzen und Dienstehrenzeichen waren aufgrund der hohen Verleihungszahlen von einer persönlichen Entscheidung des Königs ausgenommen. Hierfür wurden Verleihungsberechtigte von den militärischen Verbänden auf dem Dienstweg gemeldet. Bereits entlassene Soldaten konnten ihren Verleihungsanspruch über die Generaladjutantur geltend machen und nutzten als Nachweis üblicherweise die namentlichen Stärkelisten ihrer ehemaligen Regimenter. Lediglich in Fällen, in denen eine nachträgliche Verleihung beantragt oder ein Ersatzstück für ein verlorengegangenes Ehrenzeichen wurde, konsultierte man die General-Ordens-Kommission. Den Großteil der Reklamationen zu Orden und Ehrenzeichen machten die Anträge zu nachträglichen Verleihungen tragbarer Auszeichnungen aus. Für die vorliegende Arbeit wurden 115 dieser Anträge für verschiedene Orden und Ehrenzeichen gesichtet und ausgewertet, wobei die allermeisten von den Antragstellern selbst geschrieben wurden. Die Bittschriften kamen aus allen sozialen Schichten und dabei vorrangig von aktiven oder ehemaligen Soldaten, da vor allem die Teilnahme an einem Krieg oder langjährig erbrachte Dienste im Heer die Erwartungshaltung an eine sichtbare Auszeichnung förderten. Außerhalb des Militärs waren Verdienste, für die man eine Auszeichnung hätte einfordern können, nur schwer mess- bzw. ver- 2. 620 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1547. 621 Ebd. 622 Vgl. Hof- und Staatshandbuch für das Königreich Hannover auf das Jahr 1844. Hannover 1844. S. 29. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 154 gleichbar. Die Reklamationen weisen in vielen Fällen eine ähnliche Struktur auf, wobei die Länge und Qualität vom Bildungsstand der Antragsteller abhingen. Üblicherweise wurde der König von Hannover direkt angeschrieben, nur im Ausnahmefall war den Bittstellern die General-Ordens-Kommission oder die General-Adjutantur als zuständige Behörde bekannt. Nach der Huldigung an den König, die im Übrigen an verschiedenen Stellen wieder aufgegriffen werden konnte, formulierten die Antragsteller zumeist ihren konkreten Wunsch, nämlich die Verleihung oder Wiederbeschaffung einer Auszeichnung. Dies wurde in der Folge oftmals sehr umfangreich argumentiert, was von der Darstellung der gesamten, teilweise jahrzehntelangen Dienstzeit reichte, bis hin zu detaillierten Beschreibungen einzelner Gefechtshandlungen. Hervorgehoben wurden dabei in der Regel das eigene tapfere Verhalten, erlittene Verwundungen oder der Lebenslauf, der sich an die militärische Dienstzeit anschloss. Aufgabe der Kommission war auch die öffentliche Bekanntgabe von Verleihungen. Dies betraf alle Orden und Verdienstauszeichnungen, die im Königreich verliehen wurden. Kriegsdenkmünzen und Dienstehrenzeichen waren wiederum ausgenommen. In einem Schreiben des Kabinett-Ministers vom 7. Februar 1843 wird die General-Ordens-Kommission hierfür als federführend festgelegt, und zwar auch wenn „die Decoration dem Beliehenen nicht unmittelbar von dort aus, sondern durch Vermittlung einer anderen Behörde zugestellt wurde.“623 Durch diese einheitliche Regelung wurde gewährleistet, dass eine Veröffentlichung trotz verschiedener Zuständigkeit stattfand und vermieden „daß etwa der Beliehene selbst aus den öffentlichen Blättern von der Verleihung Kunde erhalte.“624 Die öffentliche Nennung war ein wichtiger Bestandteil bei der Verleihung eines Ordens oder einer Verdienstauszeichnung und versprach wie die Dekoration selbst Prestige und Reputation im Sinne des symbolischen Kapitels. Während durch die Verleihungszeremonie, sofern sie denn stattfand, nur unmittelbare Anwesende von der Ehrung erfuhren, machte eine Veröffentlichung in der Tagespresse denjenigen landesweit oder gar über die Grenzen hinaus bekannt. Dies spielte vor allem bei der Vergabe der Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr eine große Rolle, da nur durch die Veröffentlichung der Handlung und der anschlie- ßenden Belohnung die Präsentation des Retters als Vorbild in größerem Maß gewährleistet werden konnte. In sogenannten Ranglisten wurden weiterhin in regelmäßigen Abständen die Namen aller Offiziere des hannoverschen Heeres veröffentlicht, mit dazugehöriger Dienststellung, Rang, Beförderungen und verliehenen Orden und Ehrenzeichen. Innerhalb des Offizierkorps, aber auch in der Öffentlichkeit waren dadurch Karriere und Ehrungen der Offiziere auf den ersten Blick und innerhalb der Vergleichsgruppe erkennbar. Aus Anfragen und schriftlichen Eingaben wurde die General-Ordens-Kommission im Laufe der Jahre auch auf zahlreiche Lücken in den Ordensstatuten oder Verleihungsbestimmungen aufmerksam gemacht, woraufhin auch Nachträge zu den Bestimmungen formuliert wurden. Einen solchen Fall gab es 1851 in Bezug auf die An- 623 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1547. 624 Ebd. 2. Bürokratie und Abwicklung. Die Aufgaben der General-Ordens-Kommission 155 zugsordnung. Damals kam die Frage auf, „auf welche Weise die Professoren der Landes-Universität und die Geistlichen, wenn sie in ihrer Amtskleidung, der Toga und dem Talare, erscheinen, den Guelphen-Orden zu tragen haben.“625 In den Statuten war ausdrücklich festgelegt, dass das Ritterkreuz und die vierte Klasse des Ordens im Knopfloch zu tragen waren. Da jedoch weder Toga noch Talar über ein Knopfloch verfügen, kam eben diese Frage auf. Hierzu wandte man sich an die preußische General-Ordens- Kommission, um zu erfahren, welche Regelung man in Preußen diesbezüglich getroffen hatte. Von dort aus hieß es, dass „die Kreuze der 3ten und 4ten Klassen [...] auf der Brust an dem Talar wie an Uniformen befestigt, getragen“ werden.626 Diese Bestimmungen waren zunächst nur für Angehörige des geistlichen Standes gedacht, jedoch auch von den Professoren von Hochschulen praktiziert. Daraufhin wurde diese Trageordnung noch im selben Jahr, nämlich am 17. Oktober 1851 per Nachtrag in die Ordensstatuten des Guelphen-Ordens aufgenommen.627 Auch Fragen bezüglich der Rangordnung bei Auszeichnungen wurden von der Kommission geklärt, was im Laufe der Jahre durch die vielen Neustiftungen und Erweiterungen vorkam. Der König selbst war sich nach der Stiftung des Ernst-August-Ordens nicht sicher, ob das Verdienstkreuz dieses Ordens Vorrang vor den Verdienstmedaillen hat oder nicht. Grundsätzlich wurde festgelegt, dass bei der Belohnung von Verdiensten mit Verdienstauszeichnungen mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen begonnen werden musste, um zur weiteren Anerkennung die Verdienstmedaillen als Steigerungsform verleihen zu können.628 Hier ergab sich das Problem, dass „bislang sehr viele Personen von aller Verleihung von Orden und Ehrenzeichen dadurch ausgeschlossen waren“629, weil sie gesellschaftlich zu weit hochgestellt waren, als dass sie die niedrigste Verdienstauszeichnung bekommen konnten. Daher legte die General-Ordens-Kommission am 24. April 1866 fest, „daß das Verdienst-Kreuz des Königlichen Ernst-August-Ordens solchen Personen zu verleihen ist, denen man nach ihrer äußeren Stellung eine Medaille nicht gut verleihen kann.“630 Damit war eine Art Quereinstieg in das Auszeichnungssystem möglich, der den Vorstellungen von gesellschaftlichem Rang des Beliehenen auch bei den Ehrenzeichen entsprechen sollte. Das Verdienstkreuz des Ernst-August- Ordens hatte somit den Vorrang vor den Verdienstmedaillen. Im Auftrag des Königs regelte die General-Ordens-Kommission auch den Einzug von Orden und Ehrenzeichen, wenn sie rückgabepflichtig waren oder wenn sich der Beliehene eines Vergehens schuldig machte, das mit dem Tragen einer Dekoration nicht vereinbar war. In den Ordensstatuten oder Verleihungsbestimmungen der jeweiligen Auszeichnung war festgehalten, ob die Dekoration aberkannt werden konnte, grundsätzlich war dies jedoch bei jeder Auszeichnung möglich. So stand etwa in den Statuten zum Ernst-August-Orden: „Sollte ein Ordens-Mitglied wider Erwarten eines Vergehens sich schuldig machen, so ist solches Uns von Seiten der General-Ordens-Com- 625 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 1705. 626 Ebd. 627 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3, Nachtrag 3, § 4. 628 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1503. 629 Ebd. 630 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 156 mission anzuzeigen und zu Unserer Königlichen Entscheidung zu verstellen, ob der Name eines solchen Mitgliedes in der Ordensliste zu streichen und die Ordens-Decoration ihm abzunehmen sein wird.“631 Auch für die Ehrenzeichen war eine mögliche Aberkennung geregelt. In einer Bekanntmachung des Kabinetts aus dem Jahre 1843 wurde beschlossen, dass „Sämmtliche Ehrenzeichen [...] in das Eigenthum der Empfänger übergehen“, diese aber „verlustig erklärt und zur Zurücklieferung der empfangenen Ehrenzeichen angehalten werden.“, sollte sich der Beliehene eines entehrenden Verbrechens schuldig machen oder auch nur wegen „schlechten Betragens“.632 Es oblag also dem Monarchen und Souverän eines Ordens, ob er einer Person einen Orden oder ein Ehrenzeichen aberkannte. Grundlage für diese Entscheidung war in der Regel die Verurteilung des Trägers durch ein Gericht, das „eine vollkommen legale Untersuchung geführt“ hat und diesen zu einer „Leibes- oder Lebensstrafe“ verurteilt hat.633 In der Handhabung der Aberkennung von Orden und Ehrenzeichen stimmten die Regularien im Königreich Hannover im Wesentlichen mit den preußischen Bestimmungen überein, die diesbezüglich bereits seit Jahrzehnten fester Bestandteil in den Statuten von tragbaren Auszeichnungen waren. Die Rechtsmittel müssen zum Zeitpunkt der Untersuchung und Vorlage durch die General-Ordens- Kommission beim König bereits ausgeschöpft gewesen sein.634 Der Autor Johann von Horn, der bereits 1823 ein Werk über den Guelphen-Orden publizierte, beschäftigte sich nicht nur ausgiebig mit der Frage der Aberkennung des Ordens, sondern auch mit dem Status der Ordensmitgliedschaft zwischen einer Anklageerhebung und der rechtskräftigen Verurteilung eines Beliehenen. Zu diesem Zeitpunkt gab es für den Guelphen-Orden jedoch kaum Beispiele für eine Aberkennung, da er kaum zehn Jahre existierte. So führte Horn verschiedene Erweiterungsstatuten preußischer und französischer Orden auf, die sich mit deren Aberkennung beschäftigten. So stellt Horn fest, dass im Jahre 1822 im Königreich Preußen eine Verordnung erlassen wurde, wonach „während des Arrestes der Gebrauch von ihm verliehenen Decorationen suspendiert seyn soll, daß also solange der Arrest dauert, Ordenszeichen nicht getragen werden dürfen.“635 Die Statuten des Guelphen-Ordens sagen hierzu jedoch nichts aus. Ebenso blieb die Frage ungeklärt, ob bei Aberkennung des Guelphen-Ordens auch Orden anderer Staaten zurückgegeben werden mussten, wenn der Träger denn mehrere besaß. Aus ordensrechtlicher Sicht sah Horn keine Grundlage für die Aberkennung und Einziehung ausländischer Orden durch den König von Hannover. Er könne lediglich die Trageerlaubnis für die fremdherrliche Dekoration entziehen, die er im Vorfeld gegeben hatte.636 Für die goldene Verdienstmedaille beschreibt Horn einen ganz konkreten Fall der Aberkennung und späteren Begnadigung des Beliehenen. Ein gewisser Rengstorff hatte diese Auszeichnung „wegen seines braven und patriotischen 631 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 4. 632 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1547. 633 Horn: Der Guelfenorden, S. 155. 634 Vgl. ebd. 635 Ebd., S. 157. 636 Vgl. ebd., S. 158. 2. Bürokratie und Abwicklung. Die Aufgaben der General-Ordens-Kommission 157 Betragens, während der französischen Occupation“ erhalten und hatte „dann aber einen Fehler begangen [...] in Rücksicht dessen ihm die verliehene Medaille wieder aberkannt wurde.“637 König Georg IV. begnadigte Rengstorff jedoch zu einem späteren Zeitpunkt, und zwar „ohne daß von dem Ministerium in Hannover eine Vorstellung dazu gemacht wäre.“638, sodass dieser schließlich eine neue goldene Medaille mit seiner Namensgravur erhielt. Der Autor erwähnt in diesem Zusammenhang, dass in Ordensangelegenheiten solche Begnadigungen und Wiederverleihungen von Auszeichnungen nicht selten waren.639 In jedem Fall mussten die Orden und auch ein Großteil der Ehrenzeichen nach dem Ableben des Beliehenen zurückgegeben werden. Diese Rückgabepflicht war in den Statuten des Ordens bzw. in den Verleihungsbestimmungen geregelt und umfasste nicht die Verleihungsurkunde, die als Andenken bei den Angehörigen verbleiben durfte.640 Die Umsetzung der Rückgabe, sprich die Einforderung durch die General- Ordens-Kommission, war sehr umständlich. Wenn die Angehörigen eines verstorbenen Trägers die Rückgabepflicht nicht zufällig kannten und die Dekoration zurücksandten, musste die Kommission die Meldungen über verstorbene Träger recherchieren und auswerten, um dann die Angehörigen anzuschreiben. Hierzu wurden Ämter und Landdrosteien aufgefordert „der Königlichen General-Ordens-Commission alljährlich im Anfange des Monats April eine Nachweisung über die im Laufe des verflossenen Jahres etwa eingetretenen Veränderungen (Versetzungen, Pensionirungen, Todesfälle) in dem Personale derjenigen Weggeld-Einnehmer, Wegbauaufseher, Amtsdiener, Polizeidiener, Gemeindevorsteher oder Bauermeister, sowie bei den nicht im Königlichen Dienste stehenden oder gestandenen Personen (z.B. Hofbesitzer, Gewerbetreibende), welche mit einer Medaille bzw. dem allgemeinen Ehrenzeichen decorirt sind, von hieraus übersandt werden. [...]“641 Dass diese Meldungen nicht lückenlos vollzogen wurden und in der Folge nicht jede rückgabepflichtige Auszeichnung von den Angehörigen eines verstorbenen Beliehenen auch tatsächlich zurückgegeben wurde, überrascht wenig. Die General-Ordens-Kommission war schon personell nicht so umfangreich aufgestellt, als dass man den Schriftwechsel und die Recherche hierzu hätte bewerkstelligen können. Lediglich bei prominenten Bürgern, von deren Tod man auch durch die Zeitung erfahren konnte, war die Wahrscheinlichkeit von der Kenntnisnahme hoch. Die zahlreichen heutzutage erhaltenen Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover zeugen davon, dass letztlich nicht alle Dekorationen zurückgegeben wurden oder auch von Angehörigen als Erinnerung gekauft wurden. Eine Überreichung der Ordensstatuten an den Beliehenen wie man es in anderen Ländern praktizierte, um auch auf die Rückgabe des Ordenszeichens aufmerksam zu machen, fand zumindest bis in die zwanziger Jahre im Königreich Hannover nicht statt. Die General-Ordens-Kommission musste 637 Ebd., S. 191. 638 Ebd., S. 192. 639 Vgl. Ebd. 640 Vgl. Ebd., S. 153. 641 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 74, Burgwedel Nr. 112. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 158 sich also größtenteils auf die freiwillige Rückgabe der Dekorationen verlassen, wie es z.B. im Jahre 1863 durch den Bruder eines Trägers des Guelphen-Ordens geschah. Dieser schrieb an die General-Ordens-Kommission: „Am 24ten d.M. November, abends 8 Uhr, starb hier mein Bruder, der Hauptmann a.D. Wilhelm Großschupff im Alter von 73 ¼ Jahren. Indem ich davon [...] Anzeige mache, berichte ich, daß derselbe die 4te des Königlichen Guelphenordens besaß, im Leben sich gern damit schmückte und nachließ. Irre ich nicht, dann sagte der Verstorbene, daß dieser Orden nach dem Tode zurückzugeben sei und auf diesen Fall offerire ich ihn hiermit und bitte unterthänig: [...] unter welcher Adresse ich denselben umgehend einsenden darf. [...]“642 Wesentlich leichter war es, die Rückgabe eines Ordens einzufordern, wenn der Beliehene mit einer höheren Klasse bedacht werden sollte. Die General-Ordens-Kommission hatte genaue Kenntnis darüber, welche Klasse eines Ordens ein Beliehener bereits hatte, um erneut ausgezeichnet zu werden, ggf. mit einer höheren Klasse. In diesem Fall verlieh man demjenigen eine höherwertige Klasse und forderte im Anschluss die Dekoration der niederen Klasse wieder zurück. Mitunter musste die Kommission sehr hartnäckig auf die Rückgabe drängen. So erhielt etwa der russische Collegien- Assessor Adrian von Fabricius im Jahre 1863 das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens und wurde im gleichen Zuge zur Rückgabe der zwei Jahre zuvor an ihn verliehenen vierten Klasse desselben Ordens aufgefordert.643 Erst nach wiederholter Aufforderung sei er dieser Pflicht schließlich nachgekommen. Für die im Ausland lebenden Träger von Auszeichnungen hatten die hannoverschen Behörden nur begrenzte Möglichkeiten eine Dekoration zurückzufordern, da sie sie dort in letzter Konsequenz nicht polizeilich konfiszieren konnten und stattdessen an das Ehrgefühl der Träger appellieren mussten. Neben den Aufgaben, die sich mit der Verleihung, Einziehung, Aberkennung und Neustiftung von Orden und Ehrenzeichen beschäftigten, sei auch noch die Zuarbeit zu wissenschaftlichen Projekten erwähnt. Im Jahre 1842 recherchierte der Publizist Ferdinand von Biedenfeld für eine Neuauflage seines zweibändigen Werkes Geschichte und Verfassung aller geistlichen und weltlichen, erloschenen und blühenden Ritterorden auch zu den hannoverschen Orden und Ehrenzeichen, weshalb er ein Gesuch an den König richtete und um die Zusendung der Statuten sowie zugehöriger Zeichnungen der Orden und Ehrenzeichen bat.644 Die Kommission koordinierte hierbei nach der Zustimmung des Königs die Zusammenfassung aller Statuten, Verleihungsbestimmungen und auch Zeichnungen mit der General-Adjutantur, in deren Besitz sich die Dokumente und Abbildungen für „das Wilhelmskreuz, die Wilhelms-Medaille und die beiden Kriegs-Denkmünzen für 1813 und für den Eintritt in die Legion“645 befanden. Bei Nichtverfügbarkeit einer Zeichnung empfahl die General-Ordens-Kommission sogar die Übersendung von Originalexemplaren samt zugehöriger Bänder der Auszeichnungen an Herrn von Biedenfeld. Die Verleihungsbestimmungen und Eh- 642 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48, Nr. 123. 643 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, S. 45. 644 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1547. 645 Ebd. 2. Bürokratie und Abwicklung. Die Aufgaben der General-Ordens-Kommission 159 renzeichen wurden sodann an den Autor geliefert, sodass dieser seine Auflage um die neu gestifteten hannoverschen Ehrenzeichen erweitern konnte. Die General-Ordens-Kommission beendete mit der Annektierung Hannovers durch Preußen im Jahre 1866 ihre Arbeit. Die Bestände der Kommission an Orden und Ehrenzeichen wurden zunächst durch preußische Behörden beschlagnahmt und später jedoch an die Exilregierung König Georgs V. zurückgegeben. Wer ab 1866 die teilweise sehr umfangreichen Verleihungen hannoverscher Orden und Ehrenzeichen administrativ abwickelte und vor allem auf welche Weise dies geschah, geht bislang aus den Quellen oder der Forschungsliteratur nicht hervor. Ins Exil wurde der König von einer Reihe von Offizieren, hohen Beamten und Getreuen begleitet, die dort in begrenztem Maße Aufgabe einer „Exilregierung“ wahrnahmen. Ein Oberstleutnant von Klenck, der nach 1866 wegen seiner Kuriertätigkeit zwischen Wien und Schloss Marienburg bei Hannover sogar einmal von der preußischen Polizei verhaftet wurde646, wird zumindest in einigen Quellen aus der Exilzeit im Zusammenhang mit der Weiterverleihung von Auszeichnungen wie beispielsweise der Langensalza-Medaille647 oder der Wilhelms-Medaille namentlich genannt.648 Die General-Ordens-Kommission war eine Behörde, die aus dem zunehmenden Bedürfnis der Verleihung von Orden und Ehrenzeichen im Königreich Hannover erwachsen war und die ein außerordentlich umfangreiches Aufgabengebiet zu betreuen hatte. Dies betraf im Wesentlichen die Vorlage von Verleihungsentscheidungen beim König, die anschließende Umsetzung der Verleihung, aber auch die Durchsetzung von Sanktionsmaßnahmen bei Fehlverhalten eines Beliehenen, sowie den Rückgabeprozess von Auszeichnungen nach dem Tode. Die Kommission stand in enger Verbindung mit den Juwelieren und Medailleuren und war für die zeitgerechte und ausreichende Verfügbarkeit von Orden und Ehrenzeichen verantwortlich und hatte dabei auch den Aspekt der Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen. Konzeptionell wirkte diese Behörde schließlich auch bei der Neustiftung von Auszeichnungen, vor allem im Bereich der Statuten, mit und realisierte im Auftrag des Königs regelmäßige Anpassungen und Neuauflagen von Verleihungsbestimmungen. 646 Vgl. Keil, Ernst (Hrsg.): Die Marienburg und ihre Herrin. In: Die Gartenlaube. Heft 27 (1867), S. 421-424. 647 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103, Nr. 417. 648 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103, Nr. 414. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 160 Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. Bei der Verleihung eines Ordens oder eines Ehrenzeichens wurden dem Beliehenen verschiedene Bestandteile übergeben, die mit der Verleihung der Auszeichnung zusammenhängen. Dazu gehörte die Ordensdekoration oder die Medaille, bzw. das Kreuz, die von einem Juwelier oder Medailleur hergestellt wurden. Diese wurden mit dem in einer Bandweberei gefertigten Ordensband in einem Verleihungsetui übergeben, für dessen Anfertigung wiederum eine Buchbinderwerkstatt verantwortlich war.649 Für Massenauszeichnungen wie Kriegsdenkmünzen oder Dienstehrenzeichen kam allein aus Kostengründen die Ausgabe in einem Etui nicht in Betracht. Je höher die Auszeichnung in der Hierarchie angesiedelt war, desto aufwändiger und teurer waren dabei die Etuis gefertigt. Auch in Form dieses Materials wurde eine Art Wertschätzung kommuniziert und der Beliehene konnte seinen Stellenwert unter den Verleihungen erahnen. Zu jeder Dekoration gehörte darüber hinaus ein Besitzzeugnis oder eine Verleihungsurkunde, die für den Beliehenen einen rechtlichen Nachweis der Verleihung darstellten und die nach dem Tod des Beliehenen stets im Besitz der Angehörigen blieben, da durch die namentlichen Eintragungen auf den Urkunden eine Wiederverwendung der Dokumente nicht möglich war. Die Urkunden wurden in Druckereien im Akzidenzsatz hergestellt.650 So kam für die Vergabe einer Auszeichnung ein Beziehungsgeflecht von Herstellern und Zulieferern zum Tragen, das sich bei mehreren hundert oder gar tausend Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen pro Jahr als durchaus nennenswerter wirtschaftlicher Faktor auswirkte. Darüber hinaus konnte man bei Juwelieren auch Ersatzstücke für verlorengegangene Medaillen oder Ordenszeichen erwerben, ebenso wie Bänder oder Miniaturen, die sich aufgrund des besseren Tragekomforts großer Beliebtheit erfreuten. War ein Bürger im Besitz mehrerer Auszeichnungen, ließen sich diese bei einem Juwelier zu einer Ordensschnalle zusammennähen. Die Kosten für diese Zusatzleistungen musste der Beliehene selbst tragen. Heute noch erhaltene improvisierte Trageeinrichtungen mit selbstvernähten Bändern und Sicherheitsnadeln als Befestigung zeugen davon, dass sich bei weitem nicht jeder Veteran oder Träger einer staatlichen Auszeichnung sich diese Präsentationsform seiner Dekorationen leisten konnte oder wollte. Vor der Herstellung eines Ordenszeichens bzw. einer Medaille oder eines Kreuzes wurde durch die Statuten und Verleihungsbestimmungen dessen Aussehen festgelegt. Der König bestimmte die spezielle Form des Kreuzes, ggf. die Farbe der Emaillierung, Aufschriften, auch die Medaillons und die Arten der Überhöhung des Kreuzes. Die Fürsten anderer deutscher Staaten lieferten gar „von eigener Hand eine Ideenskizze mit“651 und überließen dem Hofjuwelier oder auch bekannten Architekten und Künstlern, wie etwa Karl Friedrich Schinkel im Fall des Eisernen Kreuzes, dann die 3. 649 Vgl. Herfurth: Handbuch der Phaleristik, S. 229. 650 Vgl. ebd. 651 Ebd., S. 229. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 161 endgültige Formgestaltung.652 Danach fertigte die beauftragte Firma Probeexemplare an, die vom Souverän begutachtet und ggf. bestätigt wurden, wobei es auch in kleinen Details noch zu Änderungen kommen konnte. So fertigte der Medailleur Brandt aus Berlin im Mai 1840 einen Stempel zur Silbernen und Goldenen Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art mit dem Bildnis des Königs Ernst August von Hannover an. Dieser war mit seinem Porträt, bei dem Schnurr- und Backenbart des Königs nicht einander stoßen, offensichtlich nicht zufrieden, sodass Brandt „im September 1840 einen neuen Stempel vollendete, bei welchem Schnurr- und Backenbart zusammenstoßen.“653 Waren solche Feinheiten schließlich abgestimmt, konnte mit der Herstellung einer Fertigungsserie begonnen werden. Die Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover wurden von vielen verschiedenen Medailleuren und Juwelieren hergestellt. Die Goldarbeiter Carl Zell (seit 1841) und Carl Büsch (seit 1863) waren offizielle Hofjuweliere, was jedoch nicht bedeutete, dass sie alleiniges Privileg bei der Herstellung und Lieferung hatten.654 Mit der Anfertigung des St. Georgs-Ordens wurden zum Beispiel zwei Juweliere beauftragt, nämlich Carl Zell in Hannover und die Firma Hossauer in Berlin. Letzterer konnte den Orden zu einem Gesamtpreis von 85 Reichstalern und 5 Mariengroschen anbieten, während Zell nur 74 Reichstaler und 20 Mariengroschen verlangte und deswegen der Hauptlieferant dieser Dekoration war, auch wenn bei Hossauer mindestens 12 Kreuze gekauft wurden.655 Ausländische Hersteller wurden immer wieder mit der Anfertigung von Orden und Ehrenzeichen beauftragt, so etwa die Firmen A LA GER- BE D’OR und Chabot aus Paris, die Firma Rundell Bridge & Rundell in London oder der Goldarbeiter Rothe und Neffe in Wien für den Guelphen-Orden.656 Häufig ließen sich diese Aufträge an ausländische Firmen auch vor dem Hintergrund politischer oder dynastischer Bündnisse erklären. So wurden die frühen Auszeichnungen Hannovers im Zuge der Befreiungskriege und auch danach in den zwanziger Jahren aufgrund der herrschenden Personalunion noch häufig in Großbritannien hergestellt, während die Dekorationen nach 1866 im österreichischen Exil gefertigt wurden. Der Guelphen-Orden war durch seine über fünfzigjährige Verleihungszeit sehr variantenreich, da er von bis zu zwölf verschiedenen Herstellern gefertigt wurde.657 Das Ordenszeichen, das in seiner Größe je nach Klasse unterschiedlich groß war, bestand aus einem nicht emaillierten Malteserkreuz mit Kugelspitzen. Die niedrigste Klasse war dabei aus Silber, alle höheren Klassen aus Gold gefertigt. Zwischen den Kreuzarmen befinden sich stehend seitwärts blickende Löwen, die zusammen mit dem weißen Sachsenross im rotemaillierten Medaillon gängige Symbole der Welfendynastie zum Ausdruck bringen.658 Der herschauende Löwe, der in der deutschen 652 Vgl. ebd. 653 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 15 und 16. 654 Vgl. ebd., Unterkapitel „Hersteller des Guelphen-Ordens, Kapitel 3. 655 Vgl. ebd., Kapitel 2. 656 Vgl. ebd., Unterkapitel „Anfertigung des Guelphen-Ordens, Kapitel 3. 657 Vgl. ebd. 658 Vgl. ebd. Abbildungen des Guelphen-Ordens 3.5 – 3.10. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 162 Heraldik auch als Leopard bezeichnet wird659, spielt sowohl auf das welfische Stammland des Fürstentums Lüneburg als auch das Herzogtum Braunschweig an, während das Sachsenross den Anspruch der Welfen auf eine Vorrangstellung im ehemals mittelalterlichen, sächsischen Raum bekräftigt.660 Im Medaillon des Guelphen-Ordens befand sich als blauemaillierter Schriftreif die Ordensdevise NEC ASPERA TER- RENT („Widrigkeiten schrecken nicht“), die gleichzeitig auch der Wahlspruch der Welfen gewesen war. Umgeben war dieser Schriftzug von einem grünemaillierten Lorbeerkranz, ein damals wie heute weit verbreitetes Symbol des Sieges, welches insbesondere vor dem Hintergrund des Sieges über Napoleon im Stiftungsjahr des Ordens 1815 als solches gedeutet werden kann. Die Rückseite des Medaillons zeigt in einem ebenfalls grünemaillierten Lorbeerkranz das hochpolierte Stiftungsdatum MDCCCXV als Schriftreif sowie die doppelt verschlungenen Initialen des Stifters „GR“ unter der Königskrone. Die Militärabteilung des Ordens ist an den beiden gekreuzten Schwertern zwischen den oberen Kreuzarmenden und der großen Königskrone unterhalb des Rings erkennbar.661 Im Vergleich zu anderen deutschen Orden wies der Guelphen-Orden auch in den höheren Klassen einen relativ großen Anteil an Edelmetallen in seiner Erscheinung auf, während etwa beim sächsischen Albrechtsorden, dem preußischen Kronenorden oder dem Orden der Württembergischen Krone der Anteil an Emaille überwog. Bei der Stiftung des zweiten hannoverschen Verdienstordens, dem Ernst-August-Orden fand in dieser Hinsicht, wohl auch aus Kostengründen, eine Anpassung statt. Der im Jahre 1865 von König Georg V. gestiftete Orden zeigt nämlich ein weißemailliertes Malteserkreuz, bei dem nur noch die Kugelspitzen, die Kronen zwischen den Kreuzarmen und schließlich die Kreuzkanten aus Gold bzw. Silber bestehen.662 Das Motto des Ordens lautete SUSPICERE ET FINIRE („In Angriff nehmen und zu Ende führen“) und befindet sich als Schriftreif im Medaillon, indessen Mitte die verschlungenen Initialen des Namenspatrons König Ernst August „EA“ zu lesen sind. Auf der Rückseite des Medaillons befinden sich wiederum die Initialen des Stifters König Georg V „GRV“, umgeben von einem Schriftreif mit dem Stiftungsdatum DEN. XV. DE- CEMBER. MDCCCLXV. Der grundsätzliche Aufbau beider Verdienstorden ist sehr ähnlich, was etwa die Form des Malteserkreuzes angeht, als auch die Gestaltung der Medaillons mit Stiftungsdatum und Initialen der Stifter und zuletzt der Platzierung eines Herrschaftssymbols zwischen den Kreuzarmen. Der wesentliche Unterschied liegt in dem Verhältnis zwischen Emaille und Gold bzw. Silber in der Gestaltung des Ordenszeichens, was neben den Kostengründen auch mit der Erkennbarkeit als Orden zu tun haben mag. Emaille war seit der Mitte des 19. Jahrhundert das Material, an dem ein Orden in Unterscheidung zum Ehrenzeichen ganz eindeutig zu erkennen war. 659 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 50. 660 Vgl. ebd. 661 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.1. ff. 662 Vgl. ebd, Kapitel 4. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 163 Die Auszeichnungsmedaillen des Königreichs Hannover waren in ihrem Aufbau und der symbolischen Ausgestaltung grundsätzlich sehr ähnlich beschaffen. Die beiden ersten gestifteten Medaillen, die Guelphen-Ordens-Medaille und die Verdienstmedaille, geben diese exemplarische Form vor, die bei der Schaffung der meisten nachfolgenden Medaillen beachtet wurde. Den Stempel für eine Medaille, also die Vorlage durch die hunderte oder gar tausende Medaillen gleichen Typs geprägt wurden, fertigte ein Stempelschneider an. Oftmals befand sich eine Signatur dieses Medailleurs auf der Vorderseite des Stempels, etwa am Rand oder im Halsabschnitt des Porträts. Bei der Guelphen-Ordens-Medaille wurde sogar die Vorder- und die Rückseite des Stempels jeweils von einem anderen Stempelschneider geschnitten, nämlich von Wyon aus London und Loos aus Berlin.663 Die Vorderseite der silbernen Medaille zeigt den nach rechts gewandten Stifter Georg IV. in einer antiken Darstellung mit Siegeskranz. Diese Stilisierung ist sehr ungewöhnlich für die Zeit der Befreiungskriege. Lediglich Napoleon wurde auf der Sankt Helena-Medaille, der offiziellen französischen Kriegs-erinnerungsmedaille für die Kriege bis 1815 von 1857, und im Medaillon des Ordens der Ehrenlegion mit dem Lorbeerkranz auf dem Kopf dargestellt. Au- ßerdem findet man eine solche Darstellung des österreichischen Kaisers Franz-Josef I. auf der Denkmünze für die Tiroler Landesverteidiger 1849 und 1866, der Prager Bürgerwehrmedaille 1866 und der Kriegsmedaille 1873. In beiden Fällen lässt sich die Darstellung wohl mit dem Anspruch auf ein Weltreich begründen, wie man es im Römischen Reich der Antike idealisiert sah. Auch die englische und hannoversche Waterloo-Medaille, die ebenfalls von Georg IV. gestiftet wurde, zeigt den Regenten in dieser antiken Darstellungsweise, wobei der er auf der englischen Medaille nach links schaut. Interessant ist, dass bei den hannoverschen Ehrenzeichen mit dem Bildnis Georgs IV. die cäsarische Darstellung durch die Andeutung einer Toga unterhalb des Halses sogar noch hervorgehoben wurde.664 Die Darstellungen seiner Nachfolger als Könige von Hannover verzichteten auf den Bezug zur Antike. Üblich war das nach rechts gerichtete Konterfei des jeweiligen Königs mit Ausnahme der Langensalza-Medaille von 1866. Auf dieser schaut König Georg V. ausnahmsweise nach links. Ob dieser Veränderung eine besondere Bedeutung innewohnt oder ob der Medailleur Jauner aus Wien die Blickrichtung ohne Bedacht wählte, bleibt unklar. Der Stempel mit den entsprechenden Porträts der Herrscher wurde bei allen zutreffenden Ehrenzeichen regelmäßig geändert, wobei eine Änderung nicht automatisch mit dem Regierungsantritt eines neuen Königs vorgenommen wurde. So verlieh man zu Beginn der Regierungszeit König Wilhelms IV. noch mindestens ein weiteres Jahr die Verdienstmedaillen mit dem Bildnis Prinz-Regent Georgs.665 Unter König Georg V. wurden sogar sämtliche Medaillen (Verdienstmedaillen, Wilhelms-Medaillen, Goldene Ehren- Medaille für Kunst und Wissenschaft und Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr) mit dem Porträt seines Vorgängers weiterverliehen. Eine Veränderung des Stempels 663 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.10.2. 664 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Darstellungen 3.10., 5.1. und 5.2. im Bilderteil am Ende des Werkes. 665 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 12 und 13. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 164 wurde unter ihm zu keinem Zeitpunkt veranlasst. Dagegen wurde in der Regentschaft von Ernst August bei der Goldenen und Silbernen Verdienstmedaille gleich dreimal der Stempel mit seinem Bildnis verändert. Unterschieden wird hier der „kleinere Kopf “ (verliehen 1841-46), der „jüngere Kopf “666 sowie der „größere Kopf “ (1846-66, sowie darüber hinaus im Exil verliehen).667 Wesentliche Unterschiede in der äußeren Erscheinung der Köpfe sind vor allem im Haar- und Bartwuchs des Regenten zu finden, so auch bei der Goldenen Ehren-Medaille für Kunst und Wissenschaft zweiten Typs, die die älteren Gesichtszüge von Ernst August zeigt, mit starkem Backenbart und herabhängendem Schnurrbart im Gegensatz zum geschwungenem Schnurrbart des ersten Typs.668 Das 1841 gestiftete Allgemeine Ehrenzeichen in den Abteilungen für Militärverdienst und für Zivilverdienst zeigt dagegen kein Porträt des Stifters, sondern lediglich die ineinander verschlungenen Initialen des Stifters „EAR“ mit der darüber befindlichen hannoverschen Königskrone. Auf der Rückseite der Medaille befindet sich die jeweilige Zweckinschrift KRIEGER / VERDIENST (für Militärangehörige) bzw. VER- DIENST / UMS / VATERLAND (für Zivilisten). Letztere Inschrift ist von einem Eichenkranz umgeben, während das Allgemeine Ehrenzeichen für Militärverdienst auf der Rückseite den bei militärischen Ehrenzeichen häufig vorkommenden Lorbeerkranz zeigt. Der Verzicht auf ein Konterfei des Königs bot den Vorteil, den Medaillenstempel länger nutzen zu können und nicht mit dem Regierungsantritt eines neuen Monarchen ändern zu müssen. Allerdings konnte das Fehlen des Konterfeis bei einer Medaille auch ein Anzeichen für die gesellschaftliche Stellung des Beliehenen sein. Die niedrigsten Verdienstauszeichnungen einiger deutscher Staaten trugen anstelle eines Portraits des Herrschers nur dessen Initialen, so etwa das preußische Allgemeine Ehrenzeichen, die preußische Kriegerverdienstmedaille, die vorrangig an niedere Chargen befreundeter Armeen zur Verleihung kam, die Verdienstmedaille des Fürstentums Reuß, die sächsische Friedrich-August Medaille oder auch die Ehrenmedaillen der beiden Fürstentümer Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg-Rudolstadt. Anhand von konkreten Quellen lässt sich die Absicht, den sozialen Status eines Beliehenen über die Gestaltung der Vorderseite einer Medaille hervorzuheben, jedoch nicht belegen. Bei den beiden Kriegsdenkmünzen Hannovers für die Befreiungskriege wurde ebenfalls auf ein Porträt verzichtet. Sie zeigen stattdessen jeweils ein Tatzenkreuz, das sich allerdings in der äußeren Form voneinander unterscheidet, mit den mittig geprägten Initialen des Stifters „EAR“. Die Kriegsdenkmünze für die im Jahre 1813 freiwillig in die hannoversche Armee eingetretenen Krieger zeigt ein etwas breiteres Kreuz, das an die Form des Eisernen Kreuzes von 1813 erinnert. Dieses Symbol fand auch außerhalb des Königreichs Preußen bei der Gestaltung von Ehrenzeichen und Kriegsdenkmünzen ab 1813 in teilweise abgewandelter Form immer wieder Anwendung, so etwa beim Ehrenkreuz 666 Für diesen Typ wird bei Thies/Hapke kein Verleihungszeitraum angegeben. 667 Vgl. ebd., Kapitel 12 und 13. 668 Vgl. ebd., Kapitel 17. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 165 für die Offiziere der Linie (Freie Stadt Frankfurt), dem Ehrenkreuz für die Feldzüge 1814 und 1815 (Fürstentümer Reuß) oder auch dem Feldzugskreuz 1813-1815 (Herzogtum Anhalt-Dessau). So gewann das Symbol überregionale Bedeutung, was die Erinnerung an die militärischen Siege der Jahre 1813-15 angeht. Die hannoversche Kriegsdenkmünze für die bis zum Abschluß des Ersten Pariser Friedens 1814 freiwillig in die Königlich-Großbritannisch-Deutsche Legion eingetretenen Krieger669 weist dagegen ein in der Zeichnung etwas schlanker gehaltenes Kreuz auf. Hier wäre ein Bezug zum britischen Georgskreuz denkbar, das eine jahrhundertelange Tradition vorweist und dessen ähnliche Form beispielsweise bei der gleichnamigen, im Jahre 1940 gestifteten britischen Tapferkeitsauszeichnung oder der Flagge Maltas Verwendung findet. Hinweise auf diese mögliche Intention oder auf den Grund, warum die Kreuze auf den Kriegsdenkmünzen überhaupt unterschiedlich gestaltet wurden, liegen nicht vor. Dafür ergibt sich bei den beiden Kriegsdenkmünzen Hannovers eine andere materielle Besonderheit. Die Medaillen waren nämlich aus der Bronze eroberter französischer Geschütze gefertigt.670 Diese Art der Herstellung war einerseits sehr kostengünstig, da das Material nicht mehr gekauft werden musste, sondern bereits vorhanden war und nur noch eingeschmolzen wurde. Weiterhin hatte das Material durch die Wiederverwertung der Kanonen einen hohen symbolischen Wert. Die Veteranen hatten dadurch die Möglichkeit, ihre Kriegserinnerungen fassbar, ja regelrecht berührbar zu machen, da die Medaillen durch das Material wie sie selbst im Krieg zugegen waren. Marian Füssel beschreibt diese Form der „Einverleibung der Erinnerung“671 auch im Zusammenhang mit der Schlacht von Waterloo, als sich noch Jahre nach dem Krieg die Zähne der getöteten Soldaten dieser Schlacht als Zahnersatz großer Beliebtheit erfreuten672 oder auch nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, als Granatsplitter und Kanonenkugeln zu Souvenirs verarbeitet wurden und so den Status einer Reliquie der Reichseinigung erreichten. Die ursprüngliche Idee zur Verarbeitung von Geschützbronze für Ehrenzeichen hatte man in Preußen. Die hier gestifteten Kriegsdenkmünzen 1813-15 waren aus eben jenen erbeuteten französischen Kanonen geprägt worden und hatten zur Kennzeichnung die Randschrift AUS EROBERTEM GESCHÜTZ vertieft eingeprägt.673 Andere deutsche Staaten folgten dieser Herstellungsvariante, so etwa die Fürstentümer Reuß mit dem Ehrenkreuz für die Feldzüge 1814 und 1815 (1814), das Herzogtum Braunschweig mit der Waterloo-Medaille (1818) das Kurfürstentum Hessen- Kassel mit der Kriegsdenkmünze 1814-1815 (1821), das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin mit der Kriegsdenkmünze 1808-1815 (1841) sowie schließlich das Königreich Hannover mit den beiden genannten Kriegsdenkmünzen, ebenfalls im Jahr 1841. Eine Randinschrift mit dem Hinweis auf die Geschützbronze, wie es die preußischen Medaillen hatten, gab es bei den hannoverschen Ehrenzeichen jedoch nicht. Des Weiteren bleibt auch die Frage offen, wo die Geschütze für die Prägung der Me- 669 Vgl. Hessenthal/Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 147. 670 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10 und 11. 671 Füssel: Waterloo 1815, S. 102. 672 Vgl. ebd. 673 Vgl. Hessenthal/Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 369. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 166 daillen herkamen. Angesichts der Tatsache, dass beide Kriegsdenkmünzen Hannovers mehrere tausend, wenn nicht sogar zehntausend Mal zur Verleihung kamen, muss doch eine große Anzahl französischer Geschütze zur Verfügung gestanden haben. Ob sich diese Geschütze vollständig in hannoverschem Besitz befanden oder ob erbeutete französische Geschütze von anderen Ländern gekauft werden mussten, darüber gibt es in der Forschungsliteratur bisher keine Hinweise. Bei der überwiegenden Zahl der Verdienstmedaillen und auch einigen Kriegsauszeichnungen des Königreichs Hannover waren darüber hinaus die Namen der Träger in den Medaillenrand graviert. Diese Personalisierung der Ehrenzeichen war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch weit verbreitet, so etwa bei der Waterloo-Medaille und Rettungsmedaille des Herzogtums Braunschweig674, der Kriegsdenkmünze für 1808-1815 des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin675, der Militär-Verdienstmedaille des Fürstentums Schaumburg-Lippe von 1850 oder auch dem Allgemeinen Ehrenzeichen des Großherzogtums Hessen in den ersten Jahren seiner Ausgabe.676 In Hannover fand die Prägung der Namen in den Medaillenrand nicht nur vereinzelt, sondern systematisch bei den folgenden Ehrenzeichen statt677: – Guelphen-Ordens-Medaille (Dienstgrad, Name und Truppenteil des Beliehenen) – Waterloo-Medaille (Name, Dienstgrad und Truppenteil) – Goldene und Silberne Verdienstmedaille (Stand bzw. auch Beruf, Name, manchmal der Wohnort) – Allgemeines Ehrenzeichen für Zivil-, bzw. Militär-Verdienst (Vor- und Zuname, Beruf oder Dienstgrad) – Goldene Wilhelms-Medaille (Vor- und Zuname, manchmal der Dienstgrad) – Goldene und Silberne Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art (Name) – Goldene Ehren-Medaille für Kunst und Wissenschaft (Name und ggf. akademischer Grad) – Verdienst-Medaille für Rettung aus Gefahr (Name) – Langensalza-Medaille (Vor- und Zuname) Diese Namensgravuren stellten eine besondere Beziehung zwischen dem Beliehenen und dem Ehrenzeichen her. Der Träger wurde so zu einem haptischen Element der Medaille, genau wie es das Porträt des Königs war oder die Zweckinschrift auf der jeweiligen Rückseite. Der Beliehene und die Dekoration waren also nicht mehr beliebig austauschbar, sondern einander zugeordnet, auch über den Tod des Trägers hinaus. Insbesondere aus heutiger Sicht tritt die Auszeichnung als bloßes Artefakt aus ihrer Anonymität heraus und lässt sich mit ihrem Träger in ganz konkrete Verbindung setzen. Bei höherrangigen Beliehenen oder auch wenn der Herkunftsort noch eingraviert wurde, lassen sich heutzutage durchaus Recherchen über die Person anstellen, was die Medaille zu einem besonderen Forschungsobjekt macht. Nachteil der Gravu- 674 Vgl. Finkam: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen, S. 7ff. 675 Vgl. Hessenthal/Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 243. 676 Vgl. Ebd., S. 164. 677 Vgl. ebd., Kapitel 3 – 20. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 167 ren waren übrigens die zusätzlichen Kosten der Prägungen und die aufwändige Wiederverwendung der Medaillen. Auch sehr gut erhaltene, rückgabepflichtige Ehrenzeichen konnten wegen der Namensgravur nicht ohne weiteres weiterverliehen werden. Sie mussten eingeschmolzen, neu geprägt und mit einer Gravur versehen werden. Sollte ein Beliehener seine Auszeichnung verloren haben, so war es möglich, sich eine Ersatzmedaille bei einem Medailleur anfertigen zu lassen. Die Kosten für die Prägung und die Gravur hatte der Betreffende dann selbst zu zahlen.678 Ebenso wie bei den Ordenszeichen und Medaillen folgte auch die Gestaltung der dazugehörigen Bänder Traditionslinien, die über Jahrzehnte immer wieder aufgegriffen wurden. Im Deutschland-Katalog 2007/2008 Orden & Ehrenzeichen 1800-1945 von Jörg Nimmergut werden für das Königreich Hannover mit allen Ordensklassen, Modellen und Typen 62 Auszeichnungen angegeben, davon waren lediglich die Medaille für die Verteidigung Gibraltars679 sowie die Silberne und Goldene Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art680 nicht tragbar. Für alle anderen Orden und Ehrenzeichen gab es nur sieben unterschiedliche Farbkombinationen für die Bänder, wobei sich diese auch bei gleichen Farben noch durch verschiedene Abmessungen voneinander unterschieden. Weiße Bänder mit gelben Seitenstreifen kamen bei den beiden 1841 gestifteten Kriegsdenkmünzen für 1813, dem Allgemeinen Ehrenzeichen für Militärverdienst und der Langensalza-Medaille von 1866, also ausschließlich militärischen Auszeichnungen, zur Verleihung. Die Farben Gelb und Weiß gehen wahrscheinlich auf traditionelle Uniformbestandteile, wie etwa Hutschnüre und Schärpen, der hannoverschen Armee zurück und haben somit auch einen militärischen Hintergrund.681 Als Landesfarben wurden sie erst im Jahre 1821 anlässlich des Besuches von König Georg IV. in Hannover festgelegt.682 Dies würde auch erklären, warum beispielsweise das Band der 1817 gestifteten Waterloo-Medaille, die ja ebenfalls eine militärische Auszeichnung war, noch nicht die Farben Gelb und Weiß zeigt. Für Monarchien waren nur zwei Landesfarben üblich, da man sich der Tradition der Dreifarbigkeit, die bei Republiken und demokratischen Bewegungen zum Tragen kam, auch äu- ßerlich bewusst entgegenstellen wollte.683 Die zunächst kaum beachteten neuen Landesfarben erlangten erst mit der Thronbesteigung König Ernst Augusts zunehmende Popularität. Vor allem die Aufhebung der Personalunion mit Großbritannien und die damit einhergehende Eigenständigkeit des Königreichs Hannover führten zu einer identitätsstiftenden Wirkung der Landesfarben Gelb und Weiß und deren vermehrte Erscheinung in der Öffentlichkeit: „Auf seine Anordnung hin wurden Grenzpfähle, Schlagbäume, Fahnenstangen und andere Hoheitszeichen gelb und weiß gestrichen, und 678 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 212. 679 Genaugenommen handelt es sich dabei nicht um eine Auszeichnung des Königreichs Hannover, da die Medaille 1785 durch König Georg III. von Großbritannien, der in Personalunion auch Kurfürst von Hannover war, gestiftet wurde. Vgl.: Poten, v.: Die althannoverschen Überlieferungen des Infanterie-Regiments von Voigts-Rhetz (3. Hannoversches) Nr. 79. Berlin 1903. S. 36f. 680 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 15 und 16. 681 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 51. 682 Vgl. ebd. 683 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 168 schon bald setzte sich diese Farbgebung auf allen Gebieten der öffentlichen Festschmückung und der Darstellung staatlicher Souveränität durch.684 Auch nach 1866 wurden die Farben Gelb und Weiß auf dem Territorium des ehemaligen Königreiches Hannover weiterverwendet. Im Jahre 1882 wurden sie zu offiziellen Farben der preußischen Provinz Hannover und auch heutzutage haben sie diesbezüglich noch einen militärischen Bezug, so findet man die Farben beispielsweise auch im Wappen der 1.Panzerdivision, deren Stab bis 2015 in Hannover stationiert war und seitdem in Oldenburg beheimatet ist. Ein anderes Band, das bei verschiedenen hannoverschen Orden und Ehrenzeichen zur Verleihung kam, war das rote Band mit blauen Seitenstreifen. Dieses kam bei der Waterloo-Medaille, dem Wilhelmskreuz, den Wilhelmsmedaillen und dem Ernst-August-Orden zur Verwendung. Ursprünglich wurde so ein Band zu mehreren britischen Kriegsaus-zeichnungen verliehen, so etwa bei der Military General Service Medal (1793-1814), dem Army Gold Cross und der Army Gold Medal (jeweils 1806-1814) und der Waterloo-Medal (1815). Über die Waterloo-Medaille, die ja zwei Jahre später vom selben König auch für Hannover gestiftet wurde, gelangte dieses „Militärband“ in das Auszeichnungssystem des Königreichs. Mit der militärischen Tradition der Farben Rot und Blau wurde dann erst durch die Stiftung des Ernst-August-Ordens im Jahre 1865 gebrochen. Dieser Orden wurde nämlich übergreifend für Militär- und Zivilverdienste verliehen. Ein hellblaues Band kam für die Klassen des Guelphen-Ordens zur Verleihung, einschließlich der dem Orden angeschlossenen Guelphen-Ordens-Medaille und der Verdienstmedaillen in Silber und Gold. Eine konkrete Verbindung zu Großbritannien lässt sich nur sehr schwer nachweisen. Zwar gab es mit dem 1783 gestifteten britisch-irischen Order of Saint Patrick einen Orden, der ein hellblaues Band hatte und dessen Ritter eine hellblaue Robe trugen, jedoch sind blaue Bänder so häufig für Orden verwendet worden, dass sich hier eine mögliche Traditionslinie nicht mit Bestimmtheit verfolgen lässt, obwohl König Ernst August von Hannover auch Ritter dieses Ordens war. Alle anderen Bänder von hannoverschen Auszeichnungen waren Farbkombinationen, die vermutlich nur zur Unterscheidung von den bereits genannten gewählt wurden, wie etwa beim Band für die Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr (blau/orange), dem Allgemeinen Ehrenzeichen für Zivilverdienst (schwarz/gelb/weiß) oder der Verdienstmedaille für besondere Verdienste aller Art (dunkelblau). Durch die Bänder ließen sich die Orden und Ehrenzeichen Hannovers durchaus in eine Systematik einordnen. So war ein militärisches Ehrenzeichen durch die gelb-weiße oder rot-blaue Farbe des Bandes als solches erkennbar, ebenso eine Verdienstauszeichnung durch das hellblaue Band. Des Weiteren erleichterten die farbigen Bänder auch die Identifikation der Auszeichnungen, denn die meisten Medaillen zeigten auf der für jedermann sichtbaren Vorderseite das Porträt des Regenten. Die Zweckinschrift, die die Art der Auszeichnung definierte (z.B. FÜR RETTUNG AUS GEFAHR oder VERDIENST UMS VATERLAND), befand sich dagegen auf der Rückseite, die für den Betrachter ja nicht zu sehen war. 684 Ebd. 3. Das materialisierte Zeichen der Ehre. Medaillen, Bänder und Symbole. 169 In den Memoiren des ehemaligen hannoverschen Veteranen Friedrich Freudenthal aus dem Jahre 1895 lässt sich dieser Wiedererkennungswert sogar exemplarisch nachweisen. Freudenthal erinnert sich dabei an einen Waterloo-Veteranen zurück, dem er regelmäßig im dörflichen Milieu seiner Kindheit begegnet war: „...und noch oft sehe ich ihn im Geiste vor mir, wie einst in seiner dürftigen Behausung, oder ich sehe ihn in der kleinen Dorfkirche auf gewohntem Platze, wo er allsonntäglich zu sitzen pflegte in verschlissenem, ärmlichen Gewande zwar, aber mit der silbernen Waterloo-Medaille am blau-rothen Bande auf der Brust.“685 Neben der silbernen Medaille sind es die Farben des Bandes, die ausdrücklich genannt werden und die dem Erzähler auch nach Jahrzehnten noch immer in Erinnerung geblieben sind. Doch nicht nur die Bänder, auch die Orden und Ehrenzeichen wiesen in ihrer äußeren Gestaltung Merkmale auf, die in den zahlreichen über Jahrzehnte erfolgten Neustiftungen immer wieder aufgegriffen wurden und sich zu Traditionen verdichteten. Diese ikonographischen Gemeinsamkeiten sorgten für einen hohen Wiedererkennungswert innerhalb der Gruppe der Beliehenen und auch der Bevölkerung, was für den ideellen Wert einer Auszeichnung von großer Bedeutung war. So gewann sie über Generationen hinweg großes Ansehen und Prestige, sodass sowohl der Souverän als auch der Beliehene schließlich Nutznießer im Prozess des Auszeichnens waren.686 685 Freudenthal: Erinnerungen, S. 9. 686 Vgl. Stagl: Zur Soziologie des Auszeichnungswesens, S. 177ff. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 170 Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. Dass die militärischen Ereignisse, die im Juni 1815 in verschiedenen kleinen Ortschaften südlich von Brüssel auf einer Fläche von etwa 30 Quadratkilometern stattfanden, sich im Laufe von 200 Jahren zu einem europäischen Mythos unter der Bezeichnung Schlacht von Waterloo verdichteten, ist in der modernen Geschichtswissenschaft umfangreich beschrieben worden. Die unmittelbar nach der Schlacht einsetzende kulturelle Reproduktion des Ereignisses führte zu einem regelrechten „Sakralisierungs-prozess“687, der teilweise bis heute anhält. Während die Erinnerungskultur dabei von verschiedenen Medien, wie etwa Denkmälern, Gemälden, Straßennamen oder Literatur in anonymer Art und Weise lebendig gehalten wurde und wird, boten tragbare Erinnerungsmedaillen neben Zeitzeugenberichten die Möglichkeit, eine persönliche Zuordnung zwischen den militärischen Ereignissen und dem Teilnehmer der Schlacht herzustellen. Der Veteran erhielt also durch sein Ehrenzeichen den nach außen hin für jeden erkennbaren staatlichen Nachweis, dass er als Soldat an der Schlacht von Waterloo teilgenommen hatte. Welche Wirkung das auf seine soziale Umgebung haben konnte, zeigen einmal mehr die Memoiren des Friedrich Freudenthal. Die beiden „Waterlooer“ im Dorf seiner Kindheit sind dem späteren niederdeutschen Heimatschriftsteller gut in Erinnerung geblieben: „Ich besuchte den alten Vater Hans Jürgen W. [...] in seinem kleinen ärmlichen Altentheilstübchen, das er mit seiner auch schon betagten Ehegenossin bewohnte. [...] Er wandte bei seinen Erzählungen nicht die geringsten rednerischen Kunstfertigkeiten oder Gesten an, wie man sie selbst bei Erzählern aus dem Volke häufig findet [...] und doch, wie wirksam waren die einfachen Schilderungen der blutigen Kämpfe in jenen ruhmreichen Tagen von Quatrebras und Waterloo.“688 Trotz des niedrigen sozialen Status des alten Veteranen, der ja sonntäglich nur „in verschlissenem, ärmlichen Gewande“689 in der Kirche saß, genoss er dennoch großes Ansehen beim Erzähler – durch seine silberne Waterloo-Medaille, die er trug: „Noch andere alte Veteranen, von der Göhrde und Waterloo, lernte ich in meiner Jugend kennen, ja sogar ein alter Legionär war darunter, der die Feldzüge in Spanien und Portugal mitmachte. Sie alle trugen durch ihre Erzählungen dazu bei, daß das Vaterlandsgefühl in mir mächtig erstarkte und später in meinem ganzen Lebensgange stets eine vorherrschende Stellung behauptete.“690 Sicherlich sind diese Beschreibungen auch vor dem Hintergrund der Veröffentlichung Freudenthals zu sehen, denn diese konzentriert sich ja auf seine Erlebnisse als Soldat im Krieg gegen Preußen 1866. Die Schilderungen eines Veteranen aus den Befreiungskriegen bieten ein geeignetes Mittel, um Traditionslinien hannoverscher Militärgeschichte aufzuzeigen und Legitimation zu begründen. Dennoch prägten diese 4. 687 Vgl. Füssel: Waterloo, S. 97. 688 Freudenthal: Erinnerungen, S. 7f. 689 Freudenthal: Erinnerungen, S. 9. 690 Ebd. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 171 Veteranen über Jahrzehnte das Bild der Befreiungskriege und speziell der Schlacht von Waterloo vor allem in ländlichen Gegenden, in denen die Kultur der mündlichen Erzählung noch besonders stark ausgeprägt war. Das Königreich Hannover hatte mit 13.000 Soldaten der regulären hannoverschen Armee, sowie weiteren 6.000 Angehörigen der King’s German Legion einen großen Anteil der Truppen, die bei Waterloo gekämpft hatten.691 Mit der Verteidigung des Meierhofes La Haye Sainte durch etwa 400 Mann der Legion unter der Führung von Oberst Georg Baring waren sie darüber hinaus an einem Kampf beteiligt, der nach dem Krieg große Bekanntheit erlangte und zu einem regelrechten Mythos stilisiert wurde.692 Die Hannoveraner hatten dabei am 15. Juni 1815 auf dem Hof einer immer wieder angreifenden französischen Übermacht standgehalten und zählten am Ende des Tages nur noch 42 Soldaten.693 Als die Munition schließlich zur Neige ging, kämpften sie mit aufgepflanztem Bajonett und mussten La Haye Sainte letztlich den Franzosen überlassen.694 Der Umstand, dass der Hof so lange gehalten werden konnte, wurde jedoch seit der Schlacht stets höher gewertet als die Eroberung durch die Franzosen, was den Mythos dieses Gefechts begründet. Brendan Simms beschreibt die Motivation der verteidigenden Soldaten als eine Mischung aus „ideologischer Opposition zu Napoleons Tyrannei, dynastischer Loyalität zum König von England, deutschem Patriotismus, Kameradschaft im Regiment, persönlichen Freundschaften und Berufsethos.“695 Hannoveraner waren also in besonderem Maße Teil des Mythos von Waterloo, nicht zuletzt durch die Erinnerung an die Kämpfe von La Haye Sainte, die durch den ehemaligen Kommandeur Georg Baring nach 1815 lebendig gehalten wurde.696 Dieser Mythos musste zwangsläufig große emotionale Wirkung auf die Veteranen und deren soziales Umfeld gehabt haben. Noch im Jahre 1863 forderte ein alter Waterloo-Veteran namens Heinrich Beckmann geradezu flehentlich ein Ersatzexemplar der ihm gestohlenen Waterloo-Medaille: „...da im Preußischen die Brust sämtlicher alter Krieger mit einer Medaille geschmücket ist, habe ich keinen sehnlicheren Wunsch als wieder in Besitz derselben zu gelangen [...]“697 Warum der hannoversche Veteran gerade in diesem Jahr nach einer Ersatzmedaille fragte, obwohl ihm sein Originalexemplar nach eigener Aussage bereits Jahre zuvor gestohlen wurde, lässt sich leicht erklären. Der Hufschmied Beckmann lebte in Preu- ßen und im Jahre 1863 fanden hier nicht nur große Jubiläumsfeierlichkeiten zur Erinnerung an das Jahr 1813 statt, sondern es wurde vom preußischen König auch die Erinnerungs-Kriegsdenkmünze gestiftet. Alle noch lebenden Kämpfer erhielten also im 691 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 37. 692 Vgl. Füssel: Waterloo 1815, S. 62. 693 Vgl. ebd., S. 61ff. 694 Vgl. ebd., S. 61. 695 Ebd., S. 62. 696 Siehe dazu: Baring, Georg: Erzählung der Theilnahme des 2ten leichten Bataillons der königl. deutschen Legion an der Schlacht von Waterloo. In: Hannoversches Militairisches Journal 2 (1831). S. 69-90. 697 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 28. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 172 Rahmen des 50jährigen Jahrestages des Sieges über Napoleon in der Schlacht bei Leipzig ein weiteres sichtbares Zeichen. Das führte zwangsläufig zu einer gesteigerten Wahrnehmung der Veteranen in der Bevölkerung, aber auch untereinander, wie es der Verweis des Heinrich Beckmann auf die preußischen Veteranen deutlich macht. Er fühlte sich auf eine Art und Weise animiert, sich durch die Waterloo-Medaille wieder als Teilnehmer und Zeitzeuge der Befreiungskriege zeigen zu wollen. Dass die Zugkraft der Jubiläums-feierlichkeiten nicht nur in diesem Falle eine wesentliche Rolle spielte, zeigt die gesteigerte Nachfrage von Ersatzexemplaren der Waterloo-Medaille in Hannover in dieser Zeit. Zwischen 1862 und 1866, also dem Zeitraum, in dem sowohl der 50jährige Gedenktag an Leipzig (1813) als auch der von Waterloo (1815) stattfand, wurden bei dem Hof-Bronze-Fabrikanten Bernstorff und Eichwede in Hannover 100 neue Medaillen für verlorengegangene Stücke produziert, wovon letztlich 81 tatsächlich vergeben wurden.698 Diese Zahl ist aufgrund der wenigen noch lebenden Waterloo-Kämpfer zu dieser Zeit, von denen die meisten zu diesem Zeitpunkt bereits um die 70 Jahre alt waren, doch recht hoch. Als Vergleich lässt sich für die Stadt Göttingen um das Jahr 1860 eine Zahl von 42 noch lebenden Veteranen der Befreiungskriege 1813-15 ermitteln.699 Die Waterloo-Medaille des Königreichs Hannover war eine von Prinz-Regent Georg IV. im Jahre 1817 gestiftete Kriegsdenkmünze aus Silber, die an alle hannoverschen Soldaten zur Verleihung kam, welche an der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 teilgenommen hatten. Die Erben von Gefallenen erhielten ebenfalls eine Medaille zur Erinnerung.700 Die Waterloo-Medaille Hannovers, aber auch die von England, Braunschweig und Nassau waren damit die einzigen Denkmünzen, die sich allein auf eine einzige der vielen Schlachten in den Befreiungskriegen bezogen und somit die Erinnerung dieses Ereignisses in besonderer Weise aufrechterhielten. Die Kriegsdenkmünzen anderer Staaten wurden dagegen für die Teilnahme in mindestens einem der drei Kriegsjahre 1813, 1814 bzw. 1815 vergeben und berücksichtigten keine einzelnen militärischen Ereignisse. Die Grundlage für die Verleihung einer Waterloo-Medaille bildete die Führung von Regimentslisten. In diesen Listen wurden die Angehörigen eines militärischen Verbandes bei Dienstantritt in diesem namentlich erfasst und gegebenenfalls auch Änderungsmeldungen wie zum Beispiel Beförderungen vermerkt. Die Verleihungsberechtigten für die Waterloo-Medaille wurden also anhand der Listen ermittelt, sodass ihnen auch nach einer Entlassung das Ehrenzeichen zugesandt werden konnte. Es gab jedoch auch Teilnehmer der Schlacht, die sich im Zuge des eiligen Vormarsches der alliierten Truppen einem Verband auf nicht dokumentiertem Wege anschlossen. Im Jahr 1841 stellten der ehemalige Leutnant Lohmann und der ehemalige Fourier Germuth aus Hildesheim einen gemeinsamen Antrag auf „Verleihung der Waterloo-Medaille, Priesengeld oder eventuell einer anderen Auszeichnung“.701 Diese recht willkürli- 698 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 5.2. 699 http://www.lw-bn-muenden.net/index.php/de/dokumente/veteranen (Stand: 17.04.2016). 700 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 5.1. 701 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 138. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 173 che Forderung nach irgendeiner Form von Belohnung haben die beiden ehemaligen Soldaten gemeinsam formuliert. Dabei schildern sie auf neun Seiten ihre Kriegserlebnisse und begründen den Umstand, dass sie bisher keine Waterloo-Medaille erhalten hatten damit, dass sie einem Landwehr-Bataillon nur zukommandiert waren. Ihren ursprünglichen Verband hatten sie in Antwerpen verlassen müssen, da sie krankheitsbedingt im General-Hospital geblieben waren. Später schlossen sie sich dann einem anderen Bataillon an, in dem sie wahrscheinlich nicht gelistet waren.702 Da sie also in den entsprechenden Regimentslisten nicht geführt wurden, lehnte die General- Adjutantur den Antrag auf Verleihung der Medaille auch ab. Doch nicht nur dieser Umstand machte die Behörde stutzig: „Schließlich darf doch bemerkt werden, daß es allerdings auffallend erscheinen muß, wenn die genannten Bittsteller die so begründete Ansprüche auf Belohnung zu haben glauben, so spät mit ihren Darstellungen herangetreten sind.“703 Ohne einen Nachweis der Zugehörigkeit über die Regimentslisten war es für die Antragsteller sehr schwierig, nach so langer Zeit doch noch eine Waterloo-Medaille zu erhalten. Die einzige Möglichkeit blieb die Zeugenaussage eines möglichst hochrangigen Vorgesetzten über die Anwesenheit der beiden Soldaten auf dem Schlachtfeld. Ein paar Monate nach dem abgelehnten Antrag schickten Lohmann und Germuth die schriftliche Bestätigung eines Majors Erck hinterher, der ihnen bescheinigt, vor Paris mit Bravur agiert und dabei mehrere Gefangene gemacht zu haben.704 Mit der Zeugenaussage hatten sie zwar immer noch keinen Nachweis für die Teilnahme an der Schlacht von Waterloo, doch stattdessen bewilligte die General-Ordens-Kommission die Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille und übersandte diese hohe Tapferkeitsauszeichnung an die beiden ehemaligen Soldaten.705 Die beiden Veteranen erhielten schließlich ihre nachträgliche Auszeichnung und im Vergleich zur Waterloo- Medaille standen sie mit der Guelphen-Ordens-Medaille sogar noch besser da. Sie genoss als eine der höchsten Tapferkeitsauszeichnungen nicht nur großes Ansehen, sondern mit ihr war auch eine monatliche Rente verbunden. Eine solche nachträgliche Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille ist außerordentlich selten. Während Finkam und Hessenthal und Schreiber keine Verleihungen für die Zeit nach 1815 annehmen, halten es Thies und Hapke zumindest für wahrscheinlich.706 Der vorliegende Fall beweist die Verleihung einer Guelphen-Ordens-Medaille über 25 Jahre nach dem Sieg über Napoleon. Wie viele Anträge auf nachträgliche Verleihung der Waterloo-Medaille es im Laufe der Jahrzehnte gab, lässt sich kaum feststellen, da der Schriftverkehr hierzu in vielen verschiedenen Beständen verteilt liegt. Dies betrifft diverse Standorte des Niedersächsischen Landesarchivs und auch das Königliche Hausarchiv, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Aus den erhaltenen Vorgängen lässt sich jedoch ein ähn- 702 Vgl. ebd., S. 146-152. 703 Ebd., S. 144. 704 Ebd., S. 142. 705 Ebd., S. 141. 706 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.10. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 174 licher Ablauf in deren Bearbeitung erkennen. Der Antragsteller richtete seinen schriftlichen Antrag an eine Behörde des Königreichs Hannover. Mitunter half ihm ein Vermittler bei der schriftlichen Formulierung, wenn der Veteran Analphabet war oder aus Altersgründen das Schreiben nicht selbst aufsetzen konnte. So setzte sich beispielsweise der Pastor Weniger aus Blumlage (Celle) für den Invaliden Henry Kahle ein, um ihm nach Jahrzehnten die niemals verliehene Waterloo-Medaille zu vermitteln. Die zunächst angeschriebene Behörde konnte beispielsweise das Rathaus sein oder auch ein Ministerium in Hannover. In jedem Fall musste der Antrag an die General-Adjutantur oder die General-Ordens-Kommission weitergeleitet werden, die schließlich den Anspruch auf eine mögliche Verleihung prüften. Oftmals wurde auch der König persönlich angeschrieben, jedoch wurden die Schreiben im Vorfeld der zuständigen Stelle zugeteilt. Nach der ersten Sichtung prüfte die General-Ordens-Kommission dann die notwendigen Voraussetzungen und Nachweise für eine mögliche Verleihung, beispielsweise Regimentslisten oder schriftliche Zeugenaussagen, sofern sie beigefügt waren. Es gab nur zwei Gründe für eine Nachverleihung: entweder wurde die bereits verliehene Waterloo-Medaille verloren bzw. stark beschädigt oder sie wurde nie verliehen, obwohl ein Anspruch darauf bestand. Letzterer Fall war sehr selten, da die Veteranen auch nach der Entlassung in der Regel ein Interesse daran hatten, eine Denkmünze bzw. Ehrenzeichen für ihre Dienstzeit im Krieg zu erhalten. Dennoch kam es immer wieder vor, dass sich noch nach Jahrzehnten Waterloo-Veteranen meldeten, die nachweislich keine Waterloo-Medaille erhalten hatten. Der wahrscheinlich älteste Antragsteller war der 86jährige Mathias Förster aus Mützenich, der erst im Jahre 1863 auf den Umstand aufmerksam machte, dass er doch nie eine Medaille erhalten hatte. Im Jahre 1808 trat er im Rahmen der Belagerung von Valencia zu den Engländern über, schloss sich der King’s German Legion an und nahm 1815 an der Schlacht von Waterloo teil.707 Nach eingängiger Prüfung stellte die General- Adjutantur schließlich fest, „[...] daß vormaligen Dragoner Mathias Förster des 2. Dragoner-Regiments Kings-German-Legion zur Waterloo-Medaille geprüft und constatiert worden ist, daß derselbe solche bislang nicht erhalten und ebensowenig reclamiert hat,“708. Welche Wirkung so eine verspätete Verleihung auf die Beliehenen noch haben konnte, zeigt der Vorgang des bereits erwähnten Henry Kahle. Sein Pastor hatte im Schriftverkehr mit den Behörden die Zusendung einer Waterloo-Medaille erreicht: „In Folge höhern Auftrags ist am letzten Donnerstage nach dem Nachmittagsgottesdienste dem Invaliden Henry Kahle aus Blumlage die ihm durch die Gnade Sr. Majestät des Königs wiederbewilligte Waterloo-Medaille von mir überreicht worden. Dem frommen alten Kriegsmanne standen dabei die Thränen der Rührung in den Augen, und hat derselbe die Bitte ausgesprochen: ich möge seinen unterthänigsten Danke auch durch das [unleserlich], daß er bis zu seinem Lebensende täglich für seinen Königlichen Herrn und Wohlthäter zu Gott beten werde. [...]“709 707 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 78. 708 Ebd., S. 77. 709 Ebd., S. 21. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 175 Der Pastor verwendet in seinem Dankesschreiben Worte, die die emotionale Wirkung auf den Beliehenen zum Ausdruck bringen. So spricht er nicht nur von den „Thränen der Rührung“, sondern bettet den Akt der Verleihung auch in einen religiösen Kontext, indem er die Medaille im Anschluss an den Gottesdienst übergibt. Ganz in seinem Sinne bedankt er sich dann im Namen des „frommen“ Veteranen und versichert die Gebete des alten Mannes für den König. Die Verbindung zwischen Kirche und Veteranenkult hatte nach den Befreiungskriegen verschiedene Formen angenommen. Vor allem im norddeutschen, protestantisch geprägten Raum nahmen die Ehrenzeichen und Kriegsdenkmünzen beinahe den Status einer Reliquie ein. So sollten die preußischen Kriegsdenkmünzen 1813, 1814 und 1815 nach dem Tode der Träger im jeweiligen Kirchspiel des Verstorbenen aufbewahrt werden, Ausländer und Selbstmörder ausgenommen.710 Eine ähnliche Regelung gab es im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach: „Indem der Großherzog von Weimar eine solche Medaille für das Militair stiftete, verordnete er im Junius 1819, daß die Militair-Denkmünzen verstorbener Krieger in der Kirche des Geburtsorts eines Jeden an einem schicklichen Platze auf einer Tafel, mit Bemerkung des Namens, des Tags und der Art des Todes des Inhabers der Medaille, aufgehängt werden sollten, zu welchem Ende sogleich eine Anzahl solcher Tafeln in Vorrath gefertigt wurde, und erhielten dabei die Gemeinden, in deren Orten Inhaber von Militair-Verdienst-Medaillen711 gestorben, die Weisung, sich ihre Tafeln gegen Erlegung des baaren Verlags von zwei Thalern abholen zu lassen.“712 Doch Frömmigkeit war nicht das einzige Versprechen der vielen Antragsteller, die nach einem Ersatzexemplar der oftmals verlorengegangenen oder gar gestohlenen Waterloo-Medaille fragten. Der Verlust des Ehrenzeichens wurde häufig mit Diebstahl begründet, was den Träger gleichsam als Opfer von Unrecht dastehen lässt, im Gegensatz zu dem Umstand, die Medaille einfach nur verloren zu haben. In jedem Fall bleibt offen, ob sie tatsächlich gestohlen wurde oder ob es sich nur ein rhetorisches Mittel für die Inanspruchnahme eines Zweitexemplars handelte. In vielen Anträgen finden sich viele energische Versprechungen, sollte der König oder die Behörde zu einer erneuten Verleihung bereit sein. Der Veteran Dieckmann fokussierte in seinem Antrag aus dem Jahre 1843 sein eigenes, größtenteils positiv verlaufendes Leben, wonach er im Krieg nur leicht verletzt wurde und sich immer freiwillig gemeldet habe. Nach seiner Militärzeit habe er das Glück gehabt, stets bei einem guten Arbeitgeber angestellt worden zu sein und bis zu 170 Taler jährlich zu verdienen, die auch immer pünktlich gezahlt worden seien. Zuletzt versprach er in seinem Schreiben an den Kronprinzen noch: 710 http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungsk riege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen/ (Stand: 29.04.2016). 711 Eine Militärverdienstmedaille gab es im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach nicht. Johann von Horn bezieht sich in dem Fall wahrscheinlich auf die 1815 gestiftete Medaille „Treuen Kriegern“. Dabei handelt es sich um das hiesige Pendant zur preußischen Kriegsdenkmünze. Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen, S. 441. 712 Horn: Der Guelfenorden, S. 106. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 176 „In meiner Frau sind 8 Kinder gezeugt, wovon noch 8 am Leben, worunter 5 Knaben, gesund und wohlgebildet sich befinden, sie alle sollen dem Allergnädigsten Könige als Soldat dienen.“713 Der ehemalige Soldat Johann Heinrich Wittvogel führte auch die generationenübergreifende Erinnerung an die Schlacht von Waterloo als Argument auf, die mit der Wiederverleihung der Medaille an ihn verbunden wäre: „Die denkwürdige Schlacht bei Waterloo, wird mir bis zum [...] Lebensziele eingedenk bleiben und selbst für meine Kinder und Kindeskinder wird es ein ehrenwürdiges Andenken bleiben, wenn ich wieder in den Besitz einer mit allerwürdigst verliehenen Denkmünze gelangen werde.“714 Der Antrag des Veteranen Wittvogel wurde wie in vielen vergleichbaren Fällen abgelehnt, auch wenn es letztlich etliche Einzelfallentscheidungen waren, die auch einige Ausnahmen hervorbrachten. Um nachzuvollziehen, warum die General-Ordens- Kommission den Großteil der Gesuche ablehnte, muss man sich zunächst verdeutlichen, über welche Möglichkeiten der Nachverleihung die Behörde überhaupt verfügte. Es wurden grundsätzlich mehr Waterloo-Medaillen geprägt und gekauft, als zunächst gebraucht wurden. Dies betraf sowohl die hannoverschen Waterloo-Medaillen als auch die englischen, da auf dem Gebiet des Königreichs Hannover die Verbände der King’s German Legion aufgelöst wurden und es zu erwarten war, dass sich ein großer Teil der Veteranen hier niederließ. Das zusätzliche Kontingent wurde für Soldaten vorgehalten, die erst zu einem späteren Zeitpunkt ihren Anspruch auf eine Medaille geltend machten oder die ein zweites Exemplar kaufen wollten. Nach über dreißig Jahren, anno 1850, entschied man sich jedoch zum Verkauf von 165 englischen Waterloo-Medaillen der King’s German Legion. Am 20.12. 1850 wurden die Ehrenzeichen eingeschmolzen und das Silber veräußert. Der Erlös kam dem Unterstützungsfonds der Legion zugute.715 Weitere 38 Medaillen wurden zurückgehalten und für den gelegentlichen Gebrauch reserviert.716 So konnten noch eine Zeit lang Waterloo-Medaillen als Zweitexemplare717 bei Verlust ausgegeben werden, jedoch hatte der Antragsteller die Kosten hierfür zu tragen. So wurde dem vormaligen Tambour und späteren Soldaten in der niederländischen Landmacht, Heinrich Sommer, im Jahre 1832 eine Waterloo-Medaille als Ersatz für sein Originalstück überlassen. Dies geschah nach Bezahlung der Rechnung von 2 Talern und 13 Groschen für die Medaille und einem weiteren halben Taler für das Medaillenband.718 Carl Telle aus Berlin erhielt im selben Jahr eine mit seinem Namen geprägte Medaille als Ersatz für das ihm gestohle- 713 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 71. 714 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 229. 715 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 38 D Nr. 1203. S. 1. 716 Vgl. ebd., S. 17. 717 Die Waterloo-Medaille, die als Zweitexemplar ausgegeben wurden unterscheidet sich in der Prägung von den übrigen Medaillen dadurch, dass auf der Vorderseite der Name des Medailleurs WYON fehlte. Weiterhin gab es auf der Rückseite geringfügige Abweichungen: „Die Waffentrophäe befindet sich näher an dem Wort Waterloo, die Fahnen haben nur je eine Quaste gegenüber zwei bei der ursprünglichen Prägung und der Küraß erscheint undeutlich. Die beiden Lorbeerzweige sind etwas deutlicher geprägt, die Umschrift ist geringfügig größer.“ Siehe dazu: Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 5.5. 718 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 195. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 177 ne Exemplar für den gleichen Preis.719 Doch bereits ein Jahr später schienen keine vorrätigen hannoverschen Waterloo-Medaillen mehr verfügbar gewesen zu sein. Dem ehemaligen Korporal Keferstein aus Osterode war in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 1833 bei einem Brand sein gesamter Besitz verlorengegangen, darunter auch seine Waterloo-Medaille, von der er nach dem Brand nur noch den Bandring auffinden konnte.720 Ein Ersatz konnte ihm seitens der General-Ordens-Kommission bzw. General-Adjutantur nicht mehr geliefert werden, da zu dem Zeitpunkt schon keine überzähligen Medaillen mehr vorhanden und die Prägestempel bereits vernichtet waren.721 Bemerkenswert ist in diesem Fall übrigens der Umstand, dass der Veteran bereits zehn Tage nach dem Brand, nämlich am 13. Juni 1833 den Antrag auf Zusendung einer Ersatzmedaille stellte. Dies zeugt von dem hohen Stellenwert, den das Ehrenzeichen in seinem Leben dargestellt haben muss, wenn man bedenkt, dass er bei dem Brand wahrscheinlich seinen gesamten weltlichen Besitz verloren hatte und er doch eher mit existenziellen Problemen zu kämpfen gehabt haben durfte. Auch einem ehemaligen hannoverschen Soldaten, der später in niederländische Dienste trat und beim Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten um Ersatz seiner gestohlenen Medaille bat, musste bereits 1833 mitgeteilt werden, dass „eingezogener Erkundigung zufolge, die Prägestempel bereits vernichtet sind“722. Mit der Begründung des fehlenden Prägestempels wurden in den folgenden Jahren die zahlreichen Gesuche auf Ersatz oder Wiederverleihung der Waterloo-Medaille abgelehnt. Ebenso wurde regelmäßig darauf hingewiesen, dass die Medaille grundsätzlich nur einmal verliehen werden sollte und dass jeder Berechtigte die Möglichkeit hat „im Fall des Verlustes sich eine solche von einem Silberarbeiter anfertigen zu lassen.“723 Die General-Adjutantur oder auch die General-Ordens-Kommission konnten in so einem Fall eine Bescheinigung als Nachweis für die Berechtigung zum Tragen des Ehrenzeichens ausstellen. Der Umstand, dass einige Veteranen in den sechziger Jahren doch noch eine Waterloo-Medaille erhielten, so wie der bereits erwähnte Invalide Henry Kahle im Rahmen des Gottesdienstes, ist auf die Anfertigung der einhundert Waterloo-Medaillen im Jahre 1862 zurückzuführen, die vermutlich auch wegen der häufigen Nachfragen in Auftrag gegeben wurden.724 So beschäftigte sich die General-Ordens-Kommission bis zum Ende ihres Bestehens im Sommer 1866 mit zahlreichen Belangen, die mit der fast ein halbes Jahrhundert vorher gestifteten Waterloo-Medaille zu tun hatten. Zuletzt war dies der Fall des Pensionärs Levi Rosenbaum, dessen Anspruch auf dieses Ehrenzeichen ihn sogar in Konflikt mit der Polizei brachte. Im Mai 1866 suchte der 79jährige Mann aus Hannover die Kommission auf und bat mündlich um die Verleihung einer Auszeichnung an sich selbst.725 Dieses Anliegen des Pensionärs ist an sich bereits ungewöhnlich, denn auch nach damaligem Verständnis war ein Vorschlag für 719 Ebd., S. 212. 720 Ebd., S. 50f. 721 Ebd., S. 49. 722 Ebd., S. 175. 723 Ebd., S. 37. 724 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 5.2. 725 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1507. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 178 eine Auszeichnung an sich selbst kaum mit den Vorstellungen von Ehre und Belohnung vereinbar, auch wenn es nach den Verleihungsbestimmungen der hiesigen Orden und Ehrenzeichen nicht ausdrücklich untersagt war. Einen ähnlichen Antrag formulierte im Jahre 1847 der ehemalige Soldat Edler aus Heidkrug in schriftlicher Form an die General-Ordens-Kommission, in dem er sich selbst für eine Verdienstmedaille empfahl.726 Als Begründung führte er seine 52jährige Dienstzeit auf, die 1795 begonnen und in der er als Angehöriger der King’s German Legion die Feldzüge gegen Napoleon mitgemacht hatte. Wie man seitens der Behörde darauf reagierte, ist leider nicht überliefert, da der Antrag keinen weiteren Bearbeitungsstand aufweist. Im Jahre 1866 war man in der General-Ordens-Kommission jedenfalls geneigt, dem Drängen des Levi Rosenbaum tatsächlich nachzukommen, da er „nach seiner Angabe bei Waterloo im Feldbataillon Salzgitter gedient hat, und außer der Waterloo- Medaille auch 3 oder 4 andere Medaille besitzt, daher eventuell die Verleihung der silbernen Verdienstmedaille an denselben in Frage kommen würde.“727 Bereits wenige Tage später wurde Rosenbaum von der General-Ordens-Kommission mit dem Verdacht konfrontiert, dass ihm zu keinem Zeitpunkt eine Waterloo- Medaille verliehen wurde, da sein Name in keiner Liste des Landwehr-Bataillons Salzgitter zu finden sei: „Der Umstand aber, daß sein Name in der betreffenden Liste fehlt, scheint dafür zu sprechen, daß ihm die Medaille nicht verliehen ist, er sie sich vielmehr anderweitig verschafft hat.“728 Rosenbaum erwiderte diesem Vorwurf, dass seine damaligen Vorgesetzten mittlerweile verstorben seien, diese aber hätten bezeugen können, dass er bei Waterloo gekämpft hatte „und sogar einen Bajonettstich in das rechte Bein erhalten habe.“729 In einer folgenden polizeilichen Vernehmung gab er weiterhin an, 1813 in der Schlacht bei Leipzig gekämpft zu haben sowie in Wittenberg, Duisburg, Arnheim, Nimwegen, Gorkum und Laon. Zu den Umständen der Verleihung der Auszeichnung gab er an: „Als ich mich wieder in Sievershausen befand, und zwar im Jahre 1816, erhielt ich die Waterloo-Medaille per Post zugesandt. Mit der Medaille erhielt ich ein militärisches Schreiben, doch weiß ich nicht mehr wer das Schreiben unterzeichnet hat. Ich kann im Augenblick keinen Lebenden bezeichnen, welcher gleichzeitig mit mir in seinem Bataillon gedient hat.“730 Der Umstand, dass Rosenbaum in keiner Liste des Verbandes geführt wurde, ist sehr ungewöhnlich und stellt seinen selbst geschilderten militärischen Werdegang massiv in Frage. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass jemand in dieser Zeit einem Bataillon regulär angehörte und in keiner Liste geführt wurde, weder was die reine Zugehörigkeit, Zu- und Abkommandierungen oder auch die Auszahlung von Besoldung angeht. Zwei Tage nach der polizeilichen Vernehmung suchte Rosenbaum die Behörden noch einmal auf und fügte seiner Aussage hinzu, dass in Pattensen bei Hannover ein ehemaliger Feldwebel Cohen wohne, der bezeugen könne, dass er auch dem Bataillon 726 Vgl. ebd. 727 Ebd. 728 Ebd. 729 Ebd. 730 Ebd. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 179 Salzgitter angehörte.731 Am 3. September 1866 sind dem Veteran auf Drängen der General-Adjutantur seine Waterloo-Medaille und die preußische Kriegsdenkmünze 1813 von der Polizei-Direktion abgenommen worden. Auch wenn damit dieser Fall in dem vorliegenden Aktenbestand endet, so handelt es sich doch um eine sehr wertvolle und seltene Dokumentation eines Ehrdelikts aus dem 19. Jahrhundert, das mit dem unbefugten Tragen von Orden und Ehrenzeichen zu tun hat. Der Verdacht wurde nach mehr oder weniger zufälliger Überprüfung der Bataillonslisten seitens der General-Ordens-Kommission sehr ernst genommen und, wenn auch letztlich in Abhängigkeit der Bewertung durch die General-Adjutantur, an die Polizei weitergeleitet, die daraufhin mit Ermittlungen begann. Dies führte zur Maßnahme der Beschlagnahmung zweier Ehrenzeichen. In dem Abhängigkeitsverhältnis, das bezüglich einer staatlich verliehenen Auszeichnung zwischen dem Verleihenden (Staat), der beliehenen Person und der Gesellschaft besteht, wurde die Auszeichnung dem vorherrschenden Konflikt gewissermaßen entzogen und damit geschützt. Durch die Beschlagnahmung, ganz gleich ob der Pensionär Rosenbaum Eigentümer an den Dekorationen war, kam der Staat seiner Pflicht nach, den hohen ideellen Wert der Waterloo-Medaille und der preußischen Kriegsdenkmünze aufrechtzuerhalten, damit die Gesamtheit aller mit diesen Ehrenzeichen beliehenen Veteranen weiter von diesem Wert profitieren und entsprechendes gesellschaftlichen Ansehen genießen konnten. Dass die Beschlagnahmung den Veteranen Rosenbaum nicht unberührt ließ, fand dabei im Briefverkehr zwischen General-Ordens-Kommission und General-Adjutantur ausdrücklich Erwähnung: „Sie (die Polizei-Direktion) erlaubt sich jedoch zu bemerken, daß der Rosenbaum die dringende Bitte gestellt hat, es mögen ihm beide Ehrenzeichen, mit welchen er decorirt sein will, zurückgegeben werden. [...]“732 Für die Veteranen von 1815 hatte die Waterloo-Medaille unter den Ehrenzeichen der Befreiungskriege zweifelsohne einen hervorgehobenen Status. Anders als die beiden Kriegsdenkmünzen, die es ja für ein Konglomerat an Zugehörigkeiten und Teilnahmen am Krieg 1813-15 gab, wurde bei der Waterloo-Medaille der Blick auf eben jene „berühmteste Schlacht der Welt“733 (Füssel) fokussiert. Neben der reinen Sequenzanalyse der militärischen Operation besteht der langfristige, bis in die Gegenwart reichende kulturhistorische Zugang in der Erinnerungsgeschichte, die nicht nur im Erzählen der Teilnehmer begründet liegt, sondern zu einem großen Teil auch im Erkennen als Waterloo-Veteran. Tragbare Auszeichnungen garantierten den Teilnehmern der Schlacht als solche auch erkannt zu werden, wie es Friedrich Freudenthal dokumentiert hat. Die erhaltenen Anträge an die General-Ordens-Kommission des Königreichs Hannover auf Verleihung oder Wiederverleihung der Medaille sind darüber hinaus wichtige Egozeugnisse von Waterloo-Veteranen, bei denen nach einigen Jahrzehnten bereits, teilweise in den Bittstellungen an die Behörden erkennbar, eine Mythologisierung der Schlacht erkennbar ist. Sicherlich dürfte der Umstand, dass ihre Anträge auch einen Zweck verfolgten, nämlich die Wiedererlangung eines Ehrenzei- 731 Vgl. ebd. 732 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1507. 733 Vgl. Füssel: Waterloo, S. 7. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 180 chens, die Rhetorik in den Anträgen beeinflusst und intensiviert haben, dennoch sind die Gefühle der Beteiligten deutlich herauszulesen. So hatten sie „keinen sehnlicheren Wunsch als wieder in Besitz derselben zu gelangen“734, versprachen ihre Söhne dem König als Soldaten oder ihnen standen bei verspäteter, öffentlicher Verleihung der Waterloo-Medaille die Tränen der Rührung in den Augen. Wer einmal daran gewöhnt war, als Waterloo-Veteran in der Öffentlichkeit erkannt zu werden, der hatte dieses Bedürfnis ein Leben lang. Für diejenigen fungierte das Ehrenzeichen nicht mehr nur als persönliches Erinnerungsstück, sondern als Statussymbol durch das die Teilhabe am Mythos von Waterloo möglich wurde. 734 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111. S. 28. 4. Teilhabe an einem Mythos: Über die Anträge zur nachträglichen Verleihung der Waterloo-Medaille. 181 Ehre oder Pension? Die Guelphen-Ordens-Medaille Bereits kurze Zeit nach der Schlacht von Waterloo, am 12. August 1815, stiftete Prinz-Regent Georg zeitgleich mit dem Guelphen-Orden die Guelphen-Ordens-Medaille (teilweise auch Guelphen-Medaille) „für solche Unteroffiziere und Soldaten, welche sich durch Tapferkeit oder Klugheit vor dem Feinde ausgezeichnet haben“735. Damit wurde neben den Offizieren auch dem zahlenmäßigen Gros der kämpfenden Truppe ein äußeres Zeichen zur Belohnung von Tapferkeit in Kriegszeiten geschaffen. Die Unterscheidung der Dekoration in Aussehen und Bezeichnung zwischen Offizieren und Unteroffizieren bzw. Mannschaften war im 19. Jahrhundert üblich, auch wenn es beispielsweise mit dem Eisernen Kreuz in Preußen auch eine Auszeichnung gab, die unterschiedslos an alle Dienstgradgruppen zur Verleihung kam. Die Medaille rangierte dabei in ihrer äußeren Erscheinung unter dem teilweise emaillierten Ordenskreuz des Guelphen-Ordens und machte dadurch die Rangunterschiede zwischen Offizieren und Unteroffizieren bzw. Mannschaften sichtbar. Die Guelphen-Ordens-Medaille wurde vor allem in Silber verliehen, wobei es Thies und Hapke für sehr wahrscheinlich halten, dass auch eine Medaille in Gold vergeben wurde.736 Welches Kriterium hierfür auschlaggebend war, möglicherweise eine wiederholte tapfere Handlung oder eine außergewöhnlich beeindruckende Einzeltat, darauf gibt es bisher keine Hinweise. Mit der Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille war eine lebenslange jährliche Pension von 24 Reichstalern verbunden, die neben dem ideellen Wert der Auszeichnungen einen ganz konkreten materiellen Anreiz bot.737 Für die Mannschaften und Unteroffiziere, die nach ihrer Dienstzeit in der Regel in der Landwirtschaft oder im Handwerk tätig waren, war die Summe von demnach zwei Reichstalern pro Monat ein spürbarer Zuverdienst, wenn man bedenkt, dass Mitte des 19. Jahrhunderts ein Haushalt mit fünf Personen pro Woche 3 ½ Reichstaler verbrauchte.738 Die Guelphen-Ordens-Medaille war die einzige hannoversche Auszeichnung, mit deren Verleihung ein Anspruch auf Pension verbunden war. In der Literatur schwanken die Verleihungszahlen an Angehörige der King’s German Legion und der hannoverschen Armee zwischen 593 Medaillen bei Finkam739, 595 bei Hessenthal und Schreiber740 und 585 bei v. Wissel.741 Der Anspruch auf diese hohe Tapferkeitsauszeichnung wurde durch eine eigene Kommission geprüft und musste durch ganz konkrete Tatsachen in Form von Zeugenberichten begründet und durch Offiziere beglaubigt werden.742 Für die Bewertung einer erbrachten Tapferkeitstat gab es natürlich keinen konkreten Maßstab, vielmehr oblag es der subjektiven 5. 735 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3 (Statuten des Guelphen-Ordens vom 20. Mai 1841, nebst Nachträgen). 736 Vgl. ebd., Kapitel 3.10.2. 737 Vgl. ebd. 738 Vgl. http://www.heimatverein-borgloh.de/historie/historie_siedlung_waehrung.php (Stand; 15.06.2016). 739 Vgl. Finkam: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen, S. 17. 740 Vgl. Hessenthal und Schreiber: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches, S. 142. 741 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3.10.2. 742 Vgl. ebd., Vorwort. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 182 Wahrnehmung der Kommissionsmitglieder, militärische Verdienste und Tapferkeit als für die Verleihung der Medaille ausreichend zu bewerten. Grundlage für die Offiziere dieser Kommission war der möglichst detailliert geschriebene Zeugenbericht und der Vergleich zu den geschilderten Taten bereits ausgezeichneter Mannschaften und Unteroffiziere. So erhielt beispielsweise der Kanonier Christian Denecke die Guelphen-Ordens-Medaille, weil er in der Schlacht von Toulouse 1814 seinen gefallenen Geschützkommandanten vertrat743, während der Husar Heinrich Becker aus Fallingbostel ausgezeichnet wurde, weil er 1812 bei Canizal in Spanien einen französischen General gefangen nahm: „In diesem Gefechte kam Becker mit dem französischen General Carrier in’s Handgemenge, versetzte dem General einen tüchtigen Hieb über das Gesicht, worauf derselbe sich dem Husar ergab.“744 Für diese auch im Gefecht nicht alltägliche Begebenheit erhielt Becker neben der Guelphen-Ordens-Medaille und der damit verbundenen Pension von 24 Reichstalern eine zusätzliche jährliche Pension von außergewöhnlich hohen 100 Reichstalern.745 Häufig ausgezeichnet wurden auch Soldaten, die trotz mehrfacher, teilweise schwerer Verwundung das Schlachtfeld nicht verließen bzw. sogar zurückkehrten. Wissel erwähnt dazu in einem eigenen Kapitel „Wunden“ 40 Soldaten, deren Auszeichnung mit der Guelphen-Ordens-Medaille im Zusammenhang mit einer persönlich erlittenen Verwundung bei Waterloo stand. So wurde der Husar Friedrich Müller am 18. Juni beim ersten Angriff „durch einen Stich, einen Hieb und ein Bombenstück verwundet; sein Offizier befiehlt ihm zurückzureiten, allein er verbindet sich selbst, und ist in allen folgenden Chargen des Regiments herzhaft tapfer.“746 Der Sergeant Molz verlor in der Schlacht von Talavera im Jahre 1809 sein rechtes Auge und erhielt einen Schuss in die Brust, „dessen Kugel er stets im Körper behielt“747. Nach sechsmonatiger Gefangenschaft meldete er sich wieder zu seinem Verband, lehnte eine Pensionierung ab und trat erneut in den Dienst ein. „Aus den Trancheen von Ciudad Rodrigo hat er den Lieutenant Hünecken, als demselben beide Beine abgeschossen worden, mit eigner Gefahr fortgetragen.“748 Beim Sturm auf Burgos meldete er sich dann freiwillig und bei St. Sebastian wurde er erneut erheblich verwundet, verließ aber sein Bataillon nicht. Ein paar Jahre später, kurz vor der Schlacht von Waterloo, wurde dem Sergeanten aus gesundheitlichen Gründen erneut die ehrenhafte Entlassung angeboten. Jedoch bestand er darauf, am Feldzug gegen Napoleon teilzunehmen. Sowohl die herausragende Einzeltat wie beim Husaren Becker als auch die andauernde beispielhafte Bewährung im Krieg wie im Fall des Sergeanten Molz konnten die Grundlage für die Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille sein. Ursprünglich sollte die Medaille nur für militärische Verdienste verliehen werden, die ab dem Jahre 1812 erbracht wurden, jedoch wich man von dieser Bestimmung ab 743 Vgl. ebd., S. 92. 744 Ebd., S. 44. 745 Vgl. Finkam: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen, S. 18. 746 Wissel: Ruhmwürdige Thaten, S. 157. 747 Ebd., S. 164. 748 Ebd. 5. Ehre oder Pension? Die Guelphen-Ordens-Medaille 183 und verlieh sie rückwirkend bis zum Jahre 1803.749 Auch wurde “die bereits abgelaufene Frist zur Nachsuchung um die Medaille bis zum Jahr 1843“750 verlängert. Die Kommission zur Untersuchung der Anträge erachtete teilweise die Taten von Soldaten für die Verleihung einer Guelphen-Ordens-Medaille als würdig, auch wenn eine Vergabe an diejenigen nicht mehr erfolgen konnten, z.B. weil sie vorher verstarben.751 Posthume Verleihungen waren nicht vorgesehen. So wie bei der Waterloo-Medaille kam es ab 1815 zu zahlreichen Anträgen auf nachträgliche Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille von aktiven Soldaten oder Veteranen. Während die Vorschläge in den ersten Jahren nach Stiftung dieser Tapferkeitsauszeichnung in aller Regel von den militärischen Vorgesetzten der Soldaten ausgingen, ergriffen in den dreißiger und vierziger Jahren die Veteranen selbst die Initiative, um sich für dieses Ehrenzeichen vorzuschlagen. Die Argumentation und Rhetorik in diesen Anträgen war wesentlich umfassender als in vergleichbaren Reklamationen für die Waterloo-Medaille oder den Kriegsdenkmünzen 1813 und 1814. Immerhin musste der betreffende Veteran die General-Adjutantur bzw. die Militär-Kommission von seiner erbrachten Tapferkeit in den Kriegsjahren bis 1815 überzeugen. Der Nachweis der bloßen Anwesenheit bei einer militärischen Unternehmung reichte da bei weitem nicht aus. Der Pensionär Carl Maxen aus Göttingen verfasste im Jahre 1847 einen diesbezüglich beispielhaften, sehr umfangreichen Antrag auf Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille an König Ernst August, der auch rhetorisch sehr ausgeschmückt war. Nach der üblichen Gnadenbekundung an den König als Einleitung kam Maxen auf seine Dienstzeit in der King’s German Legion zu sprechen, „welche im Buche der Geschichte mit Flammenschrift glänzen und von welchen noch die spätesten Nachkommen mit Begeisterung sprechen werden“752 und für die er sich freiwillig gemeldet hatte. Der Aspekt der Freiwilligkeit spielte in den Befreiungskriegen als wesentliches patriotisches Verhalten eine große Rolle, welcher sich unter anderem auch in den 1841 gestifteten beiden Kriegsdenkmünzen widerspiegelt, die das Wort „freiwillig“ bereits in ihrer offiziellen Bezeichnung tragen.753 Weiterhin bescheinigt er sich selbst, sich „bei jeder Gelegenheit [...] würklich wahrhaft ausgezeichnet“ zu haben und sich durch seinen Mut die Achtung seiner Waffengefährten und Vorgesetzten verdient zu haben.754 Dies versuchte er in der Folge durch einige Beispiele zu hinterlegen, für die er jedoch keine schriftlichen Äußerungen von Vorgesetzten mehr anführen konnte, da diese bei Waterloo „auf dem Bett der Ehre geblieben“755 waren. Auch das körperliche Leid, das Maxen bei verschiedenen Gefechten erlitten hatte, so etwa bei Burgos 749 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, Kapitel 3.10.2. 750 Wissel: Ruhmwürdige Thaten, Vorwort. 751 Vgl. ebd. 752 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1489. 753 Die Medaillen haben die offizielle Bezeichnung: „Kriegsdenkmünze für die bis zum Abschluß des ersten Pariser Friedens 1814 freiwillig in die Königlich-Großbritannische Deutsche Legion (K.G.L.) eingetretenen Krieger“ und „Kriegsdenkmünze für die im Jahre 1813 freiwillig in die hannoversche Armee eingetretenen Krieger“. Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 10 und 11. 754 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1489. 755 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 184 1812 eine schwere Verletzung am Kopf, sowie Brustverletzungen bei Waterloo 1815, weil er von feindlicher Kavallerie überritten wurde, stellte für ihn eine wichtige Argumentationsgrundlage dar: „Durch meine gegebenen Beispiele glaube ich in jenen Tagen des Kampfes Alles gethan und erfüllt zu haben was man von einem für seinen Zweck begeisterten Vaterlands-Vertheidiger nur erwarten kann [...]“756 Hartnäckig hatte der alte Veteran seinen Anspruch auf die Medaille bekräftigt und bereits früher Anträge bei der General-Ordens-Kommission eingereicht, welche jedoch „gegen alle Erwartung [...] die gewünschte Berücksichtigung nicht gefunden“757 haben. Dann kommt er schließlich auf einen nicht unwesentlichen Punkt zu sprechen, nämlich auf die mit der Verleihung verbundenen Pensionszulage: „Es würd in meinem jetzigen 70jährigen Alter wo ich bei der unerhörten Vertheuerung aller Lebensmittel von meiner geringen Englischen Pension nicht länger zu existiren vermag, und wo mein Lebens ohnehin nicht lange mehr dauern wird, die huldreiche Gewährung der erbetenen Zulage aus der Kronkasse mich wahrhaft erquicken und das trostlose Alter eines braven Soldaten vor Noth und Mangel bewahren, denn zu hart bin ich jetzt dem hülflosesten Zustande und der bittersten Noth ausgesetzt.“758 Es lässt sich nicht ohne weiteres evaluieren für wie viele Antragsteller die Medaille als äußeres Zeichen ihrer erbrachten Tapferkeit und die damit verbundene Ehre oder aber die Pensionszulage im Vordergrund stand. Immerhin war die Guelphen-Ordens- Medaille die einzige Auszeichnung in Hannover, mit der eine finanzielle Zulage verbunden war. Der Umstand, dass jemand bis 1815 in einem der Feldzüge gegen Napoleon auf hannoverscher Seite gekämpft hatte, begünstigte schon den Versuch, sich mit einem Antrag an die General-Ordens-Kommission um die Auszeichnung zu bewerben. In jeden Antrag muss man sich hierbei einlesen, um die Intention des Petenten nachvollziehen zu können. Der Drang auf die Zulage war bei den Veteranen dementsprechend hoch, die sich einer persönlichen finanziellen Notlage befanden. Der vormalige Korporal und spätere Briefträger Leonhard aus Göttingen bezog sich im Jahre 1838 in einem wiederholten Antrag an das Ordens-Kapitel des Guelphen-Ordens beinahe ausschließlich auf seine finanzielle Situation: „Als Vater von 6 Kindern, deren Erhaltung mir sehr am Herzen liegen muß, wende ich mich daher an Allerhöchstdieselben in allertiefster Ehrfurcht mit der allerunterthänigsten Bitte: Seine Majestät möchten in Betracht der von mir in den Anlagen näher bezeichneten Verdienste mit der Guelphen-Ordens-Medaille allergnädigst zu begnadigen geruhen. Mein Gehalt beträgt jährlich für den Briefträger—Dienst nur 70 Thaler.“759 Bevor er seine Festanstellung als Briefträger erhielt, musste Leonhard „Adjunctur- Dienst ohne Gehalt“760 leisten, wodurch er für den Lebensunterhalt seiner Familie 600 Taler beisteuern und sogar sein Haus verkaufen musste. Am Ende seines Schreibens spielte das Ehrenzeichen beinahe gar keine Rolle mehr und geriet letztlich zu einer von vielen Möglichkeiten, wie der König seine Situation verbessern könne, so etwa 756 Ebd. 757 Ebd. 758 Ebd. 759 Königliches Hausarchiv, Standort Pattensen: Dep. 103 XXXVII, Nr. 404. S. 1f. 760 Ebd. 5. Ehre oder Pension? Die Guelphen-Ordens-Medaille 185 „durch die Erhöhung meines Gehalts, oder durch die Verleihung der Ordens-Medaille, oder wenn beiden petitio nicht stattgegeben werden könnte mich wenigsten in einem anderen Dienst, mit welchem ein größeres Gehalt verbunden ist, zu versetzen, indem ich wohl zu jedem Dienst mich qualificire, da ich in der englischen und französischen Sprache nicht unerfahren bin, gut schreiben und rechnen kann. [...]“761 Nachdem der Antrag durch das Ordens-Kapitel ausgewertet wurde, fasste man die wesentlichen Punkte und Rechercheergebnisse zusammen, um sie mit einer Empfehlung beim König vorzutragen, immerhin entschied dieser grundsätzlich persönlich über die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Im Fall des Briefträgers Leonhard waren darin die verschiedenen Gründe aufgeführt, die zu einer Ablehnung führten: „Dem ersten Gesuche, welches sich auf besondere Waffenthaten in Spanien gründet, steht a, die Verspätung, b, der mangelnde Beweis der Waffenthaten, c, der Umstand entgegen, daß den Allerhöchsten Vorschriften zufolge nur eine nach dem ersten Januar 1813 verübte, besondere Waffenthat zu der Verleihung der Medaille qualificirt, daher abzuschlagen.“762 Für die anderen beiden Gesuche, entweder Erhöhung des Gehalts in seiner jetzigen Beschäftigung oder eine besser bezahlte Stelle sollte er sich an das Finanzministerium wenden. Zum Zeitpunkt des Antrags von Leonhard galt noch der Grundsatz, dass Ereignisse vor 1813 nicht zu einer Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille führen konnten. Kurze Zeit später bestimmte der König schließlich, dass von dieser Einschränkung ausnahmsweise abgewichen werden konnte.763 Im Jahre 1838 bat der Vogt Freytag zu Alferde bei Springe um die Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille, weil er im Jahre 1793 beim Treffen von Bouchain an der Befreiung von Ernst August beteiligt war und ihn so vor einer Gefangennahme durch die Franzosen bewahrte. Dafür gewährte man ihm später eine monatliche Pension und lehnte eine Verleihung des Ehrenzeichens jedoch mit der Begründung ab, dass seine auszuzeichnende Handlung vor 1813 stattfand. Dennoch wollte man Freytag unterstützen und ihm stattdessen eine monatliche Unterstützung aus der königlichen Generalkasse zukommen lassen.764 Bei der im Jahre 1841 erfolgten Verleihung der Medaille an den bei der königlichen Artillerie-Brigade dienenden Handwerker erster Klasse, Friedrich Rose, fand die Ausnahmeregelung, bei der tapfere Handlungen ausgezeichnet werden konnten, die vor 1813 stattfanden, bereits Anwendung. Rose hatte in der Schlacht bei Salamanca im Jahre 1812 als einfacher Sattler ohne artilleristische Ausbildung ein Geschütz übernommen, nachdem an diesem dem Wischer beide Beine abgeschossen wurden. Ein vergleichbares Engagement hatte er auch bei Orthes und Toulouse gezeigt765 Die entsprechende Beweisführung war für Friedrich Rose sehr aufwändig. Sein ehemaliger Vorgesetzter, ein Capitain Hartmann, war hierzu befragt worden und gab an, dass er sich aufgrund der Länge der bereits vergangenen Zeit nicht mehr an die Tat erin- 761 Ebd. 762 Ebd. 763 Vgl. Wissel: Ruhmwürdige Thaten, Vorwort. 764 Vgl. Königliches Hausarchiv, Standort Pattensen: Dep. 103 XXXVII, Nr. 405. S. 5. 765 Vgl. Wissel: Ruhmwürdige Thaten, S. 45. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 186 nern konnte, es „aber sehr wohl seyn könne, daß solche von dem Reclamanten verrichtet“ worden sei.766 Zur weiteren Klärung verwies er auf denjenigen Offizier, der zum Zeitpunkt der Schlacht bei Salamanca als junger Leutnant die mittlere Division der Batterie kommandiert hatte. Dabei handelte es sich um Wilhelm von Scharnhorst, Sohn des namhaften preußischen Generals und im Jahre 1841 selbst als General in Stettin stationiert. Der hannoversche Generalleutnant von dem Bussche, der mit der Prüfung derartiger Reklamationen beauftragt war, wandte sich daraufhin an General Scharnhorst. Dieser konnte sich schließlich daran erinnern, dass „in der Schlacht von Salamanca [...] dem Kanonier Dietrich Müller, während die Batterie auf dem kleinen Arapil feuerte, um der vierten Division den Angriff zu erleichtern, beide Beine abgeschossen“767 wurden. Doch konnte sich Scharnhorst nach fast dreißig Jahren nicht mehr erinnern, ob es sich bei dem Mann, der zum Geschütz eilte und dieses übernahm um Friedrich Rose handelte: „doch kann ich solcher ebensowenig in Abrede stellen, sollte sich indessen der Fr. Rose dieser näheren Details erinnern, so dürfte es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß derselbe das Laden des Geschützes freiwillig übernommen hatte.“768 Obwohl Scharnhorst nicht bestätigen konnte, dass Friedrich Rose derjenige gewesen war, der das Geschütz übernommen hatte und es lediglich nicht ausschließen konnte, führte die Stellungnahme eines Generals schließlich doch zur Verleihung der Guelphen-Ordens-Medaille an den Friedrich Rose, dessen Name in Ludwig von Wissels Verzeichnis aller Beliehen aus dem Jahre 1846 geführt wird. Dies zeigt einmal mehr, welche Rolle konkrete Zeugenaussagen spielten, waren sie auch noch so vage. Je höherrangig der Zeuge gewesen war, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Antrag Aussicht auf Erfolg hatte. Die Guelphen-Ordens-Medaille ist eine Besonderheit im Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover. Sie ist nicht nur die einzige echte Tapferkeits-auszeichnung, die jedoch nur für kriegerische Ereignisse bis 1815 vergeben wurde, sondern sie wurde durch die Zuteilung einer monatlichen Pension erheblich aufgewertet. Dadurch wurde das zugrunde liegende Konzept der tragbaren Ehre, bei dem allein das sichtbare Zeichen den Träger in seinem Ansehen aufwertete und den Wert der Auszeichnung definierte, zugunsten finanzieller Anreize verschoben. In den Anträgen auf nachträgliche Verleihung lässt sich die hohe Bedeutung der Zulage für die Veteranen erahnen, auch wenn sie nicht in jeder Bittschrift ausdrückliche Erwähnung fand. Eine monatliche oder jährliche Pensionszulage, die mit der Verleihung einer Tapferkeitsauszeichnung verbunden war, wurde in späteren Jahrzehnten, vor allem aber im Ersten Weltkrieg, immer wieder aufgegriffen. Die Träger der österreichischen Tapferkeitsmedaille (1. Klasse in Silber und Gold) erhielten ebenso eine monatliche Zulage wie die Träger des preußischen goldenen Militärverdienstkreuzes, der bayerischen Tapferkeitsmedaille in Gold oder der sächsischen goldenen Militär-St.-Heinrichs-Medaille. Während des Nationalsozialismus wurden dann die gesetzlichen Rahmenbe- 766 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 1673, S. 1. 767 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 1673, S. 7. 768 Ebd. 5. Ehre oder Pension? Die Guelphen-Ordens-Medaille 187 dingungen geschaffen, damit ein monatlicher Ehrensold für die Träger höchster Tapferkeitsauszeichnungen ausgezahlt werden konnte, der auch von der Bundesrepublik Deutschland weitergezahlt wurde. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 188 Dienst und Erinnerung. Die militärischen Dienstehrenzeichen. Die Einführung der militärischen Dienstauszeichnungen durch das Königreich Preu- ßen im Jahre 1825 stellte in der Entwicklung des Auszeichnungswesens eine Zäsur dar. Erstmalig konnten im Heer Ehrenzeichen verliehen werden, die keinen unmittelbaren Bezug zu Kampfhandlungen oder Feldzügen hatten, sondern die treue Ableistung der Dienstzeit belohnten. Damit wurde erstmalig auch die im Friedensdienst erbrachte Loyalität und Anhänglichkeit von Mannschaften, Unteroffizieren und Offizieren in besonderer Art und Weise gewürdigt. Dem preußischen Vorbild schlossen sich in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche deutsche Fürstentümer an und stifteten eigene Dienstehrenzeichen, so auch das Königreich Hannover. Durch die Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien dürfte jedoch die 1830 von Wilhelm IV. gestiftete Army Long Service and Good Conduct Medal der Grund dafür gewesen sein, dass der König auch in seinem zweiten Königreich eine Dienstauszeichnung einführte. Am 2. März 1837 stiftete er unter seinem Namen in einem Zuge drei Dienstauszeichnungen, die sich nach Dienstgrad und Dienstzeit voneinander unterschieden. Das Wilhelms-Kreuz in Gold war „zunächst für Offiziere, seit dem 20. April 1855 auch für General-Auditeure, Stabs-Auditeure und Garnisons-Auditeure der Königlich-Hannoverschen Armee nach vollendeter 25-jähriger Dienstzeit bestimmt.“769 Zeitgleich wurde mit der goldenen Wilhelms-Medaille auch eine Dienstauszeichnung „für Unteroffiziere bestimmt, welche seit ihrer Beförderung zum Korporal 25 Jahre aktiv in der königlichen Armee gedient hatten.“770 Die silberne Wilhelms-Medaille kam an Unteroffiziere und Soldaten zur Verleihung, die 16 Jahre treu gedient hatten. Die Verleihungszahlen der Dienstehrenzeichen lassen sich aus den Beständen der hannoverschen General-Adjutantur sowie der General-Ordens-Kommission auszugsweise sehr gut nachvollziehen. Für die goldene Wilhelms-Medaille liegen ab 1839 umfassende, wenn nicht sogar vollständige Vorschlags- und Verleihungslisten vor.771 So kamen beispielsweise im Jahre 1853 13 Wilhelms-Kreuze, 8 goldene und 158 silberne Wilhelms-Medaillen zur Verleihung.772 Vergleichswerte lassen sich auch aus dem Jahr 1865 ermitteln. In jenem Jahr wurden 20 Wilhelms-Kreuze, 14 goldene und 114 silberne Wilhelms-Medaillen verliehen.773 Aufgrund dieser Größenordnung scheinen die bei Thies und Hapke angegebenen Verleihungszahlen von 400 Wilhelms-Kreuzen allein im ersten(!) Verleihungsjahr unrealistisch, selbst wenn man die vielen Nachverleihungen an bereits pensionierte Offiziere bedenkt.774 Gleiches gilt für die Angaben zur silbernen (1150 Verleihungen im Stiftungsjahr) und goldenen Wilhelms-Medaille (50).775 Außerdem kam es in den ersten Jahren bei der Verleihung der goldenen Wilhelms-Medaille zu Lieferengpässen, wie aus einem schriftlichen Vor- 6. 769 Thies / Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 6. 770 Ebd., Kapitel 8.1. 771 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1497. 772 Ebd. 773 Ebd. 774 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 6. 775 Ebd., Kapitel 7 und 8. 6. Dienst und Erinnerung. Die militärischen Dienstehrenzeichen. 189 gang aus dem Jahre 1840 hervorgeht: „Die Dienstalter-Medaillen für den Wachtmeister Alexander Krämer und Sergeant-Major Christian Bergheim wurden unterm 2. und 11. April d. J. bestellt, sind aber erst jetzt von der Königlichen Münze geliefert, und hat dieselbe die Verzögerung mit der schwierigen Verarbeitung des 14 karätigen Goldes entschuldigt.“776 Grundsätzlich wurden die Dienstehrenzeichen nur auf Antrag des militärischen Verbandes verliehen. Üblicherweise führten die Regimenter Listen mit den Soldaten, die beispielsweise für eine Wilhelms-Medaille in Frage kamen und leiteten diese an die General-Adjutantur weiter. Soldaten, die bereits vor Stiftung der Dienstehrenzeichen entlassen waren, wurden nicht automatisch nachträglich mit einer Wilhelms- Medaille oder einem Wilhelms-Kreuz bedacht. Vielmehr mussten sie durch einen Antrag bei der General-Adjutantur auf sich aufmerksam machen, so geschehen durch den ehemaligen Oberst Gerber, „der jetzt wohl älteste Veteran der hannoverschen Armee, der seit 1777 dient“777. Gerber hatte viele Schauplätze hannoverscher Militärgeschichte gesehen, so stand er als junger Fähnrich in Ostindien, wurde 1783 bei Goudalour verwundet, diente in späteren Jahren mit dem 14. Infanterie-Regiment in Flandern und war zugegen bei dem Ausfall in Menin. Später kämpfte er noch für die Königlich-Deutsche Legion, bevor er aufgrund einer misslungenen medizinischen Behandlung ausscheiden musste.778 Die nötigen 25 Dienstjahre hatte der Oberst weit übertroffen und bat daher im Jahr 1843 „um gnädige Ertheilung des Dienstkreuzes“779. Tatsächlich wurde der Antrag dann dem König zur Entscheidung vorgelegt und dieser genehmigte die Verleihung des Wilhelm-Kreuzes an den Oberst Gerber.780 Innerhalb weniger Jahre wurden die Dienstehrenzeichen zum festen Bestandteil der äußeren Erscheinung langgedienter Soldaten in der hannoverschen Armee, was unweigerlich auch zu großen Begehrlichkeiten führte. Insbesondere Fälle, in denen einem Soldaten nur wenige Monate oder Wochen zur Erreichung der vorgeschriebenen Dienstzeit fehlten, führten zu zahlreichen Ausnahmeanträgen. So bat der ehemalige Soldat Unnewehr im Jahre 1862 um die Verleihung der silbernen Wilhelms-Medaille, auch wenn er nur „15 Jahre und 4 5/6 Monate“781 gedient hatte. Zur Begründung berief er sich auf eine Art Gewohnheit, die er vermutlich in seiner aktiven Dienstzeit beobachtet hatte, dass nämlich „unser König und Kriegsherr auch denjenigen Unterofficieren und Soldaten, welche bei ihrer Entlassung annähernd 16 Jahre gedient hatten in der Regel die silberne Wilhelms-Medaille“782 verlieh. In der General-Adjutantur ließ man sich jedoch durch diese angebliche Gewohnheit nicht zu einer Verleihung hinreißen. Ausnahmen würden zwar gemacht, jedoch nur bei wenigen Tagen fehlender Dienstzeit.783 In einem anderen Fall zeigte man sich dagegen etwas großzü- 776 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1497. 777 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1499. 778 Vgl. ebd. 779 Ebd. 780 Vgl. ebd. 781 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1499. 782 Ebd. 783 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 190 giger in der Anrechnung von Dienstjahren, vor allem wenn es um Kriegsjahre ging. Diese wurden in der Zählung nämlich doppelt angerechnet. Der Sergeant Johann Pagel hatte im Jahre 1839 24 Jahre und 5 Monate gedient und kam daher für eine goldene Wilhelms-Medaille zunächst nicht in Betracht. Sein Regimentskommandeur setzte sich jedoch für den Scharfschützen Pagel ein: „Um bey den Schützen zu bleiben, hat er zu wiederholten Malen ausgeschlagen, Corporal zu werden, und ist er wegen seiner Bravur vor dem Feinde Inhaber der Guelphen Medaille.“784 Da Pagel jedoch kurz vor der Schlacht bei Waterloo nach Hannover kommandiert wurde, stand er nur 5 Monate und 10 Tage des Kriegsjahres 1815 im Felde: „Werden diese 5 Monate und 10 Tage doppelt gerechnet, so fehlen dem Sergeanten Pagel nur noch 1 Monat und 10 Tage an 25 Dienstjahren.“785 In diesem Fall genehmigte der Brigadekommandeur die Aufnahme Pagels in die Vorschlagslisten, wodurch letztlich eine Verleihung möglich wurde. Zweifellos hatte der Sergeant mit seinem Regimentskommandeur natürlich einen einflussreichen Fürsprecher, was bei Unnewehr nicht der Fall war. Je höherrangiger der Unterzeichner einer Empfehlung, eines Dienstzeugnisses oder Augenzeugenberichts war, und das galt vor allem für Kriegsauszeichnungen, desto höher war die Chance für einen Antragsteller, eine Auszeichnung nachträglich zugesprochen zu bekommen. Im Jahre 1844 ergänzte König Ernst August das Repertoire der Dienstehrenzeichen um das Ernst-August-Kreuz. Diese Auszeichnung wurde für 50 treue Dienstjahre der Offiziere verliehen, wobei im Gegensatz zum Wilhelms-Kreuz die Kriegsjahre nicht doppelt angerechnet wurden.786 Thies und Hapke geben die Verleihungszahlen mit weit unter 100 Stück an.787 Als letzte Dienstauszeichnung im weitesten Sinne sei an dieser Stelle noch auf die Silberne Medaille zum 50-jährigen Militär-Jubiläum des Königs Ernst August eingegangen.788 Dieser feierte am 17. März 1840 dieses Jubiläum, woraufhin ihm eine Abordnung aus dem Dorf Isernhagen bei Hannover ihre Glückwünsche hierzu überbrachte. Die sechs lebensälteren Männer, namentlich waren dies Heinecke Stöckmann, Arend Runge, Friedrich Betge, Jürgen Heinrich Rahlves, Arend Krüger und Friedrich Wismer, hatten einst mit dem König im 9. Leichten Dragoner-Regiment gedient, als dieser noch Hauptmann gewesen war.789 Am 26. August 1840 besuchte der König Isernhagen und überreichte den Veteranen im Gegenzug eine eigens für sie gefertigte Medaille.790 Mit den sechs verliehenen Exemplaren dürfte es sich zweifellos um das seltenste aber auch persönlichste Ehrenzeichen des Königs von Hannover handeln. Die Dienstehrenzeichen finden auch in einem Schreiben der General-Ordens- Kommission vom 24. April 1866 Erwähnung, in der auf die Rangfolge bei der Verleihung hannoverscher Ehrenzeichen eingegangen wird. Dort heißt es: „Schließlich er- 784 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1500. 785 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 6. 786 Vgl. ebd., Kapitel 9. 787 Vgl. ebd. 788 Vgl. ebd., Kapitel 18. 789 Vgl. ebd., Kapitel 18. 790 Vgl. ebd. 6. Dienst und Erinnerung. Die militärischen Dienstehrenzeichen. 191 lauben Wir Uns noch die angebrachte Bemerkung hinzuzufügen, daß es die Allerhöchste Absicht ist, künftig die Verleihung der goldenen Verdienst-Medaille zu beschränken, weil sie für die Personen, welche mit dem allgemeinen Ehrenzeichen anfangen, die höchste Classe, und früher auch nur bei fünfzigjährigen Dienstjubiläen, sowie ganz besondere Verdienste, verliehen wurde.“791 Das Erreichen des 50jährigen Dienstjubiläums für Mannschaften und Unteroffiziere war sehr selten, da solche langen Verpflichtungszeiten für diese Dienstgradgruppen nicht vorgesehen waren. Es handelte sich in den meisten Fällen um Militärangehörige mit einem spezialisierten Aufgabenbereich. Die Dienstehrenzeichen gehörten zu den Auszeichnungen, die König Georg V. ab 1866 auch in seinem österreichischen Exil weiterverlieh: „Im Sommer 1867 wurde von Sr. Majestät bestimmt, sämtliche hannöversche Militair-Personen, die keine preußischen Dienste genommen hätten, sollten als activ dienend angesehen und [...] mit der Wilhelms-Medaille decorirt werden.“792 Hierbei handelt es sich um eine sehr bemerkenswerte Maßnahme. Als hätte es eine hannoversche Niederlage und die Entbindung der Soldaten von ihrem Eid an den König niemals gegeben, sollten die Dienstzeiten der Soldaten Hannovers fiktiv weiterbestehen, sodass die Militärangehörigen für eine Verleihung der Wilhelms-Medaille früher oder später berechtigt waren. Damit sollte die Loyalität zum König durch den Verzicht auf den Dienst im preußischen Heer besonders belohnt werden. Wie diese Bestimmung des Königs konkret ausgeführt und bürokratisch verwaltet werden sollte, geht aus den Dokumenten nicht hervor. In den ersten Jahren nach 1866 haben wohl ehemalige Offiziere des hannoverschen Heeres, die nach wie vor loyal zu König Georg V. Standen, in seinem Auftrag Verleihungsberechtigte ausfindig gemacht und die besagten Medaillen verliehen. So waren etwa am „16. Juli 1868 auf den Namen des Rittmeisters Schwarz als verausgabt eingetragen: 42 silberne, 4 goldene Wilhelmsmedaillen.“793 Im weiteren Verlauf gab es jedoch Bedenken, dass die preußischen Behörden in Hannover von der Weiterverleihung der Dienstehrenzeichen Kenntnis erlangen und die Beliehenen dadurch möglicherweise in Probleme geraten könnten. Daher bräuchten die in Hannover gebliebenen Offiziere keine weiteren Verleihungen vornehmen, sie waren vorerst aufgeschoben.794 An diesem Beispiel lässt sich aufzeigen, welch hohen Stellenwert Dienstauszeichnungen im Allgemeinen und im Fall des Königreichs Hannovers im Besonderen hatten. Für die Soldaten waren die Wilhelms-Medaillen eine besondere symbolische Würdigung ihrer erbrachten Dienstzeiten. Mit ihnen verbanden sie schließlich viele persönliche Erinnerungen an die militärische Gemeinschaft oder auch mitgemachte Entbehrungen in Friedens- und Kriegszeiten. Umgekehrt bot es für den König die Möglichkeit, Loyalität auszuzeichnen oder einen Anreiz hierfür zu geben, insbesondere aus dem Exil heraus. 791 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1503. 792 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 414, S. 15. 793 Ebd., S. 21. 794 Vgl. ebd., S. 15. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 192 Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. Als der blinde König Georg V. am 27. Juni 1866 das Schlachtfeld von Langensalza verließ, so hatte er nach damals gängigen Kriterien dieses militärische Ereignis gegen das Detachement aus preußischen Truppen und solchen aus Sachsen-Coburg-Gotha für sich entschieden. Immerhin war der preußische Befehlshaber General von Flies dazu gezwungen, den Rückzug seiner Kräfte zu befehlen. Hannover hatte 900 Gefangene gemacht und über 2000 Gewehre sowie zwei Geschütze erbeutet.795 Die hannoverschen Verluste waren mit 378 Toten und 1051 Verwundeten deutlich höher als die der Preußen und Coburger, die 196 Gefallene und 636 Verwundete zu beklagen hatten.796 Das lag vorrangig an den Zündnadelgewehren, die dem einzelnen preußischen Soldaten durch die schnellere Schussfolge einen wichtigen technischen Vorteil gegen- über gegnerischen Soldaten mit dem Vorderladergewehr verschafften.797 Dennoch waren die hannoverschen Truppen nach dem Sieg durch die tagelange Hitze, die zuvor geleisteten langen Märsche und die schlechte logistische Lage nachhaltig geschwächt und die hohen Verluste an Offizieren und Feldwebeln versprachen darüber hinaus echte Führungsprobleme für mögliche Folgeoperationen798. Doch was schließlich für das existenzielle Ende des Königreichs Hannover ursächlich war, waren die politischen Weichenstellungen, die bereits im Vorfeld der Schlacht bei Langensalza innerhalb der preußischen Regierung zur Causa Hannover stattgefunden hatten. Das Königreich Hannover fand sich nach anfänglichen Neutralitäts-bemühungen und einem durch den König abgelehnten preußischen Bündnisangebot in einem Krieg gegen Preußen wieder, ohne ein konkretes Bündnis mit Österreich eingegangen zu sein. Ebenso fehlte eine gemeinsame Strategie mit den süddeutschen Staaten, sowohl militärisch als auch politisch. Der König von Hannover sah sich dem Deutschen Bund gegenüber verpflichtet und wollte sich auf kein Ultimatum einlassen, wonach der Bund nach preußischen Vorstellungen, unter Ausschluss Österreichs, reformiert würde. In der preußischen Führung war man sich jedoch über eine Strategie im Umgang mit Hannover, vor allem in einer neuen politischen Ordnung aufgrund des möglichen Endes des Deutschen Bundes, keineswegs einig. Für König Wilhelm I. war die Bündnisfrage mit Hannover vorrangig, so entsandte er einen Tag vor der Schlacht von Langensalza den Oberst von Döring zu König Georg V. nach Gotha, der ihm letztmalig ein Bündnisangebot unterbreitete, „das auf der Basis der am 14. Juni in Frankfurt vorgeschlagenen Bundesreform den hannoverschen Besitzstand garantieren sollte.“799 Für den preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck war Hannover jedoch ein natürlicher Gegenspieler Preußens im norddeutschen Raum, der seinen mit- 7. 795 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 126. 796 Vgl. ebd. 797 Vgl. ebd. 798 Vgl. ebd., S. 127. 799 Bertram: Das Königreich Hannover, S. 124. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 193 tel- und langfristigen politischen Plänen entgegenstand. Nicht nur durch seine flächenmäßige Größe schien es die preußische Hegemonialmacht in Norddeutschland zu gefährden, sondern auch durch seine politische Stellung als einziges Königreich in Norddeutschland, neben Preußen. Geopolitische Faktoren dürften jedoch ausschlaggebend für Bismarcks Absichten nach einer Einverleibung Hannovers gewesen sein. Bei einem Blick auf die Karte des Deutschen Bundes von 1866 stellt man fest, dass das preußische Stammland in Mittel- und Ostdeutschland im Wesentlichen durch das Königreich Hannover und das Kurfürstentum Hessen von den großflächigen Besitzungen an Rhein und Ruhr getrennt wurden. Beide Länder wurden nach dem Krieg von 1866 dem Königreich Preußen als Provinzen angegliedert. Dadurch waren einerseits Truppenverschiebungen von Ost nach West möglich, ohne dass andere Länder um Erlaubnis gefragt werden mussten und andererseits gewährleistete die Annexion Hannovers auch eine Verbindung zu den ebenfalls von Preußen annektierten Provinzen Schleswig und Holstein. Daher befürchtete Bismarck, dass sich der König von Hannover in Anbetracht der aussichtslosen militärischen Lage in letzter Minute doch noch auf ein Bündnis mit Preußen einlassen würde.800 Um diese Entwicklung zu verhindern, telegrafierte Bismarck nach Gotha, während Wilhelm I. schlief, unter Berufung auf eine angeblich amtliche Meldung, dass alle hannoverschen Truppen durch Mülhausen zurückgegangen seien und dabei Feindseligkeit verübt hätten.801 Dadurch sei der Auftrag des Obersten von Döring hinfällig. Bis heute ist nicht bekannt, inwiefern sich Bismarck ganz bewusst der Unwahrheit bediente, um ein mögliches Einlenken König Georgs V. zu verhindern. In jedem Fall löste das Telegramm große Verwirrung aus, sowohl beim preußischen Befehlshaber General von Falckenstein, der seine Angriffsvorbereitungen stoppen musste, als auch bei Oberst von Döring, der sich in der Folge vom Gegenteil des Inhalts aus dem Telegramm überzeugen konnte.802 Er kehrte jedoch trotzdem nach Berlin zurück, nachdem er von Georg empfangen wurde und keine Einigung erzielt werden konnte.803 Nach der Schlacht von Langensalza und dem Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund am 26. Juli 1866 war die Frage nach der Zukunft Hannovers noch immer offen. König Wilhelm I. hatte sich zunächst mit der Idee einiger Gebietsabtretungen Hannovers zufrieden gegeben, doch Bismarck setzte sich mit seinen Vorstellungen der Vollannexion durch.804 Mit den Annexionspatenten vom 3. Oktober 1866 wurden schließlich neben dem Königreich Hannover auch das Kurfürstentum Hessen- Kassel, das Herzogtum Nassau und die Freie Stadt Frankfurt dem Königreich Preu- ßen einverleibt. In das Spannungsfeld zwischen militärischem Sieg über das Kontingent des Generals Flies und der unsicheren existenziellen Zukunft des Königreichs Hannover fiel die Stiftung einer Denkmünze an die Schlacht bei Langensalza (Langensalza-Medaille). Trotz des wiederholten militärischen Engagements Hannovers innerhalb des 800 Vgl. ebd. 801 Vgl. ebd. 802 Vgl. ebd, 803 Vgl. ebd. 804 Vgl. ebd., S. 129. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 194 Deutschen Bundes (1848 gegen Dänemark und bei der Bundesexekution 1863) war die am 27. Juli 1866 gestiftete Langensalza-Medaille in Hannover die erste Kriegsdenkmünze seit denen für die Befreiungskriege gewesen. Die zeitnahe Stiftung der Medaille, die an alle Soldaten, „welche in dieser Schlacht tapfer, wenn auch ohne Erfolg gekämpft haben“805, ist daher auch als starkes politisches Zeichen nach innen zu werten, immerhin ging es dem König auch darum sich die Loyalität seiner Untertanen und insbesondere der Soldaten zu sichern. Durch ein tragbares, nach außen hin sichtbares Ehrenzeichen ließ sich eine Loyalitätsbekundung durch jeden einzelnen Untertanen am ehesten öffentlichkeitswirksam darstellen. Die Verleihung der Langensalza- Medaille erfolgte noch flächendeckend im Jahr 1866, indem die Verbände, die bei Langensalza gekämpft hatten, Listen mit den Verleihungsberechtigten aufstellten. Nachträgliche Verleihungen erfolgten aus dem Exil des Königs heraus bis in das Jahr 1890806, der letzte Antrag auf Verleihung stammt aus dem Jahr 1898.807 Die Gründe für die verspäteten Anträge waren entweder auf eine fehlerhafte Listenführung zurückzuführen, wodurch einige Soldaten ihren Anspruch auf die Medaille im Zuge der Auflösung der Armee nicht mehr geltend machen konnten, oder die Anfragen erfolgten aus einem Personenkreis, der für eine Verleihung der Denkmünze gar nicht vorgesehen war. Insbesondere durch den großen Anfall von Verwundeten waren viele Zivilisten aus der Gegend um Langensalza bei der Schlacht zugegen und halfen auf beiden Seiten bei der Rettung, Bergung und Versorgung der blessierten Soldaten. Friedrich Arste, der gar kein Bürger des Königreichs Hannover war, sondern aus Gotha stammte, beantragte im Jahre 1867 genau aus diesem Grund die Langensalza-Medaille: „Vom frühen Morgen bis spät abends half ich die Gefallenen mit verbinden, sie nur dem Feuer zurücktragen, und nach den schnell errichteten Lazaretten schaffen, in welchen ich, als der Dienst auf dem Schlachtfelde vorüber, mich bis zum Freitag dem 20ten Juni bei jeder Dienstleistung und jeder Hülfeleistung beteiligte. Alle dort bei Langensalza auf irgend eine Weise beteiligt gewesenen Personen haben Euer Majestät Huld und Gnade die Langensalza-Medaille verliehen, und auch ich, Majestät, möchte dieses Zeichen des glorreichen Sieges tragen, in den Straßen Eurer Majestät treuen Residenzstadt.“808 Der Umstand, dass sich diese Bitte um Verleihung in einem Bestand der General-Adjutantur befand, der den Titel „Orden und Ehrenzeichen betreffend nachträgliche Reclamation der Langensalza-Medaille und auf Ehrenzeichen überhaupt, insbesondere solche Fälle, die keine Berücksichtigung finden konnten.“ trug, deutet darauf hin, dass auch diesem Antrag nicht stattgegeben wurde.809 Zwar hatte Friedrich Arste auf Seiten der Hannoveraner bei der Versorgung der Verwundeten geholfen und somit dieselbe Leistung erbracht wie hauptamtliches Sanitätspersonal bzw. die eigenen Kameraden, jedoch hatte er offensichtlich keinen Anspruch auf eine Medaille, entweder weil er 805 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 20. 806 Vgl. ebd. 807 Vgl. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 411. 808 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 411. Seite 2. 809 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 411. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 195 seinen Einsatz nicht mit Zeugenberichten hinterlegen konnte oder weil er als Zivilist vor Ort nicht offiziell zu den hannoverschen Truppen oder dem Gefolge gehörte. Dagegen gab es auch Antragsteller, die zum Zeitpunkt der Schlacht zwar Soldaten, jedoch nicht in Langensalza zugegen waren. Heinrich Hennigs aus Burgdorf beanspruchte die Denkmünze für sich, obwohl er offensichtlich die Verleihungsvoraussetzungen nicht erfüllte. Laut eigener Aussage wurde er am 16. April des Jahres 1866 in ein 4. Regiment eingezogen, musste jedoch im Zuge der Mobilmachung als Krankenwärter zurückbleiben. Bei Stade geriet er schließlich in Gefangenschaft und versuchte sich nach seiner kurzfristigen Entlassung wieder dem Regiment anzuschließen.810 Dieses erreichte er jedoch genauso wenig wie das Schlachtfeld bei Langensalza, bat jedoch trotzdem um die Auszeichnung. Auch der ehemalige Artillerist Kuhlmann, der ebenfalls bei Stade in Gefangenschaft geriet und keine Kampfhandlungen sah, beantragte erst 1877 die Langensalza-Medaille.811 Der große zeitliche Abstand zwischen dem Ende des Krieges und dem Bittschreiben des Kuhlmann zeigt, dass die Erinnerung möglicherweise ein wesentlicher Antrieb für ihn war. Offensichtlich war der Anspruch auf die Medaille direkt bei Stiftung oder kurze Zeit danach nicht so selbstverständlich, wenn er erst über ein Jahrzehnt später diese Intention verfolgte. Wie man jedoch auch durch seine Umgebung zu einem Antrag auf nachträgliche Verleihung animiert werden kann, zeigt das Beispiel des ehemaligen Sergeanten Meyer aus dem Jahre 1877. Er gab in seinem Schreiben an, in Hannover einen ehemaligen Kameraden getroffen zu haben, mit dem er auf „die Katastrophe von 1866“812 zu sprechen kam. Er selbst war im Jahre 1866 zwar Soldat, jedoch zur Zeit der Schlacht von Langensalza an der holländischen Grenze eingesetzt, zur Eindämmung der Rinderpest.813 Trotz seiner physischen Abwesenheit vom Ort, dessen Name auf der Rückseite der Medaille steht, sieht er einen Anspruch auf die Medaille und versteht sie ausdrücklich als Erinnerung an seine Dienstzeit. Zur Bestätigung seiner dienstlichen Leistungen hat er seinem Schreiben ein Attest seines ehemaligen Kompaniechefs über seine tadellose Dienstzeit beigefügt. Der Schilderung Meyers kann man zunächst entnehmen, dass er die politische Zäsur von 1866 auch als eine persönliche empfand. Das dürfte kaum verwunderlich sein, wenn man bedenkt, dass Meyer im Jahre 1866 Soldat gewesen und durch seinen Eid in besonderer Weise an den König von Hannover gebunden war. Mit dem Kameraden, den er in Hannover traf, war Meyer in Form eines kommunikativen Gedächtnisses miteinander verbunden. Dabei handelt es sich um „einen lebendigen und nicht institutionalisierten Erinnerungsraum, der vornehmlich durch mündliche Überlieferung geprägt und durch biographische Erfahrungen verbürgt ist.“814 Dieses vom Kulturwissenschaftler und Ägyptologen Jan Assmann entworfene Modell von Kultur und Erinnerung kann man in dem Fall nachvollziehen. Meyer und sein Kamerad haben als Angehörige einer Generation Anteil an die Erinnerung an 810 Vgl. ebd., S. 13. 811 Vgl. ebd., S. 67-69. 812 Ebd., S. 76f. 813 Ebd. 814 Landwehr: Kulturgeschichte, S. 53. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 196 das Königreich Hannover und sein Ende. Sie pflegen durch ihre Reflexion das kommunikative Gedächtnis und prägen dadurch gleichsam das übergeordnete kollektive Gedächtnis.815 Meyer schien das Bedürfnis zu haben, die Erinnerung an das Königreich und auch an seine eigene Dienstzeit beim Militär festhalten zu müssen und sah in der Langensalza-Medaille wohl das geeignete Objekt. Es war nicht nur die letzte offiziell gestiftete Auszeichnung des Königreichs, sondern trug auch das Ereignis im Namen, das zwar einen militärischen Sieg darstellte, aber auch gleichsam das politische Ende der Welfen-Dynastie in Hannover. Ein gestiftetes Ehrenzeichen kann also auch als eine Art Erinnerungsort fungieren, wie es Pierre Nora nicht nur für begehbare Orte annahm, sondern für verschiedene Objekte und Erscheinungen wie etwa Gebäude, Denkmäler, Kunstwerke, Gedenktage oder Persönlichkeiten. Auch eine tragbare Auszeichnung kann so ein Erinnerungsort sein. Das wesentliche Merkmal, das laut Nora einen Erinnerungsort kennzeichne, sei der anfängliche Wille, etwas im Gedächtnis festzuhalten: „Gäbe man das Prinzip dieser Vorgängigkeit auf, würde man schnell von einer enggefaßten Definition [...] zu einer möglichen, aber unscharfen Definition abgleiten, die theoretisch jedes einer Erinnerung würdige Objekt einschlösse.“816 Der Wille, die Schlacht von Langensalza nicht nur in der Erinnerung der teilnehmenden Soldaten, sondern auch im Gedächtnis der Öffentlichkeit festzuhalten, war durch die Stiftung der Medaille durch König Georg V. gegeben. Durch das Anlegen der Dekoration, sei es im Alltag oder zu besonderen Anlässen, war es dem Veteran schließlich möglich, diesen Erinnerungsort zu „besuchen“ und das Gedächtnis der Generation, die das Königreich Hannover noch bewusst miterlebt hatte, in den Jahrzehnten nach 1866 lebendig zu halten. Es gab sogar die Möglichkeit, die Bedeutung tragbarer Auszeichnungen als Erinnerungsort auch noch etliche Jahre nach der Annexion durch Preußen aufrecht zu erhalten. König Georg V. verlieh auch nach 1866 aus seinem Exil heraus weiterhin Orden und Ehrenzeichen, nicht nur um sich in seinem früheren Machtbereich Loyalität zu sichern, sondern auch um die Erinnerung an seine Regentschaft bei den beliehenen Individuen und in der Öffentlichkeit zu verankern. Eine andere Möglichkeit war die Stiftung von Ehrenzeichen zu bestimmten Jubiläen, um die Erinnerung auch öffentlichkeitswirksam aufrecht zu erhalten, so geschehen beispielsweise im Jahre 1863 durch das Königreich Preußen, zum 50jährigen Jubiläum der Schlacht bei Leipzig im Jahre 1813 in Form der Erinnerungs-Kriegsdenkmünze 1863. Preußen verzichtete im Zuge der Aussöhnung mit den im Jahre 1866 zunächst verfeindeten deutschen Staaten auf solche Erinnerungsehrenzeichen für den Deutschen Krieg 1866. Für das ehemalige Königreich Hannover gab es keine staatliche Institution mehr, die ein Jubiläum hätte begehen können, aber dennoch gab es im Jahre 1891, die Schlacht von Langensalza war seit 25 Jahren vergangen, Gerüchte über die Stiftung und Verleihung einer silbernen Denkmünze zur Erinnerung an eben jene Schlacht. In einem Bestand des niedersächsischen Landesarchivs in Hannover befinden sich 14 Anträge von Langensalza-Veteranen, die allesamt in die USA mi- 815 Vgl. ebd., S. 53. 816 Erll: Gedächtnis und Erinnerungskulturen, S. 27. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 197 grierten und aus dortigen deutschsprachigen Zeitungen erfahren haben wollen, dass solch ein Ehrenzeichen existierte. In dem Zeitungsausschnitt heißt es: „Hannover. Eine silberne Medaille ist von dem Herzog von Cumberland den Theilnehmern an der 25jährigen Gedächtnißfeier der Schlacht von Langensalza verliehen worden. Etwa 1200 Stück wurden auf dem Schlachtfelde vertheilt, es sollen aber alle noch lebenden hannoverschen Langensalza-Kämpfer eine derartige Medaille erhalten. Die Medaille zeigt auf der Vorderseite das Brustbild des verstorbenen Königs Georg V. mit der Umschrift: „Im Rechte treu, Niemand scheu“; auf der Rückseite die Inschrift: ‚Zur Gedächtnißfeier der Schlacht bei Langensalza am 27. Juni 1866“ mit einem Lorbeerkranz umgeben.‘ “817 Die ausgewanderten Veteranen schickten ihre Bittschriften ausnahmslos nach Hannover und richteten sie sogar mit der Anrede „Hoheit“ auch an die Erben König Georgs V., offensichtlich aus Unkenntnis darüber, dass in Hannover kein Welfe mehr residierte. Die Schreiben landeten schließlich bei der königlich-preußischen General- Adjutantur, Abteilung Orden und Ehrenzeichen, die die Anträge schließlich bearbeitete und beantwortete. T.H. Möller aus Crete in Nebraska schrieb am 7. September 1891: „Erlauben ihre Hochheit [sic!]818 mir eine Bitte, nämlich-ich lese in dem hiesigen Zeitungen das die Krieger von Langensalza welche an der 25 jarigen [sic!] Gedächtniszfeier der Schlacht von Langensalza bei wohnten, mit einer silbernen Medaille von ihrer Hochheit beehrt wurden, und das alle noch lebenden hannoverschen Langensalzar-Kämpfer [sic!] auch eine Medaillie erhallten [sic!] sollten. Da ich nun in Eurer Hochheit Regiment stand als Garde Husar der I ten Schwadron, und am 3 ten Juli 1866 zu Celle entlassen wurde, so möchte ich Eure Hochheit bitten mir eine von diesen Medaillien zu über senden. War 1866 wohnhaft in Hannover und wanderte 1866 am 4ten December aus nach Amerika, mein Vater wohnte als Rentier in Hannover und nach dem Wechsel der Regierung verliesz auch er in 1874 das schöne Hannover.“819 Möller legte in seinem Schreiben viel Wert darauf zu betonen, dass er und auch sein Vater Hannover nach dem politischen Wechsel verließen. Seine Solidarität mit dem Haus der Welfen verkündete er am Ende des Briefes noch einmal mit den Worten: „Hoffe Eure Hochheit werden Hannover nochmals zurück erobern“820 In der preußischen Administration war man von den vielen, ausschließlich aus Amerika stammenden Anträgen überrascht und verwies jeweils darauf, dass solch ein Erinnerungsehrenzeichen nicht existiere, wie aus der Antwort an T.H. Möller ersichtlich: „Auf ihre Eingabe vom 7. d.M. eröffne ich Ihnen, daß die von Ihnen erbetene, angeblich von S.K. Hoheit des Herzog von Cumberland und Lüneburg gestifteten Jubiläums-Medaille von Langensalza nicht existiert, und Ihnen auch keine verliehen werden kann.“821 817 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 421. 818 Auch in der Folge. 819 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 421. S. 21. 820 Ebd. 821 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 198 Dem Autor liegt eine tragbare Medaille vor, die der Beschreibung aus dem Zeitungsartikel sehr nahe kommt. Sie zeigt auf der Vorderseite das Bildnis König Georgs V. mit der Umschrift GEORG V v. G. G. KOENIG v. HANNOVER *IM RECHTE TREU, NIEMAND SCHEU*. Auf der Rückseite steht die von zwei zusammengebundenen Lorbeerkränzen eingefasste Inschrift: ZUM 25 JÄHRIG. GEDENKTAGE LANGEN- SALZA 27. JUNI 1866. Zwar entspricht die vorliegende Medaille nicht hundertprozentig der Beschreibung aus dem amerikanischen Zeitungsartikel, kommt ihr jedoch überraschend nah. Vor allem der Aspekt des 25jährigen Jubiläums und das erwähnte Motto, das sich in keinem anderen Zusammenhang überhaupt recherchieren lässt. Die Medaille hat eine mitgeprägte, parallel stehende Öse mit einem Zwischenring und einem Bandring. Sie war also zum Tragen bestimmt, auch wenn das Band fehlt. Außer der Medaille als Artefakt und der Beschreibung aus dem Zeitungsartikel gibt es keine Informationen über diese Auszeichnung und wer sie gestiftet bzw. verliehen hat. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum die Anfragen zu der Medaille ausschließlich aus den USA kamen und keine aus Deutschland. Erinnerung spielte für die vielen ausgewanderten Veteranen eine große Rolle. Obwohl die öffentliche Wahrnehmung tragbarer, deutscher und insbesondere hannoverscher Auszeichnungen in den USA zu diesem Zeitpunkt eher begrenzt gewesen sein dürfte, war es den emigrierten Teilnehmern der Schlacht von Langensalza wichtig, neben der Langensalza-Medaille, die sie bereits trugen, auch noch dieses Erinnerungs-Ehrenzeichen zu erhalten. Eine tragbare Medaille eben auch in der Vorstellung als Erinnerungsort annehmen zu können, könnte dieses Bedürfnis erklären. Neben der Langensalza-Medaille als Neustiftung gab es im Zusammenhang mit dem Krieg von 1866 noch weitere Änderungen oder Ergänzungen im hannoverschen Auszeichnungssystem, die der König bereits aus dem Exil heraus verfügte. Im Oktober 1866 schrieb er mit seinem Adjutanten, Oberst Dammer, über die Auszeichnung von Offizieren und Mannschaften, die sich bei Langensalza bewährt hatten: „Es war meine Absicht, Sie persönlich herüber kommen zu lassen, um die von mir von Ihnen mitgebrachten Vorschläge mit Ihnen näher zu prüfen. Da sie aber in Ihrer vorletzten Scribae mit Recht anführen, daß unter den jetzigen Verhältnissen Ihre Anwesenheit in Hannover nothwendig sey, so sende ich Ihnen die Liste dieser Vorschläge zu Auszeichnungen zurück, und beauftrage Sie, zu begutachten, welche aus dieser langen Reihe derselben nach Ihrem besten Wissen und Gewissen zu genehmigen ließe.“822 Dafür hatte er das ganze Repertoire an Verdienstauszeichnungen vorgesehen, das zur Verfügung stand: für die Offiziere den Guelphen-Orden und Ernst-August-Orden und für die Unteroffiziere und Mannschaften das goldene und silberne Verdienstkreuz des Ernst-August-Ordens, die goldene und silberne Verdienstmedaille sowie das Allgemeine Ehrenzeichen für Militärverdienst.823 Sein Schreiben schließt der König mit den Worten ab: „Daß der Major von Jacobi von dem Generalstab, dessen Name 822 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 423. 823 Vgl. ebd. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 199 sich unter den zu Decorationen vorgeschlagenen befindet, nach allem, was gegen ihn vorgekommen, von den Auszeichnungen ausgeschlossen bleiben muß, versteht sich von selbst.“824 Der Major Bernhard von Jacobi wurde von General von Arentsschildt vor der Schlacht von Langensalza als Parlamentär zu Verhandlungen mit den Preußen nach Gotha gesandt und verhinderte durch ein Telegramm den zügigen Vormarsch der hannoverschen Armee nach Süden. Später nahm er Stellung zu diesen Vorwürfen und begründete sein Handeln mit seiner pessimistischen Veranlagung und dass er dadurch am Gelingen der militärischen Operation zweifelte.825 Tatsächlich kamen nach 1866 noch zahlreiche Orden und Ehrenzeichen Hannovers, darunter oftmals die zuvor erwähnten, zur Verleihung. So wurden beispielsweise im Zeitraum 1866-1878 46 silberne Verdienstkreuze und 268 Ritterkreuze II. Klasse des Ernst-August-Ordens an Hannoveraner verliehen.826 Wie viele sich davon mit der Schlacht von Langensalza in Verbindung bringen lassen, bleibt dagegen unklar. Die Verdienstmedaille kam für Langensalza jedenfalls vielfach zur Verleihung, zumal der König den Statuten dieser Auszeichnung konkrete Verleihungsbedingungen hinzufügte, die sich auf den Krieg von 1866 beziehen. So zeugt ein maschinell erzeugter Verleihungsnachweis davon, dass die Verdienstmedaille in Silber als post mortem Auszeichnung zur Verleihung kam: „Seine Majestät der König Georg haben, um das Andenken an die bei Langensalza am 27. Juni d.J. gefallenen, und später an ihren Wunden gestorbenen Hannoverschen Officiere, Unterofficiere und Soldaten zu ehren, die Uebersendung einer Decoration an die Hinterbliebenen befohlen und für den verstorbenen Jäger Mull I, 1. Jäger-Bataillon die silberne Verdienst-Medaille zu bestimmen geruht [...]“827 Unterzeichnet wurde das Dokument bereits am 22. September 1866 und die Versendung der Medaille an die Angehörigen des Jägers Mull wurde für den 16. Januar 1867 vermerkt.828 Wenn diese Verleihungspraxis konsequent durchgeführt wurde, dann erhielten 378 gefallene hannoversche Soldaten die silberne Verdienstmedaille, die dann den Angehörigen zur Erinnerung ausgehändigt wurde. Zwei Jahrzehnte nach der Schlacht von Langensalza wandte sich der Veteran Mayer im Jahre 1886 an die Exiladministration der Welfen, weil er sich an eine ganz ähnliche Verleihungspraxis erinnern wollte. Am 27. Juni 1866 wurde er durch einen Schuss am linken Bein verwundet und in das Kriegslazarett am Welfen-Platz in Hannover eingeliefert: „[...] Euer Hoheit haben nun allergnädigst geruht, den bei Langensalza verwundeten hannoverschen Kriegern außer dem Georgs-Orden auch noch den silbernen Ernst-August-Orden zur Erinnerung an den Tag des Kampfes bei Langensalza [...] zu gewähren. Leider ist es mir nicht vergönnt gewesen, den silbernen Ernst-August-Orden zu erhalten. Schon ver- 824 Ebd. 825 Vgl. Dr. Wolfram, G.: Die hannoversche Armee und ihre Schicksale in und nach der Katastrophe von 1866. Hannover 1904. S. 25. 826 Vgl. Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 4. 827 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 74 Liebenburg Nr. 477. Blatt Nr. 366. 828 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 200 schiedene Male habe ich mich wiederholt an meinen damaligen Feldwebel Carl gewandt, aber ich habe den Ernst-August trotz alledem nicht bis jetzt erhalten.“829 Dieser Antrag ist auf vielfältige Weise kurios, denn der Bittsteller schien keine Kenntnis über das hannoversche Auszeichnungssystem zu haben. Für die Aufnahme in den St. Georgs-Orden, bei dem es sich ja um einen welfischen Hausorden handelte, kamen nur höchste fürstliche Würdenträger in Betracht und keine Militärangehörigen. Als früherer einfacher Soldat kam er auch nicht für den Ernst-August-Orden in Betracht und sollte er das silberne Verdienstkreuz des Ernst-August-Ordens meinen, so wurde dieses an Feldwebel und Unteroffiziere und ggf. Militärunterbeamte verliehen. An Mannschaftssoldaten kamen in erster Linie die Verdienstmedaille und das Allgemeine Ehrenzeichen für Militärverdienst zur Verleihung. Außerdem wandte sich der Soldat nach eigener Aussagen nach dem Krieg an einen früheren Vorgesetzten, um seinem Wunsch nach einer Auszeichnung Nachdruck zu verleihen. Jedoch handelte es sich bei dem früheren Vorgesetzten um einen Feldwebel, der zu keinem Zeitpunkt vorschlagsberechtigt für die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen war. Lediglich Offiziere in der Dienststellung eines Kompaniechefs aufwärts konnten konkrete Vorschläge formulieren, die dann auf dem Dienstweg über die Generaladjutantur dem König zur Entscheidung vorgelegt wurden. Für den Veteranen Mayer war es zwanzig Jahre nach der Schlacht von Langensalza, noch dazu nachdem der König bereits verstorben war, ein hoffnungsloses Unterfangen, an eine Kriegsauszeichnung zu gelangen. Für ihn persönlich war das Verlangen nach einer hannoverschen Verdienstauszeichnung auch nach dieser langen Zeit noch ungebrochen, wie man den letzten Worten seines Briefes entnehmen kann: „Ich möchte aber doch des mir so lieben Ernst-August-Ordens nicht gern entbehren [...].“830 Für die vielen Soldaten, Beamten und Angestellten im Königreich Hannover, von denen auch unzählige Träger von Orden und Ehrenzeichen waren, ergab sich ab 1866 die Frage nach der weiteren persönlichen und beruflichen Zukunft in der neuen preußischen Provinz Hannover. Die vormals hannoverschen Untertanen erhielten über Nacht die preußische Staatsangehörigkeit und die Verwaltungsstrukturen mit den vielen Beamten und Unterbeamten blieben zunächst intakt. Problematisch gestaltete es sich für Militärangehörige. Zunächst wurden die Mannschaften und Unteroffiziere ohne weiteren Sold und gegen das Versprechen nach Hause geschickt, nicht mehr gegen Preußen in den Krieg zu ziehen. Die Offiziere erhielten ihre Bezüge weiterhin, wurden jedoch über ihr weiteres Dienstverhältnis im Unklaren gelassen. Die preußische Armee stellte im annektierten Territorium des Königreichs Hannover neue Verbände und Großverbände auf und besetzte zunächst die Offiziersstellen mit den Offizieren der ebenfalls früher verfeindeten Armeen Nassaus und Kurhessens, wenn sie denn auch in der preußischen Armee dienen wollten.831 Als auch viele Offiziere der vormals hannoverschen Armee ihre Bereitschaft signalisierten, in die neuen 829 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 411. Nr. 137. 830 Ebd. 831 Vgl. Spath, Christian, K.P.: Die Hannoverschen und die Kurhessischen Jubiläumsdenkmünzen Preußens. Teil 1: Regimentsjubiläen in der Alten Armee. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 95 (2015). Hohenstein 2015. S. 6. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 201 Regimenter unter preußischer Flagge einzutreten, hinderte sie ihr Eid an Georg V. Dieser weigerte sich aus dem österreichischen Exil heraus, seine Offiziere von ihrem Eid zu entbinden, da er die Absicht verfolgte, Aufstandsbewegungen in Hannover und im Ausland zu unterstützen.832 Georgs Wunsch, dass ihn eine Armee von Getreuen zurück auf den Thron heben könnte, wie es die King’s German Legion einst für seinen Großvater getan hatte, zerschlug sich bald. Die sogenannte Welfen-Legion löste sich auf, noch bevor sie an der Seite Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg hätte kämpfen können. Dies hatte einerseits finanzielle Gründe, da Bismarck darum bemüht war, Geldströme zur Unterstützung solcher Bestrebungen zu unterbinden833 und andererseits bestand die Welfenlegion zunächst nur aus wenigen Hundert Freiwilligen und dazu in der Masse aus Führungspersonal, also Offizieren und Feldwebeln. Dauerhaft konnte sich diese Formation als militärischer Verband also nicht etablieren. Durch zunehmenden äußeren Druck lenkte König Georg V. jedoch ein und entband alle Offiziere von ihrem Eid, sodass am 12. März 1867 der Eintritt vormaliger hannoverscher Offiziere in die preußische Armee geregelt werden konnte.834 Doch selbstverständlich war es bei Weitem nicht für alle Offiziere, in die Dienste des ehemaligen Gegners zu treten, noch dazu, nachdem der Krieg kaum wenige Monate her war. Nicht wenige Offiziere quittierten den Dienst und suchten sich einen anderen Beruf, andere folgten dem Aufruf des Königs und schlossen sich der bereits erwähnten Welfenlegion an und wiederum andere suchten in einer anderen Armee eine neue militärische Heimat.835 Typische Exilarmeen für vormals hannoversche Offiziere waren dabei die sächsische oder österreichisch-ungarische.836 Die innere Einstellung der ehemals hannoverschen Untertanen gegenüber der neuen preußischen Obrigkeit lässt sich auch bei der Annahme und Trageweise von Orden und Ehrenzeichen nachvollziehen. Viele Hannoveraner, vor allem die Eliten des Landes, waren Träger staatlicher Auszeichnungen gewesen und verloren mit der Einverleibung Hannovers in das Königreich Preußen die Legitimation, diese Auszeichnungen weiterzutragen. Bei den Verhandlungen über die weitere Verwendung der hannoverschen Soldaten und Beamten wurde sogar eigens auf die Frage nach den bis 1866 verliehenen Orden und Ehrenzeichen eingegangen: „Den Offizieren, Beamten, Unteroffizieren und Soldaten der ehemaligen hannoverschen Armee wird gestattet, die ihnen bis zum Erlaß des Besitzergreifungspatentes verliehenen hannoverschen Orden und Ehrenzeichen fortzutragen.“837 Eine ähnliche, auf den ersten Blick bemerkenswerte Verordnung, die sich ganz konkret auf die Langensalza-Medaille bezieht, traf der preußische König im Jahre 1867, wonach „die Offiziere, Unteroffiziere und Gemeinen der ehemaligen hannov. Ar- 832 Vgl. ebd. 833 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 132. 834 Vgl. Spath: Jubiläumsdenkmünzen, S. 6. 835 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 131. 836 Vgl. Spath, Jubiläumsdenkmünzen, S. 6. 837 Dr. Wolfram, G.: Die Hannoversche Armee und ihre Schicksale in und nach der Katastrophe von 1866. Hannover 1904. S. 81. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 202 mee, die ihnen von Sr. Majestät dem Könige Georg V. verliehenen Erinnerungs-Medaille an das Gefecht von Langensalza annehmen und tragen dürfen.“838 König Wilhelm I. tolerierte also ausdrücklich die Annahme und das öffentliche Tragen der Langensalza-Medaille, die für den Kampf gegen seine eigene Armee verliehen wurde. Ähnlich verfuhr er auch beim Feldzeichen für 1866 des Herzogtums Nassau, das sich ebenfalls im Krieg gegen Preußen befand und im Anschluss annektiert wurde. Die Genehmigung, das Ehrenzeichen des vormaligen Gegners tragen zu dürfen, kann als erste Maßnahme der inneren Befriedung oder gar Aussöhnung verstanden werden. Es steht sowohl für die Großzügigkeit der neuen Obrigkeit gegen- über den Besiegten als auch für die Anerkennung geleisteter Dienste, unabhängig davon, unter welcher Krone sie stattfanden. Mit der Langensalza-Medaille wurden schließlich Loyalität und Pflichttreue belohnt, also Werte, die sich auch der König von Preußen von seinen neuen Untertanen in der preußischen Provinz Hannover versprach und die nur wenige Jahre später im Deutsch-Französischen Krieg abverlangt wurden. Außerdem hätte ein Trageverbot hannoverscher Orden und Ehrenzeichen die Frage der Loyalität bei seinen Trägern überhaupt erst aufgeworfen, denn das Tragen von Auszeichnungen kann auch als politischer Protest verstanden werden, vor allem dann, wenn es verboten ist. Zahlreiche noch erhaltene Ordensschnallen und Porträtfotos zeugen schließlich davon, dass hannoversche und preußische Orden und Ehrenzeichen wie selbstverständlich nebeneinander getragen und nicht als widersprüchlich empfunden wurden. Eine wohl einmalige Begebenheit, bei der der Bruch mit dem vormals herrschenden Haus der Welfen seinen Ausdruck in der Rückgabe einer Langensalza-Medaille findet, ist die vom ehemaligen Cambridge-Dragoner und jetzigen Buchbinder Köhnsen aus Walsrode. Dieser hatte am 14. September 1873 den langen Weg aus Walsrode bis nach Gmunden ins österreichische Exil des Königs auf sich genommen, um seine persönliche finanzielle Situation mit der Königin zu klären. Offenbar hatte er bei vorheriger Gelegenheit Geld bei ihr geliehen und „bat um eine Audienz bei Ihrer Majestät der Königin, um die Bezahlung seiner Schulden aufzuschieben.“839 Darüber kam er mit dem Oberstleutnant von Klenck ins Gespräch, bei dem es sich um eine Art Adjutant bzw. Sekretär der königlichen Familie im österreichischen Exil handelte. Dieser erklärte ihm, „daß er seit Monat Mai bereits zwei Mal [...] und jedesmal bedenklich Unterstützung erhalten und [...] nach eingezogenen Erkundigungen keiner Unterstützung würdig ist.“840 Der Buchbinder Köhnsen war hierüber sehr ungehalten „und warf dem Haushofmeister Reins [...] die Langensalza-Medaille auf den Schreibtisch mit der Hinzufügung, die können Sie dem Oberstlieutnant von Klenck geben.‘“841 Diese Reaktion verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Ehre und Ehrenzeichen bzw. tragbaren Auszeichnungen. Da sich Köhnsen durch die Feststellung, er sei 838 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. Liebenburg Nr. 477. 839 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V Nr. 417. 840 Ebd. 841 Ebd. 7. Des Königs letzte Auszeichnung. Die Langensalza-Medaille 1866 als Ort der Erinnerung. 203 weiterer Unterstützung nicht würdig, gekränkt sah, betrachtete er die Rückgabe seiner Kriegsdenkmünze als geeignetes Mittel, um seine verletzte Ehre zu verdeutlichen. Diese Reaktion wirkt auf den ersten Blick recht spontan und aus dem Affekt heraus, doch Köhnsen hatte seine Langensalza-Medaille immerhin den weiten Weg aus Walsrode mit nach Österreich-Ungarn geführt. Möglicherweise war die Rückgabe für ihn von Anfang an eine Eskalationsstufe beim Streit um seine Schulden bei der Königin. Seitens des Oberstleutnant von Klenck wurde diese symbolische Handlung als unziemliche Weise bezeichnet, weshalb er die Medaille umgehend nach Hannover an einen Regierungsassessor schickte, um das Ehrenzeichen so in gewisser Weise dem Konflikt zu entziehen. Er formulierte in dem Zusammenhang die Bitte, die Medaille im Ordensschrank zu deponieren und den Namen Köhnsens aus dem Verzeichnis der mit der Langensalza-Medaille begnadigten Personen zu streichen.842 Die Rückgabe einer staatlichen Auszeichnung an den verleihenden Souverän (der Oberstleutnant von Klenck fungierte hier im Auftrag des Königs) ist als bedeutende symbolische Gabe zu verstehen. Während die Ohrfeige als symbolische Abstrafung, als Delegitimation bzw. Bloßstellung vom gesellschaftlich Höherrangigen zum Niedriggestellten gedeutet werden kann843, so ist es bei der Rückgabe der Langensalza-Medaille genau andersherum. Der Buchbinder aus Walsrode hat gegenüber der königlichen Familie bzw. dem Adjutanten als deren administratives Organ keine Möglichkeit zur standesgemä- ßen Genugtuung für seinen Ehrverlust und bediente sich daher dem ihm verliehenen Ehrenzeichen. Mit der Rückgabe der Medaille sagte er sich symbolisch von seiner Loyalität gegenüber dem König los, die er einst unter Lebensgefahr in der Schlacht bei Langensalza unter Beweis gestellt hatte. Der Langensalza-Medaille kommt als letzte Auszeichnung im Königreich Hannover also eine besondere Bedeutung zu. Sie wurde anlässlich eines militärischen Sieges gestiftet und stand doch am existenziellen Ende der eigenständigen Monarchie. Unter dem Eindruck im Felde unbesiegt gewesen zu sein, trugen die Veteranen dieses äußere Zeichen selbstbewusst unter preußischer Duldung auch im Dienste des einstigen Kriegsgegners weiter. Orden und Ehrenzeichen wurden somit zu einer Art Stückwerk der Lebenserinnerungen ihrer Träger und schlossen sich dabei ganz und gar nicht gegenseitig aus, was die Frage der Loyalität angeht. 842 Vgl. ebd. 843 Vgl. Speitkamp: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord, S. 26f. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 204 Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer Die Gründung des hannoverschen Auszeichnungssystems fiel in eine Zeit, in der, bedingt durch die umfangreichen Bündnisaktivitäten in den Befreiungs-kriegen sowie die damit zusammenhängende kontingentübergreifende Truppenführung, häufiger als je zuvor Orden und Ehrenzeichen auch zwischenstaatlich verliehen wurden. Galt bei den Hausorden in der frühen Neuzeit noch das Ausschlussprinzip, das heißt man konnte aus Loyalitätsgründen nur in einem Orden Mitglied sein und die entsprechende Dekoration tragen, so konnte spätestens ab dem 19. Jahrhundert Verdienst auch durch einen ausländischen Souverän gewürdigt werden. So kam der Guelphen-Orden im Zuge seiner Stiftung nicht nur an zahlreiche ausländische Militärs zur Verleihung, mit denen hannoversche Truppen gegen Napoleon koaliert hatten, sondern anlässlich der alljährlich stattfindenden Ordensfeste auch an hochfürstliche Personen und Politiker. Damit passte man sich bei der Verleihungspraxis europäischen Normen an, die die Vergabe von Orden und Ehrenzeichen zu einem beträchtlichen Anteil als diplomatisches Mittel zum Aufbau oder der Bekräftigung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Staaten und Dynastien vorsah, „denn in den fürstlichen Häusern Teutschlands ist es überall Gebrauch, bei Vermählungen Ordensverleihungen sowohl an Glieder des verwandt gewordenen Hauses, als auch an dessen Minister und hohe Beamte eintreten zu lassen [...].“844 So gehörten zu den mit dem Guelphen-Orden beliehenen Ausländern der ersten Jahre zum Beispiel der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, der braunschweigische Staatsminister Graf von der Schulenburg-Wolfsburg, Laval Graf Nugent, österreichischer Feldmarschall-Leutnant und römischer Fürst, der britische Feldmarschall Herzog von Wellington oder auch der österreichische Botschafter in London, Fürst Paul Esterhazy.845 Zunächst überwogen jedoch auch bei den Ausländern noch Verleihungen des Guelphen-Ordens im Zusammenhang mit dem Krieg gegen Napoleon. So wurden bei der erstmaligen Verleihung des Ordens allen ausländischen Generalen, die bei Waterloo ein Kommando gehabt hatten, das Militär-Großkreuz verliehen. Britische Adlige und Offiziere waren, wohl bedingt durch die Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien, eine sehr stark repräsentierte Gruppe unter den Ausländern, die eine hannoversche Auszeichnung erhielten. Das beruhte auch auf Wechselseitigkeit, sodass zwischen hannoverschen und britischen Orden eine Dispensation stattfand. Das bedeutete zum Beispiel, dass allen Offizieren, „die unter englischen Fahnen gekämpft und die Militärdekoration des Bath-Ordens erhalten hatten, die entsprechende Militärdekoration des Guelphen-Ordens“846 verliehen wurde. Daran wird deutlich, dass im Zuge der Zwischenstaatlichkeit bei der Verleihung von Orden und Ehrenzeichen die Frage nach der Gleichrangigkeit von Auszeichnungen und der Entsprechung des Standes des Beliehenen und der Verleihung der richtigen Klasse durch einen ausländischen Souverän zu einem immer wiederkehrenden 8. 844 Horn: Der Guelfenorden, S. 188f. 845 Vgl. ebd., S. 310ff. 846 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3. 8. Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer 205 zentralen Thema wurde. Die Verleihung einer fremdländischen Auszeichnung war ein Eingriff in das jeweilige Belohnungssystem und bedurfte daher einer strengen Beaufsichtigung und Regulierung. Wollte der König von Hannover dem Bürger eines anderen Landes eine Auszeichnung verleihen, so waren für die General-Ordens-Kommission zwei wesentliche Fragen zu beantworten: welchen gesellschaftlichen Rang bekleidete der Auszuzeichnende in seinem Land und welche Auszeichnung bzw. Klasse eines Ordens im Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover entsprach diesem Rang? Die Recherche der General-Ordens-Kommission diesbezüglich lässt sich am Beispiel des russischen Collegien-Assessors Fabricius sehr gut nachvollziehen. Dieser sollte im Jahre 1860 das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens für seine seit längeren Jahren geleisteten Dienste in der königlichen Gesandtschaft erhalten. Der Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Graf Platen-Hallermund, hatte jedoch Bedenken, was die geeignete Klasse des Ordens anging, „Da nämlich das Ritterkreuz für einen Consistorial-Secretair eine zu hohe Ordensclasse zu sein scheint [...] so ist es erforderlich eine nähere Auskunft über die Stellung des Herrn von Fabricius zu erhalten.“847 Daher erkundigte sich Graf Platen-Hallermund bei der königlichen Gesandtschaft in St. Petersburg über den zu Beleihenden. Besonders der Rang des „Consistorial-Secretairs“ bereitete offensichtlich Probleme bei der konkreten Zuordnung und dem Vergleich mit hannoverschen Beamten-Dienstgraden: „1. Welchen Rang, den Militairgraden entsprechend, bekleidet der Herr von Fabricius? 2. Gehört derselbe zu den wirklichen Mitgliedern oder zu den Subaltern-Beamten des Consistoriums? 3. Ist derselbe bereits Inhaber eines Ordens oder unserer Orden und eventuell welcher Classe?“848 Aus St. Petersburg erwiderte man der Anfrage, dass der Rang des Herrn von Fabricius mit dem Majors-Rang im Militär vergleichbar sei und dass ihm bisher keine Orden verliehen wurden.849 Wohl aufgrund dieses Umstandes wurde ihm erst ein (!) Jahr später „die 4te Classe des Guelphen-Ordens, welche Seine Majestät dem Fabricius zu verleihen geruht haben“850 mit der gleichzeitigen Ankündigung übersandt, dass Fabricius das Ritterkreuz erhalte, sobald er den Charakter eines Rats erhalten habe, da dieser für die Klasse erforderlich sei. Diese Aussage der General-Ordens-Kommission ist insofern erstaunlich, als dass solche Verleihungspraxis den Ordensstatuten widersprach. In den am 20. Mai 1841 revidierten Statuten des Guelphen-Ordens heißt es ausdrücklich: „Das Commandeurkreuz zweiter Classe, das Ritterkreuz und das silberne Kreuz ist an keinen Rang gebunden.“851 Dennoch orientierte man sich bei der Vergabe von Auszeichnungen ganz offensichtlich an internationalen Standards, was die Relation von Rang des Beliehenen und Klasse des Ordens oder des Ehrenzeichens anging. Zwar wäre die Verleihung des Rit- 847 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, S. 60. 848 Ebd., S. 58. 849 Vgl. ebd., S. 56. 850 Ebd., S. 54. 851 Thies/Hapke: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover, Kapitel 3. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 206 terkreuzes an den Herrn Fabricius kein Affront gewesen, aber sehr wohl wollte man den Wert der Auszeichnung aufrechterhalten, indem man die gesellschaftliche Rangfolge beachtete und auch im Ausland mit der eigenen verglich. Doch diese Zuordnung gelang nicht in jedem Fall und führte mitunter sogar zu Beschwerden seitens der Beliehenen. So wandte sich im Jahre 1861 der preußische Oberstleutnant Teisler an die diplomatische Vertretung Hannovers in Berlin und „sprach seinen Dank aus, daß Seine Majestät der König geruht habe, ihn mit dem Kgl. Guelphen-Orden zu begnadigen, fügte jedoch hinzu, daß, da jüngere und unter ihm stehende Officiere mit dem Commandeurkreuz bedacht wären, es ihm seinen Collegen gegenüber unangenehm sei, nur das Ritterkreuz des Guelphen-Ordens erhalten zu haben. Als Abtheilungschef im Kriegsministerium habe er den Rang eines Regiments-Commandeurs, und da insbesondere dem Oberstlieutnant Neumann, welcher diesen Rang nicht einnehme, das Commandeurkreuz 2.Classe verliehen sei, so ersuche er mich, bei meiner Regierung, dafür zu wirken, daß auch er mit dieser Ordensclasse bedacht werde.“852 Die strenge militärische Hierarchie, insbesondere im Offizierkorps des Kriegsministeriums, bot für den Oberstleutnant Teisler einen ständigen und direkten Vergleich, was die Vergabe von Ehrungen und Auszeichnungen angeht. Wie in diesem Beispiel zu sehen, konnten äußere Zeichen, die einen Unterschied in der Rangfolge hervorheben und dann noch nach damaligem Verständnis in falscher Zuordnung, das Ehrgefühl eines Beliehenen verletzen, sodass dieser sich gezwungen sah, die „richtigen Verhältnisse“ wiederherzustellen. Für den Petenten bestand zweifelsohne die Hürde darin, eine ausgesprochene Belohnung in Form eines Ordens als nachteilig zu relativieren, da es ihm seinen Kameraden gegenüber sehr unangenehm zu sein schien. Dass er bereits einen österreichischen und oldenburgischen Orden in der ihm angemessenen Kommandeurklasse erhalten hatte, dürfte zu seiner Initiative zur Berichtigung der Ordensklasse beigetragen haben. Gefühle wie Scham und Neid, namentlich sogar auf den Oberstleutnant Neumann bezogen, lassen sich aus dem Bittschreiben des Offiziers herauslesen und geben einen Eindruck vom vorherrschenden Selbstverständnis, was die Zurschaustellung äußerer Zeichen in Bezug auf das militärische Ranggefüge angeht. Der hannoversche Beamte W. v. Reitzenstein, der die Angelegenheit an die General-Ordens-Kommission weiterleitete, erwiderte Teisler, dass er nicht an eine nachträgliche Korrektur der Ordensklasse glaube, da die Verleihung zu dem Zeitpunkt bereits publiziert gewesen war. Im gleichen Zuge erklärte und verwies er auf die Rangverhältnisse, die einer solchen Ordensverleihung in Hannover zugrunde lagen.853 Reitzenstein glaube, der preußische Offizier habe „zuvor mit dem Herrn Kriegsminister Generallieutnant v. Roon Rücksprache genommen“854. Welchen Einfluss er dem preußischen Kriegsminister er in dieser Sache zuschrieb, geht aus der Quelle leider nicht hervor. Nichtsdestotrotz wurde die Sache König Georg V. von Hannover zur 852 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 121. S. 25. 853 Vgl. ebd. 854 Ebd. 8. Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer 207 Entscheidung vorgetragen und dieser lehnte eine Änderung der Klasse des Guelphen- Ordens schließlich ab. Solche Missverständnisse, was die Verleihung der korrekten Klasse eines Ordens an einen Ausländer angeht, ließen sich auch durch das rechtzeitige Einholen der Verleihungsgenehmigung des jeweils anderen Fürstentums vermeiden. Besonders in Preußen achtete man seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nach einem unliebsamen Zwischenfall mit einem ranghohen württembergischen Beamten auf diese Prozedur. Im November 1894 hatte nämlich der Präsident der General-Direction der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen von Balz das Ehrenkreuz 2. Klasse des Fürstlich-Hohenzollernschen Hausordens erhalten.855 Er bestätigte zwar den Empfang der Dekoration, behielt sich jedoch die tatsächliche Annahme vor, mit dem Hinweis, dass diese Klasse seinem Rang nicht entspräche. Seinen vorgesetzten Minister informierte er darüber, woraufhin der Fürstlich-Hohenzollernsche Hofmarschall von Arnim erfuhr, „daß der Eisenbahn-Präsident ein Beamter III. Stufe war, was dem Rang eines Generalmajors entsprach und bereits das Komturkreuz II. Klasse des Friedrichsordens besaß, zudem auch Halsorden von Preußen, Bayern und Baden, sodaß ihm auf jeden Fall das Komturkreuz und nicht die 2. Klasse des Fürstlichen Hausordens zustehe.“856 In Berlin empfand man diesen Vorfall als peinlichen Fauxpas gegenüber dem Königreich Württemberg.857 Der Eisenbahn-Präsident erhielt schließlich das standesgemäße Komturkreuz und in Preußen bzw. im Fürstentum Hohenzollern, was dem Königreich Preußen in solchen Fragen administrativ angegliedert war, achtete man von dem Zeitpunkt an penibel auf die Verleihung der korrekten Klasse an Ausländer. Dies konnte sichergestellt werden, indem eine Behörde, wie in dem Fall das Sigmaringer Hofmarschallamt, eine Verleihungserlaubnis bei der Regierung des zu Beleihenden beantragte. Die Regierung würde den Umstand einer zu niedrigen Klasse bemerken und könnte so im Vorfeld einen Hinweis an den verleihenden Souverän geben. Zum Zeitpunkt der Verleihung des hannoverschen Ordens an den Oberstleutnant Teisler waren solche Vorgänge jedoch noch nicht üblich. Bei der Verleihung des Guelphen-Ordens an den sächsischen Diplomaten Herrn von Könneritz im Jahre 1858 revidierte der König dagegen die Zuteilung des Kommandeurkreuzes 2. Klasse, da sich der Rang des Beliehenen in der Zwischenzeit geändert hatte: „Nachdem der Königlichen Majestät nun aber davon unterrichtet wurde, daß der Herr von Könneritz bereits am 11ten Septbr. v. J. das Amt und den Rang eines Minister-Residenten bekleidete, haben Allerhöchstdieselben sich huldreichst bewogen gefunden, die früher – unvollzogen gebliebene – Verleihung als nicht geschehen zu erklären, und mittels einer, ebenfalls vom 11ten September v. J. datierten, Patentes den genannten Diplomaten zum Commandeur erster Classe des Guelphenordens zu ernennen [...].“858 855 Vgl. Link, Eva / Gauggel, Heinz: Fürstlich Hohenzollernsche Orden und Ehrenzeichen. Fridingen 1985. S. 114. 856 Ebd. 857 Vgl. ebd. 858 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, S. 6. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 208 Gerade im Bereich des diplomatischen Personals war die Festlegung der korrekten Klasse von großer Bedeutung, da Diplomaten häufig Träger unzähliger Orden waren, die sich in der jeweiligen Klasse miteinander vergleichen ließen. Die Verleihung an ausländische Minister war dann nur noch bloßes Ritual. Tatsächliche Verdienste waren da nicht zwangsläufig eine Voraussetzung, wie man es am Beispiel des russischen Außenministers Fürst Gortschakow nachvollziehen kann. Ihm wurde am 4. Juni 1857 das Großkreuz des Guelphen-Ordens ohne konkrete Begründung verliehen, es war lediglich von einer „Gnadenbezeugung“ die Rede.859 Ähnlich wurde es für das Gefolge diplomatischer Gesandtschaften gehandhabt. So erhielten im selben Jahr einige Personen aus dem Gefolge des Großfürsten und der Großfürstin Constantin von Russland ebenfalls den Guelphen-Orden: „das Großkreuz dem Kaiserlich Russischen Maitre de la Cour und Geheimen Rath von Sabouroff; das Commandeurkreuz erster Classe dem Kaiserlich Russischen wirklichen Staatsrathe Dr. von Haurowitz und wirklichen Staatsrathe Cammerherrn von Golovnine, das Comandeurkreuz zweiter Classe dem Kaiserlich Russischen Fregatten-Capitain, Prinzen Labanoff de Rostoff und Obersten Greig das Ritterkreuz dem Prinzen Ouchtomsky, Adjutanten Sr. Kaiserlichen Hoheit des Großfürsten Constantin von Rußland“860 Auch hier ist die Vergabe des Ordens als eine Art „gute Sitte“ zu verstehen, die als eine Form der Gastfreundschaft betrachtet werden kann und auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Die Rangverhältnisse im Gefolge des Großfürsten spiegelten sich konsequent in der Vergabe unterschiedlicher Klassen des Ordens wider. Russische Bürger gehörten in größerem Umfang zum Kreis der mit hannoverschen Orden und Ehrenzeichen beliehenen Ausländer, aber auch Preußen, vor allem wegen der bis 1866 intensiven militärpolitischen Kooperationen. So erhielten noch im Januar 1866 zwei preußische Stabsoffiziere den Guelphen-Orden weil „diese Officiere der hiesigen Direction des Armee-Materials bei der Abgabe von Geschützen nützliche Dienste geleistet haben, – so erlauben Wir Uns die [...] Decorationen nebst Zubehör mit dem ganz ergebensten Ersuchen in den beiden Anlagen zu übersenden, daran Aushändigung an die Beliehenen auf diplomatischem Wege gefälligst vermitteln zu wollen.“861 Auch die militärische Beteiligung Hannovers an der Bundesexekution 1863/64 führte zu einer vermehrten Verleihung von Orden an die Soldaten verbündeter Streitkräfte. Im Fall der Vergabe von Auszeichnungen an sächsische Offiziere musste jedoch erst der Minister für Auswärtige Angelegenheiten in einem Brief an die General- Ordens-Kommission auf diese wichtige und notwendige Geste aufmerksam machen. 859 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, S. 4. 860 Ebd., S. 5. 861 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 121. S. 2. 8. Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer 209 Darin heißt es, dass „Schon zu verschiedenen Malen bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, daß die K. Sächsische Regierung bald nach Aufhören der Bundesexekution in den Elbherzogthümern unseren Kgl. Hannoverschen Officieren, die der mobilen Armeedivision in Holstein angehört haben,“862 verschiedene Auszeichnungen verliehen wurden, „daß aber von hannoverscher Seite keine Reciprocität geübt worden sei. [...]“863 Daraufhin kam es 1865 zu einer repräsentativen Verleihung des Guelphen-Ordens an sieben sächsische Offiziere vom Leutnant bis zum Generalmajor. Die Abwicklung der im Gegenzug an Hannoveraner verliehenen ausländischer Orden und Ehrenzeichen bedurften eines zusätzlichen bürokratischen Aufwands. Wenn ein Bürger des Königreichs Hannover von einem fremdländischen Souverän mit einer Auszeichnung bedacht werden sollte, so war der Beliehene dazu verpflichtet, beim König die Genehmigung hierzu einzuholen, sowohl was die Annahme der Auszeichnungen anging als auch das Tragen. Ursache für diese Genehmigungspflicht war der Zusammenhang zwischen den Orden und Ehrenzeichen als äußeres Zeichen einerseits und dem Anspruch auf Loyalität, den der verleihende Souverän mit diesem Zeichen erhebt. Zwar war die Verleihung ausländischer Orden und Ehrenzeichen an Hannoveraner ab der Mitte des 19. Jahrhunderts keine Seltenheit mehr, jedoch bestand König Georg V. auf einen geregelten Ablauf bei der Genehmigung derselben: „Das Entgegengesetzte würde geradezu gefährlich sein, da er unmittelbar zu einem bedenklichen Einfluß fremder Herrscher führen müßte.“864 In der Regierungszeit von König Ernst August wurde zunächst festgelegt, dass die Erlaubnis für das Tragen fremdländischer Auszeichnungen durch den Haus- und Kabinettsminister erteilt werden sollte, Militärangehörige ausgenommen. In einem Schreiben König Georgs aus dem Jahre 1865 an seine Minister stellte er jedoch fest, dass seitdem „in dieser Beziehung ein ungeordneter Zustand“ herrsche „wie die Anfrage des Ministers des Innern bei den anderen Ministern schon beweist.“865 Über die Jahre wurden verschiedene Ministerien und Behörden immer wieder mit Anträgen über Annahme- und Tragegenehmigung angeschrieben, üblicherweise waren dies die General-Ordens-Kommission, das Auswärtige Ministerium und das Ministerium des Innern. Entweder sprachen diese Behörden dann unberechtigterweise Genehmigungen aus oder sie leiteten die Anträge untereinander weiter. „Diesem wollte und habe ich ein Ende gesetzt.“866 schrieb der König daher an seine Minister und entschied letztlich, die Sache wieder konsequent in die Hände seines Hausministeriums zu geben und damit in seine unmittelbare Nähe. Das Schreiben König Georgs V. gibt einen Eindruck darüber, welche Bedeutung man Orden und Ehrenzeichen zurechnete. Sie waren nicht einfach eine Belohnung, sondern ein tragbares Symbol, das sehr eng mit den Vorstellungen von Loyalität und Ehre verknüpft war. Der König war sogar über den Einfluss fremder Herrscher in seinem Land besorgt, weil hannoversche Bürger ausländische Orden und Ehrenzeichen trugen. Nach damaligem Ver- 862 Ebd., S. 7 863 Ebd. 864 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 113 Nr. 17. S. 28. 865 Ebd. 866 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 210 ständnis hatte der verleihende Souverän den Anspruch auf Loyalität und Anhänglichkeit des Beliehenen, was durch die Dekoration nach außen hin sichtbar gemacht wurde. Die Dekorationen zweier Souveräne zu tragen, war daher eigentlich ausgeschlossen oder sollte zumindest die absolute Ausnahme sein. Ausdruck fand diese Ausnahme in der exklusiven Genehmigung der Annahme und des Tragens ausländischer Orden und Ehrenzeichen durch den König bzw. seines Hausministeriums. Diese Sonderstellung ausländischer Orden und Ehrenzeichen hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Nach wie vor behält sich in Deutschland das Staatsoberhaupt das Privileg zur Genehmigung vor: „Er [Anm.: der Bundespräsident] hat außerdem die oberste Entscheidungsbefugnis über das Ordenswesen der Bundesrepublik Deutschland. So erteilt er zum Beispiel deutschen Staatsangehörigen die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen ausländischer Orden und Ehrenzeichen oder zur Führung ausländischer Ehrentitel.“867 Die Verleihungen der Orden und Ehrenzeichen Hannovers an ausländische Bürger verdeutlichen die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Art einer Auszeichnung bzw. der Klasse und dem Rang des Beliehenen. Während sich im eigenen Land der gesellschaftliche Rang zu den entsprechenden Dekorationen leicht zuordnen ließen, weil sie oftmals bereits in den Verleihungsbestimmungen explizit Erwähnung fanden, fiel der Vergleich mit den Rangverhältnissen in anderen Ländern deutlich schwieriger. Um die eigenen Orden und Ehrenzeichen durch eine falsche Zuordnung nicht abzuwerten oder den Beliehenen durch eine zu niedrige Klasse, die seinem Rang nicht entsprach, nicht zu verstimmen, wurden teilweise genaue Angaben über die gesellschaftliche Position desjenigen eingeholt. Dennoch konnte eine zu niedrige Klasse eines Ordens sehr wohl das Ehrgefühl eines Beliehenen verletzen, wie es am Beispiel des preußischen Oberstleutnant Teisler deutlich wird. Seine Erwartungen konnten, obwohl die preußischen Rangverhältnisse nicht weit von den hannoverschen entfernt waren, nicht erfüllt werden. Gleichzeitig vollzog sich im Rahmen zwischenstaatlicher Beziehungen auch eine Art Automatisierung bei der Vergabe von Orden und Ehrenzeichen. Ihre Verleihung wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht nur zunehmend als Gastgeschenk oder diplomatische Geste gehandhabt, sondern sie wurden auch wechselseitig im Rahmen gemeinsamer militärischer Unternehmungen als Zeichen des Bündnisses verliehen. Auch die Verleihungen hannoverscher Orden und Ehrenzeichen nach 1866 aus dem österreichischen Exil des Königs und seiner Erben sind als solches diplomatisches Mittel zu verstehen, da sie im Wesentlichen an Österreicher und Franzosen erfolgten, die König Georg V. als Verbündete für die Wiedererlangung einer Regentschaft betrachtete. 867 http://www.bundespraesident.de/DE/Amt-und-Aufgaben/Orden-und-Ehrungen/orden-und-ehrun gen-node.html (Stand: 03.06.2016). 8. Über Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Ausländer 211 Die Rolle der Frau im Auszeichnungssystem Hannovers. Die zunehmende Einbindung aller Bevölkerungsschichten in das System von Orden und Ehrenzeichen im Laufe des 19. Jahrhunderts und die damit einhergehende Ausdifferenzierung tragbarer Auszeichnungen stand auch in einer Wechselbeziehung zur Frage nach der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Wie bereits im Kapitel II.3. dargestellt, hatte es in der frühen Neuzeit zahlreiche Stiftungen von Damenorden gegeben, die jedoch noch korporative Verbindungen meist hochadliger Damen gewesen waren. Im Zuge der Befreiungskriege gab es mit dem preußischen Luisen-Orden (1814) einen ersten Verdienstorden für Frauen in zwei Abteilungen, der „für verdienstvolle Handlungen im Kriege und in Friedenszeiten“868 verliehen werden konnte. Auch hier folgten andere deutsche Staaten dem preußischen Vorbild und schufen in den folgenden Jahrzehnten Orden und Ehrenzeichen für Frauen. Verdienste, die mit tragbaren Auszeichnungen gewürdigt werden sollten, orientierten sich an der gesellschaftlichen Rolle der Frau im 19. Jahrhundert, die in allererster Linie als Mutter und „liebende Erzieherin der jungen Generation“869 bestand. War die Frau aufgrund ihres Alters bzw. aufgrund des Umstandes, dass sie noch ledig war, dazu noch nicht imstande, dann hatte sie als Jungfrau „die Aufgabe, die Mutter bei der Erziehung der Kinder und Gestaltung des Familienlebens zu unterstützen.“870 In Kriegszeiten konnten sowohl Frauen als auch Jungfrauen ihre Vaterlandsliebe und Anhänglichkeit zum jeweiligen Monarchen auch durch Hilfeleistungen bei der Pflege und Versorgung verwundeter Soldaten zum Ausdruck bringen und entsprechend ausgezeichnet werden. Erst im Laufe des Ersten Weltkriegs übernahmen Frauen im Bereich der sogenannten Heimatfront nach und nach Aufgaben in Rüstungsindustrie oder im öffentlichen Leben, die über die bisherige klassische Rollenverteilung hinausging. Dekorationen für Frauen unterschieden sich auf zwei verschiedene Arten von denen der Männer. Einerseits wurden Auszeichnungen gestiftet, die allein den Frauen vorbehalten waren und andererseits gab es Ehrenzeichen, die an Männer und Frauen gleichermaßen verliehen wurden, wobei sich die Tragevorrichtungen voneinander unterschieden. Männer erhielten diese Auszeichnungen an einem Band, das sie wiederum zu einer Ordensschnalle vernähen lassen konnten. Frauen trugen die Dekoration dagegen an einer Bandschleife mit rückseitiger Tragenadel. Dennoch stifteten viele deutsche Fürsten und Fürstinnen eigene Verdienstauszeichnungen für Frauen, z.B. im Königreich Preußen das Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen (1871) oder auch das Ehrenzeichen für Hebammen nach 40-jähriger tadelloser Dienstzeit (1886). Der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach stiftete ein Ehrenzeichen für Frauen in zwei Abteilungen (1899), im Großherzogtum Sachsen-Coburg-Gotha gab es die Medaille für weibliches Verdienst (1869) und im Königreich Württemberg den Olga-Orden (1871). Insbesondere das Großherzogtum Baden, das sich in Fragen der 9. 868 Gritzner: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden, S. 396. 869 Hansel, Klaus: Das Bild der Familie im Spiegel preußisch-deutscher Orden und Ehrenzeichen. In: Der Herold. Vierteljahresschrift für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften. Bd. 11 (1985). Berlin 1985. S. 180. 870 Ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 212 Gleichberechtigung der Frau in vielen Bereichen sehr progressiv zeigte, würdigte Arbeit und Verdienst in Form von tragbaren Auszeichnungen sehr umfassend. So wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts die andauernde Berufstätigkeit von Arbeiterinnen in Form von Ehrenzeichen genauso gewürdigt (Arbeiterinnenkreuz) wie die von Hebammen (Jubiläumsmedaille für Hebammen) und Kranken- und Pflegepersonal (Dienstauszeichnung für die Krankenschwestern des Badischen Frauenvereins). Selbst kleinste deutsche Staaten wie das Fürstentum Lippe-Detmold würdigten in Form des Bertha-Ordens (1910) die Verdienste von Frauen in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben. Da ist es umso erstaunlicher, dass es im flächen- und bevölkerungsmäßig großen Königreich Hannover keine Orden und Ehrenzeichen für Frauen gab871. Auch beim Guelphen-Orden, Ernst-August Orden, den zahlreichen Verdienstmedaillen und dem Allgemeinen Ehrenzeichen für Zivilverdienst war keine Trageform für Frauen an einer Bandschleife vorgesehen.872 Frauen spielten damit bei der Belohnung von Verdiensten in Form von tragbaren Auszeichnungen im Königreich Hannover keine Rolle. Es gab jedoch eine Kategorie von Ordensdekorationen, die in Hannover staatlich legitimiert war und die ausschließlich von Frauen getragen wurden. Es handelt sich hier um die 1842 und 1853 gestifteten hannoverschen Stiftsorden für die evangelischen Damenkonvente des Landes. Bereits seit dem 18. Jahrhundert wurden in vielen europäischen Ländern Dom- und Stiftskapitel, darunter auch Damenstifte, mit Ordenszeichen begnadigt.873 Hierbei handelte es sich um äußere Zeichen der Zugehörigkeit, so wie es in der frühneuzeitlichen Ordenskultur praktiziert wurde. Nur die Mitgliedschaft in einem Orden bzw. Konvent und nicht etwa der Verdienst war die Voraussetzung, um einen Stiftsorden tragen zu dürfen. Im Königreich Hannover hatten bereits die Stifte Bassum (1750), Wunstorf (1750) und Börstel (1765) tragbare Dekorationen erhalten.874 Die Stiftungsfreudigkeit König Ernst Augusts bei den Verdienstauszeichnungen und Kriegsdenkmünzen im Jahre 1841 wirkte sich dabei auch positiv auf die Schaffung weiterer Stiftsorden aus. Seine Ehefrau, Königin Friederike, hatte bereits die Idee dazu angeregt und nach ihrem Tod im Jahre 1841 trieb der König die Stiftung dieser Dekorationen zur Erinnerung an seine Gemahlin voran.875 Ihre Tochter Friederike, Herzogin von Anhalt-Dessau, und Stieftochter des Königs nahm sich diesem Projekt nach dem Tod der Mutter an, wobei Ernst August ihr bei 871 Thies und Hapke erwähnen unter Kapitel 21 eine Dekoration für Hofdamen, können jedoch keine detaillierten Beschreibungen dieser angeblich zweiklassigen Auszeichnung vorweisen. Es fehlen auch jegliche Bezüge auf Quellen und sowohl Hessenthal und Schreiber als auch Jörg Nimmergut in seinem regelmäßig erscheinenden Katalog zu Orden und Ehrenzeichen erwähnen diese Dekoration nicht. Daher bildet sie keine Grundlage für die vorliegende Arbeit. 872 Dem Autor liegen bisher keine Nachweise vor, dass irgendeine hannoversche Verdienstauszeichnung an eine Frau verliehen wurde. 873 Vgl. Magnus, Peter von: Pietati et Verecundiae – Die hannoverschen Stiftsorden von 1842 und 1853. Sonderdruck aus dem Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte Bd 53. Hildesheim 1981. S. 243. 874 Vgl. ebd., S. 244 875 Vgl. ebd. 9. Die Rolle der Frau im Auszeichnungssystem Hannovers. 213 der Gestaltung der Ordenszeichen größtmögliche Freiheiten ließ.876 Bei der Realisierung war ebenfalls der Oberschenk und Reisemarschall Ernst von Malortie beteiligt, der ebenfalls zeitweise der General-Ordens-Kommission angehörte. Aus einem Schreiben des Reisemarschalls an den König geht hervor, dass alle Klöster, die bisher noch kein Ordenskreuz erhalten hatten, zunächst das gleiche Kreuz bekommen sollten, wobei für die adligen Klöster ein goldenes und für die nichtadligen ein weißemailliertes vorgesehen war.877 Diese Unterscheidung basierte auf dem Umstand, „daß die Klöster nach der Reformation zu einem Teil von der Ritterschaft und dem Lüneburger Patriziat zur Versorgung ihrer unverehelichten Töchter aus dem Bürgertum übernommen worden waren.“878 Die Unterscheidung in adlige und nicht-adlige Klöster in der späteren preußischen Provinz Hannover hatte bis ins 20. Jahrhundert Gültigkeit. Zu den adligen Klöstern, die noch eine Dekoration erhalten sollten, gehörten: Barsinghausen, Wennigsen, Lüne, Ebstorf, Isenhagen, Medingen, Walsrode und Neuenwalde. Nichtadelig waren Mariensee, Marienwerder, Wülfinghausen, Wienhausen, Heiligenrode, Georgsstift und Bersenbrück.879 Zu einem späteren Zeitpunkt wurde der hannoversche Heraldiker Dr. Hermann Grote zurate gezogen, der sowohl die einheitliche Gestaltung der Ordenskreuze bemängelte als auch die Farbgebung der Ordensbänder, die sich nach den Provinzfarben der Klöster richten sollte.880 Daraufhin wurden neue Entwürfe der Dekorationen erstellt, wobei zum einen die Kreuzformen geändert und zum anderen zusätzlich traditionelle Motive der Klöster beachtet wurden, letzteres betraf jedoch nur einige Ordenskreuze.881 Das Motto Pietati et Verecundiae wurde auf allen Dekorationen auf der Rückseite eingebracht und sollte eine gewisse Einheitlichkeit bei den Stiftsdekorationen erkennbar machen.882 Nach Grotes Vorstellungen blieben die Provinzfarben bei der Gestaltung der Bänder unbeachtet, stattdessen sollte sich die Auswahl der Farben nach ästhetischen Gesichtspunkten richten.883 Tragen sollten die Ordensdekorationen letztlich „eine jede Äbtissin, Vorsteherin und Conventualin der genannten Klöster, so wie eine jede der mit einer klösterlichen Wohnung versehenen Pensionairinnen des Georgs-Stifts zu Hildesheim“884 Der Wohnsitz in einem Kloster war darüber hinaus Voraussetzung für das Tragen der Dekoration durch die Damen.885 Die Stiftung der Ordensdekorationen wurde schriftlich verkündet und glich in Aufbau und Inhalt den Ordensstatuten der Verdienstorden des Königreichs Hannover. Nicht nur das Aussehen der Kreuze war darin beschrieben, auch der Kreis der Empfänger und mögliche Auflagen, wie etwa Rückgabe oder Entzug der Ordenszeichen. Unterschiedliche Klassen gab es bei den Stiftsorden nicht, die 876 Vgl. ebd., S. 245. 877 Vgl. ebd., S. 245. 878 Ebd., S. 246. 879 Vgl. ebd., S. 248. 880 Vgl. ebd., S. 250f. 881 Vgl. ebd., S. 251. 882 Vgl. ebd. 883 Vgl. ebd. 884 Ebd., S. 253. 885 Vgl. ebd., S. 248. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 214 Äbtissinnen und Vorsteherinnen trugen das Kreuz an einem Bande um den Hals und die Konventualinnen an einer Damenschleife auf der linken Schulter und zwar „bei feierlichen Angelegenheiten des Klosters oder Stifts [...] oder wenn sie vor Unserer Allerhöchsten Person oder vor einem Mitgliede Unseres Königlichen Hauses erscheinen.“886 Das Kreuz ging schließlich wieder an das Kloster zurück, wenn eine Konventualin oder Pensionärin heiratet, stirbt oder in sonstiger Weise aus dem Stift ausscheidet.887 Die Dekoration blieb dann im Besitz des Klosters und wurde an eine Nachfolgerin weitergegeben.888 Trotz des sehr kleinen Kreises, in dem der Orden zur Verleihung kam und trotz des sehr begrenzten Umfangs öffentlicher Wahrnehmung der Dekoration, legte König Ernst August großen Wert auf den Charakter einer königlichen Stiftung, wie es bei jeder anderen Auszeichnung der Fall gewesen war. Er interessierte sich in jedem Detail für die Gestaltung der Kleinode und wies einige Änderungen diesbezüglich an, sodass der Juwelier Knauer, der mit der Herstellung beauftragt war, zusätzliche Kosten in Höhe von 168 Reichstalern berechnen musste.889 Bei der Gestaltung des Bandes entschied sich der König für ein einheitliches Band für alle Klöster, sodass der Eindruck einer überregionalen Stiftung betont wurde.890 Es handelte sich dabei um ein hellblaues Band mit weißen Seitenstreifen, wobei die hellblaue Farbe durchaus mit dem Band des Guelphen-Ordens in Verbindung gebracht werden kann.891 Das Kloster Neuenwalde südlich von Cuxhaven sollte im Zuge der Neustiftungen ebenfalls ein Ordenskreuz erhalten, wurde jedoch wieder von der Liste gestrichen, „da es nicht landesherrlich [war], sondern Eigenthum der Bremischen Ritterschaft“892. Die Angehörigen des Klosters sahen sich jedoch zu den anderen Klöstern gleichgestellt und wollten daher nicht ohne Dekoration dastehen. Über den ehemaligen Staatsminister Friedrich von der Decken beantragten die Priorin und die Äbtissinnen aus Neuenwalde im Jahre 1853 ein Ordenskreuz bei König Georg V. von Hannover, woraufhin es sich der König „zum wahren Vergnügen gereichen“893 ließ, dieser Bitte nachzukommen. Wie sein Vater zeigte auch Georg großes Interesse an der Verwirklichung des Kleinods für dieses eine Kloster und machte Vorschläge zur Gestaltung des Ordenskreuzes.894 Ausnahmsweise war die Dekoration des Klosters Neuenwalde dann die einzige ohne die Devise Pietati et Verecundiae. Stattdessen zeigte sie zwei gekreuzte Schlüssel, dem Wappen der Bremischen Ritterschaft, auf der Rückseite des Medaillons.895 Am 10. Dezember 1853 wurde die Stiftung durch ein Schreiben des Ministeriums der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten an den Präsidenten der 886 Magnus: Die hannoverschen Stiftsorden, S. 253. 887 Vgl. ebd., S. 253. 888 Vgl. ebd. 889 Vgl. ebd., S. 254. 890 Vgl. ebd. 891 Vgl. ebd., S. 255 892 Ebd., S. 256. 893 Ebd., S. 257. 894 Vgl. ebd. 895 Vgl. ebd., S. 258. 9. Die Rolle der Frau im Auszeichnungssystem Hannovers. 215 Bremischen Ritterschaft bekanntgegeben und rechtskräftig.896 Nach der Annexion des Königreichs Hannover im Jahre 1866 wurden die Stiftsdekorationen auch durch preußische Behörden wahrgenommen und die Frage nach einer neuen Legitimation kam auf. Durch eine Kabinetts-Ordre vom 4. Januar 1868 wurde durch den preußischen König Wilhelm I. schließlich bestimmt, „daß die Ordens-Dekorationen und Bänder, wie solche die Mitglieder der Damenstifter und Klöster im vormaligen Königreiche Hannover bisher getragen haben, unverändert beizubehalten sind [...]“897 Das preu- ßische Innenministerium ließ sich alle Entwürfe der bisher verliehenen Ordenszeichen sowie den gesamten Schriftverkehr in Bezug auf deren Stiftung zuschicken und gab die Dokumente trotz Aufforderung durch den Oberpräsidenten der preußischen Provinz Hannover nicht zurück.898 In Hannover wollte man sich auch als Provinz die Stiftung weiterer Dekorationen für Damenstifte vorbehalten und begründete somit die Rückforderung.899 Da das preußische Innenministerium dieser Bitte nicht nachkam, musste man jedoch gegebenenfalls auf die Originalentwürfe zurückgreifen, die im königlichen Hausarchiv aufbewahrt wurden.900 Die hannoverschen Stiftsorden wurden letztlich als einzige Dekoration, die noch während der Zeit des Königreichs Hannover gestiftet wurde, von Preußen übernommen und bis zu dessen Ende als Monarchie mit staatlicher Legitimierung weiterverliehen. Innerhalb des Königreichs Hannover waren sie als einzige Ordensdekoration für Frauen von großer Bedeutung, auch wenn ihre Existenz in der Öffentlichkeit kaum Wahrnehmung genoss, weil sie nicht wie bei den Verdienstorden der Allgemeinheit zur Verfügung stand, sondern nur an einen kleinen, elitären Kreis zur Verleihung kam. Dennoch lassen sich einige Parallelen zum restlichen Auszeichnungssystem des Königreichs Hannover feststellen. Die äußere Gestaltung der klösterlichen Ordenszeichen entsprach mit der Emaillierung den Verdienst- und Hausorden, wie zum Beispiel dem Ernst-August Orden oder dem St. Georgs-Orden. Daher sind die Stiftsdamen anhand der ihnen zustehenden Dekoration im gesellschaftlichen Ranggefüge mit den Offizieren bzw. höheren Beamten durchaus vergleichbar. Auch der Rangunterschied innerhalb des Klosters spiegelte sich in der Klassifizierung der Stiftsorden wider. Konventualinnen trugen den Orden an einer Damenschleife an der Brust bzw. Schulter, was bei einem Verdienstorden dem Ritterkreuz entsprach, während die Äbtissinnen als ranghöhere Würdenträger das Kleinod um den Hals trugen, wie es in etwa mit der Kommandeurklasse vergleichbar war. Die verspätete Stiftung der Dekoration für das Kloster Neuenwalde zeigt indessen, dass innerhalb eines relativ geschlossenen und übersichtlichen Kreises an Empfangsberechtigten für einen Orden die gleichen Abhängigkeitsverhältnisse in Bezug auf tragbare Auszeichnungen gelten wie für die querschnittliche Gesellschaft. Die staatliche Stiftung der Stiftsorden machte sie zu einem bei allen evangelischen Damenstiften begehrten Gut, das noch dazu wegen der individuellen Gestaltung je nach Kloster zu einem wichtigen Teil der eigenen klösterlichen Identität wurde, die 896 Ebd., S. 258f. 897 Ebd., S. 260. 898 Vgl. ebd. 899 Vgl. ebd. 900 Vgl. ebd. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 216 nach außen sichtbar gemacht werden konnte. Die Nichtbetrachtung Neuenwaldes führte daher zur Initiative des Stifts, dessen Damen gewissermaßen in ihrer Ehre verletzt wurden, um so eine Gleichrangigkeit im Ansehen mit den anderen Stiften herzustellen. Dieser Antrag lässt sich daher in der vorliegenden Motivation durchaus mit den vielen Anträgen einzelner Soldaten und Veteranen vergleichen, die nachträglich um eine Guelphen-Ordens-Medaille oder Kriegsdenkmünze bzw. Waterloo-Medaille baten. 9. Die Rolle der Frau im Auszeichnungssystem Hannovers. 217 Die Erinnerung an das Königreich Hannover in preußischen Auszeichnungen Mit der Einverleibung des Königreichs Hannover in das Königreich Preußen als preu- ßische Provinz Hannover im Jahre 1866 begann ein langwieriger Eingliederungsprozess, der sich in verschiedenen sozialen, kulturellen und politischen Bereichen stets im Spannungsfeld zwischen Assimilation und Aussöhnung bewegte. Vergleichsweise unproblematisch vollzogen sich die Anpassung der Verwaltungsstrukturen und die Aufstellung neuer militärischer Verbände auf dem Gebiet des ehemaligen Königreiches Hannover auch mit ehemaligen hannoverschen Soldaten. Ein Grund dafür war sicherlich die personelle Durchmischung der neuen Regimenter mit Offizieren aus anderen preußischen Provinzen, sodass sich kein „welfisches“ Offizierkorps innerhalb der preußischen Armee regional etablieren konnte. Aber auch der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 trug zur ersten einigenden Bewährung bei und sorgte für ein neues gemeinsames Feindbild westlich des Rheins sowohl für altpreußische Verbände als auch die ehemaligen hannoverschen Soldaten und die Öffentlichkeit in der neuen preußischen Provinz Hannover. Schwieriger sah es da auf politischer Ebene aus. Welfische Loyalisten hatten im Jahre 1869 die Deutsch-Hannoversche Partei gegründet und strebten mit ihr offen die Restaurierung der welfischen Dynastie an.901 Diese politische Bewegung bestand über die Weimarer Republik bis in die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland (als Niedersächsische Landespartei und ab 1947 als Deutsche Partei) fort. Andauernden Widerstand gab es auch im Bereich der Bildung und geschichtspolitischen Deutungshoheit. So versuchte etwa der ehemalige hannoversche Kultusminister Bodo Freiherr von Bodenberg preußisch-hannoversche Gegensätze sogar mit sozialdarwinistischen Argumenten zu hinterlegen, „indem er den Niedersachsen eine gut christliche, deutsche Herkunft bescheinigte, wohingegen Preußens morallose Realpolitik seines Erachtens dem Umstand geschuldet war, dass sich deutsche Siedler jenseits der Elbe mit zivilisatorisch niedriger stehenden osteuropäischen Bevölkerungen vermischt haben“902. Das preußische Oberpräsidium begann nach der Annexion damit, 700 Volksbibliotheken in ländlichen Gemeinden zu errichten, um der Bevölkerung „die Geschichte, Geographie und Dynastie Preußens näherzubringen.“903 Eine echte Annäherung in der Frage der hannoverschen Provinzialgeschichte, die man auch als Akt der Aussöhnung seitens der preußischen Obrigkeit bezeichnen kann, ist wohl der Traditionserlass von 1899. Elf Jahre zuvor wurde Wilhelm II. deutscher Kaiser und König von Preußen und spielte in der welfisch-hohenzollernschen Rivalität persönlich keine Rolle mehr, da er im Jahre 1866 weder als Soldat im Feld stand, noch politisch aktiv war. Durch den Erlass wurde die Geschichte der hannoverschen Armee enttabuisiert, indem deren Tradition auf 16 preußische Verbände, die in der Provinz Hannover lagen, übertragen wurde.904 Überall auf dem Territorium des 10. 901 Vgl. Bertram: Das Königreich Hannover, S. 133. 902 Heinzen, Jasper: Hannover als preußische Provinz im Kaiserreich – ein Kampf gegenläufiger Traditionen im Kaiserreich? In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte. Band 86 (2014). Göttingen 2014. S. 56. 903 Ebd., S. 60. 904 Vgl. ebd., S. 66. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 218 einstigen Königreiches entstanden darüber hinaus Museen und Erinnerungsstätten (Hannover 1901 und Celle 1907), die an die Geschichte der hannoverschen Armee erinnerten und „selbst das Roemer Museum in Hildesheim, dessen Namensgeber ein ausgesprochener Gegner der Welfen gewesen war, sah sich 1912 veranlasst, alte Uniformen anzukaufen, um die Wünsche der Besucher zu befriedigen.“905 Der militärische und politische Konflikt von 1866 wurde sukzessive durch die Hervorhebung militärgeschichtlicher Gemeinsamkeiten zwischen Preußen und Hannover übersteuert, so etwa das Bündnis der beiden Länder im Siebenjährigen Krieg oder während des langjährigen Kampfes gegen Napoleon. Der Traditionserlass wurde in Hannover durchaus als positiv empfunden, so telegrafierte der kurz zuvor gegründete Heimatbund Hannover dem Kaiser im Jahre 1901: „Seit des Kaisers Majestät in den Traditionserlassen an den hohen Ruhm der alten hannoverschen Armee erinnert hat, beginnen auch andere Erinnerungen an die Taten der Vorfahren sich neu zu beleben, deren wir stolz und dankbar gedenken dürfen.“906 Die Erinnerung an die hannoversche Armee kam dabei in den sechzehn preußischen Verbänden nicht nur durch die reine Zuteilung von Tradition zur Geltung, sondern teilweise auch durch äußere Zeichen. So waren seit dem 24. Januar 1901 die Angehörigen des Füsilier-Regiments Nr. 73, des Infanterie-Regiments Nr. 79 und des Jäger- Bataillons Nr. 10 berechtigt, ein Ärmelband mit der Aufschrift „Gibraltar“ an ihrer Uniform zu tragen.907 Dabei handelte es sich um eine Wiedereinführung dieses Ärmelbandes, das bereits am 15. Juli 1785 von König Georg III. für mehrere kurhannoversche Regimenter gestiftet wurde. Anlass dafür war die erfolgreiche Verteidigung der britischen Festung Gibraltar in den Jahren 1779-83. Die Briten mussten eigene Verbände von dort abziehen, da sie in Nordamerika und im Krieg gegen Frankreich und Spanien gebraucht wurden. An ihre Stelle traten daher kurhannoversche Truppen unter dem Kommando von August de la Motte. Sie hielten der jahrelangen Belagerung der Festung durch französische und spanische Truppen stand und kehrten erst 1784 in die Heimat zurück.908 Bei dem Ärmelband „Gibraltar“ handelt es sich daher um eine sogenannte Traditionsauszeichnung. Sie wurde pauschal an alle Angehörigen der festgelegten Verbände verliehen, auch an die nachfolgenden Generationen, um die Erinnerung an die Belagerung im kollektiven Gedächtnis der militärischen Gemeinschaft zu erhalten. Es erfolgte dabei kein Verleihungsprozess und es gab auch keine Verleihungsdokumente, da die Beliehenen der späteren Generationen ja keinen Verdienst in Bezug auf die Belagerung von Gibraltar erbracht hatten. Daher kann man das Ärmelband als eine Mischung aus Auszeichnung, Erinnerungszeichen und Uniformeffekt betrachten. Das Ärmelband Gibraltar war die einzige Auszeichnung in dieser Form bis 1918. In der Wehrmacht wurde später das Ärmelband bzw. der Ärmelstreifen zum festen Bestandteil kollektiver Auszeichnung und Erinnerung. Hier trugen es die Angehörigen etli- 905 Ebd., S. 66f. 906 Ebd. 907 Vgl. Poten: Die Althannoverschen Überlieferungen, S. 5f. 908 Vgl. ebd., S. 8ff. 10. Die Erinnerung an das Königreich Hannover in preußischen Auszeichnungen 219 cher Großverbände, die auch einen Traditionsnamen in ihrer Bezeichnung führten, so zum Beispiel die Heeresanteile, die im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten „1936 Spanien 1939“909, die Panzer- und Panzergrenadierdivisionen „Großdeutschland“ und „Feldherrnhalle“ oder auch das Kavallerieregiment 5 „Feldmarschall von Mackensen“. Für Teilnahme an Feldzügen wurden in der Wehrmacht die Ärmelbänder „Afrika“, „Kreta“, „Metz 1944“ und „Kurland“ verliehen. Auch in der Nationalen Volksarmee und Bundeswehr gehörten und gehören Ärmelbänder zum Erscheinungsbild der Soldaten einiger Verbände. In den Kontext der Zuteilung von Tradition im Sinne des Traditionserlasses von 1899 durch Kaiser Wilhelm II. ist auch die Stiftung von sogenannten Regimentsjubiläumsmedaillen einzuordnen: „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen etc. haben beschlossen, zur Erinnerung an das hundertjährige Bestehen früherer Königlich Hannoverscher Truppenteile eine Denkmünze [...]“910. Insgesamt wurden durch diese Verordnung neun unterschiedliche Medaillen mit gleicher Vorderseite und unterschiedlichen Rückseiten gestiftet, die je nach Bataillon oder Regiment anders gestaltet wurden. Die Vorderseite zeigt einen plastisch vorgehobenen Lorbeerkranz sowie die Waterloo-Säule in Hannover.911 Im Hintergrund der Medaille sind Bäume und Gebäude der Stadt Hannover zu sehen.912 Durch die Darstellung der Waterloo-Säule wird das wesentliche gemeinsame Element hannoverscher und preußischer Militärgeschichte, nämlich die Befreiungskriege, hervorgehoben und betont. Auf der Rückseite steht das Aufstellungsdatum des hannoverschen Verbandes, in dessen Tradition der entsprechende preußische Verband stand sowie das Datum des 100. Jubiläums, also zum Beispiel „25. November 1805 / 25. November 1905“ für das Dragoner-Regiment 9.913 Insgesamt waren Angehörige von 14 preu- ßischen Regimentern und Bataillonen auf eine Jubiläumsdenkmünze berechtigt, wobei sie im Gegensatz zum Ärmelband nicht pauschal vergeben wurde. Verleihungsberechtigt waren nämlich „alle Teilnehmer an der betreffenden Jubelfeier, welche früher in der Hannoverschen Armee und zwar in denjenigen Truppenteilen gedient haben, die durch Unsere Order vom 24. Januar 1899 als Stamm der jubilierenden Preußischen Truppen bestimmt sind.“914 Durch diese Eingrenzung wurde zumindest eine persönliche Verbindung der Beliehenen zum ehemals hannoverschen Traditionstruppenteil gewährleistet und die Verleihungszahlen auch übersichtlich gehalten (2400 bis 2600 verliehene Denkmünzen).915 Jene Jubiläumsfeiern wurden durch die Regimenter mit Unterstützung der jeweiligen Veteranenverbände organisiert und hatten einen hohen Stellenwert im preu- 909 Die Bezeichnung in Anführungszeichen steht jeweils auf dem Ärmelband bzw. Ärmelstreifen. 910 Spath, Christian K.P.: Die Hannoverschen und die Kurhessischen Jubiläumsdenkmünzen Preußens. Teil 2: Die Auszeichnungen und ihre Vergabe. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 96 (2015). Hohenstein 2015. S. 87. 911 Vgl. ebd., S. 88. 912 Vgl. ebd. 913 Vgl. ebd., S. 92. 914 Ebd., S. 87. 915 Ebd., S. 92. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 220 ßischen Militär. Die Chefs dieser Regimenter, also jene hochgestellten Persönlichkeiten, deren Beinamen die Regimenter jeweils trugen, waren dabei zugegen und typischerweise reiste sogar der deutsche Kaiser an.916 Dadurch und durch die große mediale Aufmerksamkeit waren mehrere tausend Gäste bei einem Regimentsjubiläum keine Seltenheit. Über die Feier des hannoverschen Füsilier-Regimentes 73 wurde in einer späteren Regimentsgeschichte bemerkt, dass in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. „eine außerordentlich große Zahl althannoverscher Soldaten und ehemaliger Füsiliere teilnahmen.“917 Solche Jubiläumsfeiern wurden üblicherweise genutzt, um verdienten Soldaten oder Zivilisten, die mit dem Regiment in Verbindung standen, Orden und Ehrenzeichen zu verleihen. Dabei wurden dann auch die Jubiläumsmedaillen an die anwesenden Veteranen verliehen, wobei es bei ehemaligen Offizieren zu nachträglichen Verleihungen gekommen war, wenn diese zu den Jubiläumsfeierlichkeiten nicht erschienen waren.918 Hintergrund für diese Verleihungspraxis war, dass man „dem gemeinen Mann die kaisertreue und preußenfreundliche Gesinnung nicht a priori attestieren wollte“919 und durch deren persönliche Anwesenheit bei den Feierlichkeiten sicher sein wollte, auch die „richtigen“ Veteranen zu beleihen, während man den ehemaligen Offizieren die Kaisertreue und den Patriotismus wie selbstverständlich zubilligte und ihnen die Medaille nachträglich zusandte oder überreichte. Doch nicht nur hannoversche Veteranen kamen durch den Traditionserlass Kaiser Wilhelms II. zu späten Ehren und zu einer Jubiläumsdenkmünze. Acht weitere preu- ßische Regimenter und Bataillone standen per Dekret in der Tradition früherer kurhessischer Verbände und waren auf dieses Ehrenzeichen berechtigt.920 Als dritter im Jahre 1866 von Preußen annektierter Staat kam grundsätzlich auch das Herzogtum Nassau als traditionsstiftendes Element in Frage, jedoch fand keine Stiftung einer Nassauischen Jubiläumsmedaille statt. Christian Spath vermutet, dass sich angesichts des kleinen nassauischen Militärkontingents, das bis 1866 existierte, der Empfängerkreis für eine solche Auszeichnung zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel zu klein gewesen wäre, als dass sich der bürokratische Aufwand für mehrere unterschiedliche Medaillen bei zwei Regimentern gelohnt hätte.921 Kurioserweise gab es für alteingesessene preußische Regimenter, deren Geschichte und Traditionslinien sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, keine tragbaren Jubiläumdenkmünzen. Allein dieser Umstand verdeutlicht, welchen hohen Stellenwert tragbare Ehrenzeichen in Verbindung mit Tradition und Erinnerung besaßen. Das Vorantreiben der inneren Einigung und die Aussöhnung Preußens mit den vormals hannoverschen Eliten, genossen bei Wilhelm II. große Aufmerksamkeit und spiegelten sich in nennenswertem Umfang auch in der Schaffung und Gestaltung tragbarer Ehrenzeichen und Traditionsabzeichen wider. Politisch gipfelte die Aussöhnung und Annäherung zwischen den Häusern Hohenzollern und den Welfen dann schließlich in der Inthronisierung 916 Vgl. ebd., S. 93. 917 Ebd., S. 94. 918 Vgl. ebd., S. 95. 919 Ebd. 920 Vgl. ebd., S. 94. 921 Vgl. ebd., S. 89. 10. Die Erinnerung an das Königreich Hannover in preußischen Auszeichnungen 221 von Ernst August von Hannover, dem Enkel des letzten Königs von Hannover, zum Herzog von Braunschweig im Jahre 1913. IV. Das Auszeichnungswesen des Königreichs Hannover im Kontext von Ehre, Herrschaft und Erinnerung. 222 Zusammenfassende BetrachtungenV. 223 Orden und Ehrenzeichen als Herrschaftsinstrument Der Orden hat als morphologische Erscheinung innerhalb eines Jahrtausends tiefgreifende und umfängliche Veränderungen erlebt. Bezeichnete er im Mittelalter religiöse Gemeinschaften, die die Christianisierung Europas vorantrieben und als wichtige Machtbasis der Kirche in der geographischen Fläche des Kontinents dienten, so wandelte er sich im Übergang zur frühen Neuzeit zu einem wichtigen Bestandteil höfischer Kultur. Durch die zahlreichen höfischen Orden und ihre Exklusivität ließ sich nicht nur die eigene Herrschaft aufstrebender Souveräne konsolidieren, indem der niedere Adel in solchen Korporationen zusammengefasst und an den Hof gebunden wurde, sondern Orden dienten auch dem Ausbau zwischenstaatlicher Beziehungen, indem Bündnisse durch die gegenseitige Aufnahme in diese Orden auch dynastie- übergreifend und nachhaltig begründet werden konnten. In die Blütezeit der Hoforden im 17. und 18. Jahrhundert fiel dabei auch die Etablierung einer Ordensdekoration, die als äußeres Zeichen die Zugehörigkeit zu einem Orden und die damit einhergehende Exklusivität betonte. Das äußere Zeichen setzte sich dabei als wichtiges identifikationsstiftendes Merkmal durch und sollte in den folgenden Jahrhunderten einen Orden hauptsächlich ausmachen, während die Bindung an den Hof nachrangig wurde. Als sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts Verdienstorden und in zunehmendem Maße auch Ehrenzeichen in den allermeisten europäischen Staaten etabliert hatten, erlebte der Orden einmal mehr einen tiefgehenden Wandel in Bedeutung und Funktion. Mit der Vergabe äußerer Zeichen belohnten Souveräne von nun an ihre Untertanen für ein zielgerichtetes, dem Staate nützliches Verhalten und hoben sie damit sichtlich hervor. Diese Maßnahme ist als Instrument der Sicherung von Herrschaft zu verstehen, denn wenn man sich die zahlreichen Quellen darüber vergegenwärtigt, wie die Gruppe der Ausgezeichneten über solche Ehrungen dachte und wie loyal sie sich in der Folge gegenüber der Obrigkeit verhielten, dann kann man die Vergabe von Orden und Ehrenzeichen als andauernde und nachhaltige Konsolidierung „nach innen“ betrachten. Am Beispiel des Königreichs Hannover lässt sich dabei der Zusammenhang zwischen der Errichtung des Königreichs und dem Aufwachsen eines Auszeichnungssystems verdeutlichen. Beinahe unmittelbar nach der Ausrufung zum Königreich begann man noch unter dem Einfluss der Personalunion damit, ein eigenes hannoversches Auszeichnungswesens zu erschaffen, das zunächst aus dem Guelphen-Orden, der Verdienstmedaille in Gold und Silber und der Waterloo-Medaille als militärische Denkmünze bestand. Mit der zunehmenden Eigenständigkeit des Königreichs Hannover, die letztlich im Ende der Personalunion mit Großbritannien mündete, entwickelte sich auch ein eigenes Nationalbewusstsein, dessen Symbolik sich auch in den Wappen, Porträts, Medaillons und Bändern tragbarer Auszeichnungen widerspiegelte. Beherrschen ließen sich durch Orden und Ehrenzeichen alle gesellschaftlichen Schichten. Für die Eliten in Staat und Militär wurden die Dekorationen zu einem wichtigen und messbaren Indikator für Erfolg und Karrierechancen, denn die Klassen, Stufen und Abteilungen der Auszeichnungen waren dem jeweiligen Rang genauestens zugeordnet und ihre jeweilige Verleihungen, die auch publiziert wurden, ver- 1. V. Zusammenfassende Betrachtungen 224 sprachen zuweilen hohes öffentliches Ansehen. Für das Militär waren Orden und Ehrenzeichen grundsätzlich von großer Bedeutung, denn sie boten die Zurschaustellung von Kriegsteilnahmen, Tapferkeit oder der Erfüllung treu geleisteter Dienste. Die Einführung der Dienstehrenzeichen in der hannoverschen Armee zeugt davon, dass der König auch in Friedensperioden die Notwendigkeit erkannte, seine Soldaten für die Ableistung des nicht immer beliebten Militärdienstes zu belohnen. Am deutlichsten wird die Funktion tragbarer Auszeichnungen als Herrschaftsinstrument jedoch erst dann, wenn der Verleihende seiner Herrschaft beraubt wird. Als König Georg V. im Jahre 1866 seinen Thron verlor und in das Exil nach Österreich ging, verlor er die Regierung über ein Königreich, einen Großteil seines Besitzes und sein Selbstverständnis als regierender Monarch. Dem König blieben nur noch sehr wenige protokollarische Handlungen, die ihn noch mit seiner Regierungszeit verbanden und die er auch im Exil ausüben konnte. Dazu gehörte vor allem die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Der Umstand, dass tragbare Auszeichnungen sowohl während des Bestehens des Königreichs als auch in sehr hoher Zahl aus dem Exil heraus verliehen wurden, macht Hannover zu einem bedeutenden Untersuchungsfeld innerhalb der deutschen Staaten bis 1918. Der Anspruch darauf, Auszeichnungen an ehemalige Untertanen und treue Weggefährten zu verleihen, wurde von Georg V. und später auch seinem Sohn konsequent durchgesetzt. Waren zunächst die Angehörigen des Militärs als wichtigstes Exekutivorgan die vorrangige Zielgruppe bei der fortwährenden Verleihung von tragbaren Auszeichnungen, kamen zu einem späteren Zeitpunkt nur noch handverlesene Personen in Betracht. Dabei ging es nicht nur darum, die Eliten des einstigen Königreiches für eine Rückkehr des Monarchen zu gewinnen und sie auch nach außen hin für diese Sache kenntlich zu machen, sondern es sollten auch mögliche Bündnispartner eingebunden werden, die außenpolitisch eine Opposition zu Preußen und somit eine welfenfreundliche Haltung einnehmen würden. Die kostspieligen Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen dienten also nicht nur der Stabilisierung von Herrschaft, sondern waren auch bei deren Aufbau oder Wiedererlangung von großer Bedeutung, stets vor dem Hintergrund die aus welfischer Sicht unrechtmäßige Annexion des Königreichs Hannover wieder rückgängig zu machen. Eine weitere Form der Herrschaftskonsolidierung machte sich das Königreich Preußen nach der Annektierung Hannovers im Jahre 1866 zunutze. In diesem Fall kamen in den folgenden Jahrzehnten Ehrenzeichen zur Verleihung, die sich auf ganz konkrete hannoversche Erinnerungsräume bezogen, so etwa alte vormalige Truppenkörper oder militärische Unternehmungen. Durch diese Übernahme und Nutzbarmachung der Landesgeschichte des Königreichs Hannover ließ sich die preußische Herrschaft politisch und auch kulturell stabilisieren, indem man Gemeinsamkeiten in der Geschichte (z.B. die Schlacht von Waterloo) betonte, um neue Feindbilder, hier vor allem Frankreich, am Ende des 19. Jahrhunderts zu fokussieren. So konnte der einfache oder auch privilegierte Bürger der Provinz Hannover in seiner Erinnerung sowohl dem König von Hannover als auch in der Gegenwart dem König von Preußen als neuem Souverän gegenüber loyal sein. 1. Orden und Ehrenzeichen als Herrschaftsinstrument 225 Orden und Ehrenzeichen im gesellschaftlichen Ranggefüge Obwohl in den Statuten des Guelphen-Ordens ausdrücklich festgehalten war, dass beispielsweise das Ritterkreuz dieses Ordens an keinen Rang gebunden war, sah die Verleihungspraxis für diese und auch beinahe alle anderen Auszeichnungen deutlich anders aus. Dabei war die Auszeichnungssystematik im Königreich Hannover ein Spiegelbild über das Verständnis und den Anspruch auf Rang und Stand innerhalb der Gesellschaft. Abgesehen von den militärischen Kriegsdenkmünzen, die in gleicher Form an Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften zur Verleihung kamen, legte man bei den Verleihungsbestimmungen und der äußeren Gestaltung aller anderen Auszeichnungen großen Wert auf die Betonung des Unterschiedes zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen. Dies entsprach auch in vollem Umfang dem Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts, denn abgesehen vom preußischen Eisernen Kreuz, welches als Tapferkeitsauszeichnung unterschiedslos an alle Soldaten zur Verleihung kommen konnte, gab es in den deutschen Fürstentümern keine Verdienstauszeichnungen, die nicht nach Stand und Herkunft unterteilt waren. In Hannover war die Ausdifferenzierung der tragbaren Auszeichnungen ein jahrzehntelanger Prozess, der immer wieder der Kontrolle und Überarbeitung unterlag, was vor allem dem starken Bedürfnis geschuldet war, immer größere Teile der Bevölkerung für ihre Verdienste und Loyalität dem Staat gegenüber zu belohnen. Wurde zunächst nur zwischen dem Guelphen-Orden und der Verdienstmedaille als Verdienstauszeichnung unterschieden, kamen später noch weitere Orden und Ehrenzeichen hinzu, die das Auszeichnungssystem nach „oben und unten“ abrunden sollten. Mit der Einführung des St. Georgs-Orden kam man nach dem Ende der Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover zunächst der Notwendigkeit nach dynastischem Zusammenhalt nach. In diesen Hausorden wurden nur Familienmitglieder der Welfen und wichtigste Staatsmänner und Würdenträger aufgenommen. Somit stellte dieser Orden als Korporation den bedeutendsten Kreis gesellschaftlicher Elite in Hannover dar. Auch der 1865 gestiftete Ernst August-Orden sollte das Repertoire an Dekorationen für höhergestellte Beamte und Offiziere erweitern und verhindern, dass der Guelphen-Orden durch zunehmende Verleihungszahlen entwertet würde. Der Ernst August-Orden selbst bot durch seine weitergehende Klassifizierung nach unten, nämlich dem silbernen und goldenen Verdienstkreuz, eine gleichmäßige Aufteilung der Dekorationen auf verschiedene Bevölkerungsgruppen. Solche Subaltern- Auszeichnungen wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der hiesigen Ordenslandschaft sehr beliebt und ergänzten die Verdienstorden vieler deutscher Fürstentümer. Niedere Chargen konnten im Königreich Hannover ebenfalls mit verschiedenen Auszeichnungen bedacht werden. An unterster Position der Rangfolge war dabei das Allgemeine Ehrenzeichen gereiht, welches weniger für eine spezifische Leistung als vielmehr für langjährige und treue Diensterfüllung verliehen wurde und welches es in einer Zivil- und in einer Militärabteilung gab. Die Verdienstmedaille in Silber und Gold entwickelte sich dagegen im Laufe der Jahrzehnte zu einem Universalehrenzeichen, das einerseits für herausragende Einzelleistungen im Bereich des Allgemein- 2. V. Zusammenfassende Betrachtungen 226 wohls und andererseits für langjährige Dienstjubiläen, militärische Tapferkeit, wiederholte Lebensrettung oder an die Verwundeten der Schlacht von Langensalza zur Verleihung. Wer aufgrund seines Ranges oder seiner Herkunft für das Allgemeine Ehrenzeichen, die Verdienstmedaille oder gar das goldene bzw. silberne Verdienstkreuz des Ernst August-Ordens in Betracht kam, lässt sich nicht durch klare Trennschärfe definieren. Zwar gab es eine Reihenfolge dieser Ehrenzeichen an der großen Ordensschnalle, wer jedoch aufgrund seiner sozialen Herkunft oder auch aufgrund des spezifischen Verdienstes welche Auszeichnung bekam, oblag letztlich dem Ermessensspielraum des Königs. Für die Träger der Orden und Ehrenzeichen war diese Entscheidung jedoch von immenser Bedeutung, ließ sich doch aus der Art einer Auszeichnung die eigene soziale Stellung ablesen. Stimmten Anspruch und Wirklichkeit eines Beliehenen dann nicht überein, konnte unter Umständen dessen Ehrgefühl darunter leiden, denn die ständige vergleichende Betrachtung zu den Angehörigen der gleichen sozialen Schicht nährte das Selbstverständnis darüber, wem welche Klasse eines Ordens zustand. Orden und Ehrenzeichen betonten soziale Unterschiede und machten sie nach außen hin sichtbar, deswegen waren sie in ihrer mannigfaltigen Klassifikation wichtiger Bestandteil in den noch ständisch geprägten Gesellschaften des 19. Jahrhunderts. 2. Orden und Ehrenzeichen im gesellschaftlichen Ranggefüge 227 Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen als emotionales Ereignis Durch die enge Verbindung zwischen dem gesellschaftlichen Ranggefüge des 19. Jahrhunderts und der Art und Klasse bzw. Form einer Auszeichnung, waren die Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen mit vielfältigen Emotionen verbunden, davon zeugen die zahlreichen Bittschriften, Anträge und Vorschläge, die an die General- Ordens-Kommission des Königreichs Hannover geschickt wurden. Grundlage dafür war das damals anerkannte und praktizierte Ehrkonzept, in dem Orden und Ehrenzeichen als wichtiges Regulativ fungieren konnten. Entscheidend dafür war das ausgewogene Verhältnis zwischen dem Charisma des Verleihenden und der Eignung und Würdigkeit des Beliehenen, wodurch die Zuteilung von Ehre auch öffentlich anerkannt und zu einem begehrten Gut wurde. Besonders ausgeprägt waren die Emotionen ehemaliger oder aktiver Soldaten, wenn es darum ging, eine tragbare Auszeichnung zu erhalten. Sie machen im Schriftverkehr mit den Behörden dabei nicht nur quantitativ den spürbar größten Anteil aus, sondern sie waren auch in der Qualität ihrer schriftlichen Anträge darum bemüht, ihre Begehrlichkeiten nach Anerkennung durch ein Ehrenzeichen mit Nachdruck zu verfolgen. Im Laufe der Jahrzehnte konnte es vorkommen, dass die Veteranen der Schlacht von Waterloo ihre Waterloo-Medaille verloren hatten oder diese gestohlen wurde und so wandten sie sich in dringender Bitte um die Lieferung einer Ersatzmedaille an die Behörden. Die Erlebnisse und Erinnerungen an die kriegerischen Ereignisse spiegeln sich in dem dauerhaften Anspruch auf staatliche Anerkennung durch solch ein Ehrenzeichen wider. So hatten sie „kaum einen sehnlicheren Wunsch als wieder in Besitz derselben zu gelangen“, versprachen bei entsprechender Wiederverleihung alle ihre Söhne dem König als Soldaten zur Verfügung zu stellen oder ihnen standen die „Thränen der Rührung in den Augen“ wenn ihnen nach Jahrzehnten die Medaille doch noch zuerkannt wurde. Diese Sehnsucht wurde noch viel deutlicher formuliert, wenn es wie bei der Guelphen-Ordens- Medaille auch noch einen materiellen Anreiz, sprich eine monatliche Pensionszulage, gab. Dabei beschrieben die Petenten seitenlang und in allen Details ihre eigenen ruhmwürdigen Taten und schlugen sich selbst für die hochangesehene Tapferkeitsauszeichnung vor. Sie verbanden große Erwartungen mit staatlicher Würdigung und der Verbesserung ihrer materiellen Lebensumstände, die „bei der unerhörten Vertheuerung aller Lebensmittel“ in aller Regel eine größere Bedeutung hatte als die Zurschaustellung des Ehrenzeichens. Auch Enttäuschung, Wut und Verärgerung konnte die Nichterfüllung dieser Erwartungen zur Folge haben, wenn es einem preußischen Offizier „seinen Collegen gegenüber unangenehm sei“ wenn er eine, seiner Meinung nach, zu niedrige Klasse des hannoverschen Guelphen-Ordens erhielt. Die fehlerhafte Zuweisung einer Ordensklasse zum entsprechenden Rang des Beliehenen konnte dabei durchaus als ehrverletzende Schmach in einer öffentlichen Auseinandersetzung kulminieren, so geschehen beim württembergischen Direktor der Staats-Eisenbahnen, der die zu niedrige Klasse des Fürstlich-Hohenzollernsches Hausordens nicht annahm. Orden und Ehrenzeichen waren im 19. Jahrhundert prägender Bestandteil der Lebenswirklichkeit in vielen, vor allem privilegierten gesellschaftlichen Kreisen. Die Begehrlichkeit danach konnte gar zu kriminellen Handlungen führen, nicht nur 3. V. Zusammenfassende Betrachtungen 228 durch Ordenshändler, die unerlaubt und in falschem Namen Auszeichnungen vermittelten, sondern in noch viel größerem Maße durch Personen, die unerlaubterweise Orden und Ehrenzeichen trugen, welche ihnen also gar nicht verliehen wurden. Die frühe Gesetzgebung über das unerlaubte Tragen von Orden und Ehrenzeichen aber auch der dokumentierte Fall des Levi Rosenbaum aus Hannover zeugen von der gro- ßen Sensibilität, die diesbezüglich vorherrschte und durch die solche Ehrdelikte streng geahndet wurden. Das Königreich Hannover lebte nach 1866 noch lange in den Medaillen und Ordenszeichen weiter, die ihre Träger auch unter preußischer Herrschaft weitertragen durften und sie taten es auch erwiesenermaßen. Nach dem Ende der Regentschaft von König Georg V. verbanden viele Untertanen Erinnerungen mit ihrer Lebenszeit im früheren Königreich Hannover und nutzten vielfach die Möglichkeit, diese nostalgischen Gefühle auch durch das Zeigen hannoverscher Orden und Ehrenzeichen auszudrücken. Das Anlegen einer Dekoration, gleichsam der Symbolik des vergangenen Reiches, konnte für die Untertanen als Ort der Erinnerung fungieren, der regelmäßig „besucht“ werden konnte und der mit weiteren kulturellen Ereignissen wie dem Veteranen- oder Schützenvereinswesen als andere Orte der Erinnerung eng in Verbindung stand. Schließlich nutzte auch kein Geringerer als Kaiser Wilhelm II. mit seinem Traditionserlass von 1899 die Möglichkeit, über tragbare Auszeichnungen gesellschaftliche Kohäsion herzustellen, indem er die Erinnerung an vorrangig siegreiche Etappen der hannoverschen Geschichte forcierte und in seinem Sinne für die innere Reichseinigung instrumentalisierte. Hannoversche Farben, Symbole und geschichtsträchtige Orte lebten so in preußischen Auszeichnungen weiter und hielten ihre Erinnerungen auch für nachfolgende Generationen lebendig, bis eine Aussöhnung zwischen Welfen und Hohenzollern durch die Inthronisierung Ernst Augusts II. als Herzog von Braunschweig im Jahre 1913 auch offiziell politische Realität wurde. 3. Die Verleihung von Orden und Ehrenzeichen als emotionales Ereignis 229 Anlage 231 Tabellarische Übersicht über die Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover922 Au sz ei ch nu ng St ift un g Ve rle ih un gs gr un d Be m er ku ng G ue lp he n- O rd en A m 1 2. Au gu st 18 15 du rc h Pr in zr eg en t G eo rg al s V er di en sto rd en , z unä ch st in d re i K la ss en : 1. G ro ßk re uz 2. Ko m m an de ur kr eu z 3. Ri tte rk re uz Zu r B elo hn un g au sg eze ic hn et er V er di en ste u m da s V at er la nd . D ie S ta tu te n w ur de n am 2 0. M ai 1 84 1 du rc h Kö ni g Er ns t A ug us t r ev id ie rt . D ie U nt er te ilu ng de s O rd en s g es ta lte te si ch v on d a a n w ie fo lg t: 1. G ro ßk re uz 2. Ko m m an de ur kr eu z I . K la ss e 3. Ko m m an de ur kr eu z I I. K la ss e 4. Ri tte rk re uz 5. In ha be r d es si lb er ne n Kr eu ze s ( sp ät er 4 . K la ss e) Bi s 1 83 8 w ur de n O rd en sfe ste ab ge ha lte n, n ac h de m E nd e d er P er so na lu ni on m it G ro ßbr ita nni en w ur de n al le O rd en sb ea m te n ab ge sc ha fft un d di e G en er al -O rd en s- Ko m m iss io n w ur de m it de m G es ch äf tsv er ke hr b et ra ut . D ie V er le ih un g de r S ch w er te r z um O rd en w ar ur sp rü ng lic h nu r f ür T ap fe rk ei t b zw . V er di en ste im K rie ge v or ge se he n, je do ch w ur de n sp ät er au ch in F rie de ns ja hr en S ch w er te r a n al le O ffi zi er e a ls Ze ic he n de r Z ug eh ör ig ke it zu m S ol da te ns ta nd e v er ge be n. D er G ue lp he n- O rd en w ur de n ac h 18 66 n ur no ch se lte n ve rli eh en . T hi es u nd H ap ke g eb en fo lg en de u nv ol lst än di ge V er le ih un gs za hl en al s A nh al t a n: 1. G ro ßk re uz (3 12 ) 2. Ko m m an de ur kr eu z I . K la ss e ( 29 0) 3. Ko m m an de ur kr eu z I I. K la ss e ( 34 5) 4. Ri tte rk re uz (1 15 8) 5. 4. K la ss e ( 14 54 ) 922 Folgende zusammengefasste Angaben basieren auf den Werken „Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannovers“ von Andreas Thies und Wilhelm Hapke, dem Artikel „Dienstzeichen für Hofbedienstete.“ von Friedhelm Beyreiß, erschienen in: Orden-Militaria-Magazin Nr. 38 (1990), „Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches“ von Hessenthal und Schreiber, „Die Orden norddeutscher Staaten des 19. Jahrhunderts.“ von Hans Georg Gusovius, „Rettungsmedaillen deutscher Staaten 1782-1918“ von Friedhelm Beyreiß sowie den Forschungsergebnissen der vorliegenden Arbeit des Autors. Anlage 232 Au sz ei ch nu ng St ift un g Ve rle ih un gs gr un d Be m er ku ng G ue lp he n- O rd en s- M ed ai lle A m 1 2. Au gu st 18 15 d ur ch Pr in zr eg en t G eo rg zu sa m m en m it de m G ue lp he n- O rd en al s tr ag ba re S ilb er m ed ai lle H öc hs te T ap fe rk ei ts au sz ei ch nu ng fü r U nt er of fiz ie re u nd M an ns ch af te n, w elc he si ch du rc h Ta pf er ke it un d K lu gh ei t vo r d em F ei nd e a us ge ze ic hn et ha be n. D ie V er le ih un ge n w ar en zu nä ch st au f d ie Ja hr e 1 81 3- 15 be sc hr än kt . S ei t d en 1 83 0e r J ah re n w ar en au ch n ac ht rä gl ic he Ve rle ih un ge n fü r K am pf ha nd lu ng en v or 1 81 3 m ög lic h. M it de r V er le ih un g w ar ei ne le be ns la ng e j äh rli ch e P en sio n vo n 24 T al er n ve rb un de n. E s k am en je n ac h Q ue lle 5 85 (v . W iss el) b zw . 5 93 (F in ka m ) o de r 5 95 (H es se nt ha l u nd S ch re ibe r) M ed ai lle n zu r V er le ih un g. Ve rd ie ns tm ed ai lle Im Ja hr e 1 81 5 d u rc h Pr in zr eg en t G eo rg im N am en se in es V at er s, Kö ni g G eo rg II I. al s V er di en sta us ze ic hn un g in S ilb er un d G ol d un te rh al b de s G ue lph en -O rd en s. A ls sic ht ba re B elo hn un g um je glic he s V er di en st öf fe nt lic h an zu er ke nn en u nd zu b elo hn en . D er N am e d es B eli eh en en w ar im M ed ai lle nr an d gr av ie rt (a bg ek ür zt er V or na m e u nd g an ze r Z un am e, ge le ge nt lic h au ch S ta nd u nd W oh no rt ). Es g ab 5 S te m pe l f ür d ie M ed ai lle n: 1. T yp (1 81 5- 31 ) m it de m B ild ni s d es P rin zr eg en te n id en tis ch zu r G ue lp he n- O rd en s- M ed ai lle so w ie ei ne m T ra ge bü ge l. 2. T yp (1 83 1- 41 ) m it de m B ild ni s d es K ön ig s W ilh elm IV . so w ie T ra ge bü ge l. 3. T yp (1 84 1- 46 ) m it de m k le in er en K op f d es K ön ig s E rn st Au gu st un d de r J ah re sz ah l 1 83 7. D ie M ed ai lle b es itz t v on nu n an ei ne zy lin de rfö rm ig e Ö se m it be w eg lic he m T ra ge rin g. 4. T yp m it Vo rd er se ite d es 3 . T yp s u nd v er än de rt e R üc ks ei te . D ie In sc hr ift V ER D IE N ST / U M S / V AT ER LA N D n un in ei ne m g ro ßb lä ttr ig en , u nt en m it ei ne r S ch le ife g eb un de ne n Ei ch en kr an z. 5. T yp (s ei t 1 84 6) m it de m g rö ße re n Ko pf d es K ön ig s E rn st Au gu st. A uc h hi er g ib t e s e in e S te m pe lv er sc hi ed en he it m it Ei ch en kr an z a uf d er R üc ks ei te . D ie G ol de ne V er di en stm ed ai lle w ur de zu m in de st in d er A nfa ng sz ei t z um S ch ut z m it ei ne r G la sk ap se l a us ge ge be n. S ilbe rn e u nd G ol de ne V er di en stm ed ai lle n ka m en au ch fü r w ie de rh ol te R et tu ng v on M en sc he nl eb en zu r V er le ih un g un d di e S ilb er ne V er di en stm ed ai lle w ur de n ac h de r S ch la ch t v on La ng en sa lza 1 86 6 de n A ng eh ör ig en d er g ef al le ne n So ld at en zu r E rin ne ru ng ü be rs en de t. W ei te rh in er fo lg te n au ch V er le ihu ng en au s d em E xi l d es K ön ig s. Tabellarische Übersicht über die Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover 233 Au sz ei ch nu ng St ift un g Ve rle ih un gs gr un d Be m er ku ng W at er lo o- M ed ai lle Im D ez em be r 1 81 7 du rc h Pr in zre ge nt G eo rg al s t ra gb ar e E rin ne ru ng sm ed ai lle . Fü r a lle n A ng eh ör ig en d er K in g’s G er m an L eg io n un d de r K ön ig lic h- H an no ve rs ch en A rm ee , d ie be i d er S ch la ch t v on W at er lo o ge kä m pf t s ow ie d ie A ng eh ör ig en de r G ef al le ne n zu r E rin ne ru ng . D ie M ed ai lle tr äg t N am en , D ie ns tg ra d un d Ve rb an d de s B elie he ne n im R an d. V et er an en d er K in g’s G er m an L eg io n er hi elt en in d en m ei ste n Fä lle n di e b rit isc he W at er lo o- M ed ai lle. E s e xi sti er te n m it de r V er le ih un g de r M ed ai lle zw ei P rä gu ng en , w ob ei d ie zw ei te P rä gu ng n ic ht m eh r d en N am en de s M ed ai lle ur s „ W .W YO N “ a uf d er V or de rs ei te ze ig t. Sp äte ste ns ab 1 83 3 w ar en al le P rä ge ste m pe l v er ni ch te t. Au fgr un d de r g ro ße n N ac hf ra ge n ac h Er sa tz stü ck en w ur de n 18 62 n oc h ei nm al ei nh un de rt M ed ai lle n be i d en H of -B ro nce -F ab rik an te n Be rn sto rf f u nd E ic hw ed e i n H an no ve r b este llt . H ie rf ür m us ste ei n dr itt er P rä ge ste m pe l a ng ef er tig t w er de n. D ie U nt er sc hi ed e z u de n er ste n be id en S te m pe ln sin d ni ch t b ek an nt . D ie ns te hr en ze ic he n Ab d em 2 .M är z 1 83 7 du rc h Kö ni g W ilh elm IV . i n fo lg en de n tr ag ba re n Eh re nz ei ch en : 1. W ilh elm s- Kr eu z f ür 2 5 D ie ns tja hr e d er O ffi zi er e 2 . G ol de ne W ilh elm s- M ed ai lle fü r 2 5 D ie ns tja hr e d er U nte ro ffi zi er e 3. Si lb er ne W ilh elm s- M ed ai lle fü r 1 6 D ie ns tja hr e d er U nte ro ffi zi er e u nd S ol da te n 4. Er ns t A ug us t-K re uz (1 5. M ai 1 84 4) fü r 5 0 D ie ns tja hr e d er O ffi zi er e Er re ic he n de r j ew ei lig en , d em Eh re nz ei ch en v or ge ge be ne n D ie ns tz ei t i m ak tiv en S ol da te nsta nd e. Le di gl ic h vo n de r G ol de ne n W ilh elm s- M ed ai lle k om m en Ex em pl ar e m it de m N am en d es B eli eh en en , s ow ie d em en tsp re ch en de n Tr up pe nt ei l v or . K rie gs ja hr e w ur de n be i d er Zä hl un g do pp elt an ge re ch ne t. Vo n de r W ilh elm s- M ed ai lle gi bt es d re i v er sc hi ed en e S te m pe l: 1. T yp (1 83 7- 41 ) m it de m B ild ni s d es K ön ig s W ilh elm IV . 2. T yp (1 84 1- 46 ) m it de m B ild ni s d es jü ng er en E rn st Au gu st 3. T yp (a b1 84 6) m it de m B ild ni s d es äl te re n Er ns t A ug us t St . G eo rg s- O rd en A m 2 3. Ap ril 1 83 9 du rc h Kö ni g Er ns t A ug us t a ls ei nk la ss ig er H au so rd en . Ve rd ie ns te u m d as K ön ig re ic h H an no ve r, je do ch k am en au fgr un d de r L im iti er un g (1 6 in lä ndi sc he , g le ic hz ei tig e R itt er ) n ur Pe rs on en au s w elf isc he r D yn as tie u nd h öc hs te W ür de nt rä ge r i n Fr ag e. D er O rd en w ur de n ac h 18 66 al s H au so rd en w ei te rv er lie he n. D ie le tz te b ek an nt e V er le ih un g sta m m t a us d em Ja hr e 1 90 0 un d er fo lg te an d en P rin ze n un d M ar kg ra fe n M ax im ili an vo n Ba de n. Anlage 234 Au sz ei ch nu ng St ift un g Ve rle ih un gs gr un d Be m er ku ng Ve rd ie ns tm ed ai lle fü r b es on de re Ve rd ie ns te al le r A rt Im Ja hr e 1 84 0 du rc h Kö ni g Er ns t Au gu st in d en S tu fe n Si lb er u nd G ol d al s n ic ht tr ag ba re E hr en ze ich en . Fü r V er di en ste in d en B er ei ch en Ku ns t u nd W iss en sc ha ft. D ie M ed ai lle n ka m en n ur d re i J ah re , b is zu r S tif tu ng d er G ol de ne n M ed ai lle fü r K un st un d W iss en sc ha ft (1 84 3) zu r Ve rle ih un g. E in ig e E xe m pl ar e w ur de n na ch tr äg lic h m it ei ne r Ö se v er se he n un d an ei ne m b la ue n Ba nd g et ra ge n. D er N am e d es B eli eh en en w ur de in d en R an d ei ng ra vi er t. Si lb er ne M ed ai lle zu m 5 0jä hr ige n M ili tä r- Ju bi lä um d es K ön ig s Er ns t A ug us t Im Ja hr e 1 84 0 du rc h Kö ni g Er ns t Au gu st al s t ra gb ar es E hr en ze ich en fü r 6 n am en tli ch b ek an nt e Ve te ra ne n au s d em D or f I se rn ha ge n. A nl äs sli ch se in es 5 0j äh rig en D ie ns tju bi lä um s e rh ie lt Kö ni g Er ns t A ug us t G lü ck w ün sc he v on 6 Ve te ra ne n, d ie ih n no ch al s H au pt m an n im 9 . L ei ch te n D ra go ne r- Re gi m en t g ek an nt h at te n. D er K ön ig b ed an kt e s ic h be i d en M än ne rn m it de r V er le ih un g ei ne s e ig en s f ür si e g es tif te te n Eh re nz ei ch en . D ie B eli eh en en w ar en H ei ne ck e S tö ck m an n, A re nd R un ge , Fr ie dr ic h Be tg e, Jü rg en H ei nr ic h Ra hl ve s, A re nd K rü ge r u nd Fr ie dr ic h W ism er . S ie st am m te n al le sa m t a us Is er nh ag en . D ie M ed ai lle w ur de am B an d de s A llg em ei ne n Eh re nz ei ch en s f ür Z iv ilv er di en st ge tr ag en u nd h at te k ei ne R an di nsc hr ift . A llg em ei ne s E hr en ze ic he n A m 5 .J un i 1 84 1 du rc h Kö ni g Er ns t A ug us t a ls tr ag ba re s E hre nz ei ch en , w elc he s i m A us ze ic hn un gs sy ste m u nt er ha lb d er Ve rd ie ns t-m ed ai lle ra ng ie rt e i n zw ei A bt ei lu ng en 1. Fü r M ili tä rv er di en st 2. Fü r Z iv ilv er di en st 1. Fü r a us ge ze ic hn et e m ili tä risc he V er di en ste d er U nt er of fiz ie re u nd S ol da te n 2. Fü r a us ge ze ic hn et e D ie ns te je de r A rt d er u nt er en B ea m te n un d Zi vi lp er so ne n oh ne Ra ng . Be id e M ed ai lle n ka m en n ac h 18 66 n oc h w ei te r z ur V er le ihu ng . I m R an d de r M ed ai lle w ar d er N am e d es B eli eh en en , te ilw ei se au ch D ie ns tg ra d od er B er uf b zw . R an g. Kr ie gs de nk m ün ze fü r d ie im Ja hr e 1 81 3 fre iw ill ig in d ie h an no ve rs ch e A rm ee ei ng et re te ne n Kr ie ge r A m 1 1. M ai 1 84 1 vo n Kö ni g Er ns t A ug us t a ls tr ag ba re s E hre nz ei ch en . Fü r U nt er ta ne n de s K ön ig re ic hs H an no ve r u nd A us lä nd er , w elch e D ie ns t i n de r h an no ve rs ch en A rm ee g ele ist et u nd si ch im Ja hre 1 81 3 fre iw ill ig d af ür g em eld et ha tte n. D ie M ed ai lle w ur de au s d er B ro nz e e ro be rt er G es ch üt ze g efe rt ig t u nd h at te k ei ne R an di ns ch rif t. Kr ie gs de nk m ün ze fü r d ie b is zu m A bs ch lu ss d es er ste n Pa ris er Fr ie de ns 1 81 4 fre iw ill ig in d ie Kö ni gl ic h- G ro ßb rit an ni sc he - D eu ts ch e L eg io n ei ng et re te ne n Kr ie ge r A m 1 1. M ai 1 84 1 du rc h Kö ni g Er ns t A ug us t a ls tr ag ba re s E hre nz ei ch en . Fü r A ng eh ör ig e d er K ön ig lic h- G ro ßb rit an ni sc he n- D eu ts ch en Le gi on , d ie zw isc he n 18 03 u nd de m A bs ch lu ss d es P ar ise r F rie de ns 1 81 4 in d er se lb en g ed ie nt ha tte n. D ie M ed ai lle w ur de au s d er B ro nz e e ro be rt er G es ch üt ze g efe rt ig t u nd h at te k ei ne R an di ns ch rif t. Tabellarische Übersicht über die Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover 235 Au sz ei ch nu ng St ift un g Ve rle ih un gs gr un d Be m er ku ng G ol de ne E hr en m ed ai lle fü r Ku ns t u nd W iss en sc ha ft A m 3 0. Ap ril 1 84 3 du rc h Kö ni g Er ns t A ug us t a ls tr ag ba re s E hre nz ei ch en . A ls A ne rk en nu ng u nd B elo hnu ng au sg ez ei ch ne te r u nd b eso nd er er L ei stu ng en in K un st un d W iss en sc ha ft. D er N am e d es B eli eh en en u nd g ele ge nt lic h au ch d er ak ad em isc he G ra d sin d in d en M ed ai lle nr an d gr av ie rt . E s e xi sti ere n dr ei S te m pe l: 1. T yp (1 84 3- 46 ) m it de m B ild ni s v on E rn st Au gu st w ie b ei de r S ilb er ne n un d G ol de ne n M ed ai lle fü r b es on de re V er di en ste al le r A rt . 2. T yp (1 84 6- 47 ) m it äl te re n G es ic ht sz üg en d es K ön ig s E rn st Au gu st, so w ie st ar ke m B ac ke nb ar t u nd h er ab hä ng en de m Sc hn ur rb ar t. 3. T yp (s ei t 1 84 7) m it de m B ild ni s w ie b ei m 2 . T yp , h in zu ko m m t d er N am e d es M ed ai lle ur s „ BR EH M ER F. “ u nt er de m H al sa bs ch ni tt. Es w ur de n 89 M ed ai lle n ve rli eh en , d av on 1 0 im E xi l. Ve rd ie ns tm ed ai lle fü r R et tu ng au s G ef ah r A m 8 .A ug us t 1 84 5 du rc h Kö ni g Er ns t A ug us t a ls ei nk la ss ig es , tr ag ba re s E hr en ze ic he n. Fü r a lle P er so ne n, w elc he d ur ch ei n en ts ch lo ss en es u nd m ut vo lle s B en eh m en , o hn e B er üc ks ic htig un g de r i hn en se lb st dr oh en de n G ef ah r, da s L eb en o de r d as Ei ge nt um an de re r g er et te t o de r du rc h au ße ro rd en tli ch e A ns tre ngu ng en zu so lch er R et tu ng b ei ge tr ag en h ab en . Es k am en 1 97 M ed ai lle n zu r V er le ih un g. F ür w ie de rh ol te Re ttu ng sta te n (m in de ste ns zw ei d ok um en tie rt e F äl le ) w ur de di e V er di en stm ed ai lle in S ilb er o de r G ol d ve rli eh en . U nt er de n Be lie he ne n be fin de n sic h hä uf ig n or w eg isc he u nd en gl isc he S ch iff sb es at zu ng en . D er T rä ge rn am e i st im R an d gr avi er t. Es ex ist ie re n zw ei S te m pe l d er M ed ai lle : 1. T yp (1 84 5- 47 ) 2. T yp (1 84 7- 66 ), hi er m it ge rin gf üg ig v er än de rt em E ic he nkr an z u nd ei ne r e tw as g rö ße re n Sc hl ei fe au f d er R üc ks ei te . Er ns t-A ug us t-O rd en A m 1 5. D ez em be r 1 86 5 du rc h Kö ni g G eo rg V . a ls zw ei te r V er di en sto rd en in 5 K la ss en : 1. G ro ßk re uz 2. Ko m tu rk re uz I. K la ss e 3. Ko m tu rk re uz II . K la ss e 4. Ri tte rk re uz I. K la ss e 5. Ri tte rk re uz II . K la ss e D em O rd en an ge sc hl os se n w ur de n: 1. D as G ol de ne V er di en stkr eu z 2. D as S ilb er ne V er di en stkr eu z Fü r V er di en ste u m d as K ön ig r e ic h H an no ve r u nd d ur ch d ie Ve rd ie ns tk re uz e a uc h fü r P er so ne n ni ed er en R an ge s. D er E rn st- Au gu st- O rd en w ur de v on K ön ig G eo rg V . a uf gr un d de r s pä te n St ift un g üb er w ie ge nd au s d em ö ste rr ei ch isc he n Ex il he ra us v er lie he n. Anlage 236 Au sz ei ch nu ng St ift un g Ve rle ih un gs gr un d Be m er ku ng La ng en sa lza -M ed ai lle A m 2 7. Ju li 18 66 d ur ch K ön ig G eo rg V . a ls le tz te s o ffi zi el le s E hre nz ei ch en d es K ön ig re ic hs H an no ve r. Ve rli eh en an al le S ol da te n, w elch e a n de r S ch la ch t v on L an ge nsa lza am 2 7. Ju ni 1 86 6 te ilg eno m m en h ab en . Im R an d ist d er N am e d es B eli eh en en ei ng ra vi er t. St üc ke oh ne G ra vu r w ur de n pr iv at b es ch af ft. V er le ih un ge n er fo lg te n au s d em E xi l h er au s b is 18 90 . Sc hü tz en ab ze ic he n fü r J äg er u nd In fa nt er ist en A m 1 6. Ju li 18 63 d ur ch K ön ig G eo rg V . a ls tr ag ba re s A bz ei ch en in d en S tu fe n Si lb er u nd G ol d. Fü r g ut e S ch ie ßl ei stu ng en n ac h de r V or sc hr ift fü r S ch ei be ns ch ie - ße n de r I nf an te rie au s d em Ja hr e 18 63 . M ed ai lle zu r F ei er d es 8 1. G ebu rt sta ge s d er K ön ig in M ar ie vo n H an no ve r A m 1 4. Ap ril 1 89 8 du rc h Er ns t Au gu st, d em v or m al ig en T hr on fo lg er al s t ra gb ar es E hr en ze ic he n in B ro nz e u nd S ilb er an lä ss lic h de r F ei er d es 8 1. G eb ur tst ag es de r K ön ig M ar ie v on H an no ve r. Fü r d ie F am ili en m itg lie de r, da s G ef ol ge u nd so ns tig e d er K ön igi n na he ste he nd en P er so ne n. Es ex ist ie re n au ch n ic ht tr ag ba re E rin ne ru ng sg ab en . Eh re nz ei ch en fü r H of da m en St ift un gs um stä nd e u nb ek an nt Th ie s u nd H ap ke er w äh ne n di e A us ze ic hn un g oh ne w ei te rfü hr en de In fo rm at io n od er B es ch re ib un g. D ie ns tz ei ch en fü r H of be di en ste te A m 2 1. Se pt em be r 1 90 3 du rc h Er ns t A ug us t, de m S oh n de s le tz te n Kö ni gs v on H an no ve r i m ös te rr ei ch isc he n Ex il al s t ra gb ar e Sp an ge in fo lg en de n K la ss en : 1. K la ss e n ac h 50 jä hr ig er D ie ns tz ei t 2. K la ss e n ac h 40 jä hr ig er D ie ns tz ei t 3. K la ss e n ac h 25 jä hr ig er D ie ns tz ei t Fü r d ie H of be di en ste te n de s i m Ex il le be nd en T hr on fo lg er s n ac h de r j ew ei lig en D ie ns tz ei t. D er S oh n de s S tif te rs ü be rn ah m d as E hr en ze ic he n ab 1 91 3 al s r eg ie re nd er H er zo g in d as A us ze ic hn un gs sy ste m d es H er zo gt um s B ra un sc hw ei g un d fü hr te d ie V er le ih un ge n au ch na ch se in er A bs et zu ng 1 91 8 al s P riv at ie r f or t. M ed ai lle zu r S ilb er ho ch ze it vo n Er ns t A ug us t, H er zo g vo n Cu m be rla nd u nd T hy ra , H er zo gi n vo n Cu m be rla nd u nd K ro np rin ze ss in v on D än em ar k. A m 1 2. D ez em be r 1 90 3 du rc h Er ns t A ug us t, de m S oh n de s le tz te n Kö ni gs v on H an no ve r i m ös te rr ei ch isc he n Ex il al s t ra gb are s E rin ne ru ng sz ei ch en an lä ss lic h de r s ilb er ne n H oc hz ei t m it se in er F ra u Th yr a. Fü r B ed ie ns te te u nd tr eu e A nhä ng er d es eh em al ig en K ön ig lich en H au se s v on H an no ve r. Tabellarische Übersicht über die Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover 237 Bibliographieverzeichnis Forschungsliteratur: Arndt, Ludwig; Müller-Wusterwitz, Nikolaj: Die Orden und Ehrenzeichen des Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck, Konstanz 2008. Asch, Ronald G.: Hannover, Großbritannien und Europa. Erfahrungsraum Personalunion 1714-1837. Göttingen 2014. Autengruber, Michael: Die Dekoration des „Ersten Erblichen Ritters“ des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Sammler und Forscher. Nr. 49 (2007). Hof 2007. Balk, Jörg: Lohn der Tat. Ehrensold für die Inhaber höchster Tapferkeitsauszeichnungen des I.Weltkrieges nach dem Ordensgesetz von 1957. S. 11. Siehe: http://www.kyffhaeuser-kv-lauenburg.de/ Ehrensold.pdf. Bertram, Mijndert: Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates. Hannover 2003. Beyreiß, Friedhelm: Ehrenzeichen deutscher Staaten für die Rettung von Menschenleben 1782 – 1918. Norderstedt 2006. Beyreiß, Friedhelm: Der Hausorden und die tragbaren Ehrenzeichen des Großherzogtums Oldenburg 1813-1918. Norderstedt 1997. Beyreiß, Friedhelm: Dienstzeichen für Hofbedienstete. In: Orden-Militaria-Magazin Nr. 38 (1990). Destouches, Ernst von: Geschichte des Königlich Bayerischen St. Elisabethen-Ordens. In: Kleine Reihe für Freunde der Ordens- und Ehrenzeichen-Kunde Nr. 18. Hamburg. Unveränderter Nachdruck von 1873. Dylong, Alexander: Hannovers letzter Herrscher. König Georg V. zwischen welfischer Tradition und politischer Realität. Göttingen 2012. Efler, Gert: Die Orden und Ehrenzeichen des Fürstentums Waldeck und Pyrmont. Schwalmstadt 2004. Finkam, August: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen für Krieg, Verdienst und Dienstalter. Hannover 1901. Friedel, Alois: Deutsche Statussymbole. Herkunft und Bedeutung der politischen Symbolik in Deutschland. Frankfurt am Main 1968. Füssel, Marian: Waterloo 1815. München 2015. Geile, Willi: Die gesellschaftliche Struktur der mit Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Preu- ßen Beliehenen am Beispiel der Verleihungen des Jahres 1902. Offenbach 2001. Grandits, Hannes: Herrschaft und Loyalität in der spätosmanischen Gesellschaft am Beispiel der multikonfessionellen Herzegowina. Wien 2008. Gritzner, Maximilian: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden aller Kulturstaaten der Welt innerhalb des XIX. Jahrhunderts. Leipzig 1893. Gusovius, Hans Georg: Die Orden norddeutscher Staaten des 19. Jahrhunderts. Celle 1984. Hansel, Klaus: Das Bild der Familie im Spiegel preußisch-deutscher Orden und Ehrenzeichen. In: Der Herold, Bd. 11. 1985. 239 Heinz, Karl-Eckhart: Titel, Orden und Ehrenzeichen: gesellschaftlicher Rang als Rechtsanspruch. In: Bayerische Verwaltungsblätter. Zeitschrift für öffentliches Recht und öffentliche Verwaltung, Bd. 138 (2007). S. 745-750. München 2007. Heinzen, Jasper: Hannover als preußische Provinz im Kaiserreich – ein Kampf gegenläufiger Traditionen im Kaiserreich? In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte. Band 86 (2014). Göttingen 2014. Herfurth, Dietrich; Klaus, Jochen; Klee, Jürgen: Im Zeichen des Weißen Falken: Sachsen-Weimar- Eisenach im Lichte seiner Orden und Ehenzeichen. Berlin 2012. Herfurth, Henning; Henning, Eckart: Orden und Ehrenzeichen. Handbuch der Phaleristik. Köln 2010. Herfurth, Dietrich: Der Informationsgehalt von Orden und Ehrenzeichen und seine Nutzung in historischen Museumsausstellungen. Berlin 1991. Herfurth, Dietrich: Militärische Auszeichnungen der UdSSR. Berlin 1987. Hessenthal, Dr. von und Schreiber, Georg: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches – einschließlich der vormals selbständigen deutschen Staaten sowie des Kaisertums und des Bundesstaates Österreich, der Freien Stadt Danzig, des Großherzogtums Luxemburg, des Fürstentums Liechtenstein und der Ehrenzeichen der NSDAP. Berlin 1940. Heutger, Nicolaus: Die niedersächsischen Orden und Ehrenzeichen. In: Heimatland (1998), 2, S. 43-46. Horn, Johann von: Der Guelfenorden des Königreiches Hannover nach seiner Verfassung und Geschichte dargestellt; nebst einem biographischen Verzeichnisse der einheimischen und auswärtigen Mitglieder dieses Ordens. Leipzig 1823. Honig, Werner: Die Ehre im Knopfloch. Orden und Ehrenzeichen im Wandel der Zeiten. Bergisch- Gladbach 1986. Klietmann, Kurt-Georg: Auszeichnungen des Deutschen Reiches 1936-1945. Eine Dokumentation ziviler und militärischer Verdienst- und Ehrenzeichen. Stuttgart 1981. Kneschke, Ernst Heinrich: Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon. Bd.II. Leipzig 1860. Kögler, Johannes-Paul: Deutsch-russische Beziehungen im Spiegel gegenseitiger Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik. Dresden 2018. Kuhn, Ludwig: Handbuch der Geschichte und Verfassung aller blühenden Ritterorden in Europa – nebst Nachrichten von den erloschenen Ritterorden und von Ehrenmedaillen. Wien 1811. Link, Eva / Gauggel, Heinz: Fürstlich Hohenzollernsche Orden und Ehrenzeichen. Fridingen 1985. Lundström, Richard; Krause, Daniel: Verleihungen von militärischen Orden und Ehrenzeichen des Großherzogtums Sachsen-Weimar im Ersten Weltkrieg 1914-1918. Konstanz 2008. Lundström, Richard; Krause, Daniel: Verleihungen von militärischen Orden und Ehrenzeichen der Ernestinischen Herzogtümer Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg und Gotha und Sachsen-Meiningen im Ersten Weltkrieg 1914-1918. Konstanz 2008. Magnus, Peter von: Pietati et Verecundiae – Die hannoverschen Stiftsorden von 1842 und 1853. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Band 53 (1981). Hildesheim 1981. Mahrenholz, Ernst Gottfried: Ein Königreich wird Provinz. Hannovers Schicksalsjahr 1866. Göttingen 2011. Meier-Bergfeld, Peter: Volk, begnadet für das Schöne? Zehn Jahre Korrespondent in Österreich. Reportagen, Essays, Kommentare, Interviews. Norderstedt 2003. Merta, Klaus-Peter: Orden und Ehrenzeichen für Militär-und Kriegsverdienste in den Ländern Anhalts und Thüringens. In: Mit Gott für Fürst und Vaterland, 2005. S. 88 – 111. Merta, Klaus-Peter; Scharfenberg, Gerd; Groch, Peter: Ehrenzeichen für die Teilnahme an Feldzüge und Ereignisse der napoleonischen Kriege und der Befreiungskriege 1813-1815. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Sammler und Forscher (Jahrbuch 2003). Hof 2003. Bibliographieverzeichnis 240 Mertens, Lothar: Das Privileg des Einjährig-Freiwilligen Militärdienstes im Kaiserreich und seine gesellschaftliche Bedeutung. Zum Stand der Forschung. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 39. München 1986. Müller, Eberhard: Titel, Orden, Ehrenzeichen. Eine heitere Betrachtung. In: Der Herold, Bd. 9. Berlin 1980. Müller, Helmut-Theobald: Autre n’auray – Einen anderen will ich nicht! Unvereinbarkeitsbestimmungen am Beispiel österreichischer Ritter und Verdienstorden. In: Barock – Blütezeit der europäischen Ritterorden. St.Pölten 2000. Niedermayr, Joseph von: Ueber Belohnungen im Staate. Mit einer Übersicht der Verdienst-Orden, Ehren-Zeichen und Medaillen der Staaten Europas und ihrer Statuten. München 1836. Niedersächsisches Landesmuseum (Hrsg.): Als die Royals aus Hannover kamen (4 Bände). Hannover 2014. Nimmergut, Jörg: Das Eiserne Kreuz 1813 – 1957. Zweibrücken 1997. Nimmergut, Jörg und Scharfenberg, Gerd: Orden und Ehrenzeichen 1800-1945. München 2010. Nimmergut, Jörg: Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945. 5 Bände. München 1997-2004. Ohm-Hieronymussen, Peter: Die Mecklenburg-Strelitzer Orden und Ehrenzeichen von 1864 bis 1933. In: Beiträge zur Geschichte einer Region, herausgegeben vom Landkreis Mecklenburg- Strelitz anlässlich des 300. Jahrestages der Gründung des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz. Friedland 2002. Bd. 2, S. 361-379. Ohm-Hieronymussen, Peter: Landeværns tjenestehæderstegn i de Tyske forbundsstater 1842-1918. 1988. Patzwall, Klaus: Der SS-Totenkopfring. Melbeck 2010. Patzwall, Klaus (Hrsg.): Das preußische Goldene Militär-Verdienst-Kreuz. Norderstedt 1986. Pflanze, Otto: Bismarck. Der Reichsgründer. München 1997. Poten, von: Die Althannoverschen Überlieferungen des Infanterie-Regiments von Voigt-Rhetz (3. Hannoverschen) Nr. 79. Berlin 1911. Rass, Christoph: Menschenmaterial: Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-1945. Paderborn 2003. Reckewell, Roger und Fischer, Jens: Orden, Ehren- und Abzeichen des Herzogtums Braunschweig- Lüneburg 1809 bis 1918. Braunschweig 1987. Rogge, Bernhard; Matthias, Adolf; Geppert, Franz: Otto von Bismarck. Drei frühe Biographien im Sammelband. Hamburg 2013. Ruttig, Katharina; Friedl, Thomas; Wissemann, Volker: „Ob Dir es sauer wird mit Deiner Nahrung und Ackerwerk, das laß Dich nicht verdrießen, denn Gott hat es also geschaffen“. Gottfried Dietrich Wilhelm Berthold (1854-1937). Ein Beitrag zur Geschichte der Biologie an der Georgia Augusta Göttingen. Göttingen 2012. Sauerwald, Peter: Über die Aufnahme von fürstlichen Standespersonen in den Preußischen Schwarzen-Adlerorden im Jahre 1708. In: Orden und Ehrenzeichen Nr. 52 (2007). Hof 2007. Sauer, Werner: Die Orden und Ehrenzeichen des Kurfürstentumes Hessen-Kassel im Bild. 1981. Sauerwald, Peter: Zur Verleihung und Rückgabe von Orden im Königreich Preußen, ihrer Kosten und Herstellung. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik. Nr. 57 (2008). Hof 2008. S. 242. Scharfenberg, Gerd: Die Orden und Ehrenzeichen der Anhaltinischen Staaten 1811 – 1935. Offenbach 1999. Scharfenberg, Gerd: Knecht erhielt Treuemedaille. In: Mitteldeutsche Zeitung. Bernburg-Halle 1993. Bd. 4, 162. S. 13. Bibliographieverzeichnis 241 Scharfenberg, Gerd: Rückgabe der Ordenskette an den Herzog. Ein Akt des Staatsministeriums von symbolischer und politischer Bedeutung. In: Orden und Ehrenzeichen – Das Magazin für Sammler und Forscher. BDOS-Jahrbuch 2002, S. 115 – 116. Hof 2002. Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg (Hrsg.): Ehrenzeichen des Herzogtums Sachsen-Altenburg. Dekorationen des Herzoglich Sachsen Ernestinischen Hausordens 1814-1918. Altenburg 2002. Schreiber, Georg: Die bayerischen Orden und Ehrenzeichen. München 1964. Schreiber, Georg: Die Orden und Ehrenzeichen Anhalts wie der sächsischen Herzogtümer seit Beginn des XIX. Jahrhunderts. München 1960. Schreiber, Jürgen: Ordensrecht. Frankfurt am Main 1958. Schwarzkopf, Margarete von: Der Traum vom Weltreich. Geschichte und Geschichten zur Personalunion Hannover-England 1714 bis 1837. Göttingen 2014. Spath, Christian, K.P.: Die Hannoverschen und die Kurhessischen Jubiläumsdenkmünzen Preußens. Teil 1: Regimentsjubiläen in der Alten Armee. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 95 (2015). Hohenstein 2015. Speitkamp, Winfried: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord – Eine Geschichte der Ehre. Stuttgart 2010. Stapf, Fred Frank: Rund um den Hohen Orden vom Schwarzen Adler. Geschichte und Geschichten. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 47 (2007). Hof 2007. Stevnsborg, Lars: Kongeriget Danmarks Ordener Medaljer og Hæderstegn. Syddansk 2005. Stijn, David und Sauerwald, Peter: Verleihungen des Königlich Preußischen Schwarzen Adler-Ordens an Belgier. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik. Nr. 55. Tammann, Gustav: Die Orden und Ehrenzeichen Konrad Adenauers. Bad Honnef 1999. Thies, Andreas; Hapke, Wilhelm: Orden und Ehrenzeichen des Königreiches Hannover. Hamburg 1981. Trost, Ludwig von: Die Ritter- und Verdienstorden, Ehrenzeichen und Medaillen aller Souveräne und Staaten seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Wien 1910. Wacker, Peter: Das herzoglich-nassauische Militär 1813-1866, Band 2. Wiesbaden 1998. Wahl, Tilo: Zur Verleihung des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler an Emil Graf und Herr von Schlitz, genannt von Görtz (1851-1914). In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 61 (2009). Hof 2009. Werlich, Robert: Russian Orders, Decorations and Medals. Washington 1981. Wernitz, Frank. Das Eiserne Kreuz 1813 – 1870 – 1914. Geschichte und Bedeutung einer Auszeichnung. Wien 2013. Winkle, Ralph: Der Dank des Vaterlandes: eine Symbolgeschichte des Eisernen Kreuzes 1914 bis 1936. Essen 2007. Dr. Wolfram, G.: Die hannoversche Armee und ihre Schicksale in und nach der Katastrophe von 1866. Hannover 1904. Quellen: Baring, Georg: Erzählung der Theilnahme des 2ten leichten Bataillons der königl. deutschen Legion an der Schlacht von Waterloo. In: Hannoversches Militairisches Journal 2 (1831). Bekanntmachung, betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westphälischer Orden und Ehrenzeichen. Berlin 1815. Bekanntmachung wegen Abstellung der Mißbräuche, welche in den willkührlichen Abänderungen der Krieges-Denkmünzen, Orden und Ehrenzeichen stattfinden. Berlin 1816. Casanova, Giacomo: Geschichte meines Lebens. Band 7. Frankfurt/Main 1965. Bibliographieverzeichnis 242 Eppstein, Georg von: Die Vorschriften der Deutschen Bundesstaaten über die Trageweise und die Rückgabe der Orden und Ehrenzeichen. Berlin 1906. Enzensberger, Hans Magnus: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main 1991. Friedrich Wilhelm III von Preußen: Allerhöchste Kabinetsorder, die Bestrafung des unbefugten Tragens von Orden und Ehrenzeichen betreffend. De Dato Troppau, den 19ten November 1820. Berlin 1820. Freudenthal, Friedrich: Erinnerungen eines hannoverschen Infanteristen von Lüneburg bis Langensalza 1866. Bad Langensalza 2003. Hafemann, Julius Ferdinand: Übersicht über Verbrechen und Strafen nach Preußischem Rechte. Berlin 1833. Heine, Heinrich: Reisebilder. Frankfurt am Main 1997. Hof- und Staatshandbuch für das Königreich Hannover auf das Jahr 1844. Hannover 1844. Keil, Ernst (Hrsg.): Die Marienburg und ihre Herrin. In: Die Gartenlaube. Heft 27 (1867). Künker, Fritz Rudolf: Auktionskatalog 128 Orden und Ehrenzeichen. Osnabrück 2007. Liechtensteiner Volksblatt vom 20. März 1885, abgedruckt in: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin für Freunde der Phaleristik Nr. 98 (2015). Hohenstein 2015. Mann, Heinrich: Der Untertan. Frankfurt am Main 2012. Manstein, Erich von: Verlorene Siege. Bonn 1957. Malortie, C.E.: König Ernst August. Barsinghausen 2013 (Nachdruck). Ophaus, Franz Josef: Unter flatternden Fahnen. Helden des Goldenen Militär-Verdienst-Kreuzes. Berlin (ohne Erscheinungsjahr). Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Orden und Ehrenzeichen. Norderstedt 1986. Ramelsberg, Johannes Wilhelm.: Beschreibung aller sowohl noch heutiges Tages florirenden als bereits verloschenen Geist- und Weltlichen Ritter-Orden in Europa. Berlin 1744. Schneider, Louis: Erdient und verdient! Die Orden, militärischen Ehrenzeichen und Kriegs-Denkmünzen Seiner Majestät des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen Wilhelm. Hamburg 1974 (Nachdruck). Schreinert, Kurt (Hrsg.): Theodor Fontane, Briefe an Georg Friedländer. Heidelberg 1954. S. 102. Verzeichnis der mit Großherzoglich hessischen Orden und Ehrenzeichen dekorirten Personen. Darmstadt 1857-1875. v. Wissel, Ludwig: Ruhmwürdige Thaten, welche in den letzten Kriegen von Unteroffizieren und Soldaten der englisch-deutschen Legion und der hannoverschen Armee verrichtet sind. Hannover 1846. Wolff, Julius: Aus dem Felde – Kriegslieder. In: Reichel, Arthur: 127 Jahre Eisernes Kreuz. Dresden 1940. Bestände aus dem Niedersächsischen Landesarchiv Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann.38 D Nr. 1203. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111, 121 und 123. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V, Nr. 14, Nr. 137 Nr. 411, Nr. 421 und Nr. 423. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, Nr. 1705 und Nr. 1673. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103, Nr. 414 und Nr. 417 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1489, Nr. 1497, Nr. 1499, Nr. 1500, Nr. 1503, Nr. 1506, Nr. 1507 und Nr. 1547. Bibliographieverzeichnis 243 Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 74 Liebenburg Nr. 477 und Burgwedel Nr. 112. Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 113 Nr. 17. Königliches Hausarchiv Königliches Hausarchiv, Standort Pattensen: Dep. 103 XXXVII, Nr. 404. Methodik der Geschichts- und Sozialwissenschaften Borowsky, Peter; Vogel, Barbara; Wunder, Heide: Einführung in die Geschichtswissenschaft. Band I und II. Opladen 1975. Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 2014. Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt am Main 1991. Elias, Norbert: Die höfische Gesellschaft. Frankfurt am Main 1989. Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart 2011. Frevert, Ute: Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft. München 1991. Frevert, Ute: Vergängliche Gefühle. Göttingen 2013. Fuchs-Heinritz, Werner; König, Alexandra: Pierre Bourdieu. Eine Einführung. Konstanz 2011. Iser, Mattias; Strecker, David: Jürgen Habermas zur Einführung. Hamburg 2010. Landwehr, Achim: Kulturgeschichte. Stuttgart 2009. Ruppert, Wolfgang: Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, in: ders. (Hrsg.), Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, Frankfurt a.M. 1993. Schulze Wessel, Martin: „Loyalität“ als geschichtlicher Grundbegriff und Forschungskonzept: Zur Einleitung. In: Schulze Wessel, Martin (Hrsg.): Loyalitäten in der Tschechoslowakischen Republik. Politische, nationale und kulturelle Zugehörigkeiten. Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 101. München: Oldenbourg. Stagl, Justin: Orden und Ehrenzeichen. Zur Soziologie des Auszeichnungswesens. In: Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive. Konstanz 2001. Steinrücke, Margareta (Hrsg.): Pierre Bourdieu – Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik und Kultur 1. Hamburg 2005. Internet-Links http://www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de/2012/05/28/%C2%BBflaggen-heraus-wir-grusen-unser en-ritterkreuz%C2%ADtrager%C2%AB-das-%C2%BBgoldene-buch%C2%AB-der-stadt-verkund er-des-heldenliedes. http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/dgo/unsere-satzung/. https://docupedia.de/zg/Geschichte_der_Gef%C3%BChle http://soziologieblog.hypotheses.org/7297 http://www.textlog.de/7349.html http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungsk riege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen. http://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/berlin-abc/stichwortehn/603-lessingdenkmal .html. http://www.medalnet.net/Nichtchristen_Roter_Adler.htm. http://www.medalnet.net/Militaer_Ehrenzeichen.htm. http://www.medalnet.net/RAO_Medaille.htm. Bibliographieverzeichnis 244 http://www.royal.gov.uk/monarchUK/honours/Orderofthegarter/orderofthegarter.aspx. http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Tr%C3%A4ger_des_Hosenbandordens. https://docupedia.de/zg/Geschichte_der_Gef%C3%BChle. http://www1.folha.uol.com.br/internacional/en/world/2014/07/1493718-israeli-ambassador-in-bra zil-leaves-office-without-receiving-order-of-distinction.shtml. http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungsk riege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen. http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler. http://www.napoleon-online.de/armee_nassau_infanterie1815.html. http://www.bismarck-stiftung.de/index.php/standort-friedrichsruh/forschen-und-entdecken/expon at-des-monats/item/460-dekoration-nr-65-oder-noch-ein-orden-der-k%C3%B6nigliche-hausor den-von-hohenzollern-gro%C3%9Fkomturkreuz-mit-brillanten. http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0102dokb.htm. http://www.germantik.de/militarialexikon_html/57er/ordensgesetz/das_deutsche_ordensgesetz_vo m_.html. http://ordensmuseum.de/Ordensjournal/Ordensjournal20Sep10Infl.pdf. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-12/uli-hoeness-verdienstorden. http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-18445/bundesverdienstorden-verweigern-zurueckgeb en-entziehen_aid_514088.html. http://wafr.lbmv.de/. https://www.jurion.de/Urteile/BVerwG/1961-12-03/W-D-24_61. http://www.army.mil/medalofhonor/process.html. http://www.kyffhaeuser-kv-lauenburg.de/Ehrensold.pdf. http://www.bundespraesident.de/DE/Amt-und-Aufgaben/Orden-und-Ehrungen/orden-und-ehrun gen-node.html. http://www.epochtimes.de/Dieter-Hildebrandt-ist-auch-mit-84-kein-bisschen-leise-a727154.html. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-12/uli-hoeness-verdienstorden. http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-18445/bundesverdienstorden-verweigern-zurueckgeb en-entziehen_aid_514088.html. http://www.lw-bn-muenden.net/index.php/de/dokumente/veteranen. http://www.heimatverein-borgloh.de/historie/historie_siedlung_waehrung.php. http://www.ehrenzeichen-orden.de/deutsche-staaten/schwarzer-adler-orden-ordenskreuz-1888-19 18.html http://www.verfassungen.de/de/de33-45/orden37.htm Bibliographieverzeichnis 245

Zusammenfassung

Orden und Ehrenzeichen gehörten zur Lebenswirklichkeit der Menschen im 19. Jahrhundert. Sie wiesen ihre Träger als Teilnehmer von Schlachten und Feldzügen aus, als verdiente Staatsdiener, Künstler oder Lebensretter. Tragbare Auszeichnungen waren fest in das Ehrverständnis jener Zeit verankert und förderten dadurch Selbstbewusstsein und Anspruch gleichermaßen. Sie machten darüber hinaus soziale Unterschiede nach außen hin sichtbar und ließen den Beliehenen Aufstiegs- und Karrierechancen erahnen. Doch wie genau war so ein staatliches Auszeichnungssystem aufgebaut und inwiefern profitierte der Souverän von der Vergabe der wertvollen Kleinode? Der Autor beschäftigt sich im vorliegenden Werk umfassend mit den Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, das in über 50 Jahren ein komplexes System an Auszeichnungen hervorbrachte und seine Bürger umfänglich für Loyalität und Anhänglichkeit belohnte. Dabei werden nicht nur soziale, kulturelle und ikonographische Aspekte des Auszeichnungsprozesses beleuchtet, sondern auch die politische Geschichte des Königreichs Hannover und seine Bedeutung im Kontext von Tradition und Erinnerung nach 1866 in besonderem Maße fokussiert.

References
Bibliographieverzeichnis
Forschungsliteratur:
Arndt, Ludwig; M�ller-Wusterwitz, Nikolaj: Die Orden und Ehrenzeichen des Reichskanzlers F�rst Otto von Bismarck, Konstanz 2008.
Asch, Ronald G.: Hannover, Gro�britannien und Europa. Erfahrungsraum Personalunion 1714-1837. G�ttingen 2014.
Autengruber, Michael: Die Dekoration des �Ersten Erblichen Ritters� des Heiligen R�mischen Reiches Deutscher Nation. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin f�r Sammler und Forscher. Nr. 49 (2007). Hof 2007.
Balk, J�rg: Lohn der Tat. Ehrensold f�r die Inhaber h�chster Tapferkeitsauszeichnungen des I.Weltkrieges nach dem Ordensgesetz von 1957. S.11. Siehe: http://www.kyffhaeuser-kv-lauenburg.de/Ehrensold.pdf.
Bertram, Mijndert: Das K�nigreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates. Hannover 2003.
Beyrei�, Friedhelm: Ehrenzeichen deutscher Staaten f�r die Rettung von Menschenleben 1782 � 1918. Norderstedt 2006.
Beyrei�, Friedhelm: Der Hausorden und die tragbaren Ehrenzeichen des Gro�herzogtums Oldenburg 1813-1918. Norderstedt 1997.
Beyrei�, Friedhelm: Dienstzeichen f�r Hofbedienstete. In: Orden-Militaria-Magazin Nr. 38 (1990).
Destouches, Ernst von: Geschichte des K�niglich Bayerischen St. Elisabethen-Ordens. In: Kleine Reihe f�r Freunde der Ordens- und Ehrenzeichen-Kunde Nr.18. Hamburg. Unver�nderter Nachdruck von 1873.
Dylong, Alexander: Hannovers letzter Herrscher. K�nig Georg V. zwischen welfischer Tradition und politischer Realit�t. G�ttingen 2012.
Efler, Gert: Die Orden und Ehrenzeichen des F�rstentums Waldeck und Pyrmont. Schwalmstadt 2004.
Finkam, August: Die an Braunschweiger und Hannoveraner verliehenen Ehrenzeichen f�r Krieg, Verdienst und Dienstalter. Hannover 1901.
Friedel, Alois: Deutsche Statussymbole. Herkunft und Bedeutung der politischen Symbolik in Deutschland. Frankfurt am Main 1968.
F�ssel, Marian: Waterloo 1815. M�nchen 2015.
Geile, Willi: Die gesellschaftliche Struktur der mit Orden und Ehrenzeichen des K�nigreichs Preu�en Beliehenen am Beispiel der Verleihungen des Jahres 1902. Offenbach 2001.
Grandits, Hannes: Herrschaft und Loyalit�t in der sp�tosmanischen Gesellschaft am Beispiel der multikonfessionellen Herzegowina. Wien 2008.
Gritzner, Maximilian: Handbuch der Ritter- und Verdienstorden aller Kulturstaaten der Welt innerhalb des XIX. Jahrhunderts. Leipzig 1893.
Gusovius, Hans Georg: Die Orden norddeutscher Staaten des 19. Jahrhunderts. Celle 1984.
Hansel, Klaus: Das Bild der Familie im Spiegel preu�isch-deutscher Orden und Ehrenzeichen. In: Der Herold, Bd. 11. 1985.
Heinz, Karl-Eckhart: Titel, Orden und Ehrenzeichen: gesellschaftlicher Rang als Rechtsanspruch. In: Bayerische Verwaltungsbl�tter. Zeitschrift f�r �ffentliches Recht und �ffentliche Verwaltung, Bd. 138 (2007). S.745-750. M�nchen 2007.
Heinzen, Jasper: Hannover als preu�ische Provinz im Kaiserreich � ein Kampf gegenl�ufiger Traditionen im Kaiserreich? In: Nieders�chsisches Jahrbuch f�r Landesgeschichte. Band 86 (2014). G�ttingen 2014.
Herfurth, Dietrich; Klaus, Jochen; Klee, J�rgen: Im Zeichen des Wei�en Falken: Sachsen-Weimar-Eisenach im Lichte seiner Orden und Ehenzeichen. Berlin 2012.
Herfurth, Henning; Henning, Eckart: Orden und Ehrenzeichen. Handbuch der Phaleristik. K�ln 2010.
Herfurth, Dietrich: Der Informationsgehalt von Orden und Ehrenzeichen und seine Nutzung in historischen Museumsausstellungen. Berlin 1991.
Herfurth, Dietrich: Milit�rische Auszeichnungen der UdSSR. Berlin 1987.
Hessenthal, Dr. von und Schreiber, Georg: Die tragbaren Ehrenzeichen des Deutschen Reiches � einschlie�lich der vormals selbst�ndigen deutschen Staaten sowie des Kaisertums und des Bundesstaates �sterreich, der Freien Stadt Danzig, des Gro�herzogtums Luxemburg, des F�rstentums Liechtenstein und der Ehrenzeichen der NSDAP. Berlin 1940.
Heutger, Nicolaus: Die nieders�chsischen Orden und Ehrenzeichen. In: Heimatland (1998), 2, S. 43-46.
Horn, Johann von: Der Guelfenorden des K�nigreiches Hannover nach seiner Verfassung und Geschichte dargestellt; nebst einem biographischen Verzeichnisse der einheimischen und ausw�rtigen Mitglieder dieses Ordens. Leipzig 1823.
Honig, Werner: Die Ehre im Knopfloch. Orden und Ehrenzeichen im Wandel der Zeiten. Bergisch-Gladbach 1986.
Klietmann, Kurt-Georg: Auszeichnungen des Deutschen Reiches 1936-1945. Eine Dokumentation ziviler und milit�rischer Verdienst- und Ehrenzeichen. Stuttgart 1981.
Kneschke, Ernst Heinrich: Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon. Bd.II. Leipzig 1860.
K�gler, Johannes-Paul: Deutsch-russische Beziehungen im Spiegel gegenseitiger Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin f�r Freunde der Phaleristik. Dresden 2018.
Kuhn, Ludwig: Handbuch der Geschichte und Verfassung aller bl�henden Ritterorden in Europa � nebst Nachrichten von den erloschenen Ritterorden und von Ehrenmedaillen. Wien 1811.
Link, Eva / Gauggel, Heinz: F�rstlich Hohenzollernsche Orden und Ehrenzeichen. Fridingen 1985.
Lundstr�m, Richard; Krause, Daniel: Verleihungen von milit�rischen Orden und Ehrenzeichen des Gro�herzogtums Sachsen-Weimar im Ersten Weltkrieg 1914-1918. Konstanz 2008.
Lundstr�m, Richard; Krause, Daniel: Verleihungen von milit�rischen Orden und Ehrenzeichen der Ernestinischen Herzogt�mer Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg und Gotha und Sachsen-Meiningen im Ersten Weltkrieg 1914-1918. Konstanz 2008.
Magnus, Peter von: Pietati et Verecundiae � Die hannoverschen Stiftsorden von 1842 und 1853. In: Nieders�chsisches Jahrbuch f�r Landesgeschichte, Band 53 (1981). Hildesheim 1981.
Mahrenholz, Ernst Gottfried: Ein K�nigreich wird Provinz. Hannovers Schicksalsjahr 1866. G�ttingen 2011.
Meier-Bergfeld, Peter: Volk, begnadet f�r das Sch�ne? Zehn Jahre Korrespondent in �sterreich. Reportagen, Essays, Kommentare, Interviews. Norderstedt 2003.
Merta, Klaus-Peter: Orden und Ehrenzeichen f�r Milit�r-und Kriegsverdienste in den L�ndern Anhalts und Th�ringens. In: Mit Gott f�r F�rst und Vaterland, 2005. S.88 � 111.
Merta, Klaus-Peter; Scharfenberg, Gerd; Groch, Peter: Ehrenzeichen f�r die Teilnahme an Feldz�ge und Ereignisse der napoleonischen Kriege und der Befreiungskriege 1813-1815. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin f�r Sammler und Forscher (Jahrbuch 2003). Hof 2003.
Mertens, Lothar: Das Privileg des Einj�hrig-Freiwilligen Milit�rdienstes im Kaiserreich und seine gesellschaftliche Bedeutung. Zum Stand der Forschung. In: Milit�rgeschichtliche Mitteilungen 39. M�nchen 1986.
M�ller, Eberhard: Titel, Orden, Ehrenzeichen. Eine heitere Betrachtung. In: Der Herold, Bd. 9. Berlin 1980.
M�ller, Helmut-Theobald: Autre n�auray � Einen anderen will ich nicht! Unvereinbarkeitsbestimmungen am Beispiel �sterreichischer Ritter und Verdienstorden. In: Barock � Bl�tezeit der europ�ischen Ritterorden. St.P�lten 2000.
Niedermayr, Joseph von: Ueber Belohnungen im Staate. Mit einer �bersicht der Verdienst-Orden, Ehren-Zeichen und Medaillen der Staaten Europas und ihrer Statuten. M�nchen 1836.
Nieders�chsisches Landesmuseum (Hrsg.): Als die Royals aus Hannover kamen (4 B�nde). Hannover 2014.
Nimmergut, J�rg: Das Eiserne Kreuz 1813 � 1957. Zweibr�cken 1997.
Nimmergut, J�rg und Scharfenberg, Gerd: Orden und Ehrenzeichen 1800-1945. M�nchen 2010.
Nimmergut, J�rg: Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945. 5 B�nde. M�nchen 1997-2004.
Ohm-Hieronymussen, Peter: Die Mecklenburg-Strelitzer Orden und Ehrenzeichen von 1864 bis 1933. In: Beitr�ge zur Geschichte einer Region, herausgegeben vom Landkreis Mecklenburg-Strelitz anl�sslich des 300. Jahrestages der Gr�ndung des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz. Friedland 2002. Bd. 2, S.361-379.
Ohm-Hieronymussen, Peter: Landev�rns tjenesteh�derstegn i de Tyske forbundsstater 1842-1918. 1988.
Patzwall, Klaus: Der SS-Totenkopfring. Melbeck 2010.
Patzwall, Klaus (Hrsg.): Das preu�ische Goldene Milit�r-Verdienst-Kreuz. Norderstedt 1986.
Pflanze, Otto: Bismarck. Der Reichsgr�nder. M�nchen 1997.
Poten, von: Die Althannoverschen �berlieferungen des Infanterie-Regiments von Voigt-Rhetz (3. Hannoverschen) Nr. 79. Berlin 1911.
Rass, Christoph: Menschenmaterial: Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-1945. Paderborn 2003.
Reckewell, Roger und Fischer, Jens: Orden, Ehren- und Abzeichen des Herzogtums Braunschweig-L�neburg 1809 bis 1918. Braunschweig 1987.
Rogge, Bernhard; Matthias, Adolf; Geppert, Franz: Otto von Bismarck. Drei fr�he Biographien im Sammelband. Hamburg 2013.
Ruttig, Katharina; Friedl, Thomas; Wissemann, Volker: �Ob Dir es sauer wird mit Deiner Nahrung und Ackerwerk, das la� Dich nicht verdrie�en, denn Gott hat es also geschaffen�. Gottfried Dietrich Wilhelm Berthold (1854-1937). Ein Beitrag zur Geschichte der Biologie an der Georgia Augusta G�ttingen. G�ttingen 2012.
Sauerwald, Peter: �ber die Aufnahme von f�rstlichen Standespersonen in den Preu�ischen Schwarzen-Adlerorden im Jahre 1708. In: Orden und Ehrenzeichen Nr. 52 (2007). Hof 2007.
Sauer, Werner: Die Orden und Ehrenzeichen des Kurf�rstentumes Hessen-Kassel im Bild. 1981.
Sauerwald, Peter: Zur Verleihung und R�ckgabe von Orden im K�nigreich Preu�en, ihrer Kosten und Herstellung. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin f�r Freunde der Phaleristik. Nr. 57 (2008). Hof 2008. S.242.
Scharfenberg, Gerd: Die Orden und Ehrenzeichen der Anhaltinischen Staaten 1811 � 1935. Offenbach 1999.
Scharfenberg, Gerd: Knecht erhielt Treuemedaille. In: Mitteldeutsche Zeitung. Bernburg-Halle 1993. Bd. 4, 162. S.13.
Scharfenberg, Gerd: R�ckgabe der Ordenskette an den Herzog. Ein Akt des Staatsministeriums von symbolischer und politischer Bedeutung. In: Orden und Ehrenzeichen � Das Magazin f�r Sammler und Forscher. BDOS-Jahrbuch 2002, S.115 � 116. Hof 2002.
Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg (Hrsg.): Ehrenzeichen des Herzogtums Sachsen-Altenburg. Dekorationen des Herzoglich Sachsen Ernestinischen Hausordens 1814-1918. Altenburg 2002.
Schreiber, Georg: Die bayerischen Orden und Ehrenzeichen. M�nchen 1964.
Schreiber, Georg: Die Orden und Ehrenzeichen Anhalts wie der s�chsischen Herzogt�mer seit Beginn des XIX. Jahrhunderts. M�nchen 1960.
Schreiber, J�rgen: Ordensrecht. Frankfurt am Main 1958.
Schwarzkopf, Margarete von: Der Traum vom Weltreich. Geschichte und Geschichten zur Personalunion Hannover-England 1714 bis 1837. G�ttingen 2014.
Spath, Christian, K.P.: Die Hannoverschen und die Kurhessischen Jubil�umsdenkm�nzen Preu�ens. Teil 1: Regimentsjubil�en in der Alten Armee. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin f�r Freunde der Phaleristik Nr. 95 (2015). Hohenstein 2015.
Speitkamp, Winfried: Ohrfeige, Duell und Ehrenmord � Eine Geschichte der Ehre. Stuttgart 2010.
Stapf, Fred Frank: Rund um den Hohen Orden vom Schwarzen Adler. Geschichte und Geschichten. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin f�r Freunde der Phaleristik Nr.47 (2007). Hof 2007.
Stevnsborg, Lars: Kongeriget Danmarks Ordener Medaljer og H�derstegn. Syddansk 2005.
Stijn, David und Sauerwald, Peter: Verleihungen des K�niglich Preu�ischen Schwarzen Adler-Ordens an Belgier. In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin f�r Freunde der Phaleristik. Nr.55.
Tammann, Gustav: Die Orden und Ehrenzeichen Konrad Adenauers. Bad Honnef 1999.
Thies, Andreas; Hapke, Wilhelm: Orden und Ehrenzeichen des K�nigreiches Hannover. Hamburg 1981.
Trost, Ludwig von: Die Ritter- und Verdienstorden, Ehrenzeichen und Medaillen aller Souver�ne und Staaten seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Wien 1910.
Wacker, Peter: Das herzoglich-nassauische Milit�r 1813-1866, Band 2. Wiesbaden 1998.
Wahl, Tilo: Zur Verleihung des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler an Emil Graf und Herr von Schlitz, genannt von G�rtz (1851-1914). In: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin f�r Freunde der Phaleristik Nr. 61 (2009). Hof 2009.
Werlich, Robert: Russian Orders, Decorations and Medals. Washington 1981.
Wernitz, Frank. Das Eiserne Kreuz 1813 � 1870 � 1914. Geschichte und Bedeutung einer Auszeichnung. Wien 2013.
Winkle, Ralph: Der Dank des Vaterlandes: eine Symbolgeschichte des Eisernen Kreuzes 1914 bis 1936. Essen 2007.
Dr. Wolfram, G.: Die hannoversche Armee und ihre Schicksale in und nach der Katastrophe von 1866. Hannover 1904.
Quellen:
Baring, Georg: Erz�hlung der Theilnahme des 2ten leichten Bataillons der k�nigl. deutschen Legion an der Schlacht von Waterloo. In: Hannoversches Militairisches Journal 2 (1831).
Bekanntmachung, betreffend das Verbot des Tragens ehemaliger Westph�lischer Orden und Ehrenzeichen. Berlin 1815.
Bekanntmachung wegen Abstellung der Mi�br�uche, welche in den willk�hrlichen Ab�nderungen der Krieges-Denkm�nzen, Orden und Ehrenzeichen stattfinden. Berlin 1816.
Casanova, Giacomo: Geschichte meines Lebens. Band 7. Frankfurt/Main 1965.
Eppstein, Georg von: Die Vorschriften der Deutschen Bundesstaaten �ber die Trageweise und die R�ckgabe der Orden und Ehrenzeichen. Berlin 1906.
Enzensberger, Hans Magnus: Mittelma� und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main 1991.
Friedrich Wilhelm III von Preu�en: Allerh�chste Kabinetsorder, die Bestrafung des unbefugten Tragens von Orden und Ehrenzeichen betreffend. De Dato Troppau, den 19ten November 1820. Berlin 1820.
Freudenthal, Friedrich: Erinnerungen eines hannoverschen Infanteristen von L�neburg bis Langensalza 1866. Bad Langensalza 2003.
Hafemann, Julius Ferdinand: �bersicht �ber Verbrechen und Strafen nach Preu�ischem Rechte. Berlin 1833.
Heine, Heinrich: Reisebilder. Frankfurt am Main 1997.
Hof- und Staatshandbuch f�r das K�nigreich Hannover auf das Jahr 1844. Hannover 1844.
Keil, Ernst (Hrsg.): Die Marienburg und ihre Herrin. In: Die Gartenlaube. Heft 27 (1867).
K�nker, Fritz Rudolf: Auktionskatalog 128 Orden und Ehrenzeichen. Osnabr�ck 2007.
Liechtensteiner Volksblatt vom 20.M�rz 1885, abgedruckt in: Orden und Ehrenzeichen. Das Magazin f�r Freunde der Phaleristik Nr. 98 (2015). Hohenstein 2015.
Mann, Heinrich: Der Untertan. Frankfurt am Main 2012.
Manstein, Erich von: Verlorene Siege. Bonn 1957.
Malortie, C.E.: K�nig Ernst August. Barsinghausen 2013 (Nachdruck).
Ophaus, Franz Josef: Unter flatternden Fahnen. Helden des Goldenen Milit�r-Verdienst-Kreuzes. Berlin (ohne Erscheinungsjahr).
Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Orden und Ehrenzeichen. Norderstedt 1986.
Ramelsberg, Johannes Wilhelm.: Beschreibung aller sowohl noch heutiges Tages florirenden als bereits verloschenen Geist- und Weltlichen Ritter-Orden in Europa. Berlin 1744.
Schneider, Louis: Erdient und verdient! Die Orden, milit�rischen Ehrenzeichen und Kriegs-Denkm�nzen Seiner Majest�t des Deutschen Kaisers und K�nigs von Preu�en Wilhelm. Hamburg 1974 (Nachdruck).
Schreinert, Kurt (Hrsg.): Theodor Fontane, Briefe an Georg Friedl�nder. Heidelberg 1954. S.102.
Verzeichnis der mit Gro�herzoglich hessischen Orden und Ehrenzeichen dekorirten Personen. Darmstadt 1857-1875.
v. Wissel, Ludwig: Ruhmw�rdige Thaten, welche in den letzten Kriegen von Unteroffizieren und Soldaten der englisch-deutschen Legion und der hannoverschen Armee verrichtet sind. Hannover 1846.
Wolff, Julius: Aus dem Felde � Kriegslieder. In: Reichel, Arthur: 127 Jahre Eisernes Kreuz. Dresden 1940.
Best�nde aus dem Nieders�chsischen Landesarchiv
Nieders�chsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann.38 D Nr. 1203.
Nieders�chsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 48 Nr. 111, 121 und 123.
Nieders�chsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 V, Nr. 14, Nr. 137 Nr. 411, Nr. 421 und Nr. 423.
Nieders�chsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103 VI Nr. 996, Nr. 1705 und Nr. 1673.
Nieders�chsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Dep. 103, Nr. 414 und Nr. 417
Nieders�chsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 42 Nr. 1489, Nr. 1497, Nr. 1499, Nr. 1500, Nr. 1503, Nr. 1506, Nr. 1507 und Nr. 1547.
Nieders�chsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 74 Liebenburg Nr. 477 und Burgwedel Nr. 112.
Nieders�chsisches Landesarchiv, Standort Hannover: Hann. 113 Nr. 17.
K�nigliches Hausarchiv
K�nigliches Hausarchiv, Standort Pattensen: Dep. 103 XXXVII, Nr. 404.
Methodik der Geschichts- und Sozialwissenschaften
Borowsky, Peter; Vogel, Barbara; Wunder, Heide: Einf�hrung in die Geschichtswissenschaft. Band I und II. Opladen 1975.
Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 2014.
Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt am Main 1991.
Elias, Norbert: Die h�fische Gesellschaft. Frankfurt am Main 1989.
Erll, Astrid: Kollektives Ged�chtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einf�hrung. Stuttgart 2011.
Frevert, Ute: Ehrenm�nner. Das Duell in der b�rgerlichen Gesellschaft. M�nchen 1991.
Frevert, Ute: Verg�ngliche Gef�hle. G�ttingen 2013.
Fuchs-Heinritz, Werner; K�nig, Alexandra: Pierre Bourdieu. Eine Einf�hrung. Konstanz 2011.
Iser, Mattias; Strecker, David: J�rgen Habermas zur Einf�hrung. Hamburg 2010.
Landwehr, Achim: Kulturgeschichte. Stuttgart 2009.
Ruppert, Wolfgang: Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, in: ders. (Hrsg.), Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, Frankfurt a.M. 1993.
Schulze Wessel, Martin: �Loyalit�t� als geschichtlicher Grundbegriff und Forschungskonzept: Zur Einleitung. In: Schulze Wessel, Martin (Hrsg.): Loyalit�ten in der Tschechoslowakischen Republik. Politische, nationale und kulturelle Zugeh�rigkeiten. Ver�ffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 101. M�nchen: Oldenbourg.
Stagl, Justin: Orden und Ehrenzeichen. Zur Soziologie des Auszeichnungswesens. In: Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive. Konstanz 2001.
Steinr�cke, Margareta (Hrsg.): Pierre Bourdieu � Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik und Kultur 1. Hamburg 2005.
Internet-Links
http://www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de/2012/05/28/%C2%BBflaggen-heraus-wir-grusen-unseren-ritterkreuz%C2%ADtrager%C2%AB-das-%C2%BBgoldene-buch%C2%AB-der-stadt-verkunder-des-heldenliedes.
http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/dgo/unsere-satzung/.
https://docupedia.de/zg/Geschichte_der_Gef%C3%BChle
http://soziologieblog.hypotheses.org/7297
http://www.textlog.de/7349.html
http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungskriege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen.
http://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/berlin-abc/stichwortehn/603-lessingdenkmal.html.
http://www.medalnet.net/Nichtchristen_Roter_Adler.htm.
http://www.medalnet.net/Militaer_Ehrenzeichen.htm.
http://www.medalnet.net/RAO_Medaille.htm.
http://www.royal.gov.uk/monarchUK/honours/Orderofthegarter/orderofthegarter.aspx.
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Tr%C3%A4ger_des_Hosenbandordens.
https://docupedia.de/zg/Geschichte_der_Gef%C3%BChle.
http://www1.folha.uol.com.br/internacional/en/world/2014/07/1493718-israeli-ambassador-in-brazil-leaves-office-without-receiving-order-of-distinction.shtml.
http://www.deutsche-gesellschaft-fuer-ordenskunde.de/DGOWP/links/dokumente/die-befreiungskriege-im-spiegel-preussischer-auszeichnungen.
http://www.ordensmuseum.de/Ordensstatuten/preusen/hoher-orden-vom-schwarzen-adler.
http://www.napoleon-online.de/armee_nassau_infanterie1815.html.
http://www.bismarck-stiftung.de/index.php/standort-friedrichsruh/forschen-und-entdecken/exponat-des-monats/item/460-dekoration-nr-65-oder-noch-ein-orden-der-k%C3%B6nigliche-hausorden-von-hohenzollern-gro%C3%9Fkomturkreuz-mit-brillanten.
http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0102dokb.htm.
http://www.germantik.de/militarialexikon_html/57er/ordensgesetz/das_deutsche_ordensgesetz_vom_.html.
http://ordensmuseum.de/Ordensjournal/Ordensjournal20Sep10Infl.pdf.
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-12/uli-hoeness-verdienstorden.
http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-18445/bundesverdienstorden-verweigern-zurueckgeben-entziehen_aid_514088.html.
http://wafr.lbmv.de/.
https://www.jurion.de/Urteile/BVerwG/1961-12-03/W-D-24_61.
http://www.army.mil/medalofhonor/process.html.
http://www.kyffhaeuser-kv-lauenburg.de/Ehrensold.pdf.
http://www.bundespraesident.de/DE/Amt-und-Aufgaben/Orden-und-Ehrungen/orden-und-ehrungen-node.html.
http://www.epochtimes.de/Dieter-Hildebrandt-ist-auch-mit-84-kein-bisschen-leise-a727154.html.
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-12/uli-hoeness-verdienstorden.
http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-18445/bundesverdienstorden-verweigern-zurueckgeben-entziehen_aid_514088.html.
http://www.lw-bn-muenden.net/index.php/de/dokumente/veteranen.
http://www.heimatverein-borgloh.de/historie/historie_siedlung_waehrung.php.
http://www.ehrenzeichen-orden.de/deutsche-staaten/schwarzer-adler-orden-ordenskreuz-1888-1918.html
http://www.verfassungen.de/de/de33-45/orden37.htm

Zusammenfassung

Orden und Ehrenzeichen gehörten zur Lebenswirklichkeit der Menschen im 19. Jahrhundert. Sie wiesen ihre Träger als Teilnehmer von Schlachten und Feldzügen aus, als verdiente Staatsdiener, Künstler oder Lebensretter. Tragbare Auszeichnungen waren fest in das Ehrverständnis jener Zeit verankert und förderten dadurch Selbstbewusstsein und Anspruch gleichermaßen. Sie machten darüber hinaus soziale Unterschiede nach außen hin sichtbar und ließen den Beliehenen Aufstiegs- und Karrierechancen erahnen. Doch wie genau war so ein staatliches Auszeichnungssystem aufgebaut und inwiefern profitierte der Souverän von der Vergabe der wertvollen Kleinode? Der Autor beschäftigt sich im vorliegenden Werk umfassend mit den Orden und Ehrenzeichen des Königreichs Hannover, das in über 50 Jahren ein komplexes System an Auszeichnungen hervorbrachte und seine Bürger umfänglich für Loyalität und Anhänglichkeit belohnte. Dabei werden nicht nur soziale, kulturelle und ikonographische Aspekte des Auszeichnungsprozesses beleuchtet, sondern auch die politische Geschichte des Königreichs Hannover und seine Bedeutung im Kontext von Tradition und Erinnerung nach 1866 in besonderem Maße fokussiert.